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Die Raumflotte von Axarabor #69: Das Spiel von Gewalt und Tod

2019 78 Seiten
Reihe: Axarabor, Band 69

Zusammenfassung

Die Raumflotte von Axarabor - Band 69

von Bernd Teuber

Der Umfang dieses Buchs entspricht 82 Taschenbuchseiten.

Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Fast alle Bewohner des Planeten Thalong starben bei kriegerischen Auseinandersetzungen. Die Überlebenden vegetieren in unterirdischen Bunkern und warten auf den Tag, an dem sie wieder an die Oberfläche zurückkehren können.

Leseprobe

Das Spiel von Gewalt und Tod

Die Raumflotte von Axarabor - Band 69

von Bernd Teuber


Der Umfang dieses Buchs entspricht 82 Taschenbuchseiten.


Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Fast alle Bewohner des Planeten Thalong starben bei kriegerischen Auseinandersetzungen. Die Überlebenden vegetieren in unterirdischen Bunkern und warten auf den Tag, an dem sie wieder an die Oberfläche zurückkehren können.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / 3000AD 123rf Steve Mayer

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

Die Menschen, die auf der Koloniewelt Thalong lebten, waren Gestrandete. Überlebende eines Krieges, der vor so langer Zeit begann, dass sie sich kaum noch an die Ursache erinnern konnten. Sie hatten ihre Herkunft vergessen. Sie reagierten nur noch auf die endlosen Fluten von Widerwärtigkeiten, mit denen sie sich gegenseitig überschwemmten. Sie begegneten den Herausforderungen des nackten Überlebens, denn sie waren erfindungsreiche Geschöpfe.

Und sie hatten ein Spiel erfunden, das ihrem Leben in dieser bedeutungslosen Existenz Sinn geben sollte. Es war ein Spiel, das ihre Fähigkeiten aufs Äußerste beanspruchte. Das Spiel von Gewalt und Tod.

Einst kamen sie von den Sternen, um auf diesem Planeten eine neue Heimat zu finden. Die gemeinsame Aufbauarbeit stand im Zeichen des Friedens und der gegenseitigen Hilfe. Das Bemühen galt vor allem der wissenschaftlichen und technologischen Forschung, sodass die Menschen auf dieser Welt eine noch nie gekannte Entwicklungsstufe erreichten. Die Mentalitäten der verschiedenen Individuen schmolzen zu einer einzigen zusammen.

Auf diese Weise entstanden mehrere Städte. Sie erreichten einen erstaunlich hohen Entwicklungsgrad. Neue Verkehrsmittel entstanden, die den Kontakt zwischen den Städten ermöglichten. Fahrzeuge und Fluggeräte wurden entwickelt. Die Menschen überwanden zahllose Widrigkeiten, indem sie schwere Opfer brachten. Alle reichten sich die Hände mit dem einzigen Ziel: Überleben. Doch bald gingen die Ressourcen des Planeten radikal zur Neige und es kam zu Streitigkeiten.

Die Gemeinschaft zerbrach in zwei Lager. Jedes versuchte, sich seinen Anteil zu sichern. Erste gewalttätige Auseinandersetzungen folgten, die im Laufe der Jahre immer heftiger wurden. Das ganze Kriegsspektakel forderte von jeder Seite seinen Preis. Die Anteile, die für die Waffenherstellung aufgewendet wurden, wuchsen mit erschreckender Schnelligkeit. Die Infrastruktur litt am meisten darunter. Die Städte verwahrlosten immer mehr. Einst blühende Gemeinschaften wurden durch das folgende wirtschaftliche Chaos zerstört.

Jeder soziale, kulturelle und ökonomische Niedergang beginnt mit dem Krieg – eine Erkenntnis, die so alt ist wie die Menschheit und dennoch werden immer wieder die Augen davor verschlossen. Aber warum gibt es so viele Blinde? Jeder hätte erkennen müssen, dass die letzten Jahre auch seine letzten Stunden waren, dass dieser Planet am Rande des totalen Zusammenbruchs stand, und es bedurfte nur noch eines winzigen Anstoßes, um das endgültige Chaos herbeizuführen.

