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Wirbel um Kitty

©2019 120 Seiten

Zusammenfassung

Heiter-romantische Erzählungen

von Wolf G. Rahn

Der Umfang dieses Buchs entspricht 77 Taschenbuchseiten.

- Damit Jochen Herzfeld den ersehnten Job bekommt, erklärt sich Michaela bereit, für einen Tag seine Ehefrau zu spielen. Doch der Firmenchef kann sich nicht so schnell entscheiden, wodurch Michaela in immer brenzligere Situationen gerät …

- Gabriela hat sich in den knallroten Gebrauchtwagen verliebt. Leider hat sie den verlangten Kaufpreis nicht rechtzeitig zur Verfügung. Unerwartet kommt ihr ein Lottogewinn zu Hilfe, doch ausgerechnet der Mann, in den sie sich verliebt hat, zerstört ihre Hoffnung …

- Der kleine Tante-Emma-Laden ist ein Familienbetrieb, an dem Marlies hängt. Aber übermächtige Konkurrenz in Gestalt eines Supermarktes droht ihr das Wasser abzugraben. Und ausgerechnet der nette Horst, in den sie sich verliebt hatte, steckt dahinter …

- Für Herrn Grünlich gehört seine Sekretärin zur Büroeinrichtung. Dabei ist sie offensichtlich in ihn verliebt, aber er nimmt sie nicht zur Kenntnis. Erst sein Freund öffnet ihm die Augen. Doch da ist es zu spät.

- Das passt Gerhard überhaupt nicht. Seine Barbara hat ihren neuen Job nur bekommen, weil sie behauptete, unverheiratet zu sein. Die Dienstreise mit ihrem Chef verstärkt seinen Unwillen. Und dann ist da noch seine liebeshungrige Nachbarin, die Barbaras Abwesenheit ausnutzt …

- Dass sie durch die lebhafte Boxerhündin ihrer Freundin den netten Stefan kennenlernt, findet Jutta zwar toll, doch ansonsten sorgt Kitty für eine Menge Ärger und Missverständnisse …

Heiter-romantische Erzählungen von Wolf G. Rahn

Leseprobe

Wirbel um Kitty

Heiter-romantische Erzählungen

von Wolf G. Rahn


Der Umfang dieses Buchs entspricht 77 Taschenbuchseiten.


- Damit Jochen Herzfeld den ersehnten Job bekommt, erklärt sich Michaela bereit, für einen Tag seine Ehefrau zu spielen. Doch der Firmenchef kann sich nicht so schnell entscheiden, wodurch Michaela in immer brenzligere Situationen gerät …

- Gabriela hat sich in den knallroten Gebrauchtwagen verliebt. Leider hat sie den verlangten Kaufpreis nicht rechtzeitig zur Verfügung. Unerwartet kommt ihr ein Lottogewinn zu Hilfe, doch ausgerechnet der Mann, in den sie sich verliebt hat, zerstört ihre Hoffnung …

- Der kleine Tante-Emma-Laden ist ein Familienbetrieb, an dem Marlies hängt. Aber übermächtige Konkurrenz in Gestalt eines Supermarktes droht ihr das Wasser abzugraben. Und ausgerechnet der nette Horst, in den sie sich verliebt hatte, steckt dahinter …

- Für Herrn Grünlich gehört seine Sekretärin zur Büroeinrichtung. Dabei ist sie offensichtlich in ihn verliebt, aber er nimmt sie nicht zur Kenntnis. Erst sein Freund öffnet ihm die Augen. Doch da ist es zu spät.

- Das passt Gerhard überhaupt nicht. Seine Barbara hat ihren neuen Job nur bekommen, weil sie behauptete, unverheiratet zu sein. Die Dienstreise mit ihrem Chef verstärkt seinen Unwillen. Und dann ist da noch seine liebeshungrige Nachbarin, die Barbaras Abwesenheit ausnutzt …

- Dass sie durch die lebhafte Boxerhündin ihrer Freundin den netten Stefan kennenlernt, findet Jutta zwar toll, doch ansonsten sorgt Kitty für eine Menge Ärger und Missverständnisse …

Heiter-romantische Erzählungen von Wolf G. Rahn



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Hochzeit für einen Tag

So ein Sauwetter! Michaela hastete um die Ecke und sah gerade noch die Schlusslichter ihres Busses. Sie ärgerte sich gewaltig.

