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Black Devil

2019 159 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Black Devil

Copyright

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

Black Devil

Western von Larry Lash

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 159 Taschenbuchseiten.

 

Als die Herde in einer Büffelstampede über die Prärie fegte, als Dunst und Staub wogten, viele Tausende von Hufen die Erde zertrampelten, ahnte Cliff Stone nicht, dass nur zwei Mann aus dem gigantischen Todeslauf ausscheren konnten.

Oh, Hölle, yeah, es wäre besser für ihn gewesen, mit den anderen Boys auf dem Trail zu bleiben, zu den Namenlosen zu gehören, deren Blut den Weg nach Norden tränkte. Doch das Schicksal wollte es anders. Ein Mann gab ihm einen Namen: Black Devil!

Yeah, ein Name, der noch heute an den Campfeuern der Cowboys die Runde macht, immer wieder von Neuem auflebt, wenn die Nordstürme brausen und die weiße Last des Winters sacht zur Erde fällt, wenn die Kälte den Boden zerreißt und bis tief ins Mark schneidet.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Tony Masero

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

1.

Cliff Stone machte seinem Namen alle Ehre. Er war ein starker, geschmeidiger Mann mit einem durchtrainierten Körper. Hoch und schlank gewachsen. Die Muskeln unter seinem Baumwollhemd spielten und tanzten bei jeder Bewegung im Sattel, seine breiten Schultern bewegten sich im Rhythmus des Pferdeganges.

Lässig hielten seine schmalen und doch kräftigen Hände die Zügel des Blauschimmels, und seine stahlgrauen Augen blickten aus leicht zusammengekniffenen Lidern über den schwingenden Pferdehals hinweg in das dunkle Grau der gespenstischen Umgebung.

Yeah, einer Klippe gleich ragte Cliff inmitten des großen Tierstroms, der sich drängend in einer Richtung fortbewegte, nach Norden!

Der scharfe Tierdunst wogte um ihn herum. Muhen und Blöken, Grunzen und Stampfen wurde laut. Tausende von Hufen zerwühlten die Grasnarbe der Prärie. Tanzende Quastenschwänze, gewaltige Hörner und hochgereckte Köpfe. Yeah, ein überwältigender Eindruck. Die Erde dröhnte, fetzte auf unter dem Trommelwirbel der Tiere. Die Trommelfelle schienen zu zerreißen. Staub und Dunst, gelb leuchtende Blitze und rote Feuerlichter zuckten vom Himmel. Auf den Hornspitzen der Tiere tanzten gespenstisch blaue Lichter, jagten über den Widerrist, um sich mit einem hörbaren Puffen aufzulösen.

Himmel und Erde lösten ihre Kräfte. Jeden Augenblick konnte es zur Stampede kommen, konnte der unheimliche Strom der Tierleiber wie eine Flutwelle losbrechen.

Cliff hielt den Atem an, saugte die Luft ein. Vor ihm, das wusste er, bewegten sich dreitausend Rinder, Longhorns, die Mister Teddy Brat von Texas her auf den Trail gebracht hatte. Irgendwo in der Masse der Tierleiber bewegte sich der Küchenwagen, und hie und da ritten vereinzelt die Cowboys. Gute Jungs, keiner älter als fünfundzwanzig Jahre. Weiter rechts aber bewegte sich die Pferderemuda, kleine, zähe, spanische Pintos.

Und rings um Longhorns und Pferde wogte das grauschwarze Meer der Büffel.

By Gosh, diese urigen Büffel hatten die Herde und auch die Remuda schon am Nachmittag eingeschlossen. Jetzt waren sie so nahe, dass Cliff einige Yards neben sich einen Bullen sah, einen urigen Recken mit zottigem Kopf und blauschwarzem Gehörn. Hinter ihm zeigten sich die Fettrücken der Tiere und verloren sich in der Masse und im Dunst.

Noch nie, so lange Cliff Stone als Vormann Herden nach Dodge gebracht hatte, war er in einer derartigen Klemme gefangen. Bisher war das Treiben ohne besondere Zwischenfälle mit viel Glück, ohne Verluste vorangekommen. Und jetzt?

Sein Herz krampfte sich zusammen. Er stieß den Atem über die Lippen. Und im gleichen Moment jagte eine riesige Feuerfahne quer unter den Wolken hervor.

„Allmächtiger!“, war alles, was Cliff ausstoßen konnte. Sein Schrei ging in dem Rumoren der Hufe unter, denn im selben Moment, als die Feuerfahne den Himmel zerriss und der Donnerschlag grollte, begann die Stampede.

Und sie übertraf alles, was Cliff Stone in dieser Hinsicht je erlebt hatte. Yeah, es war schon eine ganze Menge, denn schließlich war er ein Trailherden-Vormann, der den härtesten Trail dreimal hintereinander mitgemacht hatte – und zwar den Chisholm-Trail.

Die Sinne drohten ihm zu schwinden, als die Masse der Tierleiber aus dem Trab heraus in einer Panik aufgescheucht wurde, als hätten sie die Absicht, die Erde einzustampfen.

Dreck spritzte ihm ins Gesicht. Er stieg in den Bügeln auf, sah, wie einige Yards vor ihm ein Longhornbulle sich schräg zur Seite warf, um einen Büffelbullen abzuschlagen. Im nächsten Moment versank der schwarze Longhornbulle wie in einem Strudel. Hunderte von Hufen rasten in den nächsten Sekunden über ihn hinweg, und wenig später sauste der Apfelschimmel im Strom zuckender Tierleiber, die sich vereinigt hatten, um den Horizont, der gelb und schweflig aus dem Dunst leuchtete, zu erreichen, an der Stelle vorbei.

In diesem Schwefelgelb erschienen über den Hornspitzen und Quastenschwänzen die Umrisse eines Planwagens im grotesken Tanz, und gleich darauf drei, vier Reiter, die aus einer Bodenwelle mit dem Strom der Rinder und Büffel dahintrieben. Die Reiter hockten über der Masse der dahinbrausenden Tiere in gekrümmter Haltung im Sattel, glichen gespenstischen, unheimlichen Wesen.

By Gosh, das alles nahm Cliff mit sonderbarer Schärfe wahr. Es fraß sich ihm förmlich wie ein Brandmal ins Gedächtnis.

Das Dröhnen ringsherum schwoll zum Orkan an. Immer wieder rissen Blitze den Dunst auf, um neue Schrecknisse zu enthüllen. Der Planwagen hob sich plötzlich, als ob unsichtbare Kräfte ihn vom Erdboden lösten. Eine zappelnde Gestalt sauste in greller Schärfe durch die Luft.

Unheimlich, grauenvoll. Nicht ein Schrei, kein Brechen und Krachen. Kein Bersten oder Stöhnen. Nichts war in dem dumpfen Gedröhne der unzähligen Tierleiber zu vernehmen. Nichts, auch nicht der Todesschrei Sam Bakkys, des Kochs; oder Dan Ritters, des Jungen aus Panhandle, der mit seinem weißen Araber versackte, als hätte der Erdboden sich unter ihm aufgetan.

Cliffs Zähne gruben sich in die Lippen. Blut rann aus seinen Mundwinkeln. Er merkte es nicht. Er schluckte es mit dem Staub und Dreck hinunter, yeah, er war verurteilt, eingeklemmt wie im Sturm dahinzujagen, gnadenlos der Masse preisgegeben. Nur auf die Ausdauer seines Pferdes, das unheimliche Glück hoffend, denn welches Tier auch nur einen Fehltritt machte, es ging unweigerlich unter und wurde eingestampft, vernichtet. Die Walze würde weiter rasen und alles in den Tod jagen.

Über eine Bodenwelle hinweg rollte die Stampede in ein lang ausgedehntes Tal. Zwei, drei Blitze stoben in die rasende Tierwalze.

Ein seltsames Knäuel sich aufbäumender Longhorns, Büffel und Pferde, zuckende, behaarte Leiber, ein Strudel aus lebendem Fleisch, der mehr Opfer forderte als das Auge wahrnahm. Wenige Minuten später raste der Blauschimmel daran vorbei, und Cliff drehte sich beinahe der Magen um. Es wurde ihm übel, doch weiter ging der Weg durch die Hölle. Yeah, durch die Hölle, denn schlimmer konnte sie auch unter der Erde nicht sein.

Weiter rasten die Tiere. Der Dreck spritzte auf, verschleierte die Sicht, nahm einem den Atem. Cliff lag auf dem Apfelschimmel, presste die Zähne zusammen.

Schwarz wurde es um ihn herum, unheimlich, so, als würde der Tod selbst eine weiche Decke über alles ausbreiten.

Als er gewaltsam die Augen aufriss, sah er, dass der Apfelschimmel aus dem Hauptsog heraus war. Von den Longhorns war weit und breit nichts zu sehen, und nur die dahinstürmenden Büffel jagten an ihm vorbei. Büffel, wie er sie in einer solchen Invasion sein Lebtag noch nicht zu sehen bekommen hatte.

Die ganze Welt schien nur noch aus Büffeln zu bestehen.

