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Ritt ins Niemandsland

2019 166 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Ritt ins Niemandsland

Copyright

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

Ritt ins Niemandsland

Western von Larry Lash

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 166 Taschenbuchseiten.

 

Als Lisbeth Rog ausgerechnet an ihrem Hochzeitstag verschwindet, machen sich der sitzengelassene Bräutigam und ihr Bruder auf den Weg, um sie zurückzuholen. Doch es scheint, als wäre sie freiwillig mit einem Fremden fortgeritten. Gleichzeitig kommt es in der ganzen Umgebung immer wieder zu Viehdiebstählen. Haben beide Vorfälle etwas miteinander zu tun?

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Hugo Kastner

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

1.

„Sie kommen!“

Hell klang der Ruf durch die klare dünne Herbstluft. Der zehnjährige Junge erhob sich aus dem Gras. Er richtete sich hoch auf, sodass sich sein schlanker Körper deutlich gegen den blauen Himmel abhob.

Seit dem frühen Morgen hatte Jim Rog Ausschau gehalten. Seit vier Stunden hatte er in eine bestimmte Richtung geblickt und dabei wenig von der schönen Natur gesehen. Jim hatte die Ankunft der Gäste nicht erwarten können. Schon sehr früh am Morgen, noch bevor die übrigen Mitglieder der großen Familie und die Cowboys und Gehilfen aus den Federn waren, war der Junge aufgestanden und auf den Hügel geklettert, der ihm einen weiten Rundblick nach allen Seiten gestattete.

Jetzt sah Jim Rog angestrengt nach Süden, wo im flachen Tafelland unter einer Staubfahne Fahrzeuge und Reiter sichtbar wurden. Noch etwa eine Stunde würde es dauern, bis sie die Triangel-Ranch erreicht hatten.

Jims Blick wanderte zur Ranch, die tief unter ihm in der Geborgenheit des Hügels lag, umgeben von weißstämmigen Birken, deren goldgelbes Herbstlaub vom sanften Wind leicht bewegt wurde. Jim war hier geboren, und die Ranch war für ihn das Schönste, was er sich vorstellen konnte. Jedes Männerherz musste beim Anblick der Triangel-Ranch höher schlagen. Sie lag in einem herrlichen Land mit Bergen, Hügeln, Tälern, rauschenden Bächen und saftigen Weiden.

Jim Rog war der Jüngste von fünf Geschwistern, ein Nachkömmling, denn seine vier anderen Geschwister waren alle erwachsen.

„Sie kommen!“, schrie Jim laut, als sich auf seinen ersten Ausruf hin nichts auf der Ranch regte.

In diesem Augenblick flog die Tür auf. Sein Bruder Fred kam aus dem Haus gestürmt, und gleichzeitig regte es sich im Bunkhouse. Mit einem Schlag war die Ruhe auf der Ranch dahin. Überall rannte man geschäftig umher. Schließlich gab es nicht jeden Tag eine Hochzeit zu feiern.

Lisbeth, Jims Schwester, wartete sicherlich voll Ungeduld darauf, Ben Rudley ihr Jawort zu geben. Für sie gab es bestimmt keinen besseren Mann als Ben, den Sohn des Nachbarranchers. Im Ridvalley-Land wusste jeder, wie lange er sich um die Gunst der schönen Lisbeth Rog beworben hatte. Schon vor drei Jahren hatte er ihr einen Heiratsantrag gemacht. Lisbeth aber hatte ihn warten lassen, sie hatte sich noch nicht entschließen können.

Die meisten Mädchen im Ridvalley-Land heirateten jung, meistens schon mit sechzehn Jahren. Lisbeth war bereits neunzehn Jahre alt. Für die Menschen hier war es höchste Zeit, dass sie unter die Haube kam.

Jim Rogs Augen leuchteten auf, als er hinter seinem Bruder Fred seine anderen Brüder Daniel und Sam aus dem Hause treten sah.

Daniel Rog war der Älteste. Er war einundzwanzig Jahre alt, groß, breitschultrig und schwarzhaarig, wie es alle Rogs waren. Er war dem Vater sehr ähnlich und bewegte sich langsamer als Fred und Sam. Fred war zwanzig, Sam sechzehn Jahre alt. Die beiden Brüder sahen sich am ähnlichsten, und wer ihre verstorbene Mutter gekannt hatte, der wusste, woher sie ihre blauen Augen hatten. Nur Fred und Sam hatten blaue Augen, alle anderen Rogs waren braunäugig.

Unten auf dem Ranchhof begann ein hektisches Treiben, aber das störte Jim nicht. Er wunderte sich nur, dass die Cowboys an den Girlanden zupften und die Tische und Stühle, die man auf den Ranchhof gestellt hatte, wieder verrückten. Man schien noch mehr Menschen als vorgesehen zu erwarten. Möglich war es schon, denn jeder konnte hier auf eine Hochzeit gehen, ohne dass er erst eingeladen wurde. Hochzeitsfeste glichen Volksfesten, und niemandem würde es einfallen, einen Fremden schief anzusehen. Es gab nur wenig Zerstreuung im Ridvalley-Land, und jeder war froh, wenn ein Fest die Eintönigkeit des Alltags einmal unterbrach. Eine Hochzeit aber war die Krönung der Festlichkeiten. Kein Rancher ließ sich lumpen. Gastfreundschaft wurde groß geschrieben.

Auf der Triangel-Ranch waren alle Vorbereitungen getroffen worden, um Hunger und Durst der Gäste zu stillen. Der Ranchhof sollte zum Festsaal werden. Girlanden aus Tannenzweigen mit bunten Blumen und Fähnchen schmückten den Platz. Über offenen Feuern würden ganze Rinder am Spieß gebraten werden. An der dem Hof zugekehrten Seite des Ranchhauses waren Fässer und eine provisorische Theke für die Getränke aufgestellt worden. Nicht weit davon stand ein Podium, auf dem die Musiker Platz nehmen würden, die zur Unterhaltung und zum Tanz aufspielen sollten.

„Ein herrlicher Tag!“, sagte Daniel zu seinem Bruder Fred. „Die Hochzeitsleute haben wohl einen Pakt mit dem Himmel geschlossen. Keine Wolke zeigt sich, und der Wind weht auch nicht stark. Wenn das kein günstiges Vorzeichen ist!“

„Mir erscheint das zu günstig, Bruder“, erwiderte Fred, während er stehenblieb und zur Hügelkuppe hinaufschaute, auf der Jim stand.

„Du sprichst das so eigenartig aus, als passte es dir nicht, Fred?“

Fred Rog schien mit seinen Gedanken woanders zu sein. Er zuckte zusammen und lächelte leicht. In seinen Augen lagen dunkle Schatten.

„Was ist los?“, wollte Daniel wissen. Er kannte seinen Bruder zu gut, um nicht durch dessen eigenartiges Benehmen stutzig zu werden. „Bist du mit dem linken Bein zuerst aus dem Bett gestiegen? Du solltest dir vor dem Zubettgehen den Bauch nicht so sehr mit Essen vollschlagen, das gibt unangenehme Träume.“

„Ja, ich habe schlecht geträumt, Daniel“, gab Fred zu. „Die Träume sind mir auf den Magen geschlagen.“

„Nun, wir verlieren unsere einzige Schwester, und das regt dich auf. Das sollte aber kein Grund sein, uns zu ärgern, wir sollten uns im Gegenteil darüber freuen. Sie bekommt einen guten Mann. Es ist überall auf der Welt so, dass die Mädchen eines Tages heiraten. Es besteht also kein Grund, den Kopf hängen zu lassen.“

Fred erwiderte nichts, wandte sich ab und ging davon. Etwas irritiert blickte Daniel ihm nach.

„Er hängt besonders an Lisbeth“, murmelte Daniel. „Der gute Junge nimmt es sich zu Herzen, dass wir sie verlieren. Er hat sich immer gut mit ihr verstanden. Sie wird ihm sehr fehlen.“

„Das allein ist es nicht, Dan“, sagte Sam, der herangetreten war und Fred ebenfalls nachblickte. „Fred macht sich Sorgen.“

„Sorgen? Dass ich nicht lache! Das wird heute ein schöner Tag, Sam! Fred hat nur schlecht geschlafen, das ist alles. Außerdem ist er ein wenig eifersüchtig auf Ben Rudley, der uns unsere Schwester entführen wird. Er kann sich einfach nicht damit abfinden, dass sie jetzt ihre eigenen Wege gehen wird und ohne uns Brüder auskommen muss.“

„Dennoch, er hat trübe Gedanken“, erwiderte Sam. „Ich muss gestehen, dass ich selbst ebenfalls besorgt bin.“

Sam Rog drehte sich um und ging über den Ranchhof.

Beide sind ein wenig verdreht, sagte sich Daniel und zuckte mit den Schultern. Ich verstehe sie nur zu gut, sie hängen an Lisbeth, weil sie Mutterstelle an uns vertreten hat.

Lisbeth hatte sicherlich ihr Jawort nur aus dem Grund so lange hinausgezögert, weil auch sie sehr an der Familie hing. Der Abschied musste auch ihr schwer fallen. Man musste es Ben Rudley hoch anrechnen, dass er so geduldig gewartet hatte.

Mit langen Schritten ging Daniel zu einer Cowboygruppe. Die Männer waren dabei, frisches Rindfleisch aus dem Vorratsschuppen ins Freie zu schleppen. Er wies die Männer an, die Feuer in Gang zu bringen und mit dem Braten zu beginnen.

Der Koch nickte Daniel Rog zu.

