Lade Inhalt...

REDLIGHT STREET #76: Ein neues Leben für Gina Verhoven

2019 113 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Ein neues Leben für Gina Verhoven

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

Ein neues Leben für Gina Verhoven

REDLIGHT STREET #76

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.

 

Seit einiger Zeit fühlt sich Gina Verhoven müde und kraftlos. Als ihr Arzt ihr mitteilt, dass sie an Leukämie erkrankt ist und vielleicht nur noch zwei Jahre zu leben hat, bricht eine Welt für sie zusammen, und sie beschließt, sich das Leben zu nehmen. In dem stadtnahen Wald klettert sie auf einen Baum. Bei ihrem Vorhaben gestört, beobachtet sie, wie eine Frau von einem Kerl an einen Baum gefesselt und dann brutal geschlagen wird. Als der mit seinen Begleitern wegfährt, lassen sie die Frau zurück.

Gina entschließt sich, der Frau zu helfen …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Gina Verhoven ging langsam die Straße entlang. Wie unnatürlich warm es heute war!

Sie fühlte sich entsetzlich müde und kraftlos. Vielleicht hatte sie auch wirklich eine Krankheit, welche die ewige Müdigkeit verursachte. Bald würde sie es erfahren; sie war auf dem Weg zu ihrem Arzt Dr. Obergärtner. Heute sollte das Untersuchungsergebnis da sein, das er an das Institut geschickt hatte. Sie machte noch einen kleinen Umweg, ehe sie in die Sprechstunde des Arztes ging, so als wollte sie die Unterredung mit ihm noch ein wenig hinausschieben. Nicht, dass sie Angst gehabt hätte vor dem, was er ihr sagen würde. So schlimm würde es schon nicht sein. Ihr fehlte ja weiter nichts, als dass sie immer müde und kraftlos, war. Und ein bißchen blass, aber das war wohl ihre Veranlagung.

Nun stand sie vor dem Haus, in dem der Arzt seine Praxis hatte. Unschlüssig sah sie an der Front hinauf, aber dann ging sie doch hinein.

Wie voll es wieder war! Sie hätte doch früher kommen sollen. Nun musste sie endlos lange warten. Sie mochte sich nicht vordrängen, auch wenn es ihr ein bisschen übel wurde zwischen den vielen anderen Patienten. Aber sie waren ja alle krank, die hier saßen, und manchem wurde das Warten sicher noch schwerer als ihr. So vertiefte sie sich in das Buch, das sie vorsorglich mitgenommen hatte.

Endlich war sie an der Reihe. Dr. Obergärtner begrüßte sie freundlich und bat sie, in dem Sessel ihm gegenüber Platz zu nehmen.

Warum musste sie gerade zu mir kommen?, dachte er. Einem anderen Kollegen würde es vielleicht gar nichts ausmachen, jetzt mit ihr zu sprechen. Wie zart und zerbrechlich sie dasitzt in dem großen Sessel! Wie durchsichtig die schmalen Hände sind! Sie ist so traumhaft schön, und doch ...

„Haben Sie das Untersuchungsergebnis, Herr Doktor?“, unterbrach Ginas helle Stimme seine Gedanken. „Sie sagten, ich könne heute kommen und mich nach dem Ergebnis erkundigen.“

„Ja, ich habe es“, erwiderte er und schaute in ihre Karteikarte.

Gina sah ihn nicht an. Sie blickte zum Fenster hinaus in den kleinen Garten. Er enthielt nur eine Rasenfläche und einige Sträucher, keine Blumen.

Warum antwortet er mir nicht?, überlegte Gina. Ach doch, er hat ja gesagt, er habe das Ergebnis. Nun sah sie ihn voll an.

„Bitte sagen Sie mir doch, was in dem Bericht steht.“

Als der Arzt jetzt den Blick hob, war es dem Mädchen, als wüsste es schon alles, so ernst, so traurig blickten die dunklen Augen sie durch die Brillengläser an.

„Bitte sagen Sie mir die Wahrheit, ich kann sie vertragen“, forderte sie ihn noch einmal auf. „Ich bin kein Kind mehr und habe schon allerhand durchgemacht. Ich habe meine Heimat und meine Familie verloren und musste immer mit allem alleine fertig werden.“

Warum sage ich ihm das?, schalt sie sich gleichzeitig. Das gehört doch nicht hierher.

„Warum nehmen Sie an, dass ich Ihnen nicht die Wahrheit sagen will?“, fragte er nun, mehr um Zeit zu gewinnen, als um eine Antwort zu bekommen.

„Wenn das Ergebnis schlecht ist, werden Sie sicher versuchen, es zu beschönigen. Sie werden mir eine barmherzige Lüge sagen“, vermutete sie.

Einen Moment überlegte er noch, ob er sie in die Klinik schicken sollte, um die Blutprobe wiederholen zu lassen. Dann brauchte er ihr nicht selbst zu sagen, was gesagt werden musste. Aber dann verwarf er den Gedanken wieder. Sie hatte sich an ihn gewandt, von ihm wollte sie wissen, wie es um sie stand.

