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​Der Barbarenfürst Tony Ballard Nr. 151

2019 120 Seiten

Leseprobe

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /COVER MICHAEL SAGENHORN


© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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postmaster@alfredbekker.de

​Der Barbarenfürst Tony Ballard Nr. 151 Teil 2/3

von A.F.Morland







Die Silberwelt…

Eigentlich gab es sie nicht mehr, denn Asmodis, der Höllenfürst, hatte sie in seiner Wut vernichtet. Aber in der Vergangenheit existierte sie noch, und wir befanden uns dort, um Shrogg, den Weisen, zu suchen. Er allein konnte dem Ex-Dämon Mr. Silver zu neuen Kräften verhelfen.

Doch die Sache war von Anfang an nicht so verlaufen, wie wir uns das vorgestellt hatten. Das Zeittor, durch das wir gehen mußten, hatte uns getrennt. Unsere kleine Gruppe war aufgesplittert worden.

Die unterschiedlichsten Gefahren drohten uns.

Gefahren, denen wir gemeinsam unter Umständen gewachsen gewesen wären, aber jeder für sich allein hatte es schwer. Auch Mr. Silver…

Der Ex-Dämon hatte sich für irgendeine Richtung entschieden und war losmarschiert, hoffend, irgendwann auf seine Freunde zu stoßen.

Er war ihnen gegenüber hier ganz leicht im Vorteil, denn die Silberwelt war einst seine Heimat gewesen. Er war hier geboren und aufgewachsen.

Er kannte zahlreiche Gefahren und wußte, auf welche Gebiete sie sich in besonderem Maß konzentrierten. Es gab aber auch Gegenden, an die er sich nicht mehr erinnerte, die ihm fremd vorkamen.

Der dunkelgraue, grobkörnige Sand gab bei jedem Schritt nach.

Es war beschwerlich und ermüdend, dieses Wüstengebiet zu durchwandern.

Mr. Silver hatte gehofft, einen Gedankenimpuls seines Sohnes Metal zu empfangen, doch zur Zeit war seine »Antenne« dafür verkümmert. Seine magischen Fähigkeiten waren nicht mehr vorhanden. Er war nur noch so stark wie ein Mensch, und das hatte ihn zur Zielscheibe der schwarzen Macht werden lassen.

Die Hölle hatte sich regelrecht auf ihn eingeschossen. Es hatte so ausgesehen, als wäre ihr nichts wichtiger, als ihn ein für allemal zu vernichten.

Einige Male hatte der Hüne mit den Silberhaaren großes Glück gehabt, und ohne die Hilfe seiner Freunde wäre er nicht über die Runden gekommen.

Loxagon, der Teufelssohn, hatte ihm sogar mit Phorkys’ Hilfe ein böses Ich eingepflanzt, [1] das er glücklicherweise bald wieder losgeworden war; aber eine Zeitlang hatte es sich in ihm befunden, wodurch er für seine Freunde zu einer ernstzunehmenden Bedrohung geworden war.

Ohne Shavenaar, das lebende Höllenschwert, hätte sich Mr. Silver auf diesem Silberwelt-Trip nicht wohl gefühlt. Die starke Waffe gab ihm Mut und Selbstvertrauen.

Mit Shavenaar in der Hand hatte er bisher schon zahlreiche Hürden genommen, die unüberwindlich ausgesehen hatten, und das Höllenschwert – einst für Loxagon geschmiedet – würde ihm auch weiterhin wertvolle Dienste leisten; allerdings nicht mehr so gern wie früher, denn Shavenaar verabscheute Schwäche in jeder Form, und Mr. Silver war nicht mehr so stark wie früher.

Das Höllenschwert hätte sich mit Sicherheit gegen ihn gewandt und ihn getötet, wenn er seinen Namen nicht gekannt hätte. Das Wissen um Shavenaars Namen war Mr. Silvers Lebensversicherung.

Er trug die lebende Waffe auf dem Rücken in einer Lederscheide.

Ihr Griff ragte über seine linke Schulter, so daß er sie jederzeit blitzschnell mit der rechten Hand packen konnte.

Obwohl Shavenaar dem Ex-Dämon schon mehrmals das Leben gerettet hatte, barg der Besitz der Waffe doch ein gewisses Risiko, denn das Höllenschwert hatte in erster Linie Freude am Kampf, wobei es ihm egal war, auf welcher Seite es eingesetzt wurde.

Es kämpfte für das Gute mit derselben Energie wie für das Böse.

Mr. Silver hätte das gern geändert, aber er wußte nicht, wie sich das bewerkstelligen ließ.

Sein Traum war, aus Shavenaar eine rein weiße Waffe zu machen, damit sie für die schwarze Seite unbrauchbar war. Er war davon überzeugt, daß es so eine Möglichkeit gab, und er war entschlossen, nicht aufzuhören, nach ihr zu suchen.

Allmählich wurde der Boden unter Mr. Silvers Füßen hart. Er blickte sich um. Der graue Sandstreifen lag hinter ihm. Vor ihm ragte ein schwarzes Hindernis aus Stein auf, ein gewaltiger Felsenbuckel, kilometerlang, von tiefen Rissen zerfurcht.

Einige davon führten vermutlich quer durch, andere würden sich als »Sackgassen« entpuppen. Der Hüne traf seine Wahl, und bald fiel der düstere Schatten der hochaufragenden Felswände auf ihn.

Er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, schon einmal hier gewesen zu sein – vor langer Zeit. Vielleicht irrte er sich auch, und dieses Gebiet ähnelte bloß einem andern, doch mit jedem Schritt, den er weiterging, wuchs seine Überzeugung, daß er hier nicht zum erstenmal war, und er glaubte zu wissen, daß hier eine nicht zu unterschätzende Gefahr wohnte.

Mißtrauisch blickte er sich immer wieder um. Sein Blick wanderte über die eng beisammenstehenden Felswände, die nicht so glatt waren, daß man daran nicht hochklettern konnte.

