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Saltillo #16: Stunde der Killer

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Stunde der Killer

Klappentext:

Roman:

Saltillo

 

Band 16

 

Stunde der Killer

 

Ein Western von Franc Helgath

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2019: Edward Martin

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Der Spieler Sam Branch hasst den Haziendero Sam O´Hara, genannt Saltillo, wie die Pest – und er hat noch eine Rechnung mit ihm offen. Er lauert Saltillo auf und schießt ihm in den Rücken. Branch gelingt es zu fliehen, und er glaubt, dass er seinen Gegner in die Hölle geschickt hat. Während in Fort Laramie Layla Sheen und ein Arzt um Saltillos Leben kämpfen, bricht Branch in Richtung Süden auf. Sein Ziel ist die Hazienda del Saltillo. Bei sich trägt er ein Dokument mit einer gefälschten Unterschrift des vermeintlich Toten, das ihm eine Summe von 100.000 Dollars zuspricht. Aber Saltillos Freund Tortilla-Buck Mercer glaubt nicht daran und jagt Branch von der Hazienda. Branch sucht sich nun einen neuen Verbündeten in El Paso für seine finsteren Pläne – es ist der mit allen Wassern gewaschene Anwalt Dr. Miguel Gomez ...

 

 

 

 

Roman:

Sam Branch schmiedete Mordpläne. Natürlich würde er sich Saltillo nicht im ehrlichen Zweikampf steilen. Das war nicht die Art des Spielers, der groß und dunkel in dem billigen Hotelzimmer stand. Außerdem gedachte er am Leben zu bleiben. Schließlich wollte er aus dem Tod des verhassten Gegners Kapital schlagen - so um die 100.000 Dollar.

Sam Branch zögerte nicht länger. Die Nacht war günstig. Er ließ die Trommel im Lauflager rollen. Es klang wie das warnende Rasseln einer Klapperschlange vor dem tödlichen Biss. Branchs ebenmäßiges Gesicht geriet zur Fratze.

Drei Tage war es nun her, dass der Treck in Fort Laramie, dem weit vorgeschobenen Handelsposten in den Ausläufern der Rocky Mountains, angekommen war. Saltillo hatte ihn zuletzt sicher in sein vorübergehendes Ziel geleitet. Später wollten die Menschen weiter auf die kalifornischen Goldfelder. Auch Sam Branch hatte ursprünglich beabsichtigt, diesen harten Trail durchzustehen. Nicht um am Ende Im Dreck zu wühlen, nein, sondern um den Diggern ihr Gold im Spiel weiter abzunehmen. Er schätzte seit jeher den bequemen Weg. Ein wohl kalkulierter Zufall hatte ihm ein Dokument in die Hand gespielt, das mehr wert war, als drei Jahre harte Arbeit an den Spieltischen in dreckstarrenden, verschlammten Diggercamps.

Nun konnte er sich solche Mühsal sparen. Ein Stück Blei im richtigen Augenblick aus dem Lauf gejagt, würde aus dem rastlos herumziehenden Gambler einen Gentleman machen, vor dem ein jeder ehrfurchtsvoll den Hut zog.

Selbstzufrieden drehte er sich vor dem halbblinden Spiegel in der Bude, die hier an der Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis großspurig als »Washington Suite« bezeichnet wurde. Nein, das war kein Leben für Sam Branch, den kleinen Spieler mit den großen Ambitionen. Es war überhaupt eine Schnapsidee gewesen, in den Westen aufzubrechen.

Doch seit er dieses Stück Papier in Händen hielt, beglückwünschte er sich insgeheim zu dem Entschluss, die Beschwerlichkeiten eines Trecks auf sich zu nehmen. Freilich hatte er auch dabei versucht, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden und sich eine alternde Witwe angelacht, die ihm manch kühle Nacht angenehm gewärmt hatte. Sam Branch war mit großzügigen Versprechungen schneller bei der Hand als mit gezinkten Karten.

Am besten, er verschwand still und heimlich aus ihrem Leben, denn er hasste Abschiedsszenen; besonders dann, wenn sie melodramatisch zu verlaufen drohten. Und ausgerechnet bei Eileen Weber flossen die Tränen schnell. Sie lebte drüben in der Baracke bei den anderen Leuten vom Treck, Er hatte es ihr erfolgreich ausgeredet, dass sie ihn in seinem Hotelzimmer besuchte.

Deshalb fuhr Sam Branch ruckartig herum, als es zaghaft an die Zimmertür klopfte. Er steckte mit einer geschmeidigen Bewegung den versilberten, mit Ziselierungen versehenen Colt in den Hosenbund, schlug die Rockschöße nach vorn, damit die Waffe nicht mehr zu sehen war.

»Come in!«

In seiner Aufforderung lag eine halbe Frage. Die Tür schwang langsam auf.

Es war Eileen Weber, die vorsichtig, ja ängstlich den Kopf durch den Türspalt steckte,

»Sam ...?«

»Ich hab dir doch gesagt, dass du mich hier nicht aufsuchen sollst!«, fuhr Branch die etwa fünfunddreißigjährige Frau mit den grausträhnigen Haaren an. »Kannst du denn nicht hören!«

»Aber Sam .. .« Die Frau fasste sich sichtlich ein Herz und trat vollends ein. Die Hände faltete sie auf den Rücken. Sie senkte den Kopf. »Sam, ich hab mit dir zu reden. Seit wir in Laramie sind, weichst du mir aus. Du hast mich und die Kinder noch kein einziges Mal besucht«

»Weil ich eben noch keine Zeit dazu hatte«, entfuhr es Sam Branch. Er war zornig über diesen Zwischenfall, denn die Zeit brannte ihm auf den Nägeln. Bevor er Saltillo tötete, war noch eine Menge zu tun.