„Es wird alles klappen, Dan“, sagte er. „Jeder soll merken, was für einen guten Koch es auf der Triangel-Ranch gibt. Nicht umsonst habe ich als Schiffskoch gearbeitet. Meine Gerichte haben die Passagiere und die Besatzungen immer wieder in Erstaunen versetzt. In meiner Jugend habe ich in Frankreich das Kochen gelernt. Ich sage dir, Dan, die Gäste werden an das köstliche Essen bei der Hochzeitsfeier auf der Triangel-Ranch zurückdenken.“

Es war die Art des Kochs so anzugeben, das wusste jeder auf der Ranch. Er konnte ausgezeichnet kochen, doch man schätzte es nicht sehr, dass er sich ständig damit brüstete. Seine guten Eigenschaften aber wogen seine Aufschneiderei auf.

„Es kann einfach nichts schiefgehen, Dan“, fuhr er fort, als er keine Antwort bekam. „Nie gingen die Vorbereitungen zu so einem großen Fest glatter vonstatten, nie …“

Daniel Rog verließ den dicken Koch. Er stutzte, als er seinen Vater, der in tiefe Gedanken versunken vor sich hin starrte, am Corral stehen sah.

Daniel wusste, dass seinen Vater der Weggang der Tochter am meisten schmerzen musste. Er war immer besonders zärtlich zu ihr gewesen, und sie hatte es mit besonderer Liebe und Aufmerksamkeit gedankt.

„Kopf hoch, Dad“, sagte Daniel.

Der Rancher schrak zusammen und sah auf. In seinen braunen Augen war ein Forschen zu erkennen. Er schaute Daniel durchdringend an.

„Was gibt es, Dad? Du siehst aus, als wären dir alle Felle auf einmal davon geschwommen. Du solltest dich freuen. Lisbeth bekommt den besten Mann. Er wird immer gut zu ihr sein.“

„Ben Rudley ist wirklich ein guter Mann, ruhig und verlässlich. Ich kann mir in der Tat keinen besseren Schwiegersohn wünschen, Dan. Er hat lange auf Lisbeth gewartet, zu lange fast. Ich frage mich, warum sie ihn so lange warten ließ.“

„Für mich ist das eine seltsame Frage, Dad. Sie tat es selbstverständlich uns zuliebe.“

„Ich bin dessen nicht so sicher, Dan“, erwiderte der Vater, wobei er sich über seine ergrauten Schläfen strich.

„Das sagst ausgerechnet du, Dad?“ Daniel schüttelte den Kopf und sah seinen Vater verwirrt an.

„Sie fuhr in den letzten Monaten zu gern in die Stadt, mein Junge.“

„Was hat das schon zu besagen? Jeder sehnt sich von Zeit zu Zeit nach etwas Abwechslung. In der Stadt gibt es keine Langeweile. Niemand kann einem jungen Mädchen übelnehmen, wenn es einmal ohne die Gesellschaft nörgelnder Männer sein will. Ich habe es ihr immer gegönnt, wenn sie ihre Freundinnen in der Stadt aufsuchte. Hat sie nicht Tag und Nacht unermüdlich für uns gearbeitet? Wir haben ihr wenig bei der Hausarbeit geholfen. Sie hatte schon ihr Kreuz mit uns Männern. Man braucht nur etwas nachzudenken, dann kommt man zur Einsicht.“

„Dan, ich weiß, wie recht du hast. Lange habe auch ich es so gesehen, doch als sie wieder einmal in der Stadt war, habe ich ihr nachspioniert. Ich schäme mich fast, es zuzugeben, aber ich kann es nicht mehr allein tragen.“

Von jäher Unruhe gepackt sah Daniel seinen Vater an.

„Sie verließ die Ranch immer unter dem Vorwand, ihre Freundin Linda Dahl zu besuchen, Dan.“

„Da erzählst du mir nichts Neues, das wussten wir alle, Dad. Linda Dahl ging mit Lisbeth zur Schule. Die beiden waren Freundinnen und haben sich immer gut verstanden.“

„Zu gut haben sie sich verstanden!“, unterbrach ihn der Vater rau. „Linda Dahl diente ihr als Aushängeschild, und Lisbeth konnte sich ihrer Freundin ganz und gar anvertrauen. Lisbeth brauchte nicht zu befürchten, von Linda verraten zu werden.“

„Was heißt verraten, Dad? Das klingt übel.“

„Ich weiß, Dan. Es war deshalb auch sehr schwer für mich, herauszubringen, dass Lisbeth sich immer wieder mit George Lee traf .“ Die Stimme des Ranchers vibrierte. Er blickte seinen Ältesten an, der jäh erblasst war und ihn starr ansah.

„Nein!“, kam es rau über Daniels Lippen. „Das kann nicht wahr sein!“

„Dan, es ist die volle Wahrheit. Ich kann es beschwören. Sie trafen sich immer wieder, und alle in der Stadt wussten es, nur wir nicht!“

„Wusste es Ben Rudley?“

„Ja, er hat es mir bestätigt. Er liebt aber Lisbeth zu sehr, als dass er ihr einen Vorwurf machen würde. Er muss schrecklich darunter gelitten haben. Nun hat es den Anschein, dass alles vorbei ist und dass Lisbeth vernünftig geworden ist. – Jedenfalls hoffe ich es.“

„Du hoffst es nur, Dad? Hast du Lisbeth nicht ins Gewissen geredet?“ Dans Stimme klang heiser. Der Name George Lee schien in seinem Inneren eine helle Glut entfacht zu haben.

„Dad, du hast es nicht gewagt, sag es nur offen! Du hast Lisbeth nicht zur Verantwortung gezogen?“

„Ich wollte ihr Zeit lassen, da ich hoffte, dass sie allein wieder zu sich zurückfinden würde. Nun bin ich meiner nicht mehr so sicher, Dan.“

Die beiden Männer, Vater und Sohn, sahen sich fest in die Augen. Plötzlich drang aus dem Ranchhaus ein Schrei. Er ließ die beiden Männer aufhorchen.

Wortlos setzte sich Daniel in Bewegung, gefolgt von seinem Vater. Noch während sie auf das Ranchhaus zuhasteten, nahm er wahr, dass sich auch Fred angeschlossen hatte.

Der Schrei war so laut gewesen, dass er sogar von dem zehnjährigen Jim Rog auf der Hügelkuppe gehört worden war. Der Junge beobachtete die Männer, die ins Haus eilten. Als sie im Haus waren, klangen ihre Stimmen so laut nach draußen, dass Jim begriff, dass etwas Außergewöhnliches vorgefallen sein musste. Bald darauf sah er seine Brüder Sam und Fred über den Hof laufen und in den Stallungen verschwinden. Sam tauchte kurz danach wieder auf und rannte zum Bunkhouse. Er rief den Cowboys etwas zu.

Jim war zu weit entfernt, als dass er die Worte hätte verstehen können. Er sah, dass die Cowboys nach allen Seiten auseinander rannten. In allen Winkeln der Ranch schienen sie nach etwas zu suchen. Jim war verwirrt und fragte sich, ob die Suche etwa zum Empfang der Gäste gehörte, die jeden Augenblick auf dem Ranchweg erscheinen mussten.

Der Vater trat jetzt auch aus dem Ranchgebäude. Jim erkannte ihn kaum wieder. Sein Vater ging nicht mehr so stolz und gerade aufgerichtet wie sonst. Er ging vornübergeneigt, als hätte er plötzlich eine schwere Last zu tragen. Daniel eilte dem Vater nach und packte ihn bei der Schulter. Die beiden sprachen miteinander, wobei sie immer wieder zu Fred, Sam und den Cowboys blickten. Die Suche schien jedoch nichts einzubringen.

„Alle Pferde stehen in den Boxen!“, rief Fred vom Pferdestall her. „Wir haben jeden Winkel durchsucht, aber Lisbeth ist und bleibt verschwunden. Was soll man davon halten, Dad? Ist das ein neues Spiel, um eine Hochzeitsfeier einzuleiten? Soll der Bräutigam die Braut suchen? Für mich wäre das nichts, Dad.“

Der Boss der Triangel-Ranch gab keine Antwort. Mit schweren Schritten folgte er Daniel, der sich zu den Corrals hin in Bewegung gesetzt hatte.

Daniel schien etwas entdeckt zu haben. Er winkte seinem Vater zu und starrte dabei auf den Boden. Im Gras waren die Hufabdrücke zweier Pferde sichtbar.

„Sieh dir das an, Dad“, kam es heiser über seine Lippen.

Der alte Rog keuchte, als er neben seinem Sohn stand und auf den Boden blickte. Sein Gesicht war hochrot, er litt unter Atemnot.

„Zwei Pferde haben hier gehalten, deren Hufe mit Lappen umwickelt waren, Dan. Die Abdrücke lassen das deutlich erkennen.“ Er beugte sich tiefer und blickte auf die Fußspuren, die ebenfalls klar zu sehen waren. Es waren die Fußabdrücke eines Mannes und einer Frau. „Hier hat George Lee gehalten und auf Lisbeth gewartet. Sie verließ heimlich das Haus, von allen ungehört. Sie ließ sich von Lee auf das von ihm mitgebrachte zweite Pferd heben. Sie ritt freiwillig mit ihm weg. Aber ich kann es nicht glauben, es darf nicht wahr sein!“

„Du hast recht, Dad, man kann in der Fährte wie in einem aufgeschlagenen Buch lesen. Lisbeth hat uns alle getäuscht und zu Narren gemacht. Sie ist auf und davon. Ihr scheint es gleich zu sein, wie unmöglich sie uns damit macht, und was ihr Bräutigam Ben Rudley denkt. Die Blamage könnte für ihn und für uns nicht größer sein. Wer hätte das von Lisbeth gedacht?“

Es gab keinen Zweifel, Lisbeth war verschwunden. Die Spuren verrieten, dass sie freiwillig alle Brücken hinter sich abgebrochen hatte. Sie war dem Mann gefolgt, der im ganzen Land als undurchsichtige Existenz bekannt war.

