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Die Raumflotte von Axarabor 74: Kampf um die verborgene Festung

2019 78 Seiten

Leseprobe

Die Raumflotte von Axarabor 74: Kampf um die verborgene Festung


von Bernd Teuber


Der Umfang dieses Buchs entspricht 82 Taschenbuchseiten.


Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Durch die Gefangennahme des Schmugglers Monks Enda kann die Regierung des gewählten Hochadmirals den geheimen Stützpunkt der Weltraumpiraten ausfindig machen, von dem aus die Überfälle auf die Transportrouten einiger wichtiger Systeme ausgeführt werden. Mit einem schnellen Angriff sollen bewaffnete Einheiten das Versteck vernichten. Doch der Schmuggler verhält sich nicht ganz so kooperativ, wie es zunächst den Anschein hat...



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / COVER 3000AD 123rf STEVE MAYER

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Die transgalaktischen Handelsrouten in diesem Quadranten des Sternenreiches von Axarabor waren nicht mehr sicher. Ständig wurden die Konvois und Passagierschiffe von Piraten angegriffen. Anfangs waren sie nur ein Ärgernis. Doch im Laufe der Zeit wurden sie immer verwegener, ihre Angriffe immer erfolgreicher. Jeder geplünderte Konvoi machte sie stärker, weil sie Schiffe und Waffen erbeuteten. Waffen, die sie wiederum gegen die Streitkräfte von Axarabor einsetzten.

Nach jedem dieser Angriffe verschwanden die Piraten einfach. Nachforschungen ergaben, dass sich ihr Hauptquartier offenbar in einem ausgedehnten Asteroidenfeld befand. Doch es war viel zu groß, um es einfach zu zerstören. Trotzdem war es für die Regierung des gewählten Hochadmirals von Axarabor immens wichtig, diese Bedrohung endlich auszuschalten. Mehrere Aufklärungsschiffe wurden in das Asteroidenfeld geschickt. Keines kam zurück. Doch dann gelang der MADKHAN der entscheidende Durchbruch. Während ihres Patrouillenflugs stieß die Besatzung auf ein verdächtiges Signal.

„Die Sensoren zeigen ein Schiff an, das im Begriff ist, in das Asteroidenfeld einzudringen“, meldete der Mann am Ortungsbildschirm.

„Identifikation?“, fragte Captain Karon.

Die Antwort kam binnen weniger Sekunden. „Ein leichter Raumkreuzer namens QUINIE. Der Kennung zufolge stammt er von Sadun 4.“

„Stellen Sie eine Verbindung her“, verlangte er vom Kommunikationsoffizier.

„MADKHAN an Raumkreuzer QUINIE!“, rief der Mann. „Bitte melden!“

Der bewegende Punkt entfernte sich seitlich vom Bildschirm.

„Das Schiff versucht zu entkommen“, meldete der Ortungsoffizier.

Dies war für Captain Beryl Karon der Beweis, dass der Pilot des anderen Schiffes etwas zu verbergen hatte.

„Verfolgung aufnehmen!“, befahl er.

Die MADKHAN änderte ihren Kurs. Mit hoher Beschleunigung jagte sie hinter dem Schiff her. Der Raumkreuzer wurde auf dem Panoramabildschirm sichtbar – ein winziger, glitzernder Punkt, der nur deshalb von der Fülle der Sterne zu unterscheiden war, weil er sich bewegte. Der Abstand wurde geringer, je mehr die MADKHAN ihre Geschwindigkeit und Flugrichtung des Schiffs anglich.

„Magnetischer Fangstrahl!“, befahl Captain Karon. „Hohlen Sie es an Bord.“

Minuten später öffnete sich das Schott der Hangarschleuse. Ein Bergungstrupp machte sich bereit, um das Schiff an Bord zu holen. Noch immer versuchte der Raumkreuzer zu entkommen, doch es gelang ihm nicht. Der magnetische Fangstrahl hielt ihn fest und zog ihn zur MADKHAN. Mit ruhiger Stimme gab Karon seine Anweisungen. Die Bergungsaktion verlief ohne Probleme.

