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​Nachts, wenn die Höllenträume kommen Tony Ballard Nr. 153

2019 120 Seiten

Leseprobe

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /COVER MICHAEL SAGENHORN


© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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postmaster@alfredbekker.de

​Nachts, wenn die Höllenträume kommen Tony Ballard Nr. 153

von A.F.Morland













Die Kreatur lag auf dem Boden und regte sich nicht Morgen sollte sie sterben, das hatte Loxagon, der Teufelssohn, beschlossen. Naßkalte Wände umgaben das grauenerregende Wesen. Gitterstäbe aus Hartholz versperrten ihm den Weg in die Freiheit Ich muß raus! dachte Por, der Teufel, und hob langsam den häßlichen Kopf. Er war bei Loxagon in Ungnade gefallen, weil er sich zweimal geweigert hatte, einen Feind grausam zu töten, deshalb sollte er nun selbst sterben.

Pors Augen schienen in Blut zu schwimmen. Er kratzte mit seinen Krallen über den felsigen Boden und verzerrte seine dunkle, beulenübersäte Fratze.

Por trat an das Gitter. Er befand sich in einer Höhle, wurde bewacht, aber der Posten nahm seine Aufgabe nicht genau.

Por öffnete den Mund. Kräftige Zähne kamen zum Vorschein. Die Eckhauer waren besonders stark ausgeprägt, obwohl Por kein Vampir war.

Sein Mund wuchs, wurde größer, und damit auch die Zähne. Er setzte sie an die Gitterstäbe und begann leise zu nagen. Einen Gitterstab nach dem anderen biß er durch.

Der Wächter lehnte an der Höhlenwand, eine Streitaxt auf den Knien. Por näherte sich ihm. Der Mann bemerkte ihn erst, als er ihm die Streitaxt wegnahm.

Entsetzt riß er die Augen auf. Er schnellte hoch, hatte nicht damit gerechnet, daß Por sich befreien würde. Por holte mit der Axt aus.

Sein Gegner wollte Alarm schlagen, doch das ließ Por nicht zu. Die Axt schnitt durch die Luft und fällte den Wächter mit einem einzigen gewaltigen Streich.

Por schlich zum Höhleneingang. Hier und da flackerten Feuer, an denen bewaffnete Männer saßen. Sie waren Loxagon treu ergeben, gehorchten ihm wie gut dressierte Hunde. Wenn er von ihnen verlangte, daß sie Por, ihren einstigen Kameraden, in Stücke rissen, würden sie es unverzüglich tun.

Por verachtete sie. Er hatte nie richtig zu ihnen gehört. Heute war ihm klar, daß er sich Loxagon niemals hätte anschließen dürfen, aber der Teufelssohn hatte ihm keine Wahl gelassen. Wenn er nicht mit ihm gegangen wäre, hätte er ihn töten lassen.

Kurze Zeit hatte Por dieses aufgezwungene Leben ertragen. Es war von Kampf und Grausamkeit geprägt gewesen. Doch nun hatte er genug davon.

Er war zwar ein Teufel, aber er verabscheute die blutigen Gemetzel, zu denen es immer wieder kam. Loxagon kannte keine Gnade. Gegner wurden nicht verjagt, sondern unbarmherzig ausgerottet.

Loxagon war zeitweise schlimmer als sein Vater, der Satan. Deshalb distanzierte sich Por von ihm und allen, die dem Teufelssohn mit Freude dienten.

Niemand sah Por aus der Höhle treten. Er bewegte sich mit größtmöglicher Vorsicht, schob sich an der schroffen Felswand vorbei. Die Streitaxt des Wächters hielt er fest in der Hand.

Falls sie auf ihn aufmerksam würden, wollte er auf keinen Fall bis morgen auf den Tod warten. Wenn er nicht davonkam, würde er seine Häscher zwingen, ihn sofort zu töten.

Er glitt in einen dunklen Felseneinschnitt und kletterte in diesem »Kamin« hoch. Einer der Männer erhob sich, um den Wächter in der Höhle abzulösen.

Por kletterte schneller. Er schob und stemmte sich zwischen den Felswänden hastig nach oben, erreichte ein karstiges Plateau und warf die Streitaxt weg.

Die brauchte er jetzt nicht mehr. Mit langen Sätzen eilte er davon, hinein in die tiefe Schwärze der Höllennacht. Ihm war klar, daß er hier nicht bleiben konnte.

In der Hölle war er nirgendwo vor Loxagon sicher, deshalb beschloß er, sie zu verlassen. Ihm war jede Welt recht, die ihm bessere Lebensbedingungen bot.

***


Der große Mann betrat die Höhle. Als er nach wenigen Schritten den Erschlagenen sah und die durchgebissenen Gitterstäbe, kehrte er um, stürzte aus der Höhle und schlug brüllend Alarm.

Loxagon, der kriegerischste Teufel von allen, erschien. Sein Vater war Asmodis. Seine Mutter war eine Schakalin gewesen; wenn er wollte, konnte er ihr Aussehen annehmen.

Sie lebte nicht mehr. Asmodis hatte sie töten lassen, um Loxagons Geburt zu verhindern, doch seine Schergen waren zu spät gekommen. Als sie die Schakalin töteten, war der Teufelssohn bereits geboren. [1]

Als sich Loxagon stark genug gefühlt hatte, hatte er seinen Vater entthronen wollen, doch der Höllenfürst hatte sich an der Spitze der Höllenhierarchie behauptet.

Heute gab es zwischen Vater und Sohn ein Arrangement, das es ihnen erlaubte, nebeneinander zu regieren, wobei sich Asmodis immer das größere Stück vom Kuchen der Macht zu verschaffen wußte.

