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Das besessene Haus Tony Ballard Nr. 165

2019 120 Seiten

Leseprobe

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /COVER MICHAEL SAGENHORN


© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Das besessene Haus Tony Ballard Nr. 165

von A.F.Morland




Frank Esslin, der Söldner der Hölle, drehte sich mißtrauisch um. Diese Stille war ihm nicht ganz geheuer. Er hatte das Gefühl, beobachtet zu werden.

Da war ein Schleichen und Kriechen in der undurchdringlichen Dunkelheit, und manchmal war ein kaum wahrnehmbares Tappen zu hören. Der Mann, der einst Tony Ballards Freund gewesen war, kniff die Augen zusammen.

Vor langer Zeit war Esslin von Rufus, dem Dämon mit den vielen Gesichtern, »umgedreht« worden, und später ließ ihn Yora, die Totenpriesterin, zum Mord-Magier ausbilden.

Er war gefährlich geworden, ein Mann, dessen Waffe die schwarze Magie war.

Ein aggressives Knurren klang plötzlich auf. Blitzschnell hob Esslin die Hände…

»Komm allein«, hatte sie gesagt. »Du brauchst Kayba, deinen dämonischen Schutzengel, nicht, wenn wir uns treffen. Du hast von mir nichts zu befürchten. Es bedarf keines Schutzes vor dem, was ich dir geben möchte.« So hatte er den Lava-Dämon, der ihn für gewöhnlich überallhin begleitete, zurückgelassen.

»Es ist nicht gut, allein zu gehen«, hatte der bärtige Riese mißtrauisch gesagt.

»Sie will es so«, hatte Frank Esslin erwidert.

»Du solltest niemals tun, was eine Frau dir sagt«, meinte Kayba kopfschüttelnd.

Der Söldner der Hölle grinste breit. »Agassmea hat sich in mich verliebt. Ich brauche sie nicht zu fürchten.«

»Ich würde die Finger von ihr lassen.« Kayba spuckte auf den Boden. »Du beschwörst damit unter Umständen Gefahren herauf, denen du nicht gewachsen bist. Ich glaube gern, daß es dir schmeichelt, von Agassmea beachtet zu werden, aber…«

»Beachtet?« Frank Esslin lachte. »Sie ist verrückt nach mir.«

»Sie ist eine sehr unbeständige Frau, und Treue kennt sie nicht. Heute betrügt sie Höllenfaust, den Anführer der Grausamen 5, morgen betrügt sie dich mit einem anderen.«

»Das ist mir egal. Für mich ist sie ohnehin nur ein flüchtiges Abenteuer. Sie ist sehr schön, und ich bin kein Kostverächter, deshalb werde ich ihr den Gefallen tun, nach dem ihr ist.«

»Und wenn Höllenfaust davon erfährt?«

Frank Esslin grinste. »Ich habe nicht die Absicht, es ihm auf die Nase zu binden. Du etwa?«

»Ich bin dein Freund, du hast mir das Leben gerettet. Denkst du, ich verrate dich?«

Der einstige WHO-Arzt nickte langsam. »Ja, Kayba, ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß du mich eines Tages verrätst.«

Zorn funkelte in den Augen des großen Lava-Dämons. »Kein anderer dürfte so mit mir reden!« knurrte er.

Der Söldner der Hölle lachte. »Ich weiß. Ich darf dir vieles sagen, von mir schluckst du alles.«

»Aber du solltest es nicht übertreiben.«

»War das eine versteckte Drohung?«

Kayba senkte den Blick. Frank Esslin hatte ihn beleidigt, doch es fiel ihm nicht ein, sich zu entschuldigen.

Er trennte sich von dem hünenhaften Lava-Dämon und ging, um sich mit der Katzengöttin Agassmea zu treffen. Sie hatte sich mit Höllenfausts Hilfe zur Herrscherin aller Raubkatzen gemacht.

Ohne Höllenfausts Unterstützung hätte sie es nicht geschafft, sich auf den Katzenthron zu setzen - und wie dankte sie es ihm? Mit Lug, Trug und Falschheit.

Das sah Agassmea ähnlich. Als sie erreicht hatte, was sie wollte, war ihr der Anführer der Grausamen 5 nicht mehr wichtig. Sie brach zwar nicht mit ihm, aber die Leidenschaft verflog, und sie hielt Ausschau nach einem anderen Geliebten.

Dabei war ihr Auge auf Frank Esslin gefallen, und der Mord-Magier nahm diese Chance wahr, schließlich bot sich ihm nicht jeden Tag eine solche Superfrau an.