„Fräulein Verhoven, was ich Ihnen jetzt sagen muss, ist sehr ernst. Sie haben eine schwere Blutkrankheit ...“

„Leukämie?“, unterbrach sie ihn ahnungsvoll.

„Ja, es ist Leukämie.“

Wenn sie jetzt die Verzweiflung erfasste, wenn sie jetzt klar erkannte, dass ihr junges Leben, das erst siebenundzwanzig Jahre gewährt hatte, schon zu Ende war, dann ließ sie es jedenfalls nicht erkennen.

„Und wie lange habe ich noch zu leben?“, fragte sie nur.

Mein Gott, sie kann doch nicht so kühl, so gefasst sein, dachte er. Hat sie denn kein Herz, kein Gefühl? Jede andere wäre jetzt in Tränen ausgebrochen.

„Genau kann man das nicht voraussagen“, antwortete er auf ihre Frage. „Es gibt jetzt Medikamente, die nicht nur die Beschwerden lindern, sondern auch tatsächlich vorübergehende Besserung bringen. Allerdings nur für kurze Zeit. Ich würde Ihnen raten, so eine Kur zu machen.“

„Wozu?“, warf sie ein. „Mit dem sicheren Tod vor Augen sind auch die wenigen Tage kein Geschenk mehr. Wie lange also noch?“

„Im Höchstfälle zwei Jahre“, musste er zugeben,

„Und — wie wird es weitergehen?“, wollte sie noch wissen. „Ich meine, wie verläuft die Krankheit im Allgemeinen?“

Er bemühte sich, ihr alles so zu schildern, dass es nicht zu grausam, zu abstoßend erschien. Im Sprechen gewann er seine Sicherheit wieder, hier war er auf seinem ureigensten Gebiet. Und sie schien ihm ja auch gefasst und verständig zuzuhören.

Zum Schluss schrieb er ihr noch einige Medikamente auf, die sie ständig nehmen sollte.

„Kommen Sie bitte regelmäßig zur Untersuchung“, bat er sie, „vor allem wenn es Ihnen schlechter geht, melden Sie sich gleich. Ich werde alles tun, um Ihnen wenigstens Schmerzen zu ersparen.“

„Ich danke Ihnen, Herr Doktor!“ Zum Abschied brachte sie sogar ein kleines Lächeln zustande.

Dann stand sie wieder draußen auf der Straße. Die Sonne schien immer noch. Aber nicht mehr für sie.

 

 

2

Mühsam schleppte Gina sich die Treppe hoch. Sie wohnte im ersten Stock eines uralten Hauses. Früher war es einmal eine Kutscherwohnung gewesen, die zu der Villa hinten im Park gehört hatte. Aber beide Gebäude waren schon vor Jahren zu Mietwohnungen umgebaut worden. Sie liebte ihre kleine altmodische Wohnung. Auf der gleichen Etage wohnte eine ältere Frau. Frau May hatte früher in besseren Verhältnissen gelebt. Jetzt hatte sie nur eine winzige Rente, von der sie kaum existieren konnte; aber sie klagte nie. Gina Verhoven mochte die stille Frau gern. Um ihr zu helfen, ließ sie sich von Frau May kleine Besorgungen machen. Erstens hatte sie wirklich wenig Zeit, und zum anderen konnte sie ihr dann etwas zustecken, ohne dass es demütigend wirkte.

Als sie den Schlüssel aus ihrer Tasche zog, öffnete Frau May ihre Tür.

„Ich habe Ihnen die Milch besorgt, Fräulein Verhoven.“

Gina drehte sich um und blickte auf die Flasche. Ihr Gesicht war wie leblos. Richtig, weil sie sich seit einiger Zeit so schlapp und müde fühlte, hatte sie sich dazu gezwungen, jeden Tag einen Liter Milch zu trinken. Aber es half nicht, nur für den Augenblick. Und von der Einbildung konnte man auch nicht gesund werden.

Leukämie!

Das Wort dröhnte ihr in den Ohren.

Frau May sah sie besorgt an.

„Fühlen Sie sich nicht gut, Fräulein Verhoven? Soll ich Ihnen die Milch heiß machen? Ich habe schon immer gesagt, Sie arbeiten zu viel. Sie müssen auch mal an sich denken.“

Gina nahm ihr die Flasche ab und lächelte schwach.

„Vielen Dank, Frau May, aber das Wetter, wissen Sie!“

Die Frau nickte ihr aufmunternd zu und zog sich zurück. Das schätzte Gina besonders an ihr; sie drängte sich nie auf, sondern kam nur in die Wohnung, wenn man sie ausdrücklich darum bat.

Gina stellte die Flasche in die winzige Küche und legte die Jacke ab. Das Wohnzimmer war der größte Raum. Die Decke sehr niedrig, das Fenster reichte bis auf den Boden. Mit viel Liebe und Fingerspitzengefühl hatte Gina sich dieses kleine Reich zur Heimat gemacht. Auf dem Tisch vor dem Kamin lagen Zigaretten. Gedankenlos nahm sie eine und steckte sie an. Sie stellte sich an das Fenster und blickte in den Park. Den hatte man zum Glück nicht viel verändert. Nur eine große Spielecke für die Kinder war angelegt worden. In einer Großstadt waren Parks sehr wichtig, das hatte man endlich eingesehen.

