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​Die Tochter des Magiers Tony Ballard Nr. 152

2019 120 Seiten

Leseprobe

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /COVER MICHAEL SAGENHORN


© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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​Die Tochter des Magiers Tony Ballard Nr. 152 Teil 3/3

von A.F.Morland










»Jetzt haben wir einen zweifachen Grund, Thermae zu verlassen und uns in Ronsidors Lager einzuschleichen«, sagte Mr. Silver grimmig. »Wir müssen Lomina und Tony Ballard befreien, bevor die Nacht des Silbermondes beginnt. Allein der Gedanke, die beiden könnten Ronsidor dem Schrecklichen geopfert werden, macht mich ganz krank.«

»Wir müssen auf die Dunkelheit warten«, sagte Metal. »In ihrem Schutz wird es uns gelingen, unbemerkt in die Zeltstadt zu gelangen.«

Roxane wandte sich an Sabra, die Herrscherin von Thermae. »Wann bricht die Nacht des Silbermondes an?«

»Sie beginnt heute«, antwortete die große Zauberin.

»Hab keine Angst, Lomina«, sagte ich zu Shroggs Tochter. »Man wird uns nicht töten.« Das klang großspurig, ich gebe es zu, denn unsere Köpfe und Hände waren zwischen ein schweres Holzstück geklemmt, und mit unseren Beinen hingen wir an einem in den Boden geschlagenen Pflock.

»Wie willst du sie daran hindern?« fragte die hübsche Tochter des weisen Magiers, dessentwegen wir die Silberwelt aufgesucht hatten.

Shrogg hätte Mr. Silver helfen sollen, wiederzuerstarken, aber der Weise war nicht mehr ansprechbar, seit sich seine Tochter in Ronsidors Gewalt befand. Und nun war ich gezwungen, ihr Gesellschaft zu leisten. In der Nacht des Silbermondes sollten wir Ronsidor geopfert werden. Er war Herrscher, Kriegsherr und Gott der Barbarenhorde. Unser Leben und unsere Kraft sollten auf ihn übergehen. Ich hatte gehofft, es wäre noch eine Weile hin bis zu dieser besonderen Nacht, doch diese Illusion hatte mir Lomina inzwischen geraubt.

Die Nacht des Silbermondes würde beginnen, sobald dieser Tag zu Ende war.

»Ich kann sie nicht daran hindern«, antwortete ich, »aber ich habe Freunde, die mich nicht im Stich lassen. Sie werden alles versuchen, um uns hier rauszuholen.«

Ich sprach leise, denn die Wände des schäbigen Zelts waren dünn, und ich wollte nicht, daß jemand hörte, was ich sagte. Es waren keine tröstenden Worte, die ich nur so daherredete. Ich glaubte selbst fest an sie.

Ich mußte daran glauben, denn eine andere Hoffnung gab es nicht für uns. Wenn wir hier rauskamen, dann nur mit Hilfe meiner Freunde.

Ich nahm an, daß sie warteten, bis es dunkel wurde, damit sie sich der kleinen Zeltstadt am Fuße des Vulkans unbemerkt nähern konnten.

Mr. Silver, sein Sohn Metal und Roxane würden kommen, und höchstwahrscheinlich würden sie den Nessel-Vampir Boram vorschicken, denn er war in der Lage, sich unsichtbar zu machen.

Ich gönnte Ronsidor dem Schrecklichen eine schmachvolle Niederlage von ganzem Herzen. Thermae war ein Hort des Friedens, und genau das war Ronsidor ein Dorn im Auge.

Hinzu kam, daß er sich unbedingt Sabras Zauberkraft einverleiben wollte, denn dann wäre er doppelt so stark gewesen - unbesiegbar auf der Silberwelt. Ein blutrünstiger Schreckensherrscher wäre aus ihm geworden, der sich nicht gescheut hätte, der Hölle den Kampf anzusagen. Er wollte nicht, daß die schwarze Macht Einfluß auf seine Silberwelt hatte. Diese Welt sollte ihm allein gehören, deshalb würde er sie von allen höllischen Einflüssen säubern und hier seine eigene Hölle aufbauen.

Er war ähnlich größenwahnsinnig wie mein Erzfeind Professor Mortimer Kull. Ich hoffte, daß sie sich beide so bald wie möglich den Hals brachen.

Die Dämmerung setzte ein - viel zu schnell für meinen Geschmack. Mir hätte es mit dem Abend nicht geeilt. Lomina seufzte schwer.

»Bald wird der Silbermond aufgehen«, sagte sie niedergeschlagen.

Ich erfuhr, daß es nicht sehr oft dazu kam. Auf das irdische Zeitmaß umgelegt, etwa jedes halbe Jahr. Dämonen vom Rang Ronsidors waren in diesen Nächten besonders aufnahmefähig. Wenn der Silbermond leuchtete, konnten sie unheimlich Kraft tanken.

»Meine Freunde befinden sich bereits auf dem Weg«, sagte ich, damit sich Lomina beruhigte.

Ich erzählte der Tochter des alten Magiers von Mr. Silver und Shavenaar, dem Höllenschwert.

»Diese Waffe wurde auf dem Amboß des Grauens für Loxagon, den Teufelssohn, geschmiedet«, sagte ich. »Jetzt gehört sie meinem Freund, und er weiß sie hervorragend einzusetzen.«

»Ich dachte, er ist schwach. Ihr seid doch seinetwegen auf die Silberwelt gekommen«, sagte Lomina.

»Das ist richtig. Mr. Silver möchte seine magischen Kräfte wiederhaben, aber er ist nicht schwächer als ich, und mit dem Höllenschwert ist er nach wie vor gefährlich, das werden dir Ronsi, dors Krieger bestätigen. Jedenfalls jene, die das Schwert überlebt haben.« Ich sprach über Roxane. »Sie ist eine weiße Hexe, die wie eine Löwin zu kämpfen versteht. Und Metal ist so stark, wie es Mr. Silver einst war.«

»Besitzt er seine Silbermagie noch?«

»In vollem Maße. Und Boram ist ein Kapitel für sich. Er hat keinen Körper, besteht nur aus Nesseldampf, den er jedoch so sehr verdichten kann, daß man seinen Faustschlag spürt. Jeder Kontakt mit ihm ist außerdem sehr schmerzhaft und entzieht einem Energie.«

»Wovon lebt er?«

»Von schwarzem Blut.«

»Davon besitzt Ronsidor genug«, sagte Lomina.