Die Felsgrate hatten silbern schimmernde Kämme, wenn das Licht im richtigen Winkel auf sie fiel. Innerlich angespannt und bereit, zu kämpfen und seine Haut so teuer wie möglich zu verkaufen, setzte der Ex-Dämon seinen Weg fort. Er hoffte, nicht umkehren zu müssen.

Der Einschnitt weitete sich und mündete in einen großen runden Felsenkessel. Trostlos leer war diese Pfanne der Natur. Der Ex-Dämon blieb in ihrer Mitte stehen und schaute sich suchend um.

Wo konnte er den Kessel wieder verlassen? Vielleicht gab es irgendwo einen verborgenen Ausgang. Nach diesem hielt er Ausschau – und plötzlich war er ganz sicher, schon einmal hier gewesen zu sein.

Er erinnerte sich sehr deutlich an ein gefahrvolles Erlebnis, das ihm hier beinahe zum Verhängnis geworden wäre. Damals war dieser Kessel ein Drachenfriedhof gewesen!

Alte Drachen, die gespürt hatten, daß das Ende nahe war, hatten sich hierher geschleppt, um an diesem einsamen Ort zu verenden.

Verfaultes Fleisch und bleiche Knochen hatten hier herumgelegen.

Die Knochen schienen inzwischen zu Staub zerfallen zu sein, und weitere Drachen schienen sich nicht mehr die Mühe gemacht zu haben, diesen letzten beschwerlichen Weg anzutreten.

Vielleicht wurde es in Drachenkreisen unmodern, hier zu sterben, dachte der Ex-Dämon.

Damals hatte sein Leben an einem sehr dünnen Faden gehangen, denn kaum war er im Kessel gewesen, war ein sterbender Drache aufgetaucht – und Mr. Silver hatte dessen schrecklichen Zorn zu spüren bekommen.

Obwohl das Ende des Ungeheuers nahe gewesen war, hatte es über Kräfte verfügt, denen der Ex-Dämon beinahe nicht gewachsen gewesen wäre.

Schwer gezeichnet war Mr. Silver damals gewesen, nachdem ihm die Flucht aus dem Kessel geglückt war. Er blickte dorthin, wo er die Steinwand hochgeklettert war.

Immer wieder hatte das Scheusal versucht, ihn mit kraftvollen Schwanzschlägen herunterzuholen. Oben angekommen, hatte er zurückgeschaut und erlebt, wie der Drache erschöpft zusammenbrach und sein Leben mit einem letzten Feuerstoß aushauchte.

Nie wieder möchte ich so etwas erleben, dachte der Hüne in diesem Moment.

Aber was damals geschehen war, sollte sich in ähnlicher Form wiederholen.

Der Boden unter Mr. Silvers Füßen wurde mit einemmal »unruhig«, er zitterte und bebte. Der Ex-Dämon drehte sich um die eigene Achse, seine Silberbrauen zogen sich argwöhnisch zusammen.

Was war das? Ein Erdbeben? Das war auf der Silberwelt keine Seltenheit. Wenn unterirdische magische Kraftfelder sich verschoben oder aneinander rieben, kam es häufig zu solchen Beben, doch diesmal war der Grund hierfür ein anderer.

Der Drachenfriedhof reagierte auf Mr. Silvers Anwesenheit!

Er war im Begriff, etwas gegen den Störenfried zu unternehmen.

Im Boden bildeten sich Sprünge und Risse. Die meisten der hier verendeten Drachen waren zu Staub zerfallen, doch jene, deren Tod noch nicht so lange zurücklag, erhoben sich.

Der Boden mußte irgendwann ihre Gebeine aufgenommen haben. Jetzt drückte er sie wieder empor, und er versah sie mit einer Kraft, die sie belebte.

Es waren Höllenkräfte am Werk.

Überall auf der Silberwelt gab es solche Kraftkonzentrationen.

Die Hölle beeinflußte das Geschehen hier. Ihr Einfluß war jedoch nicht überall gleich stark.

Es gab gewissermaßen weiße und schwarze Gebiete.

Dies hier war eindeutig ein schwarzes, deshalb stellte es für die unsichtbare Kraft keine Schwierigkeit dar, die bleichen Knochen hochzustemmen und zusammenzufügen.

Aus dem Boden wuchsen die Skelette von zwei riesigen Drachen!

Mr. Silver griff augenblicklich zum Höllenschwert…

***


Ich war von den Socken, wie man so schön sagt. Was mir der Nessel-Vampir Boram eröffnet hatte, konnte ich fast nicht glauben, doch es stimmte mit Sicherheit: Ich war hinterhältigen Sklavenjägern in die Hände gefallen, ohne es zu merken.

Ich fühlte mich nicht als Gefangener. Im Gegenteil, ich war so dumm gewesen, ihnen zu vertrauen und mich ihnen anzuschließen – ja, ich hatte dem Silbermädchen Otuna sogar das Leben gerettet!

Man stelle sich das vor!

Es war ihnen nicht schwergefallen, mich zu überlisten. Als ich ihnen eröffnete, daß ich zu Shrogg, dem Weisen, wollte, sagten sie, sie würden mich zu ihm bringen.

In Wirklichkeit aber hatten sie niemals diese Absicht gehabt, wie Boram erfuhr, als er sie – unsichtbar – belauschte. In mir brodelte Wut.

Wie hatte ich nur so vertrauensselig sein können?

Wenn Boram nicht gewesen wäre, wäre ich blind ins Verderben gelaufen. Wer weiß, bei wem ich als Sklave gelandet wäre.

Im Moment war ich mit meinem Freund, dem Nessel-Vampir, allein in der Höhle, in die mich Otuna gebracht hatte. Die falsche Schlange hatte Gefallen an mir gefunden und wollte, daß ich das Lager mit ihr teilte.

Ich hatte sie um etwas Geduld gebeten, damit ich Ordnung in das Durcheinander bringen konnte, das zur Zeit in mir herrschte. Wir befanden uns in der Schlucht der tausend Höhlen, mußten hier Zuflucht suchen, als tödlicher Silberhagel vom Himmel fiel. Die großen schweren Körner hätten mich beinahe erschlagen.

Shrogg wohnte angeblich in dieser Schlucht. Das hatten die Silberdämonen behauptet, dieses verfluchte Lumpenpack. Es entsprach nicht der Wahrheit.