Die Männer in der Schleuse arbeiteten äußerst präzise. Ohne Gegenwehr leisten zu können, landete das Schiff im Hangar der MADKHAN. Das Kraftfeld ging mit dem leichten Raumkreuzer um wie mit einem rohen Ei. Nur ein schwacher Ruck war zu spüren, als es aufsetzte. Das Außenschott wurde geschlossen und der Hangar mit Sauerstoff geflutet. Anschließend stürmten zwanzig bewaffnete Männer hinein und nahmen rund um das Schiff Aufstellung. Dann erschien Captain Karon.

Er musterte das Schiff mit wenigen Blicken und zog die Augenbrauen zusammen. Die QUINIE war ein mindestens einhundert Jahre alter Kreuzer von knapp fünfzig Meter Höhe und einem Durchmesser von etwa zweihundert Metern. Das Schiff besaß sechs verbogene Heckflossen, deren Auflageteller längst nicht mehr einfahrbar waren. Die Hauptdüse ragte verbrannt und teilweise angeschmolzen aus dem zerbeulten Heck hervor. Die Steuer- und Umlenkdüsen an den Flanken erweckten keinen besseren Eindruck.

„Das ist ja der reinste Schrotthaufen. Ein Wunder, das die Kiste überhaupt fliegen kann.“

Einige der Männer lachten.

„Besatzung!“, rief Captain Karon. „Verlasst das Schiff mit erhobenen Händen!“

Nichts rührte sich.

„Besatzung!“, wiederholte der Captain. „Wenn Sie nicht augenblicklich das Schiff verlassen, werden wir das Schott heraussprengen und ihren Schrotthaufen stürmen.“

Abermals vergingen einige Sekunden. Dann wurde das Schott geöffnet und die Rampe ausgefahren. Ein verwahrloster Rotschopf erschien in der Öffnung. Der Mann trug enge Kunstfaserhosen, wadenhohe Schnürstiefel mit ausklappbaren Magnetelementen und eine weite Bluse aus dunkelrotem Leder, die über die Hüften von einem breiten Kombinationsgürtel zusammengehalten wurde. Langsam hob er die Hände und kam lächelnd die Rampe herunter. Vor Captain Karon blieb er stehen.

„Also, ich weiß, das sieht nicht besonders gut aus, aber ...“, begann er.

„Name und Rang!“, verlangte Captain Karon.

„Mein Name ist Monks Enda. Mein Rang … ähem … weiß nicht. Das ist mein Schiff, die QUINIE. Das macht mich wohl zum Captain.“

„Na schön, Captain Enda, ich bin Captain Beryl Karon. Sie sind ...“

„Natürlich ist es mein Schiff!“, unterbrach ihn der Mann. „Also kann ich sein, was immer ich will, oder? Nun, in dem Fall bin ich Admiral. Das heißt, ich stehe im Rang über Ihnen.“

Captain Karon trat einen Schritt vor und verpasste Enda mit dem Handrücken einen kräftigen Schlag ins Gesicht. Die Miene des Mannes verzerrte sich vor Wut, während er sich die geschwollene Wange rieb.

„Sie haben mir eine Ohrfeige verpasst“, sagte er überrascht. „Was sind Sie bloß für ein Mann, dass Sie so etwas tun? Ich habe nur dieses eine Gesicht. Und ich brauche es für alles Mögliche.“

Captain Karon gab seinen Männern ein Zeichen. „Sperrt den Kerl ein. Wir werden ihn nach Arano bringen.“ Dann wandte er sich wieder dem Gefangenen zu. „Glauben Sie mir, Admiral Enda, dort verteilt man viel heftigere Ohrfeigen.“

Als sich die Tür hinter ihm schloss, war Enda in einem kleinen Raum, der kein Fenster besaß. Die Einrichtung bestand aus einem Tisch, einem Stuhl und einem Bett. Die Wände waren kahl. Oben an der Decke befand sich ein winziger Ventilationsschacht. Enda machte sich keine Illusionen über seine Zukunft. Sie sah düster aus. Eine Fluchtmöglichkeit gab es nicht. Seine Verurteilung war so gut wie sicher. Man würde ihn vermutlich ins Gefängnis oder in ein Arbeitslager stecken, wo er dann die nächsten zwanzig oder dreißig Jahre verbringen musste. Vorausgesetzt natürlich, dass er überhaupt solange am Leben bleiben würde.

