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Lauf, sonst holt das Glück dich ein

2019 75 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Lauf, sonst holt das Glück dich ein

Copyright

Eine Frau im Abseits

Lauf, sonst holt das Glück dich ein

Hilfe, Oma ist verliebt!

Roswithas Glückstag

Die Versuchung schläft gleich nebenan

Lauf, sonst holt das Glück dich ein

Heiter-romantische Erzählungen von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 75 Taschenbuchseiten.

 

- Renate liebt ihren Mann Holger. Leider hat er nichts als Fußball im Kopf. Sogar ihren Hochzeitstag vergisst er. Ja, wenn sie ein Kind hätten … Und tatsächlich geht in Holger eine überraschende Wandlung vor.

- Ein überraschendes Wiedersehen versetzt Magdalenas Herz in Unruhe. Allerdings hat es berufliche Konsequenzen. Um aus dieser Zwickmühle herauszukommen, zieht sie einen schmerzhaften Schlussstrich, den sie schnell bereut …

- Dass Oma Käthe zu ihnen zieht, verhindert, dass die Bergmanns wegen gestiegener Hypothekenzinsen ihr Haus verkaufen müssen. Aber dann trägt sich unerwartet die alte Dame mit Heiratsabsichten. Jetzt ist guter Rat teuer …

- Heute geht alles schief. Das Vorstellungsgespräch nimmt eine unangenehme Wendung. Der aufdringliche Vertreter nervt. Und der als Schürzenjäger bekannte Nachbar ist von seiner Unwiderstehlichkeit überzeugt. Woran liegt es, dass Roswitha trotzdem glücklich ist?

- Dass Karins Schulfreundin zu Besuch kommt, ist ihrem Mann Bernd gar nicht recht. Doch als er Marga kennenlernt, sieht er sie mit anderen Augen. Mit den erwartungsvollen Augen eines Mannes. Leider erfüllen sich seine erotischen Wünsche zunächst nicht ...

 

Heiter-romantische Erzählungen von Wolf G. Rahn

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Eine Frau im Abseits

Hastig klappte Renate das Kästchen, in dem die Armbanduhr auf blauem Samt lag, zu und schob es unter den Wäschestapel, als sie den Schlüssel an der Wohnungstür hörte. Sie lächelte versonnen.

Zehn Jahre! Es kam ihr vor, als wäre es erst im vergangenen Monat gewesen, als sie neben Holger vor dem Altar gestanden hatte. Wie schnell war doch die Zeit verflogen.

Sie hörte, wie die Tür ins Schloss gedrückt wurde, wie Holger die Tasche im Flur abstellte und die Schuhe auszog. Dann trat er ins Zimmer.

Sie fand, dass er sich seit damals kaum verändert hatte. Jedenfalls äußerlich nicht.

Er sah immer noch fantastisch aus. Sein Lächeln besaß die gleiche Wirkung wie damals. Sie verglich es oft mit einem Waschmittel mit zwei Weichmachern. Eins für die Knie und eins fürs Herz. Auch heute lächelte er sie an und küsste sie. Doch dann kam das, was Renate schon befürchtet hatte.

"Hast du noch nicht eingeschaltet?", fragte er beunruhigt mit einem Blick auf den Fernsehapparat.

"Das Essen steht auf dem Tisch", wich sie aus. "Ich habe in der Küche gedeckt."

"In der Küche?", wiederholte Holger entgeistert. Es klang so, als hätte sie ihm zugemutet, sein Abendessen aus dem Körnerspender des Wellensittichs zu sich zu nehmen. "Hast du denn das Pokalspiel vergessen?" Er löste sich von Renate, nahm die Fernbedienung vom Tisch und drückte die Programmtaste. Augenblicke später beherrschte die hektische Stimme des Reporters das Wohnzimmer.

"Mit leerem Magen kann man keinen Sport treiben", erklärte Renate spitz. "Nicht einmal vor dem Bildschirm."

Holger setzte sich auf die Couch und zog den Sessel heran, um die Füße daraufzulegen.

"Sei so lieb und bringe das Essen herein", bat er und starrte gebannt auf die Mattscheibe. "Ich habe ohnehin schon die ersten fünf Minuten versäumt."