„Dieser George Lee muss sie völlig um den Verstand gebracht haben“, keuchte Daniel, „anders ist ihre Handlungsweise nicht zu erklären. Mich hält hier nichts länger, ich reite. Ich werde den beiden folgen, und wenn ich bis ans Ende der Welt reiten müsste. Lisbeth wird mir einige Fragen beantworten, das ist sie mir schuldig.“

„Dan, was soll ich nur Ben Rudley sagen?“

„Die Wahrheit, Dad, nichts als die bittere Wahrheit. Er ist ein Mann und wird es schlucken müssen. Komm, halt den Kopf hoch! Ich bringe dir Lisbeth zurück und dazu George Lees Skalp.“

Auf dem Ranchweg kamen die ersten Gäste heran, zu Pferde und auf Wagen. Sie bewegten sich unter einer goldgelben Wolke von aufgewirbeltem Staub.

Dieser Anblick schien Daniel Rog noch elender zu machen. Seine Hautfarbe nahm eine grauweiße Tönung an.

„Ich verstehe Lisbeth nicht!“, stöhnte der alte Rog. „Sie weiß, was für einen Ruf Lee hat. Nicht genug, dass sie sich mit ihm eingelassen hat, nein, sie hat sich auch noch entführen lassen! Das ist mehr, als ich begreifen kann.“

„Die Liebe scheint seltsame Wege zu gehen. Mir tut nur Ben Rudley leid. Er hat diese Blamage nicht verdient.“

Daniel Rog verließ seinen Vater und gab dem Koch den Auftrag, einen großen Proviantpacken für ihn zusammenzustellen. Dann fragte er den Koch: „Hat Lisbeth ohne dein Wissen gestern Vorräte aus der Speisekammer geholt?“

„Es fehlt nicht ein Wurstzipfel“, erwiderte der Koch.

Dan hatte jetzt die Bestätigung, dass seine Schwester kein Risiko eingegangen war. Sie hatte alles vermieden, was auf Flucht hindeuten konnte. Sicherlich war sie von George Lee sehr gut beraten worden. Das Vorgehen dieses Mannes bewies, wie clever er war. Die Tatsache, dass er die Braut an ihrem Hochzeitstag entführte, dass er es verstanden hatte, unbemerkt zwei Pferde heranzubringen, zeigte seine guten Nerven. Niemand hatte ihn kommen und davonreiten hören. Wie oft mochte er sich schon auf die gleiche Weise mit Lisbeth heimlich getroffen haben? Hatte Lisbeth allen Anstand verloren, besaß sie keine Scham? Wie konnte sie sich mit einem Mann einlassen, den man für einen Pferde- und Rinderdieb hielt, der also ein Bandit war. Er stand sogar im Verdacht, die Triangel-Ranch um Hunderte von Rindern erleichtert zu haben. Man munkelte, dass er der Anführer der Rustler sei, die die Gegend unsicher machten. Alle Aufgebote hatten bisher nichts genützt, man war ihnen nicht auf die Spur gekommen. Aber die Familie dachte nicht daran, Lisbeth jetzt fallenzulassen. Nicht einmal der alte Rog sagte sich von seiner Tochter los.

„Geh nach draußen und begrüße die Gäste, Dad“, sagte Dan zu seinem Vater, als Hufgetrappel und Räderrollen vor der Ranch aufklangen.

„Dan, nie ist mir etwas so schwer gefallen.“

„Ich weiß, Dad, aber auch das geht vorüber. Lass trotzdem ein Fest feiern, wenn es auch kein Hochzeitsfest wird.“

„Es wird ein Fest, Junge“, versprach der Rancher. „Es soll den Leuten in Erinnerung bleiben. Es wird der Auftakt dazu sein, von jetzt an gnadenlos gegen alle Rinderdiebe vorzugehen. Dan, reite nicht allein, nimm Fred mit. Er brennt bestimmt darauf, dich zu begleiten.“

„Nein, Dad“, widersprach Dan. „Sam und Fred sollen gerade jetzt an deiner Seite bleiben. Mach dir meinetwegen keine Sorgen, ich komme schon zurecht.“

„Dan, mach keinen Fehler, George Lee ist ein sehr cleverer Bursche. Er rechnet sicher damit, dass wir uns die Entführung nicht ohne Weiteres gefallen lassen. Achte besonders auf jeden möglichen Hinterhalt. Lee traue ich alles zu.“

„Ich kann mir Lisbeths Geschmack nicht erklären, Dad. Sie muss von Lee hypnotisiert worden sein. Hör nur, die Gäste haben den Ranchhof erreicht, sie lachen und lärmen. So long, Dad!“

Daniel Rog verließ seinen Vater und begab sich auf sein Zimmer. Dort kramte er seine beiden 45er Colts aus der Truhe. Er steckte sie in die Holster eines alten Waffengurtes. Die Waffen und der Gurt stammten von dem einzigen Bruder seiner verstorbenen Mutter. Der alte Rog hatte sie Dan geschenkt und zu ihm gesagt: „Gebrauche sie nie, Dan. Sie sollen dich nur abschrecken und dir sagen, dass sie deinem Onkel – trotz seiner Schnelligkeit im Ziehen – nichts nützten.“

An diese Worte musste Dan jetzt denken. Der Vater hatte jedoch nie erfahren, wie oft Dan Schießübungen mit den beiden Eisen gemacht hatte. Er hatte so lange geübt, bis die beiden schweren 45er Colts ihm vertraut waren.

Dan schnallte den Gurt um. Danach bückte er sich und nahm Munitionsschachteln aus der Truhe. Er lud die Waffen und verzichtete dabei auf die Vorsichtsmaßnahme, die Trommel unter dem Abzugshahn leer zu lassen, wie jeder Cowboy es tat. Beide Colts wurden voll aufgeladen, so dass Dan im Notfall zwei Schuss mehr zur Verfügung hatte.

Der Koch klopfte an und stellt den Proviantpacken neben der Tür ab.

„Die Gäste sind da“, sagte er. „Der Boss hält eine Ansprache. Die Gäste stehen da wie auf einer Beerdigung. Nur die Leiche fehlt, Dan.“

„Ich werde sie liefern, aber es werden noch einige Tage bis dahin vergehen.“

„Vielleicht war es nicht Lee, sondern irgendein anderer.“

„Es war Lee.“ Dan schnitt dem Koch das Wort ab. „Ich werde mir Lee vor die Eisen holen.“

„Viel Glück! Vorher aber solltest du die Gäste und vor allem Ben Rudley begrüßen.“

„Ich verschwinde durch die Hintertür, Pfannenschwenker. Ich kann meinem Freund Ben nicht in die Augen sehen. Ich schäme mich für meine Schwester Lisbeth. – So long!“

Ben Rudley war Dans Freund, und was Lisbeth diesem angetan hatte, brannte Dan wie Feuer im Herzen. Er wollte nicht sehen, wie Ben gedemütigt wurde, wollte nicht das versteckte Grinsen in den Gesichtern der Männer sehen.

Dan Rog atmete auf, als die Hintertür hinter ihm zuschlug und er im Freien stand. Das wenige Gepäck ließ sich leicht tragen. Deutlich hörte er die Stimme seines Vaters und das Scharren der Pferdehufe. Keiner der Zuhörer unterbrach den Rancher, alle lauschten seinen Worten.

Dan entfernte sich rasch im Schutze des Hauses und kam ungesehen zum Corral. Dort fing er seinen Rappen ein, einen prächtigen Wallach. Dan vermied es, den Ranchweg zu reiten. Er wollte nicht gesehen werden und ritt an den Corrals entlang. Wenig später war er im freien Weideland, das sich in Hügeln und Senken bis zu den Bergen hinzog. Dabei achtete er darauf, dass er die Fährte nicht verlor. Schon bald war er außer Hörweite der Ranch.

Drei Meilen etwa hatte Dan hinter sich gebracht, als er seitlich eine Bewegung ausmachte. Sofort ritt er in Deckung und hielt Ausschau. Wenig später sah er einen Reiter, der aus der gleichen Richtung wie er selbst kam. Der Reiter war allerdings noch zu weit entfernt, als dass er ihn an der Art zu reiten hätte erkennen können.

„Wenn das Fred oder Sam ist, dann zum Teufel mit ihnen! Ich kehre nicht mehr um.“

In der Deckung von Hügeln und Strauchwerk setzte Dan seinen Ritt fort. Immer noch blieb er auf der Fährte, der er von der Ranch her gefolgt war. Wie Dan feststellen konnte, war George Lee den Wachtposten an der Herde der Triangel-Ranch ausgewichen. Er bekam die Herde allerdings nicht zu sehen; das Gesträuch war ein guter Schutzwall.

Wieder verstrich eine Stunde. Dan sagte sich, dass er den Mann, der parallel mit ihm geritten war, jetzt abgeschüttelt haben musste.

„Nein, ich lasse mich nicht mehr aufhalten!“, keuchte er. Die eigene Stimme klang ihm fremd und heiser in den Ohren.