»Möge es Boram gelingen, es sich zu holen, bis auf den letzten Tropfen«, sagte ich.

Ich sah Tränen auf Lominas Wangen glitzern. »Immer wenn ich an meinen armen alten Vater denke, muß ich weinen«, sagte sie.

»Er befindet sich bei Sabra in Sicherheit.«

»Aber er ißt nicht. Er wird an Entkräftung sterben.«

»Du wirst bald bei ihm sein«, sagte ich zuversichtlich. »Dann wird er essen und wieder zu Kräften kommen.«

Lomina seufzte tief. »Ich kann es kaum glauben.«

Draußen ertönten schärfe Befehle. »Das ist Benrii«, sagte Lomina. »Viele sagen, er wäre Ronsidors rechte Hand. Man gehorcht ihm, weil man Angst vor Ronsidor hat. Gäbe es Ronsidor nicht, würde wohl keiner tun, was Benrii sagt.«

Ich hörte, was Benrii rief. Er befahl, alles für die Zeremonie vorzubereiten. Was das bedeutete, wußten wir leider nur zu gut.

Lomina preßte die Lippen zusammen und schluchzte leise. »Deine Freunde werden zu spät kommen, Tony.«

»Wart’s doch ab«, gab ich zurück. »Die Barbaren haben mit den Vorbereitungen doch noch nicht einmal begonnen.«

***


Mr. Silver hob den Kopf und richtete seinen Blick in die Ferne, dorthin, wo Thermae an das Binnenmeer grenzte. »Der Silbermond geht auf«, sagte er unruhig.

Ein großer Silberbogen hatte sich am Horizont hochgeschoben. Mr. Silver kannte diese Erscheinung, schließlich war die Silberwelt einst seine Heimat gewesen.

Der Ex-Dämon saß auf einem großen Vogel, der wie ein Strauß aussah, aber Hufe hatte, und im Schnabel des Tiers befanden sich Zähne, was bewies, daß es sich um einen Fleischfresser handelte.

»Wir müssen uns beeilen«, sagte Mr. Silver.

Sie ließen die Grenze von Thermae hinter sich, sahen die Spuren des blutigen Kampfes wieder, den Ronsidor verloren hatte.

Mr. Silver schaute nach oben. Über ganz Thermae wölbte sieb die saugende Glocke, die Ronsidor geschaffen hatte, um Sabras Zauberkraft zu übernehmen.

Wenn es Sabra nicht gelang, die schwefelgelbe Kuppel zu zerstören, würde Rondisor letzten Endes doch noch siegen und Thermae zerstören.

Der Ex-Dämon und seine Begleiter wußten genau, wo sich Ronsidors Zeltstadt befand. Dorthin mußten sie, aber sie durften nicht zu nahe heranreiten. Weit genug vom Lager der Barbarenhorde entfernt mußten sie die Reitvögel zurücklassen und zu Fuß weitergehen.

Roxane warf einen unruhigen Blick auf den aufgehenden Mond. Die große Silberscheibe stieg viel zu schnell hoch. Roxanes Gedanken stahlen sich zu Lomina und Tony Ballard.

Tony rechnete bestimmt mit ihrer Hilfe. Hoffentlich enttäuschen wir ihn nicht, dachte die weiße Hexe. Sie hätte diese Expedition schon gern hinter sich gehabt. Irgendwie konnte sie sich des Eindrucks nicht erwehren, daß das Unternehmen unter keinem guten Stern stand. Nichts war bisher glattgegangen. Immer war die Sache anders verlaufen als vorhergesehen - von Anfang an.

Auch jetzt konnte eine ganze Menge schiefgehen.

Mr. Silver hob die Hand, und alle hielten ihre Reitvögel an.

»Weiter dürfen wir nicht reiten«, sagte der Ex-Dämon und sprang ab.

Die Tiere legten sich auf den Boden. Wenn Mr. Silver und die anderen zurückkamen, würden sie noch hier liegen.

***


Der Inselkontinent hieß Haspiran und war der Hölle vorgelagert. Hier lebte all das unbequeme Gesindel, das Asmodis in seinem Reich nicht duldete -aufsässige Teufel, abtrünnige Dämonen, Banditen, Wegelagerer, Rebellen. Und Professor Mortimer Kull lebte zur Zeit auch auf Haspiran, aber er würde sich nicht mehr lange hier aufhalten.

Der dämonische Wissenschaftler hatte große, gefährliche Pläne. Er wollte Asmodis stürzen und sich auf den Höllenthron setzen. Kull, der Herrscher der Hölle, dieser Titel hätte ihm gefallen.

Natürlich konnte er so ein gewaltiges Ziel nicht allein erreichen, deshalb brauchte er Verbündete. Er hoffte, in Gupp, dem roten Rebellenteufel, einen solchen Verbündeten zu finden.

Von Corona, der schönen Rebellin, hatte er erfahren, daß Gupp in Begriff war, eine Armee auf die Beine zu stellen. Mit dieser wollte er dann in die Hölle ziehen.

Kull wollte sich ihm anschließen, aber nur dann, wenn Gupp seine Bedingungen akzeptierte.

Yora, Mortimer Kulls Geliebte, hatte alles versucht, um ihn von diesem wahnwitzigen Unternehmen, das ihrer Ansicht nach niemals gelingen konnte, abzubringen.

Vergeblich. Kull war mit Corona aufgebrochen, um sich zu Gupp zu begeben. Yora sah nur noch eine Möglichkeit, das Schlimmste für Mortimer Kull zu verhindern: Sie mußte herausfinden, wo sich der Sohn des Professors, Morron Kull, aufhielt. Wenn sie Mortimer Kull das sagen konnte, würde er alles stehen und liegen lassen und sich über seinen mißratenen Sohn hermachen, denn nichts war ihm wichtiger, als Morron Kull zu töten, der es gewagt hatte, die Hand gegen seinen Vater zu erheben und diesen sogar schwer zu verletzen.

Der Weg zu Gupp war riskant.

Haspiran war überhaupt ein äußerst gefährliches »Pflaster«, das wußten Mortimer Kull und Corona schon lange.

