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Cheerio, Dan…

2019 133 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Cheerio, Dan…

Copyright

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

Cheerio, Dan…

Western von Larry Lash

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 138 Taschenbuchseiten.

 

Schuldlos gerät Dan Prior auf den Trail der Geächteten. Sein Steckbrief hängt in allen Städten. Wohin er auch kommt, er ist ein Einsamer, ein Mann ohne Ruhe und Heimat und – des schnellen Colts.

Doch dann trifft er auf einen Oldtimer, der ihm, dem Gejagten, sein Vertrauen schenkt. Der Alte fühlt, dass er unschuldig ist. Noch einmal stellt das Schicksal Dan Prior auf eine harte Probe. Wird er sie bestehen?

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Hugo Kastner, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

1.

„Er drängt sich mir auf, Dan, hörst du … Ich will nicht, dass er mit mir tanzt. Oh, er ist mir zuwider. Ich hasse und verachte ihn. Er ist ein aufgeblasener Kerl, grob und gemein – hält sich für den besten Schießer und den größten Mann in dieser wilden Stadt, und das nur, weil er ein Rutter ist!“

Diese Worte hatte Kate Donald vor einer halben Stunde zu Dan Prior gesagt, in der Tanzhalle der rauen Rinderstadt Midland in Texas.

Es war eine offene Stadt, Zielpunkt der Treibherden und der Digger, die aus den Llanos kamen. Fallensteller, Scouts, Cowboys, Mormonen und Geschäftemacher aller Art kamen und gingen, aber eine einzige mächtige Familie gab hier den Ton an, die der Rutters!

Die Stadt und die Weiden rings um Midland gehörten ihnen zum größten Teil. Alle Familienmitglieder trugen die Nase hoch und benahmen sich großspurig. Sie konnten es sich leisten, denn eine überaus harte Mannschaft ritt für sie. Männer, die lieber zum Colt als zur Rinderpeitsche griffen, Kerle, denen es verhasst war, hinter Kuhschwänzen zu trailen, die ihre Colts für hohen Lohn an die Rutters verkauft hatten.

Yeah, alle maßgebenden Posten in der Stadt waren an Mitglieder der Familie Rutter vergeben. Der Bürgermeister hieß Rutter, der Sheriff und der Marshal, der Mann, dem die meisten Bars und Tanzhallen gehörten, ebenfalls, und selbst der Großmietstallbesitzer hieß Rutter …

An diese Tatsachen musste Dan denken, als er sich auf einen freien Stuhl setzte und zur Kapelle hinschaute, die gerade eine kleine Pause einlegte.

Der Saal war überfüllt. Überall standen sie herum, jene rauen Burschen, die ihr Geld loswerden, einmal eine Lady im Arm halten wollten. Sie gehörten zu Treibmannschaften, die ihren Lohn ausgezahlt bekommen hatten und nun mit dem Geld förmlich herumwarfen. Dan dachte daran, dass der Eine-Kuh-Rancher Larsen, bei dem er als Cowboy ritt, gut und gerne sein gesamtes Gut für den Verdienst eines Treibercowboys eintauschen würde und grinste vor sich hin.

Hölle, yeah, es war weit mit ihm gekommen, dass er in so einer Stellung blieb. Warum nur?

Wegen Kate? Sie stand gerade in einer Gruppe der Tanzhallenmädchen und schaute aus dunklen Augen zu ihm hin. Ah, er machte sich keine Illusionen vor. Kate gehörte zu den Frauen, die kein Herz hatten … und wenn sie eines besaßen, immerzu bereit waren, es auf vorteilhafte Art zu verschenken. Wenn sie auch schön war, eine Figur besaß, die jedem Mann das Herz höher schlagen ließ, es war nur sein Blut, das ihn dazu zwang, sie immer wieder zum Tanz zu holen, nur um den Arm um ihre runde Hüfte zu legen, ihre Wärme zu fühlen, ihr Seidenkleid rauschen zu hören und den Duft ihrer lockigen Haare zu spüren.

Kate war stets von Männern umlagert, und es unterstrich nur die Tatsache, dass sie ohne Zweifel die ungekrönte Königin der Tanzhalle war. Kein naives, unschuldiges Mädchen mehr, sondern eine Frau, die sich ihrer Schönheit bewusst war, die genau wusste, was sie tat, und die so weit ging, ihm offen zu sagen, dass sie Jack Rutter, der sich immerzu an sie herandrängte, nicht haben wollte. Oh, Hölle, yeah, jeder hatte gesehen, wie der Bursche sie belästigte, wie er ihr nachstellte und immer wieder versuchte, andere Männer, die mit ihr tanzen wollten, auszuschlagen. Keiner hatte sich

dagegen gewehrt, und niemand hatte sie ihm verweigert, sondern stillschweigend das Feld geräumt.

„Es sind alles keine Männer“, hatte Kate Dan zugeflüstert, als sie nach einem Tanz aus Jacks Armen floh und ihn aufsuchte. „Ich denke, es wird Zeit, dass ihm jemand die kalte Schulter zeigt!“

„Versuch es“, gab er ihr zu verstehen.

„Oh, er weiß, dass ich ihn hasse, aber er weiß auch, dass sich kein Mensch findet, der mir hier im Tanzsaal beisteht. – Willst du es nicht versuchen, oder hast du auch Angst vor dem großen Rowdy?“

„Du weißt genau, dass ich keine Angst habe, aber was sollte es nützen? Ich gehe gern einem Kummer aus dem Weg. He, wenn du dich in Rutters Augen besonders interessant machen willst, dann versuche einen Fremden gegen ihn aufzubringen. Wenn ich es tue, verliere ich meine Arbeit.“

„Was ist das schon – Cowboy auf einer Eine-Kuh-Ranch, Dan? Du hättest längst einen guten Posten als Revolvermann haben können. Yeah, wenn deine Eisen käuflich wären …“

Es war gut, dass nun eine halbe Stunde Pause war, dass er sich alles in Ruhe überlegen konnte.

„Tu es nicht!“, hörte er Conny Albastens Stimme hinter sich. „Misch dich nicht in ihre Angelegenheiten. Sie ist eine Katze, und du wärest nicht der erste Mann, der wegen dieser Frau zum Revolver greift.“

„Es braucht nicht gleich so schlimm zu werden“, wehrte Dan eifrig ab. „Du hast unser Gespräch gehört?“

„Sie sprach laut genug, und es hat die Runde gemacht. By Jove, dich hat sie zu ihrem Ritter gemacht, ein höllisches Vergnügen, das man sich am besten durch Flucht vom Hals schafft. Verdammt, mit Jack anzubändeln überlass einem, der unbedingt Selbstmord verüben will. Lass dich nicht von ihren schönen Kurven betören, Sonny.“ Conny beugte sich über ihn. Sein braungebranntes, kantiges Gesicht war ernst. „Vielleicht hat sie einen Narren an dir gefressen, mein Junge“, fuhr er gedämpft fort. „Yeah, wenn man dich so ansieht, kann man die Weiber verstehen und weiß, weshalb sie dir nachlaufen. Aber heiraten wird sie dich nicht. Das weiß sie, und sie gönnt dich keiner andern. Sieh es einmal von dieser Warte aus, mein Junge!“

„By Gosh, dein Geschwätz geht mir auf die Nerven“, zischte Dan. Der Ärger in ihm wuchs, und sein Zorn flammte auf: „Conny, du kannst deine Weisheiten deinen Kühen vorbringen, säusele sie ihnen in die buschigen Ohren, aber mir tu den Gefallen und verschwinde, bevor ich explodiere und vergesse, welch ein guter Freund du mir bist. Geh, bevor ich tief Luft hole!“

„Armer Narr, die Weiber haben schon ganz andere Boys auf dem Gewissen als dich …“ Weiter kam er nicht, denn Dan schnaufte wütend.

Conny brach ab und zog sich blitzschnell zurück. Drei Männer kamen gerade vorbei, und so verschwand Conny hinter einer Mauer von Menschenleibern.

