Lade Inhalt...

Wachwechsel in der Mörderei

©2019 120 Seiten

Zusammenfassung

Diesmal ist selbst für Marlene Schelm, die von ihren Kollegen nur Lene genannt wird, der Fall nicht zu lösen: Ein Mann verschwindet spurlos und man vermutet, dass er einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist, findet jedoch weder eine Leiche noch Motive oder Beweise für einen Mord. Eines Tages wird eine Frauenleiche gefunden und auch hier verlaufen alle Ermittlungen im Sande. Noch bevor der Fall gelöst werden kann, geht Lene Schelm, die erste Kriminalhauptkommissarin von Tellheim, in Pension.
Erst ihre Nachfolgerin Maria (Ria) Zeller kann Hinweise zum Tathergang finden. Ob sie ausreichen, den oder die Täter zu finden, wird sich zeigen. Eins steht jedoch fest: Als Leiterin des R-11 (gewaltsamer Tod und Entführung) beweist sie, dass sie Lene Schelm würdig und vollständig ersetzen kann.

Leseprobe

Table of Contents

Wachwechsel in der Mörderei

Klappentext:

Teil I – Leiser Abschied

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebtes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Teil II – Lauter Abschied

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Teil III – Makabrer Abschied

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Wachwechsel in der Mörderei

 

 

von Horst Bieber

 

 

 

Teil I – Leiser Abschied

Teil II – Lauter Abschied

Teil III – Makabrer Abschied

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: unsplash mit Kathrin Peschel, 2019

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

 

Diesmal ist selbst für Marlene Schelm, die von ihren Kollegen nur Lene genannt wird, der Fall nicht zu lösen: Ein Mann verschwindet spurlos und man vermutet, dass er einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist, findet jedoch weder eine Leiche noch Motive oder Beweise für einen Mord. Eines Tages wird eine Frauenleiche gefunden und auch hier verlaufen alle Ermittlungen im Sande. Noch bevor der Fall gelöst werden kann, geht Lene Schelm, die erste Kriminalhauptkommissarin von Tellheim, in Pension.

Erst ihre Nachfolgerin Maria (Ria) Zeller kann Hinweise zum Tathergang finden. Ob sie ausreichen, den oder die Täter zu finden, wird sich zeigen. Eins steht jedoch fest: Als Leiterin des R-11 (gewaltsamer Tod und Entführung) beweist sie, dass sie Lene Schelm würdig und vollständig ersetzen kann.

 

 

***

 

 

Teil I – Leiser Abschied

 

Personenverzeichnis:

Arno Bolten: Dipl. Ing. bei der Firma „New Flight Systems“ (NFS)

Jessica Bolten, geborene Heller: Arnos Ehefrau

Katharina (Kathi) Bolten: Jessicas und Arnos Tochter

Bernd Seiler: Privatdetektiv

Ludmilla (Milla) Tscherkow: wolgadeutsche Mathematikerin bei NFS.

Maria (Ria) Zeller: Kommissarsanwärterin in Tellheim

Kurt Grembowski (Grem): Krimimalbeamter in Tellheim

Marlene (Lene) Schelm: Erste Kriminalhauptkommissarin (KHK) in Tellheim

Arne Wilster: Kriminalhauptkommissar (KHK) im Archiv des Polizeipräsidiums (PP) in Tellheim

Egon Kurz: Chef der Tellheimer KTU und Spurensicherung (Spusi)

Lars Herding: Staatsanwalt in Tellheim

 

Alle Namen und Taten, Firmen, Behörden, viele Orte, Gewässer und Geschäfte sind frei erfunden. Auch das südwestdeutsche Bundesland Leiningen mit seiner Hauptstadt Tellheim existiert nur in der Fantasie des Autors. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären also rein zufällig.

 

 

***

 

 

Erstes Kapitel

 

Maria Zeller hatte ein geradezu vorbildliches Protokoll verfasst, das selbst ihr momentaner Chef, Hauptkommissar Kurt Grembowski, Leiter des Referats 7 (Vermisste) loben musste, was Grem der Grobe, wie er im Polizei-Präsidium am Krötengraben allgemein genannt wurde, ausgesprochen selten tat.

Jessica Bolten, geborene Heller, (wohnhaft Rolf-Brinkmann-Weg 22) hatte bei der Polizei gemeldet, dass seit dem 5. Mai ihr Ehemann Arno Bolten verschwunden war. Nach dem Büro hatte er sich mit drei Arbeitskollegen aus der Firma New Flight Systems (NFS)

Heiner Schünemann (Lensener Straße 18)

Holger Dörfel (Halderstraße 24) und

Karl (Charly) Backes (Mühlenweg 55)

zum Schafskopfspielen in dem Dorsumer Lokal Eulenhorst getroffen, war zusammen mit den drei Mitspielern gegen 22.15 Uhr aufgebrochen, war wie die anderen in seinen Wagen gestiegen, der wie alle Autos auf dem Hof des Eulenhorstes parkte und losgefahren. Zu Hause war er nicht mehr angekommen und seit dem 5. Mai abends fehlte jeder Spur, Nachricht oder ein Lebenszeichen von ihm. Sein Auto, ein fast neuer grauer VW Golf, war weder in einen Unfall verwickelt noch irgendwo gesichtet worden, und einen toten oder schwer verletzten Arno Bolten hatte man nicht aufgefunden.

„Was machen wir jetzt, Chef?“, fragte die Kommissarsanwärterin Maria Zeller eifrig.