Kayba hatte natürlich recht. Er beschwor damit gewisse Schwierigkeiten herauf, aber er wäre in seinen Augen ein Feigling gewesen, wenn er sich deshalb hätte davon abhalten lassen.

Das aggressive Knurren hatte Frank Esslin herumgerissen, und er wollte augenblicklich seine Abwehrmagie aktivieren, als er die große Raubkatze sah, doch plötzlich stutzte er. Er sah die Streifen des Fells und erkannte, daß er eine Tigerin vor sich hatte.

Und die »Tigerfrau« erkannte ihn auch. Das Knurren wurde zu einem Schnurren, die Tigerin kam näher und rieb ihren Kopf an Frank Esslins Schenkel.

Er grinste und kraulte ihr Fell. Sie richtete sich auf und wurde zu einer bildschönen, halbnackten Frau. Tigerfellstreifen bedeckten höchst spärlich ihre Blößen, ihre dunkles Haar schimmerte seidig.

Frank Esslin war fasziniert von Agassmeas überwältigender Schönheit und sah es als große Auszeichnung an, daß sie sich für ihn interessierte.

»Wo ist Kayba?« fragte die Katzenkönigin.

»Er wartet auf mich. Ich bin allein gekommen, wie du es gewünscht hast.«

Sie lächelte mit blitzweißen Zähnen. »Wirst du immer tun, was ich will?«

»Kommt darauf an, was es ist«, antwortete Frank Esslin ausweichend. »Außerdem… Immer. Man sollte sich nicht festlegen. Was uns heute gefällt, findet morgen vielleicht schon nicht mehr unsere Zustimmung.«

»Weise gesprochen, Frank Esslin.« Agassmea griff nach seiner Hand. »Komm.«

Er ging mit ihr. Sie führte ihn zielstrebig durch die Dunkelheit. Dies war ihre Welt, das Reich, in dem ihre Wünsche Gesetze waren. Nur Frank Esslin brauchte sich nicht zu fügen, ihm räumte Agassmea eine Sonderstellung ein.

Selbstverständlich brauchte sich auch Höllenfaust nicht zu fügen, aber das war etwas anderes.

Sie gingen nicht weit. Vor ihnen hellte ein blutroter Schein die Finsternis auf. Agassmea führte Frank Esslin zu sieben steinernen Teufelsköpfen, die aus einer Felswand herausgehauen worden waren. Die Augen der Schädel glühten, und aus ihren offenen Mäulern schossen dicke brennende Wasserfontänen, die sich in ein großes Steinbecken ergossen.

Agassmea wies auf den kleinen Flammensee. »Dort drinnen will ich dir gehören«, sagte sie kehlig.

***

Vicky Bonney, meine blonde Freundin, war geschäftlich verreist gewesen. Mr. Silver, der Ex-Dämon, hatte sie begleitet, und während ihrer Abwesenheit hatten sich Roxane, die Hexe aus dem Jenseits, und ich uns mit Parembao, dem Rächer aus der grünen Hölle, herumgeschlagen. [1]

Parembao lebte nicht mehr, aber der bärtige Werwolfjäger Terence Pasquanell hatte sich dessen Zauberhelm geholt, der ihn von Yora unabhängig machte.

Wir hätten den Helm gern zerstört, denn er war eine gefährliche magische Waffe. Nun würde Terence Pasquanell mit Sicherheit mehr denn je auftrumpfen, denn der Zyklopenhelm machte ihn nicht nur unabhängig, sondern auch gefährlich stark.

Das alles berichtete ich Mr. Silver. Wir saßen zusammen mit Vicky und Roxane im Living-room. Als ich endete, war es schon ziemlich spät geworden. Ich trank einen Pernod, und Vicky gähnte herzhaft.

»Ich bin müde«, sagte sie in die Runde.

»Dann würde ich an deiner Stelle zu Bett gehen«, meinte Mr. Silver lächelnd.

»Genau das habe ich vor«, gab Vicky zurück. »Kommst du auch, Tony?« fragte sie, und sie sah mich mit einem verlangenden Blick an, der mir verriet, daß sie so müde noch nicht war.

»Klar«, erwiderte ich, ein Grinsen unterdrückend. »Mir fallen auch schon ständig die Augen zu.«

Aber Mr. Silver konnte man nichts vormachen. Als wir hinausgingen, hörte ich den Ex-Dämon zu Roxane sagen: »Die beiden bringen mich auf eine großartige Idee…«

***

»Hast du Angst vor dem Feuer?« fragte Agassmea. »Es wird dir nichts anhaben. Ich kann es beeinflussen. Es wird dich kühlen und liebkosen, du fühlst dich darin wunderbar. Es wird dir Kraft und Ausdauer verleihen.«

Die Katzengöttin streckte die Hände vor, und das Feuer duckte sich, als würde es sich fürchten. Frank Esslin sah den magischen Ring an ihrer Hand.