»Du hast dich verändert«, meinte die Frau und senkte nun doch den Blick, ließ ihn auf dem gefleckten Teppich zu ihren Füßen ruhen.

Branch zuckte mit den Schultern.

»Jeder Mensch ändert sich«, entgegnete er barsch. »Warum sollte ausgerechnet ich eine Ausnahme machen?« Er ging die zwei Schritte auf das einzige Fenster zu und riss den Vorhang zurück. Ein paar Lampen leuchteten matt und kraftlos herauf. »Sieh dich doch mal um in diesem verdammten Kaff. Du kannst nicht mal über die Straße gehen, ohne dir die Stiefel zu beschmutzen. Ich halt’s hier nicht länger aus. Ich bin einfach nicht geschaffen für den Westen. Gut, es war schön mit dir, aber nun ist’s vorbei. Du bist nicht schlecht mit mir verfahren. Genügend von meinem Geld hast du ja abgestaubt, so dass du weiter am Treck teilnehmen kannst. Wir sind quitt. Also mach mir jetzt keine Szene.«

Doch gerade danach war Eileen Weber eben zumute. Sie gehörte zu jenen Frauen, die dem verstorbenen Mann noch einen Hausaltar errichten und am Todestag Kerzen vor seiner verblichenen Fotografie anzünden. Um so stärker klammerten sie sich an einen Lebenden; nicht ahnend, oder auch nur verdrängend, wann sich eine Verbindung zerschlagen hatte.

Eileen schluchzte auf und lief mit ausgestreckten Armen auf Sam.Branch zu, der immer noch neben dem Fenster stand. Sie warf ihren Kopf an seine Brust und versuchte ihn zu umklammern.

Doch Sam glaubte das Rezept zu kennen, mit dem hysterische Frauen zur Räson zu bringen waren. Er stieß Eileen mit beiden Fäusten von sich, und als sie den richtigen Abstand hatte, klatschten seine Hände in ihr tränenüberströmtes Gesicht.

Eileen Weber stand danach für Sekunden betäubt mitten im Zimmer. Dann riss sie - viel zu spät - die Hände vors Gesicht und wankte heulend hinaus.

Ein teilnahmsloser Blick aus jettschwarzen Augen folgte ihr. Sam Branch rieb sich die Knöchel. Eigentlich mochte er keine Gewalt. Einer konnte dabei zu leicht selbst verletzt werden. Saltillo hatte ihn einmal verprügelt, und das fiel ihm in diesem Augenblick wieder ein.

Er verschwendete danach keinen Gedanken mehr an die Frau. Er musste wieder an den Texaner denken, diesen halben Comanchen. Und er malte sich aus, wie er ihm die Kugel genau zwischen die Schulterblätter setzen würde.

Das sollte noch in dieser Nacht geschehen.

 

*

 

Der Mann mit dem schwarzen, ungebändigten Haarschopf und den verwegenen Gesichtszügen lümmelte bequem auf einem wackeligen Stuhl und hatte die langen Beine weit von sich gestreckt.

In seiner Hand ruhte auf dem einzigen Tisch ein Brandyglas, aus dem er bisher jedoch nur genippt hatte.

Dass er ein Halbblut war, war erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Seine grauen Augen, ein Erbe des irischen Vaters, passten nicht zu seinem hageren Comanchentypus. Die Zipfel eines knallroten Halstuches, das jedoch im Schein der trüben Talglampe organgefarben schimmerte, stand keck seitwärts ab. Seine Kleidung aus weichem Leder unterstrich noch den athletischen Körperbau.

Sam O’Hara - die meisten nannten ihn ehrfurchtsvoll Saltillo - war nicht der einzige im kleinen Raum. Auf dem zweiten Stuhl saß Layla Sheen, eine dunkelhaarige Schönheit mit feurigen Augen und einer Figur, wie einer sie neuerdings in diesen Heftchen fand, die stets nur unter dem Ladentisch gehandelt wurden. Ihr Blick ruhte mit sichtlichem Stolz auf Saltillo. Immerhin hatte Sam O’Hara wieder einmal das Unmögliche vollbracht und einen Treck sicher durch Indianerland geführt. Hier in Fort Laramie wollten die Menschen überwintern, um mit den ersten Frühjahrsstürmen ins Goldland California aufzubrechen; in das El Dorado jener wilden Jahre.

Nur Mose Houston, der Dritte im Bunde, stand. Den weißbärtigen Alten hielt es nicht lange auf einem Stuhl. Als er mit knorrigen Händen durch seinen Prophetenbart fuhr, raschelte es, als würde ein jäher Windstoß mit den Blättern eines Baumes spielen. Vermutlich suchten auch ein paar Flöhe das Weite.

Mose Houston besaß die Ausstrahlung eines kapitalen Leitbullen. Er war es gewesen, der seine rund sechzig »Schäfchen«, zu denen auch Eileen Weber und ihre Kinder gehörten, von Alabama aus in Marsch gesetz hatte und ihnen nach einer verlorenen Vergangenheit eine neue Zukunft bescheren wollte. Und er hatte das Zeug dazu. Eben war er dabei, mit seiner gewaltigen Stimme zu einer längeren Rede anzusetzen.

Saltillo kannte dieses zwar gut gemeinte, aber reichlich pathetische Schwadronieren schon zur Genüge, aber er mochte den Alten inzwischen zu sehr, als dass er ihm das Wort abgeschnitten hätte. An Mose Houston war ein fantastischer Prediger verloren gegangen.

Der Alte mit dem Bart, der ihm fast bis zum Nabel reichte, erhob sein Glas und fing so laut zu sprechen an, dass die Flamme in der Laterne unruhig zu flackern begann.