Heute Morgen hatte es noch nach dem herrlichsten Frühlingswetter ausgesehen, weshalb sie auch auf ihren Schirm verzichtet hatte. Jetzt rächte sich der April für diesen Leichtsinn.

Sie stellte sich in einen überdachten Hauseingang und klapperte mit den Zähnen. Es war kein angenehmes Gefühl, wenn einem das Wasser in den Kragen lief. Die Dauerwelle war auch verdorben.

Zehn Minuten später kam der nächste Bus. Michaela hatte sich so in ihren Ärger hineingesteigert, dass sie auch diesen um ein Haar verpasst hätte. Dass kein Sitzplatz mehr frei war, erstaunte sie schon gar nicht mehr. Wen interessierten schon ihre brennenden Füße? Der Tag einer Krankenschwester war lang.

Weitere Fahrgäste drängten nach und schoben sie nach hinten. Michaela blieb auf der mittleren Plattform stehen und kam nicht mehr dazu, sich festzuhalten. Als der Bus anruckte, wurde sie gegen einen jungen Mann geworfen. Oder war es umgekehrt?

Sie murmelte eine Entschuldigung.

"Es war meine Schuld", versicherte der blonde Mann und grinste sie beinahe unverschämt an.

Michaela wich seinem Blick aus und wandte sich ab. Warum starrte er sie nur so beharrlich an?

Sie musste schrecklich aussehen. Tropfnasse Haarsträhnen hingen ihr über die Augen, das Make-up hatte gelitten, und der Frühjahrsmantel gehörte in die Reinigung.

Neben sich hörte sie ein Räuspern.

"Ich möchte nicht aufdringlich erscheinen, aber ich habe eine Frage."

Michaela blickte den Mann abwartend an. "Ja?"

Das Grinsen verstärkte sich.

"War das bereits Ihre Antwort? Ich wollte Sie bitten, meine Frau zu werden."

Michaela verschlug es die Sprache. Eine derartige Frechheit hatte sie noch nie erlebt.

"Sie sagen ja gar nichts", drängte der Blonde. "Ich meine es ernst, wenn es sich vielleicht auch nicht so anhört. Allerdings bin ich Ihnen wohl noch einige Erklärungen schuldig."

"Den Eindruck habe ich auch", bestätigte Michaela mit mühsam verhaltenem Zorn.

"Erlauben Sie zunächst, dass ich mich Ihnen vorstelle. Schließlich müssen Sie wissen, welchen Namen Sie tragen sollen. Ich heiße Jochen Herzfeld und arbeite bei der Fa. Grundstein, Baustoffgroßhandel. Der Chef ist ein gewisser Seibold. Noch ziemlich jung, aber voller altmodischer Ansichten. Er sucht für sein Unternehmen einen neuen Vertriebschef, nachdem der alte in Kürze in den Ruhestand tritt. Sie können sich wohl denken, dass sich um diesen begehrten Posten alle reißen."

"Sie auch, nehme ich an."

Jochen Herzfeld nickte bestätigend.

"Es ist die Chance meines Lebens."

"Dann gehen Sie doch einfach zu Ihrem Chef und versichern ihm, dass er die größte Dummheit begeht, falls er Sie bei der Stellenvergabe nicht berücksichtigt", meinte Michaela ohne sonderliches Interesse. Sie verstand wirklich nicht, warum er ihr das alles erzählte.

"So ungefähr habe ich es tatsächlich formuliert. Dummerweise versuchen meine Mitbewerber, ihm etwas Ähnliches einzureden. Trotzdem bin ich nicht chancenlos. Da gibt es nur noch eine Kleinigkeit, die ich in Ordnung bringen müsste."

"Welche?" Michaela heuchelte höfliches Interesse.

"Seibold wird den Posten nur einem Mann mit geordneten Familienverhältnissen geben. Sie wissen schon, was ich meine. Trautes Heim, glückliche Ehe, möglichst eine bezaubernde Kinderschar. Ein Heim hätte ich. Mit den Kindern klappt es in so kurzer Zeit nicht mehr. Aber eine Frau müsste ich ihm unbedingt präsentieren, wenn ich im Rennen bleiben will."