Wie gut, dass Kates erfreulicher Anblick Dans Zorn dämpfte. Yeah, sie war so verführerisch und ihr traumverlorener Blick so schmachtend, dass Dan alles vergaß, was Conny ihm gesagt hatte. Er nickte ihr zu, und ihre Augen leuchteten auf. Man konnte wahrhaftig nicht sagen, ob in wildem Triumph oder aus Liebe. Dan buchte es als das letztere. Wie sehr er sich irren sollte, musste er nur wenig später erfahren. Vorerst schwoll seine Brust im Selbstgefühl. Alles in ihm war gespannte Erwartung. Er schaute von ihr fort zu den Männern der Kapelle hin, die bereits ihre Instrumente stimmten, ließ den Blick weiterwandern zu Jack Rutter, dessen tiefe, prahlende Bassstimme laut zu hören war. Jack stand wie immer im Kreis einiger Halbstarker und Möchtegerne. Kerle, die bei einem Schuss über die eigenen Stiefel stolperten. In diesem Kreis fühlte sich Jack wohl, war er sozusagen der Häuptling, den man bewunderte.

Und Bewunderung musste dieser Windhund der Rutters haben, brauchte er wie das tägliche Brot.

Jack war ein schöner Mann, breit in den Schultern, schmal in den Hüften. Groß und kernig gewachsen wie die texanischen Tannen. Dass auch sein Innerstes so hart war, sollte Dan später erfahren. Vorerst schaute er sich den Helden unbekümmert an.

Die dunklen Glutaugen, die etwas zu dicht beieinander standen, die sinnlich aufgeworfenen Lippen, die Mundwinkel, die einen brutalen Zug nicht verleugnen konnten … Das alles sah er mit kritischen Augen.

Erst dann betrachtete er den Colt des jüngsten Sprosses der Rutter-Sippe. Er steckte in einem mit Silbernägeln verzierten Holster und hatte einen mit Elfenbein ausgelegten Griff, dessen Farbe in die Augen sprang.

Conny war verschwunden und nirgends zu erblicken, dafür aber Connys Bruder Amb, der sich mit Conny auf der Nachbarranch treu und redlich durch sein Cowboydasein schlug. Er stand neben dem dickbäuchigen, glatzköpfigen Besitzer der Tanzhalle, Roger Rutter, einem feisten Gesellen, dem das Fett bereits die Augen zuschwoll, und der seine Wurstfinger in wohligem Behagen auf der Wölbung seines Kartoffelbauches verschränkt hielt und mit glotzendem Blick Jack Rutters Reden lauschte.

Amb nickte grüßend herüber, tippte an die Stetsonkrempe und grinste, dann schlenderte er zu Dan heran.

„Conny gesehen?“

„Er hat das Klima gewechselt“, gab Dan zur Antwort.

„Ah, verstehe, zu heiß“, murmelte Amb, wobei er Kate mit einem vertraulichen Blick musterte. „Yeah, zu heiß, denn Jack, der Killer, hält sich wieder in ihrer Nähe auf, und die liebe Familie der Rutters schaut diesem gestiefelten Teufel mit Wohlwollen zu.“

In der Tat, nicht nur der Tanzhallenbesitzer lauschte, nein, auch der Sheriff. Wie alle Rutters war auch er ein Hüne, glatt rasiert, mit einem stupiden Gesichtsausdruck und einem Sichelbart, der an den Mundwinkeln herabhing und einen ziemlich zerfransten Eindruck machte.

Der Stern auf seiner Brust war das einzige, was Glanz an diesem Mann hatte, sogar seine Augen waren trüb und glanzlos.

„Eine höllische Familie“, seufzte Amb und zuckte die Schultern dabei. „Tut mir leid – aber du solltest das Feld räumen.“

„Ich?“

„Yeah, ausgerechnet du – denn ich sage dir, Jack ist hier, weil er herausgefunden hat, dass seine Angebetete dir schöne Augen macht. Es täte deiner Gesundheit wohl, die Luft zu vertauschen. Ich kenne da eine kleine Bar, wo es einen vorzüglichen Whisky und einen hohen Pott gibt, du hast schon lange nicht mehr gepokert, Dan.“

„Ah, ich bleibe!“

„Du bist ein Narr, Cowboy“, flüsterte Amb. „Ein vernünftiger Mann braucht nur seine Augen aufzumachen, um zu sehen, was hier gespielt wird, und sich danach entscheiden. Du entscheidest dich zu deinem Unglück, mein Junge. Lass die Finger vom heißen Eisen, verbrenne sie dir nicht!“

„Meine Sache“, klang es dumpf zurück.

„Yeah, deine Sache – und es ist deine Haut, die du zu Markte trägst. Ein schlechtes Geschäft, mein Junge, wobei sie dir das Fell über die Ohren ziehen werden! Werde wach! In ihren Augen bist du nur ein Cowpuncher, den man nach Belieben zurechtstutzen kann, mehr nicht. Das solltest du klar erkennen, bevor du weiteres anstellst. He, werde wach!“

 

2.

Amb verließ ihn, grollend und verschnupft. In seinem ehrlichen Cowboygesicht war ein nachdenkliches Grübeln zu sehen.

Dan sah ihn an verschiedenen Gruppen vorbeischlendern, und wütend warf er seinen Glimmstängel zu Boden und trat die Glut mit dem Absatz aus.

Hölle, er war selbst Mann genug, um zu wissen, was er zu tun und zu lassen hatte. Er brauchte weder gute noch schlechte Ratschläge. Er reckte sich, wie um etwas Lästiges abzuschütteln.

In diesem Moment setzte die Kapelle ein.

Das Wettlaufen nach den Tanzhallenmädchen begann. Dan startete. Yeah, er rannte fast, so, als hätte er es besonders eilig, Kate vor dem Ansturm der anderen zum Tanz zu fordern. So, als wollte er Jack Rutter keine Gelegenheit zum Tanz mit Kate geben.

Und richtig, sie glitt ihm mit geschmeidiger Anmut entgegen. By Gosh, war sie betörend, sinnverwirrend. Sie warf sich fest in seine Arme, als suche sie Schutz vor der Schar der ihr nachstehenden Männer. Ihr biegsamer, warmer Körper presste sich an ihn, und ihre dunkle, gutturale Stimme klang dicht an seinem Ohr: „O Dan, ich hasse das alles hier.“

„Das hast du mir immer wieder gesagt und bist nie auf meinen Vorschlag eingegangen, die Stadt zu verlassen, um mit mir eine andere Welt zu suchen. Dorthin zu gehen, wo es keine Rutters, keine Gewalttaten und keine Gräuel gibt.“

„Was sollte das nützen? Ich bin nicht für die Einsamkeit geboren – ich nicht“, unterbrach sie ihn heftig, während sie sich im Takt der Musik drehten. „Ich liebe die Gesellschaft, die Nähe vieler Menschen, die Abwechslung.“

„Ich weiß, Kate“, raunte er heiser, wobei er ihr in die schimmernden Augen blickte. „In diesem Punkt gehen unsere Meinungen weit auseinander. Ich fühle mich aber nur dort wohl, wo das Schweigen der Einsamkeit mir das Herz weitet.“

„Dan, du bist ein Träumer, du gehst am Leben vorbei. Ich würde mit dir nach dem Osten gehen, sofort, wenn du es wünschst. Und ich würde glücklich sein, wenn ich deine Frau werden könnte. Im Osten wirst du Arbeit in den großen Städten bekommen, und du wirst nicht mehr hinter Kühen reiten. Ich hasse Kühe, den Geruch, den die Cowboys an sich haben. Ich hasse alles, was mit Vieh und Weide zusammenhängt. Ich will leben, Dan! Yeah, ich will etwas von der Welt sehen.“

„Ich kann dir nicht das geben, was du dir wünschst, Kate“, unterbrach er sie. Düstere Falten gruben sich in seine Stirn, furchten die Wangen. „By Gosh, Mädel, ich habe dich gern, aber in den Osten gehe ich auch um deinetwillen nicht.“

Tief betroffen zuckte sie zurück. In ihren Augen wetterleuchtete es. Bestürzung, Zorn, Scham, alles wechselte blitzschnell, und zurück blieb eine aufs Äußerste gekränkte, aus allen Himmeln gerissene Frau.

