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Sheng und die schöne Sklavin: Sheng 20

2019 120 Seiten

Leseprobe

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2019: Tony Masero

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

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Sheng und die schöne Sklavin: Sheng 20

Ein Western von John F. Beck














Chang Fu, der Henker des Geheimbundes vom Schwarzen Drachen verfolgt Sheng. Noch ahnt er nicht, dass er schon sehr bald mit dem verhassten Kung Fu-Kämpfer Seite eine gemeinsame Mission erledigen muss. Denn Chang Fus Schwester Nin Tai wurde von einer Bande gewissenloser Halunken entführt, die nicht nur sie, sondern auch andere junge Frauen in Mexiko als Sklavinnen verkaufen wollen. Gemeinsam mit Chang Fu begibt sich Sheng in die Höhle des Löwen – auf eine einsame Hacienda jenseits der Grenze. Und dort entscheidet das Schicksal nicht nur über die jungen Frauen, sondern auch über das Leben zweier Männer, die immer noch Todfeinde sind ...





Reglos verharrte der große, schlanke Mann im Schatten eines Felskegels. Das Land lag leer und wie ausgeglüht vor ihm. Aber wildes Hufgetrommel hinter den Bodenwellen im Süden erfüllte die Einsamkeit mit einer tödlichen Drohung. Staubfahnen tanzten in der flimmernden Luft.

Dann tauchte die Frau auf. Eine schmale, in der Weite des Landes hoffnungslos verlorene Gestalt. Ihr weißes Kleid leuchtete zwischen den halb verdorrten Mesquitesträuchern und Kakteen. Sie lief wie auf der Flucht. Ihr langes schwarzes Haar flatterte. Ein unwirkliches Bild in der sonnenverbrannten, menschenleeren Wildnis zwischen dem Gila River und der mexikanischen Grenze.

Shengs markantes Gesicht mit den dunklen, leicht geschlitzten Augen spannte sich, als er die Verfolger hinter ihr aus einer Senke herauspreschen sah. Drei johlende, brüllende Kerle. Revolverschüsse knallten in die Luft. Eine Lassoschlinge kreiste. Ein heiserer Schrei im Hämmern der Hufe.

„Wir haben sie, Amigos! Kreist sie ein!“

Die Frau warf einen verzweifelten Blick zurück und versuchte schneller zu laufen. Grölend schwärmten die Halunken aus. Sie machten sich einen Spaß daraus, die Flüchtende in die Enge zu treiben.

Der Platz neben dem Felskegel war leer...

Ein Schatten glitt zwischen den Büschen und Felsblöcken auf die Reiter zu, die nur die hilflose Frau sahen.

Der Kung Fu-Tiger.

Lautlos, gefährlich, von kalter Entschlossenheit erfüllt. Ein schlanker, unbewaffneter Mann, dessen einziger Besitz das leichte Deckenbündel am Riemen auf seinem Rücken war. Er trug die Zeichen von Tiger und Schlange auf den Unterseiten seiner Arme. Symbole seiner zweifachen Meisterschaft im Kung Fu.

Die Frau blieb stehen, schwankend, völlig außer Atem. Da setzte auch das Hufgetrappel aus. Die Kerle auf den Pferden beobachteten sie mit kaltem, mitleidlosem Grinsen. Sie drehte sich, blickte keuchend von einem zum anderen. Plötzlich knickten ihre Beine durch. Mit einer halben Drehung schlug sie in den Sand.

„Verdammt noch mal, wir brauchen sie lebend!“, knurrte der Anführer der Banditen. Ein grobschlächtiger Kerl mit einer ledernen Fransenjacke und einer Bussardfeder im Hutband.

Sie trieben die Pferde wieder an. Im nächsten Moment weiteten sich ihre Augen. Ihre Hände zuckten zu den Waffen. Es war der eingefleischte Reflex von Männern, die auf nichts als auf die Macht ihrer Colts vertrauten.

Ungläubig starrten sie auf den Fremden, der wie aus dem Boden gewachsen zwischen den Büschen vor ihnen stand.

Sheng ging so ruhig auf die Frau zu, als wäre sonst niemand in der Nähe. Colts glitten aus tiefhängenden Halftern. Metallhähne knackten. Doch Sheng kniete mit ausdrucksloser Miene bei der jungen Schwarzhaarigen nieder.

Behutsam schob er eine Hand unter ihren Kopf, hielt ihr die lederüberzogene Wasserflasche an den Mund.

Ein dunkler, verschleierter Blick traf ihn. Ein ängstliches Zucken erschien auf dem schmalen, erschöpften Gesicht. Ein fremdartig geschnittenes, gelbliches Gesicht mit mandelförmigen Augen.

Sheng lächelte beruhigend. Die Sicherheit in seiner Stimme war nicht gespielt. Er vertraute auf die unüberwindbare Kraft in seinem Innern, die ihm die Lehre des Tao Chi vermittelte, nach der er im Kloster vom Weißen Lotus erzogen worden war.

„Trinken Sie, Madam. Seien Sie unbesorgt. Niemand wird Ihnen noch etwas tun.“

Ein hartes Lachen hinter ihm. „Der Kerl ist verrückt, Amigos! He, du Landstreicher, geh von der Frau weg! Misch’ dich nicht in Angelegenheiten, die dich nichts angehen!“

„Ich lasse niemand im Stich, der meine Hilfe braucht“, antwortete Sheng leise. Er verschloss die Canteen-Flasche und erhob sich; Ruhig blickte er die Halunken an. Verkniffene Mienen unter breitkrempigen Hüten. Sonnenlicht auf drohenden Coltläufen.