Ein Goldreif war es mit einem schwarzen Stein, der in der Form eines Pentagramms geschliffen war. Es handelte sich um Tony Ballards Ring.

Lange Zeit hatte ihn der Dämonenjäger getragen und gegen die schwarzen Feinde eingesetzt - eine hervorragende Waffe. Ein Dieb hatte den Ring gestohlen und verkauft, und auf Umwegen hatte ihn schließlich Frank Esslin an den Finger bekommen.

Aber der Söldner der Hölle konnte diese magische Waffe, die er verstärkt hatte, nicht behalten, denn als er Kayba das Leben rettete, legte er sich mit den Grausamen 5 an.

Er hatte die Wahl: entweder Höllenfaust den Ring zu überlassen oder zu sterben. Die Entscheidung war dementsprechend einfach für ihn.

Zum Zeichen seiner Wertschätzung hatte Höllenfaust den magischen Ring seiner Geliebten Agassmea geschenkt. Als Frank Esslin ihn jetzt sah, wollte er ihn gern wiederhaben. Vielleicht ergab sich eine Gelegenheit, ihn der Katzenkönigin abzuluchsen. Frauen haben hin und wieder schwache Momente - nicht nur auf der Erde.

Agassmea legte die Fellstreifen ab und sprang kopfüber in den Feuersee. Sie tauchte auf, und das Wasser loderte auf ihrer Haut. Sie rief Frank Esslin zu sich.

Wenn er nicht als Feigling erscheinen wollte, mußte er ihr folgen, aber sehr wohl fühlte er sich dabei nicht. Er zog sich aus und schuf sicherheitshalber einen magischen Schutz.

Er sprang nicht in das Steinbecken, sondern tauchte zunächst nur einen Fuß ein. Er hätte ihn sofort zurückgerissen, wenn ihn das brennende Wasser angegriffen hätte, doch es vermittelte ihm ein wohliges Gefühl.

Die Flammen sahen nach Hitze aus, aber das Wasser war nicht heiß, sondern gut temperiert.

»Komm!« lockte Agassmea ihn. »Komm, es ist herrlich!«

Er stieß sich vom Felsenrand ab und tauchte neben ihr ein. Das seltsame Wasser drang in ihn ein, durchflutete ihn auf eine geheimnisvolle Weise und kräftigte ihn.

Er tauchte auf und näherte sich der Tigerfrau, die ihn mit einem leidenschaftlichen Flackern in den Augen erwartete, griff nach ihr und zog sie an sich.

Er bemerkte kaum, daß sie versanken. Sie gingen unter, lagen auf dem merkwürdig weichen Grund des Feuersees, ohne daß er Schwierigkeiten mit dem Atmen hatte. Vieles schien hier möglich zu sein, was es auf der Erde niemals hätte geben können.

Frank Esslin wälzte sich mit Agassmea über den Grund des Feuersees, und ihre Körper verschmolzen miteinander…

***

Yvonne Remick war keine Schönheit, aber sie sah ganz gut aus, denn sie wußte sich gut zu kleiden und zu schminken. Ihre Lachfältchen waren etwas zu tief, die kleine Nase ragte etwas zu steil nach oben, aber ihr langes, sandfarbenes Haar bot dem Gesicht einen aparten Rahmen.

Sie hatte ein bezauberndes Lächeln und war beneidenswert schlank. Daß sie bereit war, für ihre gute Figur so manche Tortur auf sich zu nehmen, wußten die wenigsten.

Sie unterrichtete Mathematik an einer Höheren Schule in Plymouth und hatte im allgemeinen keine Probleme mit den Schülern, denn den meisten gefiel sie, und bestimmt träumte so mancher davon, mit ihr eine heiße Nacht zu verbringen.

Nur ein Schüler machte ihr das Leben schwer: Edward Wills, ein aufsässiger Knabe, Brillenträger, Besserwisser, Störenfried und Lügenbold.

So hatte er zum Beispiel behauptet, Miß Remick hätte ihn nackt unter der Dusche gesehen und ihm ein unsittliches Angebot gemacht. Revanchieren wollte sie sich hinterher mit besseren Zensuren. Er habe jedoch abgelehnt.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Geschichte in der Schule, und natürlich kam sie auch dem Direktor zu Ohren. Er bat Miß Remick in sein kühles, holzgetäfeltes Büro.