Die einzelnen Schritte liefen mit einer beängstigenden logischen Konsequenz ab, und doch handelte es sich nur um wenige Augenblicke. Die finale Auseinandersetzung dämmerte herauf. Die Militärs hatten endlich die Möglichkeit, ihre Daseinsberechtigung unter Beweis zu stellen. Doch hatte sie die wirklich? In wenigen Stunden war der Krieg vorbei. Viele Menschen starben, Gebäude wurden dem Erdboden gleichgemacht. Wo früher Städte existierten, breiteten sich bald riesige Wüsten aus, ohne jedes tierische oder pflanzliche Leben.

Die menschliche Zivilisation auf Thalong war zum großen Teil hinweggerafft worden, die Grundlagen sozialen Zusammenlebens verfallen. Niemand konnte sagen, was sich an seiner Stelle entwickelt hatte. Einige Menschen hatten zwar überlebt. Aber wie viele waren es? Unter welchen Umständen und Bedingungen existierten sie?

Die dramatischen Veränderungen in der sozialen Ordnung auf diesem Planeten waren von der Mehrheit der Überlebenden bereits vergessen. Nur hin und wieder spielte ihnen die Erinnerung einen Streich. Für sie war die Welt heute in Ordnung. Sie war die beste aller Welten. Tief in ihrem Innern wussten sie, dass es früher einmal anders gewesen war, aber diese Zeit lag lange zurück. Ein neuer Abschnitt hatte begonnen. Aus den Umschichtungen, die allesamt mit Gewalt stattfanden, waren feste Regeln geworden. Menschen waren sehr anpassungsfähige Wesen. Sie hatten sich schnell mit der neuen Situation arrangiert. Und da alle primitiven Instinkte geblieben waren, ohne die Menschen nicht überleben konnten, war auch der Hass geblieben.



2

Nachdenklich betrachtete Katya Logerto die Maschinen. Seit einiger Zeit gab es nichts mehr. Keine Hose, keine Jacke und keinen Overall. Es gab nur noch das, was die Leute am Körper trugen. Seit Wochen standen die Maschinen still. Seit Wochen wurden keine Kleidungsstücke mehr hergestellt, weil die Grundstoffe fehlten. Auch synthetische Nahrung konnte nicht mehr produziert werden. Seit Tagen gab es im Bunker FERLAND nur noch einen winzigen Vorrat, der morgen oder übermorgen zur Neige gehen würde. Hinter ihr ertönte ein Geräusch. Sie wandte sich um. Nardo stand im Türrahmen.

„Alles in Ordnung?“, fragte er.

„Nein.“

„Aber du musst Lee Bescheid sagen, oder?“

Verwundert sah sie den jungen Mann an. Lee? Er weiß Bescheid. Seit acht Tagen.“

Nardo kam ein paar Schritte näher. Er trug einen blauen Overall. Das war die einzige Kleidung, die er besaß.

„Er wird sich kaum daran erinnern“, meinte Nardo.

Sie wollte etwas erwidern, doch er hob die Hand. „Du weißt doch, was er für einer ist, oder?“

„Kannst du es ihm nicht sagen?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, das hätte keinen Sinn. Er würde mich bloß anschnauzen und sagen, dass es deine Aufgabe ist, ihn darüber zu informieren.“

Katya Logerto seufzte. „Ja, du hast recht.“ Sie zwang sich zu einem kleinen Lächeln. „Ist wohl besser, wenn ich es sofort erledige.“

Nardo nickte. „Viel Glück.“

Logerto trat durch die offene Tür hinaus auf den spärlich beleuchteten Gang. Die Luft war stickig und warm. Die Lüftung funktionierte kaum noch. Logerto sah sich nach beiden Seiten um und war froh, als sie niemanden entdeckte. Sie wandte sich nach links. Im Bunker FERLAND hatten damals einhundert Menschen Zuflucht gefunden. Im Laufe der Jahre wuchs die Zahl auf mehr als zweihundert. Nur eine strickte Geburtenkontrolle hatte dafür gesorgt, dass es nicht mehr Menschen geworden waren.

