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1000 Seiten Krimi-Paket Morde für den Strandurlaub 2019

von Alfred Bekker (Autor) Horst Bieber (Autor) Pete Hackett (Autor) Thomas West (Autor) Franc Helgath (Autor) Uwe Erichsen (Autor)

2019 1000 Seiten

Leseprobe

1000 Seiten Krimi-Paket Morde für den Strandurlaub 2019

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker präsentiert, 2019.

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1000 Seiten Krimi-Paket Morde für den Strandurlaub 2019

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von Alfred Bekker, Horst Bieber & Uwe Erichsen & Pete Hackett & Thomas West & Franc Helgath

––––––––

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DIESES BUCH ENTHÄLT folgende Krimis:

Thomas West: Der Gangster-Clan

Horst Bieber: Die Kommissarin gibt auf

Alfred Bekker: Eine Leiche im Kofferraum

Alfred Bekker: Killer ohne Namen

Alfred Bekker: Den Tod vor Augen

Alfred Bekker: Satansjünger

Uwe Erichsen: Travers und das Dynamit-Komplott

Pete Hackett: Nichts war ihnen heilig

Pete Hackett: Tödliche Altlasten

Pete Hackett: Im Fadenkreuz des Terrors

Franc Helgath: Tausend Leichen auf der Bank

Marlene Schelm, genannt Lene, ist eine tüchtige aber auch eigenwillige Erste Kriminalhauptkommissarin in der Mordkommission.

Ist es wirklich nur ein Zufall, dass die letzten drei Fälle auf ihrem Schreibtisch, sie an die Umstände erinnern, wie vor 14 Jahre ihre Tochter Tanja verschwunden ist?

Selbst heute sitzt der Schmerz noch tief. Die Wunde will einfach nicht heilen.

Ihre Kollegen vermuten, dass die Kommissarin sich deshalb hinter ihre Arbeit versteckt, damit man ihr nicht vorwerfen kann, die Suche nach ihrer Tochter vorschnell aufgegeben zu haben.

Als man ihr aus heiterem Himmel und ohne stichhaltige Begründung einen Fall wegnehmen will, setzt sie dickköpfig alles auf eine Karte und ermittelt auf eigene Faust und nur mit Hilfe weniger Freunde hartnäckig weiter.

Unversehens stolpert sie damit aber auch in die große Politik und gerät damit in einen Sumpf aus Intrigen und Gewalt, doch Lene will sich davon nicht einschüchtern lassen, selbst wenn sie dafür den Polizeidienst quittieren müsste.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Authors

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Der Gangster-Clan

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Krimi von Thomas West

Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.

Das FBI ist Bronco Belucci in die Quere gekommen, einer seiner Söhne ist tot. Das schreit nach Rache, ganz in der Tradition der sizilianischen Blutrache: Trevellian und Tucker müssen sterben! Gleichzeitig aber ist der Gangster daran interessiert, seine Geschäfte in Las Vegas zu festigen und bis nach New York auszuweiten. Eine harte Nuss für die Agenten des FBI, die sich einer gerissenen Verbrecherfamilie gegenüber sehen.

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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McLynn wachte auf, weil irgend jemand die Jalousie hochzog. Das Licht der Morgensonne prallte ins Zimmer.

Das gefiel McLynn nicht. Er schlief erst seit anderthalb Stunden; und davor hatte er sich eine Nacht lang mit übermüdeten Ärzten, zickigen Krankenschwestern und schwerverletzten Unfallopfern herum geschlagen.

Noch weniger gefiel ihm allerdings, dass überhaupt jemand die Jalousie hochzog. Er hatte keinen Schluck getrunken, seit Jahren kein Dope mehr eingeworfen – die ganze Nacht gearbeitet, wie gesagt. Mit anderen Worten: McLynn war sich ziemlich sicher, allein in sein Apartment gekommen zu sein.

Er stemmte sich auf beide Arme und blinzelte zum Fenster. Dort zog sich ein Mann einen Küchenstuhl an die Wand, schob das Fenster hoch und setzte sich auf den Stuhl. „Wer zum Teufel bist du, und was hast du in meinem Apartment verloren?!“

Der Mann sah ihn nicht einmal an. Er legte einen flachen Koffer auf seine Schenkel, öffnete ihn und nahm ein paar Metallteile heraus, die McLynn nicht auf den ersten Blick identifizieren konnte. Erst als der Mann sie zusammensteckte, sah McLynn ein Gewehr in den Händen des Fremden entstehen. Ja, ein Gewehr.

„Hast du sie noch alle!?“, brüllte McLynn.

Nicht nur, weil er wütend war, brüllte er. Er brüllte auch, weil er Angst hatte. Mach so viel Krach wie möglich, wenn du Angst hast – das war eben seine Erfahrung, und natürlich auch sein Temperament. Nur: Den Fremden beeindruckte das überhaupt nicht. Seelenruhig steckte er ein Zielfernrohr auf sein Gewehr.

Etwas in McLynn sagte: Steh auf, mach ihn fertig. Es fiel ihm aber sehr leicht, diesem Impuls zu widerstehen. Nicht nur wegen des Gewehres – der Mann war größer als er selbst und kräftig gebaut. McLynn dagegen war, nun ja, ein schmales Hemd, wie man so sagt. Also drehte er den Kopf auf die andere Seite seine Bettes. Dort, auf einem Nachttisch, stand ein altes Telefon ...

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2

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Es war einer der ersten milden Tage im Jahr; Mitte März, wenn ich mich recht entsinne. Es roch nach Frühling, ein Hauch von Leichtigkeit lag über den Menschenmassen auf dem Canal Street Flea Market, die Morgensonne streichelte die Gipfel der Skyscraper, und wir waren in Wochenendstimmung.

Und in Einkaufsstimmung: Ich hatte einen prächtigen, weißen Stetson mit breiter Krempe erstanden, und zwei CDs vom alten Mississippi John Hurt; Steinzeitblues. Milo trug einen runden Spiegel mit Perlmuttrahmen unter dem Arm, und an seiner linken Schulter baumelte ein Waffengurt, in dessen Halfter ein .44er Remington-Revolver steckte – hundertzwanzig Jahre alt, aber so gut wie nie benutzt; praktisch fabrikneu also.

So ließen wir uns von dem Menschengedränge über den Flohmarkt schieben und waren auf alles Mögliche gefasst: Auf exotische Schnäppchen, auf einen spontanen Flirt, auf allerhand Spaß, und in einer Ecke unserer Köpfe vielleicht auch auf einen Anruf unseres Chefs, der unser Wochenendprogramm über den Haufen werfen könnte. Nur auf den Tod nicht. Nein, mit dem rechneten wir an diesem Morgen wirklich nicht.

„Hey! Das wär’ doch was für unser Büro!“ Mit einer Kopfbewegung deutete mein Partner auf einen Stand mit Gemälden und Drucken. Er blieb so abrupt stehen, dass ich gegen ihn lief. Das Ölbild, das er meinte, stach mir sofort ins Auge: Es zeigte unseren FBI-Patriarchen Edgar Hoover mit strenger Miene und Arm in Arm mit einer Marilyn Monroe, die weiter nichts trug als ein kurzes, weißes Negligé und eine rote Krawatte.

„Kommt nicht in Frage“, sagte ich. „Edgar hat zu viel an und guckt zu ernst.“

„Oder wir schenken es Mandy zum Geburtstag.“ Milo, begeistert von seiner Idee, drehte sich schwungvoll nach mir um – und stieß dabei einer junge Frau seinem Spiegel gegen die Schulter.

„Können Sie nicht aufpassen, Mann!“, raunzte die ihn an.

„O, sorry Ma’am!“ Milo wandte den Kopf nach ihr. Die Betroffenheit in seinen Zügen wich sofort einem wohlgefälligen Lächeln, denn die Lady war nicht nur auffällig elegant, sondern vor allem sehr attraktiv. Vermutlich gratulierte er sich dazu, sich genau im richtigen Moment nach mir umgedreht zu haben.

„Ist Ihnen vielleicht aufgefallen, dass Sie nicht der einzige Mensch hier sind?!“ Ihre Stimme klang schon eine Spur versöhnlicher, nur die steile Falte zwischen ihren Brauen zürnte noch. Schwarze Brauen übrigens, so blauschwarz, wie ihr glattes Langhaar. Das schmale, ziemlich markante Gesicht und die dunklen Augen gaben ihr ein orientalisches Flair.

„Selbstverständlich, Ma’am!“ Milo strahlte sie an. „Und ich muss Ihnen gestehen: Ich bin froh darüber.“

Noch heute sehe ich Marion genau vor mir, wie sie Milo erst ärgerlich taxierte, dann lächelte und schließlich sagte: „Nichts passiert, Mister. Besser von Ihnen angerempelt zu werden, als in einen Hundehaufen zu treten.“

Ja, genau das sagte sie, und ich hielt den kreisrunden Lichtfleck auf ihrem Trenchcoat zunächst für Spuren eines Besuchs bei McDonald’s. Mayonnaise oder Joghurt, dachte ich. Erst als er zu ihrer Schulter wanderte, der verfluchte Fleck, erst als er kurz verschwand, um dann auf Milos Stirn wieder aufzutauchen, erst dann begriff ich.

„Deckung!“ Samt Spiegel und Remington stieß ich Milo auf den Asphalt und warf mich auf die Frau. Fast gleichzeitig fiel der Schuss.

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3

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Seine Stimmung stieg mit jeder Glitzerfassade, die links und rechts der Seitenfenster an ihm vorbeiglitt: Palmen, Türmchen, Onkel Dagobert, Zugbrücken, orientalisch anmutende Minarette – oder war es ein Penis? – Engel, Micky Maus, Elefant.

Las Vegas, Mythos aus Neonlicht! Las Vegas, glitzernde Seifenblase! Nichts sprach an diesem Morgen dafür, dass sie sich ihm zum letzten Mal aufblähte.

Er stoppte vor Caesars Theatre. Es war kurz nach sechs Uhr Pacific Time. Zu Hause war es jetzt drei Stunden später, und sie würden gerade den Frühstückstisch decken. Er zog den Schlüssel ab und stieg aus. Der Gedanke an zu Hause machte ihn beklommen. Aber nicht sehr.

Ein junger Afro in kurzem Rock aus einer Art Sacktuch und mit Lederharnisch lief die Treppe herunter. An seiner Hüfte baumelte ein Kurzschwert. „Willkommen, Mr. Singer!“

Mr. Singer warf ihm den Wagenschlüssel entgegen. „Ich verlass mich auf dich, Dencil!“ Er fischte ein paar Dollarnoten aus seinem Jackett.

„Sie kennen mich doch, Sir.“ Der schwarze Charmeur präsentierte sein perlweißes Gebiss. „Neulich war Präsident hier – er hat mir Airforce One anvertraut.“ Mit einem Diener bedankte er sich für das Röllchen aus drei oder vier Dollar, das Mister Singer ihm in die Hand drückte.

Singer grinste. „Ich hab davon gehört, Dencil.“ Er sah zu, wie der Gladiator in den schwarzen Ferrari stieg und die Luxuskarosse Richtung Tiefgarage steuerte.

Er hatte den Wagen in Los Angeles gemietet. Dort hatte er zwei Tage mit Baufirmen verhandelt und einen millionenschweren Vertrag unter Dach und Fach gebracht. Und danach von Los Angeles im Ferrari nach Las Vegas: Ein Gedicht, ein Fest, ein Orgasmus! Zwei oder drei Mal im Jahr gönnte er sich das.

Zwei Stufen auf einmal nehmend lief er die Treppe zum römischen Eingangspavillon hinauf. Mit jeder Stufe wuchs seine Erregung, mit jeder Stufe spürte er seine Kraft deutlicher, mit jeder Stufe verblasste der Gedanke an zu Hause. An Wanda und vor allem an Lorraine.

Die Rolltreppe trug ihn einem nackten Jüngling aus weißem Marmor entgegen, eine Nachbildung des berühmten Davids von Caravaggio. Der Marmorschönling sah mit spöttischer Lässigkeit auf ihn herab, und Singer winkte zu ihm hinauf, als wollte er einen alten Bekannten grüßen.

Auf ähnliche Weise pflegte er an guten Tagen sein Spiegelbild zu grüßen. Und tatsächlich: Ein bisschen so kam ihm die Skulptur da oben am Treppenabsatz vor, wie sein Spiegelbild. Und fühlte er sich nicht genauso, wie der Bursche aussah? Jung, stark, über alles erhaben, und bereit zu jedem Abenteuer?

Dabei war er dem nackten David um ein paar Lenze voraus, mindestens fünfundzwanzig, schätzte er. Singer hätte seinen Bauch einziehen und sein langes Haar nach vorn über die Stirnglatze streichen müssen, um wenigstens annähernd an den antiken Jüngling zu erinnern.

Egal – Äußerlichkeiten. Außerdem: Jedes Alter hat seine Reize. Wenn man Geld genug hatte, sowieso. Und Geld? Kein Thema für Mister Singer.

„Herzlich Willkommen, Desmond!“ Oben an der Rolltreppe tauchte ein grauhaariger Mann in weißem Anzug und rotem Hemd auf. Der Empfangschef. „Wie laufen die Geschäfte?“

Etwas gedrungen und ziemlich breitschultrig war der Mann; so braun gebrannt, dass man ihn auf den ersten Blick für einen Mulatten hielt. Aber er war ein Weißer, ein Texaner aus Austin. Viel weißer konnte man nicht sein. Doch vermutlich verbrachte er den halben Tag im Sonnenstudio; und mit irgendwelchen Diäten, die ihm den Altersspeck in Schach hielten.

„Kann nicht klagen, Brian.“

Kaum zu zwei Dritteln hatte die automatische Rolltreppe Desmond Singer hinauf getragen, da streckte der Grauhaarige ihm bereits die Hand entgegen. Singer ergriff sie mit der für ihn so typischen Beiläufigkeit.

„Wie geht’s so, Brian?“ Seine Augen streiften den Empfangschef nur. Schon durchdrangen sie das römische Ambiente vor dem eigentlichen Kasino: Säulen, Springbrunnen, Skulpturen, Kellnerinnen in Kleopatra-Kostümen, Kellner, die wie römische Zenturios aussahen.

„Kann nicht klagen.“ Brian tänzelte einen halben Schritt voraus. Sein Büro lag gegenüber der Rezeption hinter einem Säulendurchgang. Singer kam sich vor, als würde er einen Tempel betreten. „Ich habe einen Platz im Exklusivsalon für dich reserviert, Desmond.“

Leute wie Desmond Singer spielten selbstverständlich nicht mit der Masse in den öffentlich zugänglichen Spielsalons, sondern in abgeschirmten Luxusräumen, in denen die Spieltische rund um die Uhr von Geldmagnaten aus allen Teilen der Staaten und dem Rest der Welt belagert wurden.

„Nett von dir, Brian.“ Hinter dem Empfangschef trat er in dessen Büro, ein Traum aus Mahagoni und schwarzem Leder. „Drei harte Tage liegen hinter mir – ich zieh mich erst einmal ein paar Stunden zurück. Vielleicht lässt du mir gegen zwölf ein Frühstück in die Suite bringen.“

„Kein Problem.“ Brian reichte ihm das Gästebuch. „Für zwei Personen nehme ich an.“

Singer lächelte. „Ich wusste, dass du sie engagiert hast. Vermutlich wartet sie schon in der Suite.“ Er trug sich ein.

Brian antwortete nicht gleich. Etwas umständlich schloss er seinen Schreibtisch auf und kramte in einer Schublade herum. „Sicher.“ Er holte einen Schlüssel heraus und drückte ihn Desmond Singer in die geöffnete Hand. „Sicher habe ich eine Frau engagiert.“

„Eine Frau?“ Singer runzelte die Stirn. „Nicht Diana?“

„Sorry, Desmond. Diana arbeitet seit vier Monaten nicht mehr in Las Vegas. Aber mach dir keine Sorgen: Ich weiß inzwischen, was du bevorzugst.“

Die Enttäuschung auf Singers Miene wich einem Lächeln. Er war zwar ein Gewohnheitstier – jedenfalls, wenn es um sein spärliches Privatleben ging – andererseits aber reiste er nicht zuletzt der sexuellen Abwechslung wegen alle vier, fünf Monate nach Las Vegas. Wenn also nicht Diana, dann eben eine andere. Hauptsache nicht Lorraine.

„Da bin ich aber gespannt, Brian.“

„Du wirst Augen machen. Sie ist neu im Geschäft. Ein Bild von einer Frau, blutjung.“

Das Gesicht seiner Tochter blitzte vor seinem inneren Auge auf. Er schob es weg. Schob Wandas Bild weg und sein schlechtes Gewissen. Diese Kunst hatte er schon als kleiner Junge gelernt. Und in seiner Branche zur Vollkommenheit gebracht. Ein Immobilienmakler von Singers Kaliber konnte sich kein Gewissen leisten.

„Okay. Bis heute Nachmittag.“ Singer berührte Brian an der Schulter. Durch die offene Tür und das Säulenportal lief er zu den Aufzügen.

Seine Suite lag im siebten Stockwerk. Seinesgleichen kam gratis in den Genuss solcher Luxusherbergen. In Caesars Theatre und in zwei oder drei anderen Casinos auch. Männer wie Singer ließen mehr Geld an der Bar, im Restaurant und bei Begleitagenturen, als man mit Zimmermiete verdienen konnte. Von den Summen, die an den Spieltischen blieben, ganz zu schweigen.

Die Lifttüren schlossen sich hinter ihm, Schritte und Stimmengewirr verstummten.

Minuten später sah er sich in der Suite um. Ein Salon, ein Schlafzimmer, ein Bad wie ein Saal. Alles in tiefem Blau, genau so, wie Singer es liebte. Der Gladiator hatte sein Gepäck bereits vor den Wandschrank gestellt.

Singer drehte die Hähne der Badewanne auf. Danach legte er sich aufs Bett. Auf dem Nachtisch stand eine Champagnerflasche. Seine Hausmarke. Er öffnete sie und schenkte sich ein.

Ein Blick auf die Armbanduhr: Kurz nach halb acht. Wanda würde längst unter der Dusche stehen. Oder schon auf dem Weg zu den Tennisplätzen sein? Samstags verbrachte sie in letzter Zeit den halben Tag dort. Ein Verehrer, was sonst?

Und Lorraine? Vielleicht gab sie gerade dem Gärtner Anweisungen. Oder dem Hausmädchen. Oder machte sich fertig für den Kosmetiker. Jedenfalls wartete sie auf seinen Anruf.

Er zog sein Handy aus der Hemdtasche und wählte die Nummer seiner Villa in Brooklyn. „Lorraine Singer?“ Dünn und müde klang ihre Stimme. Wie immer.

„Guten Morgen, mein Schatz. Ich hoffe, du hast gut geschlafen.“

Wie immer hatte sie schlecht geschlafen, wie immer klagte sie über Migräne. Und er klagte über die Hitze in San Diego, über das mittelmäßige Hotel und über zähe Verhandlungen mit der kalifornischen Bank, die sich angeblich zierte, den geforderten Mietpreis im Financial District Manhattans zu zahlen. Dabei lag der Vertrag längst in seinem Gepäck.

Kein Wort über Las Vegas natürlich. Was ist ein Mann ohne Geheimnisse?

Nach dem Gespräch zog er sich aus und stieg in die Wanne. Die Badezimmertür ließ er offen. Er trank Sekt und rauchte eine Zigarre. Der Alkohol und das warme Wasser erhitzten seine Fantasie. In allen Variationen malte er sich die bevorstehenden Stunden mit dem neuen Mädchen aus.

Als sich dann die Tür seiner Suite öffnete, und sie hereinkam, stockte ihm für einen Moment der Atem. Nicht, weil sie schön und beunruhigend jung war – weiß Gott, das war sie auch! – sondern, weil sie ihn an seine Tochter erinnerte.

„Hallo“, sagte sie, während sie die Tür hinter sich zudrückte. Und selbst ihre dunkle Stimme klang ein wenig wie Wandas Stimme.

„Hallo.“ Er zwang sich zu einem Lächeln, und für einen Moment wusste er nicht was sagen, was tun.

Sie warf ihre Tasche aufs Bett und begann sich auszuziehen. „Ist noch Platz in der Wanne?“

„Aber ja, Miss ...“

„Nennen Sie mich Nancy.“ Sie zog sich die schwarze Bluse über den Kopf. Ihre Brüste waren weiße, feste Glocken. Die brünetten Locken fielen auf ihre Schultern wie Kastanien auf Schnee.

Singer schluckte, trocken fühlte sein Mund sich plötzlich an. „Ich bin Desmond.“ Er lächelte verlegen und trank einen Schluck, um die Heiserkeit zu vertreiben. „Nehmen Sie sich ein Glas aus der Bar, Nancy.“ Er deutete auf die Champagnerflasche im Eiskübel neben der Wanne.

Betont langsam schälte sie sich aus Rock, Strümpfen und Höschen. Seine Blicke klebten an ihrer mädchenhaften Gestalt. Kurz verschwand sie aus seinem Blickfeld. Er lauschte ihren Schritten. Mit dem Sektkelch in der Hand kam sie ins Bad und stieg zu ihm in die Wanne.

Er schenkte ihr ein. Eine Zeitlang saßen sie sich gegenüber, schwiegen und lächelten sich an. Irgendwann stieß er sein Glas gegen ihres. Der helle Klang erfüllte das Bad.

„Ein gutes Omen“, sagte Singer. „Geht es Ihnen auch manchmal so, dass Sie einem fremden Menschen begegnen und schwören könnten, ihn schon immer zu kennen?“

Wenn Desmond Singer später an diesen Augenblick zurückdachte, war ihm immer, als hätte er es schon gewusst, als Nancy seine Suite betrat. Als hätte er es von Anfang an gewusst, dass Nancys Eintritt in seine Suite – in sein Leben – der Anfang vom Ende gewesen war.

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Schreie überall, kaum hörte man den zweiten Schuss. Die Menschen stoben in alle Richtungen auseinander, um irgendwo Deckung zu suchen. Viele warfen sich einfach auf den Boden. Es war, als fegte ein Hurrikan durch ein Weizenfeld.

Die Frau unter mir – Marion – klammerte sich an mir fest und bohrte mir ihre Stirn in die Kehle. „Jesus ...“, stöhnte sie immer wieder. „Jesus, Jesus ...“

Ich warf mich zur Seite, zog Waffen und Handy gleichzeitig heraus, wie von selbst fand mein Daumen die Codetaste für die Federal Plaza. Aus den Augenwinkeln sah ich Milo auf dem Bauch liegen. Seine SIG-Sauer mit beiden Händen umklammert, zielte er auf die Fassade des Häuserblocks auf der anderen Straßenseite, irgendein Fenster im oberen Stockwerk hatte er im Visier. Aus dem Handy flötete das Freizeichen.

Gespenstische Stille beherrschte jetzt den Flohmarkt, eine bunte Matte aus Menschenleibern bedeckte den Asphalt vor und zwischen den Verkaufsständen.

„Das Erkerfenster im Dritten, das zweite von rechts!“, zischte Milo.

Tatsächlich! Mündungsfeuer blitzte dort oben auf! Eine Kugel schlug neben mir ein und gab Milos neuem Spiegel den Rest. Ich war hin und her gerissen: Das Feuer erwidern oder nicht? Was war gefährlicher für die vielen Menschen um uns herum?

Wieder ein Schuss, und endlich eine Stimme statt des Freizeichens im Handy: Die Telefonzentrale, Linda.

„Trevellian hier!“, rief ich. „Ein Wahnsinniger schießt in die Menschenmenge auf dem Canal Street Flea Market! Sag Orry und Clive Bescheid!“

Deutlich erkannte ich jetzt die Silhouette des Schützen hinter dem Fenster. Er zielte nicht einfach in die Menschenmenge, er zielte auf uns. Hatte er unsere Waffen entdeckt?

Diesmal fielen gleich drei Schüsse – direkt neben mir. Milo hatte sich entschieden. „Wir müssen ihn in Deckung zwingen!“ Er sprang auf, schoss, stieg über die Menschen, schoss, bewegte sich Richtung Straße, schoss. Das Erkerfenster, aus dem auf uns gefeuert wurde, zersprang.

„Fliehen Sie!“ Ich schrie. „Bringen Sie sich in Sicherheit! Wir geben Ihnen Feuerschutz!“ Auch ich eröffnete das Feuer. Links und rechts robbten die Leute unter die Stände, hinter Fahrzeuge, in Hauseingänge.

Während Milo das Magazin wechselte, hielt ich auf das Fenster, während ich nachlud, feuerte er. Sirenengeheul näherte sich von mindestens drei Seiten. Oben am Fenster zeigte sich niemand mehr. Zwei Streifenwagen hielten mit schreienden Bremsen.

„Dort oben!“ Milo deutete zum dritten Stock hinauf. „Hinter dem zerschossenen Fenster!“

Hinter drei Cops her stürmte ich ins Haus. Der vierte blieb bei Milo, um mit ihm die Fassade zu beobachten und den Amokschützen am Schießen zu hindern.

„In den Hof!“, brüllte einer der Uniformierten. Ein Sergeant, ich kannte ihn nicht. „Die Feuertreppe!“ Seine Officers hasteten in den Hinterhof, ich folgte dem Sergeant das Treppenhaus hinauf in den dritten Stock.

Erschrockene Gesichter in halbgeöffneten Türen flogen an mir vorbei, Menschen, die sich an Wände und Geländer drängten, ein kläffender Hund.

Im dritten Stock stand ein Pärchen im Türrahmen seiner Apartmenttür, sie im Morgenmantel, er nur mit Unterhose bekleidet. Die Tür gegenüber war verschlossen. Die einzige verschlossene Wohnungstür im Haus.

„In Ihr Apartment!“, fauchte der Sergeant das junge Paar an. „Abschließen und möglichst weit weg von der Tür!“ Das Mädchen starrte auf unsere Waffen, der Junge zog sie ins Apartment hinein und schlug die Tür zu.

Sekunden später splitterte Holz. Zusammen mit dem Türblatt flogen der Cop und ich in das verschlossene Apartment. Die Waffe im Anschlag wirbelten wir herum. Ein Stuhl lag vor dem zerbrochenen Erkerfenster, darunter eine Menge Glasscherben.

Fünf Schritte neben dem Fenster ein Bett. Der Mann darin lag auf dem Bauch. Ich sah nur seinen Hinterkopf, er schien das Telefon auf seinem Nachttisch zu betrachten. Man hätte meinen können, er schliefe – wenn sein Haar und sein Kopfkissen nicht blutgetränkt gewesen wären.

„Hierher, Sir!“ Der Sergeant winkte mich in die kleine Küche. Vor der Heizung unter dem hochgeschobenen Fenster lag eine zweite Leiche. Ebenfalls ein Mann. Ich kniete neben ihn auf den Boden. Mindestens zwei Schüsse hatten ihn getroffen: Einer knapp unterhalb der linken Schulter in die Brust, der zweite in den Hinterkopf.

„Das passt“, murmelte ich.

„Wozu?“ Der Sergeant runzelte die Stirn.

„Dazu, dass ich nirgends ein Gewehr oder sonst eine Waffe sehe. Sie etwa?“

Der Sergeant blickte sich um. „Nein. Keine Waffe. Sie haben Recht.“ Er lehnte sich aus dem Fenster. „Habt ihr jemanden gesehen?!“ Seine Officers unten im Hof verneinten. „Er muss über die Dächer abgehauen sein!“ Ich zog mein Handy aus der Tasche und wählte die Nummer der Zentrale. Zum zweiten Mal an diesem Morgen.

Der Sergeant drehte sich nach mir um. „Keine Waffe. Weder im Hof, noch auf der Feuerleiter.“

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Breitbeinig und die Hände in den Hosentaschen vergraben stand Brian neben seinem Schreibtisch und beobachtete einen der Monitoren in der geöffneten Schrankwand. Auf dem Bildschirm aalte sich ein Paar in einer blauen Badewanne, und Brian kaute an seiner Unterlippe herum.

„He, Brian! Is′ Taschenbillard angesagt, oder was?“

Brian nahm die Hände aus den Taschen und bedachte den Mann in seinem Schreibtischsessel mit einem finsteren Blick. Er verabscheute Belucci. Nicht, weil er die Beine auf seinen Schreibtisch zu legen pflegte und die in Caesars Theatre bislang übliche Etikette bei jedem seiner Auftritte verletzte. Damit hätte Brian leben können – schließlich gingen genug Flegel im Kasino ein und aus. Nein, nicht deswegen. Aber Belucci war Kettenraucher, und Brian hasste kaum etwas so sehr wie Zigarettenrauch.

„Die Kleine macht ihre Sache gut, findest du nicht, Brian?“ Belucci schnippte die Asche von seiner Zigarette. Er beobachtete das lustvolle Treiben auf dem Monitor eher mit amüsiertem Spott. „Wie ein Profi, alle Wetter, wie ein Profi.“

Vor der Kulisse des blauen Badezimmers auf dem Monitor sah man den dunkelblonden Haarschopf des Mannes nur noch selten über dem Badewannenrand auftauchen. Der weiße Oberkörper der Frau dagegen tanzte gut sichtbar auf und ab. Sie schien auf dem Mann zu reiten, ihre nassen Locken peitschten um Schultern und Gesicht, ihr Brüste wippten auf und ab.

„Ich dachte, sie ist Profi.“ Brian knurrte unfreundlich. Trotzdem gelang es ihm nicht, die Heiserkeit seiner Stimme zu überspielen. Seine Hände steckten längst wieder in den Hosentaschen.

„Natürlich ist sie Profi, Mann! Aber noch ganz neu im Geschäft!“

„Und wie bist du an sie gekommen?“ Brian fixierte die dunklen Augen des Jüngeren, um nicht auf die Zigarette sehen zu müssen. Belucci rauchte seine Zigaretten in Elfenbeinspitzen und benutzte Aschenbecher nur, um seine Kippen hinein zu werfen. Das machte Brian halb verrückt.

„Auf einer Elite-Universität hab ich sie nicht getroffen!“ Belucci lachte. Er hatte ein kleines, rundes Gesicht mit eher weichen Zügen. Sein schwarzes Haar glänzte von Pomade und war zu einem langen, langen Zopf zusammen gebunden. Die Stupsnase und der Schmollmund mochten ihren Teil zu seinem Spitznamen beigetragen haben: Den „Marder“ nannte man ihn in einschlägigen Kreisen. Kreise, von denen Brian bisher nur eine vage Vorstellung hatte.

Belucci drückte seine Zigarette aus dem Mundstück in den Ascher „Die lungern doch zu Tausenden auf der Straße herum.“ So flink, dass Brians Augen kaum folgen konnten, fischte er ein Elfenbeinetui aus seinem Jackett und holte die nächste Zigarette heraus. „In Frisco, in San Diego, in Cleveland, in Baltimore, überall. Warten auf jemanden, dem sie ihre Seele verkaufen können.“

Brian beugte sich über seinen Schreibtisch. Demonstrativ zog er den Aschenbecher heran und drückte die noch glühende Kippe aus. Belucci achtete nicht darauf. Auf dem Monitor trug ein nackter Mann eine nackte Frau aus dem Bad zum Bett.

„Und was kostet so ein leckeres Seelchen?“, erkundigte Brian sich in gelangweiltem Tonfall.

Wieder entblößte der junge Belucci sein tadelloses Gebiss. Er konnte gut lachen, das musste man ihm lassen. „Einen Tausender für so einen Vormittag.“ Er deutete auf den Monitor. „Aber für Geschäftspartner machen wir schon mal einen Freundschaftspreis.“

„Und wie viel von dem Tausender bleibt für das Mädchen übrig?“

„Betriebsgeheimnis, Mister Forster, Betriebsgeheimnis.“ Belucci taxierte den Grauhaarigen. Seine Züge hatten plötzlich etwas Lauerndes. „Du bist neugierig. Ich mag keine neugierigen Leute um mich.“

„Nicht neugierig, Tibor, überhaupt nicht neugierig.“ Brian grinste verkrampft. „Reines Interesse. Vergiss es.“

Belucci antwortete nicht. Während der ganzen zehn Minuten, die er noch in Brians Büro verbrachte, nicht. Das machte den Empfangschef des Kasinos nervös.

Von Anfang an hatte ihn die körperliche Nähe des Marders nervös gemacht, seit er vor anderthalb Jahren zum ersten Mal in Caesars Theatre aufgetaucht war. Wenige Wochen darauf brach sich ein wichtiger Mann der Geschäftsführung bei einem Sturz vom Balkon seiner Villa das Genick. Und einen Monat später saß Tibor Belucci auf einmal in der Geschäftsführung.

Seitdem arbeitete Brian für den Italoamerikaner, und seitdem verging keine Woche mehr, ohne dass er persönlich mit ihm zu tun bekam. Kaum glaubte er, den Gestank nach kaltem Rauch endlich aus seinem Büro vertrieben zu haben, stand Belucci wieder auf der Matte und verpestete die Luft aufs Neue.

Andererseits – er zahlte gut. Sehr gut sogar. Grund genug für Brian, sich mit ihm zu arrangieren.

Brian schaltete auf einen anderen Monitor um. Jetzt sah man das Paar auf dem Bett herumtoben. Er hätte gern den Ton dazugeschaltet, aber Belucci mochte das Geschrei und Gestöhne nicht.

Natürlich hatte Brian gehört, dass inzwischen sämtliche Callgirls von Las Vegas auf der Gehaltsliste von Beluccis Firma standen. Auch, dass einige Frauen spurlos verschwunden waren, hatte er gehört. Verschwunden, wie übrigens auch zwei Geschäftsführer anderer Kasinos. Aber er verbot sich, über diese Dinge nachzudenken. Belucci zahlte gut, und basta.

Irgendwann schwang Belucci seine Beine vom Schreibtisch. Er trug einen dunkelgrauen Anzug mit Fischgrätenmuster. „Okay, Brian. Wenn er abreist, schick mir die Filme.“ Er setzte einen schwarzen Lederhut mit breiter Krempe auf und stelzte aus dem Büro. Draußen vor der Tür wartete seine Bodyguards auf ihn.

„Wird erledigt, Tibor“, sagte Brian, aber die Tür fiel bereits ins Schloss. Brian hatte gehört, dass Belucci erst nach der Abreise der Männer so richtig absahnte. Aber auch darüber nachzudenken verbot er sich.

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Ich trat aus der Haustür. Immer noch war Wochenende, und immer noch schien die Märzsonne auf die Canal Street. Doch ich konnte dem Tag nichts Freundliches mehr abgewinnen. Ein Polizeiarzt drängte sich an mir vorbei. Und gleich darauf ein Team vom Erkennungsdienst. Sie grüßten flüchtig.

Statt Flohmarkthändlern und Einkaufsbummlern sah ich Cops, Sanitäter und Scharfschützen zwischen den Ständen. Die Polizei hatte die Straße vor dem Haus weiträumig abgesperrt. Vor dem Haus und hinter den Trassierbändern standen Einsatzfahrzeuge mit blinkenden Rotlichtern. Und hinter ihnen Massen von Schaulustigen. Das Viertel schien erfüllt von Sirenengeheul.

Ein Ambulanzwagen rollte an. Ich zuckte zusammen, als seine Sirene aufheulte. Cops hoben das Trassierband, und der Wagen bohrte sich durch die Gasse, die sich in der Menge bildete. Vier Kollegen des Zentrallabors trugen zwei Zinkwannen über die Straße.

„Hat’s hier unten Verletzte gegeben?“ Ich machte ihnen Platz.

„Eine Frau ist von einem Querschläger getroffen worden.“ Die Sargträger balancierten ihre Wannen ins Treppenhaus. „Schwere Kopfverletzung.“

„Shit.“ Zum ersten Mal spürte ich Wut auf die Schützen.

Vor dem Stand mit den Gemälden und Drucken entdeckte ich einen silbergrauen Mercury. Clives und Orrys Dienstwagen. Zusammen mit Milo und ein paar Zeugen standen sie vor der offenen Beifahrertür. Die Frau, die Milo mit seinem Spiegel angerempelt hatte, war unter ihnen. Sie lehnte gegen den Wagen und rauchte.

Meine Knie waren aus heißer Butter, als ich über die Straße ging. Clive vernahm die Augenzeugen und Orry notierte. „Warum machen die Cops das nicht?“, wollte ich wissen.

„Unser Fall“, sagte Milo. Aus dem Funkverkehr der Cops wusste er, dass im dritten Stock zwei Leichen lagen. „Die Kerle wollten uns – das heißt, euch, Jesse. Liegt doch auf der Hand, oder?“

Ich nickte. Hässlicher Gedanke, aber es lag wirklich auf der Hand. Ich dachte an den Lichtfleck auf Milos Stirn, und ein kalter Schauer rieselte über meinen Rücken. „Haben die Cops den Zweiten erwischt?“ Überflüssige Frage im Grunde, und Milo zuckte nur mit den Schultern.

„Das Police Department hat sämtliche verfügbare Streifenwagen südlich der Houston Street mobilisiert“, sagte Orry. „Sie haben Chinatown und Little Italy abgeriegelt. Spezialeinheiten durchkämmen die Viertel. Der Killer scheint sich in Luft aufgelöst zu haben.“

„Wir kriegen ihn“, knurrte Milo.

„Was bin ich für ein Pechvogel.“ Marion war blass, und die Zigarette in ihrer Rechten zitterte. „Schlendere über den Flohmarkt, denk an nichts Böses und stoße ausgerechnet mit zwei Bullen zusammen, die auf der Abschussliste eines Wahnsinnigen stehen.“ Sie seufzte und verdrehte die Augen.

„Trevellian“, sagte ich. „Jesse Trevellian vom FBI. Haben sie mal ‘ne Zigarette für einen Bullen, der zufällig noch reden und rauchen kann?“

„Und der noch immer auf einer Abschussliste steht.“ Sie fingerte eine Schachtel Benson & Hedges aus ihrem Trenchcoat. „Marion Kingsley. Freut mich überhaupt nicht, Sie kennen zu lernen.“

„Nicht so schlimm.“ Ich nahm mir eine Zigarette, und sie gab mir Feuer. Ihre Hand zitterte noch immer.

„Hören Sie, Marion.“ Milo grinste, und ich fragte mich, wo er seinen Schock hingesteckt hatte. „Wann lernt man schon mal FBI-Agenten kennen?“

„Ich danke herzlich! Mein Bedarf ist gedeckt!“ Wie sie ihr Entsetzten überspielte: Ihre Lippen waren noch blass, und ihr dunkler Teint eher grau als braun, aber sie lächelte, und in ihren Augen funkelte etwas wie spöttische Neugier. Die Art, wie sie meinen Partner musterte, machte mich hellhörig. „Ich hab in Los Angeles für Ihre Firma gearbeitet, als Dolmetscherin.“

„Eine Kollegin also.“ Milo tat erfreut. „Ein Grund mehr, Sie für diese Horrorminuten zu entschädigen. Ich lade Sie zum Essen ein.“

„Wir laden Marion zum Essen ein, wolltest du sicher sagen.“ Mein Partner schien meinen Einwand gar nicht zu hören. Er zückte schon seine Karte. Ich überließ ihm den Part, für den ein gnädiges Schicksal ihm ein geradezu geniales Talent in die Wiege gelegt hatte.

Die Sache nahm ihren üblichen Lauf. Ich wandte mich ab, rauchte, und sah hinauf zu dem zerschossenen Fenster im dritten Stock. Wenn die Kerle wirklich uns im Visier hatten – und daran zweifelte ich nicht – dann hatten sie dort oben auf uns gewartet. Und wenn sie auf uns gewartet hatten, mussten sie gewusst haben, dass an diesem Morgen der Canal Street Flea Market auf unserem Wochenendprogramm gestanden hatte. Die Götter mochten wissen, woher.

Oben am Fenster nahmen Kollegen von der Spurensicherung Fingerabdrücke ab. Nacheinander wurden die beiden Zinksärge aus der Haustür getragen. In einem lag ein unschuldiger Mann. Ein Mann, der sterben musste, weil jemand sich in den Kopf gesetzt hatte, Milo und mich zu töten. Wir hingen schon wieder mitten drin in einem neuen Fall.

Nun ja – eigentlich ein alter Fall. Aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

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7

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Vier Tage blieb Desmond Singer in Las Vegas, zwei Tage länger als geplant. Vielleicht saß er insgesamt fünf Stunden am Spieltisch, vielleicht auch sechs. Jedenfalls nicht einen Bruchteil der Zeit, die er bei seinen früheren Besuchen in der Wüstenstadt mit Zocken verbracht hatte.

Und was trieb ein Mann wie Desmond Singer – einundfünfzig Jahre alt, erfolgreicher Immobilienmakler, verheiratet, eine fast erwachsene Tochter, kurz vor der magischen Grenze zum Dollarmilliardär – was trieb ein solcher Mann vier Tage lang in Las Vegas, wenn er nicht zockte?

Das ist mit einem Wort gesagt: Er liebte. Er liebte mit allem, was dazu gehört.

Etwas detaillierter ausgedrückt: Er führte Nancy in Boutiquen und kaufte ihr Kleider; er führte Nancy zu einem Juwelier und kaufte ihr Schmuck; er führte Nancy in die feinsten Restaurants und die teuersten Bars. Und die vielen Stunden zwischen Boutiquen, Juwelier, Restaurants und Spieltisch berauschte er sich an ihrer Zärtlichkeit, an ihrem Körper.

In seiner Suite meistens, im Bett, im Bad, auf dem Tisch. Aber auch in der Garderobe einer Boutique, in der Toilette eines Restaurants und im Aufzug von Caesars Theatre.

Man kann nicht sagen, dass Singer sich als Student nicht ausgetobt hätte, aber ein erotisches Erdbeben wie dieses hatte er nie zuvor erlebt. Niemals. Ihm war, als wüchse ihm eine neue Haut, als strömte frisches Blut durch seine Adern, als würde Nancys Liebe ihn in einen anderen Mann verwandeln.

Wanda und Lorraine verblassten in seinem Bewusstsein zu verschwommenen Erinnerungen, sein Zuhause in Brooklyn lag irgendwo jenseits der Marsbahn, und der nackte Marmor-David im römischen Foyer des Kasinos erschien ihm als ein vertrauter Zwillingsbruder.

Kurz: Singer war außer sich. So außer sich und von Sinnen, wie nur die Liebe einen Menschen seiner Selbstkontrolle und seiner Sinne berauben kann. Abgesehen vielleicht von Religion und Krieg.

Am Dienstagvormittag riefen sein Direktor und seine Chefsekretärin abwechselnd und im halbstündlichen Rhythmus aus New York City an. Seine Firma brauchte ihn. Es kam also, was kommen musste: Der Abschied. Und Singer versuchte, ihn so lange wie möglich hinauszuzögern.

Am Dienstagabend saßen sie sich in einem Restaurant in Downtown gegenüber. Schwere, bordeauxrote Samtvorhänge schirmten ihren Tisch vor unerwünschten Blicken ab. Singer hielt die Hand des Mädchens, und Nancy war merkwürdig still. Ihre Blicke wanderten zwischen seinen Augen, dem neuen Brillantring an ihrer Hand, und ihrem Teller hin und her. Sie hatte ihren Salat nicht einmal angerührt. Singer war sicher, dass ihr der Abschied genauso schwer fiel wie ihm.

„Ich will nicht, dass du schlecht über mich denkst, verstehst du, Nancy.“ Er suchte nach Worten, um ihr das zu sagen, was ihm unter den Nägeln brannte. Es fiel ihm verdammt schwer, denn Singer gehörte nicht zu den Ausnahmemännern, die im nüchternen Zustand Gedichte schreiben und über Gefühle sprechen können.

„Es ist ja wahr, ich bin verheiratet ... Und es ist nicht das erste Mal, dass ich ... dass ich mir ... du weißt schon: Dass ich mir ein Mädchen kommen lasse ...“ Er winkte ab. „Ach, Shit! Du musst ja schlecht über mich denken, und Recht hast du ...“

Nancy stieß ein bitteres Lachen aus. „Was redest du, Desmond? Wenn ich erst anfange, mir den Kopf über das zu zerbrechen, was du von mir denken könntest ...“

„Ich liebe dich, Nancy.“ Endlich war es heraus.

Sie schluckte. „Mich kann man kaufen, Desmond.“

„Ich will dich in meiner Nähe haben.“

„Ich bin eine Nutte, Desmond!“ Sie sprach eindringlich, fast beschwörend. „Ich lebe von Männern wie dir!“

„Ich will, dass du damit aufhörst.“ Er küsste ihre Hand. „Ich will, dass du von hier weggehst. Ich werde dir ein Apartment in Manhattan mieten.“

Sprachlos starrte sie ihn an.

„Auch einen Job werde ich dir besorgen. Ich habe über hundert Angestellte, und in meinen Büros gibt es immer noch genug zu tun. Ich möchte, dass du so schnell wie möglich zu mir kommst. Jeder Tag, den ich dich noch hier weiß, wird mir den Schlaf rauben.“

Nancy entzog ihm ihre Hand. „Meine Mutter sagte: Was immer ein Mann nach dem Sex sagt – am Besten, du hörst nicht einmal zu.“

„Du glaubst mir nicht?“

„Du bist verheiratet, Desmond. Ich bin nicht viel älter als deine Tochter. Und ich bin eine Nutte.“

Wieder ergriff er ihre Hand und zog sie zu sich. „Du musst mir glauben, Nancy. Ich liebe dich! Komm nach New York City, ich bitte dich, komm!“

„Und was ist mit deiner Frau?“

„Das wird sich finden.“

Sie musterte ihn. Er sah das Misstrauen in ihren Augen, er sah aber auch die Angst, ihn zu verlieren. Und er verstand: Jede andere hätte sofort zugegriffen. Nancy aber fürchtete sich vor einer Enttäuschung.

„Ich muss nachdenken, Desmond. Ich brauche Zeit. Und du auch. Vielleicht denkst du in einer Woche ganz anders.“

„Drei Tage“, unterbrach er. „In drei Tagen rufe ich dich an und will deine Entscheidung hören! Gib mir deine Nummer.“

„Ich ruf dich an.‟ Sie griff nach ihrer Tasche und stand auf. Es kam ihm vor, als würde sie flüchten wollen.

Er hielt sie fest und küsste sie. „Bitte komm zu mir“, flüsterte er.

„Ich ruf dich in drei Tagen an.“ Sie nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und sah ihn an. „Verzeih mir.“ Sie machte sich von ihm los und schlüpfte durch den Vorhang. Er hörte die Absätze ihrer Pumps über den Marmorboden knallen. Nicht einmal ihre Telefonnummer hatte er.

Verzeih mir ... Desmond war verwirrt. Ihm fiel beim besten Willen nicht ein, was er ihr zu verzeihen hatte. Oder hatte sie sich in Wirklichkeit längst entschieden?

Er verzichtete auf ein Taxi für den Weg zurück zu Caesars Theatre. Seine Gedanken flogen hin und her zwischen Nancy und Lorraine, seine Gefühle zwischen Sehnsucht und Widerwille.

Vor dem Eingangspavillon stand ein Streifenwagen. Singer hätte erwartet, seinen Leihwagen samt Koffer und Tasche hier zu sehen. Der als Gladiator kostümierte Dencil palaverte mit den Cops. Auch Brian stand dabei. Vom Ferrari keine Spur.

Brian sah ihn kommen. Händeringend eilte er ihm entgegen. „Sie haben uns deinen Wagen aus der Tiefgarage gestohlen!“

„Was sagst du da?“ Die schlechte Nachricht passte zu Singers Verfassung. Dennoch glaubte er, sich verhört zu haben.

„Es tut mir so Leid, Sir!“ Der Gladiator heulte fast. „Ich kann’s mir nicht erklären, wirklich nicht! Es tut mir so Leid ...!“ Singer stand wie angewachsen.

„Ein Leihwagen, hörte ich?“ Einer der Cops trat mit gezücktem Stift und Notizblock zu ihm. „Gut versichert, schätze ich. Haben Sie mal Ihre Personalien ...?“

Brian organisierte einen Flug über Dallas, Atlanta und Washington nach La Guardia. Am Schalter der EASTERN AIRLINE der nächste Schock: Zwei seiner Kreditkarten, mit denen er bezahlen wollte, waren nicht mehr gedeckt. Er versuchte sich einzureden, dass Nancy ganz bestimmt nichts damit zu tun hatte, mit dem Wagendiebstahl nicht, mit seinen ungedeckten Karten nicht.

Nach ein paar Telefonaten wusste Singer, dass irgendjemand für mindestens zweihunderttausend Dollar auf seine Kosten eingekauft hatte. Unangenehm, sicher, aber nur ein Vorgeschmack dessen, was ihn noch erwartete.

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8

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Mit dem Taxi fuhr er zurück zu Caesars Theatre. Er sprang die Rolltreppe hinauf. Brian kam ihm entgegen. Er hatte ihn über die Außenkamera aus dem Taxi steigen sehen. „Desmond? Dein Flieger ist doch längst gestartet!“ Neben dem Marmornackedei blieb er stehen und wartete.

Singer packte ihn am Arm und zog ihn Richtung Säulenportal.

„Was ist los, Desmond? Du bist so bleich. Ist was passiert?“

„Unter vier Augen!“ Er zerrte den Empfangschef in sein Büro, schloss die Tür hinter sich ab und stieß ihn in den Sessel.

„Vielleicht kommt es vor, dass in Nobelschuppen wie diesem Autos aus der Tiefgarage verschwinden! Aber wenn gleichzeitig jemand mit meinen Kreditkarten einkauft, glaub ich an keinen Zufall mehr!“ Singer sprach gefährlich leise. Er kochte vor Wut.

„Kreditkarten? Ich versteh kein Wort!“

Singer packte ihn an seinem weißen Jackett und riss ihn hoch. „Auf meinen Konten fehlen mindestens zweihunderttausend Dollar! Ich weiß genau, was ich in Las Vegas wo und mit welchen Kreditkarten bezahlt habe!“

„Für meine Leute lege ich die Hand ins Feuer, für jeden!“

„Ich will Nancys Adresse und Telefonnummer!“ Er schüttelte den Grauhaarigen.

„Hab ich nicht“, keuchte Brian. „Aber wir könnten die Polizei rufen.“

Singer musste nicht lange nachdenken. Die Polizei – das bedeutete Briefe und Anrufe aus Las Vegas. Wie sollte er Lorraine das erklären? Schlimm genug, dass er wegen des gestohlenen Wagens schon Kontakt mit der Polizei hatte.

„Nummer und Adresse von Nancy!“, zischte er. „Raus damit!“

„Sorry, Desmond. Hab ich nicht.“

„Du hast sie doch für mich engagiert!“ Er versetzte Brian einen Magenhaken. Der Mann sackte stöhnend in den Sessel. „Los, raus damit!“

„Das lief über eine Agentur ...“

Singer schlug ihm die geballte Faust ins Gesicht, zweimal, dreimal, bis Brian das Blut aus Mund und Nase lief. Dann packte er eine Bronzefigur, eine nackte Venus auf einem Sockel, und begann wahllos auf Schränke und Tische einzuschlagen.

„Heiliger Jesus!“ Brian stellte sich ihm mit flehend erhobenen Armen in den Weg. „Hör auf! Hör auf!“ Er kritzelte ihm eine Adresse und eine Nummer auf einen Zettel.

„Wenn du mich verschaukelst, schicke ich dir einen Profi!“ Das war ein Bluff, Singer kannte keine „Profis“. Aber in diesen Minuten war er zu allem entschlossen. Die Enttäuschung über Nancy brannte wie Feuer in seinen Knochen.

Er stieg in ein Taxi und drückte dem Fahrer die Adresse in die Hand. Der fuhr ihn zu einem Apartmenthaus in Downtown. Er bezahlte den Fahrer, lief zum Hauseingang und ging die Namen auf den Klingelschildern durch.

Nancy Cohen, da stand er! Erregung, Schmerz und Zorn schnürten ihm Herz und Kehle zusammen. Er räusperte sich ein paar Mal, dann drückte er auf den Knopf.

Singer wusste nicht, was er ihr sagen sollte. Er wusste ja nicht einmal sicher, ob wirklich Nancy hinter dem verschwundenen Leihwagen und dem Fehlbetrag auf seinen Konten steckte. Wer aber war ihm in den letzten Tagen sonst nahe genug gekommen, um sich unbemerkt Autoschlüssel und Kreditkarten ausleihen zu können?

Er hoffte inständig, dass er sich täuschte.

„Ja, bitte?“ Eine Männerstimme schnarrte aus der Gegensprechanlage.

„Desmond Singer. Ich möchte zu Mrs. Cohen.“

„Kommen Sie hoch, Sir, viertes Obergeschoss.“ Der Türöffner summte. Singer trat ein, holte den Lift und fuhr in den vierten Stock hinauf. Es gefiel ihm nicht, einen Mann bei Nancy anzutreffen.

Die Lifttüren schoben sich auseinander. Singer verließ den Aufzug und sah sich um.

„Treten Sie näher, Mr. Singer.“ Ein paar Schritte rechts vom Lift sah er eine weiße Apartmenttür, die halb offen stand. Aus der Wohnung hinter ihr kam die Männerstimme.

„Hallo?“ Auf der Türschwelle zögerte Singer. „Nancy?“

„Kommen Sie einfach herein, Sir. Wir sind gerade beschäftigt.“ Singer drückte die Tür auf. Ihm war nicht wohl in seiner Haut. Angst mischte sich plötzlich in seine Wut und Enttäuschung.

Die Tür wurde aufgerissen, und dann ging alles Schlag auf Schlag: Zwei Männer mit Nylonstrümpfen über den Köpfen zerrten ihn in das Apartment. Ein Schlag auf den Hinterkopf betäubte ihn für Bruchteile von Sekunden, er taumelte, schlug lang auf den Boden. Und als er die Augen aufriss und nach oben sah, standen vier Maskierte um ihn herum.

„Wir mögen es nicht, wenn man unseren Mädchen hinterher spioniert, Singer“, sagte einer von ihnen. „Wenn Sie am Leben hängen, meiden Sie in Zukunft Las Vegas. Und damit Sie begreifen, wie ernst es uns ist ....“

Der Mann holte mit einem Hartgummistock aus. Singer barg seinen Kopf unter den Armen. Der Hieb traf ihn schmerzhaft am Ellenbogen. Sie traktierten ihn mit Fußtritten und Stockschlägen, bis er das Bewusstsein verlor.

Als er zu sich kam, war es dunkel, und er lag in der Böschung am Rand einer vierspurigen Straße. Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war: Sie hatten ihm seine Armbanduhr gestohlen. Auch seine Brieftasche fehlte.

Sein Kopf dröhnte, und der Nachthimmel über ihm dröhnte. Er blickte nach oben – die Silhouette einer Verkehrsmaschine schob sich über ihn hinweg. Ihre Scheinwerferkegel bohrten sich durch den Nachtdunst.

Er sah sich um. In der Ferne, dort wo das Flugzeug niederging, glitzerten Lichter – der Flughafen von Las Vegas.

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Terry McLynn, Jahrgang ‘71, wohnt seit sechs Jahren in der Canal Street. Seit er im Beekman Downtown Hospital eine Stelle als Operationspfleger angetreten hat.“

Milo blätterte in den Unterlagen, die er vor sich auf dem Konferenztisch ausgebreitet hatte. „Er wurde schnell zum stellvertretenden Leiter des chirurgischen OPs befördert, Moment mal – vor dreieinhalb Jahren genau; und vor einem knappen Jahr hat ihn die Klinikleitung zum Chefpfleger der Abteilung gemacht.“ Er beugte sich zur Seite, weil Mandy ihm Kaffee einschenkte. Bereits die zweite Runde.

Es war ein Mittwochmorgen. Wir gingen nach wie vor davon aus, dass die Schüsse auf dem Canal Street Flea Market Milo gegolten hatten. Und mit einiger Wahrscheinlichkeit auch mir.

„Mit einem Wort: McLynn hat seinen Job gut gemacht. Außerdem war er beliebt. Jesse und ich haben mit seinen Kollegen und Vorgesetzten gesprochen. Keiner kann noch recht glauben, dass der good guy nicht mehr zur Arbeit kommen wird.“

Drei Tage lang hatten wir geackert, und die ersten konkreten Ermittlungsergebnisse lagen vor. Der Chef hörte sich unsere Berichte an.

„Was erzählen die Nachbarn?“ Jonathan McKee nickte Mandy einen Dank zu und rührte seinen Kaffee um. „Hat einer den zweiten Toten je zuvor im Haus gesehen?“

„Nein, Sir“, sagte ich. „McLynn hatte öfter Männerbesuch, er war schwul. Aber an das Gesicht des Toten kann sich niemand erinnern. In der Nacht vor der Schießerei hatte er Bereitschaftsdienst gehabt. Nach Auskunft der Klinik stand er insgesamt sieben Stunden am OP-Tisch. Er muss kurz nach sieben nach Hause gekommen sein. Alles spricht dafür, dass er bald danach ins Bett gegangen ist.“

„Kurz und schlecht: McLynn scheint nicht das Geringste mit den Leuten zu tun zu haben, die auf den Flohmarkt geschossen haben.“ Milo sagte nicht: Die auf mich geschossen haben, er sagte: Die auf den Flohmarkt geschossen haben. „Vermutlich sind sie in sein Apartment eingedrungen, als er geschlafen hat. Er versuchte sogar noch zum Telefonhörer zu greifen.“

„Armer Kerl.“ Jonathan McKee betrachtete seine gefalteten Hände. Es sah aus, als wäre er tief in Gedanken versunken. In Grübeleien über Sinn und Unsinn eines solch verhängnisvollen und scheinbar zufälligen Zusammentreffens zwischen Killern und einem ganz normalen Menschen, der die ganze Nacht für sein Geld gearbeitet und außerdem noch geschlafen hatte, als das Unheil über ihn kam. Offenbar fand der Chef keine befriedigende Antwort, denn er schüttelte den Kopf. „Armer Kerl“, seufzte er noch einmal. „Nur weil irgendwelchen Verbrechern sein Fenster eine günstige Schussposition zu bieten schien ...“

„Die Kugel, die McLynn getötet hat, wurde aus geringer Entfernung abgefeuert.“ Jay Kronburg hatte die Laborberichte ausgewertet. „Ein Neun-Millimeter-Geschoss. Das Profil taucht in keiner einschlägigen Datenbank auf. Der Tote vor dem Küchenfenster wurde von zwei Kugeln getroffen. Eine stammte aus Milos SIG-Sauer. Sie durchschlug seine Brust knapp unterhalb des Schlüsselbeins, verfehlte aber den Herzbeutel um drei Millimeter. Sie war also nicht tödlich.“

„Und der tödliche Kopfschuss wurde aus der gleichen Waffe abgefeuert, mit der unser Unbekannte auch McLynn getötet hat“, ergänzte der Chef.

„Korrekt.“ Jay und Leslie nickten. „Auch sie wurde aus kurzer Entfernung in seinen Hinterkopf gefeuert“, sagte Leslie. „Die Fingerabdrücke am Fenster stammen übrigens von dem Toten.“

„Der Mann sitzt also am Fenster und wartet, bis er Milo und Jesse unten auf dem Flohmarkt entdeckt.“ Jonathan McKee sprach mit halb geschlossenen Augen. Es war, als würde er einen Film beschreiben, den nur er sah. „Sein Komplize erschießt den ahnungslosen McLynn. Der Mann am Fenster nimmt Milo ins Visier.“ Der Chef sah aus. „Haben Sie irgendwelche Fotos von Jesse und Milo bei dem Mann gefunden?“

„Nein, Sir“, sagte Clive.

„Also: Der Schütze nimmt Milo ins Visier“, fuhr der Chef fort, den Anschlag zu rekonstruieren. „Jesse verhindert das Schlimmste, der Schusswechsel entbrennt, der Schütze wird getroffen. Er ist verwundet, kann das Gewehr nicht mehr halten, will fliehen. Sein Komplize schießt ihn von hinten in den Kopf.“

„Wahrscheinlich hat er dem Angeschossenen keine allzu hohen Fluchtchancen eingeräumt“, schaltete Clive Caravaggio sich ein. „Und vermutlich wollte er uns niemanden zurücklassen, der noch reden kann.“

„Was für ein kaltblütiges Pack!“, raunzte Jay.

„Was haben Sie über den Mann herausgefunden?“ Die Frage des Chefs galt Clive und Orry.

„Man kriegt so allerhand raus, wenn man sich fast siebzig Stunden lang mit einem Menschen beschäftigt“, sagte Orry. „Selbst wenn der Betreffende tot ist. Zum Beispiel, dass ein Mann Geld für tägliche Saunabesuche ausgibt, und gleichzeitig seine Zähne verfaulen lässt. Das Letzte wissen wir aus dem Obduktionsbericht, das erste aus dem Inhalt seiner Hosentasche – lauter Quittungen einer Sauna in der Mott Street.“

„Ein Killer, der Angst vor dem Zahnarzt hat ...“, knurrte Jay.

„Der Mann heißt Anthony Squeeze“, fuhr Orry fort. „In den Kreisen, in denen er verkehrte, nannten sie ihn Cheese. Vermutlich, weil er unter extremen Schweißfüßen litt.“

„Woher wisst ihr das?“, staunte Leslie.

„Wir haben uns in seiner Sauna umgehört. Zwei Mitarbeiter dort erkannten ihn auf dem Foto. Sie wussten von seinen Schweißfüßen, kannten seinen Spitznamen, konnten seinen Lieblings-Footballclub nennen, kannten seine Stammkneipe. Nur, wo er wohnte, und womit er sein Geld verdiente, wussten sie nicht. Seine Stammkneipe übrigens ist eine Spelunke in SoHo. Von dort führt die Spur zu einem Schrottplatz in der Bronx. Dort hat Squeeze häufig Schießübungen gemacht.“

„Dann haben ihr doch sicher auch herausgekriegt, wer sein Komplize war“, sagte ich.

„Nicht direkt.“ Orry zuckte mit den Schultern. „Keinen Namen jedenfalls. Nur eine vage Personenbeschreibung.“ Orry verteilte die Kopie eines Phantombilds. Es zeigte ein eingefallenes Männergesicht mit Schnurrbart und streichholzlangem Bürstenhaarschnitt. Ein asiatisches Gesicht.

„Nur zwei Leute haben ihn mit Squeeze zusammen gesehen“, sagte Orry. „Der eine hält ihn für einen Chinesen, der zweite behauptet, es sei ein Japaner gewesen. Einen der beiden haben wir festgenommen. Die City-Police sucht ihn seit ein paar Wochen wegen Hehlerei.“

„Schicken Sie einen Fotografen und einen Maskenbildner in die Pathologie.“ Der Chef stand auf und begann in seinem Büro auf und ab zu gehen. „Sie sollen Squeezes Leiche ein bisschen zurechtmachen und ein brauchbares Porträtfoto schießen. Das Bild muss so schnell wie möglich in die Medien. Vielleicht meldet sich sein Vermieter. Wir müssen Squeezes Wohnung durchsuchen.“

„Wird erledigt, Sir.“ Orry notierte den Auftrag in seinem Kalender. „Aber zurück zu dem Asiaten. Der Hehler will wissen, dass der Mann noch nicht lange in der Stadt ist. Angeblich kommt er aus Las Vegas. Und angeblich – jetzt kommt’s – arbeitet er für einen ganz dicken Fisch aus der Unterwelt. Für einen Mann, den sie den Indio nennen.“

Lange Sekunden herrschte Totenstille im Chefbüro. Milo und ich sahen uns an. Mein Partner machte ein Gesicht, als hätte ihm jemand gesagt, er sähe der englischen Queen-Mum zum Verwechseln ähnlich. Herzlichen Glückwunsch!, dachte ich. Der Indio!

Der Kampf damals – der Kampf um das Leben einer unschuldigen Familie – hatte nur ein paar Stunden gedauert. Doch selbst, wenn der neue Fall sich nur halb so gefährlich und bleihaltig entwickeln sollte wie der erste Zusammenstoß mit dem Syndikat des Indios, selbst dann standen uns hässliche Zeiten ins Haus. Das war mir sofort klar. Allen war das klar.

Jonathan McKee zum Beispiel war stehen geblieben, als wäre er gegen eine Glasscheibe geprallt. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen und klebten an Orry Medinas braungebranntem Gesicht. Vermutlich war er nicht sicher, ob er seinen Ohren trauen durfte und wartete darauf, dass Orry sich korrigierte. Oder wiederholte.

„Ja, Sir“, sagte der. „Sie haben richtig gehört: Bronco Belucci, der Indio. Es scheint ihm nicht zu reichen, dass sein Anwalt einen Freispruch durchgesetzt hat. Seine sizilianischen Gene gehen mit ihm durch: Er will Rache.“

„Gütiger Himmel!“ Milo kam mir vor wie betäubt. „Ausgerechnet Belucci!“

Der alte Belucci wollte eine kriminelle Organisation in Manhattan aufbauen. Auf Schutzgelderpressung, Drogenhandel und Prostitution basierte sein „Geschäftskonzept“. Davon jedenfalls waren wir überzeugt. Leider nicht das Gericht, vor dem der Clanchef sich verantworten musste. Der Richter hatte ihn freigesprochen – „mangels Beweise“. Ein schwarzer Tag für die Federal Plaza war das gewesen.

Sein Sohn Rosco sollte den Manhattaner Ableger des Belucci-Clans leiten. Ein unbeteiligter Gast eines China-Grills hatte Belucci junior in Notwehr erschossen (Fußnote: Siehe JC Band 2318, Die Unschuldigen und die Höllenhunde). War es fünf Monate her? Oder schon ein halbes Jahr?

„Diese Krake, dieser ...“ Jonathan McKee unterdrückte einen Fluch und ließ sich auf seinen Stuhl fallen. Sein Gesicht hatte sich verfinstert, seine Fingerbeeren trommelten auf die Tischplatte. „Er könnte längst hinter Gittern sitzen. McLynn würde noch leben.“ Er blickte in die Runde. „Entsinnen Sie sich an seinen Anwalt?“

Natürlich erinnerte ich mich. Ein Staranwalt, den sich kein Normalsterblicher leisten konnte. Ich hatte mich vor Gericht von ihm befragen lassen müssen.

„Dieser aalglatte Schnösel!“ Jonathan McKee schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Er ist mit Schuld an McLynns Tod!“ Der ungewöhnliche Gefühlsausbruch unseres Chefs machte uns betroffen. „Mit Schuld an den schweren Verletzungen einer unbeteiligten Frau!“

„Jesse und Milo haben zwei wichtige Männer Beluccis erschossen“, sagte Orry. „Klar stehen sie auf seiner Todesliste.“

„Und wir beide haben ihn damals verhaftet“, gab Clive zu bedenken. Er zog die Brauen hoch.

„Sobald wir mehr wissen, werde ich diesen Anwalt anrufen und die Presse informieren.“ Jonathan McKees Gestalt straffte sich; als würde er den Ärger über Justiz und Anwalt abschütteln wollen. „Also gut, Gentlemen, machen wir weiter.“ Er wandte sich an seinen Stellvertreter. „Bilden Sie eine Sondereinheit, Clive. Experten vom Erkennungsdienst, Männer und Frauen mit Undercover-Erfahrungen, alles, was wir brauchen. Zwanzig Agenten dürfen es schon sein. Und denken Sie an das Foto von Squeeze, Orry.“

Fast gleichzeitig standen Orry und Clive auf, fast gleichzeitig griffen sie zu ihren Handys.

„Und Sie, Leslie und Jay, nehmen bitte Kontakt mit den District Offices in Cleveland, San Diego und Las Vegas auf. Ich will wissen, was die Kollegen dort über die Machenschaften der Beluccis herausgefunden haben.“

In all diesen Städten beherrschten Beluccis die Unterwelt. Kronprinzen des Clanchefs gewissermaßen: Zwei weitere Söhne in San Diego und Las Vegas, Bronco Beluccis jüngerer Bruder in Cleveland.

„Machen wir, Sir“, brummte Jay. „Wollen Sie’s schriftlich?“

„Ich bitte darum. Schicken Sie mir die Informationen in meine Mailbox.“ Jonathan McKee wandte sich an Milo und mich. „Sie müssen auf der Hut sein, alle beide. Nach dem ersten Fehlschlag wird Belucci – wenn er denn wirklich dahinter steckt – nicht sofort wieder angreifen. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis er den nächsten Killer auf Sie ansetzt.“

„Was ist unser Job, Sir?“, sagte Milo. „Sollen wir uns um die Presse kümmern? Oder sollen wir Squeezes Apartment suchen?“

„Mit der Presse schlag ich mich lieber selbst herum. Die rufen fast stündlich im Vorzimmer an. Und um Squeeze soll Orry sich kümmern. Er ist schon eingearbeitet.“

Jonathan McKee neigte den Kopf, rieb sich das Kinn, und musterte uns nachdenklich. Er brütete irgendetwas aus, keine Frage. „Ich überlege mir, ob wir Belucci nicht mit seinen eigenen Methoden schlagen könnten.“

„Was meinen Sie, Sir?“ Ich konnte dem Chef nicht ganz folgen.

„Nun ja, der Asiat, der den Killer engagierte, kam angeblich aus Las Vegas. Möglich, dass Belucci senior sich dort bei seinem ältesten Sohn aufhält. Möglich auch, dass sein Todesbote sich dorthin zurück gezogen hat.“

„Schwer vorstellbar, dass er ausgerechnet diejenigen dort erwartet, die auf seiner Todesliste stehen.“ Milo sprach mit einem verschwörerischen Unterton.

Und jetzt begriff auch ich. „Sie meinen, Milo und ich überraschen die Beluccis in Las Vegas?“

Jonathan McKee nickte langsam. „Wenn Sie einverstanden sind?“

Wir sahen uns an. Milo war einverstanden, das las ich in seiner Miene. „Einverstanden, Sir.“

„Warten Sie noch zwei Tage ab. Bis Jay und Leslie einen Bericht der Kollegen in Las Vegas vorlegen. Mit ein bisschen Glück wissen wir bis dahin auch mehr über den Asiaten.“

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Die Fassaden der Häuserblocks auf der Flatbush Avenue glitten vorüber. Dichter Verkehr in beiden Fahrtrichtungen, die Rushhour setzte ein. In Windschutzscheiben und glänzenden Lackkarossen brach sich das Licht der Nachmittagssonne. Mit jedem Tag, den der März älter wurde, gewann sie an Kraft.

Sie erreichte Singers verdüstertes Gemüt genauso wenig, wie die Worte seiner Tochter.

„Es ist schlimm, Dad, aber sieh mal: Du lebst noch, und das ist das Wichtigste! Andere werden bei solchen Überfällen schwer verletzt oder getötet. Du aber hast Glück gehabt! Sieh es doch einmal so.“ Sie lehnte sich gegen ihn und seufzte. „Wir haben dich lebend zurückbekommen. Ist das nicht ein Grund, dankbar zu sein?“

Wanda saß neben ihm auf dem Beifahrersitz. Sie trug einen schwarzen Popelinemantel über ihrem Tennisdress, ein frackartiges Teil, Singer mochte es an ihr.

„Außerdem wird die Polizei die Kerle kriegen.“ Er spürte ihre dunklen Locken an seinem Hals und dachte an Nancy. Nichts schmerzte so sehr, wie der Gedanke an sie: Das verlorene Geld nicht, die gebrochene Rippe nicht, die Prellungen und Platzwunden am Kopf nicht.

„Glaube ich nicht“, knurrte er. Er gab sich alle Mühe, seine aufgewühlten Gefühle im Schach zu halten. Es fiel ihm schwer.

„Natürlich werden sie diese Verbrecher schnappen!“ Sie hob den Kopf und blitzte ihn von der Seite an. „Du bist doch nicht irgendjemand, Dad! Die werden schon alle Hebel in Bewegung setzen, um diese Mistkerle zu fassen und zu bestrafen!“

Aus den Augenwinkeln sah er die steile Falte zwischen ihren Brauen und die trotzig vorgeschobene Unterlippe. Gott, wie er seine Tochter liebte! Und wie sehr sie ihn an Nancy erinnerte! Es schnürte ihm die Kehle zusammen. Er wandte sich nach links, so dass sie ihn nicht sehen konnte. Auf der Gegenfahrbahn fuhren sie nur noch Schritttempo.

„Hast du Schmerzen, Dad?“ Ihre Stimme nahm sofort jenen besorgten Klang an, den er so gut an ihr kannte. Schon als Kind hatte sie immer als erste gespürt, wenn er Sorgen hatte.

„Manchmal, beim Atmen.“ Er winkte ab. „Nicht der Rede wert.“ Über den Schmerz, der ihn wirklich quälte – der ihn fast wahnsinnig machte – konnte er nicht reden. Mit niemandem.

„Du solltest auf Dr. Rees hören, Dad.“ Sein Hausarzt hatte ihm empfohlen, sich für ein paar Tage ins Bett zu legen. „In dem Zustand kannst du doch nicht ins Büro gehen!“

„Ich muss, Darling.“

Am späten Vormittag erst war er in La Guardia gelandet. Den halben Tag hatte er in der Klinik verbracht. Und mit Telefonaten mit der Polizei von Las Vegas. Und natürlich mit einer hysterischen Ehegattin. Nun lag Lorraine in ihrem abgedunkelten Schlafzimmer. Seit zwei Stunden etwa. Mit einem Migräneanfall.

Ein Kunde hat mich nach Las Vegas eingeladen, ich konnte nicht ablehnen, aus geschäftlichen Gründen, ihr versteht. In einer Tiefgarage sind ein paar Maskierte über mich hergefallen. An mehr kann ich mich nicht erinnern.

Das war die Version seiner Geschichte, die er Lorraine und Wanda aufgetischt hatte. Und der Polizei. Und die er auch seinen engsten Mitarbeitern in der Singer & Partner Co. Ltd. erzählen würde.

Rechts tauchte das Hinweisschild zum Tennisclub des Brooklyn College auf. Er setzte den Blinker und bog ab. Die Tennisanlagen schoben sich in sein Blickfeld.

Singer beneidete seine Tochter. Den Rest des Tages würde sie hier mit Tennisspielen und Flirten verbringen. Und mit einem Cocktail an der Clubbar. Wie einfach war das Leben einmal, dachte er. Er stoppte seinen schwarzen BMW. „Viel Spaß, Darling.“

Wanda küsste ihn auf die Wange. „Versprich mir, dass du nicht länger als zwei Stunden im Büro bleibst.“

Singer zwang sich zu einem Lächeln. „Nur wenn du mir versprichst, ihn mir am Wochenende vorzustellen.“

Wanda stutzte einen Moment, dann lachte sie. „Einverstanden.“ Sie stieß die Wagentür auf und stieg aus. „Aber ich prüfe nach, wie lange du im Büro warst!“

„Okay. Komm nicht so spät nach Hause.“

„Dad!“ Sie tat entrüstet. „Ich bin einundzwanzig Jahre alt!“ Sie schlug die Tür heftiger zu als sonst. Als wollte sie den Satz unterstreichen.

Singer sah ihr nach, bis sie im Eingang des Clubhauses verschwunden war. Nancys Bild stand ihm überdeutlich vor dem inneren Auge. Nancy war zweiundzwanzig Jahre alt. Wenigstens hatte sie das behauptet.

Er fuhr Richtung Brooklyn Bridge. Der Verkehr auf der Gegenfahrbahn stand still. Hupkonzerte gellten über die Flatbush Avenue. Die Luft roch nach Benzin. Richtung Manhattan ging es relativ flüssig voran. Um diese Zeit fuhr kaum noch jemand zur Arbeit in Lower Manhattan.

Der Anruf kam mitten auf der Brooklyn Bridge. Eine unbekannte Nummer erschien auf dem Display seines Handys. Nur die Vorwahl kannte Singer: Las Vegas. Sein Herz schlug höher, er drückte den Abnahmeknopf. „Singer?“

„Gott, Desmond! Ich bin so froh, deine Stimme zu hören!“

Ihm selbst ging die Frauenstimme aus dem Lautsprecher der Freisprechanlage durch Mark und Bein. „Nancy“, flüsterte er.

„Es tut mir so Leid, Desmond, so Leid! Ich musste es tun! Sie hätten mich umgebracht, wenn ich es nicht getan hätte. Ich schäme mich so!“

Ein paar Sekunden brauchte er schon, um seine Sprache wiederzufinden. Stahlseile glitten an ihm vorbei, und der Träger auf der Manhattan Seite des East Rivers. Singer war nicht sicher, ob er träumte, oder wach war. „Wenn du was nicht getan hättest?“, krächzte er schließlich.

„Wenn ich Dir nicht den Autoschlüssel und die beiden Kreditkarten für ein paar Stunden abgenommen hätte. Kannst du mir verzeihen?“

Sie redete, wie jemand kurz nach einem Autounfall oder einem vermasselten Staatsexamen redete. Weinerlich, heiser, hektisch. Von links fielen die Schatten der South Bridge Towers auf die Straße.

„Ich liebe dich, Nancy.“ Er wollte sagen: Wie kann ich dir je wieder vertrauen? Aber er sagte: Ich liebe dich.

„Ich dich auch, Desmond, ich dich auch.“ Er hörte, dass sie weinte. Und er glaubte ihr jedes Wort. „Kannst du mir verzeihen?“

Die Park Row und der City Hall Park – Singer fuhr an den Straßenrand und schaltete die Warnblinkanlage ein. „Ich weiß es nicht, Nancy, es ist so frisch, es tat so weh ... wer hat dich dazu gezwungen? Wer hätte dich umgebracht?“

„Johnny Mylay, Spencer Wycliffe und die anderen. Und ihr Chef, ich kenne seinen genauen Namen nicht. Sie nennen ihn Tibor. Oder Marder. Gott, Desmond! Haben sie dir sehr wehgetan?!“

„Sie ... sie bedrohen dich?“ Singer kam sich plötzlich vor, wie in einem schlechten Film. „Sie bringen Menschen um?“

„Wenn du wüsstest ...“ Jetzt flüsterte Nancy. „Wenn du wüsstest, was sie Diana angetan haben ...“

„Das kann doch nicht sein.“ Er dachte an den seriösen Brian.

„Es ist so. Haben sie dir sehr wehgetan?“

Singer erzählte ihr, was geschehen war. Ein paar Stichworte nur. Erst schwieg sie eine Zeitlang, dann weinte sie wieder. Lauter diesmal.

„Komm zu mir, Nancy. Ich besorge dir fürs Erste ein Hotelzimmer. Komm zu mir nach New York City.“

„Ich werd’s versuchen“, schluchzte sie. „Aber ich glaub, sie überwachen mich. Ich werd’s trotzdem versuchen.“

„Ich speichere deine Nummer.“ Er bediente die Tastatur seines Handys. „Wann erreiche ich dich morgen?“

„Am späten Vormittag.“

„Ich rufe dich vom Büro aus an. Bis dahin habe ich für dich gebucht.“

Sein Kopf war ein Bienenschwarm, als er weiterfuhr, sein Brustkorb ein Dampfkochtopf auf dem Siedepunkt. Aufs Äußerste musste er sich konzentrieren, um den Wagen starten, vom Straßenrand wegzufahren und in den Verkehr auf der Park Row einfädeln zu können.

Er bog in den Broadway ab, fuhr ein Stück nach Süden, und rollte schließlich ein Stück in die Fulton Street hinein. Die Singer & Partner Co. Ltd. hatte vier Stockwerke des A&T Buildings gemietet. Singer steuerte seinen BMW in die Tiefgarage und fuhr mit dem Aufzug in den 56. Stock.

Seine Chefsekretärin machte große Augen. „Gott sei Dank! Sie glauben gar nicht, wie wir uns gesorgt haben, Sir!“ Sie nahm ihm Mantel und Tasche ab. „Ich mach Ihnen einen Kaffee, Sir. Dr. Rawleigh hat sich vor fünf Minuten erst nach Ihnen erkundigt. Mr. Wainwrigth und Mrs. Gould wollen Sie dringend sprechen ...“

Mantel und Tasche noch in den Händen beugte sie sich über ihren Schreibtisch, um aus ihrem Kalender abzulesen, wer noch alles um einen Termin gebeten hatte. Lauter dringende Angelegenheiten selbstverständlich.

Anderthalb Stunden lang ging es zu wie in einer Castingfirma in Singers Büro: Sein Kompagnon wollte einen Bericht über die Verhandlungen in San Diego und Los Angeles; seine stellvertretenden Direktoren trugen unaufschiebbare Personalprobleme und Etatfragen vor; seine Außendienstleiter wollten seine Meinung zu neuen Kunden hören, sein Chefjurist unterrichtete ihn über laufende Prozesse und fragwürdige Vertragsformulierungen, und so weiter, und so weiter.

Längst nicht alles ließ sich in wenigen Minuten erledigen, und das Wenigste war mit einer Unterschrift getan. Im Vorzimmer vergab seine Sekretärin Termine für die nächsten beiden Tage.

Singer pflegte ein vertrautes Betriebsklima – fast alle seine Mitarbeiter sprach er mit Vornamen an – und man war gewohnt, auch über Privates zu sprechen. So blieb es nicht aus, dass fast jeder, der an diesem frühen Abend in sein Büro kam, sich nach dem Überfall erkundigte.

Ein Neukunde hat mich nach Las Vegas eingeladen, selbstverständlich konnte ich nicht ablehnen, ihr versteht. In einer Tiefgarage sind dann ein paar Maskierte über mich hergefallen. An mehr kann ich mich nicht erinnern.

Die Geschichte ging ihm von den Lippen, wie zu Collegezeiten die Liste der amerikanischen Präsidenten. Er dachte nicht mehr nach, während er sie zum Besten gab.

Für anderthalb Stunden vergaß Singer seine migränekranke Frau, vergaß Nancy, vergaß seine Schmerzen, und vergaß vor allem sich selbst. Etwas anderes blieb ihm gar nicht übrig.

Seine persönliche Post war es, die ihn aus dem Rausch der Betriebsamkeit und Routine zurück auf das heiße Blech der Realität holte: Ein ungeöffneter Brief war darunter.

Normalerweise öffnete seine Sekretärin sämtliche Post; um die Spreu vom Weizen zu trennen sozusagen. Nur Briefe, auf deren Adresse sie den Vermerk Mr. Singer persönlich las, legte sie ungeöffnet auf seinen Schreibtisch. Und auf der Adresse dieses Briefes stand es sogar fettgedruckt: Mr. Desmond Singer persönlich.

Er öffnete den Brief. Er enthielt ein Anschreiben und ein paar Fotos. Das Anschreiben lautete:

„Drei Kleinigkeiten, die du wissen musst, Singer. Erstens – unser Sicherheitsdienst wird in Zukunft ein wachsames Auge auf deine Mitarbeiter, deine Immobilienprojekte, deine Familie und dich selbst richten. Mach dir also keine Sorgen.

Diese Dienstleistung kostet dich nur ein Vertragsabschlusshonorar von fünfhunderttausend Dollar, und ab Mai zweitausend Dollar im Monat. Der Scheck wird jeweils von uns abgeholt.

Zweitens – wir gehen davon aus, dass du die Polizei mit einer guten Geschichte abspeist und deine Anzeige zurück ziehst.

Drittens – du wirst nie wieder in Las Vegas auftauchen.

Selbstverständlich steht es dir frei, diese drei Angebote – oder auch nur eins davon – abzulehnen. In diesem kaum zu erwartenden Fall werden wir uns erlauben, beiliegende Fotos der New York Post und der Daily News, und den entsprechenden Videoclip einem geneigten Fernsehsender zur Verfügung zu stellen.‟

Singers Hände zitterten, während er die Fotografien betrachtete, kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Sie zeigten ihn und Nancy in sehr intimen Situationen: Mit Champagner-Gläsern in der Badewanne seiner Suite in Caesars Theatre; im Türrahmen zwischen Bad und Schlafzimmer, wie er – selbst nackt – die nackte Nancy auf Händen trug; im Bett, wie Nancy auf ihm ritt, den Mund weit aufriss, und ihren Kopf in den Nacken bog ...

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Ich erinnere mich“, sagte Marion. „ Die New York Post hat damals zwei oder drei Titelstories aus der Geschichte gemacht. Im letzten Sommer glaub ich. Hieß der Mann nicht Selby? Robert Selby?“

„Über Namen reden wir nicht.“ Milo nippte an seinem Bier. „Gegen die Vorschrift, du verstehst. Jedenfalls hielt sich der Mann an jenem verhängnisvollen Tag mit seinen Söhnen, beide unter zehn, in einem Chinagrill an der Grenze zwischen zwischen Little Italy und Chinatown auf. Und just zur selben Stunde kommt der Belucci-Sohn mit einem Komplizen in den Laden, fuchtelt dem Inhaber und seiner Familie mit einem Schießeisen vor den Nasen herum und verlangt Schutzgeld.“ (Fußnote: Siehe JC Band 2318, Die Unschuldigen und die Höllenhunde).

Wir saßen an der Theke des „North Star Pub‟. Es muss so gegen halb zehn gewesen sein. Wie meistens an Donnerstagabenden sah man viele leere Stühle und Barhocker im Pub. Die Manhatties sparten Kraft und Geld für das Nachtleben des bevorstehenden Wochenendes.

Wir hatten Marion zum Essen in unsere Stammpizzeria eingeladen und waren anschließend noch auf ein Bier von der Grand Street in den Sea Port hinunter gefahren.

„Der Chinese, dem der Imbiss gehörte, war ein mutiger Mann, alle Achtung! Er weigerte sich zu zahlen.“ Milo zuckte mit der Schulter. „Und Rosco Belucci dreht durch und fängt an, den Laden in Trümmer zu legen. Ein verflucht jähzorniger Bursche, weiß Gott.“

„Eine Zeitbombe“, stimmte ich zu. „Unter uns gesagt: Wenn alle menschlichen Zeitbomben nur sich selbst in die Luft sprengten, gäb’s ein paar Gräber weniger auf der Welt.“

„Ja, irgendwo hat Belucci junior sich tatsächlich selbst in die Luft gesprengt“, fuhr Milo fort. „In seiner Raserei geriet er nämlich an einen der beiden Jungs dieses armen Mannes, den du Selby nanntest. Er arbeitete als Psychologe in Rikers Island, ich glaube, das tut er noch heute. Jedenfalls trug er eine Waffe. Und erschoss Rosco Belucci.“

„Und der alte Belucci, der Indio, blies zur Jagd auf den Psychologen und seine Familie.“ Die Erinnerung an diesen Abend machte mich frösteln.

„Wie furchtbar!“ Marion legte die Hände auf die Wangen. „Ich glaube, ich habe damals von mehreren Toten gelesen.“

„Stimmt. Einer der Killer tötete einen Freund der Familie. Und den Hund. Er wollte die Frau vergewaltigen. Als Jesse und ich zu dem Haus kamen, hatte sie ihm den Stiel eines Kamms in den Bauch gerammt und sprang durchs geschlossene Fenster in den Garten hinunter.“ Milo starrte in sein leeres Bierglas. „Tja, und meine Kugel hat dem Kerl den Rest gegeben.“

„Zwei andere Mobster Beluccis verfolgten sogar die Ambulanz, die Selby und seine Familie in die Klinik bringen wollte.“ Ich musste an den Augenblick denken, als wir in meinem Sportwagen hinterher fahren wollten, und ich begriff, dass Beluccis Leute mir den Reifen zerschossen hatten. Wir schlossen damals den Z3 des toten Hausfreundes der Selbys kurz und rasten hinter der Ambulanz und den Killern her. „Wir haben sie buchstäblich im letzten Augenblick erwischt. Bei der Schießerei kam Beluccis rechte Hand ums Leben.“

Marion seufzte. „Was gibt es doch für gnadenlose Menschen!“ Sie schüttelte den Kopf.

„Man erlebt schon üble Geschichten in unserer Branche.“ Er sah ein bisschen trübsinnig aus, mein Partner, und ich fand, dass es Zeit war, das Thema zu wechseln.

„Einer der Gangster landete doch vor dem Richter, oder?“, sagte Marion. „Ich kann mich an das Zeitungsbild erinnern, ein blonder Mann mit einer auffälligen Narbe im Gesicht.“

„Brian Jensen.“ Milo hob sein Glas und sah zum Kellner. „Der gehört zu den unerfreulichen Kapiteln unseres Jobs: Wir konnten ihm keinen Mord nachweisen. Das Gericht verurteilte ihn lediglich wegen Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung und wegen Körperverletzung.“

„Ein Witz.“ Marion grinste bitter.

„Leider nicht.“ Der Kellner stellte Milo ein zweites Budweiser auf den Tresen. „Müsste im Lauf des Jahres wieder aus dem Gefängnis entlassen werden.“ Er sah mich an. „Um den Kerl sollten wir uns kümmern, wenn es soweit ist.“

„Ihr steht also auf Beluccis Todesliste, weil ihr seine Rache an Selby verhindert und zwei seiner Leute getötet habt?“

„Das ist im Moment unsere Theorie.“ Von dem Asiaten, dem wir auf der Spur waren, erzählte ich ihr nichts. „Die Beluccis stammen von sizilianischen Einwanderern ab. Ein heißblütiges Völkchen. Da findet man heute noch Kreise, die an der Tradition der Blutrache kleben.“

„Genug jetzt.“ Milo hob sein volles Glas. „Sind ja grausige Geschichten!“ Er lachte Marion an. „Könnte einem glatt die Feierabendlaune vergehen. Wir werden den Kerl schon noch eines Tages kriegen. Trinken wir darauf.“ Wir stießen an und spülten die schlimmen Erinnerungen hinunter. Jedenfalls versuchten wir es.

„Und du, Marion – mit was muss sich eine Dolmetscherin wie du herumschlagen, um ihre Dollars zu verdienen?“ Milo wechselte das Thema. Endlich.

„Ich verbringe meine Arbeitszeit zu Hause, vor dem Monitor. Ein Verlag hat mich als Übersetzerin für medizinische Lehrbücher engagiert.“ Sie lachte. „Ein ruhiger Job, verglichen mit dem, was ich in Los Angeles beim FBI gemacht habe. Und Urlaub im Vergleich mit eurer Arbeit.“

Ich wollte sie fragen, ob sie meinen Neffen Will beim FBI in Los Angeles kennengelernt hatte, aber in meiner Hemdtasche vibrierte mein Handy. Also überließ ich Milo das Feld und zog das Handy heraus. „Trevellian?“

„Hi, Jesse, schon Feierabend?“ Orry war am Apparat.