»Sie möchten mich sprechen?« sagte Yvonne beim Eintreten.

Joseph Scofield bot ihr Platz an. Sehr ernst, besorgt sah er aus. Seit vielen Jahren leitete er die Schule. Ein so delikates Problem wie dieses hatte es noch nie gegeben, deshalb wußte er nicht genau, wie er beginnen sollte.

Er sprach zunächst ganz allgemein über Sitte und Moral, mit der man heutzutage nicht mehr zufrieden sein könne, weil sie zu locker gehandhabt würde.

»Irgendwann wird uns das ins Chaos stürzen, Sie werden es erleben, Frau Kollegin. Die hemmungslose Genußsucht wird den Menschen eines Tages zum Verhängnis werden.«

Ich unterrichte Mathematik an dieser Schule, dachte Yvonne, und nicht Theologie oder Sexualkunde. Wie kommt er auf dieses Thema?

»Unsere Schule war bisher immer sehr sauber, was diese Dinge angeht. Ein Vorbild, möchte ich sagen«, meinte der Direktor. »Seriöse Lehrkräfte waren ein Garant dafür, daß solche Sachen nicht einreißen konnten, doch nun… Sie sind nicht verheiratet, nicht wahr?«

Er wußte, daß sie ledig war. Warum stellte er diese Frage? Sie lächelte. »Nein, ich bin noch zu haben.«

»Keinen festen Freund?«

Ich wüßte nicht, was dich das angeht, dachte Yvonne ein wenig verärgert.

»Nein«, antwortete sie und bemühte sich, freundlich zu bleiben. Sie wußte immer noch nicht, worauf der Direktor nun eigentlich hinauswollte. Warum kam er denn nicht endlich auf den Punkt?

»Wie kommen Sie mit Ihren Schülern aus?« wollte er wissen.

»Gut. Wir haben ein freundschaftliches Verhältnis«, antwortete Yvonne.

»Finden Sie nicht, daß eine gewisse Zurückhaltung angebrachter wäre? Die Schüler könnten Ihre Freundlichkeit mißverstehen.«

»Ich hatte bisher noch keine Schwierigkeiten.«

»Auch nicht mit Edward Wills?«

»Hat er sich beschwert?« fragte Yvonne zurück.

»Was halten Sie persönlich von Wills?« wollte Joseph Scofield wissen.

»Er ist ein schwieriger Mensch. Wenn ich ehrlich sein soll: Ich würde ihm keine Träne nachweinen, wenn er die Schule verlassen würde, Sir.«

»Haben Sie ihm irgendwann unter vier Augen… unzulässige Zusagen gemacht?«

Yvonne sah den Direktor zornig an. »Ich soll… was? Wie kommen Sie denn auf diese verrückte Idee? Oh, ich bitte um Entschuldigung, das ist mir herausgerutscht.«

»Sie scheinen eine sehr gefühlsbetonte junge Frau zu sein, Miß Remick. Ich halte das für gefährlich. Wissen Sie, was man sich über Sie und Edward Wills an dieser Schule erzählt?« Er verriet es ihr.

Yvonne schnappte empört nach Luft. »Und das glauben Sie? Dieses haltlose Gerücht kann nur Wills ausgestreut haben.«

»Warum hätte er so etwas tun sollen?«

»Um mir eins auszuwischen, weil ich ihm auf die letzte Arbeit eine glatte Fünf gegeben habe. Ich war weder in den Duschräumen, noch habe ich Edward Wills irgendein unsittliches Angebot gemacht! Würden Sie das bitte zur Kenntnis nehmen.« Yvonne war laut geworden. Nun sprang sie auf.

Scofield erhob sich ebenfalls. »Beruhigen Sie sich, Frau Kollegin. Sie müssen verstehen…«

Yvonne schüttelte den Kopf. »Nein, Sir, das verstehe ich nicht. Sie sollten mich besser kennen und solchen häßlichen Gerüchten keinen Glauben schenken.«

»Es tut mir leid.«

»Ich werde mir Wills vorknöpfen!« zischte Yvonne aggressiv.

»Wenn Sie klug sind, tun Sie das nicht«, sagte der Direktor. »Die Sache wird noch mehr Staub aufwirbeln, und es wird Leute geben, die meinen: ›Warum regt sie sich so auf, wenn an der Sache nichts Wahres dran ist?‹ Verstehen Sie, was ich meine?«

»Nur zu gut.«

»Übergehen Sie es. Lassen Sie Gras darüber wachsen.«

»Dann werden die Lästermäuler sagen: ›Es muß etwas Wahres dran sein, sonst würde sie das Gerücht entkräften.‹«

»Ich möchte Frieden in meiner Schule haben, Miß Remick«, sagte der Direktor ernst.

