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Thomas West Arztroman - Hoffnung ist stärker als der Tod

2019 150 Seiten

Zusammenfassung

Hoffnung ist stärker als der Tod

Ärztin Alexandra Heinze

Arztroman von Thomas West

Der Umfang dieses Buchs entspricht 150 Taschenbuchseiten.

Auf dem Weg nach Mannheim erfährt Felix Söhnker von dem Verhältnis seiner Frau. Es kommt zum Streit, und auf der regennassen Straße verliert Edith die Gewalt über den Wagen. Im Krankenhaus kommen die beiden wieder zu sich. Während Edith mit ihren schweren Verletzungen hadert, wird Felix von Schwester Marianne betreut, die selbst noch nicht über den Tod ihres Verlobten hinweggekommen ist.

Leseprobe

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Hoffnung ist stärker als der Tod

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Ärztin Alexandra Heinze

Arztroman von Thomas West

Der Umfang dieses Buchs entspricht 150 Taschenbuchseiten.

Auf dem Weg nach Mannheim erfährt Felix Söhnker von dem Verhältnis seiner Frau. Es kommt zum Streit, und auf der regennassen Straße verliert Edith die Gewalt über den Wagen. Im Krankenhaus kommen die beiden wieder zu sich. Während Edith mit ihren schweren Verletzungen hadert, wird Felix von Schwester Marianne betreut, die selbst noch nicht über den Tod ihres Verlobten hinweggekommen ist.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Es war immer das gleiche Bild: Der Rettungswagen mit blinkenden Blaulichtern mitten auf der Kreuzung, die den Verkehr umleitenden Polizisten, die Harley Davidson, nur halb zu sehen unter dem zertrümmerten Kühlergrill des LKW, daneben am Straßenrand der leblose, in Ledermontur gehüllte Körper, die drei weißgekleideten Gestalten, die um ihn knieten und sich hektisch an ihm zu schaffen machten, das blonde, blutverschmierte Langhaar auf dem Asphalt.

Und dann der Augenblick, den sie wohl ihr Leben lang nicht mehr vergessen würde: Eine der weißgekleideten Gestalten erhob sich und kam langsam mit hängenden Schultern auf sie zu, Alexandra Heinze, die Notärztin.

„Schwester Marianne“, presste sie mit belegter Stimme hervor, „Sie müssen jetzt ganz stark sein.“ Ein feuchter Schleier lag auf ihren graugrünen Augen. „Michael ist tot.“

Und dann zerbrach das Bild in tausend schmerzende Scherben. Und immer wachte sie mit dem Gefühl auf, als würden diese Scherben ihre Brust ausfüllen, sodass sie kaum zu atmen wagte.

Marianne Debras konnte nicht sagen, wie oft sie in dieser Nacht mit jenem Bild aufgewacht war. Ihre nackten Füße tasteten nach den Pantoffeln.

Sie griff nach dem kleinen Tablettenröhrchen auf dem Nachttisch. Mit der zitternden rechten Hand schüttelte sie das Röhrchen, bis zwei Tabletten in ihre linke Hand fielen. Sie stellte das Tablettenröhrchen zurück auf den Nachttisch, steckte sich die Tabletten in den trockenen Mund und spülte sie mit einem Schluck aus der Wasserflasche herunter.

Seufzend stand sie vom Bett auf und zog ihr schweißnasses Nachthemd aus. So heftig wie heute Nacht hatte sie der Albtraum lange nicht mehr gequält.

Doch sie kam nicht mehr dazu, über den Grund nachzudenken. Ihr Blick fiel auf den Wecker: 6.02 Uhr! Vor zwei Minuten hatte ihr Dienst begonnen!

Einen Augenblick kämpfte Schwester Marianne mit der Versuchung, auf der Intensivstation anzurufen, um sich krank zu melden. Doch der Gedanke an die fast voll belegte Station und vor allem an den frisch operierten Beatmungspatienten in der chirurgischen Einheit ließ ihr Pflichtgefühl die Oberhand gewinnen.

Sie war immerhin stellvertretende Stationsschwester. Sie hatte die Verantwortung für die Frühschicht. Sie hatte den Patienten gestern übernommen.

Auf keinen Fall durfte sie bei der Visite fehlen. Zumal der Oberarzt der Chirurgie seit einigen Wochen ein kritisches Auge auf sie hatte. Mit Dr. Höper war nicht zu spaßen.

Sie griff nach dem Hörer und wählte die Nummer, die ihr auch im Schlaf einfallen würde. Ihr Kollege Bert war am Apparat. „Hier Schwester Marianne, ich komme in zehn Minuten. Ich habe verschlafen.“

Duschen, Anziehen, noch schnell eine Tablette. Einmal mit der Bürste durch das kurzgeschnittene, schwarze Haar. Dann der Weg durch den Park vom Schwesternwohnheim in das Marien-Krankenhaus.

Es war noch dunkel, und es regnete in Strömen. Auf der Station, kurz vor dem Betreten des Personalraums, schnell ein Blick in die chirurgische Einheit. Dr. Höper studierte schon die Laborbefunde! Die Visite würde jeden Augenblick beginnen!

Beim Umziehen im Personalraum fiel Schwester Mariannes Blick auf den Kalender über dem Tisch mit der Kaffeemaschine. 11. November!

Ein kalter Schauer ließ ihren ganzen Körper erstarren. Deshalb waren die Albträume heute Nacht wieder so heftig gewesen. Auf den Tag genau vor einem Jahr war Michael tödlich verunglückt!

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Als Schwester Marianne das Zimmer mit dem frisch operierten Beatmungspatienten betrat, hatte die Visite bereits begonnen. „Schön, dass Sie auch schon kommen, Schwester Marianne!“ Dr. Höpers Stimme klang kalt und gefährlich leise.

„Sie werden hoffentlich nicht böse sein, wenn wir schon mal angefangen haben!“ Spöttisch musterten seine blauen Augen Mariannes kleine, hagere Gestalt. Etwas verlegen stand sie im Türrahmen und mühte sich nervös mit dem obersten Knopf ihrer blauen Schutzkleidung ab.

„Guten Morgen, Schwester Marianne“, grüßte Dr. Lars Remmers, chirurgischer Stationsarzt der Intensivstation. Er versuchte seiner Stimme einen lockeren Unterton zu geben, um die angespannte Situation zu entkrampfen.

Die Assistenzärztin, Dr. Karin Döring, zog die Augenbrauen zusammen. Ihre Mimik zeigte eine Mischung aus Besorgnis und Missbilligung. Unwillkürlich fühlte sich Marianne an die gestrige Visite erinnert, bei der die Ärztin ihr einen Fehler vorgehalten hatte: Der Herzpatient aus Bett zwei bekam immer noch ein bereits seit drei Tagen abgesetztes Medikament.

Die Krankenschwester trat zum Kopfende des Bettes neben das Beatmungsgerät und nahm die Patienten-Verlaufskurve entgegen, die Bert ihr reichte. Auf dem Gesicht ihres Kollegen lag ein Ausdruck, als wollte er sie fragen, wann sie mal wieder pünktlich zum Dienst kommen würde.