„Feierabend? Nie. Was gibt’s, alter Freund?“

„Neuigkeiten von Jay und Leslie. Unsere Truppe in Las Vegas beschattet Tibor Belucci seit letzten Sommer. Es gibt da massenhaft Hinweise auf allen möglichen Dreck. Aber bis jetzt haben sie nichts gefunden, das einem Staatsanwalt gefallen könnte. Aber – sie wissen, dass der Indio seit gestern in der Stadt ist.“

„Bronco Belucci?“

„So ist es. Macht einen Familienbesuch, unsere Jungs in Las Vegas beschatten ihn. Ich dachte, ich ruf euch persönlich an und sag euch das – hab hier nämlich grad ein paar Fotos von dir und Milo in der Hand.“

„Schnüffelst du in meiner Personalakte herum?“

„Wir sind hier in Squeezes Wohnung ...“

„Sag’s doch gleich ...“

„... und da gibt’s tatsächlich so eine Art Personalakte von dir und Milo. Eure Adressen, euer morgendlicher Weg zur Federal Plaza, euer Zeitungshändler, eure Stammkneipen ... Moment mal ...“ Ich hörte Papier rascheln. „Heute ist Donnerstag, wir haben jetzt fast neun Uhr, da müsstest du entweder im Mezzogiorno oder im North Star Pub sein.“

„Hör auf, Orry.“ Mir wurde schlecht.

„Ein paar Zeitungsausschnitte mit Fotos von dir oder Milo, nicht besonders vorteilhaft: Milos Lederjacke macht sich nicht gut, und du solltest dir endlich mal einen neuen Anzug schneidern lassen ...“

„Ich find’ das nicht witzig, ehrlich ...“

„... und jede Menge Fotos. Aus den letzten vier Wochen schätze ich mal. Viele unscharfe dabei, aber ein paar echte Schnappschüsse. Ach ja, und dann ein paar Gesprächsprotokolle ...“

„Das glaub ich nicht!“

„... eines hält ein Gespräch zwischen Milo und dir fest, das ihr Ende letzter Woche im Bistro bei Macy’s geführt haben müsst. Da verabredet ihr euch nämlich für den Samstag zu einem Einkaufsbummel auf dem Canal Street Flea Market.“

„Okay, okay, Kollege! Ich hab begriffen!“ Ich hatte genug gehört.

„Nichts für ungut, Jesse, ist eine fette Kröte – würde mir auch nicht den Hals ’runterflutschen. Mandy hat übrigens schon Tickets für euch gebucht. Geht bald schlafen, ihr werdet mit der Continental Airline dem Sonnenaufgang davonfliegen.“

„Was so ein Feierabend nicht alles an Überraschungen zu bieten hat! Bring die Akte morgen früh mit zum Briefing beim Chef. Einen schönen Abend noch!“ Ich steckte das Handy weg.

Meine Stimmung war im Sturzflug gegen Null gefallen. Und pendelte zwischen Fassungslosigkeit und Wut hin und her. Fassungslosigkeit darüber, dass ich von Killern beschattet worden war, ohne es zu merken; und Wut auf Orry, den ich in Verdacht hatte, mir genau das ziemlich genüsslich unter die Nase reiben zu wollen. Das war natürlich Quatsch. Doch in den ersten Minuten nach diesem Anruf hatte sich mein kühler Kopf abgemeldet.

In der Spiegelbar beobachtete ich die Männer an der Theke und an den Tischen hinter mir. Konnte es wirklich möglich sein? Konnte es sein, dass vielleicht sogar jetzt, in diesem Augenblick, irgendein Killer des Indios hier im „North Star Pub‟ saß und Milo und mich beobachtete?

Ich muss wohl mit ziemlich finsterer Miene in die Spiegelbar gestarrt haben, denn Milo und Marion unterbrachen plötzlich ihr Geturtel. „Schlechte Nachrichten, Jesse?“

„Nein, nein.“ Ich winkte ab. „Alles in bester Ordnung.“ Es reichte, wenn mein Partner die niederschmetternde Nachricht auf dem Nachhauseweg erfuhr. „Wir verreisen morgen ein bisschen.“ Meine Kehle fühlte sich seltsam trocken an, ich bestellte ein zweites Bier. „In aller Frühe, mitten in der Nacht sozusagen.“

„Las Vegas?“

„Las Vegas.“

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Das Geglitzer und Gefunkel der Stadt kam ihr vor wie der Abglanz der Hölle. Ja, die Hölle hatte ihren Schlund geöffnet, und ihre Glut spiegelte sich in Fassaden, Fenstern, Karosserien und Leuchtreklamen. Sie spürte, wie ein Sog sie mitten hineinzog. Immer tiefer hinein in die Hölle.

Mit fahrigen Händen öffnete sie ihre Handtasche und fischte ein Tablettenbriefchen aus dem Chaos von Cremetuben, Lidschatten, Lippenstiften, Make-up-Dosen, Streichholzbriefchen, Tampons, Zigaretten. Sie drückte ein Dragee heraus und steckte es in den Mund. Ohne Beruhigungsmittel ertrug Nancy diese Hölle nicht mehr.

Der Mann links neben ihr wandte den Kopf zu ihr. Das Höllenfeuer von den Fassaden fiel kurz auf sein Gesicht und enthüllte sein Grinsen. Es kam ihr diabolisch vor.

Der Mann rechts von ihr rauchte und schien keine Notiz von ihr zu nehmen. Seit gestern wichen die beiden nicht mehr von ihrer Seite. Sie hatten sich sogar in ihrem Apartment einquartiert.

Nancy hatte Mühe, die beiden auseinander zu halten. Beide waren ungefähr gleich alt und gleich groß, beide trugen sie anthrazitfarbene Anzüge. Sie sprachen sich bei ihren Nachnamen an: Miller und Rosebud. Miller trug einen Edelstein im linken Ohrläppchen.

Die ganze Fahrt über sprach keiner einer Wort. Auch der Fahrer nicht, Spencer Wycliffe. Er war der einzige, den Nancy kannte. Ein drahtiger Afro. Wie ihre Bewacher trug er einen dunklen Anzug. Wycliffe war ein Tier. Dencil hatte angedeutet, was der schwarze Schläger Diana angetan hatte. An diesem Donnerstagabend war Nancy sicher, dass er diese Andeutungen absichtlich gemacht hatte. Sie sollte eingeschüchtert werden.

Der Wagen hielt vor Caesars Theatre. Der Mann rechts von ihr – Rosebud – stieß die Tür auf. Eskortiert von ihren Bewachern schritt Nancy die Treppe zum Eingangspavillon hinauf. Die Rolltreppe trug sie nach oben ins Foyer des Kasinos. Nancys Herz klopfte, ihr Magen krampfte sich zusammen.

Heute morgen wollte sie zum Flughafen fahren und in eine Maschine nach New York City steigen. Stattdessen brachte man sie nun zu einem Kunden. Sie hätte schreien, sich übergeben mögen, aber ihre Kehle war wie versteinert.

Kellner in römischen Legionärs-Uniformen standen hinter der Bar und mixten Cocktails; Kellnerinnen, die aussahen wie Kleopatras Kammerzofen oder Zwillingsschwestern balancierten gläserbeladene Tabletts an Bistrotischen vorbei. An den Eingängen zu den offiziellen Kasinos standen kleine Gruppen von Männern und Frauen und plauderten. Hier und da entdeckte Nancy finster dreinblickende Burschen in den weißen Togen römischer Senatoren: Leute vom Sicherheitsdienst des Caesars Theatre.

Ihre Bewacher brachten sie zu einem der Aufzüge. Sie wusste nichts über ihren neuen Kunden. Sie wollte nichts über ihn wissen. Sie wollte ihn niemals kennenlernen. Ihr war speiübel. In der Menschenmenge untertauchen, das wär’s gewesen; oder im Erdboden versinken.

Miller und Rosebud blieben stehen und hielten sie an den Armen fest. Nancy sah sich verwirrt um, denn der Aufzug war nur noch wenige Schritte entfernt, und die Türen schoben sich gerade auseinander.

Ihre Augen folgten der Blickrichtung des Mannes an ihrer rechten Seite. Er sah zu dem Säulendurchgang, hinter dem die Eingänge zu den Management-Büros lagen. Ein silberhaariger Mann in fliederfarbenem Anzug und schwarzem Hemd stand dort: Brian Forster. Er winkte sie heran.

Die Männer drängten sie zum Empfangschef. „Tibor will dich sprechen“, sagte Brian.

Eine Frostschicht schien über Nancys Rückenmark zu wachsen. Sie ahnte nur, dass der stumpfgesichtige Gigolo mit dem Pferdeschwanz eine Führungsrolle unter all den Finsterlingen hier in Las Vegas spielte. Sie wusste aber, dass man ihn den „Marder“ nannte.

„Warum?“, fragte sie heiser.

Wortlos drehte Brian sich um und marschierte zu seinem Büro. Die Männer an Nancys Seite schoben sie hinter ihm her. Erst als sie das Büro betreten hatten, ließen sie sie los. Nancy hörte die Tür hinter sich zufallen.

Warum habe ich mich darauf eingelassen?, fragte sie sich. Rauchschwaden hingen unter der Decke. Ihre Bewacher blieben rechts und links hinter ihr neben der Tür stehen.

In Brians Schreibtischsessel saß er, blätterte in einem Magazin und rauchte – der Marder. Er trug einen Hut und einen schwarzen Anzug mit Nadelstreifen. Unter der Weste ein schwarzes T-Shirt. „Hallo, Nancy, gut siehst du aus.“ Er blickte nicht von seiner Illustrierten auf. „Es geht um dein Gespräch mit diesem Singer, es hat mir nicht gefallen.“

Nancy stockte der Atem. Sie musste ein paar Mal schlucken, bevor sie in der Lage war, zu reagieren.

„Gespräch ...? Von was redest du?“ Ein Stoß in den Rücken ließ sie bis kurz vor den Schreibtisch taumeln. Brian saß auf der Kante neben den Telefonen und musterte sie mürrisch. Tibor betrachtete ein Foto von Jennifer Lopez. Die Zigarettenspitze hielt er mit den Zähnen fest.

Jetzt erst bemerkte Nancy zwei weitere Männer im Büro. Tief in die Polster versunken hockten sie auf der Couch in der Sitzgruppe an der rechten Wand. Johnny Mylay, der wortkarge Koreaner, der sie angeworben hatte, und der junge Dencil Roselle. Er trug seine Gladiatorenverkleidung.

Besonders seine Gegenwart erschreckte sie. Bisher hatte sie ihn für einen harmlosen, kleinen Angestellten gehalten; für einen Botenjungen, für einen unterbelichteten Sunnyboy, der froh war, sein Geld nicht auf dem Strich verdienen zu müssen.

Tibor Belucci steckte sich eine Zigarette in die Elfenbeinspitze. „Du bist schön, Nancy, wirklich.“ Dencil sprang auf und gab ihm Feuer. „Und das ist in deiner Branche nicht ganz unwichtig.“ Der Marder blätterte weiter in seinem Magazin. „Aber besonders helle bist du nicht. Du hast ihm doch selbst gesagt, dass wir dich wahrscheinlich überwachen. Natürlich hören wir dein Telefon ab, hätt’st selbst drauf kommen können.“

Nancy glaubte, der Boden unter ihren Sohlen verwandele sich in Schaumstoff. Unwillkürlich trat sie noch näher an den Schreibtisch – um sich festzuhalten.

„Ich dich auch, Desmond, ich dich auch“ Tibor schlug das Magazin zu und lachte. „Gott, Desmond! Haben Sie dir sehr wehgetan?!“ Er lachte und schlug sich auf die Schenkel. „Haben Sie dir sehr wehgetan?!“, äffte er ihre Worte nach.

Ein Aschekegel fiel auf seine Hose. Sein Gelächter verstummte. Er blies die Asche vom Anzug und fluchte. Und im nächsten Moment sprang er auf. „Ja, wir haben ihm sehr wehgetan, Nancy!“ Ohne Vorwarnung rammte er ihr die Faust in den Unterbauch. „Und dir werden wir auch sehr wehtun!“

Nancy krümmte sich und ging in die Knie. Über sich hörte sie ein metallenes Schnappen. Sie brauchte nicht aufzusehen, um zu wissen, was er aus der Tasche zogen hatte. Irgendwo im Büro hörte sie Brian schimpfen. Er suchte den Teppich unter dem Schreibtisch nach Tibors Kippe ab.

„Sei froh, dass du auf dem Weg zu einem Kunden bist!“, zischte Tibor. Er ging in die Hocke, packte ihr Haar und riss ihren Kopf in den Nacken. Die Klinge strich über Nancys Lippen, Nase und Augen. Sie wagte nicht, sich zu rühren, sie wagte nicht mal zu atmen. „Sonst würde ich meine allerschärfste Braut benutzen, um mich mit dir zu unterhalten.“

Er stieß sie auf den Teppichboden, stand auf, und steckte das Messer in seine Anzugjacke. „Noch einmal: Unsere Mädchen nehmen keinen privaten Kontakt zu ihren Kunden auf! Und unsere Mädchen verlassen Las Vegas nur mit unserer ausdrücklichen Erlaubnis. Kapiert?“

Nancy nickte hastig. Sie zitterte am ganzen Körper.

„Dann sag: Jawohl, Mr. Belucci, ich habe verstanden!“ Er brüllte und trat sie in die Nieren. Nancy schrie vor Schmerzen. „Los, sag es!“

„Jawohl ... Mr. Belucci ... ich ... ich habe verstanden ...“

„Das sind meine Gesetze, Schlampe! Du übertrittst sie, und du stirbst! Denk an Diana!“ Er ging zurück zum Schreibtisch, ließ sich in Brians Sessel fallen und steckte sich eine neue Zigarette in die Elfenbeinspitze. „Und jetzt mach dich frisch und geh an die Arbeit.“ Schon tauchte er wieder hinter seinem Magazin ab.

Minuten später betrat sie die Suite eines pensionierten Offiziers der US-Airforce. Ein resoluter Endsechziger, ein wenig wortkarg, aber nicht unfreundlich. Dick solle sie ihn nennen, sagte er. Nancy hatte eine dicke Schicht Make-up aufgelegt und verbarg sich hinter einer Fassade aus Smalltalk und routiniertem Lächeln.

Nach einem Whisky kam Dick rasch zur Sache. Ihre beiden Bewacher saßen draußen auf dem Gang, das wusste Nancy, und sie wusste natürlich auch, dass sie und der Veteran gefilmt wurden. Also versuchte sie ihre Rolle so professionell wie möglich zu spielen.

Während Dick, der ehemalige Luftwaffengeneral, an ihr herumfummelte und sie nach und nach aus ihren Kleidern schälte, erinnerte sie sich an das Buch eines Dakota-Schamanen, das sie vor Jahren zufällig in die Finger bekommen hatte. Der Schamane schrieb über die Fähigkeit, seinen Körper bei Bedarf vollkommen gefühllos zu machen, ja, ihn sogar zu verlassen.

Nancy wünschte, sie würde diese Kunst beherrschen.

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Der Mann im Spiegel sah gar nicht so schlecht aus. Ein bisschen müde vielleicht, ein bisschen blass, aber keineswegs alt. Jedenfalls nicht so alt, wie er war. Jonathan McKee lächelte sich zu und strich sich über das silbergraue Haar. Es kam nicht oft vor, dass er sich bewusst im Spiegel betrachtete.

Er wandte sich ab und schritt durch die Menge zur Theaterbar. Hunderte von Menschen hielten sich während der Pause hier im Foyer des Lincoln Center Theaters auf. Menschen in eleganter Abendgarderobe zumeist, in langen Kleidern, dunklen Kostümen, in Smokings oder teuren Anzügen. Die meisten hielten sich an einem Sektkelch fest.

Auch Jonathan McKee hatte für diesen Theaterabend seinen Smoking im Kleiderschrank ausgegraben. Auch Jonathan McKee holte sich ein Glas Sekt an der Theaterbar.

Es tat gut, mal wieder als ganz normaler Mensch unter ganz normalen Menschen zu sein. Ich sollte das öfter tun, dachte er, einfach hin und wieder den Beruf für ein paar Stunden vergessen, einfach hin und wieder etwas tun, was alle tun, einfach hin und wieder weiter nichts als ein Manhattaner Bürger zu sein, der sich einen schönen Abend macht.

Vielleicht lernte er ja eines Tages doch noch, über seinen Schatten zu springen. Aber eines nach dem anderen: An diesem Abend war nur scheinbar Goethes Faust in einer stark wissenschaftskritischen Inszenierung eines jungen, New Yorker Regisseurs angesagt. An diesem Abend hatte Jonathan McKee seinen Smoking aus beruflichen Gründen ausgegraben.

Er stellte sich an einen der kleinen Stehtische zu einem jungen Paar, nickte freundlich, nippte an seinem Sekt. Seine grauen Augen wanderten über die unzähligen Menschengruppen im Foyer, über die Warteschlange vor der Theaterbar, über die Stehtische.

Sein Blick traf sich mit dem einer jungen Frau am Nachbartisch. Blond und zierlich war sie, und hatte ein mädchenhaftes Gesicht. Sie lächelten sich zu.

Das war es, was ihn an Jennifer Johnson immer aufs Neue erstaunte: Sie konnte die Ausstrahlung einer unerfahrenen Zwanzigjährigen inszenieren, sie konnte den Eindruck einer zerbrechlichen Frau erwecken, die ohne einen starken Beschützer den Wechselfällen des Lebens zum Opfer fallen würde – und sie war doch eine knallharte FBI-Agentin. In wie vielen gefährlichen Situationen hatte sie nicht schon ihre Frau gestanden.

Ganz ähnlich Paula Dawson. Zusammen mit den Special Agents Fred LaRocca und Ben Brown stand sie ein paar Tische links von ihm und beobachtete das Foyer. Und weitere acht Mitarbeiter des FBI-Office New York City hielten sich in diesen Minuten im Lincoln Center Theatre auf: Getarnt als Garderobenfrauen, oder Barkeeper, oder Presseleute, oder Besucher.

Nein – in Zeiten, in denen zwei seiner Agenten fast einem Mordanschlag zum Opfer gefallen waren, wäre es für einen Special Agent of Charge verantwortungslos gewesen, ohne Begleitschutz in der Menge zu baden. Nur, weil ein alter Bekannter um ein Treffen gebeten hatte. Wie viele Fallen hatte man Jonathan McKee schon gestellt. Auch diesbezüglich war er mit allen Wassern gewaschen.

Er entdeckte Desmond Singer an einem der Tische im Eingangsbereich. Singer trug einen weißen Smoking. Aber nicht wegen des weißen Smokings fiel er auf, sondern weil er allein war. Männer in weißen Smokings pflegen eigentlich nicht allein in einem Theaterfoyer Sekt zu trinken, oder?

Singer blickte Jonathan McKee an, nahm sein Glas und kam auf seinen Tisch zu. Der New Yorker FBI-Chef ging ihm entgegen. Er rieb sich die Nasenspitze mit der Rechten. „Er ist da“, murmelte er dabei und wusste, dass er im selben Augenblick von sämtlichen Agenten im Foyer beobachtet wurde.

Alle waren sie mit irgendwie getarnten Empfängern ausgerüstet. Jonathan McKees Empfänger steckte kaum sichtbar in seinem rechten Ohr. Und sein Mikrofon im Manschettenknopf seines rechten Hemdärmels.

Singer, jünger als Jonathan McKee, hatte sich verändert, natürlich: Mindestens neunzehn Jahre war es her, dass der FBI-Chef den Immobilienmakler zum letzten Mal gesehen hatte. Damals war er noch kein Milliardär gewesen.

Und damals hatte er weder einen Bauchansatz, noch eine Stirnglatze gehabt. Überhaupt sah er breiter und kräftiger aus als damals. Von den Studienzeiten ganz zu schweigen. Desmond Singer war einst mit dem Erscheinungsbild eines sanftäugigen Adonis gesegnet gewesen.

Ein wenig davon schimmerte heute noch durch. „Guten Abend, Jonathan. Du ahnst nicht, wie dankbar ich bin, dass du gekommen bist“, sagte er.

„Freut mich, dich wieder zu sehen, Desmond.“ Sie schüttelten sich die Hände. Jonathan McKee betrachtete den Mann, dessen angegrautes Haar in dichten Wellen bis auf seine Schulter herabfiel. Er hatte schwarze Ränder unter den Augen, seine Mundwinkel zuckten, und seine Augen flackerten unruhig.

„Gott, Desmond – wie die Zeit vergeht!“ Jonathan McKee wies auf einen freien Tisch. „Komm. Man ist nirgends so allein, wie unter vielen Menschen.“

Singer hatte ihn am frühen Vormittag angerufen. „Ich brauche deine Hilfe, Jonathan“, hatte er gesagt. Und er könne am Telefon nicht reden, und er müsse ihn so schnell wie möglich unter vier Augen sprechen. Am besten noch gestern.

Sie stellten sich an den freien Tisch und stießen an. „Merkwürdig, Jonathan“, sagte Singer. „Du hast dich kaum verändert. Manche Männer werden wohl nie älter. Ich beneide dich.“

„Danke, Desmond. Aber lass dich nicht von Äußerlichkeiten blenden.“ Sie tranken einen Schluck Sekt.

An der Universität waren sie sich zum ersten Mal begegnet. In einem Seminar für mexikanische Geschichte hatten sie sich kennengelernt. Jonathan McKee war im vorletzten Semester gewesen, Desmond Singer im ersten.

Jahre später dann, als das FBI Jonathan McKee nach New York City schickte, und der Wohnungsmarkt in der Stadt noch enger war als heutzutage, hatte Singer ihm und seiner Familie ein Apartment besorgt. Ja, damals hatte Jonathan McKee noch Frau und Kind gehabt.

„Entschuldige, wenn ich ganz offen bin, Desmond.“ Jonathan McKee senkte die Stimme. „Aber man sieht dir an, dass du Sorgen hast.“

„Sorgen?“ Singer seufzte bitter. Wieder sah er sich um. Etwas Hektisches lag in seinen Bewegungen. „Von Sorgen zu reden wäre Schönfärberei.“ Über den Rand seines Glases fixierte er den FBI-Chef. „Ich sitze tief in der Tinte, Jonathan“, flüsterte er. „Meine Existenz steht auf dem Spiel. Ich brauch deine Hilfe.“

„Erzähl. Dann sag ich dir, ob ich dir helfen kann.“

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Der Leuchter hing tief über dem Roulettetisch. Sein gedämpftes Licht erhellte kaum die Wände des Spielsalons. Dabei war der Raum nicht viel größer als ein überdurchschnittliches Wohnzimmer. Einer der abgeschirmten und für Freunde des Hauses reservierte Spielsalon in Caesars Theatre.

Nur zwei Männer hielten sich in dem Raum auf. Beide saßen sie am Tisch. Der jüngere, Tibor Belucci, rauchte Zigaretten. Der ältere, ihm gegenüber an der Längsseite des Roulettetischs, rauchte Zigarillos.

Zwischen ihnen, neben der Rouletteschüssel, stand eine Rotweinflasche. Und vor jedem der Männer ein langstieliges Rotweinglas und ein Kristallaschenbecher in der Form einer großen Muschel. Neben dem Weinglas des älteren lag eine rote Baseballkappe.

Manchmal hörte man Stimmen und Schritte aus dem Erdgeschoss. Manchmal auch Musik und Gelächter. Dabei war es schon gegen sieben Uhr morgens.

Tibors Aschenbecher quoll fast über, der seines Gegenübers war noch so gut wie leer. Rotwein trank Tibor Belucci ganz gegen seine Gewohnheit. So ein bauchiges Glas mit langem Stil rührte er höchstens zwei oder dreimal im Jahr an. Tibor Belucci trank gewöhnlich keinen Rotwein. Und schon gar nicht aus solchen Gläsern. Tibor Belucci trank Whisky aus Wassergläsern oder Bier aus Dosen.

Ganz gegen seine Gewohnheit saß er kerzengerade auf seinem Stuhl. Ganz gegen seine Gewohnheit verzichtete er darauf, seine Beine auf den Tisch zu legen. Und ganz gegen seine Gewohnheit hörte er aufmerksam zu und verlor nur selten ein Wort.

Das lag an seinem älteren Gegenüber. Der hagere, nicht eben große Mann mochte um die sechzig Jahre alt sein. Er trug einen hellgrauen Seidenanzug und eine pinkfarbene Krawatte über schwarzem Hemd. Nicht so sehr der weiße Schnurrbart, sondern eine Knollennase, kantige Kiefer- und Wangenknochen und schmale, braune Augen beherrschten sein braungebranntes Gesicht. Etwas Gebieterisches lag in diesem Gesicht. Manchmal sogar etwas Aristokratisches.

Sein Grauhaar war voll und lang. Der Mann ließ es sich dreimal täglich zu einem Zopf flechten. Wenn Tibor Belucci sich dem Whisky besonders intensiv widmete – und das kam ziemlich häufig vor – und dann an sein Gegenüber dachte, fand er diese Frisur reichlich lächerlich.

Das aber behielt er tunlichst für sich. Genauso wie er tunlichst darauf achtete, in Gegenwart dieses Mannes seine Beine nicht auf irgendwelche Tische zu legen. Nur darauf, immer eine brennende Zigarette in der Spitze zu haben, darauf verzichtete er auch in der Gegenwart dieses Mannes nicht.

Eine Menge Leute nannten den Mann, der Tibor Belucci gegenüber saß und Zigarillos rauchte, den „Indio“. Tibor nannte ihn „Papa“.

„Deine alte Schwäche, Tibor“, sagte Bronco Belucci. „Wann wirst du endlich lernen, das, was du für richtig hältst, sofort zu tun? Und so gründlich, wie du Tag für Tag fünf Schachteln Zigaretten vernichtest? Die Frau muss weg!“

„Vier Schachteln“, korrigierte Belucci junior.

„Unterbrich mich nicht! Du hättest das Mädchen sofort beseitigen müssen. Sofort!“

„Stimmt. Ich werde es nachholen, wenn sie mit dem General fertig ist.“

„Davon gehe ich aus. Aber sie ist unser kleinstes Problem. Dass Johnny Mylay in Manhattan versagt hat, werde ich ihm nicht verzeihen. Beim nächsten Fehler wird er ausgetauscht.“

„Nicht Johnny hat versagt, Papa. Der Typ, der die beiden Bullen abknallen sollte, hat versagt.“

„Was du nicht sagst!“, brauste Belucci senior auf. „Und wer hat Squeeze engagiert, du Schlauberger? Wer hat ihn engagiert, sag mir das?!“

„Johnny“, räumte Tibor ein.

„Aha! Also hat Johnny versagt!“ Bronco Belucci schlug mit der Faust auf den Tisch. „Also ist Johnny fällig, wenn er noch einmal versagt!“

„Okay, Papa. Du hast Recht.“ Tibor drückte seine Kippe aus der Zigarettenspitze und steckte die nächste hinein.

„Natürlich hab ich Recht.“ Der Indio schob Glas und Baseballkappe beiseite. Er beugte sich über den Tisch. Seine Augen verengten sich. „Aber das sind nicht die einzigen schlechten Nachrichten von unseren Leuten aus Manhattan.“

„Ach ja?“

„Trevellian und Tucker sind vor einer halben Stunde in ein Flugzeug nach Las Vegas gestiegen.“

„Das glaub ich nicht, Papa ...“

„Dann glaub ich’s für dich mit!“ Wieder wurde der alte Belucci laut. „Ich weiß nicht, was sie wissen, aber ich weiß, dass sie in ein paar Stunden in der Stadt auftauchen werden!“

Tibor schluckte und griff nach seinem noch fast vollen Rotweinglas. Er trank hastig. „Und jetzt?“

„Ich werde das nächste Flugzeug nehmen. Auf keinen Fall dürfen sie mich mit Squeeze in Verbindung bringen.“ Der Indio lehnte sich zurück. „Du sorgst dafür, dass Brian aus der Stadt verschwindet. Ich besorge ihm einen Job in Cleveland oder San Diego. Er weiß zu viel, und er hat keinen Charakter. Wenn er nicht freiwillig geht, weißt du, was du zu tun hast.“

Tibor nickte. „Und Trevellian und Tucker?“

„Was für eine Frage! Bist du mein Sohn, oder bist du es nicht?!“ Belucci senior drückte seinen Zigarillo aus. „Sie haben Garcia und Vincent umgelegt! Und sie haben den Mann, der deinen Bruder und meinen Sohn getötet hat, vor der gerechten Strafe in Schutz genommen!“

Er setzte sich seine Baseballkappe auf. Mit einer einzigen flinken Bewegung seiner Rechten zog er seinen Zopf durch die hintere Öffnung der Kappe. „Es muss wie ein Unfall aussehen.“

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Dick schnarchte wie ein betrunkener Holzfäller. Er lag neben ihr auf dem Rücken. Nancy schob sich aus dem Bett und zog sich an. Jetzt oder nie.

Leise öffnete sie Schränke und Schubladen. Sie fand einen geladenen Revolver. Und sie fand eine Brieftasche mit etwa neunhundert Dollar in großen Scheinen. Beides steckte sie ein. Danach kramte sie einen Stift und ein Stück Papier aus ihrer Tasche und schrieb ihren Namen und ihre Adresse darauf. Darunter kritzelte sie drei Sätze:

Nicht böse sein. Ohne Ihr Geld bin ich verloren. Sie bekommen es zurück.

Sie klebte den Zettel mit Lippenstift an den Badezimmerspiegel. Nancy zweifelte nicht daran, dass Desmond ihr die Flugreise bezahlen würde.

An der Tür blieb sie stehen und lauschte. Draußen auf dem Gang war es still. Aber Nancy machte nicht den Fehler zu glauben, ihre Bewacher wären eingeschlafen. Nein, den üblichen Weg aus Caesars Theatre konnte sie nicht nehmen; unmöglich.

Ihr Blick fiel auf den Nachtisch neben dem Bett. Das Mobiltelefon des Generals lag dort. Sie ließ es in ihrer Tasche verschwinden. Ihr eigenes hatte Spencer Wycliffe ihr abgenommen.

Im Bad öffnete sie das Fenster. Es führte zu einem Innenhof, der im Stil eines römischen Gartens gestaltet war. Sie hörte das Wasserspiel eines Springbrunnens plätschern. Im Morgengrauen konnte sie die weißen Rundsäulen des überdachten Wandelgangs erkennen, der die Gartenanlage umgab.

Über die Feuerleiter kletterte sie Stockwerk für Stockwerk hinunter. Niemand wurde auf sie aufmerksam. Als wäre sie eine übernächtigte Spielerin von Caesars Theatre, setzte sie sich auf eine Bank zwischen den Säulen; ganz in der Nähe eines Durchgangs zum Betriebshof.

Den Revolver auf dem Schoß rauchte sie ein paar Zigaretten und wartete. Gegen halb acht hörte sie den Motor eines Trucks im Betriebshof. Der Lieferanteneingang war also offen. Über Dicks Handy bestellte sie ein Taxi zum Lieferanteneingang. Ungehindert verließ sie fünf Minuten später den Gebäudekomplex des Spielkasinos.

Gegen neun schnallte sie sich in einer Maschine der Western Airlines fest. Es war das erstbeste Flugzeug, das sie erwischen konnte. Es flog nicht nach Osten – nicht zu Desmond – es flog nach Westen. Nach San Francisco. Aber das war ihr egal. Hauptsache weg aus Las Vegas. Alles andere würde sich finden ...

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Nach sieben Stunden, drei Zwischenlandungen und knapp 2200 Meilen landeten wir am Freitagvormittag auf dem McCarren International Airport von Las Vegas. Der Flug hatte wesentlich länger gedauert, als der Flugplan es verheißen hatte; in Kansas City hatte es Verzögerungen beim Start gegeben. Aber gut – wann kommt man schon mal nach Kansas City.

Milo hatte fast den ganzen Flug verschlafen, ich wenigstens die Hälfte. Also tauschten wir die Passagiersessel unserer Boeing erst einmal mit den Barhockern des Flughafenrestaurants. Wir genehmigten uns gebratene Eier mit Schinken und eine vernünftige Dosis Kaffee. Milo informierte die Kollegen des FBI-District-Office Las Vegas von unserer Ankunft. Ein Team machte sich auf den Weg, um uns abzuholen.

Bei der letzten Tasse Kaffee vibrierte das Handy in meiner Hemdtasche. Der Chef war am Apparat. Er klang ziemlich aufgeräumt. „Es geht voran, Jesse. Ich hatte gestern Abend eine interessante Begegnung.“ Er erzählte von seinem Treffen mit einem alten Bekannten namens Desmond Singer.

„Dass Belucci Junior einen Callgirl-Ring der Luxusklasse in Las Vegas aufgebaut hat, wussten wir schon von unseren Kollegen dort“, schloss er seinen Bericht. „Jetzt allerdings sieht es danach aus, als würde er die Mädchen dazu benutzen, ihre Freier auszunehmen; und um schlüpfrige Filme zu drehen, mit denen er die Männer erpressen kann. Jetzt fehlt uns nur noch der Beweis, dass die Frauen in Beluccis Auftrag handeln.“

„Und dass der Asiate mit dem Mordauftrag von dem Belucci-Sohn nach Manhattan geschickt wurde.“

„Richtig, Jesse. Mr. Singer hat mir den Erpresserbrief und das Bildmaterial überlassen. Ich hab ihm Vertraulichkeit zugesichert. Wir müssen versuchen, das Syndikat zu zerschlagen, bevor Belucci die Bilder veröffentlicht.

„Hat Singer eine Adresse genannt, Sir? Oder Namen?“

„Belucci sitzt in der Geschäftsführung des Kasinos Caesars Theatre. Dort stellen sie schwerreichen Männern Gratiszimmer zur Verfügung, damit sie ungestört spielen und ihre Frauen betrügen können. Der Empfangschef heißt Brian Forster.“

Ich ließ mir von Milo Stift und Papier geben und notierte die Informationen. „Singer ist sicher, dass Forster mit Belucci zusammenarbeitet“, fuhr Jonathan McKee fort. „Er nannte noch einen gewissen Dencil Roselle, einen Latino. Der spielt in Caesars Theatre die Rolle eines Mädchens für alles. Singer kann nicht beschwören, dass auch er in der Sache mit drin hängt.“

„Ich hab es notiert, Sir.“

„Das Wichtigste fehlt noch – das Wichtigste für Desmond Singer jedenfalls: Das Mädchen, mit dem er am vergangenen Wochenende in Caesars Theatre zusammen war. Es heißt Nancy Cohen, zweiundzwanzig Jahre alt ...“ Er gab mir eine knappe Personenbeschreibung und eine Adresse durch.

„Nancy Cohen ist wegen Einbruchs und schwerem gemeinschaftlichen Raubes vorbestraft. Vier Jahre Jugendstrafe, zweieinhalb wurden auf Bewährung ausgesetzt. Sie war wohl mal drogenabhängig, oder ist es noch. Wie es aussieht, hat Belucci sie aus der Gosse geholt und ihr zu einer Karriere als Edelnutte verholfen.“

„Ein verhinderter Sozialarbeiter also ...“

„In eigener Sache, wenn Sie so wollen. Er muss Millionen mit den Mädchen und den Erpressungen verdienen. Das Office in Las Vegas hat Hinweise darauf, dass er sich auch in anderen Kasinos eingenistet hat und kräftig mit verdient. Sie haben vor ein paar Wochen übrigens einen Undercover-Agenten in die Unterwelt der Stadt eingeschleust. Angeblich sei er schon relativ nahe dran an Belucci. Mehr wollte mir der SAC am Telefon nicht verraten. Aber Sie und Milo bekommen alle Informationen, die Sie brauchen, Jesse.“

„Und warum ist Nancy Cohen so wichtig für Singer? Er hat sich doch nicht etwa in sie verliebt?“

„Das hat er mir nicht verraten, aber es sieht ganz so aus. Er glaubt, dass sie in Lebensgefahr schwebt. Ein anderes Mädchen, das er in Caesars Theatre kennen gelernt hatte, ist spurlos verschwunden. Wir kennen nur den Vornamen: Diana. Ich habe dem Office in Las Vegas davon berichtet. Seit heute Nacht suchen sie nach der Frau.“

„Okay, Sir. Schlage vor, wir fahren zuerst einmal zum Apartment der Cohen.“

„Tun Sie das, Jesse. Viel Glück.“

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Spencer Wycliffe saß in einem Imbiss in der Flughalle des McCarren International Airport. Von hier aus hatte er den Eingang zum Flughafenrestaurant im Blick.

Er trank den dritten Kaffee und blätterte zum vierten Mal „Today in Las Vegas‟ durch. Seit mehr als drei Stunden hielt er sich in der Flughalle auf. Ein gutaussehender Afroamerikaner, der allein durch seinen eleganten Anzug auffiel.

Als er gegen halb zwölf über den Rand seiner Zeitung blickte, sah er zwei Männer in weniger teuren Anzügen und mit langweiligen Krawatten quer durch die Halle laufen.

Sie hatten diesen zielstrebigen Schritt drauf und diese nur dem Kenner vertraute Haltung. Wycliffe war ein Kenner. Wie viele Feds hatte er nicht schon ihre Dienstwaffen spazieren führen gesehen! Lass einen Fed auf einem dichtbevölkerten Subway-Bahnsteig mitten in der Menschenmenge auf die U-Bahn warten – Wycliffe würde ihn erkennen. Vermutlich sogar aus einem durchfahrenden Zug heraus.

Neben der halbvollen Kaffeetasse lag sein Handy. Er tippte eine Nummer hinein und drückte das Gerät ans Ohr. „Feds“, sagte er. „Freunde aus Las Vegas, schätze ich. Ich wette fünf Dollar, dass sie Trevellian und Tucker abholen.“ Die beiden FBI-Agenten verschwanden im Flughafen-Restaurant.

„Idiot! Was sollen sie sonst tun?“ Der Marder war mal wieder ungenießbar an diesem Vormittag. Seit Wycliffe ihm melden musste, dass Nancy sich mit einem Flugzeug Richtung San Francisco abgesetzt hatte. Erst, als sie die Kontrollsperre schon passiert hatte, entdeckte er sie. Nichts mehr zu machen. Tibor Belucci schäumte vor Wut.

Mit ein bisschen Glück würde jemand aus San Diego sie in San Francisco abpassen. Was aber, wenn sie schon in Los Angeles ausstieg?

Im Eingang des Restaurants erschienen wieder die beiden Feds. Zwei andere folgten ihnen, zwei Feds aus New York City: Trevellian und Tucker. Wycliffe hatte sie rund vierzig Minuten zuvor das Restaurant betreten sehen.

„Sie kommen“, sagte er. Die New Yorker Bullen zogen kleine Trolleys hinter sich her. Sah nicht aus, als wollten sie länger bleiben.

„Kevin wartet draußen auf dich. Steig in seinen Wagen und hängt euch an ihre Stoßstange.“ Tibors Stimme klang heiser und missmutig. „Ich will die Standortmeldungen im Zehnsekundentakt, ist das klar?“

„Klar, Tibor.“ Kevin war ein Taxifahrer, der auf der Gehaltsliste des Marders stand.

„Wir müssen wissen, ob sie die Fünfzehn oder den Strip nehmen.“

„Du kannst dich auf mich verlassen.“

„Das hoffe ich für dich.“

Wycliffe faltete seine Zeitung zusammen und legte eine Münze neben die Kaffeetasse. Die vier FBI-Männer verließen eben die Flughalle. Im Laufschritt folgte er ihnen.

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Der Tankwagen stand im Halteverbot. Schwer zu sagen, warum man an dieser Stelle der Tropicana Avenue nicht parken, ja, nicht einmal halten durfte. Vielleicht aus Sicherheitsgründen, immerhin begrenzte die Tropicana im Norden den Flughafen auf einer Länge von über einer Meile. Vielleicht aber auch, um die Leute zu zwingen ihre Dollars in den Parkhäusern des Flughafens zu lassen.

Das war zumindest Johnny Mylays Theorie. Er hatte die Warnblinkanlage des Trucks eingeschaltet, und lief bereits zum dritten Mal den Wagen ab, prüfte den Reifendruck – oder tat zumindest so – und legte sich neben jedem der acht Reifen auf den Asphalt, als würde er die Bremsschläuche aufmerksam begutachten.

In seinem rechten Ohr steckte ein Kopfhörer, am Kragen seiner Lederjacke war ein Mikro festgeklemmt. Mylay wartete auf das Signal zum Aufbruch.

Viel Verkehr rollte nicht über die Tropicana Avenue; ganz normal um die Mittagszeit. Doch es fuhren genug Leute vorbei, die sich an den Tanklastzug erinnern würden. Und daran, dass sein Fahrer Reifen und Bremsschläuche überprüfen musste.

Er wollte grade seine vierte Runde um den Truck beginnen, als das Signal kam: „Okay, Johnny – sie nehmen die Interstate. Viel Glück.“ Es war die Stimme des Marders, die das Signal zur letzten Fahrt des Sattelschleppers gab.

„Verstanden.“ Er lief zur Fahrerkabine. Noch ein Blick auf die Sattelkupplung. Die hatte er als erstes gelöst, gleich nachdem sie den Truck gekapert hatten. Der Zugsattelzapfen ruhte nur noch lose in der Sattelkupplung. Die Steckdosen für die Elektrik würden den Fliehkräften nicht standhalten.

Er stieg auf der Beifahrerseite ein. Der Mann am Steuer – er hieß Samuel „Sammy“ Lane – sah ihm fragend entgegen. „Sie fahren über die Interstate fünfzehn.“

Sammy nickte und fuhr an. Genau wie Johnny war er ganz in Leder gekleidet, und genau wie Johnny Mylay hatte er sich das Haar unter der Baseballkappe sorgfältig mit einem Tuch zusammen gebunden. Das Risiko war hoch genug, man musste das Schicksal nicht noch zusätzlich herausfordern.

Der Truck fädelte sich in den Verkehr ein und rollte Richtung Westen. Zwei Minuten später überquerten sie den Las Vegas Boulevard, oder The Strip, wie die Kasinomeile genannt wurde. Und kurz darauf erreichten sie die Einfahrt zur Interstate.

Johnny Mylay zog einen Plastikbeutel aus der Tasche seiner Lederjacke. Sie enthielt eine bereits aufgezogene Spritze und eine Einser-Kanüle. Er packte beides aus, setzte die Kanüle auf den Spritzenkonus, und riss dann den Vorhang zur Schlafkoje auseinander.

Ein Mann lag in den Decken; geknebelt und an Händen und Füßen gefesselt starrte er den Asiaten aus großen Augen an. Johnny wusste nicht einmal, wie der Mann hieß. Lane war dafür zuständig gewesen, den Truck zu besorgen.

Während Sammy in die Interstate einbog, spritzte Johnny dem gefesselten Mann eine gelbliche Flüssigkeit in die Vene. „Achte auf einen schwarzen Chevrolet Blazer“, sagte er, ohne den Mann am Steuer anzuschauen.

Er warf Spritze und Kanüle aus dem Fenster. Danach holte Mylay den Stadtplan aus dem Handschuhfach.

Er entfaltete ihn und fuhr langsam mit dem Finger die Interstate 15 von Süden Richtung Stadtgebiet hinauf. Die Cops hatten natürlich die südliche Flughafeneinfahrt genommen. Demnach wollten sie also nicht zu Caesars Theatre. Sonst wären sie über den Strip gefahren. Wohin dann? Zum FBI-Office? Möglich.

Bis zur Einmündung der Interstate 515 – die lag schon mitten im Stadtgebiet – waren es etwas mehr als sechs Meilen. Mylay war ziemlich sicher, dass die vier Feds bis dahin auf der Fünfzehn fahren würden.

Sechs Meilen also. Sechs Meilen, um zu erledigen, was zu erledigen war.

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Rudy Arlington und Neill Glendale hießen die Kollegen. Sie waren etwa in unserem Alter, Rudy vielleicht ein paar Jahre älter. Nette Kerle, wirklich, wir hatten sofort einen Draht zueinander. Nicht ganz unwichtig, wenn man einen gemeinsamen Gegner erfolgreich bekämpfen will.

Neill schien kein Freund großer Worte zu sein – wenn er etwas sagte, dann begnügte er sich mit einzelnen Worten oder sehr kurzen Sätzen. Meistens grinste er dabei.

Rudys Mundwerk dagegen war ständig in Bewegung: Auf dem Weg aus dem Flughafenrestaurant bis zu ihrem Dienstwagen erfuhren wir über die Kommunalpolitik in Las Vegas mehr, als wir über die Zustände unserer eigenen Stadtregierung wussten.

Rudy und Neill waren in einem schwarzen Chevrolet Blazer unterwegs, einem ziemlich großzügig gebauten Kompromiss zwischen Van und Jeep also. „Benutzt ihr immer solch unauffällige Autos in Las Vegas?“, scherzte Milo.

„Nur, wenn wir Kollegen vom Flughafen abholen.“ Rudy steuerte den Wagen auf die Interstate 15. Er war nicht angeschnallt. „Um ein bisschen Eindruck zu schinden. Nicht bei euch, sondern bei der Unterwelt. Weil der Wagen auffällt, gucken sie genauer hin – und erfahren auf diese Weise, dass wir Verstärkung bekommen haben.“

Ich war nicht ganz sicher, wie ernst ich ihn nehmen konnte.

„Hier in Las Vegas kennt man sich, weißt du, Jesse? Die auf der anderen Seite des Gesetzes kennen uns, und wir kennen die. Die wissen, was wir treiben, und wir wissen, was die treiben. Seit den Zeiten des guten alten Bugsy Siegel hat sich da nicht viel geändert: Die leben von organisierter Prostitution, von Glücksspiel, Drogen und Schutzgelderpressung, und wir leben davon, es ihnen beweisen zu können. Eigentlich ziemlich langweilig, jedenfalls auf unserer Seite des Gesetzes.“

Er lachte krähend, und Neill auf dem Beifahrersitz drehte sich um und grinste. „Wird ihn noch mal vor den Richter bringen, sein loses Maul.“

Bugsy Siegel war übrigens der erste Gangsterboss, der in Las Vegas ein Hotelkasino öffnete. Kurz nach dem Krieg war das gewesen, fünfzehn Jahre, nachdem die Regierung das Glücksspiel legalisiert hat, um ihre Steuereinnahmen zu erhöhen. Bugsy Siegel galt auf beiden Seiten des Gesetzes als Vater der engen Verflechtung zwischen Glücksspiel und organisiertem Verbrechen in Las Vegas.

Dichter Verkehr rollte auf dem sechsspurigen Highway. Besonders in unserer Fahrtrichtung: Wir überholten auffällig viele Reisebusse. Ich sah Kennzeichen aus fast allen Bundesstaaten der USA.

„Und was ist mit Belucci?“, wollte ich wissen.

„Na ja, den kennen wir weniger gut.“ Rudy hob die Schultern. Im Rückspiegel konnte ich sein Gesicht sehen – er schnitt eine Miene, als wollte er sich entschuldigen. Und Neill drehte sich um, grinste und sagte: „Bingo. Schon hast du ihn erwischt.“

„Was heißt hier erwischt, der Typ ist immerhin neu in der Stadt.“

Wieder wandte Neill den Kopf. „Achtzehn Monate.“

„Na ja, fast neu“, räumte Rudy ein. „Wir haben ihm die übliche Behandlung gegönnt, auf die jeder Verdächtige in der Stadt einen Anspruch hat: Stichprobenartige Observierung, Anzapfen der V-Leute, Überprüfung seiner Polizeiakte, und so weiter, und so weiter ...“

Etwa dreihundert Meter vor uns rollte ein Tanklastzug, ein Sattelschlepper. Er fiel mir auf, weil er sich rasch näherte, also reichlich langsam fuhr.

„... richtig Dampf machen wir erst, seit ihr im letzten Sommer Ärger mit Beluccis Vater hattet.“ Rudy setzte den Blinker und scherte auf den mittleren der drei Fahrstreifen aus, um den Tanklastzug zu überholen. Ich glaube, er fuhr über fünfundneunzig Meilen pro Stunde.

„Ihr habt einen Undercover-Mann in die Szene eingeschleust, erzählt unser Chef“, sagte Milo.

„Ja, seit fünf, sechs Wochen. Hängt noch ziemlich in der Peripherie ’rum.“

„Wie heißt der Mann?“, erkundigte ich mich.

„Keine Ahnung. Wissen nur zwei, drei Leute bei uns. Hab nur gehört, dass sie ihn aus Houston eingeflogen haben. Der Chef wird euch das alles brühwarm erzählen. Wir fahren doch ins Office?“

Ich kramte einen Notizzettel aus der Tasche. „Wir würden zuerst gern bei dieser Adresse vorbeischauen, bei Nancy ...“

„Was macht denn der Idiot da?!“, brüllte Neill plötzlich. „Pass auf, Rudy ...!“

Das Eis gefror mir in den Adern: Der Tanklastzug schlingerte hin und her. Sein Tanksattel stand plötzlich quer über unserem Fahrstreifen.

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Sammy fuhr den Truck nicht von ungefähr. Sammy war Spezialist für Trucks. Er brüstete sich damit, insgesamt drei Millionen Meilen auf allen denkbaren Truckmarken – außer auf Fiat – kreuz und quer durch die Staaten getuckert zu sein. Und er brüstete sich damit, bei den insgesamt einundzwanzig Trucker-Rennen, an denen er in den letzten elf Jahren teilgenommen hatte, sieben Mal den dritten, drei Mal den zweiten und fünf Mal den ersten Platz gemacht zu haben.

Noch einmal: Sammy steuerte den Tanklastzug nicht von ungefähr.

Kaum entdeckten sie den schwarzen Blazer der Feds im Rückspiegel, zerrte Johnny Mylay den betäubten Fahrer aus der Koje. Fesseln und Knebel hatte er ihm gleich, nachdem sein Bewusstsein vor Diazepam kapituliert hatte, abgenommen. Er setzte ihn zwischen Sammy und sich selbst und lehnte seinen Kopf und seine Brust gegen die Ablage vor der Windschutzscheibe.

Ein Auge immer auf dem rechten Außenspiegel – der Blazer war bis auf zweihundert Meter heran – stemmte er dem Bewusstlosen den linken Unterarm in den Nacken, legte die Rechte auf die Stirn, und drückte einmal ruckartig und zog gleichzeitig. Es knackte trocken. Der Kopf des Bewusstlosen fiel schlaff zur Seite.

Johnny packte ihn und stieß ihn einmal kräftig gegen die Kante der Ablage. Blut lief aus einer Platzwunde über das Gesicht des Toten. Dann gab er Belucci den Standort durch.

„Ist er hin?“, fragte Sammy. Er fragte das so gelangweilt, als würde er sich nach dem Wetter erkundigen. Der Koreaner nickte und langte die Motorradhelme aus dem Fußraum. Erst setzte er sich seinen eigenen auf, danach stülpte er Sammy den zweiten über den Kopf. Man muss seinen Schutzengel nicht über Gebühr strapazieren, wie gesagt.

Sammy Lane hatte inzwischen begonnen, das Lenkrad hin und her zu ziehen, erst sanft, dann immer schneller, und schließlich ruckartig. Acht, neun Fahrzeuge zählte Johnny hinter dem Truck. Die meisten setzten zum Überholen an, oder fuhren auf der ganz linken Spur. Einige blendeten auf. Der schwarze Blazer auf der mittleren Fahrbahn war noch etwa achtzig Meter entfernt.

Der Tanksattel schlingerte hin und her, hin und her. Seine Zugkraft zerrte die Maschine aus der Spur. Auch sie geriet ins Schleudern. „Mach schon!“, schrie Johnny. „Wirf ihn ab!“

Sammy riss das Steuer ruckartig nach rechts. Brems- und Fliehkräfte gleichzeitig zerrten an dem tonnenschweren Fahrzeug. Die Zugmaschine stand plötzlich quer auf der Fahrbahn, dann krachte es, als hätte der Vorschlaghammer eines Riesen den Sattel getroffen. Vom tonnenschweren Tanksattel befreit schlitterte die Zugmaschine an den Fahrbahnrand und durchbrach die Leitplanke.

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Keine vierzig Meter vor uns kippte der Tanksattel um. Rudy trat auf die Bremse, riss das Steuer nach links, wollte auf die innere Überholspur ausweichen. Um uns herum schrien Bremsen, quäkten Hupen.

Nur undeutlich nahm ich wahr, wie die Zugmaschine durch die Leitplanke bretterte und die Böschung hinab holperte. Ihr Tanksattel aber drehte sich mitten auf der Interstate 15 um seine Querachse. Ein Wagen rammte uns von rechts – der Blazer erhielt einen kräftigen Linksdrall, drehte sich um sich selbst, rutschte dem Tanksattel entgegen.

Ich saß in einem Karussell – mal sah ich den Wagen, der uns gerammt hatte, auf dem Dach liegen, mal den auf die Gegenfahrbahn rutschenden Tanksattel, mal Autos und Reifen, die durch die Luft wirbelten.

„Gas!“, hörte ich Neill schreien. „Gas, Rudy! Gas!“

Der Motor heulte auf, 180 PS jagten den Blazer scharf an Achsen und Zwillingsreifen des Tanksattels vorbei über die drei Spuren der Gegenfahrbahn. Ich sah die Leitplanke auf uns zustürzen.

Der Blazer durchschlug sie, und fast gleichzeitig verschwand die Welt für mich hinter einem prallen, weißgrauen Ballon. Der Atem blieb mir weg, eine gewaltige Explosion betäubte mein Trommelfell, meine Kehle war wie zugeschnürt, unerträgliche Hitze schoss durch zerbrochene Fenster ins Wageninnere...

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Interstate 15, zwischen der Auffahrt Sands Avenue und den ersten Häuserblocks.“ Tibor Belucci bellte ins Telefon. „Sucht sie, lest sie auf!“

„Sind schon unterwegs, Tibor.“ Wycliffes Stimme aus dem Telefon. Er und Kevin fuhren auf dem Las Vegas Boulevard parallel zur Interstate 15 Richtung Stadtgebiet. Sie konnten nur wenige Minuten vom Ort des Geschehens entfernt sein.

„Sobald ihr einigermaßen überblickt, was da draußen los ist, will ich einen Bericht.“

„Alles klar.“

Belucci junior legte auf. Er steckte sich eine neue Zigarette in die Elfenbeinspitze und sah sich in Brians Büro um. An der Tür stand das Duo, dem Nancy Cohen durch die Lappen gegangen war – Miller und Rosebud. Sie machten betretene Mienen; und sie hatten allen Grund dazu.

Der Luftwaffengeneral hatte einen Heidenspektakel veranstaltet, wollte im ersten Zorn sogar die Polizei holen. Brian hatte ihm die gestohlenen Neunhundert anstandslos ersetzt, und ihm sogar noch vierhundert Dollar für sein Telefon und den Revolver draufgelegt.

Jetzt lehnte er neben den Schränken mit den Monitoren. Die Arme vor der Brust verschränkt musterte er Tibor Belucci. Der Marder sah den Schweiß auf seiner Stirn glänzen. Brian Forster hatte die Hosen voll. Jeder, der Augen im Kopf hatte, konnte es sehen.

Dencil Roselle eilte herbei und zückte sein Feuerzeug. Belucci sog an seiner Zigarette, bis sie glühte. Danach schwang er die Beine vom Schreibtisch und stand auf.

„Es ist Wahnsinn, Tibor.“ Brian stieß sich von der Wand ab. Als hätte er es eilig, tippelte er zu seinem Schreibtisch, stützte sich darauf und atmete schwer. „Es ist Wahnsinn ... kein Mensch bringt vier Bullen auf einen Schlag um.“

„Der Marder schon.“

„Sie werden die Stadt umpflügen, sie werden keine Ruhe geben, bis wir auf dem elektrischen Stuhl sitzen.“

„Was für einen himmelschreienden Schwachsinn du redest! Es war ein Unfall! Kapierst du nicht?! Du könntest uns ruhig ein bisschen applaudieren für unsere geniale Idee!“

„Aber wenn sie rauskriegen, dass es kein Unfall war ...!“ Brian machte ein ernstes Gesicht.

Tibor bedachte seinen Empfangschef mit einem spöttischen Blick. „Ich weiß, warum du so nervös bist, Brian: Du hast es verdammt eilig, deinen Arsch aus der Schusslinie zu bringen.“ Er begann im Büro auf und ab zu schlendern. „Zufällig kommt das meinen Interessen entgegen.“ Er blieb stehen und fixierte Brian. „Ich möchte, dass du so schnell wie möglich aus der Stadt verschwindest.“

„Wie bitte?“ Brian richtete sich auf. Er war ehrlich empört. „Aber warum denn? Ich arbeite seit neunzehn Jahren ...!“

„Weil ich diesen Singer nicht einordnen kann! Dem trau ich zu, dass er einen Privatdetektiv beauftragt. Oder die Polizei einschaltet. Selbst auf die Gefahr hin, dann seinen Schwanz in den Boulevardblättern bewundern zu müssen.“

Er neigte den Kopf und betrachtete seinen Empfangschef mit einer Mischung aus Spott und Verachtung. „Und an wen werden sich die Schnüffler als aller erstes wenden?“ Mit dem Mundstück seiner Zigarettenspitze stach er nach Brian. „An dich.“

Belucci junior zuckte mit den Schultern, als würde er den Grauhaarigen bedauern. „Nimm die nächstbeste Maschine nach Cleveland, melde ich bei dieser Nummer.“ Er drückte ihm eine Karte in die Hand. „Mein Onkel hat sicher Verwendung für dich. Deinen Job hier wird Spencer Wycliffe in Zukunft erledigen.“

Er grinste breit und blies dem fast fünfundzwanzig Jahre Älteren den Rauch ins Gesicht. „Ich persönlich werde ihn einarbeiten.“

Mit offenem Mund stand Brian da, hielt sich an seinem Schreibtisch fest, und kämpfte um seine Fassung. Aber kein Gegenargument wollte ihm einfallen.

Tibor setzte seine Kreise um den Schreibtisch fort. „Es scheint tatsächlich geklappt zu haben“, sagte er wie zu sich selbst. „Jedenfalls konnten sich Johnny und Sammy aus dem Truck retten, und eine Menge Autos stehen auf dem Highway in Flammen.“

Er wandte sich an Dencil. „Wann startet das Flugzeug?“

„Um viertel nach zwei. Die Koffer sind schon im Wagen.“

„Gut. Ich werde natürlich nicht allein nach Manhattan fliegen.“ Mit der Zigarettenspitze deutete er auf Nancys erfolglose Bewacher. „Ihr kriegt eine Chance, euren Schnitzer auszubügeln. Ich will, dass ihr die Schlampe persönlich bestraft. Packt Zahnbürste und Deo ein, in zehn Minuten geht’s zum Flughafen.“

Miller und Rosebud blieben äußerlich unbewegt. „Kein Problem, Sir“, sagte Miller.

„Klar doch.“ Rosebud versuchte zu grinsen. „War lange nicht im Big Apple gewesen.“ Mit steifen Knien stelzten sie aus dem Büro.

Tibor Belucci wartete, bis die Tür sich hinter ihnen schloss und Stimmengewirr, Musik und Gläserklirren verstummten. Dann wandte er sich an den jungen Dencil Roselle.

„Und dich nehme ich auch mit, Dencil. Ich brauche einen aus deinem Holz. Einen der weiß, was angesagt ist.“ Fast gönnerhaft lächelte er. „Einen, der mir zum Beispiel unaufgefordert Feuer gibt.“

„Okay.“ Dencil – er war nicht älter als drei- oder vierundzwanzig und schien mexikanische Vorfahren zu haben – nickte nur und tat sehr gelassen. Es wirkte ganz so, als wäre er es auch.

„Pack ein bisschen was zusammen.“ Er wedelte mit der Zigarettenspitze vor Dencils Gladiatorenkostüm herum. „Einen ordentlichen Anzug kaufen wir in Manhattan.“

Noch bevor Dencil die Tür erreicht hatte, klingelte eins der Telefone auf dem Schreibtisch. Brian nahm ab. „Caesars Theatre, Forster?“ Er stellte den Lautsprecher ein. Wycliffes Stimme plärrte aus dem Apparat.

„Wir haben Sammy und Johnny aufgenommen und sind unterwegs ins Quartier. Scheiße: Sammy hat sich die Schulter ausgekugelt, und Johnny blutet wie ein Schwein aus einer Platzwunde im Hinterkopf ...“

Tibor Belucci lief zum Schreibtisch und riss Brian den Hörer aus der Hand. „Dann beschaff einen Arzt für sie!“, schrie er. „Ich will nichts von den Wehwehchen meiner Leute wissen! Die werden gut dafür bezahlt, dass sie ihre Haut riskieren! Ich will wissen, ob es Trevellian und Tucker erwischt hat!“

„Auf der Fünfzehn ist die Hölle los! Der Tank ist explodiert – wir konnten die Fahrzeuge gar nicht zählen, die alle in Flammen stehen! Mindestens zwanzig Wagen sind in den Tank gekracht. Aus dieser Hölle kommt keiner mehr lebend raus.“

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Raus hier!“, brüllte Milo. „Raus! Raus!“ Der Wagen wackelte, auf den vorderen Sitzen warf sich jemand von innen gegen die Tür. Ich hörte sie aufspringen. Der Autohimmel drückte gegen meinen Schädel. Von vorne und von links war ich von Airbags eingezwängt. Rechts spürte ich Milos Ellenbogen. Meinen Partner am Leben zu wissen, beflügelte mich.

Ich zwängte mich an den Airbags vorbei, erwischte den Türgriff, riss daran und stieß die Tür auf. Mein Knie tat weh, als ich mich an einer Sitzlehne abstieß. Ich rollte mich aus dem Auto ins Gestrüpp der Böschung.

Das erste, was ich sah, war ein pechschwarzer Rauchschleier über mir. Und das zweite ein Autoreifen, der sich über mir drehte. Es war eigenartig dunkel und sehr heiß; und es roch nach Benzin und verbranntem Gummi.

Ich rappelte mich auf und sah zur Leitplanke hinauf – dort züngelten Flammen, und schwarze Rauchschwaden wogten im Wind. Männer schrien, Motoren heulten auf. Plötzlich wurde es noch dunkler – ein warmer, feuchter Lappen glitt über meine Augen; ich schmeckte Blut auf den Lippen.

Der Chevrolet Blazer lag auf dem Dach, endlich begriff ich es. Jemand tastete sich am Heck entlang. Ich wischte mir das Blut aus den Augen. Milos gekrümmte Gestalt wankte mir entgegen. Sein linker Arm hing schlaff hinunter, er hielt in sich fest.

„Was für ein Bullshit, Jesse, was für ein gottverdammter Bullshit!“ Milo stutzte, runzelte schließlich die Stirn. „Gott! Was ist aus deiner Frisur geworden?!“

Er riss ein Taschentuch aus der Hose, wankte zu mir und presste es auf meinen Scheitel – erst jetzt spürte ich brennenden Schmerz. „Das reicht für mindestens zehn Stiche“, sagte Milo. Ich verstand nicht genau, was er meinte.

„Wir müssen uns ein paar Meter zurückziehen, sonst ist deine Frisur auch im Eimer“, sagte ich. Es war unerträglich heiß. Von fern hörten wir Sirenen heulen. Ich sah mich um. „Rudy! Neill!“ Keine Reaktion. Wir stolperten um den Blazer herum. In meinem rechten Knie bohrte unerträglicher Schmerz. Ich hinkte.

Neill hockte vor der offenen Fahrertür. Er tastete seine Arme und seine Beine ab. „Wo bin ich, was ist passiert?“ Er blutete aus einer Wunde an seiner Schläfe. Erschrocken starrte er uns an. Ein Filmriss, dachte ich. Vermutlich hatte Neill für Sekunden das Bewusstsein verloren.

„Wo ist Rudy?“, hörte ich mich krächzen. „Wir müssen hier abhauen.“

„Rudy!“, schrie Neill plötzlich. „Bist du in Ordnung, Partner?!“ Er sprang auf und rannte zu den Vorderreifen. Es sah ganz so aus, als hätte er weniger abgekriegt, als Milo und ich.

Er kniete vor dem Kühlergrill, neigte den Kopf fast bis zum aufgewühlten Grasboden und spähte zur Windschutzscheibe. „Zersplittert“, flüsterte er. Mit vereinten Kräften gelang es uns die Fahrertür zu öffnen: Keine Spur von Rudy.

„Er war nicht angeschnallt“, stöhnte Milo. Sein Arm schien ihm Probleme zu machen. Gebrochen, vermutete ich.

Wir suchten Gras und Gestrüpp vor dem Blazer ab. Rudy war durch die Windschutzscheibe geschleudert worden, keiner von uns zweifelte noch daran.

Fünf Minuten irrten wir durch die Landschaft. Oben auf dem Highway stoppten Löschzüge und Rettungsfahrzeuge. Zwei Feuerwehrmänner liefen plötzlich neben uns. „Brauchen Sie Hilfe?!“, rief einer. Ich glaube, ich hab ihn nur stumm angestiert.

„Hier liegt ein Verletzter!“, rief der zweite Feuerwehrmann. Fünfzehn Schritte vom Blazer entfernt kniete er im Gras. Wir stolperten zu ihm. Neill erreichte ihn als erster.

„Rudy!“, rief er. „Bist du in Ordnung?!“ Er ging neben dem Feuerwehrmann in die Hocke. Rudy lag merkwürdig verkrümmt im Gras. Er war überhaupt nicht in Ordnung. Er war tot.

„Genickbruch“, stellte der Feuerwehrmann fest. Neill begann laut zu weinen.

„Oh, Scheiße, Scheiße, Scheiße!“ Milo stöhnte. „Warum zum Teufel sind wir hierher gekommen?“

Ein Ambulanzwagen brachte uns nach Downtown in eine Klinik, Neill, Milo und mich. Mit Neill war nichts mehr anzufangen. Ich weiß noch, dass ich eine unbeschreibliche Dankbarkeit empfand, dass es nicht meinen Partner erwischt hatte. Und ich weiß noch, dass ich mich dafür schämte.

Milos linkes Ellenbogengelenk war gebrochen. Alles Zetern und Fluchen nützte ihm nichts. Am Ende willigte er in die Operation ein.

Mir rasierten sie den Kopf halb kahl und nähten meine Schädelschwarte mit zwölf Stichen zu. Ein Arzt behauptete, in meinem Knie sei eventuell irgendetwas angerissen, eine Sehne, eine Gelenkkapsel – ich erinnere mich nicht mehr genau. Jedenfalls hätte der Doktor auch mich gern auf den Tisch gelegt, um mein Knie von innen zu inspizieren und gegebenenfalls gleich wieder zusammen zu nähen.

„Wenn man schon mal dabei ist, was?“, sagte ich und bestand darauf, das Knie meinem Arzt in New York City gelegentlich vorzustellen. Sie legten mir eine Art Kunststoffverband an, und ich musste mich vorläufig mit einem steifen Bein abfinden.

Der Chef – ich rief ihn natürlich noch vom Rettungswagen aus an und erzählte ihm von dem schrecklichen Unfall – verlangte, dass wir das nächste Flugzeug nehmen, sobald Milo wieder aus der Narkose aufgewacht war. Ich sagte: „In Ordnung, Sir“, und dachte: Mal sehen ...

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Tausende strömten durch die Bahnhofshalle des Grand Central Terminals. Hunderte standen vor den Fahrplänen, drängten sich um das Auskunftsrondell unter der vierseitigen Uhr, bevölkerten Kioske und Imbissstände. Und immer mehr Menschen trugen die Rolltreppen aus den Tiefen des Bahnhofs in die Halle hinein.

Desmond Singer nahm die Massen kaum wahr. Allein Nancys Gesicht füllte sein Bewusstsein aus. Obwohl er sie noch gar nicht sah. Im Laufschritt steuerte er die Treppe an und lief in die nächste Ebene hinunter.

Am späten Nachmittag hatte sie ihn Büro angerufen. „Ich bin in New York City. Kann ich dich sehen?“

Von den Rolltreppen ergoss sich eine wahre Völkerwanderung. Irgendwo da unten musste ein Zug zahllose Pendler ausgespuckt haben. Singer geriet ins Gedränge. Mit den Ellenbogen arbeitete er sich durch die Menge. Hundertfünfzig Schritte etwa trennten ihn noch von der Eingangsfront der Grand Central Oyster Bar. Hundertfünfzig Schritte noch, bis er Nancy an sich drücken konnte!

„Sie haben mich getreten“, hatte sie gesagt, „sie wollten mich umbringen, wenn ich Las Vegas verlasse. Ich bin quer durch die Staaten geflogen, um bei dir zu sein, ich hab mein Leben riskiert ...“

Singers Herz schlug ihm in der Kehle, sein Gedärm rumorte. Kulissen waren die Treppen, Geländer, Säulen und Zuganzeiger; Statisten die vielen Menschen. Kulissen und Statisten eines Films, in dem er und Nancy die Hauptrollen spielten.

Er erreichte den Eingang der Oyster-Bar. Durch die Glastüren hindurch spähte er hinein: Nancy saß an einem Tisch vor den ledergepolsterten Bänken an der Längswand. Singer trat ein; Nancy sah ihn und stand auf.

Er eilte an Theke und Tischen vorbei, sie fielen sich in die Arme. „Nancy“, seufzte er. „Meine Nancy.“

„Ich bin so froh, Desmond“, flüsterte sie. Sie weinte in seinen Lodenmantel hinein.

Er bestellte Kaffee, Wasser und für jeden einen Snack. Seite an Seite saßen sie am Tisch, hielten sich an den Händen, steckten die Köpfe zusammen, und schwiegen minutenlang. Das Glück, einander wiederzuhaben, machte Worte überflüssig und ließ sie die Welt um sich herum vergessen.

Singer brach das Schweigen irgendwann. „Was ist geschehen, Nancy? Was haben sie dir angetan?“

Nancy erzählte, stockend und heiser: Von ihren Bewachern, vom abgehörten Telefon, von der Misshandlung durch Belucci, von der Todesdrohung für den Fall, dass sie die Stadt verließ oder noch einmal mit ihm Kontakt aufnahm. Von Dick erzählte sie nicht.

„Ich hab das FBI eingeschaltet“, sagte er. „Mach dir keine Sorgen, in Manhattan bist du sicher. Ich besorge dir ein Apartment, das kann bis Mitte April dauern. Bis dahin miete ich ein Hotelzimmer für dich.“

Er warf einen Blick auf ihre Handtasche. „Mehr Gepäck hast du nicht dabei?“

Sie schüttelte traurig den Kopf. „Ich konnte nur mitnehmen, was ich auf dem Leib trug.“

Er zahlte. Mit einem Taxi fuhren sie in die 34th Straße zu Macy’s hinunter. Dort kaufte Singer ihr alles, was sie fürs Erste brauchte: Wäsche, ein paar Kleider und Hosen, Schuhe, Toilettenartikel und so weiter, und so weiter.

Vom Restaurant des Kaufhauses aus rief er zu Hause an. Der Anrufbeantworter nahm seine Nachricht entgegen. Lorraine hatte ein paar Arzttermine in Brooklyn. Vielleicht war sie auch schon zu ihrem Bridgeclub in der Upper East Side gefahren. Er habe einen wichtigen Kundentermin in Boston, vertraute er dem Anrufbeantworter an; und es könne sein, dass er die Nacht über in Boston bliebe.

Danach telefonierte er mit ein paar Hotels. Im Metro Hotel in Chelsea buchte er schließlich ein Doppelzimmer für sie.

All die Tüten und Päckchen, die zwei Macy’s-Mitarbeiter auf zwei Wagen aus dem Kaufhaus schoben, schöpften die Ladekapazität ihres Taxis vollkommen aus. Und später, im Metro, auch Fläche und Raum des Lifts. Drei Hotelpagen transportierten Nancys neue Grundausstattung vom Lift in ihr Zimmer.

Als sie allein waren, stand Nancy vor dem Bett und blickte sich in ihrem großzügigen Zimmer um. „Ich will ganz neu anfangen, Desmond.“ Sie lief zum Fenster und blickte in den Steinwald aus Wolkenkratzern. „Hier in New York City will ich neu anfangen.“

Sie drehte sich zu Singer um. Den grauen Lodenmantel über dem Arm stand er an der Tür. Einfach nur glücklich war er; fragte nicht nach Morgen und Übermorgen, nicht nach Lorraine und den Kriminellen in Las Vegas, stand nur da, und wusste vor Glück nicht, was er sagen sollte.

„Mit dir, Desmond“, sagte Nancy. „Mit dir will ich neu anfangen.“ Sie lief los und flog in seine Arme.

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Es war ein Samstag, als sie uns aus der Klinik entließen. Der März neigte sich seinem Ende zu. Ich weiß noch, dass wir hemdsärmlig und mit gelockerten Krawattenknoten im Foyer des Krankenhauses auf Neill Glendale warteten. Der Kollege wollte uns zum Flughafen bringen. Eine American-Airlines-Maschine startete 15.34 Uhr Richtung Ostküste. Das FBI-Office Las Vegas hatte zwei Tickets für uns gebucht.

Wir sahen aus, wie man eben aussieht, wenn man haarscharf am Tod vorbeigeschrammt ist: Milo mit einer Gipsschiene am linken Arm, ich mit dickem Kopfverband und einer Krücke; und beide nicht eben wie Glückspilze; wen wundert’s?

Mein Partner hatte irgendeine Tageszeitung auf dem Tisch ausgebreitet. Umständlich blätterte er darin herum. Selbst das Zeitung-Lesen wird einarmig zur Geschicklichkeitsübung.

Auf den Lokalseiten seit gestern nur noch ein Thema: Der schwere Unfall mit dem Tanklastzug auf der Interstate 15. Dreiundzwanzig Fahrzeuge waren in den Tanksattel geknallt, darunter ein Reisebus. Die meisten Fahrzeuge brannten vollständig aus.

Elf Tote hatte es gegeben, und neunundzwanzig zum Teil schwer Verletzte. Irgendetwas in mir sträubte sich dagegen, meinen Partner und mich als Teil dieser Statistik zu betrachten. Und noch weniger kapierte ich, dass wir nicht unter den elf Toten waren.

„Ich werd’ verrückt“, flüsterte Milo plötzlich.

„Was gibt’s Neues?“ Eigentlich war mein Bedarf an Neuigkeiten gedeckt. Ich blickte durch die Glasfront zur Klinikauffahrt. Neill wollte schon vor fünf Minuten hier sein.

„Setz dich, Jesse.“ Die Dringlichkeit in Milos Stimme alarmierte mich. „Setz dich, und hör dir das an.“ Etwas schien ihn zu erschrecken. Ich setzte mich neben ihn, er las vor:

„Gerüchte, wonach der Fahrer des Tankwagens alkoholisiert gewesen sein soll, wollte der FBI-Sprecher nicht bestätigen. Aus dem Umkreis des gerichtsmedizinischen Institutes von Las Vegas war zu hören, dass der Mann unter Drogen gestanden hatte. Außerdem fanden FBI-Spezialisten im Fahrerhaus der Zugmaschine Fasern, die weder zur Kleidung des getöteten Fahrers gehörten, noch zu der eines Speditionsmitarbeiters, der den Truck in den Tagen vor der Katastrophe gesteuert hatte.‟

Er unterbrach sich und sah mich an. Keiner von uns sprach ein Wort. In Gedanken reisten wir beide eine Woche in die Vergangenheit zurück und schlenderten dort über den Canal Street Flea Market.

„Reisefertig?“ Neills Stimme riss uns aus den Grübeleien. Breitbeinig und die Hände in den Hosentaschen stand er vor der Sitzgruppe. Aber er grinste nicht, keine Spur. Trauerflor hing aus der Brusttasche seines schwarzen Anzuges.

Er bückte sich nach unseren Trolleys. „Na, dann folgt mir mal.“ Hinter Milo und Neill her hinkte ich zu seinem Dienstwagen, einem schwarzen Ford LTD.

„Wir haben gerade Zeitung gelesen.“ Milo fand seine Sprache wieder. „Kein Unfall, hab ich Recht?“

Neill lud unser Gepäck in den Kofferraum. Erst als wir alle im Wagen saßen und er anfuhr, redete er. „Also gut. Keine Ahnung, wie die Pressegeier zu den Infos aus dem Labor kommen. Trotzdem: Bis jetzt wissen sie nicht mal die Hälfte.“

Er bog auf den Boulevard ein, der an der Klinik vorbei Richtung Innenstadt führte. Der schnellste Weg zur Interstate 15. Bei dem Gedanken in zwanzig Minuten die Unfallstelle passieren zu müssen, schauderte mich.

„Bitte, Neill!“ Milo wurde ungeduldig. „Warum lässt du dir jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen?“

„Shit“, knurrte Neill. „Mein Chef hat gesagt, euer Chef will euch die ganze Scheiße persönlich und so weiter ...“

„Also kein Unfall.“ Ich beugte mich aus dem Font zwischen Fahrer- und Beifahrersitz und musterte Neill von der Seite. Er kämpfte mit sich.

„Jetzt red schon, Kollege!“ Milo boxte mit der Rechten von hinten gegen den Fahrersitz.

„Diazepam“, sagte Neill. „Im Gewebe des toten Fahrers haben sie einen hohen Diazepam-Spiegel gefunden. Könnt ihr euch erklären, warum ein Trucker mit zehntausend Liter Benzin im Gepäck sich Valium spritzt, bevor er seine Kiste besteigt?“

„Jesus.“, stöhnte Milo.

„Weil er einen Unfall bauen will“, sagte ich.

„Oder der, der ihm das Zeug gespritzt hat.“

„Ihr glaubt, er hat es nicht freiwillig genommen?“ Mir standen buchstäblich die Haare zu Berge. Und Milo neben mir legte den Kopf auf die Nackenstütze und schloss die Augen. Aschfahl war er plötzlich.

„Was soll ich sagen – unsere Jungs von der Spur haben nicht nur Fasern gefunden. Sie haben Teile einer Nylonschnur aufgelesen. Und im Obduktionsbericht stand etwas von Einkerbungen in der Haut des Toten, wie sie nach längeren Fesselungen mit dünnem Material charakteristisch sind. Jetzt versuchen sie gerade, aus den tausend Fingerabdrücken schlau zu werden; über das ganze Fahrerhaus sind die verteilt. Na ja, und so weiter.“

Mehr erzählte Neill nicht. Und mehr brauchte er auch nicht erzählen. Für Sekunden waren Milo und ich unfähig, zu reagieren. Das Hinweisschild auf den Flughafen und die 15 riss mich aus der Betäubung. „Halt an, Neill.“

„Wie bitte?“

„Anhalten, verdammt noch mal!“

„Ich hab eure Tickets besorgt! Ihr verpasst eure Maschine!“

„Halt endlich an, und nenn uns ein vernünftiges Hotel.“ Milo mischte sich ein, obwohl er noch immer mit geschlossenen Augen in seinem Sitz hing. Er sah aus, als würde er meditieren.

„Shit, mein Chef wird mir in den Arsch treten!“ Neill ließ die Auffahrt zur Interstate rechts liegen.

„Du wirst auch das überleben.“

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Vor den Fenstern dämmerte der Abend über der Ostküstenmetropole. Vier Männer hatten sich bei Tibor Belucci in dessen Hotelsuite im Plaza Hotel versammelt: Dencil Roselle, Miller, Rosebud und ein kleiner, südländisch wirkender Mann in schwarzem Trenchcoat und mit kahlgeschorenem Schädel. Er hieß Michael Armado.

Armado gehörte zu der kleinen Gruppe von Gelegenheitsgangstern in New York City, die noch auf der Gehaltsliste des Belucci-Clans standen. Er war der einzige Mann am runden Tisch der Sitzgruppe, der keinen Anzug trug. Selbst Dencil Roselle hatte sich in einen Dreiteiler gezwängt – grau, mit Nadelstreifen und körperbetont. Das Teil kleidete ihn unerwartet gut. Unter der Weste trug er ein rotes Sporthemd ohne Krawatte.

„Darauf stehen die Weiber“, hatte der Marder ihm erklärt.

Der telefonierte mit seinem Vater. Er hatte den Lautsprecher eingeschaltet, obwohl es ihm peinlich war, wenn seine Männer mitbekamen, wie der Indio ihm den Marsch blies. Doch Belucci senior hatte darauf bestanden, dass alle Anwesenden mithörten.

„... wunderbar, gratuliere, ihr seid großartig, genial seid ihr!“ Bronco Belucci tobte. „Einen ganzen Lastzug auf den Kopf gehauen, ein Riesenhöllenfeuer abgefackelt, tonnenweise Schrott produziert, zig Tote und Verletzte! Und wofür? Um das Wirtschaftswachstum um ein Zehntel Prozent in die Höhe zu treiben!? Um uns in die Schlagzeilen zu bringen?! Um einen einzigen Bullen umzulegen?! Gratuliere, ihr Hohlköpfe! Gratuliere, Tibor! Du bist es nicht wert, den Namen Belucci zu tragen!“

Überrumpelt waren die Männer, ja, das ist das richtige Wort: Der Anruf und die schlechten Nachrichten aus Las Vegas hatten sie kalt erwischt. Keiner sagte etwas, keiner sah den anderen an.

Tibor Belucci stand am Fenster und blickte hinab auf die Grand Army Plaza und den südlichen Eingang des Central Parks. Die Zigarette in seinem Mundstück war nicht angezündet. Hitze war ihm ins Gesicht gestiegen. Er fragte sich, warum Mylay und Wycliffe ihn noch nicht über die Pleite informiert hatten.

„... so, und jetzt geht es weiter!“, brüllte der Indio aus dem Lautsprecher. „Ratet mal, wer heute am frühen Nachmittag in Caesars Theatre aufkreuzte und nach Brian fragte?! Ratet mal! Oder ratet, wer heute am späten Nachmittag in unserem Gästeapartment in Downtown aufkreuzte, und sich wunderte, weil er den Namen Cohen nicht mehr am unter den Klingelschildern fand?! Na?! Kommt ihr drauf?!“

Tibor Belucci drehte sich um. Als hätte er das Telefon gerade eben als Zeitbombe identifiziert, genau so starrte er es an. Auch den meisten anderen standen die Münder offen.

„Trevellian und Tucker! So ist es! Und mit ihnen Glendale, dieser stinkende Fuchs! Ich hoffe, ich bezahle keine Dummköpfe, die nicht die nötigen Schlüsse daraus ziehen können! Die Konsequenzen lege ich lieber selbst fest: Nicht nur die Cohen muss weg, sondern auch Singer! Und wenn ich sage weg, dann meine ich weg! Von mir aus steckt die Leichen samt Singers Wagen in eine Schrottpresse! Oder schmuggelt sie in einen Hochofen! Mir scheißegal! Und danach, spätestens morgen Abend, fliegst du zurück nach Las Vegas, Tibor, und kümmerst dich um deine Stadt!“ In der Leitung knackte es, danach das typische Pochen. Die Ansprache des Indios war vorbei.

Alle blickten sie zu Tibor. Der ging nicht zu seinem freien Sessel in der Sitzgruppe – er schlich dorthin. Und seine Wirbelsäule schien am Fenster einen Knick abbekommen zu haben. Schwer atmend ließ er sich in seinen Sessel sinken. Dencil gab ihm Feuer.

„Was meint er damit?“, fragte Rosebud. „Was für einen Schluss sollen wir ziehen?“

„Idiot“, sagte Tibor heiser. „Erklär’s ihm, Dencil.“

„Wenn die Feds vor dem Apartment waren, in dem ihr euch Singer vorgeknöpft habt, können sie die Adresse nur von Singer haben. Das gleiche gilt für das Caesars Theatre. Also hat Singer sich an die Bullen gewandt.“

„Ach so ...“

„Genug gequatscht“, sagte Belucci junior. „Wir ziehen’s über die Bühne. Und zwar machen wir’s nach deinem Plan, Mike.“ Armado nickte. „Du, Rosebud und Miller – ihr kümmert euch um das Mädchen. Spätestens morgen Abend ist die Sache erledigt.“

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Wir standen im Büro des SAC von Las Vegas. Neill drückte auf den Knopf des digitalen Aufnahmegerätes. Es knackte ein paar Mal, dann rasche Atemzüge, dann das Freizeichen, und schließlich sagte eine sonore Männerstimme: „Belucci?“

„Wycliffe hier, Las Vegas.“ Die zweite Männerstimme klang reichlich erregt. „Schlechte Nachrichten, Mr. Belucci. Es sieht so aus, als glaubten die Feds nicht mehr an einen Unfall ...“

Was wir hörten, war die Aufzeichnung eines Telefonats zwischen Spencer Wycliffe, dem neuen Empfangschef von Caesars Theatre, und seinem allerhöchsten Boss, dem Indio. Ungefähr anderthalb Stunden zuvor hatten die beiden telefoniert. Ein Kommunikationsspezialist hatte die Diskette gerade eben ins SAC-Büro gebracht.

„Und Trevellian und Tucker haben überlebt ...“ Belucci – eine Digitalanzeige verriet uns seine Nummer: Er rief aus San Diego an – ließ sich den Anschlag auf der Interstate 15 in allen Einzelheiten berichten. Danach bekam er einen Tobsuchtsanfall.

Neill drehte leiser. „Reicht das für einen Haftbefehl gegen den Indio?“ Fragend sah er seinen Chef an. Statt zu antworten ging der SAC zu seinem Schreibtisch und nahm den Telefonhörer ab.

„Da ist noch etwas, Mr. Belucci.“ Wycliffe druckste herum. „Leider ...“ Neill drehte wieder lauter.

In Las Vegas liefen die Sachen unkomplizierter, als bei uns an der Ostküste. Innerhalb von drei Stunden hatten wir die richterliche Ermächtigung, die Geschäftstelefone in Caesars Theatre abzuhören. Der Durchsuchungsbefehl musste jede Minute durchs Fax rascheln, und die Haftbefehle gegen Wycliffe, Mylay und einen Mann namens Samuel Lane waren zumindest in der Mache.

„Trevellian und Tucker waren hier ...“, sagte Wycliffes Stimme aus dem Aufzeichnungsgerät. Während des Besuches in Wycliffes Büro hatten wir die Wanze im Telefon versteckt. „... und vorher standen sie vor unserem Apartmenthaus in Downtown.“

Beängstigende Stille vom Band. Wir erwarteten, dass Belucci wieder losschreien würde. Tat er aber nicht. „Wo ist Mylay?“, fragte er statt dessen.

„Sitzt am Roulettetisch und spielt.“

„Er soll in die nächstbeste Maschine steigen. Egal wohin. Nur schnell muss es gehen. Und jetzt gib mir die Nummer von Tibors Hotelzimmer.“

Milo notierte die Telefonnummer. Die Verbindung wurde unterbrochen. Ich zückte mein Handy, um die Telefonnummer der Federal Plaza durchzugeben. Orry war am Apparat. „Neuigkeiten aus Las Vegas: Im Truck wurde Blut der Blutgruppe Null positiv gefunden. Der Fahrer hatte A positiv. Außerdem Fingerabdrücke eines aktenkundigen Killers – Johnny Mylay. Das scheint der zu sein, der Milo und mich abschießen wollte.“

„Wo steckt er?“

„Hier in Las Vegas. Und nun hör besonders gut zu, Orry: Tibor Belucci hat sich mit drei Männern nach Manhattan abgesetzt. Wir glauben, dass er Nancy Cohen töten will.“ Ich gab ihm die Telefonnummer durch.

„Verstanden, Jesse. Dürfte ein Kinderspiel sein, das Hotel ausfindig zu machen. Wir kümmern uns um Belucci.“

„Ich habe unserem Office in San Diego Bescheid gesagt. Sie werden sich Belucci Senior zur Brust nehmen.“ Neills Chef wedelte mit einem Stück Papier. „Der Durchsuchungsbefehl für Caesars Theatre. Die Haftbefehle sind unterwegs. Greifen wir zu!“

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Also gut – morgen stellst du mich deinen Eltern vor.“ Mit der Linken kurbelte Houston Freemont am Steuerrad seines Honda Cabriolets herum, sein rechter Arm lag um Wandas Schulter. Der Wagen rollte in die mittlere von fünf freien Parkbuchten auf dem Parkplatz des Tennisclubs. „Was für Blumen soll ich deiner Ma kaufen?“

„Einen Frühlingsstrauß, einen schlichten Frühlingsstrauß, darauf steht sie.“ Wanda kuschelte sich an ihn und kicherte. „O Gott, bin ich aufgeregt. Was wirst du anziehen?“

„Ich geh sportlich: Weißer Anzug, schwarzes T-Shirt.“ Er stellte den Motor ab, zog den Schlüssel heraus, und drückte auf einen Knopf. Das Faltdach stieg aus dem Heck. Er nutzte die Wartezeit, um Wanda zu knutschen.

„Ich bin so gespannt“, flüsterte sie. Wie Houston trug sie einen Tennisdress.

„Nicht ohne Grund, meine Süße.“ Er entblößte sein perlweißes Gebiss. Wanda liebte sein Lachen. Manchmal sah sie es im Traum. „In euren Kreisen stellt man seinen Eltern schließlich nicht jeden Tag einen schwarzen Mann als zukünftigen Gatten vor.“

„Du bist gemein!“ Wanda holte ihre Tasche vom Rücksitz und drückte die Tür auf. Ein grauer Chrysler rollte in die Parkbucht auf der Beifahrerseite.

Das Dach rastete ein. „Ich hoffe, mein Doktortitel wird meine Hautfarbe wettmachen.“ Auch Houston öffnete die Wagentür.

„Du sollst nicht so reden, Sugar!“

Er wollte sich eben aus seinem Honda schwingen, da rammte ein Fahrzeug die offene Fahrertür. „O Shit!“ Houston sprang aus dem Wagen. „Können Sie nicht aufpassen, Mann?!“

Es war ein weißer Volvo V 70. Seine Fahrertür wurde aufgestoßen. „Tut mir Leid, Sir, ehrlich“, sagte eine Männerstimme.

Houston ging in die Hocke, um den Schaden zu besehen. Die Tür war hin, keine Frage. „Haben sie ihre Versicherungskarte dabei?“ Er wandte den Kopf. Ein Mann stand breitbeinig hinter ihm. Er trug einen dunklen Anzug. Der Hartgummiknüppel in seiner Rechten sauste auf Houstons Schädel herab. Sein Gehirn registrierte nicht einmal mehr das Gesicht des Angreifers.

„Houston!“ Wanda schlug die Hände vors Gesicht. Zu mehr kam sie nicht. Ein kahlköpfiger Mann presste ihr von hinten die Hand auf den Mund. Er trug einen hellen Trenchcoat und war auf der Fahrerseite aus dem Font gestiegen. Dort hinein zerrte er sie.

Sekunden später rasten ein grauer Chrysler und ein weißer Volvo vom Parkplatz des Brooklyn College Tennisclub.

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Eine Kerze brannte auf dem Nachtisch neben dem Telefon. Zwei weitere auf dem Tisch vor dem Fenster. Dort stand auch ein Strauß Rosen. Ihr Duft erfüllte das Zimmer. Vor den Fenstern staute sich das Großstadtlicht unter der hereinbrechenden Nacht. Die beiden nackten Menschen auf dem Bett hielten sich fest, als wollten sie sich nie wieder loslassen.

Nancy schlief tief und fest. Und Singer spielte mit dem Gedanken, erst am Morgen nach Brooklyn in seine Villa hinüber zu fahren.

Das Telefon läutete.

Singer fuhr hoch und nahm schnell ab. Er wollte vermeiden, dass Nancy wach wurde. „Singer?“, flüsterte er.

