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Tödliche Kamera - Ein Katharina Ledermacher Krimi

©2019 80 Seiten

Zusammenfassung


Privatdetektivin Katharina Ledermacher ermittelt gegen eine Bande, die junge Frauen unter Drogen setzt und für pornografische Aufnahmen missbraucht. Trotz aller Widerstände ist sie entschlossen, die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Leseprobe

Table of Contents

Tödliche Kamera

Copyright

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Tödliche Kamera

Ein Katharina Ledermacher Krimi

von Bernd Teuber

nach Motiven von Richard Hey

 

 

Privatdetektivin Katharina Ledermacher ermittelt gegen eine Bande, die junge Frauen unter Drogen setzt und für pornografische Aufnahmen missbraucht. Trotz aller Widerstände ist sie entschlossen, die Wahrheit ans Licht zu bringen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Es war ein trüber Tag. Dunkle Wolken hingen am Himmel. Leichter Nieselregen fiel herab. Nasse Blätter lagen auf den Straßen und machten den Asphalt zu einer Rutschbahn. Das Wetter drückte auf die Stimmung der Menschen. Wer es sich leisten konnte, blieb zu Hause, denn bei diesen Temperaturen und Wetterverhältnissen machte das Autofahren keinen Spaß. Privatdetektivin Katharina Ledermacher konnte es sich nicht leisten, zu Hause zu bleiben. Sie mussten Geld verdienen.

Zügig steuerte sie ihren VW-Golf durch Berlin. Auf den Straßen herrschte kaum Verkehr. Schon nach zwanzig Minuten hatte sie ihr Ziel erreicht. Katharina parkte ihren Wagen vor der zweistöckigen Villa, stieg aus und ging die acht Stufen zum Haus empor. „Hans Steinwedel“ stand auf dem Messingschild neben der Haustür. Direkt darunter befand sich der Klingelknopf. Katharina drückte zwei Mal. Mehrere Minuten vergingen. Dann wurde die Tür geöffnet. Ein etwa sechzigjähriger Mann stand im Rahmen. Er hatte einen kantigen Kopf mit spärlichem Haarwuchs, eine scharf geschnittene Nase und buschige Augenbrauen.

„Da sind Sie ja endlich“, sagte er. „Ich fragte mich bereits, ob Sie überhaupt noch kämen.“

Sie folgte ihm durch einen langen Flur ins Wohnzimmer. Die Jalousie vor dem Fenster war heruntergelassen. Eine Schreibtischlampe warf ihren abgeschirmten Lichtstrahl auf den großen Tisch, auf dem eine Menge Papiere unordentlich herumlagen. Der übrige Teil des Zimmers befand sich im Halbdunkel. Weder Hans Steinwedel, noch Katharina konnten sich richtig sehen.

„Bitte, setzen Sie sich“, sagte er. „Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“

„Nein, danke.“

Katharina kam herüber an den Tisch, rückte sich einen Stuhl zurecht und setzte sich. Sie trug eine schwarze Jeans, eine helle Bluse und darüber eine dunkelblaue Jacke.

Hans Steinwedel setzte sich ebenfalls. Er hielt sich im Schatten.

„Nun, wie kann ich ihnen behilflich sein?“, fragte Katharina.

Er zögerte einen Moment, bevor er antwortete. „Es geht um meine Enkeltochter Melissa.“

Er zog eine Schublade auf, holte ein Foto heraus und reichte es der Detektivin. Die darauf abgebildete Frau mochte höchstens siebzehn oder achtzehn Jahre alt sein. Sie hatte lange blonde Haare, blaue Augen und eine Stupsnase.

„Melissas Eltern starben vor drei Jahren bei einem Flugzeugabsturz. Deshalb habe ich mich um das Mädchen gekümmert. Aber offenbar nicht besonders gut.“

„Ist sie verschwunden?“, wollte Katharina wissen.

„Nein, Frau Ledermacher“, entgegnete er mit dumpfer Stimme. „Sie ist tot.“

Er holte ein Taschentuch hervor und betupfte sich die Stirn.

„Starb an einer Überdosis Schlaftabletten“, fuhr er fort. „Die Wohnungstür war von innen versperrt. Der Rechtsmediziner sagt, es sei Selbstmord.“

„Aber Sie glauben nicht daran?“, vermutete Katharina.

