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Die Raumflotte von Axarabor #63: Auftrag im Netaris-System

2019 78 Seiten

Leseprobe

Auftrag im Netaris-System

Die Raumflotte von Axarabor - Band 63

von Stefan Hensch


Der Umfang dieses Buchs entspricht 77 Taschenbuchseiten.


Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Eine monströse Entwicklung transformiert die Kolonie im Netaris-System und es kommt zu einem Kommunikationsabbruch mit dem Sternenreich von Axarabor. Die Raumflotte hat sich in diesem Quadranten des Sternenreiches in einen großen Konflikt verstrickt und verfügt kaum noch über Kapazitäten, um ihrem hoheitlichen Auftrag zu entsprechen. Deshalb wird der in Ungnade gefallene Commander Allister reaktiviert und mit einer Crew unerfahrener Offiziere entsandt.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /COVER 3000AD 123rf Steve Mayer

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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postmaster@alfredbekker.de



1

Planet Fidgreen, Nähe des Raumhafens

Das kleine Hotelzimmer als Absteige zu bezeichnen, wäre noch eine Übertreibung gewesen. Anstelle dessen musste und konnte man es nur als das bezeichnen, was es wirklich war – ein Loch. Doch das Zimmer war billiger als jedes andere und wenn die Miete brav im Voraus gezahlt wurde, stellte niemand unnötige Fragen. Damit bot das Hotel Bon Rivage die Vorteile, die jemand wie Pete Allister brauchte. Hier konnte er abtauchen, den ganzen Tag saufen und sich Prostituierte nach Lust und Laune kommen lassen. Also genau das richtige für einen ehemaligen Kriegshelden!

Doch von solchen Gedankengängen blieb Allison verschont, denn die Flüssigkeit in seinen Adern war momentan eine sehr ungesunde Mischung aus Blut, Alkohol und anderen absolut illegalen Bestandteilen. Seit er kein Kommando mehr hatte, hatte Allison zu leben begonnen. Zumindest nannte er selbst diese Periode seines Lebens so, in der die Raumflotte noch die Ereignisse auf seiner letzten Mission untersuchte.

Durch sein Eingreifen waren zwei Schiffe der Raumflotte gerettet worden, aber leider waren dabei auch zwei Besatzungsmitglieder gestorben. Nun gehörte das natürlich zu dem Risiko, dem sich Raumfahrer während ihres Dienstes in der Raumflotte aussetzten, nur gab es da einen Schönheitsfehler. Commander Pete Allison hatte während des Dienstes nachweislich einen erhöhten Alkoholspiegel besessen. Dies war in den letzten fünf Dienstjahren als Commander niemals anders gewesen, aber da war eben auch nichts Außergewöhnliches passiert. Er war Alkoholiker und das wusste Allison bereits seit langer Zeit. Mit Alkohol hatte er deshalb keinerlei Probleme, denn dies hielt seinen Blutalkohol konstant auf einem Niveau. Anders sah das aber aus, wenn er keinen Alkohol mehr trank und sein Körper danach gierte.

In diesem Moment fing sein persönlicher Handcomputer an zu piepen. Allison lag nur in Boxershorts bekleidet auf dem Bauch und hatte sein Gesicht im Kissen vergraben. Das Geräusch drang wie von weit weg zu ihm durch, aber er ignorierte es. Zu schwer und zu süß lastete der Alkohol auf ihm und versetzte ihn in ein dunkles Reich, in dem er vor allem nicht mehr nachdenken musste. Das Piepen des Handcomputer brach ab, begann dann aber wieder von vorne. Allison war das egal, er ließ sich einfach noch tiefer in das Reich des behaglichen Nichts versinken.

Doch wer auch immer ihn anrufen wollte, probierte es nun regelmäßig alle zehn Minuten. Unwillkürlich und auch völlig ungewollt begann sein Stoffwechsel wieder hochzufahren und von Sekunde zu Sekunde kehrte der ehemalige Offizier der Raumflotte von Axarabor wieder mehr in den Wachzustand zurück. Als sein Handcomputer einmal mehr anschlug, griff er danach.

„Ja, verdammt?“, maulte er ins Mikrofon.

„Pete, hier ist Admiral Taggert.“

Mit einem Mal war sein Rausch verflogen und Allison war wieder vollkommen nüchtern.