Viele waren der Ansicht, daß sich das Loxagon nicht ewig gefallen lassen würde, doch zur Zeit unternahm er nichts gegen seinen Vater. Er beschränkte sich darauf, seine Position zu festigen.

»Ich wollte den Wächter ablösen«, beeilte sich der Krieger zu sagen, »und fand ihn tot in der Höhle. Die Gitterstäbe sind durchgebissen!«

Loxagon trommelte seine Krieger zusammen. Sie mußten ausschwärmen und nach Por suchen, doch so sehr sie sich auch bemühten, ihn zu finden -sie kehrten mit leeren Händen zurück.

Loxagon tobte. Er bestimmte drei Kopfjäger. »Schafft mir diesen verdammten Bastard herbei!« knurrte der Teufelssohn. »Wagt mir nicht ohne ihn vor die Augen zu treten, sonst sterbt ihr an seiner Stelle!«

Die drei Männer kannten Loxagon lange genug, um zu wissen, daß das keine leere Drohung war. Er würde sie eigenhändig töten, wenn sie Por nicht fanden.

So brachen sie unverzüglich auf, damit der Flüchtige keinen allzu großen Vorsprung hatte.

***


Vicky Bonney hatte entsetzliche Angst. Geheimnisvolle Kräfte hatten sie entführt. Wie es dazu gekommen war, hatte sie vergessen. Die Vergangenheit war in eine bedeutungslose Schwärze abgerutscht.

Nichts von dem, was ihr Leben bis vor kurzem noch bestimmt hatte, schien noch Gültigkeit zu haben. Sie war losgelöst, herausgehoben worden aus ihrem bisherigen Leben.

Alles war seltsam unwirklich geworden. Vicky lebte unter fremden Bedingungen. Sie hatte das Gefühl zu schweben. Gleichzeitig aber spürte sie, daß sie auf etwas lag, das mit ihr durch Kaum und Zeit flog.

Sie konnte es nicht verhindern. Wohin wurde sie gebracht? Ihre Lider waren so bleischwer, daß sie die Augen nicht öffnen konnte. Dennoch »sah« sie.

Vicky sah sich auf einem schwebenden Felsen liegen. Sie war fast splitternackt. Nur ein kleines Stoffdreieck zwischen ihren Lenden bedeckte ihre Blößen.

Ringsherum schwebten auch andere Steine in diesem dunkelblauen, schwerelosen Raum. Befand sie sich etwa im Weltall? Ihr Herz hämmerte aufgeregt.

Eigentlich bot sie das friedliche Bild einer Schlafenden, doch der Schein trog. Ihr blondes Haar hing über den fliegenden Stein. Sie fühlte sich von ihm festgehalten. Nicht nur an den Haaren. Ihr ganzer nackter Körper schien auf dem Stein zu kleben. Es hatte den Anschein, als wäre er mit ihr eine untrennbare Verbindung eingegangen.

In der Ferne entstand etwas - eine Öffnung? So etwas wie ein alles verschlingendes Schwarzes Loch? Wer da hineingerät, kommt nicht mehr zum Vorschein, ging es Vicky Bonney durch den Sinn.

Wehr dich! verlangte eine innere Stimme. Laß diese heimtückische Entführung nicht zu! Sie zog ein Bein an; es kostete sie viel Kraft. Die kleinste Bewegung war schrecklich mühsam für sie. Als würde ein zäher Brei sie umschließen.

Um die schwarze Öffnung zuckten dünne, verästelte Blitze. Ein gefährliches Unwetter schien dort zu toben, und die Steine bewegten sich alle darauf zu. Das Schwarze Loch zog sie an!

Ringsherum schimmerten weiße Zähne, aus denen immer wieder Blitze schossen, die sich wie ein Vorhang über die große Öffnung breiteten.

Sie wird dich mit Haut und Haaren verschlingen! stöhnte Vicky Bonney im Geist. Steh auf! Spring von diesem Felsen! Es ist besser, sich ins Nichts zu stürzen, als von diesem schwarzen Maul gefressen zu werden.

Es überstieg fast ihre Kräfte, sich aufzusetzen. Sie sah dem Maul mit den mächtigen Zähnen entgegen und bemerkte zum erstenmal Augen darüber.

Grauenvolle, böse blickende Augen, umzuckt von Blitzen. Augen, die in dunkelrotem Blut zu schwimmen schienen. Je näher die Steine der Öffnung kamen, desto schneller flogen sie.

Vicky wollte sich von dem Felsen stürzen, doch sie kam nicht davon los. Als der Stein in die mörderischer Schwärze sauste, schrie Vicky ihre Todesangst heraus.

***


Der grelle Schrei riß mich aus tiefem Schlaf. Ich schnellte hoch und sah, daß Vicky neben mir im Bett saß. Ihr dünnes Nachthemd war durchgeschwitzt, und Schweißtröpfchen glänzten auf ihrer Stirn.

Sie atmete schwer, als wäre sie rasch gelaufen, war völlig verstört, zitterte und schien geistig total abwesend zu sein. Es klopfte an die Schlafzimmertür.

»Ja!« rief ich.

Boram, der Nessel-Vampir, trat ein. Die Dampfgestalt kam ein paar Schritte näher. »Kann ich helfen, Herr?«

Ich schüttelte den Kopf. Der weiße Vampir zog sich gleich wieder zurück.

Bevor er die Tür schloß, sagte er: »Ich bin in der Nähe, Herr. Wenn du mich brauchst…«

»Danke, Boram«, sagte ich und knipste die Nachttischlampe an. Vicky war noch immer nicht »da«. Als ich sie berührte, zuckte sie zusammen und stieß mich entsetzt von sich.