By Gosh, wie lange sollte die Hölle noch anhalten? Wo waren die Boys, wo war Teddy Brat, der Rancher? Lebte außer ihm überhaupt noch jemand von der Mannschaft?

Das alles waren Fragen, die im Augenblick nicht zu beantworten waren.

Doch da, plötzlich jagte ein Büffel direkt auf den Apfelschimmel zu. Cliff konnte sich noch soeben im Sattel halten, sein Tier in den Strom zurückreißen, konnte es zur Seite drängen.

Allmächtiger! Jeden Moment konnte es zusammenbrechen, ihn aus dem Sattel werfen, und Cliff setzte seinen ganzen Willen ein, versuchte, das Unmögliche wahr zu machen … sich und sein Tier aus dem Strudel des Todes zu reißen.

Er setzte die Sporen tief in die Weichen. Noch einmal rüttelte er die erschlaffenden Kräfte

seines Tieres wach, noch einmal rappelte er sich auf, und da jetzt kleine Lücken im brausenden Strom der gebuckelten Büffel waren, schoss der Apfelschimmel durch diese hindurch.

Lichter wurde der Sturm, und schon glaubte Cliff aufatmen zu können, alles überstanden zu haben, als ein riesiger Bulle mit der linken Hornspitze die Flanke des Apfelschimmels durchbohrte und weit der Länge nach aufschlitzte, das Pferd zur Erde warf, als wäre es ein Spielball.

Cliff wurde aus dem Sattel gefegt, flog über den Rücken des Bullen hinweg, prallte zu Boden, und die schwarzen Schatten der Nacht schlugen über ihm zusammen. Der letzte Laut, den sein erlöschendes Bewusstsein noch wahrnahm, war das dumpfe Klingen des Bodens.

Großer Gott, ein ebenso dumpfes Klingen unter der Schädeldecke weckte ihn aus seiner Ohnmacht.

Er hob den Kopf aus der von Hufen umgepflügten Erde. Rasender Durst brannte in seiner Kehle. Schmerzen jagten unter seiner Hirnschale. Er tastete nach seinem Kopf. Eine große Platzwunde und geronnenes Blut, das die Haare verklebte, ertasteten seine Finger. Benommen und kraftlos fiel er zurück, blieb einige Zeit still liegen, um dann einen neuen Versuch zu starten, in die Hocke zu kommen.

Er schaffte es, verweilte in dieser Stellung und starrte auf die unkenntliche Fleischmasse neben sich. Einige Fellstücke bestätigten seine schrecklich heraufdämmernde Ahnung und riefen ihm ins Gedächtnis zurück, was sich vor Nachtbeginn abgespielt hatte.

„O Gott“, rasselte es von seinen aufgeplatzten Lippen.

In der Stille, die bleiern auf die Landschaft drückte, wirkten seine Worte wie ein Aufschrei, wie eine Klage. Er lauschte der eigenen Stimme, und sie kam ihm fremd vor.

Er tastete mit den Händen nach seinen Gliedern, wollte sich erheben, und knickte ein. Ein ziehender Schmerz an der Hüfte riss ihn zu Boden, und wieder lag er und starrte mit weit aufgerissenen Augen in den mitternächtlichen Himmel.

Keine Wolke war am Firmament. Aus unbekannten Fernen glänzten Myriaden von Sternen. Dunkel und trotzig erhoben sich ringsherum die schwarzen Berge. Die Luft war kühl, gereinigt vom Staub und Dreck, und nur die breit aufgewühlte Fährte der umgepflügten Erde zeigte deutlich die Spur der Stampede. Yeah, und dann sah er die zerborstenen Trümmer eines Planwagens, die Männer, die untergegangen waren, und die Kadaver der Longhorns und Büffel, die die Stampede nicht überstanden hatten.

Ein knurrender, gespenstischer Laut ließ Cliff herumrollen. Er konnte es nur langsam und von Schmerzen gepeinigt.

Seine Rechte fuhr zum Gurt. Ein stöhnender Laut kam über seine Lippen, als er feststellte, dass er seine Colts und seinen Patronengurt während des Sturzes nicht verloren hatte.

Langsam zog er die 45er Waffe und sah darauf nieder. Ihr blauschwarzer Lauf fing das bleiche Mondlicht auf.

Glatt lag die Waffe in seiner Hand.

„Ich darf nicht liegenbleiben, darf nicht wie ein Tier verenden“, flüsterte er heiser vor sich hin. Seine Worte rissen ab. Ein gestreckter, schwarzer Schatten sauste aus den Chapparelbüschen, weitere folgten.

„Wölfe“, durchfuhr es ihn.

Oh, Hölle, ein Rudel Wölfe jagte zum schauerlichen Mahl. Die Natur selbst hatte ihnen den Tisch gedeckt.

Vor ihnen stoben Coyoten davon, und ihr Wutgeheul endete schrill vor den Vorhügeln der Berge. Geier zogen Spiralen und Kreise. Sie kamen von den hohen Felsklippen, folgten dem Schimpfen der Raben und Krähen. Ihr rauschender Schwingenschlag durchschnitt die Luft.

Oh, Himmel, so war das Leben. Tiere mussten sterben, um einer anderen Gattung das Leben zu erhalten. Not und Tod, Freude und Leben – ein uralter Kreis, der sich immer wieder aufs Neue schloss.

Cliff richtete sich mit großer Anstrengung auf. Es gelang ihm, und er versuchte, seine Gedanken zu ordnen.

Allmächtiger, ein Mann ohne Pferd in diesem wilden Lande, in dem die Entfernungen nach Wochen und Monaten gemessen wurden, glich einem Staubkorn in der Wüste, und wenn er dann noch zerschlagen war, so blieb ihm nicht einmal die Möglichkeit, sich sein eigenes Grab zu schaufeln.

By Jove, viele Männer waren vor ihm diesen gefährlichen Trail, den Jesse Chisholm im Jahre 1868 nach Beendigung des amerikanischen Bürgerkrieges zum ersten Male unternommen hatte, um dem texanischen Viehmarkt einen neuen Absatzmarkt zu schaffen, getrailt. Kühne Männer, die wie Jesse den gewaltigen Überschuss an Vieh aus Texas, dem verarmten Lande, einen neuen Auftrieb gaben. Männer, die hart wie Stahl, rau und unbeugsam wie die Wildnis waren, die sie zu durchqueren hatten.

Jeder Gefahr, jeder noch so großen Mühe zum Trotz schafften es die Männer aus Texas immer wieder, den gefährlichen Trail zu überstehen. Herde um Herde zog vom Frühlingsanfang bis spät in den Herbst hinein nach Norden.

Der Trailweg wurde vom Schweiß und Blut der Cowboys gezeichnet. Redmen und Rustlertrupps, Desperados und Satteltramps, Gesindel aller Art lauerte am Chisholm-Trail, um zu den Gefahren der Wildnis ihren Teil beizutragen. Manche Herde wurde von ihnen kassiert. Manche Mannschaft ging unter, mancher Cowboy starb einsam am Wegrand, und nicht einmal ein Stein auf dem Stückchen Erde, wo er verscharrt wurde, blieb als Erinnerung.

An all das musste Cliff denken.

„Aus“, murmelte er. Es klang wie eine bittere Feststellung. Wie das Urteil eines Mannes, der sich keine Illusionen über seine höllische Lage machte, der zu hart war, um darüber den Verstand zu verlieren.

„Eine Kugel bleibt für mich“, raunte er vor sich hin.

Er lauerte, sah die Schatten der Wölfe hin und her huschen, beobachtete ihren Streit mit den Geiern, die sich nicht verdrängen ließen und mit ihren Hornschnäbeln auf die Widersacher einhackten. Sie sträubten das Gefieder, kreischten. Ihr wabbelndes Gehänge und ihre nackten Köpfe widerten einen an. Nur einige Yards von ihm entfernt rissen sie die Decke einer Büffelkuh auf, streckten ihre Köpfe und Hälse in das aufgehackte Loch und zerrten die Eingeweide heraus, während die Wölfe in aller Ruhe bereits an den Lenden große Fleischfetzen loszerrten.

By Jove, die Tiere störten sich nicht an seiner Nähe, machten den Eindruck, als wüssten sie, dass er nicht mehr die Kraft hatte, ihnen zu schaden.

Der Durst quälte ihn unheimlich, helle Funken tanzten vor seinen Augen, und trotz der Schmerzen wankte er zu den Überresten seines Apfelschimmels, in der Hoffnung, dort seine Feldflasche zu finden. Yeah, er fand sie auch. Die Enttäuschung war jedoch groß. Sie war leer.

Mit einem Fluch warf er sie in die Richtung der bestialischen Gesellschaft. Die Geier hüpften zur Seite, die beiden alten Rüden knurrten giftig, blinzelten mit ihren hellen Augen taxierend herüber.

Es würgte Cliff in der Kehle. Für einen Moment glaubte er, ersticken zu müssen.

Er war fernab aller Wirklichkeit, es schien ihm alles so traumhaft, so, als würde er gleich unter irgendeinem Küchenwagen aufwachen, seine Decke zurückschlagen und den Boys zurufen: „In die Sättel. Mister Brats Rinder warten auf euch.“

By Gosh, yeah, Mister Brat wartete nicht mehr, und kein Cowboy würde sich noch für seine Herde interessieren, die mit den Büffeln irgendwohin gewandert war.