Es gab noch einen zweiten Bunker, in dem sich der Feind befand. Dort mussten nach Schätzungen fast ebenso viele Menschen leben. Genaue Zahlen gab es nicht. Demnach hatten also ungefähr vierhundert den Krieg überstanden, so nahmen sie es an.

Die junge Frau wandte sich nach rechts, ging an einigen beschilderten Türen vorbei, blieb vor der Letzten stehen und klopfte.

„Herein!“, rief eine männliche Stimme.

Logerto öffnete die Tür. Trey Lee saß hinter einen schweren Tisch aus Kunststoff und sah ihr entgegen. In seinem grob geschnittenen Gesicht rührte sich keine Miene, als er sie erkannte.

„Na, was gibt es?“, wollte er wissen.

„Wir haben keine Nahrung mehr“, antwortete sie knapp.

„Warum erfahre ich das erst jetzt?“, fragte er.

„Ich habe es Ihnen schon vor acht Tagen gesagt.“

„Na und? Ich habe das Recht, ständig auf dem Laufenden gehalten zu werden.“ Er schlug mit der Faust auf den Tisch. „Ich werde Sie von Ihrem Posten entfernen lassen, wenn Sie Ihre Pflichten weiterhin vernachlässigen.“

„Nur zu.“

Sie wandte sich um, öffnete die Tür und verließ den Raum. Er rief etwas hinter ihr hier, doch sie kümmerte sich nicht darum. Während sie mit energischen Schritten den Gang entlang marschierte, kam ihr Byron Ellersick entgegen. Er war einer der wenigen, die es in den letzten Jahren fertiggebracht hatten, Würde und Anstand zu bewahren.

„Probleme?“, fragte er kurz, aber nicht unfreundlich.

Logerto sah ihn an. „Wer hat in diesen Tagen keine Probleme?“

„Wenn Sie Sorgen haben, sollten Sie mir Bescheid sagen. Vielleicht kann ich Ihnen helfen.“

„Das glaube ich kaum.“

„Was ist los? Kein Proviant mehr?“

„Woher wissen Sie …?“

„Jeder weiß es. Aber darüber brauchen Sie sich keine Gedanken mehr zu machen.“

„Ausgerechnet Lee wusste es nicht.“

„Natürlich weiß er es. Wir haben erst gestern darüber gesprochen.“

Er sah Logerto an und unter seinem beruhigenden Blick verlor die Frau einen Teil ihrer Wut, die sich seit dem Besuch bei Lee in ihr angestaut hatte.

„Aber was machen wir, wenn wir nichts mehr zu essen haben?“, fragte Ellersick.

Logerto zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht“, antwortete sie. „Vielleicht können wir den Bunker verlassen und nachsehen, ob es dort oben etwas gibt.“

„Wer hat Sie denn auf diese Idee gebracht? Sie wissen doch, dass es verboten ist, den Bunker zu verlassen.“

„Entschuldigung, ich … ich … Niemand hat mich auf die Idee gebracht. Es war meine Eigene.“

„Vergessen Sie es wieder“, murmelte er. „Ich muss um Entschuldigung bitten.“ Er rieb sich mit den Fingern das Kinn. „Wir waren oben.“

„Sie waren …?“

„Nicht so laut. Niemand darf es wissen, sonst würden sie alle hinaufwollen.“

„Und?“, fragte Logerto.

„Machen Sie sich keine Hoffnungen. Dort oben gibt es nichts zu essen.“

„Ja, aber ...“

„Nichts aber. Bei unserem Erkundungsgang trafen wir auf einige Bewohner des Bunkers SEMANEC. Es kam zu einer Auseinandersetzung. Fünf unserer Leute starben. Wollen Sie etwas Enttäuschendes wissen?“

Logerto nickte wortlos.