Eben erst hatte die Rebellin der Hölle mit ihrem Speer des Hasses, mit dem sie Asmodis töten wollte, ein Echsenmonster vernichtet, und nun hatte sich gedankenschnell eine kräftige Schlange um Kulls Hals gewickelt und die harten Muskeln angespannt.

Kulls Schock setzte augenblicklich seine Abwehrmagie frei. Sein Körper leuchtete auf einmal violett, und die sichtbar gewordene Kraft sprengte die würgende Schlinge, die den Professor hochziehen wollte.

Er sprang zurück, und die große Schlange fiel vom Baum. Das Reptil wollte auf sein Opfer jedoch nicht verzichten. Es folgte Mortimer Kull.

Corona federte katzengewandt an ihrem Begleiter vorbei und stach mit dem schwarzen Speer zu. Der Kontakt entzündete die Schlange, als wäre sie mit Benzin gefüllt. Sie verwandelte sich in eine grelle Stichflamme und war in der nächsten Sekunde nicht mehr vorhanden.

Mortimer Kull bedankte sich nicht für Coronas Hilfe. »Das wäre nicht nötig géwesen«, sagte er. »Ich wäre mit der Schlange auch allein fertiggeworden.«

»Davon bin ich überzeugt«, erwiderte die schöne Rebellin. »Aber so ging es schneller. Und wir möchten ja so bald wie möglich bei Gupp sein.«

***


Ich konnte nicht sehen, was sie vorbereiteten, hörte nur, wie sie hin und her liefen, schwere Holzbalken anschleppten und zusammennagelten. Soviel Aufwand für Lomina und mich - hoffentlich alles umsonst!

Die Hilfe nahte, davon war ich nicht nur überzeugt. Denn ich hörte es auch: zuerst rasche, knirschende Schritte! Dann ein Schlag, und der Mann, der als Wache vor unserem Zelt stand, sackte grunzend zusammen. Das war Musik in meinen Ohren. Ich stieß Lomina grinsend an.

»Hörst du das?«

»Sind das deine Freunde?«

»Darauf kannst du wetten!« sagte ich im Brustton vollster Überzeugung. »Gleich werden sie hereinkommen und uns dieses verdammte Holz abnehmen. Damit kommt man sich auf die Dauer ja wie ein Holzwurm vor.«

Ein Dolch durchstieß die Zeltwand und wurde nach unten gezogen. Ich fragte mich, wen ich nun zuerst sehen würde. Roxane? Metal? Mr. Silver?

Ich bedauerte, daß ich hinterher Ronsidors langes Gesicht nicht sehen konnte, wenn man ihm meldete, daß man ihm niemanden opfern konnte, weil sich die Opfer nämlich klammheimlich verkrümelt hätten.

Aber eine Sekunde später war ich es dann, der ein langes Gesicht machte, denn wer da durch die Zeltwand stieg, war absolut nicht mein Freund!

***


Die Barbaren bauten ein Plateau aus Rundhölzern über der tiefen Mulde, in der sich die jungen Silberkrokodile befanden. Die Plattform war rechteckig, und zwei Pfähle standen darauf - einer für Lomina, der andere für Tony Ballard.

Noch befand sich der Opferdolch in einem kleinen Kästchen, eingehüllt in ein blutrotes Tuch. Benrii würde ihn später holen und die Opferung vornehmen. Ronsidor würde im Leben und in der freiwerdenden Kraft des Opfers baden.

Alles, was bisher Lomina und Tony Ballard erfüllt hatte, würde Benrii mit dem Opferdolch aus ihnen herausholen, damit es auf Ronsidor den Schrecklichen überging.

Im Augenblick beaufsichtigte Benrii aber noch die Arbeiten am Plateau. Darunter spielten die Krokodile verrückt. Anscheinend glaubten sie, es gäbe schon wieder Futter. Sie richteten sich auf und schnappten gierig mit ihren zahnbewehrten Mäulern.

Ronsidor stand am Grubenrand und betrachtete die Tiere grinsend. Sie hatten ihn noch nie enttäuscht. Sobald er bekommen hatte, was er von den Gefangenen brauchen konnte, würde seine Magie die Plattform öffnen und die Fesseln der Geopferten lösen. Dann würden ihre Körper direkt vor die Schnauzen der gefräßigen Krokodile fallen, und nichts würde von ihnen übrigbleiben, denn die silbernen Reptilien verschlangen sogar Knochen.

Benrii warf einen Blick über die Schulter, um zu sehen, wie hoch der Silbermond bereits stand. Es war noch Zeit, dennoch trieb Benrii die Arbeitenden mit Flüchen, Faustschlägen und Tritten an.

Ronsidor entfernte sich ein Stück von der Krokodilmulde. Er wandte sich dem silbernen Mond zu, breitete die Arme aus und ließ das glänzende Licht durch die Poren in seinen muskulösen Körper sickern.

Das tat ihm gut. In diesem Moment dachte er nicht an die erlittene Niederlage. Er genoß nur das Mondlicht und bedauerte, daß es solche Nächte so selten gab.

Ein Gefühl von Stärke durchpulste ihn und wurde allmählich zum Machtrausch. Die Silberwelt mußte ihm gehören, ihm allein. Sobald er Sabras Zauberkraft übernommen hatte, würde er dem Höllenfürsten seine Bedingungen aufzwingen.

Die Hölle versuchte, alle Welten zu beherrschen. Überall wollte sie Fuß fassen und sich ausbreiten, doch auf die Silberwelt würde sie verzichten müssen, denn hier würde bald nur noch das geschehen, was Ronsidor der Schreckliche sagte.

Der Barbar mit dem langen, struppigen Haar und dem dicken, tief nach unten gezogenen Schnauzbart spürte, wie sein Zauberschirm ihm laufend Kraft übermittelte. Eine Kraft, die Sabra einbüßte.

Ronsidor hatte inzwischen eingesehen, daß es ein Fehler gewesen war, Thermae so früh anzugreifen. Er hätte warten sollen, aber es war nicht seine Stärke, sich in Geduld zu fassen. Er liebte den Kampf, und er gierte nach Siegen, an denen sein Leben bisher sehr reich gewesen war.

Nur gegen Thermae war er stets vergeblich angerannt, doch das würde bald anders werden. In Kürze würde Thermae nur noch ein Name ohne Bedeutung sein.

***


Ich traute meinen Augen nicht.

Da waren sie wieder, meine drei Probleme. Die silbernen Sklavenjäger!

