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​Der Vampir mit der Maske Tony Ballard Nr. 169

©2019 120 Seiten

Zusammenfassung

Tony Ballard ist der Dämonenhasser. Er kämpft gegen die Mächte der Finsternis und begegnet dem Unfassbaren. Vampire, Dämonen, Werwölfe und andere Kreaturen der Schattenwelt sind seine unbarmherzigen Gegner. Erfolgsautor A. F. Morland schuf diese einzigartige Horror-Serie, die jetzt endlich auch im E-Book vorliegt.

Leseprobe

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /COVER MICHAEL SAGENHORN


© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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​Der Vampir mit der Maske Tony Ballard Nr. 169

von A.F.Morland




»Mach mal Licht«, verlangte Jesse Hunley von seinem Beifahrer. Max Burton knipste die Innenleuchte an.

Hunley warf einen Blick auf den Lieferschein. Trevor Place 24, Knightsbridge SW 1, stand auf dem Frachtpapier.

»Das ist dort vorn, das letzte Haus«, sagte Burton, und Hunley ließ den Lastwagen noch 25 Yards weiterrollen.

Es war Abend, und es nieselte. Die Scheibenwischer tickten monoton, auch dann noch, als Hunley den Motor abstellte. »Niemand da«, brummte Max Burton.

»Das wissen wir doch. Der Schlüssel liegt unter der Fußmatte. Du schließt auf, wir tragen die Kiste hinein - und Feierabend. Ich freue mich schon auf ein paar leckere Stouts.«

Burton öffnete den Wagenschlag und sprang auf die Straße. Seit neun Jahren arbeitete er für die Transportfirma.

Aber noch nie hatte er einen Vampir frei Haus geliefert!

Max Burton hob die Schultern, weil er den Hals vor der kalten, unangenehmen Feuchtigkeit schützen wollte. Er trug blaue Latzhosen und ein kariertes Baumwollhemd.

Pfeifend schob er die Hände in die Taschen und begab sich zu dem Haus, in das sie die Kiste tragen sollten, die per Schiff nach London gekommen war.

Burton warf einen Blick über die Schulter zurück. Das Gesicht seines Freundes und Kollegen zerfloß hinter der Windschutzscheibe zu einem bleichen Pfannkuchen.

Der Schlüssel lag tatsächlich unter der Fußmatte. Burton schloß auf, und muffige Luft wehte ihm entgegen. Er kehrte zum Lastwagen zurück und öffnete die Ladetür.

Da stand die große, roh gezimmerte Kiste mit den vielen Aufdrucken und Aufklebern. Pfeile zeigten, wo oben und unten war. »Vorsicht! Glas!« - »Fragile!« - »Nicht stürzen!« - »Handle with care!«…

Burton wandte sich an seinen Kollegen, der neben ihn trat. »Wetten, daß da kein Glas drin ist?«

Hunley zuckte mit den Schultern. »Wenn schon; mir ist egal, was sich in dieser Kiste befindet. Darum habe ich mich noch nie gekümmert. Was glaubst du denn, daß drin ist?«

Burton grinste. »Vielleicht eine Leiche? Hineinpassen würde sie in die Kiste.«

»Und warum kann es nicht einfach Glas sein, wie es auf den Frachtpapieren steht?«

»Weil die Umstände ziemlich mysteriös sind, findest du nicht?« antwortete Max Burton.

»Was ist daran mysteriös, wenn wir eine Kiste in ein Haus tragen sollen?« fragte Hunley nüchtern.

»In ein unbewohntes Haus!« gab Burton zu bedenken.

»Es ist bei weitem nicht das einzige unbewohnte Haus in London. Überall steht ›For sale‹ oder ›To let‹«, sagte Hunley unwillig. »Dieses Haus gehört dem Makler Michael Averback, und es steht deshalb leer, weil er mehrere Häuser besitzt und nicht in allen wohnen kann.«

»Es ist ein totes Haus«, behauptete Max Burton. »Ich hab’s vorhin gerochen, als ich die Tür aufschloß. Ein Haus, das nicht bewohnt wird, stirbt.«