„Das entscheiden wir später. Zuerst einmal rede ich mit der Ehefrau.“

„Sie wartet schon draußen.“

 

*

 

Der eingefleischte Junggeselle Grem war weder durch goldblonde Naturlocken noch durch Traumfiguren in engen Jeans und Shirts zu beeindrucken. Jessica Bolten brachte das alles mit, und Grem schaltete automatisch auf Misstrauen um.

„Guten Tag, Frau Bolten. Meine Kollegin Maria Zeller kennen Sie ja schon.“ Neben der blonden Jessica wirkte die K-Anwärterin Zeller etwas blass und unscheinbar.

„Nichts Neues von Ihrem Mann Arno?“

„Nein. Gar nichts. Kein Brief, keine Karte, keine mail, kein Anruf.“

„Von seinem Auto haben wir auch keine Spur, Frau Bolten. Hatte Ihr Mann Feinde? Gab es in letzter Zeit Drohungen, Drohbriefe? Hat man versucht, bei Ihnen einzubrechen. Ist Ihnen oder Ihrem Mann etwas gestohlen worden? Gab es Ärger in der Firma, mit Nachbarn, in Ihren Familien?“

Sie schüttelte auf jede Frage den Kopf, was Grem nicht störte, aber dass sie nach jedem Kopfschütteln mit beiden Händen versuchte, ihre Lockenpracht wieder in die alte Position zu schieben und ihre Frisur zu ordnen, irritierte ihn und bestärkte ihn in seinem ersten Urteil, dass sie eine egozentrische Person war, hübsch, sogar verführerisch, aber eigentlich nur an sich selbst interessiert.

Grem mochte sie von der ersten Sekunde an nicht leiden, was sie witterte und erwiderte. Maria zerkaute ein Lächeln. Nach fast sechs Monaten Zusammenarbeit erstaunte sie das nicht. Grem und die Frauen würde ewig eine Geschichte ohne happy end bleiben.

„Haben Sie Kinder, Frau Bolten?“

Ja, eine Tochter Katharina. Kathi geht aufs Gymnasium und macht nächstes Jahr ihr Abitur.“

„Vater und Tochter verstehen sich?“

„Ein Herz und eine Seele. Kathi ist ein Papakind, wie es im Buche steht. Wenn er da ist, bin ich abgemeldet.“

„Frau Bolten, die nächsten Fragen sind unangenehm. Aber wir müssen sie stellen. Wie steht es in Ihrer Ehe?“

„Gut“, antwortete sie überrascht. „Natürlich gibt es ab und zu Krach. Er verwöhnt seine Tochter maßlos, was mir nicht besonders gefällt. Aber davon abgesehen, führen wir eine glückliche Ehe.“

„Arno Bolten hat also keine Freundin oder Geliebte, kein Verhältnis?“

„Nein, wo denken Sie hin!“

„Haben Sie eine Idee, wohin er nach dem Kartenspielen gefahren sein könnte? Zu Freunden, anderen Kollegen, Familienmitgliedern, alten Schulfreunden oder Mitstudenten?“

Wieder schüttelte sie den Kopf, dass die Locken flogen.

„Während des Spiels hat er gegenüber seinen Mitspielern keine Andeutung gemacht, dass er anschließend noch etwas vorhabe?“

Kopfschütteln.

„Haben Sie finanzielle Sorgen, Schulden?“

„Eine Hypothek auf das Haus ist noch nicht abbezahlt.“

Maria mischte sich ein: „Frau Bolten, unterstellen wir mal, dass Ihr Mann, aus welchen Gründen auch immer, mit seinem Auto durch die Weltgeschichte bummelt, allein oder in Begleitung. Dazu braucht er Geld. Was, glauben Sie, hatte er an dem Kartenabend bei sich?“

„Keine Ahnung. Vielleicht zweihundert Euro.“

„Plus EC-Karte und anderer Kreditkarten?“

„Ja.“

„Wie halten Sie es mit Ihrem Bankkonto?“

„Wir haben ein gemeinsames Konto. Davon hatte er bis gestern Nachmittag nichts abgehoben.“

„Trägt Ihr Mann einen Ehering?“

„Ja.“

„Frau Bolten, ich hatte Sie gestern gebeten, eine gebrauchte Zahnbürste Ihres Mannes mitzubringen.“

„Ja, Moment.“ Jessica wühlte aus ihrer Handtasche ein Klarsichttütchen mit einer sichtlich benutzten Zahnbürste heraus.

„Könnten Sie bitte Ihrer Bank Bescheid geben, dass sie uns sofort informiert, wenn jemand von Ihrem Konto Geld abhebt oder darauf einzahlt?“

„Mach’ ich, na klar.“

Grem grinste, als Jessica Bolten gegangen war, seine Mitarbeiterin an: „Na, Frau Anwärterin, Ihr Urteil bitte.“

„Etwas blöd und egoman und auf Dauer schwer erträglich.“

„Ganz meine Meinung. Was schlagen Sie vor?“

„Routine. Auto, Rundbrief an die Reviere. Und das Kennzeichen an die Streifendienste und die Grenzstellen.“

Maria wusste, dass die meisten als vermisst gemeldeten Männer nach wenigen Wochen wieder auftauchten und dann besser zu einem Ehe- oder Sexualtherapeuten als zur Kripo gingen. Aber wahrscheinlich nahm die liebe und hochnäsige Jessica an, in ihrem Fall würde Grem die gesamte Leininger Polizei auf die Suche nach ihrem Arno schicken.