"Und was habe ich damit zu tun?"

"Ganz einfach. Sie sollen diese Frau sein. Natürlich nur zum Schein und lediglich für einen Tag. Seibold hat nämlich für den Sonnabend seinen Besuch bei mir angesagt. Ich glaube, Sie verkörpern genau den Typ, der Eindruck auf ihn macht. Sie strahlen Zuverlässigkeit aus."

"Das muss man in meinem Beruf auch sein. Bei Ihnen dagegen hätte ich meine Bedenken. Sie wollen sich das Vertrauen Ihres Chefs durch einen Betrug erschleichen."

"Was kann ich dafür, wenn er mich buchstäblich zu dieser List zwingt?", verteidigte sich Jochen Herzfeld. "Sie werden mich doch nicht im Stich lassen. Es ist ja nur für ein paar Stunden."

"Nicht für fünf Minuten möchte ich mit Ihnen verheiratet sein", entrüstete sich Michaela. "Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Ich muss hier aussteigen."

Eigentlich hätte sie noch zwei Haltestellen weiterfahren müssen, aber sie wollte verhindern, dass sie sich doch noch überreden ließ. Dieser Bursche war ein Windhund. Das merkte man doch sofort. Herr Seibold würde schon wissen, warum er derartige Bedingungen stellte.

Zum Glück hatte es aufgehört zu regnen. Das hinderte Michaela nicht daran, beim Aussteigen mitten in eine riesige Pfütze zu treten. Ihre Stimmung näherte sich mit beachtlichem Tempo dem Tiefpunkt.

In einem Kaufhaus, an dem sie vorbeikam, wollte sie rasch noch ein paar Besorgungen erledigen. Sie musste sich beeilen, denn es war gleich Geschäftsschluss.

Michaela hastete von einem Stockwerk zum anderen. Zum Schluss war sie derart mit Paketen beladen, dass sie sich mächtig recken musste, um noch etwas sehen zu können.

Jetzt aber nach Hause!

Himmel! Sie hatte das Brot vergessen.

Also noch einmal zurück zur vierten Etage. Nur gut, dass es Fahrstühle gab.

Schwer atmend langte sie oben an und bahnte sich einen Weg durch die engen Gänge zur Backwarenabteilung.

Da passierte es. Sie musste mit einem ihrer Pakete gegen die kunstvolle Pyramide aus Paprikagläsern gestoßen sein. Die ganze Herrlichkeit stürzte prasselnd und klirrend zusammen. In Windeseile breitete sich ein säuerlicher Geruch aus.

Natürlich eilte sofort eine ältliche Verkäuferin mit strengem Blick herbei und schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. Dabei zählte sie die zerbrochenen Gläser und begann zu rechnen.

Michaela murmelte eine Entschuldigung. Ausgerechnet die teure Marke musste es sein. Die kaufte sie sonst nie, aber den angerichteten Schaden musste sie natürlich ersetzen.

Jemand drängte sich an ihr vorbei und strahlte die Verkäuferin an.

"Das ist mir aber entsetzlich peinlich. Ich war völlig in Gedanken. Da habe ich Ihr gläsernes Kunstwerk überhaupt nicht gesehen. Selbstverständlich komme ich für den Schaden auf."

Der Mann wandte den Kopf und strahlte noch mehr.

"Ach, Sie sind es! Das ist aber ein Zufall. Hoffentlich habe ich Sie durch meine Ungeschicklichkeit nicht beschmutzt." Es war Jochen Herzfeld, und an einen Zufall glaubte Michaela keinesfalls. Er musste ihr die ganze Zeit gefolgt sein, und nun nahm er auch noch die Schuld für ihr Versehen auf sich. Ein hartnäckiger Bursche.

Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis er erneut auf sein Ansinnen zu sprechen kam. Sie verließen nebeneinander das Kaufhaus, wobei Michaela diesmal nur noch das Brot und ein winziges Päckchen trug.