»Von wem hast du denn diesen idiotischen Scheiß?«

»Es ist wahr, Jesse.«

»Na schön, es ist wahr. Wunderbar. Würdest du nun gefälligst die Güte haben und mit anpacken, damit wir diesen Sarg, in dem ein Toter liegt, in dieses tote Haus tragen können?«

»Niemand kümmert sich um das, was wir tun«, sagte Max Burton. »Findest du das nicht sonderbar? Wir könnten die Kiste ebensogut in die Themse werfen. Niemand würde es wissen.«

»Ich bin sicher, Averback kommt morgen vorbei und sieht nach, ob sie da ist. Er vertraut unserer Firma, deshalb werden wir ihn nicht enttäuschen, okay? Und nun beweg dich, sonst krieg ich einen Schreikrampf!«

Sie zogen die Kiste heraus.

»Verdammt schwer, was?« ächzte Burton.

»Wir haben schon Schwereres geschleppt«, gab Hunley zurück.

»Für eine Kiste dieser Größe, meine ich. Selbst auf die Gefahr hin, daß du mich für verrückt hältst, muß ich sagen, daß sie schwerer geworden zu sein scheint.«

»Quatsch, du bist schwächer geworden«, behauptete Hunley.

Sie trugen die schwere Kiste ins Haus.

»Wo stellen wir sie hin?« fragte Burton.

»Ist doch egal«, antwortete Hunley. »Einfach auf den Boden.«

»Hier in der Halle, wo jeder gleich drüberfällt, oder im Salon?«

»Meinetwegen bringen wir sie in den Salon. Mir ist alles recht, wenn ich nur bald genug Feierabend machen kann. Ich habe in diesem Monat schon so viele Überstunden gemacht, wie ein anderer im ganzen Jahr nicht zusammenkriegt.«

»Denkst du, ich nicht? Ich war immer brav an deiner grünen Seite.« Sie betraten den großen, möblierten Salon und hatten den Eindruck, einen Schritt ins vergangene Jahrhundert getan zu haben. Die Möbel wurden heute als teure Antiquitäten gehandelt.

Zugleich bückten sich die beiden Männer und stellten die Kiste auf den dicken, weichen Teppich.

»So«, sagte Jesse Hunley, »das wäre erledigt.« Er legte die Frachtpapiere auf einen kalt glänzenden Marmortisch - während im »Sarg« etwas erwachte!

***

Ich hatte am Vormittag hart trainiert. Zuerst spulte ich 25 Kilometer im Hyde Park herunter - vorbei an Touristen, die Tauben und Eichhörnchen fütterten, und anschließend holte ich zu Hause Shavenaar, das lebende Höllenschwert, aus dem magisch gesicherten Safe, um damit eine halbe Stunde intensiv zu arbeiten.

Damit nicht genug, ging ich mit meiner blonden Freundin Vicky Bonney im Fitneßraum, der sich im Keller meines Hauses befand, auf die Matte und feilte ein paar Ecken von ihrer Nahkampftechnik ab, denn es war wichtig, daß sie sich so wirkungsvoll wie möglich zu verteidigen wußte, wenn sie angegriffen wurde.

Zu rechnen war damit immer, denn wir hatten eine erkleckliche Anzahl von Feinden.

Nach diesem anstrengenden Vormittag war ich für zwei Stunden ausgelaugt. Eine riesige Salatplatte bei Garfunkel’s brachte mich wieder in Form, und ich fühlte mich großartig.

Vergessen waren die Strapazen -sowohl jene, die ich mir heute selbst auferlegt hatte, als auch die, die mir von Rufus, dem Dämon mit den vielen Gesichtern, aufgezwungen worden waren, als er seine Mord-GmbH mit Killer-Zombies gegründet hatte. [1]

Während ich mit Genuß mein Ale trank, sprachen Vicky und ich über den Industriellen Tucker Peckinpah, unseren Freund und meinen Partner, der mich, den Privatdetektiv, auf Dauer engagiert hatte, damit ich mich ohne finanzielle Sorgen dem harten Kampf gegen die vielgestaltigen Ausgeburten der Hölle widmen konnte.