Mitten im Tanz blieb sie stehen. Wild loderten ihre Augen. Ihre Brust hob und senkte sich vor stürmischer Erregung. Hölle, noch nie hatte sie so schön, so begehrenswert ausgesehen! Der Zorn entstellte sie keineswegs, sondern enthüllte neue Rätsel, nie gekannte Geheimnisse an ihr. Nein, sie verstand ihn nicht, gab sich auch keine Mühe, ihn zu verstehen, seine Denkweise zu erfassen. Sie wusste nur das eine, dass er ihre Liebe von sich stieß. Das konnte sie nicht begreifen. Konnte es nicht, weil sie eine kleinherzige Frau war, egoistisch, von der eigenen Schönheit, von ihrem Charme und von ihrer Wirkung überzeugt war, die sie auf raue Männer ausübte.

Oh, yeah, sie war so überzeugt davon, dass sie ihm ins Gesicht schleuderte: „Wenn ich meine Hände ausstrecke, kann ich an jedem Finger zehn haben, Cowboy. Hörst du?“ Böse zischte sie: „Ja, geh du nur, du Narr von einem Cowpuncher! Geh nur!“

Sie riss sich aus seinen Armen, genau in dem Augenblick, als Jack Rutter in die Hände klatschte und auf diese Weise anzeigte, dass er mit ihr den Tanz fortsetzen wollte.

By Gosh, diese Art des Abklatschens war uralt, so lange, wie es Pioniere gab. Sie stammte aus der Zeit der Frauenarmut. Die Tänzerin wanderte dann in die Arme des Klatschenden. Yeah, so sollte es sein, und Dan, der wie betäubt mitten auf der Tanzfläche stand, erwartete auch nichts anderes, als dass Kate sich dem neuen Tänzer in die Arme schmiegen und den verlockenden Rhythmen nach über die Fläche aus rauen Dielenbrettern gleiten würde.

Yeah, nach allem, was sie gesagt hatte, hielt er es für selbstverständlich … und dann geschah das, was er niemals erwartete, was ihm immer ein Rätsel bleiben würde. Yeah, mehr noch, was ihn in einen schrecklichen Strudel ziehen sollte, in einen Kampf um Leben und Tod.

By Gosh, wie wenig er von einer Frauenseele wusste, zeigte sich, als sie sich mit einem spöttischen Lachen aus den Armen Jack Rutters löste, der sie bereits gierig umschlingen wollte.

„Such dir eine andere, Jack!“, schrie sie Jack voller Verachtung zu. „Ich bin kein Mädel für einen Rutter!“ Sie wandte sich Dan zu und sah ihn zärtlich an. Plötzlich warf sie sich an seine Brust, und ihre Hände schlangen sich um seinen Hals. Bevor er noch recht begriff, saugten sich ihre Lippen an

den seinen in scheinbar glühendem, überströmendem Verlangen fest.

Die Wärme ihres Körpers wirkte wie Gift, wie ein berauschendes Narkotikum, wie eine Droge, die ihm den Atem nahm, den klaren Verstand raubte, ihn dazu zwang, die Arme um sie zu legen. By Gosh, in diesem Augenblick war es ihm gleich, dass viele Augen dieser Zärtlichkeit zusahen, dass es ringsum ein Geraune und Geflüster gab. Gelächter und peinliche Zwischenrufe schallten auf. Dan spürte nur den weichen, biegsamen Frauenleib in seinen Armen. Er vergaß alles um sich herum. Es war ihm gleich, wie sich Jack Rutter verhielt, der wie zur Bildsäule erstarrt, nur wenige Yards von dem Paar stand, das ihn, einen Rutter, öffentlich blamiert hatte.

By Gosh, in seinem Gesicht brannten die Augen, gelbe Lichter standen darin, Lichter, die die Hölle selbst angezündet hatte. Fahl, erschreckend bleich, war sein Gesicht. Vorgebeugt stand er da, mit gespreizten Beinen, der Ausgangsstellung eines Revolvermannes.

Nur Sekunden … und dann begriffen es alle. Männer rissen ihre Tanzpartnerinnen zur Seite! Kreischen – Flüche – Gedränge!

Kate riss sich aus Dans Armen. Yeah, nur einen Augenblick sah er in ihre wild triumphierenden Augen … erfasste impulsiv, was darin stand, und es wurde ihm kalt, eiskalt. Die Kälte lief sein Rückgrat entlang, hieb in sein Herz wie ein Messerstich. Und wenn er bis zu diesem Augenblick nicht begriffen hatte, wie diese Frau in ihrem Innern war, jetzt wusste er es! Jetzt, da der Kampf unausbleiblich war.

Er fand nicht einmal die Zeit auszuweichen, als Jack Rutter in kühnem Sprung auf ihn zuflog, seine Faust abschoss …

Hölle, Rutter griff an. Er wartete nicht darauf, mit den Eisen die Situation zu klären, wahrscheinlich, weil der Saal überfüllt war, oder weil sein beleidigter Stolz nicht zuließ zu warten, bis auch Dan bereit war, zum Eisen zu greifen. Nein, er wurde zum Angreifer, setzte brutal und rücksichtslos alle Kraft hinter diesen Sprung, der ihn auf den Gegner prallen und seine geballten Fäuste in Aktion treten ließ.

Wie ein Rammbock schoss er vor, unerwartet, teuflisch. Seine Fäuste trafen, klatschten Dan ins Gesicht und rissen ihn nach hinten in die sprachlos gaffende Zuschauerfront hinein, die seinen Sturz auffing und dadurch verhinderte, dass der erste gewalttätige Angriff ihn in den Boden stampfte und den Kampf beendete, bevor er noch recht angefangen war. Halb betäubt, von vielen Händen zurückgeworfen, fiel Dan wieder in den freien Kreis, den die Männer inzwischen um die beiden Kämpfer gebildet hatten. Mit knapper Not duckte er sich unter einem neuen Schlag, und diesen Fehlschlag, der Rutter um die eigene Achse wirbeln ließ, benutzte er, um sich gegen die rasenden Schmerzen zu stemmen, die seinen Körper zerrissen. Er versuchte mühsam, seine Lungen mit Luft zu füllen und seine Schwäche zu überwinden.

Rutter wollte keinen fairen Kampf. Was er tat, war klar zu erkennen. Er wollte seinen Gegner vernichten. Mordgier flammte in seinen Augen auf. Töten stand in seinem schrecklich verzerrten Gesicht. Mit Wucht trug er einen neuen Angriff vor, und diesmal wich Dan scheinbar zurück. Er bückte sich blitzschnell, rammte seinen Kopf in die Magengrube des anstürmenden Gegners, zugleich griffen seine Fäuste dessen Stiefel, und sein Körper stemmte sich hoch. Jack Rutter schoss über seinen Rücken hinweg zu Boden, so dass die Dielen krachten, das Gekreisch der Tanzhallenmädchen übertönend.

Zu spät warf sich Dan herum! Yeah, blitzschnell riss Jack an seinen Stiefeln und brachte ihn zu Fall. Er warf sich über ihn und schlug seine Fäuste in Dans Gesicht.

Für einen Moment stockte Dan der Atem, wallten Nebelschleier vor seinen Augen.

Drei, vier Schläge nahm er hin, Schläge, die die Schmerzwellen in seinem Körper verstärkten, die bis in die Endnerven drangen, ihm das drohende Ende anzeigten. Da krallte Jack Rutter mordgierig seine Finger um Dans Hals. Wild und verzweifelt bäumte Dan sich auf, rammte seine Knie vor und stemmte sie mit aller Gewalt dem Gegner in den Leib.