Vielleicht wußte das gefährliche Trio nicht einmal, wo Shrogg zu Hause war. Otuna und ihre Freunde Theck und Arson hatten mich von Anfang an bewußt belogen, und es ärgerte mich maßlos, daß es mir nicht aufgefallen war.

Otuna hatte es sich in den Kopf gesetzt, mit mir zu schlafen.

Wenn ich nicht wollte, würde sie mich hypnotisieren. Mein Widerstand würde sich in nichts auflösen.

Theck und Arson hatten unsere Höhle erst später erreicht. Otuna hatte mich verlassen, um ihren Begleitern nahezulegen, sich in eine der anderen Höhlen zu begeben. Es standen ja genug zur Auswahl.

Das Silbermädchen wollte mit mir ungestört sein.

Ich war Boram unendlich dankbar, daß er mir die Augen geöffnet und mich gewarnt hatte. Nun wußte ich Bescheid, und mir war klar, daß ich die Gelegenheit nicht ungenützt lassen durfte. Ich mußte mich unbemerkt aus dem Staub machen, während sich Otuna bei ihren Freunden befand.

Ihr Reittier stand am Höhleneingang – eine gehörnte, pferdeähnliche Kreatur. Wenn ich erst mal auf ihrem Rücken saß, konnte ich meine Flucht bereits als zur Hälfte gelungen betrachten.

»Du hast mir sehr geholfen, Boram«, sagte ich dankbar.

»Ich bin dein Diener, Herr«, sagte der Nessel-Vampir hohl und rasselnd wie immer.

»Wann wirst du mir endlich die Freude machen und mich Tony nennen?« fragte ich seufzend, aber dann winkte ich resigniert ab.

»Sieh nach, ob die Luft rein ist. Schaffst du es, die Sklavenjäger abzulenken?«

»Ich werde es versuchen, Herr.«

»Dann mal los.«

Der Nessel-Vampir entfernte sich. Seine graue Dampfgestalt dehnte sich aus, er wurde durchsichtig und war wenig später unsichtbar. Was er anstellte, um die Aufmerksamkeit der Silberdämonen auf sich zu lenken, war seine Sache.

Mit ihrer Magie konnten sie ihm nicht gefährlich werden. Trotzdem hoffte ich, daß er nicht zu viel riskierte, denn sie verfügten über eine Waffe, die er fürchten mußte: Wenn ihr Feuerblick ihn traf, war er erledigt, denn Hitze brachte ihn zum Verdampfen.

Selbst ein ganz gewöhnliches Feuer hätte Boram vernichtet.

Ich wartete ungeduldig. Wieviel Zeit sollte ich verstreichen lassen? Allzuviel bestimmt nicht, denn sonst kam Otuna zurück. Bis dahin mußte ich ausgerückt sein.

Ich hoffte, daß mir ihr Reittier gehorchen würde. Wenn nicht, mußte ich zu Fuß das Weite suchen. In diesem Fall war aber zu befürchten, daß mich die Silberdämonen bald wieder eingefangen hätten.

Otuna hatte mir von Ronsidor dem Schrecklichen erzählt, einem blutrünstigen Barbaren, der die Silberwelt beherrschen wollte.

Ebensolche Machtgelüste hatte ein Erzfeind von mir: Professor Mortimer Kull, den Asmodis kürzlich zum Dämon geweiht hatte.

Ronsidor wollte die ganze Macht auf der Silberwelt haben.

Auch die Macht von Sabra, die ihre Zauberkünste für das Gute einsetzte, was Ronsidor selbstverständlich ein Dorn im Auge war.

Das Gebiet, in dem sie lebte und herrschte, nannte sich Thermac.

Sie überschritt die Grenzen so gut wie nie.

Für Ronsidor jedoch waren Grenzen eine Herausforderung, der er sich stets stellte. Er wollte seit langem Sabras Macht. Sollte er sie bekommen, würde er der Hölle den Krieg erklären. Er wollte die schwarze Macht von seiner Silberwelt verjagen und so herrschen, wie es ihm gefiel, ohne Asmodis gegenüber verantwortlich zu sein.

Ich hoffte, nicht zwischen die Fronten zu geraten. Wir hatten uns hierher begeben, weil Mr. Silver dringend Hilfe von Shrogg brauchte.

Sobald er die bekommen hatte und wiedererstarkt war, wollten wir dorthin zurückkehren, wohin wir gehörten – ich jedenfalls.

Es ist Zeit! sagte ich mir und schlich durch die Höhle, deren Boden mit weichem, warmem Sand bedeckt war.

Von den Sklavenjägern war nichts zu sehen und nichts zu hören.

Otuna mußte sich mit ihren Freunden in eine andere Höhle begeben haben.

Nun teilte sie Arson und Theck wahrscheinlich mit, was sie vorhatte. Ich sah die beiden vor meinem geistigen Auge dreckig grinsen.

Aber noch hatte ich die Gelegenheit, Otuna einen Strich durch die Rechnung zu machen, und das wollte ich tun, mit dem größten Vergnügen sogar.

Ich näherte mich dem Reittier des Silbermädchens. Otuna hatte es nicht festgebunden.

Es drehte den gehörnten Schädel in meine Richtung und schaute mich mit großen, schwarzen, feindseligen Augen an. Würde es mich aufsteigen lassen?

Draußen hätte der Boden eigentlich mit silbernem Hagel bedeckt sein müssen, doch das war nicht der Fall. Diese lebensgefährlichen Geschosse, mit denen uns der Himmel bombardiert hatte, hatten sich – wie gewöhnliche Hagelkörner – in Wasser aufgelöst.

Vieles war hier anders als auf der Erde, damit mußte ich mich abfinden. Ich streckte ganz vorsichtig die Hand nach den Zügeln aus, die lose herabhingen.

»Ruhig«, sagte ich leise. Das Tier spitzte die Ohren. »Ganz ruhig. Ich tu’ dir nichts, bin dein Freund. Du hast mich schon einmal auf dir reiten lassen. Erinnerst du dich? Du bist ein schönes, starkes Tier, gerade richtig für mich.«

Meine Worte schienen das Reittier zu beruhigen. Die Laute, die es von sich geben konnte, lagen zwischen Wiehern und Knurren.