"Entsetzlich!", gab Renate zurück. "Hoffentlich bekomme ich deswegen keine Schwierigkeiten mit dem Vereinsmanager oder gar dem Deutschen Fußballbund. Ob ich vorsichtshalber gleich ein Entschuldigungsschreiben losschicke?"

Holger wandte ihr nur kurz den Kopf zu, um gleich wieder die bisherige Haltung einzunehmen. "Sei nicht albern", murrte er. "Das ist wirklich ein sehr wichtiges Spiel. Halbfinale. Jetzt kommt es darauf an."

"Für wen? Für dich? Für uns?" Renate verließ hastig das Zimmer und ging in die Küche. Sie atmete heftig.

Es war ja nicht diese eine alberne Fernsehübertragung, die sie so ärgerte. Seit mehr als einem Jahr hatte Holger neben seiner Arbeit nur noch Fußball im Kopf. Fußball auf dem Bildschirm, Fußball in den Zeitungen und am Wochenende sogar Fußball auf der Zuschauertribüne. Sein einziges Gesprächsthema war das Geschehen um das runde Leder. Wenn das Benzin teurer wurde oder die Politiker wieder einmal eine Möglichkeit ausgeknobelt hatten, dem kleinen Mann in die Tasche zu greifen, regte ihn das längst nicht so auf, als wenn ein Spieler seines Lieblingsclubs ins Abseits lief. Renate fragte sich, ob sie nicht selbst im Abseits stand. Gehörte sie eigentlich noch zu Holgers Leben? Hatte sie nicht schon längst die rote Karte erhalten und war vom Platz gestellt worden?

Wann waren sie das letzte Mal ins Theater gegangen? Wie oft unternahmen sie noch gemeinsame Dinge wie früher? Gäste kamen nur noch selten, und sie selbst waren auch kaum noch bei befreundeten Ehepaaren anzutreffen. War das das normale Los einer einst so glücklichen Ehe?

Sie wollte wetten, dass Holger sogar ihren zehnten Hochzeitstag am kommenden Sonnabend vergessen hatte. Renate seufzte. Dann stellte sie das Geschirr auf ein Tablett.

Vom Wohnzimmer klang ärgerliches Stöhnen. Als Renate die Teller auf dem Tisch absetzte, blickte Holger sie wie ein weidwundes Reh an.

"Sei nicht böse, Schatz! Ich habe keinen Hunger. Wir liegen schon null zu zwei zurück. Das ist das Ende."

Renate hatte eine heftige Antwort auf den Lippen. Sie schluckte sie aber herunter, setzte sich hin und begann zu essen, obwohl nun auch ihr der Appetit gründlich vergangen war.

Ihre hartnäckigen Versuche, ein Gespräch in Gang zu bringen, scheiterten am Geschehen auf dem Bildschirm. Dabei sah der die ganze Zeit gleich aus. Ein grüner Rasen mit schwitzenden, schmutzigen Männern und dahinter eine tobende Menge.

Zum Glück gab es eine Halbzeitpause, und da 'seine' Mannschaft kurz zuvor den Anschlusstreffer erzielt hatte, war Holgers Stimmung merklich besser geworden.

Renate hatte keine Ahnung, was ein Anschlusstreffer war, doch dass sich Holger wenigstens ein paar Minuten mit ihr unterhielt, wusste sie zu schätzen.

"Hast du dir für Sonnabend schon etwas vorgenommen?", erkundigte er sich.

"Für Sonnabend?", wiederholte sie gedehnt. "Nein. Warum fragst du?"

"Ach, nur so." Holger machte ein geheimnisvolles Gesicht. Das kannte sie noch von damals. Immer, wenn er sich eine Überraschung ausgedacht hatte, hatten seine Augen so gefunkelt.

Also hatte er doch an den Hochzeitstag gedacht. Bestimmt lud er sie ins Theater ein. Danach gingen sie vielleicht noch zum Essen. Renate freute sich schon darauf. Es würde so sein wie früher. Sie hatte Holger wohl doch unrecht getan.

Sie bohrte noch eine Weile, um zu erfahren, was er denn vorhabe, doch sein einziger Kommentar lautete: "Du wirst schon sehen."

Dann war auch schon die Halbzeitpause vorbei, und jedes weitere Wort verbot sich von selbst.

Renate beging den Fehler, Interesse heucheln zu wollen. Als die Mannschaften auf das Spielfeld liefen, meinte sie: "Gut sehen sie ja aus in ihren roten Hemden."