„Warum verfolgt ihr sie?“

Der hagere, mardergesichtige Kerl mit dem Lasso spuckte aus. „Du hast recht, Drury“, sagte er grinsend zu dem Grobschlächtigen. „Er ist nicht ganz richtig im Kopf. Du weißt nicht, mit wem du dich anlegst, Freund. Wenn hier jemand Fragen stellt, dann sind wir es. Kapiert?“

„Ich bin nicht euer Freund. Ich will es niemals sein.“

Raues Gelächter. Aber Sheng verzog keine Miene. Die junge hübsche Chinesin hob den Kopf.

„Geh!“, stieß sie mit schwacher Stimme hervor. „Sie werden dich sonst töten!“

„Immer mit der Ruhe!“, knurrte Drury. „Erst wirst du uns sagen, wie du heißt und wo du herkommst — Freund!“

Erneutes Lachen. Der Mardergesichtige streckte eine Hand aus. „Schau ihn dir genau an, Drury! Ein Schlitzauge! Sieht zwar aus wie ’n Weißer, aber ich. will verdammt sein, wenn er kein Chinesenblut in den Adern hat. Ich wittere einen Chink fünf Meilen gegen den Wind, darauf könnt ihr euch verlassen, Jungs! Weiß der Teufel, ob sein Aufkreuzen hier tatsächlich nur Zufall ist. Vielleicht haben sich ein paar Chinks in Tucson oder Prescott zusammengetan und uns ’nen Schnüffler auf die Fährte gehetzt. Vielleicht haben ein paar falsche Leute Wind von unserem einträglichen Geschäft bekommen.“

„Unmöglich!“

„Ich würde ihn trotzdem nicht laufen lassen, Drury!“

„Wer spricht denn davon?“ Der mit der Fransenjacke grinste kalt. „Los, rede, du Bastard! Wie heißt du? Wer bezahlt dich?“

Der große Mann senkte den Kopf. „Mein Name ist Sheng.“

„Weiter!“

„Nichts weiter. Niemand hat mich angeworben. Niemand bezahlt mich.“

„Du lügst, Schlitzauge!“

„Ich will keinen Kampf“, sagte Sheng leise. „Ich will, dass ihr diese junge Frau in Frieden lasst. Reitet! Zwingt mich nicht, die Hand gegen euch zu erheben.“

Sie waren zu dritt, zwei mit den Colts, einer mit dem Lasso. Einen Moment waren sie sprachlos. Dann brachen sie wie auf Kommando in brüllendes Gelächter aus.

Drury schüttelte den Kopf. „Entweder ist er wirklich ein Idiot, oder er hat es faustdick hinter den Ohren! Aber warte nur, Freundchen, wir bekommen schon aus dir heraus, was wir wissen wollen. Slater, du bist dran!“

Das Lasso des Mardergesichtigen kreiste. Sheng machte keine Bewegung, um der Schlinge auszuweichen. Noch zielten die Colts der beiden anderen auf ihn. Noch waren sie nicht nahe genug. Er stand scheinbar hilflos da, wie festgenagelt. Blitzschnell zog sich das Seil um seinen Oberkörper zusammen, presste ihm die Arme an den Leib. Slater warf seinen Gaul herum, und schon lag Sheng am Boden.

„Pass auf die Frau auf, Braddock!“, rief Drury, während er vom Pferd sprang. „Ich bring’ ihn schon zum Reden.“

Sheng lag reglos auf dem Rücken. Drurys breitflächiges, brutales Gesicht neigte sich über ihn. Ein blitzendes Messer. „Glaub mir, Freundchen, du ersparst dir ’ne Menge, wenn du gleich redest.“

Sheng schloss die Augen. Drury grinste triumphierend. Er hielt es für ein Zeichen von Angst. Aber es war ein Moment der Sammlung, der Konzentration. Ein Moment, in dem sich Shengs Körper wie eine Stahlfeder spannte.

„Na los!“, zischte Drury. „Spuck die Wahrheit aus!“

Sheng zog die Beine an und stieß zu. So blitzschnell, dass die anderen nur sahen, wie ihr stämmiger Anführer zurückgeschleudert wurde und auf den Rücken krachte. Staub wallte. Braddock, der die junge Chinesin hochgezerrt hatte, fuhr fluchend herum. Sein Colt flog hoch.

„Schleif ihn!“, brüllte er Salter zu. Die Hufe hämmerten, das Seil spannte sich, riss Sheng mit. Er biss die Zähne zusammen. Die Erinnerung an eine Ermahnung seines väterlichen Lehrmeisters Li Kwan durchzuckte ihn ...

„Es gibt nichts, was stärker ist als die Kraft in deinem Innern. Du musst nur lernen, sie im richtigen Augenblick auf den richtigen Punkt zu konzentrieren.“

Sheng sprengte das Lasso mit einem Ruck. In einer Staubwolke kam er hoch. Gleichzeitig mit Drury, der noch immer sein Bowiemesser umklammerte. Ein hassverzerrtes Gesicht. Ein wilder Schrei.

„Leg ihn um, Braddock!“

Aber der untersetzte, schnurrbärtige Bandit war einen Moment wie gelähmt von dem Unglaublichen, das er eben gesehen hatte. Als der Schuss krachte, flog Sheng bereits wie eine Raubkatze durch die Luft. Es sah aus, als würde er sich selbstmörderisch in Drurys hochzuckende Klinge stürzen. Aber kein Messer, kein Colt konnten diesen unheimlichen schnellen Kämpfer stoppen.

Der Tiger-Angriff. Ein Schlag wie mit einer stumpfen Axt, der Drurys Messerfaust zur Seite fegte. Sausende Handkanten. Durry sah nur mehr einen verwischten Schatten, ein angespanntes, wie versteinertes Gesicht. Dann lag er am Boden. Sheng rollte mit der Geschicklichkeit eines Zirkusartisten ab und stand schon wieder. Ein Mann mit Muskeln und Sehnen wie aus Stahl. Ein Mann, der in den langen Jahren im Kloster vom Weißen Lotus gelernt hatte, seine Hände und Füße als Waffen zu gebrauchen, die wirksamer waren als jedes von Menschenhand geschmiedete Stück Stahl.