»Und so scheint die Stunde unserer Trennung endgültig zu nahen«, donnerte er los. Und zur Bekräftigung seiner Worte, oder um seine Rührung zu unterbinden - bei ihm wusste man das nie so genau - nahm er eine Schluck aus seinem Brandytopf und gönnte dem höllisch scharfen Gesöff gute fünf Sekunden, den Schlund hinunterzugurgeln. Danach war ihm leichter, und der Topf hatte ebenfalls weniger Gewicht. Mit einer fahrigen Geste wischte er sich über die Lippen.

»Wie schon gesagt, Sohn«, und dabei fixierte er Saltillo, »nochmals den Dank aller, die du vor dem sicheren Tod bewahrt hast. Gott hat unsere Sünden getilgt, indem er uns einen Blizzard schickte. Doch dann hatte er ein Einsehen mit seinen getreuen Dienern. Cheerio!«

Wieder wanderte der Krug zum Mund. Saltillo konnte ein Schmunzeln nicht verkneifen. So aufgekratzt hatte er den Alten seit ihrem Aufbruch aus St. Louis nicht erlebt. Zu schön, dass diese Eiche von einem Mann auch einmal ihre Schwachstellen zeigte.

»Den Blizzard hatten wir überstanden, doch dann schmiedete dieser Höllenhund Evan Goodwill seine Ränke und wollte uns feindlichen Indianerhorden ausliefern, um sich auf diese üble Art zu bereichern.« Und nun hob Mose seine Stimme nochmals. Sie musste drei Straßen weiter noch zu hören sein: »Aber der Herr hatte abermals ein Einsehen mit uns armen Sündern. Er hat uns dich, Sam O’Hara, geschickt, der uns dann sicher durch die Fährnisse des Restes unseres gemeinsamen Weges geleitete.«

Saltillos Schmunzeln wurde zu einem breiten Grinsen. Mose Houston hatte ihn vor zwei Monaten in St. Louis schlicht und einfach entführt, allerdings, nachdem er ihm vorher das Leben gerettet hatte. So etwas verbindet schließlich auch.

Dann gefror Saltillos Grinsen wieder zu einem schäbigen Abglanz der eben gefühlten Heiterkeit. Es war ein Name gefallen. Evan Goodwill. Der Name jenes Mannes, der sie an die Shoshonen verkaufen wollte. Ihm war die Flucht gelungen, und Leute seines Schlages verfolgten ihr Ziel, bis sie es entweder erreichten oder auf dem Weg dorthin umkamen.

Die Rede des Alten näherte sich ihrem Ende. Saltillos und Laylas Ohren vermerkten dankbar, dass er die Lautstärke von einem dröhnenden Fortissimo auf ein erträgliches Crescendo herabschraubte.

»Kehret also zurück auf euere Hazienda im fernen Texas, lieber Sohn und liebe Tochter. Gottes Segen wird euch gewiss begleiten. Friede und Eintracht sei mit allen eueren Wegen.« Und ganz plötzlich, in ganz normalem Tonfall: »Und auf Sam Branch passen wir schon auf. Cheerio.«

Schon wieder so ein Name, der Saltillo Magendrücken bereitete. Er traute dem Spieler nicht über den Weg. Er war ein Puma, der im Dunkeln jagte. Als es nicht anders ging, hatte er diesen Mann einmal zusammengeschlagen. Menschen wie dieser Gambler verziehen erst, wenn der Sargtischler den Deckel über ihnen zunagelte. Immerhin - Sam Branch hatte sich zuletzt ruhig verhalten. Saltillo hätte sich gerade in diesem Fall auch einmal liebend gern getauscht.

Mose Houston, der Patriarch, der es sich an diesem Abend einmal erlaubte, aus seiner gottgefälligen Rolle zu schlüpfen, nötigte Saltillo und Layla zum Trinken. Sie prosteten sich zu.

»Wann wollt ihr aufbrechen?«

»Morgen schon«, antwortete Saltillo. »Bevor der Winter wirklich anbricht, möchten wir zu Hause auf der Hazienda sein. Wir waren mehr als drei Monate weg.«

Der wackere Greis nickte sinnend.

»Das versteh ich schon. Früher hatte auch ich einmal ein Zuhause.« Dann strafften sich seine Schultern. »Und bald werden wir alle wieder eines haben. Noch einen Drink, Sohn einen letzten.«

 

*

 

Sam Branch traf aus der Poststation auf die nachtdunkle Straße. Ein klarer Sternenhimmel signalisierte trügerischen Frieden. Im Wams des Spielers befand sich die eben erstandene Fahrkarte für die Express-Kutsche von Fort Laramie über Denver, Pueblo, Albuquerque nach El Paso - eine Strecke von etwas mehr als achthundert Meilen.

Der Overlander fuhr erst seit knapp zwei Jahren. Er legte diese gewaltige Strecke innerhalb von rund sechs Tagen zurück, rollte Tag und Nacht durch kaum befriedetes Gebiet auf Wegen, die diesen Namen häufig nicht verdienten.

Doch Sam Branch hatte es eilig. Er wollte nicht mit dem Mord an Saltillo in Verbindung gebracht werden. Ein sauberer Schuss aus dem Hinterhalt - wer wollte ihm danach etwas nachweisen?

Die Kutsche, ein mächtiges Gefährt mit modernen Stahlfedern anstelle des alten Ledergehänges, stand schon vor der Wells Fargo-Station bereit. Der Kutscher, ein säbelbeiniger Geselle mit Vollbart, hievte soeben den Postsack auf das Dach und zurrte ihn fest. Außer Sam Branch warteten vier weitere Reisende; allesamt Männer. Dem Schnitt ihrer Anzüge nach handelte es sich um Kaufleute. Vielleicht konnte er ihnen während der eintönigen und anstrengenden Reise ein paar Bucks abknöpfen.