"Bist du von allen guten Geistern verlassen?", stieß Holger entsetzt hervor. "Das sind doch die Ungarn. Wenn du denen die Daumen drückst, ist es ja kein Wunder, wenn wir verlieren."

Renate schlug sich weder auf die Seite der Rothemden, noch auf die der Jungs in den schmutzig gelben Trikots. Ihr war es völlig egal, wie das Spiel endete. Aber sie war klug und enthielt sich von nun an jeder Bemerkung. Sie holte eine Handarbeit und versank in Schweigen. Nur hin und wieder schreckte sie auf, wenn Holger einen gepeinigten Urlaut hören ließ.

Dass die Falschen gewonnen hatten, stand später in Holgers Gesicht geschrieben.

Renate verschwand in der Küche. Holger vergrub sich hinter der Zeitung. Nur langsam besserte sich seine Laune.

"Nimm dir nichts für Sonnabend vor!", erinnerte Holger sie am nächsten Morgen, bevor er zur Arbeit fuhr.

"Du machst mich neugierig."

"Typische Fraueneigenschaft", spottete Holger. "Es sind ja nur noch zwei Tage."

Damit hatte er recht. Renate fand, dass sie die knappe Zeit nutzen musste. Vor allem brauchte sie fürs Theater unbedingt ein neues Kleid. Schließlich sollte sich Holger nicht mit ihr schämen müssen. Sie machte also einen Einkaufsbummel und erstand ein schickes Kleid. Nicht zu elegant. Das konnte sie auch bei anderen Gelegenheiten tragen.

Am Freitag ging sie zum Friseur und ließ sich nicht nur zur teuersten Dauerwelle, sondern auch noch zu einem raffinierten Schnitt überreden, der aber sehr gut zu ihrem Typ passte. Sogar Holger fiel am Abend ihr verändertes Aussehen auf, und er sparte nicht mit Anerkennung.

"Du sorgst morgen bestimmt für Aufsehen", versicherte er.

So kam der große Tag heran. Renate legte neben Holgers Frühstücksteller das Päckchen mit der Armbanduhr. Er stutzte und wickelte es aus.

"Eine Uhr? Für mich?", staunte er. "Womit habe ich denn die verdient?"

Renate lächelte.

"Tu nicht so ahnungslos! Du weißt es ganz genau."

Holger runzelte die Stirn.

"Hat Bernd also wieder einmal nicht dichtgehalten", stellte er kopfschüttelnd fest. "Dabei ist das letzte Wort über meine Beförderung noch gar nicht gesprochen worden. Aber wahrscheinlich klappt es. Du, die Uhr ist prima. Sogar mit Stoppfunktion. Die probiere ich heute beim Spiel gleich aus. Da kann ich überprüfen, ob der Schiedsrichter die Zeit richtig nimmt."

Renate war verwirrt. Von der bevorstehenden Beförderung hatte sie keine Ahnung gehabt. Aber etwas anderes brachte sie noch viel mehr durcheinander.

"Was für ein Spiel meinst du?", wollte sie ahnungsvoll wissen.

Jetzt strahlte Holger.

"Hast du es wirklich nicht erraten? Heute ist doch das Aufstiegsspiel zur Landesliga vom TuS Waldbrück. Unser Verein. Die Begegnung ist ausverkauft, aber ich habe zwei Karten erwischt. Diesmal können wir beide hingehen. Ich wette, dass sie es schaffen. Die Jungs sind ganz groß in Form."

Renate musste sich an der Tischkante festhalten. Sie hoffte, sich verhört zu haben, wusste aber gleichzeitig, dass sie jedes Wort richtig verstanden hatte.

Das war also der Theaterbesuch, auf den sie sich gefreut hatte. Ihr Hochzeitstag! Nicht einen einzigen Gedanken hatte Holger daran verschwendet. Einfach vergessen, als würden ihm die zehn Jahre mit ihr nicht das Geringste bedeuten.

Der Frühstückstisch, den sie heute besonders liebevoll gedeckt hatte, verschwamm vor ihren Augen. Ärgerlich biss sie die Zähne zusammen. Das fehlte noch, dass sie heulte.