Sie hatten meine Spur nicht verloren und nahmen das Risiko auf sich, von Ronsidor erwischt und getötet zu werden, bloß um mich zurückzukriegen. Ich schien auf der Silberwelt tatsächlich einen hohen Marktwert zu besitzen.

Nicht meine Freunde kamen, um mich von hier fortzuholen, sondern Otuna, Theck und Arson, die drei Silberdämonen, die mich so eiskalt getäuscht hatten, als wir uns das erstemal begegneten. [1]

Ich hatte ihnen gesagt, daß ich zu Shrogg, dem Weisen, wollte, und sie hatten mir angeboten, mich zu ihm zu bringen. In Wirklichkeit aber planten sie, mich nach Seysaus zu bringen und dort auf dem Sklavenmarkt an den Meistbietenden zu verkaufen. Diese Absicht hatten sie, wie sich nun herausstellte, noch nicht aufgegeben.

Nie hätte ich gedacht, daß ich die Barbaren, deren Gefangener ich war, um Hilfe rufen würde, aber ich mußte Alarm schlagen, damit mich die Sklavenjäger nicht fortholen konnten.

Ich wollte nicht nach Seysaus.

Wenn ich von hier fortging, dann nur, um nach Thermae zurückzukehren, mit Lomina an meiner Seite.

Als ich Luft holte, um loszubrüllen, handelte Otuna gedankenschnell. Sie machte eine Handbewegung - es sah so aus, als würde sie mit der Hand nach mir schnappen. Dabei drang ein Zischlaut aus ihrem Mund, und mir versagte die Stimme. Das Silbermädchen hatte mich zum Schweigen gebracht, ohne mich zu berühren. Wieder einmal zeigte sich, wie gut Otuna die Silbermagie beherrschte. Sie hatte mich unter Kontrolle.

Theck und Arson nahmen mir das schwere Holz ab. Um Lomina kümmerte sie sich nicht. Sie waren nur an mir interessiert. Vielleicht dachten sie, die Barbaren würden sie nicht verfolgen, wenn sie ihnen ein Opfer ließen.

Arson löste meine Fußfesseln und zerrte mich hoch. Ich schaute auf Lomina hinunter. Konnte sie auch nicht schreien? Wenn sie dazu in der Lage war, hätte sie es tun sollen. Ich forderte sie mit meinem Blick dazu auf, doch sie schien nicht zu verstehen. Oder wollte sie nicht verstehen? Hatte sie Angst vor den Silberdämonen?

Was hatte sie zu verlieren?

Wenn sie schrie, kam Aufruhr ins Lager der Barbaren. Ronsidors Krieger wären über die Silberdämonen hergefallen, und vielleicht hätte Ronsidor das Trio vernichtet. Otuna und ihre Freunde waren bestimmt nicht so stark wie er.

Der Zwischenfall hätte für uns sehr wertvoll sein können, denn während dieser Galgenfrist wäfen mit Sicherheit meine Freunde eingetroffen.

Aber Lomina blieb stumm. Sie sah mich nur unendlich unglücklich an.

»Ich sehe, du bist überrascht, mich wiederzusehen, Tony Ballard.«

Überrascht ja, aber nicht erfreut, dachte ich.

»Du brauchst dich nicht zu freuen«, sagte das, Silbermädchen. »Das wäre auch reichlich fehl am Platze.« Sie mußte sich in meine Gedanken eingeschaltet haben. Ich kannte das von Mr. Silver.

Jetzt, wo ich wußte, daß sie meine Gedanken las, dachte ich aggressiv: Ich wünsche dich und deine verdammten Freunde zum Teufel, du Miststück!

Einen Augenblick sah es so aus, als würde sie sich auf mich stürzen, aber dann beherrschte sie sich.

Grinsend sagte sie: »Du versuchst mich zu reizen, willst, daß die einfältigen Barbaren auf uns aufmerksam werden, aber den Gefallen tue ich dir nicht.« Sie griff nach meinem Arm und drückte so fest zu, daß es schmerzte. Otuna war unbeschreiblich stark.

Theck mußte nachsehen, ob draußen die Luft rein war.

Dann blaffte das Silbermädchen: »Vorwärts! Wir gehen!«

Warum nehmt ihr Lomina nicht mit? fragte ich im Geist.

»Sie bleibt hier - als Opfer für Ronsidor«, sagte Otuna.

Ihr könntet sie doch auch auf dem Sklavenmarkt von Seysaus verkaufen.

»Du genügst uns.«

Habt ihr Angst vor Ronsidor?

Wieder drückte Otuna fest zu, und dann stieß sie mich aus dem Zelt. Niemandem fiel auf, daß wir uns entfernten. Die Sklavenjäger hatten diesmal vier pferdeähnliche Reittiere - davon eines für mich. Sie zwangen mich, aufzusteigen und mitzukommen.

Wir ritten in die Wüste, weil die Silberdämonen damit rechneten, daß ihnen die Barbaren nicht dorthin folgen würden.

Ich war vom Regen in die Traufe geraten.

***


Roxane, Mr. Silver, Metal und Boram erreichten im Schutz der Dunkelheit die kleine Zeltstadt am Fuß des Vulkans. Sie vernahmen die Arbeitsgeräusche.

»Sie treffen die Vorbereitungen für die Opferzeremonie«, knirschte der Ex-Dämon. »Roxane, Boram - ihr achtet darauf, daß uns niemand in den Rücken fällt. Komm, Metal!«

Die beiden Silbermänner robbten hinter den Zelten vorbei. In welchem sich Lomina befand, wußten sie. Sie nahmen an, daß man dort auch Tony Ballard untergebracht hatte.

In der Nähe des schäbigen Zelts blieben sie kurz liegen. Erst als sie sicher sein konnten, daß niemand sie bemerkt hatte, krochen sie weiter.

Sobald Mr. Silver das Zelt erreicht hatte, stand er auf. Erstaunt stellte er fest, daß die Rückwand aufgeschnitten war. Um so besser. Dann brauchte er das nicht mehr zu tun.

Er schob den Stoff beiseite und verschwand im Zelt. Metal blieb draußen, um den Rückzug zu sichern. Mr. Silver war etwas enttäuscht, als er nur Lomina erblickte. Dann hatten die Barbaren Tony Ballard also in einem anderen Zelt untergebracht. In welchem, das mußte Boram herausfinden.