„Wir überlegen gerade, ob wir Herrn Simons heute Mittag vom Beatmungsgerät nehmen“, sagte Dr. Remmers, immer noch an Marianne gewandt, „die Spontanatmung während der Nacht brachte ganz erfreuliche Sauerstoffwerte.“

Marianne nickte und warf dem Stationsarzt einen dankbaren Blick zu. Es war nicht das erste Mal, dass er ihr in einer peinlichen Situation beistand.

Während die Ärzte die Laborwerte des Frischoperierten diskutierten, versuchte Marianne sich einen Überblick über den nächtlichen Verlauf zu verschaffen.

Herr Simons hatte eine Rektumresektion hinter sich. Durch einen großen, bösartigen Tumor des Dickdarms war dieser schwerwiegende Eingriff nötig geworden. Über neun Stunden hatte die Totaloperation des Enddarmes gedauert. Vergeblich hatten Dr. Höper und sein Operationsteam versucht, dem Zweiundfünfzigjährigen einen Anus praeter zu ersparen.

Für einen Augenblick vergaß Schwester Marianne ihre Kopfschmerzen, den Kloß im Hals und das wunde Gefühl in ihrer Brust.

Mitfühlend betrachtete sie den bewusstlosen Patienten. Ein grünlich schimmernder Schlauch ragte aus seinem Mund, die daran angeschlossenen Spiralschläuche des Beatmungsgerätes lagen auf seiner Brust, die sich synchron zum rhythmischen Zischen des Beatmungsgeräts hob und senkte.

Die junge Krankenschwester seufzte. Der Mann tat ihr leid. Nun würde er doch lernen müssen, mit einem künstlichen Darmausgang zu leben.

Der Verlaufskurve entnahm Marianne, dass Herrn Simons Zustand sich während der Nacht stabilisiert hatte. Temperaturwerte, Blutdruck, Puls und Venendruck hielten sich im Normbereich. Die Flüssigkeitsbilanz war ausgeglichen. Der Mann schien ein gesundes Herz zu haben. Allerdings hatte er seit gestern Nachmittag drei Blutkonserven benötigt. Marianne erschrak. Eine Ahnung sagte ihr, dass irgendetwas nicht stimmte.

„Die Blutwerte sind ja gar nicht so schlecht.“ Dr. Höper sah vom Kurvenblatt mit den Laborwerten auf und musterte das bleiche Gesicht des Patienten. „Nur die Gerinnungswerte gefallen mir nicht.“

Der Oberarzt beugte sich herab und betrachtete die vier, an der Bettkante hängenden Vakuumflaschen. Sie waren gefüllt mit dem Blut, das seit dem Eingriff in die große Operationswunde nachgeblutet war. „Hat kräftig Saft gelassen, was?“

„Ja, er hat viel Blut verloren“, bestätigte Lars Remmers. Der Stationsarzt hatte seine eigene Art, dem Oberarzt der Chirurgie zu zeigen, wie wenig er dessen Redensarten schätzte.

„Wie viel Blutkonserven hat er während der Operation bekommen?“, wandte sich Dr. Höper an Schwester Marianne. „Drei“, antwortete sie. Ihr Mund war trocken. Die Ahnung begann sich zur beängstigenden Gewissheit zu verdichten.

„Und der letzte Hb-Wert?“

„Vier Komma acht“, sagte Dr. Döring, „erst zwei Stunden alt.“

„Gut“, der Oberarzt richtete sich auf, „dann geben Sie ihm im Verlauf des Vormittags die anderen drei Konserven, Schwester Marianne. Danach können Sie ihn langsam vom Beatmungsgerät entwöhnen.“

„Die drei anderen Konserven?“ Mariannes Stimme klang heiser. In ihrem schmerzenden Kopf vermischten sich das blasende Geräusch des Beatmungsgeräts, die Anweisung des Oberarztes, das Piepsen des Monitors und die Erinnerung an die Albträume dieser Nacht zu einem grellen Chaos.

Mühsam versuchte sie, sich auf die Verlaufskurve in ihrer Hand zu konzentrieren. Ihr Blick verkrallte sich am Tagesdatum: >11. 11.<. Heute war der elfte November. Heute war Michaels Todestag!

„Ja!“, bellte Dr. Höper ungeduldig. „Es sind doch sechs Konserven ausgekreuzt!“

Neben dem magischen Datum stand es in roter Schrift: Nach Anordnung von Dr. Höper drei weitere Blutkonserven bestellt. Ma. Ihr Namenskürzel.

Sie hatte das Kurvenblatt gestern Abend angelegt. Sie hatte die Anordnung des Oberarztes entgegengenommen. Und sie hatte vergessen, den Auftrag an das Labor weiterzuleiten!

„Es tut mir leid, Herr Dr. Höper ...“, stammelte Marianne. Nicht nur dem kalten Blick des Oberarztes begegnete sie, alle starrten sie vorwurfsvoll an. Eine unerträgliche Beklemmung erfüllte das Krankenzimmer. Dr. Remmers wandte sich resigniert dem Beatmungsgerät zu.

„Soll das heißen, dass für diesen Patienten kein weiteres Blut bestellt wurde?“, stieß Dr. Höper scharf hervor. Er straffte seinen sportlichen Körper und stemmte die Fäuste in seine Hüften. „Soll das heißen, dass Sie meine Anordnung nicht ausgeführt haben, Schwester Marianne?“ Seine Stimme wurde bedrohlich laut.

Marianne senkte den Kopf. Ihre Schläfen hämmerten. Wieder spürte sie die zahllosen Scherben in ihrer Brust.

„Von einer leitenden Schwester erwarte ich eine fehlerlose Betreuung meiner Frischoperierten!“ Dr. Höper schrie jetzt ungeniert drauflos. „Sie aber schaffen es nicht einmal, pünktlich zur Visite zu erscheinen!“

Er tat einen energischen Schritt auf Marianne zu. Es konnte ihm einfach nicht entgehen, wie sich ihre Augen langsam mit Tränen füllten. Dennoch beherrschte sich der Oberarzt nicht. Er schrie sogar noch lauter. „Was Sie in den letzten Monaten an Leistung bieten, ist unter aller Sau! Auf jede Schwesternschülerin im ersten Jahr kann man sich mehr verlassen!“

„Ich bitte Sie, Herr Kollege!“, platzte Lars Remmers heraus. In diesem Moment drehte sich Marianne um und stürzte schluchzend zur Tür hinaus.

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Felix Söhnker ging ans Fenster seiner Kölner Villa, als müsste er den strömenden Regen mit eigenen Augen sehen, um dem Wetterbericht glauben zu können.

„Wir hätten doch mit dem Zug fahren sollen“, brummte er missmutig. Die Aussicht, bei diesem Wetter drei Stunden oder länger auf der Autobahn unterwegs zu sein, dämpfte seine Laune beträchtlich.

„An einem Freitag im Intercity nach Mannheim fahren!“, rief seine Frau aus. „Das sähe dir ähnlich!“ Edith Söhnker saß noch am Frühstückstisch. „Du weißt doch genau, wie sehr ich überfüllte Züge hasse!“

Felix zog es vor zu schweigen. In den letzten Jahren hatten weit geringere Anlässe als dieser zu aggressiven Auseinandersetzungen zwischen Edith und ihm geführt.

Und nach dem heftigen Streit gestern Abend wollte er einen erneuten Zusammenstoß vermeiden. Obwohl er der Realität nicht länger ausweichen konnte: Heute Nacht war zum ersten Mal das Wort gefallen, das sie beide bisher sorgsam vermieden hatten, obwohl es jeder von ihnen dachte – Scheidung!