Die sechs Pferde zerrten schon ungeduldig im Geschirr, als auch Sam Branch sein Gepäck in den Kasten hantelte.

»Noch ein Fahrgast?«, knurrte der Kutscher unwillig vom Dach herunter. »Das macht glatt ’ne Meile weniger die Stunde.«

»Und hundertachtzig Dollar mehr für die Kasse von Wells Fargo«, antwortete Sam Branch prompt und zeigte sein Ticket. Der Kutscher warf kaum einen Blick darauf.

»Wann geht’s los?«

»Sie fahren mit nach El Paso?«, erkundigte sich der Krummbeinige mit einer Gegenfrage.

»Ja.«

»Na ja. Innen sind diese Mistdinger ja gepolstert. Doch bis wir ankommen, werd ich mir den Hintern wieder mal wundgesessen haben.« Der Kutscher kletterte herunter, nachdem er auch Sam Branchs Reisetasche verstaut hatte. »In einer halben Stunde geht’s los«, sagte er. »Genau um Mitternacht. Sie hören es, weil sie drüben in der Garnison dann wie verrückt auf ihren Trompeten blasen.«

»Dann kann ich mir ja noch ein wenig die Beine vertreten. Sitzen werde auch ich noch lange genug.«

Der Kutscher sah aus, als ob er grinste. Genau war das nicht festzustellen, aber immerhin wurden zwischen dem Bartgestrüpp einige schwarze Stummelzähne sichtbar.

»Sie sind ein Leidensgefährte, Mister, aber deswegen werde ich trotzdem nicht auf sie warten, wenn Sie Schlag Mitternacht nicht zurück sind. Und lassen Sie nochmal Wasser. Wir halten vor dem Morgengrauen nicht mehr an.«

Es folgte noch eine Empfehlung, der Sam Branch jedoch mit Sicherheit nicht folgen würde. Er war mit seinen Gedanken schon ganz woanders. Bei seinem Revolver genau gesagt, der nach wie vor schussbereit im Hosenbund steckte.

Unterhalb der Wells Fargo-Station lag die Straße einigermaßen ruhig. Die Saloons von Laramie hatten sich wie die Motten ums Licht der Zufahrt zum Fort geschart, und das befand sich auf der anderen Seite der Frontier-Stadt. Doch in dieser Ecke stand die Baracke, in der die Siedler aus St. Louis untergekommen waren. Es hatte sich schnell herumgesprochen, dass Mose Houston für seinen neuen Freund Sam O’Hara eine grandiose Abschiedsfeier arrangieren wollte. In Nestern wie Laramie spuckte die Gerüchteküche jede Neuigkeit noch kochend heiß aus.

Der flachgestreckte Bau, einem Armeezelt ähnlicher als einem richtigen Haus, lag etwas von der Straße zurückversetzt. Mose Houstones Donnerstimme hätte auch noch einem Blinden sicher den Weg gewiesen.

»Noch ’nen Drink, Sean!«, grölte er gerade.

Sam Branch fluchte in sich hinein. Notfalls musste er Saltillo durch das Fenster hindurch abschießen. Dieser Gedanke gefiel ihm nicht. Er hätte lieber genau jenen Augenblick abgepasst, in dem der Verhasste im Lichtgeviert der offenen Tür erschien.

Und für Mitternacht hatte Saltillo in seinem Hotel noch ein Dinner für sich und diese schwarzhaarige Kreolin bestellt. Auch das hatte sich schnell herumgesprochen.

Branch zog die goldene Uhr aus der Tasche, ließ den Springdeckel aufklappen, aber er sah nichts in der Dunkelheit. Mit einem missmutigen Schniefen steckte er den Chronometer wieder ein.

Doch der klare Sternenhimmel und die abnehmende Mondsichel spendeten immerhin genügend Licht, so dass er sich einen Standort auswählen konnte, von dem aus er den tödlichen Schuss abfeuern würde. Das Gelände hatte er zur Vorsicht schon bei Tage inspiziert.

Er zwängte sich zwischen zwei leere Pferdekoppeln, machte sich die Stiefel ganz gewaltig schmutzig, doch das bekümmerte ihn im Augenblick nicht mehr. Wenn er erst einmal die 100.000 Dollar hatte, konnte er sich auch einen Diener leisten, der nichts anderes zu tun hatte, als sein Schuhzeug zu wienern. So brachte Sam Branch das »Opfer« und trat in den Matsch. Seiner inneren Uhr folgend hatte er noch eine knappe Viertelstunde Zeit, bis die Kutsche abfuhr. Hoffentlich ließ Saltillo das Dinner mit Layla nicht ausfallen.

Der Hauptteil der Barackenfeier schien schon vorbei, denn hinter den meisten Fenstern brannte kein Licht mehr. Nur in jenem Raum, in dem Mose Houston selbst hauste und in zwei weiteren am Ende des Baus. Sam Branch lauschte wie ein Fuchs. Tatsächlich konnte er ein paar Wortfetzen auffangen.

» ... sehen uns also morgen nochmal kurz ... gute Reise ... wollt ihr wirklich nur mit Pferden ...«

Dann endlich wurde auch die Tür geöffnet. Ein langer Lichtstreifen fiel auf eine verwilderte Rasenfläche mit einer Art Trampelpfad. Sam Branch erkannte die unverwechselbare Gestalt Saltillos auf Anhieb. Jetzt wandte er sich nochmals dem Alten zu, um ihm für diese Nacht ein letztes Mal die Hand zu reichen,

Saltillo stand mit dem Rücken genau zu Sam Branch, der längst seinen Colt über die oberste Korral-Sprosse angelegt hatte.