Slaters Pferd raste auf ihn zu. Der hagere Bandit schwang sein Gewehr wie eine Keule. Der heiße Atem des Pferdes streifte schon Shengs Gesicht. Er bewegte sich im letzten Augenblick. Ein schlangengleiches Wegtauchen. Dann der Drache, der auf dem Wind reitet.

Sheng sauste kerzengerade in die Luft, als hätte er Stahlfedern unter seinen Sohlen. Ein keilförmiges lebendiges Dreieck mit gebogenem Arm, einer Faust über dem Kopf, einem angewinkelten Bein. Alle Kraft entlud sich im blitzschnellen Stoß von gleichzeitig ausgestrecktem Fuß und flacher Hand. Slater flog wie ein Stoffbündel vom Rücken des weiterstürmenden Pferdes.

Staub vernebelte die Szene. Braddock wartete geduckt, mit dem Colt in der Faust. Slaters Gaul rannte mit flatternder Mähne an ihm vorbei. Zu spät sah der Bandit die schemenhafte Gestalt, die hinter dem Tier hervor auf ihn zuschoss. Ein gestreckter Körper, eine Faust mit zwei gespreizten Fingern. Kein Mündungsblitz kam mehr aus Braddocks Waffe. Der Bandit stürzte wie ein gefällter Baum besinnungslos nieder.

Sheng richtete sich auf. Sein Blick suchte die junge Fremde. Die Angst in ihren geweiteten Augen, ihre lautlos sich bewegenden Lippen waren ein Alarmsignal. Da hörte er auch schon das Knirschen von Sand hinter sich. Drury! Ein Kerl wie ein Bulle, der mehr einstecken konnte als seine Kumpane zusammen. Ein Schuft, der nicht davor zurückschrecken würde, seinem Gegner eine Kugel in den Rücken zu schießen. Stoßweiser Atem. Das Klicken eines Colthammers.

„Jetzt bist du dran, du gelber Teufel!“

„Dann wirst du nie erfahren, wer mich geschickt hat“, bluffte Sheng kaltblütig. Er drehte sich nicht um. Er blickte auf die Frau, auf das sanftwellige, von der weißglühenden Sonne ausgedörrte Land. Aber im Geiste sah er Drurys schwere, ledergekleidete Gestalt, die sich ihm mit der Waffe in der Faust näherte.

„Wer?,“ knirschte Drury hasserfüllt. Er wusste immer noch nicht, wie schnell ein Mann sein konnte, der in langjährigem eisernen Training zum zweifachen Meister im Kung Fu ausgebildet worden war. Schneller, als Drury denken konnte. Eine blitzartige kreiselnde Drehung mit einem hochgerissenen, ausgestreckten Bein. Drury brüllte vor Wut und Schreck. Sein Sechsschüsser wirbelte davon. Shengs Fußspitze traf den Verbrecher an einer Stelle, von der sich sofort eine Lähmung durch seinen ganzen Körper ausbreitete. Schwer fiel Drury aufs Gesicht.

Der ganze Kampf hatte nicht viel mehr als eine Minute gedauert. Die drei Halunken lagen da wie von einer Explosion hingeschmettert. Zwei Pferde waren fort. Nur Braddocks Brauner hatte sich mit den Zügeln in einem Busch verfangen. Stille breitete sich aus.


*


Sheng bückte sich nach seinem leichten Deckenbündel. Eine dünne Schweißschicht glänzte auf seiner Stirn. Aber sein Atem ging so ruhig, als hätte er sich nicht bewegt. Er trat zu der reglos am Boden kauernden Frau und half ihr hoch.

„Niemand wird Sie daran hindern, zu Ihren Angehörigen zurückzukehren, Madam. Wenn Sie wollen, begleite ich Sie zur nächsten Siedlung.“

„Wir dürfen keine Zeit verlieren!“ Sie klammerte sich an ihn. Ein angstvolles Flackern in ihren dunklen Augen. „Nicht nur Drury und seine Freunde sind hinter mir her. Wenn Leland kommt .. “ Sie brach ab, trat einen Schritt zurück und senkte mit gekreuzten Armen den Kopf. Langes rabenschwarzes Haar umfloss das feingemeißelte gelb getönte Gesicht. „Verzeihen Sie, dass ich vergaß, mich zu bedanken.“

Sie sprach ein akzentfreies Englisch, ihr Kleid stammte aus einem amerikanischen Laden, aber in diesem Augenblick war sie ganz Chinesin. Ein Augenblick, der in Sheng Erinnerungen an ein Land heraufbeschwor, das er vielleicht nie mehr wiedersehen würde. Mit einem ernsten Lächeln erwiderte er ihre Geste.

„Ich habe getan, was meine Pflicht war.“ Er sprach chinesisch.

Sie hob den Blick. Ihre Augen waren unergründlich. „Ich habe noch niemand so kämpfen gesehen. Nur wenige Eingeweihte aus dem Reich der Mitte beherrschen diese waffenlose Kampfkunst. Wer bist du, Fremder?“

„Ein Wanderer. Ein Mann auf der Suche nach seinem unbekannten Vater. Ein Mann auf der Flucht vor mächtigen Feinden.“

„Ich heiße Tai Nin. Ich war auf der Reise nach Gila Bend. Eine befreundete chinesische Familie in der Nähe von Dry Fork nahm mich für ein, zwei Tage auf, da ich einen weiten Weg mit der Postkutsche hinter mir hatte. Wir wurden überfallen. Li Chu, die Tochter meines Gastgebers, und ich wurden entführt. Es war schrecklich. Die Verbrecher wollten uns in ein verstecktes Camp bringen, zu anderen Gefangenen. Unterwegs gelang mir in einem unbewachten Augenblick die Flucht. Ich hatte keine Chance, weit zu kommen. Ich wollte nur fort, mich irgendwo verkriechen. Es war mir egal, ob ich jemals allein aus dieser Wildnis herausgefunden hätte ...“

Ein Nachglanz des Entsetzens spiegelte sich in ihren Augen. Ein leises Zittern in ihrer Stimme.