Peckinpah war zusammengeklappt, hatte einen Herzinfarkt hinter sich. Ausgelöst hatten ihn jedoch nicht die vielen Zigarren, die er täglich qualmte, sondern das teuflische Gift einer Medusenschlange, von der er gebissen worden war. [2]

In einem Rehabilitationszentrum hatten sie Peckinpah in erfreulich kurzer Zeit wieder auf die Beine gestellt, und während seines letzten Anrufs hatte er mir versichert, wieder so gut wie neu zu sein.

»Heute wird er entlassen«, sagte ich.

»Wie ich ihn kenne, wird er sich gleich wieder voll in die Arbeit stürzen«, meinte Vicky.

»So ist er nun einmal«, gab ich zurück. »In seinem Alter kannst du ihn nicht mehr ändern. Arbeit gehört zu seinem Leben wie das Schlagen seines wieder klaglos funktionierenden Herzens.«

»Ich freue mich auf den Abend«, sagte Vicky.

Wir wollten den Industriellen mit einer kleinen Wiedersehensfeier überraschen, die in seinem Haus steigen sollte. Auch ich freute mich darauf.

Der Abend sollte mir aber auch noch etwas höchst Unerfreuliches bescheren.

***

Max Burton sah sich suchend um. Jesse Hunley schob die Manschetten seines Hemdes hoch und warf einen Blick auf seine billige Digitaluhr, die so wenig gekostet hatte, daß es sich nicht lohnte, die Batterie zu wechseln, wenn sie leer war.

Dabei hatte das kleine Wunderwerk aus dem fernen Japan fünf Funktionen zu bieten, und beim morgendlichen Wecken spielte es eine kleine Melodie.

»Also dann«, sagte Hunley, »laß uns verschwinden.«

Burton schien ihn nicht zu hören.

»Hey!« rief Hunley ungeduldig. »Hast du was mit den Ohren?«

Burton richtete den Blick auf ihn. »War nicht von ’nem anständigen Trinkgeld die Hede?«

»Ich nehme an, Michael Averback wird es morgen in die Firma bringen.«

»Er kann es hier irgendwo hingelegt haben. Ein schönes, weißes, dickes Kuvert, in dem sich viele nette Pfundnoten befinden.« Burton begab sich zum großen offenen Kamin und suchte auf dem Sims aus schwerem, rissigem Holz.

»Bin gleich wieder da«, sagte Jesse Hunley. Für Geld hatte er immer Zeit. »Ich schließe nur mal schnell die Ladentür, damit sich kein Penner in den Lastwagen legt.«

»Vielleicht finde ich inzwischen die Moneten.«

Hunley hob warnend die Hand. »Es wird ehrlich geteilt, verstanden.«

»Klar doch. Denkst du, ich würde dich übers Ohr hauen? Wofür hältst du mich?«

Hunley verließ den großen Salon und eilte aus dem Haus. Er hatte seinen Freund und Kollegen zum letztenmal lebend gesehen.

***

Ich fuhr an der Paddington Station vorbei, erreichte kurz darauf Little Venice am Grand Union Canal und bog schließlich in die Chichester Road ein.

Merkwürdig; viele Jahre hatte ich hier gelebt und mich wohl gefühlt, doch in letzter Zeit hatte sich ein gewisses Unbehagen eingestellt, dessen Grund ich nicht kannte.

Eine gewisse Abneigung gegen diese Wohngegend war in mir erwacht, ohne daß ich wußte, warum. In meine Gedanken hatte sich der Wunsch eingenistet, von hier fortzugehen, in einen anderen Bezirk überzusiedeln.

Noch hatte ich mit niemandem darüber gesprochen, und vielleicht verschwand der Wunsch auch wieder, denn richtig raus aus meinem Haus wollte ich eigentlich nicht.

Wenn man sich dazu entschließt, in ein anderes Domizil einzuziehen, erkennt man erst, was man all die Jahre gekauft und von überallher zusammengetragen hat. Dann kommt die späte Hache, wenn man alles sorgsam einpacken muß.

Vor meinem Haus standen zwei Autos: Vickys Leihwagen, ein zitronengelber Porsche, und Tucker Peckinpahs silberner Rolls Royce. Cruv, der häßliche Gnom von der Prä-Welt Coor, war mit dieser Luxuskarosse gekommen.

Er und ich hatten beschlossen, Tucker Peckinpah abzuholen, während alle anderen Freunde im Haus des Industriellen auf unser Eintreffen warten würden.