Kimme und Korn kamen zur Deckung. Die Schussentfernung betrug keine dreißig Yards.

Sam Branch hielt den Atem an.

Dann fiel der Hammer auf den Patronenboden. Brüllend entlud sich der Schuss. Die grelle Stichflamme fraß ein Loch in die Dunkelheit.

Sam Branch war für Augenblicke geblendet. Er war es noch, als er bereits davonhastete.

Nur einmal wandte er sich um.

Der verhasste Texaner lag langgestreckt auf der Erde.

 

*

 

Der Coltlauf war noch heiß, als Sam Branch erzwungen ruhig dem sechsspännigen Overlander zustrebte. Vermutlich verbrannte er sich im Augenblick sein seidenes Oberhemd.

Der Kutscher hatte Gesellschaft bekommen. Neben ihm äuf dem Bock saß ein weiterer Mann mit einem Gewehr in der Hand; der übliche Begleiter jener Reise in diesen unruhigen Zeiten. Er würde den Säbelbeinigen irgendwann in der Nacht auch an den Leinen ablösen.

»War das eben nicht ein Schuss?«, fragte der Bärtige vom Kutschbock.

Sam Branch zuckte mit den Schultern. Die untere Bauchdecke tat ihm weh, als würde ihm jemand ein Brandzeichen aufdrücken.

»Ich hab nichts gehört. Ist ja ziemlich laut hier herum.«

»Da haben Sie allerdings recht, Mister. Steigen Sie endlich ein. Die Narren im Fort werden gleich ihr Konzert beginnen. «

Der Kutscher hatte sich nicht verschätzt. Genau in diesem Augenblick klangen die Fanfarenstöße von der Garnison herüber. Sam Branch hatte kaum zwischen zweien der Kaufleute Platz genommen, als der wuchtige Overlander auch schon anruckte.

»Hey, ihr müden Klepper!«, rief der Kutscher heiser. »Bewegt euch. Schüttelt nur die Knochen tüchtig durcheinander, hey!«

Weiter unten an der Straße hielt der Overlander jedoch nochmals an. Der Lauf der Mordwaffe hatte sich inzwischen abgekühlt. Eine Menschentraube versperrte den Weg. Der Kaufmann neben Sam Branch ließ das Fenster herunter.

»Kutscher, was ist? Warum geht’s nicht weiter?«

»Da haben sie irgendeinen erschossen«, bellte der Säbelbeinige zurück. »Well, seien Sie froh, dass Sie hier wegkommen. Hey, Leute, zur Seite! Wells Fargo ist für seine Pünktlichkeit bekannt. Auch auf langen Strecken. Aus dem Weg, Leute!«

Es bahnte sich tatsächlich eine Gasse. Sam Branch konnte einen Blick hinaus erhaschen. Ganz kurz nur sah er eine Frau neben einem Körper knien.

»Sam! Sam! Saltillo! Bitte stirb nicht. Nein, Sam!«

Doch Saltillo antwortete nicht. Layla Sheen schluchzte hemmungslos. Als sie sich einmal aufrichtete, war ihre weiße Bluse mit Blut besudelt.

Und dann waren da noch ein paar Stimmen.

»Einen Arzt. Verdammt nochmal, den Doc?«

»Holt lieber den Sargtischler. Der ist hier zuständig. Und den Totengräber. Er soll ’ne Grube ausheben.«

Der Overlander ruckte abermals an. Diesmal wurde er nicht mehr aufgehalten.

 

*

 

Doc F. G. O’Cramerty war viel älter als die »Stadt« Laramie. Das »F« stand für Fitzgerald, das »G« für Goron und das »O« mit dem Apostroph für Cramertys irische Abstammung. Doc O’Cramerty war noch auf der grünen Insel geboren worden.

Als er den Namen seines neuen Patienten erfuhr, wuchs der kleine, fuchsgesichtige Mann über sich selbst hinaus. Am liebsten hätte er Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um diesem Sam O’Hara zu helfen - Iren unter sich.

Und dieser drahtige »Ire«, den ein unbekannter Heckenschütze niedergeschossen hatte, verlor soviel Blut, dass der alte Doc sich wohl tatsächlich mit sämtlichen überirdischen Mächten verbünden musste, wenn er ihn retten wollte.

Die Chancen standen - zugegeben - miserabel, denn mit dem Blut sickerte auch das Leben aus Sam O’Hara. Und das Rinnsal ließ sich vorerst nicht zum Besiegen bringen.

»Weg von dem Mann!«, bellte der Doc barsch, und die Anordnung galt in erster Linie der Kreolin. »Haut alle ab!«, belferte der alte Arzt und schob seinen Kneifer zurecht, der ihm immer wieder auf die Knollennase rutschte. »Wenn ihr schon unbedingt Maulaffen feilhalten müsst, bringt mir wenigstens Licht!«, fügte er brüllend hinzu.

Nur selten hatten sie in Laramie Doc O’Cramerty so schreien hören. Er galt als ruhiger und besonnener Mann,

Doch er erkannte sofort, dass nur mit einer Notoperation an Ort und Stelle etwas zu machen war.

Die Diagnose bereitete einem Arzt, der ausgerechnet in Laramie eine Praxis unterhielt, nicht die geringsten Schwierigkeiten. Die Kugel war knapp an der Wirbelsäule vorbei so weit in den Rücken eingedrungen, dass sie nun knapp vor dem Herzen steckte. Wahrscheinlich hatte ein Stümper die Kugel zu flach gegossen oder das falsche Material benutzt. Jedenfalls sah die Wunde grässlich aus. Doc O’Cramerty stopfte dicke Packen Mull in das Einschussloch.