„Was wollten diese Banditen?“, fragte Sheng stirnrunzelnd. „Lösegeld?“

Nin Tai schüttelte heftig den Kopf. „Es sind Mädchenräuber, Menschenschmuggler! Ihr Anführer heißt John Leland. Er und ein paar Revolvermänner suchen ebenfalls nach mir. Sie wollen uns nach Mexiko bringen und dort verkaufen - wie Sklavinnen.“

Shengs Miene versteinerte. „Ich habe in Prescott und Gila Bend davon gehört, dass in letzter Zeit da und dort Chinesenmädchen und junge Chinesenfrauen spurlos verschwanden. Niemand fand je heraus, was aus ihnen geworden ist.“

„Sie nehmen Chinesinnen, weil das Verschwinden weißer Mädchen zuviel Staub aufwirbeln würde.“ Ein bitterer Beiklang in Nin Tais Stimme. „Es heißt zwar, dass in diesem Land alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind, aber die Wirklichkeit sieht anders aus.“

„Ich weiß. Willst du, dass ich dich nach Dry Fork zurückbringe?“

„Die Eltern meiner Freundin Li Chu sind tot. Die Banditen haben sie ermordet. Es gibt niemand in Dry Fork, auf dessen Hilfe ich zählen könnte. Ich habe nur meinen Bruder in Gila Bend. Aber ich muss erst zu einem Mann namens Dunroy. Ich muss ihn warnen.“

„Vor Leland und seihen Banditen?“

„Ja! Sie sprachen davon, dass Dunroy mit einer Chinesin verheiratet ist. Dass er eine junge, hübsche Tochter besitzt, die in Mexiko viel Geld einbringen wird. Es sind Teufel, die vor nichts zurückschrecken! Sie behandeln Menschen wie Tiere, schlimmer noch! Ich muss alles tun, um ...“

Sheng war bereits bei dem Pferd und löste die Zügel vom Busch. „Komm! Wir werden schneller sein als Leland. Weißt du, wo dieser Mann Dunroy mit seiner Familie lebt?“

Keine Antwort. Ihr Schweigen warnte ihn. Er fuhr herum. Sie starrte wie gelähmt, die Hände vor der Brust verkrampft, zu einem langgestreckten Höhenrücken im Westen. Die drohende Silhouette eines Reiters hob sich dort vor dem Hintergrund des glutübergossenen Arizonahimmels ab.

„Leland!“, war alles, was Nin Tai tonlos hervorbrachte.

Ein großer, sehniger Mann in staubbedeckter Reitertracht. Blinkende Silberknöpfe zierten sein Hutband. Quer über dem Sattel ein langläufiges Gewehr. Mann und Pferd reglos wie eine Statue, Kein Ruf; kein Schnauben. Leland beobachtete nur.

Sheng spürte die Gefahr, die von dem Reiter ausging. Ruhig bückte er sich nach Slaters am Boden liegendes Gewehr. Er war kein Mann, der eine Waffe anrührte, wenn es nicht unbedingt sein musste. Ein Mann, der nicht kämpfte, um zu töten, sondern um am Leben zu bleiben, um Unrecht zu verhindern. Seit er vor Jahren auf der Flucht vor dem mächtigen verbrecherischen Geheimbund des Schwarzen Drachen übers Meer gekommen war, seit das Land der Canyons, Wüsten und Prärien seine Heimat war, hatte er es auch im Umgang mit dem Colt, mit der Winchester zur Meisterschaft gebracht.

Leland bewegte sich auch nicht, als Sheng das Gewehr an die Schulter hob, zielte. Ein Staubschleier hob sich hinter ihm. Hufe trommelten. Dann tauchten zwei weitere Reiter auf dem Hügel auf, ein Pferd zwischen sich, auf dem ein zusammengesunkenes, gefesseltes Mädchen saß.

„Li Chu!“, stöhnte die junge Frau neben Sheng. „Alles war umsonst. Nun werden sie auch mich bekommen.“

„Steig auf das Pferd! Reite! Ich werde versuchen, sie aufzuhalten.“

Nin Tai schüttelte den Kopf. „Du kennst Leland nicht. Ein Mann wie aus Eis, dem jedes Mittel recht ist, um sein Ziel zu erreichen.“

Wie zur Bestätigung lenkte der Sehnige mit dem glitzernden Hutband sein Pferd neben die Gefangene und hielt ihr den Lauf seines Karabiners an den Kopf. Noch immer durchdrang kein Laut die Stille. Dieses unheilvolle, siegessichere Schweigen war schlimmer, als wenn Leland und seine Kumpane wild geschossen und getobt hätten. Langsam, mit ausdrucksloser Miene ließ Sheng das Gewehr sinken. Die Verbrecher warteten.

Ein Zittern in Nin Tais Stimme. „Er wird sie töten, wenn ich nicht zurückkomme.“

„Vielleicht blufft er nur.“

Ein müdes Kopfschütteln. „Er würde eher alle Gefangenen ermorden, als riskieren, dass ihm jemand auf die Spur kommt. Er wird versuchen, auch dich zu erwischen, Sheng. Es tut mir leid. Du hast dein Leben umsonst für mich gewagt. Flieh! Bring dich in Sicherheit!Vielleicht kannst du Dunroy warnen. Er ist Fährmann am Gila River. Das ist alles, was ich über ihn weiß.“

„Willst du wirklich zu ihnen?“

„Ich muss es für Li Chu tun.“

Ihre Haltung straffte sich. Kein Flackern mehr in ihren Augen, kein Beben in ihrer Stimme. Ihr Chi war stark. Stark genug, um den Hohn, die Demütigungen, die grausame Gefangenschaft zu ertragen?