Ich stoppte meinen schwarzen Rover, wir stiegen aus und begaben uns ins Haus. Cruv versuchte sich mit dem wortkargen Boram zu unterhalten, doch der Nessel-Vampir war dafür nicht der geeignete Partner.

Es war schwierig, ein Gespräch mit dem weißen Vampir in Schwung zu bringen und in Gang zu halten, denn er war mit Vorliebe einsilbig.

Deshalb war Cruv erleichtert, als wir den Living-room betraten. Er sprang auf und begrüßte uns herzlich. Unheimlich sympathisch war der Kleine, dem man nicht ansah, daß er im Kampf das Herz eines Löwen hatte.

Er war nur etwa einen Meter groß und trug einen dunklen Maßanzug. Obwohl er nicht alt war, wies sein Gesicht viele schattige Furchen auf.

Er war eben doch kein Mensch, aber er hatte rasch gelernt, verfügte über eine phänomenale Auffassungsgabe. Er hatte lange Zeit auf einer Welt gelebt, wo es noch Saurier, Zauberer und Drachen gab, war zu uns gekommen und konnte heute Autos, Motorboote und Flugzeuge lenken und sogar Computer bedienen.

Ich begab mich zur Hausbar und nahm mir einen kleinen Pernod.

»Wann fahren wir, Tony?« erkundigte sich Cruv.

Ich hob mein Glas. »Sobald ich den getrunken habe.«

***

Max Burton wanderte suchend durch den Salon. Er bildete sich ein, eine Spürnase für Geld zu haben, glaubte, die Scheine riechen zu können.

Zwei Stehlampen hatte er angeknipst, um mehr zu sehen und sich besser zurechtzufinden. Kälte kroch ihm in die Glieder, er fühlte sich unbehaglich allein.

Ein leises Ächzen erschreckte ihn; es hörte sich an, als würde jemand einen Nagel aus einem Stück Holz ziehen. Burton vergaß für einen Moment das Trinkgeld und drehte sich langsam um.

Helle Inseln lagen um die Stehlampe, der Rest des Raumes war schattig und düster. Etwas hatte sich bewegt, und Burton fragte sich, was es gewesen sein mochte.

Ein Windstoß konnte zur Haustür hereingefahren sein und sie weiter aufgedrückt haben. Aber diese Erklärung ließ Burtons Geist nicht gelten.

Die Haustür hätte nicht dieses Geräusch von sich gegeben. Wieder war es zu hören; es ächzte, knarrte und quietschte. Burton bekam eine Gänsehaut.

Argwöhnisch ließ er seinen Blick schweifen. »Wer ist da?« fragte er mit belegter Stimme. »Jesse, bist du das? Ich muß dir sagen, daß ich das überhaupt nicht witzig finde.«

Das Geräusch verstummte, und Burton atmete erleichtert auf, doch diese Erleichterung hielt nur wenige Sekunden an, dann krampfte sich sein Herz wieder zusammen, weil das Ächzen, Knarren und Quietschen wieder anhob.

Burton kniff die Augen zusammen. Er umrundete einen langen Tisch, schlich an vielen Stühlen vorbei und kehrte zur Kiste zurück, weil er das Geräusch dort lokalisiert hatte.

Er schluckte trocken, und sein Adamsapfel hüpfte aufgeregt. In der Kiste schien sich tatsächlich kein Glas zu befinden, sondern etwas, das lebte!

Burtons Blut kühlte ab. Er vermeinte, es eisig durch die Adern fließen zu spüren.

Ein weiterer Tisch verdeckte die Kiste; nach fünf Schritten hatte Burton sie jedoch vor sich und stellte fest, daß sich der Deckel drei Zentimeter gehoben hatte.

Nicht von selbst! Etwas oder jemand drückte von innen mit großer Kraft dagegen. Burton wäre dazu nicht fähig gewesen, obwohl er nicht schwach war.

Was immer sich in dieser Kiste befand, es drückte die Nägel scheinbar mühelos aus dem Holz. Burton stand wie gelähmt da, unfähig, irgend etwas zu tun - zum Beispiel auf die Kiste zu springen und so lange auf dem Deckel herumzuhüpfen, bis er wieder richtig auf der Kiste saß.