»Sonst noch was?« fragte Yvonne eisig. »Oder darf ich gehen?«

Joseph Scofield entließ sie mit einer freundlichen Handbewegung. Edward Wills konnte von Glück sagen, daß er ihr jetzt nicht über den Weg lief, denn sie war so zornig, daß sie ihn geohrfeigt hätte.

Sie war froh, sich ein paar Tage frei genommen zu haben. Ihr Vater heiratete zum zweitenmal, und sie wollte dabeisein. Sie fuhr von der Schule direkt nach Hause, streifte den Ärger ab wie die Schlange ihre alte Haut, schnappte das bereitstehende Gepäck, verstaute es in ihrem Wagen, stieg ein und fuhr nach London.

Vater hatte ihr geschrieben, daß er an seinem Haus ein paar Umbauten vornehmen wolle, aber sie hatte nicht geglaubt, daß er das so bald schon angehen würde.

Als sie das große Haus erreichte, in dem ihre Eltern sie großgezogen hatten - ihre Mutter war vor sieben Jahren an einer schweren, unheilbaren Krankheit gestorben -, waren nur die Bauarbeiter da.

Der gesamte Keller sollte zu einem Tonstudio ausgebaut werden. Vaters zweite zukünftige Frau, Rhonda Albee, brachte einen Sohn in die Ehe, der Popmusiker war. Für ihn sollte das Studio gebaut werden, damit er seine Songs in Zukunft selbst produzieren konnte.

Schutt türmte sich neben dem Hauseingang. Ein Mann namens John Richardson ließ Yvonne nicht ins Haus. Er war für den Umbaufortschritt verantwortlich und erklärte der jungen Frau, daß Mr. Peter Remick für ein paar Tage ins »Ritz« gezogen wäre.

»Er kommt erst zurück, wenn hier alles fertig ist«, gab Richardson Auskunft, ohne zu wissen, daß er Peter Remicks Tochter vor sich hatte.

»Darf ich mal sehen, wie weit Sie sind?« fragte Yvonne.

Richardson schüttelte den Kopf. »Das kann ich Ihnen leider nicht erlauben, Lady.«

»Ich bin sicher, Dad hätte nichts dagegen«, meinte Yvonne.

»Dad?«

»Peter Remick, mein Vater. Ich bin Yvonne Remick.«

John Richardson setzte eine belämmerte Miene auf. »Das konnte ich nicht wissen, tut mir leid, Miß… Selbstverständlich habe ich nichts dagegen, daß Sie sich im Haus umsehen, wenn Sie Miß Remick sind.«

»Soll ich mich ausweisen?«

»Das ist wirklich nicht nötig, Miß Remick.«

Er wollte sie auffordern, ihm zu folgen, da keuchte ein Mann bleich und mit weit aufgerissenen Augen durch die Halle. »Mr. Richardson! Mr. Richardson!«

»Entschuldigen Sie mich, Miß Remick«, bat John Richardson und wandte sich dem Arbeiter zu. »Was ist passiert?«

»Kommen Sie schnell!«

»Ist die Mauer umgefallen, die wir gestützt haben?«

»Wir haben etwas entdeckt, Sir! Eine Leiche! Ein Skelett!«

***

Das Zusammensein mit Agassmea gestaltete sich für Frank Esslin zu einem unvergeßlichen Erlebnis. Sie war die wildeste Frau, die er je besessen hatte.

Tiefe Kratzwunden bedeckten seinen Rücken, doch er spürte keinen Schmerz. Das Wasser des Feuersees kühlte und linderte die Kratzer, und man konnte dabei Zusehen, wie sich die Wunden langsam wieder schlossen.

Agassmea war mit ihm zufrieden gewesen. Jetzt schmiegte sie sich eng an ihn und schnurrte leise. Sie sagte, er solle sich von ihr etwas wünschen, sie wolle ihn belohnen.

Er lächelte. »Ich brauche nichts. Ich habe alles.«

»Aber ich möchte dir irgend etwas geben«, flüsterte die Katzengöttin. Über ihnen brannte die Wasseroberfläche. Hier unten war es still und kühl.

Seine Finger berührten Tony Ballards magischen Ring.

»Du kannst dir wünschen, was du willst«, sagte Agassmea.

»Ich hätte schon einen Wunsch«, gab er nun vorsichtig zu, »aber ich möchte nicht unverschämt sein.«

Sie drängte ihn, ihr seinen Wunsch zu verraten.