Die Zigarette schmeckte ihr nicht, und sie drückte sie aus. Gina blickte sich um und betrachtete bewusst ihre Umgebung. Die weichen Felle auf dem Boden, in der Nische das Bett, der große Zeichentisch und die vielen halbfertigen Muster, der Kamin mit den gemütlichen Sesseln. Die breite Wand ganz voll Bücher, die Bilder. Jedes Stück war ihr gleich lieb und wertvoll.

Seit zwei Jahren war sie eine anerkannte Künstlerin, entwarf Muster für Tapeten, Stoffe und viele andere Dinge. Malen war ihre Leidenschaft. Es war ein harter und steiniger Weg gewesen. Aber sie hatte die Zähne zusammengebissen, hatte sich vieles versagt und keine Arbeit gescheut. Und nun hatte sie es geschafft.

Aber wozu hatte sie es geschafft, wenn sie bald sterben musste?

Und endlich kamen die Tränen, brach die Verzweiflung aus ihr heraus.

„Ich will nicht sterben, ich will leben, leben!“

Jetzt begann sie erst zu erkennen, was es heißt, leben zu dürfen. Was waren alle Not und Entbehrung gewesen gegen dieses furchtbare Wissen: höchstens noch zwei Jahre. Sie weinte, bis sie keine Tränen mehr hatte.

Warum gerade ich, schrie es in ihr.

Sie hatte sich auf die Couch gelegt und starrte zur Decke. Die Augen brannten. Ihr kurzes Leben zog an ihr vorüber. Unter einem unguten Stern hatte es begonnen, dieses Leben.

Damals ...

Woran sie sich von der Flucht aus dem Osten erinnerte, waren Kälte und Schnee und Hunger. Der Krieg und die Zeit danach hatte viele Menschen durcheinandergebracht. Sie war klein und unverständig gewesen. Sie sah die Mutter mit dem harten Gesicht, den Vater, der nie sprach. Und da war noch die große Schwester gewesen, Gertrud.

Später, als man in dieser Stadt Zuflucht gefunden hatte, war Gertrud nicht mehr da. Die Schwester, die so wunderbar lachen konnte, mit der sie immer gespielt hatte - Gertrud war fort.

Als sie zur Schule ging, hatte sie zu fragen begonnen. Und die Mutter sagte mit steinernem Gesicht: „Gertrud ist tot, auf der Flucht umgekommen.“

Kurze Zeit später starb der Vater, und die Not hörte nicht auf. Die Mutter ging als Putzfrau, um wenige Groschen nebenbei zu verdienen. Und sie, Gina, hatte nun die höhere Schule besuchen dürfen, weil sie so außergewöhnlich begabt gewesen war. Alle Lehrer hatten der Mutter zugeredet. Und sie selbst hatte nur immer lernen wollen. Sie bekam eine Freistelle und war glücklich.

Aber das Schicksal schlug noch einmal zu. Wenige Jahre später, sie hatte noch nicht das Abitur gemacht, starb auch die Mutter. Gina hatte sich immer geschworen, wenn ich erst einmal verdiene, soll es Mutter gut haben. Dann soll sie alles bekommen, nie mehr arbeiten gehen, dann will ich für sie sorgen und ihr für alles danken.

Als die Mutter so plötzlich von ihr ging, hatte Gina keinen Antrieb mehr, ihre Ziele zu verfolgen. Obwohl sie immer noch eine sehr gute Schülerin war, verließ sie die Schule. Wozu hätte sie noch lernen sollen? Für wen? Sie glaubte, nun der einsamste Mensch der Welt zu sein.

Zunächst arbeitete sie in einer Fabrik, verdiente so ihren Lebensunterhalt und lebte dahin, ohne sich weitere Gedanken zu machen. Erst als sie zwanzig Jahre alt war, wurde es ihr allmählig klar, dass es ja ihr Leben war, das sie zu bestehen hatte und aus dem nur sie selbst etwas machen konnte. Sie riss sich zusammen und beschloss, eine Abendschule zu besuchen und das Versäumte nachzuholen. Ihre Leidenschaft war schon immer das Malen gewesen, und sie wollte daraus einen Beruf machen.

Harte Jahre folgten nun, in denen sie am Tage für ihren Unterhalt arbeitete und abends die Schule besuchte. Sie merkte bald, dass sie immer noch gut lernte, und die kleinen Erfolge, die sich einstellten, spornten sie an. Sie gönnte sich nichts, keine hübschen Kleider, keinen Kinobesuch. Nicht einmal einen Freund hatte sie, wie alle Mädchen in ihrem Alter, dafür hatte sie ganz einfach keine Zeit.

Es gab genug junge Männer, die sich für das aparte junge Mädchen interessierten. Aber Gina bemerkte sie gar nicht, sie kannte nur ihre Arbeit.

Allmählich wurde sie in der Fachwelt bekannt; ihre großzügigen Entwürfe waren vor allem bei den Innenarchitekten sehr begehrt. Und Gina hatte es geschafft; ihr Beruf war gleichzeitig ihr Hobby, sie war erfolgreich und verdiente gut. Sie wusste nicht, dass ihr noch etwas fehlte zum vollkommenen Glück, bis eines Tages Martin Gebhard in ihr Leben trat.