Enda fragte sich, was er nun tun sollte. Als er seine Schmugglertätigkeit für die Piraten aufnahm, hatte er geschworen, niemals ihr Versteck zu verraten. Doch in seiner gegenwärtigen Situation blieb ihm wohl keine andere Wahl. Er wusste, dass er den Verhören nicht lange standhalten konnte. Früher oder später würden sie einen Weg finden, um ihn zum Reden zu bringen. Sie würden jede Information aus ihm herausholen. Und es gab keine Möglichkeit, sich dagegen zu wehren.

Enda überlegte einen Moment. Eine Möglichkeit gab es doch. Er konnte seinem Leben ein Ende setzen. Von einem Toten würden sie nichts mehr erfahren. Doch er hing an seinem Leben. Wofür, fragte sich Enda, sollte er sich entscheiden? Für den Verrat oder für den Tod? Bei genauerer Betrachtung war das Ergebnis in beiden Fälle dasselbe. Wenn er die Piraten verriet, war sein Leben nichts mehr wert. Im Gefängnis würde er sterben. Dort hatte man für Verräter nichts übrig.

Enda fasste einen Entschluss. Er nahm sich zwar fest vor, bei den Verhören zu schweigen und keine wichtigen Informationen preiszugeben, aber er wusste auch, dass es auf Arano Möglichkeiten gab, um ihn zum Reden zu zwingen. Es war die wichtigste Welt dieses Quadranten des Sternenreiches von Axarabor. Sein Leben nichts mehr wert. Trotzdem wollte er den Kampf aufnehmen und sich solange wie möglich zur Wehr setzen. Vielleicht gelang es ihm doch, die Verhörspezialisten auszutricksen.



2

Monks Enda wurde in das Hochsicherheitsgefängnis nach Arano gebracht. Mit einem Lift fuhr man ihn in die Tiefen des Gebäudes, wo ihn eine Befragungszelle erwartete. Sie war mit Mikrofonen und Sensoren durchzogen und hatte keine Lichter. Man führte ihn in die Zelle, fesselte ihn und ließ ihn in der Dunkelheit schmoren. Eine Ewigkeit verging. Wenn es Morgen war, als man ihn hier eingesperrt hatte, dann musste es jetzt Mittag sein. War es aber schon Mittag gewesen war, dann war es jetzt Nachmittag.

Enda hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Zudem war es eine Qual, hier bewegungslos zu liegen. Am liebsten wäre er aufgestanden und umher gewandert, aber das ging nicht, weil man ihn gefesselt hatte. Sein Mund war klebrig und er empfand einen schlechten Geschmack. Die Dunkelheit verursachte eine Art Ohnmacht, eine Leere in seinem Kopf. Sobald er sich ein wenig in der Gewalt hatte, überkam ihn die Angst. Er lag flach auf dem Rücken und war außerstande eine Bewegung zu machen. Sogar sein Hinterkopf war auf irgendeine Art festgeklammert.

Dann wurde plötzlich das Licht eingeschaltet. Geblendet schloss Enda die Augen. Als er sie wieder öffnete, sah er, dass er sich in einer hohen, fensterlosen Zelle mit Wänden aus schimmernden weißen Kacheln befand. Verborgene Lampen durchfluteten sie mit kaltem Licht. Ihm gegenüber befand sich eine Metalltür. Er versuchte sich zu bewegen, doch dann bemerkte er, dass er an eine gepolsterte Liege gefesselt war. Ein dumpfer Schmerz in der Magengegend quälte ihn. Er hatte sich von dem Augenblick bemerkbar gemacht, als er hier eingesperrt wurde.