Jessica Heller, wie sie mit Mädchennamen hieß, kam aus einer Leininger Familie mit dem großen Geld. Und auch mit dem nötigen politischen Einfluss. Bei Grem würden sie damit weniger Glück haben. Grem war unerschütterlich bequem, um es nicht „faul“ zu nennen, und liebte es, wenn eifrige Kommissarsanwärterinnen für ihn die Routine-Arbeiten erledigten. Dann hockte er in seinem kleinen schmalen Zimmer, stand allenfalls mal auf und versuchte, mit beiden Armen die Wände auseinander zu drücken. Wenn er sich danach erschöpft in seinen bequemen Dreh-Rollen-Sessel fallen ließ, knallte das Kopfteil an die Wand, zerfetzte die Tapete und schlug neue Brocken aus dem Putz.

Lästige Besucher, die von ihm Aktivität forderten, vertrieb Grem mit seiner gefürchteten Pfeife. Das Zeug, das er rauchte, roch nach getragenen und anschließend geschnitzelten Schweißsocken. Es sollten, so wurde im Haus gelästert, schon Besucher an akutem Atemversagen vor Gems Zimmertür verstorben sein.

Warum man die fleißige, tüchtige und zuverlässige Maria Zeller ausgerechnet zu Grem versetzt hatte, blieb auf ewig ein Geheimnis der Personalabteilung – vielleicht, weil von ganz oben die Anweisung gekommen war, die Einsatzfähigkeit des R-7 um jeden Preis zu erhalten. Der mundfaule Grem war begeistert, dass seine Maria seine Tabakfolter klaglos ertrug.

 

 

Zweites Kapitel

 

Arno Bolten blieb verschollen, und auch Ria dachte bald nicht mehr an ihn. Der allgemeine Beförderungstermin stand bevor. Sie wurde übernommen, also hatte Grem doch wohl ein ordentliches Zeugnis geschrieben, sie bewarb sich auf mehrere ausgeschriebene Stellen und traute ihren Augen nicht, als die Personalabteilung ihr schrieb, dass sie ins R-11 (Gewaltsamer Tod und Entführung) versetzt würde.

Die Leiterin des R-11, die Erste Hauptkommissarin Marlene Schelm, die von allen nur Lene genannt wurde, war im Hause regelrecht berühmt, natürlich sagte Maria sofort zu, wurde von Lene Schelm und den Kolleginnen freundlich begrüßt und hörte mehr als einmal: „Wer ein halbes Jahr bei Grem überstanden hat, verdient etwas Glück.“

Und das Glück blieb ihr treu. Sie fühlte sich ausgesprochen wohl im R-11, fand am Rand der Innenstadt eine zwar winzige, aber bezahlbare Wohnung, was in Tellheim heutzutage sehr viel Glück erforderte. Von ihrem zweiten Gehalt wollte sie sich ein Sommerkleid leisten und ging in die Boutique Tessa in der Rheinallee. Die Verkäuferin, die ihr entgegenkam, erkannte sie sofort wieder, und auch Jessica Bolten hatte sie nicht vergessen: „Hey, Frau Zeller, was Neues von meinem Arno?“

„Nein, leider nicht, Frau Bolten. Eine Schulfreundin heiratet und ich brauche ein Kleid, in dem ich mich auf der Hochzeit sehen lassen kann.“

„Das müsste zu schaffen sein.“

„Arbeiten Sie schon lange hier?“

„Nein. Seit die sechs Wochen Lohnfortzahlung vorbei sind, und die Firma für meinen Mann kein Gehalt mehr überweist.“

Sie fanden ein tolles Kleid für Ria, das so perfekt saß, als sei es eigens für sie geschneidert worden. Und es war so preiswert, dass sie unter dem selbst gesteckten Limit blieb. Einen Tag nach diesem Einkauf setzte sie sich mittags in der Kantine zu Grem an den Tisch, wartete, bis er sie zur Kenntnis nahm und sagte halblaut: „Ich habe gestern Jessica Bolten getroffen.“

„Was Neues von ihrem Arno?“

„Nein. Ich musste mir ein Kleid besorgen, und sie bedient in der Boutique Tessa an der Rheinalle.“

Grem war nicht erstaunt: „Ja, die Firma zahlt nach sechs Wochen sein Gehalt nicht mehr, und sie muss arbeiten.“

„Hm. Ich denke, sie kommt aus einer so reichen Familie.“

Grem lachte lautlos. „Kind, reich wird man nicht, indem man viel Geld ausgibt. Mutter Heller ist stadtbekannt für ihre Sparsamkeit.“

„Dann wird Jessica mal eine Menge erben?“

„Anzunehmen.“

Der Fall Arno Bolten interessierte Grem schon lange nicht mehr.

 

 

Drittes Kapitel

 

Maria wurde zwei Tage später wieder an den Fall erinnert. Ihre Chefin kam ins Zimmer: „Auf geht’s, Kollegin, wir haben eine Leiche im Stadtpark.“ Vor dem Eingang des Präsidiums wartete schon ein Trupp der Spurensicherung, der Gerichtsmediziner Dr. Xaver Rupp, zwei Streifen- und der Leichenwagen. Maria war erst einmal bei einer Leichenbergung dabei gewesen, und achtete sorgfältig auf alle Anordnungen der Chefin. So unterschiedlich Lene Schelm und Grem der Grobe auch waren, so eifrig zitierten beide eine kriminalistische Weisheit: „Was man am Tatort oder Fundort übersieht, ist in der Regel für immer verloren, was nur den Täter freuen kann.“