Ich hoffte, daß es Otuna damit nicht herbeirief.

Meine Finger berührten die Zügel. Als ich die Hand schloß, hob das Tier den Kopf und riß damit die Zügel hoch.

»Hab keine Angst«, sagte ich besänftigend. »Es geschieht dir nichts. Du bringst mich von hier fort, und ich schenke dir die Freiheit. Dann kannst du laufen, wohin du willst. Gefällt dir das nicht? Möchtest du nicht frei sein?«

Das Tier stampfte nervös und wich zurück. Ich folgte ihm nicht sofort, weil ich befürchtete, daß es dann die Höhle verlassen würde.

Wieder versuchte ich mit sanften Worten sein Vertrauen zu gewinnen. Aber viel Zeit hatte ich nicht, denn lange würde Otuna nicht mehr fortbleiben.

Ich bewegte mich wie in Zeitlupe, zeigte dem Tier meine Handflächen.

Seine Nüstern bebten. Ich war ein fremdes Wesen auf der Silberwelt. Wahrscheinlich haftete mir ein Geruch an, der das Reittier irritierte.

Solange Otuna dabei war, hatte das gehörnte Tier nichts gegen mich, aber allein war ich ihm nicht geheuer. Ich griff nicht wieder nach den Zügeln, sondern legte meine Hand auf seinen muskulösen Hals.

Das Reittier schnaubte leise.

Ich ließ die rechte Hand am Hals und beugte mich behutsam vor.

Diesmal bekam ich die Zügel zu fassen. Das Tier hob zwar sofort den Kopf, aber ich ließ die Zügel nicht los.

Da stieß das blöde Tier dieses Gemisch aus Wiehern und Knurren aus. Ich hatte nur noch die Wahl, zu Fuß abzuhauen oder mich unverzüglich auf seinen Rücken zu schwingen.

Ich entschied mich für letzteres.

Doch es blieb bei der Absicht, denn in dem Moment, als ich mich abstieß, landete eine Hand hart auf meiner Schulter und riß mich herum. Ich sah Otuna. Sie war zu Silber erstarrt und hämmerte mir ihre Silberfaust wütend ans Kinn. Wie vom Blitz getroffen brach ich zusammen.

Meine Flucht war gescheitert, bevor sie begonnen hatte.

***


Cardia, die Seelenlose – ihre Seele befand sich in Sammeh, ihrem kleinwüchsigen Sohn –, starrte die schwarz gepanzerten Männer entgeistert an. Sie gehörten zu Ronsidors wildem Haufen. Ein ganzes Dorf hatten sie erbarmungslos ausgelöscht. Kein Stein befand sich mehr auf dem andern. Unter den Trümmern lagen Tote – Männer, Frauen und Kinder. Alle waren von Ronsidors Meute niedergemetzelt worden. Nur die jungen hübschen Mädchen hatte man verschont und mitgenommen. Sie würden eine Weile von Hand zu Hand gehen und zum Schluß mit Sicherheit auch ihr Leben verlieren, wenn keiner sie mehr haben wollte.

Cardia, Sammeh und ihr väterlicher Freund Cnahl standen inmitten dieses Trümmerfelds, über das der Geruch von Blut und Tod wehte, und auf den Sehnen der gespannten Bogen lagen schwarze Pfeile, die auf Sammeh und den dünnen Cnahl zielten.

Der Anführer dieser kleinen Gruppe von Höllenhunden wollte Cardia, die Hellseherin, mitnehmen. Sie hatte gebeten, daß Sammeh und Cnahl bei ihr bleiben dürften.

Vor allem von Sammeh konnte sie nicht lange getrennt bleiben, weil er ihre Seele in sich trug. Eine längere Trennung bedeutete für Cardia den Tod. Ohne Sammeh konnte Cardia nicht leben.

Der Anführer hatte entschieden: Sammeh und Cnahl durften mitkommen – aber als Leichen!

Wenn Sammeh starb, war auch Cardias Schicksal besiegelt. Das wußten diese Silberweltbanditen jedoch nicht. Wie sollte ihnen Cardia das begreiflich machen?

In ihrer Verzweiflung sprang sie vor Sammeh. Sie schützte ihren kleinwüchsigen Sohn mit ihrem Körper und schrie: »Wenn ihr ihn töten wollt, müßt ihr zuerst mir das Leben nehmen!«

Der Anführer der schwarz Gepanzerten grinste. »So. Meinst du.«

»Warum laßt ihr sie nicht am Leben?«

»Weil wir keine Verwendung für sie haben. Ein Zwerg und ein Greis – sie sind wertlos für uns.« Der Anführer schickte zwei Männer vor. »Ergreift sie!«

Die Kerle stürzten sich auf Cardia und rissen sie von ihrem Sohn fort.

Der Anführer nickte zufrieden. »Und nun erschießt den Alten und den Zwerg!« befahl er eiskalt.

***


Ein Gutes hatte die Sache: Jetzt wollte Otuna nichts mehr von mir.

Sie hatte jegliches weibliche Interesse an mir verloren. Ich war für sie nur noch ein Handelsobjekt, ein Sklave, ein Exot, der sich teuer verkaufen ließ. Einer wie ich hatte auf der Silberwelt verständlicherweise Seltenheitswert. Verdammt, wo würde ich landen?

Ich lag hinter dem Silbermädchen quer über dem Reittier, war an Händen und Füßen mit Lederriemen gefesselt. Arson und Theck ritten vor uns. Wohin wir unterwegs waren, wußte ich nicht. Ich war erst vor wenigen Augenblicken zu mir gekommen, und nun dachte ich an meine Freunde.

Würde ich sie jemals wiedersehen? Die Silberwelt war groß. Es konnte mich überallhin verschlagen. Selten war ich mir so verlassen vorgekommen.

Boram hatte mit seinem Ablenkungsmanöver kein Glück gehabt.