»Vicky«, sagte ich eindringlich. »Ich bin es doch… Tony.«

Ich war nicht sicher, ob sie mich hörte. Ihre Lider flatterten, und ihre veilchenblauen Augen waren in eine geistige Ferne gerichtet, aus der ich sie zurückholen mußte.

»Vicky«, sagte ich sanft und strich über ihre Wange. Sie schluchzte verzweifelt auf. Ich legte meine Arme um sie und drückte sie an mich. »Es ist alles in Ordnung«, versicherte ich ihr. »Du brauchst keine Angst zu haben. Niemand will dir etwas tun, du bist in Sicherheit.«

Ich spürte, wie sich die harte Verkrampfung allmählich von ihr löste, wie ihr Körper wieder weich und geschmeidig wurde.

»Hattest du wieder diesen quälenden Alptraum?« fragte ich.

Sie hielt sich an mir fest und nickte schluchzend. »Zum zweitenmal schon. Ich habe Angst, Tony. Was hat dieser Traum zu bedeuten?«

Ich trennte mich von ihr und musterte sie ernst. »Wie war es diesmal?«

»Noch schlimmer«, antwortete Vicky. »Bedrohlicher… Direkter… Näher! Tony, da kommt irgend etwas auf mich zu!«

»Unsinn«, sagte ich, während es mir eiskalt über den Rücken lief.

»Es scheint sich auf diese Weise anzukündigen.«

»So etwas darfst du dir nicht einreden!« sagte ich energisch. Insgeheim aber befürchtete ich, daß meine Freundin mit ihrer Vermutung recht haben könnte.

»Diese blutigen Augen…«, flüsterte Vicky unglücklich. »Ich werde sie eines Tages wirklich sehen.«

»Was soll der Quatsch?« fragte ich ärgerlich. »Jeder Mensch hat hin und wieder einen bösen Traum. Es ist ein Traum und nichts weiter. Er kann nicht wahr werden. Was du erlebst, entspringt deiner eigenen Phantasie. Sobald du aufwachst, ist es vorbei.«

»Du vergißt, daß mich dieser Alptraum nun schon zum zweitenmal heimgesucht hat. Da liegt die Sache doch wohl ein bißchen anders.«

»Auch das ist keine Seltenheit, daß jemand zweimal das gleiche träumt. Glaub mir, dir droht bestimmt keine Gefahr.«

Vicky begab sich ins Bad. Ich lehnte mich an die Stirnseite unseres Doppelbettes und verschränkte grimmig die Arme vor der Brust, während ich das Rauschen der Dusche hörte.

Es gibt Träume, die etwas ankündigen, aber dem wollte ich Vicky gegenüber nicht beipflichten, denn damit hätte ich ihre Furcht geschürt, und sie hatte schon genug Angst.

Verflucht noch mal, was kommt da auf uns zu? fragte ich mich beklommen. Wenn die Gefahr nur mir gedroht hätte, wäre es nicht so schlimm gewesen. Vicky war mein wunder Punkt. Alles, was ihr zustieß, traf mich doppelt.

Vielleicht sollten wir mit Roxane und Mr. Silver über diese Alpträume reden, überlegte ich.

Vicky kehrte ins Schlafzimmer zurück. Sie hatte ein anderes Nachthemd an. »Geht es dir wieder besser?« fragte ich besorgt.

Sie nickte, wohl um mich zu beruhigen, aber sie war noch ziemlich blaß um die Nase. Ich schaute auf die Digitalanzeige des Radioweckers. Es war 3.55 Uhr.

***


Ganz untypisch für einen waschechten Engländer trank ich meinen Frühstückskaffee. Ich verzichtete auf Bacon and Eggs, aß eine Schnitte Vollkornbrot, und damit hatte es sich.

Viele meiner Landsleute zelebrieren ihr Frühstück regelrecht, und das jeden Morgen, sonst sind sie den ganzen Tag nicht ansprechbar.

Vicky nahm einen Schluck von einem Früchtetee, der einen herrlichen Geruch verströmte. Wir sprachen wenig. Vor allem ein Thema mieden wir während des Frühstücks: Vickys Alpträume.

Wir wußten beide, daß dieses Thema an einem sehr dünnen Faden über unseren Köpfen hing. Bestimmt würde es bald herunterfallen. Ich wollte bis dahin fertiggegessen haben, denn Vickys böse Träume würden mir das Essen verleiden.

Ich kannte eine Gefahr gern. Wenn ich sie sah, wenn ich ihr gegenüberstand, konnte ich mich auf sie einstellen. Diese Ungewißheit aber machte mich nervös.

War nun etwas dran an diesen Träumen, oder hatte Vicky nichts zu befürchten? Für mich stand jedenfalls fest, daß wir die Angelegenheit nicht auf die leichte Schulter nehmen durften. Lieber einmal zuviel vorsichtig sein als einmal zuwenig.

Als Vicky das Geschirr versorgte, sagte sie: »Ich würde gern mit Roxane und Mr. Silver reden, Tony.«

»Dieselbe Idee hatte ich bereits in der Nacht«, gab ich zurück.

»Vielleicht können sie verhindern, daß mich dieser Alptraum ein drittesmal heimsucht.«

»Vielleicht können sie ihn deuten.« Wir verließen eine halbe Stunde später das Haus. Ich schob mir ein Lakritzenbonbon in den Mund und holte den schwarzen Rover aus der Garage.

Früher hatten Roxane und Mr. Silver bei uns gewohnt, aber dann war der Ex-Dämon zu einer eigenen Familie gekommen und ausgezogen. Mit Cuca und Metal hatte er sich in ein Haus eingenistet, das ihm unser alter Freund und Partner Tucker Peckinpah zur Verfügung stellte.

Inzwischen hatte sich die Familie wieder aufgelöst. Die Hexe Cuca, Metals Mutter, war in die Hölle gegangen. Niemand wußte, wo sie sich aufhielt. Vielleicht lebte sie auch gar nicht mehr.