Die Adern und Sehnen drohten zu zerreißen, doch dann rissen die Finger Jack Rutter zu Boden, vor die Füße der Zuschauer, die scheu zurückwichen. Langsam kam er hoch und mit ihm Dan. Schwankend standen sie, beide wie gebannt, mit blutunterlaufenen Augen.

Ihre Blicke prallten wie Schwerter ineinander. Totenstill war es. Weder Rutter noch Dan sagten etwas, saugten nur die Luft in die ausgepumpten Lungen, und in die keuchenden Atemzüge der Männer tönte das Wimmern der Tanzhallenmädchen.

Yeah, jeder ahnte, dass es jetzt um die Entscheidung ging. Und richtig, wieder prallten sie aufeinander. Wie Feuer und Wasser, wie Elemente, die sich hassten und vernichten wollten. Nur einen Moment lang sah man, wie die Fäuste flogen, hörte man das Klatschen und Stöhnen. Dann einen pfeifenden Atemzug Rutters – und dann – yeah, dann folgte ein Schrei, sah man, wie Dan ihn auf die Seite trieb, ihm unbarmherzig folgte.

By Gosh, Dan sah zerschlagen und blutverschmiert aus, aber trotzdem wirkte er wie ein harter, rauer Mann. Das hellblonde Haar hing ihm schweißverklebt in der Stirn. Sein braunes, kantiges Gesicht war feingeschnitten, schmal und von wilder Energie erfüllt. Fest war sein Kinn, und seine Lippen blutleere Striche, aus denen an einer Stelle das Blut hervorlief.

Was man kaum erwartete, wurde wahr, zeigte sich in deutlicher Klarheit. Dan Prior legte los, so als hätte er nichts geschluckt, als hätte der Kampf soeben begonnen. Die grollende Bassstimme eines Mannes bestätigte es: „By Gosh, ein wirklich rauer Bursche!“

Er sprach nur das aus, was alle mit einem Schauer erfüllte, was alle dachten, sie in einen Bann zwang, der nicht zu durchbrechen war.

Der erst brach, als Jack Rutters zweiter, keuchender Schrei das Ende des Kampfes ankündigte. Oh, Hölle, yeah, so einen Schrei würde niemand vergessen. Es klang wie der Notschrei eines wilden Tieres, das dem Untergang geweiht, den Tod vor Augen sah.

Jack Rutter fiel in sich zusammen, er brach unter den hämmernden Fäusten nieder, und seine Augen bekamen einen glasigen Schein. Dan stand über ihm. „Komm hoch!“, fetzte er er heraus. „Komm nur! Weitermachen!“

Jack schüttelte den Kopf, und ein Gurgeln quoll über seine Lippen. Schwer krachte sein Kopf auf die Dielenbretter.

Dan befand sich wie in einem Rausch. Die Knie waren ihm verdammt weich, er musste sich zusammenreißen, damit man es ihm nicht ansah, wie schlecht es um ihn bestellt war, und dass eine unheimliche Mattigkeit ihn niederreißen wollte. Hölle, er war fast nicht besser dran als Jack, er war nur härter im Nehmen und hatte einen stärkeren Willen. Mit stumpfen Augen sah er zu, wie Sheriff Rutter sich über seinen Verwandten beugte, wie der Barbesitzer Rutter einigen verdrossen aussehenden, kaltschnäuzigen Kerlen einen Wink gab.

Langsam drehte er sich um, eine Gasse öffnete sich vor ihm. Eine schweigende Gasse, wo rechts und links Kerle und Weiber ihn anstarrten. Eine Tür öffnete sich und schlug hinter ihm zu.

„Dan, Dan – du kannst dort nicht hinaus!“, hörte er wie aus weiter Ferne Kates Stimme.

„Du hast dir das angesehen?“, grollte es heiser über seine Lippen. Er starrte sie an. Sie versperrte ihm den Weg und streckte bittend die Hände aus.

„Du bist ein großer Kämpfer, aber darum geht es jetzt nicht“, flüsterte sie aufgeregt. „Der Barbesitzer hat seine Killer bereits losgelassen, und der Sheriff wird dich festnehmen. Du musst fort!“

„Yeah, fort“, echote er dumpf. „So hast du es gewollt. Ein solcher Abschied sollte es sein. Ein Andenken, das ich nie vergessen soll!“

„Nein, Dan. Versteck dich – und dann werden wir uns irgendwo treffen, und du wirst mit mir in den Osten gehen. – Dan!“

Ihre Warnung brauchte sie nicht auszusprechen. Er hörte es, hörte den Tumult im Saal, das dumpfe Brüllen der Männer. By Gosh, so benahm sich eine Meute, die endlich einen Leitwolf gefunden hatte. Seltsam, in diesem Augenblick fiel ihm eine Szene ein, die er vor einigen Tagen in dieser Stadt erlebt hatte, als der Pöbel einem Schwarzen nachstellte. Wie wilde Tiere hatten sie sich benommen, und er entsann sich deutlich, wie der Schwarze unter den Steinwürfen der gnadenlosen Menschen sein Leben aushauchte. Lynchjustiz nannte man ein solches Geschehen.

„So long!“, hetzte er heraus, wirbelte herum und jagte den Korridor entlang. Er öffnete das Fenster am Ende des Ganges und sprang auf den Hof.

Eine derbe Hand riss ihn in den Schatten eines Stalles.

„Dan, das war das Ende!“

„Yeah, das Ende einer eingebildeten Liebe!“, fauchte er Conny zu. „Was, zum Teufel …“

„Ich habe es so kommen sehen und meine Position bezogen. Amb hat sich an der Hoftür postiert, um uns Feuerschutz zu geben. – Wie fühlst du dich?“

„Bist du schon einmal unter eine Stampede gekommen?“, stellte Dan die Gegenfrage.

Connys Gesicht grinste ihm aus der Dunkelheit entgegen.

„Du siehst übel aus, mein Junge. Aber es ist besser, auf diese Weise eine Schürze zu verlieren, als in die Grube zu fahren. He, gehen wir.“

 

 

3.

Der Feuerzauber begann.

Grollend fetzten die Detonationen der Schüsse, und die Lichter des Todes blendeten, rissen orangefarben die Nacht auf. Ambs Silhouette zeigte sich am Hoftor, und gleichzeitig spuckten die Mündungen seiner Colts Blei. Im Laufschritt, von Kugeln umfächert, rannten Conny und Dan in eine Deckung.

„Mach, dass du weiterkommst. Yeah, sieh zu, dass du die alte Furt am Sattle Creek erreichst. Ich werde sie im Verein mit Amb durcheinanderbringen und an der Nase herumführen, mein Junge. Es ist nicht einmal schwer, sich dann unauffällig unter die Meute zu mischen. Dir aber werden sie die Hanfkrawatte überstreifen und dich an den nächsten Dachsparren aufhängen, wenn sie dich bekommen. Vielleicht schleifen sie dich auch hinter einem Gaul her. Du kennst die Rutters.“

„Yeah, viel zu gut, als dass ich mir Illusionen vormache“, presste Dan heraus. Der Colt in seiner Hand bebte.

„Los denn! Ich werde dir zum Sattle Creek deinen Gaul und Proviant bringen, mein Junge“, hetzte Conny durch die Zähne. „Beeil dich!“

Was er sagte, war vernünftig genug. Man konnte nicht auch noch ihn und Amb tiefer in die Gefahr bringen. Dan hetzte weiter. Hinter ihm blitzte es, wummerten die Gürtelkanonen, schrien Männer. Immer mehr blieb der Kampflärm zurück, um dann, als er den Stadtrand erreichte und sich zwischen Rampen und Verladeboxen bewegte, zu verstummen.

Jetzt erst atmete er auf und bremste seinen Lauf. Er lehnte sich an eine Corralstange. Körperlicher und seelischer Ekel würgten ihn.

„Sattle Creek“, murmelte er. Yeah, den musste er erreichen … und dann?