Der Mann senkte den Kopf. „Sie hat die Tabletten geschluckt. Das stimmt schon. Aber irgendwie stand ihr das Wasser bis zum Hals, und sie sah das vermutlich als letzten Ausweg an.“

Hans Steinwedel sprach langsam und nachdenklich, und er hatte die Angewohnheit, Katharina dabei zu beobachten, sodass er seine Wortwahl modifizieren konnte, je nachdem, welchen Eindruck ihm seine Zuhörerin vermittelte. Auch Katharina pflegte sich dieser Methode hin und wieder zu bedienen. Aber sie fragte sich, warum sich ein Mann in seiner Situation so viel Mühe gab.

Er nahm einen Umschlag vom Schreibtisch und reichte ihn Katharina. Die Privatdetektivin betrachtete die darin enthaltenen Nacktfotos von Melissa.

„Das ist ziemlich harter Stoff.“

„Ja“, stimmte er ihr zu.

Sie steckte die Aufnahmen wieder in den Umschlag und gab ihn Steinwedel zurück.

„Offenbar hatte sie sich mit irgendwelchen miesen Typen eingelassen“, sagte er. „Und aus diesem Grund habe ich mich an Sie gewandt.“

Steinwedel zog ein goldenes Zigarettenetui aus der Innentasche seine Jacke, hielt es Katharina hin, erntete ein Kopfschütteln und steckte sich eine Zigarette in den Mundwinkel.

„Melissa mag zwar Hand an sich gelegt haben, aber dazu getrieben wurde sie von den Kerlen, die hinter diesen Pornoaufnahmen stehen. Weiß der Himmel, wie viele andere junge Mädchen, die schon auf dem Gewissen haben.“ Steinwedel zog finster die Brauen zusammen. „Sie war ein ordentliches Mädchen. Wollte unbedingt Model werden, war aber sonst ordentlich und gradlinig. Das war vor einem knappen Jahr. Jetzt ist sie eine Selbstmörderin und“ - er deutete auf den Umschlag - „ das hier noch dazu. Ich will die Leute haben, die dafür verantwortlich sind.“

„Warum wenden Sie sich dann nicht an die Polizei?“

„Weil ich mir nicht viel davon verspreche. Wenn sie der Sache nachgehen, dann nur halbherzig. Ich brauche aber jemanden, der sich rund um die Uhr darum kümmert. Nicht nur von Berufs wegen, sondern mit persönlichem Einsatz.“

Er nahm die Zigarette aus dem Mund und drehte sie nachdenklich zwischen Daumen und Zeigefinger.

„Diese Kerle sollen zu spüren bekommen, dass sie einen Fehler gemacht haben. Vermitteln Sie ihnen diese Einsicht.“

Katharina lächelte verständnisvoll. „Ich werde tun, was ich kann. Können Sie mir noch ein paar Einzelheiten geben? Wo sie wohnte, zum Beispiel?“

Steinwedel zog eine Schublade auf. Wortlos reichte er Katharina einen großen Umschlag. „Hier drin befinden sich sämtliche Informationen, die Sie benötigen.“

Die Detektivin öffnete ihn, nahm einige Papiere heraus und betrachtete sie eingehend. Katharinas und Steinwedels Blicke trafen sich. Schließlich steckte sie die Pepiere wieder in den Umschlag zurück und schob ihn in die Innentasche ihrer Jacke.

„Ich möchte, dass Sie sofort mit Ihren Nachforschungen beginnen. Geld spielt keine Rolle. Abrechnung versteht sich.“

Katharina musste lächeln, dass der alte Mann trotz der angespannten Lage die Abrechnung nicht vergaß. Dennoch fühlte sie sich verpflichtet, Steinwedel sofort zu warnen.

„Versprechen Sie sich von mir oder Ihrem Geld nicht allzu viel“, sagte sie mit Nachdruck. „Sie wären nicht mein erster Klient, der glaubt, ich könnte Wunder vollbringen. Ich kann zwar Wege einschlagen, die der Polizei verschlossen sind, aber ich bin auch an die Gesetze gebunden, und vor allem – ich bin ein ganz gewöhnlicher Mensch.“

„Sie sind eine bekannte Detektivin“, entgegnete Steinwedel. „Erledigen Sie Ihre Arbeit gewissenhaft, dann bin ich zufrieden. Ich möchte mir nicht den Vorwurf machen, dass ich nichts unternommen hätte.“

 

 

2

Melissa Steinwedels Wohnung befand sich in einem Haus in Kreuzberg. Katharina parkte ihren Wagen vor dem Gebäude und ging die paar Stufen zum Eingang hinauf. Im Hausflur war es kühl und feucht.