Die junge Frau lag auf dem Rücken am Eingang der sogenannten Dahlienarena, in der es noch nicht blühte. Sie trug helle Tuchhosen und ein helles halbärmliges Shirt, das auf der Brustseite nun feucht und dunkelrot verfärbt war. Xaver Rupp kniete schon neben der Leiche, maß Temperaturen und bewegte vorsichtig Arme und Beine. Vor jeder Bewegung tanzte der Fotograf um Arzt und Leiche herum, und knipste, was sein Apparat nur hergab. Neben der Frau lag eine Handtasche auf dem Boden, die ein Spusi-Mann mit einer Plastikzange in einen Plastiksack steckte. „Tut mir leid, Frau Hauptkommissar. Aber die Tasche hat viel Tau abbekommen, und deswegen möchten wir zuerst mögliche Abdrücke sichern.“ Er bemerkte Lenes düsteres Stirnrunzeln und versprach großmütig: „Wir beeilen uns auch.“

Lene nickte und wandte sich an den Arzt: „Verehrter Medizinmann, was sagt uns die Wissenschaft?“

„Mit dem üblichen Vorbehalt: Gestern zwischen zweiundzwanzig und vierundzwanzig Uhr. Ein Schuss von vorn in die Brust; welche Gefäße die Kugel zerrissen hat, kann ich noch nicht sagen.“

Lene brummte: „Danke. Kein Raubmord, denke ich, die Uhr sieht wertvoll aus wie auch der Ring mit dem großen Stein.“ Es war dunkel und windig gewesen. Kein Wetter für Spaziergänger. Gut möglich also, dass niemand den Schuss gehört hatte.

 

 

Viertes Kapitel

 

Nach einer Viertelstunde rief die KTU an. Sie konnten sich den Inhalt der Handtasche ansehen, natürlich nur mit Handschuhen. Lene stellte zuerst die „Neue aus dem Elften“ den Mitarbeitern vor. Zuletzt kam der Leiter an die Reihe. „Das ist Egon Kurz. Kleiner Hinweis zum täglichen Umgang: Er knurrt gerne, beißt aber nicht.“

„Gut zu wissen.“ Egon machte seinem Familiennamen alle Ehre, er war kleiner als Maria Zeller, dabei beachtlich rundlicher als sie. Aber, wie Lene warnte, mit einem sehr eckigen Temperament gesegnet, brauste er rasch auf und konnte das Wort „Geduld“ nicht buchstabieren.

Auf dem feuchten Leder der Handtasche hatte die KTU keine Abdrücke mehr sichern können. In einem Innenfach steckten fünf Zwanzig-Euro-Scheine, ein deutscher Personalausweis auf den Namen Ludmilla Tscherkow, geboren in Bolin an der Wolga, zweiunddreißig Jahre alt. Zuunterst lag noch eine Art eingeschweißter Ausweis mit einem Foto der Toten, einem Chip, dem Firmennamen NFS und einer Personalnummer. „NFS?“, fragte Lene in die Runde, „weiß jemand, was sich dahinter verbirgt?“

„Ja“, antwortete Maria stolz, „New Flight Systems.“

„Donnerwetter, woher die Kenntnisse?“

„Als ich noch bei Grem war, hat eine Jessica Bolten ihren Ehemann Arno als vermisst gemeldet. Der arbeitete auch bei NFS.“

„Hat Grem diesen Arno gefunden?“

Maria nahm allen Mut zusammen: „Nein, er hat es gar nicht erst versucht, seiner Meinung nach kehrten die meisten Ehemänner nach drei, vier Wochen von selbst zurück.“

Ringsherum wurde laut gelacht, Grem war allen Mitarbeitern offenbar ein Begriff, und Lene runzelte die Stirn: „Grem ist im ganzen Haus als ausgewachsener Faulpelz bekannt“, erklärte sie unbefangen.

„Aber Arno Bolten ist nicht zurückgekommen. Vor einigen Tagen wollte ich mir ein Kleid kaufen und dabei ist mir in einer Boutique in der Rheinallee Jessica Bolten als Verkäuferin begegnet. Sie müsse jetzt arbeiten, weil NFS für Arno kein Gehalt mehr zahle.“

„Wunderbar“, knurrte Lene Schelm. „Dann werde ich mir diesen Faulpelz mal vorknöpfen. Wissen Sie zufällig, ob dieser Bolten diese Ludmilla näher kannte?“

„Nein, das weiß ich nicht.“

 

*

 

Lene kam nach einer Stunde zurück und knallte eine Akte auf den Tisch. „Wie ich mir das gedacht hatte, keinen Finger hat dieser Faulpelz gerührt. Na, dann müssen wir mal ran!“

Als ersten Schafkopfspieler suchten sie Heiner Schünemann in der Lensener Straße 18 auf. Der Zwerg mit den wenigen Haaren auf dem Kopf wühlte in seinem kleinen Garten hinter dem Reihenhaus und erkannte Ria wieder: „Sie haben sich doch mit mir unterhalten, nachdem Arno Bolten verschwunden war.“

„Richtig, ja. Ihr Gedächtnis möchte ich haben.“

„Danke, und ich Ihre Haare. Gibt’s was Neues von Arno?“

„Nein, aber ein paar neue Fragen zu seinem Verschwinden.“

„Ja?“

„Kennen Sie eine Ludmilla Tscherkow.“

„Wer kennt Milla nicht.“

„Sie ist eine Kollegin bei NFS?“

„Ja, eine sehr gute Mathematikerin.“

„Dann kannte Bolten und sie sich?“

„Natürlich, sie haben sogar Zimmer an Zimmer gearbeitet.“

„Herr Schünemann, was machen Sie bei New Flight Systems?“

„Ich bin Metallurge und soll für unsere NFS-Maschinchen Metalle oder Legierungen finden, die möglichst wenig wiegen, stabil und außerdem wetterfest, leicht zu beschaffen und billig sind.“