„Gibt es etwas Neues zu dem Untersuchungsausschuss?“

„Indirekt, Pete. Dies ist ein rein informelles Gespräch, darüber dürfen wir nicht miteinander sprechen“, erklärte Taggert.

Bei Allison klingelten jetzt alle Alarmglocken. Entweder hatte der Admiral einen Deal für ihn im Angebot, oder er würde für seine letzte Mission einfahren. „Natürlich“, sagte der ehemalige Offizier deshalb auch nur knapp.

„Der Krieg mit den Neranern tritt momentan in seine Endphase und bindet die Mehrheit unsere Schiffe in diesem Sektor. Aber die Flotte hat noch andere Pflichten gegenüber dem Sternenreich. Deshalb brauchen wir sie, Pete!“

Allison runzelte die Stirn. Wenn er etwas in seiner nun fast schon zwanzigjährigen Dienstzeit gelernt hatte, dann war es das Wissen, dass die Raumflotte nichts zu verschenken hatte. „Worum geht es?“

Der Admiral sagte es Allison und der begann im ersten Moment zu lachen, denn das Leben schrieb nun einmal die ironischsten Geschichten.

„Das ist mein voller Ernst, Pete.“

Der Ex-Offizier schwieg und hörte seinen eigenen Herzschlag in seiner Brust. Was hatte er schon zu verlieren? Etwa dieses Loch in der Nähe des Raumhafens auf Fidgreen?

„Also gut, Admiral. Aber damit würden die Vorwürfe gegen mich fallengelassen?“

„Sie haben mein Wort darauf!“

„Einverstanden, Sir. Wann beginnt die Mission?“

Zum ersten Mal entstand eine kurze Pause, so als müsse der ranghöhere Offizier zuerst noch über seine nächsten Worte nachdenken. „Die PEQUOD steht im Raumhafen bereit und wartet nur noch auf ihren kommandierenden Offizier.“ Erneut machte Taggert eine Pause. „Ich wusste einfach, dass Sie dieses Angebot nicht ablehnen würden!“

Dann verabschiedeten sich die Offiziere voneinander und Allison blieb regungslos auf dem Bett sitzen. Im Grunde war das Irrsinn. Die Flotte durfte nicht ihre hoheitlichen Pflichten vernachlässigen. Aus diesem Grund wurden nun schon abgehalfterte Offiziere rehabilitiert, über denen das Damoklesschwert der absoluten Dienstunfähigkeit schwebte. Weiterhin setzte man bereits ausgemusterte Kanonenboote wie die PEQUOD wieder in Dienst und kommandierte eine Besatzung aus Frischlingen von der Akademie darauf ab. Und alles das, nur um in eigentlich völlig bedeutungslosen Systemen nach dem Rechten zu sehen. Während gleichzeitig woanders ein erbarmungsloser Krieg tobt, dachte Allison. Dann musste er erneut Lachen, dieses Mal über sich selbst und seine Naivität. Höchstwahrscheinlich schickte ihn Admiral Taggert nämlich nicht in irgendein System, sondern irgendwohin wo die Luft für ihn verdammt dünn werden würde. Wenn er von dieser Mission dann nicht zurückkehren würde, konnte die Raumflotte mit dem unliebsamen Kapitel namens Commander Pete Allison abschließen. Am Ende gab es dann nur Gewinner, bis auf ihn.

Da spürte er plötzlich den Durst und er ging zur Minibar. Bis auf den synthetisierten Rum hatt er er den Inhalt des kleinen Kühlschranks bereits stark dezimiert. Aber in der Not aß der Teufel Fliegen und Commander Pete Allison trank Rum, schließlich musste er doch fit für seine Mission werden…



2

Netaris-System

Die PEQUOD materialisierte wieder im freien Raum. Commander Pete Allister hatte fast schon erwartet, dass das betagte Kanonenboot beim Sprung auseinanderbrechen würde. Doch das Gegenteil war bisher eingetreten, die Systeme der PEQUOD liefen stabil und das Schiff war vollkommen einsatzbereit.