Metal hatte sich kürzlich in eine »Reisende« namens Cardia verliebt und war mit ihr, mit ihrem Sohn Sammeh und ihrem väterlichen Freund Cnahl fortgegangen. [2]

Mr. Silver war wieder mit Roxane zusammen. Damit war der alte Zustand wiederhergestellt, und ich sah eigentlich keinen Grund, weshalb Mr. Silver mit seiner Freundin noch länger in diesem Haus wohnen sollte. Bei mir war Platz genug für sie.

»Woran denkst du?« fragte Vicky in meine Gedanken.

Ich sagte es ihr. »Ich werde den beiden vorschlagen, wieder bei uns einzuziehen«, fuhr ich fort. »Was sagst du dazu?«

»Eine gute Idee. Ich hatte Roxane und Mr. Silver immer gern im Haus.«

Nach dem dritten Lakritzenbonbon waren wir am Ziel. Wir stiegen aus, und Roxane öffnete auf mein Läuten. Ihr langes schwarzes Haar hatte einen seidigen Schimmer, und ihre meergrünen Augen strahlten erfreut, als sie uns sah.

Wir traten ein.

»Tony!« dröhnte der Ex-Dämon von der Living-room-Tür her. »Vicky! Das ist eine Überraschung.«

Die schwarze Macht hatte ihm in der Vergangenheit arg zugesetzt. Ohne seine Silbermagie war er zu ihrem Spielball geworden. Doch nun hatte der Zwei-Meter-Hüne mit den Silberhaaren seine übernatürlichen Fähigkeiten endlich wieder. Er war wieder der alte. Es hatte lange gedauert, aber jetzt mußten ihn seine Feinde wieder fürchten. Ihm war nicht anzusehen, was ihm seine schwarzen Gegner alles angetan hatten. Er war wieder stark wie eh und je.

»Kommt weiter!« sagte der Ex-Dämon und winkte uns wie ein Verkehrspolizist ins Wohnzimmer. »Setzt euch. Was können wir euch anbieten?«

»Mir nichts«, antwortete Vicky.

»Mir dasselbe«, sagte ich.

»Hey, Tony, seit wann bist du so bescheiden? Normalerweise stürzt du dich doch sofort auf die Pernodflasche und nuckelst so lange daran, bis sie leer ist.«

»Er stänkert wie in seinen besten Tagen«, sagte ich zu Roxane und Vicky.

»Ich bin froh, daß er seine Silbermagie wieder hat«, sagte die weiße Hexe. »Ohne seine Kräfte war er sehr unglücklich.«

Der Ex-Dämon, winkte ab. »Sie übertreibt - wie alle Frauen. Ich kam auch ohne die Silbermagie über die Runden.«

»Das schon, aber deine Feinde schlugen dir ständig ein blaues Auge«, sagte ich.

»Das ist hier drinnen alles vermerkt«, sagte Mr. Silver und tippte sich an die Stirn. »Das kriegen sie alles wieder. Einer nach dem anderen. Keiner wird vergessen, keine Rechnung bleibt offen.«

»Ich wußte nicht, daß du so nachtragend bist«, sagte ich lächelnd.

»Ich kann so nachtragend und boshaft sein wie ein Wald voll Affen!« knurrte der Ex-Dämon.

»Wie fühlt ihr euch ohne Metal?« erkundigte ich mich.

Mr. Silver rutschte im Sessel herum, als hätte er Hummeln in der Hose. »Er fehlt uns«, gab er düster zu.

»Das Haus ist leer ohne ihn«, sagte Roxane, die Hexe aus dem Jenseits.

»Ich hätte ihn vielleicht zurückhalten können«, sagte Mr. Silver. »Aber damit hätte ich ihn unglücklich gemacht, und Cardia auch. So rücksichtslos konnte ich nicht sein.«

»Und nun sitzt ihr allein in diesem großen Haus«, packte ich die Gelegenheit beim Schopf, meinen Vorschlag anzubringen. »Wie wär’s, wenn ihr wieder bei uns einziehen würdet? Vicky und ich würden uns riesig freuen.«

Mr. Silver warf Roxane einen raschen Blick zu. »Ehrlich gesagt, ich habe gehofft, daß du uns diesen Vorschlag machst, Tony. Erst gestern sprach ich mit Roxane darüber. Wir kamen immer sehr gut miteinander aus.«

Ich nickte. »Du gingst mir nur ganz selten auf die Nerven.«

»Wir kehren sehr gern zu euch zurück«, sagte Roxane.

»Wunderbar.« Ich rieb mir die Hände. »Ich werde Tucker Peckinpah bitten, daß er eure gesamte Habe in mein Haus schaffen läßt.«

»Die alten Zeiten brechen wieder an«, sagte der Ex-Dämon mit verklärtem Blick.

»Also ich hätte dir viel zugetraut«, sagte ich grinsend, »aber soviel Sentimentalität nicht. Du hast so manche gute Eigenschaft von uns Menschen angenommen, Großer.«

Ich erklärte den beiden, daß es noch einen anderen Grund gab, weshalb wir sie aufgesucht hatten.

»Ihr habt ein Problem«, sagte uns Mr. Silver auf den Kopf zu.

Ich erwähnte Vickys Alpträume und bat meine Freundin, selbst darüber zu sprechen, da sie es ausführlicher konnte als ich. Sie regte sich gleich wieder auf, ihre Hände zitterten.