Tote haben keine Wünsche mehr, und Mister Brats schöne Tochter, die in Dodge ein großes Haus führte, würde ihren Daddy nicht mehr wiedersehen.

Mister Brat hatte aufgehört, Rindergeschäfte zu machen. Hölle! Drei Jahre lang war er bei Mister Brat tätig. Drei lange Jahre, auf der Texasweide, und zum guten Schluss als Treibherdenvormann.

Yeah, Mister Brat kaufte Rinder in Texas und verkaufte sie in Dodge. Es war ihm gleich, welches Brandzeichen sie trugen und von welchen Männern ihm Rinder übergeben wurden. Es war ihm auch gleich, ob durch sein Drängen eine vor ihm marschierende Herde in Not kam. Er trug es rau aus, und bis Dodge vermehrte sich seine Herde meist um ein Beträchtliches.

Damny, und darum hasste Cliff Mister Brat. Er hatte die Absicht gehabt, in Dodge abzudanken. Nun, er brauchte jetzt nicht mehr bis Dodge zu warten. Auch nicht auf das Geld, das ihm zustand, und das er so nötig für seine Eltern und Geschwister brauchte.

Seine Angehörigen würden auch sicher nichts von dem Geld bekommen, das er von den anderen Trails erhalten hatte, und das auf der Bank lag.

Yeah, seine Mutter würde warten. So lange warten, bis der letzte Hoffnungsfunken erlosch.

Cliff hatte jetzt Zeit, sein Leben zu überdenken. Der bittere Geschmack auf seiner Zunge verstärkte sich. Er hatte sich von Brat anwerben lassen, obwohl ihm dessen verschlagene Art von Anfang an gegen den Strich gegangen war. Zweimal waren sie hart zusammengerasselt, und

immer wieder gelang es Brat, ihm Sand in die Augen zu streuen, ihn so weich zu machen, dass er blieb.

Brat brauchte ihn für seine harte Mannschaft. Kein anderer als Cliff hatte sie so gut zu führen gewusst, und er hatte sie oftmals Dinge tun lassen, die mehr waren als rau.

By Gosh, nicht Brat zuliebe, nicht, weil er ihm eine Sonderprämie zugesagt. Nein, er tat es, weil er an Gloria Brat dachte. An das Mädchen in Dodge.

Ihr Bild schwebte ihm bei Tag und Nacht vor den Augen, ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Yeah, Gloria war es, die ihn hielt, und dabei hatte er nur eine Federzeichnung von dem Mädel auf Brats Schreibtisch gesehen. Doch sie hatte etwas an sich, was ihn immerzu verfolgte, ihn verwirrte und erregte.

Oh, Hölle, no, sie war nicht die erste Frau, die in seinem Leben eine Rolle spielte. Sie sollte aber die letzte sein. Die geschminkten Frauen aus den Rinderstädten widerten ihn an, ließen nur einen üblen, fahlen Geschmack zurück und eine ungestillte Sehnsucht nach etwas Großem. Und in Gloria glaubte er das zu finden, wonach er sich sehnte.

By Gosh, sie ahnte nichts von seiner Liebe, und hier in dieser Einsamkeit wurde das Verlangen nach ihr größer, verstärkte noch seine Pein.

Er wankte weiter, hielt an, hob die Colts. Ihre Feuerzungen endeten in dem ihn anspringenden Körpern zweier Wölfe. Die 45er Geschosse schlugen den Tieren mitten in der Luft den Tod in den Leib.

„Ich werde weiterleben“, schrie er. Seine Stimme ging jedoch in ein Lallen über, und dann tat er etwas, was die Not der Stunde ihm als letzte Chance zu tun übrig ließ.

Er benetzte seine Lippen mit Wolfsblut.

Yeah, ein heißer, glühender Lebensstrom war in ihm aufgebrochen.

Und erst jetzt bemerkte er, dass der Morgen klar und rein aufdämmerte.

Es war der letzte Eindruck, den er in die Ohnmacht mitnahm.

By Gosh, er sah noch, wie die Lichtfluten der Sonne von Osten her über die Bergkämme stiegen und ihre Kuppen und Grate in Purpurfarben erstrahlen ließ. Doch er sah nicht den Reitertrupp, der langsam auf dem Trail des Todes daherritt.

Nein, so weit reichte sein Blick nicht mehr. Er wunderte sich nur, warum die Geier plötzlich aufstoben, und die Wölfe wie Schatten davonhuschten.

Er kam jedoch nicht dazu, aus dieser Wahrnehmung einen Schluss zu ziehen.

Kam nicht auf den Gedanken, einen Schuss in die Luft zu feuern, um die Aufmerksamkeit der Reiter auf sich zu lenken.

Es wurde ihm schwarz vor den Augen, und er sackte zusammen. Der Colt blieb in seiner Faust und war wie festgesaugt, zeigte mit der Mündung direkt auf den sich rasch nähernden Reitertrupp.

 

2.

Yeah, so fanden sie ihn, mit dem Gesicht im Dreck. Daneben zwei tote Wölfe mit aufgeschlitzten Kehlen und von 45er Patronen zerrissenen Fellen.

Sie hielten ihre Pferde an. John Moor hob die Rechte, beugte sich über das Sattelhorn hinweg, und in seinem verwitterten, knochigen Gesicht zuckte es.

Lange starrte er auf den Mann am Boden, dann warf er wild den Kopf in die Höhe, blickte zu seinen sieben Reitern zurück, keuchte einem derselben zu: „Charly, geh zu ihm und schau nach, wie er in der Hölle von gestern Nacht umgekommen ist. Ich bin sehr neugierig, zu erfahren, ob es Teddy Brat ist!“

Ohne etwas zu erwidern, schwang sich Charly Brown aus dem Sattel. Er steckte in Cowboykleidung, wie alle anderen Reiter auch, war ebenso wettergebräunt, von Wind und Regen gezeichnet wie diese, hatte die gleichen Augen. Augen, in denen noch das Grauen stand.

Mit trippelnden Schritten ging er auf Cliff zu, stieß mit der Stiefelspitze die Wolfskadaver zur Seite, beugte sich nieder, zischte: „Brat ist es nicht. Dieser Lofer hält noch seine Kanone in der Hand.“

„Nun, das wäre auch Brats Art“, gab John Moor heiser zurück, wobei er sich die graue Strähne von der Stirn wischte.

„Noch im Tode möchte er uns verjagen und durchlöchern. Heb den Burschen hoch.“

Die Augen des Reiters wurden hart. Und auch die versteinerten Gesichter der anderen verrieten nur zu deutlich, wie sehr sie Brat gehasst hatten.

Sie stellten sich in den Steigbügeln auf, als Charly sich breitbeinig über den Rücken des vermeintlich Toten stellte und dessen Oberkörper hochwuchtete.

„Black Devil!“, kreischte John Moor.

By Gosh, er hatte Grund dazu, denn gleich ihm stierten alle Reiter in das schwarze, mit Erde verschmierte Gesicht Cliff Stones, der wirklich Ähnlichkeit mit einem schwarzen Teufel hatte. Und dazu kam noch, dass ihm die schwarzen Haare bei der Bewegung seltsam hochflatterten, dass

seine Hand mit dem Colt ebenfalls in die Höhe fuhr und die drohende Mündung auf John Moor zeigte, die Augen des Toten sich öffneten, so weit, dass das Weiße grell darin aufleuchtete.

„John Moor“, fauchte Cliff Stone.

Charly Brown war so erschrocken, dass er Cliff wieder fallen ließ und der Feuerstrahl aus Cliffs Colt weit neben John Moors Gesicht eine Gasse durch das Laub der Weißeiche hieb. Und bevor Charly sich von seinem Schreck erholt, die anderen Männer ihr Entsetzen überwunden hatten, rollte Cliff herum.

Der Colt in seiner Hand schwang mit, zeigte auf den gespreizt über ihm stehenden Charly.

„Schick die Leute fort, Charly“, hetzte es von Cliffs Lippen, „oder meine Kugel fährt dir aus der Schädeldecke wieder heraus.“

„By Gosh, das ist nicht Teddy Bart“, schrie John Moor heiser.

„Damny, so schnell kann Teddy nie sein, das ist nur einer seiner …“

„Hah, Cliff Stone, sein Vormann ist es“, unterbrach Charly abgerissen.

„Cliff, warte mit deinem Blei. Wir haben nichts gegen dich. Um so mehr jedoch gegen deinen Rancher.“

Er brach ab, denn Cliffs Revolverhand fiel schlaff herunter.

„Er ist ohnmächtig geworden, Boss“, schnappte Charly.

„Was sollen wir tun?“

„Man müsste ihm den Schädel einschlagen“, erklärte John Moor grimmig. „Er ist der Hölle entronnen und hat immer noch nicht genug. Er muss den Satan in seinem Leib haben.“

„Der Bursche geht für seinen Boss durchs Feuer, obwohl er ihm verdammt verhasst war“, mahnte Charly.