Er hatte es ausgesprochen. Ediths Reaktion blieb erstaunlich sachlich. Sie war verstummt. Kein Schreien mehr, keine Vorwürfe, schweigend hatte sie ihn mit ihren braunen Augen angeschaut.

Und ihr Gesicht erschien ihm nicht wie das Gesicht der Frau, die er vor dreizehn Jahren geheiratet hatte, sondern wie das Gesicht einer Fremden.

Dann hatte sie langsam genickt: „Gut, Felix. Vielleicht ist es tatsächlich das Beste für uns beide.“

Er wandte sich von der regennassen Fensterscheibe ab und ging zu Edith an den Tisch. Während er sich noch eine Tasse Kaffee einschenkte, fragte er, ohne sie dabei anzuschauen: „Willst du überhaupt noch mitfahren?“

„Wenn es nur um deine Vorstellung ginge, würde ich liebend gerne hier bleiben. Dein exaltierter Theaterhaufen interessiert mich schon lange nicht mehr!“

Sie stand auf, um ins Bad zu gehen. „Die Welt durch Kunst zu verändern, das überlasse ich weiterhin dir!“ An der Tür drehte sie sich noch einmal zu ihm um. „Vielleicht ist es dir entgangen, dass meine Studienkollegin Laura ihren vierzigsten Geburtstag feiert. Darum fahre ich nach Mannheim. Nicht deinetwegen!“ Sie ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen.

Felix Söhnker stützte seufzend seinen Kopf in die großen Hände. Eine Locke seines blonden, langen Haares fiel ihm in sein schmales Gesicht. Heute morgen sah man diesem Gesicht seine achtunddreißig Jahre an.

Edith hatte seinen Beruf von Anfang an mit Argwohn betrachtet. Für ihren Geschmack hatte er schon immer zu leidenschaftlich am Theater gehangen. Als sie sich kennenlernten, war sie noch fasziniert gewesen von dem künstlerischen Milieu, in dem er sich bewegte.

Er seinerseits hatte ihre nüchterne Art, die Welt zu sehen, geschätzt und sie in ihrem Beruf als Mathematiklehrerin bewundert.

Felix stieß ein bitteres Lachen aus und erhob sich. „Gegensätze ziehen sich an.“ Hatte das nicht irgendjemand auf eine Hochzeitskarte geschrieben? Damals, vor dreizehn Jahren?

Im Laufe ihrer Ehe hatte sich ihre Gegensätzlichkeit zu einer trennenden Mauer aufgeschichtet. Zu einer Mauer, die zwei Menschen voneinander trennte, die nur noch eines gemeinsam hatten: Das Gefühl gegenseitiger Fremdheit.

Seitdem Felix eine Festanstellung als Theaterregisseur erhalten hatte, war er zeitlich so beansprucht, dass sich ihre Wege auch äußerlich mehr und mehr getrennt hatten.

Heute Abend würde sein Ensemble ein Gastspiel am Mannheimer Nationaltheater geben. Seine Inszenierung des Stückes hatte in der Presse ein breites Echo gefunden. Mannheim würde nicht die einzige Stadt bleiben, aus der eine Einladung zu erwarten war.

Ein halbe Stunde später fuhr Edith den Wagen aus der Garage. Der Morgen graute bereits.

Felix stand mit dem Schirm neben der Hofeinfahrt. Als er den großen, roten Honda auf sich zurollen sah, beschlich ihn eine unbestimmte Wehmut. Er ließ seinen Blick über die Villa, den Garten und die Terrasse wandern. Gemeinsam hatten sie sich das aufgebaut.

Ein Hupen riss ihn aus seinen Gedanken. Er öffnete die Beifahrertür. „Worauf wartest du noch“, sagte sie ungeduldig, „es ist bereits halb sieben.“

„Soll ich nicht fahren?“, fragte er, bevor er einstieg.

Sie schüttelte energisch den Kopf. „Ich möchte das Steuer heute gern selbst in der Hand halten“, sagte sie und ließ den Wagen auf die Straße rollen. „Nach unserem Gespräch heute Nacht könnte das ja unsere letzte gemeinsame Fahrt sein.“

Noch ahnten beide nicht, wie recht sie damit behalten sollte.

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Guten Morgen, Frau Kollegin.“ Dr. Clemens Stellmacher stand bereits mit Aktentasche und im Mantel an der Tür zum Bereitschaftszimmer des Notarztteams.

„Guten Morgen, Herr Stellmacher“, grüßte Alexandra Heinze zurück und drückte ihrem Kollegen die Hand. „Und? Wie war die Nacht?“

„Todlangweilig. Den Abend mit einer inoffiziellen Pizzafahrt verbracht, danach die halbe Nacht Skat gespielt, dann eine Fehlfahrt und ab ein Uhr geschlafen wie die Murmeltiere.“

Er grinste zu Karl Miller, dem Fahrer seines Notarztteams, hinüber. „Wünsche Ihnen einen ähnlich faulen Tag, Frau Kollegin. Tschüs.“

Zehn Minuten später, kurz nach halb sieben, waren auch die Sanitäter Ewald Zühlke und Jupp Friederichs zum Dienstantritt erschienen. Dr. Heinzes Notarztteam war komplett.

„Ach so“, meinte Karl Miller, bevor er die Tür hinter sich schloss. „Die Betten auf der Intensivstation sind knapp geworden. Schaut lieber nochmal rein da oben. Nicht, dass ihr mit einem Notfall auf der Matte steht, und die haben gar keinen Platz.“

„Mach ich am besten sofort“, meinte Jupp Friederichs und stand auf.

„Einen Augenblick, Herr Friederichs“, hielt ihn Dr. Heinze auf, „würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich das erledige? Ich wollte sowieso auf der Intensivstation vorbeischauen.“

„Aber bitte, Frau Doktor“, mit einer Kavaliersgeste hielt Friederichs der Ärztin die Tür auf.

Während Alexandra Heinze mit dem Fahrstuhl in den zweiten Stock fuhr, fühlte sie einen leichten Druck in der Magengegend. Der Anlass, der sie heute morgen sowieso auf die Intensivstation geführt hätte, war nicht besonders erfreulich.

Als sie während des Frühstücks den Nachrichtensprecher das Datum des heutigen Tages sagen hörte, wusste sie, wen sie im Laufe dieses Vormittages sehen musste: Marianne Debras, die stellvertretende Stationsschwester der Intensivstation.

Genau heute vor einem Jahr war die junge Schwester gemeinsam mit ihrem Freund verunglückt. Auf regennasser Fahrbahn war das Motorrad der beiden ins Schleudern geraten und gegen einen LKW geprallt.

Mariannes Freund war nicht mehr zu retten gewesen. Vor dem Aufprall war die junge Frau in die bepflanzte Straßenböschung geschleudert worden und hatte den Unfall wie durch ein Wunder mit ein paar Prellungen überlebt.

Dr. Heinze versuchte den Schauer abzuschütteln, der sie bei der Erinnerung an diesen tragischen Unglücksfall erfasste. Friederichs hatte damals bereits mit der künstlichen Beatmung begonnen, als Alexandra ihm sagen musste: „Hören Sie auf damit. Der Mann ist nicht mehr zu retten. Genickbruch.“

Die Aufzugtür öffnete sich, und Dr. Heinze ging langsam auf den Eingang der Intensivstation zu. Nie würde sie den Augenblick vergessen, in dem sie Marianne Debras den Tod ihres Freundes mitteilte.