"Herr Seibold würde begeistert sein, in welch kurzer Zeit Sie eine solche Unmenge Einkäufe tätigen können", lobte er. "Sie müssen eine fabelhafte Hausfrau sein."

"Jedenfalls sorge ich nicht jeden Tag für einen derartigen Scherbenhaufen. Ich ersetze Ihnen selbstverständlich die Kosten. Schließlich war es meine Schuld. Das weiß ich ganz genau."

Jochen Herzfeld konnte das Grinsen nicht lassen.

"Haben Sie Zeugen?", fragte er lausbubenhaft. "Vergessen Sie die eingelegte Paprika und erinnern Sie sich lieber an meine Bitte! Ist es wirklich so schrecklich, meinem Chef und mir zwei oder drei Stunden Gesellschaft zu leisten? Sie gehen keinerlei Verpflichtung ein, und dass ich Sie für diese Gefälligkeit entschädige, versteht sich von selbst. Schlagen Sie einen Betrag vor!"

"Sie haben sich meinetwegen schon genug in Unkosten gestürzt", gab Michaela seufzend zur Antwort. "Also gut, ich bin Ihnen etwas schuldig. Aber ich sage Ihnen schon im Voraus, dass dieser Schwindel niemals funktioniert. Wenn mich Herr Seibold etwas fragt, habe ich keine Ahnung."

Jochen Herzfeld wusste sofort Rat. Er musste sich alles schon ganz genau überlegt haben.

"Die paar Einzelheiten, die Sie wissen müssen, besprechen wir bei einem Glas Wein, zu dem ich Sie hiermit einlade. Die Ringe sollten wir morgen gemeinsam kaufen. Ringe müssen sein."

Michaela schüttelte verwundert den Kopf.

"Sie lassen sich diese Komödie aber etwas kosten."

"Haben Sie eine Vorstellung, was der Vertriebsleiter bei Grundstein verdient?"

"Bestimmt nicht wenig."

"Genau. Und das ist noch vorsichtig geschätzt. Wie heißen Sie eigentlich?"

Michaela sagte es ihm.

Er nickte. "Ihren Vornamen dürfen Sie behalten. Michaela finde ich ausgesprochen hübsch."

"Danke", sagte Michaela matt. "Dann werde ich mir hoffentlich nicht zu fremd vorkommen."


*


Als der schmale Goldreif an ihrem Ringfinger glänzte, konnte sich Michaela eines beklemmenden Gefühls nicht erwehren. Mit solchen Dingen, so fand sie, sollte man keinen Scherz treiben. Jochen zerstreute ihre Bedenken. Auch Schauspieler schlüpften oft genug in die Rolle von Eheleuten, und niemand machte ihnen daraus einen Vorwurf.

Mit sehr gemischten Gefühlen sah Michaela dem Sonnabend entgegen. Sie wusste ihre komplette Ehegeschichte, kannte sich in der fremden Küche und der übrigen Wohnung leidlich aus und nahm sich vor, sich möglichst gekonnt aus der Affäre zu ziehen. Ständig aufwallende Bedenken ließen sich trotz allem nicht verhindern.

Wie sollte sie sich verhalten, falls Herr Seibold ein Hochzeitsfoto sehen wollte? Reichten die wenigen Daten, die Jochen sie immer wieder abfragte, aus, um einen misstrauischen Chef zu täuschen? War sie in der Lage, mit einem erfolgreichen Mann aus dem Baugewerbe Konversation zu treiben? Zwischen ihnen lagen doch Welten.

Das Wochenende brachte Antwort auf all die quälenden Zweifel.

Herr Seibold erschien auf die Minute pünktlich. Er überreichte Michaela einen Blumenstrauß und musterte sie dabei mit deutlichem Interesse. Michaela fühlte sich, als sei sie selbst die Bewerberin für eine lukrative Stelle. Genauso aufgeregt war sie auch. Schlagartig wusste sie, dass sie an diesem Abend alles verkehrt machen würde.

Jochen ahnte zweifellos, wie es in ihr aussah. Er redete pausenlos auf seinen Chef ein, doch der vergaß nicht den Grund seines Hierseins und bestimmte selbst die Richtung der Gespräche.