Melissas Wohnung war die Letzte im Parterre. Katharina ging den düsteren Hausflur entlang, steckte den Schlüssel, den sie von Hans Steinwedel bekommen hatte, ins Schloss und stieß die Tür auf. Das Wohnzimmer wies deutliche Anzeichen polizeilicher Aktivitäten auf. Neben einem altersschwachen Sofa waren die Umrisse der Leiche auf den Fußboden gezeichnet.

Katharina öffnete die Türen, die vom Wohnzimmer abgingen. Die eine führte in ein kleines Bad, die andere in ein Schlafzimmer, dessen Fenster auf einen tristen Hinterhof hinausging. Das Bett war ungemacht und über einer Stuhllehne lagen ein paar Kleidungsstücke. Soweit sie sehen konnte, war dieser Raum nicht durchsucht worden. Katharina ging zu der dunkelbraunen Kommode, über der ein Spiegel hing, und zog an der obersten Schublade. Sie enthielt Unterwäsche und Dutzend Paar Socken.

Das Geräusch eines Schlüssels in der Wohnungstür ließ sie zusammenzucken. Sie schlich zur Schlafzimmertür und blickte durch den Spalt. Die Wohnungstür öffnete sich. Eine hochgewachsene junge Frau mit rotem Haar trat ein und verschloss die Tür wieder hinter sich. Sie hatte ein langes, oval geschnittenes Gesicht. Unter ihren grünen Augen lagen tiefe Schattenringe. Dadurch sah sie zerbrechlich und kränklich aus.

Aber Katharina vermutete, dass dies das normale Aussehen ihrer Augenpartie war. Sie hatte einen kleinen Mund ohne Lippenstift. Ihr Haar trug sie in der Mitte gescheitelt und im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie musterte fasziniert die Markierungen auf dem Fußboden, als Katharina ins Wohnzimmer trat.

Beim Anblick der Detektivin weiteten sich ihre Augen, und ihre Hand fuhr zum Mund. „Wer sind Sie?“, flüsterte sie.

„Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich Sie erschreckt habe. Ich dachte, ich hätte den einzigen Schlüssel zu der Wohnung. Mein Name ist Katharina Ledermacher. Ich suche nach einigen Anhaltspunkten im Fall Melissa Steinwedel.“ Sie sah, wie die Frau verwirrt die Stirn runzelte. „Nur, um ihren Großvater zu beruhigen.

Die Rothaarige nickte. „Ach so. Sie hat sich umgebracht.“

„Ich weiß“, erklärte Katharina. „Wie gesagt, das ist nur eine Routineuntersuchung, damit ihr Großvater beruhigt ist.“ Sie musterte die junge Frau. „Und Sie?“

„Petra Crone. Melissa war meine Freundin. Ich wollte nur ihre Sachen zusammenpacken, die ihr Großvater vielleicht zurückhaben will.“

Katharina blickte sich nachdenklich in der Wohnung um. „Haben Sie eine Ahnung, welcher Art die Schwierigkeiten waren, in denen sie steckte?“, fragte die Detektivin.

Petra überlegte einen Augenblick und schüttelte dann den Kopf. „Melissa redete nicht viel.“ Sie ging hinüber zu der alten Couch, setzte sich und schlug die langen Beine übereinander. „Ich kenne niemanden von ihren Freunden und Bekannten – weder Frauen noch Männer.“

„Wo haben Sie Melissa kennengelernt?“

„Wir besuchten die gleiche Model-Schule. Haben beide vor ungefähr drei Monaten aufgehört. Seit der Zeit sah ich sie ziemlich selten.“ Sie hob die Schultern. „Aber ich fand, ich könnte wenigstens die Sachen für ihren Großvater zusammenpacken.“