Der schwarze Spalt betrug jetzt schon fünf Zentimeter, und die Nägel waren schätzungsweise sieben Zentimeter lang.

Finger schoben sich plötzlich durch den Spalt - lang, knotig, mit spitzen Krallen. Burton wollte schreien oder fliehen, aber er tat nichts, stand nur da und glotzte auf die entsetzliche Hand, die sich um die Kante des Kistendeckels legte.

***

Wir erreichten das Rehabilitationszentrum, wo wir ungeduldig erwartet wurden. Tucker Peckinpah sah so gut aus, daß man meinen konnte, er hätte eine Verjüngungskur hinter sich.

Gesundes Leben, bewußte Ernährung wurden hier großgeschrieben, und man hoffte, daß Peckinpah in dieser Richtung weitermachen würde.

Bei den meisten Patienten verkümmerten die guten Ansätze schon nach kurzer Zeit. Vorsätze wurden vergessen, man geriet mehr und mehr in das alte Fahrwasser zurück - und strebte somit dem nächsten Infarkt entgegen.

Bei Peckinpah lag der Fall ja anders. Ihn hatte kein stressiger Job und keine falsche Ernährung umgeworfen, sondern magisches Gift. Dennoch hatte er sich vorgenommen, seinen Zigarrenkonsum drastisch einzuschränken, was ich nur begrüßen konnte. Schaden würde es ihm mit Sicherheit nicht, wenn er weniger rauchte.

Peckinpah begrüßte uns so herzlich, als wären wir seine Befreier. Nachdem er sich vom Personal verabschiedet hatte, sagte er zu mir: »Es war zwar sehr nett hier, aber trotzdem: Nichts wie weg! Bringen Sie mich nach Hause, Tony.«

Ich griff nach seinen Koffern und trug sie zum Wagen.

Es begann zu nieseln. Cruv setzte sich hinter das Steuer. Es war mir nach wie vor ein Rätsel, wie der Knirps es schaffte, mit seinen kurzen Beinen sitzend die Pedale zu erreichen, aber irgendwie gelang es ihm. Es mußte ein ganz raffinierter Trick dabeisein.

Ich setzte mich neben den Industriellen. Cruv fuhr los und kippte den Intervallschalter, denn es legte sich nicht genügend Wasser auf das Glas, daß die Scheibenwischer ständig arbeiten mußten.

Peckinpah wandte sich mir zu. »Nun, Tony, erzählen Sie mir, was Sie in letzter Zeit so getrieben haben.«

***

Fassungslos schüttelte Max Burton den Kopf. In der Kiste lag ein Mensch! Burton hatte von einer Leiche gesprochen, ohne es eigentlich richtig ernst zu meinen.

Aber nun stellte sich heraus, daß sich in der Kiste tatsächlich jemand befand, jemand, der lebte, der sich die ganze Zeit tot gestellt hatte und der jetzt nicht länger in der Kiste bleiben wollte.

Ein Mann mit unglaublichen. Kräften. Ob Michael Averback wußte, was ihm ins Haus geliefert wurde? Entsetzt stellte Burton fest, daß ihn diese verfluchte Kiste irgendwie magisch anzog.

Anstatt zurückzuweichen, näherte er sich ihr mit kleinen, zaghaften, eigentlich widerwillig gesetzten Schritten. Er konnte nicht stehenbleiben, obwohl er Angst hatte.

Die Neugier war stärker. Sie lockte ihn ins Verderben! Jäh endete das Geräusch, das Burton durch Mark und Bein gegangen war. Kein Nagel hielt den Deckel mehr fest.

Der Mann in der Kiste warf ihn ab, die Hände verschwanden, während der Deckel neben der Kiste auf den Boden polterte; die Spitzen der Nägel wiesen nach oben.

Burtons Herz trommelte aufgeregt gegen die Rippen. Obwohl die Kiste jetzt offen war, konnte Burton niemanden sehen. Der Schatten lag wie ein großer schwarzer Ziegel in der Kiste, und unter ihm lag der geheimnisvolle Unbekannte, So kam es Max Burton vor.