Im Verlauf des zurückliegenden Jahres hatte sie versucht, Marianne in ihrer Trauer zu begleiten. Manches Gespräch hatten sie geführt. Doch Alexandra Heinze erkannte nur zu deutlich, dass die junge Frau den Verlust ihres Partners nicht verkraften konnte.

In letzter Zeit hatten sogar ärztliche Kollegen über die nachlassende Leistungsfähigkeit der Krankenschwester geklagt. Und zwar nicht nur solche, die auf der Intensivstation arbeiteten. Alexandra Heinze dachte an den Oberarzt der Chirurgie, Dr. Höper. Der tat sich immer besonders hervor, wenn es darum ging, seinen Kollegen das Leben schwer zu machen.

Neulich hatte er sich sogar beim Chef, Professor Streithuber, über die stellvertretende Stationsschwester der Intensivstation beklagt.

Mit diesen sorgenvollen Gedanken betrat Alexandra Heinze an diesem Morgen die Intensivstation. Die Uhr über dem Stationsgang zeigte 6.40 Uhr.

Am Ende des Ganges, auf der chirurgischen Einheit öffnete sich eine Tür. Schwester Marianne stürzte heraus, rannte schluchzend den Gang hinunter und verschwand im Personalraum.

Einen Moment nur blieb die Notärztin überrascht stehen. Dann ging sie rasch auf den Personalraum zu. Sie ahnte nichts Gutes.

Schwester Marianne lag schluchzend über den Tisch gebeugt, das Gesicht in ihren Händen vergraben. Ihr Körper bebte wie im Schmerz.

Dieser Anblick übertraf Alexandra Heinzes schlimmste Befürchtungen bei Weitem. Einen Moment blieb sie im Türrahmen stehen. Doch schnell hatte sie sich wieder gefasst und zog die Tür hinter sich zu.

„Schwester Marianne, was ist geschehen?“ Teilnahmsvoll streichelte sie der jungen Frau über das kurzgeschnittene schwarze Haar.

Alexandra Heinze wusste, dass echter Schmerz nicht gleich in Worte zu fassen ist. Schwester Marianne brauchte Zeit. Nach einigen Minuten fand sie die Worte wieder.

Und nicht nur die Enttäuschung über die demütigende Kritik des Oberarztes, sondern die ganze zurückgehaltene Verzweiflung des vergangenen Jahres brach aus ihr heraus.

„Frau Dr. Heinze, es hat keinen Sinn mehr. Ein Mensch, der nur noch Fehler macht, ist in diesem Beruf nicht zu gebrauchen. Ich kann keine Krankenschwester mehr sein! Ich werde kündigen.“

Dr. Alexandra Heinze sah das verhängnisvolle Datum auf dem Kalender. Wie sollte sie der jungen Frau Mut zusprechen?

„Marianne“, ihre Stimme klang sanft und einfühlsam, „dass Sie an einem Tag wie diesem so unglücklich sind, wer wollte das nicht verstehen. Sie haben ein Recht darauf, verzweifelt zu sein, denn Sie haben den Menschen, den Sie liebten, von einer Sekunde auf die andere verloren. Sie müssen Geduld mit sich selbst haben. Gehen Sie jetzt nach Hause. Ich rede mit der Oberschwester. Bleiben Sie aber nicht allein. Gehen Sie zu Ihren Eltern oder zu Ihren Freunden aus der Laienspielgruppe.“

„Theater spiele ich schon seit Michaels Tod nicht mehr.“ Sie richtete sich auf und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.

„Ich habe alle Kontakte abgebrochen, seit ...“ Sie warf einen verzweifelten Blick auf den Kalender. „Seit jenem elften November ...“

„Marianne, hören Sie zu“, die graugrünen Augen der Ärztin ruhten mitfühlend auf der jungen Schwester, „gerade ein Mensch wie Sie, der die bittere Seite des Lebens kennt, kann leidenden Menschen eine wirkliche Hilfe sein.“

Dr. Heinze legte ihre Hand auf Mariannes Schulter. „Geben Sie nicht auf, Marianne, das Marien-Krankenhaus braucht Sie.“

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Hilde Heinze mochte den Monat November nicht. Sie konnte sich an Zeiten in ihrem Leben erinnern, in denen sie zu dieser Jahreszeit regelmäßig in eine tiefe Schwermut gefallen war.

Das hatte sich mit dem Älterwerden zwar gegeben, aber die kahlen Bäume, der laubbedeckte Asphalt und die grauen Nebelschwaden des Novembers hatten für sie immer noch mit Tod und Traurigkeit zu tun.

Heute kam noch der seit Tagen nicht enden wollende Regen hinzu. Trotz ihres humorvollen Naturells beschlich sie wieder eine Spur der alten Wehmut.

„Nicht so schnell, Anuschka, ich bin keine vierzig mehr wie dein Herrchen!“

Die schwarze Dogge war den wesentlich schnelleren Schritt des Sohnes von Hilde Heinze gewöhnt. Doch Dr. Werner Heinze war seit zwei Tagen auf einem Ärztekongress für Kinderheilkunde in Köln.

Normalerweise ließ er sich seine Lieblingsbeschäftigung vor Praxisbeginn von niemandem nehmen. Wenn er aber auf einer seiner Dienstreisen war, übernahm seine Mutter gern den morgendlichen Spaziergang mit dem vierbeinigen Liebling der Familie Heinze.

„Ist ja gut“, beruhigte Hilde Heinze das aufgeregte Tier, „wir sind ja gleich am Waldrand.“

Sie bog aus der Beethovenstraße in einen schmalen Weg, der aus dem Villenviertel heraus in ein Waldstück führte. Dort angekommen löste sie das Hundehalsband von der Leine. „So, Anuschka, jetzt kannst du dich richtig austoben.“

Der Hund stob davon. „Aber lauf nicht so weit weg!“, rief sie ihm hinterher. Das hätte sie dem treuen Tier nicht sagen müssen. Anuschka liebte es zwar, den einen oder anderen Abstecher ins Gebüsch zu unternehmen, entfernte sich aber nie aus der Rufweite ihres Begleiters.

Der Regen prasselte auf den gelben Regenschirm über der alten Dame. Hilde Heinze hatte sich trotz der Verwunderung der Verkäuferin für die knallige Farbe entschieden. Das war ihre Art, den düsteren Novembertagen zu trotzen.

Anuschka war etwa hundert Meter vorausgelaufen. Sie stand jetzt kurz vor der Brücke, die über den kleinen Bach führte. Hilde Heinze sah, dass der Hund neugierig am Bachlauf entlang in den Wald hineinspähte. Seine Ohren waren steil aufgerichtet. Irgendetwas schien seine Aufmerksamkeit zu fesseln. Plötzlich setzte er mit großen Sprüngen in den Wald hinein.

Hilde Heinze beunruhigte das nicht weiter. Anuschka machte öfter mal einen Abstecher in den Wald hinein. Besonders gern tat sie das am Bachufer, weil sich dort ab und zu eine Ratte zeigte.

Ihre Gedanken wanderten zu Werner. Wie ruhig und erfüllt sein Leben verlief, seit er mit Alexandra verheiratet war.