„Engelhaare“, sagt Maria unvermutet, „so hat mein Physiklehrer solche Stoffe genannt.“

„Nix dagegen, wenn Sie mir netterweise noch verraten, wo ich möglichst vielen Engeln problemlos die Haare schneiden kann.“

Lene räusperte sich: „Dann kennen die anderen Schafkopfspieler Milla auch?“

„Na sicher doch. Wir sind ein kleiner Laden, da kennt jeder jeden und die meisten duzen sich auch.“

„Können Sie mir was über Ludmilla Tscherkow erzählen? Wie war sie?“

Schünemann richtete sich auf: „Was heißt, wie ‚war‘ sie?“

Lene biss sich auf die Lippen: „So direkt wollte ich damit nicht herausplatzen. Wir haben gestern im Stadtpark eine ermordete Frau gefunden, die Papiere auf den Namen Ludmilla Tscherkow und einen Werksausweis der NFS bei sich hatte.“

Schünemann rang nach Luft: „Doch nicht Milla. Nicht die schöne Milla vom Wolgastrand.“

„Können Sie uns etwas über sie erzählen?“

Schünemann geriet in Schwärmen. Nicht nur intelligent, sondern auch klug. Immer freundlich, immer hilfsbereit, ausgesprochen hübsch, schlank und beweglich. Wenn sie noch Schafkopf gespielt hätte, wäre sie die perfekte Frau gewesen.

Lene unterbrach den Lobgesang: „Mit anderen Worten, alle NFS-Männer waren hinter ihr her?“

„Könnte man so sagen, ja.“

„Hat einer das Rennen gemacht?“

„Nein. Sie hat niemanden – erhört.“

„Aber sie hatte eine feste Beziehung?“

„Das haben wir alle immer vermutet. Aber kein Aas weiß, mit wem.“

„Haben Sie sie nicht einmal nach dem Namen des Glücklichen gefragt.“

„Mehr als einmal. Aber ihre Antwort war immer: ‚Das geht euch nichts an. Ich frage euch ja auch nicht, mit wem ihr eure Frauen betrügt.‘“

„Das war heftig“, murmelte Ria und Schünemann schnaubte: „Ja, sie war nett, aber Sie ließ sich nicht alles gefallen. Und niemand nahm ihr die Butter vom Brot und herumschubsen ließ sie sich schon gar nicht.“

„Wissen Sie, wo sie wohnte?“

„Ja, in der Schneidergasse.“

„Waren Sie einmal in Millas Wohnung?“

„Nein.“

„Und Ihre Kartenfreunde?“

„Soviel ich weiß, keiner.“

 

*

 

Lene und Ria gingen bald. Holger Dörfel war, wie seine Frau am Telefon erklärte, nicht daheim. Und bei Charly Backes meldete sich niemand, weder an der Tür noch am Telefon.

„Ich habe zufällig die Schlüssel eingesteckt“, sagte Lene leichthin, „versuchen wir es einmal in der Schneidergasse?“

„Warum nicht?“

 

 

Fünftes Kapitel

 

Das Siegel war unverletzt, und die Spusi-Kollegen hatten sogar hinterher aufgeräumt. Eine schöne, gepflegte Dreizimmerwohnung mit Fenstern zum Innenhof, nicht luxuriös, aber sehr ordentlich eingerichtet. „Wonach suchen wir denn, Chefin?“

„Nach Spuren eines Freundes oder einer Freundin. Mir will nicht in den Kopf, dass eine so hübsche Frau ohne eine Beziehung gelebt haben soll. Was störte Sie am meisten, wenn Ihr Freund aus dem Haus gegangen ist?“

Maria schaute verlegen zur Seite, und Lene grinste. „Ich könnte jedes Mal an die Decke gehen, wenn die Trocken- wie die Nassrasierer ihre Bartreste nicht hinuntergespült haben.“ Dass die ledige Chefin keine Männerfeindin war und nie lange allein lebte, hatte sich am Krötengraben auch schon bis zu Maria Zeller herumgesprochen.

 

*

 

Die Spusi hatte sorgfältig gearbeitet. An den wenigen glatten Flächen, die man als Besucher unvermeidlich anfasste, zeugten graue Flecken davon, dass man hier Abdrücke genommen hatte. Und Maria fand noch etwas durch reinen Zufall: Ihr glatter Kugelschreiber war ihr aus den Fingern geglitten und unter die Couch gerollt. Sie musste sich auf den Boden legen und halb unter dem Couchtisch liegend, halb in der Lücke zwischen Tisch und Couch eingeklemmt, angelte sie nach dem verflixten Stift, der sich einfach nicht ertasten ließ. Zufällig drehte sie den Kopf, um den Nacken zu entlasten und sah ein Schächtelchen, das mit Tesafilm unter die Tischplatte geklebt war.

Weil die Chefin darauf bestanden hatte, dass sie Plastikhandschuhe anzogen, wagte Maria, das Kunststoffding anzufassen und damit aufzustehen. Laut rief sie: „Chefin, ich habe was gefunden.“ Lene kam aus dem Schlafzimmer getobt und staunte: „Ich wette, das ist eine Wanze. Wo war sie angebracht?“

„Unter der Tischplatte. Mir war mein Kugelschreiber unter die Couch gerollt.“

„Heute ist Kopfwaschtag. Zuerst Grem, jetzt Egon.“

 

 

Sechstes Kapitel

 

Egon Kurz versprach zerknirscht, auf Lene Schelm und Maria Zeller zu warten. Er sah nicht sehr glücklich aus, als er den Kasten untersuchte.