„Während des Gefechts gelang es uns, einen Mann aus Bunker SEMANEC gefangen zu nehmen. Wir haben ihn verhört. Zuerst wollte er uns nichts sagen, aber nach dem wir ihn einige Tage gefoltert hatten, erzählte er uns, dass die Bewohner von SEMANEC einen Überfall auf unseren Bunker planen.“

Logerto hörte ihm erschrocken zu. „Wann?“, fragte sie schließlich.

„Wir haben höchstens noch zwei oder drei Tage Zeit, um uns auf ihren Angriff vorzubereiten.“

Logerto benötigte nur wenige Sekunden, um das Gehörte zu verarbeiten. In ihrer Erinnerung lebten die Bewohner von SEMANEC weiter, wie sie vor Beginn des Krieges gewesen waren. Bei vielen handelte es sich um Durchschnittsmenschen, die den Krieg nicht gewollt hatten, aber dankbar für den Bunker waren, der ihnen Schutz bot. Inständig hoffte sie zwar, dass die Leute vom SEMANEC keine feindlichen Absichten hegten, doch nach den Erfahrungen der letzten Jahre glaubte sie nicht daran. Sie wollten Proviant stehlen. Und wenn sie keinen fanden, würden sie vermutlich die Bewohner von FERLAND aufessen.

„Die Gruppe, auf die wir stießen, war mit modernen Waffen ausgerüstet. Wir besitzen nur noch dreißig Handfeuerwaffen, für die wir kaum noch Munition haben. Wenn sie uns angreifen, haben wir keine Chance.“

Logerto senkte den Kopf. Jahre nach dem Krieg ging es auf Thalong nur noch um fressen und gefressen werden.

„Und was soll nun geschehen?“, wollte sie wissen. „Sollen wir einfach abwarten, bis die Leute von SEMANEC hier aufkreuzen und uns abschlachten?“

„Natürlich nicht. Lee hat bereits einen Plan ausgearbeitet.“

„Welchen?“

„Die Sache ist nicht ungefährlich. Ich werde den Bunker mit zehn Männern verlassen. Wir nehmen ein Drittel der Waffen mit, die sich noch in unserem Depot befinden. Und dann marschieren wir zum Bunker SEMANEC und kommen ihnen zuvor.“

„Das ist doch Wahnsinn“, sagte Logerto.

„Haben Sie eine bessere Idee?“

„Nein, aber ...“

„Wir haben keine andere Wahl. Wenn wir nichts unternehmen, werden wir sterben.“

„Dann komme ich mit.“

„Nein, unmöglich. Ich habe mein Team bereits zusammengestellt. Wir brechen in zwei Stunden auf.“

„Ich komme mit“, beharrte sie.

„Wozu? Haben Sie Todessehnsucht?“

„Wenn es Ihnen wirklich gelingt, den Bunker zu erobern, dann brauchen Sie jemanden, der auf den ersten Blick erkennt, wo es etwas zu essen gibt.“

Doch das war nur die halbe Wahrheit, und das wusste Ellersick auch. Sie hatte keine Lust, länger untätig im Bunker herumzusitzen, und alles, was geschah, widerstandslos hinzunehmen. Sie glaubte, dass es ihre Pflicht sei, etwas zu unternehmen. Die Menschen hier im Bunker verwendeten eine Menge Zeit mit Sätzen, die mit dem Wörtchen „wenn“ anfingen. Wenn sie dies, wenn sie das, wenn sie jenes hätten. Doch die Wahrheit sah anders aus. Sie hatten fast nichts mehr. Keine Kleidung und keine Nahrung.