Wo er jetzt war, entzog sich meiner Kenntnis. Vielleicht existierte er überhaupt nicht mehr, weil die Silberdämonen ihn mit ihrem Feuerblick »abgeschossen« hatten.

Anfangs hatte mich Otunas wilde Schönheit beeindruckt, das muß ich gestehen, doch mittlerweile sah ich nur noch die Gefahr, die das Silbermädchen für mich verkörperte, und ich wünschte mir, ich wäre ihr nie begegnet.

Die Sklavenjäger brachten mich in eine bemooste Senke, in deren Zentrum sich ein silberner See befand. Ich sah alles mit nach unten hängendem Kopf, glaubte zu erkennen, daß wir uns einer rechteckigen Holzhütte näherten, doch als wir das »Gebäude« erreichten, sah ich, was es wirklich war: ein hölzerner Kastenwagen auf vier großen Holzrädern.

Er hatte keine Fenster, nur eine Tür.

Die öffnete Arson, während mich Otuna und Theck packten und zum Sklavenwagen brachten. Sie schwangen mich hin und her, und dann flog ich in hohem Bogen in die Dunkelheit.

Hinter mir knallte die Tür zu, und ein schwerer Riegel rastete ein.

Draußen beklagte sich Arson über die magere Ausbeute, doch Otuna sagte: »Für Tony Ballard bekommen wir mehr, als wenn wir zehn Silberweltsklaven auf dem Markt anbieten würden.«

»Er wird uns noch viel Ärger machen«, behauptete Arson.

»Das bezweifle ich«, widersprach ihm Otuna. »Wir sollten nur trachten, ihn so bald wie möglich loszuwerden, dann hat jemand anderer die Schwierigkeiten mit ihm.«

Das sagte ein Mädchen, dem ich das Leben gerettet hatte! Das Wort Dankbarkeit schien sie nicht zu kennen.

Ich setzte mich stöhnend auf und begann an meinen Handfesseln herumzunagen. Das Leder war unheimlich zäh. Ich konzentrierte mich auf die Knoten, doch sie waren nicht aufzukriegen. Vermutlich hatten die Silberdämonen sie magisch gesichert.

Otuna schlug vor, sofort aufzubrechen, und einige Augenblicke später setzte sich der Karren ächzend in Bewegung. Ich wurde kräftig geschüttelt und gerüttelt. Unermüdlich nagte ich am Leder – ohne Erfolg, aber ich konnte nicht aufgeben.

Durch das Geräusch hindurch, das die Holzkarre produzierte, drang ein anderes an mein Ohr. Sofort begriff ich, daß ich nicht allein im Wagen war. Das andere Wesen kroch auf mich zu.

Ich sah es nicht, spürte es aber.

***


Die magische Erde hatte zwei Drachenskelette »geboren«!

Mr. Silver hielt Shavenaar mit beiden Händen. Die Klinge des Höllenschwerts fluoreszierte – ganz besonders die Krone, die auf dem geschwungenen Klingenrücken saß und ein lebendes Herz umschloß.

Shavenaar war zum Kampf bereit.

Die großen bleichen Skelette krochen auf den Ex-Dämon zu. In den leeren schwarzen Augenhöhlen war ein geheimnisvolles Glitzern, und aus den großen Mäulern, die immer wieder aufklappten, schossen lange Feuerlohen.

Die toten Drachen lebten wieder – ohne Haut und Fleisch.

Dennoch waren sie jetzt noch gefährlicher als früher. Der Ex-Dämon hatte ihre Ruhe auf dem Drachenfriedhof gestört, und dafür wollten sie ihn nun bestrafen.

Sie griffen ihn nicht gemeinsam an, koordinierten ihre Attacken nicht. Jedes Ungeheuer handelte für sich. Eine Feuerfahne wehte Mr. Silver entgegen. Er sprang zurück, duckte sich und versuchte seitlich an den Drachen heranzukommen.

Das knöcherne Untier bewegte blitzschnell den langen Schwanz und traf den Ex-Dämon an der Schulter. Mr. Silver hatte das Höllenschwert zwar hochgerissen, konnte den Treffer jedoch nicht verhindern.

Die Wucht des Schlages schleuderte den Hünen gegen die schwarze Felswand.

Er schrie mit schmerzverzerrtem Gesicht auf, und Shavenaar entglitt seinen Händen. Er sackte zusammen, und ein Knochenschädel zuckte ihm entgegen.

Der Ex-Dämon war gezwungen, sich von Shavenaar fortzuwälzen. Das Feuer, das aus dem Drachenmaul schoß, traf das Höllenschwert, doch Shavenaar zeigte keine Wirkung.

Wenn das Feuer Mr. Silver erwischt hätte, wäre er erledigt gewesen. Eine Krallenklaue packte den Ex-Dämon unverhofft und warf ihn dem zweiten Untier zu.

Er prallte gegen die Knochen und hielt sich daran fest. Der Drache schüttelte sich und bäumte sich auf. Er wollte Mr. Silver loswerden.

Als ihm das nicht auf Anhieb gelang, ließ er sich fallen. Seine Absicht war klar: Er wollte sich auf Mr. Silver wälzen. Die schweren Knochen hätten den Ex-Dämon erdrückt, deshalb stieß sich der Hüne von dem Gerippe im allerletzten Moment noch ab und entging so dem sicheren Tod.

Gleich war wieder das andere Ungeheuer zur Stelle. Ein Schwanzhieb beförderte den Ex-Dämon quer durch den Felsenkessel. Benommen blieb Mr. Silver einige Augenblicke liegen.

Er hatte das Gefühl, mehrere Knochen wären gebrochen. Das Untier stampfte heran, schleifte den Knochenschwanz hinter sich her und hackte mit spitzen Krallen nach dem Hünen.

Wäre er im Besitz seiner Silbermagie gewesen, hätte ihm die Bestie mit ihren Krallen nichts anhaben können. So aber mußte er sich davor höllisch in acht nehmen.

Er hechtete zur Seite, rollte ab, federte sofort wieder auf die Beine und rannte dorthin, wo Shavenaar lag. Dort erwartete ihn das andere Ungeheuer, das jedoch nicht verhindern konnte, daß sich der Ex-Dämon seine Waffe wieder holte.