Frau Heinze seufzte. Was für ein Glück doch mit der jungen Ärztin in die schöne Jugendstilvilla eingekehrt war! Wenn sie nur nicht so viel arbeiten würde.

Heute morgen beim Frühstück hatte ihre Schwiegertochter kaum ein Wort mit ihr gesprochen. So sehr war sie mit ihren Gedanken schon bei ihren Patienten in der Marien-Krankenhaus. Wenn Werner in ein paar Tagen von seinem Kongress zurückkehren würde, hatte sie schon eine Überraschung geplant: Ein Schlemmer-Abendessen im Hubertushof.

Ein zärtliches Lächeln huschte über ihr faltiges Gesicht. Hilde Heinze liebte es, ihren Kindern eine Freude zu machen. Insgeheim war sie stolz auf die beiden. Nicht nur ihres beruflichen Erfolges wegen, nein: Weil sie es verstanden hatten, trotz großer, beruflicher Herausforderungen eine glückliche Ehe zu führen. Und dennoch lag ein Schatten über diesem Glück.

Wieder musste Hilde Heinze seufzen. Sie konnte sich nur schwer mit dem Gedanken abfinden, nie ein Enkelkind in ihren Armen zu halten. Seit jener verhängnisvollen Operation vor vielen Jahren ...

Frau Heinze schüttelte die Erinnerung ab. Es war vorbei, und alle hatten sich mit der Realität arrangiert. Und immerhin gab es Anuschka!

Das schwarze Riesentier brauchte mindestens so viel Zuwendung und Zärtlichkeit wie ein Kind. Ach was, wie zwei Kinder! Wieder huschte ein Lächeln über Hilde Heinzes Züge.

„Anuschka!“ Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie den Hund schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen hatte. „Anuschka!“ Normalerweise sprang die Dogge beim Klang ihres Namens sofort herbei.

Unruhe erfasste die alte Dame. „Anuschka!“ Immer wieder und immer lauter rief sie nach dem Hund. Kein freudig erregtes Bellen, kein Tapsen durch Pfützen und Schlamm, kein Rascheln im Unterholz des Waldrandes.

Irgend etwas stimmte nicht. Angst breitete sich in Frau Heinzes Brust aus. Was war mit Anuschka geschehen? Sie klappte den Schirm zu und drang in das Gehölz des Waldes ein.

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Soll ich die Frau auf die Straße setzen? Ist das Ihre Meinung, Herr Kollege?“ Prof. Walter Streithuber runzelte seine buschigen Augenbrauen.

Er wandte den Kopf nach rechts und musterte überrascht das unbewegte Gesicht seines Oberarztes Dr. Höper. Sie standen beide im Waschraum der chirurgischen Operationsabteilung vor den Waschbecken und rieben sich die Hände mit Desinfektionsmittel ein.

In wenigen Minuten, um 7.15 Uhr, würden beide mit ihren Operationen beginnen. Dr. Höper mit einem unklaren Oberbauch, Prof. Streithuber, Chef der Chirurgie, mit einer Hauttransplantation nach schwerer Verbrennung.

Auch Alexandra Heinze befand sich an einem der Waschbecken, um sich die Hände zu desinfizieren. Sie hatte Höpers Operationskandidatin gestern mit dem Notarztwagen eingeliefert. Ein sechzehnjähriges Mädchen mit starken Bauchschmerzen. Das Mädchen hieß Linda und war geistig behindert. Alles sprach für eine Blinddarmentzündung, auch der Oberarzt war von dieser Diagnose überzeugt. Dennoch hegte Alexandra Heinze leise Zweifel an der Richtigkeit der Diagnose. Das Blutbild wollte einfach nicht zu einer Blinddarmentzündung passen. Deswegen wollte sie an der Operation teilnehmen.

„Auf die Straße nicht unbedingt, doch auf der Intensivstation ist sie fehl am Platz.“ Dr. Höper schüttelte das Desinfektionsmittel von seinen leicht gebräunten Händen.

Mit routinierter Geste streifte er sich einen sterilen Handschuh über die Linke. „Suchen wir nicht Personal für die Computer-Tomographie? Da kann man nicht viel falsch machen.“

Prof. Streithuber ließ sich von Alexandra Heinze die sterilen Handschuhe überstreifen. „Sie wissen genau, wie schwer es ist, qualifiziertes Personal für die Intensivstation zu finden. Der menschlichen Belastung, die diese Arbeit mit sich bringt, ist nicht jeder gewachsen, Herr Kollege. Ich war immer froh, Schwester Marianne dort oben zu wissen.“

Unverwandt richtete Dr. Höper seine blauen Augen auf das Gesicht seines Chefs. „Bei allem Respekt vor ihrer Menschenkenntnis, Herr Streithuber, aber Schwester Marianne ist nicht mehr die alte.“

Er hielt die mit den sterilen Handschuhen überzogenen Hände vor sich, als würde es sich um wertvolle Instrumente handeln. Breitbeinig stand er in seinem grünen Kittel vor Alexandra Heinze und seinem Chef. Einen Augenblick schwieg er, um den überraschten Ausdruck in den Augen des Professors auszukosten. Der skeptische Blick seiner Kollegin vom Notarztteam war ihm nicht entgangen.

Er räusperte sich: „Seit einigen Monaten beklagen sich ihre Kollegen über ihre Unpünktlichkeit. Immer wieder macht sie fachliche Fehler. Heute morgen erst hat sie meine Anordnung wegen des frisch operierten Dickdarms nicht ausgeführt. Sie ist schlicht unzuverlässig geworden, und das können wir uns auf so einer sensiblen Abteilung nicht leisten. Mit einem Wort, Schwester Marianne ist untragbar geworden.“

Er warf einen Blick in den OP, in dem die Schwestern mit den Vorbereitungen für die Operation beschäftigt waren. Zwei Pfleger lagerten die junge Patientin auf den OP-Tisch.

Dr. Höper senkte seine Stimme: „Übrigens munkelt man, dass Schwester Marianne tablettensüchtig ist.“

„Man munkelt, Herr Höper“, Alexandra Heinze hatte sich während Dr. Höpers Worten nur mit Mühe zurückhalten können, „auch über uns munkelt man allerhand. Aus Gerüchten sollte man niemandem einen Strick drehen.“

Ungehalten blitzte Dr. Höper die Notärztin an. „Und die Unzuverlässigkeit, die unsere Patienten in Lebensgefahr bringt, sind das auch nur Gerüchte?“

Erstaunt sah Prof. Streithuber in die erregten Gesichter seiner beiden Mitarbeiter.

Alexandra Heinze wandte sich direkt an ihren Chef. „Herr Streithuber“, ihre Stimme klang beschwörend, „Marianne Debras hat ihren Lebenspartner verloren. Heute vor einem Jahr bei einem Motorradunfall. Ich habe den Einsatz gefahren. Natürlich ist die Frau in einer Krise.“ Alexandra richtete ihre großen Augen auf die verhärteten Züge des chirurgischen Oberarztes. „Wer von uns wäre das in dieser Situation nicht?“, fragte sie wie an seine Adresse gerichtet.