„Verdammt, eine Wanze. Wo habt ihr sie gefunden?“

„Unter dem Couchtisch der Milla-Wohnung in der Schneidergasse.“

„Mist. Habt ihr euch nach dem Fund darüber unterhalten?“

„Na klar.“

„Doppelter Mist. Unterstellen wir mal, sie hat, wie fast alle diese Geräte, eine Stand-by-Schaltung, um Strom zu sparen und erst zu senden, wenn das Mikrofon Töne auffängt …“

„… dann wissen also die anderen jetzt, dass wir die Wanze entdeckt haben …“, brachte Lene den Satz zu Ende.

Egon Kurz nickte bekümmert: „Unter Umständen, ja.“

„Ich kümmere mich auf jeden Fall um den hübschen Fund.“

 

*

 

Lene Schelm und Maria Zeller gingen am nächsten Tag getrennte Wege. Die Chefin konnte mit Holger Dörfel und Charly Backes in der Firma sprechen und sich dort einen Lebenslauf der Ludmilla Tscherkow besorgen. Backes und Dörfel wiederholten mit anderen Worten, was ihnen Schünemann schon berichtet hatte. Es gab nicht den geringsten Hinweis darauf, wer ein Interesse daran haben konnte, Milla Tscherkow in ihrem Wohnzimmer abzuhören, sie war ledig und hielt sich legal in Deutschland auf.

Maria musste in der Schneidergasse Klinken putzen und sich nach einer männlichen oder weiblichen Person erkundigen, die häufiger bei oder mit Milla Tscherkow gesehen worden war. Das Ergebnis war mager. Thomas, ein sechzehnjähriger Junge, behauptete, da wäre häufiger ein etwa vierzigjähriger Mann in einem hellen VW Golf zu dem besagten Haus gekommen, Farbe und Kennzeichen wusste er natürlich nicht und die Beschreibung des Mannes erschöpfte sich in „groß und kräftig“. Ach ja, dunkle Haare hatte er auch noch.

Lene und Maria trafen sich zum Essen im Café Berger am Eingang des Schlossparks. Keiner hatte etwas erfahren, was sie der Lösung des Mordfalles näher brachte oder die Frage beantwortete, wer Milla mit einer Wanze abhörte und warum. Immerhin konnte Maria zum Schluss eine Idee vortragen, die Lene nicht sofort verwarf. Der große und kräftige Mann, der da häufiger in die Schneidergasse gekommen war, musste nicht unbedingt Millas Liebhaber gewesen sein.

„Sondern?“

„Was halten Sie von einem Privatdetektiv?“

„Die Idee ist nicht schlecht“, gab Lene nach einer langen Minute zu. „Und wer hat ihn engagiert?“

„Was halten Sie von Jessica Bolten, nachdem ihr Zweifel an der Treue ihres Mannes gekommen waren?“

„Hm. Alle Ehemänner glauben in der Tat, ihre Frauen würden nichts merken.“

„Dass die Schafköpfe nichts wissen, heißt ja nicht, dass die Ehefrau nichts gemerkt hat und misstrauisch geworden ist.“

Lene holte tief Luft: „Sie kennen Jessica Bolten? Trauen Sie ihr zu, dass sie uns systematisch belügt?“

„Ich kann das nicht beurteilen, aber Grem war davon überzeugt.“ Lene trank den letzten Schluck ihres kalt gewordenen Kaffees. „Die Dame müssen wir uns unbedingt anschauen.“

„Sie müssen, ich darf nicht: Jessica Bolten kennt mich und würde sofort misstrauisch werden, wenn sie mich sieht.“

„Dann fahre ich eben allein in die Boutique Tessa. Ein neues Kleid kann eine Frau immer gebrauchen.“

Dass Marlene Schelm von ihren Eltern reichlich geerbt hatte, wusste Maria Zeller schon vom neidischen Grem. Boutique – Kleid – Hochzeit. Maria machte sich auf die Suche nach einem Geschenk, das sich die Braut gewünscht hatte. Dafür hatte Maria gespart und sich ein Limit gesetzt. Auch ihr neu erworbener Kühlschrank mit Tiefkühler war absolut leer.

 

*

 

Lene kam erst kurz vor Dienstschluss ins Büro zurück, schwenkte stolz eine pompöse Einkaufstüte von Tessa und stöhnte: „Das ist ja eine unerträgliche Egozentrikerin. Wie kann ein vernünftiger Mann so eine Ziege heiraten?“

„Auch ein vernünftiger Mann wird manchmal durch viel Geld geblendet.“

„Das stimmt wohl. Finden Sie auch, dass unser Mittagessen sehr bescheiden war?“

„Ja, es hat mich stark an unsere Kantine erinnert.“

„Diesen schlechten Eindruck sollten wir korrigieren. Das Lokal heißt Spätlese und wird von einem Ex-Kollegen betrieben, er sich als Hilfe eine Ihrer Vorgängerinnen aus dem R-11 in die Küche und in sein Bett geholt hat.“

 

*

 

Fido Lorch hatte wieder einmal erfolgreich experimentiert und Gemüsezwiebeln in Sherry und Lauch gedünstet und mit schwarzen Oliven und Parmesanstreukäse „abgerundet“, dazu gebrühte und danach gebratene Kalbfleischwürste mit Spinatnudeln. Maria kam vor lauter Staunen kaum zum Essen, haute dann aber so rein, dass Fido ihr vorsichtshalber einen Tresterschnaps spendierte, von seinem Vater eigenhändig und schwarz gebrannt. „Beihilfe zur Steuerhinterziehung“, murmelte Tine Dellbusch, die nach ihrer Küchenarbeit beim Servieren half. Aus einer heruntergekommenen Weinstube ein renommiertes Restaurant zu machen, erforderte Fantasie und sehr viel Arbeit.