Ging deswegen die Welt unter? Dazu war hoffentlich ein bisschen mehr nötig. Sie würde eben gute Miene zum bösen Fußballspiel machen. Dass Holger sie überhaupt mitnahm, war ja eigentlich bereits als Fortschritt zu werten. Anschließend würde sie ihn schon dazu bringen, dass er sie wenigstens in ein Restaurant führte.

Über Holgers in Aussicht gestellte Beförderung konnte sich Renate beim besten Willen noch nicht freuen. Holger entwickelte einen enormen Appetit, beim Frühstück genauso wie beim Mittagessen. Er trug stolz seine neue Uhr, von der er nicht ahnte, wofür er sie tatsächlich bekommen hatte.

Er drängte schon bald zum Aufbruch, obwohl das Spiel erst in einer Stunde angepfiffen wurde und sie den Platz mühelos in zehn Minuten erreichten. Renate seufzte und zog das neue Kleid an. Wenn sie es schon überflüssigerweise gekauft hatte, dann wollte sie es wenigstens auch tragen.

Holger pfiff anerkennend.

"Toll siehst du aus", lobte er.

"Sicher nicht so toll wie ein krummbeiniger Torwart", gab sie schnippisch zurück.

Holger horchte auf.

"Hast du was?", erkundigte er sich misstrauisch.

"Ich?" Renate lachte schrill. "Was sollte ich haben? Die Sonne scheint, mein Mann geht mit mir aus und ..."

"Das war eine gute Idee von mir, stimmt's?", fand Holger und schob ein längliches Holz in seine Tasche. Es sah wie eine kleine Flöte aus.

"Was willst du denn damit?", forschte Renate.

"Das braucht man", gab Holger Auskunft.

Wofür dieses Ding, das sich tatsächlich als Trillerpfeife mit trommelfellzerfetzenden Tönen entpuppte, diente, lernte Renate eine Stunde später. Zu diesem Zeitpunkt hockte sie zwischen Holger und einem schwergewichtigen Fremden auf einer harten Holzbank und erkundigte sich, wie lange ein solches Spiel eigentlich dauerte.

Holger, der gerade auf seiner Flöte mit solcher Anstrengung blies, dass er im Gesicht rot anlief, war diese Frage sichtlich peinlich. Er unterbrach sein Solo und informierte sie im Flüsterton, damit ihr Nachbar nicht auf ihre hoffnungslose Unwissenheit aufmerksam wurde.

Diese Vorsichtsmaßnahme war absolut überflüssig. Der Dicke war damit beschäftigt, eine Rassel zu schwingen und dabei unaufhörlich 'Arminia! Arminia!' zu brüllen. Neben ihm hätte ein grünes Männchen vom Mars sitzen können, er hätte es nicht gemerkt.

"So lange?", klagte Renate. "Die Bank ist entsetzlich hart. Hoffentlich ruiniere ich mir darauf nicht mein Kleid."

Holger schenkte ihr einen kurzen Blick.

"Es passt auch irgendwie nicht hierher", entschied er.

Er überließ ihr die eine Hälfte seines Programmes, mit dessen Hilfe das Brett unter ihr zwar nicht weicher wurde, es schützte aber wenigstens vor Splittern. Danach widmete er sich wieder mit Enthusiasmus der Fabrikation von Lärm.

Renate fühlte sich im höchsten Maße überflüssig. Außerdem machte sich der Dicke neben ihr immer breiter. Hoffentlich kam seine Frau bald, nach der er in einer Tour brüllte.

Holger klärte sie kopfschüttelnd auf, dass es sich bei jener Arminia nur um die gegnerische Mannschaft handelte, die schon so gut wie verloren habe. Und überhaupt solle sie einem Anhänger der anderen Seite keine Beachtung schenken.

An diesen Rat wollte sich Renate gerne halten. Allerdings macht es gewisse Schwierigkeiten, einen Klumpen aus Fleisch und Knochen zu ignorieren, wenn er einem halb auf dem Schoss liegt.

Die Mannschaften liefen aufs Spielfeld. Der Krach um Renate wurde noch stärker. Holger sprang von der Bank auf und brüllte begeistert. So hatte sie ihn noch nie erlebt.

Anfangs versuchte Renate noch zu ergründen, was denn so Sensationelles auf dem Rasen geschah. Als sie beim besten Willen nichts entdecken konnte, wanderte ihr Blick zum Himmel, der zu Beginn des Spieles noch strahlend blau gewesen war. Jetzt zeigten sich bedrohliche Wolken, die immer dichter wurden. Das sah nach Regen aus.