Auf der kleinen Brücke des Kanonenbootes herrschte Stille. Neben Allister bestand die Crew lediglich aus einem Navigator und einem Kommunikationsoffizier, der sich gleichzeitig auch um die Sensoren kümmern musste. Im Heck der PEQUOD befand sich noch der Bordingenieur. Insgesamt waren also vier Seelen auf diese Mission geschickt worden und Allister wollte alles tun, um diese Menschen auch alle wieder in einem Stück nach Hause zu bringen. Aber vielleicht war Fortuna ja der PEQUOD wohl gesonnen und dieses System war leer. Dann würde ein kurzer Scan der Oberfläche des Planeten Pentara genügen und sie konnten unverzüglich die Heimreise antreten.

„Sir, dieses System brummt geradezu vor Aktivität. Der Bordcomputer kommt bei der Verarbeitung der Sensordaten fast nicht mehr mit“, meldete der Kommunikationsoffizier.

Allison presste den Mund zusammen und schickte seine Stoßgebete los, dass es zu keiner bewaffneten Auseinandersetzung kam. Die PEQUOD war ein nettes kleines, hyperraumtaugliches Schiffchen, mehr aber auch nicht. Seine Bewaffnung bestand aus zwei seitlich angebrachten Laserwaffen. Sollten sie in einen Raumkampf verwickelt werden, waren sie für jeden Angreifer ein leichtes Ziel. Wahrscheinlich gab es im Sternenreich zahlreiche private Raumyachten, die besser bewaffnet waren. Aber auch das gehörte zum Deal, dem Allister sehenden Auges zugestimmt hatte.

„Auf den Schirm, Mister Zane!“

Augenblicklich erschien auf dem Videoschirm der Brücke die taktische Darstellung der Sensordaten. Zane hatte wirklich nicht zu viel versprochen, der Raumverkehr hatte einen Komplexitätsgrad erreicht, der im Sternenreich höchstens im direkten Umfeld seiner großen Handelswelten erreicht wurde. Aber warum war dann der Kontakt ins Netaris-System abgerissen? Wieso meldete sich hier niemand mehr?

„Sir, ein relativ kleines Flugobjekt ist auf Kollisionskurs zu uns gegangen und nähert sich mit hoher Geschwindigkeit!“

Auf dem Videoschirm wurde das betreffende Flugobjekt mit einem roten Rahmen versehen. Allison blickte auf die anderen Raumschiffe in der direkten Umgebung der PEQUOD und berechnete deren Vektoren, dann setzte er zu einem Ausweichmanöver an. Während der erfahrene Kommandant den Steuerknüppel bediente, waren seine Hände so sicher wie die eines Chirurgen.

„Sir, das andere Schiff ändert seinen Kurs ebenfalls“, meldete Zane kurz darauf.

„Deflektorschilde hoch, Waffensysteme aktivieren“, befahl Allison und ein kurzer Alarm quittierte die Gefechtsbereitschaft der PEQUOD. Das war zwar nicht fiel, aber eben immer noch besser als gar nichts. Zumindest sah das der Commander des Kanonenbootes so.

„Legen Sie die Aufnahmen unseres Besuchs auf den Schirm, Mr. Zane!“

Sofort erschien auf dem Videoschirm ein kleines, kugelförmiges Gebilde. An seiner Rückseite schien das winzige Schiff über eine Art Impulsantrieb zu verfügen, der relativ hohe Geschwindigkeiten ermöglichte. Über eine herkömmliche Bewaffnung schien das Schiff jedoch nicht zu verfügen, wahrscheinlich hatte es einen ausschließlichen Aufklärungsauftrag.

„Maschinen Stopp!“

Augenblicklich erstarb der Antrieb der PEQUOD. Das kleine Raumschiff schloss extrem schnell zu ihrer Position auf.

„Das fremde Raumschiff deaktiviert nun auch seinen Antrieb“, meldete Zane.

Auf dem Schirm erkannte dir Brückencrew nun, wie ein stechend grüner Strahl an der Unterseite des kugelförmigen Raumers aufblitzte und die PEQUOD erfasste.

„Der Bastard scannt uns“, entfuhr es Commander Allison.

Zane, der gerade diese Meldung in eine etwas adäquateren Form hatte machen wollen, beschränkte sich anstelle dessen auf ein knappes Nicken.

Der Strahl erlosch und vom einen zum anderen Moment beschleunigte das kugelförmige Raumschiff und verschwand plötzlich vom taktischen Interface.