„Wir haben deine Tochter, Singer“, sagte eine Männerstimme. „Du schaltest die Polizei ein, und sie stirbt.“

Singers Körper füllte sich von einem Atemzug zum anderen mit Stein. Kein Wort brachte er heraus.

„Verdaut?“, fragte die Männerstimme.

Aus den Augenwinkeln beobachtete Singer seine nackte Geliebte neben sich im Bett. Sie lächelte im Schlaf. „Was wollen Sie von mir?“, flüsterte er.

„Nancy Cohen.“

„Wie ...?“ Singer verstand ganz genau.

„Nancy Cohen gegen deine Tochter.“

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Gleichsam aus dem Stand mobilisierte das FBI-District-Office Las Vegas 38 Special Agents. Dazu Scharfschützen und ein 17köpfiges Expertenteam des Erkennungsdienstes. Und das am Wochenende!

Später erfuhren wir, dass Neills Chef Urlaubssperre verhängt hatte. Selbst an Wochenenden hatten seine Agenten erreichbar zu sein. So lange, bis Rudy Arlingtons Mörder gefasst waren.

Auch das City Police Department von Las Vegas beteiligte sich an dem Einsatz in Caesars Theatre. Löschzüge der Berufsfeuerwehr und ein paar Ambulanzwagen parkten nur wenige hundert Meter vom Kasino entfernt auf dem Strip.

Kurz: Unsere Kollegen boten so ziemlich alles auf, was eine Waffe halten konnte und eine Dienstmarke in der Brusttasche trug. Ich hatte den Eindruck, die ganze Stadt fieberte mit ihrer Polizei.

Die Vollsperrung auf dem Strip verursachte einen Stau bis an die Stadtränder. Man muss sich das vorstellen: Samstagabend, aus allen Teilen der Staaten waren sie in Las Vegas eingefallen, um ihre Dollars an Spieltischen und Automaten loszuwerden – oder positiver ausgedrückt: Um das große Glück zu machen – und auf dem Strip ging nichts mehr.

Die Telefone im FBI-Office und in den Polizeirevieren standen nicht mehr still: Tausende von Bürgern wollten wissen, was los war. Dutzende Kasinobetreiber und Hotelbesitzer beschwerten sich.

Von all dem bekamen wir nicht viel mit. Zusammen mit Neill und zehn seiner Kollegen stürmten wir die Rolltreppe von Caesars Theatre hinauf. Wir trugen Sturmhauben und die obligatorische schwarze Kampfkombination. Jeder Mann, jede Frau des Voraustrupps, war mit einem M-16 Schnellfeuergewehr ausgerüstet.

Milo und ich bildeten die Nachhut – notgedrungen. Ich, mit meinem lädierten Knie, hinkte mehr, als dass ich stürmte. Und Milo, mit seinem Gipsarm, wollte an meiner Seite bleiben. Wir beide – ein groteskes Bild gaben wir ab, alles was recht ist!

Im Foyer schwärmten wir aus. In Nullkommanichts waren die Lifte, die Durchgänge zu den Salons, die Türen zum Verwaltungsbereich, ja, selbst die Küchentür hinter der Theke des Bistros im Foyerbereich besetzt. Die Leute standen wie angewurzelt. Der Schock verzerrte ihre Mienen.

„FBI!“, schrie Neill. „Flach auf den Boden. Bewaffnete Gewalttäter sind im Haus!“

Eine Lady in Kleopatra-Kostüm ließ ihr Tablett fallen. Gläser zerklirrten auf den Marmorfliesen. Sie legte sich mitten in die Scherben. Und dann war es wie ein Dominoeffekt: In Sekundenschnelle warfen sich die Männer und Frauen im Foyer auf den Boden.

Der nächste FBI-Trupp rannte von der Rolltreppe ins Foyer. Das Vorauskommando überließ den nachrückenden Kollegen die Stellung und verschwand hinter Türen und in den Aufzügen. Die Gewehre im Anschlag liefen – beziehungsweise hinkten – Milo und ich hinter Neill her auf den Säulendurchgang zum Büro des Empfangschef zu. Kurz fiel mein Blick auf eine Marmorstatue: Ein nackter David. Er lächelte gleichgültig auf uns herab.

Das Schild neben der Bürotür wies noch einen gewissen Brian Forster als Empfangschef aus. Wir wussten, dass der die Stadt längst verlassen hatte.

Milo und ich pressten uns rechts und links der Tür an die Wand, Neill trat sie auf.

„FBI! Waffen fallen lassen!“ Er sprang in den Raum hinein, wir hinterher. Vier Männer hielten sich in dem Büro auf. Neill schoss in die Decke. „Aufstehen! Hände an die Wand!“

Eine Reisetasche stand mitten im Raum. Davor ein Mann mit einer Zigarette in der Hand. Genau wie ich trug er einen Kopfverband. Seine asiatischen Züge elektrisierten mich: Johnny Mylay! Das musste er sein!

Mylay machte den Fehler unter seine Lederjacke nach seiner Pistole zu greifen. Milo zielte auf seine Beine und zog den Stecher durch. Seine M-16 spuckte Feuer und Blei. Schusslärm erfüllte das Büro. Die drei Männer, die sich bereits an die Wand gestellt hatten, warfen sich auf den Boden.

Mylay schrie auf, brach zusammen, wälzte sich auf dem Boden unter den Schreibtisch und riss seine Pistole hoch. Doch Milo warf sich auf ihn, schlug ihm die Waffe mit dem Gewehrkolben aus der Hand und rammte ihm seine Gipsschiene gegen die Schläfe. „Dich will ich lebend!“, brüllte er. „Dich will ich lebend, du Mistkerl!“

Ich humpelte zu Wycliffe. Der lag am Boden vor einem Schrank voller Bildschirme. Auf einigen flimmerten Sexszenen, und ich glaubte im ersten Augenblick, die Kerle hätten sich die Zeit mit Pornofilmen vertrieben. Später erst kapierte ich, dass die Monitore Bilder aus Hotelzimmern von Caesars Theatre übertrugen.

Spencer Wycliffe sah nicht mehr halb so attraktiv aus, wie bei unserem ersten Besuch bei ihm. Schweiß stand auf seiner Stirn, Angst verzerrte sein Gesicht, und statt schwarz war er so grau wie eine alte Gefängnismauer.

„Ich hab Ihnen was mitgebracht, Wycliffe.“ Er leistete keinen Widerstand, als ich ihm die Handschellen anlegte. „Diese schönen Schmuckstücke und ein Papier.“ Ich zog den Haftbefehl aus der Tasche. „Soll ich Ihnen das jetzt gleich vorlesen, oder wollen Sie erst Ihren Anwalt anrufen?“

Neill versorgte die anderen beiden Männer mit Handschellen. Danach holte er sein Handy heraus. „Arzt und Sanitäter ins Empfangsbüro! An alle: Einen Kopf der Hydra haben wir hier erwischt. Ich schätze das war’s.“

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Die Nachrichten aus Las Vegas erreichten Jonathan McKee während des Abendessens im „Mekong‟. Zu dieser Zeit war es an der Ostküste bereits kurz vor zehn.

Das vietnamesische Restaurant in der Prince Street – das „Mekong‟ – hatte der New Yorker FBI-Chef erst in diesem Winter entdeckt. Er mochte es, weil es klein und das Personal von einer natürlichen Freundlichkeit war. Und weil ihm die vietnamesische Küche schmeckte.

So spät am Abend noch zu essen war nichts Ungewöhnliches für Jonathan McKee. Er tat es vor allem dann, wenn eine lange Arbeitsnacht vor ihm lag. Und genau so sah es an jenem Samstagabend des letzten Märzwochenendes aus.

„Ich bin froh, dass wir den Kerl haben.“ Er telefonierte mit Orry. „Aber solange sein Auftraggeber auf freien Fuß ist, müssen wir uns wohl noch auf eine Menge Ärger gefasst machen.“

„Haben Sie Mr. Singer inzwischen erreicht, Sir?“

„Leider nicht, Medina. Denn ganzen Nachmittag probiere ich es schon. Seine Frau sagt, er sei noch bis morgen in Boston, und wenn ich seine Handynummer wähle, meldet sich nur seine Mailbox. Ich werde es gleich noch einmal probieren.“ Er winkte dem Kellner. „Was ist mit Belucci?“

„Hat sich im Plaza Hotel eingenistet“, sagte Orry. „Jay und Leslie sind mit einem Zugriffsteam hingefahren, aber zu spät gekommen. Belucci ist mit einem Mietwagen unterwegs, mit einem schwarzen Benz. Ich hab eine Fahndungsmeldung rausgegeben.“

„Was für ein Jammer!“ Jonathan McKee presste die Lippen zusammen und versuchte, seiner Enttäuschung Herr zu werden. „Wir müssen den Mann kriegen, Medina, verstehen Sie?“

„Ja, Sir.“

„Rufen Sie mich an, wenn es Neues gibt.“ Jonathan McKee blickte auf seine Armbanduhr. „Ab halb elf bin ich die ganze Nacht über in der Federal Plaza zu erreichen.“

Der Keller kam an seinen Tisch. Jonathan McKee zahlte, danach probierte er noch einmal, Desmond Singer auf seinem Handy anzurufen. Diesmal war Singer persönlich am Apparat, und zwar erstaunlich schnell.

„Endlich, Desmond! Jonathan hier! Ich hab zwei wichtige Nachrichten für dich!“ Schweigen am anderen Ende der Leitung. „Hey, Desmond! Hörst du mich noch?“

„Doch, doch. Der Empfang ist ein bisschen schlecht, aber jetzt hör ich dich, doch, doch!“

Er klang hektisch und ein wenig atemlos. Der FBI-Chef runzelte die Stirn. „Alles in Ordnung, Desmond?“

„Alles bestens. Du sagtest, du hättest Nachrichten für mich?“

„Der Mann, der dich erpresst, hält sich seit ein paar Stunden in Stadt auf; er heißt Tibor Belucci. Wir wissen nicht genau, was er vorhat. Wir nehmen aber an, er verfolgt Nancy Cohen.“

Schweigen am anderen Ende.

„Auch sie scheint sich nach Manhattan abgesetzt zu haben. Hat sie sich bei dir gemeldet?“

„Nein.“

„Ruf mich an, sobald du von Mrs. Cohen hörst, Desmond. Vielleicht weiß Belucci inzwischen, dass du dich an uns gewandt hast. Wir sollten jedenfalls mit allem rechnen.“ Jonathan McKee war überzeugt davon, dass Belucci inzwischen Bescheid wusste. „Wenn du nichts dagegen hast, beantrage ich Polizeischutz für dich.“

„Um Gottes Willen, Jonathan! Nicht nötig! Die Erpresser haben nichts mehr von sich hören lassen. Außerdem gehe ich seit den Vorfällen in Las Vegas nicht mehr ohne Waffe aus dem Haus.“

„Wie du meinst. Wo bist du gerade?“

„Zuhause.“

Jonathan McKee wünschte ihm noch einen schönen Abend und unterbrach die Verbindung. Er hatte kurz zuvor in Singers Villa in Brooklyn angerufen. Warum log der Mann ihn an?

Er tippte die Nummer der Federal Plaza in sein Mobiltelefon. Orry meldete sich gleich nach dem ersten Freizeichen. „Holen Sie mich bitte in der Prince Street ab, Medina. Ich warte im Mekong. Ich will vor Ort sein, wenn Belucci gefunden wird.“

„Ich wollte Sie gerade anrufen, Sir. Die Kollegen aus Las Vegas haben sich gemeldet. Es gibt ziemlich aufregende Neuigkeiten.“

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Du bist das größte Schwein auf Gottes Erdboden ...

Sie fuhren in Singers BMW auf dem East River Drive Richtung Bronx hinauf. Nancy hatte einen Popsender im Radio eingestellt. Im Rhythmus eines Robbie-William-Songs wippte sie mit den Knien. Manchmal summte sie mit.

Du bist der mieseste Hund unter der Sonne ...

Singers Mund war trocken, sein Puls hämmerte ihm in den Schläfen, und die Scheinwerferkegel auf der Gegenfahrbahn verschwammen vor seinen Augen zu einem Nebel aus Irrlichtern.

Der Teufel ... der Teufel und seine Hölle ... sie beobachten dich ...

„Warum schwitzt du so?“ Nancy kramte ein Papiertaschentuch aus ihrer Manteltasche und wischte ihm den Schweiß von der Stirn. Ein Messerstich ins Herz hätte nicht schmerzhafter sein können als diese zärtliche Geste. „Es ist doch gar nicht so warm.“

„Keine Ahnung. Ich glaub, ich krieg eine Grippe.“

„Wie heiser du bist! Du hast dich erkältet.“ Sie küsste ihn auf die Wange. „Mein armer Liebling.“

Im Geist hörte er Wanda rufen. Dad, rief sie, Dad! Du musst kommen! Ich brauch dich!

Ständig verwandelte sich ihr Gesicht vor seinem inneren Auge: Mal sah er sie als Säugling, mal als das kleine, süße Mädchen, das sie an ihrem ersten Schultag war, mal als die junge Frau, die seit drei Jahren die Blicke der Männer auf sich zog.

Was habt ihr meiner Tochter angetan ... o Gott, was habt ihr mit Wanda gemacht?

Die Angst war ein Blutegel in seinem Hirn. Es sog seinen Verstand auf und schwoll nach und nach an. Bald würde der Parasit seine Schädeldecke sprengen.

Singer registrierte kaum, dass sie den Harlem River überquerten. Bald erreichten sie die Auffahrt zum Bruckner Expressway.

„Ich freue mich so, deine Tochter kennen zu lernen“, sagte Nancy. „Wie komisch, dass du eine Tochter hast, die nicht viel jünger ist, als ich.“

„Sie ist vier Jahre jünger“, sagte Singer.

Der Schmerz in seinem Brustkorb hielt sich hartnäckig. Es fühlte sich an, als würde etwas ihn ihm langsam zerreißen. Vielleicht das Script meines Lebens, dachte er. Mit jeder Meile, die sie zurücklegten, ging der Riss tiefer und tiefer.

„Ich find’ das toll von dir, dass du Wanda von mir erzählt hast.“ Sie blickte auf die Borduhr. Kurz vor halb elf. „Wann sind wir verabredet?“

„Um elf.“

„Ich wusste gar nicht, dass es in der Bronx solche Nachtclubs gibt.“ Sie kicherte. „Ich meine: Solche Nachtclubs, in der Leute wie du verkehren.“

„Die Bronx hat viele Gesichter.“

Genau wie du!

Er ekelte sich vor sich selbst. In seinem Kopf schwoll der Blutpegel an. Wandas Stimme wurde dünner, ihr Gesicht undeutlicher. Er versuchte, sich auf ihr Bild zu konzentrieren; er versuchte, sich innerlich vor der Frau neben ihm zu verschließen; er versuchte, sich selbst zu vergessen.

„Komische Gegend“, sagte Nancy irgendwann. Sie fuhren durch ein Industriegebiet an der Küste der Pelham Bay. Silos, Halden von Baumaterial, Güterzuggleise, Kräne, Lagerhallen, Speditionshöfe. „Dass jemand in so einer Gegend einen Nobelnachtclub eröffnet?“ Ihr Kichern klang jetzt etwas beklommen.

Singer schnürte es das Herz zusammen.

Er bremste ab und schaltete herunter. Rechts glitt hinter einem Stahlzaun ein schroffes Gebirge aus Autowracks vorbei. Singer steuerte seinen BMW durch das offene Rolltor auf das Gelände des Autofriedhofs.

„Wie abgefahren!“ Nancy klatschte in die Hände. „Ein Nachtclub auf einem Schrottplatz!“

Hinter ihnen blieb das Rasseln des Rolltors zurück. Nancy drehte sich um. „Es schließt sich.“

Singer vermied es, sie anzuschauen. Er hörte aber, wie sie schluckte. Und plötzlich spürte er ihren Blick auf seinem Gesicht brennen. Der Schweiß lief ihm in Strömen herab. Er verschaltete sich, würgte den Motor ab, startete neu.

Vor ihnen flammten Scheinwerfer auf. Die Silhouetten von drei oder vier Männern wurden sichtbar. Einer ruderte mit den Armen und lotste sie nach rechts. Für Augenblicke glühte eine Zigarette auf.

„Desmond?“ Nancys Stimme vibrierte.

Singer antwortete nicht. Im Licht der Scheinwerfer sah er einen Kran aus den Schrottbergen ragen.

„Desmond, was tun wir hier?“ Nancy klang, als würde sie an der Frage ersticken.

Einer der Männer stand plötzlich vor der Kühlerhaube und kreuzte die Arme. Über ihm glaubte Singer die Greifkrallen des Kranlöffels zu erkennen. Er stoppte. Fahrertür und Beifahrertür wurden fast gleichzeitig aufgerissen.

„Nett, dich wiederzusehen, Nancy“, höhnte eine Männerstimme auf der Beifahrerseite. Tibor Beluccis Stimme.

„Du Schwein!“ Nancy schrie. „Du verfluchtes Schwein!“ Sie stürzte sich auf Singer und bearbeitete ihn mit den Fäusten. Das Ding in seinem Brustkorb zerriss endgültig. Er hob nicht einmal die Arme, um Nancys Schläge abzuwehren. „Du verlogenes Schwein!“

Du hast einmal ein Leben gehabt, dachte er, jetzt hast du nur noch diese Stimme im Ohr ...

„Schluss jetzt!“ Miller riss Nancy zurück und knallte sie mit dem Gesicht gegen das Handschuhfach. So hielt er sie fest, und Rosebud drückte ihr eine Waffe in den Nacken. Nancy weinte laut. Ihr Körper schüttelte sich wie in Krämpfen.

Singer blickte in den Lauf einer Pistole; und dann, als er den Kopf hob, in ein südländisches Gesicht. Der Mann, dem es gehörte, hieß Dencil Roselle, aber das wusste Singer nicht. Er würde es auch nie erfahren.

„Was habt ihr mit ihr vor?“, krächzte er, nur um überhaupt etwas zu sagen:

„Für einen erfolgreichen Bonzen stellst du reichlich naive Fragen“, tönte Tibors hämische Stimme von der Beifahrerseite.

„Meine Tochter? Wo ist meine Tochter?“

Die linke Fondtür wurde aufgerissen. Ein Mann in einem hellen Trenchcoat stieß Wanda auf die Rückbank. „Dad ... o Gott, Dad!“ Im matten Lichtschein sah er ihre zerrissenen Kleider – und die blutigen Schrammen in ihrem Gesicht und an ihren Unterarmen.

Singer fuhr herum. „Was habt ihr mit ihr gemacht?!“ Er blickte in die dunklen Augen des Hispanics.

Dencil Roselle zuckte mit den Schultern. „Ich war nicht dabei.“ Seine Augen flogen zwischen Singer und Belucci auf der Beifahrerseite hin und her.

Ein metallenes Geräusch ließ Singer zusammenfahren. Die Greifkralle des Krans senkte sich herab. Ein weiterer Scheinwerfer flammte auf. Wie auf einer ausgeleuchteten Bühne stand die Schrottpresse etwa acht Meter vor seinem BMW.

„Tja, Singer. Das wär’s dann.“ Belucci tauchte neben Roselle auf. Eine weiße Zigarettenspitze klemmte zwischen seinen Zähnen. „Schade eigentlich, ich hätte lieber Geschäfte mit dir gemacht.“ Er grinste, weil Singer seinen Blick nicht von der Schrottpresse lösen konnte. „Keine Sorge, Singer“, sagte der Marder. „Vorher kriegt ihr eine Kugel. Alle drei. Wir sind ja keine Unmenschen.“

„Dad, o Gott, Dad!“, stöhnte Wanda auf der Rückbank. „Tu doch was, tu doch endlich was ...“

Die Greifkralle prallte auf das Dach des BMW. Der Wagen zitterte. Ein Schuss explodierte auf der Beifahrerseite. Singer sah einen der Männer, die Nancy festhielten, zusammenbrechen. Und er sah einen großen Armeerevolver in Nancys rechter Hand.

Plötzlich stöhnte Belucci auf.

Singer sah nach links: Der Mann mit dem pomadigen Pferdeschwanz wälzte sich schreiend im Dreck und presste sich die Hände zwischen die Beine. Dencil Roselle aber hielt seine Waffe mit beiden Händen fest und zielte an der Greifkralle vorbei auf die Beifahrerseite. Drei, vier Schüsse fielen kurz hintereinander. Nach Miller sackte auch Rosebud getroffen zusammen. Wieder flammten Scheinwerfer auf, Motorengeräusche näherten sich.

Als hätte eine Riesenspinne ihn in ihr Netz eingesponnen, klammerte Singer sich am Steuerrad seines BMW fest. Unfähig sich zu bewegen nahm er nur passiv auf, was um ihn herum geschah.

Er hörte den Hispano-Amerikaner brüllen: „Waffe fallen lassen!“ Er sah den Mann im Trenchcoat die Hände gegen den BMW stemmen, er sah viele Männer, die plötzlich aus Fahrzeugen sprangen, die er zuvor nicht gesehen hatte, er hörte Wanda stöhnen. Irgendeinen vernünftigen Reim konnte er sich auf all das nicht machen.

Ganz zum Schluss hörte er Nancy flüstern. „Desmond ...“

Langsam wandte er den Kopf nach rechts. Sie kniete im Dreck des Schrottplatzes. Mit den Armen stützte sie sich auf den Beifahrersitz auf. Tränen liefen über ihr Gesicht. „Desmond!“ Den Revolver hielt sie in beiden Händen. Er zitterte.

Singer sah nur einen Blitz, den Schuss hörte er schon nicht mehr. Auch nicht die Stimme eines Mannes namens Medina.

„Weg mit der Waffe, Miss!“ Die Schmerzen, die er jetzt für Bruchteile von Sekunden empfand, waren nichts – gar nichts – im Vergleich mit den Schmerzen, die ihm die letzten Stunden seines Lebens zur Hölle gemacht hatten.

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Es war lange nach Mitternacht. Sie sahen zu, wie die Fahrzeuge nacheinander aus dem Schrottplatz rollten: Die Ambulanzwagen, die Patrolcars, der Leichenwagen, der Abschleppwagen mit dem BMW.

„Was für ein Drama!“, seufzte Jonathan McKee. Er wandte sich an Orry und Clive. „Vielleicht fangen Sie heute Nacht noch an mit den Verhören an. Solange Belucci und der Kahlkopf noch unter Schock stehen.“

„Okay, Sir. Die Cops fahren ihn bereits in die Federal Plaza.“ Clive Caravaggio und Medina gingen zu ihrem Dienstwagen.

Jonathan McKee wandte sich an den jungen Mann mit den südländischen Zügen neben ihm. „Ihre Standortmeldung kam buchstäblich im letzten Augenblick aus Las Vegas, Roselle.“

„Gomeréz“, korrigierte der Jüngere lächelnd. „Special Agent Tonio Gomeréz. Tut mir Leid, Sir. Ich wusste bis zum Schluss nicht, was Belucci mit der Singer-Tochter vorhatte. Keiner ahnte, dass Nancy Cohen einen Armeerevolver mit sich herumschleppt. Wenn sie nicht durchgedreht wäre, hätte es keine Toten gegeben.“

„Schon okay, Tonio.“ Jonathan McKee klopfte Gomeréz alias Roselle auf die Schultern. „War kein Vorwurf an Sie. Sie haben ihre Sache gut gemacht. Vielen Dank!“

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Zwei oder drei Wochen später: Desmond Singer war längst beerdigt, und seine Tochter aus der Klinik entlassen.

Während des morgendlichen Briefings reichte der Chef die Anklageschriften herum. Er wirkte zufrieden. „Gute Arbeit, Gentleman. Da ist genug Stoff für drei- oder viermal lebenslänglich drin. Zumindest für Mylay und für Tibor Belucci.“

„Und Nancy Cohen?“, fragte Milo.

Der Chef zuckte mit den Schultern. „Armes Mädchen“, seufzte er. „Im Grunde war sie zeitlebens immer nur ein Opfer anderer. Bis zum Schluss.“

„Nicht ganz bis zum Schluss“, wand ich ein. „Am Ende wurde ein anderer ihr Opfer.“

„Ich bin nicht sicher, ob ich das so sehen kann“, sagte der Chef. „Ich bin nicht sicher, ob sie nicht selbst im Augenblick, als sie auf Singer schoss, ein passives Opfer war.“

„Ich schätze, das Gericht wird auf Totschlag im Affekt erkennen.“

„Ich würde es ihr wünschen, Jesse, glauben Sie mir.“ Er schloss eine Aktenhülle und schlug die nächste auf. „Tja, Gentleman. Belucci senior läuft noch immer frei herum. Er ist untergetaucht. Die Kollegen in Cleveland und San Diego haben ihre Ermittlungen intensiviert. Und unsere Hilfe angefragt.“

„Gut.“ Milo klatschte mit der Rechten auf seinen Gips. „Packen wir’s an.“

ENDE

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DIE KOMMISSARIN GIBT AUF

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von Horst Bieber

Marlene Schelm, genannt Lene, ist eine tüchtige aber auch eigenwillige Erste Kriminalhauptkommissarin in der Mordkommission.

Ist es wirklich nur ein Zufall, dass die letzten drei Fälle auf ihrem Schreibtisch, sie an die Umstände erinnern, wie vor 14 Jahre ihre Tochter Tanja verschwunden ist?

Selbst heute sitzt der Schmerz noch tief. Die Wunde will einfach nicht heilen.

Ihre Kollegen vermuten, dass die Kommissarin sich deshalb hinter ihre Arbeit versteckt, damit man ihr nicht vorwerfen kann, die Suche nach ihrer Tochter vorschnell aufgegeben zu haben.

Als man ihr aus heiterem Himmel und ohne stichhaltige Begründung einen Fall wegnehmen will, setzt sie dickköpfig alles auf eine Karte und ermittelt auf eigene Faust und nur mit Hilfe weniger Freunde hartnäckig weiter.

Unversehens stolpert sie damit aber auch in die große Politik und gerät damit in einen Sumpf aus Intrigen und Gewalt, doch Lene will sich davon nicht einschüchtern lassen, selbst wenn sie dafür den Polizeidienst quittieren müsste.

Personenverzeichnis

Marlene (Lene) Schelm (51) Erste Kriminalhauptkommissarin in Tellheim

Josef Kimmig (41) Hauptkommissar im Referat 11

Verena Kimmig, geborene Zopf, Josefs Ehefrau, Laras Mutter

Harald Sturm (35) Oberkommissar im Referat 11.

Jule Springer(26) Kommissarin im Referat 11

Jochen Pauly (52) Lenes Freund, verheirateter Geschäftsführer und Berliner Lobbyist einer industriellen Vereinigung mit guten Beziehungen zur Politik

Jörg Steiner (48) Direktor der Tellheimer Kriminalpolizei

Prof. Nadine Golowski (45) Steiners Freundin und Leiterin der Rechtsmedizin, als "das Blonde Gift" bekannt

Angelica Moretti (19) Mord-Opfer, Azubi in der Firma (Steuerungs- und Regelungstechnik Stureg KG und Amateurtänzerin

Lara Kimmig (17) Josefs Tochter und eine begabte Turnerin

Paul Hase (33) Staatsanwalt

––––––––

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ALLE NAMEN UND TATEN, Firmen und Organisationen, Städte und Kanäle, sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären also rein zufällig.

Das Manuskript wurde vor der Wahl Rohanis zum iranischen Präsidenten im Jahr 2013 abgeschlossen. Ob es nicht mehr aktuell ist, muss, so lange Chamenei noch lebt, die Zukunft zeigen.

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Teil I

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So viele Pilze wie in diesem Jahr hatte es lange nicht mehr gegeben, und seit die Rundschau jeden Tag einen essbaren oder einen giftigen Pilz mit Bildern, Zeichnungen und Beschreibungen ausführlich vorstellte, zogen bei dem anhaltend schönen Wetter ganze Heerscharen, bewaffnet mit Messer, Zeitungsseiten und Körbchen, in die sich allmählich herbstlich bunt verfärbenden Wälder.

Es grenzte deshalb an ein Wunder, dass der in einer Senke des Lantener Forstes versteckte Wagen erst so spät entdeckt wurde. Das junge Paar hatte in erster Linie einen Platz gesucht, an dem es alleine war, und er hätte nie behauptet, dass beide so viel Zeit auf das Sammeln von Pilzen verwendeten wie auf das Knutschen, was seiner Freundin sehr recht war. Sie traute ihren Pilzkenntnissen trotz Rundschau nicht, umarmte lieber ihren Freund als sich nach Pilzen zu bücken, und sie hatten sich vorgenommen, vor der Heimfahrt ihre Körbchen einem der Sachverständigen zu zeigen, die an den Parkplätzen kostenlos alle Pilze begutachteten und die gefährlichen aussortierten.

Dem jungen Mann fiel auf, dass der in die Jahre gekommene Opel noch gültige Kennzeichen besaß und laut Plakette erst vor einem Monat beim TÜV gewesen war. Also verständigte er über Handy die Polizei, und die Streife rief einen Abschleppdienst. Der Methusalem war auf einen Bruno Krawinke zugelassen, und als ein Trupp auf dem Abstellplatz das Auto durchsuchte und auch den Kofferraum öffnete, musste die Polizei ein zweites Mal anrücken. Bruno Krawinke würde seinen Wagen nicht mehr vermissen, er lag mit einem Kopfschuss im Kofferraum und war nach erster Schätzung des Polizeiarztes vor knapp vier Wochen ermordet worden.

Marlene Schelm, Erste Hauptkommissarin im Referat 11, drehte sich schnell zur Seite. "Scheußlich", murmelte sie, und das war milde ausgedrückt.

"Widerlich", verbesserte ihr Kollege Josef Kimmig sofort. Er arbeitete noch nicht so lange im Referat 11, der früher so genannten Mordkommission, und hatte noch nicht so viele Mordopfer besichtigt wie seine Chefin Marlene Schelm.

Dr. Ruff blieb sachlich. "Männlich, um die fünfzig, schwarze Haare, dunkelbraune Augen. Zähne noch sehr ordentlich. Keine auffälligen Merkmale, bis auf" - er drehte den unbekleideten Leichnam zur Seite, so dass der linke Oberarm besser sichtbar wurde - "diese Tätowierung." Ein kleiner Dreimaster unter voller Besegelung. Ungewöhnlich.

Wenn der Mann ein kurzärmeliges Shirt trug, war die Tätowierung nicht zu sehen, aber Männer kamen gelegentlich in die Lage, wie Dr. Ruff spottete, ihre Shirts auszuziehen und das nicht allein im dunklen Schlafzimmer, sondern auch vor Zeugen.

"Sie denken natürlich an weibliche Zeugen", meinte er vorwurfsvoll zu Lene. Dr. Lothar Ruff war, was sich herumgesprochen hatte, ein womanizer, ledig und gut aussehend, der es aber nicht liebte, wenn man darauf anspielte. "Äußerlich deutet nichts darauf hin, dass der Mann schwul war", knurrte er, als Lene mokant lächelte.

"Vielen Dank, verehrter Medizinmann."

"Also ab zum Blonden Gift?"

"Von mir aus."

Das "Blonde Gift" war Professor Nadine Golowski, Leiterin der Tellheimer Rechtsmedizin, eine so tüchtige wie auffällige Blondine und seit gut einem Jahr die Freundin des Direktors der Tellheimer Kriminalpolizei, in dessen Hörweite kein Kollege mehr wagte, einen Blondinenwitz zu erzählen. Die Spurensicherung würde noch Stunden zu tun haben; musste sich vor allem im Lantener Forst die Senke ansehen, in der das Auto gestanden hatte. Josef Kimmig und Lene Schelm würden in die Mittelburgstraße 44 fahren; diese Adresse war auf den Fahrzeugpapieren angegeben, die im Handschuhfach gelegen hatten. Der Zustand der Türschlösser und des Zündschlosses sprach dafür, dass der Wagen mit den regulären Schlüsseln die etwa 50 Kilometer in den Lantener Wald gefahren worden war. Diese Schlüssel hatten sie nicht gefunden, auch keine Haus- oder Wohnungsschlüssel. Und noch stand nicht fest, dass der Tote wirklich Bruno Krawinke war. Staatsanwalt Paul Hase versprach, bis zum bitteren Ende dabei zu bleiben, was, wie Lene Schelm sehr wohl wusste, viel damit zu tun hatte, dass er dann mit Lenes jüngster Kollegin, der Kriminalkommissarin Jule Springer, ohne Aufsicht ihrer Chefin flirten konnte. Die hübsche und flotte Jule hatte dagegen offenkundig nichts Grundsätzliches einzuwenden, und Hase war ein sehr ordentlicher und respektabler Junggeselle.

Die Mittelburgstraße 44 stellte sich als ein zwölfstöckiges Hochhaus mit über 70 Klein- und Kleinstwohnungen heraus. Es gab einen Hausmeister im Souterrain, Emil Sklarek, der sie ungnädig ob der Störung seines Feierabends empfing. "Bruno Krawinke? Ja, der wohnt hier, aber er ist nicht da, der ist weggefahren."

"Wissen Sie zufällig, wohin?"

"Mir hat er gesagt, er wolle nach Papenburg, um sich dort eine Wohnung oder Unterkunft zu suchen."

"Warum denn das?"

"Bruno ist arbeitslos und hat zum 1. Januar auf der Meyerwerft einen neun Job gefunden. Sobald er eine feste Bleibe hat, will er mir schreiben, damit ich ihm seine Sachen nachschicken kann."

Lene kannte die Meyerwerft aus dem Fernsehen. Sie baute große Kreuzfahrt-Schiffe, die nur mit Mühe über enge Kanäle bei auflaufendem Wasser die See erreichten. Lene hasste Kreuzfahrten und fröstelte schon bei dem Gedanken, mit mehreren hundert Menschen auf einem Schiff eingesperrt zu sein. "Schwimmende Gefängnisse" nannte sie die Kreuzfahrtschiffe.

"Was heißt nachschicken?", wollte Kimmig wissen.

"Er ist nur mit dem Nötigsten nach Papenburg gefahren, die meisten Sachen liegen noch hier im Keller."

Lene schaute Sklarek scharf an: "Sie haben sich gut mit Krawinke verstanden?"

"Aber ja. Schließlich ist er Handwerker, der sein Fach versteht und ich habe hier immer gut zu tun. Hilfe wird dankbar angenommen, also hat er mir geholfen, und ich habe dafür gesorgt, dass wir bei der Arbeit nicht verhungerten und nicht verdursteten."

Das kam so trocken und überzeugend heraus, dass Lene lachen musste.

"Hat er denn inzwischen eine feste Bleibe in Papenburg gefunden?"

"Das weiß ich nicht, geschrieben oder angerufen hat er jedenfalls noch nicht."

"Aber er ist doch jetzt über drei Wochen fort."

"Ja. Wundert mich auch. Aber bis heute kein Lebenszeichen, kein Anruf, keine Adresse, an die ich seine Sachen schicken soll."

Kimmig hatte mit seiner Digitalkamera ein Porträtfoto des Toten gemacht und holte die Aufnahme nun auf das Display: "Ist das Bruno Krawinke?"

Sklarek schnappte erschrocken nach Luft und schaute sich die Aufnahme lange an. Dann nickt er vorsichtig: "Sieht so aus, ja, aber was ist ..."

"Wir haben die Leiche heute im Kofferraum eines Autos gefunden, das offenbar mehrere Wochen im Lantener Forst gestanden hat."

"Mehrere Wochen?"

"Ja, sieht so aus. Also, ist das der Mieter Bruno Krawinke?"

"Ich fürchte, ja, aber bei diesem kleinen Bild bin ich nicht sicher und möchte mich nicht festlegen." Das war verständlich.

"Herr Sklarek, ich würde mir gern mal die Sachen anschauen, die Sie für ihn aufheben. Und vorher würden wir gerne einen Blick in Krawinkes Wohnung werfen. Ausgezogen ist er noch nicht?"

"Nein, er hat wie alle Mieter drei Monate Kündigungsfrist zum Quartalsende. Die Hausverwaltung hat mir gemailt, dass seine Kündigung fristgerecht eingegangen ist und er am 31. Dezember die leere Wohnung verlassen haben will."

"Dann können wir uns also darin mal umsehen?"

"Kein Problem, können wir sofort machen. Kommen Sie doch mit!"

Aus der Werkstatt führte eine Tür auf einen schmalen Gang, an dem alle Räume zur Hofseite lagen, eine Werkstatt, ein Lagerraum für Handwerkermaterial, eine Toilette, ein schmales Duschbad und eine "Notunterkunft", wie Sklarek spottete, mit einem Bett und einem Schrank.

Lene knurrte: "Die sollen arbeiten, nicht schlafen."

"Wir benutzen es als Sanitätsraum, wenn sich ein Handwerker mal so verletzt, dass wir den Krankenwagen rufen müssen." Nach einer Pause fügte er griesgrämig hinzu: "Außerdem penne ich hier ganz gerne mal über Mittag oder so, wo mich keiner stören kann." Das war deutlich.

"Sie sind nicht verheiratet?"

"Nein", sagte er bissig, "ich muss meine Bettwäsche selber waschen."

Lene grinste und hielt den Mund, um den aufgebrachten Emil nicht weiter zu reizen.

Alle Fenster dieser Souterrainräume saßen zwar hoch unter der Decke, aber alle Räume bekamen Tageslicht. Hinter der "Notunterkunft" gab es eine Tür nach draußen, sieben Stufen führten in den Hof hoch. Eine Stahltür am Ende des schmalen Ganges öffnete sich in die Tiefgarage, und neben den beiden Fahrstühlen gab es noch eine weitere Tür, die zum Keller auf der anderen Seite der Tiefgarage führte. Sklarek schaltete die helle Neon-Deckenbeleuchtung an und brachte Lene und Kimmig zu einem Raum, der mit Holz-Verschlägen aufgeteilt war. Dort lagen hinter Lattentüren auf dem Boden mehrere große weiße Plastiktüten oder -säcke, aus festem undurchsichtigem Material, die alle aussahen, als wären sie staub- und feuchtigkeitsdicht verschweißt.

"Stimmt!", nickte der Hausmeister auf Lenes Frage, "hier verdreckt alles im Handumdrehen, und deswegen stecke ich alle Sachen, die hier unten lagern sollen, in feste Plastiksäcke, die ich verschweiße." In der Tat lagen rundherum Säcke mit allen möglichen Dingen, vielleicht wertvolle Gegenstände, aber wahrscheinlich auch eindeutig wertlose, und bei einigen Säcken hatte Lene sofort den Verdacht, dass der Eigentümer sie dem Hausmeister zur "Aufbewahrung" anvertraut hatte, damit der später das Gerümpel entsorgte. Höchstwahrscheinlich kam ein fettes Trinkgeld für Hausmeister Emil immer noch billiger als die Sperrmüll-Abfuhr, die man in Tellheim eigens bestellen und bezahlen musste. Aber auf allen Säcken klebten feste Schildchen mit dem Namen des Eigentümers und der Nummer der Wohnung, aus der die Reste stammten. Bruno Krawinke hatte in 505 gewohnt.

"Wenn ich das so sehe, dann hat Krawinke fast alle seine Sachen hiergelassen", meinte Kimmig, und Sklarek nickte: "Stimmt! Außerdem hatte er nicht viel, arbeitslos - verstehen Sie? Die lassen einem nicht viel, wenn man mal auf Hartz Vier gelandet ist. Deswegen hat Bruno verscherbelt, was sich zu Geld machen ließ, und das lieber bar mitgenommen, als es auf einer Bank liegen zu lassen, wo jedes Amt sich sofort bedienen kann."

Kimmig hakte sofort ein: "Soll das heißen, Krawinke hatte eine Menge Bargeld bei sich, als er Richtung Nordsee losfuhr?"

"Sicher. Mehrere tausend Euro, würde ich mal denken."

Geld hatten sie bei der Leiche und im Auto nicht gefunden. Kimmig fragte deshalb gleich: "Wie war der Bruno denn so? Hätte er angehalten und Anhalter mitgenommen?"

"Doch, sicher, klar. Und je hübscher die Anhalterin und je kürzer das Röckchen, desto eifriger hätte Bruno angehalten."

"Angst hatte er also nicht?"

"Nicht der Bruno. Wenn Sie mich fragen: In manchen Dingen war er ausgesprochen leichtsinnig."

Lene bedankte sich bei Sklarek und fuhr mit ihm in den fünften Stock. Warum sie nachschaute, ob es auf der Tafel mit den Knöpfen für die einzelnen Etagen auch einen Schlüssel für eine D-Zug-Fahrt ohne Zwischenstopp gab, wusste sie nicht. Immerhin war denkbar, dass Krawinke in seiner Wohnung erschossen und dann mit seinem Auto im Lantener Forst "entsorgt" worden war. Doch bis jetzt stand ja noch nicht fest, wo der Mann im Kofferraum ermordet worden war. Hier im Haus, und dann mit einer D-Zug-Fahrt in die Tiefgarage gebracht?

Nummer 505 stellte sich als eine etwas vergrößerte Einraumwohnung heraus. Ein Wohnzimmer mit einer Schlafnische, in der ein Bett stand, eine Miniküche, eine schlauchartige Diele und ein Bad.

"Was hat Krawinke eigentlich gemacht, bevor er arbeitslos wurde?"

"Er ist gelernter Schlosser und hat bei Ellerding & Fels in der Egerländer Straße gearbeitet."

Lene hatte das Gefühl, als ohrfeige man sie zuerst und boxe ihr dann in den Magen. "Wo?", keuchte sie. Kimmig war die Panik in ihrer Stimme nicht entgangen, er sah sie unruhig und aufmerksam von der Seite an.

Sklarek hatte nichts bemerkt: "Ellerding & Fels in der Egerländer Straße", wiederholte er ungerührt. Lene zwang sich zur Ruhe und atmete tief durch. "Das Geschäft kenne ich." Kimmig musterte sie ungläubig, er hatte den gepressten Ton genau registriert, aber sie tat im Moment so, als sei alles in Ordnung, und deshalb verschob er seine Fragen.

Die Wohnung war noch nicht verlassen, aber offenbar waren viele Teile schon in den Keller geschafft oder verkauft worden, das Wohnzimmer wirkte kahl und ungemütlich. Auch in der Küche fehlten alle üblichen Geräte, von der Kaffeemaschine bis zum Kochtopf. Das Bett in der Wohnzimmernische war abgezogen und Krawinke hatte die Bezüge entweder zum Waschen gegeben oder ebenfalls in einen der weißen Kunststoffsäcke im Keller gepackt. Teppiche und Bilder gab es nicht und hatte es wohl auch nie gegeben. Vor dem Bett hatte sich ein scheußlicher Fleck im abgetretenen Teppichboden ausgebreitet. Sklarek seufzte: "Hier muss gründlich renoviert werden."

Der Meinung war Lene auch.

Kimmig nickt ihr zu und verzog sich Richtung Bad, das ebenfalls bessere Tage gesehen hatte. Neben dem Waschbecken hing ein dünnes Handtuch über einer Stange; das Seifenstück hätte in einen Kinderkaufladen gepasst und erst als Kimmig sich die Hände mit seinem Taschentuch trocknete, warf er einen Blick in die Badewanne. Jetzt bekam er seinen Schlag in den Magen, der ihm auch die Luft nahm. Das war doch ... er ging ungläubig näher, nein, er hatte sich nicht getäuscht, der weiße, offensichtlich zugeschweißte Kunststoffsack enthielt einen menschlichen Körper. Er riss die Tür auf und brüllte: "Lene!"

Sie kam sofort, gefolgt von Sklarek, der sich auch ins Bad drängen wollte, bis sie ihn energisch zurückwies.

"Was ist denn das, Josef?"

"Ich habe keine Ahnung, eine Frau, ganz sicher tot." Die weiße Plastik lang wie eine zweite Haut eng am nackten Körper, auch vor Nase und Mund.

Sklarek ließ sich nicht länger fernhalten und drängte ins Bad, bis er einen Blick auf den Sack in der Wanne werfen konnte. Das Gesicht der Toten war nicht klar, aber einigermaßen deutlich zu erkennen, und der Hausmeister schrie leise auf: "Das ist doch ... das ist doch ... verdammt, das ist doch Carmen."

"Wer ist Carmen?", fragten Lene und Kimmig fast gleichzeitig.

"Brunos neue Freundin."

"Carmen und wie weiter?"

"Tut mir leid, das weiß ich nicht. Er hat sie mir nur als Carmen vorgestellt."

Weil sich Tote selten in einen Sack stecken und den anschließend evakuieren und luftdicht verschweißen, musste Lene die Truppe noch einmal aufscheuchen. "Mittelburgstraße 44, Wohnung 505. Tut mir leid, Kollegen, aber es lässt sich nicht ändern. Jule und ihr Staatsanwalt sollen mitkommen."

Als die Mannschaft eintraf, von Sklarek unten in Empfang genommen und dann zur Wohnung 505 gebracht, hatte Lene und Josef bei einer flüchtigen Durchsuchung der Wohnung nichts gefunden, was zur Identifizierung der Leiche beitragen konnte. Ihre Oberbekleidung und die Wäsche waren verschwunden.

Staatsanwalt Paul Hase bewährte sich trotz seiner Proteste über die Menge an Arbeit als ein sehr angenehmer Zeitgenosse. Lene, die erst seit kurzem mit ihm zu tun hatte, schätzte ihn auf erste Hälfte Dreißig, recht groß, sportlich, etwas schlaksig, beweglich und wissbegierig. Er gab unumwunden zu, dass er bislang nur eine Gattung von Tatorten kannte, Büros und Banken, ab und zu auch einmal einen klimatisierten Raum mit Servern. Bisher hatte er nur in einer Schwerpunktstaatsanwaltschaft - Aktien- und Anlagebetrug - gearbeitet. Blut kannte er nur aus Fernseh-Krimis, dafür konnte er sehr amüsant aus seiner Referendarzeit erzählen, während der er auch in einer Staatsanwaltschaft gearbeitet hatte, zu der ein großes ländliches Einzugsgebiet gehört hatte. Bei Pferdediebstahl von der Weide, Wäschediebstahl von der Leine, Entführung von Zuchtbullen aus Ställen, Diebstahl von tiefgekühltem Bullensamen, Wochenendschlägereien, "Ringeln" von Obstbäumen durch feindliche Nachbarn und Ehevermittlungsbetrug sei er recht gut zu gebrauchen, sogar bei Fällen von Sodomie, was er nur anbieten wolle, damit er sich nicht ganz so überflüssig vorkomme. Lene betrachtete ihn amüsiert und registrierte erstaunt, dass die forsche, gelegentlich schnippische Jule fasziniert an seinen Lippen hing, was Paul Hoppelhase durchaus bemerkte und gern erwiderte. Seidel, der den Trupp der Spurensicherer leitete, erteilte ihm geduldig eine erste Lektion in Tatortauswertung nach Augenschein, von Jule ließ sich der Hase viele Dinge sehr geduldig erklären. Lene sagte nichts. Wenn aus der Bekanntschaft Paul Hase - Jule Springer mehr werden sollte, war es gut, wenn beide die Arbeitsbedingungen des andern kannten. Hase konnte sich sehr ernsthaft mit den Spusileuten unterhalten, die ihn hinterher einstimmig als "okay" bezeichneten, und Lene weihte ihn in die Gemeinheiten der Gerichtsmedizin ein.

"Trauen Sie sich zu, eine Leichenöffnung als Zeuge durchzustehen?"

"Nein", sagte er offen. "Wenn Sie mir das ersparen könnten ..."

"Auch, wenn ich Ihnen verrate, dass die sehr beachtliche Pathologin den zutreffenden Spitznamen das 'Blonde Gift' trägt?"

"Auch dann nicht." Wahrscheinlich bevorzugte er brünett, so wie Jules Haarfarbe. Lene hatte kastanienbraun-rötliche Haare, auf die sie sehr stolz war.

Seidel und seine Leute packten zusammen, die Kollegen aus dem Keller riefen an, dass sie alle Säcke von B. Krawinke/505 aufgeladen hatten, Lene versiegelte die Wohnungstür von 505 und nahm Hase danach mit zu Sklarek, der es sich mit Bier und einem großen Ring kalter Fleischwurst und trockenen Brötchen in seinem Souterrain-Aufenthalts-Büroraum bequem gemacht hatte. Er blieb dabei, dass er nicht genau wisse, wer die Tote in 505 sei. Brunos neue Freundin Carmen. Lene insistierte, weil sie das unbestimmte Gefühl hatte, dass Emil etwas verschweigen wollte: Wenn er so gut mit Krawinke bekannt war, muss der dem Hausmeister doch mal eine Andeutung gemacht haben. Endlich geruhte Sklarek, sich an etwas zu erinnern, was Lene weiterhelfen mochte.

Krawinke kannte von früher aus seiner alten Autowerkstatt eine Kollegin, mit der er ab und zu gebumst hatte. "Aber fragen Sie mich nicht, wo." - "Der Name? Er hat sie immer nur Gerda genannt." - "Wann ich zum letzten Mal in der Wohnung gewesen bin? Das Datum weiß ich nicht mehr, wir haben ein paar Bierchen geschluckt, er hatte eingeladen, weil er auf einen Bewerbungsbrief eine positive Antwort bekommen hatte. Wir haben dann im Autoatlas erst mal nach Papenburg gesucht, so ganz hat ihm das nicht gefallen, das wäre ja doch verdammt weit weg. Ob er da hingehen solle. Na ja, ich habe ihm gut zugeredet, ALG 2 war vorbei und Hartz vier ist auf Dauer auch nicht das Paradies, trotz der generösen letzten Erhöhung um sage und schreibe zehn Euro. Und sein angespartes und vor dem Amt verborgenes Geld würde auch nicht ewig reichen. Dann haben wir besprochen, dass er seine Sachen vorerst mal hier einlagern kann, er hat sich Säcke besorgt und das Schweißgerät von mir geliehen und sich Mitte September verabschiedet."

"Dann kann man also nicht sagen, dass er Hals über Kopf seine Wohnung verlassen hat?"

"Nein, kann man nicht. Ich hätte ihm sogar beim Packen und Wegräumen geholfen, aber er wollte nicht, und deswegen bin ich auch nicht mehr zu ihm in die Wohnung gegangen. Soviel ich weiß, hat er auch ganz ordentlich per Brief bei der Verwaltung gekündigt, die hat mich angemailt und entschieden, nach so langer Zeit müsste 505 mal wieder renoviert werden. Sie würden Anfang Januar die Vertragsfirma schicken."

Hase wollte noch wissen, ob Emil nicht geholfen habe, die verschweißten Sachen aus 505 in den Abstellkeller zu schaffen. Nein, das hatte Bruno alleine erledigt, die Säcke mit dem Fahrstuhl heruntergebracht und alleine durch die Garage getragen oder auf einem Einkaufswagen aus dem Supermarkt an der Ecke transportiert. Emil grinste wissend: "Ich glaube, einige Sachen möchte er gar nicht wiederhaben. Bruno hat Anzüge getragen, die schon Abraham in den Müll gegeben hatte."

Lene fuhr nicht mehr ins Präsidium, sondern überließ es Jule, die Leiche im Plastiksack in der Gerichtsmedizin anzukündigen. Sie brauchten vor allem Fingerabdrücke und DNA-Material der beiden Toten. Sklarek hatte darauf beharrt, außer dem Vornamen Carmen nichts weiter von Brunos Freundin zu wissen. Mit Josef Kimmig verabredete Lene, sich morgen um 8 Uhr 30 bei Ellerding & Fels in der Egerländer Straße zu treffen.

Dann konnte sie endlich losfahren und sich zu Hause verkriechen. Sie hatte ihrem Freund Jochen Pauly versprochen, nicht mehr alleine Rotwein zu trinken, aber heute war eine Ausnahme, und als sie den Korken zog, war sie erleichtert, endlich allein zu sein. Es blieb nicht bei einer Flasche, und am nächsten Morgen musste Lene zwei Tabletten einwerfen, um auf die Beine zu kommen und pünktlich vor dem Autohaus einzutreffen. Kimmig wartete schon auf sie.

In der Personalabteilung zeigte man sich nur mäßig erschüttert, als sie berichteten, eine im Lantener Wald gefundene Leiche sei wahrscheinlich Bruno Krawinke. Die junge Frau am Schreibtisch empfand nur wenig Trauer.

"Krawinke scheint nicht sehr beliebt gewesen zu sein", tastete sich Lene vor und die junge Frau zuckte die Achseln. "Ganz richtig. Er war sogar ausgesprochen unbeliebt, ein Großmaul, ungeschützt gesagt, dabei unzuverlässig, unpünktlich und immer bereit, sich vor jeder Arbeit zu drücken. Als wir überlegen mussten, aus Kostengründen Personal abzubauen, stand Bruno von Anfang an ganz weit oben auf der Liste."

"Haben Sie ihm was vorwerfen können? Diebstahl, Betrug, unterschlagenes Material?"

"Nein. Nie. In keiner Form. Und dass er mit den Kunden höflicher umgehen solle, stand ja nicht in seinem Arbeitsvertrag."

"Man hat uns gesteckt, dass er mit einer Kollegin hier aus dem Haus eine Beziehung gehabt habe. Angeblich hat sie mit Vornamen Gerda geheißen."

Die junge Frau lachte laut auf. "Da hat man Sie richtig informiert, Gerda Hallberg."

"Können wir sie sprechen?"

"Gerda ist seit einiger Zeit auch schon nicht mehr bei uns."

"Aber Sie haben doch eine Anschrift und eine Telefonnummer?"

"Aber ja."

"Wenn Sie schon nachschauen - wir hätten gerne auch alles, was Sie über Bruno Krawinke wissen. Lebenslauf, Bild, Zeugnisse. Vor allem sind wir an Verwandten, an seiner Familie interessiert."

"Dann muss ich Sie um einige Minuten Geduld bitten."

Ihr Computer lief schon, sie schaltet einen Drucker ein und eine Minute später summte der los. Zwischendurch diktierte sie Lene die Anschrift und die Telefonnummer der Gerda Hallberg in den Block.

Auf dem Flur vor dem Zimmer der Personal-Sachbearbeiterin begegnete ihnen ein älter, schon etwas gebückt laufender, grauhaariger Mann, der mit einem Gruß an ihnen vorbeiging, dann plötzlich stehen blieb und sich umdrehte. "Frau Schelm. Guten Tag. Haben Sie was von Ihrer Tochter gehört?"

Lene blieb ebenfalls stehen und drehte sich um. Sie brauchte etwas länger, um den Mann wiederzuerkennen und ihre Fassung zurückzugewinnen.

"Herr Lamprecht. Guten Tag, wie geht es Ihnen? Tut mir leid, ich habe Sie nicht gleich erkannt."

"Macht doch nichts, ist ja auch schon einige Zeit her. Vielen Dank, mir geht's ganz ordentlich. Und Ihnen?"

"Danke, ich kann nicht klagen. Nein, von meiner Tochter habe ich nichts gehört."

"Von Arno Grimme also auch nichts?"

"Nein. Wir sind wegen eines früheren Mitarbeiters hier, dessen Leiche wir im Lantener Forst gefunden haben, wegen Bruno Krawinke."

"Ach nee, der schöne Bruno hat den Löffel weggeworfen."

"Sie erinnern sich noch an ihn?"

"Aber ja. Bruno, das Großmaul. Wenn er halb soviel gearbeitet wie gequatscht hätte, wäre er bestimmt schon stinkreich."

"Zuletzt war er arbeitslos und hatte einen neuen Job auf einer Werft im Norddeutschen gefunden."

"Hat er bestimmt erzählt, was? Bruno hat immer viel erzählt, aber es war immer besser, seine Behauptungen mal nachzuprüfen und nicht blind zu glauben. Na, ich muss weiter. Unsere alte Vereinbarung gilt immer noch? Wer zuerst was von Tanja oder Arno hört, meldet sich sofort?"

"Aber natürlich, Herr Lamprecht. Tschüss."

"Tschüss, Frau Schelm. Und alles Gute für Sie."

Auf der Treppe stieß Kimmig sie an: "Du hast mir nie erzählt, dass du eine Tochter hast."

"Bitte, Josef, nicht jetzt und nicht hier. Wir gehen abends mal in die Klause, dann beichte ich alles - okay?"

"Okay. Und jetzt?"

"Ich würde mich gern um Gerda Hallberg kümmern und anschließend mit Nadine sprechen. Es wäre schön, wenn du dich auf der Werft mal nach Brunos Job und seiner neuen Anschrift in Papenburg erkundigen würdest."

Gerda Hallberg, Anfang vierzig, groß und stämmig, musterte Lene ausgesprochen ungnädig. "Kripo? Habe ich was ausgefressen?"

"Wenn ja, dann weiß ich noch nichts davon. Ich suche nach Bruno Krawinke."

"Himmel! Verschonen Sie mich mit dem Arschloch!"

"Was ist passiert?" Man sah Gerda an, dass ihr ein "Das geht Sie gar nichts an" auf der Zunge schwebte, aber Lene schaute sie so fest an, dass Gerda begriff: Um eine Antwort kam sie nicht herum, wobei sie kaum die Zähne auseinanderkriegte.

"Er hat sich eine neue Flamme zugelegt. So mal eben. Mittags hüpfe ich noch zu ihm in die Kiste und am Nachmittag werde ich kalt abserviert und fortgeschickt. Seitdem ist Bruno für mich gestorben."

"Wissen Sie, wer die neue Flamme war, wie sie hieß und wo sie wohnte?"

"Nein, so sehr hat mich das Dämchen nun doch nicht interessiert. Fragen Sie doch mal den Arsch von Emil."

"Wer ist dieser Arsch von Emil?"

An sich war Gerda Hallberg ganz ansehnlich, die Jeans und das weiße Shirt saßen stramm und wer junonische Figuren liebte, kam bei ihr auf seine Kosten, aber die verbindliche Höflichkeit war an ihr ziemlich spurlos vorbeigegangen.

"Na, wer schon. Brunos Freund, dieser Hausmeister."

"Emil Sklarek?"

"Wie der mit Nachnamen heißt, weiß ich nicht. Emil hat die Puppe angeschleppt oder irgendwo aufgegabelt. Und nach allem, was Bruno so erzählt hatte, bevor ich wegen ihr in die Wüste geschickt wurde, war ich eigentlich davon überzeugt, dass Emil an dieser ... Dame mächtig interessiert war. Warum sie von Emil zu Bruno gewechselt ist, also von der Pest zur Cholera, weiß ich nicht. Aber auch Wanzen tauschen ja mal die Personen, von denen sie leben." Lene fand den Vergleich weder passend noch liebenswürdig, aber Gerda blieb dabei, erst recht, als Lene ihr ankündigte, sie würde, weil sie ihn so lange gekannt hatte, einen Toten in der Gerichtsmedizin identifizieren müssen. Die Nachricht, dass Bruno tot sei, erschütterte sie nicht, aber es ärgerte sie, dass sie seinetwegen etwas von ihrer kostbaren Zeit opfern solle. Ihr großer Busen wogte, aber der BH bestand den Belastungstest. Ungeziefer war so lästig wie gewisse Männer.

"Emil hat uns erzählt, Bruno habe einen festen Job gefunden, in Papenburg auf einer Werft."

"Was? Ach du meine Güte, Bruno ist unverbesserlicher Optimist. Er hat den Mindesteinsatz im Lotto gewettet und will dir die Quittung als Sicherheit für einen größeren Bar-Kredit geben." Auch Lene musste grinsen, solche Typen gab es überall, sogar im Polizei-Präsidium. Zu ihrem Erstaunen grinste Gerda zurück, und als Lene, die immer noch auf der Fußmatte stand, einen Schritt vortrat, rückte Walküre Gerda, unwillig zwar, aber sofort zur Seite und ließ Lene eintreten.

"Hat Bruno mal erwähnt, was diese neue Dame beruflich macht?"

"Vielleicht, ich hab's vergessen. Aber wie sie wirklich an ihr Geld kam, musste sie mir nicht erst erklären."

"Wie meinen Sie das?"

"Also, eine Hure, ob Professionelle oder Amateurin, erkenne ich immer und überall, ganz gleich, wie sie sich verkleidet hat." Ob Gerda sich irrte und die Nachfolgerin nur anschwärzen wollte?

"Hatten Sie den Eindruck, dass Bruno seine neue Flamme mit nach Papenburg nehmen wollte?"

"Auch das weiß ich nicht. Als er mir sagte, die Neue sei so viel besser und erfahrener im Bett und unter der Dusche, von der könnte ich noch was lernen, habe ich ihm einen Tritt in die Eier verpasst und bin gegangen, solange er noch ächzte."

"Und wann war dieser heftige Abschied?"

"Woher soll ich das noch wissen. Irgendwann in diesem Jahr."

"Frühling? Sommer, Herbst?"

"Na ja, vielleicht im August oder so." Gerda besaß das bei Zeugen nicht seltene selektive Gedächtnis, sie behielt nur, was für sie nützlich war oder zu sein schien, und Bruno war eindeutig nicht mehr von Nutzen.

"Kennen Sie Emil Sklarek näher?"

"Wenn Sie mit 'näher' meinen, dass ich ihm mal in die Hose gefasst habe, lautet die Antwort: Nein."

Gerda arbeitete inzwischen als Bedienung im Augustiner am Hauptbahnhof und regte sich nicht mehr auf, wenn ihr Gäste unter den Rock fassen oder auf die Pobacken klopften wollten; Hauptsache, das Trinkgeld hinterher stimmte. "Aber Emil? Nein, nie. Diesem Schmierlappen bin ich sofort aus dem Weg gegangen. Instinktiv sozusagen."

Lene staunte über Gerdas entschiedene Ablehnung, wollte sich aber nicht nach dem Grund erkundigen. Wenn er etwas auf dem Kerbholz hatte, sollten sie es - bei diesem nicht so häufigen Familiennamen - in den Akten finden.

"Und wohin Bruno fahren wollte, wenn nicht nach Papenburg, wissen Sie auch nicht?"

"Er war geschieden, seine Ex lebt irgendwo im Ruhrgebiet. Fragen Sie da mal nach. Sie scheint immer noch was für Bruno übrig zu haben."

"Okay, das wär's, Frau Hallberg, vielen Dank. Wie fahren gleich in die Gerichtsmedizin."

Auf der Treppe überlegte Lene. Gerda Hallberg benahm sich so ungeschickt nicht, und wenn sie die Frau aus 505 eine Hure nannte, dann war Lene sogar bereit, das nachzuprüfen. Aber warum musste sich Bruno Krawinke mit einer Prostituierten einlassen, wenn er kostenlos eine Gerda zur Verfügung hatte, die zwar nicht vom Stamme der zarten Elfen geschnitten war, aber doch über die nötigen und wichtigen Reize in größerem Ausmaße verfügte. Suchte Bruno Abwechslung und war er bereit, dafür auch auf seine Gerda zu verzichten? Die, um einmal zum nervus rerum vorzustoßen, sich kosten- und spesenfrei ihrem Bruno ins Bett gelegte hatte, was man von einer Prostituierten normalerweise nicht erwarten durfte - es sei denn, Bruno hatte es schon bis zu ihrem Zuhälter gebracht?

"Hatte Bruno Ihres Wissens irgendwo Geld gebunkert?"

"Ja, etwas. Das hatte er sogar dem Amt verheimlicht. Aber ich weiß nicht, wo und wieviel das war."

Eigentlich war Gerda mit dem Abstecher in die Innenstadt nicht einverstanden, aber Lene ließ nicht locker. Und auf der Fahrt wurde Gerda merklich ruhiger, sogar eine Spur bedrückt. Über einen Toten zu schimpfen, war eine Sache, sich aber vorzustellen, dass man gleich seine Leiche würde genau anschauen müssen, stand auf einem anderen Blatt. Lene bereitete sie absichtlich nicht auf den Geruch vor, der überall in dem alten gekachelten Gebäude schwebte und auch durch gründliches Lüften nicht zu vertreiben war. Beate Stoll, langjährige Mitarbeiterin in der Gerichtsmedizin, nahm sie in Empfang. Die Leiche war hergerichtet, und als Beate das Laken vom Gesicht und vom Oberkörper zurückschlug, nickte Gerda sofort: "Ja, das ist Bruno."

"Prima, vielen Dank, Frau Hallberg, wir machen gleich das Protokoll, dann müssen Sie nicht noch einmal ins Präsidium kommen. Beate, was ist mit der Frau aus 505?"

"Ausgepackt, die Chefin hat noch nicht angefangen. Abdrücke und DNA von beiden sind schon unterwegs."

Gerda Hallberg sträubte sich vergeblich, sie musste sich auch die Leiche aus der Badewanne ansehen. Auch hier reagierte sie sofort: "Ja, das ist Brunos Neue."

"Kein Zweifel?"

"Nein, ganz sicher."

"Immer noch keine Idee, wer sie ist? Oder war?"

"Nein."

Die beleidigte Gerda verzichtete darauf, nach Hause gebracht zu werden, sie unterschrieb die Identifizierungsprotokolle für Bruno und die noch namenlose Tote aus Brunos Badewanne und meinte dann, sie brauche jetzt unbedingt einen oder mehrere klare Schnäpse als Nervennahrung. Lene empfahl ihr die Klause und machte sich auf die Suche nach Professor Nadine Golowski.

Das Blonde Gift - wie immer perfekt geschminkt und gekämmt - hatte nichts Neues zu berichten. Bruno - auf den Namen einigten sie sich - war tatsächlich schon vor etwa vier Wochen durch einen Schuss in den Hinterkopf getötet worden. Das Geschoss war noch zur Untersuchung bei den Ballistikern. Nach dem Zustand der Leiche zu urteilen, hatte es vorher keinen Kampf gegeben. Weil der Körper in dem verschlossenen Kofferraum gelegen hatte, waren auch nur wenige Insekten auf der Leiche zu finden. "Irgendein Hinweis darauf, wo der tödliche Schuss abgegeben wurde?"

"Nein, liebe Lene."

Nadine grinste vergnügt. Sie war mit Marlene Schelm seit vielen Jahren befreundet, und das Blonde Gift kam dem, was man eine beste Freundin nennen mochte, recht nah. Ihr Verhältnis hatte sich etwas gelockert, seit Nadine mit dem Direktor der Kriminalabteilung des Präsidiums zusammenlebte, der sie mit Beschlag belegte. Lenes Freund Jochen Pauly arbeitete in Berlin, wo er sein Geld als Lobbyist verdiente. Er war verheiratet und konnte Lene nicht so oft sehen, wie sich beide das wünschten. Nadines Geliebter Jörg Steiner und Lenes Freund Jochen Pauly hatten sich zufällig bei einem Essen im Alten Ritter kennengelernt und Jochen war von dem "Blonden Gift" mächtig beeindruckt gewesen, was Lene ihm nicht verübelte. Nadine war das, was man eine Schönheit nannte, nicht nur sexy und attraktiv, sondern etwas, auf das nur das altmodische Wort Schönheit passte und sich außerdem das Adjektiv "makellos" aufdrängte. Seit Steiner erfasst hatte, dass Pauly für Nadine Golowski etwas schwärmte, flirtete er mit seiner, wie er sich ausdrückte, Lieblingshauptkommissarin Lene Schelm, was sie sich gerne gefallen ließ. Die beiden Paare kamen sehr gut miteinander aus und Lene war froh, dass sie vor den Kollegen nicht mehr Versteck spielen musste.

"Wie geht es voran?"

"Bis jetzt sehr ordentlich."

"Bis wann brauchst du den Bericht?"

"Lass dir Zeit. Wir können sowieso erst richtig loslegen, wenn wir wissen, wer die Frau aus der Badewanne ist respektive war."

"Wie kommst du mit dem Häschen zurecht?"

"Sehr gut."

"Jörg ist sehr angetan von ihm. Hase hat den Betrug beim Bau der Philharmonie fast im Alleingang aufgeklärt."

"Und warum ist er aus der Schwerpunkt-Abteilung weggegangen?"

"Er hatte angefangen, sich für die Konkursverschleppung der Polenz-Bank zu interessieren."

"Au weia. Da werden einige unserer Polit-Promis aber schlecht geschlafen haben."

"Eben nicht. Sie wurden im Gegenteil sehr schnell sehr wach und haben den üblichen Druck hinter den Kulissen ausgeübt. Hase hat sich versetzen lassen, als man ihm den Fall wegnehmen wollte."

"Sagt Jörg?!"

"Im Bett und unter der Dusche, ja."

"Ich wünschte, mir würde auch mal wieder einer liebevoll den Rücken abseifen."

"Ich drücke dir die Daumen, wenn ich nicht gerade für dich arbeiten muss."

Lene machte auf dem Weg in ihr Büro einen kleinen Abstecher in die Staatsanwaltschaft. Paul Hase schien ehrlich erfreut, sie zu sehen. Das war bei seinem Vorgänger nicht der Fall gewesen.

"Was gibt es Neues, Frau Schelm?"

"Die Tote aus der Badewanne scheint die Geliebte des Mannes gewesen zu sein, den wir aus dem Kofferraum geborgen haben."

"Zu Lebzeiten der beiden? Entschuldigung, das war ein so dummer wie überflüssiger Kalauer. Soll nicht wieder vorkommen."

Sie winkte ihm zu: "Geschenkt, Herr Hase."

"Aber wenn Krawinke seine Geliebte umgebracht und abgepackt in der Badewanne abgelegt hat, wer hat dann Krawinke erschossen und in den Lantener Forst verfrachtet?"

"Wie lautete der Filmtitel? Der dritte Mann."

"Der tauchte aber erst sehr spät auf - im Film, meine ich."

"Der Film musste mal ein Ende haben. Wir haben Zeit, wir kennen keine Verjährungs- und Einspruchsfristen." Sie nickte Hase zu und ging. In ihrem Referat wartete Josef Kimmig schon auf sie.

Die Klause lag auf der anderen Seite des Merhoff-Platzes. Es war eine ganz normale, etwas schummrige Kneipe, mit einem langen Tresen, ziemlich unbequemen Holzstühlen an weiß gescheuerten Vierertischen, Butzenglasscheiben mit Klappen, die früher, als hier noch geraucht wurde, fast immer geschlossen gewesen waren, aber jetzt, nachdem sich die Klause in eine Nichtraucher-Zone verändert hatte, meistens geöffnet waren. Die Luft war fraglos besser geworden, aber die durchschnittlichen Raumtemperatur dafür spürbar gesunken. Ausgeschenkt wurde Pils, für Altmodische auch Export-Bier, klarer Schnaps vom Fässchen - wer insistierte, bekam auch ein alkoholfreies Getränk oder Kaffee; und weil der Fernsehkommissar Heinz Haferkamp in seiner Stammkneipe, die große Ähnlichkeit mit der Klause aufwies, gerne Buletten mit Senf gegessen hatte, gab es hier jetzt auch Buletten, kalt oder ganz kurz in der Mikrowelle angewärmt. Eine Zeitlang kämpfte Haferkamp mit seinen Buletten gegen Schimanskis Parka. Das hörte ziemlich schnell auf, nachdem Kriminaldirektor Jörg Steiner, an sich ein liberaler Chef, auf einer Feier in einer launigen Rede vorgestellt hatte, wie, warum und wann er den ARD-Hauptkommissar Horst Schimanski längst aus dem Polizeidienst entfernt hätte. Danach gab es wieder mehr Buletten und weniger Parkas in der Klause; der Wirt wollte nie verraten, von wem er die hervorragenden Frikadellen bezog, und die hatten im Verein mit einem sehr ordentlichen Kartoffelsalat manchen Kollegen schon vor dem Absturz bewahrt. Selbst Lene schätzte diese Buletten, warm mit Essiggurke, einem Stück Stangenbrot und Dijon-Senf. Der Wirt hatte sie wegen des Stangenbrots gerne aufgezogen und den Uralt-Witz von dem Gast erzählt, der die Bedienung lobte, heute hätten die Buletten aber ganz besonders gut geschmeckt, worauf sie ihm zuflüsterte, er dürfe sie nicht verraten, aber der Koch habe heute Morgen vergessen, das Hackfleisch in die Bulettenmasse zu geben.

Das Lokal befand sich um diese Zeit wie üblich fest in Polizeihand und war gut besetzt. Viele drehten sich nach Lene und Josef um, als sie eintraten. Und in einigen Gesichtern las Lene nicht nur Erstaunen, sondern auch unverhohlene Missbilligung. Es war nicht das erste Mal, dass man der Kollegin, der Ersten Hauptkommissarin Marlene Schelm aus dem Referat 11, zu verstehen gab, man sei mit ihr nicht einverstanden. Mittlerweile ließ es sie kalt. Und wer versuchte, sie zu mobben, erlebte sein blaues Wunder. Lene schlug sehr hart und ausgesprochen rücksichtslos zurück. Trotzdem steuerte sie mit Josef Kimmig einen Tisch an, an dem man sie nicht belauschen konnte.

"Das Übliche?", erkundigte sich Gerlinde. Sie war nett, flink und hilfsbereit, aber mundfaul, was die Bedienung in einer Kneipe eigentlich nicht sein sollte.

"Ja, zweimal." Lene passte sich schnell an.

"Was war das nun mit dem alten Mann?", drängelte Kimmig.

"Gleich, Josef, sobald Gerlinde wieder gegangen ist."

Die Bedienung setzte ihr Tablett ab. Zwei Bier, zwei klare Schnäpse, zwei Teller mit je einer warmen Bulette, Essiggurke und Besteck. Einmal Senf und zwei Stück Baguette. Zum Wohl."

"Danke, Gerlinde."

Lene war vor Kimmig fertig: "Wir reden ab jetzt im Vertrauen. Und alles, was ich dir erzähle, bleibt unter uns, einverstanden?"

"Versprochen."

"Ich bin zweimal in so einer elenden Situation gewesen; die Kollegen haben ihre Arbeit eingestellt, und ich stand da mit leeren Händen und einem ewig hungrigen Schreihals." Sie hatte seine verwunderte Miene bemerkt und lachte leise.

"Josef, ich habe mit neunzehn Jahren eine Tochter geboren. Unehelich, natürlich. Tanjas Vater war zwei Jahre älter als ich, sah blendend aus, redete wie ein Grammofon, stand auf eigenen Füßen, verdiente gutes Geld und hatte mir hoch und heilig geschworen, er würde für mich und unser Kind sorgen. Er ist dann nicht einmal mehr ins Krankenhaus gekommen, um seine Tochter anzusehen, sondern hat das Weite gesucht. Sehr gründlich sogar. Als ich aus der Klinik entlassen wurde, war er wie vom Erdboden verschluckt. Ich hätte gerne selbst nach ihm gesucht, aber ich musste Wach- und Wechseldienst schieben und für Tanja einen Pflege-Platz suchen. Und du erinnerst dich noch, was man zu Beginn auf einem Revier nie hat?"

"Oh ja", sagte er düster, "Geld und Freizeit und ordentliche Dienstzeiten."

"Ich habe Arno Grimme - so hieß mein Freund - als vermisst gemeldet. Angeblich haben sich die Kollegen die Beine ausgerissen, aber nach vier Wochen kamen sie zu mir - es gebe keine Chance mehr, Arno Grimme zu finden. Ich bin fast geplatzt vor Wut und Verzweiflung, aber es blieb dabei: keine gezielte Fahndung nach Arno Grimme. Später habe ich mich selbst auf die Suche gemacht und dabei habe ich an Arnos Arbeitsplatz den heute alten Mann bei Ellerding & Fels kennengelernt. Er war damals der Personal-Sachbearbeiter."

Josef schnaufte mitleidig. Diese Stimmung kannte er nur zu gut. "Hat sich Freund Arno später mal gemeldet?"

"Nie, ich weiß nicht einmal, ob er noch lebt."

"Wie hast du das mit deiner Tochter hinbekommen?"

"Da sind zwei Wunder geschehen. Das erste noch in Tanjas ersten Monaten; meine Eltern und ich haben ein junges Ehepaar gefunden, das selbst einen Sohn in Tanjas Alter hatte, aber kein zweites Kind mehr bekommen konnte, und das bereit war, Tanja als Pflegekind auf Dauer aufzunehmen."

"Haben die nie an Adoption gedacht?"

"Doch, oft sogar, aber ich wollte nicht." Kimmig zog erstaunt die Augenbrauen hoch. "Denn ich erlebte nach dem Unglück ein zweites Wunder. Meine Eltern lebten noch, und mein Vater konnte es sich leisten, mich regelmäßig finanziell zu unterstützen. Später bezog ich Zinsen aus meinem Erbe. Tanja hat es bei den Pflegeeltern sehr gut gehabt und hat sie Papa und Mama genannt, und die beiden haben für sie gesorgt, als sei es ihre eigene Tochter, die sie nach dem Sohn gerne noch bekommen hätten."

"Und du? Hat man dich akzeptiert?"

"Ohne jeden Vorbehalt, wir haben Tanja so früh wie möglich gesagt, dass Martin und Charlotte Lange ihre Pflegeeltern sind, ich konnte Tanja jederzeit besuchen, hatte sogar einen Schlüssel zum Haus der Langes und auch wenn es mir zu Anfang immer einen Stich versetzt hat, dass mein Kind die anderen mit Papa und Mama und mich mit Lene angeredet hat, sind wir hervorragend miteinander ausgekommen. Ich bin mit Tanja in den Urlaub gefahren, mit ihr und ihrem Pflegebruder Thomas ins Theater und Konzert gegangen, und das war alles so erfreulich, dass Tanjas beste Freundin eines Tages gejammert hat, sie möchte auch zwei Mütter haben."

"Ihr habt euch also nicht entfremdet?"

"Nicht so schnell, Josef. Du kennst doch den dummen Spruch: Die Pubertät beginnt, wenn die Eltern komisch werden?"

"Und ob." Er stöhnte.

"Bis dahin waren wir als Quintett ein Herz und eine Seele."

"Quintett?"

"Martin, Charlotte, ihr Sohn Thomas Lange, Tanja und ich. Dann hat Tanja angefangen, Fragen zu stellen: Wer ist mein Vater? Wo steckt er jetzt, warum ist er weggelaufen? Warum kümmert er sich nicht um mich?"

Gerlinde brachte ohne Aufforderung eine weitere Runde.

"Ich habe ihr ehrlich geantwortet, so gut ich konnte und so gut sie es damals verstand, und habe mit ihr ausgemacht, dass sie an ihrem achtzehnten Geburtstag alle Unterlagen, Briefe und Bilder bekommt, die ich von ihrem Erzeuger Arno Grimme hatte. Danach war für einige Zeit Ruhe, dann kam eine neue Phase. Sie fing an, mir Vorwürfe zu machen. Warum ich ihn nicht gehalten hätte, warum ich ihn mit meiner strengen Art - nein, sie hatte dafür sogar ein neues Wort gelernt - mit meiner harschen Art vertrieben hätte, warum ich nicht genug Verständnis für ihn aufgebracht hätte."

Kimmig schwieg, weil es ihn schrecklich an seine Tochter Lara erinnerte, die ihm dieselben Vorwürfe gemacht hatte, als aus Verenas alltäglichen Klagen eine echte Verstimmung zwischen den Eheleuten entstanden war.

Nach einer langen Pause seufzte er mitleidig: "Ich erinnere mich. Das ist diese grausame Phase, in der Kinder immer alles wissen und vor allem: besser wissen."

"War das bei dir genau so?"

"Aber ja. Es hat bei Lara zum Glück nicht lange gedauert, sie hatte damals eine Trainerin, mit der sie sich gut verstand und die Lara immer wieder auf den Teppich zurückgeholt hat, wenn sie aus dem häuslichen Alltag abheben wollte. Aber es war schon ziemlich heftig, und als ich merkte, dass da ein anderer Mann gekommen war, hat meine Tochter lange gezögert, ob sie bei mir bleiben oder mit Verena fortgehen sollte."

"An ihrem achtzehnten Geburtstag ist Tanja morgens bei mir erschienen, wir haben zusammen gefrühstückt, sie hat ihr Geschenk bekommen und einen Ordner mit Kopien aller Dokumente, Briefe und Bilder etcetera, die ich von Arno Grimme besaß. Wir haben uns an der Wohnungstür noch freundlich verabschiedet, weil ich zum Dienst musste, und das war das letzte Mal, dass ich von meiner Tochter etwas gesehen oder gehört habe."

"Nein!"

"Doch, seit jetzt vierzehn Jahren kein Lebenszeichen mehr von Tanja. Natürlich haben wir Vermisstenanzeige erstattet. Okay - formell war sie volljährig, als sie verschwand, aber unter diesen Umständen ... Nach drei Monaten dann dieses ‚Liebe Kollegin, wir haben alles versucht, aber wir sind mit unserem Latein am Ende. Wir müssen die gezielte Suche aufgeben.‘"

Kimmig nickte nur. Das waren Situationen, in denen es keinen Trost mehr gab, sondern nur noch heiße, sinn- und hilflose Wut.

"Selbstverständlich haben wir nicht aufgegeben. Martin nicht und Charlotte nicht und ich erst recht nicht. Wir haben alles getan, was man mit Geld, Beziehungen und Engagement in die Wege leiten kann. Erfolg gleich Null."

"Arme Lene."

"Die DNA, die Fingerabdrücke und alle Details von Tanja stecken in unseren Systemen, aber keines hat bis jetzt Alarm geschlagen."

"Du hast gesagt, dieser Martin und diese Charlotte hätten ein eigenes Kind gehabt. Thomas, nicht wahr? Wie haben sich die beiden Kinder verstanden? Eifersucht - ich will meine Mami für mich alleine?"

"Nein", sagte Lene entschieden. "Allenfalls die Eifersucht oder der Neid, den Geschwisterkinder untereinander entwickeln. Du kennst doch den Spruch, den man oft auf Geschwister anwendet, die sich dauernd zanken. Sie können nicht miteinander, aber ohne geht es erst recht nicht. Thomas vermisst seine 'Schwester' Tanja seit vierzehn Jahren!"

Kimmigs Frau Verena war vor elf, fast zwölf Wochen weggelaufen. Er hatte gehofft, er würde es vergessen können, aber das gelang ihm nicht; ihn plagte immer noch das Warum; warum ist sie gegangen? Was habe ich falsch gemacht? Und wenn er einmal nicht durch Arbeit oder was anderes abgelenkt war, kam mit der Ruhe und Entspannung sofort das "Warum, warum?" mit noch größerer Wucht zurück.

Gerlinde hatte unverdrossen für Nachschub gesorgt. Kimmig spürte, dass Lene ihn unverwandt betrachtete, wollte ablenken und fragte: "Wo habt ihr euch eigentlich kennengelernt?"

"An einer Schießbude auf dem Höveler Sommerfest."

Es war eine traditionelle Kirmes gegen Ende des Sommers. "Und Verena und du?"

"An einem Strand auf Lanzarote. Ich hab' Urlaub gemacht, und sie hatte von ihren Eltern eine Reise zum Examen geschenkt bekommen."

"Examen?"

"Ja, sie hatte Apothekenhelferin in Bad Rösel gelernt und ein sehr ordentliches Schlussexamen hingelegt."

"Bad Rösel ...?"

"Liegt an der Ahr. Spezialisiert auf Erkrankungen der Haut. Es gibt warme Quellen und das berühmte 'Bärenfett' zum Einreiben."

"Bären im Ahrtal? Josef, Josef, soll Gerlinde dir einen starken Kaffee bringen?"

"Nein, danke!", lehnte er etwas verstimmt ab. "Bärenfett ist der Name einer Hautcreme, die der 'Bärenapotheker' in der 'Bärenapotheke' herstellt. Frag mich nicht, was da drin ist und wie sie zu ihrem Namen kommt. Verena hat das nie herausgekriegt."

"Wieso Verena ...?"

"Sie hat in der 'Bärenapotheke' gelernt."

"Ach so." Manchmal musste man Umwege zum Ziel laufen. "Dann habt ihr euch also auf Lanzarote gefunden?"

"Ja und nein. Als ich abreiste, war zwischen uns noch nichts passiert. Wir haben die Adressen getauscht und sie hat mir versprochen, sie würde mich bald in Tellheim besuchen."

"Was sie auch getan hat?"

"Ja." Er senkte die Stimme. "Sogar sehr bald schon. Ich war so glücklich, dass wir ..., dass wir ..."

"Josef, ich ahne alles. Ihr habt euer Wiedersehen im Bett gefeiert."

"Und wie, Lene. Neun Monate später war Lara da."

Lene schwieg; sie wollte Josef nicht gestehen, dass es bei ihr noch schneller gegangen war. Tanja war noch auf dem Höveler Sommerfest gezeugt worden. Warum sie nicht gedrängt hatte, dass Arno sie heiratete, wusste sie heute noch nicht so richtig. Gut möglich, dass das kritische Urteil ihrer Eltern eine Rolle gespielt hatte: "Kind, das ist kein Mann, den man heiratet. Er ist ein Windhund und wird es bleiben, bis ihm die Zähne und die Haare ausfallen." Was wussten schon Eltern, wenn die Tochter bis über beide Ohren verliebt war?

"Letzte Runde, Frau Schelm?"

"Okay, Gerlinde, ich zahle heute."

Erst als die letzte Runde vor ihnen stand, rückte Josef mit seinem nächsten Problem heraus. Tochter Lara war zwar bei ihm geblieben, hatte ihm aber angekündigt, dass sie sich auf die Suche nach der Mutter machen wolle, um notfalls doch bei ihr zu bleiben, wenn "der Neue" damit einverstanden war. Lene schüttelte nur den Kopf, auf den Kollegen Josef kam es im Moment wirklich knüppeldick herunter.

An diesem Abend rührte Lene die Burgunder-Flaschen nicht an. Und beim Zähneputzen überlegte sie, ob es eigentlich stimmte, was sie gegenüber Kimmig behauptet hatte, dass sie Arno nicht vermisst hatte, geschweige denn jetzt vermisste. An dem Tag, an dem klar wurde, dass er nicht einmal seine Tochter in der Klinik anschauen würde, hatte Lene sich emotional von ihm getrennt, abgenabelt. Und wenn sie einen Fehler begangen hatte, dann wohl den, dass sie der heranwachsenden Tanja einfach unterstellt hatte, auch sie könne doch keine Gefühle für so einen Verräter aufbringen. Darüber hatten Tanja und ihre Mutter nie gestritten, sich aber in diesem Punkt nicht verstanden. Lene schlief nicht sehr gut.

Noch vor dem Präsidium fuhr sie in die Mittelburgstraße 44. Doch als Lene beim Hausmeister klingelte, rührte sich nichts. Etwas hilflos und unentschlossen stand sie in der großen Eingangshalle mit den vielen Hausbriefkästen und sah sich nach der Treppe ins Souterrain um, als die Haustür geöffnet wurde und eine Frau hereinkam. Sie schaute neugierig auf Lene und ging weiter, stockte plötzlich, drehte sich um und fragte unsicher: "Lene? Marlene Schelm?"

Lene brauchte länger, die andere wiederzuerkennen. "Agnes?"

"Ja."

Mit einer Agnes Wörth hatte Lene Schelm vor Ewigkeiten den Wach- und Wechseldienst im Revier 23 begonnen. Agnes war schon damals eine knochige Bohnenstange mit eckigen Bewegungen und einem kantigen, unschönen Gesicht gewesen, sehr unweiblich, nicht unfreundlich, aber nie verbindlich, zwar hilfsbereit, aber immer kurz angebunden, so, als wolle sie niemanden an sich heranlassen. Ein Kollege hatte über sie mal gelästert: "Armes Igel-Mädchen, sie hat nie gelernt, wie man seine Stacheln einfährt." Lene war, wenn sie sich nicht täuschte, mit dem "Igel", wie alle Kollegen Agnes bald nannten, recht ordentlich ausgekommen, aber auch nie richtig warm geworden. Später hatten sie sich aus den Augen verloren, und als Lene schon bei der Kripo angefangen hatte, erzählte jemand, dass der Igel den Dienst quittiert und geheiratet habe.

"Was hat dich hierhin verschlagen?"

"Im fünften Stock haben wir eine Frauenleiche gefunden!"

"Du bist also immer noch dabei?"

"Ja. Du hast gekündigt, hat man mir mal erzählt."

"Stimmt. Ich habe geheiratet."

"Wohnst du hier?"

"Leider ja."

"Warum leider?"

"Die Häuser waren mal chic und angesagt, das hat sich schwer geändert. Auf viele Nachbarn würde ich gerne verzichten. Aber so, wie die Gesellschaft die Wohnungen und die ganze Anlage verkommen lässt, ist es kein Wunder, dass nur noch Arme, Arbeitslose und Alkoholiker hier einziehen." Der Igel gab sich keine Mühe, seine Verachtung und Ablehnung zu verbergen.

"Könnt ihr nicht wegziehen?"

"Er ist schon lange weg, mit einem süßen, jüngeren Püppchen, und hat mich hier sitzenlassen. Aber warum stehen wir hier herum? Wenn du Zeit hast, komm' doch mit hoch, ich koch' uns einen anständigen Kaffee."

"Gerne." Emil konnte warten, und sie hatte nach dem vielen Bier in der Klause heute Morgen zwei Tabletten mit viel Soda geschluckt und auf den Kaffee verzichtet.

Der Igel wohnte im achten Stock in einer größeren Wohnung als Krawinke seinerzeit in 505. Agnes war - nach der Einrichtung zu schließen - nicht auf Rosen gebettet, was sie auch unumwunden einräumte. Der Verflossene zahlte nur wenig, und das unregelmäßig, weil er jetzt Frau und Kind versorgen musste.

"Wie steht's mit dir, Lene?"

"Nach wie vor Junggesellin."

"Was ist denn aus dem hübschen Großen geworden? Du weißt schon, der mit den hellen Haaren, der so viel von schnellen Autos schwärmte. Wie hieß er bloß noch?"

Lene schwieg verblüfft. Nie hätte sie vermutet, dass der Igel sich an Arno erinnern würde.

Agnes missverstand ihr Schweigen. "Bei ihm kommt mir immer Florenz in den Sinn."

"Arno hieß er", sagte Lene leicht mürrisch.

"Richtig."

"Er hat mir ein Kind angehängt und ist dann spurlos verduftet."

"Das tut mir leid." Warum nur hatte Lene den Eindruck, dass Agnes' Bemerkung nicht nach Mitgefühl, sondern nach Schadendfreude klang?

"Ich vermisse ihn nicht. Ich bin sehr gut ohne ihn zurechtgekommen", sagte Lene deshalb trotzig, "wahrscheinlich besser als mit ihm. Besser jedenfalls als mit einem Fremdgeher." Diese Spitze konnte sie sich nicht verkneifen. Der Igel wechselte das Thema.

"Dann bist du jetzt also bei der Kripo?"

"Ja."

"Und wo da?"

"Mord und Totschlag, ich bin erste im ersten."

"Donnerwetter. Ich hab' ja immer gesagt, du wirst noch Karriere machen."

"Und was machst du?"

"Ich bin Verwalterin im Haus Bethanien in Zwiebrücken."