Renate machte ihren Mann behutsam auf die meteorologische Veränderung aufmerksam. Dabei erschreckte sie ihn so sehr, dass er beinahe seine Trillerpfeife verschluckte.

"Regen?", sagte er fast jubelnd. "Macht nichts. Unsere Jungs kommen mit glattem Boden gut zurecht. Heute packen wir die Arminia."

Diese Behauptung gefiel dem Fleischberg zu Renates Linken ganz und gar nicht. Er rückte dichter an Holger heran und übersah dabei das bisschen Frau, das dazwischensaß.

"Bildet euch nur nicht ein, dass wir euch auch nur einen einzigen Punkt lassen!", wetterte er angriffslustig. Dabei ließ er seine Kinderrassel wie den Rotor eines Hubschraubers kreisen. "Ihr kriegt eine Packung, die sich sehen lassen kann."

"Könnten Sie vielleicht etwas nach links rutschen?", fragte Renate zaghaft.

Der Mann hörte sie nicht. Er sprang auf und schrie mit voller Lungenkraft: "Heut' hat Arminia Glück. Sie schlägt den TuS Waldbrück."

Diese Behauptung konnte Holger nicht hinnehmen. Er riss gleichfalls die Arme hoch und reimte einen haarsträubenden Vers: "Waldbrück wird heute Sieger und kommt in die Landesliga!"

Zum Glück wurde es auf dem Rasen offenbar spannend. Deshalb ließen die Streithähne voneinander ab und feuerten ihre Mannschaften an.

Renate kauerte wie ein Häufchen Unglück zwischen ihnen und schaute von einem zum anderen.

Waren das wirklich erwachsene Männer, die sich da wie Kinder gebärdeten?

Die ersten Tropfen fielen.

"Meine Dauerwelle!", jammerte Renate und rüttelte Holger am Arm.

Sein Blick kam von weit her.

"Was hast du gesagt?"

"Ich möchte nach Hause. Es fängt zu regnen an. Meine Frisur wird verdorben und mein Kleid ebenfalls."

Zögernd trennte sich Holger von seiner zweiten Programmhälfte.

"Halte dir das über den Kopf", empfahl er. "Das geht schnell vorüber."

Doch das blieb ein frommer Wunsch. Gerade zum Ende der ersten Halbzeit setzte ein regelrechter Platzregen ein und durchnässte Renate bis auf die Haut.

Holger legte ihr zwar seine Jacke über die Schultern, doch ihre Bitte, jetzt schon nach Hause zu gehen, beim Stande von null zu null, war ihm unbegreiflich.

Diesmal erhielt er von dem Dicken Schützenhilfe.

"Sie werden doch nicht jetzt gehen, wo es erst richtig spannend wird", sagte er hitzig. "Sie müssen unbedingt erleben, wie wir die Waldbrücker auseinandernehmen."

Dafür hatte Holger nur ein verächtliches Lachen und einen grellen Ton auf seiner Flöte.

Renate spürte, wie ihr eine nasse Haarsträhne ins Gesicht hing. Sie durfte gar nicht daran denken, was sie beim Friseur gezahlt hatte. Aber das war nicht das Schlimmste. Sie fühlte sich todunglücklich.

"Du kommst also nicht mit?", fragte sie heiser.

"Es dauert doch nur noch eine Stunde, Liebling", rechnete ihr Holger vor. "Nass sind wir doch jetzt sowieso. Ein solches Spiel erleben wir hier nur alle paar Jahre."

Renate antwortete nicht. Wütend ließ sie Holgers Jacke zu Boden gleiten und zwängte sich an dem Dicken vorbei.

"Renate!", hörte sie Holger rufen. "Sei doch kein Spielverderber! Wo willst du denn hin?"

Das wusste sie selbst nicht so genau. Nur weg von hier! Sie konnte die grölende Menge nicht mehr ertragen.

Im Grunde war es gut, dass es regnete. Dadurch wurden ihre Tränen verdeckt. Sie merkte gar nicht, dass sie die falsche Richtung einschlug. Vielleicht tat sie es auch absichtlich. Sie wollte in ihrer Gemütsverfassung nicht allein zu Hause sitzen.