„Das sagst du?“, rasselte John Moor.

Charly stellte sich neben Cliff, zog sein Eisen, fauchte: „Yeah, ich kann das sagen, weil ich ihn kenne. Wir sind beide in einer Stadt aufgewachsen, gingen zusammen zur Schule. Ich lege die Hand für ihn ins Feuer.“

„Gib Acht, dass du sie nicht verkohlt herausziehst“, knirschte der Rancher bitter. „Du bist aus meiner Treibermannschaft entlassen, Brown. Du hast vergessen, dass er es war, der unsere Herde von seinen Treibern überholen ließ und uns die Hälfte des Viehs wegnahm. Stell mir nicht entgegen, dass Teddy Brat allein dahinter steckt.“

„Ich kann nur das sagen, was ich fühle. Cliff führte die Befehle so aus, wie auch du sie von deinen Cowboys befolgt sehen willst. Das ist kein Fehler“, schnappte Charly bissig. „Ich weine deinem Treiben keine Träne nach, John Moor. Aber wer sich an Cliff heranmacht, bekommt meine Kugel.

„Verdammt große Worte“, krächzte Moor, wobei seine Augen hasserfüllt aufflammten. „Doch vergiss nicht, dass außer dir noch einige schnelle Männer in der Crew sind.“

„Yeah, ich weiß es“, dehnte Charly. „Aber ich weiß auch, dass Cliff nur wach zu sein braucht, um mit mir vereint euch alle in die Flucht zu schlagen. Ich möchte wetten, dass er, als er auf dich schoss, noch nicht richtig aus seiner Ohnmacht zurück war.“

„Du stellst dich also auf seine Seite?“

„Yeah, auf die Seite Black Devils“, fauchte Charly höhnend.

„Und ich gebe euch den guten Rat, davonzureiten. Meine Ausrüstung hole ich mir später.“

„Nun gut. Rat gegen Rat. Du bist hinausgeworfen, und dein Auftauchen in unserem Camp ist nicht erwünscht“, knirschte John Moor. „Du verdrehst den Boys die Köpfe. Du bist zu lange mit ihnen geritten, als dass sie jetzt auf dich schießen würden, aber das kann sich schon innerhalb weniger Stunden ändern. Du bekommst weder deine Ausrüstung noch ein Pferd aus meiner Remuda für den Vormann Teddy Brats.“

„Ist das dein letztes Wort?“, fuhr ihm Charly ins Wort.

„Mein letztes!“, grollte John Moor.

„Dann lass dir sagen, dass du noch ein größerer Schuft bist als Teddy Brat. Ein rot-gefleckter Coyote. Hör und schluck es. Selbst einem Desperado gibt man in dieser Gegend eine Chance. Ich will dir sagen, was du denkst“, fetzte es von seinen Lippen, wobei er jede Bewegung des Ranchers genau verfolgte. „Du bist froh, mich aus deinem Treiben herauszuhaben. Froh darüber, dass du so einen prächtigen Anlass gefunden hast. Yeah, ein redlicher Mann war dir schon immer im Wege. Und jetzt hast du vor, die Herde Teddy Brats zu suchen und einzukassieren. By Jove, eine so riesige Herde dürfte dich zum reichsten Mann von Dodge machen. Du wirst den Vorwand gebrauchen, dass die Herde Teddy Brats keinen Besitzer mehr hat, und dass er schließlich Rinder von dir beim Vorbeitreiben mitgeschleust hat. Du wirst ihnen aber weder Gewinn noch Prämie versprechen, fernerhin wirst du ihnen nicht sagen, dass es nur hundert Longhorns waren, die sich mit der Rindermasse Brats abgesondert hatten. Heh, nimm die Hand vom Eisen, Rancher. Du weißt genau, dass ich schneller bin als du, und dass deine Leibgardisten Clark und Freddy bei der Herde im Süden sind. Aber auch sie werden mich nicht aufhalten, zum Camp zu kommen. Reiß deinen Gaul herum und setz ihm die Sporen ein. Es stinkt zu sehr in deiner Nähe.“

„Wir sehen uns wieder“, rasselte John Moor.

„Sicher, aber wir können es auch gleich hier ausmachen, wenn du willst“, betonte Charly Brown scharf.

„No“, keuchte John Moor, „heute nicht!“

„Nein, heute und morgen nicht, erst dann, wenn deine Killer dir zur Seite stehen. Ah, du stinkst zu sehr, John Moor. Wie konnte ich nur die ganze Zeit den Gestank ertragen“, schnappte Charly heiser.

„Brown, treibe es nicht zu weit“, mischte sich ein dunkelhaariger Reiter in das Gespräch. „Ich habe nichts dagegen, wenn du aus der Mannschaft gehst, um einen Freund auf die Füße zu stellen, aber ich habe etwas gegen einen Mann, der den Boss in den Dreck stoßen will.“

„Er hat die Wahl, Sitter, er kann es hier austragen!“

„Er wird es tun, dränge nur nicht“, grinste Sitter, wobei ein bleiches, fahriges Lächeln in seinen Mundwinkeln aufkam.

„Er ist nur noch zu benommen von all dem, was er heute sah.“

„All right, Sitter, reitet nur los. Ich hole in einer Stunde meinen Packen und ein Pferd..“

„Versuch es nur“, kreischte John Moor, wankte seinem Gaul zu und brauste los.

Seine Männer aber zogen die Schultern ein. Eins stand jetzt fest. John Moor hatte gewaltig an Prestige bei ihnen verloren.

„John, lass die Finger von Brats Herde“, schrie ihm Charly nach. „Noch lebt der Vormann, und er wird sie sich zurückholen. Du kannst darauf Stein und Bein schwören!“

Zum Zeichen dafür, dass er verstanden hatte, wandte sich der Rancher im Sattel um, schlug seine Faust durch die Luft und spuckte heftig zur Seite.

„Du und er, ihr werdet tot sein, bevor die Nacht hereinbricht“, rasselte er in das Stampfen seines Pferdes hinein. Die Wut in seinem Innern wuchs so an, dass er daran zu ersticken drohte.

Charly sah ihm nach.

„Er hat nicht immer die Brats gehasst. Sein Hass begann, als ihm Gloria einen Korb gab, und nun sucht er Mittel und Wege, um sie so zu treffen, dass sie in den Staub fällt. Seine Eifersucht kennt keine Grenzen. Jetzt weiß ich, weshalb er alles in Texas verkauft hat und diesen Trail vor der Brat-Herde machte. Er baute einen Hinterhalt für Brat, doch der kam ihm zuvor.“

Rau und hart lachte er vor sich, ging zu seinem Pferd, und während er aus seiner Satteltasche das Verbandszeug herauskramte, jagten seine ehemaligen Crewgefährten mit verhängten Zügeln nach Süden.

Staub wallte hinter ihnen auf, gelber Staub, der im flirrenden Sonnenlicht wie pures Gold leuchtete.

Er nahm die Wasserflasche, in der sich verdünnter Whisky befand, vom Sattelhorn herunter, ging zu Cliff, prallte zurück, als er den am Boden Hockenden sah.

„Charly, du hast dir selber das Genick gebrochen“, polterten ihm die Worte des Freundes entgegen. „Reite ihnen nach und vergiss mich.“

„Black Devil nannte dich John Moor, Sonny. By Gosh, wenn ich dich höre, glaube ich, dass der Name wie Pech an dir kleben wird.“

Ohne sich um weitere Einwände zu kümmern, begann er damit, Cliff mit Whisky zu stärken und nach seinen Wunden zu sehen.

Cliff ließ es zu, beobachtete ihn gespannt.

„Nun?“, quälte es sich von seinen Lippen, als der Partner für einen Moment inne hielt.

„Deine Platzwunde bedeutet nichts“, presste Charly Brown durch die Zähne.

„Und die Sache an der Hüfte?“

„Wird übermorgen wieder so weit hergestellt sein, dass du wieder ohne Hilfe in den Sattel steigen kannst“, erklärte Charly. „Eine starke Prellung, weiter nichts.“

„Um so besser“, murmelte Cliff heiser.

Charly beobachtete ihn aufmerksam. By Gosh, er erholte sich auffallend schnell, und als er erst einige Biskuits gegessen hatte, schienen seine Kräfte mit aller Macht zurückzukehren. Das düstere Leuchten aus seinen Augen verschwand.

Charly verband ihm die Wunden, fragte: „Wie fühlst du dich nun, Sonny?“

„Gut genug, um sofort loszureiten“, brach es aus Cliff heraus.

„Um so besser“, grinste ihn Charly an.

„Wir können hier nicht bleiben, denn John Moor treibt genau auf uns zu. Er würde seine Herde am liebsten über uns hinwegrasen lassen, und darum lass uns reiten!“

„All right. Nur, zwei auf einem Pferd?“

„Ich kann mich erinnern, dass ihr auch schon zu dritt auf einem Gaul gesessen seid, Sonny.“

„By Jove, yeah, aber daran hatten nur die Redmen schuld.“

„Und dein Draufgängertum. Du hast zwei Cowboys vor dem sicheren Tod bewahrt, und einer davon war ich. Darum, Sonny, bleibe ich an deiner Seite.“

Allmächtiger, es war schon ein hartes Stück Arbeit, Cliff in den Sattel zu bringen. Er schrie

und stöhnte nicht, als ihn Charly stützte. Er brach nicht zusammen. Aber seine Zähne gruben sich so fest in die Unterlippe ein, dass sie blutete.