Und doch taten sie alles, was in ihren Kräften stand, um zu überleben, weil sie an die Zukunft dieser Welt glaubten. Sie wussten, dass einmal die Zeit kommen würde, wo sie ihre Zivilisation wieder neu aufbauen konnten. Doch im Augenblick war das Leben eine Angelegenheit unablässiger Wachsamkeit. Sie konnten es sich nicht leisten, darin nachzulassen. Man wusste nie, welche Schritte die Bewohner von SEMANEC unternehmen würden. Bis jetzt hatten sich nur vereinzelte Menschen hier blicken lassen, die aus dem Bunker verstoßen worden waren.

Einige von ihnen erwiesen sich als vertrauensvolle und freudige Mitarbeiter. Doch die Bewohner von FERLAND konnten es sich nicht leisten, jedem zu vertrauen. Sie hatten nur eine beschränkte Anzahl an Waffen und erschreckend wenig Munition. Sie hatten keine Laboratorien und nichts von alledem, was man unter dem Begriff Zivilisation verstand. Und sie hatten keine Heimat. Doch sie hatten sich vorgenommen, zurückzukommen.

Logerto schüttelte den Kopf. Vielleicht erwartete sie zu viel. Vielleicht musste mehr als eine Generation vergehen, bevor der letzte triumphale Abschnitt geschrieben werden konnte. Vielleicht war sie dann schon tot. Doch sie hatte die Hoffnung – die Hoffnung, die sie alle hatten, dass sie die Wende noch erleben würden, nach der die Menschheit wieder Herr über diesen Planeten sein würde. Doch im Augenblick hatte sie noch keine Vorstellung davon, wie dieses Leben aussehen könnte.



3

Zwei Stunden später verließ Byron Ellersicks Gruppe den Bunker durch die Schleuse. Die Sonne war bereits untergegangen und die ersten Sterne leuchteten am Himmel. Zwischen ihnen schwebten dünne Nebelfahnen. Katya Logerto konnte ihre Erregung kaum unterdrücken. Sie appellierte an ihre Vernunft und versuchte, sich einzureden, dass es auch nach Jahren Leben im Bunker nichts Besonderes sei, wenn man Sterne am Himmel sähe. Aber es gelang ihr nicht.

Ellersick gestaltete den Aufbruch mit schroffen Befehlen, um das Aufkommen von Sentimentalitäten zu verhindern. Für sieben der acht Leute war es nach Jahren das erste Mal, das sie wieder die Oberfläche ihrer Heimatwelt betraten. Wie im Traum stolperten sie durch die Trümmerwüste, die der Wind und die Bomben aus der Stadt gemacht hatten. Die Entfernung von FERLAND bis zur Bodenschleuse von SEMANEC betrug ungefähr sieben Kilometer. Vor dem Krieg hätte man mit einem Fahrzeug höchstens eine Viertelstunde benötigt.

Doch in diesem unwegsamen Gelände war es ein Marsch von mehr als fünf Stunden. Logerto wusste, dass die Gegend, die sie durchquerten, früher einmal die Küste gewesen sein musste. Das sagte ihr der Instinkt. Doch nun gab es keine Küste mehr – auch kein Meer. Nur die schwache Linie einer einstigen Küste, die sich endlose Kilometer weit nach beiden Seiten erstreckte. Eine Linie aus grauer Asche. Die gleiche graue Asche lag hinter ihnen und erstreckte sich vor ihnen, feiner, knöcheltiefer Sand, der bei jeder Bewegung aufwirbelte, ihnen in Mund und Nase drang und sie zu ersticken drohte.

Asche, die in mächtigen Wolken aufstieg, wo wilde Winde wehten. Asche, die sich in zähflüssigen Schlamm verwandelte, wenn es regnete. Ellersick hatte ihr erzählte, dass der Himmel tagsüber grau war. Die dunklen Wolken flogen hoch oben dahin, wurden hie und da von Sonnenstrahlen durchdrungen, die rasch über den Planeten wanderten. Wenn ihr Licht auf einen Aschensturm fiel, tanzten ganze Scharen schimmernder Partikel darin.