Er stieß Shavenaar in das offene Maul des Scheusals, und das Feuer, das herausbrechen sollte, wurde von Shavenaars Kraft umgedreht, so daß es nach innen schlug.

Das irritierte den Drachen so sehr, daß er von Mr. Silver abließ, aber damit begnügte sich der Ex-Dämon nicht. Er mußte das Ungeheuer nachhaltig zerstören.

Deshalb schwang er Shavenaar hoch und drang damit auf den Knochendrachen ein. Die fluoreszierende Klinge traf einen Halswirbel und hieb ihn in Dutzende von Splittern.

Der mächtige Schädel fiel auf den Boden und zeigte sogleich Zerfallserscheinungen. Das rührte von der zerstörenden Kraft her, die Shavenaar freigesetzt hatte.

Der Rest des Untiers stand noch auf den Beinen, aber das Skelett wankte und zitterte. Die Knochen knirschten und klapperten, und einen Moment später knickten die Beine ein.

Der Drache kippte zur Seite, und das schwarze Leben floß aus ihm heraus. Die Knochen alterten in Sekundenschnelle und brachen auseinander.

Ein Ungeheuer war erledigt. Aber es gab noch das andere, und das setzte alles daran, nicht genauso zu enden.

***


Ich zog die Beine an, war bereit, sie vorzuschnellen, falls es erforderlich sein sollte. Etwas berührte mich. Meine Muskeln waren hart gespannt.

Was war das, was sich da weich auf meine Schulter legte? Eine Hand?

»Tony Ballard«, flüsterte jemand.

»Wer bist du?«

»Meate. Ich habe vorhin deinen Namen gehört. Die Sklavenjäger sind davon überzeugt, einen hohen Preis für dich zu erzielen. Wieso?«

»Weil ich nicht von hier bin.«

»Nicht von der Silberwelt?« fragte Meate, ein Mädchen. »Woher kommst du?«

Ich sagte es ihr.

»Was willst du auf der Silberwelt?« wollte Meate wissen.

»Meine Freunde und ich wollten Shrogg suchen.«

»Wo sind deine Freunde?«

»Ich weiß es nicht. Wir wurden im Zeittor getrennt«, sagte ich.

»Und nun bist du allein.«

»Befindet sich außer uns beiden noch jemand in diesem Kastenwagen?« erkundigte ich mich.

»Ja. Torohan, ein Jäger. Otuna und ihre Freunde haben ihn überfallen, während er schlief.«

»Wieso sagt er nichts? Kann er nicht sprechen?«

»Sie haben ihn schwer verletzt. Er wehrte sich so sehr, daß sie ihn in ihrer Wut beinahe umgebracht hätten.«

»Damit haben sie sich aber keinen Gefallen getan. Niemand wird ihn kaufen.«

»Er ist die meiste Zeit ohnmächtig, vielleicht wird er sterben«, sagte Meate. »Ich habe mich um ihn gekümmert, aber viel konnte ich nicht für ihn tun. Wenn ihn jemand kauft, wird er ihn lange pflegen müssen, aber die Mühe würde sich lohnen. Torohan kann viel leisten, wenn er wieder bei Kräften ist.«

»Wohin bringen uns die Sklavenhändler?«

»Nach Seysaus, das ist ein kleiner Ort. Alle Sklavenjäger bringen ihre Ware dorthin und bieten sie auf dem Marktplatz an.«

»Hast du schon von Shrogg gehört?«

»Natürlich«, sagte Meate.

»Lebt er in der Nähe von Seysaus?«

»Ich habe gehört, daß er sich bei Sabra befindet.«

»Auf Thermac?«

»Du weißt Bescheid? Woher?«

»Otuna hat mir erzählt, was zur Zeit auf der Silberwelt los ist«, sagte ich. »Ich weiß natürlich nicht, ob das alles stimmt.«

»Was hat sie dir sonst noch erzählt?«

Ich sprach über Ronsidor und dessen Machtgier und daß er nicht aufhören würde, sich Sabras Kraft holen zu wollen.

»All das stimmt«, bestätigte Meate.

»Ich muß nach Thermac.«

»Du scheinst deine Lage falsch einzuschätzen, Tony Ballard.«

»Es genügt, wenn du mich Tony nennst«, erwiderte ich.

»Otuna und ihre Freunde werden dich nach Seysaus bringen, und derjenige, der dich kauft, wird gut auf dich aufpassen, weil er viel für dich bezahlt hat. Vielleicht läßt er dich in Ketten legen. Vergiß Thermac, Tony. Vergiß Shrogg. Vergiß deine Freunde. Vergiß dich selbst. Du wirst dein Leben in Unfreiheit und Knechtschaft beschließen, genau wie ich.« Meates Stimme klang unglücklich und verzweifelt. Sie schien resigniert zu haben.

Ich nicht. Ich lehnte mich gegen dieses unvermeidliche Schicksal trotzig auf.

***


Roxane, die Hexe aus dem Jenseits, und Metal, der junge Silberdämon, suchten ein weites Gebiet ab, ohne eine Spur der Freunde zu entdecken.

Roxane wäre es wichtiger gewesen, Mr. Silver zuerst zu finden, denn ihm gehörte ihr Herz. Metal hingegen war in Cardia verliebt und wäre deshalb glücklicher gewesen, wenn sie zuerst auf sie gestoßen wären, weil er davon überzeugt war, daß sich sein Vater auf der Silberwelt besser zurechtfand als Cardia.

Immerhin war dies Mr. Silvers einstige Heimat, während Cardia, Sammeh und Cnahl hier fremd waren. Da Mr. Silver außerdem das Höllenschwert bei sich hatte, glaubte Metal, sich um ihn keine Sorgen machen zu müssen, wohl aber um Cardia.

Roxane kniff die grünen Augen zusammen. Der Wind spielte mit ihrem jettschwarzen, schulterlangen Haar. »Nichts«, sagte sie enttäuscht. »So weit das Auge reicht – kein Leben!«

»Jedenfalls keines, das sich zeigt«, schränkte der junge Silberdämon ein.