Krampfhaft hielt er sich am Sattelhorn fest, wartete, bis Charly hinter ihm Platz genommen und die Zügel aufgenommen hatte, und dann ritten sie zu den Hügeln hin, ritten, bis sie einen schmalen, lehmig dahinfließenden Creek erreichten.

„Hier campieren wir und warten“, stellte Charly seine Gedanken heraus, „ich habe John Moor versprochen, dass ich mir meine Ausrüstung und einen Gaul aus seiner Remuda für dich holen würde.“

„Du hast ihm den Kampf angesagt?“

„Yeah, Sonny.“

„Charly, du wirst das alleine nicht schaffen.“

„Nun, ich habe bis zum Sonnenuntergang Zeit. Erst dann wird die Herde in gleicher Höhe mit uns liegen. Vielleicht fällt dir auch irgend etwas ein“, stieß Charly rau hervor. „Ich jedenfalls bin es gewohnt, mein Versprechen einzulösen.“

Es war leichter, Cliff aus dem Sattel zu holen, als ihn hineinzuheben. Das Camp glich einem Versteck, lag in einer Mulde eingebettet und war von Weißdornbüschen umgeben. Es gab genügend Gras und genug Wasser, um den wichtigsten Voraussetzungen eines Camps gerecht zu werden.

Vom Muldenrand konnte man den Trailweg genau beobachten, ebenso sah man die ferne Staubwolke, die die näherkommende Herde John Moors in die Luft trieb.

Yeah, man konnte aber auch die vielen Büffel und Rinder, sowie Pferdekadaver aus Brats Pferderemuda erkennen, die verstreut über Meilen sich ausbreiteten, und an denen Geier und Wölfe sich schadlos hielten.

So weit das Auge nach Norden schauen konnte, erblickte man die schaurigen Überreste der Stampede.

„So etwas habe ich tatsächlich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Hunderte von Tieren sind dabei umgekommen“, erklärte Charly, nachdem er den Rand der Mulde erklettert und einen Überblick genommen hatte.

„Vergiss die Boys nicht“, stöhnte Cliff.

Charlys breitflächiges, kantiges Gesicht wurde hart.

„Junge, ich bin nicht so sehr davon überzeugt, dass sie alle dabei ins Gras beißen mussten“,

hetzte es von seinen Lippen. „Eure Crew bestand aus zwölf kampferprobten Cowboys. Männer, die aus Stahl gehämmert sind.“

„Was ich gesehen habe, genügt“, schluckte Cliff schwer. „Sam Bakky und Dan Ritter gingen unter. Ich werde diesen Anblick nie vergessen, nie.“

„John Moor ritt mit der halben Mannschaft einen Teil der Strecke durch, Sonny. Ich gebe zu, dass die Boys Augen machten, die ihnen bald aus den Höhlen fielen, aber ich kann mich nicht erinnern, Menschen auf der Todesstrecke gesehen zu haben. Beruhigt dich das?“

„No“, sagte Cliff. „No, denn John Moors Erkundung reichte nur bis zu der Stelle, wo ich ausscherte.“

„Sonny, um so besser. Es ist also immerhin möglich, dass die Boys, oder zumindest einige davon, ausscheren konnten. Und, yeah, vielleicht lebt Teddy Brat selbst auch noch.“

Cliff gab darauf keine Antwort. Seine Zähne knirschten aufeinander. Die Hoffnungslosigkeit erdrückte ihm schier das Herz.

Später wusch ihn Charly und rollte ihm eine Zigarette.

„Noch drei Stunden bis zur Dämmerung, Cliff. Die Staubwolke im Süden ist ziemlich mächtig geworden.“

„Yeah, John Moor beeilt sich, um Teddy Brats Herde zu kassieren“, grollte es von Cliffs Lippen. „Und ich bin dazu verdammt, hier wie ein kranker, zusammengeschossener Wolf zu liegen, ohne meine Hände rühren zu können. Aber solange nur ein Atemzug noch in mir ist, werde ich John auf der Spur sein, werde ich versuchen, ihm die Herde wegzunehmen!“

„Sonny, genau das habe ich John Moor bereits gesagt“, grinste Charly.

„Ich schau nach und hol mir etwas von dem Büffelfleisch für eine gute Mahlzeit. Der Tisch ist auch für uns gedeckt.“

„Wie lange noch?“, krächzte Cliff, wobei er zu den weißen Wolken hinaufstarrte, die im Azurblau des Himmels wie riesige Segler nach Süden zogen.

Cliff gab keine Antwort, hob nur die Schultern an. Nein, man brauchte nicht darüber zu sprechen, brauchte erst gar nicht die Schwierigkeiten zu erörtern. Wenn es Charly nicht gelang, seine Ausrüstung von der John-Moor-Crew zurückzuholen und dazu ein Pferd für seinen Kameraden Cliff, dann wuchteten vor ihnen Strapazen auf, die man kaum übersehen konnte.

Dann war es fast unmöglich, etwas von Teddy Brats verlorener Herde zu retten – für Gloria Brat zu retten, was zu retten war.

Finster sahen sich die Männer an.

„Noch drei Stunden“, murmelte Cliff.

Er lehnte sich gegen einen Baumstamm, schaute dem Kameraden nach, der zu Fuß aufbrach, um Nahrung zu holen.

Hölle, yeah, ein Fußgänger war schwieriger auszumachen als ein Reiter.

Aber das war nicht der einzige Grund, weshalb Charly zu Fuß ging. Er ließ seinen Braunen zurück, mit dem im Falle einer Gefahr Cliff reiten konnte.

Gefahren aber gab es in dieser Einsamkeit mehr als in einer offenen Rinderstadt, in der das Coltgebrüll nicht verstummte.

Schleichende, tödliche Gefahren. Cheyenne. Sioux und Schwarzfuß streiften in diesem Gebiet herum. Satteltramps und beutehungrige Kerle, die Herden sprengten, die sich ihren Teil aus den vorbeiziehenden Rindern nahmen, die schlimmer noch als die Redmen hinter dem Fleisch der Texasweiden her waren.

Kerle, die schneller schossen, als man denken konnte, denen ein Menschenleben nichts bedeutete.

 

*

 

Cliff starrte zu den Büschen.

Mücken summten. Eine Eidechse rasselte durch dürres Laub, und von fern her klang das dünne Pochen eines Schusses.

„Im Norden wurde er abgefeuert“, schleppte Cliff vor sich hin. Ein freudiger Schreck ließ ihn erbeben.

Hölle und Teufel, vielleicht war der Schütze dort im Norden ein versprengter Boy von der Brat-Crew.

Vielleicht.

Es konnte jedoch genauso gut sein, dass eine Büffeljägerkolonne mit den Büffeln in Berührung gekommen war.

Der freudige Schreck wich einer Resignation, die unmerklich in einen tiefen Schlaf überging. Die natürliche Reaktion nach den überstandenen Strapazen.

Der Duft gebratenen Fleisches weckte ihn.

„Charly, du bist des Teufels“, fauchte Cliff erregt.

Der Partner winkte mürrisch ab.

„Ich weiß, ein offenes Feuer kann man meilenweit riechen. Es gibt hier Reiter, die eine besondere Nase dafür haben und genau herausfinden, wo so ein Feuer sich befindet, und was man gerade kocht. Aber ich denke, dass eine warme Mahlzeit dich schnell auf die Beine bringt. Ich habe Suppe gekocht und Fleisch gebraten.“

Er grinste, als er die Feldflasche hob, in der er die Suppe gekocht hatte.

„Es klappte prima, Sonny, nur das Salz fehlt.“

„Ah, das stört nicht“, unterbrach ihn Cliff. „Doch jetzt lösche die Glut!“

„Ich bin schon dabei. Übrigens, im Norden fiel ein Schuss.“

„Yeah, ich habe es auch gehört.“

„Nun wir werden es bald erfahren, was das zu bedeuten hat.“

„Yeah.“

„Wie weit ist Moors Herde?“

„Vom Muldenrand aus kannst du den Leitbullen bereits erkennen“, berichtete Charly. „Die Rinder ziehen schneller als gewöhnlich, werden von den Kadavern angetrieben. Sie wollen aus der Schreckenszone heraus. Es ist möglich, dass sie noch vor der Dämmerung an uns vorbeiziehen.“

Er sagte es so lässig wie möglich, mit unbeweglichem Gesicht.

Cliff entgegnete nichts.

Sie begannen mit der Mahlzeit.

Der Schlaf und das Essen schienen in Cliff verborgene Kräfte wachzurufen. Er fühlte sich stark und elastisch genug, um aufzustehen. Er versuchte es. By Gosh, yeah, der Schmerz in der Hüfte zog und zerrte, wurde so mächtig, dass er, als er den Rand der Mulde erreichte, in die Knie sackte, prustend den Atem ausstieß.