»Verschwindet!«, kreischte er. »Und bringt endlich ’ne Karbidlampe, ihr verdammten Penner. Oder ich schwöre euch, dass ihr nie wieder zu mir in den Ordinationsraum kommt. Ich seh eure Gesichter, ihr Laffen. Und jedes merk ich mir. Jedes. Wo bleibt das Licht, verdammt nochmal? Das Licht!«

Doc O´Cramerty bekam unerwartet Hilfe von Mose Houston, dessen alkoholbedingte Seligkeit in Sekundenschnelle verflogen war. Er wurde zum Organisator im Hintergrund. Männer aus seinem Treck räumten den Platz überraschend schnell. Von irgendwoher tauchte sogar plötzlich eine Karbidlampe auf, die ihr gleißendes Licht verstreute.

Der Doc rückte den Kneifer zurecht, bevor er zu seinem chirurgischen Besteck griff, das in verwirrender Vielfalt den abgewetzten Arztkoffer füllte.

Er arbeitete lautlos und mit erstaunlicher Geschicklichkeit. Zumindest hatten die wenigen »Auserwählten«, diesen Eindruck, die dem Eingriff beiwohnten.

Layla war auch dabei. Sie biss sich fortwährend in die Handballen. Schließlich musste auch sie den Blick abwenden.

Mose Houston nahm sie in die Arme.

»Er übersteht es, Layla«, tröstete er. »Ganz bestimmt. Der Herr wird nicht zulassen, dass er stirbt.«

Der Alte war tief religiös. Bei Layla war das anders. Und trotzdem fand sie in diesen Augenblicken Trost. Sie schluchzte trocken.

»Was macht der Doc jetzt?«, flüsterte sie an Mose Houstons breiter Brust.

»Er holt die Kugel raus, wenn ich nicht irre. Und das muss er wohl auch. Schau besser nicht hin.«

Doc F. G. O'Cramerty stocherte in Saltillos Wunde herum, und er arbeitete mit Präzision und Bravour, was außer ihm freilich niemand am Platze beurteilen konnte. Er selbst jedoch fand, er hätte an diesem scheinbar leblosen Körper sein letztes Meisterstück vollbracht. Ohne jede Hilfe klammerte er Adern ab, brachte Blutungen zum Stillstand und erreichte endlich auch die Kugel.

Er hatte recht gehabt. Eine Nagelbreite tiefer, und dieser »Ire« wäre ein toter Mann gewesen.

Dabei stand noch lange nicht fest, ob Saltillo die Folgen des Eingriffs überlebte.

Jetzt warf der Doc die plattgedrückte Kugel in eine bereitstehende Emailleschüssel und vernähte das Rückenfleisch und die Haut, so gut er vermochte. Von nun an musste er diesen Verletzten seinem eigenen Schicksal überantworten. Er selbst hatte das Menschenmögliche getan.

Doc O´Cramerty erhob sich ächzend. Er hatte zuletzt einen Druckverband angelegt, der fast den ganzen Oberkörper Saltillos umspannte. Die Erschöpfung war dem alten Doc anzumerken.

Layla löste sich von Mose Houston und lief auf den Arzt zu.

»Wird er es überstehen?«

Doc F. G. O’Cramerty hob müde die Rechte und zeigte mit dem Finger gegen den Himmel.

»Fragen Sie den da oben«, murmelte er. »Ich will Ihnen keine Hoffnungen machen, Ma’am.«

 

*

 

Eine Bahre war herangeschafft worden. Darauf legten sie Saltillo, und Doc F. G. O’Cramerty sorgte dafür, dass der Transport auch behutsam genug vonstatten ging. Die Männer des Trecks waren es, die Sam O’Hara in das Haus des Doc trugen, wo ein Krankenbett auf ihn wartete. Der braungebrannte Texaner schaute einer Leiche ähnlicher als einem Lebenden. Der enorme Blutverlust hatte ihm jede Farbe genommen.

Vorsichtig wurde er in eines der beiden Betten gehoben. Das andere war nicht belegt. Layla Sheen und Mose Houston schoben sich mit in den Raum, nachdem die Träger das Krankenzimmer verlassen hatten.

»Wird er überleben?«, fragte nun Mose Houston.

Der alte Doc wusch sich die Hände in einer Schüssel. Das Wasser war nachher rot.

»Ich hab noch keinen Fall erlebt, wo ein Mann eine solche Verletzung überstanden hätte.« Jetzt erst bemerkte der Doc die junge Frau, und er wurde rot bis unter die Haarwurzeln. Er räusperte sich. »Natürlich hatte ich nie so einen Fall«, versuchte er abzuschwächen.

Mose Houston nickte bedächtig. Er hatte verstanden. Die Chancen für Saltillos Überlegen standen eins zu tausend.

»Darf ich hierbleiben?«, fragte Layla erstickt. »Ich kann jetzt nicht zurück in unser Hotel. Ich kann’s einfach nicht.«

Doc O’Cramerty nickte verständnisvoll.

»Dort drüben steht ein Stuhl. Ich kann ihm im Augenblick ohnehin nicht mehr helfen. Für einen alten Mann wie mich ist es ohnehin verteufelt spät geworden, Ich leg mich in die Falle. So gegen sechs Uhr komm ich wieder. Dann wird das Wundfieber einsetzen. Legen Sie ihm solange kalte Kompressen auf die Stirn. Der Brunnen ist hinten im Hof, Tücher finden Sie in der obersten Schublade der Kommode. Wechseln Sie sie alle zehn Minuten. Wenn ich nur wüsste, wie ich ihm das Chinin einflößen soll. Er wird es bald brauchen. Doch so bewusstlos wie er jetzt ist, kann er nicht einmal schlucken.«

Damit verließ der Arzt den Raum, und Mose Houston gab Layla einen traurigen Blick.