Flucht!

Wohin?

Gleichgültig! Nur fort, raus aus dieser Stadt, von dieser Weide, die nur einer Familie diente, den Rutters. Wie trunken taumelte er an den Schuppen der Viehverladestation vorbei, stolperte über die Eisenbahnschienen, die hier endeten.

Er dachte nicht mehr an Kate, die Königin der Tanzhallenmädchen. Es war, als ob ihr Bild, das ihn Wochen und Monate beherrscht hatte, mit einem Schlag in seinem Herzen verbrannt sei.

Nein, an das Mädchen dachte er nicht, nicht mal an seine eigene Not, an die Klemme, in der er steckte und aus der es kaum einen Ausweg gab. Er dachte an seine Freunde, an Conny und Amb, die beiden Cowboys, die ihm geholfen hatten.

By Gosh, es musste den beiden gelingen, unerkannt zu bleiben. Und warum sollte es nicht möglich sein? Im Dunkel der Nacht waren alle Katzen grau. Amb und Conny aber waren gerissen genug, um alle Chancen für sich auszunutzen.

Ah, bis zum Sattle Creek war ein verteufelt weiter Weg.

Conny hatte ihm eine Stelle angegeben, die der Eine-Kuh-Ranch seines Ranchers entgegengesetzt lag. Gewiss war es recht so, denn auf seiner Arbeitsstelle würde man ihn zuerst suchen. Er würde sie nie wiedersehen, auch die wenigen Habseligkeiten nicht, die er auf der Ranch hatte. Das Bild seiner verstorbenen Mutter, einige Schlafdecken und ein paar Dinge noch, die jeder brauchte.

Müde ließ er sich am Rand eines Strohschobers auf verstreut herumliegendes Stroh gleiten. By Jolly, es tat gut, auszuruhen, die Glieder zu strecken, in den Nachthimmel zu sehen. Nur wenige Minuten lag er und entspannte sich, dann hockte er sich auf, tastete nach seinen Colts, wischte sie über die Hirschlederhose und betrachtete die Magazine.

Alles war in Ordnung, so, wie er es gewohnt war. Er war jetzt ein Mann, der sich auf seine Kanonen verlassen können musste, der mit ihnen zu Bett ging und sie schon beim Erwachen in die Hand nahm, um sie zu prüfen. Sorgsam steckte er sie in die Holster zurück und lauschte. Pferdehufe trommelten durch die Nacht.

„Es geht los“, pfiff es von seinen Lippen. Weder Zorn noch Groll lagen in dieser kalten Feststellung. Ein bitteres Lachen kam aus seinem Mund.

Schon hatte er die letzten Rampen und Schuppen erreicht, und strebte einem Gebüsch zu.

Aber noch bevor er es erreichte, fauchte die Stimme Jack Rutters hinter ihm her: „Mit mir hast du wohl nicht mehr gerechnet.“

Dan handelte sofort, ließ sich fallen und schnellte herum. Feuerlichter rasten auf ihn zu. Er hörte das Zirpen der Kugeln, die wild schmetternden Detonationen, die den Schüssen wie eine Kette von Donnerschlägen folgten. Sein eigener Colt sprang ihm wie von selbst in die Hand, und das Todeslicht zuckte aus der Mündung wie eine kalte, vernichtende Flamme zu dem Mann hin, dessen scharf gezeichnete Silhouette an der Schuppenecke sichtbar war und sich klar gegen den hellen Feuerschein eines Küchenwagens abhob.

By Jove, Jack Rutter hatte ihm nicht die kleinste Chance gelassen – war nach Killerart über ihn hergefallen.

Zwei Lichter rasten aus Dans Colt – grellrot leuchtend! Fanale des Todes! Sie hieben den Mann an der Schuppenecke gegen die Wand, als wollten sie ihn dort, wo er hinterrücks den Kampf mit den Colts eröffnete, für alle Zeiten festnageln.

Schrecklich sah es aus, nervenaufpeitschend, unheimlich. Über die rauchende Mündung hinweg stierte Dan auf die Gestalt, die langsam in die Knie sank, die Hände hochriss und vornüber rollte, als hätte die grausige Hand des Todes den Mann am Genick gepackt und in den Staub geworfen.

Hölle, er brauchte sich nicht zu überzeugen, was mit Jack Rutter los war.

In einer solchen Stellung konnte nur ein Toter liegen; mit verdrehten Beinen, Händen, die die Mordwaffe umklammert hielten und sich selbst im Tod nicht davon lösten.

Dan lag wie betäubt, nicht fähig, alles richtig zu erfassen. Er war wie von Sinnen. Ekel und Trauer kamen in ihm auf. Oh, Hölle, es war ein grausiges Ding, dem Sterben eines Menschen zuzusehen, besonders grausig, weil ein Leben auslöschte, das von seiner eigenen Hand vernichtet wurde.

Angewidert stierte er auf seine Hand, sprang erst hoch, als Männerstimmen ihn aufschreckten und ihn dadurch aufmerksam machten, dass er ein Gehetzter war, ein Mann, dem zum Weiterleben nur die Flucht blieb, der sich wie ein wildes Tier verbergen musste, ständig in Gefahr – ständig im Kampf.

Er brach wie ein flüchtender Hirsch in die Büsche ein. Sie schlugen hinter ihm zusammen, und Dornen zerrten und fetzten an seiner Kleidung, rissen ihm fast das Baumwollhemd vom Körper. Er hielt erst inne, als der Hochwald seinen düsteren Schatten auf ihn senkte.

Yeah, der Wald gab ihm Schutz, und in ihm geborgen, wanderte er weiter … ein Einsamer in der Nacht.

Er schleppte sich über Wurzelgeflechte hinweg, über Baumstämme, die ein Tornado entwurzelt hatte, durchquerte Lichtungen, schritt über Moos und Laubpolster immer weiter, bis das Plätschern des Sattle Creek ihm wie eine verheißungsvolle Melodie von Freiheit und Friede in den Ohren klang.

Pferdeschnauben ließ ihn anhalten. Vorsichtig ging er jetzt weiter. Es konnte ja sein, dass ein anderer ihn in Empfang nehmen wollte, als Conny und Amb. Irgendeiner, der um diesen Treffpunkt wusste.

Gedeckt durch Baumstämme schlich er langsam bis zum Ufersaum.

Dort hielt er an.

Vor ihm pulsierte der Strom, floss das Wasser raunend und plätschernd in ruheloser Bewegung. Schimmernd spiegelte sich der Mond auf der Oberfläche, und sein Licht versilberte Wasser und Wellen. Dunstige Nachtschatten stiegen wie bizarre Schleier auf. Violette Dünste wogten weit hinten zur Prärie hin.

Zwei Männer hockten am Ufer im weichen Grammagras und kauten an Grashalmen. Hinter ihnen standen die Pferde. Drei Pferde!

„Hallo, Conny!“

Sein Ruf trieb die beiden in die Höhe. Er trat auf sie zu, sah das freudige Glitzern in Connys Augen, und das fassungslose Staunen in Ambs Gesicht.

„Na also!“, murmelte Conny, als ob eine schwere Last von ihm abfiel. „Du hast es geschafft. Jetzt, mit einem Gaul unterm Hintern, wirst du allen den Staub zu schlucken geben.“

„Ich habe mir schon um euch Sorgen gemacht.“

„Um uns?“, unterbrach Conny den Einwurf. „Herr im Himmel, wir haben uns einfach zu den Verfolgern gesellt und mit ihnen geschrien. Aber, zum Teufel, wie siehst du aus?“ Er prallte zurück und betrachtete Dan abwägend und forschend.

„Es ist etwas Furchtbares geschehen“, sagte Dan leise. „Jack Rutter kam hinter mir her. Vielleicht hat ihm irgendeiner etwas ins Ohr geflüstert, vielleicht war Jack Rutter auch ein Hellseher, der etwas mehr in sich trug, als nur eine animalische Lebenskraft.“ Dan schwieg, und Conny und Amb sahen sich mit erblassenden Gesichtern an.