Warum nur kam Lene sofort der Gedanke, dass von vielen möglichen Heimen für den Fall des Falles Bethanien von der Liste gestrichen sei? Wie hatte sie eigentlich wirklich zu Agnes Wörth gestanden? Seltsam, das hatte sie vollständig vergessen. Und auch Arnos alberne Leidenschaft für schnelle Autos, Autorennen und Rennfahrer. Von jedem Modell konnte er Hubraum, PS, maximale Drehzahlen, Höchstgeschwindigkeit und Preise wie ein Automat herunterrasseln, und dass er bei Ellerding & Fels diese Wunderwerke der Technik an andere, betuchtere Menschen verkaufen musste und nicht selber besitzen durfte, quälte ihn regelrecht.

Der Igel hatte Kaffee nachgeschenkt. "Dann bist du also wegen der Leiche in 505 hier?"

"Ja. Weißt du was über diese Frau?"

"Nein. Ich bin ihr auch nur zwei- oder dreimal im Haus begegnet. Sie schaffte hier an."

"Das ist nicht dein Ernst."

"Doch, doch. Wir haben ein richtiges Ferkel von Hausmeister, Emil heißt die Kanaille. Emil hat sie an Hausbewohner vermittelt oder sie in einem Raum neben seiner Werkstatt 'arbeiten' lassen."

"Hat er dafür kassiert?"

"Emil verlangt Geld, wenn du ihn nach der Uhrzeit fragst."

"Hast du zufällig auch den Mieter aus 505 gekannt?"

"Bruno?"

"Bruno Krawinke, ja."

"Was ist mit dem?"

"Er ist auch ermordet worden."

"Nein!" Das klang ehrlich entsetzt.

"Doch. Wir haben seine Leiche im Kofferraum seines Autos gefunden. Im Lantener Forst."

"Ach nee!"

"Hast du ihn gekannt?"

"Ja, flüchtig. Bruno war ein Traumtänzer. Ganz nett, freundlich, aber faul. Immer gut gelaunt, aber im Alltag hilflos. Man musste ihm sehr genau sagen, was er tun sollte; weißt du, es gibt so Frauen, die am meisten Männer lieben, die sie ständig bemuttern müssen."

'Dazu gehörst du mit Sicherheit nicht', dachte Lene belustigt, sagte aber nichts.

"Kannst du mir was über euren Emil und diesen Bruno sagen?"

"Nein, eigentlich nur, dass sie viel zusammengehangen haben. Emil schluckte gerne und Bruno hat in der Zeit für Emil die Arbeiten im Haus erledigt."

"Feine Arbeitsteilung."

Lene trank noch ihre zweite Tasse aus und ging dann, versuchte nicht mehr, mit Emil Sklarek zu sprechen. Agnes Wörth war ein Stück Vergangenheit, und Lene wunderte sich auf der Fahrt ins Präsdium, wie gründlich sie Teile dieser Vergangenheit vergessen, verdrängt, weggeschoben hatte. Was eigentlich doch ganz angenehm war. Ohne Ballast lebte es sich leichter. Und eben das hatte Tanja ihr einmal vorgeworfen. "Du hast meinen Vater bewusst vergessen, wie Ballast abgeworfen, damit du es leichter hattest."

Zum Schluss überlegte Lene erneut, ob es stimmte, was sie dem Igel gesagt hatte: Dass sie Arno nicht vermisst hatte, geschweige denn jetzt vermisste.

Aber welche Gefühle musste Arno Grimme beim Igel ausgelöst haben, wenn der sich nach etwa dreißig Jahren noch an eine, höchstens zwei flüchtige Begegnungen mit ihm erinnerte.

Gegen Mittag drängte sich die Mannschaft um Lenes Schreibtisch, als würde hier steuerfreies Bargeld verschenkt.

Ihre Tote aus 505 hatte tatsächlich einen Namen und eine aktenkundige Vergangenheit. Carmen Salzner, 1971 in Nauen geboren und vor knapp drei Jahren aus der JVA für Frauen in Vechta entlassen, wo sie 30 Monate gesessen hatte, in Bielefeld als vorbestrafte Rückfalltäterin verurteilt wegen mehrfachen Trick- und Taschendiebstahls.

Lenes Kollege, Oberkommissar Harald Sturm, hatte schon mit der JVA telefoniert: Entlassen war Carmen mit Anschrift ihrer verheirateten Schwester Barbara Klein in Nienburg/Weser. Dort war sie jedoch, wie die Schwester am Telefon sagte, nie eingetroffen. Sturm hatte vernünftigerweise am Telefon nicht erwähnt, dass Carmen vermutlich ermordet worden war. Aber er hatte die Schwester veranlassen können, sich sofort ins Auto oder in einen Zug zu setzen. "Sie kommt morgen zu uns ins Präsidium."

Die um Amtshilfe gebetenen Kollegen aus Duisburg begnügten sich mit einer etwas formlosen Mail: Edda Krawinke hatte ihren Ex-Teuren seit mindestens fünfzehn Monaten nicht mehr gesehen oder gesprochen; die letzte Weihnachtskarte, die er ihr geschickt hatte, war in Tellheim abgestempelt worden. Wo er sich herumtreiben könnte, wisse sie nicht, es interessiere sie auch nicht und sie erwartete auch gar nicht mehr, dass er den noch ausstehenden Unterhalt je bezahlen werde. Hatte Bruno nicht wegen der Arbeitsagentur, sondern wegen seiner Ex auf ein Konto verzichtet und lieber Bargeld gebunkert?

Kollege Seidel hatte Wort gehalten und einen ausführlichen Bericht über die kriminaltechnische Untersuchung der Wohnung 505 vorbeigebracht. Das Blut rund um das Bett in der Schlafnische stammte von der Toten in der Badewanne, ebenso die braunen Blutschlieren in der Wanne. Blutgruppe A positiv. Fingerabdrücke gab es en masse in der Wohnung. Fast alle ließen sich in zwei Gruppen einteilen, stammten also von nur zwei Personen. Für eine DNA-Analyse verwertbares Material hatten sie nicht sichergestellt, außerdem nicht eine Spur, nicht ein Indiz, nicht einen Hinweis darauf, dass sich außer der Badewannen-Toten je eine andere Frau in 505 aufgehalten hatte. Lene zog den Kopf ein; wie passte das zu Gerda Hallbergs Aussage?

Josef Kimmig hatte sich mit Papenburg beschäftigt, auf der Werft wollte keiner den Namen Krawinke je gehört oder gelesen haben, im Einwohnermeldeamt war kein Krawinke verzeichnet und auch in der Anzeigenabteilung des örtlichen Blattes war der Name nicht bekannt. Keine Suchanzeige für eine Wohnung oder ein möbliertes Zimmer.

"Da hat Krawinke seinem Kumpel Sklarek aber einen großen Bären aufgebunden", meinte Kimmig verärgert. Lene schwieg und behielt für sich, was ihr durch den Kopf ging: Was, wenn Emil der Tüchtige den ungeliebten Bullen einen Bären aufgebunden hatte? Gerda hatte schließlich behauptet, ihrer Meinung nach habe sich Sklarek zuerst für Brunos Neue interessiert.

Nadine wollte zu einer langen Beschwerde anheben, auch sie hatte lieber ordentliche, saubere Leichen auf ihrem Tisch. Lene unterbrach sie energisch, und Nadine kam zur Sache. Die Badewannen-Tote war wohl nach einem Schlag auf den Kopf betäubt gewesen. Die Platzwunde musste stark geblutet haben. aber sie war noch lebend in den Plastiksack gesteckt worden, den ihr Mörder luftdicht verschweißte, so dass sie jämmerlich erstickte. Vor schätzungsweise vier Wochen. Blutgruppe A positiv. Es gab an der Leiche nur die eine Kopfwunde, die das Blut vor dem Bett in der Schlafnische erklären konnte.

Barbara Klein, geborene Salzner, erschien am nächsten Tag pünktlich im Referat 11. Sie war schätzungsweise Mitte dreißig, nicht sehr groß, schlank und ansehnlich. Sie trug einen eleganten Hosenanzug, den Lene mit einem schnellen Blick neidisch taxierte und bewunderte. Schuhe und Handtasche passten exakt zueinander. Was immer Barbara Klein oder ihr Mann beruflich taten, sie waren erfolgreich und verdienten gut. Sie hatte sich im Hotel Erbprinz ein Zimmer genommen, und das ging, wie Lene wusste, ins Geld. Barbara Klein schien zu ahnen, was ihr bevorstand und unterbrach Lene sehr bald freundlich, aber entschieden: "Sie wollen doch bestimmt andeuten, dass meiner Schwester was zugestoßen ist."

"Ja, leider. "

"Wird es leichter dadurch, dass Sie das noch länger zurückhalten?"

"Nein. Frau Klein, wir haben vor einigen Tagen eine weibliche Leiche gefunden und anhand der Fingerabdrücke als Carmen Salzner identifiziert. Als Ihre Schwester aus der JVA Vechta entlassen wurde, sollte sie zu Ihnen nach Nienburg kommen."

"Richtig, aber da ist sie nie eingetroffen." Damit schob sie so energisch ihren Stuhl zurück, dass Lene vorerst auf weitere Fragen verzichtete.

Schweigend fuhren sie in die Gerichtsmedizin. Im Flur begegnete ihnen Nadine, und Lene beobachtet amüsiert, wie sich zwei Königinnen des demonstrativen Selbstbewusstseins huldvoll begrüßten.

Der Anblick ihrer toten Schwester erregte Barbara nicht, sie nickte nur sachlich. "Ja, das ist meine Schwester Carmen Salzner."

"Wir müssen Ihnen leider noch einige Fragen stellen."

"Das habe ich befürchtet, ich habe mir deshalb den Tag freigehalten, das Geschäft kann auch vierundzwanzig Stunden warten."

"Würden Sie mir verraten, was Sie beruflich machen?"

"Ich bin Anlageberaterin." Und weil Lene unwillkürlich mit den Augen zuckte, setzte Barbara Klein kühl hinzu: "Ganz recht, ich bin eine dieser skrupel- und gefühllosen Hyänen, die kleine Leute um ihre Ersparnisse bringen und sich dafür gut bezahlen lassen."

Lene musterte sie nachdenklich. "Meine Vorurteile halten sich in Grenzen, Frau Klein."

"Das ist so schön wie selten."

Nadine hatte zugehört und schlug nun zu: "Hatte Ihre Schwester Probleme mit dem Alkohol?"

"Ja, schon immer, sie trank zu viel. Nein, sie war keine Alkoholikerin; aber weil sie eigentlich wenig vertrug, hat der Alkohol sie immer wieder in Schwierigkeiten gebracht."

Nadine ergänzte trocken: "Sie hatte eine beginnende Fettleber."

"Das hat man ihr schon früh prophezeit, aber es hat nichts genutzt."

Die Dame würde schwierig werden, dachte Lene. Sie setzten sich in Lenes Zimmer und bevor sie das Tonband einschaltete, las sie die Notiz, die ihr Jule auf den Schreibtisch gelegt hatte; die Kollegen in Papenburg hatten schnelle Amtshilfe geleistet. "In der Werft arbeitet kein Bruno Krawinke. Man weiß dort auch nichts von einem Bewerbungsschreiben oder einem Arbeitsvertrag; Bruno hat nicht in Papenburg oder Umgebung gewohnt oder übernachtet."

Das war also das. "Frau Klein, wann haben Sie Ihre Schwester zum letzten Mal getroffen?"

"Das Datum weiß ich nicht mehr, aber es war bei ihrem Prozess in Bielefeld, wo sie zu zweieinhalb Jahren verurteilt wurde."

"Danach nicht mehr?"

"Nein. Carmen hat ab und zu aus der JVA geschrieben, zuletzt Anfang vorigen Jahres. Sie sollte eine Adresse nennen, an der sie nach ihrer Entlassung unterkommen könne. Ob sie meinen Namen und meine Anschrift nennen könne, und ob der Pinkel damit einverstanden wäre."

"Der Pinkel?"

"Mit dem 'feinen Pinkel' bezeichnete Carmen meinen Mann. Er war alles andere als begeistert, als ich ihm den Brief zeigte."

"Das kann ich mir vorstellen. Sie haben zugestimmt?"

"Habe ich, aber wer an dem Tag nicht gekommen ist, war meine liebe Schwester Carmen. Norbert - mein Mann - hat sich sehr gefreut und mich davon abgebracht, Carmen als vermisst zu melden. Wir haben dann monatelang nichts von Carmen gehört, bis sie aus heiterem Himmel bei mir anrief. Als sie aus dem Knast kam, und umsteigen musste, wollte sie nur ein einziges Bier trinken, das sie so lange vermisst hatte. Ihr sei danach auf der Fahrt so schlecht geworden und sie musste unbedingt auf den Topf, da ist sie in einen Gasthof direkt neben dem Bahnhof Tellheim gegangen. Nur auf ein einziges Bier. Und weil man Bier nicht trocken runterwürgen soll, noch auf ein kleines Schnäpschen."

"Und einen zweiten Schnaps gegen das mulmige Gefühl im Bauch."

"Wahrscheinlich."

"Bei dem ist es nicht geblieben?"

"Nein, als sie wieder wach wurde, lag sie in einem Keller auf einem Bett neben einem nackten Mann. Emil - den Nachnamen habe ich mir nicht merken können - also, der Mann, der sie aus dem Gasthof abgeschleppt und mit ihr gebumst hatte, bot ihr dann an, in seiner Wohnung zu bleiben; Carmen gefalle ihm."

"Frau Klein, ich weiß, wo Vechta liegt, ich weiß auch, wo ungefähr Nienburg liegt. Hat Carmen je verraten, wie man auf der Fahrt von Vechta nach Nienburg bis Tellheim kommt?"

"Das ist ganz einfach, wenn man im Suff in einen falschen Zug steigt und dann seinen Rausch ausschlafen muss. Ein rücksichtsvoller Schaffner hat sie nicht geweckt."

"Das war das letzte Mal, dass Sie mit Ihrer Schwester gesprochen haben?"

"Nein, nein, sie hat dann immer wieder mal angerufen. Ich wollte zurückrufen, aber Carmen meinte, das ginge nicht, sie habe kein Telefon und auch kein Handy, und die Handys, mit denen sie mich anrief, gehörten ihren Kunden, sie müsse sie gleich zurückgeben."

"Ihren Kunden?"

"Das hab' ich auch gefragt, und Carmen war von schönster Offenheit. Sie musste Geld verdienen, und das tat sie jetzt als Prostituierte."

"Hat sie gesagt, wo?"

"So ungefähr. Emil, der Mann mit dem unaussprechlichen Familiennamen, war Hausmeister und hatte neben seinem Büro und seiner Werkstatt eine Art Notunterkunft mit Bett und Toilette und Bad. Emil hat ihr neue Kunden zugeführt ..."

"... und dafür kassiert?"

"Aber ja, halbe-halbe, wie Carmen fluchte."

"Und wie ging's weiter?"

"Gar nicht. Ich hab's meinem Mann erzählt, und der hat mich angefleht, den Kontakt zu Carmen abzubrechen. Er ist Rechtsanwalt und Kreistagsmitglied. Eine Ehefrau, deren vorbestrafte Schwester eine Nutte ist, sei undenkbar - wie sagt man heute: für seine Partei nicht akzeptabel."

"Sie haben sich also nicht bemüht, Carmen ausfindig zu machen?"

"Nein, wir waren froh, dass sie lange nichts mehr von sich hören ließ. Zwei, drei Monate herrschte Sendepause, dann meldete sie sich wieder. Das mit Emil ginge so nicht weiter. Nicht nur, dass er ihr die Hälfte des Geldes wegnehme, nein, jetzt werde er auch noch eifersüchtig."

"Auf Carmens Kunden?"

"Nein, auf einen Freund Emils, der in dem Haus wohnte. Bruno - noch so ein Nachname, den der Normalsterbliche nicht behält. Bruno wäre nett, kein Zuhälter, er liebe sie ehrlich und sie wollte mit ihm irgendwohin an die Nordseeküste ziehen. Ehrlich gesagt - Australien oder Neuseeland wären Norbert und mir lieber gewesen."

"Bruno und Carmen - was hat denn Emil dazu gesagt?"

"Das habe ich meine Schwesterherz beim nächsten Anruf auch gefragt."

"Emil würde wohl noch ein echtes Problem werden, er denke nicht daran, sie gehen zu lassen. Aber Bruno sagte dazu immer 'Gar nich ignorieren.' Sie musste mir erst erklären, was das bedeutet."

Lene lachte, sie hatte den Ausdruck zum ersten Mal bei einer Zeugenbefragung gehört und ihn auch nicht verstanden. Es dauerte lange, bis die Konfusion geklärt war.

Barbara Klein setzte sich gerade hin. "So, ich habe schon gemerkt, dass mein Benehmen in der Gerichtsmedizin Sie verwundert hat. Aber nach allem werden Sie verstehen, dass mir der Tod meiner Schwester nicht sehr nahegeht."

Lene hätte nie behauptet, dass sie Barbara Klein sympathisch finde, aber sie musste zugeben, dass Barbaras Verhalten logisch und erklärbar war. Erst recht, wenn man mit einem "feinen Pinkel" verheiratet war, der in erster Linie auf seinen Ruf bedacht schien. Sie verabredeten sich für den Abend im Hotel, dort würde Barbara Klein das Protokoll unterschreiben, das Lene nun formulieren musste.

Mit dem Tonband und einem Zweitausdruck ging sie zu Hase, der sofort zu lesen begann und hinterher seufzte. "Hervorragend, Frau Schelm. Aber ich gestehe Ihnen offen, dass mir der schnelle Erfolg Ihrer Ermittlungen nicht sehr gefällt."

"Und warum nicht, Herr Staatsanwalt?" So etwas hatte sie noch nie gehört.

"Der Tote im Kofferraum und die Tote in der Badewanne haben mir den ungehinderten Zugang zu einer Ihrer Mitarbeiterinnen ermöglich, von der ich jetzt nachts schon träume."

Lene schmunzelte verständnisvoll. Jule war hübsch genug, um von ihr zu träumen, aber wenn Lene nicht alles täuschte, war ihre Jung-Kommissarin noch nicht bereit, sich auf Dauer zu binden. Ob der seriöse Hase Paul mit weniger, einem festen Verhältnis zum Beispiel, zufrieden sein würde? Wie es Lene mit ihrem Jochen hatte, allerdings in erster Linie, weil Jochen Pauly verheiratet war und sich nicht scheiden lassen wollte.

"Lachen Sie jetzt nicht, Frau Schelm. Ich bin und bleibe ein konventioneller Stoffel und Spießer."

Sie lächelte ihm zu und ging wortlos. Jule hatte sich einen netten Spießer geangelt.

In der Kantine traf sie am Elfertisch Jule, die anzüglich grinsend auf Lenes Salatschüsselchen schielte. "Probleme mit Hosen und Röcken?"

"Nein, ich muss heute Abend noch mit einer Zeugin essen gehen."

Es wurde sogar noch ein ganz erträglicher Abend. Barbara Klein unterschrieb das Protokoll ohne Einwände und lud Lene dann zum Essen in das Restaurant des Erbprinzen ein. Dort begann sie ohne Aufforderung, von ihrer Schwester Carmen und ihrer Jugend in Nauen zu erzählen. Lene, die keinerlei Verwandte in der früheren DDR hatte, hörte fasziniert den Berichten aus einer anderen Welt zu. Carmen war schon ein schwieriges Kind gewesen. Wo immer sie konnte, legte sie sich mit allen Autoritäten an: Eltern, Schule, Partei, ABV, jungen Pionieren und Polizei. Immer die falschen Lieder gesungen, die falschen Sender gehört, immer wieder zuviel Alkohol, und der Skandal wurde perfekt, als sie einen ABV verführte und dafür sorgte, dass seine Frau sie in voller Aktion erwischte. "Abschnittsbevollmächtigter" - Lene staunte, was es in einer demokratischen Republik alles gegeben hatte, Carmen hatte immer nur von 'unserem Blockwart' gesprochen. Weil Carmen wusste, was ihr danach blühte, riss sie aus und brachte es fertig, sich den ganzen Sommer vor der Maueröffnung in Ostberlin herumzutreiben, der VoPo nicht aufzufallen und irgendwie von Bett zu Bett zu wandern. Schon in der Zeit perfektionierte sie ihre Taschendiebstahl-Technik.

Es war ein regelrechtes Expeditionskorps, das sich am nächsten Vormittag Richtung Mittelburgstraße 44 in Bewegung setzte.

Lene nahm in ihrem Auto Jule und Staatsanwalt Hase mit, die auf der Rückbank unnötig dicht nebeneinander saßen. Seidel hatte sechs Mann in drei Liefer- und Gerätewagen dabei, dazu begleitete sie ein Streifenwagen mit drei Kollegen von der Schutzpolizei. Vor dem Hochhaus wurde der Parkraum knapp.

Emil Sklarek traute seinen Augen und Ohren nicht, als Hase ihm vor versammelter Mannschaft den Durchsuchungsbeschluss vorlas. "Was soll denn das?", blaffte er Lene an, die sich nicht provozieren ließ. "Herr Sklarek, warum haben Zeugen aussagt, dass die tote Frau aus 505, die übrigens Carmen Salzner hieß ... oder wussten Sie das schon? ... zu Lebzeiten bei Ihnen in diesen Souterrainräumen ein häufiger Gast war. Warum haben Sie uns das verschwiegen?" Die Aussage der Schwester Barbara wollte sie vorerst noch als Reserve-Munition zurückhalten.

"Häufiger Gast! So ein Quatsch! Ja, sie ist zwei- oder dreimal bei mir gewesen und wollte was, Werkzeug leihen oder so. Aber ich habe nicht auf ihren Namen geachtet, nachdem sie mir gesagt hatte, Bruno aus dem fünften hätte sie geschickt."

Seidel verschwand mit seinen Leuten und begann, die Räume zu durchsuchen und Fingerabdrücke, Haare und DNA-Material zu sichern. Lene fand, es war ein geschickter Schachzug Emils, gleich zu Beginn Bruno Krawinke ins Spiel zu bringen. Der lag in der Gerichtsmedizin in einem Kühlfach und konnte nicht widersprechen. Hase blickte sich etwas hilflos um, doch Jule besaß eben schon Routine. "Was hat sie denn von Ihnen gewollt?"

"Einmal eine Rohrzange. Ein andermal Isolierband."

"Mehr nicht?"

"Sie hat auch das Schweißgerät geholt, mit dem Bruno seine Umzugssäcke verschließen wollte."

"Hat sie es auch zurückgebracht?"

"Nein, Bruno hat es mir vor die Tür gelegt."

"Hat sie denn bei Krawinke gelebt? - Ich meine, wenn der sie nach Werkzeug schickt?"

"Nicht gelebt. Aber die hatten was miteinander. Darum ist ja auch Brunos frühere Freundin Gerda abgedampft."

Noch ein kluger Schachzug, überlegte Lene. Emil wehrte sich und zwar geschickter, als sie vermutet hatte. Hatte er schon öfter mit der Polizei und der Justiz zu tun gehabt? Das hatten sie bislang nicht geprüft.

"Wenn sie nicht in 505 gewohnt hat, wo denn dann?"

"Das weiß ich doch nicht." Sklarek streckte sich, er verspürte sichtlich Oberwasser, und deshalb beschloss Lene, ihn auf die Probe zu stellen.

"Das wissen Sie ganz genau. Die Müllabfuhr und eine Zeitungsfrau, eine Briefträgerin und zwei Hilfskräfte von der Reinigungsfirma für das Treppenhaus haben Carmen auf einem Foto zweifelsfrei wiedererkannt." Das war, wie sie aus Hases entsetzter Miene ablas, ein unerlaubter Bluff, aber warum durfte nur der Beschuldigte lügen?

"Blödsinn!", platzte Emil wütend heraus. "Sie ist doch nie an die Tür oder ins Treppenhaus gegangen."

"Und wie ist sie dann ins Haus und zu Bruno gekommen?"

Sklarek merkte, dass er sich vergaloppiert hatte, und wollte es mit einem Achselzucken abtun. Doch jetzt ließ Jule nicht locker.

"Oder hatte sie Schlüssel? Für Ihre Souterraintür auf dem Hof, für die Haustür oder für die Tiefgarage und die Verbindungstür?"

"Woher soll ich das wissen?"

"Das haben uns die Nachbarn aber ganz anders erzählt. Sie haben hier unten ein Bordell eingerichtet, haben Carmen die Kunden zugeführt und für die Zuhälterei und die miese Wohngelegenheit hier unten kräftig kassiert."

Lene setzte nach. "Ab und zu ist Carmen mit Bruno zusammengetroffen und hat ihn ganz nett gefunden. So sehr, dass sie mit ihm durchbrennen wollte. Damit wären Sie eine Freundin und eine gute Einnahmequelle losgeworden. Das mussten Sie verhindern."

Staatsanwalt Hase setzte den Schlusspunkt: "Herr Sklarek, wir nehmen Sie vorläufig fest unter dem Verdacht der Förderung gewerbsmäßiger Unzucht, der Freiheitsberaubung, Nötigung und Erpressung." Vernünftigerweise erst einmal kein Wort von Mordverdacht. Sklarek war klug genug, jetzt den Mund zu halten. Lene telefonierte mit der Wohnungsbaugesellschaft und teilte ihr mit, dass sie den Hausmeister Emil Sklarek festgenommen hätten und die Gesellschaft sich um das Haus Mittelburgstraße 44 kümmern solle. Jule bot sich an, noch zu bleiben, bis Seidel und seine Leute fertig wurden.

Dann ging alles blitzschnell. Sklarek - zwei, drei Sekunden unbeobachtet - rempelte mit der rechten Schulter Jule so heftig an, dass sie hinfiel, stieß mit der anderen Schulter Hase zur Seite, der rücklings gegen die Wand knallte, und sauste aus dem Raum, überrumpelte die Kollegen, die draußen warteten und schaffte es, über die Tür auf den Hof zu entkommen, dort schloss er die Tür von außen ab und bis alle durch die Haustür auf den Hof gelangt waren, hatte sich Sklarek spurlos verflüchtigt.

Lene und die Kollegen fuhren mit langen Gesichtern ins Präsidium, wo sie eine Fahndung nach Emil Sklarek auslösten. Emil der Flüchtige hatte tatsächlich schon mehrfach mit den Kollegen zu tun gehabt, aber es hatte nur einmal zu einer Anklage und Verurteilung wegen Raub gereicht.

Lene lud die enttäuschte Mannschaft zum Käsespätzle-Essen in das Neckarstüble ein und spendierte mehrere Runden Trollinger. Sklarek würde nicht weit kommen, und seine Flucht war schon ein halbes Geständnis. Der Trollinger wurde allgemein gelobt und zügig getrunken.

Emil kam tatsächlich nicht weit, schon vier Tage später wurde er bei dem Versuch, ein Auto zu knacken, auf einem Autobahn-Rastplatz gefasst.

Lene nahm an den Vernehmungen nicht teil, das überließ sie Hase, Kimmig und Jule Springer. Seidels Spurensicherung und Kriminaltechnik konnte ihnen mehr als genug Munition liefern. An einer Rohrzange in Emils Werkzeugschrank fanden sie Blutpuren und Haare von Carmen Salzner. Emils Fingerabdrücke waren in und auf dem weißen Plastiksack, in dem Carmens Leiche gesteckt hatte. Fingerabdrücke, Haare und Hautschuppen Carmens fanden sie in der "Notunterkunft", außerdem konnten sie eine Reihe der dort gesicherten Abdrücke identifizieren, nachdem einige Mieter zugegeben hatten, sich dort mit Carmen "getroffen" zu haben; mehrere sagten aus und gaben es auch zu Protokoll, dass sie den "Liebeslohn" an Emil entrichtet hatten. Für den Mord an Carmen würde es genug überzeugende Indizien und Motive geben. Schwieriger sah es im Fall Bruno aus. Die Tatwaffe blieb verschwunden, und in dem Auto fanden sich nur Brunos und Carmens Abdrücke, keine Spuren eines Fremden, den Bruno als Anhalter aufgelesen und der dann das Bargeld entdeckt hatte, das laut Emil sein Freund Bruno mitgenommen hatte. Ob es das Geld überhaupt gab oder gegeben hatte, blieb offen. Der Haftbefehl bezog sich deshalb auch nur auf den Mord an Carmen Salzner. Eine Anklage wegen Bruno Krawinke mussten sie noch zimmern, vor allem Hase bestand darauf, eine überzeugende Erklärung für die Tatsache zu finden, dass Emil sich so wenig Mühe gegeben hatte, das verräterische Auto besser zu verstecken oder auf immer verschwinden zu lassen. Emil nahm ihnen diese Arbeit weitgehend ab: Er legte ein umfassendes Geständnis zu beiden Morden ab und offenbarte dabei so viel Täterwissen, dass es die mangelhaften Indizien im Fall Krawinke aufwog.

Am Abend veranstalte das Elfte nach langer Zeit wieder einmal ein Nachtgebet. So nannten die Referate die abendliche Zusammenkunft vor dem offiziellen Dienstschluss, auf der man berichtete, was sich im Laufe des Tages ereignet und ergeben hatte, damit alle Kollegen und Kolleginnen auf demselben Wissensstand waren.

Das Trio Hase, Springer, Kimmig erntete viel Lob von den Kollegen und Josef hatte anschließend eine sehr private Bitte an Lene. "Kannst du bitte für mich am Wochenende die Bereitschaft übernehmen? Ich habe Lara versprochen, mit ihr zu einem Wettbewerb nach Marburg zu fahren."

"Mach' ich, Josef, grüß sie schön von mir, ich drücke ihr alle Daumen und auch die großen Zehen, wenn ich nicht rausmuss."

Sie rief Barbara Klein an, um ihr, wie versprochen, zu sagen, dass der Mörder ihrer Schwester Carmen gestanden hatte.

"Gut. Frau Schelm, mein Mann hat sich erkundigt, wir würden gerne Carmens Leiche nach Nauen überführen und dort auf dem Friedhof neben unseren Eltern beerdigen. Gibt es von Ihrer Seite Einwände?"

"Nein. Überhaupt nicht. Aber Sie müssen Staatsanwalt Paul Hase anrufen; er gibt offiziell die Leiche frei." Soviel Sentimentalität hätte sie der Schwester Barbara gar nicht zugetraut. Staatsanwalt Hase bewies, dass er eine Menge von der 11er Mannschaft gelernt hatte. "Das ist keine Sentimentalität, Frau Schelm, das ist Klugheit. Nauen ist weit genug von Nienburg entfernt, um neugierige Fragen von Nachbarn und Kreistagsabgeordneten zu vermeiden."

"Hm." Sie schaute Hase schräg von unten an und musste zugeben, dass er wohl richtig lag.

Auch Jule hatte nach dem Nachtgebet was auf dem Herzen. "Ist es schlimm, wenn eine Kriminalbeamtin mit dem Staatsanwalt schläft?"

"Bezieht sich deine Frage auf die Zukunft oder die Vergangenheit?"

"Nein, Chefin, auf die Gegenwart."

Lene nahm sie in den Arm: "Er ist ein netter Kerl. Ich freue mich für dich. Sorge bitte nur dafür, dass er nicht zynisch wird."

Freund Jochen hatte gemailt, dass er die nächsten Tage mit einer Regierungsdelegation aus Estland durch die petrochemische Industrie ziehen müsse. Kein Mann in Aussicht, der ihr den Rücken einseifen konnte. Sie beneidete Jule, was sie ihr aber nicht gestehen wollte.

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Teil II

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Immerhin durfte Lene am Samstagvormittag in Ruhe zu Ende frühstücken und hatte sogar schon die ersten Seiten der dicken Samstagsausgabe der Rundschau gelesen, als ihr Handy bimmelte. Der KvD entschuldigte sich wortreich für die Störung, was nett, aber unnötig war. Eine weibliche Leiche im Georgsforst, nicht weit vom Blockhaus. "Arzt, Spusi, Staatsanwalt und ihre Kollegin Springer sind schon draußen." Um die beiden letzteren aufzuscheuchen, hatte es wohl nur einen Anruf gebraucht.

Lene kannte den Georgsforst, der nach dem einzigen Sohn des letzten Herzogs benannt war. Georg hatte den Wald noch vor dem ersten Weltkrieg pflanzen lassen, aber mehr als die Schonungen nicht mehr erlebt: Er fiel in der Schlacht am Skagerak. Das Herzogspaar, das seinen Sohn um zwei Jahrzehnte überlebte, hatte den Wald der Stadt mit der Auflage geschenkt, den Forst als Stadtwald für die Tellheimer Bürger zu erhalten. Die mittlerweile stattlichen Buchen bildeten ein Quadrat, das auf allen vier Seiten von Wirtschaftswegen eingefasst war. Im Süden lag das Blockhaus, ein beliebter Treffpunkt für Wanderer und Radfahrer, abends leider auch für durstige Rabauken, die mit ihren Motorrädern anrollten und so viel Bier tranken, dass es auf den Heimfahrten fast regelmäßig zu Stürzen und Unfällen kam. Immerhin hatten die Motorradrocker verhindert, dass eine stark gebräunte "Heimatschutztruppe" das Blockhaus als Stammkneipe und Vereinslokal besetzen konnte. Der Wirt war NPD-Mitglied und stand auf der Lohnliste des Verfassungsschutzes.

Lene sah die Autos der Kollegen schon von weitem und hielt vor dem rotweißen Flatterband, das quer über den Fahrweg gespannt war. Der Kollege von der Schutzpolizei hob es für sie an und grüßte freundlich: "Guten Morgen, Frau Schelm."

"Guten Morgen, Herr - Weiser, nicht wahr?"

Weiser nickte stolz. Eine Kriminalhauptkommissarin, die die Namen der vielen Kollegen aus der Schutzpolizei behielt, war schon eine Ausnahme. Lene wusste, dass sie bei den Kollegen in Uniform besser gelitten war als bei den meisten Kollegen der Kriminalpolizei.

Zwanzig Meter entfernt hatte sich eine Traube von Menschen gebildet. Sie umstanden eine längliche Erhebung, die mit einem grauen Tuch abgedeckt war. Jule kam auf Lene zu: "Morgen, Chefin. Eine junge Frau."

"Wissen wir, wer sie ist?"

"Ja. Sie heißt Angelica Moretti und wohnt in Solgen."

"Donnerwetter, gibt es da mittlerweile Studentenheime?" Solgen war der beste Stadtteil, der bevorzugte Wohnort der High Snobiety, mit inzwischen unerschwinglichen Mieten und schwindelerregenden Grundstückspreise.

"Nein, ihre Eltern wohnen dort. Wir haben Perso, Schlüssel und Geld und eine Monatskarte der Verkehrsbetriebe in ihrer Handtasche gefunden. Schau dir mal den Ring und die Armbanduhr an. Das Mädchen lebte nicht von Hartz vier oder Bafög."

"Also kein Raubüberfall?"

"Nein."

"Sexualverbrechen?"

"Sieht nicht so aus", sagte der unvermeidliche Doktor Ruff, der neben dem Körper gekniet hatte und jetzt aufstand, wobei er sich die weißen Handschuhe umständlich auszog.

Lene bückte sich und schlug das Tuch ein Stück zurück. Angelica Moretti war eine dunkelhaarige Schönheit, auch jetzt noch, wo die Spannung der Gesichtsmuskeln nachgelassen hatte. Sie trug Jeans, Söckchen, ein langärmeliges Shirt und Halbschuhe. Neben ihr lag ein Rucksack aus Stoff, darauf eine unauffällige Jeansjacke. Eine zwar auffallend hübsche, aber ganz normale junge Frau, die äußerlich nicht nach Reichtümern aussah.

"Wie ist sie gestorben, verehrter Medizinmann?"

"Vermutlich verblutet, aber es gilt das Übliche: mehr erst nach der Obduktion."

"Und wann ist sie gestorben?"

"Ich würde schätzen, gegen Mitternacht."

"Aber nicht hier?"

"Kaum. Sie ist wohl tot hier abgelegt worden. Spuren haben wir nicht gefunden, nein, tut mir leid."

"Wer hat sie gefunden?"

"Ein Ehepaar, das Pilze sammeln wollte."

Also noch ein Opfer der Rundschau. Aber wer suchte hier schon, wo sich täglich hunderte von Sammlern und Spaziergängern tummelten? Weil es kein Unterholz und kein Gestrüpp um die glatten Stämme gab, konnte Lene bis zum Blockhaus sehen. Ob man dort etwas bemerkt hatte?

Hase kam näher. "Sehen wir uns künftig immer so oft, Frau Schelm?"

"Das möchte ich um Jules und meinetwillen nicht hoffen."

"Sie hat also gebeichtet?"

"Ja, und es hat mich nicht überrascht, Herr Hase."

Seidel räusperte sich: "Wir haben keine Spuren gefunden. Und wenn sie im Auto gebracht worden ist und der Wagen dort drüben auf dem Weg geparkt hat, lassen sich auch keine Spuren mehr sichern."

"Schade."

Seidel zuckte die Achseln. "Passiert eben. Glauben Sie, die im Blockhaus haben was mitbekommen?" Seine Leute waren schon ausgeschwärmt und suchten in einer langen Kette die Strecke zwischen dem Fundort und den nächsten Wirtschaftswegen ab.

Lene schielte ihn misstrauisch an. Wollte Seidel, der sonst so bescheidene und hilfsbereite Kollege, sie auf den Arm nehmen?

"Nein, glaube ich nicht. Aber ich werde die Kollegin Springer hinschicken."

Gerade als Lene aufbrechen wollte, rief Jule aus dem Blockhaus an: "Kannst du mal reinschauen, Chefin? Ein interessanter Hinweis, mehr allerdings nicht."

"Bin schon unterwegs."

Die Gäste des Blockhauses gefielen Lene nicht sonderlich. Viele sahen nach Motorradrockern aus und den meisten Soziusbräuten stand die schwarze Lederkluft nicht. Jule unterhielt sich mit einer jungen Frau, ebenfalls in schwarzem Leder, die Lene fest anschaute und laut sagte: "Guten Tag, Frau Schelm."

Lene musterte die vielleicht Dreißigjährige verblüfft und grüßte hörbar unsicher zurück. "Guten Tag."

"Sie erkennen mich nicht mehr?"

"Tut mir leid, nein. Müsste ich?"

"Ich heiße Silke Vormweg und war bis zur Mittleren Reife mit Ihrer Tochter auf dem Max-Planck. Sie sind dann zu mir gekommen, als Tanja verschwunden war und haben mich gefragt, ob ich eine Ahnung hätte, wohin Ihre Tochter gegangen sein könnte."

Lene schluckte. Sobald sie damals Zeit fand, hatte sie angefangen, die Suche selbst in die Hand zu nehmen. An diese Silke konnte sie sich zwar nicht mehr erinnern, aber sie hatte Dutzende von Tanjas Mitschülern aus dem Max-Planck-Gymnasium befragt. Als Lene es aufgab, hatte sie alle Ergebnisse auf CD gebrannt und die Datei auf ihrem Computer gelöscht, die CD lag seit Jahren zu Hause unberührt in einer Schublade.

"Haben Sie Ihre Tochter gefunden?", erkundigte sich Silke, und es klang eher mitfühlend als neugierig.

"Nein", sagte Lene deshalb ruhig, "bis heute nicht."

"Das tut mir leid."

Jule hatte verständnislos zugehört und meinte nun: "Frau Vormweg hat was bemerkt."

"Wann? Heute Nacht oder gestern Abend?"

"Nein", stellte Silke Vormweg klar, "das ist schon etwas länger her. Da kam ein Fremder ins Blockhaus, der nicht aus der Gegend stammte, und hier auch nicht wandern wollte, der sich nur die nähere Umgebung gründlich angeschaut hat. So ein großer, dünner Kerl. Sah aus und benahm sich wie ein Stiesel."

Lene hatte keine Ahnung, was ein Stiesel war, aber Jule machte ein Gesicht, als sei sie voll im Bilde. "Der Knabe war nicht von hier."

"Sondern?"

"Ich würde denken, aus Norddeutschland."

"Wie kommen Sie darauf?"

"Er ist in einem Auto mit Hamburger Kennzeichen weggefahren."

Lene schaute Jule etwas spöttisch an. Es gab eine Menge Autos, die in Hamburg zugelassen waren, und bis Tellheim war es zwar eine beachtliche Strecke über die staugeplagte A 7, aber auch Lene hatte hier schon Autos mit HH- gesehen.

"Ist Ihnen sonst noch was aufgefallen?"

"Nein", sagte Silke zögernd, und Lene wurde den Verdacht nicht los, dass die junge Frau sich nur wichtig hatte machen wollen. Immerhin lernte sie so einen neuen Begriff. "Stiesel ist angeberisch, langweilig, ein großmäuliger Besserwisser."

"Also etwas, was es in ganz Tellheim nicht gibt."

Darauf sagte Jule nichts mehr. Nur beim Herausgehen murmelte sie: "Tochter? Tanja?"

"Nicht jetzt und nicht hier, Jule! Später einmal, okay?"

Sie hatte in der Nacht von Tanja geträumt und sich in einer hässlichen Szene mit Agnes Wörth gestritten. "Du hast deine Tochter zu lange festgehalten, du hättest sie früher gehen lassen müssen", hatte ihr der "Igel" vorgeworfen.

Im Bad hatte Lene, die sich an den albernen Traum erinnerte, lange überlegt, ob und wie der Igel erfahren haben konnte, dass Lenes Tochter vor 14 Jahren verschwunden war. Ganz unwahrscheinlich, hatte sie schließlich geurteilt und den Igel-Traum aus dem Gedächtnis gestrichen. Wenige Stunden später wurde sie erneut an Tanja erinnert. Jahrelang überhaupt nicht, und dann mehrmals kurz nacheinander. Lene war nicht wirklich abergläubisch, aber solche Zufälle und Häufungen irritierten sie doch.

Sobald die Leiche verladen worden war, holte Lene tief Luft. Sie hasste, was ihr jetzt bevorstand: Eltern die Nachricht zu überbringen, dass ihr Kind tot war.

Solgen lag im Süden am Stadtrand, ein sehr schönes, ruhiges und verkehrsarmes Viertel mit Einfamilien- und Doppelhäusern. Es gab viele Bäume, viel Grün, mehrere kleine Parks und an den Straßenrändern wenig geparkte Autos. Das Haus der Morettis war zweistöckig und ansehnlich groß, ein fleißiger Mensch hatte die wenigen gelben Blätter, die bis jetzt gefallen waren, zu einem ordentlichen Häufchen zusamengerecht. Lene klingelte, und wenig später schnarrte die Gegensprechanlage: "Ja, bitte?"

"Guten Tag, mein Name ist Schelm, Marlene Schelm, ich hätte gerne mit Herrn oder Frau Moretti gesprochen."

"Ja, Moment bitte."

Wenig später wurde die Haustür geöffnet. Ein großer, stattlicher Mann mit noch vollem dunklem welligem Haar und grauen Schläfen stand vor ihr und musterte sie wenig begeistert aus dunklen Augen. Lene schätzte ihn auf Anfang fünfzig.

"Herr Moretti?"

"Ja."

"Guten Morgen, mein Name ist Marlene Schelm, ich bin von der Kriminalpolizei und möchte gerne mit Ihnen und - wenn möglich - Ihrer Frau sprechen." Dabei hielt sie ihm ihren Dienstausweis hin, den Moretti sorgfältig studierte.

"Kriminalpolizei. Ist was passiert?"

"Ja, ich fürchte. Können wir das bitte im Haus besprechen?"

"Kommen Sie herein."

In der Diele rief Moretti nach oben: "Helga, Polizei, kommst du bitte?!"

"Bin schon unterwegs." Helga Moretti war etwas jünger als ihr Mann, eine sehr anziehende Frau, elegant und gepflegt. Das ganze Haus und die Einrichtung sahen nicht nur nach Geld, sondern auch Geschmack aus, dachte Lene unwillkürlich.

Die Ehefrau begrüßte Lene fast übertrieben höflich. Man legte spürbar Wert auf Distanz. Anders als ihr Mann konnte Helga Moretti aber ihre Unruhe nicht verbergen.

"Ist Angeli was passiert?"

"Angeli ...?"

"Angelica, unserer Tochter", erklärte Moretti schnell, "sie ist heute Nacht nicht nach Haus gekommen und hat auch nicht angerufen. Wir machen uns Sorgen."

Lene verkniff sich die Frage, was ihn beunruhigte: Die Tatsache, dass die Tochter über Nacht weggeblieben war, oder dass sie nicht angerufen hatte?

"Ist was mit Angelica?", fragte die Mutter nun mit gepresster Stimme.

"Ich fürchte, ja. Ich habe eine schlimme Nachricht für Sie. Ein Pilzsammler hat heute Vormittag im Georgsforst die Leiche einer jungen Frau gefunden, die in ihrer Handtasche Ausweise auf den Namen Angelica Moretti dabei hatte."

Lene hatte noch nie einen Menschen gesehen, dessen Gesichtsfarbe so schnell von normal zu kalkweiß wechselte. Unwillkürlich trat sie einen Schritt vor, um die Frau zu stützen, die jeden Moment umzufallen drohte. Doch er war noch schneller, schob Lene zur Seite und hielt seine Frau fest, führte sie in ein Zimmer und winkte Lene mit dem Kopf zu, sie solle folgen.

Helga Moretti bestand darauf zu bleiben und alles zu hören. Das Antworten übernahm er. Die Tochter Angelica war gestern Abend, wie jeden Freitag, in die Stadt gefahren, zum Training in der Tanzschule Moravecz. Seit neun, zehn Monaten hatte sie einen festen Partner, Felix Römer, mit dem sie am Freitag von 19 bis 21 Uhr trainierte. Normalerweise kam sie anschließend nach Hause, meist mit dem Bus, ganz selten einmal brachte Felix, der schon ein Auto besaß, sie nach Solgen.

"Die beiden sind also kein Paar?", fragte Lene behutsam.

Aldo Moretti brauste auf: "Wenn Sie glauben, meine Tochter würde mit einem Freund die Nacht verbringen ..."

"Ich glaube gar nichts, Herr Moretti, ich möchte nur wissen, ob es häufiger vorgekommen ist, dass Ihre Tochter nach dem Tanzen über Nacht weggeblieben ist. Schließlich war sie volljährig."

"Nein", sagte Moretti müde; seine Wut war so schnell verraucht, wie sie aufgeflammt war. "Sie ist immer nach Hause gekommen. Sie hatte keinen Freund, kein Verhältnis, und mit Römer tanzte sie, aber sie mochte ihn nicht besonders leiden."

Helga Moretti nickte Zustimmung. Sie hatte eine Art, lautlos zu weinen, die Lene mehr erschütterte als lautes Schluchzen und Wehklagen.

"Wohin Ihre Tochter gestern nach dem Tanzen gegangen sein kann, wissen Sie nicht?"

Die Mutter nahm das Wort, bevor der Vater wieder auf die Palme ging.

"Nein, Frau Schelm, sie hat auch nicht angerufen, was sie sonst immer tat, wenn es später würde oder sie eine Verabredung nicht einhalten konnte."

Lene holte den Block heraus und Moretti diktierte ihr Namen, Anschrift, Festnetz- und Handynummer von Felix Römer. Dass sie alle Daten zur Hand hatte, verriet Lene, was das Ehepaar vermutet hatte. Der junge Mann hatte sich mal an einem Sonntag ganz formell vorgestellt, er besaß Manieren und Takt, aber er war, wie sich Vater Moretti ausdrückte, nicht nur ein Weichei, sondern irgendwie auch aus Gummi, schlecht zu fassen. Lene wagte nicht, das Thema Identifizierung anzuschneiden, notierte sich lieber ein paar sachliche Angabe. Dass sich Vater und Mutter alle Mühe gaben, ihre wahren Gefühle zu verbergen, kam in solchen Situationen häufiger vor. Angelica Moretti hatte in diesem Jahr Abitur gemacht und sofort eine Ausbildung begonnen, zur Fachinformatikerin, bei der Firma Stureg KG Steuerungs- und Regelungstechnik, in der Mellerstraße. Nach der Lehre wollte sie dann Informatik studieren.

"Abitur mit 1,0", sagte Moretti stolz. Dann musste Lene das Gespräch auf näherliegende und weniger schmerzhafte Einzelheiten lenken. Ja, aller Wahrscheinlichkeit nach war Felix der letzte Bekannte gewesen, der Angelica gesehen hatte, als sie aus der Tanzschule fortging. Kleid und Schuhe ließ sie dort in einem verschlossenen Schrank, die Damen konnten sich dort umziehen, ihre Corsage, Unterwäsche und Strümpfe nahm sie mit nach Hause, in einem Rucksack aus Stoff.

"Ja, den haben wir gefunden."

Dann begann Helga Moretti vor Erschöpfung unvermittelt zu gähnen, Lene verabschiedete sich und sagte nur, sie würde bestimmt noch einmal vorbeikommen müssen. An der Haustür nahm sie Aldo Moretti zur Seite: "Herr Moretti, ich habe mich nicht getraut, das Thema eben vor ihrer Frau anzuschneiden, aber einer von Ihnen muss Ihre Tochter in der Gerichtsmedizin formell identifizieren."

"Um Gottes willen", stöhnte Moretti auf, "aber nicht meine Frau, das hält sie nicht durch, sie ist nicht so stark, wie sie uns eben vorgespielt hat. Rufen Sie mich an, ich komme." Also notierte sie auch noch die Handy- und Geschäftsnummer des Vaters.

Lene saß kaum in ihrem Wagen, als ihr Handy bimmelte.

"Hier ist Nadine, Lene, kannst du sofort in die Gerichtsmedizin kommen? Aber bring starke Nerven mit. Mir ist immer noch kotzübel."

Wenn das Blonde Gift so was sagte, musste es wirklich schrecklich sein. Die Gerichtsmedizinerin hatte in ihrer Laufbahn schon schlimme Sachen sehen müssen.

Es war so schrecklich. Beate Stoll, die am Wochenende zum Dienst eingeteilt war, hatte die Leiche entkleidet und dann fast in Panik die Chefin Nadine Golowski gerufen. Der Täter hatte seinem Opfer Busen und Scheide regelrecht verstümmelt, Brustwarzen und die Vagina mit einem scharfen Messer oder Skalpell herausgeschnitten. Wie oft er in Brust und Bauch zugestochen und dann geschnitten hatte, konnte Nadine kaum zählen. Auch Lene wurde übel, einen solchen Ausbruch von sadistischer Wut und hassblinder Gewalt hatte sie noch nie gesehen.

"Ein Perverser", keuchte sie endlich und Nadine Golowski konnte nur noch flüstern: "Und was für ein Irrer. Das ist doch die reinste Metzgerarbeit."

"Hast du so was schon mal gesehen?"

"Nein, nie."

"Hat er sich an ihr vergangen und wollte er Spuren beseitigen?"

"Vielleicht. Sie war nackt, als er sie so traktiert hat, und sie war tot, als er sie mit dem Messer halb zerlegt hat: Der einzige schwache Trost, das sind eindeutig Wunden post mortem. Für einen sexuellen Auslöser müsste ich die Leiche näher nach Spermien und Prostata-Sekret untersuchen, aber das würde ich gerne auf den Montag verschieben."

"Sag mal, da draußen im Wald habe ich an ihrer Kleidung keine Blutspuren bemerkt. Sie hat doch stark geblutet?"

"Und wie."

"Aber das Shirt zeigt nichts. Was ist mit ihrem Slip?"

Beate Stoll suchte das Kleidungsstück heraus. "Nichts, kein Blut."

"Verstehst du das?", fragte Lene ratlos, und Nadine nickte. "Sie war nackt, als der Täter sie mit dem Messer angriff und tötete. Er hat dann gewartet, bis alle Blutungen aufgehört hatten und hat die Leiche dann abgeduscht oder gebadet und anschließend angezogen."

"Warum denn das?"

"Er musste sie in den Georgsforst bringen."

"Wie kommst du darauf, dass sie nackt war, als er sie verstümmelte?"

"Schau dir mal die Wäsche an. Slip und Bustier sind nicht beschädigt, kaum blutig. Beide Teile sind der Leiche nachher wieder angezogen worden.

"Hier, im Ohr steckt etwas, was mir sehr nach Seife aussieht. Oder Badeschaum. Eine Probe ist zu den Kollegen von der KT schon unterwegs.

Beate Stoll nickte: "Und danach hat er sie angezogen. Sehen Sie mal, Frau Schelm. Der BH sitzt genau über dieser riesigen Brustwunde und zeigt keinerlei Blutspuren oder Beschädigungen. Genau so wie der Slip."

"Und angezogen hat er sie, um sie in den Georgsforst bringen zu können?"

"Vermutlich. Beate hat noch was entdeckt."

Beate Stoll nahm das Shirt hoch und hielt es Lene unter die Nase: "Riechen Sie mal."

Lene gab sich alle Mühe, aber konnte nur den Hauch eines Parfüms erahnen. "Parfüm?"

"Ja. Und wahrscheinlich ein sehr gutes und wohl auch teures. Keine Dutzendware aus dem Kaufhaus oder Supermarkt. Schließlich hat die Leiche mehrere Stunden nachts im Wald gelegen, und trotzdem kann man das Parfüm noch riechen."

"Riechen? - Besser ahnen. Kennen Sie es zufällig?"

"Nein, ich fürchte, so was kann ich mir nicht leisten."

Lene wusste, dass die letzte Bemerkung der Chefin Nadine gegolten hatte. Die Helfer in der Rechtsmedizin wurden wirklich schäbig bezahlt, obwohl ihre Tätigkeit bei den wachsenden Möglichkeiten der Spurensicherung und -auswertung immer wichtiger wurde. "Würden Sie es denn wiedererkennen?"

"Möglich."

Lene sagte vorerst nichts. Angelicas Kleidung, ihr Schmuck und der häusliche Hintergrund machten es wahrscheinlich, dass die junge Dame über Geld verfügt hatte. Aber man konnte nie wissen, und Parfüm war ein beliebtes Geschenk - besonders, wenn man dem etwas einfallslosen Freund eine bestimmte Marke nennen konnte.

"Können wir uns mal den Inhalt des Rucksacks ansehen?"

Einmal getragene Unterwäsche, eine Corsage, ein Döschen mit Seife, dazu Kamm, Bürste, ein kleines Schminkset.

"Kennen Sie die Marke?", fragte Lene und Beate Stoll nickte: "Ja. Ausgesprochen Öko- und Naturprodukte, die Chefin sollte mal nachsehen, ob sie Allergieprobleme hatte."

Felix Römer wohnte in der Bordenstraße, im zweiten Stock eines großen und sehr ordentlichen Vierparteien-Miethauses. Er sah etwas grau aus, als er endlich an die Tür kam, und hatte Mühe, seine Gähnanfälle zu unterdrücken.

"Kurze Nacht?", erkundigte sich Lene mitleidig.

"Eher das Gegenteil, aber zu wenig Schlaf."

Römer war erste Hälfte zwanzig, ein recht großer, schlanker junger Mann, für Lenes Geschmack etwas zu schön und zu alert, aber in dem Punkt dachte halt jede Frau anders. Die Nachricht von Angelicas Tod erschütterte ihn ehrlich und trieb ihm Tränen in die Augen, aber er fing sich schnell wieder, und als er aus dem Bad zurückkam, hatte er den Bademantel gegen einen Trainingsanzug getauscht. Lene hatte ihn vom Frühstückstisch geholt und nahm das Angebot eines Kaffees dankbar an.

"Okay, dann erzählen Sie doch bitte mal, was gestern Abend passiert ist."

"Passiert? Nichts, Frau Schelm. Wir haben bis neun trainiert, hauptsächlich langsamen Walzer, dann hat sich Angeli umgezogen und ist gegangen."

"Sie haben sie nicht nach Hause gebracht?"

"Nein. Meistens wollte sie nicht, sondern nahm den Bus vom Altmarkt, und gestern habe ich es ihr gar nicht angeboten, weil ich noch verabredet war."

"Würden Sie mir bitte sagen, mit wem? Und wohin Sie mit dem oder der gegangen sind?"

"Verabredet war ich mit meinem Freund Basim Gilani und seiner Schwester Elena. Wir sind zu Onkel Jim in der Brettergasse gegangen, da hat gestern Abend Jack Leroy mit seiner Band gespielt."

"Wollten Sie Angelica Moretti nicht mitnehmen?"

"Ich habe sie gefragt, aber sie wollte nicht. Erstens mag sie diese Art Musik nicht, zweitens trinkt und raucht sie nicht und drittens ist sie nicht gerne unter so vielen Menschen, wenn's laut und eng und stickig wird."

"War sie zickig?"

"Etwas, ja. Aber das mit dem Rauchen und Trinken hat andere Gründe: Sie leidet unter ..."

"Sie litt unter", verbesserte Lene automatisch.

"Verdammt, ja ... Entschuldigung, irgendwie kann ich's noch nicht glauben. Sie litt unter Allergien. Und die vielen Menschen - sie war nicht gern mit anderen auf Tuchfühlung."

"Mit Ihnen auch nicht?"

"Tänzerisch - doch, natürlich, aber privat - nein. Sie war nicht meine Freundin, wenn Sie das meinen sollten. Erotisch lief zwischen uns nichts."

"Ehrlich gesagt, das habe ich gemeint. Sie war doch verdammt hübsch."

"Ja, war sie, aber auch ziemlich prüde, nein, das weiß ich gar nicht: 'steif' ist wohl ein besserer Ausdruck. Sie ist - sie war das Gegenteil von anschmiegsam; ich weiß nicht, ob sie überhaupt einen Kuschel-Freund hatte. Wenn ja, kenne ich ihn nicht."

"Hat nie ein Mann sie von der Tanzschule abgeholt?"

"Ihr Vater ist gelegentlich vorbeigekommen und hat sich die letzten Tänze angeschaut und seine Tochter bewundert, dann hat er sie mitgenommen, aber andere Männer in ihrem Alter - nein, nicht, dass ich wüsste. Sie hat auch nie etwas davon erzählt, dass sie mit einem Freund oder Bekannten noch irgendwohin gehen würde."

"Sie waren also gestern mit Ihrem Freund und seiner Schwester wie lange unterwegs?"

"Bis zum Schluss. Onkel Jim hat um drei dicht gemacht. Dann bin ich nach Hause gefahren."

"Herr Römer, ich hätte gerne Namen und Anschriften Ihrer Freunde.

Er diktierte ihr die Namen, Anschriften und Telefonnummern in den Block. Lene sah ihn an: "Gilani, Basim und Elena Gilani - das klingt nach ..."

"... iranisch. Der Vater ist im Iran geboren, hat hier in Deutschland Chemie studiert, ist eingebürgert worden, und hat eine Ärztin aus Heidelberg geheiratet. Basim ist, glaube ich, hier in Tellheim geboren und Elena in Sao Paulo."

"Wie das?", fragte Lene verblüfft.

"Der Vater hat zu der Zeit dort die Niederlassung eines deutschen Chemiekonzerns geleitet."

"Sagen Sie mir noch, was Sie machen? Und Ihre Freunde?"

"Ich bin Labor-Assistent bei der Hortax-Pharma AG in der Kühnstraße. Basim ist Assistent für Informatik an der Uni und seine Schwester Elena ist MTA in der Rodenberg-Klinik."

"Vielen Dank. Das wär's vorerst, ich bin sicher, dass wir uns noch einige Male sprechen müssen. Hier ist meine Karte, wenn Ihnen noch was Wichtiges einfällt oder Sie eine Idee haben, mit wem sich Angelica gestern Abend noch getroffen haben kann ..."

"Ich melde mich."

Auf der Fahrt ins Präsidium kämpfte Lene mit widersprüchlichen Gefühlen. Einerseits gefiel ihr Römer nicht. Zu glatt, zu wendig, zu unerschütterlich. Andererseits hatte er sich als intelligenter Mensch keine Sekunde darüber gewundert oder geärgert, dass sie von ihm ein Alibi haben wollte. Er akzeptierte, dass er verdächtigt wurde. Das taten nicht alle, die der Zufall in eine Morduntersuchung verwickelte. Heute wollte sie nur noch im Präsidium aufschreiben, was sie erfahren hatte. Alles andere konnte bis Montag warten. Dann rief sie doch bei den Gilanis an, eine Frau mit pfälzischer Mundart meldete sich und holte ohne Nachfragen ihren Sohn Basim an den Apparat.

"Kripo?"

"Ja, Herr Gilani. Es ist was Schreckliches passiert, rufen Sie doch bitte Ihren Freund Felix Römer an."

"Wenn der schon wieder einen Hörer halten kann ..."

"Kann er. Er kann sogar schon wieder Kaffee kochen und hat mir eine Tasse angeboten."

"Toll, große Ehre für Sie, Frau Schelm."

"Herr Gilani, wann haben Sie Felix Römer gestern Abend abgeholt und wie lange waren Sie mit ihm zusammen?"

"Meine Schwester und ich haben ihn um halb zehn ..."

"21 Uhr 30", warf Lene ein.

"Ja, um 21 Uhr 30 in der Tanzschule abgeholt, sind gemeinsam zu Onkel Jim in die Brettergasse gefahren, haben Musik gehört, was getrunken und um drei Uhr hat uns Onkel Jim rausgeworfen, weil er dicht machen wollte. Wir mussten für Felix ein Taxi rufen, zu viel Rum-Papaya hat ihn ziemlich umgeworfen. Ist auch kein Gesöff für einen normalen Mann."

"Angelica Moretti war nicht dabei?"

"Nein. Sie hat für solche Lokale nichts übrig, und für die Musik auch nicht."

"Aber Sie kennen Angelica Moretti?"

"Ja, natürlich. Die armen Eltern."

Felix Römer hatte kein Wort über die Eltern Moretti verloren. Basim Gilani hatte gerade einen dicken Pluspunkt bei Marlene Schelm errungen.

Lene legte noch die Akte "... zum Nachteil von Angelica Moretti" an, tippte ihre Protokolle, heftete ab und hatte dann den Samstag wie üblich mit Arbeit herumgebracht. Hoffentlich hatte Kollege Josef alle Daumen für Tochter Lara Kimmig gedrückt und hoffentlich hatte es etwas genutzt. Dann hatte sie ihren freien Tag wenigstens nicht vergeblich geopfert.

Die Erinnerung konnte einen Menschen doch gewaltig in die Irre führen; Lene hätte geschworen, dass sie nach Abschluss ihrer Suchaktion alle Dateien auf einer CD gesichert und in ihrem Computer gelöscht hatte.

Doch diese Scheibe wollte auch nach stundenlangem Stöbern nicht auftauchen. Also stieg sie endlich schlecht gelaunt in den Keller und fand dort ein verschließbares Plastikkästchen, auf das sie einen Zettel geklebt hatte: Tanja 1996. Da drin standen drei kleine schwarze Scheiben, die sie fast wehmütig betrachtete: 3,5 Zoll-Disketten. An ihrem neuen Computer gab es dafür nicht einmal mehr ein Laufwerk. Also suchte sie brummig weiter und stieß endlich auf die blau lackierte blecherne Keksdose mit einem Teil ihrer alten Blocks, die sie zum Glück immer durchnummeriert und mit den Daten Anfang-Ende versehen hatte. Nach zweieinhalb Stunden endlich schlug sie einen Block auf und begann nach Silke Vormweg zu blättern. Damals hatte sie noch viel mitstenografiert.

"Tanja wusste immer ganz genau, was richtig und was falsch war. Das Falsche musste man unbedingt lassen und für das Richtige war alles erlaubt." Als Lene seinerzeit diese Aussage in ihren Computer übertrug, hatte sie auf dem Block am Rand notiert: "Michael Kohlhaas?" Den Namen hatte sie mit einem Pfeil auf einen anderen Ausspruch ihrer Tochter versehen, den Silke berichtete: "Wer Unrecht duldet, wird durch Unrecht umkommen." Es war nicht das einzige Fragezeichen, das Lene an Aussagen von Mitschülern und Freundinnen setzte - und gelegentlich hatte sie sich damals gefragt, ob sie ihre Tochter eigentlich wirklich gekannt hatte. Sie brachte die blaue Kiste zurück in den Keller und widerstand der Versuchung, auf dem Rückweg eine Flasche mit hochzunehmen.

Einen großen Teil des Sonntags verbrachte Lene mit halb privaten, halb dienstlichen Telefonaten. Keiner der angeläuteten Kollegen und keine Kollegin konnte sich an einen ähnlichen Fall mit solchen Verstümmelungen erinnern. Es gab noch schlimmere Verletzungen bei Sexualdelikten, aber die Täter waren entweder schon gestorben oder saßen seit Ewigkeiten hinter Gittern. Über Mittag meldete sich Nadine bei ihr und stöhnte, dass sie nun schon Dutzende von Fachbüchern gewälzt habe, aber auf eine solche Form der post-mortem-Verletzung bei einem Sexualopfer sei sie dabei nicht gestoßen.

"Ist Angelica denn sexuell missbraucht worden?"

Das Blonde Gift musste einräumen, dass sie das Opfer gestern nur noch flüchtig untersucht hatte. Sie hätte den ganzen Samstag im Institut verbracht, aber dieser Störenfried von Jörg habe sie daran gehindert.

"Er ist doch dein Rückeneinseifer, was?"

"Ja."

"Sei froh, dass du einen solchen Störenfried in der Nähe hast."

"Neidisch?"

"Ja."

Nadine sagte dazu nichts, sondern meinte unvermittelt ernst: "Jörg kann sich auch nicht entscheiden, ob mein Rücken sauber werden soll oder ob er sich lieber die anderen Seite vornimmt. So wie unser Täter. Ich werde den blöden Eindruck nicht los, dass sich der Täter nicht entscheiden konnte, was er vortäuschen wollte: eine Beziehungstat in einem Ausbruch blinder Wut - siehe die vielen ungezielten Stiche in Brust und Bauch - oder eine Sexualtat - Brustwarzen und Vagina. Er fing mit den Wutstichen an, und als er damit fertig war, hatte er sein Opfer bereits getötet, was bei der folgenden Metzgerei ein Segen für das Mädchen war."

"Das heißt, du glaubst weder an einen Wutexzess noch an ein sexuell motiviertes Verbrechen?"

"So ist es, Lene. Es war meiner Meinung nach ein gezielter Mord und alles andere ist nur darauf angelegt, dich von den wahren Hintergründen und Motiven abzulenken."

Das überlegte sich Lene lange und gründlich, Nadine hatte genug Opfer auf ihrem Sezier-Tisch gehabt, um ein fundiertes Urteil abzugeben. In einem plötzlichen Wutanfall hätte der Täter sein Opfer nicht vorher sorgfältig, ohne die geringste Beschädigung von Bekleidung und Wäsche ausgezogen und nachher wieder mit unbeschädigter Wäsche bekleidet, und bei einer Sexualtat würde Nadine Spuren entdecken.

Lene hatte kaum aufgelegt, als ihr Handy bimmelte. Aldo Moretti wollte sich mit ihr zur Identifizierung seiner Tochter in der Gerichtsmedizin verabreden. "Meine Frau soll aber nichts davon wissen. Schon bei dem Gedanken, sie müsse ihre tote Tochter anschauen, bricht sie zusammen."

"Ich verstehe. Morgen um 7 Uhr dreißig? - Einverstanden. Herr Moretti, können Sie im Moment offen reden?"

"Ja, ich bin in der Firma. Zuhause ist mir die Decke auf den Kopf gefallen. Meine Frau ist noch in der Kirche."

"Was halten Sie von Felix Römer?"

"Verdächtigen Sie ihn?"

"Nein. Außerdem hat er ein einwandfreies Alibi."

"Hm. Also, offen gesagt, ich mag ihn nicht sonderlich und war sehr froh, als Angeli meiner Frau und mir geschworen hat, dass sie mit Felix gut und gerne tanze, aber mehr sei zwischen ihnen nicht."

"Sie haben nie Grund gehabt, daran zu zweifeln?"

"Nein. Als die Tanzlehrerin die beiden zusammengebracht hatte, ist er eines Sonntags bei uns gewesen und hat sich vorgestellt. Sehr höflich, sehr offen, sehr korrekt. Aber irgendwie hat er mich nicht überzeugt, Sie werden jetzt sagen, welcher junge Mann kann einen italienischen Vater schon davon überzeugen, dass er ein solider und anständiger Umgang für die einzige Tochter ist, obwohl er nicht um die Hand der Tochter anhält ..."

"Ehrlich gesagt, solche Gedanken sind mir gekommen."

"Ich nehme es als Kompliment für alle italienischstämmigen Mitbürger, Frau Kommissarin." Moretti lachte ohne Heiterkeit. "Ich kann mir nicht helfen, der Junge verbirgt was, ist nicht offen, er hat Geheimnisse."

"Unehrlich?"

"Glaube ich nicht, nein, er hat Geheimnisse, und das ist sein gutes Recht, solange seine Geheimnisse nicht meiner Tochter schaden."

"Herr Moretti, dafür spricht im Moment nichts, absolut nichts."

"Umso besser, ich wollte es aber einmal gesagt haben."

Deswegen hatte er also angerufen, um es ihr 'einmal zu sagen', nicht offiziell, bei einem Verhör oder in einem unterschriebenen Protokoll, sondern nur so, fast privat, beiläufig. Lene hätte sich über soviel Schlitzohrigkeit geärgert, wenn sie nicht selbst dieses unbehagliche Gefühl gehabt hätte, als sie Römers Wohnung verließ. Kein Zweifel, Römer war erschrocken, bedrückt über den Tod seiner Tanzpartnerin, aber auch irgendwie erleichtert, als habe er befürchtet, Lene besuche ihn aus einem andern Grund, den er für sich behalten wollte. Ein Geheimnis, das Angelica Moretti schaden konnte?

Sie hätte weiter gegrübelt, wenn nicht Freund Jochen angerufen hätte. "An sich soll man sich ja nicht über das Unglück seiner Mitmenschen freuen, aber in diesem Fall ... Der Delegationsleiter ist eine Treppe hinuntergefallen und hat sich ein Bein gebrochen. Er ist schon Richtung Heimat abgeflogen und ich habe ein paar Tage frei."

"Die du natürlich nicht allein verbringen kannst", vermutete sie atemlos.

"Du sagst es. Ich komme morgen mit dem Auto."

"Fahr vorsichtig. Bitte keine Arm- oder Beinbrüche!"

Die Freude über seinen Anruf vertrieb jede Grübelei. Nur für alle Fälle notierte sie Morettis Telefonat und schrieb dahinter: "Was verbirgt Römer vor der Kripo und den Eltern des Opfers?" Und weil sie wusste, dass Freund Jochen ihren steigenden Rotweinkonsum missbilligte, blieben heute alle Korken in den Burgunderflaschen.

Aldo Moretti sah schlecht aus. Er hatte wenig geschlafen, viel gegrübelt und wohl auch geweint, wie seine Augen verrieten. Lene hatte Nadine und Beate Stoll vergattert, die Verstümmelungen auf keinen Fall zu erwähnen oder gar zu zeigen, und als Moretti fragte, wie seine Tochter gestorben sei, antwortete Nadine sehr nüchtern: "Ein Messerstich hat ihr Herz getroffen."

"Hat sie ... hat sie leiden müssen?"

"Nein, Herr Moretti, sie muss sofort tot gewesen sein." So was nannte man fromme, erlaubte Lügen.

Beate Stoll schlug das Tuch nur so weit zurück, dass Angelicas Gesicht freigelegt war. Moretti schluchzte auf und nickte: "Ja, das ist meine Tochter Angelica."

Danach hatte er es eilig, aus dem Gebäude fortzukommen. Nadine sagte mitleidig: "Der arme Kerl."

"Hast du ihn angelogen?"

"Ja. So, und jetzt mach' ich mich dran, nach männlichen Spuren auf ihrem Körper zu suchen."

"Du denkst daran, nach Anzeichen für Allergien zu achten?"

"Aber sicher."

Staatsanwalt Paul Hase hatte einerseits ein erfreuliches Wochenende verlebt, aber bei dem Gedanken an den neuen Mordfall sehr viel von seiner guten Laune eingebüßt. Lene erstattete Bericht, verschwieg aber Morettis Anruf aus einem Grund, der ihr selbst nicht klar war. Sie erwähnte auch nicht Nadines Vermutung, es könne sich um einen Mord mit einem "normalen" Motiv handeln, das der Täter nur vertuschen wollte.

Der lange Bembel, wie er genannt wurde, - echte 199 Zentimeter in Socken - wusste sofort Bescheid. "Onkel Jim, na klar doch, Brettergasse. Viel Musik und Stammpublikum."

"Auch Drogen?"

"Nein. Nicht, dass ich wüsste."

"Gibt es denn noch Discos, wo man mit einiger Sicherheit an Stoff kommt?"

"Synthetisch oder Koks und H?"

"Große Unterschiede?"

"Aber ja, für Synthetisches hätte ich dir früher das Broadway empfohlen."

"Friede seiner Asche." Die Disco war abgebrannt, am helllichten Tag, also glücklicherweise menschenleer.

"So ist es. Das Publikum hat sich in die Savanne verzogen, auch der DJ und das Personal vom Broadway. Vor dem Broadway wurde gedealt, so das übliche Partyzeugs, Designerdrogen, darunter kann auch Liquid Ex gewesen sein. Eines Tages wurde mir das zu bunt, ich bin zum Geschäftsführer gegangen und habe ihm versprochen, wenn dieser Handel nicht sofort aufhöre, würde ich jeden Besucher, ob männlich oder weiblich, bis auf die Haut und alle Körperöffnungen filzen, seine Personalien notieren und seine Fingerabdrücke nehmen."

"Alles ganz legal, was?", spottete Lene.

"Na klar doch, er jammerte, für den Bürgersteig und das, was darauf geschehe, sei er doch nicht zuständig oder verantwortlich. Und außerdem habe er einen guten Rechtsanwalt."

Den Rest der Geschichte kannte Lene, der Anwalt war am nächsten Wochenende an Ort und Stelle und wollte die Polizisten daran hindern, das Versprechen des langen Bembel einzulösen. Dabei beging er den Fehler, einen Obermeister, der gerade einen jungen Mann filzte, am Ärmel zurückzuziehen. Der Obermeister hatte ihm, ohne sich umzudrehen, mit der Handkante einen Karateschlag ins Gesicht versetzt. Der Anwalt musste ins Krankenhaus, die auf Einlass wartenden Besucher verdufteten blitzschnell und an dem Abend machte das Broadway mangels Gästen gar nicht auf. Erstaunlicherweise bekam der Obermeister spontan Beifall aus den eigenen Reihen und sogar in der Presse. Wie die Geschichte schließlich ausgegangen war, wusste Lene nicht mehr.

"Sag mal, ist euch aufgefallen, dass in letzter Zeit verstärkt Synthetics aus einer hiesigen Quelle angeboten werden?"

"Warum fragst du?"

"Ich habe einen Zeugen in einem Mordfall, der mir was verheimlichen will, er arbeitet als Labor-Assistent bei der Hortax-Pharma.

Der lange Bembel rieb sich das Kinn und sinnierte: "Nein", meinte er endlich. "Von einer heimischen Lieferquelle weiß ich nichts. Das Zeugs kommt immer noch billig und in riesigen Mengen über die Grenze."

"Was meinst du, könntet ihr mal beim Onkel Jim nach Synthetics schauen?"

Der lange Bembel grinste: "Lene, du bist so hübsch und kannst doch nur so miserabel schauspielern, das ist die reine Verschwendung."

"Was soll das heißen, Bembel?"

"Auf wen bist du scharf?"

Lene atmete tief durch, von wegen miserabel schauspielern, Kollege Bembel war da, wohin sie ihn hatte lotsen wollen.

"Felix Römer", flüsterte sie verschämt.

"Was ist mit ihm?"

"Er war Tanzpartner des Mädchens, das man ermordet im Georgsforst gefunden hat."

"Was sollen wir mit ihm machen? Hackfleisch, dritter Grad oder vierteilen?"

"Weder noch. Ich möchte nur etwas in der Hand haben, um ihn ein wenig zu erpressen."

"Kaum bestellt, schon geliefert, tschüss, schöne Lene."

"Danke dir, langer Bembel."

Bei der Stureg-KG (Steuerungs- und Regelungstechnik) war man allgemein entsetzt - doch nicht Angelica, die hübsche, die tüchtige, die hilfsbereite Azubi. Der Ausbilder nahm sich viel Zeit für Lene, sie setzten sich in die Kantine, wo sie um diese Zeit die einzigen Gäste waren, und bekamen frisch gekochten Kaffee serviert.

"So eine Perle bekommt man nur alle Jubeljahre einmal im Betrieb zu sehen. So tüchtig und intelligent wie hübsch, zuverlässig, fleißig und eine Elektronikerin von Gottes Gnaden. Sie hat unseren alten Hasen noch was vorgemacht." Lene schalte das kleine Bandgerät ein und ihre Ohren ab. Begriffe wie Unix, Linux, SAP, Solaris, Adobe, Cplusplus, Java oder Fortran rauschten an ihren Ohren vorbei. Kollegin Jule bekam dann glänzende Augen, sie verstand wenigstens, wovon die Rede war, was Lene von sich nie behaupten würde. Nach einer Weile merkte Leo Stollberg, dass sein Gast abgeschaltet hatte, und hielt inne. Lene merkte auf: "Also eine Art Wunderkind."

"Sagen wir mal ganz vorsichtig, ja."

"Die Eltern haben mir gesagt, dass sie nach der Ausbildung Informatik studieren wollte."

"Das hätte sie mit links geschafft."

"Herr Stollberg, ich suche jemanden, der mir etwas über die private Angelica erzählen kann."

"Jemand aus dem Betrieb?"

"Wenn möglich, ja."

"Da bin ich der falsche Mann."

"Nennen Sie mir den richtigen?"

"Die richtige. Wir haben noch eine Auszubildende, die mit Angelica näher bekannt ist. Oder war, wie man ja wohl leider sagen muss."

"Ob Sie mir die junge Dame mal vorbeischicken können?"

Anja Thiel kam zehn Minuten später in die Kantine und setzte sich zu Lene. Angelicas Tod hat sie erschreckt, aber nicht wirklich erschüttert, und Lene gewann bald den Eindruck, dass Anja auf Kollegin Angelica eifersüchtig oder neidisch gewesen war. Was Anja auch nicht leugnete. Alles hatte sich um Angelica gedreht, sie war die Größte, die Beste, die Schönste, die Umworbene. Neben ihr gab es niemanden. Der Gedanke, dass sie jetzt aus dem Schatten der großen Angelica heraustrat, gefiel ihr, und sie wurde zutraulich. Und als Lene fragte: "Dann waren Sie mit Angelica nicht wirklich befreundet?", schüttelte Anja Thiel sofort den Kopf. "Nein, Angelica hatte im Betrieb keine Freunde. Sie hing doch immer mit ihren Persern zusammen."

"Persern?"

"Ja. Oder Iranern, mit Leuten, die aus dem Iran kommen."

"Asylbewerber?"

"Nein, Studenten. Oder Eingebürgerte."

"Wie kommen Sie darauf, dass es sich um Iraner handelt?"

"Ich habe die Gruppe einmal getroffen, als sie vor dem Werk auf die Moretti warteten. Der eine hieß Basim, der andere Mehdi, und die Frau Elena. Ich habe Mehdi wegen des Vornamens gefragt, woher er kommt, und er hat gesagt: Aus dem Iran."

"Hat dieser Mehdi auch einen Familiennamen?"

"Ja, sicher, aber den habe ich vergessen, die anderen haben ihn nur Kaschi genannt."

"Die anderen sind dieser Basim und Elena Gilani?"

"Sie kennen die schon?"

Lene blieb sachlich. "Ja. Schließlich suche ich einen Mörder."

"Klar. Mit den dreien hat die Moretti viel zusammengehockt."

"War ihr Freund Felix Römer nicht dabei?"

"Den habe ich nur einmal getroffen. Die Moretti meinte, er wäre ihr Tanzpartner, aber nicht ihr Freund, ich meine, so was zum Knutschen und ...."

Sie brach ab und wurde verlegen.

"Freund also und nicht Liebhaber. Hatte Angelica keinen Freund zum Knutschen und ... na und so weiter?"

"Glaube ich nicht. Ich kenne zumindest keinen, und wenn sie überhaupt mal was von sich erzählt hat, dann nur von ihren blöden Tanzturnieren."

"Ich finde Tanzen schön. Sie nicht?"

"In der Disco, okay. Aber doch nicht diese Parkettschleicherei mit hohen Absätzen, langen Kleidern und großen Ausschnitten."

Was, so ging Lene durch den Kopf, Anja Thiel auch nicht gestanden hätte; da diktierte blanker Neid die Aussage. Zu ihrer Verblüffung fuhr Anja ohne Aufforderung fort: "Die Moretti hatte doch Geld von zuhause, jedenfalls ließ sie das immer raushängen. Aber sie konnte nie genug bekommen."

"Wie meinen Sie das?"

"Sie war geldgierig. Raffen, raffen und nochmal raffen. Ich glaube, für Geld hätte sie alles getan."

Es wurde Zeit, das Gespräch abzubrechen. Anja Thiel war auf dem besten Weg, sich in eine verleumderische Wut hineinzusteigern.

"Wozu brauchte sie so viel Geld?"

"Das weiß ich nicht."

Und was sie vermutete und gerne erzählt hätte, traute sie sich dann doch nicht vorzubringen. Lene notierte Namen, Anschrift, Handy und beendete das Gespräch.

Auf dem Weg zum Ausgang begegnete Lene zufällig Stollberg. "Na, hat Anja Ihnen helfen können?"

"Nicht viel. Sie ist oder war sehr neidisch auf Angelica, nicht wahr?"

"Oh ja, weil sie genau wusste, dass sie Angelica nicht das Wasser reichen kann."

"Allerdings hat sie mir eine komische Sache erzählt. Angelica soll geldgierig gewesen sein, obwohl sie doch von ihren Eltern eigentlich genug hatte."

Stollberg kaute eine Weile auf seinen Lippen: "Ja, da ist was dran, Frau Kommissarin. Sie hat, was wir gar nicht gerne gesehen haben, in ihrer Freizeit auch stundenweise für andere Firmen gearbeitet oder programmiert, oder in einer PC-Schule Einführungskurse gehalten."

"Wozu brauchte sie das Geld?"

"Das dürfen Sie mich nicht fragen."

Lene beschloss, reinen Tisch zu machen, und Gilani zu befragen. Aber weil sie keine Freisprechanlage in ihrem Wagen hatte und außerdem erst Handy und Notizblock mit den Nummern aus ihrer Handtasche wühlen musste, bog sie kurz entschlossen nach rechts auf einen Parkplatz ab. Der himmelblaue Skoda, der gerade zum Überholen angesetzt hatte, wurde von ihrem Manöver überrumpelt. Der Fahrer stieg in die Eisen, dass seine Räder blockierten und folgte ihr in einem waghalsigen Manöver auf den Parkplatz. Zumindest blieb er auf den Rädern und warf sein Auto nicht um. Lene schaute in den Rückspiegel. Den Fahrer kannte sie nicht, er war jünger als sie, sah nicht schlecht aus, aber hatte keinerlei Chancen, was immer er von ihr wollte. Erstens mochte sie keine Verkehrsrowdies und zweitens hatte sich Freund Jochen für den Abend angesagt.

Sie fand auf dem Block die Nummer und bekam wieder Mutter Gilani an die Strippe.

"Tut mir leid, Frau Kommissarin, Basim ist in seinem Institut. Haus Dora, Campus Nord, vierter Stock."

"Danke."

Der himmelblaue Skoda fuhr los und ward nicht mehr gesehen.

Auf dem Campus-Gelände fand sie, oh Wunder, direkt vor dem Haus D einen Parkplatz und fuhr mit dem Fahrstuhl in die vierte Etage. Das Institut für Informatik nahm fast den gesamten vierten Stock ein, und Dr. Basim Gilani rief nach ihrem Klopfen sofort: "Herein."

Lene war beeindruckt, ein großer, sportlicher Mann mit pechschwarzen Haaren, dunklen Augen und dem dunklen Schimmer des starken Bartwuchses auf den Backen stand auf und sagte höflich: "Guten Tag, was kann ich Sie tun?"

Lene hielt ihm ihren Dienstausweis unter die Nase, und Gilani seufzte. "Arme Angeli. Sind Sie dem Täter schon auf der Spur?"

"Leider nein, wir bemühen uns noch, Angelis Freunde und Bekannte zu ermitteln."

"Sie denken bestimmt, ich könnte Ihnen dabei helfen?"

"Ja, das denke ich. Ich war eben in der Strureg, und dort hat mir eine Azubi etwas Seltsames über Angelica Moretti erzählt."

"Reden Sie etwa von Anja Thiel?"

"Ja."

"Au weia. Anja hat es vor Neid und Eifersucht auf Angeli förmlich zerfressen."

"Sie kennen Anja Thiel?"

"Flüchtig, ja."

"Stimmt denn Anjas Behauptung, Angeli Moretti sei geldgierig gewesen?"

Gilani schnitt eine Grimasse, darauf antwortete er nicht gerne.

"Hm. Geldgierig, geldgierig, das klingt so hässlich."

"Wie würden Sie es denn bezeichnen?"

"Sie war sehr hinter dem Geld her, das stimmt."

"Warum, Herr Dr. Gilani? Sie hatte doch von zuhause bestimmt genug."

"Anzunehmen. Wozu sie das Geld brauchte, kann ich Ihnen nicht sagen."

"Können Sie nicht oder wollen Sie nicht?"

"Ich kann nicht, weil ich's nicht weiß."

"Waren Sie nicht mit Angelica befreundet?"

"Nein, nicht befreundet, gut bekannt. Befreundet bin ich mit ihrem Tanzpartner Felix Römer."

"Sagt Ihnen der Name Kaschi etwas?"

"Aber ja. Kaschi ist ein Student in diesem Institut, ein Landsmann, und seine Eltern, die noch in Teheran leben, sind mit meiner Familie befreundet. Kashi kommt häufiger zu mir. Sein Deutsch ist noch nicht so gut, dass er in den Vorlesungen alles versteht, ich versuche, ihm zu helfen."

"Sie sprechen also Persisch?"

"Farsi, die Iraner sprechen Farsi. Ja, das haben meine Schwester und ich noch gelernt. Der Kontakt zur Familie soll nicht abreißen, obwohl ..."

Er verstummte, und Lene sagte nach einer Pause: "Ja, obwohl was?"

"Für uns Gilanis empfiehlt es sich im Moment nicht, den Iran zu besuchen, wir sind bekannte Gegner des jetzigen Regimes. Und meine Schwester würde mit ihrem deutschen Benehmen und ihrer deutschen Kleidung bei den Revolutionswächtern anecken. Was für eine Frau sehr böse enden kann."

Lene sagte nichts. Davon verstand sie nichts und mit ihren Vorstellungen über Gleichberechtigung und Emanzipation erregte sie gelegentlich schon in Tellheim Ärger.

Draußen klingelte es. "Entschuldigen Sie, in einer Viertelstunde beginnt meine Übung."

"Nur zwei Fragen noch, Herr Dr. Gilani. Wo finde ich Kaschi? Und wer ist der Freund von Angelica, also nicht der Freund oder gute Bekannte, sondern Liebhaber?"

Kaschi - er musste ihr den Nachnamen buchstabieren - hieß Mehdi Kashikian und lebte in einem Studentenwohnheim, Winklerstraße 35. Und einen Liebhaber Angelis gab es nicht. Zumindest war keiner bekannt.

"Kaum zu glauben."

"Es haben sich bestimmt viele Männer schon Hoffnungen gemacht, aber ich wette jede Summe, dass keiner bei ihr zum Zuge gekommen ist. Angeli liebt - liebte sich und dann kam lange gar nichts anderes."

"Was ist mit Felix Römer?"

"Der durfte beim Tanzen ihren edlen, verhüllten Busen gegen seine sauber gestärkte oder frisch gebügelte Hemdenbrust drücken, aber mehr nicht."

"War sie lesbisch? Prüde oder frigide?"

"Glaube ich nicht. Nein, sie war in sich verliebt und von ihren Eltern darauf dressiert, als Jungfrau einem Ehemanne anvertraut zu werden, der den Segen des Vaters und der Mutter errungen hatte. Und jetzt müssen Sie mich bitte entschuldigen, meine Übung beginnt."

Lene verließ sehr nachdenklich Gilanis Zimmer und stellte sich vor dem Aufzug an. Neben ihr wartete ein mittelalterlicher Mann mit dünnen braunen Haaren und einer beginnenden Tonsur, der sie ein paarmal intensiv von der Seite ansah. Lene war 51 und ging glatt als 41 durch, mit der sogenannten Kriegsbemalung und etwas Dreistigkeit auch als Mitte dreißig, womit sie sich dem Alter des tonsuralen Nachbarn angenähert hätte. Und deswegen nahm sie seine forschenden Blicke als Kompliment, auch noch, als sie ihm vor dem Eingang ein zweites Mal auf dem Weg zu ihrem Auto begegnete. Bevor sie losfuhr, telefonierte sie mit Nadine und fragte nur: "Virgo intacta?"

"Wer? Ich? Willst du Jörg beleidigen?"

"Nein, dein Neuzugang."

"Ach so, nein, wahrscheinlich defloriert, vor Monaten schon. Aber an dem Abend ihres Todes vor dieser Verstümmelung sexuell wohl nicht aktiv."

"Ah nee. Und der Täter?"

"An ihrem Körper habe ich keine Spur von Samen oder Prostata-Sekret gefunden. Auch nicht an den Händen oder an ihrem Mund. Und bei ihr bisher keine Spur von Drogen, allerdings läuft noch eine chromatografische Untersuchung auf K.o.-Tropfen."

Auf der Fahrt zum Studentenwohnheim hatte Lene was zu bedenken. Also sah es doch so aus, als sei Angelica am Freitag nach dem Tanzen nicht direkt mit dem Bus nach Solgen gefahren, sondern habe sich irgendwo aufgehalten, wo sie sich ausziehen konnte. Oder musste? Allein? Oder war ihr Mörder schon dabei?

Das Heim an der Winkelstraße hatte mehr als hundert Zimmer. Unten in der Eingangshalle saß eine Studentin, die an ihrem Pullover ein Namensschildchen "Nora" trug und als Lene ihr sagte, sie hätte gern mit Kaschi gesprochen, kicherte sie anzüglich: "Mit unserem Süßen? Wartet er auf Sie?"

"Kaum", sagte Lene erbost und hielt der Vorwitzigen ihren Ausweis vor die Augen.

"Oh, Kripo. Da will ich auch mal hin."

Lene schaute sie lang an, aber Verlegenheit war out. "Ich höre Vorlesungen bei Professor Golowski." Währenddessen tastet sie eine Nummer und sagte dann : "Nora hier. Kaschi, hier möchte dich jemand sprechen." Und danach zu Lene: "Er kommt herunter."

Den jungen Mann, der wenig später aus dem Aufzug stieg, hätte Lene nicht "süß" genannt, aber Mehdi Kashikian sah sehr gut aus.

"Guten Abend", grüßte Lene. "Sind Sie Kaschi?"

"Bin ich."