Sheng legte behutsam seine Hände auf ihre schmalen, weich gerundeten Schultern. „Ich werde zurückkommen und dich befreien.“

Sie blickte ihn seltsam an — wie jemand, den sie schon lange kannte. „Nein! Es sind zu viele. Es würde deinen Tod bedeuten. Wenn du noch etwas für mich tun willst, dann geh nach Gila Bend. Benachrichtige meinen Bruder Chang Fu. Er hat einflussreiche Freunde. Er wird Li Chu und mir helfen. Gib ihm dies als Zeichen.“

Rasch streifte sie eine dünne Silberkette mit einem verschlossenen Medaillon über den Kopf. Sekundenlang ruhte ihre weiche Hand auf seiner Rechten. Dann trat sie zurück.

Gila Bend!

Der Name weckte düstere Bilder in Shengs Erinnerung. Männer mit schussbereiten Colts, die auf seiner Fährte in die kleine Stadt im Norden des Grenzgebietes einritten. Männer mit harten, mitleidlosen Gesichtern und scharfen Augen, die jeden Winkel, jede Nische, jede Toreinfahrt abtasteten. Die bezahlten Schießer des Geheimbunds vom Schwarzen Drachen, die wieder einmal hinter ihm her waren. Ihr Auftrag: Shengs Tod und die Jagd auf den siebenten Teil der Schriftrolle des Tao Chi, den der große Kung Fu-Kämpfer bei sich trug. Denn er war einer der sieben Auserwählten, die nach der Zerstörung des Klosters vom Weißen Lotus den kostbarsten Schatz der Mönche hüteten. Die in sieben Teile geteilte Schriftrolle, die das Geheimnis zur Erringung der größten Kraft und Energie der Welt enthielt. Ein Geheimnis, das den Mördern vom Schwarzen Drachen die Weltherrschaft sichern würde, wenn es ihnen in die Hände fiel.

Nie durfte dies geschehen. Sheng und jeder seiner Gefährten, die sich damals in alle Winde zerstreut hatten, waren bereit, dafür ihr Leben einzusetzen.

Seitdem gab es nirgendwo mehr einen Platz, wo sie auf die Dauer in Frieden leben konnten.

Auch Gila Bend war nur eine von vielen Stationen auf Shengs Fluchtweg. Es war kaum vierundzwanzig Stunden her, dass er heimlich nachts aus der Stadt entwischt war. Gewiss waren seine Jäger noch dort, um Nachforschungen über ihn anzustellen.

Sheng spürte Nin Tais besorgten Blick. Seine Stimme verriet nichts von der Last der Verantwortung. „Ich werde dich nicht im Stich lassen.“

„Reite! Sie werden wie Wölfe hinter dir her ein. Reite um dein Leben!“

Sie wandte sich ab, aufrecht, entschlossen. Sie brauchte nur mit ihm zu fliehen, aber nichts konnte sie mehr halten. Kein Blick zurück. Kein Zögern. Das Geräusch ihrer sich immer weiter entfernenden Schritte krampfte Shengs Herz zusammen. Er rührte sich nicht. Erst als sie schon auf halbem Weg zu dem Höhenkamm war, als Lelands Gefährten mit plötzlichem Gebrüll in einer Staubwolke den Hang herab jagten, schwang er sich auf Braddocks Pferd.


*


Eine Stunde später fanden die Banditen den Braunen in einem Labyrinth aus Felsmassiven, steinigen Schluchten und staubigen Senken. Das Pferd knabberte seelenruhig an einem halb vertrockneten Kreosotbusch. Keine Spur von Sheng. Nur das Rauschen des nahen, zwischen Felsmauern eingeengten Flusses füllte die Stille, nachdem das Tacken der Hufe aussetzte.

Drury nahm den Hut mit der Bussardfeder ab und wischte sich mit dem Ärmel der Fransenjacke übers schweißbedeckte Gesicht. Slater und Braddock, der jetzt ein Reservepferd ritt, waren auch dabei. Sie fluchten alle drei. Lelands Handbewegung genügte, um sie sofort zum Schweigen zu bringen.

„Das bringt uns nicht weiter. Ihr wisst, was davon abhängt, dass er uns nicht entkommt, nach allem, was er erfahren hat. Also sucht! Er kann sich ja schließlich nicht in Luft aufgelöst haben.“

Eine Stimme wie brechendes Glas; Ein kantiges, tief gebräuntes Gesicht mit hellen, ebenfalls gläsern wirkenden Augen. Der Sharpskarabiner lag wieder quer vor ihm auf dem Sattel. Mit kalter, unerschütterlicher Ruhe beobachtete er, wie Drury, Slater und Braddock ausschwärmten und tief aus den Sätteln gebeugt jeden Fußbreit Boden ringsum absuchten.

Die Sonne glühte senkrecht über ihnen. Sie schwitzten, knurrten, fluchten. Nur John Leland sah aus, als könnte er noch stundenlang in der sengenden Hitze reglos im Sattel hocken, ohne die Miene zu verziehen. Ein Mann wie aus Eis. Ein Mann, der auch ohne sein Gewehr, ohne den tief hängenden 45er Colt an seiner Seite den Hauch tödlicher Gefährlichkeit ausgestrahlt hätte. Er war ein Boss, der nur den hartgesottensten Profis eine Chance in seiner Crew gab. Er wusste, dass er sich nicht nur auf die schnellen Hände, sondern auch auf die scharfen Augen seiner Reiter verlassen konnte.