»Dieses wehrlose Ausgeliefertsein ist so schrecklich«, sagte Vicky gepreßt. »Ich komme der Gefahr immer näher, kann es aber nicht verhindern. Kurz bevor mich das schwarze Maul verschlingt, wache ich jedesmal auf.«

Mein Blick pendelte zwischen Roxane und Mr. Silver hin und her. »Was haltet ihr davon? Vicky ist davon überzeugt, daß sich da etwas ankündigt. Ich kann es ihr nicht ausreden.«

Mr. Silver machte ein Gesicht, das mir nicht gefiel. Er sagte aber zum Glück nicht, daß er sich Sorgen machte. Obenhin meinte er: »Ich glaube nicht, daß das irgend etwas zu bedeuten hat.«

»Es kann aber nicht schaden, wenn wir trotzdem ein Auge auf Vicky haben«, ergänzte Roxañe. »Das wird um so leichter sein, wenn wir wieder bei euch wohnen.«

***


Der Vorort hieß Sutton. Hier kam Por, der flüchtige Teufel, an. Die Luft flimmerte um ihn herum und faltete sich allmählich zusammen. Da stand er nun, dieser grauenerregende Teufel, in einem einsamen, stillen Park. Die Sonne schien, und in den Baumkronen zwitscherten die Vögel.

Das Sonnenlicht war gnadenlos. Es machte Pors Häßlichkeit in sämtlichen Schattierungen deutlich. Beulen bedeckten seine zerfurchten Wangen, die Ohren wirkten verschmort, er hatte kein einziges Haar auf dem geröteten Kopf.

Die schmalen Lippen waren schorfig, die Nase so lang wie ein Pickel. Ihm war klar, daß er den Menschen so nicht gegenübertreten konnte.

Sie hätten ihn, das Monster, gejagt und alles versucht, um ihn zur Strecke zu bringen. Angestrengt starrte er mit seinen Blutaugen auf seine Hände. Er mußte sich tarnen, mußte alles, was die Menschen ängstigte, zum Verschwinden bringen. Wenn er menschliches Aussehen annahm, würde er nicht auffallen.

Sollte ihm Loxagon ein paar Krieger nachschicken, würden sie ihn in dieser anderen Gestalt nicht erkennen. Das schwarze Haar auf seinen Handrücken löste sich auf, und die spitzen Krallen bildeten sich zurück.

Etwas, das wie Hautstreifen aussah, legte sich über sein Gesicht. Senkrecht. Streifen legte sich neben Streifen, und eine geheimnisvolle Kraft modellierte ein Antlitz, das sich sehen lassen konnte.

Jetzt sah Por gut aus. Er hatte dichtes blondes Haar, himmelblaue Augen und scharf geschnittene, markante Züge. Ein junger Mann mit den allerbesten Chancen beim weiblichen Geschlecht.

Es fragte sich nur, wie lange dieses Gesicht »halten« würde. Sehr lange bestimmt nicht, dann brauchte er wieder ein neues - und dazwischen würde immer wieder seine häßliche Fratze zum Vorschein kommen.

Por hörte das Brummen eines Autobusses. Er verließ den kleinen, idyllischen Park und blieb an der Gehsteigkante stehen. Der Fahrer verstand das falsch. Er nahm an, Por wollte mitgenommen werden, und hielt an.

***


»Ich habe genug«, sagte Esther McCrea ärgerlich. »Ich bin kein kleines Kind mehr, bin 17, fast schon erwachsen, aber mach das mal meinen Eltern klar. Die wollen das einfach nicht kapieren. Mein Leben besteht nur aus Verboten. Ich darf überhaupt nichts, nur lernen.«

Maureen Brandon, ihre rothaarige Freundin, schmunzelte. »Du bist eben eine wohlbehütete Tochter.«

»Darauf pfeife ich«, sagte Esther leidenschaftlich. Sie saßen wie jeden Morgen im Schulbus.

»Später wirst du deinen Eltern dafür dankbar sein.«

»Komm mir doch nicht mit dem Quatsch«, sagte Esther wütend. »Du steckst ja nicht in dieser Zwangsjacke. Du hast deine Freiheiten. Ich möchte auch mal mit einem Jungen ausgehen, aber denkst du, das ist möglich? Neulich brachte mich Oscar Brown nach Hause. Das gab vielleicht ein Theater!«

»Dein Vater wird seine Ansichten ändern und die Zügel locker lassen, wenn du 19 bist«, sagte Maureen.

Esther schüttelte ihre blonde Mähne. »Bestimmt nicht. Der wird mich immer so behandeln.«

»Kannst du nicht mal mit ihm reden?«

»Nicht über dieses Thema«, sagte Esther.

»Tja, dann weiß ich nicht, was du sonst tun könntest.«

»Ausziehen.«

»Du bist verrückt«, sagte Maureen. »Du hast kein Geld. Wo willst du schlafen? Unter einer Brücke? Auf einer Parkbank?«

»Vielleicht kann ich bei einer Freundin Unterkommen.«

»Wenn du dabei an mich denkst…«

»Ich weiß, daß es bei dir unmöglich ist«, sagte Esther.

»Dein Vater würde dich schon am nächsten Tag zurückholen.«

Esther ballte die Hände. »Das Leben könnte so schön sein, Maureen. Warum muß ich in einem Gefängnis leben? Ich habe doch nichts verbrochen.«

Der Bus hielt an einer ungewöhnlichen Stelle. Der Fahrer klappte die pneumatischen Türen auf und forderte den jungen Mann, der auf der Kante des Gehsteigs stand, auf, einzusteigen.

Por zögerte. »Nun komm schon!« sagte der Fahrer ungeduldig. »Brauchst du eine Extraeinladung?«

Por stieg ein.

»Nächstens gehst du die paar Schritte bis zur Haltestelle, klar?« sagte der Fahrer mürrisch. »Diese jungen Leute. Keinen Schritt tun sie mehr freiwillig. Wo wird das noch mal hinführen?«

Er fuhr weiter. Der Anfahrruck riß Por um. Er landete auf einem freien Sitz.