"Ich heiße Marlene Schelm und bin von der Kriminalpolizei."

Kaschi sah sie unruhig an, aber er hatte kein schlechtes Gewissen, nur sein Deutsch war wirklich noch mangelhaft, so mangelhaft wie Lenes Englisch. Aber, oh Wunder, Kaschi sprach recht ordentlich Französisch, und seit Lene abends mit ihrem Rotwein in dessen Heimatsprache plauderte, war sie wieder fit und auf dem Laufenden, sie konnten sich auf Französisch mühelos unterhalten. Kaschi bestätigte, dass sie Felix zu dritt an der Tanzschule abgeholt hatten und dann direkt zu Onkel Jim gegangen waren. Wohin Angelica gegangen war, wusste er nicht, und als Lene ihn nachdrücklich befragte, wer Angelis Freund gewesen sei, beteuerte er, das nicht zu wissen. Auch auf die Frage, mit wem sich Angeli verabredet haben könnte, musste er passen. Sein Kontakt zu Angeli war nicht eng gewesen, sie ließ sich selten bei den Freunden um Basim Gilani blicken, und zweitens war sie die die Partnerin des deutschen Freundes Felix Römer, mithin für Kaschi tabu. Ob Felix für Angelica mehr gewesen war als ein Tanzpartner, konnte er nicht beurteilen, wagte es aber zu bezweifeln.

Denn Freund Felix bevorzugte junge Damen, die nicht so etepetete, sondern deutlich entgegenkommender und offenherziger waren. Geldgierig? Nein, das hatte er nicht beobachtet, aber dass sie ihr Geld zusammenhielt, das konnte er bezeugen. Es war ihm aufgefallen, weil er es auch so halten musste.

Nach einer halben Stunde beendete Lene das Gespräch und Kaschi ging zum Aufzug. In der Sekunde kam eine junge Frau die Treppen mehr heruntergesprungen als -gelaufen und schrie dabei laut: "Hau ab, verschwinde, du Arsch! Hilfe, Hilfe." Sie trug einen dünnen, weißen, fast durchsichtigen Overal mit einem langen Reißverschluss, an den Füßen hatte sie nur bunt geringelte Söckchen. Aber das Auffälligste waren ihre langen, glatten, brünetten Haare, die ihr bei dem Sturmlauf treppab wie ein Kometenschweif hinterherflatterten. Ihr wütender Verfolger sah aus, als wolle er ihr den Hals umdrehen und als er an Lene vorbeistürmte, blind für seine Umgebung, stellte sie ihm frauensolidarisch ein Bein. Der Erfolg war großartig, die junge Frau konnte unbehelligt nach draußen flüchten, ihr Verfolger setzte zu einem waagerechten Flug knapp über dem Fußboden an. Der Versuch endete indes schnell, weil er mit dem Kopf gegen einen Pfeiler sauste. Danach gab er Ruhe, anders als die Verfolgte, die draußen in Sicherheit war. Sie schrie noch so lange, bis sich im Nu eine Traube von Menschen um sie gebildet hatte. Lene bückte sich kurz zu ihrem Opfer, der Mann lebte noch, und deswegen ging sie seelenruhig raus, stutzte allerdings vor der Schwingtür drei, vier Sekunden, weil sie in der Menschentraube um die junge Frau in dem hellen Overall herum ihren Verehrer aus dem Fahrstuhl im Gebäude D der Uni zu sehen meinte, zuckte die Achseln und ging zu ihrem Auto. Dort erlebte sie allerdings eine unerfreuliche Überraschung. Ein Mann in einem Kapuzenparka trat ihr entgegen und hielte etwas in der Hand, das sie nicht verkennen konnte. Eine Pistole. Der Lauf zitterte nicht und war unangenehm direkt auf ihren Körper gerichtet. Vor Schreck verschlug es ihr die Sprache. Der Mann, größer als sie, vielleicht Mitte dreißig, fragte "Wer bist du? Was du wollen von Kaschi?" Ein Ausländer, er sprach ein kehliges Deutsch.

"Und wer bist du?" So schnell fügte sich Lene keinem Befehl. Der Mann hob die Pistole ein Stück höher: "Schnauze. Wer bist du, mach' auf den Mund, los!"

Lene überlegte einen Moment. Das klang gefährlich und gegen eine entsicherte und durchgeladene Pistole gab es keine Argumente. Der Fremde trat einen Schritt näher heran und hob die Hand mit der Pistole hoch, als wolle er gleich zuschlagen. Weil er sich ganz auf Lene konzentrierte, bemerkte er die schattenhafte Gestalt neben sich nicht, die lautlos und geschmeidig heranglitt und mit einem Gegenstand, den Lene nicht erkannte, von unten gegen den erhobenen Arm des Kapuzenmannes schlug. Der neue Mann hatte Erfolg, der Kapuzenmann krümmte vor Schreck den Finger und schoss so ein Loch in die Luft über ihm. Danach flog seine Waffe in weitem Bogen davon, und bevor er sich von seiner Überraschung erholen konnte, hatte der andere dem Kapuzenmann etwas ins Genick geschlagen, so dass er wie ein gefällter Baum zu Boden stürzte.

Lene brauchte eine Minute, ihren Schreck herunterzuschlucken und ihre Sprache wiederzufinden. "Vielen Dank", begann sie, "das war knapp."

Der andere bückte sich zu dem Gestürzten und machte etwas, was Lene nicht erkannte. "Schon gut. Wer immer Sie sind, tun Sie mir einen Gefallen?"

"Natürlich."

"Dann gehen Sie bitte, bevor hier noch andere Typen auftauchen, die einen Krieg entfesseln wollen."

Weil er es sehr ernst in akzentfreiem Deutsch vorgebracht hatte, murmelte Lene nur noch "Vielen Dank noch mal" und stieg in ihr Auto. Als sie losfuhr, sah sie noch, dass ein zweiter Mann aus dem Dunkel gekommen war, zu zweit schleppten sie den Kapuzenmann davon. Lene begann erst zu zittern, als sie in die Ringstraße einbog.

Als sie ihre Haustür öffnete, hatte sie den Vorfall zwar nicht vergessen und auch nicht verkraftet. Aber sie zitterte nicht länger, wenn sie sich an das Dunkel vor ihrem Auto und an den Kapuzenmann erinnerte. Der Kapuzenmann kannte sie nicht, aber ihr Retter kannte den Kapuzenmann. Wer zum Teufel spielte unerkannt in dem Drama mit?

Jule Springer fuhrwerkte noch im Büro herum. "Wir waren fleißig, Chefin, und du?"

"Ich habe auch einiges zusammengetragen, aber alles morgen, jetzt erwarte ich Besuch."

"Netten Besuch?"

"Mein Gegenstück zu deinem Hasen."

"Dann noch einen schönen Abend."

Bis Jochen Pauly eintrudelte, hatte sie mit Beate Stoll telefoniert, die sich immer noch zutraute, das teure Parfüm aus Angelicas Kleidung wiederzuerkennen. "Ich hole Sie morgen gegen zehn im Institut ab."

Sie hätte sich nicht zu beeilen brauchen, Jochen rief wenig später an und jammerte: "Ich stehe im Stau, ein paar Kilometer vor mir soll ein Lkw mit gefährlicher Ladung brennen, heißt es im Radio. Tut mir leid, Lene. Es wird etwas später." Also warf sie ihren Computer an und begann die Protokolle und Berichte über ihre Tagesergebnisse zu tippen. Sie hatte alles korrigiert und auf Stick gezogen, als es endlich klingelte und ein müder Freund Jochen einen Koffer in der einen und ein großes Papptablett in der anderen hochbrachte. Sie zog eilig den ersten Korken und schenkte ein.

Das Tablett stammte von einem Feinkost-Geschäft, in dem sie beide gerne einkauften, und er gestand, dass er telefonisch "was Gutes für zwei hungrige Stammkunden" geordert hatte. Burgunder stellte sich als das richtige Getränk für die Auswahl heraus und zwei Launen hoben sich bei sinkenden Flüssigkeitspegeln.

Am nächsten Morgen musste Lene laut lachen, als er aus dem Bad zum Frühstück kam. "Ein prachtvoller Gockel!", lobte sie. "Wie hast du das gemacht?" Jetzt fehlten nur noch der helle Strohpanama und ein Ziertüchlein in der Brusttasche.

Er schüttelte den Kopf: "Und das Stöckchen mit dem goldenen Knauf", ergänzte er. "Auch Männer haben ihre Geheimnisse."

"Dann mal auf." Jochen tat, was sich Lene oft vornahm. Er begnügte sich zum Frühstück mit einer Tasse Kaffee.

"Laborde" war die teuerste und beste Parfümerie in der Stadt, ein kleines, unscheinbares Geschäft neben einem protzigen Möbelhaus.

Jochen Pauly und Beate Stoll waren die einzigen Kunden, im Moment hielt sich nur eine Verkäuferin im Laden auf. Lene kam eine halbe Minute später herein und setzte sich neben der Tür auf einen Hocker. Sie hatte Zeit und hörte geduldig den Verhandlungen des Paares an der Theke zu.

Beate machte es recht geschickt. Sie habe auf einem Empfang neben einer Dame gestanden, die ein sehr angenehmes Parfüm benutzte. Aber sie - Beate - habe nicht gewagt, die fremde Frau nach dem Namen zu fragen. Die Verkäuferin lächelte zustimmend. Blumig, aber nicht schwer oder aufdringlich, sondern eher leicht und frühlingshaft. Es habe sie von weitem an die Minze im Garten ihrer Großeltern erinnert. Die junge Verkäuferin konnte mit dieser Produkt-Lyrik offenbar etwas anfangen. Sie holte mehrere Testfläschchen und Pappstreifen hervor und ließ Beate riechen. Zwischendurch erkundigte sie sich diskret, ob es ein Preislimit gebe. Nein - wunderbar, dann wollte sie mal was ganz Besonders vorführen.

"Das ist es", sagte Beate laut und überrascht.

"Ein selten gutes und wunderschönes Parfüm. Es passt zu jeder Jahreszeit und ganz hervorragend zu Ihrem Typ. Fleur du ciel."

Beate fiel fast aus ihrer Rolle. "Was kostet es denn?"

"Der Flacon mit einhundert Millilitern kostet zweihundert Euro."

"Donnerwetter", sagte der bis dahin stumme Begleiter, der ein Ziertüchlein aus der Jackentasche zog und sich die Stirn wischte. Die ganze Zeit hatte er seinen Panama hin- und hergedreht. "Du hast einen guten Geschmack, Chérie."

"Ist es zu teuer?"

"Nein", sagte Jochen Pauly fest, ganz der Kavalier alter Schule, der lieber eine Woche aufs Essen verzichtete, als seiner Freundin einen Herzenswunsch abzuschlagen, "wir nehmen es."

"Soll ich es als Geschenk einpacken?"

"Nein, danke, das ist nicht nötig. Sie braucht es gleich heute Abend. Ach so, ich zahle bar."

Der Kavalier trug das unauffällige Papiertütchen mit dem schmucklosen Aufdruck "Laborde." Beate folgte ihm auf dem Fuß, glühend vor Freude und Dankbarkeit, wie sich das gehörte. Die junge Verkäuferin strich ihren Kittel glatt und wandte sich an Lene. "Was kann ich für Sie tun?"

Lene legte ihren Dienstausweis auf die Glastheke. "Sie könnten mir einen Gefallen tun."

"Ja." Sie studierte den Ausweis und setzte ein höfliches "Frau Schelm" hinzu.

"Ist eines dieser Mädchen mal bei Ihnen im Geschäft gewesen?" Sie legte mehrere Porträtfotos auf die Theke.

Die Verkäuferin zögerte keine Sekunde und tippte auf Angelica Morettis Foto. "Das ist merkwürdig."

"Wie meinen Sie das?"

"Die junge Dame kam ins Geschäft, ihr altes Parfum gefalle ihr nicht mehr und sie suche was Neues, blumig, leichter. Wir haben verschiedenes durchprobiert und sind zuletzt bei fleur du ciel gelandet. Sie war sofort begeistert wie die Kundin eben: 'Das ist es.' Dann hat sie sich nach dem Preis erkundigt und ganz geknickt abgewinkt. 'Nein, wie schade, das ist leider zu teuer für mich, das kann ich mir nicht leisten.' Sie hat dann was anderes genommen."

"Nicht ganz so teures, vermute ich?"

"Genau. Aber ich hatte, als wir probierten, nicht den Eindruck, dass sie auf den Preis achten müsse. Sie trug einen fantastischen Ring mit einem riesigen Topas."

"Würden Sie die junge Frau wiedererkennen?"

"Jederzeit."

"Wie alt war sie denn?"

"Um die zwanzig, würde ich denken. Verwöhntes Mädchen aus reichem Hause, habe ich mir noch gedacht und war etwas neidisch. Aber sie war sehr höflich und freundlich."

"Konnte sich eine so junge Frau denn Ihrer Meinung nach überhaupt ein solches Parfüm leisten?"

"Oh doch. Sie hatte eine sehr elegante weiße Bluse mit einem spitzen Ausschnitt und dunkelblauen Knöpfen angezogen. In dem Ausschnitt trug sie an einer Goldkette einen dunkelblauen Stein, der in der Farbe exakt zu den Knöpfen passte. Nein, sie hatte Geld, kein Zweifel, und mich hat ziemlich verwundert, dass sie sagte, fleur du ciel sei ihr zu teuer."

"Na prima. Sie haben mir sehr geholfen."

"Moment, Frau Kommissarin. Die Geschichte geht noch weiter."

"Wie meinen Sie das? Ach, entschuldigen Sie, darf ich Sie nach Ihrem Namen fragen?"

"Ich heiße Manuela Korschach. Ungefähr eine Woche später kommt ein junger Mann ins Geschäft und fragt nach fleur du ciel. Seiner Freundin habe es sehr gut gefallen, aber sie konnte nicht soviel Geld ausgeben."

"'Was Sie jetzt tun wollen?', habe ich ihn auf die Schippe genommen. Er hat nur genickt, mir den Flakon abgenommen und auf das Preisschildchen geschaut, hat dann sehr tief Luft geholt und ganz trocken bemerkt: 'Wie gut, dass sie nur einmal im Jahr Geburtstag hat.' Ich musste laut lachen, weil er ausgesprochen hatte, was viele männliche Kunden und Begleiter denken."

"Wunderbar. Würden Sie den Mann wiedererkennen?"

"Ich fürchte, nein. Bis auf die zwei, drei Sätze haben wir nicht miteinander gesprochen. Ich habe das Parfüm eingepackt und in der Zeit hat er auch schon das Geld hervorgeholt. Er war höchstens zwei Minuten im Laden. Und ohne diesen Spruch, den er losgelassen hatte, würde ich mich wohl gar nicht mehr an ihn erinnern."

"Wann war denn das?"

"Vor einem halben Jahr etwa."

"Genauer geht's nicht?"

"Tut mir leid, nein."

"Aber Sie können mir doch sagen, für wie alt Sie ihn gehalten haben?"

"Um die dreißig. Ein unauffälliger Typ, ich fand ihn ein bisschen nichtssagend und mit Hemd und Krawatte aufgebrezelt. Ganz anders als seine Freundin."

"Wenn Sie den Mann noch einmal treffen würden, trauen Sie sich dann zu, ihn wiederzuerkennen?"

"Vielleicht, versprechen kann ich's nicht."

Lene gab ihr eine Karte, notierte ihren Namen, Telefon und Anschrift, bedankte sich und nahm ihr das Versprechen ab, sie unbedingt anzurufen, wenn ihr noch was einfiel. Die junge Frau gab Lene eine Geschäftskarte von "Laborde" mit ihrem aufgedruckten Namen "Manuela Korschach."

Beate und ihr momentaner panamabehüteter Freund warteten schon ungeduldig. "Was Neues?", fragte er.

"Ja, mein Schatz, ich bin dank eurer Hilfe auf eine Goldmine gestoßen."

"Und jetzt? Müssen wir graben?", wollte Beate wissen.

"Nein, wir fahren zur Polizeischule. Graben dürfen andere."

Der Kollege Benziger hatte - wie versprochen -sein Schnüffeltrio schon in Stellung gebracht. Es waren drei speziell ausgebildete Hunde, die noch die winzigsten Geruchsspuren wiedererkannten und Gegenstände identifizierten. Die drei "Trüffelschweine", wie sie von den Kollegen verspottet wurden, saßen schon in der Halle brav neben ihren Hundeführerinnen und schauten auf die improvisierte Holzbank an der Wand gegenüber. Dort auf dem Brett lagen vier Päckchen Wäsche und Kleidung nebeneinander. Beate atmete schwer.

"Ja", bestätigte Lene, "einmal die Sachen von Angelica Moretti und dreimal von Kolleginnen, die kein Parfüm benutzen."

Benziger kam auf sie drei zu. "Vielen Dank, Kollege", sagte Lene. "Wir können anfangen." Benziger winkte den Hundeführerinnen zu, zwei der Uniformierten verließen mit ihren Tieren die Halle. Benziger hatte schon Handschuhe angezogen, nahm Beate die Papiertüte ab, schraubte nur für eine Sekunde den Verschluss des Flakons auf, drehte ihn gleich wieder zu und stellte den Flakon sofort wieder in die Tüte zurück, wobei er darauf achtet, nichts zu berühren. Er ging zu einem Punkt, der auf dem Hallenboden mit einem Kreidekreuz markiert war, stellte die Tüte ab und winkte der Polizistin zu. Sie kraulte ihr Tier noch einmal, flüsterte ihm was ins Ohr und löste die Leine. Der Hund sauste sofort auf die Tüte zu, schnüffelte mehrfach an der Öffnung und lief dann zu der Holzbank, um an den Wäsche- und Kleidungsproben zu riechen. Vor Nummer drei setzte er sich anschließend hin und wartete auf seine Betreuerin, die ihn gebührend lobte. Dann verschwanden Frau und Hund aus der Halle, das zweite Paar kam herein und die Prozedur wiederholte sich. Auch Nummer zwei setzte sich vor den dritten Stapel und hob zur Bekräftigung sogar die rechte Pfote hoch, wurde gelobt und nach draußen gebracht. Dann durfte Hund Nummer drei sein Können zeigen und blieb ebenfalls vor dem dritten Stapel von links sitzen. "Dreimal Angelica Moretti", verkündete Benziger stolz. Seine Schnüffelbrigade auf dreimal vier Pfoten leistete wirklich kaum Glaubliches, schließlich hatten Angelicas Sachen mehrere Tage offen in der Asservatenkammer gelegen. Lene stellte sich in die Mitte der Halle und bedankte sich laut bei allen. "Darf ich den Hauptakteuren ein paar Leckerlis zukommen lassen?"

"Bloß nicht", erwiderten die drei jungen uniformierten Damen unisono.

"Ich weiß, diese Leckerlis schmecken abscheulich. Für Sie wird mir noch was Essbares einfallen."

"Wir warten gerne."

"Und ich?", beschwerte sich Benziger.

"Du bekommst auf dem nächsten Präsidiumsfest einen besonders langen Kuss von mir."

"Aber nur in meiner Gegenwart!", meldete sich Jochen Pauly zu Wort, der die ganze Zeit still, regungslos und sichtlich beeindruckt neben der Hallentür gestanden hatte.

Lene holte sich die Tüte und fragte Beate: "Gefällt Ihnen fleur du ciel?"

"Ja, sehr sogar."

"Würden Sie es benutzen?"

"Mit Vergnügen."

"Dann schenke ich Ihnen die Tüte mit dem besten Dank. Sie haben mir sehr geholfen."

"Aber das kann ich doch nicht annehmen. Das geht doch nicht." Sie schaute zu Pauly, der nur lachte. "Nehmen Sie es ruhig an. Wenn Lene befiehlt, haben wir alle zu gehorchen. Viel Spaß, ich finde, es passt tatsächlich sehr gut zu Ihnen."

Beate wurde rot vor Verlegenheit und die manchmal boshafte Lene setzte noch eins drauf. "Lieber Jochen, du führst Beate jetzt fürnehm zum Essen aus. Ich muss noch was erledigen. Wir treffen uns in der Wohnung. Wo Burgunder und Korkenzieher liegen, weißt du ja."

Helga Moretti schaute die Hauptkommissarin groß an. "Ich denke, ich sollte Sie anrufen."

"Ja, dabei bleibt es auch. Frau Moretti, darf ich mir bitte mal Angelicas Zimmer ansehen. Und die Kosmetika, die sie benutzt hat?" Die gute Polizistin hatte immer mindestens ein Paar Plastikfingerhandschuhe und zwei, drei Plastiktütchen zum Einsammeln von Beweisstücken bei sich. Um dafür Platz in der Handtasche zu haben, ließ sie gerne ihre Waffe im Präsidium zurück, Handschellen bewahrte sie im Handschuhfach ihres Autos auf.

"Haben Sie ihn, wissen Sie, wer es war?"

"Nein, wir haben vielleicht eine Spur zu einem Mann, der es vielleicht gewesen sein kann. Tut mir leid, mehr Hoffnung kann ich Ihnen zurzeit nicht machen."

Angelica Moretti hatte im ersten Stock ein großes, helles Zimmer mit einem kleinen Balkon und einem eigenen Bad bewohnt. "Lene!", rief sie sich zur Ordnung. "Nicht neidisch werden!" Nahe der Tür zum Balkon standen mehrere Computer, Drucker und Geräte, mit denen Lene nichts anzufangen wusste. Es musste was Elektronisches sein, schließlich hatte Angelica eine Lehre in diesem Bereich angetreten und wollte später Informatik studieren.

In einem großen Spiegelschrank über dem Waschbecken hatte sie eine ganze Kosmetik-Kollektion aufbewahrt, und hinter den vielen Tuben, Tiegeln, Döschen und Fläschchen fand Lene einen angebrochenen Flakon fleur du ciel. Mit aller Vorsicht, um mögliche Abdrücke nicht zu verwischen, versenkte sie den Flacon in einer Plastiktüte. Im Spiegel bemerkte sie das ratlose Gesicht der Mutter, die hinter ihr stand.

"Würden Sie mir jetzt bitte noch Angelis Schmuck zeigen?"

Der große Stein leuchtend so intensiv blau wie früher die Tinte Preußisch Blau; er war nicht zu übersehen. Helga Moretti seufzte: "Den hat ein Bruder meines Mannes für Angelica aus Afrika mitgebracht. Ein Azurit."

"Nie gehört."

"Ich auch nicht, bis zum Besuch meines Schwagers."

"So, ja, Ihre Tochter hat manchmal eine weiße Bluse mit spitzem Ausschnitt und Knöpfen in eben diesem Blau getragen?"

"Woher wissen Sie das?"

"Eine Verkäuferin hat Ihre Tochter gründlich betrachtet und uns einen Hinweis auf den Mann gegeben, der Angeli wahrscheinlich dieses Parfüm geschenkt hat." Und weil Helga Moretti sie erstaunt musterte, fuhr sie gleichmütig fort: "Wir sind fleißig dabei. Aber der Weg zu einem Täter ist meistens sehr krumm und lang, nur sehr umständlich und zeitraubend zu gehen." Die Mutter hängte die Bluse wieder zurück in den Schrank und Lene überlegte einen Moment, ob und wie weit die Tochter der Mutter reinen Wein eingeschenkt hatte. Doch dann schwieg sie lieber. Die Mutter war noch nicht so weit, dass sie ruhig oder gar sachlich über ihre Tochter sprechen konnte.

Im Präsidium brachte Lene den Flakon in die Kriminaltechnik: "Fingerabdrücke eines Mannes, der unter Umständen was mit dem Georgsforst-Mord zu tun hat." Der Leichenfund rauschte noch jeden Tag heftig im Blätterwald.

Es klopfte, und der Pfortendienst brachte ein Paar herein, dem es sichtlich besser ging als der Mannschaft des Referats 11. Jochen Pauly glänzte über alle Backen und transportierte in einer großen Plastiktragetasche fünf Packungen Pralinen. "Wir sind durch die Hohe Gasse gelaufen und bei Lindenberg hängengeblieben." Lindenberg war stadtbekannt für seine selbstgemachten 1a Pralinen und den frisch gerösteten Kaffee, ein Geschäft, an dem auch Lene selten vorbeikam, ohne dort Geld zu lassen.

"Darf ich bekannt machen?", sagte sie vergnügt. "Das ist mein Freund Jochen Pauly. Meine Kollegen Josef Kimmig - Harald Sturm - Jule Springer."

Diskretes Gemurmel, "Sehr erfreut, freut mich, angenehm, guten Tag."

Dann konnte Freund Pauly seine Volksansprache fortsetzen. "Der Pralinen-Vorrat bei Lindenberg reichte gerade noch für sechs Packungen. Je eine für unsere liebreizenden Hundebetreuerinnen in der 'Schnüffelbrigade', eine für den wahren Grund meines Besuches" - Lene knickste - "eine für die Heldin des Tages und Meisterin der feinen Nase" - Beate Stoll schwenkte ihre Packung - "und eine für den hoffnungsvollen Nachwuchs." Jule Springer war so überrascht, dass sie stolperte und dem edlen Spender fast in die Arme gefallen wäre.

Auf der Fahrt nach Hause legten Jochen und Lene einen kleinen Umweg ein und übergaben drei entzückten jungen Polizistinnen drei Pralinenpäckchen. Lene freute sich, dass Pauly daran gedacht und dabei Jule Springer nicht vergessen hatte. Aber ganz war sie nicht bei der Sache. Es stand also fest, dass im Fall Angelica Moretti der Täter nicht willkürlich sein Opfer auf der Straße oder im Bus ausgesucht oder aufgegriffen hatte. Aber wohin hatte er dann sein Opfer gebracht? Sie war zum Zeitpunkt ihres Todes nackt und der Zustand der Wäsche und Kleidungstücke, die sie beim Fund der Leiche getragen hatte, legte die Vermutung nahe, dass sie ihre Sachen sorgfältig selbst ausgezogen hatte, weil sie sie später wieder anziehen wollte. Es musste doch wohl in einem Haus, einer Hütte, einer Wohnung geschehen sein, wo der Täter nicht ständig von Nachbarn beobachtet wurde und er eine Chance hatte, wenn er dort das Mädchen getötet und abgeduscht haben sollte, die Leiche unbemerkt ins Auto zu bringen und mit ihr in den Georgsforst zu fahren.

"Lene, ich bin noch da. Ich sitze rechts neben dir."

"Das freut mich."

"An wen denkst du gerade? Kenne ich den Schuft?"

"Nein, ich denke an einen Mörder, der irgendwo in einem geschlossenen Raum ein unbekleidetes Mädchen tötet und danach die wieder angekleidete Leiche unbemerkt in einen Wald bringen will. Natürlich sollen ihn vor dem Mord möglichst wenig Menschen mit dem Opfern zusammen gesehen haben und mit der Leiche natürlich auch nicht. Na, du Lustmörder, wohin verschleppst du mich?"

Der Lustmörder musste nicht lange nachdenken. "In die Tiefgarage eines Hochhauses mit vielen Mietparteien, die sich untereinander kaum kennen, ein Hochhaus, in dem der Aufzug bis in die Garage runterfährt und eine D-Zug-Funktion besitzt."

"Eine bitte - was?"

"Ein Schlüsselsystem, mit dem man die Rufanlage des Aufzugs ausschalten kann, damit der - sagen wir - von der Garage ohne Zwischenhalt direkt bis in den 12. Stock durchfährt."

"Und wozu soll das gut ein?", stichelte sie.

"Was hältst du vom Klempner, nachdem es bei dir im Badezimmer aus allen Rohren sprudelt? Vom Notarzt? Vom Rollstuhlfahrer? Vom Elektriker oder Feuerwehrmann, weil dein Toaster wieder einmal brennt?"

"Schon gut", winkte sie ab. "Du darfst eine Leiche abtransportieren."

"Sofort? Oder hat das Zeit bis morgen Vormittag?"

"Du darfst noch ein letztes Mal mit oder bei mir schlafen."

Damit gab er sich vorerst zufrieden. Die Hochhausidee mit dem Fahrstuhl bis in die Tiefgarage plus D-Zug-Funktion war nicht schlecht. Davon hatte wohl auch Emil Sklarek im Falle seines lebenden "Pferdchens" Carmen Salzner oder des getöteten Bruno Krawinke Gebrauch gemacht.

Die Mannschaft war in ihrer Abwesenheit fleißig gewesen und hatte aus ihren Ergebnissen mit den Dateien, die Lene auf dem Stick ins Büro gebracht hatte, ein Dossier zusammengestellt.

Angelica Moretti, geboren im April 1989, Eltern: Aldo Moretti und Helga, geborene Weber. Einzelkind. Vater Aldo war der Sprössling zweier italienischer Gastarbeiter, die sich in Deutschland kennengelernt und geheiratet hatten. Ihr Sohn Aldo wurde in Deutschland geboren und wuchs in Tellheim auf. Bei seiner Heirat mit Helga Weber war Aldo Moretti eingebürgert. Gelernter Klempner mit Meisterbrief, mittlerweile Eigentümer des Sanitätshauses Becher und des Klempnerbetriebes Moretti & Pini. Aldo Moretti war ein guter, sehr erfolgreicher Geschäftsmann und ein gefragter Handwerker. Gut bürgerliches Ambiente. Einfamilienhaus in der Kamberger Straße 25 im Stadtteil Solgen.

Die Tochter Angelica hatte das Max-Planck-Gymnasium mit dem Abitur verlassen, unmittelbar nach der Schule ein Praktikum absolviert und dann eine Lehre als Fachinformatikerin bei der Firmam Stureg Steuer- und Regelungstechnik KG begonnen.

Angelica frönte einer großen Leidenschaft, dem Tanzen. Seit fast einem Jahr trainierte sie jeden Freitag von 19 bis 21 Uhr ernsthaft mit ihrem Partner Felix Römer; die beiden hatten sogar schon kleinere Turniere gewonnen. Römer, zwei Jahre älter als seine Partnerin, arbeitete als Chemisch-Technischer Assistent bei der Firma Hortex Pharma KG, die ihm das beste Zeugnis ausstellte. Römer hatte sich bei Angelicas Eltern vorgestellt und von Vater und Mutter Moretti sozusagen die Verkehrsplakette für den Umgang mit ihrer Tochter erhalten, wohl auch ein Zuverlässigkeitssiegel. Schließlich fanden einige der Turniere, an denen das Paar teilnahm, außerhalb von Tellheim statt und sie mussten in einem Hotel übernachten.

Die Tochter durfte ihre ganze Ausbildungsvergütung behalten, die sie für Tanzschuhe, Kleider, Stoffe und Wäsche ausgab. Finanzielle Probleme kannte sie nicht, so wenig wie ihr Partner Felix, der für sein Alter ausgesprochen gut verdiente. Beide hatten keinerlei Konflikte mit Polizei, Jugendamt oder Gerichten. Die Nachbarn in Solgen, einem der besseren Stadtteile, schätzten die Familie Moretti und die auffallend hübsche Angelica, die gelegentlich Babys hütete, für ältere Menschen einkaufen ging oder am Wochenende im Krankenhaus auf der Kinderkrebsstation vorlas. Formell war sie katholisch, aber sie hatte nach der Kommunion keinen Kontakt mehr zur Kirche. Das einhellige Urteil aller Nachbarn, Bekannten und Angestellten im Geschäft Moretti lautete, dass sich Angelica mit ihren Eltern sehr gut verstand. Es war sozusagen die Integrations-Musterfamilie: Deutsche Gründlichkeit plus Erfolg, italienische Herzlichkeit und Verbundenheit.

Angelica Moretti und Felix Römer tanzten und trainierten in der renommierten Tanzschule Moravecz. Römer brachte seine Partnerin manchmal, aber nicht regelmäßig nach Hause. Wenn sie allein zurückfahren musste, verließ sie die Tanzschule durch einen Hintereingang auf die belebte Labiusstraße, ging zum Altmarkt und stieg dort in die Buslinie 39 ein, mit der sie bis zu Klausnerstraße in Solgen fuhr.

Lene legte eine längere Kaffeepause ein. Sie konnte sehr genau abschätzen, wieviel Arbeit in solchen zusammenfassenden Berichten steckte, auch wenn sie scheinbar nichts aussagten und zur Lösung des Falles wenig beizutragen schienen.

Manuela Korschach erschien pünktlich bei Lene im Präsidium und war doch aufgeregt.

"Sie müssen sich keine Sorgen machen, die vier Männer können Sie nicht sehen."

"Gleich vier?"

Darauf konnte und durfte Lene ihr nicht antworten. Ursprünglich hatte sie nur an Angelicas Tanzpartner Felix Römer gedacht, aber als sie die Protokolle noch einmal überflog, fiel ihr auf, dass Römer sehr eng mit zwei Männern seines Alters befreundet war, so eng, dass beide Männer eigentlich Felix' Freundin? - Tanzpartnerin?- gut kennen sollten. Basim Gilani hatte Informatik studiert und war jetzt ein junger Assistent an der Uni; Mehdi Kashikian studierte noch Informatik. Angelica hatte nach ihrer Berufsausbildung Informatik studieren wollen, also mangelte es dem Trio wohl nicht an Gesprächsstoff. Basim und Kaschi gaben Felix Römer für den Freitagabend ein Alibi, nachdem Angelica die Tanzschule verlassen hatte, und Onkel Jim hatte bestätigt, dass er um drei Uhr die letzten Gäste an die frische Luft gesetzt hatte. Und bis jetzt hatten sie keinen Anlass gefunden, an den Aussagen der beiden jungen Leute zu zweifeln. Für alle Fälle hatte Jule einen Kollegen organisiert, der im Alter und Aussehen zu den drei anderen passte und sich als vierter Mann auf die Bühne stellte.

Sturm kam herein. "Sie stehen auf der Bühne, Lene."

Das "Schauspielhaus", wie der Raum spöttisch bezeichnet wurde, lag im Halbdunkel. Nur die Bühne an einer Schmalseite war von Scheinwerfern erleuchtet. Auf der "Bühne" standen vier junge Männer unter Nummerntafeln, die von der Decke herabhingen.

"Kommen Sie, Frau Korschach, man kann uns von da oben nicht erkennen."

Die junge Frau stand zwischen Lene und Jule und musterte die vier Männer gründlich und lange. Schließlich seufzte sie: "Nein."

"Was heißt 'Nein'?"

"Keiner von denen ist bei mir im Geschäft gewesen und hat fleur du ciel gekauft."

"Sind Sie sicher."

"Ja, bin ich."

"Schade, dann also vielen Dank."

Jule brachte Manuela Korschach zum Ausgang und Lene holte die drei Freunde einzeln zum Verhör in ihr Zimmer.

Der erste, mit dem sie sprach, war Felix Römer.

"Tut mir leid, dass ich Sie herbitten musste. Aber wir haben eine Zeugin, dass Angelica Moretti einen Mann kennengelernt hatte, der als Täter in Frage kommt."

Römer holte tief Luft und Lene würgte seinen Zornesausbruch sofort ab: "Ganz recht, die Zeugin sollte eben diesen Mann identifizieren. - ruhig Blut, Herr Römer: Sie hat keinen von Ihnen erkannt."

Römer blies viel Luft ab.

"Ihre Freunde haben Angelica doch gekannt?"

"Sicher. Ich hatte keinen Grund, sie zu verstecken."

"Aber zu Onkel Jim haben Sie Angelica nicht mitgenommen?"

"Ich hätte schon, aber sie wollte nie, zu laut, zu viele Menschen, zu viele Raucher. Und Alkohol trank sie nicht, hatte es auch gar nicht gerne, wenn anderen Menschen sie anstießen oder anrempelten oder auf Tuchfühlung neben ihr standen."

Lene wagte sich vor: "Das klingt nicht so, als sei sie die ideale Freundin zum Knutschen oder Kuscheln gewesen."

"Nein, das war sie nicht. Wollte sie auch gar nicht sein. Sie tanzte hervorragend, hatte Gespür für Rhythmus und Bewegung, ließ sich sehr gut führen. Aber darüber hinaus war sie eine eitle und selbstsüchtige Person, mit der nicht immer leicht auszukommen war."

"Na, na, das ist aber kein liebevoller Nachruf auf eine Freundin."

Römer atmete tief ein: "Sehr verehrte Frau Schelm, ich habe schon bei den ersten Vernehmungen gesagt, dass Angelica meine Tanzpartnerin war, aber nicht meine Freundin. Mir war es sehr recht, wenn sie am Freitag nach der Tanzschule ihrer eigenen Wege ging. Ich habe kein Keuschheitsgelübde abgelegt, und Angelica hätte nur gestört."

"Okay. Dann schildern Sie doch mal die positiven Seiten ihrer Tanzpartnerin."

Römer schnitt eine süßsäuerliche Grimasse, und Lene setzte hinzu: "Bitte!"

"Also. Sehr hübsch, sehr attraktiv, beweglich, sportlich, hoch intelligent, fleißig und zielstrebig. Ehrlich, direkt, pünktlich, genau und korrekt. Max-Eyth-Stipendiatin. Extrem egozentrisch, sehr hinter dem Geld her, selten herzlich, meist kühl. Hielt auf Abstand, was bei ihrem Aussehen schwer zu glauben war. Sehr verschwiegen, zuverlässig. Einer ihrer Lieblingssprüche war: 'Ich lasse mir nicht hinter die Stirn gucken.'"

Lene hatte mitstenografiert und kaute nun auf ihrem Bleistift: "Okay, Herr Römer. Vieles beurteilen meine Kollegen auch so - bis auf 'geldgierig'. War sie das wirklich, Sie kam doch aus einem begüterten Elternhaus?"

"Begütert? Sagen Sie lieber 'stinkreich'. Trotzdem war es so: Angelica war hinter dem Geld her wie der Teufel hinter der lieben Seele, für Geld hätte sie vieles getan."

"Auch sich hingelegt und die Beine breit gemacht?"

Man konnte sehen, wie die Wut in Römer hochschoss: "Sind Sie verrückt?"

"Nein, glaube ich jedenfalls nicht; als Angelica erstochen wurde, war sie nämlich nackt."

"Sie spinnen ja total."

"Diese Beleidigung will ich Ihrer Erregung zugute halten. Nein, warum sollte ich Sie belügen oder was erfinden?"

Römer blieb eine gute Minute stumm und kämpfte mit sich, bis er flüsterte: "Nackt? Das kann ich nicht glauben."

"Es war aber so! Fällt Ihnen dazu etwas ein? Haben Sie eine mögliche Erklärung?"

"Nein", sagte er schleppend. "Wenn Sie sagen - nackt - dann heißt das doch, sie hat nackt vor ihrem Mörder gestanden?"

"Ja. Er hat ihr nicht die Kleider vom Leib gerissen."

"Unvorstellbar."

"Sie haben Angelica nie nackt gesehen?"

"Nein, nicht einmal ihren Busen. Obwohl man bei Tanzen wirklich Körperkontakt bekommt."

"Und obwohl diese Fetzen von Bekleidung bei den lateinamerikanischen Tänzen mehr offenbaren als verbergen", setzte Lene hinzu und war erstaunt, dass er sie zustimmend angrinste.

Sie hätte ihn gern gefragt, ob er eine Freundin habe, aber dazu hatte sie erstens kein Recht und zweitens musste sie damit rechnen, dass er beleidigt reagierte und ging.

"Herr Römer, wenn Angelica wirklich so geldgierig war, wie Sie behaupten, wozu brauchte sie das Geld? Rauschgift, Sucht, spielte oder pokerte sie? Sparte sie auf ein eigenes Haus, ein Auto, eine Segelyacht, eine Weltreise? Finanzierte sie jemanden?"

"Nix dergleichen, Frau Hauptkommissarin. Und mittlerweile ahne ich, wie die Polizei so tickt. Sie wissen natürlich, dass ich Laborassistent in einer Pharmafirma bin. Und da leuchten die Warnlampen auf: Designerdrogen, Chrystal oder so etwas, nicht wahr?"

"Ganz abwegig?"

"In meinem und Angelicas Fall - ja. Sie hat nichts geschluckt, das dürfen Sie mir glauben, sie hatte wahnsinnige Angst, ihrer schönen Haut könne es schaden. Ein Pickel im Ausschnitt, mein Gott, daneben war die Sündflut ein Klacks. Wir haben den größten Krach bekommen, als ich mal mein Rasierwasser gewechselt habe - ob ich sie loswerden wollte. Es grenzte schon an Hysterie. Und was immer sie mit dem Geld angestellt hat - ich weiß es nicht. Vielleicht hat sie es verschenkt, gespendet oder an ihre Familie in Italien geschickt - ich weiß es nicht. Über die private Angelica Moretti weiß ich so gut wie gar nichts, nur, dass sie am Freitagabend zum Tanztraining in die Tanzschule Moreavecz kam. So, kann ich jetzt gehen?"

"Einen Moment bitte noch."

Er schnaufte grimmig.

"Herr Römer, haben Sie Angelica irgendwann mal was geschenkt? Einen Ring, ein Schmuckstück, ein Parfüm, einen Lippenstift oder so was Persönliches?"

"Nein", antwortete er verwundert über den raschen Themenwechsel. "Es war schwierig, ihr was Persönliches zu schenken. Erstens hatte sie ihren eigenen Geschmack, und der war mir in der Regel zu teuer, und dann hatte sie ja die Probleme mit Allergien und eine empfindliche Haut. Das konnte sehr heftig sein."

"Wie meinen Sie das?"

"Am besten erzähle ich Ihnen ein Beispiel. Ich arbeite in einem Labor und komme dort mit vielen Dingen in Berührung, trotz Schutzhandschuhen. Also wasche ich mir bei Dienstschluss die Hände gründlich mit einer Waschpaste, die leider erbärmlich stinkt. An einem Freitag hatte ich keine Zeit mehr, zu Hause zu duschen, ich stank nach der Paste und Angelica hat sich stur geweigert, an dem Abend mit mir zu tanzen. Sie bekäme Pickel, wenn sie mich nur röche."

Das konnte man, musste man aber nicht glauben. Lene glaubte Römer, weil die Geschichte nahtlos in das Bild passte, das sie sich von Angelica Moretti mittlerweile machte. Und auch Jule hatte, nachdem sie sich um Jugend- und Schulfreunde gekümmert hatte, sehr verwundert festgestellt: "Also, beliebt war sie nicht. Und viele Freunde hatte sie auch nicht; Bekannte - ja, Freunde - nein."

Felix Römer war erleichtert, als er gehen konnte. Basim Gilani nahm dankbar eine Tasse Kaffee an. Er sprach ein fehlerfreies Deutsch mit einer Spur Dialekt, den Lene nicht unterbringen konnte. Gilani merkte es und lachte: "Ich bin in Schwetzingen aufgewachsen ... Schwetzingen kennen Sie doch? Die einzige Stadt, in der Goebbels Ehrenbürger werden sollte, weil er den Spargel quer essen konnte. Geboren bin ich in Mannheim."

"Und Ihr Vorname?"

"Der ist noch iranisch. Mein Vater ist gebürtiger Iraner, hat hier in Deutschland Chemie studiert und dann eine Ärztin aus Heidelberg geheiratet. Vor dieser löblichen Tat hat er sich einbürgern lassen, ich bin zwischen Neckar und Rhein geboren, meine Schwester Elena in Sao Paulo."

"Wie das?", fragte Lene, von Gilans Redefluss wie betäubt.

"Mein Vater leitete damals dort die Filiale eines deutschen Chemiekonzerns."

"Sie sind weit rumgekommen", staunte Lene neidvoll.

"Noch weiter, Frau Hauptkommissarin. Die Familie meines Vaters lebt noch im Iran, über das ganze Land verstreut. Und weil ich meine, man solle seine Wurzeln nicht verleugnen, haben Elena und ich noch Farsi sprechen, lesen und schreiben gelernt. Früher sind wir ab und zu in den Iran gefahren, aber seit da dieser Halbirre in Teheran regiert, bleiben wir besser zu Hause. Oder fahren mal nach Brasilien."

"Herr Gilani, ich darf Sie das eigentlich gar nicht fragen, aber ich bin neugierig: Sind Sie Moslem?"

"Pro forma. Und wie die guten Kirchensteuer-Christen zu Ostern und Weihnachten mal in die Kirche gehen, gehe ich ab und zu in die Moschee und lese im Koran. Ansonsten lebe ich wie ein braver Deutscher, trinke Wein, esse Saumagen, spiele Lotto und schröpfe die Universität von Tellheim."

"Aus den Akten weiß ich, dass Sie Informatik studiert haben."

"Ja, und in einem Kurs habe ich den iranischen Mitleider kennengelernt."

"Mitleider?"

"Ja, er sitzt noch draußen und leidet, weil er warten muss. Er heißt Mehdi Kashikian und nimmt es Ihnen nicht übel, wenn Sie ihn, wie wir alle, nur Kaschi nennen."

"Ich weiß, ich hatte schon das Vergnügen mit ihm, und wir haben uns auf Französisch zwecks Verständigung geeinigt."

"Das ist gut, sonst biete ich mich zum Dolmetschen an."

Langsam musste sie zu Sache kommen.

"Sie haben Angelica Moretti gekannt?"

"Na klar, ich bin seit Ewigkeiten mit Felix Römer befreundet. Stellen Sie sich vor, Felix und ich haben gemeinsam eine Tanzschule besucht. Grundkurs; meine Partnerin war ja auch ganz nett, aber als der Tanzlehrer meinte, diese Schule diene allenfalls der Anbahnung von Beziehungen, nicht aber dem Vollzug derselben, hab' ich die Lust an Tango und Tina gleichermaßen verloren. Und als ich dem Tanzlehrer verklickerte, ich hätte in Südamerika gelernt, dass Tango nur das Vorspiel zum vertikalen Beischlaf bedeute, hat er mich rausgeschmissen. Mir hat es das Herz gebrochen, nie habe ich mit Tina den vollen Genuss einer Tango-Beziehung erlebt."

Er konnte die schlüpfrigsten Dinge so ernsthaft und dezent ausdrücken, dass Lene einfach lachen musste.

Was er über Angelica aussagte, deckte sich in allen Punkten mit Römers Schilderung. Sogar, dass Felix und Angeli keine Freunde, sondern nur gute Bekannte, Partner waren. Die Moretti, wie er später etwas abschätzig formulierte, war prüde und in sich selbst verliebt, sie brauchte keinen Mann. Nein, auch keine Frau. Man konnte sich großartig mit ihr über alle Probleme der Elektronik, Computerei und Telekommunikation unterhalten, über Software-Fragen und neue Betriebssysteme. Sie war schon eine "begnadete" Unix-Programmiererin gewesen. Und über Politik und Menschenrechte konnte man mit ihr prächtig streiten, dann wurde sie lebhaft, ging aus sich heraus. Bei den Begriffen Lega Norte und Berlusconi stieg ihr Blutdruck automatisch an. Aber außer Politik und IT war da nicht viel. Tanzen und Frauenfußball, mehr interessierte sie nicht wirklich. Und Männer? Ach Gott, Basim rang nach Luft, eher hüpfte das Kamel durch das berühmte Nadelöhr, als dass Angeli einem Mann erlaubte, sich ihr zu nähern oder sie gar anzufassen.

"Angelica hatte also keinen Freund?"

"Nein, wenn Sie damit eine sexuelle oder erotische Beziehung meinen", sage Gilani fest.

"Und Felix? Hatte der eine Freundin, ich meine, auch mit Kuscheln und Knutschen? Und wie stand es mit Drogen?“

Darauf konnte oder wollte Gilani nicht direkt antworten. Der Freund hatte ab und zu im Broadway eine Frau aufgerissen, gelegentlich auch von Kolleginnen aus der Firma erzählt, mit denen er was unternommen hatte, aber wie weit das ging oder gegangen war, behielt Felix für sich. "Der Kavalier genießt und schweigt." Auch über die Namen. In einem Punkt war Gilani dann wieder sicher, mit Drogen hatte Freund Felix nie was zu tun gehabt. Zum Schluss riskierte Lene die Frage: "War Angeli geldgierig?"

Ohne Zögern bejahte Gilani.

"Obwohl sie aus einem reichen Elternhaus kam?"

"Vielleicht gerade deswegen, Frau Schelm. Ich glaube, man hatte ihr früh beigebracht: Nur der Erfolg zählt, und den misst man in der deutschen Gesellschaft nun mal am Geld."

"Ich spare, wenn und weil ich mir was Bestimmtes leisten will. Was war das bei Angelica?"

Gilani zuckte die Achseln. Er war nicht der erste Zeuge, der bei einer Vernehmung sofort zwischen dem Mordopfer und sich eine unsichtbare Mauer errichtete und Lene war eigentlich sicher, dass er mehr wusste, als er ihr erzählt hatte.

Kaschi seufzte erleichtert, dass sein Warten endlich ein Ende hatte. Sein Deutsch war wirklich alles andere als perfekt. Aber viel Neues erfuhr Lene auch auf Französisch nicht. Kaschi hatte Basim Gilani in der Uni kennengelernt, war heilfroh, einen Freund gefunden zu haben, der was von der Sache verstand und ihm einiges auf Farsi erklären konnte. Ja, er hatte Angelica Moretti gekannt, eine sehr schöne Frau, aber kalt. Er umschrieb es sehr poetisch: "Ihr Herz war eingemauert und ich hatte keinen Schlüssel zum Törchen." Für ihn, den armen Schlucker Kaschi, hatte sie keinen zweiten Blick übrig gehabt. Nein, er mochte sie nicht und hatte Felix Römer immer geglaubt, wenn der verkündete, er tanze mit Angelica, aber mehr sei nicht zwischen ihnen. Ob Angelica einen Freund hatte? Möglich, aber er, Kaschi, wäre dann der letzte gewesen, der das erfuhr. Nein, er hatte Angelica nicht sehr gemocht, aber Basim und Kaschi waren mit Felix Römer befreundet und hatten dessen Tanzpartnerin sozusagen mit in Kauf genommen. Obwohl ...

"Obwohl was?", drängte Lene.

Er - Kaschi - hatte sich immer gewundert, warum Felix mit dieser Moretti tanzte und nicht mit Basims Schwester Elena, die auch sehr beweglich, sportlich und sehr hübsch war. Der Name Elena Gilani war bisher in den Akten nicht weiter aufgetaucht. Sie arbeitete in der Rodenberg-Klinik und wohnte nicht weit entfernt davon.

"Was macht Elena in der Klinik?", erkundigte sich Lene möglichst beiläufig.

Es dauerte etwas, bis sie die Berufsbezeichnung geklärt hatten. Medizisch-Technische Assistentin. Sie wohnte in einem Haus direkt am Klinikgelände und Kaschi meinte, Elena habe sich mit Angelica einigermaßen vertragen - nein, keine Freundinnen. Die eine hatte die andere nicht vermisst. Er ging sehr erleichtert. Kaschi verspürte Durst und war auf den Geschmack von Weinschorle gekommen.

Lene und Jochen verbrachten einen rotweinfeuchten Abend voller Erotik und Sex, in dessen Verlauf er ihr sogar - sozusagen auf Vorrat - zweimal den Rücken abseifte.

Am nächsten Morgen schickte Lene die Kollegin Jule auf Erkundung los, wo Angelica Moretti ihr Geld gebunkert hatte. Seidel, den sie anschließend mit einem Wunsch beglückte, verzog das Gesicht. "Das ist nicht dein Ernst, Lene."

"Doch. Irgendwie muss der unbekannte Täter die Moretti ausgezogen, getötet und hinterher abgeduscht haben, bevor er wahrscheinlich mit ihrem Leichnam über der Schulter in einem Aufzug in eine Tiefgarage gefahren ist.

Seidel nickte, als gehöre das Abschleppen weiblicher Leichen zu seinen täglichen Aufgaben.

"Diese Wohnung 505 stand doch praktisch leer. Der Mieter Bruno Krawinke lag tot in einem Kofferraum, und die Leiche in der Badewanne verhielt sich ruhig. Ich möchte wissen, ob die Moretti in dieser Wohnung gewesen ist."

Was, wie Lene selber wusste, unwahrscheinlich, aber eben nicht unmöglich war. Schließlich wussten sie nicht viel von Bruno Krawinke. Seidel schaute drein, als zweifele er am Verstand der Kollegin. Aber irgendwo mussten sie doch einhaken. Es ging sonst einfach nicht voran. Lene rief schließlich Helga Moretti an und verabredete sich mit ihr.

Sie trafen sich im Café König an der Neuen Wache.

Angelicas Mutter war nicht erfreut, sich mit der Kommissarin unterhalten zu sollen, aber sie zeigte es nicht. Wie sie überhaupt in Haltung und Auftreten sehr auf Formen achtete und - zumindest Fremden gegenüber - wenig Gefühle zu erkennen gab. Und als Lene damit begann, dass sie wenig Erfreuliches über Felix Römer erfahren hätten, horchte sie auf. "Was Schlimmes?"

"Nein, wenigstens nicht, was Ihre Tochter betrifft."

"Aber?"

"Sein Verhalten ist in manchen Punkten unerklärlich. Römer hat nie versucht, mit Ihrer Tochter sexuell zu verkehren?"

"Wahrscheinlich doch. Aber sie wollte nicht. Wir haben offen darüber gesprochen. Sie schätzte ihn als Tanzpartner, aber mehr nicht, und was er sonst so trieb, zum Bespiel mit Kolleginnen, wollte sie gar nicht wissen. Und so, wie sie das Training schilderte, ging es ihm nicht anders. Gerne getanzt mit Angelica, aber nicht geknutscht oder was immer er mit anderen Mädchen trieb. Und solche anderen Mädchen gab es, das hat er vor Angelica nicht verheimlicht, weil er wusste, dass sie deswegen nicht eifersüchtig war."

"Hat er Ihrer Tochter mal was über seine Hobbies, seine Freizeitbeschäftigung, erzählt?"

"Wenn ja, dann hat Angeli es uns gegenüber verschwiegen."

"Haben Sie aus einem bestimmen Anlass darüber mit ihrer Tochter gesprochen?"

"Ja und nein. Römer hatte sich bei uns vorgestellt und mein Mann und ich hatten beide den Eindruck, dass er von seiner Tanzpartnerin schon mehr erwartete, als nur Wiener Walzer und Samba. Es schien zwischen ihnen eine - wie soll ich das umschreiben? - Gemeinsamkeit, ein Einverständnis zu geben, das nichts mit Sex oder Erotik oder Tanzen zu tun hatte. Aber was? Deswegen habe ich Angelica unter vier Augen gefragt, ob ich ihr die Pille besorgen sollte. Sie meinte, für Felix Römer lohne es die Mühe nicht, so gut könne sie ihn nicht leiden, und ihr erster Versuch mit Holger seligen Angedenkens habe ihr so wenig Spaß gemacht, dass es sie nicht zur Wiederholung reize."

Lene brummelte vor sich hin. Dass Töchter mit ihren Müttern so offen darüber sprachen, war nicht die Regel. Im Vergleich dazu war Lenes Mutter bei aller Liebe zu ihrer Tochter prüde und verklemmt gewesen.

"Gut, aber wir haben noch andere unschöne Gerüchte über Römer gehört."

"Wirklich?"

"Ihr Kaffee!", wurden sie von einer Bedienung unterbrochen und warteten, bis die sich wieder entfernt hatte.

"Wir fragen uns, ob er was mit Rauschgift zu tun hatte."

"Und Sie meinen, dass Angeli ...?"

"Nein. Ich würde nur gerne wissen, ob Ihre Tochter Ihnen auch in dieser Beziehung etwas gestanden, erzählt, anvertraut hat?"

"Nein, nie."

"Und Ihnen ist nie der Verdacht gekommen, Angelica könne es mal probiert haben?"

"Nein, nie. Frau Schelm, wir haben direkt neben uns eine Familie mit einer Tochter in Angelis Alter wohnen, die es 'mal probiert' hat. Heute wandert sie von Entzug zu Entzug, wird immer wieder rückfällig und beschafft sich das Geld für ihre täglichen Schüsse als Prostituierte im Hafenviertel. Abschreckendere Beispiele kann es kaum geben. Und dazu muss ich Ihnen noch erzählen, dass ich meiner Tochter wahrscheinlich diese unselige Allergie und Streuselkuchenpickel im Ausschnitt und auf dem Rücken vererbt habe. Angelica hatte regelrecht Angst vor Pickeln und Ausschlag und unreiner Haut - ja, sie war verdammt eitel, auch, wenn man das als Mutter nicht so deutlich sagen sollte ... Schon die Sorge oder Angst, ihre Haut könne etwas von diesen Giften nicht vertragen, hat sie vor jeder Versuchung gefeit. Sie wollte unbedingt schön, am liebsten makellos sein." Lene sah sie groß an. Das war doch wohl übertrieben. Helga Moretti erriet ihre Zweifel und runzelte die Stirn.

"Wir hatten es bei Angeli sehr früh mit Hautausschlägen, mit Neurodermitis und Allergien zu tun."

"Aus einem bestimmten Grund?"

"Da gibt es nur Vermutungen. Mein Mann hat damals, als Angeli noch so klein war, in seiner Arbeitskleidung immer wieder Chrom-, Nickel- und Messingstaub nach Hause gebracht. Das mit den Hautausschlägen wurde spürbar besser, als er das Geschäft kaufte und nur noch selten selbst auf Montage musste. Aber vielleicht hatte auch ich Angeli was Unerfreuliches vererbt. Ich habe früher geblüht wie ein Kaktus, in der Schule haben sie mich Streuselkuchen genannt, auch lange nach der Pubertät, diese Pickel und Ausschläge und juckenden Quaddeln waren unerträglich. Dann durfte ich keine Nüsse und Mandeln, also auch kein Marzipan, keine Schokolade essen, und dazu hatten meine Eltern eine Seele von Hausarzt, alt, brummig, vielleicht sehr erfahren, aber kein Spezialist für Kinderseelen, der mich immer getröstet hat: 'Helga, das legt sich mit der ersten Schwangerschaft.' Als Angelica diesen Spruch zum ersten Mal zu hören bekam, war sie dreizehn und ihre erste große Liebe hatte vor anderen Schülern gemeint, sie sollte doch mal was gegen ihre widerlichen Pickel und Ekzeme tun. Als Dr. Laschke gegangen war, musste ich sie ernsthaft warnen. 'Es komme gar nicht in Frage, dass du mit dreizehn schwanger wirst, nur damit dieser Schwachkopf aufhört, dich zu hänseln'."

"Haben Sie wirklich Schwachkopf gesagt?", erkundigte sich Lene entsetzt.

"Ja."

"Und wie lange hat sie daraufhin nicht mehr mit Ihnen gesprochen?"

"Zwei lange Wochen nicht."

Sie zwinkerten sich zu und Helga Moretti holte tief Luft. "Gottseidank hat sich das mit den Pickeln und dem Ausschlag gelegt, ich erzähle Ihnen auch noch, wie und wodurch. Aber sie muss noch heute mit Seifen, Parfüm, Cremes und Körperlotionen extrem vorsichtig sein." Dann fiel ihr auf, was sie gesagt hatte, und stand kurz davor, in Tränen auszubrechen, was sie wohl nicht tat, weil es sich in einem Café nicht schickte. "Sie musste bis zum Schluss darauf achten, ob ihre Haut solche Kosmetika vertrug und dass sie bei den geringsten Warn-Anzeichen eine Sache absetzte. Sie haben eben gestaunt, dass ich meine Tochter eitel nannte - doch, Frau Schelm, das haben Sie. Ich denke mir heute, dass meine Tochter unter diesen Problemen mehr gelitten hat, als sie damals zu erkennen gab, oder wir Eltern erkannten; sie war ein Kind und wollte auch schön und umworben sein. Und aus Angst vor Zurückweisung oder Spott wollte sie dann makellos sein. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir Geschwister einmal ohne Pflaster und Verband an Händen und Kinn waren; die Katastrophe gehörte zum Tagesablauf meiner Familie und meine Schwestern und ich haben immer von der Schönheit dieser Frauen in den Illustrierten geträumt."

"Ihr psychologisch so geschickter Hausarzt meinte also: Das lege sich nach dem ersten Kind."

"Tut es auch. Schauen Sie mich an!"

Lene grinste. Eitelkeit war ihr nicht fremd, aber sie hatte auch nicht unter solchen Problemen zu leiden gehabt, weder in der Pubertät noch später nach Tanjas Geburt.

"Haben Sie bis nach Angelicas Geburt gewartet? - Ich meine, man sieht Ihnen heute überhaupt nicht an, dass Sie jemals Probleme mit Pickeln oder Ausschlag oder Ekzemen hatten."

"Wie gut, dass Sie mich früher nicht gesehen haben. Es war gräulich. Was habe ich nicht alles versucht, mit Cremes, Lotionen, Reinigungsmilch, Kräuterbädern und auch Tabletten und Spritzen."

"Haben Sie herausgefunden, was es war?"

"Nein. Der Allergologe hat mir nahegelegt, dass ich am besten irgendwohin auswandere, nachdem er festgestellt hatte, dass ich auf nahezu alles allergisch reagierte, was er auf seinen Probenpflästerchen zu zu bieten hatte. Selbst auf das Pflaster habe ich allergisch reagiert. Aber ich wollte nicht auswandern und auch kein Cortison en masse schlucken, ich hatte Aldo Moretti 'geangelt' und der war sehr vergnügt mit mir zum Standesamt gezogen und den Mann wollte ich behalten. Ohne Streuselkuchen im Gesicht, auf dem Busen und im Ausschnitt und Pavian-Flecken auf dem Po. Zum Schluss bin ich zu einem Heilpraktiker gegangen, der hat mir eine unmögliche Diät verordnet und geraten, in ein Bad zu fahren. Die Diät hat großartig geholfen, aber erst das Bad mit dem stinkenden Wasser hat das endgültige Wunder bewirkt."

"Ich war noch nie in einem Bad zur Kur oder so."

"Der gute Mann hatte mir Bad Rösel an der Ahr empfohlen. Da in der Nähe gibt es auch Höhlen, in denen angeblich radioaktives Gas herumfliegt und den Lungen und dem Immunsystem guttut. Ich habe alles mitgemacht, aber die ersten vier Wochen waren schrecklich deprimierend, einmal bei der Diät aus Versehen eine Kleinigkeit gesündigt, und schon ging's wieder los. Wissen Sie, seitdem kann ich die Aufforderung ‚Sie müssen Geduld haben‘ nicht mehr hören. Aber im zweiten Monat merkte man dann den Erfolg, selbst die Rückfälle waren nicht mehr so heftig. Und dann ...", sie brach ab, und Lene wartete eine Minute.

"Und was dann, Frau Moretti?"

"Was ich Ihnen jetzt erzähle, erscheint nicht in einem Protokoll?"

"Nein."

"Ich bin einem Zauberer, einem Magier begegnet."

Lene bekam den Mund vor Staunen nicht zu.

"Nein, nein, Frau Schelm, keinem Scharlatan, sondern einem Mann, der mich mit Pickeln schön fand, mir half, meine Probleme zu bewältigen und mir ein ganz großes Stück Selbstvertrauen wiedergegeben hat, das ich schon verloren hatte. Damit und mit seiner Wundersalbe hat er mich geheilt.

"Wie lange waren Sie denn in Bad Rösel?"

"Über zwei Monate. Mein Vater schätzte Aldo sehr und meinte in seiner unverblümt-direkten Art, zehn Wochen Schönheitskur als Hochzeitsgeschenk seien bei so einem Schwiegersohn gut investiertes Geld. Er hat Recht behalten. Er und der Bärenapotheker."

"Bärenapotheker?"

"Ja, so wurde er allgemein genannt. Ich habe ihn im Kurpark von Bad Rösel kennengelernt, als ich mal wieder nach einer Diätsünde einen neuen seelischen Tiefpunkt erreicht hatte. Er hat mir eine Packung Papiertaschentücher geschenkt und gemeint, ich solle mal mein Herz erleichtern. Ich war wohl nicht die erste Frau, die bei ihm Rat und Trost suchte. Das Quellwasser sei sehr gut und helfe, auch die Luft in den Höhlen, aber meine Haut brauche auch direkte Nahrung, und da gäbe es nur ein Rezept: Bärenfett aus seiner Apotheke."

Lene schmunzelte: "Im Ahrtal gibt es besonders viele Bären, habe ich mir sagen lassen."

"Wahrscheinlich. Aber diese Bären haben nach ihrem Tod den pickelgeplagten Menschen geholfen. Mir zum Beispiel. Ich habe alles versucht, das Rezept aus Markus Rönsch - so hieß der Bärenapotheker - herauszulocken, aber in dem Punkt blieb er hart, obwohl er mir sonst nichts abschlug. Immerhin, Heilquelle-Bäder, Höhlenluft und Bärenfett haben geholfen, nicht nur vorübergehend, sondern auf Dauer."

Lene kicherte mitfühlend.

"Und stellen Sie sich vor. Als es mit Angelica auch so schwierig zu werden drohte, bin ich mit ihr eine Woche nach Bad Rösel gefahren. Und oh Wunder, der Bärenapotheker lebte noch, erinnerte sich an mich, schaute sich Angelica genau an und empfahl Bärenfett, Schwimmen in der stinkenden Brühe und drei Nachmittage Höhlenluft. Und Sie werden es nicht glauben; als wir nach einer Woche wieder abreisten, war Angelica ihre Pickel los. Nicht für ewig - wenn sie nicht aufpasste, kamen sie wieder, aber sobald sie die Sünde - ob Marzipan oder eine neue Seife - absetzte, verschwanden sie auch wieder, ohne Tabletten und Tinkturen."

Lene musste lachen und betrachtete Helga Moretti aufmerksam; sie war jetzt gelöst und fast zutraulich geworden, wie viele Menschen, denen jemand ernsthaft zuhörte, wenn sie aus ihrer Vergangenheit erzählten. Bei anstrengenden Verhören war es angebracht, immer mal wieder so abzuschweifen und dem Befragten sozusagen Luft und Leine zu geben. Nein, bei Angelica war es nie so schlimm geworden wie bei ihr, was vielleicht auch damit zu tun hatte, dass Ehemann und Vater Aldo bald nicht mehr so viele Metallstäube in seinen Blaumännern von der Arbeit nach Hause brachte. Und Angeli lebte konsequent gesund - zum Entsetzen der italienischen Verwandtschaft - mied viele Sachen beim Essen, trank keinen Alkohol, rauchte nicht und schluckte ganz bestimmt keine Drogen. Sie hatte auch nie angedeutet, Partner Felix könne etwas mit Drogen zu tun haben.

Angeli war, wie Lene dachte, ein sehr eitles, wahrscheinlich auch egozentrisches Mädchen gewesen, das nie mit anderen Mädchen gelacht, gekichert, gealbert hatte, und deshalb bestimmt nicht die reine Freude für einen Freund. Das versuchte Lene mit allem Takt und aller Vorsicht der Mutter beizubringen, aber Helga Moretti war jetzt in der Lage, einiges einzustecken. "Da ist leider was dran, Frau Schelm. Sie war egoistisch, egozentrisch, sie konnte sehr freundlich und hilfsbereit sein, aber sie kalkulierte dabei immer sehr genau, bei wem sich das lohnte."

"Das klingt nicht sehr gut, Frau Moretti."

"Nein. Aber ich denke immer, es hat keinen Zweck, die Augen vor Problemen zu verschließen. Irgendwann, durch irgendwas hat sich Angeli etwa ein Jahr vor dem Abitur dramatisch verändert. Es ist allen aufgefallen. Natürlich haben mein Mann und ich, wie Sie, an Rauschgift, einen falschen Freund, etwas Kriminelles gedacht, an Erpressung, an Krankheiten oder Schwangerschaft und Abtreibung. Eben an alles, was sich besorgte und ratlose Eltern so ausmalen."

"Konnten Sie mit Angelica nicht darüber reden? Ich hatte bis eben den Eindruck, dass Sie sich gut mit Ihrer Tochter verstanden haben."

"Stimmt. Aber dann kam diese Veränderung, und unser guter Kontakt war zerstört. Ich hab ihr das einmal vorgeworfen - und da hat sie, aber nur einmal, was sehr Merkwürdiges gesagt: 'Es tut mir leid, Mutter, aber ich möchte dich da nicht mit hineinziehen. Es ist besser, wenn du nichts weißt.'"

"Hm. Das hört sich aber sehr dramatisch an - und nicht sehr erfreulich."

"Sie sagen es, Frau Schelm. Es hat mir damit auch mächtig Angst eingejagt. Aber Angeli blieb stur, nein, keine Silbe mehr zu diesem Thema."

"Frau Moretti, Bekannte Ihrer Tochter haben behauptet, Angelica sei geldgierig gewesen. Stimmt das?"

"In gewissem Umfang leider ja. Es begann nach dieser merkwürdigen Veränderung, bis dahin hatte sie gerne und viel Geld für sich ausgegeben, danach wurde sie plötzlich für ihre Verhältnisse sparsam. Aber warum - darüber hat sie keine Silbe verloren. Plötzlich schien sie kein Vertrauen mehr zu uns zu haben."

"Könnte das was mit Felix Römer zu tun gehabt haben?"

"Zeitlich käme es hin, ja. Aber sachlich? Mein Mann und ich haben sie nicht mehr erreicht, wenn ich es so ausdrücken darf."

Das Geständnis fiel ihr schwer, und danach drängte sie zum Aufbruch.

Lene zahlte und ließ sich eine Rechnung geben; das waren Spesen, echte Spesen, was immer die Verwaltung dazu sagen würde. Die Welt war manchmal doch sehr klein. Bad Rösel an der Ahr war ihr bis vor kurzem völlig unbekannt gewesen, jetzt kannte sie schon zwei Personen, die mit dem "Bärenapotheker" aus Bad Rösel zu tun gehabt hatten.

Sie saß im Präsidium an ihrem Computer und tippte ein Gedächtnisprotokoll über ihr Gespräch mit Helga Moretti, als Staatsanwalt Hase anrief, um sich nach dem Fall zu erkundigen. Sie musste ihm gestehen, dass sie bis jetzt keinen Schritt weitergekommen war. Kein Verdächtiger in Sicht.

Hase seufzte: "Also keine so schnelle Lösung wie bei unseren Spezis Krawinke und Sklarek?"

"Nein, überhaupt nicht."

"Schade. Kann ich was für Sie tun?"

Lene staunte. So eine Frage hatte sie von einem zuständigen Staatsanwalt noch nie gehört. Ob sie das dem mildtätigen Einfluss der Kollegin Jule Springer verdankte?

"Nein, vielen Dank, wenn Sie mir die Daumen drücken und nicht ungeduldig werden, ist das schon eine große Hilfe."

Trotzdem musste sie gegen Ende der Flasche Burgunder ihr Herz ausschütten und Jochen Pauly ärgerte sich ob seiner Hilflosigkeit.

"Habt ihr keinen Hinweis auf den Mann, der für das Opfer diesen Flakon fleur du ciel gekauft hat?"

"Ende zwanzig, Anfang dreißig, groß und schlank. In Anzug und mit Krawatte soll er etwas unbedarft aussehen."

"Also ganz normal. Schade. Ist diese - wie hieß sie noch - ...?"

"Angelica Moretti."

"... diese Moretti nie mit einem Mann zusammen gesehen worden? In einem Lokal, einer Bar, auf der Straße, im Theater oder in einem Konzert?"

Daran hatte sie natürlich auch schon gedacht. Aber um darauf eine Antwort zu bekommen, musste sie die Öffentlichkeit einschalten, Presse, Fernsehen, Radio, Flugblätter, Klinkenputzen. Wie sollen sie diese ungewöhnliche Vorgehensweise begründen, zu dem sie den Segen ihrer Vorgesetzten brauchte. Mit einem selten perversen Sexualstraftäter, der jederzeit wieder zuschlagen konnte? Jörg Steiner würde ihr was husten. Sie musste unbedingt mit Hase darüber sprechen, ob sie die Gefahr einer hysterischen Panik in Kauf nehmen sollten.

Das Blonde Gift hatte am späten Nachmittag noch angerufen. "Tut mir leid, Lene, ich habe nichts gefunden. Kein Kollege, keine Kollegin hat so ein Opfer je auf dem Tisch gehabt und die Literatur gibt nichts her."

Die zweite Flasche neigte sich ebenfalls dem Ende zu und Lene beschloss, jede Entscheidung auf morgen zu verschieben - nachdem sie ihren fachmännisch eingeseiften Rücken abgeduscht hatte.

Die guten Vorsätze musste sie am nächsten Tag verschieben. Kaum saß sie am Schreibtisch, als ein Leo Stollberg anrief: "Sie erinnern sich noch an mich, Frau Schelm?"

"Aber ja. Angelicas Ausbilder bei der Stureg."

"Eben der. Ich muss Ihnen was Komisches erzählen. Gestern Morgen hat sich eine frühere Azubi krank gemeldet, die wir übernommen haben. Ich habe sie gegen Mittag angerufen, nur so, um mich zu erkundigen, wie es ihr denn so geht. Wir haben dies und das gequatscht, sie hat sich hörbar gelangweilt, und so sind wir dann auf Angelica Moretti zu sprechen gekommen. Pia, so heißt sie, hat mir dann was Erstaunliches erzählt. Sie habe eines Tages länger bleiben müssen und rein durch Zufall Angelica Moretti dabei überrascht, wie die sich aus der Registratur Unterlagen, Pläne und Korrespondenz kopierte. Als sie merkte, dass Pia sie beobachtet hatte, wurde Angelica sehr nervös und hat Pia beschworen, sie ja nicht zu verraten. Die Azubis haben in der Registratur nichts verloren."

"Hm. Können Sie sich vorstellen, was Angelica da gesucht und kopiert hat?"

"Nein, da stehen Hunderte von Ordnern und elektronischen Speichermedien."

"Herr Stollberg, wo finde ich jetzt diese Pia?"

"Moment. Pia Brüggemann, Eckernstraße 31 in Pöhlstedt."

"Vielen Dank für Ihren Anruf, Herr Stollberg, bitte sagen Sie der Pia vorerst nicht, dass Sie mit mir gesprochen haben."

"Geht in Ordnung, tschüss."

Der erste Fleck auf der bislang absolut blütenweißen - nein - Westen trug sie nicht, aber Shirts. Ein Fleck auf der Shirtbrust.

Der lange Bembel hielt sie noch auf: "Du, Lene, mit Designerdrogen und Chrystal ist bei diesem Römer nix. Absolut nothing, nada, niente. Wir haben beim Beobachten nur einen merkwürdigen Kontakt festgestellt. Er hat sich mit einer jungen Frau getroffen und sich dabei so konspirativ benommen, als werde er beschattet, die Frau haben wir nur für Sekunden zu Gesicht bekommen, aber laut Autokennzeichen heißt sie Farah Bakhtiar, ist eine anerkannte Asylbewerberin und lebt in München, wo sie einen Job als Übersetzerin iranischer Literatur hat. Keine Vorstrafen, nicht auffällig."

"Danke, langer Bembel. Um Felix Römer müsst ihr euch nicht mehr kümmern, das übernehmen jetzt wir."

Pöhlstedt gehörte zu den Randbezirken der Stadt, vom Zentrum gut dreißig Minuten Straßenbahnfahrt entfernt. Die Eckernstraße war in den sechziger Jahren bebaut worden, viele drei- und vierstöckige Backsteinhäuser, die sich alle sehr ähnlich sahen, unterschieden nur in den großen Ziffern neben den Eingängen. Die Brüggemanns wohnten im dritten Stock, und Lene wurde von einer besorgten Mutter empfangen, die die Welt nicht mehr verstand, als sich Lene vorstellte und ihren Ausweis vorzeigte. "Kripo?! Was hat meine Pia mit der Kripo zu tun?"

"Nichts, Frau Brüggemann, ich muss ihr nur ein paar Fragen über eine Bekannte stellen."

"Pia ist krank."

"Aber sie kann doch reden und ist bei Bewusstsein? Ich mach's auch kurz."

Es gefiel Mutter Brüggemann nicht, aber Lene dachte nicht daran, sich mit Ausflüchten abspeisen und abwimmeln zu lassen, und so wurde sie zu einer Zimmertür geführt. Dahinter nieste jemand im Akkord, dass das Türblatt wackelte.

Die Mutter klopfte an: "Pia, du hast Besuch."

Die Tochter lag im Bett und sah Lene unruhig entgegen. Sie hatte eine schwere Erkältung, und während der Unterhaltung nieste sie immer wieder Serien und verbrauchte beachtliche Mengen von Papiertaschentüchern. Sie konnte ihre Hände keine Sekunde stillhalten.

"Ich wollte Ihnen einige Fragen zu Angelica Moretti stellen." Lene verspürte plötzlich eine unerklärliche Unruhe. Pia schien es nicht anders zu ergehen, zwischendurch schaute sie Lene immer wieder an, aber ihr Blick irrte sofort ab, wenn Lene sie musterte.

"Frau Brüggemann, Sie haben doch Angelica Moretti gekannt?"

"Aber ja."

"Gut oder näher?"

"Nein. Ich arbeite zurzeit in der Innenverwaltung und sie turnte bei den Systemanalytikern herum."

"Sie mochten sie nicht besonders leiden?"

"Ich glaube, niemand im Betrieb mochte sie wirklich leiden. Sie war so ... so überheblich. Die Nase ganz hoch, und immer angezogen wie zu einer Modenschau."

"Kennen Sie Angelicas Freunde?"

"Wenn sie überhaupt welche hatte ... nein, kenne ich nicht."

"Ist Ihnen mal irgendwas Ungewöhnliches an ihr aufgefallen, hat sie mal was besonders Dummes getan oder gesagt oder angestellt?"

Lene näherte sich absichtlich auf Umwegen dem, was Leo Stollberg ihr erzählt hatte. Pia sollte nicht erfahren, dass er ein Telefonat mit ihr der Kripo geschildert hatte. Pia zögerte, aber nur einen Moment, dann sprudelte es aus ihr heraus. Eines Abends war sie länger geblieben und als sie in den Keller kam, wo das Personal seine Spinde hatte, war ihr Angelica aufgefallen; sie stand in der Registratur, hatte einen aufgeschlagenen Briefordner vor sich und knipste jede Seiten. Pia hatte sie eine ganze Weile stumm beobachtet - die Tür stand einen Spalt offen - und sich nicht bemerkbar gemacht. Dann stellte Angelica den Ordner ins Regal zurück, holte aus einem Gerät eine CD heraus, die sie in ein Plastikkästchen steckte, das sie in ihrer Handtasche verstaute. Eine andere CD aus dem Gerät schob sie in eine leere Stelle im Regal-Fach. Lene sagte nichts, Angelica hatte also wohl eine CD oder DVD kopiert. Warum?

"Wissen Sie, für was sich Angelica so interessiert hat?"

"Keine Ahnung."

"Ein merkwürdiges Verhalten, finden Sie nicht auch?"

Pia nickte heftig, eine neue Nies-Attacke kündigte sich an, und sie richtete sich auf, um nach einem neuen Päckchen Papier-Taschentücher zu greifen. Dabei fielen ihr ihre langen, glatten, brünetten Haare über die Schultern und bei Lene funkte es endlich. "Wir kennen uns", sagte sie zu der verblüfften Pia. "Aus dem Studentenwohnheim in der Winklerstraße. Sie sind vor einem Mann nach draußen geflohen, und ich habe dem Kerl ein Bein gestellt."

Pia hätte gerne geleugnet, aber Lene schaute sie so fest an, dass sie auf einen Versuch verzichtete. "Sagen Sie mir noch, was Sie in dem Heim gewollt haben?"

"Ich habe einen Studenten besucht, mit dem ich befreundet bin."

Es brauchte noch einige Minuten und viel Ermunterung, bis Pia mit dem Namen des Glücklichen herausrückte, Mehdi Kashikian. Dabei zupfte sie so hartnäckig an dem Oberteil ihres dünnen Nachthemdes herum, dass sich Lene ihren Teil dachte, aber für sich behielt. Sie waren gerade dabei, sich in seinem Zimmer auf den Höhepunkt des Rendezvous' vorzubereiten, als das Telefon klingelte und Nora, die alberne Zicke von der Pforte, behauptete, da sei ein dringender Besuch für Kaschi. Er war dann gegangen und hatte versprochen, sofort, so rasch wie möglich zurückzukommen, doch er ließ auf sich warten. Plötzlich wurde die Zimmertür aufgerissen - "ich konnte gerade noch meinen Reißverschluss hochziehen" - und ein fremder Mann platzte herein. Ein ganz schräger Typ. Pia hätte doch Angelica beobachtet und ihr hinterher versprochen, nie einen Ton von dem zu verraten, was sie gesehen hatte. Das stimmte, und nun wollte der Arsch wissen, welchen Ordner sich Angelica so genau angesehen und fotografiert hatte. Pia hatte mehrfach gesagt, dass sie das nicht wisse und von der Tür aus nicht habe erkennen können. Aber der widerliche Kerl hatte ihr nicht geglaubt und wollte zum Schluss handgreiflich werden. Da war sie aus dem Zimmer gelaufen, runter zum Eingang, wo Kaschi mit seinem Besuch sein musste. Der Kerl hinter ihr her, es war sehr knapp und wenn er nicht gestolpert wäre, hätte es für sie wohl bös enden können. Und Kaschi hatte, wenn Lene das richtig interpretierte, danach auch die Lust an allem verloren, wozu man lange Reißverschlüsse öffnen musste.

Mutter und Tochter Brüggemann verbargen ihre Erleichterung nicht, als Lene ging. Die kannte den alten Spruch, dass man eine fremde Sprache am besten auf dem Spielplatz und im Bett mit einem "native speaker" lernt. Insofern befand sich Kaschi auf dem rechten Wege. Aber wollte Pia Farsi lernen? Und woher wusste der Kerl, der Pia im Studentenheim belästigt hatte, dass sie die Kollegin Angelica beobachtet hatte, wenn sich beide Frauen versprochen hatten, darüber nicht zu sprechen. Lene hatte eine Vorstellung, wie man an solche Kenntnisse kam, aber warum und wer zum Teufel baute in das Archiv einer Firma eine Wanze ein?

Lene hielt unterwegs an, als sie das Hinweisschild "Rodenbergklinik" las.

Die unentbehrliche Jule schaute sofort ins Telefonbuch: "Gilani, Elena, Sandweg 14."

"Danke, Jule. Ich bleibe so lange hier, bis ich mit Elena geredet habe."

Das war leichtsinnig. Die Nachbarin im ersten Stock, die auch in der Klinik arbeitete, informierte Lene, dass Elena Mitteldienst habe und erst gegen 16 Uhr 30 nach Hause kommen würde. Sie tat Lene den Gefallen, Elena im Labor anzurufen und ihr auszurichten, dass hier eine Besucherin auf sie warte; Elena versprach, pünktlich zu sein. Als Lene das unauffällige Vierparteien-Mietshaus verließ, begegnete ihr vor der Haustür ein vielleicht dreißigjähriger Mann in einem schmuddeligen Anorak, Pudelmütze und Laufschuhen, der sie gründlich, fast dreist musterte. Er hätte sich morgens ruhig rasieren dürfen, obwohl dadurch sein Ohrfeigengesicht auch nicht mehr Vertrauenswürdigkeit ausgestrahlt hätte. Lene würde ihn nicht weiter beachtet und auch gleich wieder vergessen haben, wenn sie sich nicht zufällig auf der anderen Straßenseite umgedreht und bemerkt hätte, dass der Typ sie fotografierte. So was liebte sie nun gar nicht. Sie machte auf dem Absatz kehrt, um sich den Knaben vorzuknöpfen, doch der sah sie rechtzeitig, steckte die Kamera weg und ging mit langen Schritten auf ein Auto zu. Lene konnte ihn nicht mehr abfangen, der Wagen startete, und sie durfte dem dunkelroten Mercedes verbiestert hinterherschauen. Immerhin präsentierte er so sein Heck-Kennzeichen. B-LS 999 (Lene Schelm aus Berlin)

Sie fand in der Nähe der Bushaltestelle ein kleines Restaurant, das nicht mit großer Küche, aber sehr zivilen Preisen aufwartete. Die Gemüsebrätlinge schmecken sogar ausgesprochen gut. Ab und zu vegetarisch konnte nicht schaden. Nach dem Essen schlenderte Lene durch den großen Klinikpark, der sich am Hang des Rodenbergs hochzog. Oben setzte sie sich auf eine von der Stadtsparkasse gestifteten Bank und rief Jule an: "Tut mir leid, Mädchen, schon wieder eine Auskunft: Berlin - Lene Schelm, dreimal die Neun."

"Geht in Ordnung, Chefin."

Wie lange der oder die Lene schon belauert und beobachtet hatte, wusste sie nicht. Es hätte auch noch lange unbemerkt geschehen können, wenn sich der oder die nicht ausgerechnet in dem Moment, in dem Lene zufällig in seine oder ihre Richtung schaute, hastig bewegt hätte, so dass sich das Sonnenlicht in dem Fernglas oder auf dem Objektiv der Kamera spiegelte. Lene hatte eine ganze Weile gebraucht, sich klarzumachen, woher der plötzliche Lichtblitz stammte. Fernglas oder Teleobjektiv einer Kamera? So oder so, wer interessierte sich warum plötzlich für die Hauptkommissarin Marlene Schelm?

Von Elena Gilani war Lene schwer beindruckt: eine junge, schlanke Frau mit pechschwarzen Augen und glänzend schwarzen Haaren, die sie straff nach hinten gebürstet trug. Sie hatte ein sehr anziehendes Gesicht und eine gute Figur, die sie in engen Shorts und einem engen Shirt präsentierte.

Als Lene sich vorstellte, winkte Elena ab: "Ich weiß, mein Bruder hat mich schon angerufen. Aber kommen Sie bitte mit in die Küche, heute war es wieder so hektisch, dass ich nicht in die Kantine gekommen bin."

"Gerne."

Wahrscheinlich überlebten diese Legebatterie-Betriebe vor allem, weil alle Junggesellen und Junggesellinnen zu einem schnellen Mittagessen Spiegeleier oder Rühreier machten. Sie blieben am Küchentisch sitzen.

Natürlich hatte sie Angelica gekannt, aber - wie sie sofort hinzufügte - nicht sehr geschätzt. Die junge Dame war zwar hübsch, aber eitel, egozentrisch und stand immer gerne alleine vorne an der Rampe. Dabei redete sie nicht viel, sie konnte im Gegenteil lange schweigen und sehr aufmerksam zuhören, sie war auch zuverlässig und verschwiegen, aber irgendwie nie herzlich oder offen. Lene schluckte, es klang fast wie verabredet, alle lobten Angelica Moretti, aber alle meinten auch, man habe sie nicht leiden mögen. Seltsam. Und als Elena die Teller in die Spüle stellte, überlegte Lene, dass man so auch eine gute Ausrede dafür schuf, von der privaten Angelica wenig oder gar nichts zu wissen.

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass Angelica Freundinnen hatte."

"Seltsam. Sie war doch eine intelligente und attraktive Frau."

Elena Gilani nickte zerstreut: "Vielleicht hatte sie so was unter ihren Kolleginnen und Kollegen."

"Sie arbeitet in der Stureg KG?"

"Ja, dort hatte sie eine Lehre als Fachinformatikerin begonnen."

Und nach der Lehre wollte sie Informatik studieren, wie Lene schon wusste. Ein fleißiges und zielstrebiges Mädchen. Mit 19 Jahren hatte sie 2008 ein 1,0-Abitur am Max-Planck-Gymnasium gemacht, und schon wenige Monate später, im Oktober, eine Lehre bei der Stureg begonnen. "Alles richtig", gab Elena zu, "trotzdem war sie mir nicht wirklich sympathisch."

"Und Ihrem Bruder?"

"Auch nicht sehr", sagte sie kryptisch. Kaschi, der sich mit wenig Geld durchschlagen musste, hatte sie, die nicht auf den Zehneuroschein sehen musste, bewundert, wohl auch etwas beneidet, aber nicht verehrt oder angehimmelt, sich stattdessen eine andere junge Frau aus dem Betrieb geangelt.

"Die nicht so fromm ist, wie ihr Name vermuten lässt", brummte Lene.

"Völlig richtig." Und selbst Felix, der ihr durch das Tanzen körperlich am nächsten kam, hatte sich außerhalb der Tanzschule nicht wirklich für die Frau, die weibliche Angelica interessiert. Was ihr aber nichts auszumachen schien. Das sagten auch alle Bekannten, und das glaubt Lene jedes Mal weniger.

"Warum tanzen Sie eigentlich nicht mit Felix? Mögen Sie nicht tanzen?"

"Doch, doch; aber Basim wollte es nicht."

"Hat Ihr Bruder Ihnen was zu befehlen?", fragte Lene scharf, die sich sofort an alle Hinweise auf Ehrenmorde, Zwangsheiraten und Machogehabe in muslimischen Familien erinnerte.

Elena lachte leise; sie meinte, im Moment sei er mit Felix und Felix mit ihm befreundet. Und dabei sollte es bleiben, würde es aber nicht, wenn sich eine Frau dazwischendränge. Erst recht nicht, wenn es die "kleine" Schwester sei.

Weil Lene nicht sofort antwortete, ergänzte Elena trocken: "Und so sehr gefällt mir Felix auch nicht. Da gibt es in meiner Klinik nettere Stationsärzte."

"Gibt es einen bestimmten Grund, warum Sie Felix nicht so sehr schätzen?"

"Warum fragen Sie?"

"Felix arbeitet im Labor einer Pharma-Firma, da kommen einer schmalspurig denkenden Krimifrau gleich so Begriffe wie Designer-Drogen etcetera in den Sinn."

Elena holte tief Luft: "Vergessen Sie's, Frau Schelm. Ich halte Felix für einen windigen Burschen, auf den sich eine Frau nie verlassen sollte, und gelegentlich für einen krummen Hund, aber Drogen? - Dazu ist er zu klug. Seine ältere Schwester ist durch einen goldenen Schuss gestorben. Seitdem säuft seine Mutter und der Vater geht fremd, wenn er nicht gerade alles Geld verzockt. Vieles, aber keine Drogen."

"Das habe ich nicht gewusst", sagte Lene betroffen, und Elena betrachtete sie gleichmütig.

"Können wir noch mal auf Angelica zurückkommen? Einige Leute behaupten, sie sei geldgierig gewesen. Können Sie das bestätigen?"

"Ja und nein; nicht geldgierig, das ist zu hart. Aber sie brauchte immer Geld, das stimmt."

"Und wofür?"

"Das kann ich Ihnen nicht sagen, ich habe sie einmal direkt gefragt, und da hat sie gesagt: 'Ich sammele Geld für eine gute Sache' - halt, nein, was das für eine gute Sache war, weiß ich nicht. Das wollte sie auch nicht verraten. Vielleicht für ein Schutzprogramm zum Erhalt der Vampir-Fledermäuse, vielleicht für eine Schule in Afrika; ich habe einfach keine Ahnung."

"Sind Sie denn jemals einem Menschen begegnet, der Ahnung haben könnte, was Angelica Moretti so trieb?"