Enda fühlte einen nagenden Hunger. Es mochte vierundzwanzig Stunden her sein, seit er zuletzt etwas gegessen hatte – oder auch achtunddreißig. Er wusste nicht, ob es Abend oder Morgen war. Vermutlich würde er es auch nie wissen. Minuten verstrichen, während Enda sich in der Zelle nach einem Anhaltspunkt umblickte, um herauszufinden, was mit ihm geschehen sollte. Er hatte das Gefühl, unter dem Einfluss einer Droge zu stehen, und es fiel ihm schwer, einen halbwegs klaren Kopf zu behalten.

Nach einiger Zeit wich der Hunger dem Durst. Sein Mund war immer noch klebrig und er empfand immer noch den schlechten Geschmack im Mund. Das unveränderte weiße Licht verursachte Kopfschmerzen. Obwohl er sich einigermaßen daran gewöhnt hatte, nahm er seine Umgebung nur undeutlich in sich auf. Er hatte den Eindruck, in diesem Raum aus einer ganz anderen Welt, einer Art von tief unter ihr gelegenen Unterwasserwelt emporzutauchen. Wie lange er dort unten gewesen war, wusste er nicht.

Seit Wochen oder Monaten hatte er kein Tageslicht zu sehen bekommen. Oder waren erst wenige Stunden vergangen? Er wusste es nicht. Außerdem waren seine Erinnerungen unzusammenhängend. Es hatte eine Zeitspanne gegeben, in der das Bewusstsein – sogar die Art von Bewusstsein, die man im Schlaf hat – vollkommen ausgeschaltet gewesen war und sich nach einer Zwischenpause der Leere wieder eingeschaltet hatte. Aber wie lange diese Zwischenpause währte, konnte er nicht sagen. Aber er wusste natürlich, dass diese ganze Prozedur nur dazu diente, Informationen aus ihm herauszubekommen.

Es gab Momente, in denen er sich vornahm, nichts zu sagen, ganz gleich, was sie mit ihm anstellten, sodass jedes Wort zwischen Schmerzensschreien aus ihm herausgepresst werden musste. Dann dachte er wieder daran, einen Kompromiss zu finden. Er wollte sein Wissen nicht sofort preisgeben, sondern erst, wenn die Schmerzen unerträglich wurden. Schmerzen wandte man bei Verhören in der Hauptsache als Drohung an, als ein Schreckensmittel, dem er jederzeit ausgeliefert werden konnte, wenn seine Antworten unbefriedigend ausfielen.

So hatte man es ihm zumindest erzählt. Ob diese Schilderungen der Wahrheit entsprachen, vermochte er nicht zu beurteilen. Die Tür wurde geöffnet. Enda versuchte, seinen Blick auf die dunkle Gestalt zu konzentrieren, die sich über ihn beugte. Er konnte die Konturen eines hageren Mannes erkennen.

„Boah, Ihr habt hier ja ‘ne tolle Einrichtung“, sagte Enda lächelnd.

„Ihr Geschwätz interessiert mich nicht, dreckiger Pirat!“, antwortete der Mann in einem kalten Tonfall.

„Pirat?“, keuchte Enda. „Ich bin kein … Pirat.“

„Das spielt keine Rolle.“

„Ihr wollt mich ausfragen? Da werdet ihr wenig Glück haben. Ich weiß nichts.“

„Das dürfte untertrieben sein“, erwiderte der Mann. „Zumindest wissen Sie doch wohl, wer Sie sind und was Sie in dem Asteroidenfeld wollten. Fangen wir damit an.“

„Ich habe mich verflogen, das ist alles.“

„Sie waren auf dem Weg zum Versteck der Piraten. Sie wissen, wo es sich befindet. So ist es doch, nicht wahr? Wir hätten gerne die genauen Koordinaten gewusst. Sicher können Sie uns diesbezüglich einige Hinweise geben.“

„Tut mir leid, ich habe keine Ahnung.“

„Ganz wie Sie wollen. Ich habe den Befehl, alles aus Ihnen herauszuholen, was Sie wissen. Es liegt an mir, welche Methoden ich anwende. Ich habe alle Mittel, Sie zum Sprechen zu zwingen. Wenn Sie jedoch freiwillig reden, verzichte ich gerne darauf.“

Enda ahnte allmählich, dass es nicht so einfach sein würde, unbeschadet aus dieser Situation herauszukommen. Ganz bestimmt besaß man hier auf Arno geeignete Mittel, ihm alle Geheimnisse zu entreißen, und gerade das durfte nicht geschehen. Wenn er das Versteck der Piraten verriet, war alles verloren.