Der Ex-Dämon bedeutete dem Mädchen, still zu sein. Mit wenigen Handgriffen befreite er sie. Die Tochter des Weisen folgte ihm. Metal streckte den Kopf herein und meldete, daß jemand komme.

»Schnell raus und weg!« flüsterte Mr. Silver.

Metal streckte dem schönen Mädchen die Hand entgegen. Lomina griff danach, er zog sie aus dem Zelt und eilte mit ihr davon, ohne sich um seinen Vater zu kümmern. Das war ganz in Mr. Silvers Sinn. Es war wichtig, Lomina in Sicherheit zu bringen. Mr. Silver konnte schon selbst auf sich aufpassen.

Als der Ex-Dämon das Zelt verließ, sah er einen Barbaren. Der Mann hatte Metal und das Mädchen bemerkt. Zum Glück brüllte er nicht das ganze Lager zusammen, sondern legte blitzschnell einen Pfeil auf die Sehne seines Bogens.

Daß Mr. Silver nur wenige Schritte von ihm entfernt war, wußte er nicht. Er zog den Bogen durch, kan? aber nicht mehr dazu, den Pfeil abzuschießen, denn Mr. Silver hatte bereits Shavenaar aus der Rückenscheide gerissen. Ein Streich mit dem Höllenschwert genügte, und die Gefahr war gebannt.

Metal traf mit dem Mädchen bei Roxane und Boram ein. Er zog Lomina hinter eine Bodenerhebung.

»Wo ist Tony?« fragte die weiße Hexe.

»Er war nicht bei Lomina. Sie müssen ihn in einem anderen Zelt untergebracht haben«, antwortete der junge Silberdämon.

»Ich werde ihn suchen«, sagte Boram sofort.

Lomina eröffnete ihnen, daß das keinen Zweck hatte. Sie berichtete, was mit Tony Ballard geschehen war.

»Er befindet sich zum zweitenmal in den Händen der Sklavenjäger!« knurrte Metal wütend. »Wir müssen ihnen Tony abjagen. Ihr Vorsprung ist noch nicht groß.«

Plötzlich kam Mr. Silver angerannt -und sechs oder sieben Barbaren befanden sich auf seinen Fersen. »Zu den Reitvögeln!« keuchte er.

Sie setzten sich hastig ab. Die Krieger schleuderten Speere hinter ihnen her und schossen mit Pfeilen auf sie. Metal informierte Mr. Silver ganz knapp über Tony Ballards Schicksal. Sie schwangen sich auf die Reitvögel und trieben sie an. Wenig später erreichten sie die Grenze von Thermae.

Doch sie behielten das scharfe Tempo auch noch bei, nachdem sie die Grenze hinter sich und somit Lomina in Sicherheit gebracht hatten. Erst vor dem Palast zügelten sie die Tiere und stiegen ab.

Im Palast wurden sie von Cardia, Sammeh und Cnahl empfangen. Auch die Hellseherin fragte sofort nach Tony. Metal antwortete ihr mit besorgter Miene.

***


Die Arbeiten waren abgeschlossen, Benrii brachte den Opferdolch und ließ ihn für die Opferzeremonie von Ronsidor »segnen«. Der Dolch lag auf Benriis Handflächen, die er Ronsidor entgegenhob. Der Schreckliche öffnete den Mund, und gelber Atem, vermengt mit magischen Worten, wehte heraus. Schwer schwang er durch die Luft, legte sich auf den Dolch und drang in das blinkende Metall ein.

Benrii spürte, wie der Opferdolch eiskalt wurde. Die Waffe war bereit für die Zeremonie. Benrii stieß den Dolch in einen der beiden Pfähle, rief die Namen von zwei Männern und begab sich mit diesen zum Zelt, um die Gefangenen zu holen.

Fassungslos kehrte er wenig später zurück.

Ronsidor starrte ihn mit schmalen Augen an. Er stand auf dem Podium und hatte erwartet, daß Benrii die Opfer an die Pfähle binden würde, aber Benrii kam ohne die Gefangenen.

»Was hat das zu bedeuten?« herrschte ihn Ronsidor an.

Benrii fuhr sich verwirrt durchs Haar.

»Wo sind die Gefangenen?« fragte Ronsidor schneidend.

»Weg, Erhabener. Jemand hat sie befreit«, mußte Benrii antworten. Es fiel ihm schwer, das zu sagen, denn in seiner Wut war Ronsidor fürchterlich.

»Befreit?« brüllte Ronsidor so laut, daß Benrii heftig zusammenzuckte und sich unwillkürlich duckte. Sie standen einander auf dem Plateau gegenüber, und Benrii zitterten die Knie. »Alle beide?«

»Ja, Erhabener«, gestand Benrii zerknirscht.

»Ohne daß du es gemerkt hast?«

»Ich habe den Bau des Podiums beaufsichtigt, Erhabener«, stöhnte Benrii kleinlaut.

»Während man hinter deinem Rücken die Gefangenen stahl!« schrie Ronsidor gereizt. »Du warst für sie verantwortlich!«

»Ich hätte nicht gedacht, daß jemand die Frechheit besitzen würde…«

»Du hättest auch damit rechnen müssen.« Ronsidor hob die Hände und wies zum Himmel. »Es ist die Nacht des Silbermondes, und du hast kein Opfer für mich!«

Benrii wußte, daß er seinen Herrscher und Gott noch nie so sehr enttäuscht hatte.

»Die Nacht ist noch jung, Erhabener. Ich werde versuchen, Ersatz zu finden«, versprach er.

»Vollwertigen Ersatz für Tony Ballard und Lomina? Den wirst du nicht finden. Du bist nicht länger würdig, an meiner Seite zu stehen!«

Benrii sank auf die Knie. »Erhabener, bestrafe mich nicht so hart. Schick mich nicht fort, verjage mich nicht. Ich war dir immer treu ergeben.«

»Das zählt nicht mehr. Du hast mich schwer enttäuscht.«

»Laß mich meinen Fehler wiedergutmachen.«

»Du willst sühnen?«

»Ja, Erhabener, das will ich. Laß mir diese Gnade zuteilwerden!« flehte Benrii.

Der Schreckliche hob den Kopf. »Nun gut, ich werde dich nicht verjagen; du darfst sühnen.«

»Hab Dank, Erhabener«, krächzte Benrii und küßte die Füße seines Gottes.