Martin war Innenarchitekt. Er suchte sie auf, weil ihm ihre Entwürfe so besonders gut gefallen hatten. Er sollte einem anspruchsvollen Geschäftsmann die neue Villa einrichten, und dabei war er auf Ginas Arbeiten aufmerksam geworden. Bei diesem ersten Besuch wurde wenig über Fachliches gesprochen. Als sie sich gegenüberstanden in der kleinen gemütlichen Wohnung, wussten sie, dass sie füreinander bestimmt waren. Sie waren beide nicht mehr ganz jung. Gina war sechsundzwanzig, Gebhard vierunddreißig Jahre alt, und in dem Rausch der Liebe, der sie beide ergriff, war gleichzeitig der Ernst und das Verantwortungsgefühl reifer Menschen. Martin schenkte Gina alles, was sie bisher entbehrt hatte: Zärtlichkeit, Geborgenheit und Fürsorge. Und sie dankte es ihm mit ihrer ganzen Liebe und Hingabe. Im Sommer wollten sie heiraten.

„Werde ich den Sommer noch erleben?“

Der Schmerz überfiel sie von Neuem, heftiger, verzweifelter als zuvor. Die Stille um sie herum machte sie rasend. Sie stürzte sich auf ihren Zeichentisch und warf ihn polternd um, riss die Kissen auf der Couch auseinander, dass die Federn flogen und zertrümmerte die schönen Vasen, die sie mit so viel Sorgfalt ausgesucht und selber bemalt hatte. Es war, als wollte sie in der Raserei ihren Schmerz vernichten.

Mit verstörten Augen blickte sich das Mädchen in der eigenen Wohnung um. An der Etagentür wurde stürmisch gepocht. Sie hockte sich hin und sammelte die Scherben einer Vase auf.

„Fräulein Verhoven, Fräulein Verhoven, so antworten Sie mir doch. Was ist denn los? Soll ich die Polizei holen?“

Sie erkannte die Stimme der Nachbarin.

„Wie?“, rief sie verwundert. „Was wollen Sie?“

„Machen Sie doch auf, bitte!“

Gina öffnete die Tür, blickte in das aufgelöste Gesicht der alten Frau. Frau May nahm sie tröstend in die Arme und tastete sie ab.

„Gott sei Dank, Sie sind nicht verletzt“, rief sie. „Wie bin ich froh.“

Dann sah sie das Durcheinander in der Wohnung und legte, die Hand vor den Mund: „Du mein Gott!“

Gina sagte: „Mir ist nichts geschehen, wirklich nicht.“

„Aber dieser Lärm und das wüste Durcheinander in Ihrer schönen Wohnung?“

Gina war zum Umfallen müde. Die Schwäche überfiel sie wieder. Schwarze Ringe tanzten vor ihren Augen. Sie hatte das Gefühl, als drehe sich das Zimmer um sie herum. Jetzt wusste sie, das waren die ersten Anzeichen ihrer Krankheit.

„Bitte, gehen Sie, ich räume nur auf. Wenn ich Sie gestört habe, so verzeihen Sie, es soll nicht wieder vorkommen. Aber ich bin jetzt müde, ich möchte mich hinlegen.“

Frau May fühlte sich ratlos und beunruhigt. Sie sagte aber nichts, blickte sie nur an und ging schweigend aus der Wohnung. Gina lehnte sich gegen die geschlossene Tür. Sie wusste jetzt, dass sie für einen Augenblick die Nerven verloren gehabt hatte. Das durfte nicht wieder vorkommen.

Gina schlich in die Küche und stellte die Milch auf den Herd. Heiße Milch hatte ihr bis jetzt immer gutgetan. Sie konnte kaum mehr aufrecht stehen. Dann nahm sie den Topf herunter, goss die Milch in das Glas und ging ins Wohnzimmer zurück. Sie hob mit letzter Kraft einen Sessel hoch und setzte sich hinein. Von hier aus hatte sie einen wunderbaren Blick auf den Park.

Jetzt weiß ich, wie man sich fühlt, wenn man sterben muss, dachte sie bitter. Eigentlich müsste ich jeden Augenblick bewusst leben, ihn bis zur Neige auskosten. Sie trank die Milch und fühlte sich ein wenig getröstet. Mit geschlossenen Augen saß sie da und versuchte an nichts zu denken. Aber das war gar nicht so einfach.

Ihr kamen die letzten Lebenstage ihrer Mutter in den Sinn. Ob sie wohl auch gewusst hat, dass sie sterben muss. Warum wollte ich die Wahrheit wissen? Hätte ich doch nicht darauf bestanden! Eine barmherzige Lüge, und ich wäre bis zum letzten Augenblick glücklich gewesen.

Mein Gott, jetzt schiebe ich schon die Schuld auf den Arzt, durchfuhr es sie. Ich wollte es, und es ist auch gut so.