"Warum haben Sie eigentlich im Herbst nicht an unserem Betriebsausflug teilgenommen, Frau Herzfeld?", fragte er und musterte Michaela dabei so scharf, dass sie geneigt war, sich für dieses Vergehen zu entschuldigen.

Betriebsausflug? Sie wusste nicht einmal, dass die Fa. Grundstein solche Ausflüge veranstaltete. Schon gar nicht kannte sie das herbstliche Ziel. Beschwörend suchte sie Jochens Blick, doch der war eifrig damit beschäftigt, Herrn Seibolds Glas neu zu füllen.

"Eine dumme Grippe", klagte sie geistesgegenwärtig. "Ich hatte mich schon so darauf gefreut. Aber in diesem Jahr klappt es bestimmt."

"Das will ich doch hoffen. Von meinen leitenden Angestellten erwarte ich, dass sie mir ihre bezaubernden Frauen nicht vorenthalten."

Schwang nicht ein spöttischer Unterton in seiner Stimme? Hoffentlich hatte Jochen während des Ausflugs nicht ausgerechnet mit der Sekretärin seines Chefs geflirtet.

Seibold hob sein Glas und trank ihr zu. Seine grauen Augen schienen die Farce längst durchschaut zu haben.

"Wer war eigentlich die brünette Frau, mit der ich Sie unlängst in der Nähe des Stadttheaters sah?", fragte er Jochen bohrend. "Wenn ich ehrlich sein soll, hielt ich eigentlich sie für Ihre Gattin, weil Sie so vertraut miteinander zu sein schienen."

Jochen hüstelte verlegen.

"Brünette Frau?", echote er ziemlich töricht.

Michaela kam ihm zu Hilfe.

"Das kann nur Ingeborg gewesen sein", behauptete sie und überlegte unterdessen, wer, um alles in der Welt, Ingeborg sein sollte.

"Ingeborg?", erkundigte sich Herr Seibold auch prompt.

"Meine Schwester", log Michaela. "Sie ist zwei Jahre jünger als ich. Ich beneide sie um ihr Haar. Die Farbe ist echt, Sie werden es nicht glauben."

"Sie haben wirklich keinen Grund, Ihre Schwester zu beneiden, Frau Seibold", versicherte der Firmenchef erstaunlich freundlich. "Wenn jemand zu beneiden ist, dann ist das Ihr Gatte. Und zwar um Sie. Haben Sie die Torteletts selbst gebacken?"

"Selbstverständlich."

"Meine Veronika wagt sich an keinen Biskuitteig."

"Nicht möglich! Ich kann ihr ein ganz einfaches Rezept aufschreiben. Das gelingt immer."

Erschrocken sah sie Jochen an. Ihm würde bestimmt nicht gefallen, wenn sie anfing, Herrn Seibold mit Kochrezepten zu langweilen. Aber Jochen schmunzelte zufrieden und blinzelte ihr aufmunternd zu. Offenbar gewann er den Eindruck, als liefe alles in seinem Interesse.

Herr Seibold sprach fleißig den Obsttorteletts zu und steckte den Zettel, den Michaela ihm gab, in seine Sakkotasche. Dann erkundigte er sich nach ihren gemeinsamen Hobbys.

"Skifahren", platzte Michaela heraus.

Leider sagte Jochen zur gleichen Zeit: "Wassersport."

Herr Seibold stutzte. "Das lässt sich aber nur schwer gemeinsam ausüben", fand er.

Michaela schüttelte ernsthaft den Kopf.

"Ich meinte natürlich Wasserski", korrigierte sie sich. In ihren dunklen Augen blitzte der Schalk. Allmählich begann ihr die Komödie Spaß zu machen. Der Spaß verging ihr, als Herr Seibold das Stichwort erfreut aufgriff:

"Ausgezeichnet! Ich besitze ein starkes Motorboot. Was halten Sie davon, mir einmal Ihre Künste vorzuführen?"

Sie schluckte. In ihrem ganzen Leben hatte sie noch nicht auf solchen Brettern gestanden. Gerade noch rechtzeitig fiel ihr die Jahreszeit ein.

"Besitzen Sie auch einen beheizten See?", erkundigte sie sich fröhlich.

Herr Seibold lachte laut.