Sie drehte sich wieder zum Professor um. „Heute morgen habe ich erst wieder mit ihr gesprochen. Es ist wahr, sie ist nicht auf der Höhe ihrer Leistungsfähigkeit. Aber ich bin davon überzeugt, dass sie sich fangen wird, wenn wir ihr eine Chance geben.“

Einen Augenblick herrschte Schweigen. Dr. Höper war verärgert über dieses unerwartete Plädoyer für Schwester Marianne.

„Und ich bin überzeugt davon, dass mein Frischoperierter drei Blutkonserven braucht, die er erst heute Mittag erhalten wird.“ Zornig bohrte sich sein Blick in Alexandra Heinzes Augen. „Durch einen Fehler Ihrer Schwester Marianne, Frau Kollegin!“

Auf der Schwelle der Tür zum Operationssaal 1 erschien ein Pfleger: „Wir sind soweit, beide Patienten schlafen.“

Prof. Streithuber strebte auf den OP zu. „Lassen Sie uns später noch einmal darüber reden. Jetzt ruft die Arbeit.“

Alexandra Heinze wollte gerade Dr. Höper in den benachbarten Operationssaal folgen, da öffnete sich die Tür zum Waschraum. Das bärtige Gesicht Jupp Friederichs erschien. „Ihre Schwiegermutter hat angerufen, Frau Doktor. Schien ein bisschen aufgeregt. Ruft in zehn Minuten noch mal im Bereitschaftszimmer an.“

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Der Regen prasselte auf die Windschutzscheibe. Edith hatte den Scheibenwischer auf Höchstgeschwindigkeit gestellt.

„Fahr doch nicht so dicht auf, siehst du nicht die Bremslichter da vorne“, durchbrach Felix Söhnker das Schweigen.

Edith presste unwillig die Lippen zusammen. Sie ließ sich nicht gerne etwas von ihrem Mann sagen, aber auch sie merkte, dass der Verkehr immer dichter wurde.

Sie schaltete zurück in den dritten Gang. „Diese schreckliche Kriecherei! Es ist halb acht, und wir sind noch nicht mal in Bonn.“

Felix Söhnker zog die Augenbrauen hoch und sah auf den Tacho: Immerhin fuhr sie noch 60 km/h. Diese Geschwindigkeit als Kriecherei zu bezeichnen war typisch Edith. Aber heute hielt er sich zurück. Viel zu oft schon waren sie wegen ihres offensiven Fahrstils aneinander geraten.

Bald konnten sie tatsächlich nur noch im Schritttempo fahren. „Mach doch mal das Radio an“, forderte Edith ihren Mann mit genervter Stimme auf.

Der Verkehrsservice sagte einen 6 Kilometer langen Stau in ihrer Fahrtrichtung an. Ein Schwertransport war Richtung Bonn unterwegs.

Edith schlug mit der flachen Hand aufs Lenkrad. „So ein Mist“, stieß sie hervor.

Felix kannte die Unruhe seiner Frau, aber ihre jetzige Nervosität schien ihm doch ein wenig unangemessen zu sein.

„Du hörst doch, der Schwertransporter verlässt hinter Bonn die Autobahn. Wir haben Zeit genug. Du wirst schon noch rechtzeitig zu Lauras Sektempfang kommen. Und wenn nicht, wird Laura einer alten Freundin wie dir nicht den Kopf abreißen.“

Edith warf den Kopf zurück und zog scharf die Luft durch die Nase ein.

Der Stau schien unendlich. Stellenweise kam der Verkehr völlig zum Erliegen. Um acht Uhr waren sie erst kurz vor Bonn.

„Der Stau müsste sich doch jetzt auflösen“, schimpfte Edith aufgebracht. „Über eine Stunde für nicht mal dreißig Kilometer.“

„Beruhige dich. Du weißt doch, in Bonn verlässt der Schwertransporter die Autobahn. Dann kannst du wieder Gas geben.“

Nach einer Viertelstunde fuhren sie immer noch Schritttempo. Fluchend bog Edith in die nächste Auffahrt zu einer Raststätte ein.

„Was hast du vor, Edith? Müssen wir tanken?“

„Wenn es so weiter geht, bin ich um Mitternacht noch nicht in Mannheim. Ich muss Laura anrufen.“

Nah am Treppenaufgang zur Raststätte fanden sie einen freien Parkplatz. Edith hatte schon zwei Stufen genommen, da drehte sie sich nach Felix um, der Mühe hatte, ihr zu folgen.

„Verdammt, ich habe das Licht brennen lassen“, rief sie. Sie zog die Autoschlüssel aus der Handtasche und warf sie Felix zu. „Ich bin schon mal in der Telefonzelle.“

Während Felix zurück zum Auto ging, verschwand Edith bereits in der Drehtür des Gebäudes.

Was war nur los mit ihr? Warum war sie so nervös? Hatte sie das Gespräch von gestern Abend noch nicht verdaut? Felix schaltete die Scheinwerfer des Wagens aus und folgte Edith in die Raststätte.

Er sah sie in der Zelle stehen und mit merkwürdig hastigen Bewegungen in den Telefonhörer sprechen. Nervös wandte sie sich hin und her und entdeckte ihn. Etwas Ängstliches schien in ihrem Blick aufzuflackern, und sie drehte ihm abrupt wieder den Rücken zu.

Felix wunderte sich ein wenig. Doch dann schob er es auf ihre Nervosität, auf den Stau, die Verspätung und ihr Gespräch von gestern Abend.

Er ging ins Restaurant und holte sich einen Kaffee. Als er zur Telefonzelle zurückkehrte, telefonierte Edith immer noch.

Felix stellte seine Tasse auf die Heizung, lehnte sich an die Wand und zündete sich eine Zigarette an.

Vermutlich würde Edith ihrer Freundin von ihrem nächtlichen Streit berichten. Felix wusste, dass die beiden Frauen sehr vertraut miteinander waren.

Seine Gedanken wanderten zu der heute Abend bevorstehenden Premiere im Mannheimer Nationaltheater. Ihm fiel ein, dass der Kulturredakteur des >Mannheimer Morgens< gestern eine Bitte um Rückruf auf seinem Anrufbeantworter hinterlassen hatte. Jetzt wäre die Gelegenheit, den Mann anzurufen.

Felix ging zur Telefonzelle und klopfte an die Scheibe. Edith drehte sich um und funkelte ihn unwillig an. Er zuckte entschuldigend mit den Schultern und bedeute ihr, die Karte steckenzulassen.

Endlich hängte Edith ein und kam aus der Zelle. Das Piepsen des Automaten erinnerte schrill an die zurückgelassene Telefonkarte. „Beeil dich“, bellte Edith, drückte ihm den Hörer in die Hand und steuerte die Tür des Restaurants an.

„Hast du Laura von mir gegrüßt?“, rief Felix ihr nach. Aber sie hörte ihn schon nicht mehr.

Während er die Telefonnummer des Redakteurs heraussuchte, dachte er an Laura. Wie alt wurde sie heute? Hatte sie ihm nicht im vergangenen Jahr eine Flasche Champagner zu seinem Geburtstag geschickt? Sie war zwar Ediths Freundin ...

Kurzentschlossen drückte er die Wiederholungstaste. Gerade in solchen Situationen, in denen man in persönlichen Schwierigkeiten steckte, sollte man alte Kontakte nicht ganz erkalten lassen. Laura würde sich sicher freuen, wenn er ihr persönlich zum Geburtstag gratulierte.