„Was willst du damit sagen?“, fragte Conny.

„Nur das eine, dass ihn meine Kugel traf, Cowboys. Jack Rutter ist tot!“

„Tot?“, klang es zweistimmig. Conny packte ihn fest bei den Schultern und rüttelte ihn hin und her. „Mein Gott, was das bedeutet …“

„Ist mir klar“, wehrte Dan ihn sanft ab. „Macht euch keine Sorgen und habt Dank für das Pferd und den Proviant. Ich habe nur noch eines in dieser Stadt zu tun.“

„Um Himmels willen, was noch?“, fauchte Conny abgerissen.

„Den Steckbrief vom Sheriff-Office zu holen“, murmelte Dan bitter. „Niemand wird mir glauben, niemand wird auf meiner Seite stehen. Es ist absolut sicher, dass ich von der Rutter-Sippe zum Mörder gestempelt werde, dass man mich in allen Staaten hetzen, zum Freiwild erklären wird. Ah, Amb, war Rutter wirklich ein Hellseher?“

Fest schaute er Amb in die Augen.

Amb Albasten senkte den Blick, es war, als erblasste er, dann stammelte er fast: „Vielleicht hatte er eine Ahnung.“

„Möglich, Freund, aber das stört mich jetzt auch nicht mehr. Dieses Land werde ich wohl nie wiedersehen.“ Er ging an den Brüdern vorbei und schwang sich in den Sattel.

Die Brüder stiegen ebenfalls auf ihre Pferde, ritten bis zur großen Schleife des Sattle Creeks mit ihm, und dann trennten sich die Wege.

„Cheerio, Dan!“, sagte Conny.

„Cheerio, Dan!“, echote sein Bruder hinterdrein. Nichts weiter. Es gab keine großen Worte, keinen langen Abschiedssong – nur ein Cheerio als letzten Gruß für den Freund, der in ein neues Leben reiten wollte.

Dan lenkte sein Reittier dorthin, wo der Polarstern die Nordrichtung zeigte.

Er schwang seinen Stetson.

Zwei Männer sahen ihm nach, so lange, bis die Nacht den Hufschlag seines Pferdes und die Gestalt von Reiter und Pferd verschluckt hatte.

„Er ist ein prächtiger Mann“, betonte Conny rau, „und manchmal frage ich mich, weshalb nicht auch du so sein könntest, Amb. Was gab dir Jack Rutter für den Verrat? Was gab er dir dafür, dass du ihm verrietest, wohin Dan flüchtete, he?“

 

4.

Was sind Wochen, Monate für einen Mann, der auf dem langen Trail ritt! Ein Langreiter kennt keine Zeit. Er sieht den Himmel über sich und spürt die Gewalten der Natur am eigenen Leib. Regen, Wind und Sonne, Kälte und Hunger.

Es hatte lange gedauert, bis Dan sicher war, dem Bannkreis der Familie Rutter entronnen zu sein. Vierzehn Tage hatte er das Aufgebot auf seinen Fersen gehabt, immer waren ihm die Männer nahe gekommen, und ihr Blei hatte ihn oft gestreift. Er wandte alle ihm bekannten Tricks an, und es gelang ihm endlich, seine Verfolger abzuhängen. Er lenkte sein Tier zu einem klaren Bach, stieg aus dem Sattel und betrachtete sein Bild im feuchten Element. Sein Gesicht grinste ihm hohlwangig entgegen. Bartstoppeln bedeckten es. Tief in den Höhlen lagen die Augen, von Schatten unter der Haut eingerahmt.

Seine Kleidung war zerfetzt und zerschlissen. Er lachte bitter auf und sah zu seinem Grauschecken hin, der sich an dem saftigen Gras gütlich tat. Yeah, das Tier konnte seinen Hunger stillen, er aber? Der Proviantpacken war leer, nicht einen Dollar mehr besaß er.

Die letzten Reste eines Präriehundes, die abgenagten Knochen, hatte er am Vormittag fortgeworfen. Der Magen knurrte wie ein böser Wolf. By Jove, auf seinem Ritt durch Texas war er den Ansiedlungen, Rinderdörfern und den Ranches weit aus dem Weg gewichen. In all den Tagen, die hinter ihm lagen, hatte er nicht ein einziges Mal an Kate gedacht.

Nein, ihr Bild war aus seinem Herzen gerissen, verlöscht, und zurück blieb eine dumpfe Schwermut, die sich immer tiefer fraß.

Drei Stunden lagerte er, dann ritt er weiter über endlose Prärien, setzte über den Canadian River hinweg, dessen träge, gelbe Fluten wie böse Zungen an den steilen Böschungen leckten, und ritt nach Westen. Er hielt auf Clayton zu. Die Berge der Rocky Mountains wurden gewaltiger, das Land felsiger. Gegen Abend ritt er auf eine Ranch zu. Yeah, er musste Arbeit bekommen, musste etwas tun, um sein Leben zu erhalten.

Es war eine kleine Ranch, und da es gerade zum Round-up ging, konnte man einen Cowboy beim Zusammentreiben der Herden gebrauchen. Nach einer schnellen, kritischen Musterung wurde er eingestellt. Man übersah sein Aussehen und die tief geschnallten Colts an seinen Hüften. Man übersah auch, wie ausgehungert er war und wunderte sich nur darüber, dass er sich trotz seines Hungers zurückhielt und nicht über die ihm vorgesetzten Speisen herfiel.

Nur einen Monat blieb er. Er war froh, als er wieder in den Sattel steigen konnte, froh darüber, der baumlosen, kahlen Gegend den Rücken zu kehren. Über den Smoky Hill River hinweg zog er dorthin, wo die Täler lieblicher, schöner und wärmer waren. Er sah den Castle Rock, die gewaltige Kreidespirale, die sich in leuchtendem Weiß aus der Ebene emporreckte. Er überquerte die Pfade der Mustangs und Büffel.

Der Grauschecke war wohlgenährt, das Fell glatt und glänzend. Seine Kleidung hatte Dan ergänzt, Proviant und Munition waren genügend vorhanden, neue Schlafdecken lagen hinter seinem Sattel zusammengerollt.

Unter ihm tackerten die Pferdehufe.

By Gosh, die Stellung hatte er aufgegeben, als ihm der Rancher nach dem Zusammentreiben der Herden vor der versammelten Mannschaft eine Zeitung in die Hand drückte.

Niemand hatte ein Wort gesagt, aber recht deutlich stand in den Augen des Bosses und der Cowboys, was sie von ihm erwarteten.

Schweigend hatte er in die Runde geblickt, war still aufgestanden und hatte gepackt.

„Cowboy, von meiner Mannschaft wird sich keiner daran erinnern, dass du hier gearbeitet hast. Hier ist dein Lohn, und so long.“

Das war knapp und kurz.

Dan hatte nichts erwidert. Schweigend verließ er die Ranch … so schweigend, wie er angekommen war. Ein Einsamer auf einsamem Trail, ein Langreiter ohne Ruhe, ein Geächteter, der froh sein musste, dass man ihn nicht dem Sheriff und somit dem Gesetz ausgeliefert hatte. Froh?

Ah, seine Eisen waren es, die Art, wie er auftrat, was er tat, und wie er sich bewegte. Das hatte es verhindert, dass man ihn verriet. Die Angst war es! Angst, dass er seine Colts gebrauchen und zu seinem Mord in Texas weitere hinzufügen würde. Oh, yeah, so dachte man von ihm. Er hatte es still geschluckt, und nun ritt er weiter. Vier Tage noch reichte der Proviant. Am Abend des vierten Tages hackte er Holz und verdiente sich damit sein Essen auf der Heimstätte eines alten, knurrigen Neuengländers.

Wenig später trieb er seinen Grauschecken in die beginnende Nacht hinein.