Aus der Ferne hörte sie das Läuten des Telefons. Sie wunderte sich ein wenig darüber. Dann sah sie, dass es unter einem Berg von Kissen begraben stand. Durch die Milch ein wenig gestärkt, stand sie auf und hob den Hörer ab.

„Ja“, sagte sie rau.

„Gina, hallo!“

Ihr Gesicht wurde fahl und sie atmete schneller.

„Gina, Liebling, hast du mich ganz vergessen?“

„Martin!“

„Ich stehe hier schon eine Ewigkeit und warte auf dich. Wir wollten uns doch um halb vier hier bei Charly treffen, und jetzt ist es schon nach fünf. Was ist los? Kannst du nicht kommen?“

„Martin, ich ...“ Aber sie konnte nicht weitersprechen.

Der Mann am anderen Ende wurde unruhig.

„Hör mal, ist was mit dir? Du, ich komme zu dir und sehe nach, was mit dir los ist!“

„Nein, nein“, sagte sie hastig. Er durfte die Wohnung nicht so sehen. Er ließ sich mit einer vagen Erklärung bestimmt nicht abspeisen.

„Ich komme, in einer Viertelstunde bin ich bei dir, ja?“

„Ja, ich freue mich“, sagte er herzlich.

Ganz langsam legte sie den Hörer auf die Gabel zurück. Sie hatte tatsächlich für kurze Zeit Martin vergessen. Mit gesenktem Kopf ging sie in das kleine Badezimmer, wusch sich und zog sich schnell um. Sie überlegte gar nicht lange. Wenn sie jetzt nachdachte, würde sie es nicht schaffen. Endlich war sie fertig, nahm die Handtasche und die Wagenschlüssel und verließ das Haus. Sie bestieg den kleinen Sportwagen und fegte los. In zehn Minuten hatte sie Charlys Restaurant erreicht. Martin stand vor der Tür. Noch hatte er sie nicht bemerkt. Sie hatte auf der anderen Seite gehalten, und der Verkehr war sehr stark. Als sie ihn sah, krampfte sich ihr Magen zusammen.

„Lieber Gott, lass mich jetzt keinen Schwächeanfall bekommen“, betete sie halblaut.

Als er sie kommen sah, ging er ihr entgegen. Er strahlte über das ganze Gesicht. Mit beiden Händen umfing er ihre Rechte und küsste sie unbekümmert mitten auf den Mund.

„Die Leute“, flüsterte sie errötend. Lachend nahm er ihren Arm und führte sie in das kleine Hotel.

„Ich habe einen Bärenhunger.“

„Martin, es tut mir leid, dass ich dich warten ließ.“

„Nein, nein, so war es nicht gemeint. Bestimmt hattest du nicht eher Zeit, ich kenne das.“

Sie sah ihn an und dachte: Wenn er dich wirklich liebt, so tief und innig liebt wie ich ihn, dann muss es schrecklich für ihn sein. Ganz furchtbar.

Er schob ihr den Sessel zu.

„Du schaust mich so an. Ist etwas anders an mir?“

„Nein, aber ich habe dich einen ganzen Tag lang nicht gesehen.“

Martin lachte glücklich und drückte ihre Hand. Dann wandte er sich der Speisekarte zu. Er kannte ihren Geschmack und suchte die Speisen aus.

Das Beste ist, ich verlasse ihn einfach, dachte sie plötzlich. Er muss böse auf mich sein, dann fällt es ihm nicht schwer, mich zu vergessen. Er muss denken, ich habe nur mit ihm gespielt.

Die Getränke kamen. Fast gierig trank sie einen großen Schluck. Als sie das Glas abstellte, sah sie, wie Martin sie aufmerksam betrachtete.

„Ich weiß nicht“, begann er zögernd. „Aber irgendwie bist du heute anders, so verschlossen. Ist etwas geschehen? Wärest du heute lieber nicht gekommen?“

„Es ist gar nichts“, beeilte sie sich zu sagen und lachte dazu. Aber es klang gekünstelt, und beide merkten es.

„Gina, du weißt doch, wie sehr ich dich liebe, nicht war? Du bist meine einzige, große Liebe. Wenn etwas zwischen uns steht, sag es mir! Du kannst mir immer alles sagen, aber verlass mich nicht, hörst du, verlass mich nie!“

Wie muss er mich lieben, dass er meine Gedanken lesen kann, durchfuhr es sie.

„Ich bin ein wenig abgespannt und müde, mehr nicht. Aber das legt sich, bestimmt.“

Er war erleichtert.

„Ach ja, das hast du schon öfter gesagt. Ich habe dich doch zum Arzt geschickt. Hat er dir nicht geraten, mal auszuspannen? Du wolltest doch heute noch einmal zu ihm. Was hat er dir gesagt?“

Sie wollte herausschreien: Ich muss sterben! Aber kein Muskel bewegte sich in ihrem Gesicht.

Der Kellner kam und brachte die Speisen.

Für einen Augenblick war sie erlöst, sie brauchte nicht gleich zu antworten.

 

 

3

Martin beobachtete, wie sie gedankenlos das Brot mit ihren Händen zerkrümelte. Sie war einfach anders heute, anders als sonst; er kam nicht an sie heran. Er spürte Mitleid. Sie war so schmal und noch blasser als sonst. Aber das allein war es nicht, sie schien ihm fast fremd heute.