»Niemand, den man fragen kann, ob er einen unserer Freunde gesehen hat, wo wir nach ihnen suchen sollen.«

»Die Sache hat auch einen Vorteil«, hielt ihr Metal entgegen.

»Man läßt uns in Ruhe. Niemand greift uns an.«

Sie setzten die Suche fort. Immer wieder streckten sie ihre Geistfühler aus – einmal nach Mr. Silver, dann wiederum nach Cardia und ihrer Zauberkugel.

Plötzlich stutzte Metal, und seine silbernen Augenbrauen zogen sich zusammen. Ihm schien irgend etwas aufgefallen zu sein, etwas, das ihn beunruhigte.

Roxane musterte ihn ernst. »Was ist los mit dir?«

»Cardia ist in ernsten Schwierigkeiten«, stöhnte der junge Silberdämon. »Ihr Leben ist in Gefahr. Sie ist verloren, wenn wir ihr nicht beistehen.«

Er stürmte los, mit so großen Schritten, daß Roxane Mühe hatte, mitzuhalten.

***


»Ich muß diese verdammten Fesseln loswerden!« knurrte ich. »Hilf mir, Meate.«

»Das kann ich nicht.«

»Hast du Angst?«

»Sie haben die Fesseln bestimmt magisch gesichert«, sagte Meate.

»Weil du so wertvoll für sie bist.«

Ich erwähnte die magischen Wurfsterne, die ich bei mir trug, und forderte Meate auf, einen davon aus meiner Tasche zu holen. Das tat sie.

»Die Kanten sind sehr scharf«, sagte ich. »Damit kannst du das Leder durchschaben. Willst du es versuchen?«

»Sie werden mich töten, wenn sie davon erfahren.«

»Denkst du, ich lasse dich zurück? Du kommst selbstverständlich mit mir.«

»Nach Thermac?«

»Möchtest du das nicht?« fragte ich. »Wann immer du dich von mir trennen willst, werde ich nichts dagegen haben. Einverstanden?«

Sie tastete nach meinen Fesseln und setzte den Silberstern an.

Mich hätte interessiert, wie sie aussah. Ihre Stimme hatte einen angenehmen Klang. Harmonierten Stimme und Aussehen? Wenn ja, war Meate bestimmt eine Schönheit.

Während sie das Leder durchzuscheuern versuchte, fragte ich sie, wo die Sklavenjäger sie erwischt hatten.

Meate zog die Luft scharf ein. Mir schien es, als ob sie gegen Tränen ankämpfte. »Sie… sie haben meine ganze Familie ausgerottet«, sagte sie stockend. »Meine Mutter, meinen Vater, meinen kleinen Bruder … Cenda, meine jüngere Schwester, entkam ihnen zuerst, aber Arson verfolgte sie. Auf einem Felsplateau stellte er sie. Bevor er sie ergreifen konnte, stürzte sie sich in die Tiefe. Es war grauenvoll. Sie prallte nur wenige Schritte von mir entfernt auf. Ich werde das nie vergessen.«

»Du haßt Otuna und ihre Freunde bestimmt sehr.«

»Ich wünsche ihnen den grausamsten Tod«, zischte Meate und schabte weiter an meinen Fesseln herum.

»Wenn wir ausgerückt sind, kannst du auch nach Hause zurückkehren.«

»Ich habe kein Zuhause mehr«, sagte Meate niedergeschlagen.

»Eine leere Hütte ist für mich kein Zuhause mehr. Auf Schritt und Tritt würden mich dort die schrecklichen Erinnerungen peinigen. Ich würde meine Familie immer wieder sterben sehen. Nein, Tony, ich möchte nicht zurück. Ich begleite dich nach Thermac und biete Sabra meine Dienste an. Kennst du den Weg dorthin?«

»Nein. Du?«

»Ja. Ich werde ihn dir zeigen. Hoffentlich fallen wir nicht Ronsidors Meute in die Hände, sonst hätten wir uns die Flucht sparen können.«

»Siehst du immer so schwarz?« fragte ich.

»Das Leben ist schwarz, Tony.«

Meate schien in ihrem Leben noch nie glücklich gewesen zu sein.

Es war Zeit, daß das anders wurde. Vielleicht konnte ich dazu beitragen.

Ich spürte einen kurzen Ruck, und im nächsten Augenblick nahm mir Meate die Handfesseln ab.

»Großartig hast du das gemacht, Meate«, lobte ich sie.

»Jetzt noch die Fußfesseln«, sagte das Mädchen.

»Um die kann ich mich selbst kümmern.«

»Laß mich es bitte machen, Tony.«

Sobald auch meine Beine nicht mehr gefesselt waren, gab mir Meate den Silberstern zurück. Sie wollte wissen, woher ich ihn hatte, und ich erzählte ihr von dem Parapsychologen Bernard Hale, der mir sechs Wurfsterne schenkte. Drei besaß ich noch, drei hatte mir meine Freundin Vicky Bonney abgeluchst.

»Du hast eine Freundin?« fragte Meate. Klang es enttäuscht?

»Ja.«

»Liebst du sie?«

»Ja, Meate, das tue ich.«

»Warum ließ sie dich fortgehen? Hat sie keine Angst um dich?«

»Doch, aber sie weiß, daß sie mich nicht zurückhalten darf. Wenn ich etwas tun muß, tue ich es, und Vicky hat dafür Verständnis.«

»Sie wartet sicher sehnsüchtig auf deine Rückkehr. Was tut sie, wenn du nicht heimkehrst?«

»Ich weiß es nicht. Aber ich denke lieber nicht an ein Scheitern meiner Mission. Ich hoffe, Shrogg zu finden. Vielleicht treffe ich dort all meine Freunde, oder Sabra hilft mir, sie zu suchen.«

»Was soll aus Torohan werden?« fragte Meate. »Willst du den etwa auch mitnehmen? Er wäre eine Belastung.«

Ich kroch an Meate vorbei. Der Holzwagen schaukelte und rumpelte. Ein Stein stieß das Gefährt links hoch, und ich fiel rechts gegen die Wand.