Die Sonne wandelte sich zum glutroten Feuerball, sie schwamm in einem Farbenmeer von Purpur und leuchtendem Violett und sank langsam unter den Horizont. Die blaue Stunde kam, jenes Zwitterlicht zwischen Tag und Nacht, Traum und Wirklichkeit, das die Gedanken auf die lange Reise schickte und das Heimweh weckte.

Rasch wurde es dunkel. Das Sternenlicht ungezählter, ferner Welten strahlte vom dunklen Himmelsdom. Die krumme Sichel des Mondes wanderte mit Dan. Der Wind frischte auf und trug den Hauch des kommenden Herbstes mit sich, eine Vorahnung von Eis und von Schnee, vom Winter, der sich weit im Norden zu einem Zug nach Süden vorbereitete.

By Gosh, Texas würde er nie wiedersehen – Texas, das seine Heimat war!

„Go on, Amigo, go on!“, flüsterte er seinem Pferd zu. Es spitzte die Ohren und schnaubte leise, so als ahne das Tier, dass sein Reiter zu jenen Männern zählte, die zwischen Traum und Wirklichkeit reiten mussten.

Ah, sein Steckbrief hing in allen Städten, wurde jedem Sheriff zugestellt.

Gesucht wegen Mordes wird Dan Prior, zweiunddreißig Jahre – geboren in Ladoga, Texas.

In der Zeitung, die er an seiner letzten Arbeitsstelle vom Rancher erhalten hatte und die er in der Innentasche seiner Weste trug, stand ein ausführlicher Bericht. Er entsprach etwa zu einem Zehntel der Wirklichkeit, alles andere war dazugelogen.

„Weiter, Amigo!“

Die Nacht verging. Das Licht der Sterne verblasste, und aus der Morgendämmerung stiegen Nebel wie bizarre, märchenhafte, hauchfeine Schleier.

Über gebuckelte Hügelkämme zogen sich prächtige, schwer im Korn stehende Weizenfelder. Die Halme drohten unter der Last zu brechen. Die ersten Sonnenstrahlen ließen die Felder in purem Gold erstrahlen.

Dan hielt den Grauschecken an.

Der Eindruck dieser wogenden Kornfelder, die im goldenen Sonnenschein leuchteten, überwältigte ihn. Er nahm den Stetson ab und saß still im Sattel. Wer konnte sagen, welche Gedanken sein Hirn durchkreuzten, was ihn dazu bewegte, den Stetson wie in Ehrfurcht abzunehmen. Yeah, kein Tumuli, kein Indianergrab, kein Naturdenkmal hatte auf ihn einen so gewaltigen Eindruck gemacht wie der Weizen.

Fest pressten sich seine Lippen zusammen, dann drückte er seinem Grauschecken die Sporen ein. Durch die schier endlosen Weizenfelder führte sein Trail durch die Mulden an Gebüschen und Bauminseln vorbei.

Mit jeder Meile wuchs der Hunger in ihm. Kurz vor Mittag lenkte er sein Pferd um eine Waldecke hemm. Plötzlich riss er das Tier an den Zügeln jäh zurück und richtete sich steil im Sattel auf. Blitzschnell zuckte seine Rechte zum Colt.

Aber noch bevor er das Eisen gelüftet hatte, ließ der Mann, der nur wenige Yards vor ihm stand, das Mädchen aus seinen Armen frei und wirbelte hemm.

Er versuchte nicht zu ziehen, seinen Colt aus dem Holster zu bringen, sondern stand geduckt und seltsam verkrampft. Zorn und Wut loderten aus seinen Augen. By Jolly, Dan sah in Augen, die er nie vergessen würde. Sie waren gelb-flammend wie Bernstein, Tigeraugen, in denen Mordlust leuchtete. Augen, in denen alle Lichter der Hölle brannten.

Groß und breitschultrig war der Bursche.

Ein kleiner Schnurrbart zierte seine Oberlippe. Er trug ein gelb leuchtendes Seidenhemd, eine braune Tuchhose mit darüber geschnalltem Waffengurt. Seine rötlich-braune Gesichtshaut verriet, dass er sich viel im Freien bewegte.

Die Überraschung in seinem Gesicht wirkte echt. Wahrscheinlich hatte er den Hufschlag des Grauschecken auf dem weichen Grasboden überhört, er hatte wohl überhaupt nicht damit gerechnet, dass ihn hier jemand stören könnte. Sein Gesicht wies starke Kratzwunden auf, die die Fingernägel des Mädchens in seine Haut gerissen hatten.

Tief saugte er die Luft ein und schielte zu den beiden gesattelt stehenden Pferden hin, die mit ihren Zügeln unter einer Tanne an einem Ast festgebunden worden waren. Er schluckte, bevor er heiser ausstieß: „Scher dich weg, Stranger!“

Seine Stimme klang schrill, herausfordernd und misstönig. Man hörte es ihr an, dass sie gewohnt war, Befehle zu erteilen. By Gosh, Dan konnte einen Mann richtig einschätzen. Der Kerl vor ihm gehörte zu der rauen Sorte, zu den Burschen, die sich mit den Rutters auf eine Stufe stellen konnten. Sein Kinn verriet Brutalität und Rücksichtslosigkeit. Der Bursche hatte erkannt, dass der Vorteil auf der anderen Seite lag, und das schmeckte ihm nicht sonderlich.

„Pack dich!“, schrie er nochmals, als Dan keine Anstalten machte, sein Tier in Bewegung zu setzen. Dan ließ kein Auge von ihm, obwohl er deutlich aus den Augenwinkeln heraus das Mädchen sehen konnte, welches sich totenblass gegen einen glatten Baumstamm lehnte und beide Hände vor ihre Brust hielt, die sich stürmisch hob und senkte.

Hölle und Teufel, wieder war es ein Mädel, dessentwegen er bereit war, die Waffe zu lüften. Das Schicksal spielte seltsam.

Er sah, dass sie hochgewachsen war, schlank und biegsam einer Tanne glich, dass ihr Haar an glühendes Kupfer erinnerte, an den Untergang der Sonne. Purpurn war es und hing in lockigen Wellen bis auf die Schultern herab. Alabasterfarben schimmerte ihre Haut, nur leicht getönt. Yeah, gab es solche makellose, wunderschöne Haut, gab es solche strahlenden Grünaugen? Augen, die an den Winter erinnerten, an Frost und Schnee, an die geheimnisvollen Regionen, in denen die Gletscher geboren wurden.

Sie wurden von dunklen Wimpern umrahmt. Hochgespannte Augenbrauen gaben ihrem Gesicht einen Zug gespannter Erwartung.

„Madam, in Gegenwart einer Lady greife ich nur ungern zum Eisen“, presste Dan durch die Zähne, „aber wenn dieser Schuft nicht macht, dass er jetzt verschwindet, dann muss ich Sie bitten, die Augen zu schließen, bis alles vorbei ist.“

Der andere zuckte bei diesen Worten wie unter einem Peitschenschlag zusammen. Er wollte auffahren, doch ihre Stimme klang fest und spröde: „Es wäre besser für dich, Tude Sals, wenn du dich auf dein Pferd setzen und nach Hause reiten würdest.“

„Damned, Carol, das kann ich nicht, ich kann nicht ohne dich bei deinem Vater erscheinen, hörst du?“

„Ob du es kannst oder nicht, ist dir überlassen. Hier bist du überflüssig. Geh jetzt!“

Er starrte sie mit blutunterlaufenen Augen an, ließ dann seine höllischen Blicke zu Dan wandern und krallte seine Blicke an ihm fest.

„Ein Cowpuncher!“, stieß er mit kaum zu beherrschender Wut heraus, dabei verbeugte er sich hämisch grinsend. „Das wird deinem Vater wenig gefallen, Carol.“

„Mach, dass du fortkommst!“, zischte Dan. „Ich möchte nicht, dass mein Eisen bellt und dir mein Blei durch die Haut fährt!“

„Oh, das machen wir ein andermal glatt“, grinste Tude Sals. „Wir sind noch nicht am Ende! Jetzt passe ich!“ Scharf drehte er sich der Tanne zu und band sein Pferd los. Er schwang sich in den Sattel und galoppierte schnell davon, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzusehen.