Wenn es den Regen durchdrang, baute es bunte Regenbögen. Der Regen strömte herab, die Aschenstürme tobten, die Sonne schien, und alles vereinigte sich zu einem gewaltigen grau-weißen Puzzle. So war es schon seit Jahren. So war es auf dem ganzen Planeten. Der Trupp überquerte die Aschenklippen und kletterten einen Hang hinab, den einst das Meer überflutet hatte.

„Wie gefällt dir die Welt hier oben?“, fragte Ellersick.

Logerto schüttelte unglücklich den Kopf.

„Nicht sehr schon, was?“, sagte er. „Schau dich doch um. Staub – das ist alles. Staub und Asche. Sonst werden wir hier oben nichts finden.“

Asche und Staub, dachte Logerto grimmig. Bilder der Erinnerung tanzten über die graue Fläche, die sich vor ihnen erstreckte. Sie erinnerte sich an zu viele Dinge – und sie dachte zu oft an die Vergangenheit. Sie hatte die vage Hoffnung, dass sich die Dinge ändern würden, wenn sie intensiv genug daran dachte. Dass sie sich nur ein klein wenig verändern würden – und dann wäre das alles nur ein Traum. Vielleicht würde das klappen, wenn sich alle daran erinnern und wünschen würden, es möge anders sein, dachte sie.

Aber es gab keine Hoffnung. Sie war vernichtet worden in dem Inferno, das den Planeten getroffen hatte. Nein, hier oben gab es kein Leben mehr. Und auch die Menschen, die noch in den Bunkern lebten, würden früher oder später sterben. Und wenn sie untergingen, würde auch alles andere untergehen. Nur eine Masse aus lebloser Asche würde weiterexistieren.

Nach drei Stunden legten sie eine Rast ein. Logerto setzte sich auf einen Stein und ließ ihren Blick über die Landschaft schweifen. Sie hatte nicht geahnt, dass es hier oben so trostlos aussehen würde. Dabei war es immer ihr größter Wunsch gewesen, an die Oberfläche zu kommen. Sie hatte ihn seit dem Zeitpunkt, als ihr Bruder aus FERLAND verschwunden und nicht wieder zurückgekommen war. Gundar wollte herausfinden, was in SEMANEC vor sich ging. An diesem Tag machte sie Trey Lee den Vorschlag, ihm nachzugehen und ihn zu suchen. Sie konnte sich noch gut an diesen Tag erinnern. Richtig gesehen war er der eigentliche Beginn eines neuen Zeitalters.

Lee war ein harter, willensstarker Mann. Sie wusste, dass sich hinter seiner militärischen Maske der Unerbittlichkeit ein verständnisvoller Charakter verbarg. Trotz seines gefürchteten Sarkasmus war er ernst und aufgeschlossen allen Problemen gegenüber. Logerto wusste aber auch, dass es keinen Sinn hatte, bei Lee unnötige Worte zu verlieren, daher fragte sie ihn einfach, ob er ihr bei der Suche nach ihrem Bruder helfen würde.

„Sieh mal einer an!“, gab Lee zur Antwort. „Und was meint Nardo dazu?“

„Er ist nicht damit einverstanden. Er meint, Mutter würde sich ängstigen.“

„Womit er ja auch recht hat.“

„Aber jemand muss doch gehen.“

„Ganz recht. Wir werden schon einen schicken.“

„Und warum nicht mich? Ich will nicht zurückgestellt werden, nur weil ich eine Frau bin.“

„Deine Mutter würde es dir nie verzeihen, wenn du gehen würdest“, sagte Lee an diesem Tag zu ihr.

„Und ich würde es ihr nie verzeihen, wenn sie mich nicht gehen ließe.“

Er antwortete nicht sofort, sondern zog seine dunklen Augenbrauen zusammen. Dann schaute er sie lange an.