Ronsidor trat zurück. Er verließ das Podium, das umsonst gebaut worden war. »Sühne!« befahl er dem Mann, der immer noch auf den Knien lag. »Stürz dich in die Grube!«

Benrii richtete sich entsetzt auf. »Aber Herr… Wie kann ich dann meinen Fehler korrigieren? Ich dachte, du würdest mir mein Leben lassen…«

»Das war ein Irrtum. Ich will dich nicht mehr sehen. Du hast mich gebeten, dich nicht zu verjagen, und ich habe deiner Bitte stattgegeben. Da ich dich nicht mehr bei meiner Horde haben will, mußt du sterben.«

»Dann… dann verjage mich lieber.«

»Du weißt nicht, was du willst, Benrii«, sagte Ronsidor rauh. »Ich habe mich entschieden. Zeig, daß du Mut hast. Sollen die Krieger erfahren, daß der Mann, der sie befehligte, nicht nur ein Versager, sondern auch ein Feigling ist?«

Benrii hob beschwörend die Hände. »Gnade, Erhabener. Nur dieses eine Mal. Ich werde dich nie wieder enttäuschen.«

Ronsidor wandte sich an die Umstehenden. »Hörst ihr ihn flennen? Er benimmt sich wie ein Weib, wie eine feige Memme.«

Benrii war es egal, was die Männer über ihn dachten, Hauptsache, er verlor sein Leben nicht. Er heulte und winselte, versprach die verrücktesten Dinge. Alles hätte er ertragen - selbst die größte Schmach hätte ihm nichts ausgemacht -, wenn er am Leben hätte bleiben dürfen.

Doch je mehr er bettelte, desto unerbittlicher wurde Ronsidor der Schreckliche. »Ich werde bald die Herrschaft über die Silberwelt antreten und mich gegen Asmodis stellen!« tönte der Barbarengott. »Da kann ich einen Schwächling wie dich in meinen Reihen nicht gebrauchen. Du würdest mir in den Rücken fallen, wenn Asmodis es von dir verlangt!«

»Niemals!« beteuerte Benrii. »Für dich würde ich jederzeit mein Leben geben.«

»Du hast jetzt die Gelegenheit dazu«, sagte Ronsidor grinsend.

»Im Kampf. Nicht auf diese entwürdigende Weise.«

Die Krokodile schnellten hoch und schnappten in die Luft. Hart klappten ihre Kiefer aufeinander.

»Meine silbernen Lieblinge werden allmählich ungeduldig«, sagte Ronsidor. »Wie lange willst du sie noch warten lassen? Sie haben Hunger.«

Benrii sprang auf und wollte vom Podium stürzen, doch das ließ Ronsidor nicht zu. Ein einziges Zauberwort, unterstützt von einer raschen kreisenden Handbewegung, genügte, um Benrii zu bannen.

Um Benrii herum war ein glühender Ring entstanden, den er nicht verlassen konnte. Die magische Glut fraß sich in das Holz hinein. Bald würde sie sich durchgebrannt haben, und Benrii würde in die Grube fallen.

Jetzt flehte er nicht mehr um sein Leben, weil er eingesehen hatte, daß es sinnlos war. Er brüllte seinen Haß heraus, schrie, daß er Ronsidor verachte, daß er in ihm niemals seinen Gott gesehen hätte.

Er wies auf die Kuppel, die sich über Thermae wölbte. »Mögest du niemals Sabras Kraft bekommen. Möge keiner deiner Wünsche in Erfüllung gehen. Die Silberwelt willst du beherrschen? Ich sage dir, du bist verrückt! Du würdest dich nicht lange an der Spitze halten. Es würde sehr bald einer kommen, der dich entmachtet und dich deinen eigenen Krokodilen zum Fraß vorwirft!«

Mit allem, was Benrii schrie, zielte er darauf ab, daß ihn Ronsidor auf der Stelle tötete und ihm den Sturz in die Krokodilgrube ersparte, doch diesen Gefallen tat ihm Ronsidor nicht.

Der Schreckliche verstärkte lediglich die Glut, damit sie sich rascher durch das Holz fraß. Als es soweit war, fiel Benrii mit einem langgezogenen Angstschrei in die Grube. Fast augenblicklich deckten ihn die silbernen Krokodilleiber zu, und sein Schrei verstummte.

***


Glitzernde Tränen rannen über Lominas Wangen, als sie ihren alten Vater wiedersah. Still und kraftlos saß er in seinem fensterlosen Gemach und nahm niemanden wahr.

Roxane war bei Lomina. Sie trat an den Weisen und legte ihm sanft die Hand auf die knöcherne Schulter. Vorsichtig ließ sie Hexenkraft fließen, um den Greis zu wecken, und er reagierte tatsächlich darauf. Müde hob er sein blasses Gesicht. Sein langer weißer Bart zitterte, sein Blick schien von weither zurückzukommen, und das erste, was er wahrnahm, war… Lomina, seine geliebte Tochter.

Die tiefen Falten in seinem gramgefurchten Gesicht verschwanden zwar nicht, aber die grauen Schatten unendlicher Traurigkeit lösten sich auf.

Nach langer Zeit kam wieder Leben in Shroggs Augen. »Kind«, flüsterte er überwältigt.

»Vater«, preßte Lomina heiser hervor. Ihre Kehle war vom Glück zugeschnürt.

Beide hatten nicht damit gerechnet, daß sie sich noch einmal in diesem Leben sehen würden. Sie konnten es kaum fassen, daß sie einander in diesem Augenblick so nahe waren. Schluchzend umarmte Lomina ihren Vater.

»Wie dünn du geworden bist!« sagte sie ergriffen.

»Als ich hörte, daß du Ronsidor geopfert werden solltest, konnte ich nichts mehr essen«, sagte Shrogg schwach.

»Du wärst zugrunde gegangen.«

»Es hätte mir nichts ausgemacht. Du weißt, daß du mein ein und alles bist, Lomina.«

»Aber dein Tod hätte mir nicht geholfen.«

»Er hätte sich nicht vermeiden lassen. Ich wollte ohne dich nicht leben.«

Lomina strich liebevoll über den kahlen Kopf des alten Mannes. Ihre Hand zitterte. »Ich liebe dich, Vater«, flüsterte sie. »Nichts und niemand darf uns jemals wieder trennen.«

Roxane verließ die beiden. Sie stieg die Stufen hinauf und kehrte zu ihren Freunden zurück. Hier gab es im Moment nur ein Thema: Tony Ballard.