„Warum haben sie mit dem Besuch der Model-Schule aufgehört?“

Die junge Frau zuckte mit den Schultern. „Es ist zwar nur meine persönliche Ansicht, aber ich halte die ganze Sache für einen Betrug. Die versprechen einem Gott weiß was – und halten nichts. Ich kann es mir nicht leisten, mein Geld zum Fenster hinauszuwerfen.“

„Wo befindet sich diese Schule?“

„Was haben Sie vor?“

Katharina zog die Schultern hoch. „Ich weiß noch nicht genau. Aber wenn das tatsächlich Betrüger sind, werde ich für Melissas Großvater das Honorar zurückverlangen.“

„Nennt sich die „Model-Schule und Casting Agentur Köster“. In der Pannierstraße. Die Leiterin ist eine gewisse Anneliese Köster.“

„Wo kann ich Sie erreichen, falls ich Ihr Geld auch zurückbekomme?“

Petra zögerte einen Moment und lächelte sie dann an. „Ich wohne in der Fellnerstraße Nummer 46. Aber es würde mich sehr überraschen, wenn Sie Anneliese Köster Geld abknöpfen könnten.“

 

 

3

Katharina entnahm dem Wegweiser in der Eingangshalle, wo die „Berliner Model-Schule und Casting Agentur“ zu finden war, und fuhr mit dem Lift in den zwölften Stock hinauf. Eine zweiflüglige Glastür am Ende des Korridors bildete den Eingang zur Schule. Auf dem rechten Rand stand in kleinen Goldbuchstaben: Anneliese Köster, Direktorin.

Im Vorzimmer saßen junge Frauen verschiedenster Schattierungen. Vor ihnen standen die unvermeidlichen Taschen und Koffer, die Erkennungszeichen ihres Berufes – oder angestrebten Berufes. Eine Empfangssekretärin saß hinter einem Schreibtisch, studierte eine Modezeitschrift und ließ sich von dem unablässigen Geplapper und dem gelegentlich nervösen Lachen nicht stören.

Katharina ging zu ihr und klopfte auf die Tischplatte. Die Frau schien von der Störung nicht sehr begeistert zu sein. „Ja?“, fragte sie unwirsch.

„Ich möchte mit Frau Köster sprechen.“

„In welcher Angelegenheit?“

„In einer dienstlichen“, log Katharina.

Die Unterhaltung war verstummt. Die Frauen betrachteten Katharina und warfen sich gegenseitig Blicke zu. Die Empfangssekretärin drückte auf einen Knopf an ihrem Telefon und sprach in den Hörer. Dabei ließ sie Katharina keine Sekunde aus den Augen. Dann brummte sie ungnädig: „Frau Köster erwartet Sie.“

Ein elektrischer Öffner summte und eine Tür rechts neben dem Schreibtisch ging auf. Katharina trat ein. Der Korridor dahinter war rechts und links von Büros gesäumt. Am Ende des Flurs stand eine Frau in einer offenen Tür. Sie sah der Detektivin ausdruckslos entgegen, während Katharina auf sie zukam. Als sie die Tür erreichte, drehte sich die Frau um und ging zu ihrem Schreibtisch.

Sie war mindestens fünfundvierzig, aber ihr glattes, gepflegtes Gesicht ließ sie erheblich jünger erscheinen. Ihr Haar war platinblond, noch akzentuiert durch die tiefe Bräune ihres Gesichts. Die leicht schräg stehenden Augen kamen dank des fachmännischen Make-ups noch besser zur Geltung, und die vollen Lippen wirkten wie eine feuerrote Narbe in der sonnengebräunten Haut.

Mit ausdrucksloser Miene ließ sie Katharinas prüfende Blicke über sich ergehen. „Wie ich hörte, sind Sie dienstlich hier. Darf ich bitte Ihren Ausweis sehen, Frau …?“

„Ledermacher“, sagte sie und zeigte ihr das gewünschte Dokument.

„Haben Sie keinen Dienstausweis?“, fragte Frau Köster.

„Ich bin nicht von der Polizei.“

„Sondern?“

„Privatdetektivin.“

„Ach so. Dann handeln Sie ohne offiziellen Auftrag.“

Katharina nickte.