Sie bog um die Ecke und fasste den Entschluss, ihre Freundin Angelika zu besuchen. Ihr konnte sie das Herz ausschütten. Angelika war eine fabelhafte Zuhörerin.

Doch offenbar wollte der Himmel auch das verhindern. Er öffnete nun endgültig seine Schleusen. Ein wahrer Wolkenbruch ging auf die Stadt nieder.

Renate suchte Zuflucht in dem nächsten Haus. Es handelte sich um das Park-Café. Es war nur mäßig besucht.

Renate verschwand zunächst im Waschraum, wo sie notdürftig ihre Haare trocknete und eine Frisur zustande zu bringen versuchte. Dann kehrte sie in den Gastraum zurück und suchte sich am Büfett ein Stück Apfeltorte aus.

Sie entschied sich für einen abgelegenen Tisch in einer Nische. Sie wollte nichts sehen und nichts hören.

Doch heute hatte sich alles gegen sie verschworen. Kaum hatte sie sich über den lauwarmen Kaffee geärgert, als sich hinter ihr jemand räusperte. Sie schaute auf und sah einen Mann, der mit einer angedeuteten Verbeugung darum bat, an ihrem Tisch Platz nehmen zu dürfen.

Es waren genügend andere Tische frei, und Renate wäre fast unhöflich geworden. Doch dann sagte sie sich, dass den Fremden schließlich keine Schuld an ihrem Unglück traf. Vielleicht hatte auch er Kummer und wollte mit einem Menschen darüber reden. Es verkroch sich eben nicht jeder in sein Schneckenhaus, wenn er gekränkt worden war. Sie deutete stumm auf einen der leeren Stühle und beschäftigte sich mit ihrem Kuchen.

"Sie sind zu beneiden, Teuerste", schnarrte der Fremde und griff nach der Getränkekarte. "Wenn man eine solche Traumfigur besitzt wie Sie, braucht man um Torte mit Sahne keinen Bogen zu machen."

Teuerste! Wie altmodisch das klang. Beinahe hätte Renate laut losgelacht.

Das Lachen verging ihr aber sehr schnell, als der Mann nach ihrer Hand griff und sie nicht mehr losließ.

"Sie glauben gar nicht, wie unglücklich ich bin", versicherte er schmachtend.

Renate starrte auf den Abdruck eines Eheringes an seinem Finger und entzog ihm ihre Hand mit energischem Ruck.

"Lassen Sie mich raten", meinte sie spöttisch. "Ihre Frau versteht Sie nicht mehr."

"Sie machen sich über mich lustig", klagte der Mann. "Sie glauben mir nicht."

Warum sollte sie ihm nicht glauben? War sie nicht selbst der beste Beweis? Auch sie konnte Holgers Verhalten nicht mehr begreifen. Ein erwachsener Mann, der im Beruf Erfolg hatte, benahm sich wie ein Halbwüchsiger. Wenn es um Fußball ging, wurde er rücksichtslos und übersah, wie sehr sie darunter litt.

Und nun saß sie sogar an ihrem Hochzeitstag in diesem miesen Café und musste sich von wildfremden Männern ansprechen lassen, die ein billiges Abenteuer suchten. Das war entwürdigend.

"Sie sind ja ganz nass, Sie Ärmste", hörte sie den Fremden sagen. "Ich wohne ganz in der Nähe. Da können Sie Ihre Kleidung trocknen. Sie holen sich sonst noch eine Lungenentzündung."

Renate überlegte flüchtig, wie sich wohl ein Stück Apfeltorte mit Sahne im Gesicht dieses Lüstlings ausmachen würde. Doch sie verzichtete auf diesen Anblick, stieß ihren Stuhl zurück und eilte ans Büfett, um zu zahlen.

Als sie der Tür zustrebte, war der Mann plötzlich wieder neben ihr und hielt sie am Arm fest.

"Sie können doch nicht allein gehen, Teuerste", mahnte er. "Sie haben ja nicht einmal einen Schirm dabei."

"Da können Sie von Glück sagen", konterte Renate eisig. "Er ist nämlich auf dem Kopf eines Mannes zu Bruch gegangen, der mich belästigt hatte."

Sie ließ den aufdringlichen Menschen stehen und hastete in den Regen hinaus.