Seine Miene blieb eine starre, kalte Maske, als Drury nach einer Weile seinen grobknochigen Gaul zu ihm lenkte. Wut und Enttäuschung spiegelten sich auf Drurys Gesicht.

„Nichts, verdammt noch mal! Kein Fußabdruck, kein losgetretener Stein. Der Kerl muss mit dem Teufel im Bund sein!“

Leland blickte ihn auf eine Weise an, dass der grobschlächtige Bandit den Kopf einzog. „Sucht weiter!“, befahl der Bandenboss eisig.

Achselzuckend ritt Drury zu den anderen zurück, ohne zu ahnen, wie nahe die Hufe seines grauen Wallachs an Shengs Versteck vorbeistampften. Der Mann vom Weißen Lotus lag unter einem entwurzelten, verdorrten Dornbusch in einem engen, von niedrigem Gestrüpp und dürren Grasbüscheln gesäumten Graben.

Die Sonne stach wie mit Feuerpfeilen durch das Zweigwerk. Hemd und Jacke klebten ihm schweißnass auf der Haut. Seine Kehle war ausgedörrt. Aber er atmete flach und gleichmäßig. Damals im Kloster vom Weißen Lotus hatte er gelernt, Durst und Hunger, Hitze und Kälte, alle Strapazen zu ertragen. Er konnte stundenlang reglos in der prallen Sonnenglut liegen, ohne auch nur einen Finger zu rühren. Kung Fu, das war mehr als die Kunst der waffenlosen Selbstverteidigung. Es war auch die Kunst, den Geist zur höchsten Disziplin und Vollendung zu erziehen, eins zu werden mit der Natur, mit den Elementen. Ein Mann war stark und unbesiegbar, wenn er es lernte, die Kraft, die in ihm schlummerte, zu wecken.

Shengs Sinne waren hellwach, seine Muskeln zur blitzschnellen Reaktion bereit. Er verstand jedes Wort. Er hörte das Knarren des Sattelleders, das Klirren der Gebissketten. Hufe klopften nahe vorbei. Steine kollerten in den Graben.

Dann fiel ein Schatten auf ihn. Ein Pferd schnaubte. Slaters mürrische Stimme erklang.

„Es hat keinen Zweck, Jungs. Je mehr Zeit wir hier vertrödeln, umso größer wird sein Vorsprung. Ich wette, er ist über die Felsen geklettert, um uns abzuschütteln. Warum hätte er sonst den Gaul zurückgelassen? Leland, was meinst du?“

Keine Antwort. Stampfende Hufe, die sich dem Graben näherten. Sheng presste sich fester auf den steinigen Boden. Er hatte das Gefühl, als würde sich die Sonne verdunkeln und ein kalter Hauch über ihn wegstreichen. Er sah Leland nicht, aber mit dem Instinkt des jahrelang Gehetzten spürte er die Nähe der Gefahr, die Bereitschaft, schnell und mitleidlos zu töten. Sein Herz schlug heftig. Er dachte an Nin Tai, an das Versprechen, das er ihr gegeben hatte.

Die Hufe kamen genau auf ihn zu. Noch sieben Yard, noch sechs ... Kein Ton von Drury, Slater und Braddock. Tauschten sie verstohlene Zeichen? Richteten sie bereits ihre Waffen auf den Dornbusch, unter dem er lag? Sheng biss die Zähne zusammen und bewegte sich nicht.

Lelands Pferd sprang über die Bodenrinne. Ein Teil des Grabenrandes brach unter den hart aufsetzenden Hufen ab. Staub wolkte. Dann wieder der spröde Klang von Lelands Stimme, nur wenige Schritte von Shengs Versteck entfernt: „Okay, reiten wir erst mal zu Dunroy. Holen wir uns seine Tochter. Zu Fuß kommt dieser schlitzäugige Hundesohn sowieso nicht weit.“

Die vier Pferde wirbelten dichten Staub auf, der wie eine Wolke über Shengs Versteck hing. Schatten wischten vorbei. Hufeisen klirrten.

Dunroy!

Er war verloren, wenn Sheng es nicht schaffte, vor den Verbrechern bei ihm zu sein. Trotzdem blieb der große, schlanke Mann in seinem Versteck, bis von den Reitern nichts mehr zu hören war. Er wartete mit der unbeirrbaren Geduld der Schlange, deren Bild er auf der Unterseite seines linken Armes trug.

Erst als er sicher war, dass sie nicht umkehren würden, sprang er aus dem Graben. Sie hatten das Pferd mitgenommen. Aber er brauchte es nicht mehr. Eine dünne Rauchsäule hinter einem Felsmassiv wies ihm den Weg. Er würde schneller sein als die Reiter, die jedem Hindernis ausweichen mussten. Sein Chi war stark.


*


Dunroys Fähre.

Niedrige, mit Erdschollen gedeckte Adobe-Lehmhütten, die sich am Fuß einer gigantischen rotglühenden Felsmauer duckten. Dazu ein Maisfeld, Bohnenstauden, die sich an dünnen Stangen rankten, ein Korral mit zwei struppigen, mageren Pferden. Kein Rauch stieg mehr aus dem steingemauerten Kamin. Ein Hauch von Leere, Einsamkeit. Der Gila River rauschte in seinem felsigen Bett nahe vorbei. Seine Oberfläche glitzerte und flimmerte wie von einer Million Silberstreifen bedeckt. Ein Drahtseil spannte sich von einem klobigen Balkengerüst zum anderen über den Fluss. Darunter lag das massige Floß mit einem Geländer an den Längsseiten am Ufer vertäut. Keine Staubfahne über den sandigen Höhen beiderseits des Flusses, die das Nahen von Reitern ankündigte.

Sheng blieb mitten auf dem heißen, staubigen Hof stehen.