»Was können wir für Tony tun?« fragte Cardia, die Hellseherin.

»Sie werden - wie sie es schon einmal vorhatten - Tony nach Seysaus bringen«, sagte Mr. Silver. »Wir kennen also ihr Ziel und brauchen nicht ihrer Spur zu folgen. Wir können schnurstracks nach Seysaus reiten, während sie höchstwahrscheinlich einen Umweg durch die Wüste machen, damit ihnen Ronsidors Krieger nicht folgen. Das ist vermutlich auch der Grund, weshalb sie Lomina zurückgelassen haben: damit Ronsidor wenigstens ein Opfer hat und sich damit zufriedengibt.«

»Wir kommen mit euch nach Seysaus«, sagte Cardia. »Tony Ballard ist auch unser Freund.«

»Ihr bleibt besser hier«, erwiderte Mr. Silver. »Es ist nicht nötig, daß wir alle nach Seysaus reiten. Während wir weg sind, kümmert ihr euch um Shrogg. Hütet ihn wie euren Augapfel, denn ich brauche ihn sehr dringend, wie ihr wißt. Metal wird auf euch aufpassen.«

Metal war zwar sehr gern in Cardias Nähe, aber er sagte dennoch: »Wäre es nicht vernünftiger, wenn ich dich begleiten würde?«

»Wir wissen nicht, wie es hier weitergeht«, sagte Mr. Silver ernst. »Hast du das heilige Feuer gesehen? Es brennt nur noch halb so hoch. Sabra hat anscheinend Schwierigkeiten, es am Leben zu erhalten. Wenn es ihr nicht gelingt, die saugende Glocke zu zerstören, kommt Ronsidor demnächst wieder. Dann muß jemand da sein, der sich schützend vor Sabra, Shrogg und Lomina stellt. Jemand wie du. Roxane und Boram werden mich nach Seysaus begleiten, das genügt.«

Lomina erschien, strahlend vor Glück und Dankbarkeit.

»Wie werden mein Vater und ich euch jemals für das danken können, was ihr für uns getan habt«, sagte sie bewegt.

»Du weißt, weshalb wir auf die Silberwelt gekommen sind«, sagte Mr. Silver.

Lomina nickte. »Ich habe mit meinem Vater darüber gesprochen. Er ist sicher, dir helfen zu können, aber er braucht etwas Zeit, sich zu erholen.«

»Das ist klar.«

»Er wird essen und wieder zu Kräften kommen«, sagte Lomina. »Er kennt einen uralten Zauber, dies zu beschleunigen.«

»Die Sklavenjäger bringen Tony Ballard nach Seysaus«, sagte Mr. Silver. »Wir müssen hinterher.«

Lomina nickte wieder. »Das verstehe ich. Ich wünsche euch viel Glück. Möget ihr euren Freund wohlbehalten zurückbekommen. Wenn ihr wiederkommt, wird mein Vater dir helfen, Mr. Silver. Kennst du den Tempel des Lebens?«

»Ja«, antwortete der Ex-Dämon.

»Dort wird Shrogg auf dich warten.«

Es funkelte in Mr. Silvers Augen. »Ich wußte, daß sich der beschwerliche Weg letzten Endes lohnen würde.«

***


Professor Mortimer Kull beschäftigte sich mit seinen Plänen, während Corona, die Rebellin, vor ihm durch den Wald ging. Ursprünglich hatte er die Absicht gehabt, ein Bündnis mit Loxagon, dem Teufelssohn, anzustrebetf doch das war nun wahrscheinlich nicht mehr nötig.

Loxagon war sowieso zu gefährlich. Mit ihm eine Verbindung einzugehen, stellte ein nicht zu unterschätzendes Risiko dar, das man nach Möglichkeit vermeiden sollte.

Die Alternative war Gupp, der rote Rebellenteufel. Der war bestimmt weit weniger gefährlich, sonst hätte Kull von ihm schon mal gehört. Sich mit ihm zu verbünden, konnte nicht zum Bumerang werden. Mit Gupp hoffte der Professor leichtes Spiel zu haben. Er rechnete damit, daß der rote Teufel schon sehr bald tun würde, was er wollte. Wenn er es geschickt anstellte, würde das Gupp nicht einmal auffallen.

Corona blieb so unvermittelt stehen, daß Mortimer Kull beinahe gegen sie gelaufen wäre.

Vor der Rebellin öffnete sich eine kleine Lichtung. »Wir sind am Ziel«, behauptete sie.

Kull blickte ungläubig an ihr vorbei. »Ich sehe niemanden. Du hast mir erzählt, Gupp wäre im Begriff, eine Armee auf die Beine zu stellen. Wo sind sie alle?«

»Du kannst sicher sein, daß sie uns beobachten. Sie befinden sich auf den Bäumen.«

»Wie Affen«, sagte Mortimer Kull geringschätzig.

»Laß solche Bemerkungen Gupp nicht hören. Er ist von sich sehr eingenommen. Wenn du ihn beleidigst, wird nichts aus dem Bündnis.«

Hinter Mortimer Kull sprang ein häßliches Monster vom Baum. Es hatte vier lange Arme und einen glasigen Schädel mit Beulen.

Wie reife Früchte fielen sie auf einmal von den Bäumen - grauenerregende Gestalten beiderlei Geschlechts. Alles, was die Hölle nicht haben wollte und ausgespien hatte, war hier versammelt. Kriechende, schleichende Kreaturen, aufgeblähte Dämonen, tückische Teufel.

»Wer von denen ist Gupp?« fragte Mortimer Kull, dem diese Bande von Strauchdieben nicht gefiel.

»Gupp ist nicht dabei«, antwortete Corona.