Wenn er in die Kiste sehen wollte, mußte er noch ein Stück näher herangehen. Sein derzeitiger Blickwinkel ließ das noch nicht zu. Er leckte sich nervös die Lippen.

»He!« krächzte er. »Sie!« Er meinte den Mann in der Kiste, doch der reagierte nicht, tat so, als wäre er nicht mehr da. »Wer sind Sie?« fragte Burton mühsam. Jedes Wort schien spitze Widerhaken zu haben und nicht aus seiner Kehle herauszuwollen.

Etwas zwang ihn, auch die restlichen Schritte zu tun - und dann stand er so nahe an der Kiste, daß er sie mit den Schuhspitzen berührte.

Jetzt sah er hinein, und es war immer noch vorwiegend Schwärze, die er sah, mit einem hellen Fleck, ungefähr dort, wo sich der Kopf befinden mußte, aber nicht groß genug, um ein Gesicht zu sein.

Burton wußte nicht, warum, aber es ärgerte ihn, daß er den Mann immer noch nicht sah, deshalb beugte er sich zu ihm hinunter.

Im selben Augenblick schoß ihm die Krallenhand entgegen.

***

Der Rolls Royce bog in Tucker Peckinpahs Anwesen ein, und ich sah ein glückliches Leuchten in den Augen des reichen Industriellen.

»Wieder daheim«, sagte er ergriffen. »Ich bin noch nie so gern nach Hause gekommen. Normalerweise bin ich ein Zugvogel und fühle mich überall auf der Welt wohl. Manchmal fahre ich sogar ein wenig ungern nach Hause, aber diesmal liegt der Fall anders. Als ich von hier fortgebracht wurde, hing mein Leben an einem sehr dünnen Faden, und es schien, als würde ich nie mehr hierher zurückkehren. Um so mehr freut es mich, wieder hier zu sein.«

Cruv hielt den Rolls an, und wir stiegen aus. Im Haus erwartete den Industriellen dann eine freudige Überraschung. Viele von denen, die ihn mochten, waren gekommen, um ihn in seinem festlich geschmückten Heim willkommen zu heißen - Vicky Bonney, Boram, Roxane, Mr. Silver, Lance Selby, die Mitglieder des »Weißen Kreises«, Rechtsanwalt Dean McLaglen und noch viele andere.

Ehrliche Ergriffenheit befand sich in seinen Zügen. Es war eines der wenigen Male, wo ich Tränen in seinen Augen glänzen sah. Er schüttelte jedem einzelnen dankbar die Hand.

Nur Boram nicht, denn ein Kontakt mit dem Nessel-Vampir war schmerzhaft und kostete obendrein Energie, die man an ihn verlor.

»Danke!« sagte Tucker Peckinpah bewegt. »Ich danke euch allen, meine Freunde!«

***

Jesse Hunley betrat das Haus wieder. »Na, Max, hast du die Mäuse gefunden?«

Max antwortete nicht. Hunley begab sich in den Salon.

»Max?«

Hunleys Stimme hallte unheimlich durch das Haus. Er fing an sich zu ärgern. Wenn jetzt Max mit einem kindischen Versteckspiel begann, würde er das Haus verlassen, in den Lastwagen steigen und ohne ihn abfahren, dann konnte Max Burton mit der U-Bahn die Heimreise antreten.

»Verdammt noch mal, Max, was soll der Blödsinn? Wie alt bist du eigentlich, he?«

Im nächsten Moment fiel ihm die offene Kiste auf.

Er kratzte sich am Kopf. »Ach du Scheiße, Max, du hast wirklich nicht alle Latten am Zaun. Du kannst doch nicht einfach die Kiste aufmachen. Das bringt uns eine Menge Ärger ein. Du mit deiner gottverdammten Neugier…«

Er lief zur Kiste und schaute hinein.

»Leer!« stellte er verdattert fest.

Was mochte sich darin befunden haben? War Max so verrückt gewesen, die Kiste auszuräumen?

»Max, komm sofort her und bring mit, was du aus der Kiste geholt hast!« rief Hunley zornig.

Der Holzboden ächzte in einem benachbarten Raum. Die Tür, durch die man ihn betreten konnte, war offen. Hunley konnte sich nicht erinnern, ob sie das vorhin auch schon gewesen war.