„Wo ist unser Freund hin, Mister Zane?“

Der Kommunikationsoffizier zuckte nur verständnislos mit den Schultern. „Sir, ähm… Auf der Akademie haben wir über die Möglichkeit von Subraumverwirbelungen als passiven Transportmechanismus nachgedacht. Das Schiff scheint eine solche Technologie zu nutzen.“

Subraumverwirbelungen, dachte Allison und grinste. Seitdem er die Akademie der Raumflotte abgeschlossen hatte, musste er sich in regelmäßigen Abständen mit immer neuen Entwicklungen und Ideen auseinandersetzen. Das hatte die Welt in der er lebte massiv verändert und manchmal fühlte sich Pete Allison wie ein Alien, denn so langsam wurde das alles zu viel für ihn.

Auf dem Videoschirm wurden jetzt wieder die Flugbewegungen im Netaris-System dargestellt. Allison betrachtete schweigend die Symbole, suchte nach etwas. Wenn er sich nicht täuschte, würde der kleine Freund von vorhin in kurzer Zeit seine großen Brüder vorbeischicken.

„Sir, der Computer registriert drei große Schiffe, die direkten Kurs auf uns gesetzt haben.“

„Was bedeutet groß?“, Mr. Zane

Der Kommunikationsoffizier befragte seine Konsole. „Die Größe entspricht mindestens der eines unserer Zerstörer.“

Allison nickte, denn darauf hatte er gewartet, hier wollte jemand gar kein Risiko eingehen.

„Mister Pommeroy, berechnen Sie einen Kurs um uns an den Rand des Systems zu bringen. Hier wird es gleich brenzlig!“

Die Finger des jungen Navigators flogen über seine Konsole, dann übermittelte er die Daten an Allison.

„Maschinen volle Kraft voraus, ich steuere weiterhin manuell“, befahl Allison und folgte dem errechneten Kurs des Navigators.

„Sir, die Schiffe holen auf uns auf!“

Der Commander hatte die Entwicklung bereits antizipiert, aber sie gefiel ihm dennoch keinesfalls.

„Wir erhalten eine Videoverbindung von einem der Schiffe“, meldete Zane.

„Oh, gut. Dann wissen wir wenigstens, mit wem wir es hier zu tun haben.“ Allison dachte einen Moment nach, dann nickte er. „Auf den Schirm, Mister Zane!“

Das taktische Interface verschwand, dafür erschien das fahle Gesicht eines Mannes in einer Paradeuniform auf dem Schirm.

„Deaktivieren Sie Antrieb, Deflektoren und Waffensysteme und geben Sie ihr Schiff auf. Wir werden uns auf keinen langwierigen Raumkampf einlassen!“

Die Videoverbindung wurde beendet und es erschien wieder das taktische Display. Allison verengte die Augen zu Schlitzen. Insgesamt hatte sich die Sache in genau die falsche Richtung entwickelt. In seiner bisherigen Laufbahn hatte er noch nie ein Schiff aufgegeben. War das nun also die Premiere?


*


Die Gedanken rasten durch den Kopf des erfahrenen Kommandanten. Dies entsprach so in etwa der Entwicklung, die sich Allison bereits in düsteren Farben vor Beginn der Mission ausgemalt hatte. Vielleicht gehörten ja auch die drei anderen Crewmitglieder eher zu dem Personenkreis, mit dem das Sternenreich von Axarabor so seine Probleme hatte. So wie es aussah, würde sich das künftig wohl definitiv ändern.

„Deflektoren, Antrieb und Waffensysteme deaktivieren“, sagte der Commander mit einem resignierenden Unterton in der Stimme.

„Sie wollen das Schiff aufgeben?“, fragte Zane mit einem ungläubigen Blick.

„So sieht es aus, Mister Zane. Die feindlichen Schiffe sind schneller und besser bewaffnet als die PEQUOD, oder haben Sie eine andere Option im Angebot?“

Doch der Kommunikationsoffizier schwieg.

Ein akustisches Signal bestätigte die Deaktivierung der Waffensysteme, dann wurde das Schiff auch schon durchgeschüttelt.