"Nein. Nie. Sie achtete sehr darauf, dass man weder ihr noch ihrer Umgebung zu nahe kam. Platt formuliert: Sie hütete wohl ein Geheimnis, und das wollte sie nicht preisgeben."

Am dem Satz kaute Lene lange herum. Aber Elena, praktisch, klug und selbstsicher, wusste, wovon sie sprach. Und plötzlich fiel Lene auch wieder ein, woran Elenas Ton und Ausdrucksweise sie erinnerten. An ihren Vater, der von Arno Grimme so wenig begeistert gewesen war, und sie einmal gefragt hatte: "Kennst du eigentlich die Freunde deines Freundes?"

"Nein", hatte sie zugeben müssen.

"Warum nicht? Hat er Angst, dich vorzustellen oder hat er keine Freunde? Oder nur solche, die man keinem anderen vorstellen kann?"

Nachdem sich Arno aus dem Staub gemacht hatte, war sie von Pontius zu Pilatus gelaufen, um etwas über Arno zu erfahren, aber keiner kannte ihn näher, oder wollte es ihr gegenüber nicht zugeben. Auch Arno, der Ungetreue, hatte darauf geachtet, dass man ihm und seiner Umgebung nicht zu nahe kam. Plötzlich fröstelte sie. Bitte nicht schon wieder an die eigene Vergangenheit rühren.

Zur Winklerstraße musste Lene nur einen kleinen Umweg fahren. Am Eingang des Heimes saß heute eine andere Studentin, die sich aber sofort bereit erklärte, Nora zu rufen, und Nora erkannte Lene auf Anhieb wieder.

"Ich habe mich um den armen Kerl gekümmert, der da am Boden lag, und weil er sich nicht wieder hochrappelte, habe ich schließlich den Notarzt gerufen, und die haben den Mann ins Krankenhaus mitgenommen."

"In welches? Wissen Sie das zufällig?"

"Ich glaube, in das Laurentiusstift am Stellmachermarkt."

"Danke. Wissen Sie auch noch die Diagnose des Arztes?"

"Verdacht auf schwere Gehirnerschütterung."

"Na prima, tschüss dann."

Auf dem Stellmachermarkt gab es um diese Uhrzeit genug Parkplätze, und mit etwas Geduld fand Lene heraus, dass der aus dem Studentenwohnheim eingelieferte Mann auf der Inneren, dritter Stock, Zimmer 13 lag. Für diese Auskunft hatte sie mehrfach ihren Ausweis vorweisen müssen. Schon auf dem Flur fielen ihr die beiden Männer auf, die da so betont harmlos-unauffällig herumschlenderten. Einer trat ihr auch sofort in den Weg, als sie Zimmer 13 aufklinken wollte.

"Da können Sie nicht rein!", raunzte er Lene an.

"Und ob ich kann", erwiderte sie und zückte ihren Ausweis, auf den der Typ keinen Blick warf.

"Los, verschwinden Sie!", schnauzte der sie an und griff dabei nach ihrem Arm, um sie von der Klinke zurückzuziehen. Das war zuviel. Erst großes Maul und dann noch handgreiflich. Nicht mit Lene Schelm. Sie rammte dem Kerl, der mit solcher Gegenwehr nicht gerechnet hatte, ihr Knie in seine empfindlichen Teile, dass der Mann vor Schmerz aufbrüllte und zur Seite taumelte. Was man begonnen hatte, sollte man auch zu Ende bringen, deshalb verpasste sie ihm einen Handkantenschlag schräg unter die Nase. Lene hatte schon im Wach- und Wechseldienst einige so böse wie fiese Tricks gelernt und war immer noch fitter und schneller, als viele Männer vermuteten, die ihr rein an Körperkraft überlegen waren.

Der andere Mann war beim ersten Gebrüll seines Kollegen umgekehrt und sauste nun auf Lene zu, die demonstrativ langsam in ihre Handtasche griff. Der Mann stoppte jäh und ließ sich bluffen. Lenes Pistole lag wie üblich im Präsidium eingeschlossen in ihrem Schreibtisch, aber Handschellen hatte sie dabei, und die legte sie ihrem jetzt wimmernden Schreihals an, der heftig aus der Nase blutete und laut fluchend Beamtenbeleidigungen am laufenden Meter ausstieß. Der zweite Mann ließ sie unbehelligt ziehen, die Handschellen hatten ihm wohl die Eingebung beschert, dass er es mit einer Polizistin zu tun hatte.

Freund Jochen lud sie zum Abendessen in Freddys fresh FingerFood ein, das sie vorwiegend in flüssiger Form einnahm; Freddy schwor auf Rotweine aus der Toskana, von denen er eine Menge verstand. Die Nacht wurde aufregend und entschädigte für den Ärger des Tages. Lene hatte nach der Enttäuschung mit Tanjas Erzeuger lange gebraucht, bis sie wieder soviel Vertrauen zu einem Mann fasste, dass ihr Sex Spaß bereitete. Der Kollege, dem Lene die erfreuliche Rückkehr dieser Erfahrung verdankte, war wenig später bei einem Einsatz tödlich verunglückt. Sie wusste, dass Jochen nicht an Scheidung dachte, es reichte ihr, wenn er ihr aufrichtig zuflüsterte, dass er, seit er sie kenne, mit keiner anderen Frau schlafe.

Sie wachten spät, aber mit klaren Köpfen auf; Freddy hatte in der Toskana guten Wein gekauft und nach dem Transport ausreichend lange ruhen lassen. Sie stolperte, als sie aus dem Bett stieg, und musste sich am Schrank festhalten, was nicht mit Restalkohol im Blut zusammenhing. Lene war eine überzeugte Anhängerin der Kumulationstheorie, wonach alles immer auf einem Haufen kam: Freude, Ärger, Kummer, Sorgen, Fehlschläge und Erfolge. Es begann mit seinem Geständnis, dass der beinlädierte Delegationsleiter seinen Vize als Ersatz bestimmt hatte, der würde heute in Berlin eintreffen, und Jochen musste heute noch abreisen. Den zweiten Kummer bereitete ihr die Rundschau, auf der ersten Seite des Lokalteils war ein Bild von Angelica Moretti gedruckt, auf dem sie verheißungsvoll lächelte, versehen mit der fett gedruckten, provokanten Zeile: Warum geht es mit der Aufklärung des Georgsforstmordes nicht voran? Zu Lenes Empörung war der vollständige Name des Opfers angegeben, zu ihrer Erleichterung hatte der Schreiber jedoch darauf verzichtet, den Mord ein Sexualverbrechen zu nennen, obwohl die auf dem Foto sehr sexy aussehende Angelica den Verdacht sofort, ohne jede Anspielung, nahelegte.

Im Büro hatte Lene gerade ihre Berichte zum gestrigen Tag in die Akte eingefügt, als Jule sich meldete: "Fehlanzeige, Chefin."

"Was ist Fehlanzeige?"

"Auf Angelicas Konto gibt es keine auffälligen Bewegungen. Wenn sie wirklich viel Geld brauchte, weiß niemand, wofür. Ach ja, und noch was: Der Wagen mit dem Kennzeichen B-LS 999 gehört einem Siegfried Bruch. Der steht nicht im Telefonbuch, die Auskunft kennt ihn nicht, und eine Anschrift habe ich nicht herausbekommen. Soll ich in Flensburg nachfragen? Mit dem Knaben stimmt was nicht. Vielleicht fährt er eine Doublette spazieren."

"Danke, Jule. Mach' das mit Flensburg."

Auch die Kollegen Kimmig und Sturm hatten keine neue Spuren von Angelica Moretti finden können. In den Lokalen rund um die Tanzschule und den Altmarkt war sie nicht bekannt und auch nicht gesehen worden; kein Mensch hatte Angelica nach dem Foto wiedererkannt. Den "Todesstoß des Tages" versetzte ihr dann am frühen Nachmittag der Kriminaldirektor Jörg Steiner. Er rief sie und den Staatsanwalt Paul Hase zu sich und eröffnete der völlig konsternierten Lene, dass er ihr den Fall Moretti wegnehme.

"Warum denn das? Wegen des blöden Artikels in der Rundschau?"

Steiner schüttelte den Kopf. Er fühlte sich in seiner Haut sichtlich unwohl, und auch Hase krümmte sich wie unter schweren Magenkrämpfen.

"Warum denn dann?"

"Lene, das kann ich Ihnen nicht sagen. Darf ich nicht."

"Und warum nicht?"

An Steiners Stelle antwortete Hase: "Anweisung, Frau Schelm."

"Von wem? Vom Leitenden?" Der Leitende Oberstaatsanwalt Albert Hornvogel war kein Freund der Ersten Hauptkommissarin Marlene Schelm, wie im Präsidium allgemein bekannt.

"Nein, höher."

"Vom General?" Der Generalstaatsanwalt mischte sich selten in die Arbeit der Tellheimer Kollegen ein.

"Nein, höher."

Lene schluckte, weil sie sich plötzlich wieder an den Mann im Laurentiusstift erinnere. Wem hatte sie da ihr Knie in die Eier gerammt?

"Karlsruhe?"

"Nein, höher."

"Justizminister?"

"Nein, höher."

Wen sollte Lene jetzt noch nennen? Den Bundespräsidenten? Das Kanzleramt?

"Also eine Vollbremsung aus der Politik?"

Steiner und Hase schwiegen plötzlich auf eine Art, die einem klaren Ja sehr nahe kam, und sahen sie stumm, fast vorwurfsvoll an.

"Dürfen Sie mir denn wenigstens sagen, wem ich auf die Hühneraugen getreten bin? Und wer sich über mich beschwert hat?"

"Tut mir leid, Lene, auch das hat man uns untersagt!" Sollte sie Steiner das glauben?

"Wem soll ich denn nun die Akten übergeben?"

"Keinem, Lene. Der Fall ruht für einige Zeit."

"Na prima. Damit der Täter die letzten Spuren verwischen kann?"

"Nein, Mord verjährt nicht, und wir werden die Untersuchung pro forma natürlich auch fortsetzen."

"Verflucht", explodierte sie. "Und der Täter, der eine junge Frau so zurichtet, darf ungeschoren davonkommen!? In welcher Bananenrepublik leben wir eigentlich. Oder habe ich eine Grundgesetzänderung verschlafen, dass die Gewaltenteilung aufgehoben ist? In diesem sogenannten Europa ist ja mittlerweile wohl alles möglich, von milliardenschweren Rettungsschirmen bis zur Amnestie für Neonazis und Mafiosi." Steiner wusste, worauf sie anspielte, Hase noch nicht. Lene hatte sich als juristische Lieblingslektüre ausgerechnet das Verwaltungsverfahrensgesetz ausgesucht, das sie wörtlich zitieren konnte. Dazu sammelte sie alle Gerichtsurteile, Rechtsvorschriften und Literaturstellen zu diesem Gesetz, die sie zu fassen bekam.

"Lene!" - "Frau Schelm!" Steiner und Hase hatten wie auf Kommando gleichzeitig gesprochen, aber sie hatte die Nase voll. "Machen Sie Ihren Scheiß doch alleine!", fauchte sie los und stürmte aus dem Zimmer. Draußen auf dem Gang kämpfte sie dann mit den Tränen. Aber so weit kam das noch, dass die Kollegen sie weinen sahen. Diese Schwäche würde sie keinem zeigen.

Hase kam eine Viertelstunde später in ihr Zimmer, setzte sich ohne Aufforderung und sagte leise: "Ich habe einmal für meine Überzeugungen alles aufs Spiel gesetzt. Ein zweites Mal würde man mir das nicht mehr durchgehen lassen, und davor habe ich Angst, was ich gar nicht vertuschen will. Ihnen geschieht Unrecht, kein Zweifel. Und vorerst kann ich Ihnen nicht helfen. Sie haben nur mein Wort, dass ich Ihnen alles erklären werde, sobald man Steiner und mir freie Hand lässt. Es tut mir leid, Frau Schelm. Und Jule wird mir wegen meiner Feigheit den Kopf oder die Ohren abreißen." Damit ging er und stieß in der Tür beinahe mit Josef Kimmig zusammen.

"Hast du eine Sekunde private Zeit für mich, Lene?"

Am liebsten hätte sie ihn weggeschickt, aber sie riss sich zusammen. Was konnte Josef Kimmig für die Situation?

"Komm' rein!"

"Ich habe Verena gefunden."

"Ach nee."

"Genauer, eine Nachbarin hat sie zufällig in einem Regionalexpress getroffen. Verena wohnt in Bonn und arbeitet in einer Apotheke in Poppelsdorf."

"Sie arbeitet?"

"Ja, der andere scheint bereits das Weite gesucht zu haben."

"Dann war das aber ein kurzer Traum vom großen Glück."

"Sieht so aus, nicht wahr? Was soll ich jetzt tun, sie zurückholen?"

"Willst du das denn? Oder würdest du das nur tun, damit Lara bei dir bleibt?"

"Ich weiß es nicht. Und vor allem weiß ich nicht, ob Verena zu mir zurückkommen möchte."

"Könntest du ihr denn verzeihen?"

"Vielleicht. Aber ob sie die Kraft hat, nach dieser Niederlage mit mir zu leben? Wenn man sie so gedemütigt hat? Und sie weiß, dass ich es weiß?"

Solche Überlegungen hätte sie Josef, den Lene für etwas schlicht gestrickt hielt, gar nicht zugetraut. Aber er hatte völlig Recht. Wie musste sich Verena vorkommen, nach weniger als einem halben Jahr von dem Mann verlassen, für den sie ihre Ehe geopfert und ihr Kind aufgegeben hatte? Kimmig legte den Kopf schräg. "Kannst du nicht mal mit ihr reden? Bonn ist doch nicht aus der Welt, und Verena weiß, dass ich dir vertraue." Eigentlich hatte Lene im Moment andere Sorgen, aber die konnte sie dem Kollegen Josef nicht anvertrauen.

"Ich werde es mir überlegen, einverstanden?"

"Aber sicher! Danke, Lene."

Danach meldete Lene sich krank. Alle wünschten ihr gute Besserung und Steiner sagte, als sie sich verabschiedete: "Ich rufe Sie an, wenn dieser Mist hier aus dem Weg geräumt ist."

Die Tränen flossen erst hinter ihrer geschlossenen Wohnungstür. Lene wusste, dass sie nicht die Muster-Kriminalbeamtin war, die man als Vorbild allen Anfängern empfehlen konnte. Doch so was hatte sie noch nicht erlebt und, wie sie meinte, auch nicht verdient. Aber wer immer wollte und annahm, dass sie jetzt die Finger vom Fall Moretti ließ, hatte sich gründlich geirrt, so nicht mit Marlene Schelm.

Jule erklärte sich sofort bereit, ihr die gesamte Akte zuzumailen.

"Mein Kopf ist nicht krank, vielleicht mein Magen oder Darm", heuchelte Lene.

Schon eine Stunde später konnte sie den ersten Teil ausdrucken, und gegen Abend hatte sie eine Idee, einen typisch Leneschen Geistesblitz, den sie allerdings niemandem erläutern wollte - weil sie wusste, dass Jochen unterwegs war, rief sie ihn auf dem Handy an.

"Wo bist du jetzt?"

"In Schwed."

"Ich habe meinen Autoatlas im Moment nicht zur Hand."

"Macht nichts. Was kann ich für dich tun? Sag bitte nicht, das, was ich auch möchte."

"Könntest du dir eine Woche Urlaub nehmen und mit in ein Bad fahren? Ich bin krank gemeldet und muss mich unbedingt erholen."

"Etwas Ernstes?"

"Für mich ja, aber nichts Organisches."

"Schatz, ich rufe heute Abend zurück."

"Danke, Jochen." Lene fühlte sich gleich besser. Wenn alles glatt lief, konnte sie gut alleine leben, aber in schwierigen Momenten vermisste sie doch einen Menschen, mit dem sie reden und sicher sein konnte, dass er hilfsbereit, diskret und verschwiegen war.

Als sie Jule anrief, um sich für den zweiten Teil der Akte zu bedanken, sagte die: "Ich hatte einen merkwürdigen Anruf, Chefin. Ein Eberhard Ländl war am Telefon und wollte mit dem Beamten sprechen, der den Fall Moretti bearbeitet. Er hat das Bild in der Rundschau gesehen und gemeint, er könne vielleicht etwas zur Lösung beisteuern. Ich habe deinen Namen genannt, aber ihm gleich gesagt, dass du krank bist. Also nicht wundern, wenn er versucht, dich übers Telefonbuch zu finden."

"Danke, Jule."

"Willst du mir verraten, was zwischen dir und meinem Hoppelhasen vorgefallen ist? Er lässt die Ohren so weit hängen, dass er darüber stolpert, es ist ein wahres Trauerspiel."

"Tut mir leid, Jule, das geht nicht, das musst du ihn schon selber fragen."

Eberhard Ländl war ein hartnäckiger Mensch. Schon eine Stunde später klingelte ihr Telefon. "Guten Tag, Frau Schelm, sind Sie die Kriminalhauptkommissarin, die den Fall Moretti bearbeitet?"

"Das sage ich Ihnen vielleicht, wenn ich weiß, wer Sie sind."

"Entschuldigung, ich heiße Eberhard Ländl und habe mit Angelica zusammen Abitur am Max-Planck gemacht. Ihren Namen habe ich von einer Beamtin Jule Springer aus dem Präsidium."

Ins Präsidium konnte sie ihn nicht bestellen und sich mit ihm in ein Café zu setzen, hatte sie keine Lust.

"Wenn es Sie so zu einer Aussage drängt, schlage ich vor, Sie besuchen mich sofort. Ich wohne in der Colmarstraße 19."

Ländl klingelte eine halbe Stunde später, stellt sich sehr höflich vor und nahm dankend das Angebot eines Kaffees an. Er machte einen ernsthaften und zuverlässigen Eindruck und war, was Lene sofort für ihn einnahm, gründlich und sorgfältig rasiert.

"Erzählen Sie mir etwas über Angelica Moretti? Unser Problem ist, dass sie offenbar sehr auf Distanz bedacht war und nicht gern fremde Menschen an sich heranließ."

Ländl seufzte: "Leider."

"Darf ich daraus schließen, dass Sie ihr gerne nähergekommen wären?"

"Ja, dürfen Sie. Aber sie hat mich am ausgestreckten Arm verhungern lassen. Kein Kuss, keine Zärtlichkeiten, nichts. Sie wollte nicht."

"Nur bei Ihnen nicht oder prinzipiell nicht?"

"Nur bei mir. Ein anderer hatte mehr Erfolg."

"Und der hieß Holger mit Vornamen?"

"Woher wissen Sie?"

"Herr Ländl, wir waren nicht ganz faul, auch wenn die Rundschau den Eindruck erwecken will."

"Ja, mit Holger ist sie angeblich ins Bett gegangen. Aber danach hat sie ihn so schnell abserviert, dass ich mittlerweile den Verdacht habe, das hat sie nur getan, um was gegen die Gerüchte zu unternehmen, die da schon entstanden waren und umliefen."

"Welche Gerüchte?"

"Sie sei lesbisch, frigide oder ..."

"Oder was?"

Ländl wurde verlegen: "Auf dem Onanietrip."

"An so einer Schule wird recht unverblümt gelästert, was?"

"Das dürfen Sie laut sagen."

"War Angelica solches Geflüster nicht gleichgültig?"

"Nein, überhaupt nicht. Sie wollte dazugehören, nicht ausgegrenzt werden. Aber es fiel ihr so verdammt schwer, mal offen und herzlich zu sein. Viele Mitschüler mochten sie nicht und haben ihr vorgeworfen, sie halte sich für was Besseres."

"War das schon immer so?"

"Da muss ich wie Radio Eriwan antworten: Im Prinzip ja, aber ... Vielleicht zwei Jahre vor dem Abi muss was passiert sein. Ich weiß nicht, was, aber danach hat sie sich total verändert, wurde rechthaberisch und arrogant und unfreundlich. Die Mitschüler haben sich auf ihre Art gerächt, angefangen zu flüstern: die lesbische, frigide Zicke und so. Einiges davon ist ihr zu Ohren gekommen - es gibt ja immer beste Freundinnen, die dafür sorgen -, worauf sie noch unerträglicher wurde. Bis dahin war sie manchmal wenigstens locker, großzügig und hilfsbereit, danach kehrte sich fast alles ins Gegenteil um. Knausrig, geldgierig, immer auf Abwehr geschaltet, nie bereit, einem mal zu helfen. Dabei so selbstgerecht, dass man es nicht ertragen konnte."

"Was kann einen Menschen so verändern?"

"Also, wenn Sie mich fragen, war das ihre neue Freundin, die kam aus dem Irak oder dem Iran und hat hier in Deutschland Asyl beantragt und auch erhalten. Wie und womit sie Angelica so beeinflusst hat, weiß ich nicht."

"Angelica hatte also plötzlich ein Geheimnis?"

"Ja. Und sie hatte Angst."

"Vor wem, Herr Ländl?"

"Das weiß ich leider nicht."

"Haben Sie Angelica Moretti nie danach gefragt?"

"Nein, zu der Zeit war ich schon total abgemeldet. Auch Holger musste abziehen, sie hat sich dann einen neuen Freund zugelegt."

"Meinen Sie den Mann, mit dem sie tanzte?"

"Nein, mit dem lief wohl nichts. Nein, ein anderer, etwa zehn Jahre älter, ein langes Ende. Irgendwie sah der aus, als leide er Hunger."

"Mit dem Mann haben Sie Angelica Moretti gesehen?"

"Ja, allerdings nur einmal im Burgrestaurant. Was mich sehr verblüfft hat, Angeli aß nicht gern in Restaurants oder bei anderen Leuten, sie neigte zu Allergien und Hautausschlägen: Ich habe es zum Beispiel nie geschafft, sie in eine Eisdiele einzuladen. 'Ach, Eberhard, weißt du, was die da alles reintun? Lieber nicht'."

Lene musste lachen, was er gar nicht komisch fand.

"Aber mit diesem Hungerleider aß sie im Burgrestaurant?"

"Ja."

"Kannten Sie den Mann?"

"Nein."

"Würden Sie ihn wiedererkennen?"

"Vielleicht." Das klang nicht sehr sicher.

"Können Sie ihn beschreiben?"

"Na ja. Um die dreißig, groß, mager, dunkelhaarig und ein längliches Gesicht."

"Wissen Sie, was ein Identikit ist?"

"Ja, ich sehe fern."

"Richtig, Fernsehen bildet!", grinste Lene boshaft. "Trauen Sie sich zu, mit meiner Kollegin, mit der Sie heute telefoniert haben, ein solches Phantombild herzustellen?"

Ländl sah sie zweifelnd an, rieb sich das Kinn und sinnierte. Dann hellte sich seine düstere Miene auf. "Ich habe eine bessere Idee, Frau Schelm. An dem Abend, als ich die beiden zufällig im Burgrestaurant gesehen habe, wurde in dem Laden geknipst. Ein Fotograf ging durch das Restaurant, hat die Gäste befragt, ob er im Auftrag des Wirts Aufnahmen machen dürfe, auf denen sie unter Umständen dann zu sehen wären. Ob er zufällig Angelica und ihren Hungrigen geknipst hat, weiß ich nicht. Aber möglich ist es."

"Und wann war das? Ungefähr?"

"Spargel soll man doch nur in Monaten mit I essen, nicht wahr? April, Mai, Juni oder so. Ich würde denken, es war Anfang Mai dieses Jahres."

"Das wäre ja toll, Herr Ländl, haben Sie morgen Zeit, zu meiner Kollegin Jule Springer ins Präsidium zu gehen und ihr die Fotogeschichte aus dem Burgrestauraut zu erzählen?"

Ländl nickte, nicht gerade begeistert, aber glaubwürdig.

"Wissen Sie, dass Sie mir mit Ihrer Aussage einen riesigen Stein von der Seele genommen haben?"

"So lange Sie den nicht auf meine Füße und meine Hühneraugen fallen lassen, freut es mich, Frau Schelm."

Angelica hatte also ein Geheimnis gehabt, und obwohl Eltern meist die letzten waren, die von solchen Geheimnissen erfuhren, rief sie Aldo Moretti im Geschäft an.

"Ja", sagte der verwundert, "irgendwas war da, stimmt, aber Einzelheiten ...?"

"Keine Vermutung?"

"Frau Schelm, es hört sich gewiss seltsam an, wenn ausgerechnet ich anfange, auf Ausländer zu schimpfen ..."

"Stimmt", sagte Lene trocken.

"... aber Angeli hatte über ihre Computerfreunde eine Ausländerin kennengelernt, aus der sie ein großes Geheimnis machte, und seit sie diese Frau kannte, hat sie sich total verändert."

"Können Sie mir etwas mehr über diese Frau sagen?"

"Leider nein. Wir haben Angeli oft gebeten, sie möge diese neue Bekannte doch einmal mit nach Hause bringen, aber das wollte sie nicht. Sie ist auch immer ausgewichen, wenn wir Einzelheiten wissen wollten. Wir sind keine Kirchgänger, Frau Schelm, wir zahlen nur Kirchensteuer, und ich habe befürchtet, Angeli sei einer Sekte in die Finger gefallen. Was sie aber immer bestritten hat."

Jule versprach am Telefon, alles in die Wege zu leiten und ihrem Hasen keine Silbe davon zu erzählen. Dass Lene nicht daran dachte, den Fall ruhen zu lassen, musste man Jule nicht eigens erklären. Es hätte sie eher beunruhigt, wenn Lene die Anweisungen des Direktors befolgt hätte.

Jochen Pauly rief gegen 18 Uhr an, als sie gerade zusammenpackte. "Geht in Ordnung, Lene, erst einmal zwei Wochen maximal. Wohin fahren wir eigentlich?"

"Wir müssen eine Nacht in Bonn verbringen und dann nach Bad Rösel an der Ahr. Besorgst du die Zimmer?"

"Mach ich."

"Jochen, es wäre schön, wenn du in keinem Fall erwähnen würdest, welchen Beruf ich ausübe."

"Das verschweige ich aber nur, wenn du deine Dienstwaffe im Präsidium zurücklässt."

"Gebucht, mein Schatz. Pistole und Patronen bleiben hier."

"Wann soll ich kommen?"

"So rasch wie möglich."

Lene lag noch lange wach und grübelte darüber nach, was sie eigentlich an dem Fall Moretti so beschäftigte. Der scheußliche Mord an einem hübschen, intelligenten, aber schwierigen Mädchen? Oder die Geschichte einer recht abrupten Abnabelung einer zwar hochbegabten, aber auch egoistischen und nicht für alle Menschen leicht zu ertragenden Tochter? Wollte sie wirklich nur wissen, was mit Angelica Moretti geschehen war oder stand da im Hintergrund die noch nicht eingestandene Frage, was mit Tanja Schelm passiert war? Auch wenn nach den Schilderungen Angelica Moretti sich sehr von Tanja Schelm unterschieden hatte, es gab Gemeinsamkeiten, die über die simple Tatsache hinausgingen, dass es sich um zwei fast gleichaltrige Mädchen gehandelt hatte. Helga Moretti hatte zugegeben, dass sie ab einem bestimmten Zeitpunkt aus einem unbekannten Anlass ihre Tochter nicht mehr gekannt, nicht mehr erreicht hatte. Lene hätte geschworen, bis zu Tanjas 18. Geburtstag hätte sie ihre Tochter gekannt, aber die ersten Zweifel daran waren ihr gekommen, als sie selbst nachzuforschen begann, wohin Tanja so plötzlich verschwunden war. Da war es freilich schon zu spät. Ob sich Helga Moretti auch Vorwürfe machte, dass sie sich nicht intensiv genug um Verstehen und Verständnis bemüht hatte? Lenes Leben war immer stark von den täglichen Anforderungen ihres Berufes geprägt gewesen, aber wenn sie vor sich ehrlich war, hatte sie all die Möglichkeiten, die ihr nach und nach durch ihre berufliche Position und das geerbte Geld zuwuchsen, dazu genutzt, ihr Privatleben und sich selbst gegen Forderungen abzuschirmen. Es war ihr nicht leicht gefallen hinzunehmen, dass sich Freund Jochen von Anfang an geweigert hatte, über eine Trennung von seiner Frau zu reden oder Lene Hoffnungen zu machen. Sie hätten sich fast getrennt, als es zu einem wüsten Krach kam, weil er ihr mit Blick auf ihren steigenden Rotweinkonsum vorhielt: "Lene, wenn man eine Leere in sich spürt, kann man die nicht mit Alkohol auffüllen."

Der Satz hatte ihr geholfen, vom Burgunder keine - momentane oder dauerhafte - Erfüllung mehr zu erwarten.

Jochen Pauly traf am nächsten Tag schon gegen Mittag ein und bewunderte, was Lene alles auf dem Bett ausgebreitet hatte, um es in zwei großen Koffern zu verstauen. "Was hast du vor? Du willst doch nicht ernstlich auf Kur gehen?! Muss man da auch lange Kleider tragen?"

"Nur, wenn der Begleiter nicht vergessen hat, seinen Smoking einzupacken."

"Wo denkst du hin, damit laufe ich doch täglich herum! Und sonntags im Frack." Was natürlich übertrieben war, aber bei seiner Tätigkeit in Berlin als Interessenvertreter und Lobbyist zog er häufiger als andere Männer einen dunklen Anzug, ein weißes Hemd und eine dezente Krawatte an. Lene hatte gestaunt, als er ihr zum ersten Mal erzählte, wen er in Berlin alles kannte und mit wem er, wenn nicht täglich, dann wöchentlich zu tun hatte.

Also beichtete sie ihm ausführlich, was sie plante, zwischendurch half er ihr, das Bett weiter freizuräumen, weil das Sitzen auf Dauer doch zu anstrengend wurde und er darauf bestand, jene Hautpartien gründlich zu studieren, die Lene in Bad Rösel zu alter - und neuer - Schönheit zu erwecken gedachte. Weil er ganz genau wusste, wie er sie ärgern konnte, seufzte er zum Schluss: "Und ich hatte schon gehofft, wir müssten wieder die Schnüffelbrigade begleiten."

"Mit anderen Worten: Dich zieht es in die Stadt, um Pralinen zu kaufen. Ich bin dabei." Die Tränen flossen erst, als sie ihm ebenfalls ausführlich berichtete, was sie mit Jörg Steiner und Paul Hase erlebt hatte. "Das kannst du dir doch nicht gefallen lassen", wütete er, und sie musste ihn bremsen: "Erst wenn ich weiß, wer mich da warum ausbremsen will."

"Du meinst, die Bremser sitzen in Berlin?"

Davon war sie überzeugt, seit es Jule nicht gelungen war, den Fahrer des dunkelroten Mercedes mit dem Berliner Kennzeichen zu identifizieren.

"Hast du einen Verdacht?"

"Ja, eine Organisation, die in der Regel mit drei Buchstaben abgekürzt wird."

"Ich höre mich um!", versprach er feierlich und sah dabei doch ziemlich besorgt aus.

Auf der Autobahn, die zwar voll war, aber einigermaßen lief, erklärte Lene am nächsten Morgen, warum sie in Nordrhein-Westfalen (Bonn) und Rheinland-Pfalz (Bad Rösel) nicht einfach so als Polizistin auftreten konnte. Freund Jochen kannte sich in Bonn ganz gut aus, weil er dort mehrere Jahre gearbeitet hatte, als Parlament und Regierung noch am Rhein saßen, und er half Lene, in der Nähe des Poppelsdorfer Schlösschens eine Apotheke zu finden, versprach, ab 17 Uhr hier auf sie zu warten, stieg mit ihr aus und verbeugte sich vor dem Herrn Kekulé, dem er, wie er Lene erklärte, die das alles schon wusste, indirekt ein gutes Einkommen und einen ordentlichen Job im Verband der Mineralölwirtschaft verdankte.

Lene ging am Schloss und am Botanischen Garten vorbei. Sie hatte Josef nicht nach dem Namen der Apotheke fragen wollen. An der Kreuzung mit der Sebastianstraße gab es zwei Apotheken, sie ging auf gut Glück in die erste und erkundigte sich, ob hier eine Frau Verena Kimmig arbeitete.

"Nein, eine Frau Kimmig haben wir nicht."

"Vielleicht benutzt sie ihren Mädchennamen wieder, Verena Zopf."

"Ja, so, Moment." Die Apothekerin rief einer anderen weißbekittelten Frau zu: "Verena, Besuch für dich."

Verena Zopf wäre heute und war früher ohne diesen mutlosen, deprimierten Ausdruck eine hübsche Frau gewesen, aber so verbreitete sie eine Atmosphäre von Schwermut, versteckter Krankheit und permanenter Müdigkeit um sich herum.

"Ja, bitte?"

"Frau Zopf, mein Name ist Schelm, Marlene Schelm. Ich bin, wie Sie vielleicht wissen, eine Kollegin Ihres Mannes Josef, und der hat mir erzählt, dass Sie ihn verlassen haben und nach Bonn gezogen sind. Mir ist bei der Lektüre der Akten eine Idee gekommen und ich würde gern mit Ihrer Hilfe feststellen, ob ich mich geirrt habe. Meinen Sie, es wäre möglich, dass Sie sich heute Nachmittag ein paar Stunden frei nehmen und wir uns ausführlich unterhalten können?"

"Hat Josef Sie geschickt?"

"Nein, er weiß nicht, dass ich Sie hier besuche." Was ja so eine typische Halbwahrheit war. Nicht geschickt, aber gebeten, nicht heute, sondern irgendwann.

"Dann würde ich vorschlagen, wir gehen zu mir. Sind Sie gut zu Fuß?"

"Das kommt darauf an, wie weit und wie lange."

"Bei manierlichem Tempo eine halbe Stunde."

"Das ist in Ordnung."

"Ich habe kein Auto. Ich müsste mir hier einen Parkplatz mieten, und dazu langt das Geld nicht." Sie liefen tatsächlich eine halbe Stunde bis in die Lengsdorfer Kirchgasse. Lene begann schon unterwegs, den Boden vorzubereiten und erkundigte sich nach Laras Kinderkrankheiten. Wie erhofft kam Verena ins Erzählen. Mit dem Kind war alles gut gegangen; natürlich musste Lara die üblichen Kinderkrankheiten durchmachen und brachte später mit unschöner Regelmäßigkeit aus ihrer Schulklasse jede Erkältung, jeden Husten und jeden Schnupfen mit nach Hause. Das änderte sich, als es dem Kinderarzt endlich zu dumm wurde und er - zum Erstaunen der Eltern - Lara statt Tabletten Sport verordnete. Der Tochter machte Sport mächtig Spaß, sie wurde kräftiger und holte auf, was ihr bis dahin fehlte, und als sich zwei Vereine um sie bemühten, weil sie Ansätze zu ungewöhnlichen Leistungen an den Geräten zeigte, blühte sie auf, körperlich und seelisch. Das Lob ihrer Trainer tat ihr gut. In der Pubertät gab es einen Leistungseinbruch, was niemanden verwunderte oder beunruhigte, und danach war sie auf dem besten Wege, ein Nachwuchs-As im Geräteturnen zu werden.

"Waren Sie auch so sportbegeistert?"

Verena Zopf lachte: "Nein, das kann ich beim besten Willen nicht behaupten. Ich bin gerne ans Wasser gegangen, aber ein guter Platz zum Sonnen war mir immer wichtiger als ein Fünfzigmeter-Becken."

"Und wie war es mit dem andern Geschlecht, nachdem Lara die Pubertät hinter sich hatte?"

Sie saßen mittlerweile in der kleinen Wohnung und Verena Zopf lief zwischen Wohnraum und Küche hin und her, um Kaffee zu kochen und den Tisch zu decken. "Also, da habe ich mich manchmal gefragt, ob Lara wirklich meine Tochter ist oder im Krankenhaus vertauscht wurde. Ich war immer glücklich, wenn die Jungens hinter mir herliefen und ich habe sie gern dazu ermuntert. Auch der Josef soll in der Beziehung wohl ziemlich unkeusch gewesen sein. Aber unsere Tochter hatte kein Auge für Jungens, von Küssen und Knutschen und Kuscheln hielt sie gar nichts, wir haben oft gelästert, sie würde in einem Kloster enden, sobald man den Nonnen erlaube, Leistungssport zu betreiben und an Turnieren teilzunehmen."

"Frau Kimmig - oder wie soll ich Sie anreden?"

"Frau Kimmig ist schon okay. Was wollen Sie wissen?"

"Sie haben in einer Apotheke gelernt?"

"Ja, in der Bärenapotheke in Bad Rösel. In Bad Rösel bin ich geboren und zur Schule gegangen."

"Bärenapotheke ist ein etwas ungewöhnlicher Name, finden Sie nicht auch?"

Verena Kimmig gluckste. Den Namen verdankte sie einem Apotheker, der eine Salbe oder Creme, eine Art Wundermittel gegen faltige und schlaffe Haut, Schrunden, Pickel und Ekzeme entwickelt hatte. "Angeblich wurde das Wundermittel aus dem Fett von Bären gewonnen, die er in den Karpathen schießen ließ. Die Leute haben es nicht unbedingt geglaubt, ihn aber den 'Bärenapotheker' genannt; er konnte wohl gut fabulieren und man hat ihm gerne zugehört. Er ist übrigens mit seinem Bärenfett steinreich geworden."

"Und woraus bestand dieses Wunderzeugs nun wirklich?"

"Frau Schelm, ich müsste lange überlegen, ob ich die Bestandteile noch zusammenkriege. Aber ich habe, als ich den Lehrvertrag unterschrieb, auch unterschrieben, dass ich nie, nie die Rezeptur an Dritte weitergebe. Die meisten Bestandteile sind heimische Pflanzen und Wurzeln, nichts Tierisches und nichts Exotisches."

"Wird Bärenfett noch hergestellt?"

"Nicht nur in der Apotheke, sondern auch in einem pharmazeutischen Unternehmen. Aber seitdem funktioniert sie nicht mehr so gut, behaupten viele." Sie lachte: "Heute fehlt der Glaube an die karpathischen Bären aus der näheren Umgebung des Dracula-Schlosses."

"Kann sich der Apotheker nicht einen neuen Lieferanten ausdenken, zum Beispiel Tiefseekraken aus der Karibik?"

"Angereichert mit dem vorzüglichen, dort ausgelaufenen Öl aus der Bohrung im Golf von Mexiko?"

"Zum Beispiel. Dann könnte er seine Apotheke umbenennen in die Plattform-Apotheke."

"Der letzte Apotheker aus der 'Bärendynastie' ist meines Wissens vor drei oder vier Jahren gestorben. Ich habe bei ihm noch gelernt. Warum interessieren Sie sich so für das Bärenfett?"

"Wir hatten in Tellheim einen Mord an einer jungen Frau, deren Mutter - wie sie mir erzählt hat - große Probleme mit ihrer Haut gehabt hat, bis sie nach Bad Rösel kam und mit Bärenfett traktiert wurde. Der Tochter, die dieses Problem geerbt hatte, konnte auch mit Bärenfett geholfen werden."

"Die Tochter, die dann ermordet wurde?"

"Ja."

"Sie leiten die Mordkommission?"

"Die heißt heute schlicht Referat Elf, ja, ich bin die Leiterin."

"Und Josef arbeitet jetzt bei Ihnen?"

"Ja."

"Glauben Sie, er würde mich wieder aufnehmen?"

"Ich denke, schon. Er macht sich viel mehr Sorgen, ob Sie die Enttäuschung verkraften können."

"Das sieht ihm ähnlich. Josef ist, wie ich manchmal denke, zu gut für diese Welt. Der andere war zu schlecht für diese Welt oder ihre weiblichen Bewohner, also für meine Welt, aber er tat so, als könne und werde er mir alles bieten, was ich bis dahin vermisst hatte. Und ich Schaf habe ihm geglaubt. So einen Fehler hatte ich schon einmal begangen und nichts daraus gelernt." Sie sah an Lene vorbei und begann lautlos zu weinen. Sie wollte nicht getröstet werden.

Danach verabschiedete sich Lene schnell. Sie musste sich beeilen und kam trotzdem zu spät ans Poppelsdorfer Schlösschen, Jochen hatte warten müssen und einen Teil seiner guten Laune verloren.

"Stell' dich nicht so an!", befahl Lene. "Ich habe dienstlich viel Kaffee trinken müssen und dabei eine Menge über das wundersam heilende Fett karpathischer Braunbären gelernt."

"Und ich habe Hunger wie ein Bär nach dem Winterschlaf."

"Dann mal los."

Sie landeten in einem Restaurant am Markt und bummelte hinterher zum Schloss und zum Münster. Der Abend war mild und lau, der Sommer hatte nicht alle Erwartungen erfüllt, zog sich jetzt herbstlich elegant und mit erfreulich viel Sonne und Wärme in sein Winterquartier zurück.

Lene hätte sich mit dem ihr zustehenden Spesensatz so ein Hotel auf einer Dienstreise nicht leisten können, aber wenn man einen reichen Freund sein eigen nannte, durfte man den ruhig ab und zu ausbeuten, zumal er davon ja auch profitierte. Er bedankte sich mit einem wunderschönen Kompliment, als sie zu Bett gingen. "Da musst du dir aber Mühe geben."

"Wie meinst du das?"

"Kein Arzt wird dir glauben, dass du Probleme mit deiner Haut hast."

"Ich will einfach schöner werden."

"Und ich jünger. Lene, übertreibe nicht. Ich habe mich im Internet kundig gemacht: Das Wasser, in dem man baden soll, stinkt nach Schwefelwasserstoff, sprich: faulen Eiern."

"Eine Hauptkommissarin, die schon einmal eine volle Ladung Buttersäure abbekommen hat, steckt so ein paar angefaulte Eier mit links weg."

"Du ja, mein Schatz. Und ich?"

"Du musst lernen, dass man mich nicht ohne Opfer haben kann."

"Jetzt auch nicht?" Sie würde sich lieber die Zunge abbeißen als ihm gestehen, dass sie diese albernen Dialoge vermisste, erst recht, wenn die in eine Aktivität mündeten, die sie beide mochten. Wenn er teures fleur du ciel kaufen konnte, um die Ermittlungen in einem Mordfall voranzutreiben, konnte er sich auch ein Parfüm für die Ermittlerin nach deren Bad in geruchsintensivem Schönheitswasser leisten. Für wen nahm sie denn den Gestank auf sich?

Nach Bad Rösel brauchten sie keine Stunde. Es war ein Tag mit einem Wetter, das man nicht besser bestellen konnte, angenehm warm, wolkenlos blauer Himmel, windstill. So hätte der ganze Sommer sein sollen. Auf der Höhe hielten sie kurz an, bevor sie ins Tal hinunterkurvten. Bad Rösel erstreckte sich im Tal entlang der Ahr und war links und rechts bereits an den Hängen hochgewachsen. "Sehr schön", murmelte er zu Lenes Erstaunen. Freund Jochen war ein Flachlandindianer, der den Harz als "Gebirge" bezeichnete und nicht verstehen wollte, warum man Wein an Berg- und Hügelhängen statt bequem in flachen Gärten anbaute.

Das Hotel hatte ihnen ein sehr ordentliches Zimmer reserviert, sie räumten ihre Koffer aus und stromerten dann durch den Ort, der keine großartige Unterhaltung versprach; mondänes Bad- und Kurleben schien hier nicht stattzufinden. Aber der Kurpark war hübsch, gepflegt und mit vielen Bänken ausgestattet. Außerdem großzügig mit diskreten Werbetafeln für Bärenfett bestückt.

Sie plünderten das Frühstücksbuffet, als würden morgen die berühmten sieben mageren Jahre anbrechen. Die junge Dame an der Rezeption riet Lene, zuerst einen Badearzt aufzusuchen, der ihr ein Programm zusammenstellen könne. Lene entschied sich für eine Ärztin, die sie des langen und breiten nach Krankheiten, Allergien, Operationen und sonstigen Beschwerden ausquetschte und mit Lenes unspezifischer Klage "Es juckt manchmal so komisch" wenig anfangen konnte, zumal Lene behauptete, es gebe keine Stelle, an der dieser Juckreiz besonders häufig oder besonders schmerzhaft auftrete. Die Brünette mit der schmalen Goldbügelbrille hütete sich, das Wort psychosomatisch oder den Begriff hysterisch auszusprechen - wenn eine Privatpatientin sich unbedingt auf eigene Kosten in warmes, riechendes Wasser legen wollte, blieb ihr das unbenommen. Nur eines interessierte sie: "Wie kommen Sie ausgerechnet auf Bad Rösel?"

Lene hörte meistens rechtzeitig die Glocken läuten: "Ich habe in Bonn in meiner Apotheke eine junge Frau kennengelernt, die hier in Bad Rösel geboren ist und hier in einer Apotheke gelernt hat. Sie meinte, ich sollte es doch mal in ihrem Heimatort probieren. Und wenn die Bäder nicht anschlügen, müsste ich es mal mit Bärenfett versuchen. Gib es das tatsächlich? Bären im Ahrtal?"

"Doch, ja", bestätigte die Brünette gelassen. "Hier in der Gegend wird viel Rotwein angebaut und nach dem Genuss mehrerer Flaschen begegnen einem auf dem Heimweg schon mal Braunbären."

"Die kenne ich auch", räumte Lene vergnügt ein. "Meine brummen allerdings Französisch und kommen aus Burgund."

"Auch sehr schöne Tiere", meinte die Ärztin lakonisch und zwinkerte Lene zu. Über einen möglichen Zusammenhang von Juckreiz und Alkoholmissbrauch verlor sie kein Wort.

"Hat diese Art des Bärenfetts positive Wirkungen auf die Haut?"

"Kurzfristig ja, weil es die Durchblutung fördert. Langfristig ist davon eher abzuraten."

"Und wie kommt es dann zu dem Markennamen Bärenfett?"

Die Ärztin hatte Zeit und erzählte ihrer selbstzahlenden Patientin Lene, was ihr Verena Kimmig schon berichtet hatte, fügte allerdings hinzu, dass Urgroßvater Heinrich Rönsch, der fantasievolle Begründer der Bärenfett-Dynastie, die Wunderwirkung seiner Salben und Öle damit begründet hatte, dass alle geschossenen Bären aus dem Umfeld des Schlosses Bran stammten.

"Der Glaube versetzt doch wirklich Berge", pflichtete Lene bei.

"Und Pickel und leichtere Ekzeme."

"Gibt es diese Bärenapotheke noch?"

"Aber ja! Wo, sagten Sie, sind Sie abgestiegen?"

"Im Heimbacher Hof."

"Von Ihrem Hotel keine drei Minuten Richtung Bahnhof und Badehaus. Der letzte Bärenapotheker ist allerdings vor drei Jahren gestorben."

"Und der hieß auch noch Rönsch?"

"Ja, Markus Rönsch."

Lene beschloss, vorerst nicht weiter zu fragen; sie wollte auf keinen Fall die Ärztin misstrauisch stimmen. Sie bekam ihr Bade- und Anwendungsprogramm, vorerst für eine Woche, bezahlte die Sprechstunde und spazierte gut gelaunt Richtung Hotel. Tatsächlich, wenige hundert Meter vor ihrem Hotel stand eine prächtig erhaltene und renovierte Villa aus der Gründerzeit, Bärenapotheke.

Lene verspürte ihre gute Laune und trat unternehmungslustig ein. Über mangelnde Kundschaft konnte die Apotheke nicht klagen. Es dauerte eine Weile, bis Lene ihren Wunsch loswurde: "Einmal Sprudelaspirin bitte und, wenn möglich, eine Auskunft über eine Kollegin, die hier vor etwa zwanzig Jahren gearbeitet hat."

"Die Tabletten bekommen Sie sofort, auf die Auskunft müssen Sie bitte warten, bis ich eine Kollegin aus dem Labor holen kann, die schon vor zwanzig Jahren hier gearbeitet hat. Sie rührt gerade eine Salbe an, und den Vorgang darf man nicht unterbrechen."

"Kein Problem", sagte Lene geduldig und verkniff sich die Frage, ob es sich bei der Salbe um Original transsylvanisches Bärenfett aus den Karpathen handele. Nach gut zwanzig Minuten kam eine grauhaarige Frau in den Verkaufsraum und ließ sich von der Kollegin die wartende Kundin Lene zeigen. Sie gaben sich die Hände: "Guten Tag, ich heiße Kaufmann, Ilse Kaufmann."

"Angenehm, Marlene Schelm. Ich würde mich gerne nach Verena Zopf erkundigen, die ich mal vor Ewigkeiten im Urlaub kennengelernt habe."

Ilse Kaufmann sah sie verblüfft an. Sie war sicherlich an die sechzig Jahre alt, hatte ein glattes Gesicht, das heute noch verriet, dass sie einmal eine strahlende Schönheit gewesen war, der die Männer sicherlich scharenweise zu Füßen gelegen hatten. Jetzt kniff sie allerdings die Lippen zusammen. "Frau Schelm, richtig ...?"

"Ja. Marlene Schelm."

"Ich will Ihnen gerne erzählen, was ich über Verena Zopf weiß, aber das ist eine längere Geschichte. Hätten Sie heute Abend vielleicht Zeit?"

"Ich richte mich ganz nach Ihnen. Ich wohne im Heimbacher Hof."

"Dann würde ich gerne kurz nach 18 Uhr bei Ihnen im Hotel vorbeikommen."

"Gerne, Frau Kaufmann."

Lene ging ins Hotel, etwas verwundert über die Bemerkung, Verena Zopf sei eine "längerere Geschichte". Sie musste aufpassen, dass sie sich nicht in eine ihrer Ideen verrannte.

Auf ihrem Zimmer entschloss sie sich, kurzen Prozess zu machen. Im Telefonbuch für Bad Rösel war ein Wilhelm Zopf vermerkt. Lene rief die Nummer an, eine heisere Frauenstimme stellte sich mit "Hallo" ein, der nach Lenes Erfahrung mittlerweile der häufigste Familienname Deutschlands war. Sie reagierte angemessen und sagte kurz: "Guten Tag, ich hätte gerne Verena gesprochen."

Die jetzt hüstelnde Frau fragte: "Mit wem spreche ich denn?"

"Das sage ich gerne, sobald ich weiß, mit wem ich denn spreche, Oder heißen Sie tatsächlich Hallo?" Nach einer kurzen Bedenkpause wurde aufgelegt. Lene grinste in sich hinein und überlegte, wie ernst sie den Hinweis auf Badewasser mit dem Geruch von faulen Eiern nehmen sollte. Da die Hoteldirektion nicht verabsäumt hatte, einen weißen Bademantel in den Schrank zu hängen und ein Paar Frotteelatschen dazuzulegen, schloss Lene messerscharf, dass sich im Hause ein Schwimmbad befinden müsse. Einen Badeanzug hatte sie mitgebracht, und weil es zu ihrem Beruf gehörte, sich zurechtzufinden, entdeckte sie im Fahrstuhl auf Anhieb den Knopf mit der Bezeichnung Pool & Wellness. Dort roch es nicht nach Schwefelwasserstoff, sondern wie üblich nach Chlor. Sie stürzte sich in die Fluten und freute sich, wie leer es war. In der Wand des Nichtschwimmerbeckens waren Düsen eingelassen, aus denen Wasser unter hohem Druck hervorschoss, wenn man den richtigen Schaltknopf fand und bediente. Lene experimentierte und entschloss sich zu einer Stelle auf ihrem Rücken, auf der es ab und zu heftig jucken mochte. Etwa eine Stunde später erschienen noch andere Badegäste, darunter eine gertenschlanke Blondine mit einer Idealfigur, einem - wie Lene neidvoll dachte - hinreißenden Busen, und die ganz Pracht in einem minimalistischen weißen Bikini verstaut, der trotz der Schwimmbewegungen an den vorgesehenen Stellen sitzen blieb und auf der tiefbraunen Haut Assoziationen an Sonne, Palmen, südliches Meer und weißen Sand-Strand wachrief. Die anwesenden Männer verschlagen sie mit Blicken. Ihr Gesicht kam Lene irgendwie bekannt vor, so, als habe sie vor langer Zeit eine Fotografie der Blonden gesehen. Einmal stieß sie ungewollt mit der Schönen zusammen, die sehr höflich "Entschuldigung" sagte und Lene zulächelte. "Zwei Schönheiten unter sich", dachte Lene, die nicht an Minderwertigkeitskomplexen litt.

Den Nachmittag verbrachte sie im Kurpark und mit einem Ortsbummel. Sie ging rechtzeitig zurück und saß im Zimmer neben dem Telefon, als es klingelte. "Frau Schelm? Guten Abend, hier Ilse Kaufmann, ich bin jetzt unten an der Rezeption."

"Danke, ich komme sofort runter zu Ihnen."

Weil der liebe Jochen sich immer noch irgendwo herumtrieb, schrieb sie ihm einen Zettel: "Bin dienstlich unterwegs, kann spät werden, habe mein Handy dabei."

Ilse Kaufmann nahm die Einladung zu einem frühen Abendessen an, sie setzten sich in das Hotelrestaurant und wählten einen Tisch aus, an dem niemand zuhören konnte. Ilse Kaufmann sah abgespannt aus, sie bemerkte Lenes Blick und sagte ohne Zögern: "So ein Achtstundentag im Laden und im Rezeptorium schlaucht mich inzwischen ganz schön."

"Müssen Sie noch lange arbeiten?"

"In zwei Jahren kann ich aufhören; und Sie?"

"Regulär müsste ich noch 14 Jahre. Mal sehen, wie's so läuft, mit der Gesundheit und mit den Kollegen." Für sich fügte sie hinzu: "Und was sich Jochen vorstellt."

Die Bedienung brachte die Speisekarten und Ilse Kaufmann empfahl einen Rotwein aus der Gegend. "Der Jahrgang hatte genug Sonne, was leider nicht immer der Fall ist", verriet sie noch. "Frau Schelm, würde Sie mir bitte sagen, in welchem Verhältnis Sie zu Verena Zopf stehen?"

"Eigentlich in gar keinem. Vor siebzehn oder achtzehn Jahren habe ich Verena im Urlaub auf den Kanarischen Inseln getroffen. Drei, vier Tage schien es eine echte Freundschaft zu werden, dann lief uns ein junger Mann aus der Gegend hier über den Weg, und ich war bei Verena abgemeldet. Als ich mich verabschiedete, um nach Deutschland zurückzufliegen, meinte sie ganz treuherzig, es wäre doch nett, wenn ich einmal bei ihr vorbeikäme; das Ahrtal wäre sehr hübsch. Na ja, man sagt so zu, aber bis jetzt hatte ich nie ernsthaft daran gedacht, Verena zu besuchen. Mein Freund hatte in Bonn zu tun und hat vorgeschlagen, wir sollten ein paar Tage gemeinsamen Urlaub dranhängen. So bin ich hier gelandet, im Tal des Rotweins und der Braunbären."

"So ist das also. Ich habe schon in der Bärenapotheke gearbeitet, als Verena Zopf ihre Lehre anfing. Sie war ein hübsches, freundliches, flinkes, aber vielleicht etwas naives Mädchen. Zu der Zeit hatte ich ein Verhältnis mit Markus Rönsch."

"Markus Rönsch ...?"

"Markus war der 'Bärenapotheker'. Ein ausgezeichneter Geschäftsmann, ein noch besserer Liebhaber, außerdem ein gewaltiger Schürzenjäger. Ob er was von Pharmazie verstand, spielte keine Rolle. Ich habe mir damals nichts vorgemacht, auch nicht von Dauer oder Liebe oder Treue geträumt. Diese Wörter konnte er alle nicht buchstabieren. Er war damals das, was die Illustrierten einen unwiderstehlichen Frauenhelden nannten. Mädchen und junge Frauen sind ihm nur so in die Arme geflogen und er hatte nie gerne eine willige Hübsche zurückgewiesen. Das wusste ich alles, auch, dass er vor mir eine ernste Affäre mit einem Kurgast gehabt hatte, die ihm wohl erfolgreich vorgeflunkert hatte, sie würde erst noch heiraten."

"Verena Zopf hat er auch nicht zurückgewiesen?"

"Nein, sie war ungemein beeindruckt von Markus. Von dem Mann und seinem Geld. Und da begannen die Probleme. Minderjährig und abhängig im Sinne des Gesetzes. Ich habe ihn wohl einmal zuviel gewarnt, er handele sich unnötige Schwierigkeiten ein. In Bad Rösel liefen immer genug attraktive Frauen alleine herum - zu der Zeit habe ich zum ersten Mal das Wort 'Kurschatten' in einer Illustrierten gelesen - warum eine minderjährige Abhängige mit hier wohnenden Eltern, die ihm viel Ärger machen konnten?"

"Das war wohl einmal zu viel gewarnt?"

Ilse Kaufmann antwortete nicht gleich, weil die Bedienung das Essen servierte. Erst hinterher nickte sie: "Er brauche keine Gouvernante und die anderen Gefühle empfinde er für mich sowieso schon nicht mehr."

"Ein liebenswürdiger Mann."

"Tja, das war der Anfang vom Ende."

"Und wie ist es mit ihm und Verena weitergegangen?"

"Das weiß ich nicht. Verena und Markus haben nicht mehr mit mir gesprochen. Vielleicht schliefen sie miteinander, vielleicht auch nicht, ich weiß es nicht. Wahrscheinlich hat sich Verena was erhofft, sie war, wie gesagt, noch naiv und voller Träume, aber darüber hat sie nie ein Wörtchen verloren."

"Und wie ging das Ganze zu Ende?"

"Unter Umständen gar nicht. Sie hat Examen gemacht und ist in Urlaub gefahren."

"In dem Urlaub habe ich sie kennengelernt, auf Lanzarote, und sie hat erzählt, dass ihr die Familie den Urlaub geschenkt hatte für das gute Schlussexamen."

"Ja, sie war ein tüchtiges und fleißiges Mädchen. Der Chef wollte sie auch übernehmen. Aber nach Ende ihres Urlaubs ist Verena nicht mehr zur Arbeit erschienen und einige Tage später hat Markus verkündet, Verena habe fristlos gekündigt, was er angenommen habe. Er wünsche jetzt, den Namen Verena Zopf nicht mehr zu hören."

"Aber er ist danach nicht lange solo geblieben?"

"Nein, nie. Wissen Sie, er hat mich nie so interessiert, dass ich versucht hätte, über seine One-Night-Stands Buch zu führen. Nur wenn er selbst davon erzählte, was er übrigens gerne tat - der Hahn krähte und warf sich in die Brust - habe ich davon was mitbekommen."

"Was macht Markus Rönsch heute?"

"Er ruht sich auf dem Friedhof aus. Vor dreieinhalb Jahren an Krebs gestorben."

"Warum hatte er nie geheiratet?"

"Soll ich's freundlich begründen oder so drastisch, wie er es mir gegenüber mal getan hat?"

"Ganz, wie Sie mögen."

"Warum nur an einer Blüte Nektar saugen, wenn das ganze Feld voller Blumen steht?"

"Hatte er noch Verwandte?"

"Ja und nein, seine Eltern - die waren inzwischen tot - aber eine Schwester, mit der er sich überhaupt nicht verstand; ich habe sie mal kennengelernt. Ist Ihnen der Ausdruck 'Gewitterziege' ein Begriff? "

"Aber ja."

"Ulika Rönsch war eine Taifunziege. Ist es vielleicht noch, aber sie hat geheiratet und ist mit Mann und Kind weggezogen. Markus war übrigens eingeladen, ist aber nicht zu der Hochzeit gegangen. In der Apotheke hat er lauthals erklärt, es könne es nicht ertragen zuzusehen, wie ein harmloser Irrer seinen Kopf freiwillig unter die Guillotine lege und dann darum bettele, das Messer fallen zu lassen."

"Was man seiner Schwester sofort hintertragen hat?"

"Natürlich, brühwarm. Wir leben in einer Kleinstadt."

"Dann ist dieser feinfühlige Mensch alleine und einsam gestorben?"

"Da irren Sie sich gewaltig, er hatte ein ziemliches Vermögen aufgehäuft, auf das einige Frauen bis zum Schluss spekuliert haben."

"Wer hat es denn dann geerbt? Die Schwester?"

"Nein, die hatte schon vor seinem Tod rechtskräftig auf das Vermögen verzichtet, von so einem Widerling wolle sie keinen Cent annehmen. Daraufhin hat er ein Testament gemacht und alles seinem Neffen Achim vererbt, obwohl er von dem gar nicht begeistert war."

Lene zauderte, sie hatte sich schon ziemlich weit vorgewagt, aber weil Ilse Kaufmann sich gerade ihr Glas nachfüllte, riskierte sie eine letzte Frage.

"Was ist aus der Apotheke geworden. Wem gehören die Bären und ihr Fett heute?"

"Die hat er noch kurz vor seinem Tod verkauft. An eine Apothekerin, die erstaunlich wenig zahlen musste, weil Markus mit ihrer Schwester bis zu seinem Tod innig verbandelt war."

"Es blieb sozusagen in der Familie?"

"Im Bett", korrigierte Ilse Kaufmann unfreundlich, und Lene verzichtete darauf, sich diese etwas kryptische Bemerkung präzis übersetzen zu lassen. Ilse Kaufmann konnte ihr viel erzählen: Sie hatte das kränkende Ende der Affäre mit dem Bärenapotheker Markus noch lange nicht verwunden und ihre Hinweise auf den minderjährigen und abhängigen Lehrling Verena Zopf hatte Lene genau registriert. Die beiden Frauen verabschiedeten sich wie gute Bekannte und Lene versprach, im Laufe der Woche, für die sich einen Badeplan besorgt hatte, auf jeden Fall noch einmal in der Bärenapotheke vorbeizuschauen.

Jochen Pauly war inzwischen eingetrudelt. Er saß vor dem Fernseher, rings um ihn herum lagen leere Packungen von Erdnüssen, geräucherten Mandeln und Salzstangen aus der Minibar. Er hatte auch in die Flüssigkeitsbestände der Minibar größere Lücken gerissen.

"Warum hast du nicht angerufen?"

"Ich habe dich mit einer fremden Frau im Restaurant gesehen und wollte nicht stören."

"Zu rücksichtsvoll. Und jetzt hast du noch Durst?"

"Und Hunger vor allem. In diesem fürnehmen Schuppen gibt es bestimmt einen Zimmerservice."

"Ich habe mit der fremden Frau einen sehr passablen Rotwein getrunken. Davon könntest du noch eine Flasche bestellen - und für dich ein Clubsandwich. Was hast du denn den ganzen Tag getrieben?"

"Ich bin Eisenbahn gefahren."

"Sag bloß!"

"Doch doch, ich habe den Wagen in Remagen stehen lassen und bin das Ahrtal einmal rauf und runter gefahren."

Sie schüttelte den Kopf. "In jedem Mann steckt wirklich ein Kind."

"Und in jedem Kind der frühere Berufswunsch Lokführer. Du siehst, ich habe mich völlig logisch verhalten."

Sie hatte ihm ja gestanden, warum sie mit ihm ausgerechnet nach Bad Rösel fahren wollte. "Bist du ein Stück weitergekommen?"

"Wie man's nimmt. Wenn man jeden Klatsch und Tratsch als Wahrheit betrachte dürfte, wäre ich sogar recht weit gekommen." Die Flasche gab viel zu schnell nur noch die berühmten dreizehn Tropfen her; sie widerstanden der Versuchung, noch eine zu bestellen und er inspizierte im Bad gründlich die Stelle, die nach Lenes Willen ab und zu heftig juckte.

Nach dem Frühstück trennten sich ihre Wege. Er wollte einen alten Studienfreund in Ludwigshafen besuchen und sie beauftragte ihn, einmal von der 61 abzubiegen und Bad Dürkheim oder Neustadt/Südliche Weinstraße anzusteuern, um luftdicht eingeschweißten Saumagen und Leberknödel zu besorgen. "Ich kann auch nach Maikammer oder Edenkoben weiterfahren und mich nach trinkbarem Weißwein umsehen."

Lene winkte dankend ab. Erstens hatte sie Angst, die dafür nötigen Probeschlucke könnten auf der Heimfahrt zu einem Malheur oder zu einer Kollision mit einem Ahrtal-Bären führen und zweitens war sie Rotweintrinkerin; wenn schon, dann sollten ihr im Dunkeln Braunbären und keine Eisbären begegnen. Er war über Mittag noch durch Heimbach gelaufen - "sehr hübsch, aber zu viele Touristen" - und hatte unter anderem ein Verzeichnis der sehenswerten Burgen und Kirchen besorgt. Langweilen würden sie sich nicht.

Weil das Bäderhaus erst um zehn Uhr seine Pforten öffnete, fragte sich Lene zum Friedhof durch, der nicht sehr groß war. Trotzdem brauchte sie fast zwanzig Minuten, das Grab von Dr. Markus Rönsch zu finden. Nach den beiden eingemeißelten Daten war er vor drei Jahren gestorben und hatte es auf 55 Lebensjahre gebracht.

Ilse Kaufmann hatte gestern noch eine boshafte Bemerkung über ihren Apotheker abgelassen. Rönsch hätte trotz seines Krebses einiges älter werden können, wenn ihn der freie Zugang zu Viagra nicht immer wieder dazu verleitet hätte, seine Kräfte zu überfordern. "Bärenstark"; Lene verbiss sich ihre Schulweisheit, dass Bären zu den Tieren gehören, deren Stimmung sich nicht in ihrem Gesichtsausdruck widerspiegelt.

Das Grab war weder groß noch pompös, sondern eher bescheiden und gut gepflegt. Jemand hatte vor wenigen Stunden frische Blumen in eine Grabvase gesteckt, auf dem Hauptweg war eine Gärtnerbrigade damit beschäftigt, die rote Asche zu harken und Abfälle aufzulesen.

Das Badehaus war eine angenehme Überraschung, groß, modern, hell und absolut frei von jedem Faulen-Eier-Odeur. Eine Rothaarige, die als Hobby Gewichtheben zu betreiben schien, studierte Lenes Anweisung und meinte freundlich: "Bleiben Sie zu Anfang nicht länger als eine Viertelstunde in dem Warmbecken. Vermeiden Sie es, Wasser zu schlucken, es schadet Ihnen nicht, aber möglicherweise wird Ihnen davon übel. Nach dem Warmbecken sollten Sie zwanzig, dreißig Minuten im Normalbecken schwimmen." Sie musterte Lene ausgiebig und meinte dann irgendwie treuherzig. "Bei Ihnen besteht ja auch keine Notwendigkeit, überflüssige Pfunde abzutrainieren." Das war eines der selteneren aufbauenden Komplimente, die Lene so liebte und ihrer Meinung nach viel zu selten zu hören bekam.

Mit der Nase dicht über der Wasseroberfläche ließ sich doch ein Geruch wahrnehmen, der Lene nicht gefiel. Beim Schwimmen behielt sie die große Uhr über dem Durchgang in den Wellnessbereich im Auge und wunderte sich, dass sich schon nach zehn Minuten Bewegung in der lauwarmen Brühe erste Anzeichen von Müdigkeit meldeten. Sie stieg aus dem Becken und ging auf den Durchgang zu, an dem auch die Duschen lagen. Nur vier Personen spülten sich den Geruch des Warmbeckens ab.

"Hallo", sagte eine helle Frauenstimme neben ihr. Lene fuhr herum und brauchte einen Moment, die Aufsehen erregende Blondine von gestern unter der Dusche zu erkennen.

"Hallo", sagte sie überrascht. Heute steckte "Miss Ahrtal" in einem schwarzen Bikini, der sich auf ihrer braunen Haut nicht weniger gut ausmachte als das weiße Modell von gestern.

"Das Wasser hat es in sich, wie? Schlapp nach zehn Minuten, ich habe es auch nicht geglaubt."

"Ja. Haben Sie eine Ahnung, woher das kommt?"

"Ich habe mir beim Eingang ein Heftchen besorgt, da soll alles drinstehen und alles erklärt sein."

Lene nickte. Wahrscheinlich würde sie nichts verstehen und später die Hilfe des Blonden Giftes brauchen. Die Duschen versiegten, sie gingen in das Normalbecken, was auch noch immer angenehm warm war, aber sehr viel kühler wirkte. Die meisten Kurgäste zogen es vor, das Schwimmbecken links liegen zu lassen und Richtung Kabinen zu verschwinden. Lene und die Blondine konnten gewaltig ausholen und gerieten unmerklich in eine Art Wettschwimmen.

"Trainieren Sie regelmäßig?", wollte die Blondine wissen.

"Nein, gar nicht mehr", antwortete Lene ehrlich. Bevor sie Arno kennengelernt hatte und schwanger wurde, war sie oft zum Schwimmen gegangen, weil es ihr Spaß machte; hinterher, vor allem zu Anfang des Wach- und Wechseldienstes, war sie gar nicht mehr dazu gekommen. Immerhin reichte es noch mitzuhalten: Bei einem Wettkampf hätten sie in derselben Zehntelsekunde angeschlagen und stiegen deshalb nebeneinander aus dem Wasser.

"Wohnen Sie auch im Heimbacher Hof?"

"Nein. Ich benutze nur das Schwimmbecken, weil es angenehmer ist als das Bäderhaus. Ich heiße übrigens Laura Kühne."

Das gefiel Lene nun weniger. Sie mochte diese überfallartigen Verbrüderungsszenen nicht, aber erstens schienen sie heute bei Jüngeren ohnehin normal zu sein und zum anderen wollte sie nicht unhöflich sein. "Marlene Schelm", erwiderte sie deshalb ruhig.

Laura hatte wohl gemerkt, dass ihr die ganz große Herzlichkeit nicht entgegenschlug und fragte deshalb bald: "Kommen Sie morgen wieder zum Kurbad?"

"Ja, ich muss. Im Rücken gibt es eine Stelle, die manchmal ganz scheußlich juckt und schmerzt, aber Bandscheiben und Becken und Nieren sind angeblich tipp topp. Nun ist die Haut dran. Denn zum Kratzen ist der Arm zu kurz."

"Dann bis morgen. Tschüss, Lene."

Damit bog sie nach rechts ab und verschwand in einem Gebäude-Eingang. Lene sah ihr mit gerunzelter Stirn nach. Die schöne Laura war neugierig und, wie Lene es beurteilte, auch aufdringlich. Beides schätzte sie nicht sehr. Dann fiel ihr etwas an dem Eingang auf, sie machte kehrt und schielte um die Ecke in den kurzen Gang, der vor einer Glastür mit aufgeklebten Buchstaben endete. Wilhelm & Victor Zopf, Fitness-Training, Medizinische Massage, Kranken-Gymnastik. Physiotherapie und Ergotherapie. Ob Laura hier arbeitete? Eigentlich hatte Lene den Eindruck gewonnen, dass die schöne Laura keinem Beruf nachging, vielleicht sorgte ein betuchter Ehemann für ihr Wohlergehen. Und wenn sie sich an Lauras Figur erinnerte, fand da kein systematischer Muskelaufbau statt, und die Eigentümer-Namen dieses Multifunktionsgeschäftes konnte Zufall sein. Aber Lene mochte aus Erfahrung keine Zufälle. Unschöne Gedanken wälzend ging sie ins Hotel zurück. Bis zu Jochens Rückkehr langweilte sie sich ziemlich und stellte zornig fest, dass sie einen selten dämlichen Roman eingepackt hatte, den eine Rezensentin über den grünen Klee gelobt hatte. Lene war eine entschlussfreudige Frau, also besorgte sie sich die Anschrift des Senders, Briefpapier und -umschlag, eine Briefmarke und richtete ein gepfeffertes Schreiben an die Redaktion. Die völlig abstruse Empfehlung einer momentan wohl geistesverwirrten Mitarbeiterin habe sie dazu gebracht, 25 Euro 90 für einen gebundenen, schlecht gedruckten und fehlerreichen Schwachsinn auszugeben. Sie verlange einen Teil ihrer Gebühren zurück.

Natürlich wusste sie, dass sie damit keinen Erfolg haben würde, aber es vertrieb die Zeit und - so hoffte sie - der Brief werde doch irgendwie auf dem Schreibtisch einer/s Zuständigen landen und den/die für zwei, drei Minuten ärgern. Lene hielt es mehr mit dem Alten als mit dem Neuen Testament - Auge um Auge, Ärger um Ärger.

Als sie Jochen abends ihre Heldentat beichtete, tippte der sich an die Stirn, war aber nicht überrascht; schließlich kannten sie sich schon einige Zeit. Gar nicht lachen konnte er über Lenes Begegnung mit Laura und deren möglichen Kontakt zu einer Familie Zopf.

"Im Wort 'Zufall' steckt immer das Wort für einen unter Umständen schmerzhaften Sturz", dozierte er mit erhobenem Zeigefinger ...

"Wie Recht du hast, mein Schatz. Bleib künftig also in meiner Nähe und verpeste nicht die Atmosphäre mit langen Autofahrten. Hast du an meine Einkäufe gedacht?"

"Lene, ich hätte nie gewagt, dir hier ohne Saumagen, Knödel und Kraut wieder unter die Augen zu treten. Da ich gestern die Minibar geleert habe, können wir die Sachen kühl lagern. Und jetzt habe ich Hunger." Dass die Minibar wieder aufgefüllt worden war, schien ihn ehrlich zu überraschen, aber das verwunderte nun Lene nicht, die ihren Jochen schließlich auch schon einige Zeit kannte. Sie verhinderte, dass er zu einer neuen Fläschchen-Vernichtungsaktion ansetzte und half, die gefährlichen Glasdinger in den Kleiderschrank wegzuräumen. Als dann das Telefon klingelte und eine Laura Kühne sie informierte, dass sie in der Hotelbar auf Lene warte, nahm sie ihn mit.

Laura, auch ohne Bikini mehr als ansehnlich, drückte Lene einen Zettel in die Hand: "Wilhelm Zopf möchte morgen um elf mit Ihnen sprechen. In seinem Studio."

"Prima, vielen Dank. Das ist mein Freund Jochen Pauly, Laura Kühne, ihres Zeichens - Bärenapothekerin? Das stimmt doch, oder?"

"Völlig richtig."

Sie schüttelten sich die Hände und schienen voneinander gebührend beeindruckt. Jochen entschied sich für einen Rotwein, den Laura vorschlug. Zu Beginn der zweiten Flasche gab ihm Lene heimlich einen Wink, er verstand sofort und begann, den müden Mann zu spielen und ging zur Hälfte der zweiten Flasche auf ihr Zimmer. Laura Kühne wollte auch aufbrechen, was Lene mittels einer dritten Flasche verhinderte.

"Ich bin auch neugierig und habe hier im Ort die Ohren weit aufgesperrt."

"Ah ja?"

"Und bemerkt, dass die Leute hier gerne den Mund weit aufreißen."

"Das stimmt. Besonders, wenn es über andere hergeht."

"Unter anderem läuft das Gerücht um, Sie hätten die Bärenapotheke zu einem günstigen Preis erwerben können, sehr günstig sogar."

Laura sah Lene zornig von der Seite an. Was sie gerade gehört hatte, gefiel ihr nicht, aber sie entschloss sich, nicht die gekränkte Leberwurst zu markieren, sondern eine Fehlinformation zu korrigieren: "Hat man Ihnen auch zugetuschelt, warum das so war?"

"Hat man. Aber das klang - nun ja - ziemlich beleidigend."

"Etwa so: Markus Rönsch, damals schon krebskrank, hat mit der Ärztin Sara Kühne zusammengelebt, und deshalb der Schwester Laura die Apotheke günstig überlassen?"

Lene nickte nur.

"Stimmt sogar, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Wollen Sie die ganze hören?"

"Wenn es Ihnen nichts ausmacht ...?"

"Markus besaß viel Geld, aber keine Erben. Mit seiner Schwester Ulika hatte er sich so massiv überworfen, dass sie rechtskräftig und endgültig darauf verzichtet hatte, von ihm auch nur eine Mark oder später Euro anzunehmen. Also hatte er als seinen Universal-Erben Ulikas Sohn eingesetzt, Achim. Aber Achim war ein Tunichtgut und hatte schon lauthals verkündet, dass er als erstes diese Scheißapotheke schließen und verkaufen werde. Das wollte Markus nun doch nicht dulden. So sentimental war er schon noch, dieses Familiengeschäft sollte erhalten bleiben. Der Zufall führte ihm die Lösung zu, in Gestalt eines Schwesternpaares, die eine fürs Bett, die andere für seine Apotheke. Ich musste mich im Kaufvertrag verpflichten, nur an einen Nacheigentümer zu übergeben, der sie unter dem Namen Bärenapotheke weiterführen würde. Achim sollte keine Möglichkeit haben, seine Drohung wahrzumachen."

"Hatte Markus Rönsch denn viel zu vererben?"

"Oh ja. Von Pharmazie oder Pharmakologie verstand er nicht viel, aber desto mehr von Geld, Aktien, Immobilien und Börsen-Spekulationen. Alles in allem waren es über fünf Million Euro, die Neffe Achim geerbt hat."

"Der Tunichtgut."

"Eben der. Es gab ein sehr hübsches Legat für meine Schwester, ich hatte ja schon vor seinem Tod seine Apotheke günstig bekommen. Und bis auf den letzten Cent bezahlt."

Sie brach ab und starrte in ihr leeres Glas. Lene schenkte nach und erkundigte sich vorsichtig: "Sonst hat er keinem Menschen was vermacht?"

Laura schüttelte zuerst den Kopf und brauchte eine Weile, ihre Gedanken zu sammeln. "Irgendwie war er unmittelbar vor seinem Tod unruhig geworden und wollte noch etwas regeln. Ich weiß nicht, was, und meiner Schwester Sara hat er auch nichts verraten. Sie wollte es auch so genau gar nicht wissen. Er hatte ihr von dem Legat erzählt, und sie als im Testament Bedachte war nicht die Richtige, an diesem Testament etwas zu ändern. Markus hat dann an seine Schwester geschrieben, aber - so behauptet Sara - bis zu seinem Tode keine Antwort von seiner Schwester bekommen. Weder schriftlich noch telefonisch. Sie ist auch nicht zu seiner Beerdigung erschienen. An der haben nur wir Kühneschwestern und die Angestellten der Apotheke teilgenommen, niemand aus der Familie."

"Das hat man mir natürlich nicht erzählt."

"Halbe Wahrheiten", seufzte Laura erschöpft. Sie gähnte, Rotwein in größeren Mengen munterte nicht nur auf.

Am nächsten Vormittag schlich Lene so langsam an der Bärenapotheke vorbei, dass sie ohne aufzufallen stehen bleiben und das Schild lesen konnte. Eigentümerin Dr. Laura Kühne.

Die schöne Laura kam heute auch in das Warmbecken. Diesmal trug sie einen wieder winzigen dunkelroten Bikini und erfreute erneut die wenigen anwesenden Männer mit ihrem Anblick. Nach dem Duschen fragte Lene sie direkt: "Dieses Fitnesscenter gehört der Familie Zopf, zu der auch eine Verena Zopf gehört, die einmal in der Bärenapotheke gelernt hat?"

"Ja. Sie hat ihren Bruder Wilhelm angerufen. Eine Kriminalbeamtin interessiere sich für die Familie Zopf und für Bad Rösel, und Bruder Wilhelm und Cousin Viktor wollen gerne wissen, was da auf sie zukommt. Hier kennt jeder jeden, also haben die Zopfs mich sozusagen in Marsch gesetzt, um herauszufinden, was Sie in Bad Rösel wollen. Dienstlich kann es ja kaum sein; schließlich sind Sie Beamtin aus einem andern Bundesland."

"Ich bin auch nicht im Dienst", beruhigte Lene und freute sich, dass sie nicht einmal lügen musste. Laura schaute sie zweifelnd an:

"Wilhelm ist der Bruder, Viktor ein Vetter von Verena. Wir wollten gerne wissen, was Sie hier in Bad Rösel verloren haben und ob uns - was keiner von uns aus verschiedenen Gründen wünscht - ein Skandal ins Haus steht."

"Warum denn das?", fragte Lene ehrlich erstaunt.

"Verena hat ihren Bruder angerufen, nachdem Sie bei ihr gewesen waren. Sie hat Sie als Polizistin erkannt und die Familie vorgewarnt, dass da eine sehr neugierige Frau unterwegs sei. Ich sollte Sie aushorchen, aber jetzt kann ich Sie ja direkt fragen, was Sie hierher geführt hat. Geht es um das Bärenfett?"

"Wie bitte?"

"Seit Verena Zopf so plötzlich aus Bad Rösel verschwunden ist, stellt eine Konkurrenzfirma fast unsere gesamte Produktpalette her - Salben, Tinkturen und Öle für die Hautpflege."

"Unter dem Namen Bärenfett?"

"Nein; dann wäre es leicht, sie verbieten zu lassen; nein, unter ihrem Namen."

"Erfolgreich?"

"Leider ja. Sie ist billiger als wir, was nicht verwundert, sie stellt das Produkt maschinell in großen Mengen her, bezieht viele Rohstoffe preiswert aus dem Ausland, wir sind eine Apotheke, die alles in Handarbeit in winzigen Mengen produziert und die für manche Rohstoffe, die in der Eifel und der Pfalz von Wiesen gesammelt werden, inzwischen Mondpreise zahlen muss. Wenn da nicht unser Name dranhinge, hätte ich den Verkauf von Bärenfett längst eingestellt."

Lene hob eine Hand wie zum Schwur: "Mit Produktpiraterie oder Patentklau oder Verstößen gegen den Gebrauchsmusterschutz habe ich nichts zu tun. Ich bin Kriminalbeamtin und soll einen Mord aufklären."

"Um Gottes Willen! Suchen Sie den Mörder etwa in Bad Rösel?"

"Nein. Ich bin hier, um nach einer möglichen Verbindung zwischen dem Opfer und dem Ort Bad Rösel auszuschauen. Möglich, dass der Täter sein Opfer hier kennengelernt hat."

"Was führt Sie dann nach Bonn zu Verena Zopf?"

"Verena Kimmig!", verbesserte Lene scharf, "sie ist die Ehefrau eines Kollegen und hat Mann und Tochter verlassen, weil da angeblich ein anderer gekommen ist, der ihr mit einer dicken Brieftasche zugewedelt hat. Ich wollte wissen, wer das war, habe es aber nicht herausbekommen."

"Einer aus Bad Rösel?"

"Möglich", sagte Lene kurz, die daran noch gar nicht gedacht hatte.

"Wir haben Verena nie ernsthaft verdächtigt, das Rezept verraten oder verkauft zu haben, aber sie kannte die Rezeptur oder hätte sie sich zumindest leicht beschaffen können - sie verschwindet und wenig später erscheint ein Konkurrenzprodukt auf dem Markt, das sich haargenau an unsere Bärenfett-Klientel richtet."

"Porengenau", verbesserte Lene energisch. "Hätte die denn sehr viel Geld damit verdienen können?"

"Nein, nicht viel. Die großen Kosmetikketten waren da schon auf dem deutschen Markt angetreten. Für Bärenfett, ob maschinell oder von Hand hergestellt, keine Chance. Und bei der heutigen Schnäppchen-Mentalität erst recht nicht."

Lene konnte diese Mischung aus Schweißgeruch und verbrauchter Luft nicht ausstehen, was der Hauptgrund war, warum sie um solche Fitness-Studios einen großen Bogen schlug, aber von solchen unvermeidlichen Folgen eines gut besuchten Studios abgesehen, war an Wilhelm und Victors Geschäft nichts auszusetzen. Es war groß, hell, leise, wirkte sehr sauber und aufgeräumt, sehr professionell, seriös und versprach keine Wunder. Ganz leise rauschte im Hintergrund eine Klimaanlage. Mehrere junge Damen in hübschen Turntrikots kümmerten sich um Neulinge und ältere Menschen. Das Kommando führte ein älterer Grauhaariger in einem weißen Trainingsanzug, der sich Lene als Wilhelm Zopf vorstellte und sie mit in sein Büro nahm, nachdem er einen Vertreter, einen jüngeren Mann, der eine gewisse Ähnlichkeit mit ihm besaß, eingewiesen hatte. Lene, die an sich gerne ihre Vorurteile pflegte, war wider Willen beeindruckt. Im Büro konnte sie zwischen Kaffee und Milch wählen. "Was genau interessiert Sie denn an meiner Tochter?"

"Warum sie ihren Mann, meinen Kollegen Josef Kimmig, verlassen hat. Und sagen Sie jetzt bitte nicht; 'Da war ein anderer gekommen.' Der ist inzwischen nämlich schon wieder gegangen, wie mir Verena in Bonn selbst erzählt hat."

"Ja. Das habe ich befürchtet." Wilhelm Zopf schien ehrlich bekümmert. "Wissen Sie, Verena hatte immer Flausen im Kopf. Schon als Kind. Sie träumte vom sorglosen Leben, von Reisen, von dem Glück der oberen Zehntausend, von Festen, vom großen Leben halt. Apothekenhelferin in Bad Rösel oder Trainerhelferin in einem Fitnessstudio, nein, das war ihr nicht genug."

"Und alles, was sie sich erträumte, konnte ihr ein Oberkommissar bei der Polizei nicht bieten."

"Nein, das konnte er nicht; ich fürchte, Verena hat all' die Jahre, auch als Ehefrau und Mutter noch, auf den edlen Ritter und Millionär gewartet."

"Sie fürchten?", fragte Lene verwundert.

"Ja", sagte Zopf melancholisch. "Ich habe sie zum letzten Mal bei ihrer Hochzeit in Tellheim gesehen. Das war vor etwa 18 Jahren. Schon zur Taufe von Lara waren wir nicht mehr eingeladen. Wenn Josef nicht ab und zu angerufen oder heimlich Fotos geschickt hätte, würden wir nichts von unserer Tochter und unserer Enkelin wissen."

"Gab es Streit zwischen Ihnen, ich dachte, Sie hätten Verena sogar noch als Belohnung für ihre gute Lehre eine Reise nach Lanzarote geschenkt?"

"Haben wir. Aber genau damals ging's los. Wir haben sie vom Flughafen abgeholt und dachten, jetzt wird sie uns was von der Insel erzählen. Aber sie hat nur ihre Koffer in die Wohnung gestellt und ist gleich wieder los. Sie wäre noch verabredet - nein, mit wem, das wollte sie nicht sagen. Die Nacht ist sie nicht nach Hause gekommen, auch am nächsten Tag nicht. Viel später haben wir dann festgestellt, dass sie in der Wohnung gewesen sein muss, um alle ihre Papiere, Zeugnisse und Unterlagen und einen Teil ihrer Klamotten einzupacken. Erst zwei Tage später hat sie hier angerufen. Sie wäre in Tellheim bei einem Freund, es ginge ihr gut, und als ich fragte, was denn mit ihrer Stelle in der Bärenapotheke wäre, meinte sie nur: 'Die habe ich gekündigt, mit dem Arsch will ich nichts mehr zu tun haben.'"

"Mit welchem Arsch, Herr Zopf?"

"Wie soll ich das wissen!? Mit diesem Arsch, basta, mehr hat sie nicht erklärt." Zopf, der bisher eher träge auf seinem Stuhl vor sich hin gebrütet hatte, war lebhaft geworden. Das Verhalten seiner Tochter ärgerte ihn, aber offenbar nicht genug, ihn zu irgendwelchen Aktivitäten anzustacheln. Er hatte weder den Fleiß noch die Lebhaftigkeit erfunden.

Lene sah ihn groß an, aber Zopf blieb dabei. Unmittelbar nach der Landung aus dem Urlaub abgehauen, dann in Tellheim einen Mann geheiratet, den sie zuvor in der Familie nie erwähnt hatte. Dabei war sie ja nicht einmal volljährig, die Eltern mussten der Heirat noch zustimmen. "Und dann nicht einmal zu Laras Taufe eingeladen." Verenas Verhältnis zu ihren Eltern war wirklich nicht das beste gewesen, dachte Lene.

"Hat Ihre Enkelin wenigstens einmal Sie und Ihre Frau besucht?"

"Nein, nein. Meine Frau hat bis zu ihrem Tod die Enkelin nicht einmal gesehen, kannte Lara nur von Fotos und den Zeitungsauschnitten über ihre Turnerfolge, die Josef immer brav geschickt hat."

Lene war einen Moment versucht, von Tanja zu erzählen, aber das hätte zu weit geführt und eine gefährliche Vertraulichkeit hergestellt. Überhaupt machte Zopf den Eindruck, als lege er wenig Wert auf nähere Bekanntschaften, gleich, mit wem. Wahrscheinlich war ihm das alles zu beschwerlich. Was hatte Verena Kimmig zu einem solchen Verhalten veranlasst? Und warum hatte Josef ihr diese Seite seiner Ehe verheimlicht, als er Trost suchte? Aber warum hatten sich Verenas Eltern nicht einmal ins Auto oder in die Bahn gesetzt und waren nach Tellheim gefahren? Nein, in dieser Familie hier wurde noch eine Menge unter der Decke gehalten.

Lenes nächste Station war die Ärztin Dr. Sara Kühne, die von ihrer Schwester Laura bereits gründlich informiert worden war. "Ein Mordfall?"

"Ja. Unter sehr scheußlichen Umständen."

"Kenne ich die Tote? Stammt sie aus Bad Rösel?"

"Nein. Ihre Mutter hat sich hier mal wegen ihrer Hautprobleme mit Bädern und Bärenfett behandeln lassen, und weil ihre Tochter, das Mordopfer, ebenfalls Hautprobleme hatte, ist auch die Tochter mal eine Woche hier gewesen. Nein, ich würde von Ihnen gerne was ganz anderes hören. Ihre Schwester hat mir erzählt, dass Markus Rönsch kurz vor seinem Tode irgendwas an seinem Testament ändern oder ergänzen wollte und deshalb an seine Schwester geschrieben hatte, mit der er eigentlich über Kreuz war. Wissen Sie, wie diese Schwester heißt und wo sie wohnt?"

"Ja, einen Moment. Gewohnt hat sie in Hamburg und hieß mit Familiennamen Feger." Sie musste eine halbe Minute scharf nachdenken.

"Und der Vorname?"

"Der war ungewöhnlich, da muss ich, Moment, ich habe eine Patientin mit polnischen Eltern, die heißt genau so." Sie wirbelte auf ihrem Stuhl herum und bediente ihren Computer. "Hier ist sie ja. Ulica. ja, genau. Mit Caesar. Ulica Feger, geborene Rönsch, in Hamburg." Sie strahlte Lene an, die sich gebührend beeindruckt zeigte.

"Kann ich noch was für Sie tun?"

"Vielleicht. Markus Rönsch hat nicht angedeutet, was er seiner Schwester geschrieben hat?"

"Nein. Weil ich im Testament bedacht war, wollte ich's auch gar nicht wissen. Würden Sie mir verraten, warum Sie das fragen?"

"Warum nicht. Wir suchen immer noch nach einem Motiv für den Mord in Tellheim." Weil Lene danach sehr energisch ihren Mund schloss, fragte Sara Kühne nicht weiter. Obwohl ihr die Neugier von der Nasenspitze abzulesen war.

Lene war noch in der Praxis, als ihr Handy bimmelte. Jule verschluckte sich vor Aufregung. "Wir haben ihn, Chefin."

"Wen?"