Ob sie etwas erlebt hat, mit dem sie nicht fertig wird und das sie mir nicht sagen will?, überlegte er. Und plötzlich kam ihm der verzweifelte Gedanke: Ist ein anderer Mann in ihr Leben getreten? Will sie von mir fort? Aber er verwarf den Gedanken sofort wieder. Gina war so aufrichtig, sie würde ihn nie hintergehen. Wenn sich ein anderer Mann oder ein schwerwiegendes Ereignis zwischen sie stellen sollte, würde sie offen mit ihm darüber sprechen.

Gina fühlte den Blick des Mannes auf sich ruhen und wurde unruhig.

„Was ist?“, fragte sie zaghaft.

„Ich glaube, du hast mir etwas vorgeschwindelt, meine Liebe. Du warst gar nicht beim Arzt, stimmt’s?“

„Doch“, sagte sie beherrscht. „Du musst mir glauben, ich war bei ihm.“

„Na, ich glaube fast, du hast dich mal wieder gedrückt. Ich werde dich wohl noch persönlich hinbringen. Du bist müde und abgespannt und vielleicht auch noch zornig, und das alles, weil ich dich angerufen habe. Glaube mir, wenn du hingehst, bist du bald wieder in Ordnung.“

„Ich war wirklich dort“, rief sie leidenschaftlich. „Warum glaubst du mir nicht?“

Martin fragte: „Wie heißt er denn?“

„Dr. Obergärtner“, erwiderte sie spontan.

„Und was hat er gemeint?“

Gina zögerte einen winzigen Augenblick.

„Er hat mir etwas zur Stärkung aufgeschrieben“, berichtete sie dann, „eisenhaltige Präparate zur besseren Blutbildung. Ja, ausspannen soll ich bei Gelegenheit auch einmal richtig.“

„Na siehst du, da habe ich doch recht gehabt! Wir werden irgendwohin fahren, wo es schön und ruhig ist, wo du schlafen kannst, so lange du willst. Da werde ich dich richtig verwöhnen, und ich werde auch dafür sorgen, dass du schön brav isst und immer deine Medizin nimmst. Oh, ich freue mich schon darauf, dich ganz für mich zu haben“, sagte er mit strahlenden Augen. Seine ganze Liebe sprach aus diesem Blick, und sie musste die Augen abwenden, so weh tat es ihr.

„Wollen wir heute Abend noch etwas unternehmen oder kommst du noch ein Stündchen mit zu mir?“, fragte Martin nun und nahm ihre Hand in die seine.

Gina stand auf und blickte auf ihn herab. Langsam erhob auch er sich.

„Ich kann heute nicht länger bleiben.“

Sein Gesicht wurde traurig. Sie blickte an ihm vorbei und ging hastig zur Garderobe. Er folgte ihr.

„Was ist mit dir, Gina? So sprich doch endlich!“

„Nichts, wirklich nichts. Ich habe noch einen dringenden Auftrag zu erledigen.“

„Das ist es also. Du hast die ganze Zeit keinen Mut gehabt, es mir zu sagen, nicht wahr? Aber höre, Liebes, wenn wir erst verheiratet sind, wirst du nicht mehr so viel arbeiten. Dafür werde ich sorgen. Du wirst nur so viel Arbeit annehmen, wie es dir Spaß macht und mehr nicht.“

„Ja“, sagte sie gehorsam.

Draußen dämmerte es bereits.

„Ich bringe dich nach Hause“, sagte er zärtlich.

„Ich habe meinen Wagen drüben stehen.“

„Also auch nicht“, meinte er resigniert. „Heute habe ich überhaupt kein Glück. Sehen wir uns denn wenigstens morgen wieder?“

Gina gab ihm die Hand.

„Verzeih mir, verzeih mir.“ Ihre Stimme klang erstickt. „Und dank für all deine Liebe.“ Sie warf sich in seine Arme und presste sich ungestüm an ihn. Martin war fast erschrocken über diese Heftigkeit, die er an ihr gar nicht kannte. Aber als er seine Arme fest um sie legen wollte, löste sie sich schnell von ihm und lief davon, ohne sich noch einmal umzusehen.

Martin ging zu seinem Wagen. Er war zutiefst beunruhigt über Ginas ungewöhnliches Verhalten. Dahinter war mehr als Erschöpfung oder Arbeit, das war ihm klar. Er beschloss, morgen im Laufe des Tages zu ihr zu gehen und ernsthaft mit ihr zu reden.

Gina beobachtete ihn noch vom Auto aus und fuhr dann langsam nach Hause.