„Sie werden nichts erfahren“, sagte er kalt. „Wir können uns unterhalten, dagegen habe ich nichts einzuwenden. Gewisse Informationen können wir austauschen, auch dagegen bestehen keine Bedenken. Aber Geheimnisse … Niemals! Ich will auch die Ihren nicht kennenlernen. Es ist immer gefährlich, die Geheimnisse anderer zu kennen.“

Der Gesichtsausdruck des Mannes veränderte sich. Er sah nun gar nicht mehr so freundlich aus wie vorher, sondern betätigte einige Tasten auf der Konsole neben der Liege. Schmerzenswellen rasten durch Endas Körper. Es war ein erschreckender Schmerz, denn er konnte nicht sehen, was vor sich ging, und hatte das Gefühl, als würde ihm eine totbringende Verletzung zugefügt. Er wusste nicht, ob sich der Vorgang wirklich abspielte, oder nur in seinem Kopf hervorgebracht wurde.

Er hatte das Gefühl innerlich zu verbrennen. Der Schmerz ließ zwar den Schweiß auf seiner Stirn ausbrechen, aber am schlimmsten war doch die Angst, sterben zu müssen. Er biss die Zähne zusammen und atmete angestrengt durch die Nase in dem Bemühen, sich so lange wie möglich still zu verhalten.

„Sie haben Angst“, sagte der Mann, der sein Gesicht beobachtete, „dass Sie im nächsten Augenblick sterben. Dass Sie innerlich verbrennen. Das sind Ihre Gedanken, stimmt‘s?“

Enda antwortete nicht. Der Mann drückte eine Taste. Die Schmerzenswelle ebbte fast ebenso schnell ab, wie sie gekommen war.

„Das war nur ein kleiner Vorgeschmack“, bemerkte der Mann. „Wollen Sie während unserer ganzen Unterhaltung daran denken, dass es in meiner Macht steht, Ihnen in jedem Augenblick und in jedem von mit gewünschten Grad Schmerzen zuzufügen? Wenn Sie mich anlügen oder irgendwelche Ausflüchte machen, oder sich auch nur dümmer anstellen, als Sie sind, werden Sie sofort vor Schmerzen aufschreien. Haben Sie das verstanden?“

„Ja, ja“, sagte Enda.

Die Art des Mannes wurde weniger streng. Er machte ein paar Schritte hin und her. Als er sprach, war seine Stimme sanft und geduldig. Er schien mehr darauf bedacht, zu überreden, als zu bestrafen.

„Ich gebe mir Mühe mit Ihnen“, sagte er. „Denn ich weiß, dass sich bei Ihnen die Mühe lohnt. Sie sind ein Pirat, nicht wahr?“

Enda holte tief Luft. Er machte den Mund auf, um zu sprechen, doch dann schwieg er.

„Die Wahrheit, bitte. Sagen Sie mir die Wahrheit.“

Enda machte eine verzweifelte, qualvolle Anstrengung, seine obere Körperhälfte zu befreien, aber es war unmöglich, sich auch nur um einen Zentimeter in irgendeiner Richtung zu bewegen. Sein Mut sank. Es überkam ihn das Gefühl vollständiger Hilflosigkeit. Der Mann blickte prüfend auf ihn herunter. Mehr denn je sah er aus wie ein Vater, der sich mit einem widerspenstigen, aber vielversprechenden Kind Mühe gab.

„Sie müssen mir die Wahrheit sagen. Wollen Sie das tun?“

Wieder bemächtigte sich Enda das Gefühl der Hilflosigkeit. Was sollte er sagen, damit man ihm keine Schmerzen zufügte?