Es goss nicht mehr gar so schlimm.

Ihre Freundin Angelika traf sie nicht an. Daher blieb ihr nichts anderes übrig, als nach Hause zu gehen. Dort entledigte sie sich ihrer tropfnassen Sachen. Das schöne, neue Kleid war ruiniert. Ihre vor wenigen Stunden noch so tolle Frisur verlieh ihr jetzt das Aussehen einer Vogelscheuche. Renate konnte ihren Anblick im Spiegel kaum ertragen.

Sie nahm ein heißes Bad. Grübelnd lag sie in der Wanne und starrte auf die Fliesen an der Wand.

Was hatte sie falsch gemacht? Wie konnte es so weit kommen, dass keiner den anderen mehr verstand? Angelika war noch ein Jahr länger verheiratet und machte nach wie vor einen glücklichen Eindruck.

Allerdings hatte sie die kleine Caroline. Ob ein Kind etwas geändert hätte?

Renate ließ diese Frage nicht mehr los. Sie grübelte noch darüber nach, als sie schon längst, in ihren flauschigen Bademantel gewickelt, in der Küche stand und das Abendessen vorbereitete. Sie überlegte das Für und Wider, während sie später traurig ihr Brot aß. Und als sie im Bett lag und auf Holger wartete, der noch immer nicht zu Hause war, fragte sie sich, ob es für ein Baby schon zu spät war.

Sie wurde im Winter fünfunddreißig. Es gab Frauen, die erst mit vierzig oder noch später Mutter geworden waren. Warum sollte es ausgerechnet bei ihr Schwierigkeiten geben? Sie war doch gesund. Natürlich müsste sie vorher einen ärztlichen Rat einholen. Gleich am Montag wollte sie das erledigen. Ein Kind hatte schon manche Ehe gekittet, die sonst zerbrochen wäre.

Und wenn Holger trotzdem nicht zu ihr zurückfand?

Dann hatte sie wenigstens das Baby und war nicht mehr so schrecklich allein wie in dieser Nacht, die sie sich ganz anders vorgestellt hatte.

Obwohl es schon sehr spät war, schlief Renate noch nicht, als Holger endlich nach Hause kam.

"Du bist noch wach?", säuselte er scheinheilig. Er hatte getrunken.

"Das Abendessen steht in der Küche", antwortete sie abweisend.

Holger grinste.

"Nicht nötig. Ich habe schon gegessen. Sechs Pils und ein paar Klare. Das war eine tolle Siegesfeier. Wir haben die Arminen glatt vom Platz gefegt. Ein Jammer, dass dir das entgangen ist. Warum bist du nur schon so bald gegangen? In der zweiten Halbzeit hat es kaum noch geregnet."

"Ich habe mich nicht wohlgefühlt", erklärte Renate frostig. "Und jetzt ist mir auch noch übel. Wenn du nichts essen willst, dann lass es eben bleiben. Ich möchte endlich schlafen."

"Es geht dir nicht gut?" Es klang ehrlich besorgt, und Renate war nahe daran, Holger alles zu verzeihen. Doch als er sich über sie beugte, roch sie den Alkoholdunst. Da drehte sie sich auf die andere Seite und schloss die Augen.

Der Sonntag bescherte Holger Sportsendungen auf mehreren Kanälen. Für ihn war die Fußballwelt in Ordnung. Für Renate nicht. Ihr Entschluss stand fest. Sie würde ihr Schicksal in die Hand nehmen.

Am nächsten Tag ging sie schon bald nach ihrem Mann aus dem Haus und verbrachte eine bange Stunde im Wartezimmer von Dr. Petzold. Als sie die Praxis verließ, hatte sie Gewissheit. Einer Schwangerschaft stand in gesundheitlicher Hinsicht nichts im Wege.

Diese Eröffnung machte Renate schwindlig. Nur zögernd wurde sie sich ihrer Bedeutung bewusst. Sie würde den Schritt in ein völlig neues Leben wagen. Sie wollte sich für etwas entscheiden, das schon längst nicht mehr zu ihrem Gedankenkreis gehört hatte.

Ein Baby!

Aber was würde Holger dazu sagen? Musste er sie nicht für verrückt halten?

Ein Kind würde ihn noch stärker beengen, als es die Ehe offensichtlich ohnehin schon tat.

Wieder wurde Renate von Zweifeln gequält.