Das Freizeichen ertönte. Dann knackte es in der Leitung und eine sonore, ihm unbekannte Männerstimme meldete sich: „Nideggen.“

Felix stutzte kurz, vielleicht hatte Laura einen neuen Freund? „Ich möchte gerne Laura sprechen.“

„Ich kenne keine Laura“, die Männerstimme am anderen Ende der Leitung klang irritiert, „mit wem spreche ich bitte?“

Felix hatte vor Verwirrung vergessen, sich mit seinem Namen zu melden. „Pardon, Söhnker hier, Felix Söhnker. Sie kennen keine Laura?“

Schweigen. Dann: „Sie sind falsch verbunden.“ Die Stimme klang jetzt merkwürdig belegt, fast heiser.

„Aber meine Frau hat doch eben ...“, wollte Felix protestieren, aber der Mann am anderen Ende der Leitung hatte schon eingehängt.

Felix starrte den Hörer in seiner Hand an. Dann nahm er einen tiefen Zug aus der Zigarette und legte auf. Er steckte sein Notizbuch ein. Nein, er war jetzt nicht in der Stimmung, mit dem Redakteur zu sprechen.

Er nahm seine Kaffeetasse von der Heizung und ging mit schweren Schritten auf das Restaurant zu.

Edith saß an einem der Tische vor einem Glas Tee. Er setzte sich zu ihr. Sie wich seinem Blick aus. Felix zündete sich noch eine Zigarette an. Durch die Fensterfront des Restaurants nahm er wahr, dass der Verkehr wieder flüssiger geworden war.

Nideggen! Laura, so erinnerte er sich plötzlich, war Löwe im Sternbild. Jetzt hatten sie November. Der Monat stand im Zeichen des Skorpions.

Er drückte seine Zigarette aus und stand auf. „Komm, der Stau hat sich aufgelöst.“

Als sie kurz darauf in die Autobahn einbogen, zitterten seine Hände.

Edith gab Gas. „Endlich freie Bahn!“

„Ich habe Laura angerufen, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren“, sagte er mit tonloser Stimme.

Edith fuhr herum und starrte ihn an. Ein jäher Schrecken weitete ihre braunen Augen. Schnell fasste sie sich wieder und konzentrierte sich auf den Verkehr.

Felix beugte sich zu ihr herüber: „Wer ist Nideggen?“

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8

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Das Marien-Krankenhaus braucht Sie“, diese Worte Alexandra Heinzes klangen Schwester Marianne noch im Ohr. Sie wählte die Nummer des Labors. Ilse Taubert meldete sich.

„Marianne, Intensivstation, wir brauchen noch drei Blutkonserven für Herrn Simons.“

Nachdem sie den Hörer aufgelegt hatte, machte sie sich auf den Weg ins Beatmungszimmer zu dem Frischoperierten.

Nein, sie würde nicht nach Hause gehen. Irgendwie würde sie diesen Tag schon überstehen. Marianne seufzte, das Gespräch mit der Ärztin hatte ihr gutgetan. Sie spürte jetzt neue Kraft.

„Das Marien-Krankenhaus braucht Sie“, die Ärztin hatte recht. „Und ich brauche das Marien-Krankenhaus“, seufzte Marianne, als sie vor Herrn Simons Bett stand.

Sie kontrollierte den Blutdruck des Patienten und trug den Wert in die Verlaufskurve ein. Dabei fiel ihr Blick auf die linke obere Ecke des Bogens: 11. November!

Ein jäher Schmerz durchzuckte sie. Michael! Sie hielt die Tränen zurück und wandte sich dem Frischoperierten zu. Reiß dich zusammen, Marianne, der Kranke hier braucht eine Schwester, die einen klaren Kopf hat!

Beherrscht nahm sie die stündlichen Routineaufgaben auf: Temperatur messen, Venendruck kontrollieren, Beatmungsgerät überprüfen, intravenöse Medikamente spritzen, Infusionen wechseln. Doch so konzentriert sie auch zu arbeiten versuchte, ihre Gedanken gingen andere Wege.

Michael! Sie sah sein Gesicht, seine wasserblauen Augen mit liebevollem Blick auf sich gerichtet. Jane hatte er sie immer genannt. Was würde er wohl zu ihr sagen, in dieser schwierigen Situation? Wie würde er sie jetzt wohl trösten?

„Jane“, würde er sagen, „ich liebe dich.“ Seine Stimme klang in ihrer Erinnerung, als würde er jetzt mit ihr sprechen. So nah, so vertraut.

„Aber weil ich dich liebe, möchte ich, dass du glücklich bist. Du musst neu anfangen, das Leben geht weiter, auch ohne mich.“

„Nein!“, schrie es in ihr auf. „Ich kann ohne dich nicht glücklich sein. Und ich will es auch nicht!“

Ein lauter Knall schreckte sie aus ihren Gedanken. Erschrocken hielt sie den Atem an. Zu ihren Füßen lagen die Scherben der Infusionsflasche, die sie gerade auswechseln wollte.

„Auf jede Schwesternschülerin im ersten Lehrjahr kann man sich mehr verlassen!“ Das gehässige Schimpfen des Oberarztes dröhnte in ihrem Kopf.

Hatte er nicht recht? Jetzt konnte sie noch nicht einmal mehr eine Infusionsflasche wechseln!

Während sie die Scherben zusammenlas und die klebrige Flüssigkeit vom Boden aufwischte, schluchzte sie verzweifelt. Ja, es mochte sein, dass das Marien-Krankenhaus sie brauchte. Aber nicht hier!

„Ich gebe auf“, seufzte sie.

Sie richtete sich auf und sah zum Fenster der Klinik in den Regen hinaus.

Ihr Entschluss stand fest. Gleich nach Dienstschluss würde sie zur Oberschwester gehen und ihre Versetzung beantragen. Auf die HNO-Station oder in die Computer-Tomographie, ganz egal. Hauptsache irgendwohin, wo ein Fehler nicht so weitreichende Folgen hatte wie hier. Und irgendwohin, wo sie nicht ständig Angst haben musste, mit Unfallopfern konfrontiert zu werden.

Eine halbe Stunde später brachte Schwester Marianne die Urinproben der Intensiv-Patienten ins Labor. Die Blutkonserven für Herrn Simons waren noch nicht fertig. Auf dem Rückweg zu ihrer Station schaute sie im Notarzt-Zimmer vorbei.

Alexandra Heinze saß an ihrem Schreibtisch, das Telefon in Reichweite, direkt neben ihr.

Erstaunt blickte sie auf: „Schwester Marianne, was machen Sie denn hier?“

„Ich habe es nicht fertig gebracht, nach Hause zu gehen. Ich werde den Tag schon überstehen.“ Sie schwieg einen Augenblick.

Der fragende Blick der Notärztin entging ihr nicht. „Und Sie haben recht, Frau Dr. Heinze, ich darf nicht aufgeben. Aber die Intensivstation verkrafte ich im Augenblick nicht. Nach Dienstschluss gehe ich zu Frau Eilers und bitte um meine Versetzung.“

Die Notärztin stand auf und kam auf die junge Frau zu. Sie legte ihr sanft die Hand auf die Schulter. „Wohin wollen Sie sich versetzen lassen?“

„Irgendwohin, wo ich nichts falsch machen kann.“

„Haben Sie sich das auch gut überlegt?“

Schwester Marianne nickte und griff zur Türklinke. „Danke, Frau Doktor.“

In diesem Moment klingelte das Telefon. Alexandra Heinze ging zum Schreibtisch und nahm den Hörer ab. „Heinze.“

Marianne sah, wie sich die Ärztin auf die Lippen biss und blass wurde. Sie ließ sich auf ihren Drehstuhl sinken. Erschöpft sah sie plötzlich aus.