„In diesem Fall bin ich leider zu sehr beschäftigt, um ...“

„Wenn Sie natürlich etwas zu verbergen haben, kann es durchaus sein, dass ich mit jemandem zurückkomme, der offizielle Befugnisse hat.“

Die glatte Stirn der Platinblonden war jetzt von den Falten der Verärgerung durchzogen. „Was soll das heißen?“

„Eine ehemalige Schülerin von ihnen glaubt, dass dieser Model-Kurs glatter Betrug sei. Sie hat mich beauftragt, die Gebühren zurückzufordern.“

„Das ist ja lächerlich.“

Katharina zuckte mit den Schultern. „Möglich. Ich glaubte nur, ich würde Ihnen eine Menge Ärger und schlechte Reklame ersparen, wenn wir uns in Ruhe darüber unterhielten. Aber vielleicht ist es Ihnen lieber, wenn sich die Frau an die Gewerbeaufsicht wendet.“

Die Unmutsfalten waren noch immer da. „Wer ist diese ehemalige Schülerin?“

„Melissa Steinwedel.“

Das Stirnrunzeln wurde heftiger. „Wir hätten sie von Anfang an nicht nehmen sollen.“

„Ganz recht. Sie hätten sie nicht nehmen sollen, und ihr Geld auch nicht. Denn als Sie ihr alles abgeknöpft hatten ...“

„Frau Ledermacher, dies ist eine angesehene Schule. Draußen im Vorzimmer sitzen Frauen, die regelmäßig Aufträge bekommen. Sie können sie gern fragen.“ Sie trat zu dem Aktenschrank an der Wand und öffnete die Türen. „Hier sind die Unterlagen von hunderter von Frauen, die bei mir die Prüfung abgelegt haben. Einen Stock höher wird der Unterricht erteilt.“ Sie schloss die Schranktüren wieder. „Aber es ist ganz klar, dass wir keine hundertprozentigen Erfolge aufweisen können. Melissa Steinwedel war einfach nicht der Typ, der zu uns passte.“

„Ich glaube doch. Sie hatte nämlich Geld.“

Die Frau lief rot an.

„Sie war solange Ihr Typ, bis ihr Geld alle war.“

„Wenn Ihnen Melissa Steinwedel das erzählt hat, ist sie eine schamlose Lügnerin.“

„Sie hat mir gar nichts erzählt. Melissa Steinwedel ist tot. Selbstmord.“

„Das tut mir natürlich sehr leid.“ Anneliese Köster trat hinter ihren Schreibtisch und setzte sich. Sie nahm eine Zigarette, zündete sie an und fuhr dann fort: „Melissa Steinwedel war einfach zu ungeduldig. Wir haben einen festen Lehrplan und legen Wert darauf, dass die Frauen gründlich ausgebildet werden, bevor sie Engagements annehmen.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Melissa wollte Jobs übernehmen, bevor sie unserer Meinung reif dafür war.“

Sie nahm die Zigarette aus dem Mund und betrachtete das rot verschmierte Mundstück. „Sie ist nicht die Erste, die sich nicht der Disziplin unterwerfen will, die ein Model haben muss. Und sie wird nicht die Letzte sein.“

„Diese Frauen draußen im Vorzimmer. Auf welche Art von Aufträgen warten die?“

„Modeaufnahmen. Model-Fotos.“

„Aktfotos?“

Mit eisiger Ruhe drückte Anneliese Köster ihre Zigarette aus. Als sie aufblickte, blitzten ihre Augen vor verhaltener Wut.

„Ich bin nicht gewillt, mir diese Verdächtigungen länger anzuhören. Sie kommen hierher und geben vor, Polizistin zu sein ...“

„Ich habe gar nichts vorgegeben. Sie haben es lediglich angenommen.“

„Das spielt keine Rolle. Sie unterstellen mir, das sei eine betrügerische Schule und wir würden unseren Frauen unmoralische Aufträge vermitteln.“ Sie zog das Telefon zu sich heran. „Das geht zu wirklich zu weit. Wir sind ein seriöses Unternehmen. Ich werde mir das nicht gefallen lassen.“

„Warum rufen Sie dann nicht die Polizei?“, fragte Katharina provozierend.

Anneliese Köster hob den Hörer ab und wählte.