„Sind Sie ein Pirat?“

„Nein.“

Das Wort endete mit einem Schmerzensschrei. Der Mann war an die Konsole getreten und hatte eine Taste gedrückt. Enda trat der Schweiß aus allen Poren. Die Luft drang in seine Lungen und brach als dumpfes Stöhnen wieder daraus hervor. Er wollte die Zähne zusammenbeißen, doch es gelang ihm nicht.

„Sie sind in ihr Territorium geflogen.“

„Ich wollte ihnen … Proviant bringen“, brachte Enda mühsam hervor. „Eure Auseinandersetzungen sind mir egal. Ich bin … Geschäftsmann. Es fiele … mir viel leichter zu reden, wenn ihr mir … keine Schmerzen … zufügen würdet.“

Der Mann drückte eine Taste auf der Konsole. Die Schmerzen ließen nach. Monks Enda entspannte sich.

„Wie konnten Sie in das Asteroidenfeld eindringen?“, fragte der Mann. „Wo verstecken sich die Piraten?“

„Ja … nein, ich glaube nicht.“

„Sie werden es mir sagen.“

Der Mann betätigte einige Tasten. Aus der Konsole neben der Liege fuhr eine Spritze heraus. Die Injektionsnadel bohrte sich in Endas Arm und jagte eine farblose Flüssigkeit in seine Venen. Er bäumte sich auf, doch schon nach wenigen Sekunden entspannte er sich wieder. Auf seinem Gesicht spiegelte sich Gleichgültigkeit. Unerträglich müde, geschwächt durch den Mangel an Schlaf und Nahrung und die hämmernden Fragen des Mannes, war ihm plötzlich alles egal. Sein Geist wanderte immer weiter zurück, sodass sich sein Zeitgefühl endgültig verwischte. Damals und Heute gingen ineinander über. Er hatte keine Ahnung, wie viel Zeit seit Beginn des Verhörs vergangen war.

Seit der Injektion hatte sich seine Erinnerung um ein Vielfaches gebessert. Er konnte sich nun auf die wichtigen Dinge konzentrieren. Die Fakten, die der Mann von ihm wissen wollte, traten immer klarer in seinem Bewusstsein hervor. Mehr als einmal versuchte er, sich dagegen zu wehren. Doch es gelang ihm nicht. Vielleicht war es das Wissen, das er unweigerlich sterben musste, wenn er das Geheimnis verriet. Aber er war zu erschöpft, um sich darüber Gedanken zu machen.

Sein Widerstand brach. Es war, als hätte er eine Grenze erreicht. Dahinter lag eine Lücke, die er irgendwie ausfüllen musste. Fieberhaft ging sein Gehirn alle Fakten durch, die er kannte. Geisterhaft tauchten sie aus dem Nichts auf, belanglos und doch bedeutungsvoll. Ein kaum beachtetes Geheimnis. Zahlen spielten eine wichtige Rolle. Zwei scheinbar zueinander ohne Beziehung stehende Feststellungen. Das war es – und da war es ihm auch schon wieder entglitten.

Fast.

Er wurde von seiner Konzentration abgelenkt. Etwas Fremdes war in seinem Gehirn. Ein abwägendes Element. Als wollte man ihn prüfen. Dann konnte er die Antworten erkennen, als stünden sie direkt vor ihm. Er konnte die Fragen beantworten. Es war egal. Die Konsequenzen spielten keine Rolle. Er fühlte sich befreit wie ein Kind, das sich vor Geistern fürchtete und unverletzt aus einer dunklen Gasse ins Tageslicht gelangte. Er sah auf einmal alles mit völliger Klarheit.

„Ich werde es Ihnen sagen“, stammelte er. „Mein Schiff ist mit Kommandocodes ausgestattet, mit denen die automatischen Verteidigungssysteme im Asteroidenfeld überbrückt werden können. Die Codes dazu müssen zur richtigen Zeit von Hand eingegeben werden. Nur ich weiß, wann der richtige Zeitpunkt ist. Im Zentrum liegt Randagor, ein Planetoid mit einer atembaren Atmosphäre. Vor langer Zeit befand sich dort die Produktionsstätte einer Firma, die sich auf Roboter spezialisiert hatte. Die Piraten benutzen die verlassene Fabrik als Hauptquartier.“