„Dunroy?“

Das monotone, ewige Rauschen des Gila schien den Ruf zu verschlucken. Die Fensterluken der Wohnhütte starrten ihn wie dunkle drohende Augen an. Die Tür stand offen. Das Innere der Hütte war in undurchsichtige Dämmerung gehüllt. Plötzlich klirrte ein Gewehrschloss hinter ihm.

„Bleib, wo du bist! Keine falsche Bewegung! Dreh dich nicht um!“

Eine tiefe, raue Stimme. Sheng hörte die verzweifelte Entschlossenheit aus ihr. Er erstarrte. Im Haus bewegte sich jemand. Getuschel. Hastige, leichte Schritte. Er lauschte auf das rostige Knarren des Scheunentors hinter sich. Stiefel malmten näher.

„Dunroy?“, wiederholte er ruhig.

„Ja, zum Teufel, und ich bluffe nicht! Ich schieße sofort. Wirf dein Bündel weg! Vorsichtig! Wenn du ’ne Waffe anfasst, knallt es!“

„Ich bin unbewaffnet. Ich komme als Freund.“

Ein zorniges Lachen. „Ja, so siehst du aus! Halt die Klappe, Mensch! Rede nur wenn du gefragt wirst!“

Der kalte Stahl einer Gewehrmündung berührte Shengs Rücken. Trotzdem wandte er vorsichtig den Kopf. Dunroy war ein breitschultriger, bärtiger Mann mit struppigem Haar und zornig funkelnden blauen Augen. Breite Hosenträger spannten sich über sein kariertes derbes Baumwollhemd. Seine klobigen Stiefel reichten bis über die Knie. Die Ruderstange seiner Fährte schien besser in die schwieligen, fast schaufelgroßen Hände zu passen als der alte Lee Enfield-Karabiner. Ein Modell, das noch aus den Arsenalen der ehemaligen Südstaaten-Armee stammte.

Sheng sah mehr als den Zorn und die grimmige Entschlossenheit in Dunroys Augen. Dicke ölige Schweißtropfen auf Dunroys Stirn. Sie kamen nicht nur von der sengenden Sonne, die den Fluss in ein gleißendes Silberband verzauberte. Angst! Und ein Mann, der Angst hatte und dazu eine geladene Waffe, war gefährlich, unberechenbar.

„Wer bist du?“

„Sheng. Ein Freund.“

„Ich habe keine Freunde. Ich brauche keine.“

„Vielleicht doch.“

Dunroy schob sein bärtiges, massiges Kinn vor. „Glaub ja nicht, du kannst mich einwickeln, Kerl! Ich lebe seit Jahren mit meiner Familie allein hier draußen am Fluss. Nicht nur, weil niemand etwas mit ’nem Mann zu tun haben will, der ‘ne Chinesin zur Frau hat. Ich pfeife auf die Meinung der großmäuligen Brut in Gila Bend und den anderen Städten am Gila, für die jeder Mex, jeder Indio, jeder Chinese nur ein Mensch zweiter Klasse ist! Und ich brauche erst recht niemand, der mir hilft, mit Halunken, wie du einer bist, und deinen Kumpanen fertig zu werden!“

Wütend spuckte er aus, aber das Flackern in seinen Augen blieb. Kein Muskel bewegte sich in Shengs Gesicht. Seine Gedanken rasten.

„Sie irren sich, Dunroy. Ich bin allein. Ich habe keine Kumpane. Ich bin hier, um ...“

„Ich weiß, warum!“, unterbrach ihn der Bärtige schroff. „Du gehörst zu den verdammten Schuften, vor denen kein Chinesen und Halbblutmädchen im Süden Arizonas mehr sicher ist. Nein, zum Teufel, es hat keinen Zweck, wenn du es leugnest! Gib zu, dass sie dich als Kundschafter geschickt haben. Ich weiß Bescheid. Ich bin keiner von den trägen Pfeffersäcken, die nur mit ’nem Grinsen oder Achselzucken reagieren,, wenn jemand die Rede auf eines der verschwundenen Chinagirls bringt. Ich glaub’ nicht an Zufälle. Hab’ selber eine Tochter, die vielleicht eines Tages nach Mexiko oder sonstwohin verschwinden könnte! Aber nicht, solange ich lebe! Nicht, solange ich eine Knarre halten kann! Behaupte ja nicht, dass du nur zufällig hier aufkreuzst! Denn ich weiß außerdem, dass deine Komplizen sich seit Tagen am Gila River herumtreiben und bereits auf dem Weg hierher sind.“

Jedes Wort wie ein Hammerschlag. Bevor Sheng etwas sagen konnte, meldete sich eine salbungsvolle Stimme aus der dämmrigen Hüttentür.

„Er weiß es von mir. Denn der Herr hat mich geschickt, um ihn vor der Gefahr zu warnen, die ihm und seiner Familie droht.“

Erstaunt blickte Sheng auf die seltsame Gestalt, die mit steifen, übertrieben würdevollen Schritten über den heißen Hof kam. Ein hagerer, etwa fünfzigjähriger Mann, trotz der Hitze in einen schwarzen wallenden Umhang gehüllt, über den ein weißer Stehkragen ragte. Langes, silbergraues Haar, das bis auf die knochigen Schultern reichte. Ein breitrandiger schwarzer Hut beschattete ein fahles glattrasiertes Gesicht. Brennende, tiefliegende Augen. Die Augen eines Fanatikers. Eine leiernde Stimme, die das Rauschen des Flusses übertönte.

„Ich bin Gideon, der Prediger, der Streiter Gottes! Ein Mann des heiligen Wortes und der gerechten Tat. Aber auch ein Mann, der weit herumkommt, viel sieht, viel hört. Es gibt keine Sünde, die meinen Augen verborgen bleibt.“

„Dann sagen Sie Dunroy, dass ich mit den Banditen, die seine Tochter verschleppen wollen, nichts zu tun habe!“, stieß Sheng hervor.