»Du weißt, daß ich vor einiger Zeit Tony Ballards Freund war. Seit ich sein Feind bin, möchte ich ihn zerbrechen sehen. Es war ein Schock für ihn, zu erfahren, daß ich seinen Ring in meinen Besitz gebracht hatte. Ich bekämpfte ihn mit seiner eigenen Waffe. Leider konnte ich den Ring nicht behalten. Höllenfaust verlangte ihn von mir, und ich mußte seinem Wunsch entsprechen.«

»Ich wußte nicht, daß er den Ring von dir hatte«, sagte Agassmea. »Möchtest du ihn wiederhaben?«

»Du würdest ihn mir überlassen?« Frank Esslin strahlte.

»Wenn es dir so viel bedeutet, ihn zu tragen, sollst du ihn haben«, antwortete Agassmea und zog den Ring von ihrem Finger. »Gib mir deine Hand.« Frank Esslin hielt ihr die Hand hin, und sie schob ihm den magischen Ring auf seinen Finger.

»Jetzt gehört er wieder dir. Laß ihn dir nicht noch einmal wegnehmen.«

»Was wirst du Höllenfaust sagen, wenn er dich nach dem Ring fragt?« Sie zuckte mit den Schultern. »Es wird mir schon etwas einfallen.«

Stolz betrachtete der Söldner der Hölle den Ring. Tony Ballards Waffe war wieder sein Eigentum. Er hatte das wirklich gut eingefädelt.

***

John Richardson starrte Roy Berry, den Arbeiter, entgeistert an. »Was sagen Sie da? Ein Skelett? Im Keller?«

»Wir haben die Bohlen weggerissen, und darunter kam ein bleiches Gerippe zum Vorschein.«

Richardson vergaß Yvonne Remick. »Zeigen Sie mir den Knochenmann, Berry!«

Er eilte mit Roy Berry davon, ließ Yvonne stehen, doch die junge Professorin folgte den Männern. Richardson und Berry eilten die Kellertreppe hinunter.

Als Richardson das Skelett erblickte, sog er die Luft scharf ein. »Oh, du meine Güte«, stöhnte er.

Er hörte hinter sich Yvonnes Schritte, drehte sich um und ging ihr kopfschüttelnd entgegen. »Das ist nichts für Sie, Miß Remick.«

»Keine Sorge, ich falle nicht um«, erwiderte Yvonne.

Daraufhin traten Berry und Richardson zur Seite, und sie hatte einen ungehinderten Blick auf das Gerippe. Es lag auf dem Rücken, die Hände waren über der Brust gekreuzt.

»Dabei kann es sich nur um ein Mordopfer handeln«, bemerkte Richardson mit belegter Stimme. »Normale Leichen werden auf dem Friedhof beerdigt und nicht in irgendeinem Keller versteckt.«

»Was tun wir jetzt?« fragte Roy Berry. »Sollen wir die Knochen entfernen und Weiterarbeiten?«

»Es wird nichts angerührt!« entschied John Richardson. »Das muß sich die Polizei ansehen, und ich muß Mr. Remick anrufen.«

»Dann können wir aber den zugesicherten Termin nicht halten«, meinte Berry.

»Wer denkt denn jetzt an so etwas?« erwiderte John Richardson. »Das ist eine Ausnahmesituation. Mr. Remick wird Verständnis haben, wenn wir nicht rechtzeitig fertig werden. Man findet schließlich nicht jeden Tag ein Skelett unter dem Kellerboden. Bin gespannt, ob die Polizei draufkommt, wessen Gerippe das ist. Wird wahrscheinlich nicht einfach sein, dieses Verbrechen aufzuklären. Der Mord liegt immerhin schon ein paar Jährchen zurück.«

Roy Barrys Lider flatterten. »Sind Sie sicher, daß das ein Mordopfer ist?«

»So sicher, wie ich weiß, daß ich John Richardson heiße.«

***

»Ich muß gehen«, sagte Agassmea und erhob sich. Flammen umtanzten ihre nackten Brüste. Sie schritt durch den Feuersee und überkletterte den Steinrand.

Frank Esslin folgte ihr. Immer wieder schaute er auf den Ring an seinem Finger.

»Ich möchte dich Wiedersehen«, sagte Agassmea.

»Wir müssen vorsichtig sein.«

»Hierher kommt Höllenfaust nie«, erwiderte die Katzengöttin. »Wenn wir uns an diesem Ort treffen, sind wir immer ungestört.«

Frank Esslin lächelte. »Ich werde kommen, wenn du mich rufst«, versprach er und zog sich an. Kayba verging wahrscheinlich schon vor Ungeduld.