"Den Mann, der mit Angelica Moretti Anfang Mai Spargel im Burgrestaurant gegessen hat. Du hattest mir doch diesen Eberhard Ländl geschickt, er hat eine sehr schöne Aussage gemacht und unterschrieben und wir haben den Fotografen aufgestöbert, der damals in dem Restaurant geknipst hat. Auf einem Foto sind im Hintergrund Angelica Moretti und ihr Begleiter zu erkennen, beide leider etwas unscharf. Mit einer Aufnahme bin ich bei 'Laborde' gewesen und Manuela Korschach meint, das könne durchaus der Mann sein, der für seine Freundin zum Geburtstag fleur du ciel gekauft hat ... Allerdings will sie sich nach dem kleinen, etwas verwischten Bild nicht festlegen. Aussage ist gemacht und unterschrieben. Wo steckst du im Moment eigentlich?"

"Jule, das hast du großartig gemacht. Aber wo ich bin, möchte ich dir nicht sagen, du würdest nur in einen scheußlichen Loyalitätskonflikt geraten."

"Dann habe ich noch eine persönliche Frage. Stimmt es, dass du und dein Freund einmal bei Labord fleur du ciel gekauft und dann Beate Stoll geschenkt habt?"

"Ja, zu Ermittlungszwecken."

"Kommt dein Freund noch mal nach Tellheim?"

"Das will ich doch stark hoffen."

"Meinst du ... hättest du dann was dagegen, wenn ich ... wenn ich mit ihm zu Laborde gehe?"

"Nein, aber wie erklärst du dann deinem Hasen deinen neuen Geruch?"

"Gar nicht; der erklärt mir ja auch nicht, was zwischen dir und ihm vorgefallen ist."

"Im Moment kann er noch nicht."

"Soso." Zwei Silben ersetzten zwei lange Reden zum Thema: "Wer's glaubt, wird selig."

Ilse Kaufmann versprach in der Bärenapotheke, nach 18 Uhr ins Hotel Heimbacher Hof zu kommen und Lene noch einige Fragen zu beantworten. Anschließend schnappte sich Lene ihren Jochen, der sich gepflegt langweilte, und entführte ihn in die Gesundheitshöhle. Sie bekamen ein farbiges Papierband um die Brust gebunden "Damit der Kontrolleur sofort erkennt, wann Sie in die Höhle gekommen sind. Länger als zwanzig Minuten kann schädlich werden." Die gelb Bandarolierten musste noch einige Minuten warten, bis eine Gruppe die Höhle durch eine andere Tür verließ, dann durften sie eintreten und sich eine Sitzgelegenheit suchen. Es war einigermaßen schummrig, aber angenehm warm und absolut geruchsfrei; Pauly lachte, als sie eine Bemerkung darüber machte. "Radioaktivität riecht nicht, meine Schöne."

"Wenigstens etwas." Lenes Kenntnisse in Physik und Chemie waren nicht der Rede wert, wie der Chemiker Pauly genau wusste und klaglos hinnahm.

Pünktlich nach zwanzig Minuten quäkte ein Lautsprecher: "Alle Gäste mit gelben Bändern müssen die Höhle jetzt verlassen."

Bis achtzehn Uhr war noch viel Zeit, also erkundeten sie den Kurpark, und Lene amüsierte sich über die diskrete, aber massive Werbung für Bärenfett gegen Pickel, Ausschlag, Ekzeme, Rötungen und schuppige Haut. Jochen wollte sich über "Bären im Ahrtal" erregen, bis sie ihm die Geschichte der karpathischen Salbenspender und einem fantasiereichen Apotheker mit einer Vorliebe für Dracula erzählen konnte. Auf der Bank hinter ihnen hatte ein Bad Röseler zugehört und beglückwünschte Lene zu ihrer hervorragenden Ableitung des Namens, meinte allerdings, sie sollte sich in einer Buchhandlung eine Sammlung der karpathischen Geschichten von Heinrich Rönsch kaufen, der ein großer Erzähler vor dem Herrn gewesen sein musste, sehr unterhaltsam und auf jeden Fall besser als seine Pillen und Pülverchen.

Das Wetter war unbeschreiblich. "So hätte der Sommer sein sollen", pflichtete Lene ihrem Jochen bei. Sie konnten sich sogar noch auf eine Bank setzen, ohne sich etwas abzufrieren, und Jochen wagte sich vor: "Ich würde gerne bald nach Berlin zurückfahren, Lene."

"Hast du mich schon über?"

"Nein. Aber ich habe einmal vorgefühlt, wer mir das Rätsel dieser drei Buchstaben im Zusammenhang mit dem Mord an einer Auszubildenden in Tellheim auflösen kann. Übers Wochenende besteht eine Chance, mit einer guten Quelle im AA zu reden."

"AA?"

"Auswärtiges Amt."

"Ach nee."

"Ja, es sieht so aus, als seist du in eine politisch hochbrisante Sache gestolpert."

Lene schüttelte ungläubig den Kopf: "Ich? Politisch hochbrisant? Jochen, ich doch nicht. Ich gehe nicht einmal zur Wahl."

"Ich fürchte, doch, mein Schatz."

Sie bekam ihn dazu, mit ihr durch den kleinen Ort zu bummeln und die unvermeidlichen Urlaubs-Einkäufe zu tätigen und zu bezahlen. Pauly war verheiratet, hatte aber keine Kinder, denen er was mitbringen musste, und als Lene ihm ankündigte, dass er noch einmal für Jule Springer tief in die Brieftasche für ein fleur du ciel greifen müsse, steuerte er den nächsten Weinladen an. Er verdiente sehr gut und gab gerne Geld aus, wenn er anderen damit eine Freude machen konnte.

Um 18 Uhr dreißig saßen Ilse Kaufmann und Lene im Restaurant des Hotels und bestellten. Ilse Kaufmann reagierte verblüfft, dass sich Lene intensiv nach der Schwester des verstorbenen Bärenapothekers erkundigte, nach der Gewitterziege Ulica Rönsch, verheiratete Feger. Das Ehepaar hatte sich nicht mehr in Bad Rösel blicken lassen, aber der Sohn Achim war in den Schulferien einige Male bei seinem Onkel Markus erschienen, bis ...

"Ja, Frau Kaufmann? Bis was?"

"Bis der Bengel sehr unangenehm aufgefallen ist. Er hat Mädchen dafür bezahlt, dass sie sich vor ihm auszogen und er sie anfassen durfte. Dabei ist er in zwei Fällen so grob vorgegangen, dass die Mädchen weglaufen wollten, aber er hat sie festgehalten und schlimm verprügelt. Markus hat seinen Neffen umgehend nach Hause geschickt und ihm verboten, sich noch einmal in Bad Rösel blicken zu lassen."

"Und wann war das, Frau Kaufmann?"

"Ich denke, vor etwa vierzehn, fünfzehn Jahren."

Lene wollte Einzelheiten gar nicht wissen, sie interessierte nur noch, ob Achim Feger einmal Verena Zopf begegnet war. Das war er, und zwar im Jahr vor diesem Skandal. Ob sie sich vertragen hatten?

"Kaum", kicherte Ilse Kaufmann. Achim war da vierzehn oder fünfzehn und Verena sechs oder sieben. Lene hatte eigentlich alles gehört, was sie wissen wollte, aber sie mochte Ilse Kaufmann nicht einfach wegschicken und erzählte deshalb, was sie heute von Wilhelm Zopf über Tochte Verena erfahren hatte und wunderte sich, warum die Zopfs nicht einmal einfach nach Tellheim gefahren waren, um die Enkelin Lara zu treffen und zu sprechen.

"Wissen tu ich das auch nicht, aber ich vermute was."

"Und was?"

"Verenas Mutter ist krank, gemütskrank. Wie nennt man das, wenn man glaubt, dass jeder einen verfolgt und bedroht und einem Schmerzen und Schaden zufügen will?"

"Meinen Sie Paranoia?"

"Ja, ich glaub', so heißt das. Wilhelm Zopf hat seine Frau regelrecht versteckt. Man hat sie manchmal monatelang nicht im Ort gesehen."

"Hat sie nicht im Geschäft geholfen?"

"In der Mucki-Bude? Nie. Was Wilhelm nur recht war; er ist ein begnadeter Faulpelz, der den gütigen weisen Mann gibt. Den Laden schmeißt sein Neffe Viktor. Der soll das Geschäft einmal erben."

"Eine letzte Frage habe ich noch: Gibt es hier im Ort einen steinreichen Junggesellen, heute 35 oder 36, für den Verena Zopf sich interessieren könnte?"

Sie überlegte lange und schüttelte dann den Kopf: "Nein, nicht, dass ich wüsste."

"Was ist mit Verenas Cousin Viktor?"

"Keine Chance, Frau Schelm. Der ist schwul bis in die Haarspitzen."

Lene und Jochen fuhren am nächsten Morgen nach Tellheim zurück; nach einer stürmischen Nacht verabschiedete er sich und reiste nach Berlin ab. Lene suchte eine ihr bekannte Ärztin auf, die ihr ein Burn-out-Syndrom bescheinigte. Sie wollte warten, bis sich Steiner oder Hase bei ihr meldeten. Dann gab sie sich einen Ruck und lud sich konspirativ bei Josef Kimmig zum Abendessen ein; Verena hatte nicht angerufen, und Lene erzählte keinen Ton davon, dass sie in Bad Rösel gewesen war und vorher mit Verena in Bonn gesprochen hatte. Im Laufe des Abends ging sie ins Bad, entdeckte eine Bürste mit Frauenhaaren, von denen einige mit den Wurzeln ausgegangen waren, steckte sie ein und beschwor Josef, im Büro nicht zu erzählen, dass sie bei ihm zuhause gewesen war. Er verstand es zwar nicht, versprach es aber.

Mit dem Blonden Gift kam Lene nicht so schnell klar. Nadine Golowski war wohl bereit, Lene bei dem illegalen Plan zu helfen, wollte aber wissen, was dahintersteckte. Lenes patzige Antwort, das werde sie Nadine sagen, sobald Freund Jörg Steiner ausgepackt habe, warum er ihr den Fall wegnehmen wollte, tröstete sie nicht, und als sie hörte, dass sie die Haare einer unbekannten weiblichen Person mit DNA-Material von Angelica Moretti auf Verwandtschaft untersuchen sollte, geriet sie fast in Panik.

Am nächsten Tag verabredete sich Lene noch einmal mit Helga Moretti im Café König und setzte ihr die Pistole auf die Brust: Entweder wollte sie, dass der Mörder ihrer Tochter vor den Richter kam, was aber bedeuten konnte, dass darüber ihre Ehe in die Brüche ging, oder der Täter würde frei ausgehen. Helga Moretti versprach, wobei ihre Stimme, dick von Tränen, zitterte, über diese Alternative nachzudenken, aber Lene hatte den Eindruck, dass sie es nur zugesagt hatte, um aus dem Café weglaufen zu können.

Nadine arbeitet schnell und rief schon nach zwei Tagen abends bei Lene an. "Treffer. Die DNA-Spender sind miteinander verwandt, ein Elternteil ist identisch, aber es sind wohl zwei verschiedene Mütter."

"Vielen Dank, Nadine."

"Kann ich das nun meinem Jörg beichten?"

"Wenn du magst, ja."

Danach rief sie Helga Moretti an: "Ich kann mir schon denken, dass Sie sich noch nicht entschieden haben. Ich fürchte aber, es geht jetzt auch ohne Ihre Zustimmung weiter. Damit Sie nicht völlig überrollt werden, müssten Sie mir allerdings eine Frage ehrlich mit Ja oder Nein beantworten: Hat Markus Rönsch, als Sie mit Angelica nach Bad Rösel gefahren sind, gewusst oder bei der Gelegenheit erfahren, dass Angelica seine Tochter ist?"

Helga Moretti stöhnte auf, dass Lene befürchtet, sie werde gleich ohnmächtig zu Boden sinken. Dann flüsterte sie endlich: "Ja."

Am nächsten Tag stürmte Lene das Büro des Staatsanwalts Paul Hase, der vor Schreck fast vom Stuhl kippte: "Für ein Burn-Out sind Sie aber verdammt munter, Frau Schelm."

"Das rate ich Ihnen jetzt auch. Ich brauche eine Exhumierung in einem anderen Bundesland."

"Aber sonst geht es Ihnen gut?"

"So gut es möglich ist, wenn einem die Vorgesetzten plötzlich in den Rücken fallen."

"Sie haben also weiter im Fall Moretti ermittelt?"

"Natürlich." Dann bemerkte sie sein Gesicht und fuhr ruhiger fort: "Nun tun Sie nicht so, als überrasche Sie das. Jule wird es Ihnen mehr als einmal prophezeit haben, Lene Schelm lässt sich nicht einfach in die Ecke stellen, von niemandem."

Hase sah seinem vierbeinigen Namensvetter im Moment sehr ähnlich: "Und wen soll ich ausbuddeln lassen?"

"Er heißt Dr. Markus Rönsch und ist auf dem Friedhof von Bad Rösel an der Ahr begraben."

"Und warum soll ich seine Totenruhe stören?"

"Um ihm etwas DNA-Material zu entnehmen."

"Doch sicher aus einem bestimmten Grund?"

"Damit wir beweisen können, dass er der Erzeuger der ermordeten Angelica Moretti ist." Hase wurde blass.

"Wen interessiert das?"

"Im Moment mich und bald auch Sie."

"Glaube ich nicht."

"Aber ich für Sie mit, Herr Hase. Markus Rönsch, übrigens in Bad Rösel als der Bärenapotheker bekannt, hat eine Stange Geld hinterlassen. Laut Testament hat das alles sein Neffe Achim Feger bekommen, weil Rönsch ohne anerkannte Erben gestorben ist. Dann hat dieser Achim Feger durch einen abgefangenen oder unterschlagenen Brief seines Onkels Markus an seine Mutter erfahren, dass es eine Mit- oder gar Alleinerbin gibt."

"Diese Angelica Moretti?"

"Genau. Er beschloss, Angelica zu beseitigen, und um das wahre Motiv gründlich zu verschleiern, hat er eine Sexualstraftat vorgetäuscht, sehr dilettantisch übrigens und keineswegs überzeugend."

"Das können Sie auch alles gerichtsfest beweisen?"

"Noch nicht. Dazu müsste ich erst wieder gesund werden und offiziell die Ermittlungen im Fall Moretti wieder aufnehmen."

Hase legte den Kopf schräg und musterte sie, als traue er seinen Ohren nicht. "Und das alles soll ich bewirken? Ihre plötzliche Genesung, den Widerruf einer Dienstanweisung Ihres Chefs und eine Exhumierung?"

"Es ist eine kleine, gerechte Strafe für Ihre Bereitschaft, zu einem mir zugefügten offenkundigen Unrecht zu schweigen. Sozusagen Beihilfe nach der Tat zu leisten. Und jetzt üben Sie tätige Reue."

Einen Moment fürchtete Lene, sie habe den Bogen überspannt, aber zum Glück klopfte es in der Sekunde, und ein erleichterter Hase konnte "Herein" rufen. Jule Springer platzte ins Zimmer, blieb wie angenagelt stehen und staunte Lene mit offenem Mund an. Erst als Lene erheitert gickste, fand die junge Kommissarin ihre Sprache wieder. "Chefin, habe ich was versäumt?"

"Ja", schmunzelte Lene, die jede Chance zu nutzen verstand: "Die erfolgreiche Erpressung deines Geliebten."

Hase stöhnte laut auf, aber nach einem langen Blick auf Lene und Jule widersprach er nicht. Ohnehin huldigte Lene der Überzeugung, dass ein intimes Verhältnis nur glücklich werden konnte, wenn jeder wusste, wann er den Mund halten und sich dem anderen unterordnen musste. "Okay", entschied er, "Sie machen weiter, aber erst in einer Stunde, wenn ich diese Landplage fortgeschickt und meine Niederlage Ihrem Direktor Steiner offenbart habe." Lene schätzte die korrekte Verwendung selten benutzter deutscher Verben.

"Danke. Bis bald. Und du schaust bitte gleich bei mir vorbei, Jule."

Lene telefonierte mit Ulf Vollrath, einem Kollegen im Referat 41 des Landeskriminalamts Hamburg. Sie kannten sich seit vielen Jahren, und wenn es nach ihm gegangen wäre, nicht nur beruflich.

"Was kann ich für dich tun, Minna?"

Lene hasste diesen Spitznamen, den sich Vollrath ausgedacht hatte, weil sie in Tellheim lebte und bei Lessing eine Minna von Barnhelm ihren Major Tellheim sucht.

"Dich daran erinnern, dass ich Marlene heiße, du Depp."

"Okay, und danach?"

"Ich habe einen Mordfall an den Hacken und einen Verdächtigen, der in Hamburg lebt und nicht weiß, dass ich ihm auf der Spur bin. Er heißt Achim Feger, Anschrift unbekannt. Seine Mutter heißt Ulica Feger geborenen Rönsch und stammt aus Bad Rösel an der Ahr. Achim Feger hat mächtig von seinem Onkel Markus Rönsch geerbt, zu Unrecht, denn ich habe ein leibliches Kind des verstorbenen Markus Rönsch aufgetan. Achim hat erfahren, dass es andere Erben gibt, eine junge Frau in Tellheim, die hat er umgebracht und das Ganze als Sexualtat kaschiert, um vom Motiv - Geldgier - abzulenken. Ich brauche Anschrift und Telefonnummer dieses Achim Feger und seiner Mutter Ulica. Aber du darfst keine Pferde scheu machen."

"Bin ich Anfänger?", brummte Vollrath beleidigt.

"Nein, aber sehr stürmisch." Bei einem Abschlussfest nach einem Lehrgang hatte Vollrath die schwungvolle Kollegin Lene Schelm bei einem Rock´n-Roll-Überschlag über die Brüstung in einen Teich geschleudert, hinterher aber ihr anstandslos ein neues Kleid bezahlt.

"Bitte, Lene, kein alten Kamellen."

"Glaubst du, dass du das für mich erledigen kannst oder muss ich ein formelles Amtshilfe-Ersuchen stellen?"

"Wäre mir - ehrlich gesagt - lieber. Denn natürlich soll ich auch herausfinden, wie dringend dieser Achim das ungeschmälerte Erbe braucht, nicht wahr?"

"Du bist nicht nur stürmisch, sondern auch schnell. Gib mir mal die korrekte Faxnummer."

Dreißig Minuten später ging das Fax nach Hamburg raus, und nochmals dreißig Minuten später saß Jörg Steiner an Lenes Schreibtisch. Es wurde eine unangenehme Unterredung, Lene musste sehr detailreich erklären, was sie in Bad Rösel getrieben und herausgefunden hatte, wohl wissend, dass die meisten Ergebnisse vor Gericht nicht zu verwenden waren, nicht einmal in einem Antrag auf Erlass eines Haftbefehls. Steiner reagierte ausgesprochen sauer - Lene nahm an, dass Nadine ihm gebeichtet hatte, was sie illegalerweise für Lene getan hatte - und regte sich ernstlich am meisten darüber auf, dass Lene entgegen seiner klaren Anweisung auf eigene Faust gehandelt hatte. Das könne Konsequenzen für sie haben.

"Homburg", murmelte Lene.

Steiner fuhr hoch: "Nun ist aber gut, Lene. Ich verbitte mir, dass Sie das Humbug nennen."

"Nicht Humbug, sondern Homburg", korrigierte Lene höflich.

"Was soll das?"

"Homburg, Prinz Friedrich von. Ein Theaterstück von Heinrich von Kleist. Sie erinnern sich? Der Prinz handelt gegen einen ausdrücklichen Befehl und gewinnt dadurch eine entscheidende Schlacht gegen einen mächtigen Feind, der dadurch für immer aus dem Land vertrieben wird."

"Und wird dafür zum Tode verurteilt", ergänzte Steiner heiter. Die Assoziation gefiel dem Schuft. "Wollen Sie das auch?"

"Nein, aber Sie vergessen das Ende. Er wird begnadigt."

"Nachdem er sein Unrecht eingesehen hat."

"Alles klar", seufzte Lene, die zwar einen dicken Kopf besaß, aber nicht uneinsichtig war. "Es tut mir leid, mea culpa, mea maxima culpa. Und für die Verführung des Blonden Giftes bitte ich ausdrücklich um Verzeihung."

Ob damit zwischen ihnen alles wieder eingerenkt war, wusste Lene nicht zu beurteilen. Steiner verließ wort- und grußlos ihr Zimmer, und Jule plauderte beim Mittagessen aus, dass es zwischen Hase und Steiner mächtig gekracht hatte. Wer als Sieger das verbale Schlachtfeld verlassen hatte, konnte sie nicht sagen. Lene wusste aus Erfahrung, dass man drohenden Gewittern im Amt am besten dadurch entging oder die Folgen abmilderte, dass man sich an ungeliebte Routinearbeiten machte. Also tippte sie den Nachmittag über einen ausführlichen Bericht über das, was sie herausgefunden hatte und verschwieg dabei nicht, an welchen Stellen sie gegen die Polizeidienstvorschrift und die Strafprozessordnung verstoßen hatte.

Die schwärzesten Wolken verzogen sich gegen Dienstschluss, als Hase zu ihr kam und berichtete, dass er eine Exhumierung des Dr. Markus Rönsch in Bad Rösel/Ahr beantragt habe. Lene gab ihm ihren Bericht zu lesen, und Hase sagte zum Schluss nur: "Unglaublich. Toll gemacht, Frau Schelm." Das fand Lene eigentlich auch, besonders, dass sie in ihrem Bericht die Namen Verena Zopf und Lara Kimmig nicht erwähnt hatte. Das sollten Josef und seine Frau unter sich ausmachen.

Aber noch waren nicht alle Fragen geklärt. Eine Lücke schloss der Kollege Vollrath mit einem Fax, das die Anschrift und die Telefonnummer der gewünschten Familie Feger enthielt und ergänzt wurde von einem Telefonat, das Vollrath klugerweise mit Lene privat und nach Dienstschluss führte. "Ein ziemliches Früchtchen, dieser Achim. Erstickt in Schulden und hat jetzt zwei gewalttätige Geldeintreiber des Besitzers eines privaten - hm - Spiel- und Sexclubs an den Hacken. Lebt noch bei seinen Eltern, arbeitet und verdient nichts und wirft mit dem Geld nur so um sich. Der kann, wie man mir vorgerechnet hat, auf keinen müden Euro verzichten."

Lene rief bei Ulica Feger an und richtete schöne Grüße von Sara Kühne aus.

"Sara wer?"

"Mit ihr hat Ihr Bruder Markus bis zu einem Tode zusammengelebt."

"Die Ärztin mit der Apothekenschwester?", vergewisserte sich Ulica hämisch. Sie hatte also gewusst, wer Sara war.

"Eben die. Ich soll Ihnen außerdem ausrichten, Markus wäre sehr betrübt gewesen, dass er auf seinen Brief an Sie von Ihnen keine Antwort bekommen hat."

"Markus hat mir einen Brief geschrieben?"

"Ja."

"Ich habe keinen Brief von meinem Bruder bekommen. Zwischen uns herrscht seit Jahren absolute Funkstille."

"Seltsam. Sara hat ihn selbst eingeworfen."

"Kann nicht sein."

"Ob Ihr Mann oder Ihr Sohn ihn vielleicht angenommen haben?"

"Dann hätte ich ihn erhalten."

Lene verkniff sich, was ihr auf der Zunge lag: "Da bin ich mir bei Achim nicht so sicher."

Spät am Abend lud sie sich bei Jule und dem Hasen ein, die beide sehr verwundert dreinschauten, als Lene vor der Tür stand. Jule wickelte sich eilig in einen Bademantel. "Ich habe ein Problem", begann Lene direkt. "Um zu beweisen, dass dieser Arsch von Achim sein Opfer Angelica Moretti tatsächlich kannte, brauche ich eine Identifizierung durch zwei hier in Tellheim lebende Zeugen. Er wohnt in Hamburg. Kann ich ihn vorladen oder macht das der zuständige Staatsanwalt, dessen Kostenstelle dann auch die Reisespesen übernimmt - oder?"

Jule begann lauthals zu lachen, während Paul Hase eine Grimasse schnitt, als habe er aus Versehen in eine Zitrone oder eine mit Pfeffer gefüllte Möhre gebissen. "Was habe ich dir gesagt?!", jauchzte Jule. "Wenn man Lene ärgert, ärgert sie zurück."

Hase wusste, wann ein Mann angesichts solcher Frauensolidarität verloren hatte: "Lassen Sie mir Ihren Antrag hier, Frau Schelm. Ich werde den Knaben vorladen."

"Unter Androhung einer zwangsweisen Vorführung?"

"Auch das, wenn's der Gerechtigkeit dient."

"Und deiner Ruhe oder Unruhe, je nachdem, heute Nacht", ergänzte Jule fromm. Wie lange ihr Verhältnis mit dem Hasen dauern würde, war offen, aber es würde bis zur letzten Minute nicht langweilig sein.

Am nächsten Vormittag ging Jule in die Staatsanwaltschaft. Hase sah sie gequält an: "Wozu wollen Sie mich denn noch erpressen?"

"Ich will Ihnen das Gefühl geben, dass Sie richtig gehandelt haben, aber das konnte ich gestern in Jules Gegenwart nicht sagen. Mittlerweile habe ich nämlich eine schwache Ahnung, warum Sie mich ausbremsen sollten. Aber dieser Achim Feger hat damit überhaupt nichts zu tun. Wir können unter Umständen den Moretti-Mord klären, ohne Ihre - Entschuldigung - Berliner Hintermänner ins Spiel zu bringen."

"Das würde ich Ihnen nie vergessen, Frau Schelm."

Schon am nächsten Tag meldete sich Achim Feger, ein auffallend großer, schlaksiger Mann mit langen hellbrünetten Haaren, bei Lene im Präsidium, heiter, entspannt und siegessicher. Lene telefonierte Hase herbei und gemeinsam gingen sie ins "Schauspielhaus", wo die Bühne schon vorbereitet war. Vier junge Männer standen unter Nummerntafeln, die von der Decke herabhingen und Feger musste sich unter die Nummer drei stellen. Manuela Korschach und Eberhard Ländl warteten in getrennten Zimmern, bis sie nacheinander aufgerufen wurden. Es klappte großartig. Manuela Korschach erkannte ohne jeden Zweifel in der Nummer drei den Mann, der für seine Freundin zum Geburtstag bei Laborde fleur du ciel gekauft hatte, und ebenso eindeutig legte sich Ländl darauf fest, dass er seine Klassenkameradin Angelica Moretti Anfang Mai mit der Nummer drei im Burgrestaurant beim Spargelessen gesehen hatte. Als sie unterschrieben hatten, gingen sie nebeneinander fort, enger zusammengerückt, als bei der Breite des Flures unbedingt nötig, und Jule stöhnte leise. "Nicht gut."

"Was ist nicht gut?"

"Manuela Ländl klingt nicht so gut. Kein Rhythmus."

"Er wird sie Manu nennen. Manu Ländl lässt sich doch hören. Aber wie steht's mit Jule Hase?"

"Gar nicht, er kennt meine Haltung - Bett ja, Standesamt nein."

Lene schickte Feger zur ED-Behandlung und sorgte anschließend dafür, dass die Pressestelle zwei Bilder von Angelica Moretti und Achim Feger unter die Journalisten brachte, die ihre Leser fragen sollten, wer die beiden wo zusammen gesehen oder einem von ihnen eine Wohnung, ein Haus, eine Gartenlaube oder Ähnliches vermietet hatte.

Feger plusterte sich zu Beginn der Vernehmung mächtig auf. Er kenne keine Angelica Moretti, wurde aber etwas vorsichtiger, als Hase ihm kühl erklärte, zwei Zeugen hätten gerade eben das Gegenteil zu Protokoll gegeben.

"Die müssen sich irren."

"Sicher. Zeugen irren sich immer."

"Und warum sollte ich dieser - wie hieß sie noch - dieser Angelica was antun?"

"Weil sie eine leibliche Tochter Ihres Onkels Markus Rönsch und deshalb vor Ihnen erbberechtigt war."

"Und woher habe ich das gewusst?"

Für die Antwort war Lene zuständig. "Ihr Onkel hat lange nicht gewusst, dass er mit einem Kurgast in Bad Rösel ein Kind gezeugt hatte, aber diese Frau hatte das Kind - Angelica - ihrem Ehemann untergeschoben und kam eines Tages noch mal an die Ahr, weil auch die Tochter sich mit den Hautproblemen herumplagte, an denen auch ihre Mutter gelitten hatte. Bei der Gelegenheit ist sie beim Bärenapotheker gewesen und hat ihm gestanden, dass diese junge Dame in ihrer Begleitung seine Tochter Angelica sei. Zu der Zeit waren Sie schon als Erbe im Testament eingesetzt, weil Ihre Mutter mit ihrem Bruder Markus heillos zerstritten war, und keinen Cent von ihm annehmen wollte. Markus hat lange gezögert, und erst als ihm klar wurde, dass der Krebs ihn bald besiegen würde, hat er einen Brief an seine Schwester Ulica geschrieben und sie gebeten, doch dafür zu sorgen, dass seine Tochter Angelica in Tellheim einen Teil des ihr zustehenden Erbes erhält. Sie haben den Brief in Hamburg vor ihrer Mutter in Händen gehabt und sich gewundert, dass der verfeindete Onkel seiner Schwester plötzlich schreibt; also haben Sie den Brief gelesen und begriffen, dass Ihnen der Verlust eines großen Teils oder des ganzen Erbes droht. Sie brauchten aber unbedingt Geld. Sie haben Schulden und zwei gewalttätige Geldeintreiber kleben Ihnen an den Hacken. Also haben Sie den Brief vernichtet und sind nach Tellheim gekommen, um die lästige Miterbin zu beseitigen. Wie und wo und wann Sie die Bekanntschaft von Angelica Moretti gemacht haben, weiß ich noch nicht, das werden Sie uns jetzt noch erzählen; Sie haben sie erstochen und verstümmelt, ein Sexualverbrechen vorgetäuscht und die Leiche in den Georgsforst gebracht."

"Und das alles können Sie beweisen?", höhnte Feger scheinbar unbeeindruckt.

"Warten Sie's doch ab!", empfahl Hase. "Und während Sie in U-Haft sitzen, können Sie ja mal überlegen, welchen Fehler Sie begangen haben, der sofort klarmachte: Es war kein Sexualmord und Angelica war kein Zufallsopfer eines Triebtäters."

"Da bin ich aber gespannt."

Lene ärgerte sich über diesen Ton so sehr, das sie ihm einen Tiefschlag versetzte: "Wozu Sie fähig sind, wenn Frauen nicht so spuren, wie Sie das wollen, kann Ihnen in Bad Rösel so ziemlich jeder ausführlich schildern."

Die Aufsicht führte einen schwer angeschlagenen Feger in die Gewahrsamszelle. Hase hätte fast vergessen, Feger das "Vorläufig festgenommen unter dem Verdacht ..." zu erklären.

Am Nachmittag rief Jochen Pauly an und stotterte vor Aufregung. "Ich hab's, Lene, das glaubst du nicht. Ich dachte immer, in Berlin könne mich nichts mehr überraschen, aber da haben meine Informanten mich eines Besseren belehrt. Ich schlage vor, du lädst für Samstagabend alle Beteiligten zu dir ein: Wenn alle von mir hören, dass es kein Geheimnis mehr ist, besteht auch kein Grund mehr, dir Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Einverstanden?"

"Na klar."

Also zog sie nach Dienstschluss los, um für das große Treffen einzukaufen und zu bestellen. Auf dem Blumenmarkt liefen ihr zwei Frauen vor die Füße. Elena Gilani blieb stehen, um sie zu begrüßen. "Darf ich Ihnen meine Freundin Farah Bakhtiar vorstellen. Farah war Journalistin im Iran und musste fliehen, weil man sie mit dem Tode bedroht hat. Sie hat dann Asyl in Deutschland erhalten. Das ist Marlene Schelm, Hauptkommissarin bei der Kripo, sie untersucht den Tod von Angelica Moretti."

"Waaas ...? Was sagst du da? Angelica ist tot?"

"Ja, ermordet."

"Das ist doch nicht möglich! Von wem denn?"

"Das muss ich noch herausfinden", sagte Lene kurz. "Haben Sie Angelica Moretti gekannt?"

"Ja. Vor vielleicht zwei Jahren bin ich ihr hier in Tellheim begegnet."

"Von ihrem Tod haben Sie nichts gewusst?"

"Nein, ich lebe in München und komme nicht so oft nach Tellheim."

Farah Bakhtiar mochte Anfang dreißig sein, ein schwarzhaariges Energiebündel, selbstbewusst, elegant und geschmeidig. Lene wunderte sich nicht, dass wenig später Basim Gilani "ganz zufällig" ihren Weg kreuzte und Farah küsste. Die beiden passten äußerlich sehr gut zusammen. Faras Deutsch war noch nicht so gut, dass immer eine flüssige Unterhaltung möglich war. Lene nahm sich wieder einmal vor, ihr Englisch aufzupolieren, und sei es auch auf Kosten der eingeschränkten Unterhaltungen mit ihren burgundischen Regalschätzen im Weinkeller. Ab und zu musste Elena eingreifen und dolmetschen. Farah Bakhtiar war vor gut zwei Jahren mit Angelica Moretti zusammengetroffen und hatte ihr erzählt, warum sie den Iran verlassen hatte. Als Basim sich räusperte, schnitt sie unverzüglich ein anderes Thema an. Lene machte sich im Geiste einen Knoten ins Taschentuch. Als sie sich von dem Trio trennte, fiel ihr ein Mann auf, der sie schon einige Zeit scharf beobachtet hatte. Es sah aus wie eine jüngere Ausgabe von Jean-Pierre Belmondo, für den Lene mal geschwärmt hatte. Insoweit hatte sie nichts dagegen, dass der Neo-Belmondo sich für sie zu interessieren schien, doch als er immer noch hinter ihr herlief, als sie aus dem ersten Geschäft herauskam, blieb sie stehen und ließ ihn herankommen. "Wollen Sie was von mir?"

Der Mann sah sie unfreundlich an. "Wer sind Sie, wie können Sie mit solchen Verbrechern ..." Er brach ab, weil Lene ihren Dienstausweis aus der Tasche zog und ihn dem Mann hinstreckte. Die Reaktion verblüffte sie. Der Mann las den Ausweis, schien auch zu verstehen, was da stand, drehte den Kopf zur Seite und spuckte aus. Lene war so perplex, dass sie regungslos stehen blieb und ihrem jüngeren Belmondo nachstarrte, der sich einmal nach ihr umdrehte und eine obszöne Handbewegung machte, die von Frauen international als Beleidigung verstanden wurde. Sehr nachdenklich steuerte sie das zweite Geschäft auf ihrer Einkaufsliste an.

Die drei Tellheimer Tageszeitungen hatten alle gespurt und brachten auf den Aufschlagsseiten der Lokalteile Bilder von Angelica Moretti und Achim Feger und fragten, wer das Paar zusammen gesehen oder ihm eine Wohnung, ein Häuschen vermietet hatte. Anrufe bitte sofort an ...

Die ersten Anrufe kamen, kaum, dass sich Lene an ihren Schreibtisch gesetzt hatte; wie leider inzwischen üblich, von schwachsinnigen Scherz- und Witzbolden: "Ist da vielleicht eine Wohnung für mich freigeworden? - Brauchen Sie billige Kräfte für die Renovierung? ... Soll ich die Mietschulden eintreiben?" Nach dem dritten Anruf dieser Art legte Lene ihren Anschluss auf Jules Telefon um.

Eine halbe Stunde später platzte die in Lenes Zimmer. "Chefin, ich glaube, wir haben sie. Ein Einfamilienhäuschen in Zwiebrücken."

"Wäre ja toll, schnapp' dir Seidel und seine Mannen. Je schneller wir eine positive Identifizierung haben, desto besser."

"Kommst du nicht mit?"

"Die Wache hat eben angerufen, ein angeblich sehr nervöser Schlafgast wartet auf mich."

"Dann viel Erfolg." Jule sprintete davon. Lene hätte auch Harald Sturm oder Josef Kimmig in den Stadtteil Zwiebrücken schicken können, aber sie hielt nicht viel von Sturm, der ihr zu flusig und oberflächlich war, und Josef sollte endlich seinen Bericht über einen merkwürdigen Selbstmord abschließen, damit das Akten-Fach mit den laufenden Fällen mal wieder leer wurde.

Staatsanwalt Paul Hase kam mit in das Vernehmungszimmer, in dem schon Achim Feger wie auf glühenden Kohlen saß; er sah nicht gut aus und bestätigte sofort, dass er wenig geschlafen hatte und sich ausgesprochen mies fühlte.

"Haben Sie Angelica Moretti gekannt?"

"Ja." Donnerwetter, wollte er ab jetzt die Wahrheit gestehen?

"Erzählen Sie uns bitte, wann und wie Sie sie kennengelernt haben." Die Tonbandspulen drehten sich gleichmäßig.

"Auf der Ludwigsburger Straße." Das war die Einkaufmeile, die vom Hauptbahnhof in die Stadtmitte führte. "Es hatte getaut und an manchen Stellen gab es wohl noch Eis. Angelica geriet aus dem Gleichgewicht und ließ ihr Einkaufsnetz fallen. Ich habe ihr geholfen, alles wieder aufzulesen und habe sie hinterher gefragt, ob ich sie zu einem Kaffee einladen dürfte." Sie war einverstanden und ging mit Feger ins Café Lindenberg.

Lene ließ sich nichts anmerken, das sah der Angelica, die sie aus den Zeugenaussagen kannte, nicht ähnlich. Aber Geduld! Der Verdächtige hatte gerade angefangen, sich die Schlinge um den Hals zu legen, jetzt konnte sie auch noch abwarten, bis er sie selbst zuzog. Er hatte sich vorgestellt und ihr eine Visitenkarte gegeben. Sie besaß keine Karten, hatte ihm aber Namen und Telefonnummer diktiert.

"Haben Sie ihr gesagt, was Sie beruflich machen?"

"Beruflich - noch gar nichts, ich war Student und wollte in Tellheim eine hier verheiratete Schwester besuchen."

"Was hat sie denn von sich erzählt?"

"Sie war noch Schülerin und wollte nach dem Abitur Informatik studieren."

"Sie haben sie doch bestimmt gefragt, wo sie geboren ist", meinte Hase skeptisch.

"Warum sollte ich?"

"Wegen ihres Familienamens."

"Ach so. Nein, das war gar nicht nötig. Sie hatte von sich aus erzählt, dass ihre Großeltern aus Italien nach Deutschland gekommen waren und hier geheiratet hatten. Ihr Vater war schon in Tellheim geboren."

"Was verschlägt Sie aus Hamburg nach Tellheim?", wollte Lene dann wissen.

"Meine Schwester ist hier verheiratet. Und meine Mutter besteht darauf, dass ich sie ab und zu besuche."

"Gibt es dafür einen bestimmten Grund?"

"Ja und Nein. Sie hatte einen Bruder, mit dem sie sich so verkracht hatte, dass sie jahrelang kein Wort gewechselt haben. Das sollte bei ihren Kindern nicht passieren. Deswegen komme ich ein-, zweimal im Jahr zu Besuch nach Tellheim."

Der Junge war nicht ungeschickt, er hatte die Zeit seines nächtlichen Wachliegens gut genutzt.

"Und bei den nächsten Besuchen haben Sie sich mit Angelica Moretti verabredet?"

"Ja."

"Ist es bei Verabredungen geblieben?"

"Ja, leider." Feger seufzte. "Kino, Café, open-air-Konzert im Schlosshof. Mal ein Restaurant oder so. Ich hätte gerne mehr daraus gemacht, aber sie wollte nicht."

"So gut haben Sie ihr also nicht gefallen?", stichelte Hase, der auch merkte, auf welchen Ausweg Feger zusteuerte.

"Möglich", räumte Feger ein. "Sie sei noch zu jung für eine feste Bindung, sie wollte studieren, große Tanzturniere gewinnen, durch die Welt reisen. Ich hätte Pech, ich sei einfach zu früh gekommen. Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben." 'Witzbold!' dachte Lene erbost.

"Haben Sie Angelicas Tanzpartner mal kennengelernt?"

"Nein, keinen ihrer Freunde und Bekannte. Sie war auch nicht in mich verliebt oder verschossen, wenn Sie das meinen."

Lene setzte die Befragung fort: "Herr Feger, schildern Sie uns doch mal, wie Angelica so war. Freundlich, offen oder verkniffen und verschlossen? Hatte sie Angewohnheiten, die Sie verärgert haben? Die so auffällig waren, dass auch andere Menschen sie bemerken mussten?

Feger überlegte lange. Er verstand nicht, was diese Frage sollte, aber fürchtete, dahinter verberge sich eine Falle, die er trotz intensiven Nachdenkens nicht erkannte. Nach langem Zögern sagte er deshalb vorsichtig: "Nein. Daran kann ich mich nicht erinnern."

"War sie zickig, schwierig, geizig, hat sie über andere Menschen hergezogen?

"Nein", meinte Feger langsam. "Warum fragen Sie?"

"Andere Zeugen haben uns erklärt, dass sie sehr hinter dem Geld her war."

"Ja, das stimmt." Er grinste mühsam. "Aber da war bei mir, bei einem armen Studenten, nicht viel zu holen."

"Hat sie mal erzählt, oder haben Sie gefragt, wofür sie das Geld benötigte, das sie offenkundig hortete?"

"Ich habe sie direkt gefragt, aber sie meinte, das sei ihr Geheimnis, das könne und wolle sie mir nicht sagen."

Hase wurde ungeduldig. "Wann und wo haben Sie Angelica Moretti zum letzten Mal gesehen?"

"Das genaue Datum weiß ich nicht mehr. Anfang Mai ungefähr - richtig, die Spargelsaison hatte begonnen und wir sind im Burgrestaurant gewesen. Wissen Sie, sie neigte zu Allergien und vertrug viele Sachen nicht. Spargel, so hat sie erklärt, war eine der großen Ausnahmen. Spargel, Salzkartoffeln und etwas ausgelassene Butter. Schon bei dem Wort Schinken wurde ihr schlecht, und eine Sauce Hollandaise war für sie eine Art Schierlingsbecher. Das war das letzte Mal." Lene registrierte, dass sich Feger nicht einmal in Gegenwarts- und Vergangenheitsform irrte.

Hase knurrte hinterher: "Er gibt das zu, von dem er weiß oder ahnt, dass wir es ihm nachweisen können. Bei allem anderen mauert er. Da können wir lange auf ein Geständnis warten."

"Ruhig Blut, Herr Hase. Vertrauen wir auf den Kollegen Seidel und seine Fähigkeiten. Das Blonde Gift nicht zu vergessen."

Und beide enttäuschten das in sie gesetzte Vertrauen nicht. Sie fanden in dem Einfamilienhäuschen in Zwiebrücken, das von der Stadtmitte aus gesehen noch hinter Solgen lag, reichlich Blutspuren in den Fugen der Bodenbretter, an der Abdichtung des Duschbeckens, außerdem neben dem Bett Frauenhaare und überall Fingerabdrücken en masse. Von Angelica Moretti und Achim Feger. Die Gerichtsmedizin und die KTU legten Nachtschichten ein. Ob die DNA-Spuren aus den Hautschuppen, die sie an Angelicas Wäsche und Oberbekleidung gefunden hatten, von Feger stammten, ließ sich so schnell nicht feststellen. Aber Hase, der schon anrief, als Lene noch im Bett lag, war zufrieden: "Für einen Haftbefehl reicht es allemal."

Davon war Lene auch überzeugt.

"Wir sehen uns dann morgen Abend bei mir."

Staatsanwalt Hase erhielt seinen Haftbefehl ohne Probleme. Feger hatte sich im letzten Moment einen jungen Anwalt genommen, der sich vor dem Haftrichter bitterlich beklagte, dass er keine Zeit gehabt habe, ausführlich mit seinem Mandanten zu sprechen, aber das war weder Lenes noch Hases Problem. Beide staunten allerdings darüber, dass sich von Fegers Familie keiner sehen ließ, auch nicht die in Tellheim wohnende verheiratete Schwester. Feger beteuerte seine Unschuld und Hase versprach dem Anwalt "großmütig", ihm alle Unterlagen und Ergebnisse der KTU rechtzeitig vor einem Haftprüfungstermin zukommen zu lassen.

Jochen Pauly kam Samstag gegen Mittag und schüttelte eigentlich nur pausenlos den Kopf, wobei er mal laut, mal leise "Unglaublich, das gibt's nicht, das glaubt mir keiner" vor sich hinmurmelte oder ächzte. Er weigerte sich aber standhaft, vor dem allgemeinen Treffen etwas zu verraten, sagte nur, er habe mit "guten Bekannten" im Auswärtigen Amt, aus dem Wirtschaftsministerium und dem Innenministerium gesprochen, "geplaudert", wie er sich ausdrückte.

Steiner brachte das Blonde Gift mit, Hase die junge Kommissarin Jule Springer und stellte gleich klar: "Das ist nicht nur eine Kollegin von Lene, sondern auch meine Freundin." Und weil Jule ihm einen Ellbogen in die Seite rammte, verbesserte er rasch: "Meine momentane Lebensabschnittsgefährtin." Jule liebte es unmissverständlich und ergänzte deshalb: "Wir leben und schlafen zusammen." Steiner schaute etwas konsterniert drein, verbiss sich aber jeden Kommentar.

Dann war endlich der feierliche Moment gekommen. Pauly räusperte sich ausgiebig und sagte rasch: "Hier in Tellheim leben oder studieren zurzeit einige Iraner oder Deutsche mit iranischen Vorfahren, die alle was von Elektronik und Computern verstehen und einen Cyber-Angriff auf das iranische Nuklearprogramm vorbereiten."

"Das hat es doch schon mal gegeben", warf Jule ein und Jochen Pauly nickte: "Richtig, aber diesmal will Berlin einen solchen Angriff nicht ver- oder behindern. Im Gegenteil."

"Und warum das?", fragte Jule so liebenswürdig wie hartnäckig.

"Die Argumente lauten etwa so: Berlin nimmt die israelische Drohung sehr ernst, die iranische Bombe zu verhindern, und meint, es sei für die Welt, den Nahen Osten und die Menschheit besser, ein heimlicher Angriff auf einem unsichtbaren Netz lege das Programm lahm, als ein Luftangriff mit echten Bomben und Toten. Auch die dritte Möglichkeit, die iranischen Fachleute zu ermorden, sei auf Dauer keine tragfähige Lösung."

"Welch humane Einstellung", höhnte Nadine, und Lene bekam kaum Luft: "Dann sollte ich nicht weiter recherchieren, um die Gilanis und Kaschi nicht in ihrer menschenfreundlichen Tätigkeit zu stören?"

"So könnte man es ausdrücken, ja. Übrigens waren oder sind noch mehr Personen an diesem Projekt beteiligt. Andere, die nicht Viren oder Trojaner programmieren können, sammeln Geld, um Informanten im Iran bezahlen zu können."

"Zum Beispiel?"

"So ein Netz kostet Geld. Und das sammelt hier in Tellheim ein gewisser Felix Römer."

"Dem Amt hinlänglich bekannt", bemerkte Lene trocken.

"Und eine iranische Journalistin, die hier politisches Asyl bekommen hat. Farah mit Vornamen."

"Und Bakhtiar mit Familienanmen", ergänzte Lene unverändert sarkastisch. "Ich glaube, ich höre alle Engel pfeifen. Lieber Jochen, hast du vergessen, dass ich den Tod einer jungen Frau untersucht habe?"

"Was dich so nahe an Basim Gilani und Mehdi Kashikian geführt hat, dass jemand Angst bekam, du könntest eine allgemein gewünschte, weil den Weltfrieden erhaltende Aktion verhindern."

"Lieber Jochen, wenn ich so naiv wäre wie du, würden noch mehr Morde nicht aufgedeckt. Du weißt offenbar nicht, wo diese junge Frau namens Angelica Moretti gearbeitet hat?"

Man sah förmlich, wie sich Steiner und Hase verspannten. Die nicht zu bremsende Lene näherte sich dem Auslöser der Explosion.

"Nein, mein Schatz, wo denn?"

"Bei einer Firma Stureg, Steuerungs- und Regelungstechnik, und in deren Archiv hat sich Angelica heimlich umgesehen, Unterlagen fotografiert und elektronisch gespeicherte Konstruktionen kopiert. Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Konstruktionen oder Maschinen in den Iran geliefert wurden und beim Teheraner Nuklearprogramm eingesetzt werden." Es gab diese Verfertigung der Gedanken beim Reden tatsächlich, und so blieben weiterführende Geistesblitze nicht aus. "Ich denke, es gibt im Iran gegen den Verrückten in Teheran und die Mullahs Oppositionsgruppen, die das Nuklearprogramm sabotieren möchten. Einer aus dieser Gruppe hat einer Journalistin gesteckt, dass ein Herzstück solcher Kriegs- und schiitischer Großmachtsfantasien in Tellheim entstanden ist - ich stell' mir gerade vor, wie das die Israelis entzücken wird zu hören- die Journalistin hat Kontakt zu hiesigen Landsleuten und politischen Freunden aufgenommen, und ich muss noch herausfinden, wie und womit man Angelica Moretti dazu gewonnen hat, am Kampf gegen die iranische Atombombe aktiv teilzunehmen und sich eine Lehrstelle bei der Firma zu suchen, die offenbar iranisch-nuklearen Dreck am Stecken hat ... Und es würde mich nicht wundern, wenn einer unserer Drei-Buchstaben-Dienste davon Wind bekommen hat und die Stureg bereits überwacht wurde, als Angelica sich dort einnistete. Wann und wo sich die Drei-Buchstaben-Leute und Gilanis Freunde begegneten, weiß ich natürlich nicht."

"An Fantasie fehlt es dir tatsächlich nicht", warf Nadine ein.

"Vielleicht doch", korrigierte Steiner hörbar verärgert. "Denn wenn wir unterstellen, dass Lene richtig kombiniert, drängt sich der Verdacht auf, dass Angelica Moretti von Gegnern der iranischen Opposition getötet worden ist. Und Teheraner Regimefreunde treiben sich hier in der Gegend genug herum."

Lene holte tief Luft: "Wenn Sie den Gedanken wirklich ernst meinen, hätten Sie mir den Fall wegnehmen können, aber dem Staatsschutz übertragen müssen. Oder wollte man da ganz oben erreichen, dass die Gruppe Gilani cybertechnisch Erfolg hatte und dann erst eingreifen? Die Aussichten standen ja nicht schlecht, seit Gilani und Kaschi dank Angelica das Steuerungssystem genau kannten und zielgerichtet sabotieren konnten."

"Das dürfen Sie unterstellen", sagte der schweigsame Hase plötzlich, und es klang wie das abschließende Amen in der Kirche. Steiner schoss ihm bitterböse Blicke zu, sagte aber nichts, weil Nadine seinen Arm drückte. Nach einer Weile registrierte Pauly, mit welchem Zorn ihn Steiner betrachtete, und fuhr ruhig fort: "In Berlin bleibt nichts geheim, es sei denn, man sagt es in öffentlicher Sitzung im Bundestag."

"Sehr tröstlich, Herr Pauly."

"Eine der schönsten demokratischen Errungenschaften, die das Parlament aus Bonn mit an die Spree genommen hat."

Steiner knurrte gereizt. Aber die Mäuse waren aus dem Sack, und die Katze tanzte auf dem heißen Herd.

Pauly bestand darauf, zum "gemütlicheren" Teil überzugehen, Lene hätte gerne noch einiges geklärt, aber sie merkte, dass Steiner und Jochen es für klüger hielten, nicht alles auszusprechen, was man so wusste oder vermuten durfte. Die Stimmung blieb gedrückt, und als die Gäste gingen, war man sich einig, dass es kollegial ein verlorener Abend gewesen war.

Erst im Bett gab Pauly zu, dass Lene völlig richtig gelegen hatte. Wer auch immer von den Vorgängen in Tellheim erfahren hatte, man war sich einig, der "Gruppe Gilani" eine Chance zu geben, auf dem elektronischen Wege Teherans Programm lahmzulegen und deswegen musste Lene gestoppt werden, als Gefahr bestand, dass sie wegen des Mordes an Angelica Moretti die Gruppe festsetzen oder an ihrer Untergrundarbeit hindern würde. "Dieser Römer, der Tanzpartner der Moretti, gehört also auch dazu: Er hat das nötige Geld gesammelt. Von allen Mitwissern, aber eben nicht von anderen Exil-Iranern."

"Angst vor Verrat?"

"Vermutlich. Die Gilanis haben noch viel Verwandtschaft im Iran, Kashikian auch, und dieses Mullah-Regime frönt der Sippenhaftung, wie du sicher weißt."

"Hm." Damit schien klar, warum Angeli plötzlich so geldgierig geworden war.

"Wie ist denn Berlin - ob Staatsschutz, Verfassungsschutz, Militärischer Abschirmdienst oder Bundesnachrichtendienst - überhaupt dahintergekommen, was Basim und Kaschi planen?"

"Das habe ich auch gefragt und damit bei meinen Informanten ein großes Schweigen und peinlich berührte Mienen ausgelöst. Wenn du mich fragst - ich denke, sie haben diese Journalistin abgehört."

"Ja ja, diese Asylbewerber sind auch ungeheuer gefährliche Menschen", wütete Lene, "besonders, wenn man ihnen Asyl gewährt hat."

"Weißt du, ob da nicht ein Deal geschlossen worden ist? Diese Farah war hier unter Eingeweihten längst als Regimegegnerin mit guten Kontakten im Land bekannt."

"Unter Eingeweihten verstehst du ..."

"Ganz recht, die Männer und Frauen, die für den BND arbeiten."

"Politik ist was Widerliches", schloss Lene, die eine der seltenen Nächte, die Jochen bei ihr schlief, nicht mit langen dienstlichen Gesprächen vergeuden wollte.

Lene, Jule und Jochen Pauly trafen sich am nächsten Vormittag um zehn Uhr vor dem Herzogsbrunnen. Jule berichtete sehr bedrückt, dass es noch einen Riesenkrach zwischen Steiner und ihrem Hasen gegeben habe, der seitdem wieder die Ohren hängen lasse. Steiner würde dem Leiter der Polizeiabteilung im Landes-Innenministerium beichten müssen, dass die Geheimhaltung nicht geklappt habe, dass diese übereifrige Hauptkommissarin mittels eines Freundes in Berlin von so ein paar schwatzhaften Wichtigtuern doch erfahren habe, welches miese Spiel die Politik habe anzetteln wollen. Nur durch Glück und Zufall seien Gilani & Co aus der Schusslinie geraten.

"Könntet ihr euch vorstellen, dass er richtigen Bammel vor dem Gespräch im Ministerium hat?"

"Er wird es überleben", tröstete Jochen und blieb vor einem Schaufenster stehen.

"Ich denke, wir wollten zu Laborde", sagte Lene, die Jules enttäuschte Miene beobachtet hatte.

"Der Kavalier bringt jungen Damen Blumen, Champagner oder Konfekt mit."

Manuela Korschach freute sich über die Pralinen von Lindenberg und Jule strahlte über das ganze Gesicht, als sie den Flakon fleur du ciel in ihrer Handtasche verstaute. Jochen bekam einen Dankeskuss, bei dem Hase und Lene gleichermaßen eifersüchtig hätten werden können. Lene bestand darauf, auf dem Rückweg bei Lindenberg Kaffee zu trinken, und dort erzählte Lene ihre Geschichte von Arno und Tanja. Jochen und Jule saßen wie versteinert, das hatten beide nicht gewusst.

"Arme Lene", sagte Jochen, und Jule schloss sich an: "Das tut mir so leid, Chefin."

"Bitte keine Trost- oder Trauerarien."

Jochen verstand, was sie damit ausdrücken wollte, und schickte deshalb Jule nach vorne an die Pralinen-Theke. "Aber lass noch ein paar übrig für Lene." Der echte Kavalier schmückte sich mit mehreren Schönen, die ihn bewundernd anhimmelten.

Jule hüpfte unbeschwert davon und Lene schaute ihr etwas neidisch nach. Dabei bemerkte sie die drei Männer, die sie offenbar schon einige Zeit beobachteten. Sie spürte förmlich, wie die heiße Wut in ihr hochschoss. Der eine hatte vor ihr ausgespuckt, dem anderen hatte sie im Studentenwohnheim ein Bein gestellt, der jüngste hatte sie vor Basim Gilanis Uni-Institut belauert. Lene stand auf: "Ich muss mal für kleine Mädchen." Die Toiletten lagen im Keller und von dort rief sie 110 an: "Schelm hier. Ich brauche drei Männer, um ein Trio festzunehmen und zur Feststellung der Personalien aufs Revier zu bringen. Wahrscheinlich drei Ausländer. Wir sitzen zurzeit im Café Lindenberg."

Die Einsatzleitung schickte drei Herkules-Typen. Der Mittlere und der Jüngste wollten Widerspruch einlegen oder sich wehren. Der Ältere sagte etwas in einer fremden Sprache, worauf seine Begleiter Ruhe gaben und er Lene anschnauzte: "Das Sie werden bereuen."

"Wenn Sie jetzt noch einmal protestieren, bereuen Sie etwas, und zwar auf Dauer."

Die sechs Männer zogen ab und Jochen zahlte. "Was ist mit Pralinen für dich?"

"Nein, danke", sagte Lene mit vor Wut zitternder Stimme.

Am nächsten Tag ließ sich Lene zum Haus der Gilanis chauffieren. Pauly erklärte sich bereit, vor dem Haus auf Lene zu warten und nicht ungeduldig zu werden.

Basim Gilani zeigte ihr offen, dass sie herzlich unwillkommen war. "Hören Sie, Herr Dr. Gilani, mich interessiert nicht, ob und wie Sie durch Trojaner oder Viren oder wie man diese Programme nennt, im Iran eine Atomfabrik lahmlegen. Mich interessiert auch nicht, wer von den deutschen Behörden oder Diensten dabei ein Auge zudrückt oder aktive Hilfe leistet. Ich muss einen Mord aufklären, mit dem Sie, Römer oder Kaschi nichts zu tun haben. Ich muss aber wissen, wer auf welchem Weg Angelica dazu gebracht hat, für Sie zur Stureg zu gehen, Geld zu spenden und Ihnen zu helfen. Was verbindet solch ein Mädchen plötzlich mit der iranischen Opposition?"

Gilani musterte Lene lange schweigend, als könne er sich nicht schlüssig werden, wie weit er ihren Worten glauben solle. Nach einer Weile trat er zur Seite: "Kommen Sie herein. Sie haben Glück, Farah ist gerade da."

Farah Bakhtiar erkannte Lene wieder und sah sie unruhig an, Gilani sagte etwas in einer Sprache, die Lene nicht verstand, und dann meinte die Journalistin auf Französisch: "Ich habe Angelica ein paar Bilder gezeigt. Freunde von mir haben sie in der Provinz aufgenommen. Nach Teheran kommen viele ausländische Journalisten, aber kaum einer verirrt sich mal in die Provinz, und dort herrschen andere Zustände als in der Hauptstadt." Sie holte aus ihrer Handtasche einen Umschlag mit mehreren Fotografien. "Haben Sie starke Nerven? Sie werden sie brauchen."

"Wollen Sie sich das antun?", erkundigte sich Gilani und es klang ehrlich besorgt.

"Was wollen Sie mir denn zeigen?"

"Bilder von der Leiche einer jungen Frau, die wegen Ehebruchs gesteinigt worden ist. Sie hat den Ehebruch bis zuletzt bestritten."

Selbst Lene, die mehr als eine übel zugerichtete Leiche gesehen hatte, musste würgen und gegen den Brechreiz ankämpfen; sie schluckte und schluckte, bis sie endlich wieder krächzen konnte. "Ist das üblich?"

"Nein, aber es kommt immer wieder vor und wird von jenen Geistlichen gutgeheißen, die den Gottesstaat endlich einrichten wollen und diese Segnungen allen Muslimen bringen wollen. Auch gewaltsam, wenn nötig." Farah Bakhtiar lächelte melancholisch. "Wir mussten Angelica Moretti nicht überreden, sie hat sich uns freiwillig angeschlossen."

Gilani ergänzte sachlich: "Und was sie in der Stureg fotografiert und kopiert hat, war für uns mehr als hilfreich. Und wird es später für einen deutschen Staatsanwalt sein."

"Sie wissen, warum uns die deutschen Dienste fuhrwerken lassen?", fragte die Journalistin weiter.

"Ja. Einmal aus schlechtem Gewissen, wegen der deutschen Exporte und den möglichen israelischen Reaktionen, wenn das bekannt wird, und dann wegen der scheinheiligen Selbstrechtfertigung, lieber einen Cyber-Angriff als einen realen Luftangriff, unter Umständen sogar mit Atombomben."

Gilani beugte sich zu Farah herunter und sagte wieder etwas in der unbekannten Sprache. Sie übersetzte für Lene: "Siehst du, ich habe dir gleich gesagt, sie ist nicht so beschränkt wie du ihr unterstellst."

Lene fand, das sei ein eher zweifelhaftes Kompliment, aber sie wollte sich nicht aufregen, und ging. Es gab Fälle, die endeten mit einem großen Knall, einem richtigen Showdown, und andere verläpperten irgendwie, und das waren nicht automatisch die leichteren und harmloseren.

Am nächsten Morgen saß sie in aller Herrgottsfrühe in einem ICE nach Bonn. Sie fuhr nicht gern längere Strecken auf der Autobahn, erst recht nicht, wenn sie Termine hatte und die Zeit drängte. Der Gedanke, dass da vorne ein Mann bereit war, sie in hohem Tempo sicher an ihr Ziel zu bringen, wobei er von Menschen und Maschinen in fernen Stellwerken unterstützt wurde, wirkte so beruhigend, dass sie eingeschlafen war, bevor der Zug den Bahnhof Tellheim verlassen hatte. Der einzige Wermutstropfen: Ihr schöner Zug hielt in Beuel, sie musste sich dort ein Taxi nehmen und über den Rhein nach Bonn fahren. Sie kam pünktlich an und entführte Verena Kimmig zum Mittagessen in eine Pizzeria.

"Reden wir offen oder wollen wir Versteck spielen, Frau Kimmig?"

"Wie meinen Sie das?"

"Von wem ist Lara?"

"Wie bitte?"

"Sie sind aus dem Urlaub auf Lanzarote gekommen und haben die Nacht mit dem Bärenapotheker verbracht, doch als Sie am nächsten Morgen das Thema Heirat anschnitten, hat er Sie ausgelacht und vor die Tür gesetzt. Sie haben sich Ihre Papiere aus der elterlichen Wohnung geholt und sind sofort nach Tellheim gefahren, hatten insoweit Glück, dass Josef daheim war und gleich mit Ihnen ins Bett gestiegen ist. Als Sie merkten, dass Sie schwanger waren, konnten Sie das Kind Josef unterschieben."

"Was heißt hier unterschieben? Lara stammt von Josef."

"Nein, das weiß ich besser, und Sie wissen es auch. Lara stammt vom Bärenapotheker. Und deshalb hat Lara Anspruch auf einen Großteil des Rönschen Erbes, nachdem eine potenzielle Miterbin ermordet worden ist. Sie lieben doch Geld - oder? Jetzt haben Sie die Chance, dass Ihre Tochter reich wird. Ihre Ehe ist dann allerdings wohl endgültig im Eimer. Überlegen Sie nicht zu lange. Sie brauchen einen Anwalt, der für Sie bei Gericht eine Vaterschaftsbestimmung durchsetzt. Das dazu nötige Material vom Bärenapotheker liegt in der Tellheimer Gerichtsmedizin. Warten Sie nicht zu lange, und erwarten Sie nicht, dass ich Ihnen bei Ihrer Entscheidung helfe."

Lene war zorniger geworden, als sie sich vorgenommen hatte, und Verena Kimmig begehrte auf. "Sie müssen sich nicht aufs hohe Ross schwingen. Oder hatten Sie auch eine Mutter, die unter Verfolgungswahn litt, sich versteckte und ihre Kinder immer allein ließ, einen Vater, der zu faul war, sich selbst den Wein zu besorgen, mit dem er sich systematisch zu ersäufen versuchte? Der sich von seinem Bruder und seinen Neffen durchfüttern lassen musste und seine Kinder nur als Konkurrenten am Esstisch betrachtete? Wenn Sie das alles auch mitgemacht haben, dürfen Sie auf mich herabschauen, wenn nicht, steigen Sie vom Pferd runter."

Lene antwortete nicht, zahlte und ging.

Streng genommen, hatte sich die Fahrt an den Rhein nicht gelohnt. Als Spesen abrechnen würde sie ihre Kosten nicht.

Die Rückfahrt verlief nicht so glatt wie die Hinfahrt. Sie erreichte in Frankfurt gerade noch den letzten Zug Richtung Tellheim und kam erst gegen ein Uhr zu Hause an, schlief wie eine Tote und überhörte ihren Wecker. Erst die hartnäckige Jule klingelte sie aus dem Schlaf.

"Du verpasst was, Chefin."

"Wirklich?"

"Er singt wie eine Nachtigall. Ich kann gar nicht so schnell die Bänder wechseln, wie er redet."

"Wer singt, Jule?"

"Achim Feger. Er gesteht, mit solchen Einzelheiten und Täterwissen, dass Paul und ich nicht daran zweifeln: Er hat Angelica Moretti aus genau den Gründen ermordet, die du behauptet hast: Habgier. Und weißt du, was ihn am meisten beschäftigt: Welchen Fehler er begangen hat, dass du angeblich sofort gemerkt hast, das Sexualverbrechen ist nur vorgetäuscht."

"Hoffentlich fällt es mir wieder ein, Jule. Vielleicht war es auch nur ein Bluff. Ich muss erst wach werden, um mich genau zu erinnern."

Als sie endlich ins Präsidium kam, war Fegers Vernehmung schon beendet, und Lene hatte auf ihrem Schreibtisch zwei große Tonbänder liegen; die würde sie sich nicht sofort anhören. Trotz Kaffee in größeren Mengen fühlte sie sich immer noch wie gerädert und schaffte es einfach nicht, aus dieser duseligen Müdigkeit richtig aufzuwachen. Sie hatte heute Nacht seit langem wieder einmal von Tanjas Pflegeeltern Martin und Charlotte Lange geträumt, ihr Sohn Thomas stand daneben und tröstete Lene: "Du sitzt nicht auf einem hohen Ross, sondern nur auf einem Schaukelpferd, das Tanja gehört. Du bist auch immer für deine Tochter da und versteckst dich nicht vor anderen Leuten."

Verena Kimmigs Bemerkung - "nur wenn Sie das auch alles durchgemacht haben, dürfen Sie sich auf ein hohes Ross schwingen" - hatte sie, wie sie sich eingestand, härter und schmerzlicher getroffen, als in Bonn direkt bemerkt. Eine Mutter, die sich aus Angst vor unbekannten Umständen und fremden Menschen versteckte und darüber ihre Kinder vernachlässigte. Das konnte wohl kaum Ur-Vertrauen erzeugen. Ob Verena Zopf deshalb so hinter der vermeintlichen Sicherheit des Geldes her war?

Um aus den trüben Gedanken aufzuwachen, rief sie die Langes an, was sie seit Monaten nicht mehr getan hatte. Thomas nahm ab. "Schön, dass ich dich noch einmal spreche, Lene."

"Wie meinst du das?"

"Ich war gestern bei dir im Büro, um mich zu verabschieden: Ich gehe für zwei Jahre ans MIT."

"Glückwunsch, Tom. Es hat also doch noch geklappt."

"Und wenn alles so läuft, wie es so geplant ist, gehe ich anschließend an ein Forschungsinstitut nach Dresden. Ich hätte es dir gerne ausführlich erklärt."

"Tut mit leid. Ich musste dienstlich nach Bonn. Aber schön, dass ich dich vor deiner Abreise noch einmal spreche. Alles Gute, Hals- und Beinbruch, komm' gesund wieder und vergiss mich nicht."

Erst jetzt, als sie sich klar machte, wie lange sie ihn nicht mehr sehen würde, merkte sie, wie sehr ihr Tom ans Herz gewachsen war. Freund Jochen verfügte über eine Sammlung dummer Sprüche, mit denen er sie gelegentlich auf die Palme trieb: "Reisen und leben heißt Abschied nehmen." Sie begann zu weinen und wusste nicht, warum.

Jule verschleppte sie in die Kantine, vor Stolz war sie deutlich größer geworden. Sturm warnte: "Deine Nase kratzt schon an der Decke, Kollegin." Ihr erstes Geständnis, astrein und nicht zu erschüttern.

"Warum hat er plötzlich gestanden?"

"Das wollte er nicht sagen."

Lene besuchte Hase, der ebenfalls vor Stolz glühte. "Wir haben ihn, Frau Schelm. Da kommt er nicht wieder raus."

"Gratuliere."

"Danke. Und wie war's bei Ihnen?"

"Nur mäßig erfolgreich. Wenn Feger so viel Täterwissen preisgegeben hat, brauchen wir die Drohung mit einem Sexualdelikt aus seiner Vergangenheit ja wohl nicht mehr."

"Denke ich auch. Machen Sie noch den Schlussbericht?"

"Natürlich. Aber eine Frage können Sie mir beantworten, bevor ich mir die Tonbänder reinziehe. Wie hat er Angelica Moretti dazu bekommen, sich auszuziehen?"

"Gar nicht. K.o.-Tropfen in Öko-Apfelsaft. Und als sie weg war, hat er sie ausgezogen. Sie kam dann zu sich, bemerkte, dass sie nackt war und ging auf ihn los. Da hat er angeblich in Panik und Erregung zugestochen."

"Und das Messer hielt er zufällig in der Hand, weil er ihre Fingernägel säubern wollte, was?"

Hase griente.

"Und wie hat er sie nach Zwiebrücken gelockt?"

"Mit Geld. Er hatte ihr zehntausend Euro für ihre Hilfsaktion versprochen. Bar auf die Hand."

"Das Bargeld hat er nach der Tat natürlich wieder eingesteckt?"

"Aber sicher doch."

Beim Abendgebet hörte Lene von Sturm und Kimmig zum ersten Mal von dem Fund eines alten R 4 im Stichkanal. Taucher waren immer noch damit beschäftigt, rund um den Fundort des Wracks nach Knochen zu suchen. Über fehlende Arbeit wollte sie sich nicht beklagen.

Lene nahm zwei Kopien der Tonbänder mit nach Hause, entstaubte ihr altes Bandgerät und hörte sich an, was Achim Feger gestanden hatte. Es war alles so abgelaufen, wie sie sich das vorgestellt hatten. Schluss mit dem Fall Angelica Moretti. Dafür opferte sie noch den ganzen nächsten Tag und verfasste einen ausführlichen Schlussbericht nach allen zeitraubenden Regeln der Kunst. Während des Korrekturlesens begann sie zu träumen. Es war gut und richtig, dass sie Angelicas Mörder gefasst hatten; aber konnte sie - Marlene Schelm – eigentlich gutheißen, was Angelica und ihre Freunde geplant hatten? War im Kampf gegen das Falsche alles erlaubt? Heiligte der Zweck wirklich alle Mittel? Ihr fiel wieder eine lange, hitzige Debatte mit Tanja ein. Die Tochter war davon überzeugt, dass im Kampf gegen das Falsche alles erlaubt sei, Lene hatte - nicht nur berufsbedingt - widersprochen und Tanja mit der Aufforderung lahmgelegt, allgemein verbindlich das Falsche zu definieren.

Es geschah nicht oft, dass sich Lene Fragen nach dem Sinn ihrer Arbeit stellte. Sie wurde aber auch nicht oft durch das Opfer eines Verbrechens so massiv an die verlorene Tochter Tanja erinnert, die auch so ganz genau gewusst hatte, was richtig und was falsch war. Hatte sie den Mord an der ihr unbekannten Angelica Moretti auch um den Preis aufklären wollen, dass sie ihren Job verlor oder hatte sie insgeheim Buße tun wollen, weil sie nicht genug getan hatte, Tanja zu finden? Und weil sie sich schweigend mit dem Verlust ihrer Tochter abgefunden hatte?

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Teil III

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Otto Lommesch prüfte zuerst, ob die Ohrenschützer gut saßen, bevor er die Maschine anließ. Das alte Achtzylinder-Schätzchen lärmte, zitterte und soff Sprit, als müsse es ein großes, vollbeladenes Containerschiff auf wenigstens 20 Knoten beschleunigen. Dabei sollte es nur einen besseren Prahm durch den Stichkanal schieben. Auf dem Vorderteil stand ein verankerter Bagger, der das, was er blind aus dem trüben Kanalwasser fischte, hinter sich auf dem Prahm ablud. Schlamm, Schlick, Glas, Metallteile, verrottendes Holz und manchmal auch gefährliche Fracht. Gleich am ersten Tag hatte Otto mehrere schon leckende Fässer aus dem Kanal geholt, die, wie ihm der Chef später mitteilte, Härtesalze aus Galvanisierbetrieben enthielten. Hochgiftiger Sondermüll also, den man hier preisgünstig "entsorgt" hatte. Am dritten Tag war der Prahm auf ein Hindernis aufgelaufen, das Otto mit viel Mühe aus dem schlammig-aufgewühlten Wasser zog - ein Metallgestell, bestimmt fünf auf zehn mal drei Meter, von dem kein Mensch sagen konnte, wozu es mal gedient hatte oder dienen sollte.

Otto gab noch mehr Gas und seine Lydia 5 rauschte im Fußgängertempo Richtung Lensen. Der alte Tellheimer Stadthafen war schon vor mehreren Jahrzehnten aufgegeben und durch einen neuen Flusshafen mit modernen Saughebern und Containerbrücken ersetzt worden. Dabei zitterte Lydia, als wolle sie gleich auseinanderfallen. Der Zaun entlang des Stichkanals war längst verschwunden, in sich zusammengebrochen, umgekippt, demontiert, gestohlen, von Wildschweinen umgestoßen. Von der Zufahrtstraße zum Steinbruch Rischtal konnte man an jeder Stelle bequem abbiegen, um etwas in dem trüben Gewässer zu versenken. Davon hatten viele Menschen Gebrauch gemacht.

Ursprünglich sollte der Kanal bis Ende September freigeräumt sein. Jetzt, Mitte Oktober, bezweifelte Otto, dass man den neuen Termin Mitte November halten konnte. Er hatte noch nicht einmal die halbe Strecke geräumt. Jeden Tag fischte er zwei vollbeladene Prähme Unrat aus dem Wasser, und der Chef hatte ihm schon verklickert, dass er auch an den Sonntagen werde arbeiten müssen. Lydia 5 tat ihr Bestes, aber sie war alt und weil der Kanal nicht breit genug war, um den Prahm in Gegenrichtung zu wenden, musste Otto sich, voll beladen, im Rückwärts-Schneckentempo zum Kanal-Abzweig Vorland schleichen. Und wenn Otto aus der Kanalmitte voll bestückte Bierkästen hochfischte, fragte er sich natürlich, wie es die Idioten geschafft hatten, ihren Müll soweit vom Ufer entfernt zu versenken.

Nach einer Dreiviertelstunde sah er am Ufer den Kastenwagen mit den Kollegen, die ihm anzeigten, wo er anlegen und weiterbaggern sollte. Er warf die dünne Leine an Land, die Kollegen zogen die dicken Trossen heran und hatten sich schon kräftige Bäume, Steine oder Felsbrocken ausgesucht, an denen sie Miss Lydia 5 vorne und achtern vertäuten. Otto stoppte den Motor und zog sich mit einem Seufzer der Erleichterung die Ohrenschützer ab. Im Vergleich mit dem alten Schätzchen säuselte der moderne Baggermotor nur. Otto stieg in den Baggerstand, startete den Motor und begann mit dem sturen Einerlei. Absenken, Schließen, Anheben, Drehen, Absenken und den Greifer dicht über dem anderen Abfall öffnen, Hochziehen, Schwenken und Absenken. Lydia 5 füllte sich. Otto hatte schon interessantere Jobs gehabt, aber er war froh, nach zehn Monaten Arbeitslosigkeit bei der Firma untergeschlüpft zu sein. Punkt zwölf Uhr legte er seine Mittagspause ein, hockte sich auf den Absatz des Fahrstandes seiner Lydia 5. Senta hatte ihm zwei Stullen geschmiert und eingewickelt und eine volle Thermoskanne Kaffee mitgegeben. Fünfzehn Minuten vor eins rief er Senta an. Das hatte sich so eingebürgert. Senta arbeitete als Aushilfskraft in der Spülküche des Waldhotels Merker etwa zehn Kilometer vom Steinbruch Rischtal entfernt. Senta war zwölf Monate arbeitslos gewesen und hatte den Job auch nur angenommen, weil sich für die gelernte Diätköchin weit und breit nichts Besseres fand.

"Alles in Ordnung?", erkundigte sich Otto.

"Danke ja, und bei dir?"

"Auch alles okay."

"Na prima, dann bis heute Abend, Otto."

"Bis dann, Senta."

Minuten später strafte das Schicksal Otto Lügen. Beim ersten Absenken und Schließen des Greifers gehorchte der Bagger nicht mehr wie in den Stunden zuvor. Der Greifer schloss sich nicht vollständig und als Otto die offenbar sperrige Last, die er in dem trüben Wasser nicht erkennen konnte, hochziehen wollte, begann der Ausleger zu ruckeln, als hänge der Greifer fest. Otto tat das Übliche, um eine festsitzende Baggerschaufel zu lockern, Anziehen, Loslassen, Anziehen, Loslassen, dann mit voller Pulle hoch. Ein paar Sekunden fürchtet er, es würde den Bagger aus der Verankerung auf dem Prahm reißen und nach vorn ins Wasser ziehen, dann gab es einen scheußlichen Ruck, und der Greifer tauchte auf, zwischen seinen Zähnen ein völlig verschlammtes und deformiertes Stück Blech, das wohl mal dunkelrot lackiert gewesen war. Otto ließ es vorsichtig herab, schaltet den Baggermotor aus und ging zur Ladefläche, um sich seinen Fund genauer anzuschauen. So schwer war das Stück nicht, da hatte er schon ganz andere Gewichte aus dem Wasser gehoben. Es hatte sich wohl irgendwo verklemmt oder Otto hatte es mit seinem Greifer und seinen Rüttelmanövern von einem größeren Teil abgerissen.

Und als er sich das Teil genauer anschaute, wurde ihm ganz anders. Verdammt, das sah doch aus wie ein Autodach, das er von einem Auto abgerissen hatte, das auf seinen vier Rädern auf dem Kanalboden stand.

Vorsichtshalber winkte Otto den Kollegen zu, die über ein Brett an Bord turnten und stumm vor dem Blech standen. Der Vorarbeiter entschied: "Otto, das kann wirklich ein Autodach sein. Ruf' mal den Chef an, er muss vorbeikommen und sagen, was wir jetzt machen sollen."

Der Chef war alles andere als begeistert, aber nach einer Dreiviertelstunde hielt sein Auto am Ufer, er balancierte an Bord der Lydia 5 und gab dann bekannt: "Ich rufe die Polizei."

Die Streife brauchte nicht so lange und der Hauptmeister machte klar Schiff: "Dafür sind wir nicht ausgerüstet, da müssen die Kollegen von der Wasserschutzpolizei und Taucher ran."

Das Vorauskommando war dreißig Minuten später zur Stelle. "Ja, das kann ein Autodach sein. Wenn da vorne wirklich ein Wagen im Wasser steht, müssen wir ihn heben."

Der Chef machte ein langes Gesicht; das bedeutete, der Arbeitstag heute war zu Ende, der November-Termin kniff immer stärker. "Der Prahm muss weg, damit wir das Wrack mit einem Kran an Land heben können." Otto war wohl neugierig, wie es weitergehen würde, andererseits - so ein halber Tag zusätzlich frei, das war ja auch nicht zu verachten. Der Chef würde bleiben und auf die Bergungstruppe warten. Die Kollegen machten die Lydia 5 los und Otto begann seine mühsame Schleichfahrt rückwärts zum Kanalabzweig Vorland.

Die Taucher mussten nicht lange suchen. Mit dem Bergungstrupp waren zwei Kriminalbeamte aus Tellheim erschienen, die sich im Moment sehr überflüssig vorkamen und desto neugieriger das Manöver verfolgten. Das Auto stand auf den Resten seiner vier Räder etwas schräg im Kanal, so, als sei es vom Ufer ins Wasser gerollt. Das Dach fehlte, und abgesehen davon waren keine großen Beschädigungen erkennbar. Der ältere Taucher kam an Land und sah aus, als sei er dem Tod begegnet. "Was ist los, Schröder?"

"Da liegen Knochen in und neben dem Karren."

"Was für Knochen?"

"Das weiß ich doch nicht. Knochen halt."

"Mann, reißen Sie sich zusammen. Wie sollen da Knochen in das Auto kommen?"

Aber auch der zweite Taucher behauptete, auf und vor den Resten des ehemaligen Fahrersitzes lägen Knochen, ob vom Tier oder von einem Menschen, könne er nicht beurteilen.

Oberkommissar Harald Sturm überließ alle Entscheidungen seinem Kollegen, dem Hauptkommissar Josef Kimmig. Sturm verhielt sich gegenüber dem neuen Kollegen nach einer alten Geschäftsregel: "Wenn du ihn nicht schlucken kannst, verbünde dich mit ihm." Völlig zu Recht vermutete Sturm, dass Marlene Schelm ihn nicht besonders schätzte. Trotzdem hatte er sich eine Chance ausgerechnet, das Referat 11 zu übernehmen, wenn die quirlige und im Präsidium nicht sehr geschätzte Lene einmal über ihre Alleingänge und Missachtung aller Vorschriften stolpern sollte. Dann kam Kimmig zu ihnen. Und das hieß: Sollte Lene in absehbarer Zeit gehen, hatte Sturm einen Kollegen, der ihm an Lebens- und Berufsjahren voraus war. Nix also mit dem Referat 11. Dass er bald seinen Hauptkommissar bekommen würde, hatte er aus sicherer Quelle im Personalbüro gehört, aber die Leitung würde man ihm nicht übertragen. Also hatte er sich mit Kimmig zu arrangieren versucht, was nur halb gelungen war, weil Kimmig momentan große private Sorgen plagten und er oft eine Laune verbreitete, dass die frische Milch im Kühlschrank sauer wurde.

Nachdem ein Taucher einen großen Knochen nach oben gebracht hatte, rief Kimmig den Kommissar vom Dienst an und setzte die gesamte Maschinerie in Gang. Mit etwas Glück konnten sie die Buchstaben und Ziffern des hinteren Kennzeichens sichtbar machen. Bei dem Wagen handelte es sich um ein älteres Modell des R 4. Als Otto Lommesch in Rückwärtsfahrt den Abzweig Vorland erreichte, setzte ein Kran das Wrack aus dem Kanal auf einen Tieflader, der die Reste des R 4 zur kriminaltechnischen Untersuchung bringen würde. Seidel wollte noch bleiben, bis das schwindende Licht weitere Tauchgänge verhinderte. Immerhin hatten sie genug Knochen an die Oberfläche geholt, um sagen zu können: Es waren Menschenknochen.

"Wo ist eigentlich Lene?", fragte Sturm. Kimmig zuckte die Schultern: "Weiß nicht. Jule hat gesagt, die Chefin müsse was in Nordrhein-Westfalen erledigen."

Am Dienstag kam Lene zum Blonden Gift, eigentlich in der Hoffnung auf einen ordentlichen Kaffee und ein kleines Plauderstündchen. Doch Nadine war beschäftigt, sie hatte eine ganze Kollektion Knochen vor sich liegen, die alle so aussahen, als habe man sie gründlich geschrubbt und gereinigt, und baute auf einem ihrer Tische eine Art Puzzle zusammen. "Ein Skelett, männlich", sagte sie vergnügt. "Mehrere Jahre im sauren Wasser des Stichkanals gewässert oder gebleicht. Einiges fehlt, aber was die Taucher geborgen haben, reicht mir."

Von dem Knochenfund im und rund um den im Stichkanal versenkten R 4 hatte Lene schon beim Abendgebet gehört. Nadine arbeitete flink wie ein Automat, ein Blick genügte ihr, den Knochen zu bestimmen und an die richtige Stelle zu legen. Langsamer wurde sie erst, als es an die Hände ging. Die bestanden aus vielen, sehr kleinen Teilen, von denen doch eine beträchtliche Anzahl fehlte.

"Hast du schon eine Ahnung, woran unser Kanalmann gestorben ist?"

"Oh ja." Nadine nahm den Schädel auf und hielt ihn Lene hin. Das Loch am Hinterkopf war nicht zu übersehen. Lene drehte den Schädel um. Das größere Ausschussloch saß mitten auf der Stirn.

"Also Mord."

"Ja. Hinterrücks erschossen."

"Und wann?"

"Lene, ich fange gerade erst an. Pi mal Daumen vor gut zehn Jahren."

"Ich hätte Archäologie studieren sollen."

"Nicht gleich weinen." Nadine ließ sich nicht ablenken, legte Knöchelchen an Knöchelchen. Es fehlten immer noch sehr viele für ein vollständiges Handskelett. Nicht anders sah es bei den Füßen aus. "Verluste, Verluste", murmelte das Blonde Gift vor sich hin. "Abgesehen von einer Anschauungsstunde in Anatomie - kann ich sonst noch was für dich tun?"

"Ich habe Kaffeedurst."

"Beate kocht schon. Ich würde gerne noch versuchen, einen der Füße hinzulegen."

Nadine schob das kleine Häuflein Knochen auseinander, sortierte und begann das Puzzle des rechten Fußes, von dem die Taucher erstaunlich viele Einzelteile gefunden und geborgen hatten. Einige hatten sogar noch in dem gehobenen Autowrack gelegen. Im Moment waren die Taucher wieder am Stichkanal, hatten Otto mit der Lydia 5 vorbeigelassen und suchten nun auf dem Kanalbett nach einer Pistole oder einem Revolver.

"Das ist ja lustig." Nadine hatte sich einen kleinen Knochen genommen und unter ein Mikroskop gelegt, das auf einer Arbeitsplatte hinter ihr stand.

Lene war schon zur Tür unterwegs, blieb stehen und drehte sich um.

"Was ist lustig?"

"Ausgerechnet der kleine Zeh rechts fehlt."

Lene holte tief Luft, weil ihr etwas schwindelig wurde. Nadine Golowski war eine der wenigen Personen, die wussten, was Lene Schelm mit Arno Grimme erlebt hatte, die aus den Eintragungen in der EDV darüber informiert war, dass Grimme ein unveränderliches äußerliches Merkmal besaß, den nach einem Unfall amputierten kleinen Zeh am rechten Fuß. "Die Knochen werden noch im Kanal liegen; du willst doch nicht ..."

"Man hat schon Pferde kotzen sehen ...", unterbrach Nadine sie.

"... und das direkt vor der Apotheke", ergänzte Lene fromm. "Ich weiß, aber das wäre nun etwas zuviel des Zufalls, findest du nicht auch?"

"Eigentlich schon. Aber die Kollegen Glück und Zufall benehmen sich äußerst eigenwillig, fast so wie ..." Den Rest verschluckte sie. "Gut, es gibt einige Männer, denen rechts der kleine Zeh fehlt. Aber nur bei wenigen gibt es so glatte Schnittflächen, Lene, der hier ist nicht abgerissen oder abgesplittert, der ist amputiert worden, von einem sach- und fachkundigen Kollegen aus der Chirurgie ... ja, kein Zweifel."

Beate Stoll hatte einen sehr starken Kaffee gekocht. Sie benutzte fleur du ciel immer noch mit großem Vergnügen und freute sich über jedes Kompliment. Lene war nicht ganz bei der Sache. Eigentlich hatte sie bei Nadine über deren Freund Jörg Steiner klagen wollen, der ihr die eigenmächtige Recherche im Fall Angelica Moretti noch nicht verziehen hatte. Ihr früher so herzliches Verhältnis hatte sich spürbar abgekühlt. Doch Nadines Anspielung auf Arno Grimme lenkte Lene von ihren Plänen ab. Der Kriminaldirektor war so wichtig auch nicht. Sie wurde unruhig und war froh, als sie sich verabschieden konnte.

Zur Kriminaltechnik, Abteilung Auto, musste sie ein paar Minuten laufen. Seidels Mannen hatten fleißig gewerkelt. Auf dem Heck-Kennzeichen des roten R 4 waren die Konturen von Buchstaben und Ziffern sichtbar gemacht geworden, die ein Mitarbeiter auf Lenes Bitte mit einem Sprühlack deutlich lesbar färbte: REG-ZA 414.

"REG ...?", sagte Lene hilflos.

"Regen in Bayern", gab der hilfreiche Techniker Auskunft. "Ein ganzes Ende vom Stichkanal entfernt."

Lene notierte sich das Kennzeichen und rief in ihrem Zimmer die Kollegen in München an. Die meldeten sich wie versprochen keine Stunde später. "Der Wagen war zugelassen auf eine Heike Grimm aus Rodenfels, Landkreis Regen in Niederbayern. Sie hatte den Wagen ihrem Ehemann Arno Grimm geliehen, weil der sein Auto vor einen Baum gelenkt hatte. Grimm wollte mit dem R 4 zur Arbeit nach Erlangen fahren, aber dort ist er nicht angekommen. Heike Grimm hat daraufhin Auto und Ehemann am 15. Juni 1996 als vermisst gemeldet."

"Wann war das bitte?", fragte Lene und bekam kaum noch Luft.

"Am 15. Juni 1996", wiederholte der Beamte geduldig.

"Die Eigentümerin hieß Heike Grimm und ihr Ehemann Arno Grimm?"

"Ja. Ich faxe Ihnen alles zu, wenn Sie mir die richtigen Nummer geben und mir bitte sagen, warum Sie sich für diesen Vermisstenfall interessieren."

"Natürlich. Beim Ausbaggern eines nicht mehr befahrenen Stichkanals in der Nähe von Tellheim haben wir einen roten R 4 mit dem Kennzeichen Richard Emil Gustav - Zeppelin Anton vier eins vier gefunden. In und um den Wagen herum lagen die Knochen eines Mannes - gut möglich, dass wir auch Arno Grimm gefunden haben."

"Das wäre ja ein Ding. Frau Kollegin, ich faxe Ihnen sofort alles, was wir haben."

Lene diktierte ihm ihre Faxnummer und Minuten später summte das Gerät los.

Weil Lene das gespannte Verhältnis zu Steiner nicht weiter belasten wollte, ging sie ganz offiziell zum Direktor und fragte, ob sie eine Dienstreise nach Niederbayern machen könne, um sich in einem Fall nach Einzelheiten zu erkundigen, den die Kollegen Sturm und Kimmig begonnen hatten. Steiner amüsierte sich über Lenes verstecktes Friedensangebot und wollte wissen, ob sie Sturm und Kimmig nicht zutraue, den Fall des Kanaltoten zu lösen.

"Kimmig ja, Sturm nein", entgegnete sie knapp.