„Beeile dich nicht zu sehr mit dem Gesundwerden“, keuchte Charly. „Du wirst es schon noch früh genug schaffen!“

Er kam zum Muldenrand herauf, wischte sich die fettigen Finger an den Chaps ab, hockte sich neben Cliff auf die Absätze nieder, sah, wie sein Partner auch, dorthin, wo sich die Moor-Herde aus dem Staubdunst herausschälte.

Deutlich sichtbar marschierte der rote Leitbulle an der Spitze.

„Sit Dutch ist der Mann am Bullen“, klärte er Cliff auf.

„Ich dachte immer, dass es …“

„Ich weiß, was du sagen willst, aber Trendy Sultary, der bisher den roten Teufel am Hanfstrick führte, ist im Canadian-River ertrunken. Sit Dutch ist an seine Stelle vorgerückt. Ein harter Mann, der sich gut mit dem gehörnten Teufel versteht. Im Canadian hatte Moor über hundert Rinder in einem Kessel. Es konnte nicht eine einzige Kuh gerettet werden.“

„Wir kamen glatt durch“, murmelte Cliff in Gedanken versunken. „Nur drei Rinder blieben im Treiben stecken und mussten erschossen werden.“

„Damny, yeah, der Leitbulle der Brat-Herde ist auch besser“, dehnte Charly. „Für euren schwarzen Moosochsen hätte Moor zehntausend Dollar bar auf den Tisch gelegt. Es gibt kein schöneres und klügeres Tier in ganz Texas, als Old-Bull.“

„Und es gab keinen besseren Leitbullenführer als Hank Mennedy“, flüsterte Cliff rau.

By Jove, yeah, Hank würde nicht mehr sein. An der Spitze der Stampede gab es keine Rettung für einen Mann, der den Leitbullen führte.

Eine Weile saßen sie schweigend, beobachteten die Herde, die langsam und ständig näherkam, wie ein Strom aus vielen Leibern. Ab und zu tauchten aus dem Dunst der linken Flanke Reiter auf,

die ihre Colts oder die Bullpeitschen schwangen, dann wieder in der Staubwolke verschwanden. Mit dem näher kommenden Staub dröhnte der Boden unter dem Hufschlag der Rinder und der Pferderemuda, die etwas abseits vom Hauptstrom der Rindermassen getrieben wurde. Bald zeigte sich der Küchenwagen in dem flirrenden Dunst, schälten sich die Reiter klar heraus.

Harte Männer, verdreckt, schweißverkrustet auf zähen, struppigen Pintos.

Ihre Schreie übertönten das Gedröhn, das Muhen. Sie waren hell, anfeuernd, die Herde zwingend, sie daran hindernd auszubrechen.

Immer wieder versuchten es einzelne Tiere oder kleine Gruppen, und immer wieder wurden sie zum Hauptstrom zurückgedrängt.

Die Spitze zog vorbei. Die lange, fast unübersehbare Kette der Tiere schloss sich an, und die Staubwolke wurde dichter. Doch als die Hälfte der Herde im wogenden Staubschleier vorbei war, kam die Dämmerung wie ein dunkles Tuch von Osten her, legte sich weich und zart über das Land, ließ die Strahlen der versinkenden Sonne purpurn aufblitzen, sich an den Hornspitzen vieltausendfacher Rinder widerspiegeln, so dass sie wie von innen heraus erglühten.

„Ein prächtiges Bild“, murmelte Charly.

„Aber sie haben zu schnell getrieben. Die Rinder verlieren zu viel Fett, und ihr Marktwert wird in Dodge sinken.“

Er sprach ganz so, als ritte er noch in jener Crew, die kaum fünfhundert Yards von ihrem Versteck entfernt vorbeizog.

Er hockte aufrecht da, seine hellblauen, seltsam lebendigen Augen waren auf die Herde gerichtet. Sein Gesicht wirkte wie aus Granit gehauen.

Selbstvergessen ruhten seine nervigen Hände auf den Kolben seiner tief geschnallten Waffen. Mit dem Daumen schob er seinen verwitterten Stetson aus der Stirn, zog die Lider zu schmalen Spalten zusammen.

„Ich denke gerade daran, dass Moor mir noch den Lohn für ein halbes Jahr schuldet.“

„Wenn wir fit sind, holst du mehr heraus, als du jemals beim Treiben verdienen könntest“, rasselte ihm Cliff zu. „Falls Teddy Brat noch lebt, wird er es dir lohnen!“

Charly wandte ihm das scharf geschnittene Gesicht zu, zuckte mit keiner Wimper, als er heiser sagte: „Dafür habe ich mich nicht auf deine Seite gestellt, Fellow!“

„Ich weiß, Charly“, beschwichtigte Cliff.

„Übrigens ist es nicht sicher, dass Teddy Brat noch lebt?“

„Nein, das ist nicht sicher“, wiederholte Cliff dumpf.

„Warum dann alles auf eine Karte setzen?“

„Teddy hat eine Tochter in Dodge.“

„Ah, so ist das also.“

„Yeah.“

„Nun, ich hätte auch mitgemacht, wenn sich keine Erben nach der Herde gesehnt hätten“, grinste Charly bissig. Doch dann glättete sich sein Gesicht, tief sog er die Luft ein.

„In einer Viertelstunde wird es so dunkel sein, dass sie das Treiben einstellen und ein Camp aufschlagen. Ich werde mir meine Ausrüstung holen und für dich ein Pferd mitbringen, Partner!“

„Moor wird nicht mehr damit rechnen, dass du diesen Plan durchführst, und du brauchst nicht mehr damit zu rechnen, Freunde im Camp zu finden.“

„Hell and Devil, nein, ich rechne nicht damit“, murmelte Charly. „Ich stand immer etwas

abseits … By Gosh, für die Jungens dort war ich ein Revolvermann und kein Cowboy. Sie ließen sich zwar nichts anmerken, aber gefühlt habe ich es immer.“

„Um so schlechter für dich, Charly!“

„Keine Angst, Cliff, ich habe meinen Plan“, grollte Charly durch die Zähne. „Ich bin lange genug mit der Herde geritten, um Moors Besonderheiten zu kennen.“

„Moor wird sich darauf einstellen“, warf Cliff hin. Die hellen Blauaugen des Cowboys funkelten wie lichtgeschliffene Diamanten. Er nagte an seiner Unterlippe, streckte die Hand aus, sagte: „Sieh dort, Partner, das Campfeuer der Moor-Mannschaft brennt!“

Yeah, etwa eine Meile weiter nördlich flackerte es auf. Beide Männer schauten einige Zeit dorthin. Die Nacht senkte sich nieder, löschte die Purpurlichter, hüllte die violetten Berge in düstere Schatten und schob ihre Konturen tintig in den hellen, verschwindenden Schein des nach Westen fliehenden Tages.

Schweigend hockten sie nieder. Zwei Männer in der Weite der melancholischen Landschaft, zwei harte Brocken, die im gleichen Sattel saßen.

„Ich werde zu Fuß gehen“, erklärte plötzlich Charly, indem er seine Überlegungen unterbrach, seinen Gurt höher rückte und die Eisen mit einer für ihn charakteristischen Bewegung weiter nach vorne schob.

„Cheerio, Black Devil!“

Bevor Cliff noch eine Entgegnung herausbringen konnte, war Charly aufgesprungen und über den Rand der Mulde hinaus in die dräuenden Schatten der Nacht geglitten, war verschwunden wie ein schnell fliehender Schemen, den die Dunkelheit selbst durch ihr Reich schleuderte.

Cliff blieb mit gerunzelten Brauen und zuckenden Lippen hocken, dann stemmte er sich mühsam hoch, taumelte wie trunken zu dem Braunen hin, musste sich jedoch wieder setzen, gegen die schier unerträglichen Schmerzen ankämpfen.

„Damny, ich muss in den Sattel“, krächzte er. „Ich kann ihn nicht allein lassen.“

 

3.

Mit weit ausgreifenden Schritten steuerte Charly Brown auf das immer deutlicher werdende Campfeuer zu.

Der Abendwind kühlte seine Schläfen. Seine Stirn runzelte sich, Kerben gruben sich in seine Mundwinkel.

Je weiter er schritt, um so vorsichtiger bewegte er sich, desto mehr gab er auf seine Deckung Acht.

Der Geruch der lagernden Herde schlug ihm von Weitem entgegen. Hart pressten sich seine Lippen zusammen, unwillkürlich glitt seine Rechte zum Coltkolben.

Er blieb plötzlich wie auf die Stelle gebannt stehen, lauschte.

Muhen, Blöken, die Stimme eines Cowboys, dessen Gesang die Tiere beruhigen sollte, war zu hören.

Charly wich der Herde aus, denn yeah, gerade des Nachts waren Jungstiere besonders gefährlich.

Außerdem sah er bereits die Konturen des Küchenwagens vom Campfeuer angestrahlt. Gestalten, die hin und her huschten. Man war noch nicht zur Ruhe gekommen, es herrschte noch ein emsiges Treiben.