Um die Mittagszeit lagen die Bergmassive deutlich sichtbar vor ihm. Sie schienen so nahe zu sein, als wären sie mit der Hand zu greifen. Dan wusste aber, dass er noch bis zum Einbruch der Nacht würde reiten müssen, um die Ausläufer der Berge zu erreichen. Dieses Gebiet war ihm völlig fremd. Die unwegsame Wildnis schien jedem Reiter Halt zu gebieten.

Auf dieses wilde Gebiet zu führte die Fährte. Dan hoffte allerdings, dass sie vorher abschwenken würde. Selbst Rinderdiebe fühlten sich in einem so wilden und rauen Land nicht wohl.

So dachte Dan, als er abermals den Reiter wahrnahm, den er schon zuvor gesichtet hatte und abgeschüttelt glaubte.

„Ben?“, kam es ungläubig über seine Lippen.

Es war tatsächlich Ben Rudley, der Mann, der heute Hochzeit halten und seine Schwester Lisbeth hatte heimführen wollen. Er kam aus dem Triangel-Weidegebiet geritten und schien sich bei Dans Anblick in den Steigbügeln aufzustellen. Sein Pferd zeigte Schweißflocken am Maul und an den Flanken. Rudley war scharf geritten, sonst würde er gegen Dans Rappen keinen Boden gewonnen haben.

Es gab wenig später nicht den geringsten Zweifel. Der Reiter war wirklich der Bräutigam, war Dans Freund Ben Rudley.

 

2.

Ben Rudley winkte aufgeregt, und Dan Rog blieb nichts anderes übrig, als sein Pferd in die neue Richtung zu lenken. Bald trafen die beiden Männer zusammen.

Hellblondes Haar quoll unter Ben Rudleys Stetsonkrempe hervor. Blaue Augen in einem schmalen Gesicht, breite Schultern und schmale Hüften vollendeten eine Erscheinung, wie man sie nur selten sah.

Dan kannte seinen Freund und wusste, dass Ben ein ruhiger Mann war, wortkarg und verschlossen. Er war kein Junge, der Mädchen mit seinem Temperament hätte begeistern können. Erstaunt sah er auf Dans 45er Colts, blickte dann aber seinem Freund in die Augen, und bevor Dan etwas äußern konnte, sagte Ben Rudley: „Jube ist verwundet, komm mit zurück!“

Dan zuckte zusammen. Er wusste, dass Jube, der Benjamin der Triangel-Crew, bei der Herde Wache hatte. Ganz ohne Aufsicht konnte man die riesige Herde nicht lassen, und auf Jube war das Los gefallen, sie zu bewachen. Sicherlich war das nicht ohne Tricks geschehen. Die jüngsten Männer der Mannschaft hatten so etwas immer auszubaden.

Schweigend nahm Dan die Zügel auf und ritt an. Ben Rudley setzte sich an seine Seite, und Bügel an Bügel ritten sie den sanften Hang hinauf. Von der Kuppe aus konnte Dan einen Blick auf die Herde werfen, die durch das dahinterliegende Tal zog. Schon beim ersten Anblick der Rinder konnte man feststellen, dass es erstklassige Tiere waren.

Auf einer kleinen Erhebung befand sich die Weidehütte. Es war eine aus Birkenstämmen errichtete Schutzhütte. Daneben stand der Küchenwagen.

Dann sahen sie den jüngsten Reiter aus der Triangel-Mannschaft. Er hockte vor der Hüttentür und versuchte zu grinsen, was allerdings misslang. Sein in Streifen gerissenes Hemd diente ihm als Verband und Armschlinge.

Dan schwang sich aus dem Sattel, und Ben Rudley folgte seinem Beispiel.

„Was ist los, Jube?“

„Sie haben etwa hundert der besten Zuchtrinder weggetrieben, Dan“, sagte Jube und versuchte sich zu erheben, was ihm aber nicht gelang. Dan erkannte die Ursache. Die roten Striemen an den Handgelenken des Jungen zeigten es an. Man hatte ihn gefesselt, und das ziemlich rau und rücksichtslos. Auch an den Fußgelenken waren Striemen zu sehen. Ben Rudley hatte Jube aus seiner schrecklichen Lage befreit und dann erst Dan geholt.

„Sie kamen ganz offen, Dan“, fuhr Jube fort. „Es war ein Dutzend hartgesottener Reiter. Sie wussten ganz genau, dass ich allein an der Herde war, und dass sie spielend mit mir fertig werden konnten. Ich versuchte es dennoch. Aber sie schossen mir die Waffe aus der Hand, und eine weitere Kugel streifte meinen Arm. Er fühlt sich ganz steif an.

„Hast du einen von ihnen erkannt?“

„Nein, Dan, nicht einen der Reiter habe ich jemals vorher gesehen. Sie waren alle bis an die Zähne bewaffnet. Ich war ein Narr, ich hätte fortreiten sollen. Doch ich entschloss mich, ihnen die Stirn zu zeigen und zu kämpfen. Das hätte ich lieber lassen sollen.“

Dan antwortete nicht. Er beugte sich über Jube und löste dessen provisorischen Verband. Vorsichtig ging er zu Werke. Der Streifschuss war nicht weiter schlimm. Dan ging zu seinem Pferd, nahm Verbandszeug aus der Satteltasche und legte einen fachgerechten neuen Verband an.

„Einer der Schufte sagte zu mir: Wir holen die Aussteuer für unseren Boss, Freund. Jedes Mädchen bekommt eine Aussteuer. Unserem Boss würde dein Rancher sie nicht geben, deshalb holen wir uns, was ihm zusteht.“

Dan Rog antwortete nicht. Er bemerkte, wie Ben Rudley zusammenzuckte und tief Luft holte. Mit dem Unterarm wischte er sich den Schweiß von der Stirn.

„Dan, ich habe überhaupt nichts von alledem begriffen. Was wollte der Schuft mir eigentlich mit seinen krummen Worten klarmachen?“, fragte Jube.

Der junge Cowboy bekam keine Antwort auf seine Frage.

„Kannst du reiten?“, wandte sich Dan an ihn.

„Ich denke schon. Wenn ich im Sattel sitze, wird es schon gehen.“

„Wir heben dich in den Sattel, und du reitest zur Triangel-Ranch und machst dort deine Meldung, Jube.“

„Keiner von euch begleitet mich?“, forschte Jube erstaunt und sah von einem zum anderen.

Ben Rudley bewegte sich unruhig. Sein Blick war in die Ferne gerichtet.

„Bist du sicher, dass George Lee nicht bei den Rustlern war, Jube?“, fragte Dan.

„Ich kenne Lee. Nein, er war nicht bei der Bande.“

Dan schien erleichtert zu sein. Er machte sich auf, um Jubes Reitpferd zu holen. Als er an Ben Rudley vorbeiging, sagte er ruhig: „Vielleicht wusste Lisbeth davon?“

„Ich glaube es nicht, und ich will es auch nicht glauben, Ben. Aber ich begreife dich, ich habe Verständnis für deinen Groll und Hass. Werd erst einmal wieder ganz ruhig, dann …“

„Ich bin ruhig“, erwiderte Ben. „Verlang aber nicht von mir, dass ich Hosianna schreie. Das ganze Land wird bereits über mich lachen. Deine Schwester hat mich verraten!“

Die Blicke der beiden Männer kreuzten sich. Bis jetzt waren sie noch Freunde, aber sollte das anders sein, wenn sie auseinandergingen?

Jeder der beiden suchte im Blick des anderen zu lesen.

„Es ist die dritte Zuchtrinderherde, die sich die Schufte aussuchten“, erklärte Jube. „Wie lange wollen sie es eigentlich noch treiben? Das ganze Land rauben sie aus, und niemand weiß, wohin sie die Rinder bringen. Alle Spuren enden irgendwo auf hartem Gestein. Man könnte glauben, dass die Viehdiebe mitsamt den Rindern Flügel bekommen hätten.“

Keiner der beiden Männer achtete auf Jubes Worte.

„Du willst Lisbeth vergessen, Ben“, murmelte Dan nur so laut, dass sein Freund ihn verstehen konnte. „Du willst sie dir jetzt nach diesem Treuebruch aus dem Herzen reißen.“

„Nein, ich kann es nicht, und jetzt lache, lache über meine verteufelte Schwäche!“, erwiderte Ben rau. „Sicherlich bin ich der größte Narr, den es in diesem Land gibt. Drei Jahre lang habe ich versucht, meine Liebe zu ersticken. Es blieb beim Versuch, Dan, ich schaffe es nicht. Ich weiß nur, dass ich sie immer noch liebe, wie weh sie mir auch tat und wie lächerlich sie mich auch machte. Ich kann sie nicht vergessen, nie werde ich es können! Ihr Bild wird immer in meinem Herzen lebendig bleiben.“

Ben senkte den Blick. Er zuckte zusammen, als sich Dans Rechte schwer auf seine Schulter legte.

„Was willst du tun?“, fragte Dan.

„Auf keinen Fall zurückreiten“, erwiderte Ben, ohne zu zögern. „Es würde ein Ritt in die Hölle für mich sein, und das könnte ich nicht.“

„Wegen der Leute?“

„Ich habe ihre Blicke gespürt. Schadenfreude scheint den meisten das größte Vergnügen zu bereiten. Vorerst kann ich mich nirgends blicken lassen. Mein Vater weiß Bescheid. Er gab mir recht, als ich ihm mitteilte, dass ich für einige Zeit untertauchen wollte. Er sah ein, dass es das Beste ist. Ich habe mir Lees Fährte genau angesehen und bin ihr gefolgt. Es war leicht. Auf dich habe ich nicht zu achten brauchen. Ich wollte eigentlich nicht gesehen werden und vermied es so, direkt auf deiner Fährte zu reiten, doch dann entdeckte ich, was hier passiert war, und entschloss mich, dich zu informieren.“

„Das war recht so, Ben. Hilf mir jetzt, Jube in den Sattel zu setzen.“

„Verlange nur nicht von mir, dass ich ihn zur Ranch begleiten soll, Dan.“

Dan schüttelte den Kopf. Gemeinsam packten sie zu, und wenig später saß Jube im Sattel.