"Leider nein. Aber ich stehe in engen Verhandlungen mit der Landesregierung. Wenn wir uns einigen, wird nächstes Jahr der Krummsee überdacht und mit einer Fernheizung ausgestattet." Sein Witz gefiel ihm so gut, dass er im Laufe des Abends noch mehrfach darauf zurückkam.

Auch Jochen spielte seine Rolle immer besser. So war es kein Wunder, dass der Abend zum Schluss als gelungen bezeichnet werden konnte. Das bewies die Einladung, die Herr Seibold zum Abschied aussprach.

"Ich muss Ihnen unbedingt mein Lieblingsrestaurant vorstellen", erklärte er leutselig. "Um elf Uhr hole ich Sie hier ab. Bis morgen also und nochmals herzlichen Dank für den netten Abend."

Michaela und Jochen blieben zurück und sahen Herrn Seibold in seinem Wagen davonfahren.

"Glaubst du, dass du es geschafft hast?", fragte Michaela beunruhigt.

"Jedenfalls nehme ich es als kein schlechtes Zeichen, dass er uns zum Essen eingeladen hat."

Die Konsequenzen wurden Michaela jetzt erst richtig bewusst.

"Aber dann müsste ich ja ..."

"Du wirst mich doch jetzt nicht im Stich lassen", beschwor Jochen sie und sah sie zerknirscht an. "Wir müssen das Eisen schmieden, solange es mir gewogen ist. Oder bist du für morgen schon verabredet?"

"Das nicht, aber wir hatten nur eine Ehe für einen Tag vereinbart."

"Ich konnte doch unmöglich ahnen, dass du bei Seibold so ins Schwarze treffen würdest", verteidigte sich der Dreißigjährige. "Im Grunde solltest du stolz darauf sein. Außerdem kannst du die paar Stunden unmöglich als vollen Tag rechnen. Dazu gehören mindestens noch ein Frühstück und das in Aussicht gestellte Mittagessen."

Michaela seufzte.

"Also gut! Das Mittagessen akzeptiere ich. Falls Seibold dann immer noch nicht zufrieden ist, muss er sich mit meiner Schwester begnügen."

"Mit deiner Schwester?", fragte Jochen erstaunt.

"Die brünette Ingeborg", half Michaela nach. "Erinnerst du dich nicht mehr an die aparte Frau vor dem Stadttheater?"

Jochen zeigte ein schuldbewusstes Gesicht.

"Das war nicht, was du vielleicht denkst", verteidigte er sich. "Ingeborg, Quatsch! Ich meine natürlich Paola kenne ich schon eine Ewigkeit."

"Du bist mir ja auch keine Rechenschaft schuldig. Eher wirst du ihr erklären müssen, warum nicht sie dein liebendes Weib spielen durfte."

Jochen wechselte das Thema.

"Bleibst du noch auf ein Glas? Die Flasche ist noch nicht leer."

"Es ist schon spät", stellte Michaela fest. "Ich komme morgen vorsichtshalber bereits gegen zehn, falls sich Herr Seibold verfrüht."

Das hielt Jochen für eine glänzende Idee.


*


Die Sonne schien bereits am Morgen, und der Himmel blieb den ganzen Tag strahlend blau. Michaela hatte ihr hübschestes Kleid angezogen. Je stärker sie Seibold beeindruckte, umso sicherer erschien ihr, dass Jochen den begehrten Posten erhielt, womit die Komödie zu Ende sein würde. Wie er sich danach aus der Affäre zog, sollte nicht mehr ihre Sorge sein, denn irgendwann musste sein Chef den Betrug begreifen.

Ein paar Minuten nach zehn erschien sie bei Jochen, der sie bereits erwartete. Er strahlte.

"Ich danke dir, dass du wirklich gekommen bist."

"Hast du etwas anderes erwartet?", wunderte sich Michaela.

"Du warst gestern nicht sehr erbaut von der Tatsache, den heutigen Sonntag mit mir verbringen zu müssen. Es wäre kein Wunder gewesen, wenn du mich einfach im Stich gelassen hättest."

"Du vergisst die Zuverlässigkeit einer Krankenschwester", meinte Michaela lächelnd. "Was ich versprochen habe, das halte ich auch."