So fand sie am Abend Holger, der sofort merkte, dass etwas nicht in Ordnung war.

"Immer noch sauer?", wollte er wissen.

"Ich bin nicht sauer", protestierte Renate.

"Aber einen fröhlichen Eindruck machst du auch nicht", beharrte Holger.

"Das kommt schon wieder", wich sie aus. Sie brachte einfach nicht den Mut auf, um zu sagen: 'Du, ich wünsche mir ein Kind.‘

Holger forschte nicht weiter, nur manchmal sah er sie verstohlen an und schüttelte den Kopf. Er kannte sich nicht mehr aus. So merkwürdig hatte sich Renate noch nie benommen.

Während er den Sportteil der Zeitung studierte, schützte Renate Kopfschmerzen vor und ging ins Bett. Wenn Holger die Zeitung weggelegt hätte und ihr gefolgt wäre, hätte Renate wohl gewusst, wie sie sich ihm verständlich machen sollte.

Doch Holger blieb im Wohnzimmer, und so entschied sich Renate für eine weitere schlaflose Nacht. Am nächsten Tag kam der Stein endlich ins Rollen.

"Was hat der Arzt gesagt?" Holger fragte es beiläufig beim Abendessen.

Renate erschrak.

"Wie kommst du darauf?"

"Bernd hat dich gestern gesehen. Er sagt, du warst bei Dr. Petzold. Ist das nicht ein Frauenarzt?"

"Ja."

Holger sah Renate beunruhigt an.

"Was tust du denn bei einem ...?" Er brach ab und legte das Messer aus der Hand. Sie zitterte ganz leicht. "Du bist doch nicht etwa ... ich meine, bekommst du ein Baby?"

Renate hielt seinem fragenden Blick nicht stand. Sie senkte den Kopf und wurde blass. Ihr war miserabel zumute. Holgers ungläubiger Schreck zerstörte alle ihre Hoffnungen.

"Dieser Gedanke wäre wohl schrecklich für dich?", sagte sie leise. Sie sprang auf und stürzte aus dem Zimmer.

Im Bad schloss sie sich ein. Sie konnte im Augenblick keinen klaren Gedanken fassen. Erst allmählich wurde sie ruhiger.

Was hatte sie erwartet? Dachte sie, Holger würde ihr bei diesem Vorschlag vor Begeisterung um den Hals fallen? Sie war eine Närrin. Nach zehn Jahren wünschte man sich keine Kinder mehr. Ein Mann schon gar nicht.

Renate wusch sich die Augen aus und kehrte mit flauem Gefühl im Magen ins Wohnzimmer zurück. Zweifellos sah sie ganz grün im Gesicht aus.

Holger war nicht mehr da. Sie hörte ihn in der Küche rumoren. Der Tisch war abgeräumt. Was war denn in Holger gefahren? Wann hatte er ihr das letzte Mal bei der Hausarbeit geholfen?

Renate ging in die Küche und blieb verblüfft an der Tür stehen.

Holger hatte sich eine ihrer Schürzen umgebunden und war dabei, das Geschirr abzuspülen.

Als er sie sah, wischte er sich verlegen die Hände trocken und kam auf sie zu. Behutsam nahm er sie in den Arm.

"Du, ich freue mich so sehr!"

"Du freust dich? Ist das wirklich wahr?"

"Aber ja." Holger führte sie zu einem Stuhl und bestand darauf, dass sie sich setzte. "Du musst dich jetzt schonen. In deinem Zustand kann man gar nicht vorsichtig genug sein. Ein Baby! Wir bekommen tatsächlich ein Baby. Wie lange habe ich mir das schon gewünscht!"

Renate wusste gar nicht, was sie sagen sollte. Mit dieser Reaktion hatte sie nicht mehr gerechnet.

"Und ich dachte, du wärst entsetzt", meinte sie erleichtert.

Holger wehrte ab und wandte sich wieder dem Geschirr zu.

"Das hast du im Ernst geglaubt? Du weißt doch, dass wir immer ein Kind haben wollten."

"Das schon, Holger. Aber damals waren wir auch noch jünger. Ich werde schon fünfunddreißig."

Details

Seiten
75
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738927061
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v463653
Schlagworte
lauf glück

Autor

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Titel: Lauf, sonst holt das Glück dich ein