„Schon gut“, sagte die Detektivin. „Sie haben gewonnen. Ich gehe.“

 

 

4

Katharina stieg wieder in ihren Wagen. Während sie den Motor startete, überlegte sie, wie sie weiter vorgehen sollte. Sie hatte keine Spur, nichts, wo sie ansetzen konnte. Vielleicht sollte sie sich an Herbert Paschke wenden. Wenn jemand wusste, welche krummen Dinger in Berlin liefen, dann er. Paschke hatte sich vor einigen Jahren bei einem Feuer schwere Brandverletzungen zugezogen. Als Folge der nachfolgenden schmerzhaften Operationen war er drogenabhängig geworden.

Im Laufe der Zeit wurde die Sucht immer stärker. Paschkes kriminelle Aktivitäten warfen nicht genug ab, um den benötigten Stoff zu finanzieren. Deshalb musste er sich andere Einnahmequellen suchen. Paschke verlegte sich auf den Verkauf von Informationen, weil er festgestellt hatte, dass es eine Menge Leute gab, die bereit waren, dafür zu bezahlen. Als die Sucht immer größer wurde, musste er sein Angebot zwangsläufig erweitern. Manchmal waren seine Informationen vollkommen wertlos, aber oft genug überstieg der Wert den geforderten Preis. Katharina wusste aus jahrelanger Erfahrung, dass sie ihm vertrauen konnte.

Fünf Minuten später parkte sie ihren Wagen am Straßenrand, stieg aus und betrat „Harrys Bierstube“. Die Kneipe war einer von diesen billigen Amüsierschuppen, die seit einiger Zeit wie Pilze aus dem Boden schossen. Normalerweise war der Laden gerammelt voll. Doch um diese Uhrzeit saßen nur drei Männer und eine Frau am Tresen. Oft genug schien es hier auch zu gewalttätigen Auseinadersetzungen zu kommen. Davon zeugten zumindest die unzähligen Kampfspuren auf den Tischen und Stühlen. Kaum einer der Anwesenden beachtete Katharina, als sie zu dem korpulenten Mann hinüberging, der am Zapfhahn stand. Seine dicken Arme waren von oben bis unten tätowiert. Der massige Kopf glänzte vor Schweiß.

„Guten Morgen“, sagte Katharina. „Ich bin auf der Suche nach Herbert Paschke.“

Der Wirt musterte sie kurz und schüttelte dann den Kopf. „Ist nicht da.“

„Ich dachte, er wäre hier Stammgast.“

„Ja.“

„Wann kommt er für gewöhnlich?“

„So um zehn.“

Katharina blickte auf ihre Armbanduhr. „Es ist bereits halb elf.“

„Ja.“

„Und warum ist er dann noch nicht hier?“

„Er kommt nicht mehr.“

Katharina verlor allmählich die Geduld. „Warum nicht?“

„Er hat eine neue Leidenschaft: Alkohol“, sagte der Wirt. „Schnaps, Whisky, Cognac – er trinkt alles. Manchmal schüttet er sich dermaßen zu, das er kaum noch den Weg nach Hause findet. Das hindert ihn auch daran, pünktlich zu sein.“ Er musterte Katharina mit gerunzelter Stirn. „Vielleicht sollten Sie später wiederkommen.“

„Ja, vielleicht.“

Sie verließ die Kneipe, stieg wieder in ihren Wagen und startete den Motor. Sie hatten schon seit einigen Wochen keinen Kontakt mehr zu Herbert gehabt, trotzdem fand sie es merkwürdig, dass er von Drogen auf Alkohol umgestiegen war. Was mochte ihn dazu veranlasst haben?

Sie stoppte an einer Telefonzelle, steckte eine Münze in den Schlitz und wählte eine Nummer. Es läutete, doch niemand nahm ab. Nach dem zwanzigsten Klingeln hängte sie ein und starrte gedankenverloren auf den Apparat. Sie fand es merkwürdig, dass er sich nicht meldete. Wenn er nicht in der Kneipe saß, hielt er sich meistens zuhause auf. Vielleicht war ihm etwas zugestoßen. Dann erinnerte sie sich daran, dass er davon gesprochen hatte, Berlin zu verlassen, weil ihm das Klima hier zu ungesund erschien. Aber dann hätte er vermutlich das Telefon abgemeldet.