 

 

Siebtes Kapitel

 

Sie hatten schon wieder einen anderen für sie zuständigen Staatsanwalt bekommen. Lene gewöhnte sich mittlerweile nur ungern an neue Gesichter, Lars Herding war jung und könnte sogar längere Zeit auf seinem jetzigen Job bleiben. Lene und Maria hatten am nächsten Morgen eine „Audienz“ bei Herding, der sich sehr geduldig anhörte, was sie ausgebrütet hatten, und die Idee, dass der Vermissten-Fall Bolten und der Mordfall Milla Tscherkow irgendwie zusammenhingen, überhaupt nicht überspannt oder verrückt fand; er war einverstanden, dass sie ihr Glück in der Öffentlichkeit suchen sollten. Alle drei in Tellheim erscheinenden Zeitungen Tageblatt, Landeszeitung und Morgenblick brachten also am folgenden Tag den Aufruf „Die Kriminal-Polizei bittet um Ihre Mithilfe“:

Am 5. Mai ist der Diplomingenieur Arno Bolten nach einem geselligen Abend mit Kollegen der Firma NFS spurlos verschwunden. Vor drei Tagen wurde die Leiche einer Ludmilla Tscherkow (allgemein Milla gerufen) im Stadtpark am Eingang der sogenannten Dahlienarena gefunden. Die ermordete Milla arbeitete ebenfalls bei NFS. Wer kann nähere Angaben darüber machen, ob und seit wann sich Arno Bolten und Ludmilla Tscherkow kannten? Angaben werden auf Wunsch vertraulich behandelt.

 

*

 

Der Aufruf erzeugte zwar einen mittleren Sturm im Blätterwald, aber brachte keinen einzigen nützlichen Hinweis. Die Akte Tscherkow wanderte auf den Stapel „Wiedervorlage“. Im Vermisstenfall Bolten tat sich ebenfalls nichts. Lene Schelm und das R-11 mussten sich über mangelnde Arbeit nicht beklagen und Maria Zeller wurde auf angenehme Art und Weise von den Vorgängen Bolten und Tscherkow abgelenkt.

Das neu gekaufte Kleid erregte auf der Hochzeitsfeier ihrer Freundin Heike die erhoffte Aufmerksamkeit eines Gastes, der seine Komplimente nicht auf das Kleid beschränkte, sondern auch der Trägerin desselben seine Begeisterung bezeugte. Der glückliche Zufall wollte, dass Alex in Lörrach arbeitete, also in bequem zu bewältigender Entfernung von Tellheim. Man sah sich häufiger und kam sich auch näher. Doch nach einigen zufriedenstellenden Nächten zog sich Alex zurück. Sie vergoss einige Tränen und ließ sich von Lene Schelm trösten: „Männer gibt’s genug, und hier gilt ausnahmsweise die Regel: Einer ist keiner.“

„Chefin!“

„Können wir das „Chefin“ nicht lassen? Ich heiße Marlene und alle Welt nennt mich Lene. Maria lässt sich wunderbar zu Ria zusammenziehen. Einverstanden?“

„Danke, ja.“

„Zur Feier des Tages lade ich dich in eine kulinarische Steigerung zur Spätlese ein.“

„Ist das in Tellheim überhaupt möglich?“

„Ja. Sie läuft unter dem Namen Marcello. Ein Kollege kommt mit, der sich offiziell mit ‚cold cases‘ beschäftigt. Er heißt Arne Wilster. Aber es ist verboten, sich bei Marcello während des Essens über berufliche Dinge zu unterhalten.“

Ria hielt sich daran, und marschierte am nächsten Vormittag ins Archiv, das Arne Wilster formell leitete, weil man für den nach einem unverschuldeten Unfall körperbehinderten Wilster keine andere Planstelle gefunden hatte.

 

*

 

Wilster war über die Vorgänge Bolten und Tscherkow bis ins Detail unterrichtet. Die Untersuchung der Wanze hatte nichts erbracht, alle Hinweise nach dem Zeitungsaufruf hatten sich als wertlos herausgestellt. Ria hatte längst herausgefunden, dass Lene Schelm eine Menge Neider und Feinde am Krötengraben hatte, aber auch Freunde, die unerschütterlich zu ihr hielten, und dass sie zurzeit versuchte, Ria in diesen Kreis einzuführen. Der Grund war Ria noch unklar. Seit ein paar Monaten duzte sie ihre Chefin auch in Gegenwart anderer. Grems sinnlose Tyrannei lag weit zurück.

 

 

Achtes Kapitel

 

Der Zufall wollte, dass es in beiden Fällen weiterging. Ria brauchte wieder einmal ein festliches Kleid und steuerte nach den guten Erfahrungen, die sie dort gemacht hatte, wieder die Boutique Tessa in der Rheinallee an. Jessica Bolten arbeitete dort noch und erinnerte sich sogar an Marias Namen. Ein passendes Kleid war bald gefunden, und während die zufriedene Käuferin an der Kasse darauf wartete, dass das gute Stücke eingepackt wurde, betrat ein großer stämmiger Mann den Laden, grüßte laut und musste Jessica auffangen, die ihm begeistert um den Hals flog; er hatte Mühe, auf den Beinen zu bleiben.