»Hübscher Junge«, bemerkte Maureen Brandon und zupfte ihren Pulli zurecht.

»Ich habe ihn noch nie gesehen«, sagte Esther McCrea.

Sie kannten alle Schüler, die jeden Morgen mit ihnen in diesem Autobus fuhren.

»Vielleicht ist seine Familie in den letzten Tagen erst nach Sutton gezogen, so daß er die Schule wechseln mußte«, sagte Maureen.

Por schien zu merken, daß sie über ihn sprachen. Er drehte sich um und lächelte sie an. Maureen und Esther gaben das Lächeln zurück; die eine interessiert, die andere scheu.

Por erschrak, als er spürte, daß er das menschliche Aussehen nicht mehr lange beibehalten konnte. Im Bus wäre Panik ausgebrochen, wenn die jungen Leute seine monströse Fratze gesehen hätten, deshalb aktivierte er hastig seine Teufelskraft, um zu verhindern, daß sein ansehnliches Gesicht auseinanderfiel, doch er setzte zuviel Kraft frei. Er konnte sie nicht dosieren, sie entglitt seiner Kontrolle.

Die überschüssige Kraft irritierte die Technik des Autobusses. Nichts funktionierte mehr richtig. Fehlzündungen krachten wie Schüsse, der starke Motor heulte auf, der Gang sprang dauernd heraus.

Fluchend drückte der Fahrer den Schalthebel immer wieder nach vorn, doch sobald er ihn losließ, schnellte er zurück. Wieder packte der Mann zu, aber der Hebel war plötzlich weich, und als der Fahrer einen Blick darauf warf, sah er, daß er eine Schlange in der Hand hielt.

Sie schlang sich um sein Handgelenk. Er schrie und schüttelte die Hand, um das Reptil loszuwerden. Da niemand außer ihm die Schlange sah, dachten alle, er hätte den Verstand verloren.

Die Straße führte bergab. Der Bus wurde immer schneller. »Bremsen!« schrie jemand. »Mein Gott, so bremsen Sie doch!«

Natürlich hatte der Fahrer das schon längst versucht, aber die Bremsen griffen nicht. Das Bremspedal ließ sich wirkungslos bis zum Bodenblech durchdrücken.

Die Hupe dröhnte, die Scheibenwischer tanzten sinnlos hin und her, und aus den Düsen der Scheibenwaschanlage spritzte eine rote Flüssigkeit gegen das Glas.

Blut?

Doch der wahre Horror kam erst!

Por griff sich an die Stirn, um die Streifen festzuhalten, die abfallen wollten. Die Zwischenräume wurden größer. Esther McCrea biß sich die Lippen blutig, während sie fassungslos auf den jungen Mann starrte.

»Sieh nur, Maureen!« stöhnte sie. »Sein Gesicht…«

»Es zerfällt regelrecht.«

»Und seine Hände!«

Trotz aller Bemühungen konnte Por die Streifen nicht festhalten. Sie fielen von seinem wahren Gesicht. Von der Tarnung blieb nichts übrig.

Er sprang auf und stürzte sich auf die Tür. Er wollte den Bus verlassen, um die unkontrollierte Kraft von dem Fahrzeug abzuziehen, aber er bekam die Tür nicht auf.

Der Fahrer rutschte von seinem Sitz und landete zwischen den Pedalen. Der rote Schleier auf der Frontscheibe zerriß nicht, obwohl die Wischer immerzu hin und her flitzten. Sie verteilten lediglich die rote Flüssigkeit und machten aus ihr einen undurchsichtigen Film.

Der ungelenkte Bus kam von der Straße ab, durchbrach einen Holzzaun und bohrte sich in die Seitenfront eines Zwei-Familien-Hauses.

Esther McCrea bekam noch das Krachen und Splittern mit, während sie von einer unsichtbaren Faust nach vorn gerissen wurde. Sie knallte mit dem Kopf gegen hartes Metall, und ihr wurde schwarz vor den Augen.

***


Es kommt immer wieder zu Busunfällen. Wir kümmern uns nie darum, denn das ist Sache der Polizei. Wir hätten uns auch dieses Falles nicht angenommen, wenn uns Tucker Peckinpah nicht darum gebeten hätte.

Ihm war zu Ohren gekommen, daß es bei diesem Unglück nicht mit rechten Dingen zugegangen war. Die Insassen des Unglücksbusses waren leicht bis schwer verletzt. Tote hatte es zum Glück nicht gegeben.

Eines der Mädchen fantasierte unentwegt von einem Monster, das die Höllenfahrt mitgemacht hätte. Mr. Silver und ich wollten mit ihr reden. Sie hieß Esther McCrea, wie wir von Peckinpah erfahren hatten.

Während sich Roxane mit Vicky nach Paddington in mein Haus begab, fuhren Mr. Silver und ich nach Sutton. Wie jeden Morgen waren die jungen Leute auf dem Weg zu ihrer Privatschule gewesen. Statt dessen waren sie im Krankenhaus gelandet.

»Kannst du nicht ein bißchen schneller fahren?« fragte Mr. Silver ungeduldig.

»Können schon, aber nicht wollen. Da, wo du herkommst, mag man Geschwindigkeitsbegrenzungen keine Bedeutung beimessen. In London ist das anders. Hier setzt es drakonische Strafen und empfindliche Geldbußen, wenn man einen Raser erwischt.«

»Was hast du ständig an mir herumzumeckern? Ich bin nun mal kein unzulänglicher Mensch, damit mußt du dich abfinden.«

Ich verkniff mir eine boshafte Erwiderung, weil wir Sutton erreichten. Ich kannte das Krankenhaus nicht. Nach zweimaliger Passantenbefragung tauchte die Klinik vor uns auf.