Die Katzenkönigin bedeckte ihre Blößen mit dem Tigerfell.

»Hoffentlich streunen deine Getreuen nicht hungrig durch die Dunkelheit«, brummte der Söldner der Hölle. »Ich habe keine Lust, mich von einer Raubkatze anfallen und zerreißen zu lassen.«

»Es wird dir nichts geschehen«, versicherte ihm Agassmea. »Außerdem könntest du den Ring aktivieren, dann würde ein Strahlenpanther erscheinen und dich verteidigen. Wenn du den Ring schon einmal besessen hast, kennst du sicher auch noch das Zauberwort.«

»Dobbox«, antwortete Frank Esslin und schirmte den Ring magisch ab, damit er nicht auf das Wort reagierte.

»Du hörst bald wieder von mir«, sagte Agassmea, wandte sich um und lief mit geschmeidigen Bewegungen davon.

Frank Esslin kehrte zu Kayba zurück. Der Lava-Dämon hockte hinter einem Felsen auf dem Boden. Als der Söldner der Hölle kam, sprang Kayba auf. »Du warst lange fort«, sagte der bärtige Riese vorwurfsvoll.

»Gut Ding braucht eben seine Zeit«, erwiderte Frank Esslin grinsend.

Kayba schüttelte den Kopf. »Es ist nicht gut, was du tust.«

»Ich kenne deine Meinung«, erwiderte der Mord-Magier schneidend. »Behalte sie für dich, sie interessiert mich nicht!«

»Warum riskierst du so viel… für eine Frau?«

»Sie ist nicht bloß irgendeine Frau. Sie ist Agassmea, die Herrin aller Raubkatzen. Außerdem hat sich das ›Risiko‹ gelohnt. Sieh, was sie mir geschenkt hat.« Er zeigte dem Lava-Dämon den magischen Ring. »Ich scheine ihren Vorstellungen entsprochen zu haben, deshalb wollte sie mir mit Tony Ballards Ring eine kleine Freude machen. Er gehörte mir schon einmal, wie du weißt.«

»Ich erinnere mich. Höllenfaust wollte ihn haben, nachdem du - in seinen Augen - das Verbrechen begangen hattest, mir das Leben zu retten.«

»Damals hattest du nichts dagegen, daß ich mein Leben aufs Spiel setzte.«

»Das war etwas anderes«, sagte Kayba. »Keine Frau ist diesen hohen Einsatz wert.«

»Oh, du kennst Agassmea nicht, sonst würdest du anders reden.«

»Wirst du sie Wiedersehen?«

»Mit Sicherheit«, antwortete Frank Esslin.

»Und Höllenfaust? Denkst du auch an ihn?«

»Höllenfaust hat zu tun«, behauptete Frank Esslin lächelnd. »Wie man hört, planen die Grausamen 5, sich auf der Erde ein Naturvolk untertan zu machen. Das will gut vorbereitet sein. Dadurch ist er gezwungen, Agassmea zu vernachlässigen, und die Gute hält sich eben in der Zwischenzeit schadlos. Ich habe nicht die Absicht, Höllenfaust seine Geliebte wegzunehmen. Ich leihe sie mir nur und sorge dafür, daß sie zufrieden ist. Was ist schlecht daran?«

»Er kann dir Schlimmes antun, wenn er es erfährt. Der Tod würde dann eine Erleichterung für dich sein.«

Frank Esslin stach mit dem Zeigefinger gegen Kaybas Brustbein. »Dir zittern die Knie vor Höllenfaust, was?«

»Ich mag ihn nicht, und ich weiß, daß er sehr gefährlich ist. Außerdem stehen vier weitere mächtige Magier-Dämonen hinter ihm.«

Frank Esslin schüttelte den Kopf. »Nicht in diesem Fall. Seine Gefährten schätzen es nicht, daß Höllenfaust Agassmea zu seiner Geliebten machte. Sie befürchten, daß die Katzengöttin ihn beeinflußt, und sie sind nicht bereit, von einer Frau Befehle entgegenzunehmen, auch wenn sie aus Höllenfausts Mund kommen. Wenn sich Agassmea und Höllenfaust entzweien, kommt das ihren Wünschen sehr entgegen. Denkst du, da stellen sie sich hinter ihren Anführer, um es zu verhindern?«

»Ich bleibe dabei«, brummte Kayba mit finsterer Miene. »Du spielst sehr leichtsinnig mit deinem Leben. Das ist eine Frau nicht wert.«

***

Tucker Peckinpah speicherte die letzten, neuesten Fakten ab und überblickte das Ganze noch einmal kritisch auf dem Bildschirm, bevor er das Gerät abschaltete.