„Das ist nun der Abschied“, sagte sie zu sich selber. „Wir werden uns nie mehr wiedersehen. Du liebst mich zu sehr, als dass du mein langsames Verlöschen ertragen könntest. Dieser plötzliche Abschied ist gnädiger als der auf einem Friedhof vor dem offenen Grab. Für dich und für mich auch.“

Sie hatte sich in diesen Stunden für den Tod entschieden. Seit sieben Stunden wusste sie nun, dass sie sterben musste, nicht gleich, aber doch bald. Höchstens noch zwei Jahre, hatte der Arzt gesagt, und das waren ja auch nicht zwei Jahre leben, sondern zwei Jahre lang dahinsiechen, den sicheren, unabwendbaren Tod vor Augen. Nein, da war es besser, sie ersparte sich und den anderen diese schreckliche Zeit. Mochte Martin zunächst denken, sie habe ihn verlassen. Einmal würde er die Wahrheit erfahren, und dann würde er sie verstehen, dessen war sie gewiss.

Sie ging in die Wohnung und begann ihre Sachen in Ordnung zu bringen. Alle wichtigen Papiere legte sie auf den Schreibtisch. Und dann schrieb sie einen Brief für Frau May. Sie sollte die Erbin sein.

„Bitte, suchen Sie mich nicht. Es ist besser so. Ich gehe, weil ich muss.“ Und dann schrieb sie in kurzen Worten, warum sie gehen musste.

Danach fiel sie erschöpft auf das Bett und schlief traumlos ein.

 

 

4

„Die können mich mal alle“, sagte Francis. „Diese verdammten Kerle. Ich bin doch nicht bescheuert. Wenn sie noch einmal kommen, werd ich grantig. Einmal ist Schluss, auch mit mir.“ Sie griff zur Flasche und tat einen gehörigen Schluck. Dann fiel sie auf das ungemachte Bett zurück und begann zu schnarchen.

Wenige Minuten später wurde ihre Tür aufgerissen und ein Mädchen kam herein. Als es die betrunkene Dirne sah, kreischte es und stürzte sich auf die Liegende, um sie zu schütteln.

„Was ist denn los“, maulte Francis und wollte wieder zur Flasche greifen.

„Du Luder, du stehst schon wieder nicht unten. Man sollte dich windelweich schlagen.“

„Halt die Klappe, Marianne! Seit wann bist du mein Kindermädchen?“

„Du hast gesoffen, schon wieder mal. Du hast mir versprochen, es nicht mehr zu tun.“

„Was verstehst du denn schon vom Leben, Marianne. Sei still und gib mir eine neue!“

„Nein, ich bin doch nicht verrückt.“

Francis hob den Kopf. „Auch gut, dann hol ich mir eben selbst eine neue beim Emil.“

Das Mädchen hielt sie fest.

„Francis, sei doch mal einen kurzen Augenblick vernünftig. Denk doch an Brun, hast du denn alles vergessen?“

Francis riss die Augen auf und schüttelte den Kopf. Sie stand auf, ging zum Waschtisch und schwappte sich gehörig Wasser ins Gesicht. Für einen Augenblick konnte sie klar denken.

„Er soll nur kommen“, sagte sie drohend. „Dem kratze ich die Augen aus.“

„Das wirst du gar nicht können.“

„Du hast recht“, sagte Francis und warf das Handtuch wütend in eine Ecke.

Marianne gab ihr eine Zigarette und sie rauchten schweigend. Sie betrachtete die andere von der Seite. Verlebt, aufgedunsen und furchtbar schlampig. Sie wunderte sich, dass überhaupt noch Männer zu ihr kamen. Francis hatte diesen Blick sehr wohl bemerkt.

„So wirst du eines Tages auch mal aussehen“, sagte sie kalt.

„Nie“, sagte Marianne. „Nie, soweit lass ich es einfach nicht kommen.“

„Pah, du kennst das Leben noch nicht. Bist noch jung, neu im Geschäft, glaubst vielleicht sogar an den Sprung, was? Aber den schaffste nicht, nie im Leben. Dazu haste den Loddel, der klebt dich fein zurück.“

Marianne machte ein hochmütiges Gesicht.

„Guck nur“, sagte Francis. „So schick hab ich auch mal ausgesehen. Jawohl, ich war vier Jahre lang die Startülle hier. Keiner machte mir das nach. So lange hatte sich noch keine an der Spitze gehalten. Ich machte das lange Geld. Jede Nacht acht Blaue und nur für ein paar Stunden. Mann, haben wir gelebt.“

„Wann war das?“, fragte Marianne vorsichtig.

„Wann das war?“, staunte Francis das Mädchen an. „Kannste denn nicht rechnen? Vor vier Jahren, natürlich.“

Die Dirne zuckte zusammen. Sie konnte es einfach nicht glauben. Dieses abgewrackte Stück sollte Starnutte gewesen sein? Niemals, die log doch fürchterlich.

„Wie alt bist du eigentlich?“

„Neunundzwanzig, im Winter werde ich dreißig.“

Marianne hatte sie auf fünfzig geschätzt.

„Sag mal, Francis, ist das wirklich wahr?“ Auf einmal hatte sie so etwas wie Angst.