Unmöglich, daß ihn Max nicht rufen gehört hatte, trotzdem erschien er nicht. Hunley hätte das Haus wirklich verlassen, um ohne den Kollegen abzufahren, wenn die Kiste nicht aufgebrochen und leer gewesen wäre.

Er fühlte sich für das Transportgut verantwortlich, und Max würde jetzt gleich einiges zu hören bekommen.

»Wo steckst du, du selten dämlicher Hund?« rief Jesse Hunley aggressiv.

An und für sich arbeitete er gern mit Max zusammen, denn zumeist war der Freund angenehm arbeitswillig und hilfsbereit. Sie hatten sich bisher stets gut verstanden, aber was sich Max heute geleistet hatte, konnte Hunley nicht tolerieren.

Eine Kiste aufzubrechen war in Hunleys Augen keine läßliche Sünde, sondern ein richtiges Verbrechen, mit dem er nichts zu tun haben wollte.

Ich möchte wissen, was in dich gefahren ist! dachte er grimmig, während er sich zu der offenen Tür begab. Auf dem Weg dorthin fielen ihm dunkelrote Tropfen auf.

Blut!

Sein Freund hatte sich allem Anschein nach verletzt. Hunley hatte kein Mitleid. Recht geschieht dir! dachte er.

Er erreichte die Tür. Der Raum, in den er blickte, war ebenfalls komplett eingerichtet, und an einem Wandhaken (der eigentlich ein schweres Ölgemälde halten sollte) hing Max Burton.

Seine Füße berührten den Boden nicht.

***

Ich erwähnte Tucker Peckinpah gegenüber, daß ich an einen Tapetenwechsel dachte. Obwohl wir von Freunden umgeben waren, spielte sich das Gespräch unter vier Augen ab.

Der Industrielle bot mir sofort eines seiner Häuser an, doch ich erwiderte lächelnd. »Das geht mir zu schnell, Partner. Außerdem würde ich mir mein neues Zuhause gern selbst aussuchen.«

»Das können Sie doch. Sie bekommen alle Schlüssel und die Adressen und sehen sich die Häuser in aller Ruhe an.«

»Zunächst muß ich noch klären, ob Vicky nichts gegen, einen Umzug hat.«

»Vicky gefällt es dort, wo Sie sind.«

»Und ich muß auch auf Roxane, Mr. Silver und Boram Rücksicht nehmen, die bei mir wohnen.«

Vicky kam mit einem Glas in der Hand auf uns zu. »Wir reden ein andermal darüber, okay?« sagte ich schnell. »Und ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie Vicky gegenüber nichts von meiner Absicht erwähnten. Sie soll es von mir erfahren, und ich möchte den günstigsten Zeitpunkt abwarten.«

»Ich werde schweigen«, versprach Peckinpah, und ich wußte, daß ich mich darauf verlassen konnte.

Durch das Gemurmel schwang das Läuten des Telefons, und Cruv entfernte sich. Kurz darauf holte er Tucker Peckinpah an den Apparat. Ein Gespräch aus Übersee.

Unser Freund, der CIA-Agent Noel Bannister, rief an, um Peckinpah zur »Wiedergeburt« zu gratulieren. Und kurz darauf meldete sich auch noch Vladek Rodensky aus Wien mit Glückwünschen.

»Schön, zu sehen, wie einen die Freunde lieben, nicht wahr?« sagte ich lächelnd, als Tucker Peckinpah zurückkam.

»Nicht aller Reichtum dieser Welt könnte diese Freundschaften aufwiegen«, gab der Industrielle glücklich zurück.

***

Wer hat das getan? schrie es in Jesse Hunley. Wie vom Donner gerührt stand er da und konnte nicht begreifen, was er sah. Hatten sie ein Ungeheuer transportiert? Hatte Max es befreit, indem er die Kiste aufbrach?

Irgendwo in der Dunkelheit zwischen den zugezogenen Übergardinen bewegte sich etwas. Das Ungeheuer! Max Burtons Mörder! Hunley zuckte wie unter einem Stromstoß zusammen.

»Wer… wer ist da?« krächzte er.

Schritte!

Hunleys Herzschlag setzte einen Augenblick aus, und er preßte die Lippen fest zusammen, als wollte er verhindern, daß er wie am Spieß losbrüllte.