Der Prediger blieb groß, hager und aufrecht vor ihm stehen. Seine knochigen Hände umklammerten das große versilberte Kruzifix, das an einer Kette auf seiner Brust hing. Er hielt es Sheng wie eine Waffe entgegen.

„Ich bin Gideon, der Verkünder der Wahrheit! Wenn du leugnest, mein Sohn, wird dich die gerechte Faust. Gottes treffen! Knie nieder! Bekehre dich! Tu Buße und gestehe alles!“

Sheng schaute fest in die unheimlich lodernden Augen.

„Ich habe nichts zu gestehen.“

„Überlassen Sie ihn mir, Reverend! Ich bring ihn schon zum Reden!“, knurrte der bärtige Fährmann. Ein Stoß mit dem Gewehrlauf. „Los, mach das Maul auf, du Lump! Wann werden sie hier sein? Wie viele sind es? Glaub ja nicht, ich werde nicht abdrücken! Es geht um mehr als um meinen Skalp. Es geht um meine Familie. Ich warte zehn Sekunden, nicht länger!“

„Nein, Dunroy!“, rief der Schwarzgekleidete. „Du sollst nicht töten, spricht der Herr, und: Mein ist die Rache! Denn das Kreuz ist mächtiger als die Waffe. Auch dieser Mann wird seine Macht zu spüren bekommen und sich beugen.“

Ein Schimmer von Unbehagen auf Dunroys bärtigem Gesicht. „Schon gut, Reverend, ich weiß, dass ich in Ihrer Schuld stehe. Aber ich weiß auch, wie man so einen verstockten Schuft zum Reden bringt. Gehen Sie ins Haus, Sir. Meine Frau wird Ihnen eine Tasse Tee aufbrühen, wenn Sie wollen. Nicht wahr, Yün Peh?“

Unwillkürlich klang seine Stimme ein wenig weicher. Eine kleine, zierliche Chinesin in einem kimonoähnlichen Seidengewand war neben ihn getreten. Graue Strähnen durchzogen das dunkle, zu einer kunstvollen Frisur verknotete Haar. Ein sorgenerfülltes, von einem ärmlichen Leben gezeichnetes Gesicht. Dunkle, schmale Augen, die in Shengs Miene forschten. Augen, die ihn an Nin Tai, die schöne Gefangene der Mädchenräuber, erinnerten. Eine leise, singende Stimme.

„Bist du sicher, dass er zu den Verbrechern gehört, Dave? Sieh, er ist ein halber Chinese, ein Mann meines Volkes ...“

„Ich wette, gerade deswegen haben sie ihn geschickt!“

Sheng drehte sich. „Ich bin hier, weil ich Sie vor den Männern warnen wollte, für deren Komplizen Sie mich halten. Es sind auch meine Feinde.“

Dunroy lachte wütend. „Jetzt hältst du dich weiß der Teufel für wie gerissen, was?“

Sheng dachte an Leland und seine Killer, die bereits auf dem Weg hierher waren. Wie viele Minuten noch, bis sie mit feuerspeienden Colts über die Hügel stürmen würden? Aber seine Ruhe war unerschütterlich.

„Ich will Ihnen helfen, Dunroy, auch wenn Sie glauben, keine Hilfe zu benötigen. Denken Sie nach! Es gibt keinen Anhaltspunkt für einen Verdacht gegen mich.“ Er wies mit einer Kopfbewegung auf den seltsamen Prediger. „Ebenso könnten Sie ihn für einen Spion der Mädchenräuber halten.“

„Jetzt reicht’s! Jedes Kind zwischen Prescott und der mexikanischen Grenze weiß, wer Reverend Gideon ist. Seit Jahren zieht er als Wanderprediger durchs Land.“

Sheng blickte den hageren Priester an. „Bitte entschuldigen Sie! Es war nicht persönlich gemeint.“

„Schluss mit den Mätzchen!“ Dunroys Enfield ruckte drohend. „Zehn Sekunden für die Wahrheit, und die Zeit ist um!“

„Es war die Wahrheit.“

„Unerforschlich sind die Wege des Herrn!“, verbündete Gideon mit theatralisch erhobenen Händen. „Vielleicht hat er recht.“

„Wenn nicht?“

„Du wirst es wissen, Dunroy, sobald die Schurken kommen, die ich auf meinem Weg zu deiner Fähre gesehen habe. Wozu gleich Blut vergießen? Genügt es denn nicht, wenn du ihn bis dahin als deinen Gefangenen bewachst?“

„Danke, Reverend“, sagte Sheng ruhig.

„Danke nicht mir, sondern dem Allmächtigen, dessen Auftrag ich erfülle!“

Inbrünstig presste der seltsame Mann das versilberte Kreuz an sieh. Dunroy zog ärgerlich die buschigen Brauen zusammen, holte ein paar Stricke aus der Hosentasche und warf sie dem Prediger zu.

„Fesseln Sie ihn, Reverend! Die Kerle können jeden Augenblick hier sein. Wir werden uns verschanzen und sie gehörig empfangen. Nein, nein, ich weiß schon — nicht nötig, dass sie ’ne Waffe anfassen. Mary!“, rief er über den Hof. „Bleib im Haus! Lass dich nicht sehen! Verriegle die Läden und leg’ alle Schießeisen bereit, die du findest!“

„Ja, Vater.“

„Sie sollten über den Fluss fliehen, Dunroy“, mahnte Sheng.

Ein hartes Auflachen. „Da haben wir es! Er will uns weglocken! Gib dir keine Mühe, Freundchen, aus deinem Spiel wird nichts! Los, Reverend, binden Sie ihm die Pfoten zusammen, aber so, dass er so schnell nicht loskommt!“

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738927344
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (April)
Schlagworte
sheng sklavin

Autor

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Titel: Sheng und die schöne Sklavin: Sheng 20