„Ein Traktorstrahl hat uns erfasst, wir werden in Richtung des mittleren Schiffs transportiert.“

Eigentlich hatte Commander Allison mit einem klassischen Entermanöver durch Infanterieeinheiten gerechnet, aber der unbekannte Gegner schien sich seiner Sache sehr sicher zu sein. Sich ein gekapertes Schiff an Bord zu holen, beinhaltete immer ein gewisses Restrisiko, denn es gab immer wieder Kommandanten, die ihr Schiff lieber zerstörten als es aufgaben. Den Selbstzerstörungsmechanismus im Inneren eines fremden Schiffs auszulösen, besaß da wegen der möglichen Schadenswirkung sogar noch eine zusätzliche Attraktivität. Aber Allison war kein Selbstmörder, er wollte überleben. Vielleicht bot sich ja aber sogar die Chance für einen Deal mit diesen Unbekannten, denn es schien sich ja allem Anschein nach um Menschen zu handeln. Wenn er schon gefangengenommen wurde, wollte er für seine Männer und sich selbst die besten Umstände herausholen.

„Außenkameras auf den Videoschirm“, befahl Allison.

Die PEQUOD steuerte, eingehüllt in den grünen Traktorstrahl, auf einen geöffneten Schacht an der Unterseite des deutlich größeren Raumschiffs über sich zu, der den Kommandanten eher an den gierig geöffneten Schlund eines Ungeheuers erinnerte.

Die PEQUOD tauchte in den Schacht und die Kameras zeigten nur noch stählerne Wände um das Kanonenboot herum, dann kam das Schiff mit einem Ruck zum Stehen. „Das war es dann auch schon, war schön mit Ihnen geflogen zu sein“, kommentierte Allison und stand von seinem Platz auf.

„Sie machen das wirklich, ich kann es kaum fassen!“, entfuhr es Zane kopfschüttelnd. „Sie ergeben sich kampflos.“

„Ich rette gerade ihren Allerwertesten, Lieutenant. Außerdem entspreche ich voll und ganz dem Kodex der Raumflotte, dort steht nichts von sinnlosen Himmelsfahrtkommandos oder spektakulärem Selbstmord. Sollten Sie aber eines Tages ein eigenes Kommando haben, können Sie ihre Entscheidung treffen. Aber Gott bewahre, dass ich dann kein Teil ihrer Mannschaft bin! Allison ließ den Kommunikationsoffizier einfach sitzen und ging zum hinteren Teil des Schiffs. Auf halber Strecke kam ihm der Bordingenieur entgegen. „Wir verlassen das Schiff?“

Allison nickte. „Ganz genau mein Sohn, verhalten Sie sich kooperativ. Uns passiert schon nichts!“

Bevor Suarez etwas entgegen konnte, hämmerte Allison auf den Öffnungsmechanismus der Laderampe. Nun gab es kein Zurück mehr. Der Kommandant drehte sich ein letztes Mal um und nickte zufrieden, als er seine Crew hinter sich sah. Zufrieden ging er mit schnellen Schritten die Rampe herunter und erstarrte.

Vor dem Raumschiff hatte eine ganze Abteilung Infanterie mit schweren Energiewaffen Aufstellung bezogen. Die Männer trugen Körperpanzer, die vollkommen in schwarz und weiß gehalten waren. Ihre Bewaffnung war imposant, aber keinesfalls nicht der Grund für die Irritation von Allison. Es waren die Augen der Männer. Sie wirkten wir abgeschaltet auf den erfahrenen Offizier der Raumflotte von Axarabor. Waren das überhaupt noch Menschen, oder hatten sie nur deren Äußeres? Anstelle dessen glichen die Soldaten Reptilien, die mit ihren emotionslosen Augen die Welt betrachteten.

„Stimmt etwas nicht, Sir?“, fragte Suarez.

Diese Frage hätte Allison vor allem gerne sich selbst beantwortet. In der Flotte hatte er als Bomberpilot angefangen, bevor er dann befördert wurde. In seiner Zeit als Pilot eines Bombers hatte er immer sehr engen Kontakt mit den Jungs von der Infanterie gehabt. Im Einsatz waren es harte Hunde gewesen, aber nie hatte er eine solche Leere in ihren Blicken oder Gesichtern gesehen. Als Kommandant durfte er sich es nicht anmerken lassen, aber die Antwort auf die Frage seines Bordingenieurs war sehr einfach. Nein, hier stimmte definitiv etwas nicht!