Junge, Junge, da hatte Amor aber gleich zweimal getroffen. Ria wurde gelegentlich auch von alten Freunden umarmt; aber von denen fasste ihr keiner so ungeniert an den Po, was Jessica nicht störte. Ria nahm ihre Tüte, sagte laut „Tschüss, Frau Bolten“, und setzte sich auf der Rheinallee in ihren Wagen. Gut eine Minute später kamen Jessica Bolten und der große, stämmige Mann eng umschlungen aus der Boutique und setzten sich in einen Wagen, den der Mann aufschloss. Rein aus Neugier merkte sich Ria das Kennzeichen T-RI236 Tellheim – Ria und zweimal drei gleich sechs. Weil Lene sie ermuntert hatte, auch verrückten Ideen nachzugehen, rief sie das Präsidium für eine Halterabfrage an: T-RI236 war zugelassen auf einen Bernd Seiler, Steingrabenweg 49. Ria notierte sich alle Angaben und fuhr nach Hause. Sie schlief schlecht, weil sie das Gefühl quälte, sie habe was Wichtiges versäumt. Plötzlich machte es Klick im Kopf, als sie aus Versehen Kaffee neben ihre Tasse schüttete. Sie schnappte sich ihre Kamera, meldete sich im R-11 ab und fuhr in die Rheinallee. Dort musste sie in der Nähe der Boutique Tessa eine halbe Ewigkeit warten, bis das Paar, Jessica und der große, stämmige Mann (Bernd Seiler?), vorfuhr. Sie konnte ein paar schöne Aufnahmen machen und steuerte damit in die Schneidergasse. Thomas, der junge Mann, wohnte noch immer im „Hotel Mama“, schaute sich die Aufnahmen an und meinte schließlich: „Die Frau kenne ich nicht, aber der Mann ist mehrfach hier ins Haus gekommen … ja, ganz sicher … nein, Irrtum ausgeschlossen.“

Ria beschloss, auf Lenes Spuren zu wandeln und besuchte im Krötengraben den Leiter des Archivs. Arne Wilster wurden seinem Ruf als lebende Datenbank gerecht und nickte sofort: „Ach ne, Bernd Seiler. Früher mal Rechtsanwalt. Dann hat er seine Zulassung verloren, weil er Mandantengelder veruntreut hatte.“

„Und was macht er seitdem?“

„Hat sich als Privatdetektiv niedergelassen. Was meiner Meinung nach nur Tarnung für seine schmutzigen Geschäfte ist.“

„Herr Wilster, Lene würde Sie jetzt vor Begeisterung küssen.“

„Das dürfen Sie auch. Hauptsache, die Nadel sieht es nicht, sie ist schrecklich eifersüchtig.“

Ria wusste, dass mit die Nadel Anja Stich, Wilsters Assistentin, gemeint war und ließ sich nicht zweimal auffordern.

 

*

 

Lene Schelm war in der Tat begeistert, schüttete aber etwas Wasser in den Wein: „Wenn Seiler nun bestreitet, im Auftrag vom Jessica Bolten Arnos eheliche Treue überprüft zu haben, stehen wir dumm da. Jessica wird, wenn sie was mit dem Verschwinden ihres Arnos zu tun hat, uns nicht weiterhelfen. Und andere Beweise haben wir nicht.“

Auch Staatsanwalt Herding warnte. So schön es war, dass es in den Fällen Bolten und Tscherkow anscheinend voranging, so leicht und schnell war dieser Ansatz zerstört, wenn sie jetzt überhastet vorgingen.

Ria war enttäuscht, aber Lene nickte zustimmend.

 

*

 

Kurz vor ihrer Beförderung zur Oberkommissarin fand Ria, was in Tellheim schon einem Sechser plus Superzahl im Lotto gleichkam: eine etwas größere, ruhige, vernünftig geschnittene und bezahlbare Wohnung, wenige Gehminuten vom Stadtpark entfernt. Bei der „Einweichungs“party fiel Ria zum ersten Mal auf, dass sich die sonst so lebhafte Lene Schelm in letzter Zeit sehr verändert hatte. Sie war langsamer geworden, nicht mehr so beweglich und temperamentvoll. Auch Arne Wilster betrachtete, auf seinen Gehstock gestützt, Lene immer wieder mit besorgter Miene; also war es ihm auch aufgefallen. Und er hatte ebenfalls bemerkt, dass auch die frisch gebackene Oberkommissarin Ria – unter dieser Abkürzung wurde sie mittlerweile im ganzen Präsidium von den sprech- und schreibfaulen Kollegen geführt – sich Sorgen machte.

„Hat sie dir was gesagt?“, fragte Ria leise den Kollegen.

„Nein, aber irgendwas hat sie; inzwischen fällt es allen auf, die sie länger kennen.“

„Krebs?“

„Ich weiß es nicht. Sie will nicht darüber reden. Vielleicht ist es auch nur das Alter.“

In der neuen Wohnung machte auch ein ausgedehntes Frühstück mehr Spaß, zumal die Sonne in die Küche mit der Essecke schien. Ria hatte sich das Tageblatt abonniert und las sogar noch den Anzeigenteil. Der Leiter ihrer Pressestelle, ein gelernter Redakteur, hatte ihr mal erklärt, dass ein treuer Leser drei- oder viermal in seinem Leben in der Lokalzeitung erscheinen sollte: Geburt, Verlobung, Heirat, Geburt des Nachwuchses und Tod. So fiel ihr eines Morgens die pompöse Todesanzeige einer Charlotte Heller auf, unterzeichnet unter anderem von Jessica Bolten, geborene Heller, und Enkelin Katharina Bolten, das musste Jessicas und Arnos Tochter sein.

 

 

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738926712
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Februar)
Schlagworte
wachwechsel mörderei
Zurück

Titel: Wachwechsel in der Mörderei