„Na, sehen Sie“, sagte der Mann. „Das war doch gar nicht so schlimm, oder?“

Wenn jemand Enda irgendwann erzählt hätte, dass er sich jemals in einer solchen Lage befinden würde, er hätte es nicht geglaubt. Aber wenn man dem Tod ins Auge sah, wurden die Perspektiven auf seltsame Weise verzerrt. Bei seiner Tätigkeit war der Tod jener lauernde, unausweichliche Feind, den man akzeptieren musste und niemals herausfordern durfte. Und das erforderte keine große Mühe, weil es in seinem Kulturkreis keine Möglichkeit gab, dem Tod zu trotzen.

„Entspannen Sie sich jetzt“, sagte der Mann, während er die Zelle verließ.

Enda wollte etwas erwidern, doch es war zu spät. Die Dunkelheit umhüllte ihn bereits wie nächtlicher Nebel. Sein Bewusstsein brach zusammen und verließ ihn.



3

Zwei Wochen später wurden einige ausgewählte Angehörige der Raumflotte unter größter Geheimhaltung ins Hauptquartier der Raumflotte von Axarabor auf Arano gebracht. Zu ihnen gehörten auch Captain Simon Hackett und Commander Gavin Overdic vom Raumschiff STARFIRE. Zwei Soldaten führten sie zu einem offenen Heckeinstieg eines walzenförmigen Fahrzeugs. Es stand in einer etwa vier Meter durchmessenden Röhre. Seine Außenhülle war nur durch ein rötlich strahlendes Energiefeld von wenigen Millimetern Stärke von der Wandung der Röhre getrennt. Eine Rampe führte in sanfter Neigung zum Einstieg.

„Muss ja etwas verdammt Wichtiges sein, wenn man so ein Geheimnis darum macht“, sagte Overdic.

„Ja, vermutlich“, pflichtete Hackett ihm bei.

Nebeneinander betraten sie die Rampe. Weißes Licht überflutete die Männer, als sie ihre Füße ins Innere des Gleiters setzten. Hinter ihnen wurde die Rampe automatisch eingezogen. Ein weicher und zugleich federnder Bodenbelag schluckte das Geräusch der Schritte. Zurrend schloss sich das Schott. Die Umwelt blieb ausgesperrt. Die Passagierkabine hatte einen bedeutend kleineren Durchmesser, als es von außen den Anschein hatte.

„Bitte, nehmen Sie ihre Plätze ein!“, sagte eine weibliche Computerstimme. „Die Abfahrt erfolgt in wenigen Sekunden!“

Auf einem kleinen Monitor an der Stirnwand der Kabine tauchte zur gleichen Zeit die Zahl zwanzig auf, wurde abgelöst von der neunzehn …

Hackett und Overdic folgten dem Beispiel der Soldaten und ließen sich in die bequemen Sessel sinken, die sich sofort ihren Körperformen anpassten und sich mit einer beinahe beängstigenden Lebendigkeit verformten.

„Zwei … eins … null!“

Kein Geräusch verriet, dass der Gleiter gestartet war. Nichts veränderte sich an der Schwerkraft, obwohl das Fahrzeug aus dem Stand heraus mit Maximalwerten beschleunigte. Lediglich der Monitor, der eben noch die wechselnden Zahlen angezeigt hatte, verriet überhaupt etwas von der Vorwärtsbewegung. Zifferngruppen, kombiniert mit Buchstaben, wiesen auf die verschiedenen Stationen hin, die der Gleiter passierte. Nach zwei Minuten erschien ein rotleuchtendes Zeichen.

„Wir sind da!“, gab Overdic bekannt. „Hauptquartier.“

Er hätte sich die Mühe sparen können, denn die Computerstimme sagte noch einmal das Gleiche – nur viel ausführlicher. Overdic verzog das Gesicht.

„Machen Sie sich nichts draus“, meinte Hackett. „Ich freue mich über jede Bestätigung der Tatsache, dass Maschinen niemals in der Lage sind, Menschen zu ersetzen.“

Overdic holte zuerst tief Luft, dann entspannten sich seine Züge. „Zumindest können sie nicht so gut trösten“, gab er zurück.