By Gosh, ein gewohntes, vertrautes Bild. So wie er es viele Nächte hindurch Tag um Tag auf dem Trail nach Norden erlebt hatte.

Jene Männer dort waren noch vor wenigen Stunden seine Sattelpartner gewesen. By Gosh, und wie sah es jetzt aus?

Er hatte sich abgesondert, um einem Freund zu helfen. Gewiss, das verstanden sie, jedoch lag irgend etwas zwischen ihnen.

Er hatte gegen das ungeschriebene Gesetz verstoßen, das besagte, dass auf dem Trail nach Norden jeder Rancher und Vormann, jeder Cowboy und Küchenjunge beherzigte. Zusammenstehen, selbst dann, wenn es einem an die Nieren ging, wenn der Tod versuchte, Ernte zu halten.

Ein bitterer Groll aus seinem Herzen machte sich Luft.

Nein, er bedauerte nicht, dass sein impulsiver Entschluss ihn auf Cliffs Seite gebracht hatte, verdankte er doch Cliff mehr noch als sein Leben.

Er schritt weiter, jede Deckung nutzend. Hinter jedem Baum, Strauch oder Stein konnte ein Hinterhalt lauern, konnten Männer liegen, die bereit waren, die Worte ihres Bosses wahr zu machen.

Eiskalt durchfuhr es ihn. Er hielt an und duckte sich tief hinter einen Busch.

Ein Reiter trabte nur wenige Yards an ihm vorbei.

„Gred Santer“, murmelte Charly vor sich hin. „Er löst den Mann an der Herde ab.“

Er wartete, bis Santer in der Nacht untertauchte und der Hufschlag seines Pferdes verhallt war. Dann schritt er weiter, so, als zöge ihn das Campfeuer mit magnetischer Kraft an.

Vom Küchenwagen her wehte der Duft gekochter Bohnen und fettem Schweinespeck. Männer klapperten mit ihren Blechgeschirren. Die Stimme des Kochs rasselte deutlich hörbar: „Kommt zum Essenfassen!“

Ein vertrauter Ruf, der selbst einem todmüden, sattelwunden Cowboy neues Leben in die Knochen treiben konnte.

Charly blieb hinter einem Strauch stehen.

By Gosh, es gefiel ihm nicht, dass scheinbar keine Posten ausgestellt waren, dass man in diesem, von Indianern verseuchten Lande ein solch offenes Feuer anlegte, dass die Boys sich so offen im Flammenschein zeigten.

Das alles war zu sorglos, zu gestellt, zu einladend. So, als hätte John Moor ein riesiges Schild mit den Worten „Herzlich willkommen“ über dem Camp ausgehängt.

Ein verteufeltes Willkommen von einem Mann, den er einen gefleckten Coyoten genannt hatte, dessen wahre Absichten er vor der ganzen Mannschaft angeprangert hatte.

Ein Willkommen, das zur Begrüßung tödliches Blei bereit hielt.

Charlys Wachsamkeit verstärkte sich. Zehn Minuten blieb er abwartend stehen, sah dem Treiben im Camp zu.

Die Boys nahmen ihr Essen in Empfang, hockten sich auf die Absätze und begannen mit der Mahlzeit.

Hinter dem Küchenwagen, im Sattelcorral, starrten ihre aufgesattelten Pferde.

John Moor aber war nirgends zu sehen.

Und diese Tatsache beunruhigte ihn besonders stark.

Seine Gedanken hetzten.

By Jove, wenn Cliff in seiner Lage nicht so hoffnungslos wäre, wäre er umgekehrt, hätte es nicht gewagt, sich weiter vorzupirschen.

Ein Dutzend Cowboys, dazu Texaner, die ein Einzelner nur schwer verdauen konnte. Er kannte sie alle zu gut, um sich keine Illusionen mehr zu machen, wusste, dass es harte Burschen waren. Männer, die die Beute witterten, und die den Versprechungen ihres Bosses erlegen waren.

Alles, was Charly mit seinen ehemaligen Kameraden verband, riss jetzt entzwei.

Charly fühlte es deutlich. Sein Herz krampfte sich zusammen. Er gab sich einen Ruck, einen gedanklichen Befehl und dann tat er etwas, was nahezu an Tollkühnheit grenzte – an Selbstmord. Er schritt aufrecht auf das Campfeuer zu.

Oh, Hölle, er gab sich keine Mühe, geräuschlos zu sein.

Verdammt, sollte die Reaktion der Männer am Lagerfeuer ausbleiben?

Sie sprangen nicht auf, griffen nicht nach den Colts. Nein, sie waren ehrlich überrascht. Yeah, mehr als das. Sie waren einfach ehrlich genug, um einem mutigen Mann eine Chance zu geben.

Mutige Männer konnten selbst hartgesottenen Raubeinen den Atem verschlagen.

Sie verhielten sich seltsam.

Einige rissen die Augen weit auf und sahen ihn an, wie man etwa eine Leiche ansehen würde, die plötzlich wieder zum Leben erwachte. Andere kniffen die Augen zusammen und blinzelten. Keiner jedoch aß weiter.

„Sieh an, der verlorene Sohn!“, krächzte Stan Warren, ein robuster Cowboy mit plattgeschlagener Nase und runden Kulleraugen, aufsässig, als Charly langsam in den Lichtschein trat und mit vorgeneigtem Oberkörper stehenblieb.

„Du hast Cliff Stone wohl aufgegeben, wie?“ Warrens Vierkantkopf ruckte höher. Ein dämonisches Grinsen fraß sich in seinen Mundwinkeln ein.

„Ich bin nur gekommen, um meinen Lohn ausgezahlt zu erhalten“, sagte Charly leichthin, ohne sich zu regen, ohne die Hände höher zu nehmen, die sanft die Colts zu berühren schienen.

„By Gosh, für dich ist Lohntag“, dehnte Stan Warren.

„Du machst dich zum Sprecher für den Boss?“, schnappte Charly leise.

Seltsam, niemand von den Jungen mischte sich ein. Sie saßen nur da, und ihre Blicke glitten hin und her, unruhig, tastend, gespannt.

„Und wenn es so wäre?“, grollte Warren herausfordernd.

„Oh, das wäre nicht gut für dich, Warren“, klang es eisig aus Charlys Mund.

„Das lass nur meine Sorge sein“, grollte Warren, den eine jahrelange Freundschaft mit John Moor verband.

„Ich bin der Vormann hier und zahle dir das aus, was du verdienst, Brown. Und das ist für einen Cowboy, der mitten im Treiben aus der Herde verschwindet, verdammt wenig. Wir verstehen uns doch?“

„Yeah“, murmelte Charly. „Der Boss schickt dich also vor?“

„Lassen wir das. Auf jeden Fall hast du es mit mir zu tun, und wenn du nicht sofort für immer verschwindest, dann …“, zischte Warren, wobei er langsam aufstand und sich reckte, triumphierend in die Runde blickte.

„Warren, wir konnten uns nie leiden“, lächelte Charly ihn eisig an. „Du hast dich immer nur wohl gefühlt, wenn du eine Meute hinter dir wusstest. Doch verlass dich nicht zu sehr auf die Boys.“

Seine Stimme riss ab. Zu spät jedoch für ihn, sich herumzuwerfen, nachzuschauen, welche Gefahr sich hinter seinem Rücken aufgebaut hatte. Sich die Bestätigung dafür zu holen, dass es Gohfield, Warrens Freund, sein musste, der sich im Dunkeln gleich einer Schlange näherte.

Charlys Blick hetzte zu den Männern.

Yeah, Gohfield fehlte. Rim Gohfield, der düstere Zureiter der Mannschaft, von dem niemand wusste, woher er kam und was John Moor dazu veranlasste, ihn in der Mannschaft mitreiten zu lassen.

Gohfield, von dem die Cowboys flüsterten, dass er einige schlimme Sachen im Süden von Texas gemacht und vor dem Gesetz die Flucht ergriffen hatte.

Die Erkenntnis, dass er es war, traf Charly wie ein Schlag.

Er wurde bleich, blieb still, unbewegt stehen, raunte über die Schulter: „Ein Schuss in den Rücken dürfte dich bei der Mannschaft nicht beliebter machen, Gohfield!“

Keine Antwort erfolgte, nichts, was seine Vermutung bestätigte.

„Du siehst jetzt bereits Gespenster“, schnarrte Warren.

„Yeah, ein Gespenst, das tief im Grase liegt und die Waffe bereits im Anschlag hält“, rasselte Charly, indem er näher in den Lichtschein rückte, zu seinem Packen ging, der neben dem Küchenwagen auf einer Plane lag.

Das war der Gipfel der Frechheit. Einige Jungs atmeten schneller.

Warren aber fauchte: „Lass deine Dreckfinger von dem Packen.“

Charly blieb in gebückter Haltung stehen, als hätte ihn ein Peitschenschlag getroffen.

„Warren, das ist mein Packen!“

„Yeah, und er ist von der Moor-Crew beschlagnahmt“, zischte Warren böse.