Dennoch trat Allison einen weiteren Schritt nach vorne und ermöglichte somit seiner Crew ebenfalls von der Rampe zu treten. Kaum hatten seiner Männer neben ihm Aufstellung bezogen, setzten die Infanteristen ihre Waffen auf ihren Kolben neben sich ab. Allison lief es eiskalt den Rücken herunter, denn es hatte den Anschein, als wäre diese Bewegung nicht einfach hundertfach trainiert worden, sondern als wenn es sich tatsächlich um nur eine einzige Bewegung gehandelt hätte, die von hundert Händen vollkommen synchron ausgeführt worden war.

Vom anderen Ende des Hangars näherte sich nun mit schnellen Schritten ein junger Mann in der Uniform eines Lieutenants. Allison sah der Uniform ihren Ursprung bei der Raumflotte an, aber es waren Modifikationen vorgenommen worden. Das betraf sowohl den Schnitt, als auch den verwendeten Stoff und auch das Farbschema.

Der Lieutenant salutierte und Allison erwiderte den Gruß. Doch als er das tat, taxierte er das Gesicht des Offiziers. Auch hier sah er deutlich weniger Emotionen, als er gehofft hatte. Im Gegensatz zu den Infanteristen wirkte der Verstand des Offiziers jedoch nicht wie ausgeknipst.

„Mein Name ist Lieutenant Coleman, ich soll Sie zu Admiral Welby bringen.“

Allison nickte und folgte dem Lieutenant. Wie es aussah, würde er gleich den nächsten Admiral kennenlernen.

„Es ist mir eine Ehre, Sie an Bord begrüßen zu dürfen, Commander!“

Allison griff nach der ausgestreckten Hand des Admirals und registrierte fast schon überrascht, als er ganz deutlich deren Wärme spürte. Dennoch hatte er kein Interesse an dieser Art von Smalltalk.

„Wir sind nicht ganz freiwillig hier, Admiral.“

Dixon nickte und es sah aus, als täte ihm dieser Umstand etwas leid. Dann bot er Allison und seiner Crew die Plätze vor seinem Schreibtisch an.

„Sicherheit ist ein hohes Gut, Commander Allison. Wir haben in diesem System regelmäßig mit Piraten zu tun!“, erklärte Welby.

„Eine Verwechselung mit Piraten ist bei einem regulären Schiff der Raumflotte von Axarabor wohl eher schwerlich möglich. Zumindest wenn man einmal selbst zum Sternenreich gehört hat.“

Die hellblauen Augen von Welby ruhten gelassen auf Allison, dann lächelte er trotz der spitzen Bemerkung. „Ihre Reaktion ist verständlich, Commander. Höchstwahrscheinlich würde ich mich an ihrer Stelle ebenso verhalten.“ Dann dachte der Admiral nach. „Entschuldigen Sie bitte, Sie müssen mich ja für einen Mann ohne jegliche Kultur halten.“ Dann wandte er sich Lieutenant Coleman zu, der neben der Tür Aufstellung bezogen hatte. „Besorgen Sie doch unseren Gästen hier einen kleinen Begrüßungstrunk, zumindest zu diesem Akt der Gastfreundschaft sind wir verpflichtet.“

Allison lief das Wasser im Mund zusammen. Sein letzter Drink lag jetzt auch schon relativ lange zurück und die Aussicht auf ein gutes Glas Wein beflügelte ihn. Dennoch war er misstrauisch und taxierte den Admiral. Der Mann hatte Mimik und auch sein Lächeln schien zumindest nicht gespielt zu sein, aber dennoch störte Allison auch bei diesem etwas.

„Warum haben Sie jeden Kontakt zu Axarabor abgebrochen?“, wollte der Commander wissen.

Welby presste die Lippen zusammen. Als er antworten wollte, öffnete sich die Tür und Coleman kam mit einem Tablett voller Weingläser und einer scheinbar uralten Flasche zurück.

„Wir stoßen nun auf unser Zusammentreffen an und ich verspreche, dass ihnen danach keine Antwort mehr verwehrt werden wird!“

Schnell und mit eleganten Bewegungen arrangierte der Lieutenant die Gläser und füllte dunkelrote Flüssigkeit hinein.

„Trinken Sie, es ist einer unserer besten Jahrgänge“, lud Welby die Männer von der PEQUAD ein.