Sehen konnte ich nichts. Ich tastete mich vor und berührte schließlich einen halbnackten, kalten, starren Körper. Es mag hart klingen, aber Torohan schien mir eine schwere Entscheidung abgenommen zu haben.

***


»Neiiin!« kreischte Cardia, als die schwarzen Pfeile von den Sehnen schnellten. Sie bäumte sich im eisernen Griff der schwarz gepanzerten Männer auf. »Mörder!« schrie sie.

Sammeh und Cnahl schienen verloren zu sein.

Und wenn Sammeh starb, mußte auch Cardia sterben!

Doch mit einemmal wendete sich das Blatt. So unverhofft, daß selbst Ronsidors Männer davon überrascht wurden. Buchstäblich aus dem Nichts tauchten ein schwarzhaariges Mädchen und ein junger Silberdämon auf: Roxane und Metal.

Metal aktivierte seine Silbermagie und schuf vor Sammeh und Cnahl einen unsichtbaren Keil, der die Pfeile ablenkte, und Roxane vernichtete die Geschosse mit Hexenblitzen.

Benrii, der Anführer der Horde, verlor die Beherrschung. Seine Wut richtete sich jetzt gegen Cardia. »Tötet sie! Tötet dieses verfluchte Weib!« brüllte er.

Einer der beiden Kerle, die die Hellseherin festhielten, ließ sie los und riß seinen Dolch aus dem Gürtel. Was Benrii befahl, mußte sofort ausgeführt werden.

Wenn Ronsidor nicht in der Nähe war, war Benriis Wort Gesetz.

Kaum wurde Cardia nur noch von einem Mann festgehalten, aktivierte sie ihre Schutzkraft und kam frei.

Roxane kümmerte sich um Sammeh und Cnahl. Der Alte mit der Hakennase wollte Cardia zu Hilfe eilen, doch Roxane hielt ihn zurück. Cardia startete, als der Kerl mit dem Dolch zustach.

Metals Feuerblick vernichtete den Mann auf der Stelle. Seine Hände wurden zu gefährlichen Silberbeilen, Silberstarre schützte seinen Körper.

»Bringt euch in Sicherheit!« schrie er, während er gegen Ronsidors Höllenhunde kämpfte.

Er tötete drei von ihnen, tobte so sehr, daß Benrii es für klüger hielt, sich mit seinen Männern abzusetzen. So waren sie: stark, wenn sie in der Überzahl waren, feige, wenn ihre Überlegenheit schwand.

Als Benriis Befehl ertönte, zogen sich die schwarz gepanzerten Banditen zurück. Auch Benrii verschwand hinter nahen Büschen und kam nicht mehr zum Vorschein.

Zwischen zwei Steinen lag ein Tuch, und in diesem befand sich Cardias Zauberkugel. Metal hob sie auf und brachte sie seiner Freundin.

Mit Tränen in den Augen sank ihm Cardia in die Arme. »Oh, Metal, sie wollten Sammeh und Cnahl umbringen. Sie sind schlimmer als der Satan, jeder einzelne.«

Der Silberdämon strich sanft über die Fülle ihres Haares. »Vier von ihnen haben bekommen, was ihnen zustand. Die anderen werden wir gewiß nicht wiedersehen. Ich bin froh, dich gefunden zu haben.«

»Wo sind Tony und Mr. Silver?« fragte die Hellseherin.

»Noch wissen wir es nicht, aber nachdem wir euch gefunden haben, bin ich zuversichtlich, daß wir bald wieder vollzählig sein werden.«

Jetzt erst fand Roxane Zeit, sich umzusehen. »Grauenvoll sieht es hier aus«, sagte sie kopfschüttelnd.

»Das war Ronsidors Horde«, erklärte Cardia. »Die Männer, die uns töten wollten, gehören zu diesem schrecklichen Haufen. Sie haben alle jungen Mädchen mitgenommen. Mich hätten sie auch zu Ronsidor bringen wollen.«

»Lebt noch jemand?« fragte Metal und ließ seinen Blick über das zerstörte Dorf schweifen.

Cardia schüttelte den Kopf. »Der letzte, der starb, war Ritif, ein Greis. Von ihm wissen wir, was passierte.«

»Wenn wir nicht mehr helfen können, schlage ich vor, von hier wegzugehen«, sagte Roxane. »Der Anblick dieses zerstörten Dorfes deprimiert mich.«

Sie entfernten sich etwa eine halbe Meile. Zwischen Bäumen setzten sie sich auf den Boden, und Metal schlug vor, mit vereinten Kräften zu versuchen, mit Mr. Silver telepathischen Kontakt aufzunehmen.

»Vielleicht erscheint er in deiner Zauberkugel«, sagte der junge Silberdämon, »und wir erfahren auf diese Weise, wo er sich im Moment aufhält. Es wäre doch gelacht, wenn wir keinen Erfolg zustandebrächten. Roxanes Hexenkraft, euer Zauber, meine Silbermagie… Das muß einfach klappen.«

***


»Tony«, kam es zaghaft durch die rumpelnde Dunkelheit.

»Komm her, Meate«, sagte ich.

»Was ist mit Torohan?«

»Ich möchte, daß du ihn anfaßt«, gab ich zurück. Vielleicht war es normal, daß Torohan starr und kalt war. Vielleicht lebte er aber auch schon seit einer ganzen Weile nicht mehr. Meate würde es mir sagen.

Ich spürte bald ihre Nähe. Sie stieß gegen meine Schulter, und gleich darauf entfuhr ihrer Kehle ein erschrockener Laut. Das war für mich die Bestätigung.

»Er ist tot, Tony«, flüsterte Meate.

»Also lassen wir ihn zurück«, sagte ich.

Meate bedauerte den Jäger, den sie kaum gekannt hatte. Sie schien ein gutes Herz zu haben.

»Komm, wir verschwinden«, sagte ich.

»Aus dem fahrenden Wagen?«

»Willst du bis Seysaus warten?«

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738926620
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v460944
Schlagworte
barbarenfürst tony ballard

Autor

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Titel: ​Der Barbarenfürst Tony Ballard Nr. 151