„Ihr braucht mich nicht einmal festzubinden“, sagte der junge Cowboy. „Schon der Gedanke daran, dass ich wieder gefesselt werden könnte, jagt mir kalte Schauer über den Rücken. Ich glaube, ich werde nun immer Angst haben, wenn ich einen Strick zu sehen bekomme. Die Nacht, in der ich gefesselt daliegen musste, war die schlimmste in meinem bisherigen Leben.“

„Es werden noch schlimmere kommen“, sagte Ben Rudley mit heiserer Stimme. „Es ist nur gut, dass man nicht weiß, wann das der Fall ist. Wirst du ohne Hilfe auskommen?“

„Ich bin kein Invalide“, erwiderte Jube grinsend. „Eine Zeitlang kann die Herde ohne Aufsicht sein. Ich nehme an, dass keiner von euch beiden Herdenarbeit machen will?“

„Wieso nimmst du das an, Jube?“, wollte Dan wissen.

„Du hast deine 45er Colts angelegt. Du wirst den Viehdieben folgen, oder?“

„Ich glaube nicht.“

„Nicht?“, staunte Jube und riss die Augen weit auf. „Ich verstehe immer weniger. Bei der Hochzeit fehlt eine der Hauptpersonen, der Bräutigam. Er reitet mit dir auf der Weide herum. Was hat das alles nur zu bedeuten, zum Teufel?“

„Reite und versuche nicht zu denken!“, erwiderte Dan barsch. „Vergiss, dass du uns beide zusammen gesehen hast. Und jetzt mach, dass du dich davontrollst!“

Diese Sprache verschlug Jube den Atem. Wütend ritt er los.

„Das verstehe, wer will“, murmelte er vor sich hin. „Die beiden sind doch von sich aus von der Hochzeit geflohen. Nun, von mir aus können sie tun, was ihnen beliebt. Hoffentlich ist die Feier auch ohne sie im Gange.“

Jube ritt schneller, und als er einigen Abstand von der Herde hatte, drehte er sich um. Er konnte noch erkennen, dass die beiden Männer nicht der breit daliegenden Spur folgten, die von der etwa hundert Rinder starken Herde zurückgelassen worden war, sondern in einem Buschgürtel untertauchten.

„Nun verstehe ich überhaupt nichts mehr! Das ist doch kein Tag zum Spazierenreiten!“, knurrte Jube wütend.

Er hielt sich tapfer im Sattel. Als er auf den Ranchweg gelangte, kam ihm Fred Rog auf seinem Braunen entgegengeritten. Sie näherten sich schnell und hielten beim Zusammentreffen ihre Pferde an.

„He, was ist mit dir los, Jube?“

Jube berichtete alles und erkundigte sich dann nach der Feier.

„Du wirst es nicht glauben, Fred“, sagte er, „die kleine Verwundung zählt nicht mehr. Ich habe gehört, dass Linda Dahl auch an der Feier teilnimmt?“

„Ja, sie ist da.“ Fred grinste ihn fast böse an. „Sie hat aber noch niemanden auf ihr Tanzblatt geschrieben.“

„Dann komme ich ja noch zurecht, um mich vormerken zu lassen.“

„Es wird nicht getanzt“, erwiderte Fred wütend. „Es wird getrunken, ja, es wird mehr

getrunken als auf einer Hochzeitsfeier. Die Männer lassen sich volllaufen.“

„He, ist das nun eine Hochzeitsfeier oder nicht?“, wollte Jube wissen.

„Reite nur hin und schau es dir an“, erwiderte Fred bissig. „Dreimal gehörnte Mavericks, begreifst du noch immer nichts?“

„Nur das eine, dass der Bräutigam alles andere als fröhlich über die Weide reitet und es mit deinem Bruder Dan sehr eilig hatte, nach Westen zu trailen. Ist die Trauung schon so früh über die Bühne gegangen, Fred?“

Fred Rogs unnatürliches Lachen ließ ihn jäh erkennen, dass etwas Unheimliches vorgefallen sein musste. Er konnte dieses in den Ohren gellende Lachen nicht länger ertragen. Er ritt weiter auf die Ranch zu und murmelte leise: „Schade, nun ist auch Fred übergeschnappt. Es ist schlimm, wenn erwachsene Männer sich wie Narren betragen.“

War nun eigentlich geheiratet worden oder nicht? Diese Frage war offen geblieben. Fred Rog hatte sie nicht beantwortet. Der junge Rancherssohn ließ jetzt sein Pferd in die Richtung stürmen, in der die Herde war.

Was ist nur auf der Triangel los, fragte sich Jube, als er auf den Ranchhof ritt. Nur wenige Pferde und Wagen befanden sich dort. Nur einige Tische waren besetzt. Die Menschen bewegten sich langsam, kein Lachen und keine Musik waren zu hören, keine Anzeichen einer freudigen Feier waren vorhanden. Jube wischte sich über die Augen. Nein, das durfte nicht wahr sein!

 

 

3.

Die Hufstapfen der Rinder waren gut zu sehen. An die hundert Tiere hatten die Viehdiebe zusammengetrieben und in Marsch gebracht. Solange die Rinder über die Weide getrieben worden waren, ging die Fährte immer wieder in den Trittsiegeln der anderen Rinder unter. Jetzt aber, als die Dämmerung kam, lag die Weide weit im Osten zurück.

Fred Rog bewegte sein Pferd schneller. Er war auf diesem Ritt ganz auf sich allein gestellt. Er hatte auch nach der Fährte seines Bruders Dan und der Ben Rudleys Ausschau gehalten, hatte sie aber nicht entdecken können. Das hatte für ihn allerdings wenig Bedeutung. Was die Herde anbelangte, verließ er sich darauf, dass der junge Jube die Triangel-Crew alarmiert hatte. Sein Vater würde sicherlich den Befehl gegeben haben, die geraubten Rinder wieder aufzustöbern und, wenn möglich, den Rustlern abzunehmen.

Fred selbst brannte vor Ehrgeiz. Er wollte der erste sein und den Cowboys und vor allen Dingen seinem Vater beweisen, dass er schon ein harter Mann war, mit dem jede Gangsterbande rechnen musste.

Die Abendschatten legten sich über die Täler, als Fred die Vorberge erreichte. Sie bedeuteten kein Hindernis für ihn, denn das Jagdfieber hatte ihn gepackt.

Jetzt wird die Feier endgültig aus sein, dachte er. Die Gäste sind sicher abgezogen. Sie haben gut gegessen und getrunken, aber keine Hochzeit feiern können. Linda Dahl wurde dafür um so mehr bewundert und angehimmelt. Lisbeths Freundin hat diesen Tag genossen, als hätte sie einen persönlichen Sieg errungen.

Fred grinste in sich hinein. Es war kein gutes Grinsen, das er hervorbrachte. Er hatte Linda, die Freundin seiner entführten Schwester, im Auge behalten und erkannt, dass sie mit jedem gutaussehenden Mann flirtete. Und welcher Mann sah nicht gut aus? Alle Cowboys waren in sie verliebt, und Linda verschenkte ihr Lächeln so reichlich, dass er, Fred, es nicht mehr sehen mochte.

Fred hielt an, als die Fährte undeutlich wurde. Er ließ sich aus dem Sattel gleiten und vertrat sich die Füße. Das lange Reiten hatte seinen Körper ermüdet und die Glieder versteift. Es tat gut, sich ein wenig Bewegung zu verschaffen. Danach fiel es ihm wieder leichter, den Ritt fortzusetzen. Er folgte den jetzt nur undeutlich auszumachenden Spuren und versuchte, die Absicht der Banditen zu erraten. Ein Fichtenwald erhob sich wie eine schwarze Mauer vor ihm. Beim Näherreiten erkannte Fred, dass die Fährte am Waldrand abbog und zu einer Schneise im Gehölz führte. Dort brach sie ab.

Die Augen des jungen Mannes weiteten sich, als sich die Fährte an dieser Stelle auflöste. Leise kam es über seine Lippen: „Rindern wachsen doch keine Flügel, sie können nicht weggeflogen sein.“

Wieder stieg Fred aus dem Sattel. Es war inzwischen so dunkel geworden, dass er sich tief bücken musste, um die Fährte zu untersuchen. Die Schneise, die durch das Gehölz führte, war in Wirklichkeit eine Erhebung, auf der der Untergrund sehr fest war. Die Bande hatte diese Tatsache genützt und die Rinder über den harten Boden getrieben, um dadurch die Spuren zu löschen.

Fred ergriff sein Pferd am Zügel und führte es hinter sich her. Er warf schnelle Blicke nach allen Seiten, aber es war wenig ringsum zu erkennen. Der Wald wich etwas weiter zurück, und der Boden wurde immer felsiger.

Langsam tastete sich Fred vorwärts. In Gedanken verstrickt hätte er beinahe jene Stelle übersehen, an der sich der Weg gabelte. In welche Richtung hatte man die kleine Herde getrieben?