»Benimm dich gesittet, wenn wir da hineingehen«, sagte ich grinsend und stieg aus.

»Ich werde rülpsen und unflätige Äußerungen von mir geben«, kündigte der Ex-Dämon an.

»Vielleicht gelingt es dir, dich wenigstens dieses eine Mal zu verstellen«, gab ich zurück und klappte die Autotür zu.

Wir betraten wenig später das Krankenhaus. »Zu Dr. Davenport«, sagte ich zum Pförtner.

Der Mann legte die Hand auf den Telefonhörer. »Wen darf ich melden?«

»Mr. Ballard und Mr. Silver.«

»Eigentlich müßte es heißen: Mr. Silver und Mr. Ballard«, verbesserte der Ex-Dämon.

Der Pförtner, ein trockener Mensch, ging nicht darauf ein. Er wählte eine zweistellige Nummer und sagte: »Die Gentlemen sind da, Chef.« Peckinpah hatte uns avisiert. »Ist gut«, sagte der Pförtner und legte auf. »Dort drüben ist der Lift. Dr. Davenports Büro befindet sich im zweiten Stock. Sein Name steht an der Tür.«

»Vielen Dank«, sagte ich und begab mich mit Mr. Silver zum Fahrstuhl.

Dr. Roger Davenport war ein Mann mit einer gewaltigen Scheitelerweiterung. Man hätte auch Glatze dazu sagen können. Das Tageslicht spiegelte darauf. Der Chefarzt trug einen blütenweißen Kittel und empfing uns mit ausgesuchter Höflichkeit, als wären wir schwerreiche Privatpatienten.

Mir war klar, daß seine Verbeugung nicht uns galt, sondern Tucker Peckinpah, dem Mann hinter uns. Wir setzten uns, als er uns dazu aufforderte.

»Einige Patienten konnten wir nach ambulanter Behandlung in häusliche Pflege entlassen«, sagte Dr. Davenport.

»Wie geht es dem Busfahrer?« erkundigte ich mich.

»Beinbruch, ein paar schmerzhafte Prellungen, Gehirnerschütterung…«

»Können wir mit ihm reden?« fragte ich.

Dr. Davenport nickte. »Aber nicht zu lange. Der Mann braucht jetzt sehr viel Ruhe. Die hat er nötiger als irgendein Medikament.«

Der Chefarzt brachte uns zu dem Buschauffeur, dessen Name Tab Norris war. Es handelte sich um einen fleischigen, kräftigen Mann.

Er sah uns ziemlich unglücklich an. »Ich begreife das alles nicht«, seufzte er, nachdem uns Dr. Davenport mit ihm bekannt gemacht hatte. Der Chefarzt verließ das Zimmer. Er wies auf die elektrische Uhr, die über der Tür hing.

»Fünf Minuten, nicht länger«, sagte er und ließ uns mit Norris allein.

»Der Bus war letzte Woche bei der Inspektion«, sagte der Fahrer. »Wieso spielte auf einmal alles verrückt? Irgendwie werde ich den Verdacht nicht los, daß das alles mit diesem Jungen zu tun hatte.«

»Mit was für einem Jungen?« fragte ich aufhorchend.

Er erzählte uns von dem jungen Mann, den er zwischen den Stationen aufgelesen hatte. »Ich glaube, er wollte gar nicht einsteigen. Ich dachte, er wäre ein Schüler, sagte, er solle sich beeilen. Kaum hatten wir ihn im Bus, ging es auch schon drunter und drüber - als hätte er die Technik verhext. Glauben Sie, daß so etwas möglich ist?«

»Davon sind wir sogar überzeugt, Mr. Norris«, antwortete ich. »Können Sie den jungen Mann beschreiben?«

»Er war schlank, jung und blond -sah gut aus. Als er merkte, was er angerichtet hatte, wollte er den Bus verlassen, aber er bekam die Tür nicht auf.«

»Würden Sie ihn wiedererkennen?« fragte Mr. Silver.

»Vielleicht liegt er in einer anderen Abteilung«, sagte ich. »Wir werden Dr. Davenport fragen.«

»Wiedererkennen?« sagte Tab Norris. »Mit Sicherheit würde ich ihn wiedererkennen. Auf den Goldjungen wartet noch eine Menge Ärger, das kann ich Ihnen flüstern. Er hätte uns alle umbringen können.«

Dr. Davenport erschien wieder, um uns von Tab Norris’ Krankenbett fortzuholen. Auf dem Flur erwähnten wir den mysteriösen jungen Mann. Roger Davenport war sicher, daß man ihn nicht eingeliefert hatte. »Vermutlich blieb er unverletzt«, sagte der Chefarzt. »Der Bus krachte gegen das Haus. Vielleicht ging dadurch die Tür auf, und er flog hinaus. Und im allgemeinen Durcheinander ergriff er dann die Flucht.«

Das war zumindest eine Theorie. Im Augenblick hatten wir keine bessere. Aber der Gedanke, daß dieser Kerl dort draußen frei herumlief, gefiel mir ganz und gar nicht.

Mit Esther McCrea gingen wir sehr behutsam um. Sie hing am Tropf, hatte starke Schmerzen im Rücken. Ihrer Freundin Maureen Brandon ging es besser, wie sie uns sagte. Die gehörte zu jenen Patienten, die man nach Hause geschickt hatte.