„Frag doch die anderen Mädchen!“, meinte sie müde. „Ich lüge nicht. Warum sollte ich dich anlügen? Ausgerechnet dich, du bist doch die einzige, die noch ein wenig nett zu mir ist.“

„Ja, weil ich einfach nicht mit ansehen kann, wie du von den Zuhältern vermöbelt wirst.“

„Du hast ein Kindergemüt, Kleine. Du gehörst in den Kindergarten und nicht in den Puff.“

„Warum schlagen sie dich, Francis? Warum tun sie das? Und auf so unmenschliche Art.“

„Weil ich für die Drecksäcke nicht genug anschaffe, darum. Die können doch den Hals nicht voll genug kriegen, darum schlagen sie mich.“

„Ja, wenn das so ist, warum stehst du dann nicht länger? Kapier ich nicht. Ich liefere meinen Zaster ab und hab meine Ruhe.“

„Weil ich nicht mehr so lange stehen kann. Ich kann es nicht, ich bin kaputt und müde, schaff nicht mehr so in einem Ritz durch. Muss mich ausruhen, wirklich. Manchmal bin ich richtig besoffen und hab doch nichts getrunken, rein von der Maloche. Und dann die miesen kleinen Freier. Die zahlen doch so schlecht. Meinst du, ich lebe von Luft und Liebe? Ich brauch selbst die paar krummen Piepen. Hab ’ne kleine Wohnung in der Stadt, die kostet schließlich was.“

„Ach, du wohnst gar nicht immer im Silo? Ist mir neu, hab ich noch gar nicht gewusst.“

„Bin nur nachts hier, am Tage schläfste, dann bin ich weg. Hab ja schließlich einen Jungen, für den ich sorgen muss.“

Marianne riss die Augen auf. Eine Nutte mit Kind, nun, das war nicht so neu. Neu war nur, dass sie es bei sich hatte, nicht ins Heim abschob.

„Francis, weiß Brun davon?“

„Nee, ich glaub nicht. Ist auch egal. Ist meine Privatsache. Des Kindes wegen bin ich ursprünglich auf den Strich gegangen. Wollte schnell Geld verdienen. Hab ich ja auch, aber ich war eben so blöd und hab noch an die Liebe geglaubt. Stell dir das einmal vor! Im Puff und an Liebe glauben. Na, der Brun brauchte nicht lange, um es mir beizubringen. Meine Güte, hab ich für den Kerl geschuftet, und der wollt immer noch mehr. Na ja, wirst alles mal erleben, wirst schon merken, dass das Leben ein Dreck ist, besonders wenn du im Puff bist. Wer hier landet, der ist auf dem Müll, kapiert? Wer im Puff ist, der kommt nicht mehr raus, der bleibt drin, oder er verreckt draußen irgendwo. Oder er liegt mit einem Loch im Bauch unten im Fluss. Na, jetzt kannste wählen, was du willst.“

Marianne, die Neue, hörte atemlos zu. Sie war noch keine vier Wochen im Eroscenter. Walter Brun hatte sie irgendwo aufgeschnappt - mit der gleichen Masche, versteht sich. Es war ja so leicht, Mädchen zu fangen. Und weil das der Fall war, war auch das Leben im Puff so erbarmungslos. Wer da nicht mitmachte, nicht nach der Pfeife eines Loddels tanzte, der wurde ausradiert. Da machten sie kurzen Prozess. Die ließen sich nicht lange ärgern. Und wenn da so eine abgesahnt wurde, war es immer ganz lehrreich für die anderen Dirnen. Die waren dann für eine Weile brav und taten, was man ihnen sagte.

Und die alte Dirne wurde durch eine andere ersetzt, so einfach war das. Marianne war nervös geworden.

Francis hätte sich eine neue Flasche aus dem Kleiderschrank geholt. Sie entkorkte sie.

„Willste auch einen Schluck? Ist dir wohl auf den Magen geschlagen, wie?“

Wortlos griff die Kleine nach der Flasche.

„Na, ich wollt es nicht, aber du hast mich danach gefragt. Und jetzt sei auf der Hut. Wenn du den Sprung mal schaffst, und das muss aber bald sein, dann tu es, sieh nicht zurück, sondern renn, was die Beine halten. Denk an mich!“

„Warum gehst du nicht?“, wollte Marianne wissen.

„Mensch, hast du Tomaten auf den Augen? Sieh mich doch an! Wo soll ich denn wohl hin, wenn nicht in den Puff? Meinst du, ich krieg woanders noch Arbeit? Ich brauch aber die Moneten für mein Kind.“

„Gib es doch in ein Heim! Das tun doch die anderen auch. Dann muss der Staat dafür sorgen.“

Die rechte Hand umspannte die Flasche. Ein seltsamer Ausdruck lag auf dem Gesicht der verlebten Dirne. Ihre Augen wirkten plötzlich wie erloschen. Sie sprach mehr zu sich als zu dem Mädchen.

„Nein“, sagte sie hart. „Niemals, nur über meine Leiche. Mein Oliver kommt nicht in so ein Heim. Ich liebe ihn, er ist alles, was ich noch habe auf dieser Welt. Er braucht mich, und so lange ich für mein Kind sorgen kann, so lange wird er nicht dahin kommen, nie. Ich werde alles tun, um ihm dieses Leben zu ersparen.“

Details

Seiten
113
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738926491
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (April)
Schlagworte
redlight street leben gina verhoven

Autor

Zurück

Titel: REDLIGHT STREET #76: Ein neues Leben für Gina Verhoven