Die Dunkelheit behinderte Freds Arbeit, doch er ließ sich nicht abhalten. Das Jagdfieber hatte ihn gepackt. Er atmete erregt, als er nach eifrigem Suchen eine weitere Spur fand. Es sah aus, als hätte jemand mit Reisig etwas auswischen wollen. Er bekam Gewissheit, als er einen Lärchenzweig entdeckte, der achtlos fortgeworfen worden war. Die Kerle mussten ihrer Sache so sicher gewesen sein, dass sie sich keine große Sorgfalt auferlegten. Sicherlich hatten sie angenommen, dass ihnen niemand bis hierher folgen würde.

Wenig später entdeckte Fred einen Dunghaufen, und das gab ihm vollends Gewissheit. Er blieb wieder stehen und lauschte in den Abend hinein. Alles blieb ruhig.

Fred brauchte nicht mit Verstärkung zu rechnen. Die Reiter der Crew konnten ihn noch nicht einholen. Die Nacht war ein so großes Hindernis, dass es für die Männer schwer war, auf seiner Fährte zu bleiben.

Jetzt ging es nur noch sehr langsam vorwärts. Die Rinder waren über einen Hang hinweg und dann entlang einer riesigen Felsleiste getrieben worden. Dann führte die Spur abwärts in eine dunkle Schlucht. Vor dem sich dunkel auftuenden Felsenmaul schreckte Fred zurück. Vor ihm lag Niemandsland.

Doch Fred tastete sich langsam weiter, sein Pferd am Zügel hinter sich herführend. Sein Brauner bereitete ihm keine Schwierigkeiten. Freds grimmige Sorgfalt ließ nicht nach, doch er übersah so manches, das einem erfahreneren Mann nicht passiert wäre. Vor allem verstand er es nicht, die Geräusche der Natur zu deuten. Noch nie war Fred auf sich allein gestellt gewesen. Sein Leben war bisher glatt verlaufen. Die Gegend hätte einem weniger furchtlosen Mann wie ihm gewiss große Sorge bereitet.

Fred grinste ein wenig über sich selbst, doch er gab nicht auf. Was ihm sehr zu schaffen machte, war die Dunkelheit. Er überwand seine Hemmungen und die Angst, die ihn vor dem Schluchteingang zur Umkehr bewegen wollte. Er atmete schwer, seine Rechte senkte sich auf den Kolben seines Revolvers. Das feste Holz des Walnussgriffs beruhigte ihn. Er tastete nach seiner Munition. Eine Handvoll loser Patronen war in der Jackentasche, eine Schachtel voll trug er im Innenfutter seiner Jacke. Er hatte also genügend Munition bei sich, um nicht schon nach einigen Schüssen aufgeben zu müssen.

Die Dunkelheit in der Schlucht wirkte drohend, und auch das Pferd folgte ihm nicht mehr so willig wie vorher. Es hatte die Ohren gespitzt und die Nüstern gebläht. Sanft redete Fred auf das Tier ein. Die Schlucht nahm sie auf. Steil hoben sich die Felswände zu beiden Seiten und ließen weit oben nur einen Lichtausschnitt frei. Das Gekreisch von aufgestörten Adlern ließ Freds Pferd auskeilen.

Der Boden in der Schlucht hob sich wieder. Fred spürte deutlich, dass es nun bergan ging. Die Felswände wurden niedriger und traten weiter zurück. Es ging auf eine Hochebene hinaus, die mit Föhren und Gesträuch bewachsen war. Hier war es trotz der Dunkelheit leichter, dem Pfad zu folgen, den die Viehdiebe benutzt hatten. Niedergetrampeltes Buschwerk war ein guter Anhaltspunkt.

Der Begriff für Zeit war Fred Rog verlorengegangen. Als er anhielt, um sich und seinem Pferd eine Ruhepause zu gönnen, hatte er das Gefühl, auf einer verteufelt heißen Fährte zu sein. Wieder musste er an Daniel und Ben denken und warf einen Blick zurück, doch hinter ihm regte und rührte sich nichts. Er sah ein, dass jetzt keine Hoffnung mehr bestand, dass die Triangel-Crew ihm zu Hilfe kam. Das lange Marschieren hatte an seinen Kräften gezehrt. Als er weiterging, glaubte er, Bleigewichte an seinen Füßen zu haben.

Etwas wie Stolz kroch in ihm hoch. Die Triangel-Crew würde staunen, wenn sie von seiner Leistung erfuhr. Man würde ihn dann ganz anders ansehen. Niemand würde mehr „Boy“ zu ihm sagen. Mit dieser Tat war er ein ganzer Mann geworden, ein echtes Mitglied einer rauen Mannschaft.

Diese Gedanken machten Fred glücklich und ließen ihn die Strapazen besser ertragen.

Jäh wurde er aus seinen Gedanken aufgeschreckt. Ganz dicht an seinem Kopf hörte er das böse Pfeifen einer Kugel und sofort danach die Schussdetonation. Irgendwo hinter ihm schlug das Geschoss in die Wipfel der Föhren. Es gelang ihm, sich und sein Pferd in Deckung zu bringen, und das keinen Augenblick zu früh; denn schon suchten weitere Kugeln nach ihm.

Fred konnte niemand sehen, er konnte nur die Stelle ausmachen, wo die Schussblitze unter ihm am Abhang aufglühten. Vorsichtig steckte er den Kopf aus der Deckung. Er konnte erkennen, dass der Pfad in Zickzackwindungen zu Tal führte. Über den ganzen Hang verstreut lagen kleine Felssockel. Es gab kein besseres Gelände für einen Hinterhalt als das vor ihm liegende.

Eine Kugel zwang ihn, den Kopf wieder in die Deckung zurückzunehmen. Erneut peitschten Schüsse auf, und sein Stetson wies nun zwei hässliche Löcher auf. Fred steckte den rechten Zeigefinger in das vordere Einschussloch. Danach wurde ihm die Kehle eng. Ein Kälteschauer überflutete seinen Rücken. Jetzt war ihm klar, dass das hier kein Indianerspiel war, sondern raue Wirklichkeit. Er zog den Finger aus dem Loch und nahm den Colt aus dem Holster. Gleichzeitig fingerte er nach einem abgebrochenen Ast. Auf die Spitze hängte er seinen Stetson und schob den Stock aus der Deckung. Sofort wurde geschossen. Im gleichen Augenblick aber erwiderte Fred das Feuer. Er zielte auf das Mündungslicht, das etwa fünfzig Yards von ihm entfernt aufgeblitzt war.

Ein Fluch wurde laut, Steine rollten den Hang hinab. Wie gebannt starrte Fred auf die Stelle, an der der Gegner gewesen war, aber er konnte nicht sagen, ob er getroffen hatte. Im Augenblick schien der Schütze jedoch nicht an die Fortsetzung des Kampfes zu denken.

Fred glaubte, auf einen Posten gestoßen zu sein, den die Viehdiebe zurückgelassen hatten. Es war anzunehmen, dass die Schießerei von den anderen Banditen gehört worden war, und dass sie zurückkehren würden.

Als Fred so weit in seinen Gedanken gekommen war, konnte er nur mühsam den Wunsch unterdrücken, die Flucht zu ergreifen. Er bezwang die Panik, die in ihm aufkommen wollte. Fahrig wischte er sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn und lag dann ganz still. Sein Atem ging schwer. Sein Herzschlag erschien ihm so laut, dass er das Gefühl hatte, man müsste ihn auf der Talsohle hören.

Wieder dachte Fred daran zu fliehen, doch dann sagte er sich, dass er im Niemandsland war, und dass seine Gegner das Gelände wie ihre Westentasche kennen würden. Die Chancen für ein Gelingen der Flucht standen also schlecht. Es wurde ihm bewusst, dass er von den Rustlern keine Gnade zu erwarten hatte. Sie würden nicht nach seiner Jugend fragen und auch nicht danach, dass er ein Rancherssohn war.

„Nun, ich selbst habe es herausgefordert“, kam es leise über seine ausgetrockneten Lippen. „Ich selbst habe den Tanz gewollt. Gut denn! Fred Rog ist nicht irgendwer, der beim ersten Kugelwechsel den Kopf verliert und davonläuft. Ihr werdet es erfahren.“

Fred schluckte, seine Augenlider verengten sich zu schmalen Schlitzen. Die Hand aber schloss sich fest um den Griff seiner Waffe.

Die Stille, die nach dem Aufpeitschen der Schüsse eingetreten war, zerrte an den Nerven. Fred Rog gelang es, sich zu seinem Braunen zurückzuarbeiten, die Satteltasche zu leeren und den Inhalt an sich zu nehmen. Danach führte er das Pferd in eine Mulde, ohne dass er dabei gestört wurde. Der Hufschlag wurde bestimmt gehört, aber alles blieb still.

Die Mulde schützte das Tier besser als der vorherige Platz. Von hier aus konnte Fred sich zudem eine günstigere Verteidigungsposition suchen. Er fand sie unweit der Mulde und richtete sich auf das Weitere ein.

Unten auf der Talsohle bewegte sich ein Schatten, und Fred schoss sofort. Er sah, wie der Schatten im Gebüsch verschwand. Gleichzeitig ertönte das Brüllen eines Mannes. Jemand rief laut seine Kameraden zu Hilfe.

Fred begriff jetzt, dass sein Gegner zu entkommen trachtete und ohne Hilfe nicht daran dachte, weiterzukämpfen. Diese Feststellung nahm Fred etwas von dem üblen Druck, zeigte sie ihm doch, dass er seine Schüsse gut platziert haben musste.