„Jetzt beruhige dich, Mutter. Schau erst mal zu Hause nach, ob sie nicht schon da ist. Vielleicht wartet sie ja an der Wohnungstür bereits auf dich. Ruf mich dann noch mal an. Es gibt jetzt noch keinen Grund, sich Sorgen zu machen.“

Nachdem Alexandra Heinze aufgelegt hatte, stützte sie ihren Kopf in beide Hände auf den Schreibtisch. Irgendetwas schien sie zu bedrücken.

„Schlechte Nachrichten, Frau Doktor?“

Alexandra Heinze drehte sich seufzend zu Schwester Marianne um. „Na ja, jedenfalls keine guten. Anuschka, unser Hund, ist verschwunden.“

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9

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Hilde Heinze eilte durch den strömenden Regen nach Hause. Von einer Telefonzelle aus hatte sie ihre Schwiegertochter angerufen.

Fast eine Stunde lang hatte sie nach Anuschka gesucht. Von ganzem Herzen hoffte sie, ihre Schwiegertochter würde recht behalten, und Anuschka würde vor dem Haus auf sie warten.

An der Beethovenstraße 25 angekommen, blickte sie ängstlich über die Hecke.

„Anuschka!“ Mit einem lauten Schrei machte sich ihre Erleichterung Luft. Sie klappte den grellgelben Regenschirm zu und eilte den Gartenweg entlang.

„Anuschka! Da bist du ja!“ Vor der eichenen Haustür der Jugendstilvilla lag die schwarze Dogge.

Hilde Heinze hastete die fünf Treppenstufen zur Haustür hinauf und beugte sich zu dem Tier herunter.

„Meine Anuschka, einfach weglaufen. Was sind denn das für neue Sitten?“

Sie kraulte den Hund am Nackenfell. Aber was war das? Kein freudiges Bellen. Keine zärtlichen Nasenstüber. Kein aufgeregtes Schwanzwedeln. Die Dogge hob nicht einmal den Kopf. Aus blutunterlaufenen Augen starrte sie Hilde Heinze an.

Beunruhigt kramte Hilde Heinze den Schlüssel aus der Manteltasche, schloss auf und stellte den Schirm in den Schirmständer.

„Auf, Anuschka, komm rein.“

Langsam trottete die Dogge in den Hausflur. Sie schien erschöpft zu sein.

„Sag mal“, lachte Hilde Heinze, „bist du so wild hinter einer Ratte hergehetzt, dass du jetzt schon müde bist?“

Mit steifen Beinen stand Anuschka schließlich im Flur. Sorgenvoll beobachtete Frau Heinze den großen Hund. „Was ist los mit dir?“

Wieder beugte sie sich zu Anuschka herab. Zärtlich streichelte sie den Kopf ihres Lieblings.

„Deine Schnauze ist ja ganz trocken und heiß. Bist du etwa krank?“

Anuschka knickte mit den Hinterläufen ein und ließ sich schwer auf den Teppichboden des Hausflurs fallen. Normalerweise wäre sie jetzt die Treppe hoch gesprungen, um ihren Lieblingsplatz am Kamin aufzusuchen.

Kopfschüttelnd kniete Frau Heinze neben ihr und betrachtete beunruhigt das zitternde Tier. Sie hatte doch vor einer Stunde mit einem quietschfidelen Hund das Haus verlassen. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr. Sollte Anuschka etwa ...

Entschlossen stand Frau Heinze auf und wählte die Nummer des Marien-Krankenhauses. Im Notarzt-Zimmer konnte sie ihre Schwiegertochter nicht erreichen. Sie rief die Pforte an.

Paul Ahlers war am Telefon. Er versprach, Alexandra Heinze über den Piepser zu suchen und sie um Rückruf zu bitten.

Hilde Heinze versuchte die aufkommende innere Unruhe zu beherrschen. Aus der Küche holte sie einen Napf mit frischem Wasser und stellte ihn der regungslosen Dogge direkt vor die Schnauze.

„Komm, Anuschka, trink was, bitte.“

Anuschka rührte das Wasser nicht an. Apathisch lag sie da, den Kopf auf die ausgestreckten Vorderläufe gelegt.

Hilde Heinze eilte ins Wohnzimmer und kehrte mit einer Wolldecke zurück. Sorgsam umhüllte sie das zitternde Tier. Die folgenden Minuten, während sie auf den Rückruf ihrer Schwiegertochter wartete, wich Frau Heinze nicht von Anuschkas Seite. Unablässig streichelte sie den Kopf des Tieres und redete Anuschka zärtlich zu.

Endlich klingelte das Telefon. Alexandra Heinze meldete sich.

Mutter Heinze schilderte ihrer Schwiegertochter den Zustand des Hundes. Eine Zeitlang schwieg die Notärztin am anderen Ende der Leitung.

„Hört sich ganz nach einer Vergiftung an“, ließ sie sich schließlich mit heiserer Stimme vernehmen. „Versuch ihr soviel Wasser wie möglich zu geben. Sie muss trinken, hörst du, trinken, trinken.“

„Sie rührt keinen Tropfen an.“

Wieder ein kurzes Schweigen am anderen Ende der Leitung. „Ob du sie zum Erbrechen bringen kannst?“

„Oh weh, Alexandra, ich weiß nicht, ob ich das schaffe.“

„Dann rufe ich Frau Dr. Kayser, unsere Tierärztin an.“

„Alexandra, du glaubst nicht, wie apathisch Anuschka plötzlich ist. Ich fürchte, ich müsste sie zur Tierärztin tragen. Und die Kraft hab ich einfach nicht.“

„Vielleicht kann Frau Kayser ins Haus kommen.“

Hilde Heinze schwieg einen Augenblick. „Gut, ich danke dir“, seufzte sie schließlich.

„Und halte mich auf dem Laufenden, ja?“

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Etwa zur gleichen Zeit legte in Mannheim Stefan Nideggen sein Handy auf den Beifahrersitz seines BMW. Nachdenklich schaute er durch die Windschutzscheibe in die halbdunkle Tiefgarage.

Was, zum Teufel, war jetzt geschehen? Warum ruft direkt nach Edith ihr Mann an? Woher hatte er seine Nummer? Und warum fragte er nach Laura? Ein Trick? Offensichtlich war ihr Alibi geplatzt.

Nideggen schlug sich mit den Händen auf die Schenkel. „Verdammter Mist“, stieß er hervor. Irgendetwas war schief gelaufen.

Sollte Edith ihrem Mann ihr Verhältnis gebeichtet haben? Nein, das hätte sie ihm gesagt. Warum aber rief er dann so kurz nach ihr an? Hatte er ihr Notizbuch ausspioniert und seine Nummer entdeckt? „Das hat mir gerade noch gefehlt!“

Details

Seiten
150
Jahr
2019
ISBN (ePUB)
9783738927405
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juli)
Schlagworte
thomas west arztroman hoffnung

Autor

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Titel: Thomas West Arztroman - Hoffnung ist stärker als der Tod