Dunkles bewegte sich in der Dunkelheit, mit festen, bestimmten

Schritten. Sie allein versetzten Jesse Hunley schon in panische Angst. Ein Zittern, das sich nicht abstellen und schon gar nicht kontrollieren ließ, durchlief seinen kräftigen Körper.

Er war muskulös und konnte die schwersten Lasten tragen, und es gab niemanden, den er fürchtete. Jedenfalls war das bisher so gewesen, doch nun war Max Burton tot, hing an diesem Bilderhaken an der Wand und sein grausamer Mörder kam auf Hunley zu.

Er wollte fliehen, doch eine unerklärliche Kraft hielt ihn fest. Er vermeinte in der Finsternis ein böses Augenpaar glänzen zu sehen, von dem offenbar eine hypnotische Kraft ausging.

Deshalb konnte sich Hunley nicht von der Stelle rühren. Das Licht, das sich, vom Salon kommend, an Hunley vorbeistahl, erreichte die schwarze Gestalt noch nicht, aber Jesse Hunley nahm die Bewegungen immer deutlicher wahr.

Der Tod, in Schwarz gekleidet! durchfuhr es Hunley. Ich bin ihm ausgeliefert. Er wird auch mich umbringen.

Die Schwärze bekam Konturen. Hunley strengte seine Augen an. Er glaubte, einen großen Mann vor sich zu haben, und wenn er sich nicht irrte, trug dieser Mann einen schwarzen, capeähnlichen, ziemlich weiten Umhang.

So etwas hatte man im Mittelalter getragen; so lief heute keiner mehr herum. Mehr und mehr schälte sich der Schreckliche aus der Finsternis.

Hochgewachsen und aufrecht blieb er schließlich stehen. Eine Armlänge trennte ihn nur von Jesse Hunley, für den diese Situation der schrecklichste Alptraum seines Lebens war.

Wann werde ich aufwachen und sehen, daß alles in Ordnung ist? fragte sich Hunley bebend. Daß Max lebt, daß wir die Kiste abgeliefert haben, daß ich längst zu Hause bin und in meinem Bett liege…

»Wer sind Sie?« kam es dünn über Hunleys blutleere Lippen.

»Mein Name ist Stacc Le Var«, antwortete der andere mit kräftiger Stimme. »Ich wohne in diesem Haus.«

»Ich… ich dachte, es stünde leer.«

»Ein Irrtum«, erwiderte der andere mit einem kalten Lächeln. Sein Kopf war umgeben von dichtem, langem, dunklem Haar.

Hunley glaubte, daß der Mann alt war, aber viel konnte er von seinem Gesicht nicht erkennen, denn die obere Hälfte schien von einer schwarzen Maske verdeckt zu sein.

Aus welchem Grund lief Stacc LeVar in seinem Haus maskiert herum? Dafür gab es nur eine einzige Erklärung: Er war geisteskrank! Und Max war diesem Wahnsinnigen in die Hände gefallen! Entsetzlich.

»Ich dachte, dieses Haus gehört dem Makler Michael Averback«, sagte Hunley.

»Es ist mein Haus!« erwiderte Stacc LeVar so hart, daß Hunley zusammenzuckte.

»Seit wann?« wagte er zu fragen.

»Seit heute abend.«

»Dann… dann waren Sie in der Kiste«, stammelte Hunley.

Alles war so irrsinnig. Er stand hier und redete mit diesem Ungeheuer in Menschengestalt, anstatt die Flucht zu ergreifen und diesem Verrückten die Polizei an den Hals zu hetzen.

Und er redete mit dieser Bestie so, als hätte sie Max Burton nicht ermordet. Esmußte ein furchtbarer Traum sein. In Wirklichkeit reagierte man ja ganz anders.

»Warum… haben Sie… meinen Kollegen…«

Stacc LeVar grinste eisig, und Hunley glaubte zu sehen, daß LeVars Eckzähne wuchsen.

»Jeder, der seinen Fuß in dieses Haus setzt, ist des Todes«, entgegnete LeVar. »Auch du!«

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (ePUB)
9783738927412
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (April)
Schlagworte
vampir maske tony ballard
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