"Sie sind von Ihrem Oberkommissar nicht sehr begeistert?"

"Nein, ich halte ihn für flusig und nicht sorgfältig genug."

"Ein hartes Urteil, Lene."

Sie zuckte die Schultern, schaute dabei Steiner aber unverwandt an.

"Sie wissen, dass er beim nächsten Schub seinen Hauptkommissar kriegt?"

"Das habe ich vermutet."

"Wohin dann mit ihm? Oder rechnen Sie mit ihm als ihrem potentiellen Nachfolger?"

"Nein. Übrigens auch bei Kimmig nicht."

"Das habe ich mir gedacht; Nadine, die ja immer alle Flöhe husten hört, meint, Sie spekulierten insgeheim auf Jule Springer."

"Schon, aber sie ist zu jung. Und bräuchte noch zwei Beförderungen."

"Das heißt, Sie müssen noch was bleiben. Sagen Sie mal, Lene, Nadine hat eben angedeutet, Sie könnten an dem Kanaltoten ein persönliches Interesse haben?"

"Unter Umständen ja. Aber das wäre fast ein zu großer Zufall."

"Wollen Sie deshalb den Fall haben und eine Dienstreise machen?"

Lene beschloss, mit offenen Karten zu spielen: "Ja."

"Gefahr der Befangenheit?"

"Im Moment noch nicht."

"Wohin soll es denn gehen?"

"Nach Niederbayern, in den Landkreis Regen."

"Alles klar! Melden Sie sich aber bitte bei den Kollegen an."

Lene machte an der Tür einen Klein-Mädchen-Knicks: "Danke, Chef!"

Steiner lachte: "Das müssen Sie aber noch üben."

Nadine freute sich am Telefon, dass die Unterhaltung so friedlich verlaufen war. "Du kannst ihm meinetwegen alles erzählen, von meiner Tochter und meiner Jugendsünde", bot Lene an.

"Könntest du mittels DNA die Identität unseres Kanaltoten zweifelsfrei feststellen?"

"Am besten wäre es, wenn dein Arno einen Zwillingsbruder hätte."

"Mir hat er immer erzählt, er sei ein Einzelkind."

Nadine seufzte: "Er scheint sehr viel erzählt zu haben, Lene."

"Kein Widerspruch, und wenn du jetzt sagst, von seinen Geschichten hätten höchstens fünf Prozent gestimmt, würde ich dir nicht widersprechen."

Der hilfreiche Kollege aus dem Landeskriminalamt besorgte ihr im Handumdrehen den Namen, die Fax- und Telefonnummern des zuständigen Dienststellenleiters in Regen und Lene meldete sich formgerecht bei ihm an. Kimmig und Sturm hatten nichts dagegen einzuwenden, dass Lene den Fall des Kanaltoten bearbeiten wollte. Mit der Identifizierung des Skeletts waren sie nicht weitergekommen. Nadine meinte, man solle auf ein Wunder hoffen oder auf das Gedächtnis des Publikums bei "XY - ungelöst" vertrauen. Hase war damit einverstanden. Jule, frech und vorlaut, versprach Lene, sich schon mal nach der optimalen Frisur für die Chefin zu erkundigen, falls sie vor die Fernsehkamera treten sollte.

Zwei Tage später packte Lene einen Koffer und suchte Bilder, Urkunden und Unterlagen zusammen. Wie lange hatte sie sich diese Fotos nicht mehr angeschaut. Die Bilder von Arno Grimme ließen sie merkwürdig kalt, so, als sei er nur ein flüchtiger Bekannter von einer Bahnfahrt oder einer Einladung bei Fremden.

Ihr Vater hatte später einmal, schon nach Tanjas Geburt, beiläufig gesagt: "So ein Mann wie Arno hat keine Freunde, der ist vollauf mit seinen Feinden beschäftigt." Aber ihre Eltern hatten Arno von Anfang an nicht gemocht. Wenn sie vor sich ehrlich war, hatte sie Tanjas Freunde auch nicht leiden mögen. Sie schloss Koffer und Aktentasche ab und gönnte sich den vorerst letzten Burgunder. Jochen hatte in Berlin gut zu tun und würde so bald nicht kommen können.

Die Fahrt war so lang und schwierig, wie sie das befürchtet hatte. Am späten Nachmittag kam sie in Regen an, hatte Mühe, ein Hotelzimmer zu finden, und sauste in allerletzter Minute in die Polizeistation am Amtsgericht. Dort wurde sie schon erwartet. Eine junge Hauptmeisterin hatte sich die Akten vorgenommen und schlug vor, erst einmal vernünftig essen zu gehen. Lene willigte ein und die Kollegin Resi Klinger führte sie in ein sehr ordentliches Restaurant. Lene hatte unterwegs nichts gegessen, weil sie die anschließende Müdigkeit vermeiden wollte.

"1996 vermisst gemeldet. Und jetzt, vierzehn Jahre später, wird der Fall wieder aktuell."

"Das wissen wir noch nicht", wehrte Lene ab. "Wir haben ein Auto gefunden, das vor vierzehn Jahren als vermisst gemeldet wurde, das stimmt. Aber von wem die Knochen in dem Auto stammen, das steht noch lange nicht fest."

"Wäre denn eine DNA-Analyse möglich?"

"Unsere Rechtsmedizinerin sagt ja. Aber mit wem sollen wir die DNA unseres Kanaltoten vergleichen?"

"Also - Kinder hatte er nicht", sagte Resi Klinger fest. "Zumindest nicht mit seiner Frau, die Sie morgen besuchen wollen."

"Aber mit und von andern Frauen?"

Resi lachte und strich sich mehrere vorwitzige Strähnen aus der Stirn. "Einige haben ja gesagt, aber er hat das immer bestritten. Sie kennen die schöne Geschichte von dem 'Ich bin der Pluribus'?"

Lene kannte sie. Wenn es in einem Verfahren um Vaterschaft und Alimente ging, musste der von der Mutter Verklagte nachweisen, dass er nicht der einzige Mann gewesen war, der in dem passenden Zeitraum Geschlechtsverkehr mit der Mutter gehabt hatte. Andere mussten her, so dass er nur einer aus mehreren war - unus ex pluribus. In einem bayerischen Amtsgericht wurde eine Vaterschaftssache verhandelt, ein einzelner Mann hört zu und zum Schluss fragte ihn der Amtsrichter: "Und wer sind Sie?"

"Ich? Ich bin nur der Pluribus."

Resi Klinger nickte. "Grimm hat nie löhnen müssen. Aber entsprechend unbeliebt war der Schürzenjäger auch."

"Hat seine Frau das so hingenommen?"

"Mehr oder weniger. Er war halt ein gestandenes Mannsbild. Und für seine Frau hat er gesorgt, so lange er Arbeit hatte." Sie nahm sich noch Brot und tunkte die Bratensauce auf. "Mehr als einmal haben Väter und Brüder der jungen Frauen, denen er ein Kind angehängt oder die er ins Gerede gebracht hatte, es ihm mit Prügel heimgezahlt. Zum Schluss verlor er seinen Job in der Nationalparkverwaltung und musste sich Arbeit auswärts suchen."

"In Erlangen."

"Ja. Aber das ist ein nettes Ende zu fahren. Also hat er sich dort ein Zimmer genommen und ist nur am Wochenende nach Rodenfels gekommen."

"Was seiner Frau nur recht war?"

"Glaube ich nicht. Aber sie hatte von ihren Eltern dort ein Häuschen geerbt und in der Akte ist der Vermerk eines Kollegen abgeheftet, dass Heike - so heißt sie mit Vornamen - gerne verkauft hätte, um nach Erlangen zu ziehen, aber für das Nest Rodenfels keinen Käufer gefunden hat."

"Kein Kind in Erlangen?"

"Laut Akten - nein."

"Und in Rodenfels?"

"Genetisch vielleicht, juristisch nein. Aber darf ich mal eine Frage stellen. Wieso ausgerechnet Tellheim?"

Lene zuckte die Achseln: "Ich weiß es nicht. Wohin verschlägt es einen Berufstätigen schon?"

"Haben Sie eine Idee, wie ein Einwohner Niederbayerns in einen Stichkanal in der Nähe von Tellheim gerät?"

"Nein. Ich hoffe, dass uns Heike Grimm Auskunft geben kann."

"Soll ich Sie morgen begleiten?"

Lene sah sie von der Seite an. Das klang wie hilfsbereit, konnte aber auch eine Art kollegialer Überwachung sein.

"Wenn Sie Zeit haben - gerne. Wenn Sie dabei sind, muss ich wohl weniger erklären."

Resi Klinger nickte zufrieden. "Sehr gut möglich. Wann soll ich Sie vom Hotel abholen?"

Die Hauptmeisterin kannte noch ein Lokal, in dem schwarzes Regenwasser ausgeschenkt wurde, ein dunkler, fast schwarzer Cocktail, pikant säuerlich, etwas scharf und gefährlich alkoholhaltig. Lene hielt sich an einem Glas fest und ließ sich geduldig ausfragen, wie man Erste Kriminalhauptkommissarin in einer Großstadt wie Tellheim wurde. Die Hauptmeisterin wäre an sich gern in ein größere Stadt gewechselt -in München wäre sie angenommen worden, aber bei ihrem Gehalt und den Mieten in der Landeshauptstadt und nach dem Wegfall der Heilversorgung - nein, dann lieber in der elterlichen Wohnung bleiben und warten, bis in Regensburg oder Passau, Nürnberg oder Würzburg was frei wurde. Dann musste Lene ihren letzten Fall erzählen, Resi Klinger lachte über die Schnüffelbrigade und wollte nicht glauben, dass ein junger Mann rein aus Geldgier nicht nur eine junge Frau ermordete, sondern auch noch verstümmelte, um ein Sexualdelikt vorzutäuschen. Die Iran-Connection erwähnte Lene nicht.

Sie kam am nächsten Morgen pünktlich weg. Rodenfels war nicht so klein, wie Lene sich das vorgestellt hatte. Es gab einen Gasthof Zur Linde, eine Dorfkneipe und einen winzigen Platz in der Ortsmitte.

Heike Grimm bewohnte ein recht stattliches Haus, sehr groß für ein kinderloses Ehepaar, mit einem hübschen Vorgarten und vielen Blumenkästen an der Balkonbrüstung. Lene staunte über die klappbaren Regendächer, mit denen man die Blütenpracht gegen die mächtigen Regengüsse schützen konnte. Resi Klinger hatte gestern noch daran gedacht, ihren Besuch telefonisch anzukündigen, so dass Heike Grimm heute nicht zur Arbeit gefahren war und sie gespannt erwartete.

Lene betrachtete sie sehr kritisch; Heike Grimm mochte Anfang vierzig sein, eine große und kräftige Frau, keine Schönheit, aber nett und freundlich. Sie bot Kaffee an und fragte sehr bald: "Um was geht es denn?"

"Frau Grimm, ich bin Kriminalbeamtin aus Tellheim. In einem stillgelegten Stichkanal ist ein roter R 4 gefunden worden, dessen Kennzeichen wir rekonstruieren konnten, REG-ZA 414. Diesen Wagen haben Sie am 15. Juni 1996 als vermisst gemeldet."

"Ja", sagte sie mit belegter Stimme, "das Auto und meinen Mann, der sich meinen Wagen ausgeliehen hatte, um damit zur Arbeit nach Erlangen zu fahren, wo er aber nicht angekommen ist. Was ist mit meinem Mann?"

"Es tut mir leid, Frau Grimm, aber Ihren Mann haben wir nicht gefunden. Im Wagen und neben dem Wagen lagen die Knochen eines Mannes, der bei seinem Tod ungefähr 40 Jahre alt war, wie unsere Rechtsmedizin meint. Bis jetzt ist er nicht identifiziert. Hatte Ihr Mann ein unveränderliches körperliches Merkmal?"

"Ja", sagte sie eifrig. "Ihm ist als Schüler der kleine Zeh rechts amputiert worden."

Also doch. Lene hatte große Mühe, sich nichts anmerken zu lassen: "Wissen Sie noch auswendig, wann und wo er geboren ist?"

"Aber sicher. Am 9. September 1957 in Trier."

Das war Arnos Geburtstag und Geburtsort, Lene erinnerte sich.

"Würden Sie mir bitte noch sagen, wann und wo Sie geheiratet haben?"

"Am 4. April 1983 in Koblenz."

Lene notierte sich alle Angaben auf ihrem Block und holte dann das kleine Bandgerät heraus: "Frau Grimm, könnten Sie mir bitte noch was über den Monat erzählen, als ihr Mann verschwand? Ich würde es gerne auf Band aufnehmen."

"Okay. Wenn es Sie nicht stört, würde ich mich lieber in die Küche setzen, da kann ich ein Auge auf meinen Backofen haben." Und weil sie Lenes verwunderte Miene bemerkte, setzte sie hinzu: "Mein Freund hat Geburtstag und sich zum Kaffee einen Apfelkuchen gewünscht."

"Ihr Freund ...?"

"Ja, ich lebe seit drei Jahren mit ihm zusammen."

Resi Klinger hatte bis jetzt neugierig, aber schweigend zugehört und sagte nun leise: "Das ist alles okay, Frau Schelm."

Heike Grimm hatte nicht gehört, was die Hauptmeisterin gesagt hatte. Sie setzten sich in der Küche an einen großen Tisch.

"Als Arno verschwand ... das war im Juni 1996. Er war in Hochstimmung. Anfang des Monats hatte er an einem Fernsehquiz teilgenommen 'Alles über das Auto' und hatte gewonnen. Zehntausend Mark Siegesprämie - das war damals eine Menge Geld. Natürlich hatte ganz Rodenfels vor der Mattscheibe gehangen, und als Arno zurückkam, musste er mächtig feiern."

"Saufen", korrigierte Resi trocken.

"Ja, leider. Und auf einer Heimfahrt hat er seinen Wagen vor einen Baum gesetzt. Ihm ist nicht viel passiert, aber der Karren musste für längere Zeit in die Werkstatt. Also hat er sich meinen R 4 ausgeliehen, als er nach seinem 'Fernsehurlaub' wieder zur Arbeit nach Erlangen fahren wollte."

"Erlangen liegt mehr oder weniger nördlich von hier. Tellheim aber ein ganzes Ende westlich. Haben Sie eine Erklärung für diese Abweichung?"

"Nein. Ich wüsste nicht, was er in Tellheim oder in der Nähe zu suchen gehabt hätte."

Resi räusperte sich leise und Lene begriff, dass die Hauptmeisterin nicht hier und nicht jetzt reden wollte.

"Arno hat sich am Montagmorgen wie immer verabschiedet und ist losgefahren, danach habe ich nichts mehr von ihm gehört."

"Im Erlanger Werk ist er nicht mehr angekommen?"

"Nein."

"Frau Grimm, musste er nicht befürchten, dass ihm dort gekündigt wurde, wenn er ohne Entschuldigung einfach wegblieb?"

"Ich denke mir, das wäre ihm egal gewesen. Er war diese ewige Fahrerei und das Hocken in einem Zimmer leid und wollte sich was Neues suchen. Schließlich hatte er ja jetzt Geld."

"Von dem doch ein großer Teil für die Reparatur seines Autos draufgehen würde."

"So dachte Arno nicht. Geld hielt ewig, Rechnen und Sparsamkeit waren nicht seine Stärke, es gab immer Krach wegen seiner Schuldenmacherei, und ich durfte zusehen, wie wir wieder glatt kamen."

"Wissen Sie noch, in welchem Sender dieses Quiz gelaufen ist?"

"Ja ... Moment, Tele neun. 'Alles über das Auto'."

"Anfang Juni 1996?"

"Ja."

"Ich habe noch eine Bitte. Könnten Sie mir Ihre Heiratsurkunde oder das Familienstammbuch zeigen? Ich möchte die Papiere knipsen und mich bei den Behörden erkundigen. Und eine letzte Bitte. Gibt es Bilder von Arno?"

"Alles kein Problem, wenn Sie mir sagen, wann und wo ich meinen Mann sehen kann."

Lene sah hilflos zu Resi Klinger, die ihr die Antwort abnahm: "Heike, es gibt keine Leiche, die du ansehen und hinterher beerdigen kannst, es gibt nur einen Haufen Knochen, die Taucher aus einem schlammigen Kanal geholt haben."

Lene hätte sich vielleicht etwas zartfühlender ausgedrückt, aber Heike Grimm hatte jetzt verstanden, um was es ging. Lene nutzte diese Phase: "Wir wissen nicht einmal mit Sicherheit, ob die gefundenen Knochen von Ihrem Mann sind. Dazu brauchten wir einen lebenden Menschen, von dem wir mit Sicherheit wissen, dass und wie er mit Arno blutsverwandt ist."

Heike Grimm rang jetzt nach Fassung: "Ich werd's mir überlegen." Damit stolperte sie aus dem Zimmer und kehrte schon nach zwei Minuten zurück, legte ein Familienbuch vor Lene hin und blätterte dann in einem Fotoalbum. "Hier, Frau Schelm."

Es traf sie wie ein Schlag in die Magengrube. Das war Arno Grimme, kein Zweifel, im dunklen Anzug, am Arm eine verliebt und glücklich strahlende Heike im langen weißen Brautkleid. Es gab noch viele Bilder von Arno Grimm, einige davon fotografierte Lene wie auch die Heiratsurkunde. Sie lautete schon auf Arno Grimm. Wo und wie hatte er das Endungs-E abgestoßen, ausradiert, unterdrückt? Beide Namen, Grimm wie Grimme, waren so selten nicht, und der Computer hatte immer nach dem korrekten Arno Grimme gesucht und Arno Grimm nicht berücksichtigt. Verschreibungen von Namen waren nach Einführung der Ziviltrauung häufig vorgekommen, ganze Familienstämme waren dadurch in Unordnung geraten und Lene hatte im Landeskriminalamt einmal einen Vortrag gehört, welche Konsequenzen das im Dritten Reich gehabt hatte, wenn der Beamte seinen Ariernachweis nicht führen konnte, weil irgendwo Ende des 19. Jahrhunderts ein Name plötzlich aus den Akten und Registern verschwand. In der anschließenden Diskussion hatte ein Zuhörer halb witzig, halb empört von seinem Fall berichtet. Ein 85jähriger Gutsbesitzer hatte eine 16jährige Magd geschwängert, sie später auch geheiratet, aber der ungläubige Dorfpfarrer hatte - ob solch greiser Unzucht entsetzt? - einen falschen Namen ins Kirchenregister eingetragen, und der Zuhörer hatte dem laut lachenden Publikum dann vorgejammert: "Und nur deswegen steht jetzt ein armer Schlucker vor Ihnen."

Heike Grimm sammelte ihre Unterlagen wieder ein und sagte beim Abschied leise: "Kinder haben wir nicht, und ob es noch Bankerte von Arno gibt, weiß ich nicht."

Auf der Fahrt nach Regen fragte Lene: "Sie wollten drinnen etwas nicht vor Heike Grimm aussprechen?"

"Ja. Dieser Umweg nach Tellheim. Heike Grimm und ich vermuten bestimmt dasselbe. Arno wollte nicht zur Arbeit nach Erlangen fahren, sondern irgendwo eine neue Flamme besuchen. Es wäre nicht das erste Mal gewesen."

In ihrem Hotelzimmer rief Lene im Präsidium an und erteilte Jule den Auftrag zu zwei Recherchen: "Ist am 9. September 1957 in Trier ein Arno Grimm - Grimm wie Zorn - geboren worden? Hat am 4. April 1983 in Koblenz dieser Arno Grimm eine Heike Holterbaum geheiratet?"

"Alles klar, Chefin. Das ZDF hat übrigens angebissen. Wegen XY-Ungelöst. Du sollst dich mit einem Wolfram Zeres in Verbindung setzen. Hast du was zu schreiben?"

"Faxe doch bitte alles in die Polizeidienststelle Regen. Ich hole es mit dort ab."

"Mach' ich. Fleur du ciel wirkt übrigens fantastisch. Der Hase hat mir schon wieder einen Heiratsantrag gemacht."

"Das kann ich mir gut vorstellen. Außer fleur du ciel hattest du wahrscheinlich nichts am Leib - oder?"

"Chefin", entrüstete sich Jule. "Du hast vielleicht eine ausschweifende Fantasie!"

"Stimmt, und manchmal auch einen Helfer, der mir den Rücken schrubbt."

Die XY-Unterlagen kamen schon einige Stunden später an, ergänzt durch einen handgeschriebenen Zettel von Jule: "An beiden Daten keine Ereignisse mit einem Arno Grimm." Was doch so ein kleines unscheinbares -e am Wortende alles bewirken konnte.

Lene verabredete sich mit einem Wolfram Zeres in München und meldete sich telefonisch bei Steiner ab: "Viel Glück, Lene. Und viel Erfolg."

Resi Klinger, die sich in München auskannte, half ihr, ein Zimmer zu bestellen, was gar nicht so einfach war, weil wieder eine dieser Messen bevorstand, die freie Zimmer verknappten und die Zimmerpreise in die Höhe trieben.

Lene kannte sich in München überhaupt nicht aus, verfranzte sich mehrfach und war wie gerädert, als sie in ihrem winzigen Zimmer endlich ihre Sachen auspacken konnte. Der junge Mann am Empfang beschrieb ihr einen Fußweg in den Nymphenburger Park, und das Wetter hatte ein Einsehen mit der Touristin wider Willen: Der Nieselregen hörte auf, die Wolken rissen auf und eine blasse, kraftlose Sonne erschien am Himmel. Lene befolgte die Anweisungen ihres Jochens, besichtigte die drei kleinen Schlösser im Park, die Kutschensammlung, setzte sich dann mit kneifenden Waden auf eine Bank und rief in Berlin an.

"Wo bist du?" Jochen Pauly wollte es nicht glauben.

"Im Nymphenburger Park."

"Da möchte ich jetzt auch gerne sein."

"Du darfst mich bald im Fernsehen bewundern."

"Auch das noch. Wie kommt das alles, Lene?"

Also berichtete sie von dem Autowrack im Stichkanal, den Knochen, der Vermisstenmeldung, ihrem Besuch in Rodenfels. Und weil Pauly nicht nur behalten hatte, was sie offen in der Dreierrunde bei Lindenberg erzählt hatte, sondern auch, was sie ihm unter vier Augen auf Nachfragen gebeichtet hatte, meinte er zum Schluss vorsichtig: "Du glaubst also, du hast deinen Arno gefunden?"

"Ich fürchte - ja, habe ich."

"Siehst du eine Möglichkeit, das zu beweisen?"

"Bis jetzt nicht."

"Dir wird schon was einfallen, Lene." Sein Vertrauen in seine Freundin schien grenzenlos und alles wollte ihm Lene auch nicht auf die Nase binden.

"Du schaffst doch immer alles."

"Schön wär's."

"Ich habe meinem Bekannten aus dem AA erzählt, wie du auf seine Begründung reagiert hast, nichts gegen die Gilani-Gruppe zu unternehmen."

"Und?"

"Er hat nur gelacht, man müsse doch nicht alle Wahrheiten sofort herausposaunen. Was selbstverständlich sei, langweile doch nur."

"Und mit Zwickau und dem NSU-Trio hat sich Berlin schon genug blamiert. Hat er auch was zu den drei Typen gesagt, die wir bei Lindenberg festgesetzt haben?"

"Diplomat sei nun mal Diplomat, auch ein Vertreter Teherans. Und vorübergehend hätten diese Typen ja auch im deutschen Interesse gehandelt, als sie dich zu bremsen versuchten."

"Jochen, das kann doch nicht wahr sein! Ich muss gleich kotzen."

"Nicht aufregen, Schatz. Politik ist nun mal Politik. Übrigens haben die drei Deutschland inzwischen verlassen."

Lene schlief nicht sehr gut und gähnte noch diskret, als sie am nächsten Vormittag pünktlich ins Büro zu Wolfram Zeres kam. Der hatte Routine und mittlerweile viel Erfahrung mit Kriminalbeamten, die guten Willen mitbrachten, aber wenig Vorstellung von dem, wie man einen Fall dem Publikum präsentieren musste, damit sich die Zuschauer die Mühe machten, ihren Gedächtnismotor anzuwerfen. Und vierzehn Jahre waren immerhin schon eine lange Zeit. Lene schilderte den Fall, ohne ihre möglichen privaten Verwicklungen anzudeuten.

Zeres war kein heuriger Hase: "Seltsam, ein Mann will von Niederbayern nach Erlangen und landet in der Nähe von Tellheim. Was kann ihn zu dem Umweg veranlasst haben? Dazu muss uns eine plausible Erklärung einfallen, Frau Schelm."

"Die älteste der Welt, Herr Zeres, eine Frau und die männlichen Hormone. Was sind dagegen schon 400 Kilometer Umweg?"

"War er denn so ein Schürzenjäger?"

"Und ob. Aber in seinem Wohnort Rodenfels musste er sich zurückhalten. Da war er ein paarmal aufgefallen und hatte Prügel bezogen, von Vätern, Brüdern und Freunden."

"Sie vermuten also, er ist Opfer seiner Libido geworden?"

"Nein, die schießt nicht mit großkalibrigen Waffen. Er wurde wohl Opfer einer Frau."

Sie gingen zum Essen und erst am Nachmittag hatten sie alles aufgelistet, was Zeres nun in die Wege leiten musste. Das Fernsehpublikum erwartete Bilder vom Tatort, vom Toten, wenn möglich vom Täter und am besten von der Tat. ("Dank Ihrer Gebühren: Wir waren dabei!") Zu Lenes Erleichterung verstand Zeres was von Kriminalität und Verbrechen. Man musste ihm nichts erklären oder ihm sinnlose, zu hochgespannte Erwartungen ausreden. Dass Lene ihm einen ungefähren Termin nennen konnten, an dem das Opfer in einem damals beliebten Fernsehquiz live aufgetreten war, war sehr hilfreich. Sie würden sich noch einmal treffen, um sich gemeinsam die hoffentlich noch existierende Aufzeichnung anzuschauen. Lene war sehr zufrieden und optimistisch gestimmt, als die das Fernsehgebäude verließ. Für die Nacht war Schneefall angekündigt, und sie fuhr nicht gerne im Dunklen.

Ihre Rückkehr nach Tellheim stand nicht unter einem guten Stern. Die ersten Neuigkeiten, mit denen Jule sie überfiel, deprimierten sie zutiefst. Verena und Josef Kimmig ließen sich scheiden, Lara Kimmig war schon zu ihrer Mutter gezogen, und Kimmig bemühte sich um Versetzung in ein anderes Referat, so, als wolle er Lene nicht mehr unter die Augen treten. Schlimmer aber war die zweite Neuigkeit: Helga Moretti, geborene Weber, hatte Selbstmord begangen. In ihrem Abschiedsbrief behauptete sie, sie habe den Tode ihres einzigen Kindes nicht verwinden können, aber Lene wusste es besser; Aldo Moretti ging ihr bei der Beerdigung unverkennbar aus dem Weg.

Lene trank zuviel Burgunder und schlief trotzdem schlecht.

Dass die zweite große Strafkammer des Landgerichts die Mordanklage gegen Achim Feger angenommen hatte, war nicht wirklich ein Trost. Auch nicht die Meldung in der Tagesschau, dass Teheran wieder bereit sei, über sein Nuklearprogramm zu verhandeln und als Zeichen seines guten Willens Inspektoren der Wiener Atomenergie-Behörde ins Land lassen wolle. Ob das was damit zu tun hatte, dass die Vereinigten Staaten ihren Flottenverband von der Straße von Hormuz abzogen, nach dem Tanker weiter ungehindert fahren konnten? Freund Jochen rief an: "Hast du eben die Tagesschau gesehen?"

"Ja. Warum lenkt Teheran ein, hat der zweite Cyber-Angriff getroffen?"

"Das wissen wir noch nicht. Es kann natürlich auch sein, dass Teheran scheinbar einlenkt, damit wir eben das glauben und weitere Sabotage-Versuche aufgeben."

"Also wie immer: Nichts Genaues weiß man nicht."

"Du sagst es."

Zeres meldete sich schon in der übernächsten Woche: "Ich bin so weit, treffen wir uns am kommenden Samstag in Köln?"

"Wieso in Köln?"

"Tele neun existiert nicht mehr, und RTL hat das Material und einige Formate übernommen."

"'Alles über das Auto' gibt es also noch?"

"Nein. Aber eine Aufzeichnung der Sendung mit Arno Grimm existiert noch im Archiv. Ich habe sie schon gesehen und mir etwas ausgesucht, was wir in unserer Sendung bringen sollten."

Also fuhr Lene wieder einmal rheinabwärts, diesmal an Bonn-Beuel vorbei und stieg in Köln aus. Zeres stand auf dem Bahnsteig und betrachtete sie voller Bewunderung. "Haben Sie nie daran gedacht, zum Film oder zum Fernsehen zu gehen?"

Sie freute sich über das Kompliment und antwortete vergnügt: "Nein, nie."

Zeres wusste, wie man auf direktem Weg in den Vorführraum kam. Lene schüttelte Hände und wurde begrüßt wie eine Kollegin vom Fach. Dann lief das Band an: "Alles über das Auto ... Unsere heutigen Kandidaten ..." Da blieb kein Zweifel nach, das war Arno Grimme, der hier als Arno Grimm aus Rodenfels, Kreis Regen in Niederbayern, vorgestellt wurde. Geboren 1957 in Trier, gelernter Werkzeugmacher, zwischendurch Verkäufer in einem Autosalon - Lene fiel natürlich auf, dass er dabei den Namen der Stadt verschwieg - und immer schon ein Liebhaber schneller Autos. "Na, Herr Grimm, vielleicht können Sie sich nach der Sendung einen schnellen Flitzer kaufen"; Arno war nie auf den Mund gefallen gewesen: "Ach, wissen Sie, ein schnelles Tretauto habe ich schon. Sogar mit Scheibenbremsen." Seine Stimme, seine Art, die Leute anzugrinsen und auf den Arm zu nehmen. Seine schlaksigen Bewegungen. Lene musste sich zusammenreißen, um nicht aufzuspringen und loszuschreien. Selbst nach dreißig Jahren konnte sie diesen Mann nicht emotionslos und nüchtern auf einem Großbildschirm betrachten. Arno wurde Quiz-Sieger und kassierte zehntausend Mark in bar.

Zeres führte ihr dann noch vor, welchen Teil der Sendung er sich ausgesucht hatte, und Lene bestellte mit seiner Hilfe noch Standfotos von Arno Grimm, der in Wirklichkeit Arno Grimme hieß und in Tellheim eine Tochter besaß, die er noch nie gesehen hatte.

Sie ließ sich von Zeres zum Essen einladen und legte ihm zum Dessert zwei Seiten mit dem Text vor, den sie vorbereitet hatte, um ihn in der Live-Sendung vorzutragen.

"Sehr gut", murmelte er. "Sie erlauben ein paar Anmerkungen und Verbesserungen? Ein Redakteur muss redigieren, sonst geht er ein wie eine Primel."

Weil sie lachte, schilderte er mit viel Selbstironie, was ihm schon passiert war, als er begonnen hatte, auf Bahnhöfen, Haltestellen und Flughäfen gedruckte und aushängende amtliche und Werbe-Texte zu redigieren. Lene lachte befreit, wurde aber den Verdacht nicht los, dass er bei der Vorführung was gemerkt hatte und sie nun mit aller Gewalt auf andere Gedanken bringen wollte. Er spendierte einen Cognac und besprach mit ihr noch die Garderobenfrage, keine klein gemusterten Stoffe, nichts Glänzendes, Vorsicht vor großen Karos, bitte kein auffälliger Schmuck, eine Frisur, mit der man als Kripobeamtin auch bei schlechtem Wetter draußen herumlaufen konnte. Lene schwirrte der Kopf. "Elegant, aber bescheiden? Und den Kaviar nur auf trocken Brot?" Jetzt kicherte er.

"Lampenfieber?", fragte er zum Schluss mitleidig.

"Nein, noch nicht. Wenn man erst einmal den Auftritt vor einem Staranwalt überstanden hat, der mit allen fiesen Tricks und Methoden seinen schuldigen Mandanten raushauen will, hat man notgedrungen ein etwas dickeres Fell erworben."

"Das ist hilfreich, Frau Schelm. Ich melde mich rechtzeitig wieder."

Weil sie in Köln nicht übernachten wollte, fuhr sie mit einem der letzten Züge noch nach Tellheim zurück. Auf den letzten Kilometern überlegte sie, warum sie der Anblick Arnos so bewegt hatte. Noch nicht erloschene Liebe? Unsinn. Wehmut? Nein. Rückblick auf eine schwierige Phase ihres Lebens? Auch nicht. Erinnerungen an ihre Jugend? Das wohl eher. Erinnerungen und Abschied. Wenn Tanja noch lebte, war sie heute 32 Jahre alt. Im Alter von 37 Jahren hatte Lene ihre Tochter zum letzten Mal gesehen, vor vierzehn Jahren. Und wenn die Politiker nicht wieder an der Altersgrenzeschraube drehten, hatte sie noch 14 Jahre Dienst vor sich. Lene würde nie behaupten, dass sie ihre Arbeit verabscheute, aber große Freude und Befriedigung zog sie nicht mehr daraus.

Am nächsten Tag rief sie bei Ellerding & Fels an und ließ sich mit Lamprecht verbinden.

"Stellen Sie sich vor, ich habe Arno Grimme gesehen!"

"Nein! Wo denn?"

"Auf einem Großbildschirm eines Kölner Fernsehsenders. 'Alles über das Auto'. Ein Quiz, das er gewonnen hat."

"Ach nee. Und wann war das?"

"1996, im Juni. Da nannte er sich allerdings Grimm, Arno Grimm."

"Das passte auch besser zum ihm."

"Wie meinen Sie das?"

"Grimms Märchen passten doch zu ihm, Frau Schelm."

"Ja, leider, Herr Lamprecht."

Er fragte nicht, was sie nach Köln zu einem Fernsehsender vor einen Großbildschirm mit Bildern von Arno Grimme geführt hatte.

Als sie nach Hause kam, fand Lene in ihrem Hausbriefkasten einen ersten Brief von Thomas Lange aus den USA vor. Er war heil angekommen, hatte eine sehr angenehme Unterkunft gefunden und verstand sich ausgezeichnet mit den Kollegen seines Teams. Der gut gemeinte Schluss-Satz riss bei ihr allerdings eine Wunde auf: "Ich vermisse Tanja trotzdem."

Silvester war sie zu Charlotte und Martin Lange eingeladen; Jochen Pauly rief erst am Mittag des 1. Januar an. Er war so erkältet, heiser und verschnupft, dass Lene ihn kaum verstehen konnte. In der Colmarstraße 20, also nebenan, war eine Rakete durch ein offenstehendes Fenster in ein Zimmer geflogen und hatte einen Wohnungsbrand ausgelöst.

Als sie schon befürchtete, Zeres habe sie vergessen, rief der Sender an. Die Sendung wurde in München aufgenommen, Lene lernte neue Kollegen vom Landeskriminalamt kennen, mit denen zusammen sie sich ansah, was als Filmbeitrag zum Fall Stichkanal vorweg gesendet werden würde. In der Maske kam sie mit der jungen Frau ins Gespräch, die sie lobte: "Sie haben eine einmalig schöne Haut."

"Das macht nur das Bärenfett."

"Wie bitte?"

Lene lachte und erzählte von der Hautcreme, die in Bad Rösel/Ahr von einer Bärenapotheker hergestellt wurde. Es lenkte sehr hilfreich ab; denn sie verspürte doch ein leichtes Ziehen in der Magengrube, als sie ins grell erleuchtete Studio kam und die Mitwirkenden begrüsste. Ihr Fall war als erster vorgesehen.

Zeres besaß eine beruhigende Routine: "Liebe Zuschauer, unser erster Fall liegt vierzehn, bald fünfzehn Jahre zurück. Trotzdem hofft Marlene Schelm, Erste Hauptkommissarin in Tellheim, mit Ihrer Hilfe den Mordfall jetzt noch zu klären und einen Täter zu finden." Ein Film lief an und Zeres kommentierte: "Bei Baggerarbeiten in einem nicht mehr benutzten Kanalstück nahe Tellheim hat der Bagger einem im Wasser stehenden Autowrack das Dach abgerissen." Otto Lommesch zog stolz mit seiner Miss Lydia 5 an der Kameravorbei. Taucher bargen dann einen dunkelroten R 4, der mehrere Jahre im Kanal gestanden hatte. In dem Auto und um das Wrack herum lagen Menschenknochen, die nach Analysen der Gerichtsmedizin Tellheim einem etwa 40jährigen Mann gehörten. Er war durch einen Schuss in den Hinterkopf getötet worden." Das Blonde Gift präsentierte, sichtlich von Hamlet inspiriert, einen Schädel. "Der Kriminaltechnik gelang es, die Buchstaben und Ziffern des hinteren Kennzeichens wieder sichtbar zu machen. Wir haben das Schild prägen lassen und auf einen alten R 4 montiert. Bitte, Frau Schelm."

"Das Kennzeichen REG-ZA 414 führte in die Kreisstadt Regen in Niederbayern. Dort hatte eine Heike Grimm am Montag, den 15. Juni 1996, ihren Ehemann Arno Grimm als vermisst gemeldet. Arno Grimm war eine Woche zuvor mit dem roten R 4 in Rodenfels nach Erlangen abgefahren. Zu der Zeit arbeitete er in Erlangen und kam nur am Wochenende nach Hause. Warum er von Rodenfels nicht direkt nach Erlangen gefahren ist, sondern einen riesigen Umweg bis nach Tellheim gemacht hat, wissen wir nicht. Wir wissen auch nicht, ob er im Juni alleine abgefahren ist oder von jemandem begleitet wurde. Oder hat Arno Grimm unterwegs jemanden aufgenommen, einen Tramper, einen Bekannten, einen Arbeitskollegen. Wir wissen auch nicht, ob er von Rodenfels direkt Richtung Tellheim gefahren ist. Auf alle diese Fragen erhoffen wir uns heute Antwort von den Zuschauern."

"Frau Schelm, ist da nicht sehr optimistisch, nach so langer Zeit zu erwarten, dass sich jemand an einen bestimmten Menschen erinnert?"

"Das ist es in der Tat, Herr Zeres. Aber vielleicht klappt es doch; Arno Grimm war nämlich im Juni 1996 zumindest im Landkreis Regen populär, er hatte ein damals sehr beliebtes Fernsehquiz gewonnen 'Alles über das Auto'. Wir haben uns Ausschnitte aus der damaligen Sendung besorgt." Auf der Leinwand über den Mikrofonen erschienen Arno und der Moderator von "Alles über das Auto." Arno beantwortete gerade eine sehr knifflige Frage und begann zu strahlen, als das Studio-Publikum klatschte.

Zeres gab ihr einen Wink und nahm das Wort: "Sie sehen, dass Arno Grimm ein recht großer Mann war, zwischen 1 Meter 85 und 1 Meter 90. Schlank, hellbrünette, fast blonde Haare. Er war 39 Jahre alt. Frau Schelm, Sie haben aber noch andere Hinweise darauf, dass es sich bei dem Toten aus dem Kanal um Arno Grimm handelt."

"Ja." Sie holte tief Luft. "Arno Grimm war als Schüler nach einem Unfall der kleine Zeh am rechten Fuß amputiert worden und der Zufall wollte, dass sich unter den geborgenen Knochen aus dem Wrack und dem Kanal auch jener Teil des rechten Fußes befand, von dem seinerzeit der kleine Zeh sach- und fachgerecht amputiert worden ist."

"Sie sind also überzeugt, dass es sich bei dem Kanaltoten um Arno Grimm handelt?"

"Ja. Wir möchten jetzt nun gerne wissen, warum ist er am Montag, den 8. Juni 1996 nicht direkt von Rodenfels nach Erlangen gefahren? Wer hat ihn begleitet, wen hat er abgeholt? Sind er, der Quizheld, und der rote R 4 mit dem Kennzeichen REG-ZA 141 irgendwo aufgefallen? Grimm hatte die Hälfte seines Gewinnes seiner Ehefrau ausgehändigt, und war mit dem Rest - immerhin noch fast 5000 Mark - unterwegs. Es sind schon Menschen für weitaus weniger Geld umgebracht worden."

"Aber Raubmord ist nicht die einzige mögliche Variante?"

"Nein. Arno Grimm war - um es vorsichtig auszudrücken - kein Frauenfeind. Gut denkbar, dass er von einer Frau erschossen wurde, die hinter ihm in dem R 4 saß und dann das Auto mit der Leiche in den Kanal geschoben hat. Deswegen interessiert uns auch: Ist Arno Grimm am 8. Juni 1996 in Begleitung einer Frau gesehen worden, als er von Rodenfels Richtung Tellheim fuhr? Informationen werden auf Wunsch vertraulich behandelt."

"Vielen Dank, Frau Schelm, Erste Hauptkommissarin in Tellheim. Wir zeigen noch einmal ein Standbild von Arno Grimm und eine Aufnahme des roten R 4 mit dem Regener Kennzeichen ZA 414."

Lene ging an ihren Platz zurück und fand, dass sie sich ganz ordentlich geschlagen hatte. Und offenbar war sie beim Publikum gut angekommen. Denn schon in der ersten vorläufigen Zwischen-Bilanz erzählte der LKA-Vertreter, dass zum Fall Arno Grimm einige sehr vielversprechende Anrufe eingegangen seien.

Zum Feiern nach der geglückten Sendung war niemandem zumute. Lene hatte ein sehr schönes Hotelzimmer, setzte sich an die Hotelbar und wurde von einem mittelalterlichen Typen, halb Casanova, halb Wall-Street-Tycoon, eingeladen, was sie sich auch gefallen ließ. Der an sich ganz sympathische Typ drehte gerade voll auf, als Lenes Handy bimmelte. Jule hatte die Sendung natürlich gesehen und wollte sie beglückwünschen: "Du hast fantastisch ausgesehen", lobte sie. "Und dieser Zeres oder wie er heißt, hat ein Auge auf dich geworfen."

"Das hast du am Bildschirm natürlich sofort erkannt?"

"Aber ja."

Der Casanova sah sie neugierig an, fragte aber nichts. Und das gefiel Lene so sehr, dass sie ihm eine nette, wenn auch gelogene Abfuhr erteilte: "Meine Tochter. Sie hat mich gerade im Fernsehen bewundert und meint, ich sollte meinem Partner eine Chance einräumen."

"Gegen Töchter, die ihren Müttern Komplimente machen, habe ich natürlich keine Chance."

"Sind Sie beleidigt, wenn ich ehrlich sage: Richtig!?"

"Nein, gute Nacht und grüßen Sie bitte unbekannterweise Ihre Tochter von einem Mann, der die Mutter auch bewundert."

Beim Frühstück wurde sie von Resi Klinger gestört. Was nicht schlimm war, Lenes Laune war gerade in den Keller gerutscht, weil ihr Ei nicht vier, sondern wahrscheinlich vierzehn Minuten gekocht worden war.

"Guten Morgen, Frau Schelm. Hier ist Therese Klinger aus Regen. Sind Sie noch in München?"

"Ja."

"Würden Sie es schaffen, heute im Laufe des Tages noch mal nach Regen zu kommen? Wir haben gestern, noch während Ihrer Sendung, einen tollen Hinweis erhalten, es lohnt sich auf jeden Fall."

Eigentlich hatte Lene Wolfram Zeres überreden wollen, mit ihr vor Mittag auf den Viktualienmarkt zu gehen und dort Weißwürste zu essen, was sie bislang noch nicht getan hatte, wodurch sich bei ihr - so Freund Jochen - eine gefährliche Kulturlücke auftat. Doch damit konnte sie leben. Wolfram Zeres, der Unverzichtbare, schickte ihr einen Firmenwagen mit Chauffeur, der schon vor dem Hotel bremste, als Lene, die in aller Eile gepackt hatte, aus dem Eingang sauste.

So war es doch ein ganz anderes Fahren. Ein großes Auto, ein guter und ortskundiger Fahrer, man konnte entspannen und etwas sinnieren - zum Beispiel darüber, wer wohl der Mann in der Bar gewesen sein mochte, den sie mit "Tochter Jule" so elegant abgehängt hatte. Warum war ihr ausgerechnet diese Ausrede eingefallen?

Resi Klinger stand ebenfalls schon abfahrbereit, Lene stieg um und weiter ging's. "Verraten Sie mir, wohin es geht?"

"Nach Rodenfels, zur Linde. Das war lange Zeit der einzige Gasthof mit Fremdenzimmern."

In der Linde erwartete sie Renate Olfen. Sie mochte Anfang fünfzig sein und hatte, wie sie sichtlich verlegen gestand, Arno Grimm "gekannt". Nicht nur, weil die Grimms im Haus nebenan wohnten, sondern auch - wie sie halb beschämt, halb stolz schließlich erzählte - zwei Nächte mit Arno verbracht hatte. Natürlich hatte sie wie die meisten Rodenfelser Arnos Auftritt bei "Alles über das Auto" gesehen, ihm die Daumen gedrückt und mit ihm gefeiert, als er in den Ort zurückkam. Zwei Tage nach der Sendung war eine junge Frau nach Rodenfels gekommen, die sich nach Arno, dem Quizsieger, erkundigte. Also am Montagnachmittag. Sie war dann sofort in den Krug weitergegangen, wo Arne an dem Montag seine große Siegesparty gab. Am nächsten Tag hatte Arno die junge Frau in der Linde abgeholt und sie im R 4 seiner Frau mitgenommen. Danach hatte sie - Renate Olfen - den Arno nicht mehr gesehen, nur von ihrer Nachbarin Heike Grimm gehört, dass Arno in Erlangen nicht mehr zur Arbeit erschienen war. Später hatte Heike ihn und das Auto dann als vermisst gemeldet.

"Wissen Sie noch, wie die junge Dame hieß? Können Sie sie beschreiben?"

"Den Namen hatte ich vergessen. Aber als gestern im ZDF die Daten genannt wurden, habe ich in alten Unterlagen nachgeschaut." Sie errötete sacht. "Und auch in meinem Tagebuch."

Sie schluckte, als Lene die Stirn runzelte, fuhr aber tapfer fort: "Dass Arno seine Heike nach Strich und Faden betrog, war ja kein Geheimnis, ich hatte ihm ja auch mal dabei geholfen. Aber so ein junges Ding. Ich würde wetten, die war noch keine zwanzig."

"Können Sie sie beschreiben?"

"Na ja, etwa 1 Meter 70 groß, schlank, so glatte, brünette Haare, die sie in einem kleinen Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Ein sehr hübsches Mädchen, doch ja. Viel zu schade für diesen Hurenbock, habe ich noch gedacht. Und viel zu jung."

"Jetzt wäre es toll, wenn Sie noch den Namen wüssten."

"Den habe ich mir damals aus den Unterlagen herausgesucht und aufgeschrieben, als Heike mir erzählte, sie müsse ihren Mann als vermisst melden. Tanja Lange."

Lene schaffte es, ganz ruhig zu bleiben. "Sind Sie sicher? Tanja Lange?"

"Ja."

"Haben Sie den Namen damals auch der Polizei genannt?"

"Welcher Polizei?"

"Na, als Heike Grimm ihren Mann als vermisst gemeldet hatte, ist doch die Polizei bei Ihnen gewesen?"

"Nein. Nie. Bei mir hat sich nie ein Polizist nach Arno Grimm erkundigt."

Lene sah Resi an, die nur die Achseln zuckte. "Ich denke mir, die Kollegen damals wussten alle, was Arno so trieb, und haben gedacht, so eine neue Flamme brennt nicht lange, dann taucht er wieder bei seiner Heike auf. Was ja auch schon geschehen war." Gut möglich, dachte Lene, wenn die Kollegen damals überhaupt von einer neuen Flamme erfahren hatten.

"Frau Olfen, Sie haben also mit eigenen Augen gesehen, wie diese Tanja zu Grimm ins Auto gestiegen und weggefahren ist?"

"Ja."

"Waren Sie so früh in der Linde?"

"Ja, ich habe damals in der Küche gearbeitet und hatte an dem Tag, was wir den Frühstücksdienst nannten. Frühstücke und Rechnung für die Gäste, die abreisten. Wir hatten ja nie viele Schlafgäste ..."

"Und es war dieser rote R 4 mit dem Kennzeichen, das gestern in der Sendung gezeigt wurde?"

"Aber ja. Es war doch Heikes Auto, ich habe mich noch gewundert, dass Arno in Heikes Wagen fortfährt."

Lene holte tief Luft. "Frau Klinger, machen Sie mit Frau Olfen ein formelles Protokoll. Möglichste viele Einzelheiten, die eben zur Sprache gekommen sind. Ich will versuchen, noch einmal mit Heike Grimm zu sprechen und komme dann wieder zur Linde zurück."

Heike Grimm hatte die Sendung natürlich auch gesehen und schien gereizt. "Die Bemerkung, dass mein Mann hinter anderen Frauen her war, hätten Sie sich auch sparen können."

"Warum? Alle im Ort wissen es doch."

Die Witwe Grimm knurrte grimmig vor sich hin.

"Frau Grimm, so eine Morduntersuchung hat auch immer den unangenehmen Effekt, dass schmutzige Wäsche in aller Öffentlichkeit gewaschen wird. Tut mir leid."

"Hm."

"Ich habe noch eine Frage, die Ihnen auch nicht gefallen wird. Besaß Ihr Mann eine Pistole? Eine, für die er keinen Waffenschein hatte?"

Lene sah ihr an, dass sie mit sich rang. So, wie sie aussah und sich benahm, hatte sie in ihrer Ehe wohl viel geschluckt, um nach außen den Schein zu wahren. Aber seit gestern wusste sie auch, dass diese schöne Fassade mächtig bröckelte und bald einstürzen würde. Da war nichts mehr zu vertuschen oder zu beschönigen. Nach zwei langen Minuten rang sie sich durch: "Ja, hatte er."

"Hat er diese Waffe mitgenommen, als er im Juni 1996 angeblich nach Erlangen zurückfuhr?"

Sie nickte verbissen.

"Danke, Frau Grimm, das war's schon."

Nach Tellheim würde sie heute nicht mehr kommen, aber Resi, die sich aufrichtig freute, dass Lene ihr das Protokoll anvertraut hatte, brachte sie nach Regensburg und half ihr, ein Zimmer für eine Nacht zu finden und Fahrkarten sowie Platzreservierungen für den nächsten Tag zu besorgen. Lene lud sie zum Essen ein und bummelte hinterher durch die Stadt. Im Dom hatte eine Abendmesse begonnen, die sie nicht stören wollte. Sie ging über die steinerne Brücke und wünschte sich, Jochen wäre hier.

Jule meldete sich, als Lene sich gerade die Zähne geputzt hatte und sich ins Bett legen wollte.

"Na, wie war's?"

"Alles spricht dafür, dass unser Toter Arno Grimm aus Rodenfels ist."

"Aber den gibt es doch nach den Daten, die dir seine Frau genannt hat, überhaupt nicht."

"Nein, sieht so aus. Aber ich habe einen sehr vagen Hinweis darauf bekommen, wer er in Wirklichkeit war."

"Ach nee."

"Alles weitere im Büro, Jule."

"Moment. Chefin! Wir haben auch einen Tipp, der sehr gut aussieht. Eine ehemalige Angestellte des Waldhotel Merker hat sich gemeldet und glaubt, was zu Arno Grimm aussagen zu könne, er war allerdings in weiblicher Begleitung dort."

"Das sähe dem Mann ähnlich, der sich wohl hinter Arno Grimm verbirgt."

"Und wann kommst du?"

"Ich kann erst morgen früh fahren."

"Dann schlaf mal gut."

"Danke, du auch."

"Wenn der Hase Ruhe gibt."

"Lieber ein Langohr im Bett als heimlich an der Tür."

"Hugh, sagte der alte Indianer, Lene hat gesprochen."

Das von Renate Olfen unterschriebene Protokoll, das Resi Klinger angefertigt hatte, war bereits per Fax eingetroffen. Lene setzte sich an den Computer und verfasste ein längeres Fax, in dem sie sich bei Resi und den Kollegen aus Regen bedankte; dann ging sie zu Steiner und berichtete. Eigentlich fehlte eine Mittelinstanz zwischen den Referaten und dem Direktor der Kriminalpolizei. Ihr langjähriger Abteilungsleiter, Kriminalrat Karl Simon, war in Pension gegangen und die Oberste Heeresleitung der Tellheimer Polizei und das Innenministerium konnten sich nicht auf einen Nachfolger einigen.

"Toller Auftritt, Lene. Nadine war schwer beeindruckt. Ich übrigens auch; hat's denn was gebracht?"

"Ja, hat es. Wir haben einen Anhaltspunkt, wer Grimm erschossen hat oder genauer: wer uns Näheres über die Umstände seines Todes berichten kann."

"Abschließen können Sie den Fall also noch nicht?"

"Nein."

"Bekomme ich einen Bericht?"

"Selbstverständlich. Aber das wird etwas dauern. Jule meint, wir hätten ganz in der Nähe eine mögliche Zeugin, die sich auch nach der Sendung gemeldet hat."

"Okay. Anderes Thema: Sie haben gehört, dass Kimmig gehen möchte?"

"Ja - wohin zieht es ihn denn?"

"Anders gefragt, wo gäbe es eine Stelle für ihn ...?"

"Haben Sie was gefunden?"

"Nur im Neunten."

"Auweia, Diebstahl. Das Undankbarste vom Undankbaren."

"Stimmt. Warum will er eigentlich fort aus dem elften?"

"Indirekt ist das meine Schuld. Ich habe doch auf eigene Faust recherchiert, und dazu musste ich in die Heimat seiner Frau. Nach Bad Rösel an der Ahr. Und dort habe ich notgedrungen Schmutz aufgewirbelt. Der unter anderem auch Kimmigs Frau getroffen hat."

"Lässt er sich deswegen scheiden?"

"Woher wissen Sie das?"

"Dafür werde ich bezahlt."

"Ja, zum Teil deswegen. So ganz wohl fühle ich mich nicht in meiner Haut, wenn ich Kimmig sehe."

Steiner wühlte in dem Papier auf seinem Schreibtisch. "Dann lesen Sie doch bitte das mal, Lene."

Es war die Kopie eines von Hand geschriebenen Briefes. "Lieber Aldo, ich kann den Tod unseres einzigen Kindes nicht länger ertragen und habe deshalb entschieden, aus dem Leben zu gehen. Es tut mir aufrichtig leid, Dir solchen Kummer machen zu müssen. Du warst ein Ehemann und Vater, wie ihn sich jede Frau und jede Tochter nur wünschen kann. Sage doch bitte Marlene Schelm, dass ich ihr für ihr Verständnis danke, es erleichtert mir meine Entscheidung. Leb' wohl, alles Gute für Deine Zukunft. Deine Dich liebende Brigitte."

"Erklären Sie mir bei Gelegenheit, was sie damit in ihrem Abschiedsbrief sagen wollte?"

"Mach' ich, Herr Steiner." Wie gut, dass er ihre wackelnden Knie nicht sah, als sie zur Tür schlich.

Mit Jule verabredete Lene sich auf neun Uhr und suchte zuhause ein Foto von Tanja heraus, das kurz vor dem 18. Geburtstag ihrer Tochter entstanden war. Jule kam pünktlich, und sie erreichten das Waldhotel Merker gegen zehn Uhr. Luise Kress wartete schon auf sie, eine etwas füllige Frau mit grauen Strähnen in ihren dunklen Haaren. Sie hatte auch XY-ungelöst gesehen und sich dabei an eine Episode aus dem Sommer 1996 erinnert. Da war ein Paar im Waldhotel abgestiegen, und das Kennzeichen seines Autos kannte Luise Kress nicht: REG - sie musste erst im Autoatlas nachsehen: Regen.

"Können Sie uns das Paar beschreiben?"

"Na ja, so ungefähr, ich würde denken, er war um die vierzig, groß mit hellen Haaren. Sie war ein hübsches Mädchen, ich denke, mal gerade so um die zwanzig."

"Wie kommt es, dass Sie sich nach so langer Zeit noch an das Paar erinnern?"

"Aus zwei Gründen, Frau Kommissarin. Erstens, weil sie mitten in der Nacht mit allen ihren Sachen heimlich fortgefahren sind, ohne zu zahlen oder eine Nachricht zu hinterlassen. Das kommt so häufig auch nicht vor. Und zweitens, weil ich im Bad auf der Konsole unter dem Spiegel ein Schmuckstück gefunden habe, das eigentlich sehr wertvoll aussah; ich habe mir gedacht, wenn sie den Verlust bemerkt, wird sie zurückkommen und lieber das Zimmer bezahlen, als auf das wertvolle Stück zu verzichten. Also haben wir es aufgehoben, aber weder er noch sie haben je versucht, es auszulösen."

"Haben Sie das Schmuckstück noch?"

"Ja, es liegt immer noch im Geldschrank."

"Würden Sie es uns bitte mal zeigen?"

"Moment. Bin gleich wieder da."

Diesmal hatte Lene große Mühe, sich vor Luise Kress und Jule nichts anmerken zu lassen. Das war der Anhänger, den sich Tanja zum Geburtstag von Lene und den Langes gewünscht hatte. Der Juwelier hatte beteuert, es sei ein Unikat, in seiner Werkstatt hergestellt, nein, Kopien gebe es nicht. Der Stein war ein selten schön gefärbter, flacher Rubin mit einem ungewöhnlichen Facettenschliff am Rand.

Der Anhänger war, wie sich Lene erinnerte, ein "fürstliches Geburtstagsgeschenk".

"Wir würden ihn gerne mitnehmen, Frau Kress ... natürlich gegen Quittung."

Warum hatte Tanja das schöne und wertvolle Stück vergessen? Lene hielt wenig von der küchenpsychologischen Standarderklärung, Täter, die etwas vergaßen, mit dessen Hilfe sie identifiziert werden konnten, wären von dem unterbewussten Wunsch getrieben, gefasst und für ihre Tat bestraft zu werden.

Jule, die ihre Chefin mittlerweile sehr gut kannte, sagte auf der Rückfahrt: "Du kennst das Schmuckstück?"

Lene wollte sie nicht platt belügen, aber auch nicht mit der Wahrheit herausrücken, also erfand sie einen Ausweg: "Ja und nein. Ich bin sicher, ich habe es schon einmal gesehen, aber im Moment darfst du mich hauen, ich weiß einfach nicht, wann und wo."

Jule schwieg den Rest der Fahrt.

Am nächsten Tag brachte der Bote ein kleines Paket mit den ausgeschriebenen Texten aller Telefonanrufe zu Sendung, allen Mails und sonstigen Hinweisen.

"Donnerwetter", murmelte Jule, die beim Sortieren half. "Hättest du gedacht, dass es so viele werden würden?"

"Nein."

Gemeinsam waren sie den ganzen Nachmittag beschäftigt. Jeder las sorgfältig jede Mail, jeden Zettel mit dem Text eines Telefonanrufes beim Sender, bevor Jule alles lochte und ordentlich in die Spurenakte "Stichkanal" heftete. Zwischendurch trafen Mails, Faxe und Notizen von Revieren und anderen Präsidien ein. Die meisten Nachrichten waren unergiebig. Der rote R 4 war in der ganzen Republik gesehen worden, von Kufstein bis Kupfermühle. Es gab auch die üblichen Witzbolde; einer fragte an, ob der in der Sendung gezeigte Renault käuflich sei, er sei bereit, mit dem Preis sehr hoch zu gehen. Ein anderer bot dreist "fabrikneue" Ersatzteile für das Modell an. Keine Nachricht erreichte annähernd den Wert der Kontakte mit Renate Olfen und Luise Kress.

Eher störend erwies sich ein Anruf aus Erlangen. Ein pensionierter Kollege erzählte Lene mit einer strapaziösen Umständlichkeit, dass er vor vierzehn Jahren auch einmal den Werkzeugmacher Arno Grimm aus Rodenfels kontrolliert habe, der in Verdacht geraten war, mit einem Kumpel - Arbeitskollegen? - bewaffnete Raubüberfälle auf Tankstellen, Kioske, Geschäfte und Sparkassenfilialen zu verüben. Doch die maskierten Männer waren nie überführt oder gestellt worden. Im Sommer 1996 hörten diese Überfälle auf, und wegen dieser Koinzidenz hatte er nach der Sendung beschlossen, die Kollegin Schelm in Tellheim anzurufen. Lene bedankte sich, verfasste eine Aktennotiz und gab sie Jule, um sie in die Fallakte einzufügen.

"Glaubt du das?", wollte Jule wissen.

"Was heißt schon 'glauben'. Zuzutrauen ist es diesem Grimm schon, aber das gilt für viele Typen."

Nach Stunden hielt Lene eine ausgedruckte Mail in Händen, bei deren Lektüre sie stutzig wurde. Erstens war die Mail erst am Mittag des Tages nach der Sendung abgeschickt worden und zweitens zeigte sie keinen Absender in Klartext und hatte keinen Unterzeichner.

"Warum ist es wichtig, wer das Grimm-Schwein umgelegt hat, der Kerl hat doch nur bekommen, was er verdiente? Der Täter sollte einen Orden erhalten, nicht einen Prozess."

Lene begann zu grübeln. Bis auf die Bemerkung, dass Grimm ein Freund der Frauen gewesen war, hatten Lene und Zeres nicht ein böses Wort über das Opfer Arno Grimm verloren. Wer war der Absender, der Grimm ein "Schwein" nannte, und warum hatte er das getan?

"Jule, lies dir das mal durch."

Auch Jule biss sofort an: "Wieso 'Schwein', das den Tod verdient hat? Wer weiß da was und mehr als wir?"

"Kannst du den Absender herausbekommen?"

"Ja, aber das dauert was ... nein, nein, Chefin, frag' lieber nichts. So ganz legal ist das ohne richterliche Anweisung nicht. Und wenn mein Hase mir hilft, tut er das nur, wenn es keiner erfährt."

Lene warf ihr eine Kusshand zu: Auf die so hübsche wie kluge Jule war eben Verlass.

Nach drei Tagen kam sie zu Lene und legte einen Zettel vor sie hin. "Der PC mit der IT-Nummer steht in Hamburg-Rothenburgsort in der PC-Schule Fabian Mühlitz, Vierländer Damm Ecke Lindleystraße."

"Danke, Jule."

Lene rief sofort den Kollegen Vollrath an, der wenig begeistert schien: "Was willst du Landplage schon wieder von mir? Ein Bad in der Alster?"

"Nein, mein Bester. Ich möchte nach Hamburg kommen und eine PC-Schule beobachten, ob dort ein bestimmter Mensch verkehrt, Unterricht nimmt oder gibt."

"Und den willst du dann festnehmen, verhaften oder auf der Flucht anschießen und in die Elbe schubsen?"

"Fließt die denn in der Nähe? Nein, Ulf, keinerlei amtliche Handlung, und wenn, dann nur mit offizieller Erlaubnis und Ersuchen um Amtshilfe."

"Und was erwartest du von mir?"

"Dass du mir eine Wohnung, ein Apartment, ein Zimmer besorgst, von dem aus ich den Eingang dieser PC-Schule beobachten, filmen und knipsen kann."

"Bist du undercover?"

"Nein. Aber ich habe vielleicht einen Fehler begangen, als ich bei XY aufgetreten bin. Derjenige, auf den ich jetzt ein Auge - wohlgemerkt, ein dienstliches Auge - geworfen habe, könnte mich wiedererkennen."

"Du bist unverändert kryptisch."

"Mein Lieber, sind das nicht alle begehrenswerten Frauen vor dem Standesamt?"

"Willst du mich heiraten?"

"Bist du denn noch zu haben?"

"Ich müsste nur eben noch meine neue Freundin erwürgen."

"Warte damit bitte noch, bis ich dir grünes Licht und ein überzeugendes Alibi gebe."

Sie musste ihm mehrfach hoch und heilig versprechen, dass sie in Hamburg keine Amtshandlungen vornehmen und nie preisgeben würde, dass er ihr bei der geplanten Überwachung geholfen hatte. Über den sachlichen Teil ihrer Bitte verständigten sie sich schnell. Er rief bald noch einmal an und nannte die monatliche Kaltmiete einer winzigen Einraumwohnung, bei der sie trocken schluckte. Aber er versicherte glaubhaft, dass es günstiger nicht ginge, vor allem nicht auf die Schnelle. Zwei Tage später hielt sie einen Brief mit dem Mietvertrag in Händen.

Steiner knurrte. Ihm war es gar nicht recht, dass Lene eine längere Dienstreise antreten wollte.

"Dann sind Sturm und Springer alleine, wenn was passiert."

"Sturm soll doch seinen Hauptkommissar bekommen. Dann kann er auch beweisen, dass er ihn verdient. Und Jule beißt sich durch."

"Soso. Könnten Sie der Pfiffigen vor Ihrer Abreise bitte noch Folgendes verklickern. Ich würde gerne veranlassen, dass sie außer der Reihe befördert wird, aber solange sie mit Hase zusammenlebt und daraus kein Geheimnis macht, scheue ich das Gerede, ich würde vor einem Staatsanwalt liebedienern."

"Also Beförderung oder Paulchen?"

"So ungefähr."

"Das sagen Sie ihr gefälligst selber. Ich möchte weiterleben ohne fünf Narben von spitzen Fingernägeln im Gesicht. Und was immer Sie Jule raten werden, bedenken Sie, dass Sturm mit unserer allseits geliebten Personalratsvorsitzenden eng befreundet ist."

Die nächsten Tage besorgte sich Lene auf eigene Kosten die nötige Ausrüstung. Der Stand ihres Kontos sank rapide.

Der Kollege Vollrath lotste sie zur gemieteten Wohnung und half sogar, zwei schwere Koffer hochzubringen. Wohnung und Einrichtung waren dazu angetan, gesunde Menschen in kürzester Zeit in schwere Depressionen zu stürzen, aber sie hatte von dem Fenster des einzigen Zimmers einen freien Blick hinüber auf den Eingang der PC-Schule, der sogar abends von einer nicht weit entfernten Straßenlaterne erhellt wurde. Der angeblich trockenste November seit Beginn der Wetteraufzeichnungen war bruchlos in den feuchtesten Dezember seit Menschengedenken übergegangen. Der Januar setzte die Schlecht-Wetter-Periode fort, bei Temperaturen um zehn bis zwölf Grad Celsius trieben bereits die Frühblüher und tapfere Rosenblüten ließen sich vom Kalender nicht unterkriegen. Vollrath zitierte den dämlichen Satz, es gebe kein schlechtes Wetter, sondern nur ungeeignete Kleidung, und Lene amüsierte sich königlich, als er bei einem kurzen Erkundungsspaziergang in die nähere Umgebung in eine tiefe Pfütze trat und nasse Socken bekam. Die bis dato guten Beziehungen des Hamburger Landeskriminalamtes zur Tellheimer Kripo standen auf des Messers Schneide. Lene kaufte noch ein und verzog sich dann in ihre freiwillige Gefängnishaft. Nachdem sie ihre Geräte ausgepackt und aufgebaut hatte, brach die große Langeweile aus. Es galt zu warten, und das war noch nie Lenes wirkliche Stärke gewesen. Erst bei Anbruch der Dunkelheit kamen die ersten PC-Schüler an den Eingang. Im Fernglas waren sie gut zu erkennen, mühelos, sobald die Laterne brannte. Eine seltsame Mischung, fand Lene. Sehr junge Schüler, viele fast noch Kinder, und ausgesprochenes Mittelalter - Umschüler und Arbeitslose?

Von ihrem Fenster aus konnte Lene nicht erkennen, ob in der Schule irgendwo Licht brannte. Nur wenn die Tür der Schule zum Treppenhaus geöffnet wurde, fiel Licht heraus - was Lene erkennen konnte, weil in die Haustür eine Riffelglasscheibe eingesetzt war, auf der dann ein diffus helles Rechteck erschien. Mühlitz hatte gut zu tun. Lene zählte an die fünfzig Personen, Jung und Alt, die die PC-Schule betraten.

Die erste Nacht schlief sie schlecht, träumte sie schlecht und wachte mit schwerem Kopf auf. Der Rhythmus des Vortages wiederholte sich. Der Schul-Betrieb begann erst am späten Nachmittag oder frühen Abend so richtig. Und die Schüler ließen sich in deutlich drei Gruppen einteilen: Schüler und Jugendliche, Erwachsene, die, wie Lene mitleidig dachte, mit Füllhalter und Schreibmaschine besser umgehen konnten als mit Enter-Taste und Internet, die sich aber dem Druck des elektronischen Zeitalters privat wie beruflich nicht mehr entziehen konnten oder wollten, und dann junge Berufstätige, die ihre Kenntnisse erweitern wollten oder mussten. Lene bekam nicht heraus, wie viele Lehrer dort unterrichteten, aber es musste ein halbes Dutzend sein.

Am Tag darauf schlief sie mittags und ging, als der große Pulk von Schülern gegangen war, auf die Straße und wanderte an dem Gebäude vorbei. Im Parterre waren noch mehrere Fenster erleuchtet und in allen Zimmern verbreiteten Bildschirme ihr diffuses Licht. Ein paar Häuser weiter hatte ein Abgeordneter sein Bürgerbüro, auch dort brannte noch Licht. Lene fühlte sich sehr allein und deprimiert.

Vormittags streifte sie durch die Straßen und bemühte sich, die Straßen aus dem Faltplan in der Realität zu erkennen. Natürlich hätte sie direkt in die Schule gehen und fragen könne. Aber dann würde man sie erkennen, wenn sie sich in der Nähe der Schule herumtrieb, und bei ganz viel Pech erkannte einer sie als Kriminalhauptkommissarin aus XY-ungelöst. Den ganzen Tag kam sie nicht zu einem Entschluss und begann abends, mehr aus Langeweile und Überdruss, die Besucher der Schule zu fotografieren, obwohl sie selbst nicht wusste, wozu das gut sein sollte. Die Straßenlaterne nicht weit vom Eingang lieferte das nötige Licht. Um Mitternacht verließ ein großer Mann mit langen Haaren das Gebäude und schloss ab. Lene hielt ihn für Fabian Mühlitz, den Inhaber der PC-Schule. Danach schaltete sie die Geräte aus, riss die Fenster auf, um zu lüften, und beschloss, noch einen kleinen Abendspaziergang zu machen. Auf dem Rückweg kam sie an der Schule vorbei und wunderte sich. In einem der Räume brannte noch Licht, an der Decke spiegelte sich das Licht eines großen Bildschirms wider. Wer hatte um diese Zeit noch in der Schule zu tun? Weil es ja gleich war, wann sie schlief, blieb sie noch gut eine Stunde an ihrem Beobachtungsfenster sitzen, aber niemand verließ das Gebäude durch die reguläre Eingangstür. Dann verspürte sie Zorn: Nun wollte sie es wissen. Aufgebracht ging sie noch einmal auf die Straße und marschierte an der Fassade des Schulgebäudes vorbei. Das Licht war erloschen. Also musste es einen zweiten Zugang zu den Schulungsräumen geben, also blieb ihr gar nichts anderes übrig, als doch in die Schule zu gehen, auch auf die Gefahr hin, dass sie dadurch aufflog. Noch in der Nacht setzte sie sich hin und schrieb auf, was sie bis jetzt beobachtet, bemerkt und festgestellt hatte.

Am nächsten Tag besorgte sie Briefumschläge und Briefmarken und schickte ihre gesammelten Werke an Jule mit der Bitte, die Zettel und Blätter aufzuheben.

Kurz vor sechzehn Uhr ging sie in die Schule und wollte mit Fabian Mühlitz sprechen. Es war tatsächlich der große Mann mit den langen Haaren, der die Eingangstür abgeschlossen hatte.

Sie stellte sich als Marlies Pauly vor. "Ich arbeite für eine Rechtsanwaltskanzlei in Frankfurt", log sie sehr geläufig. "In einer Erbschaftssache suchen wir diese junge Frau und haben einen Tipp bekommen, dass sie mal hier Unterricht genommen hat." Damit legte sie ein Bild ihrer Tochter Tanja vor ihn hin. Mühlitz nahm es auf und betrachtete es sorgfältig. Lene ließ ihn keinen Moment aus den Augen: "Das Bild ist im vorigen Jahrhundert aufgenommen worden. Da war die junge Dame gerade 18 Jahre alt, ein aktuelleres Bild haben wir leider nicht." Mühlitz seufzte. "Ja, sie kommt mir bekannt vor, es kann gut sein, dass sie einmal hier gelernt hat. Aber ich bitte Sie um Verständnis. Hier kommen und gehen so viele Mädchen und junge Damen, dass ich mir nicht alle Namen und Gesichter merken kann."

"Könnten Sie es bitte einmal bei den andern Lehrkräften versuchen?"

Begeistert war Mühlitz davon nicht, aber als Lene wiederholte: "Bitte, Herr Mühlitz, Sie könnten unter Umständen ein armes Mädchen reich und glücklich machen", knurrte er und ging mit dem Bild zur Tür. Er hatte die Klinke schon in der Hand, als er ruckartig stehen blieb und sich zu Lene umdrehte: "Ich hab's. Sie hieß Anja mit Vornamen." Lene nickte verbindlich; wenn der Erzeuger einen Buchstaben seines Namens verlieren konnte, sollte das seiner Tochter auch möglich sein. Mühlitz kam nach fünf Minuten mit einer ungewöhnlich großen, eckig-hageren und hässlichen Frau zurück. Sie hatte ein schmales Gesicht mit einem spitzen Kinn und einen richtigen Busch von schwarzen Drahthaarlocken auf dem Kopf. "Frau Liesen, Frau Pauly." Die Frauen gaben sich die Hand. Die Schwarzhaarige gab Lene das Foto zurück. "Das ist Anja. Anja ... Moment, ich komm' gleich drauf... Anja Langer."

Lene verkniff sich ein Lächeln. Es war der Fall der fehlenden oder neu erworbenen Buchstaben bei Vor- und Familiennamen. Anja Langer statt Tanja Lange. Es kam hin.

"Können Sie sich noch erinnern, wann diese Anja Ihre Schule hier besucht hat?"

"So genau nicht mehr. Ich würde denken, das ist acht, neun Jahre her."

"Meinen Sie, es gibt noch Unterlagen, aus denen ich eine Anschrift dieser Anja Langer erfahren könnte?"

"Kaum", sagte Mühlitz energisch. "Wir führen unsere Unterlagen natürlich elektronisch und löschen nach spätestens drei Jahren alle Schülerdaten."

Auch Ute Liesen sah sie so abweisend an, dass Lene begriff: Von den beiden würde sie nichts mehr erfahren. Einen letzten Versuch wollte sie noch wagen: "Hat diese Anja Langer hier in der Nähe gewohnt?"

Wider Erwarten antworte Ute Liesen prompt: "Ja, gar nicht weit von hier. Wenn Sie diese Straße in der Richtung hinunterlaufen" - sie streckte einen Arm aus - "kommen Sie an einem Hochhaus vorbei. Zwölf Stockwerke." Sie grinste: "Das weiß ich so genau, weil ich damals im zwölften Stock gewohnt und mehr als einmal erlebt habe, dass der Aufzug wieder streikte."

"Vielen Dank", sagte Lene höflich, "Sie haben mir sehr geholfen." Als sie auf die Straße trat, bemerkte sie zum ersten Mal das Hausnummer-Schild mit dem Pfeil: Eingang. Sie folgte ihm und kam zum Hauseingang für die Wohnungen, die über der Schule lagen. Weil gerade ein Mann das Haus verlies, beeilte Lene sich, konnte die zufallende Tür auffangen und ins Treppenhaus gehen. Eine halbe Treppe hoch gab es eine Stahltür, auf die ein Schild geklebt war. "Kein Eingang zur PC-Schule. Bitte benutzen Sie den Nebeneingang." Womit auch geklärt war, wie die Personen, die sich spät abends in der Schule aufgehalten hatten, wegkommen konnten, ohne den üblichen Eingang zu benutzen, den Lene mit dem Fernglas überwacht hatte.

Vergnügt folgte sie der Beschreibung der Schwarzlockigen. Bis zu dem Hochhaus waren es keine zehn Minuten Fußmarsch. Auf dem Klingelbrett war kein Hausmeister verzeichnet. Also drückte sie auf gut Glück eine Klingel im Parterre. Eine ältere Frau öffnete und musterte sie misstrauisch. "Ja?"

Lene blieb bei ihrer Legende: "Guten Tag. Mein Name ist Marlies Pauly. Entschuldigen Sie bitte die Störung. Ich arbeite für eine Rechtsanwaltskanzlei, die in einer Erbschaftssache diese junge Frau sucht. Sie heißt Anja Langer und soll vor einigen Jahren in diesem Haus gewohnt haben."

"Zeigen Sie mal." Sie riss Lene das Foto förmlich aus der Hand, kramte in einer Tasche ihrer Schürze nach ihrer Brille und studierte dann das Foto aufmerksam und - wie es Lene schien - auch etwas neidisch. "Erbschaftssache?"

"Hm, ja, vielleicht. Die junge Dame ist mit 18 von Zuhause ausgerissen, und jetzt ist ein kinderloser Onkel gestorben, sie würde wohl erben, wenn wir sie fänden."

"Manche Leute haben eben Glück", murrte sie, die hörbar einen Mangel an Glück verspürte.

"Ja", stimmte Lene zu, "Warum müssen immer die anderen sechs Richtige plus Superzahl haben?"

"Sie sagen es."

Sie gab Lene das Foto zurück: "Nein, an diese Anja kann ich mich nicht erinnern. Aber über mir wohnt Harry Seyda, der lebt hier seit Anfang an. Wenn überhaupt einer, dann kann Harry Ihnen weiterhelfen."

Lene bedankte sich umständlich und stiefelte eine Treppe hoch. Bei H. Seyda meldete sich niemand. Immerhin hatte sie jetzt einen Anhaltspunkt, wo sie einhaken konnte. Die Nachbarn wussten nicht, wo Harry arbeitete. Er ging gegen Mittag aus dem Haus und kam immer erst gegen Mitternacht zurück.

Also würde es heute wieder spät werden. Sie ging zurück in ihre Liliput-Wohnung und schlief eine Stunde, bevor sie sich auf den Weg in die Innenstadt machte. Den Weg mit Bus und S-Bahn hatte sie sich auf dem Faltplan ausgeknobelt und klopfte sich selbst auf die Schultern, als die Bahn im Hauptbahnhof einlief. Allerdings herrschte Schietwetter in Luxusausgabe, mild temperierter Dauerregen. Der Winter wollte in diesem Jahr partout ausfallen, nachdem sie im Vorjahr mehr als genug Schnee, Eis und Kälte gehabt hatten. Statt Schnee gab es reichlich Wasser von oben, und statt Frost milde Frühlingstemperaturen. Nachdem sie einen Plastik-Regenumhang und einen größeren Schirm gekauft hatte, gönnte sie sich noch einen Rundmarsch durch die City, wanderte frohen Herzens durch Galerien - wieviel Geld sie doch sparte, weil sie nichts von diesem teuren Schnickschnack kaufte - stieg am Jungfernstieg auf gut Glück in die U-Bahn - gelobt sei die Tageskarte, die ja auch teuer genug war - stieg an der Station Hallerstraße ans Tageslicht und landete schließlich im Völkerkundemuseum. Lene war keine große Museumsläuferin, aber um die Zeit sinnvoll totzuschlagen, war ein Museum immer gut. Am Ende folgte sie den Hinweisschildern und setzte sich in das Restaurant. Am Nebentisch nahm ein Mann Platz, der ihr in den letzten Stunden schon einige Male aufgefallen war. Weil der Mann auffällig rasch wegsah, als er ihren forschenden Blick bemerkte, kam ihr ein Verdacht, sie ging hinüber und sagte freundlich: "Guten Tag, ich heiße Marlene Schelm. Und wie heißen Sie?"

"Das geht Sie einen feuchten Kehricht an", schnauzte der Mann sie an.

"Gut möglich. Aber in der Regel weiß ich gerne, wer mir so hartnäckig nachläuft. Fragen Sie mal Ulf Vollrath. Er wird Ihnen bestätigen, dass ich an einer Art beruflicher Paranoia leide."

"Wissen Sie was?! Lassen Sie mich in Ruhe und kümmern Sie sich um Ihren eigenen Scheiß."

"Das empfehle ich Ihnen auch."

Der Mann wurde vor ihr mit dem Essen fertig, zahlte und ging, irgendwie gekränkt. Ob er von einem anderen abgelöst worden war, fand Lene auf der Fahrt zurück nach Rothenburgsort nicht mehr heraus.

Sie klingelte viertel nach zwölf an der Wohnungstür von Harry Seyda. Er war da und öffnete ziemlich schlecht gelaunt, seine Miene hellte sich etwas auf, als er Lene vor sich sah, aber richtig froh war er über ihren Besuch nicht. Sie entschuldigte sich tausendmal und spulte dann ihre Erbschaftsgeschichte herunter. Seyda brummte und nahm das Bild: "Ach nee, die Anja. Anja Langer. Dann scheint ja doch gestimmt zu haben, was sie mir immer erzählt hat, von der reichen Familie und dem reichen Onkel, der ihr unter den Rock greifen wollte." Lene nickte unverbindlich, Tanja war ein fantasievolles Kind. "Kommen Sie rein, trinken Sie einen Schluck mit mir?" Dann registrierte er Lenes Blick und lachte. "Sie brauchen keine Angst zu haben, ich bin schwul. Frauen sind bei mir und vor mir sicher."

Der Schluck stellte sich als ein sehr passabler Beaujolais heraus. Lene schluckte genüsslich und entspannte sich.

Anja Langer war vor elf oder zwölf Jahren in dieses Haus gezogen. Sie lernten sich im Treppenhaus kennen, und weil er sie ganz gut leiden mochte, aber mehr von ihr nicht wollte, waren sie gut bekannt geworden. Anja war weggelaufen und wollte von ihrer Familie nichts mehr wissen. Wie sie nach Hamburg gekommen war und wie sie sich hier durchgeschlagen hatte, erwähnte sie nicht: Sie hatte dann einen festen Job gefunden und arbeitete in einer Event-Agentur anfangs wohl als Mädchen für alles. Wenn's knapp wurde, musste sie auch helfen, Tische zu decken, Servietten zu falten und im Notfall auch schon mal zu servieren. Abrechnungen, Telefondienst, erste eigene kleinere Organisationen. Es machte ihr Spaß, und sie war kontaktfreudig. Kurse in der PC-Schule da hinten, um eigene Karten und Einladungen entwerfen zu können.

"Wissen Sie noch, wie die Agentur hieß?"

"Ja - Moment - Bonaventura. Büro in den Großen Bleichen."

"Ordentliche Gegend?", fragte Lene, die von Hamburg nichts kannte, ganz harmlos.

"Ich könnte dort kein Büro bezahlen."

"Aha."

"Als sie dort die Probezeit bestanden hat, ist sie weggezogen, nach Eppendorf." Weil Lene sich nicht wieder blamieren wollte, fragte sie nicht, ob das eine ordentliche Gegend sei. Seyda ahnte ihre Gedanken und zwinkerte ihr zu: "Alles in Ordnung. Noch einen Schluck?"

"Nein, vielen Dank. Ich hoffe, ich habe Sie nicht zu lange aufgehalten."

"Nein, überhaupt nicht. Es hat mich gefreut, Sie kennen zu lernen. Und wenn Sie Anja treffen, bestellen Sie ihr doch bitte schöne Grüße vom alten Seyda."

"Mach' ich!"

Auf dem Weg zurück an der PC-Schule vorbei hatte sie zwei Typen an den Hacken, die sie genau an ihrer Haustür einholten. Erst jetzt erkannte sie einen von ihnen: "Vollrath, was soll das? Beschützen oder beschatten?"

"Von beiden etwas, schöne Lene. Aber in erster Linie störst du unsere Kreise."

"Wie das?"

"Wir erwarten einen bestimmten Besucher bei Harry Seyda."

"Mit dem Besucher möchtet ihr sprechen?"

"Vor allem der Staatsanwalt. Für den Besucher haben wir übrigens einen Haftbefehl. Ein bisschen Mord, ein bisschen Erpressung, etwas mehr Nötigung und Körperverletzung, eine richtig schöne Latte. Und noch schöner, diesmal erwartet ihn die 'besondere Schwere der Tat' und anschließend Sicherungsverwahrung. Wenn er den Knast überlebt. Er hat sich an zwei jungen Türkinnen vergangen und in Santa Fu sitzt ein beachtlicher Teil des Familienclans zurzeit ein."

Lene lief es kalt den Rücken herunter. Sie wusste, was das bedeutete.

Vollrath brummte und nahm sie zur Seite: "Dieser Seyda ist zwar eine schwule Sau, aber längst nicht so harmlos, wie er tut. Du hast mich doch nach einem jungen Mann gefragt, der in Tellheim was verbrochen hatte. Und ich hab dir gesagt, dass der Knabe zwei Geldeintreiber eines Bordell- und Spielclubbesitzers an den Hacken hatte. Harry Seyda ist seit Jahren der Ökonom dieses Mannes und besorgt mehr als nur die Einkäufer für ein Bordell. Es wäre mir lieber, du würdest in Zukunft Abstand halten. In seiner näheren Umgebung wird die Luft so leicht bleihaltig, er selbst schießt nicht, aber er lässt schießen. Auf seine höfliche Masche sind schon einige schwer hereingefallen."

"Kann ich dir versprechen, Vollrath."

"Dann mal gute Nacht."

Vor dem Einschlafen konsultierte Lene ihren Faltplan und stellte fest, dass sie wieder zum Jungfernstieg musste. Das Phänomen kannte sie aus Tellheim, jahrelang kam man nicht in eine Straße und dann dreimal hintereinander.

Etwas Vergleichbares passierte schon am nächsten Vormittag. Wer setzte sich in der S-Bahn auf den Sitz schräg gegenüber?

"Guten Morgen, Frau Liesen."

Die Gute brauchte einige Sekunden, Lene zu erkennen und griente dann mühselig: "Guten Morgen, Frau Pauly. Haben Sie inzwischen Anja gefunden?"

"Nein, aber ich bin auf dem Weg zu einer Adresse, wo sie mal gearbeitet hat."

"Fabian hat erzählt, es ginge um eine Erbschaft?"

"Ja, wenn sie tatsächlich die Nichte ist, kann sie einen schönen Batzen erwarten."

"Fabian ärgert sich grün und blau. Er könnte so gut eine Kapitalspritze vertragen."

"Was hat Anja Langer mit Fabian Mühlitz zu zu tun?"

"Die beiden hatten ein dickes Verhältnis. Fast ein Jahr lang."

"Ach nee."

"Ach doch. Er war ziemlich geplättet, als sie ihm eines Tages ganz cool verklickerte, ich habe einen Job und ziehe aus."

"Und das war Ihre Chance?" Lene hatte ganz freundlich gefragt, aber Ute Liesen antwortete nicht, sondern griff demonstrativ nach der taz, die in ihrem Beutel steckte.

Auch bei Bonaventura war Lene mit ihrer direkten Art nicht willkommen.

"Frau Langer arbeitet nicht mehr bei uns", hieß es kurz und knapp.

"Wissen Sie, wo ich sie finden kann?"

"Sie hat sich selbständig gemacht."

"Sagen Sie mir auch noch, wie ihre Agentur heißt?"

Das tat man ausgesprochen ungern und Lene verkniff sich, was ihr auf der Zunge lag: "Konkurrenz belebt das Geschäft", sondern steckte mit einem ironischen "Danke" den Zettel mit der Anschrift ein. Zum Hofweg musste sie auf die andere Seite der Außenalster, es regnete, wie das in diesem Winter wohl die Norm zu sein schien. Der neue Regenschirm durfte sich bewähren.

Sorpresa war nicht so prachtvoll untergebracht und eingerichtet wie Bonaventura, aber es gab auf dem Hinterhof wenigstens einige Parkplätze.

Tanja saß an einem Zeichentisch neben dem Fenster, schaute hoch und beide erkannten sich sofort. "Lene."

"Tanja." Zwei junge Frauen hoben die Köpfe und musterten die Besucherin neugierig. Tanja deutete mit dem Kopf auf eine Tür, und sie gingen in ein anderes Zimmer, in dem wohl Besprechungen mit Kunden stattfanden. Sie setzten sich wortlos, und Tanja seufzte: "Die Mail, nicht wahr?"

"Ja. Und ich wollte dir das bringen. Du weißt noch, wo du es vergessen hast?" Tanja musste überlegen, bevor sie den Anhänger, das Geschenk zu ihrem achtzehnten Geburtstag, wiedererkannte. Immerhin war das alles jetzt vierzehn Jahre her. Dann begriff sie und sagte nur: "Lene, ich musste es tun."

"Vielleicht kannst du mich überzeugen, wenn du erzählst, wie's gewesen ist."

Das meiste hatte sie sich schon selbst zusammengereimt. Tanja hatte das Material, das ihr die Mutter gegeben hatte, mehrmals angeschaut, durchgelesen, studiert. In das Fernsehquiz "Alles über das Auto" war sie beim Zappen geraten und dabeigeblieben, weil der eine Kandidat sich gerade vorstellte: "Arno Grimm aus Rodenfels."

"Himmel, wo liegt Rodenfels, Herr Grimm?"

"Im Landkreis Regen in Niederbayern."

Die Ähnlichkeit des Kandidaten und seines Namens mit den Fotos und den Unterlagen, die sie von ihrer Mutter über ihren Erzeuger erhalten hatte, fesselten Tanja. Da war alles richtig, der Geburtsort Trier, das Geburtsjahr, die Leidenschaft für schnelle Autos, Rennen und Rennfahrer bis hin zu der beiläufigen Bemerkung, es habe ihm schon das Herz zerrissen, jene schnellen Autos verkaufen zu sollen, die er so gerne besessen hätte. Tanja hatte zuerst noch gezögert, dann aber Gewissheit erlangen wollen. Kurz entschlossen packte sie einen Rucksack und fuhr nach Rodenfels in Niederbayern.

In der Linde sagte man ihr, der momentane Held des Ortes feiere im Krug, sie hatte sich das neue Top mit dem gewagten Ausschnitt und einen anderen BH angezogen, sich aufgebrezelt und war losgezogen. Arno fuhr auch sofort auf sie ab. Aber zu ihr in die Linde wollte er nicht kommen. Dort arbeite eine alte Flamme und dort kenne man ihn, das sei der Nachteil des kleinen Ortes, jeder überwache jeden. Aber wenn sie Lust hätte, würde er sie morgen abholen und mit ihr irgendwohin fahren, wo man sie nicht kenne.

"Warum ausgerechnet das Waldhotel Merker?"

Details

Seiten
1000
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738926613
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v460942
Schlagworte
seiten krimi-paket morde strandurlaub

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor)

    934 Titel veröffentlicht

  • Horst Bieber (Autor)

  • Pete Hackett (Autor)

  • Thomas West (Autor)

  • Franc Helgath (Autor)

  • Uwe Erichsen (Autor)

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Titel: 1000 Seiten Krimi-Paket Morde für den Strandurlaub 2019