Aber er ging nicht.

Laylas Blick hielt ihn fest.

»Wer war das?«, fragte sie.

»Sam Branch? Ich hab mir die Kugel angesehen. Ein 32er Kaliber. Ich weiß, dass der Gambler so eine Waffe hatte. Ich hab sie mal zufällig gesehen.«

»Hatten Sie nicht versprochen, dass auf Branch aufgepasst würde?«

»Ich hab Eileen Weber gebeten, zu ihm ins Hotel zu gehen. Ich dachte, sie würde ihn zumindest für die Dauer unserer Feier beschäftigen. Das war wohl nichts. Ich werd sie fragen.«

Layla zog den Stuhl ganz nah ans Krankenbett. Saltillos Brust hob und senkte sich unmerklich. Seine Wagen waren eingefallen.

 

*

 

Der Atem ging rasselnd. Wegen seiner Wunde lag Saltillo auf dem Bauch. Sein Mund stand offen, den Kopf hatte er zur Seite gelegt.

Layla wechselte die Kompressen alle fünf Minuten.

Saltillos Stirn begann trotzdem bald zu glühen. In der jungen Frau geriet die Sorge um den Geliebten an den Siedepunkt, doch sie zwang sich zur Ruhe. Fast verbissen befolgte sie die Ratschläge des Arztes.

Zwischendurch redete sie auf den Bewusstlosen ein. Es waren Worte voller verzweifelter Sehnsucht, wilder Hoffnung und zugleich panischer Angst, die sie niederkämpfen musste.

Das Fieber stieg. Auf dem Zifferblatt der monoton tickenden Standuhr rückte der Stundenzeiger auf die Fünf vor. Dumpfe Gongschläge dröhnten.

Eine Viertelstunde später hielt Layla es nicht länger aus. Sie raffte ihren Rock, um nun doch den Arzt zu wecken. An ihrer weißen Bluse war Saltillos Blut zu rostroten Flecken getrocknet. Gerade wollte sie aufstehen, als Saltillos Lippen sich bewegten. Ganz leicht nur und trotzdem vernahm sie das Flüstern.

Wie eine schwarze Flut senkte sich ihr Haar über den Geliebten, als sie sich über ihn beugte. Saltillo redete im Fieberwahn.

»Sie brennt ...«, röchelte er. »Alles brennt. Flammen schlagen aus dem Gebälk. Die Tiere, sie schreien. Ruidosa ..., Buck ..., sie können nicht helfen. Das Feuer greift über auf die anderen Gebäude. Überall schwarzer Rauch und Schreien. Alles wird zu Asche. Die Hazienda, sie verbrennt ...«

Layla rückte ihr Gesicht ganz nah an das von Saltillo. Ihre kühlen Lippen berührten seine heißen.

»Armer Liebling«, flüsterte sie. Sie wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln. Dann stand sie entschlossen auf.

Sie fand Doc O’Cramerty im Obergeschoss. Er wachte auf, als sie mit einer Kerze in der Hand eintrat.

»Ist was mit dem Patienten?«

»Er fiebert.«

»Wieviel Uhr?«

»Fünf.«

»Was? Jetzt schon? Der hat’s aber eilig.«

Ohne jede Scheu vor der jungen Frau sprang F. G. O’Cramerty aus dem Bett. Er hatte ein langes Nachthemd an und sah aus wie sein eigener Geist. Die Hosen waren unordentlich über einen Stuhl geworfen. Er schlüpfte hinein und stopfte das Nachthemd in den Bund. Mit einem leisen Schnalzen legte er die Hosenträger um. Die Füße fuhren in Pantoffel.

»Ich bin fertig«, knurrte er, nahm Layla die Kerze aus der Hand und ging voraus.

Als sie das Krankenzimmer wieder betraten, war Saltillos Flüstern erstorben. Sein Kopf leuchtete wie eine Tomate.

»Seltsam«, murmelte der Doc. »Ich habe das Fieber nicht vor sieben Uhr erwartet.«

»Ein schlechtes Zeichen, Doc?«

Der dürre Alte zuckte mit den Schultern.

»Meist ist es ein gutes. Sein Körper wehrt sich zeitig. Wenn wir das Fieber senken können, hat er eine gute Chance.«

»Kann er denn jetzt schlucken?«

»Wir können ihn nicht fragen«, meinte Doc O’Cramerty knapp. »Bleiben Sie bei ihm. Ich bin sofort zurück. Ich muss nur kurz hinüber in meinen Ordinationsraum zum Giftschrank.«

Als Layla zusammenschreckte, grinste er aufmunternd.

»Nicht so wörtlich nehmen, Ma’am. Es steh’n lauter brauchbare Sachen drin. Sie werden Ihrem Gatten helfen.«

»Gatte« hatte er gesagt. Layla verbesserte ihn nicht. Sollte er in seinem Glauben bleiben.

Doc O’Cramerty kam schon bald wieder. Er trug ein Reagenzglas mit einer milchig-weißen Flüssigkeit in der Hand. Uber die Öffnung war ein roter Gummischlauch gestülpt. »Wir blasen ihm das Zeug einfach direkt in den Magen«, verkündete er und winkte Layla zur Seite.

Er schob das Ende des Schlauchs in Saltillos Rachen. Der Bewusstlose reagierte nicht.

»Jetzt ist das Ende im Magen«, meinte der Doc nach einer Weile. Jetzt erst bemerkte Layla, dass das Gefäß gar nicht aus Glas war, sondern sich wie ein Gummiball zusammenpressen ließ.

Und Doktor F. G. O’Cramerty drückte, was seine Hände noch an Kraft hergaben. Saltillos Oberkörper streckte sich kurz und fiel dann wieder in die alte Stellung zurück. Der Doc zog den Schlauch heraus und nickte zufrieden.