Charlys Haltung veränderte sich nicht. Er schien noch tiefer zu fassen, als bereits Warren sein Eisen mit einem wilden Ruck aus dem Futteral schleuderte.

By Gosh, das war Charlys Trick. Seine Rechte, die den Packen bereits berührte, flog zum Eisen, zugleich bäumte sich sein Körper wie eine unter ungeheurem Druck liegende Stahlfeder zur Seite.

Das grelle, orangefarbene Todeslicht gleißte auf, hieb in dröhnendem Geschmetter der Detonationen zu Warren hin, ließ diesen hochsteigen, und die Flammenzungen aus Warrens Colt durch die Planen des Küchenwagens rasen.

Noch bevor Warren wie ein gefällter Baum zu Boden kippte, sprang Charly mit rauchenden Colts zur Seite. Seine Augen wurden finster wie die Nacht.

„Keiner rührt sich vom Fleck“, grollte er bitter. „Warren hat es so gewollt!“

Und keiner der Boys rührte sich, keiner griff nach der Gürtelkanone. Sie saßen wie auf ihre Plätze gebannt. Die schnelle, unheimliche Art des Kämpfers lähmte sie, ließ ihnen kaum Zeit zum Denken.

„John Moor, lass dich sehen“, hetzte es von Charlys Lippen.

Und yeah, was auch immer John dazu bewogen haben mochte, sich im Küchenwagen au£zuhalten. Er war kein Feigling.

Er kam aus dem Wagen, stierte seine Cowboys, dann den Toten an, wischte sich über die Augen, konnte es anscheinend nicht fassen, dass ein Mensch so schnell vom Leben zum Tod befördert wurde.

„Du hast es geschafft, Brown. Was willst du?“

„Ich will nur das, was mir zusteht. Meinen Packen und meinen Lohn“, tönte es rau aus der Dunkelheit.

„Dazu brauche ich ein Pferd für Cliff Stone. Und du selbst wirst mir den Packen bringen und das Geld dazu. Dann wirst du mit zur Remuda kommen, und dann kannst du gehen.“

„Hm, das hast du dir fein ausgedacht“, brummte John Moor grimmig.

„Ich habe dich vor meinen Eisen“, sagte Charly sanft. „Das sollte dir zu denken geben. Dein Vormann wollte mich auf andere Art auszahlen. Er hat es zu schlucken bekommen. Versuch du nicht den gleichen Trick, Moor!“

Der Rancher zögerte. Irgend etwas schien ihn davon abzuhalten, dem Befehl des Gegners nachzukommen.

By Gosh, yeah, sein Trumpf war Gohfield. Das Geräusch in seinem Rücken zeigte es deutlich genug.

„Gohfield, beweg dich nicht!“, grollte es plötzlich aus dem Schatten der Prärie. „Ich bin fit genug, um dich aus den Stiefeln zu holen. Heh, Charly, beeil dich.“

Charly durchzuckte ein heißer Schreck, doch mehr noch als er war John Moor erschrocken.

Der Rancher wurde fahl, stierte mit weit aufgerissenen Augen über Charly hinweg zu dem Reiter, der mit nacktem Oberkörper im Sattel saß und in beiden Händen die Colts im Anschlag hielt.

Unhörbar lautlos war er auf seinem Pferd herangekommen.

„Black Devil“, zischte Moor, würgte, schluckte, stand mit hervorquellenden Augen.

By Gosh, yeah, es konnte keine Täuschung sein. Der Mann auf dem Gaul, der so eindeutig den Killer Gohfield in Schach hielt, war niemand anders als Cliff Stone, dessen metallische Stimme erneut aufklang: „Lass fallen, Gohfield. Yeah, so ist recht. Und jetzt bringe meinem Partner den Packen.“

Gohfield schlich waffenlos zum Packen hin.

„Jetzt zu dir, Moor. Mein Partner wird ausgezahlt. Lüfte die Brieftasche an, aber lass die Kanone im Schulterholster stecken. Mach voran!“

Moors Fluch klang auf. Mit fahrigen Händen holte er die Brieftasche aus dem Innenfutter seiner Weste.

„Wir rechnen noch ab“, keuchte er.

„Erzähl keine Geschichten, sondern zähle das Geld für Charly ab. Aber vergiss keinen Dollar, sonst nehmen wir alles!“

Moor kam dem Befehl nach. Die Zornesadern auf seiner Stirn schwollen an. Seine Lippen bebten. By Gosh, man konnte ihm nachfühlen, dass er sich inmitten seiner Cowboys verteufelt närrisch vorkam. Aber es blieb ihm keine andere Wahl.

„Boss, ein Wort von dir“, keuchte ein Bursche erregt vom Campfeuer her.

„Sonny, zu spät“, kreischte Moor wütend.

„Sie werden zuerst auf mich schießen, und von euch weiß niemand, wer an der Reihe ist. Wir müssen passen, Brown. Hier, dein Halbjahreslohn!“

„Oh, komm nur, bemühe dich selbst, Freund“, sagte Charly sanft. „Doch warte, bis Gohfield den Packen abgegeben hat.“

Moor blieb stehen und Gohfield schleppte den Packen heran, legte ihn in wenigen Yards Abstand vor Charly nieder, flüsterte heiser: „Es ist noch nicht zu Ende.“

„Oh, Fellow, das kann sofort geschehen“, gab Charly mit heiserer Stimme zurück, hob die Coltmündung an. Aber Gohfield zuckte nicht zusammen. Sein düsteres Gesicht blieb unbewegt, ausdruckslos.

„Du hast nicht die Art an dir, einem waffenlosen Mann dein Blei zu servieren. Männer deiner Art werden nie alt“, krächzte Gohfield.

„Nun, das lass meine Sorge sein. Ich hoffe jedoch nicht, dass wir uns noch einmal begegnen!“

„Du weißt, dass das schon bald der Fall sein wird“, explodierte Gohfield. „Und dann musst du verteufelt schnell sein. Ich hätte heute nicht zögern sollen.“

Er wandte sich schroff ab, ging an seinem Boss vorbei, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen. Hockte sich dann neben dem Toten nieder und drückte ihm die Augen zu.

Hölle, yeah, ein finsterer Mann in einer harten Crew. Für ihn war die Sache für heute erledigt. Er sah nicht einmal hin, wie sich Moor in Bewegung setzte.

Charly nahm dem Rancher das Geldbündel mit der Linken ab, während die Rechte dem Rancher den Colt in den Rücken presste.

„Zum Seilcorral, John Moor. Du wirst einsehen, dass wir jetzt keine Zeit mehr haben, um uns aus der Remuda ein Pferd zu fangen. Wir werden eins aus dem Corral nehmen, gleich mit Sattel und Zaumzeug versehen!“

„Sei verdammt!“, knirschte John Moor heiser.

„Nun, das wirst du eher sein, wenn du Teddy Brats Herde nicht in Ruhe lässt“, murmelte Charly, wobei er das Geld einsteckte und dazu erklärte: „Du hast deine Warnung. Richte dich danach!“

Er stieß den Rancher mit dem Colt in die Richtung, in der der Seilcorral lag, und schon wenig später hatte er sich das beste Pferd, einen langbeinigen Rappen, ausgesucht, schnallte den Packen fest, warf sich in den Sattel und hieb dann von dort aus die Lassos des Seilcorrals entzwei. Riss den Rappen auf die Hinterhand, drehte ihn um die eigene Achse und ließ ihn kreiseln, so dass John Moor vor den fliegenden Hufen des Rappen zur Seite springen musste, um nicht unter ihnen begraben zu werden.

So rasch John Moor auch sprang, Charlys gellender Cowboyschrei hatte die Tiere entsetzt, und nun stoben sie schrill wiehernd davon, fetzten John Moor zur Seite.

Er überschlug sich, rollte über den Boden, lüftete sein Schulterholster an und brüllte seine tierische Wut hinaus, schoss auf zwei Reiter, die nebeneinander in die Nacht hineingaloppierten.

Rechts und links flammten nun Colts auf, rissen Winchesterkarabiner grelle Feuerbahnen in die Nacht.

„Spart eure Munition“, schrie John Moor. „Wir werden sie bald vor unseren Eisen haben. Sie haben mir eine Warnung zurückgelassen!“

„Hölle und Teufel, Sie haben noch nicht genug?“

„Nein“, stellte John Moor mit einem seltsam glimmenden Blick fest. „Wölfe haben erst dann genug, wenn sie ihren Pelz voller Kugeln haben und ihnen der Atem ausgeht. Sie rechnen damit, Teddy Brats Herde zu kassieren. Ah, eher wird es jedoch der Teufel tun!“

Grollendes Gelächter tönte von allen Seiten, die Cowboys rannten zum Küchenwagen, um ihre Lassos zu holen.

„Lasst euch nur Zeit mit dem Einfangen“, hetzte John Moor. „Sie haben ihr Spiel gemacht. Jetzt beginnt das unsrige!“

 

4.

Zwei Meilen ritten die Partner im Galopp, ließen dann ihre Tiere in Schritt fallen.

„Cliff, ohne dich …“

Details

Seiten
159
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738926552
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v459962
Schlagworte
black devil

Autor

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Titel: Black Devil