Katharina verließ die Telefonzelle, stieg in ihren Wagen, startete den Motor und fädelte sich in den fließenden Verkehr ein. Zehn Minuten später erreichte sie die Kurfürstenstraße im Stadtteil Schöneberg. Die Gegend gehörte nicht gerade zu den besten in Berlin. Obwohl es noch recht früh am Tag war, gingen die Prostituierten bereits ihrer Tätigkeit nach. Zigaretten rauchend und in greller Kleidung standen sie neben den Hoteleingängen und warteten auf Kundschaft.

An den Tischen der Cafés saßen die Zuhälter in teuren Maßanzügen, die so viel gekostet hatten, wie eine sechsköpfige Familie brauchte, um ein Jahr zu leben. Aber Verderbtheit und Verbrechen hatten sich allzeit besser bezahlt gemacht, als harte Arbeit. Und es gab keine Art von Laster und Begierde, die man mit Geld in Berlin nicht hätte befriedigen können. Hier war selbst die oft besungene Berliner Luft erfüllt vom Gestank moralischer Verkommenheit.

Während Katharina unter den gleichgültigen, abschätzigen oder verächtlichen Blicken der Frauen die Straße entlangging, kamen ihr unwillkürlich die Worte des ehemaligen Bürgermeisters von Berlin und Bundespräsidenten Richard von Weizäcker in den Sinn: „Zu den Zierden Deutschlands gehören seine Städte. Unter ihnen ist Berlin weder die Älteste noch die Schönste. Unerreicht aber ist ihre Lebendigkeit.“

Katharina bog in eine Seitenstraße ein, die in die Kurfürstenstraße mündete. Nach einigem Suchen fand sie die richtige Hausnummer. Das Gebäude sah heruntergekommen aus. Verputz und Farbe waren abgebröckelt, und ließen das nackte Mauerwerk sehen. Große Teile der Stuckverzierung rund um die Eingangstür waren heruntergebrochen. Das Haus bot einen idealen Unterschlupf für Ratten und Ungeziefer. Katharina stieg die schmutzige Steintreppe hinauf bis in das dritte Stockwerk. Dort läutete sie an einer Tür. Nichts rührte sich. Sie läutete noch einmal. Wieder nichts. Sie drückte gegen die Tür. Sie schwang nach innen auf. Von einem kurzen Korridor zweigten mehrere Türen ab. Hinter einer ertönte das Gemurmel von Stimmen. Katharina öffnete und trat über die Schwelle. Im nächsten Augenblick saß ihr der kalte Stahl einer Pistolenmündung im Genick.

„Keine Bewegung, oder du bist tot“, sagte eine Männerstimme. Dann fügte sie hinzu: „Bist du‘s, Katharina? Verdammt noch mal, komm nie wieder unangemeldet in einen Raum, in dem ich mich befinde. Fast hätte ich dir eine Kugel durch den Kopf gejagt. Ich habe viele Feinde in Berlin. Ich bin nur deshalb noch am Leben, weil ich schlauer bin als meine Gegner.“

Die Fensterläden waren halb geschlossen. In dem Raum herrschte graues Zwielicht. Der Druck der Pistolenmündung verschwand aus Katharinas Nacken. Herbert Paschke trat in ihr Blickfeld. Er musste hinter der Tür gestanden haben, als die Detektivin über die Schwelle trat – ein Zeichen dafür, dass er immer auf der Hut war, weil er offenbar um ihr Leben fürchtete.

„Einige Typen sind ziemlich sauer auf mich, weil ich sie angeblich an die Polizei verraten habe. Deswegen haben sie Leute auf mich angesetzt, die mir die Knochen brechen sollen.“

Herbert warf die Pistole auf den Tisch und griff nach einer Flasche Schnaps, die dort stand. Er sah Katharina fragend an, doch diese schüttelte nur den Kopf. Herbert zuckte daraufhin geringschätzig mit den Mundwinkeln, füllte ein Glas bis zum Rand und stürzte den Schnaps hinunter. Auf dem Tisch stand noch ein zweites Glas, dessen Rand dick mit Lippenstift beschmiert war. Das machte Katharina auf einmal klar, dass sie und Herbert nicht allein in dem Raum waren.

Details

Seiten
80
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738926514
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (August)
Schlagworte
tödliche kamera katharina ledermacher krimi

Autoren

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Titel: Tödliche Kamera - Ein Katharina Ledermacher Krimi