Es kostete Allison seine gesamte Willenskraft, nicht gierig das Glas zu greifen und es in einem Schluck zu leeren. Anstelle dessen setzte er das Glas an die Nase und roch an der Flüssigkeit. Der Admiral hatte nicht zu viel versprochen, der Geruch des Weins war einfach köstlich. Dann endlich setzte Allison das Glas an die Lippen und trank einen kleinen Schluck von der Flüssigkeit.

„Mein Gott, wie köstlich“, hörte sich der Commander sagen und etwas in ihm verzehrte sich nach dem Rest des Weins, trieb ihn fast an den Rand der Raserei.

Ein schmales Lächeln umspielte die Lippen von Welby, während auch er von dem Wein trank.

Als die Crew der PEQUOD andächtig ihre Gläser geleert hatte, schenkte ihnen der Lieutenant noch einmal nach. Allison konnte dieses Mal nicht widerstehen und trank einen großen Schluck, genoss wie ihm die dunkelrote Flüssigkeit die Kehle herunterlief.

„Wir brauchten das Sternenreich einfach nicht mehr. Anstelle dessen haben wir einen eigenen Weg gefunden“, erklärte der Admiral und nahm jetzt selbst ebenfalls wieder einen Schluck Wein.

Allison runzelte die Stirn. Dann verstand er, dass der ranghöhere Offizier gerade seine Frage von vorhin beantwortet hatte. Etwas in ihm zuckte zusammen, denn das war schlicht und einfach inakzeptabel und das würde Probleme geben.

„Was ist ein besser Weg als das Sternenreich?“, wollte Allison wissen.

Welby stellte das Weinglas vor sich ab und musterte jedes Einzelne Crewmitglied. „Wir haben das Kollektiv entdeckt!“

„Sie haben was entdeckt?“, hakte der Commander verwirrt nach.

„Das Kollektiv, Allison. Und Sie werden es auch sehr bald entdecken, keine Information wird ihnen verweigert. Alle Ihre Fragen werden beantwortet werden, ist das nicht wunderbar?“

Plötzlich spürte Allison ein spitzes Ziehen an der rechten Seite seines Halses, dort wo die Aorta verlief. Vorsichtig tastete er mit seinen Fingern den Hals ab, aber da war nichts zu spüren. Überrascht sah er, dass auch seine Männer ihre Hälse untersuchten. Das konnte doch kein Zufall sein, was also passierte hier gerade?

„Machen Sie sich keine Sorgen, es wird schnell gehen!“, erklärte Welby mit einem wissenden Lächeln. „Die Nanobots die sie über den Wein zu sich genommen haben, konnten sich in der Zwischenzeit innerhalb ihres Körpers bereits in mehreren Generationen reproduzieren. Der leichte Schmerz im Verlauf ihrer Blutwege zeigt nur an, dass sich die Nanobots bereits auf dem Weg in ihr Gehirn gemacht haben, um dort die nötigen Umbauprozesse zu starten. In Kürze werden ihre Gehirne über die nötige Reife für einen Eintritt in unser Kollektiv verfügen!“

Panisch blickte Allison zu seinen Leuten und stand dann so ruckartig auf, dass sein Stuhl umfiel. „Sind Sie wahnsinnig? Laut den Statuten der Raumflotte ist der Einsatz von Nanobots im menschlichen Körper ohne Einwilligung strengstens verboten!“

Welby zuckte mit den Schultern. „Wie Sie selbst befunden haben, ist dieses System längst kein Mitglied des Sternenreichs mehr. Weshalb sollten wir uns also um Ihre Regeln und Gesetze kümmern? Aber seien Sie unbesorgt, die Nanobots werden Sie komplett verändern und Sie somit besser machen, als Sie es jemals gewesen sind!“

In genau diesem Moment explodierte der Schmerz im Kopf von Allison und es war, als hätte jemand sein Bewusstsein ausgeschaltet. Abrupt sackte der Körper des Kommandanten zusammen und auch die anderen Männer von der PEQUOD teilten das gleiche Schicksal.

Admiral Welby nickte Coleman zu. „Es ist doch immer wieder ein Privileg dabei anwesend zu sein, wenn normale Menschen erhoben werden.“

„Das ist es, Sir“, antwortete der junge Offizier und er lächelte.



Details

Seiten
78
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738926569
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v460507
Schlagworte
raumflotte axarabor auftrag netaris-system

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Titel: Die Raumflotte von Axarabor #63: Auftrag im Netaris-System