Die Soldaten erhoben sich und gingen auf das Schott zu. Hackett und Overdic folgten ihnen. Das Schott glitt zur Seite. Die Männer verließen den Gleiter und gelangten zur Panzerwand der Zentrale. Zwanzig bewaffnete Soldaten hatten davor Aufstellung genommen. Ein untersetzter Mann in der Uniform eines Majors salutierte mit undurchdringlichem Gesicht und versperrte ihnen den Weg.

„Meine Herren, ich muss Sie bitten, die Identifikationsschleuse zu passieren.“

„Wer sagt das, Major?“, wollte Hackett wissen.

Der Mann verzog keine Miene. „Oberst Sogruta.“. Er räusperte sich, als wollte er sich damit im voraus für die protokollwidrige Erklärung entschuldigen. „Seit vier Tagen herrscht höchste Alarmstufe. Aus diesem Grund muss sich jeder, der die Zentrale betreten will, einer biometrischen Identifikation unterziehen. Es dürfen keine Ausnahmen gemacht werden. Sogar der Oberst unterzieht sich dieser Prozedur. Ich bitte um Verständnis.“

„Schon gut“, gab Hackett zurück. „In der gegenwärtigen Situation ist das vermutlich notwendig.“

Sie folgten dem Major. Aber sie waren nachdenklich geworden. Die Sicherheitsmaßnahmen bewiesen eindeutig, dass eine aktuelle Bedrohung eingetreten sein musste. Ein Schott glitt zur Seite. Hackett und Overdic betraten den dahinterliegenden Raum. Die biometrischen Sensoren registrierten alles. Sie blickten in das Bewusstsein der Männer hinein und verglichen die Hirnimpulse mit den gespeicherten Daten. Kein noch so unwesentlich wirkendes Merkmal entging ihnen. Nach einer Minute flammte grünes Licht an der Decke des Raumes auf.

„Identifizierung positiv“, sagte eine männliche Computerstimme. „Sie dürfen passieren.“

„Danke“, murmelte Overdic. Er trat so hastig durch das aufgleitende Schott, als empfände er Angst. Auf der anderen Seite warteten vier Leutnants. Die Wände warfen das schwache Geräusch der Schritte gespenstisch hohl zurück, als Hackett und Overdic zwischen den Männern einen langen Flur entlanggingen. Alle zwanzig Meter leuchteten orangefarbene Scheiben an beiden Wänden. Jeder wusste, dass sich dahinter Kampfroboter verbargen – bereit, bei Alarm oder irgendeinem verdächtigen Ereignis aus ihren verborgenen Kammern zu stürzen und die Anlage zu verteidigen.

Nach etwa zweihundert Metern erreichten sie den Abschluss des Flures. Ein Stahltor glitt zur Seite, gab den Eingang zu einer röhrenförmigen Schleuse frei. Noch einmal wurden die Männer mit Sicherheitsmaßnahmen konfrontiert, die jedem Außenstehenden übertrieben erscheinen mussten. Die Waffenmündungen in Decke und Wänden redeten eine nur zu deutliche Sprache; ein Feind, der die vorhergehenden Kontrollen auf irgendeine Art überwunden hatte, wäre bestenfalls bis zur rotleuchtenden Mittellinie gekommen.

Einer der Soldaten sprach einige Worte in ein verborgenes Mikrofon. Daraufhin öffnete sich das letzte Tor zur Zentrale. Die Halle besaß die Form einer Halbkugel mit einem Grundflächendurchmesser von dreihundert Metern. Riesige Bildschirme säumten die Wände. Kontrollpulte zogen sich lückenlos darunter hin. Männer und Frauen in verschiedenfarbigen Kombinationen saßen vor den Computermonitoren. Hackett blieb stehen und pfiff anerkennend durch die Zähne.

Details

Seiten
78
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738926842
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v462362
Schlagworte
raumflotte axarabor kampf festung

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Titel: Die Raumflotte von Axarabor 74: Kampf um die verborgene Festung