 

5.

Rau lachte Dan vor sich hin. Dann sprang er vom Pferd und lüftete vor dem Mädel seinen Stetson.

„Sie kamen zur rechten Zeit“, sagte sie leise. „Oh, ich hätte wissen müssen, dass er …“ Sie schwieg und blickte beschämt vor sich nieder. Eine Blutwelle überschattete ihr Gesicht. „Danke, Cowboy!“

Sie hatte sich schnell wieder in der Gewalt und lächelte ihm zu. By Gosh, es war ein Lächeln, das voller Wärme war, das Dan einen Blick in eine bessere Welt gestattete.

„Es wird Kummer für Sie geben?“

„Nein, wenn auch Tude Sals der Vormann meines Vaters ist und sein unbeschränktes Vertrauen besitzt. Er wird es nicht wagen …“

„Und Sie?“

„Ich werde alles meinem Vater erzählen“, stieß sie aufgeregt hervor. „By Gosh, er wird mich wieder beschwichtigen wollen. Yeah, denn er wünscht nichts anderes, als dass Tude Sals und ich ein Paar werden. – Aber wozu erzähle ich Ihnen das alles, Ihnen, einem Fremden?“

„Yeah, ein Greenhorn in diesem Land, Madam“, unterbrach er sie bitter. „Ein Mann, der Arbeit sucht.“

Hölle, er hatte kaum die ersten Schritte in einem neuen Land getan, schon begannen auch die Schwierigkeiten. Eine innere Stimme riet ihm: Ziehe weiter! Störe dich an nichts. Yeah, du hast Feuer gefangen, Junge. Dieses Mädel erscheint dir wie der Traum des Lebens, aber bedenke, dass sie selbst in den Nesseln sitzt, dass ihr Vater es wünscht, sie mit einem brutalen Schuft zu verheiraten, einem Kerl, dem du die Zähne gezeigt hast und der dir bei der nächsten Gelegenheit die Rechnung quittiert.

Sie schien seine Gedanken zu lesen. Ihre Augen bekamen Glanz.

„Es wäre nicht gut für Sie, zu bleiben“, murmelte sie dumpf. „Tude Sals ist auf raue, rücksichtslose Art zum Vormann des Weizenkönigs geworden, wie man meinen Vater in dieser Gegend nennt. Oh, nicht dass Sie schlecht von meinem Vater denken sollen, Cowboy; er musste einen Mann haben, der mit einer rauen Mannschaft umzugehen versteht. So weit Sie schauen können, gehören das Land und der Weizen meinem Vater. Er beschäftigt große Arbeitskolonnen in weitem Umkreis. Tude Sals hält Ordnung, und er versteht es, die Leute anzuführen. Wenn Sie bei meinem Vater um Arbeit nachfragen würden, bekämen Sie einen Posten, aber …“ Sie schluckte und sah ihn mit weit offenen Augen an. „Tude würde seine Rache haben wollen.“

Noch bevor er sich von seinem Erstaunen erholen und etwas sagen konnte, fuhr sie schon fort: „Sie sollten Clint Brand einen Besuch abstatten!“

„Clint Brand?“

„Drei Meilen von hier. Sie lassen Falling Bostel links liegen, dann stoßen Sie direkt auf die Kringel-Ranch. Versuchen Sie es, Cowboy.“

 

*

 

Die kleine Kirche von Falling Bostel ragte weiß gestrichen zwischen den aus der Ferne wie Spielzeugschachteln wirkenden Häusern hervor.

Dan ließ sich nicht aufhalten und ritt weiter. Wenig später sah er von einer Hügelkuppe aus das Weideland der Kringel-Ranch, deren altes Ranchgebäude windschief an einen Föhrenhain angelehnt stand.

Niemand hielt ihn auf. Erst als er durch das Ranchtor ritt und vor dem Brunnen anhielt, öffnete sich die Tür. Ein Greis humpelte aus dem Haus und blieb auf der Veranda stehen. Er sah scharf zu ihm hin. Gleichzeitig tauchte ein Mann bei der Schuppeneinfahrt auf und lehnte sich mit über der Brust verschränkten Händen gegen den Einspänner, der dort stand, und sein dunkel getöntes, braunes Gesicht wandte sich Dan zu.

„Hallo, ist das die Kringel-Ranch?“

„Wenn du Arbeit willst, Cowboy, so sei willkommen! Im anderen Fall aber wende deinen Gaul und reite weiter“, krächzte der Greis bissig von der Veranda her.

Er trat bis an die Brüstung vor und krallte seine gichtigen, knochigen Finger um die Eisenstäbe. In seinem Blick loderte Grimm, aber auch Verzweiflung.

Jedenfalls ein eigenartiges Gemisch von Empfindungen.

„Ich suche Arbeit“, sagte Dan, „nur Arbeit.“

Er blieb im Sattel sitzen und sah den Alten offen an. Ihre Blicke trafen sich, wägend, prüfend.

„Rod, bring den Grauschecken in den Corral. Sattle und halftere ab, und dann gib ihm eine ordentliche Portion Hafer. Danach kannst du für meinen neugeworbenen Cowboy ein Rindersteak braten und Kaffee kochen!“, befahl der Greis nach kurzem Zögern. Er winkte Dan zu. Der schwang sich aus dem Sattel. Leise klirrten seine Sporen, als er zu dem Alten auf die Veranda trat und seinen Namen sagte.

„Ich bin Dan Prior.“

„Prior?“, fragte der Greis, wobei sich seine buschigen Augenbrauen zusammenzogen.

„Wenn Sie mein Name stört …“

„Ich frage nicht nach dem Woher und Wohin“, beeilte sich der Alte zu versichern. „Man kann nicht fragen, denn Cowboys gibt es kaum hier in diesem Weizenland. Sei willkommen – und nun komm in mein Büro.“ Er öffnete die Tür und ließ Dan an sich vorbei.

Wenig später saßen sie sich in dem einfach eingerichteten Büro gegenüber.

Dan musterte den Raum verstohlen. So ähnliche Räume gab es auf allen Ranches. Lohngelder wurden hier empfangen, Karteikarten über Herdenbestände geführt; Papiere aller Art lagen in Schubladen und Fächern, wohlgeordnet, so dass man kaum glauben konnte, das Büro eines alten Junggesellen vor sich zu haben.

Clint Brand bot seinem neuen Cowboy Zigarren an, wartete, bis Dan sich bedient hatte und nahm sich dann selbst von dem dunklen Kraut. Er zündete die Zigarre an, nachdem er Dan Feuer gegeben hatte und lehnte sich bequem zurück, sog tief den Rauch ein und blies ihn dann scharf von sich.

„Ich muss dich darauf aufmerksam machen, dass es bei dem in Aussicht gestellten Posten als Cowboy um Leben und Tod geht. Yeah, ich will es kurz machen, Cowboy, wer für mich reitet, reitet mit dem Tod als Partner.“ Er schwieg und sah Dan abschätzend und verwundert an. Yeah, verwundert, denn sein Gegenüber zuckte mit keiner Miene, sondern fragte nur: „Eine heiße Weide?“

„Nur darum so heiß, weil man die Burschen nicht packen kann, die unser Vieh stehlen“, schnaufte der Alte bissig. „Wenn wir auch wissen, wo die gestohlenen Rinder landen. Sie enden in den Fleischtöpfen der Arbeitercamps des Weizenkönigs.“ Die Erregung wuchs in seiner Stimme. Er schaute an Dan vorbei durch das offenstehende Fenster nach draußen, als erwarte er jemanden.

Dan wusste nicht, dass es in der Tat so war und dass er, noch bevor er zum Essen kam, in eine böse Sache hineinrasseln sollte.

Details

Seiten
133
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738926521
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v459957
Schlagworte
cheerio dan…

Autor

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Titel: Cheerio, Dan…