Ich erwähnte den jungen Mann, den Tab Norris auf gelesen hatte. Das Mädchen nickte kaum merklich. »Er holte den Teufel in den Bus«, flüsterte sie ängstlich. »Er sah gut aus. Er gefiel Maureen und mir. Er lächelte uns an, und wir lächelten zurück. Wir hatten ihn noch nie im Bus gesehen. Wir nahmen an, daß er erst kürzlich nach Sutton gekommen wäre. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, daß mit dem irgend etwas nicht stimmt, aber auf einmal… Er verlor sein Gesicht. Ich habe so etwas noch nicht erlebt. Sein Gesicht zerfiel in Streifen. Er wollte sie festhalten, damit wir sein wahres Antlitz nicht zu sehen bekamen, aber er konnte es nicht verhindern. Die Streifen fielen ab, und eine fürchterliche Monsterfratze kam zum Vorschein… Sie war mit Beulen übersät und wies tiefe Furchen auf, aber das Schlimmste waren seine Augen.«

»Was war mit seinen, Augen?« wollte Mr. Silver wissen.

»Sie schienen in Blut zu schwimmen«, sagte Esther McCrea.

Mir war, als hätte man mich mit Eiswasser begossen, denn genau solche Augen hatte meine Freundin in ihren Alpträumen gesehen.

***


Por hatte den Unfall heil überstanden. Die Tür, die er nicht aufbekommen hatte, war plötzlich aufgeplatzt, und er kugelte über den erdigen Boden.

Die verstörten Hausbewohner erschienen und schrien Zeter und Mordio.

»Habe ich dir nicht gesagt, man baut sein Haus nicht an eine Straße?« jammerte eine der Frauen. »Habe ich dir das nicht immer wieder gesagt? Aber du hörst ja nie auf mich.«

»Seit 20 Jahren wohnen wir hier, und nie ist etwas passiert«, verteidigte sich ihr Mann.

»Dafür ist der Schaden nun gleich zwanzigmal so groß.«

»Wir sollten jetzt nicht an uns, sondern an die Verletzten denken«, sagte der Mann.

»Ruf die Polizei - und ein paar Krankenwagen!«

Por kroch hinter einen Fliederbusch und richtete sich auf. Er bedauerte, daß er diesen Unfall verschuldet hatte. Wieso hatte er seine Teufelskraft nicht mehr unter Kontrolle? Warum konnte er sich auf sie nicht mehr verlassen?

Er beobachtete, wie die Leichtverletzten aus dem deformierten Bus stiegen. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Krankenwagen eintrafen. Die Polizei nahm den Sachverhalt auf.

Por hatte befürchtet, daß das harmlose Gesicht nicht lange halten würde, aber daß es nur von so kurzer Dauer sein würde, hätte er nicht geglaubt.

Seine Fratze hatte die Hautstreifen abgestoßen. Vielleicht mußte sie sich erst allmählich daran gewöhnen. So, wie er jetzt aussah, konnte er nicht bleiben.

Er konzentrierte sich wieder und schuf neue Streifen. Das gleiche Aussehen wie vorhin bekam er nicht wieder hin, aber das war nicht nötig.

Es war ziemlich egal, wie er aussah, Hauptsache, seine Teufelsfratze war verdeckt.

Er zog sich zurück, kam an einem Haus vorbei, in dessen Garten ein Hund wie von Sinnen anschlug. Das Tier spürte die Teufelskraft, die in Por steckte. Knurrend und mit gefletschten Zähnen rannte der Hund zum Zaun.

Por blieb stehen und starrte das Tier ärgerlich an. Plötzlich duckte es sich, als wäre es geschlagen worden, zog den Schwanz ein und winselte kläglich.

Der Besitzer des Hundes streckte den Kopf zum Fenster heraus. »Verdammt, was haben Sie dem Tier getan?«

»Nichts.«

»Verschwinden Sie, sonst mache ich Ihnen Beine!« schrie der Mann wütend. »Nun machen Sie schon! Hauen Sie ab! Oder soll ich die Polizei rufen?«

»Ich habe doch nichts getan«, ärgerte sich Por, aber das war nicht gut, denn der Ärger machte ihn unbeherrscht. Dadurch konnte er erneut das Gesicht verlieren.

Er ließ sich auf kein Rededuell ein und entfernte sich rasch. Vor Hunden konnte er sich nicht tarnen, die hatten eine zu feine Nase. Er mußte sich vor ihnen in acht nehmen, wenn er nicht wollte, daß sie ihn entlarvten.

Er war zum erstenmal auf der Erde, hatte sich alles ganz anders vorgestellt. Ob er sich jemals hier einleben würde? Er richtete seine Geistfühler zurück, dorthin, woher er gekommen war. Hatten die Verfolger seine Spur gefunden?

Kaum eingetroffen, fiel er schon auf. Das war nicht gut, aber was passiert war, konnte er nicht mehr ungeschehen machen.

Er erreichte den großen Campus, das Ziel des Autobusses. Hier wären alle jungen Leute ausgestiegen. Auf dem Gelände standen mehrere Gebäude. Dazwischen und dahinter gab es die verschiedensten Sportanlagen. Sämtliche Häuser bestanden aus dunklem Backstein.

Por sah junge Leute, die in Gruppen beisammenstanden und sich unterhielten. Hier müßte er untertauchen können. Hier konnten ihn seine Verfolger kaum finden. Es sei denn, er verriet sich selbst durch eine Unvorsichtigkeit.

Zwei Mädchen gingen an ihm vorbei. Sie waren in ein Gespräch vertieft und schenkten Por keine Beachtung. Die eine stieß ihn mit der Schulter an, murmelte eine Entschuldigung und ging weiter, ohne ihn anzusehen.

Da er sich hier nicht auskannte, war es egal, welches Gebäude er betrat. Nach und nach wollte er alle kennenlernen.

***


Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738926644
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v460952
Schlagworte
höllenträume tony ballard

Autor

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Titel: ​Nachts, wenn die Höllenträume kommen Tony Ballard Nr. 153