Er griff nach seiner Zigarre, nahm einen tiefen Zug und erhob sich ächzend. In seiner Computeranlage befanden sich nicht nur wichtige Geschäftsinformationen, sondern auch Zahlen, Daten und Fakten, die die schwarze Macht und ihre vielen Vertreter betrafen.

Was immer der reiche Industrielle aufschnappte, bewahrte er sogleich auf den Magnetbändern auf, um es jederzeit bei Bedarf abrufen zu können.

Er verließ sein Arbeitszimmer und begab sich in den großen Living-room, der mit sehr viel Atmosphäre und kundiger Hand für Details eingerichtet war.

Sein Leibwächter, der Gnom Cruv, saß in der Nähe des offenen Kamins. Der häßliche Kleine, dessen Heimat einst die Prä-Welt Coor gewesen war, war sympathisch und beliebt.

Seine Freunde wußten, daß er zwar klein von Wuchs war, aber das Herz eines Löwen hatte. Für Tucker Peckinpah hätte er jederzeit sein Leben gegeben. Er war ein außergewöhnlich mutiger Kämpfer, das hatte er schon oft bewiesen.

Peckinpah seufzte leise und fuhr sich über die Augen. Er setzte sich und strich sich über das gelichtete graue Haar.

»Müde?« fragte Cruv.

»Die Arbeit am Bildschirm ist anstrengend.«

Noch vor einigen Jahren hatte Cruv keine Ahnung gehabt, was ein Computer ist, denn auf Coor gab es so etwas nicht. Dort lebten noch Saurier, Zauberer, Elfen und Drachen.

Heute konnte Cruv Auto fahren, ein Flugzeug steuern, elektronische Geräte bedienen… Er hatte viel gelernt, und noch dazu in ganz kurzer Zeit.

Sein Gehirn war ungemein aufnahmefähig, und was er einmal gelernt hatte, behielt er. »Tee, Sir?« fragte der Knirps.

»Keine schlechte Idee«, antwortete Tucker Peckinpah.

Cruv stand auf und verließ den Raum. Als er mit dem Tee zurückkam, läutete das Telefon. Der Gnom nahm so gut wie alle Anrufe entgegen.

Er schirmte den Industriellen gegen nichtige Anrufer ab. Es kamen nur jene zu Tucker Peckinpah durch, die es wert waren, alle anderen wimmelte Cruv ab.

Er stellte das Tablett ab und begab sich zum Apparat. Am anderen Ende meldete sich ein Mann Namens Peter Remick. Cruv wußte, wer das war: ein sehr guter Bekannter des Industriellen.

»Ist mein Freund Tucker da?« erkundigte sich Peter Remick.

»Ja, Sir, einen Augenblick.«

Cruv trug den Hörer des Funktelefons zu Tucker Peckinpah. »Mr. Peter Remick, Sir.«

Erfreut nahm der Industrielle den Hörer entgegen. Er riß die Zigarre aus seinem Mund, um deutlicher sprechen zu können. »Peter, altes Haus, wie geht es Ihnen?«

»Es könnte mir nicht besser gehen«, antwortete Remick. »Ich bin zwar nicht mehr der Jüngste…«

»Ach, kommen Sie, 50 ist doch noch kein Alter. Was soll ich denn sagen? Ich bin um einige Jährchen älter als Sie.«

»Aber sehr oft vitaler als ich.« Remick lachte. »Nichtsdestotrotz wandle ich wieder auf Freiersfüßen.«

»Habe ich gehört«, sagte Tucker Peckinpah. »Man sagte mir, Sie würden sich für eine attraktive Witwe namens Rhonda Albee interessieren.«

»Stimmt.«

»Und? Was ist dabei herausgekommen?«

»Rhonda sagt, daß sie mich liebt, und ich liebe sie auch. Wir werden in Kürze heiraten.«

Zusammenfassung

Tony Ballard ist der Dämonenhasser. Er kämpft gegen die Mächte der Finsternis und begegnet dem Unfassbaren. Vampire, Dämonen, Werwölfe und andere Kreaturen der Schattenwelt sind seine unbarmherzigen Gegner. Erfolgsautor A. F. Morland schuf diese einzigartige Horror-Serie, die jetzt endlich auch im E-Book vorliegt.

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (ePUB)
9783738927313
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (April)
Schlagworte
haus tony ballard

Autor

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Titel: Das besessene Haus  Tony Ballard Nr. 165