Eilig lud Fred seine Waffe nach. Das geschah keinen Augenblick zu früh, denn schon ertönte eine Antwort. Zweige brachen, dann krachte eine Winchester. Fred hatte sich nur kurz gezeigt, doch man schien ihn gesehen zu haben. Die Einschläge bewiesen, dass der Winchesterschütze mit seiner Waffe umzugehen verstand. Die Stellung des neuen Gegners war viel zu weit weg, als dass Fred seinen Revolver mit Erfolg hätte einsetzen können.

Die Stellung, in der sich Fred befand, war ziemlich eng und ließ ihm wenig Bewegungsfreiheit. Es war ihm nicht möglich, seinen Standort nach jedem Schuss zu wechseln. Er hatte nicht überlegt genug gehandelt, als er seine Deckung auswählte. Er machte Fehler, große Fehler, die alles entscheiden konnten. Er kämpfte und feuerte, und es war ihm nicht sehr wohl dabei zumute. Langsam begriff er, dass sich seine Lage verschlechterte. Es wurde jetzt aus mehreren Waffen auf ihn geschossen. Es kam hinzu, dass die Mündungsblitze immer näher herankrochen. Auch ein Greenhorn wie Fred bemerkte jetzt, dass man dabei war, ihn zu umzingeln. Er musste achtgeben, dass sich die Falle nicht schloss. Wenn sie ihn erst im Kreuzfeuer hatten, gab es für ihn keine Rettung.

Fred Rog erinnerte sich des Cowboys, den die Kameraden vor Monaten fanden, als er sich allein hinter den Viehdieben hergewagt hatte. Man hatte dreizehn Einschüsse bei ihm gezählt. Die Vorstellung, dass es ihm ebenso gehen könnte, machte Fred schaudern. Er fror, und die Zähne knirschten aufeinander.

Würde auch er bald so zerschossen sein wie der Cowboy? Würden ihn die eigenen Leute auch so finden? Noch lebte er, aber der Gedanke, dass er würde sterben müssen, wühlte alles in ihm auf.

By Gosh, ich bin noch viel zu jung, um schon zu sterben, dachte er grimmig. Das Leben fängt jetzt erst für mich an. Ich habe Linda Dahl noch nicht einmal geküsst, ich habe die Welt noch nicht gesehen. Schon dieses Land ist Niemandsland für mich, und dabei liegt die väterliche Ranch nicht weit entfernt.

Sollte das das Ende sein? Nein, Fred konnte es nicht glauben. Der Wille zu überleben wurde übermächtig in ihm. Es befriedigte ihn, dass die Geschosse, die nach ihm suchten, ihr Ziel verfehlten. Die Dunkelheit machte seinen Gegnern die Aufgabe, ihn von der Welt zu fegen, sehr schwer. Fred feuerte zurück und suchte seine Chance, so gut er es vermochte.

Ein schriller Schrei kündigte an, dass er einen der Gegner getroffen hatte. Er hörte danach einen Fall und dann ein wütendes Brüllen. Die Frage, ob er den Gegner verwundet oder gar getötet hatte, konnte er nicht beantworten. Das war auch nicht wichtig, von größerer Bedeutung war, dass man dabei war, ihn immer enger einzukreisen. Die Geschosseinschläge verrieten es nur zu deutlich. Er

hatte nicht mehr die Möglichkeit, in die Mulde zu seinem Pferd zu gelangen.

Die Mündungslichter zeigten das Näherkommen der Gegner an. Sie standen nahe vor der vollständigen Umzingelung und deuteten durch ihr Gebrüll schon ihren Triumph an. Jetzt wurde die Nacht zu den Verbündeten der Viehdiebe. Freds Unbehagen steigerte sich, als der Mond aufging und voll in sein Versteck hineinleuchtete.

Fred suchte fieberhaft nach einer Möglichkeit, der Bande zu entkommen. Das Mondlicht war ein weiteres Hindernis für ihn und kam den Viehräubern zustatten. Sobald einer der Kerle eine gegenüberliegende Felswand erklommen hatte, war Fred eine lebende Zielscheibe. Er konnte die Gegner nicht daran hindern, in die gegenüberliegende Wand einzusteigen. Der Colt in der Hand würde sie nicht hindern, und er hatte keine weittragende Waffe bei sich. Ohnmächtig würde er zusehen müssen. Der Tod stand deutlich vor seinen Augen, aber er war nicht gewillt, auf ihn zu warten.

Er musste die Deckung verlassen, ganz gleich, was daraus werden würde. Er ergriff einige Steine, warf sie in die Dunkelheit, zog die Beine an und verharrte sprungbereit. Als der Aufschlag erfolgte, sprang er los und wusste, dass er zu einer lebendigen Zielscheibe für seine Gegner wurde. In langen Sätzen hetzte er davon. Kugeln suchten nach ihm, und eine traf. Er hatte das Gefühl, als ob sein linker Arm plötzlich steif wurde. Es gelang ihm aber, die Mulde zu erreichen. Neben seinem Pferd tauchte er unter. Er rutschte nicht ganz in die Mulde hinein. Über den Rand hinweg feuerte er auf einen Gegner, der die Deckung verlassen hatte und nachsetzen wollte.

Der Mann stolperte, feuerte sich selbst vor die Stiefelspitzen, machte noch zwei Schritte, vorwärts und fiel dann vornüber in die Steine.

Das Schießen verstummte, zorniges Gebrüll drang zu Fred hinauf. Er lag ganz still und versuchte, seinen Colt nachzuladen, eine Arbeit, die ihm bei der gelähmten Linken viel Mühe bereitete. Es gelang ihm schließlich, und dann lag er nach Luft ringend wie tot am Muldenrand. Der Schmerz wühlte so stark in seinem verletzten Arm, dass er die Zähne zusammenbeißen musste. Er tastete nach der Verletzung. Blut klebte an seiner Hand. Wenn der Blutverlust ihn nicht vorzeitig schwächen sollte, musste er die Wunde verbinden.

Er riss sein Hemd vom Körper; es musste als Verband herhalten. Kaum hatte er den Notverband angelegt, als von der gegenüberliegenden Felswand ein Winchesterschütze das Feuer auf ihn eröffnete. Das Ende zeichnete sich ab. Die Flucht in die Mulde hatte nicht viel genützt, es gab weder zu Fuß noch zu Pferd ein Entkommen. Trotzdem wollte er es noch einmal versuchen.

Als Fred Rog den Kopf aus der Deckung nahm, fühlte er wieder den rasenden Schmerz im Arm. Rote Kreise tanzten vor seinen Augen.

Fred hörte nicht mehr, dass in diesem Augenblick noch mehr Winchesters aufbrüllten, und dass zorniges Geschrei das Tal erfüllte. Hufschlag klang auf, und eine hundertköpfige Rinderherde wurde in einen stampedenhaften Marsch gesetzt.

 

*

 

Als kaltes Wasser über Freds Gesicht lief, kam er wieder zu sich. Er hob die Augenlider und erkannte seinen Bruder Dan, der sich über ihn beugte.

„Nur Schrammen hat er abbekommen, Ben. Es erscheint fast unglaublich. Er war so voll Blut, dass ich das Schlimmste befürchtete. Er ist nicht einmal ernstlich verletzt. Hat der Bursche Glück gehabt!“

„Dabei hat er zwei Rustler erschossen, Dan!“ Ben Rudleys Stimme war aus dem Hintergrund zu hören. „Dein Bruder hat seine Feuerprobe wie ein Mann bestanden. Er wird ohne Hilfe zurückreiten können, Dan.“

„Zum Teufel, ich denke nicht daran!“, meldete sich Fred wütend. Er versuchte sich zu erheben, und es gelang ihm erstaunlich gut, er fiel nicht einmal zurück. „Ich bin so zäh wie ihr“, fuhr er aufgebracht fort. „Wo sind die Kerle? Los, ihnen nach! Reiten wir.“

„Nun aber sachte“, grinste Ben, der jetzt in Freds Blickfeld kam. Der Wind blähte sein blondes Haar wie eine Löwenmähne auf. Er sah streng auf Fred herab. „Das nächste Mal würde ich an deiner Stelle keine Mulde als Verteidigungsplatz wählen, Boy, und würde schon gar nicht in Ohnmacht fallen. Fast hätten sie dich in die ewigen Jagdgründe befördert, aber das ist nicht mal das Schlimmste.“

„Gibt es noch Schlimmeres?“, fauchte Fred wütend.

„Ja, dass du nämlich in deiner Ohnmacht nur von Linda Dahl gesprochen hast, Freund“, grinste Ben. „Es ist doch kein gutes Zeichen, wenn ein Mann wie du sich in ein solches Mädchen verliebt.“

„Zum Teufel, habe ich tatsächlich von Linda gesprochen, Dan?“, wollte er wissen und machte dabei ein ziemlich verstörtes Gesicht.

„Ja“, bestätigte der Bruder, „aber wie fühlst du dich?“

„So gut, dass ich dich frage, was wir überhaupt noch hier machen. Jagen wir hinter ihnen her.“

„Erst brauchst du ein wenig Erholung, Fred“, wich Dan aus.

„Ich brauche keine Erholung.“

„Nicht? Dann kannst du uns gleich helfen, die beiden Toten zu bestatten.“

Fred schluckte. Mit weit aufgerissenen Augen sah er seinen Bruder an.