»Die sind das Letzte«, sagte Kull verächtlich. »Das ist keine Armee, sondern ein Jammerhaufen. Mit denen will Gupp in die Hölle gehen? Asmodis lacht sich tot, wenn er diese Witzfiguren sieht. Gupp muß verrückt sein.«

»Hüte deine Zunge«, raunte Corona. »Ich dachte, Gupp hätte ernstzunehmende Krieger um sich geschart«, sagte Mortimer Kull enttäuscht. »Wenn ich geahnt hätte, auf wessen Hilfe er vertraut, wäre ich bei Yora geblieben.«

»Es sind Ausgestoßene«, erwiderte Corona. »Das habe ich dir gesagt.«

»Du hättest dich präziser ausdrücken sollen. Das ist Höllenabschaum. Damit kann man doch keinen Kampf gegen Asmodis führen. Wenn Gupp das denkt, ist er ein Dummkopf.«

Corona ging weiter. Die Horrorgestalten wichen zur Seite. Mortimer Kull folgte dem Mädchen. Er bemühte sich nicht, seine Enttäuschung zu verbergen. Armee! Was für eine hochtrabende Bezeichnung für diesen lächerlichen Haufen. Diese Figuren waren wertlos.

Drüben traten große, kräftige Männer aus dem Wald, schwer bewaffnet, muskulös, jeder ein Herkules - sieben Mann. Dabei mußte es sich um Gupps Elite handeln. Wenn alle so ausgesehen hätten, wäre das schon erfreulicher gewesen.

Einer der sieben hieß Inobreth. Er war Gupps Stellvertreter. Corona sprach mit ihm und sagte, wen sie mitgebracht hatte. Inobreth musterte Mortimer Kull kurz. Er schien von ihm schon gehört zu haben.

Kull versuchte Gupp zu entdecken. Warum versteckt er sich? dachte der Professor. Gupp, der große Rebell, hat die Hosen voll!

»Sei uns herzlich willkommen, Mortimer Kull«, sagte Inobreth.

»Wo ist Gupp?«

Inobreth zog unwillig die Augenbrauen zusammen. Kull hatte ihm zu verstehen gegeben, daß er nicht gewillt war, sich mit einem Unterhändler abzugeben.

»Ich bringe dich zu ihm«, sagte der kraftstrotzende Mann und forderte Kull mit einer einladenden Handbewegung auf, ihm zu folgen.

Der Professor ging mit ihm. Corona blieb neben Kull. Inobreth führte sie an mehreren Bäumen mit wachsglatten Stämmen vorbei. Vor einem Baum blieb er stehen und wies nach oben.

Mortimer Kull sah ihn entrüstet an. »Du denkst doch nicht im Ernst, ich klettere da hinauf. Warum versteckt ihr euch auf den Bäumen?«

»Der Wald ist voller Gefahren. Dort oben sind wir sicher«, antwortete Inobreth.

»Ich bin kein Schimpanse«, sagte Mortimer Kull verdrossen. »Sag Gupp, er soll herunterkommen.«

Es war nicht nötig, daß Inobreth auf den Baum kletterte. Gupp rutschte am glatten Stamm herunter. Als er dann vor Mortimer Kull stand, hätte dieser beinahe laut gelacht.

***


Seysaus war der mieseste Ort, den ich je gesehen hatte - bevölkert von widerlichem Gelichter, das in halb verfallenen Häusern wohnte. Ich sah abgezehrte, ausgemergelte Reittiere im Schatten dieser Häuser liegen. Sie schienen nicht mehr die Kraft zu haben, sich zu erheben, geschweige denn eine Last zu tragen.

Wir waren lange unterwegs gewesen. Die Nacht des Silbermondes war zu Ende, und ich dachte deprimiert an Lomina. War sie Ronsidor geopfert worden? Oder war es meinen Freunden gelungen, sie zu befreien und zu ihrem greisen Vater zurückzubringen? Wenn letzteres der Fall war, wußten Mr. Silver und die anderen, in wessen Gewalt ich mich zum zweitenmal befand. Dann mußte ihnen auch bekannt sein, daß mich die Sklavenjäger nach Seysaus bringen würden.

Aber hatte es einen Sinn zu hoffen, daß meine Freunde auf dem Sklavenmarkt erscheinen würden?

Ich konnte wieder sprechen, und ich hatte zwei Fluchtversuche unternommen, aber das war mir schlecht bekommen, denn Theck und Arson hatte es großen Spaß gemacht, mich dafür brutal zu züchtigen.

Von überallher kamen die Sklavenjäger mit ihrer Beute, um sie in Seysaus anzubieten. Ich stand mit einem Dutzend Männer und Frauen auf einem steinernen Podest. Unten drängten sich die Interessenten, Ein Sklave nach dem anderen wurde vorgeführt und an den Meistbietenden verkauft.

Als Otuna mich - in Ketten - vorführte, ging ein Raunen durch die Menge. Alle wußten, daß diese Ware nicht billig sein würde. Nur ein reicher Käufer kam in Frage. Die Gebote erreichten eine astronomische Höhe, in einer Währung, die ich nicht kannte.

Allen war anzusehen, daß auf diesem Marktplatz für einen Sklaven noch nie soviel verlangt und geboten worden war. Eine Handvoll Interessenten wollte mich, das Wesen von einer anderen Welt, unbedingt haben.

Das Rennen machte schließlich ein feister Silberdämon namens Kettwen. Er war so dick, daß ich hinter ihm hätte Purzelbäume schlagen können, ohne daß es jemand gesehen hätte.

Otuna und ihre Freunde waren mit dem erzielten Gewinn höchst zufrieden. Anscheinend hatten sie mehr eingenommen als erwartet. Man hatte mich zu einem Ding, zu einer Handelsware gemacht, die in den Besitz eines Silberdämons übergegangen war.

Ich gehörte nicht mehr mir selbst, sondern war Eigentum von Kettwen!

Das war nicht leicht zu verkraften.

***


Gupp war schmalbrüstig und zwei Köpfe kleiner als Mortimer Kull. Wie sollte der Professor ihn ernst nehmen? Knallrot war Gupps Haut. Mortimer Kull dachte bei seinem Anblick unwillkürlich an einen gekochten Krebs.

Der Rebellenteufel hatte schwarze, nach unten gebogene Hörner. Sein Gesicht ähnelte dem von Asmodis, war dreieckig, und sein Kinn bedeckte ein schwarzer Bart. Das also war Gupp, auf den Mortimer Kull so sehr gesetzt hatte.

Corona hätte ihn ausführlicher unterrichten sollen, dann hätte er sich den Weg hierher erspart.

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738926637
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v460945
Schlagworte
tochter magiers tony ballard

Autor

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Titel: ​Die Tochter des Magiers Tony Ballard Nr. 152