„Wir können nicht ewig hier herumsitzen und warten“, sagte Logerto. „Jemand muss ihn suchen.“

„Aber nicht du.“

„Warum denn nicht?“

„Deine Mutter soll sich nicht zu Tode ängstigen, wenn du auch fortbleibst.“

„Aber es ist doch gar nicht sicher, dass Gundar etwas passiert ist. Ich glaube, dass er lebt.“

„Vielleicht lebt er, vielleicht auch nicht“, sagte Lee sarkastisch. „Aber die Chance, ihn dort draußen zu finden, ist äußerst gering. Ich kann von deiner Mutter nicht verlangen, dass sie auch noch ihre Tochter opfert. In diesem Punkt ist sie sehr empfindlich.“

„Es ist kein Opfer. Ich komme zurück.“

„Woher willst du das wissen?“

Sie schwiegen einen Moment. Katya Logerto wusste genau, dass Lee nüchtern und sachlich dachte. Aber selbst das konnte ihren Entschluss nicht ändern.

„Anstatt unnötig zu reden, sollten wir lieber handeln!“, sagte sie schließlich. „Wir müssen herausfinden, was mit Gundar los ist. Und ich werde gehen.“

Lee grinste schwach. „Das hört sich verdammt selbstsicher an.“

„Sie müssen mir dabei helfen.“

„So? Muss ich das?“

„Ja.“

„Deine Mutter wird mir sehr böse sein.“

„Sie wird es verstehen.“

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Ausgeschlossen. Ich kann es dir nicht erlauben.“

„Keine Sorge, ich werde schon auf mich aufpassen.“

Er lehnte sich in seinem Sessel zurück. „Manchmal glaube ich, dass wir den Kampf schon längst verloren haben“, sagte er skeptisch. Obwohl seine Stimme hart und sicher wie immer war, glaubte sie doch den Ton versteckter Resignation herauszuhören. „Wie viele Menschen sind wir noch? Und wie viele sind im anderen Bunker?“

„Es werden auch mal wieder andere Zeiten kommen.“

Lee sah sie lange an, ehe er antwortete. „Ich werde alt – und pessimistisch. Zu lange sitze ich schon hier unter der Erde und träume von einer großartigen Zukunft. Aber die Zeit verging mit Warten. Der große Traum hat sich noch nicht erfüllt.“

„Aber eines Tages wird er sich erfüllen.“

Er antwortete nicht, sondern schüttelte den Kopf.

An diesem Tag verrichtete sie nur sehr unaufmerksam ihre Arbeit. Ihre Gedanken weilten bei ihrem Bruder. Damals konnte sie noch nicht wissen, dass sie ihn nie wiedersehen würde. Sein Schicksal war bis heute ungeklärt. Einige Jahre später starb ihre Mutter. Ihren Vater hatte sie noch während des Kriegs verloren. Nun war sie ganz allein. Abermals bat sie Lee, ihren Bruder suchen zu dürfen, und abermals lehnte er ihre Bitte ab.

Ellersicks Stimme riss sie aus ihren Gedanken. „Wir gehen weiter.“

Sie wandten sich nach Nordosten. Ellersick hatte nicht die Absicht, SEMANEC direkt anzugehen, weil ihm das Risiko zu groß war. Er nahm lieber einen Umweg von zwei Stunden in Kauf, um den Bunker von einer anderen Seite her zu erreichen, von der man sie nicht erwartete.

Über dem südlichen Horizont zeigte sich der erste Schimmer des anbrechenden Tages. Die Lichtstrahlen mischten sich am Himmel zu einer eigenartigen Farbe. Allmählich verblassten die Sterne unter der kleinen Sonne. Als sie die Ebene hinunterstiegen, sah es einen Augenblick lang so aus, als sei es der Tag nach einer gigantischen Orgie größeren Ausmaßes. Zwei oder drei Busse waren noch zu sehen – einer von ihnen umgeworfen. Außerdem gab es einen Haufen kleiner Privatwagen.

Details

Seiten
78
Jahr
2019
ISBN (ePUB)
9783738926583
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Februar)
Schlagworte
raumflotte axarabor spiel gewalt

Autor

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Titel: Die Raumflotte von Axarabor #69: Das Spiel von Gewalt und Tod