„Nur das nicht!“, keuchte er dann. „Es genügt, dass ich sie tötete.“

„Dann verhalte dich also ruhig, Fred“, sagte Dan. „Komm, Ben, sehen wir uns die beiden Toten noch einmal genauer an. Vielleicht finden wir doch noch etwas, was uns weiterhilft.“

„Ich habe sie mir angesehen, es sind Fremde. Pech ist nur, dass die Bande abhauen konnte. Wir wissen jetzt, dass wir es mit verteufelt hartgesottenen Burschen zu tun haben. Sie haben hier nirgendwo im Niemandsland ihr Hauptquartier, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass George Lee deiner Schwester Lisbeth zumutet, in einem solchen Land zu leben. Ich glaube, dass es jenseits der Wildnis im Westen noch einiges gibt, das wir uns ansehen sollten, bevor wir darangehen, das Nest in den Bergen auszuheben.“

„Wer sagt dir, dass Lisbeth freiwillig mit George Lee fortritt?“, fragte Fred mit funkelnden Augen.

Ben gab keine Antwort. Er zuckte nur mit den Schultern und winkte Dan zu. Die beiden Männer entfernten sich.

Fred rief ihnen nach: „Von jetzt an lasse ich mich nicht mehr wie einen dummen Jungen behandeln, Dan! Du bist nicht viel älter als ich.“

Dan antwortete nicht.

Fred ballte beide Fäuste. Seine bleischweren Lider schlossen sich von selbst. Er schlief ein, ohne sich dagegen wehren zu können.

 

 

4.

Das zweite Erwachen war eine Überraschung für Fred Rog. Es regnete in Strömen. Über ihm zeigte ein vorspringender Felsen an, dass das Camp gewechselt worden war. Sein Blick fiel auf die Pferde. Sie standen dicht am Felsen, und sein Brauner hatte einen Schleppschlitten hinter sich, wie ihn die Indianer zum Transport von Hausrat, Verwundeten und Toten benutzten. Das frische Holz zeigte an, dass er erst vor kurzer Zeit fertiggestellt worden war.

Rauchgeruch ließ Fred den Kopf zur Seite wenden. Vor einem offenen Feuer hockten sein Bruder Dan und Ben Rudley.

„Dieser Regen hat die Fährte völlig ausgelöscht, Dan“, sagte Ben Rudley. „Das hat uns gerade noch gefehlt.“ Bei diesen Worten hantierte er mit seinem Colt. Er säuberte ihn sorgfältig, dann schob er den Lauf der Waffe in ein Einschussloch von Freds Stetson und ließ diesen um den Coltlauf kreisen.

Dan Rog lehnte mit dem Rücken gegen die Felswand und schaute dorthin, wo ein Wasserfall über den Felsen herabstürzte und Geröll und Strauchwerk mit sich riss. Der Himmel war grau, und unablässig schickte er seine Wassermassen herunter. Es hatte sich stark abgekühlt, und ohne das Feuer würde es ungemütlich gewesen sein. Der Rauch zog nur träge ab, doch die Männer wurden dadurch nicht belästigt. Es war für Fred erstaunlich, wie gelassen Dan und Ben die Untätigkeit ertrugen, die der Regen ihnen aufzwang. Beide schienen keine Nervosität zu kennen und Geduld und Ausdauer in hohem Maße zu besitzen.

„Freunde“, fragte Fred, „warum geht es nicht weiter?“

Ben Rudley drehte sich zu ihm um und warf ihm einen scharfen Blick zu. Dann sagte er trocken:

„Ohne dich hätten wir den Rustlern die Rinder abgenommen. Mit dir vertrödelt man nur die Zeit, Boy. Du hättest zu Hause bleiben sollen.“

„Nenne mich nicht wieder Boy!“, brauste Fred auf.

„Sachte!“, knurrte ihn jetzt Dan böse an. „Wenn du meutern willst, bringt Ben dich zur Ranch zurück. Du hast ein paar Schrammen, liegst aber flach wie ein Baby. Du bereitest uns schon genug Ärger, also benimm dich!“

Ben lachte leise in sich hinein.

Fred richtete sich wütend auf. Eine scharfe Antwort lag ihm auf der Zunge, doch er entschloss sich zu schweigen. By Gosh, hatte er den beiden Männern nicht gezeigt, was für ein Kämpfer er war? Warum putzten ihn die beiden immer wieder herunter, nannten ihn Boy und zeigten durch ihr Benehmen, dass sie ihn für einen kleinen Jungen hielten? Er fühlte sich wieder so wohl, dass er für niemanden ein Hindernis sein würde. Sein Arm ließ sich wieder bewegen. Zwar schmerzte er noch, aber es ließ sich ertragen, und die Glieder waren nicht mehr bleischwer.

Fred prüfte seinen Verband und machte eine neue Feststellung. Man hatte ihn frisch verbunden, und das sehr ordentlich.

Dan erhob sich. Er ging zu seinem Pferd und nahm Proviant aus seinem Packen. Wortlos teilte er und gab jedem den gleichen Anteil. Danach nahm jeder einen Schluck aus seiner Feldflasche. Das Gemisch aus Wasser und Whisky wirkte belebend. Es wurde gegessen und getrunken, aber es wollte so recht kein Gespräch auf kommen. Jeder hing seinen Gedanken nach. Dan wandte sich nach einer Weile an seinen Freund: „Du bist also fest entschlossen, bei uns zu bleiben?“

„Ja.“

„Jetzt noch, nachdem Lisbeth dir das antat?“

„Ja“, kam es leise von Ben Rudleys Lippen. Dabei strich er sich über sein langes blondes Haar. „Ich liebe sie“, sagte er wie im Selbstgespräch. „Was immer auch ist, ich kann diese Liebe nicht aus meinem Herzen reißen.“

„Nimmst du dir nicht zu viel vor? Was wird sein, wenn du ihr wieder begegnest?“, fragte Dan. „Es wird verteufelt schwer für dich werden. Ein Mensch kann nicht alles ertragen, jeder hat nur ein gewisses Maß an Kraft. Überlege es dir gut. Ich möchte nicht, dass unsere Freundschaft vor die Hunde geht, Ben.“

„Mach dir keine Sorgen, Dan“, sagte Ben Rudley und warf Fred den durchlöcherten Stetson zu. Fred fing ihn geschickt auf.

In Freds Augen zeigte sich Erstaunen. Die Worte seines Bruders hatten ihm bewiesen, dass dieser ihn bereits in seine Pläne miteinbezogen hatte. Warum redete der Bruder trotzdem noch so von oben herab, wenn er mit ihm sprach?

Wieder herrschte Schweigen. Der Himmel verdunkelte sich immer mehr. Ab und zu wurde trockenes Holz auf das Feuer geworfen. Ben schlug vor, eine Wache auszulosen, doch Dan winkte ab.

„Wozu bei diesem Regen?“, sagte er. „Wir brauchen hier keine Wache. Rollen wir uns in unsere Decken und legen wir uns schlafen.“

Ben Rudley widersprach, doch Dan setzte sich mit seiner Meinung durch. Das war typisch für Dan. Er duldete es nicht, dass man ihm widersprach. Er schien sich als Boss zu betrachten.

Nur widerstrebend gab Ben nach. Er holte sich wie Dan seine Decke und rollte sich darin ein.

Lautes Schnarchen verriet Fred bald, dass die beiden Männer eingeschlafen waren. Er selbst konnte nicht schlafen und erhob sich. Er vertrat sich die Beine und sog tief die Nachtluft ein.

Der Regen wollte nicht aufhören. Sein monotones Trommeln hielt unverändert an.

„Morgen wird weitergeritten, ich bin fit und bin kein weiteres Hindernis mehr“, sagte Fred leise vor sich hin und wandte seinen Blick zu den beiden Schläfern. „Ich will ihnen zeigen, was sie an mir haben. Sie sollen noch staunen.“

Fred blieb bis Mitternacht wach und hielt Wache. Es geschah nichts. Der Himmel mochte wissen, wo die Viehdiebe mit der Zuchtrinderherde bereits waren. Zwei der Kerle würden allerdings keine Rinder mehr von fremden Weiden wegtreiben können. Ihre Gräber lagen im Niemandsland, den eigenen Kumpanen unbekannt. Bald würde auch die Erinnerung an sie bei ihnen ausgelöscht sein.

Fred rann ein kalter Schauer über den Rücken. Zum ersten Mal dachte er darüber nach, dass er getötet hatte. Aber hatte er anders gekonnt? Es galt das eigene Leben zu erhalten, und dazu musste er anderes Leben auslöschen. Seine Gedanken wanderten zu dem Onkel hin, dessen Waffen Dan jetzt trug. Wie mochte der Onkel gewesen sein? Fred hatte fast nichts von ihm gehört. Immer wenn die Sprache auf ihn kam, hatte die Mutter es verstanden, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. Der Onkel schien ein Revolvermann gewesen zu sein. Sein Name schuf bei den Eltern eine gespannte Atmosphäre. Wie war dieser Onkel gewesen, dessen Colts Dan übernommen hatte? Wer von den Geschwistern war diesem Onkel ähnlich?

Freds Gedanken verwirrten sich. Er hockte sich nieder und schlief in dieser Stellung schließlich ein.

Am anderen Morgen regnete es immer noch. Dan sprach leise mit Ben und nahm seine Winchester aus dem Scabbard. Er prüfte die Waffe sorgfältig, dann verschwand er aus dem Camp, ohne Fred eine Erklärung zu geben.

Fred fragte Ben danach, doch der sagte nur: „Lass ihn, er ist der Boss. Er weiß schon, was er will. Lassen wir es dabei.“

Details

Seiten
166
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738926538
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v459959
Schlagworte
ritt niemandsland

Autor

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Titel: Ritt ins Niemandsland