"Du bist sehr nett. Habe ich dir das schon einmal gesagt?"

Michaela errötete gegen ihren Willen. Dieser Halunke konnte charmant sein. Kein Wunder! Zweifellos besaß er große Übung, Frauen mit Komplimenten zu beeinflussen.

"Du hast es mir noch nicht gesagt", antwortete sie. "Dafür hat es Herr Seibold gestern Abend mindestens ein Dutzend mal betont."

Jochen runzelte die Stirn.

"Er gefällt dir wohl?"

"Seibold? Er ist doch verheiratet. Außerdem würde es mir nicht einfallen, mich in einen Firmenchef zu verlieben."

"Ich habe Frühstück gemacht", verkündete Jochen. "Möchtest du Toast?"

"Höre mal", entrüstete sich Michaela. "Ich wurde zu einem lukullischen Mittagessen und nicht zu Toast eingeladen. Hast du Angst, ich könnte dich Seibold gegenüber mit meinem Bärenhunger blamieren? Da hättest du dir eben die Frau, die du heiratest, genauer ansehen müssen. Ich habe einen Appetit wie eine siebenköpfige Raupe, aber den hebe ich mir für den Ernstfall auf."

"Aber ein Glas Orangensaft darf ich dir doch wenigstens anbieten. Wir haben noch fast eine Stunde Zeit."

Michaela willigte ein. Sie war überrascht, wie nett er den Frühstückstisch gedeckt hatte. Fast bekam sie ein schlechtes Gewissen, dass sie nun keinen Gebrauch davon machte.

Ach was!, schalt sie sich. Er will dich nur bei guter Laune halten. Schließlich hängt für ihn allerhand davon ab, dass du deine Rolle perfekt spielst.

Seibold erschien erst kurz vor zwölf und entschuldigte sich mit einem überraschenden Anruf aus Übersee, der ihn daran gehindert hatte, pünktlich zu sein.

"Das macht doch nichts", beeilte sich Jochen zu versichern. "Wir haben uns in den zwei Stunden prächtig unterhalten."

"Zwei Stunden?" Herr Seibold sah seinen Angestellten fragend an.

"Ich bin erst um zehn Uhr aufgestanden", half Michaela Jochen aus der Verlegenheit. "Sonntags kümmert sich immer Jochen um das Frühstück."

Jochen warf ihr einen dankbaren Blick zu. Das wäre um ein Haar schiefgegangen.

Seibolds Lieblingsrestaurant entpuppte sich als romantisches Strandlokal am See. Um diese Jahreszeit war hier noch nicht viel Betrieb.

"Sie bekommen in der ganzen Stadt keinen delikateren Zander als hier", schwärmte Seibold, während er die Speisekarte studierte. "Ich habe schon mehrfach versucht, dem Koch das Rezept für die Remoulade abzuschwatzen, aber er gibt es leider nicht preis. Vielleicht gelingt es ja Ihnen, ihm das Geheimnis zu entreißen."

Michaela drohte mit dem Finger.

"Jetzt weiß ich endlich, welchem Hintergedanken wir diese Einladung zu verdanken haben. Sie wollen mich als Küchenspionin missbrauchen."

"Er kocht leidenschaftlich gerne", verriet Jochen. "Da ist ihm jedes Mittel recht."

"Tatsächlich?", staunte Michaela und war überrascht, wie gut Jochen über die Leidenschaften seinen Chefs Bescheid wusste.

Seibold hatte nicht zu viel versprochen. Das Essen war wirklich ausgezeichnet.

Frau Seibold hatte sich entschuldigen lassen.

"Ich vergaß, dass sie für heute ihre Teilnahme an irgendeiner Wohltätigkeitsveranstaltung zugesagt hatte. Sie freut sich aber ebenfalls schon darauf, Sie beide möglichst bald kennenzulernen."

Michaela erlitt einen Hustenanfall. Bedeutete das etwa, dass es ein weiteres Treffen geben würde? Jochen klopfte ihr sacht auf den Rücken.

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (ePUB)
9783738926903
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (März)
Schlagworte
wirbel kitty
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Titel: Wirbel um Kitty