»So«, sagte er, »nun muss das Zeug nur noch drinbleiben. Er ist ein O’Hara«, fügte er hinzu. »Ein Ire, Der schafft es. Jetzt bin ich mir schon fast sicher.«

Danach nahm er ein schmales Messer und durchtrennte den Verband am Rücken ohne viel Federlesen.

Wieder folgte ein zufriedenes Nicken.

»Keine Anzeichen von Wundbrand«, erklärte der alte Doc. »Sie müssten jetzt schon zu sehen sein. Ein Ross könnte Ihren Gatten um seine Natur beneiden. Er kommt wieder auf die Beine. Aber ein paar Wochen wird’s schon dauern. Und jetzt sollten sie sich hinlegen, Ma’am. Ein Patient pro Nacht reicht mir. Sie kippen mir sonst um. Meinetwegen legen Sie sich da hin.« Er wies auf das zweite Bett in der weiß gestrichenen Kammer. Dann drohte er scherzhaft mit dem Zeigefinger. »Aber dass Sie mir nicht auf dumme Gedanken kommen!«

Layla Sheen konnte nicht lachen, und F. G. O’Cramerty schaute etwas verlegen drein.

»Entschuldigen Sie«, murmelte er, »aber Sie haben eben ausgesehen, als könnten Sie etwas Aufmunterung gebrauchen. Und helfen können Sie ihm im Augenblick ohnhin nicht. Doch hoffen dürfen Sie wieder.«

Layla fühlte, dass der dürre Doc sie nicht belog, und sie lächelte.

»Ich könnte jetzt einen Drink vertragen«, sagte sie.

»Eine prachtvolle Idee. Ich werde uns was zusammenbrauen. Können Sie kochen? «

»Nicht sehr gut.«

»Für Spiegeleier und Speck für uns beide wird’s doch wohl noch reichen, wie?«,

»Das sicher.«

»Na also. Kommen Sie mit. Ich zeig Ihnen die Küche. Fallen Sie bitte nicht in Ohnmacht.«

Doc O’Cramerty versuchte Layla von ihren Sorgen abzulenken. Und das erreichte er auch. Er war eben ein prächtiger Arzt - auch für ein lädiertes Innenleben.

 

*

 

Der Arzt und die junge Frau saßen eben beim Frühstück, als Mose Houston wie ein Ungewitter ins Zimmer brach,

»Ich hab’s nicht länger ausgehalten«, dröhnte er, so dass Doc O’Cramerty sofort den Zeigefinger an die Lippen legte.

Mose Houstons Gesicht lief rötlich an. Auch er sah aus, als hätte er die vergangene Nacht kein Auge zugetan. Dunkle Ringe nisteten unter seinen gütigen Augen.

»’tschuldigung.« Sein Flüstern konnte immer noch mühelos jedes Gespräch in einem Saloon übertönen. »Aber ich habe Miss Layla etwas mitzuteilen. Doch vorab: Wie geht’s Sean?«

»Den Umständen entsprechend schlecht«, antwortete Doc Cramergy. »Aber er kommt durch.«

Mose Houston atmete auf.

»Wenigstens eine gute Nachricht. Ich hab leider nur schlechte, Layla.«

Die junge Frau schob den leeren Teller von sich. Doc O´Cramerty bot Houston einen Stuhl an, aber der wollte lieber stehen bleiben. Er konnte nicht sitzen. Er war trotz seines Alters zu agil für Tischplaudereien.

»Es ist schnell gesagt«, meinte er, an Layla gewandt. »Tut mir leid, dass es solange dauerte, bis ich Bescheid bekam. Doch daran war nur dieses hysterische Weibsbild schuld. Ich hab doch gesagt, dass ich Eileen Weber zu Sam Branch schickte. Mit ihr wollte ich dann auch zuerst sprechen. Fast eine Stunde lang war nichts mit ihr anzufangen. Ich glaube, sie heult jetzt immer noch. Ihr sauberer Galan hat sie verlassen. Das konnte ich mit Mühe erfahren. Und dann war die Poststation geschlossen, und im Wells Fargo-Haus konnte ich auch nichts raus kriegen. Ich musste bis heute früh warten.«

Und dann setzte er sich doch, weil Doc O´Cramerty inzwischen zum Herd hinübergegangen war und aus der noch halbvollen Pfanne Eier und Speck auf einen Teller schaufelte. Zum Essen braüchte er Mose Houston nicht erst aufzufordem.

Zusammenfassung

Der Spieler Sam Branch hasst den Haziendero Sam O´Hara, genannt Saltillo, wie die Pest – und er hat noch eine Rechnung mit ihm offen. Er lauert Saltillo auf und schießt ihm in den Rücken. Branch gelingt es zu fliehen, und er glaubt, dass er seinen Gegner in die Hölle geschickt hat. Während in Fort Laramie Layla Sheen und ein Arzt um Saltillos Leben kämpfen, bricht Branch in Richtung Süden auf. Sein Ziel ist die Hazienda del Saltillo. Bei sich trägt er ein Dokument mit einer gefälschten Unterschrift des vermeintlich Toten, das ihm eine Summe von 100.000 Dollars zuspricht. Aber Saltillos Freund Tortilla-Buck Mercer glaubt nicht daran und jagt Branch von der Hazienda. Branch sucht sich nun einen neuen Verbündeten in El Paso für seine finsteren Pläne – es ist der mit allen Wassern gewaschene Anwalt Dr. Miguel Gomez ...

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738926750
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Februar)
Schlagworte
saltillo stunde killer

Autor

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Titel: Saltillo #16: Stunde der Killer