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Ich glaubte nicht, was der Fremde behauptete - Dr. Staffner packt aus

2019 89 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Ich glaubte nicht, was der Fremde behauptete

Copyright

Der Wunsch, meinem Lebensretter zu danken, ließ mich nicht mehr los

Ich konnte nicht begreifen, warum mein Vater gegen meine Heirat war

Ich glaubte nicht, was der Fremde behauptete

Ich wünschte, ich wäre meinem Exmann nie begegnet

Ich nahm das Risiko der späten Schwangerschaft in Kauf

Meine Mutter hatte Angst, meine Liebe zu verlieren

Meine große Liebe ist mit einer anderen Frau glücklich geworden

Dass mein Mann seine Partner begaunert, macht mich krank

Sie war meine beste Freundin, doch plötzlich stellte ihr Mann mir nach

Mein Sohn war ein Geiselgangster

Ich will nicht länger auf Liebe verzichten

Eine Lüge ließ mich eine folgenschwere Entscheidung treffen

Für ein Kind lud ich schwere Schuld auf mich

Ich glaubte nicht, was der Fremde behauptete

Dr. Staffner packt aus

Der Psychotherapeut und 13 wahre Fallakten

von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 89 Taschenbuchseiten.

 

- Als Lilo erfährt, dass sie als Kind einen Lebensretter hatte, ist sie entschlossen, sich nach so langer Zeit bei ihm zu bedanken. Als sie ihn tatsächlich findet, erkennt sie, dass der vom Schicksal Gebeutelte dringend ihre Hilfe benötigt. Aber alle raten ihr davon ab …

- Katarina war mit ihrem Vater immer ein Herz und eine Seele. Deshalb kann sie nicht begreifen, dass es zum Zerwürfnis kommt, als sie unbedingt ihren Jörg heiraten will. Der Grund dafür macht sie fassungslos …

- Lore wird von ihrem Verlobten mit einem Berg Schulden sitzen gelassen. Kein Wunder, dass sie auf Peters Annäherungsversuche aggressiv reagiert. Selbst als sie seinen Grund erfährt und er ihr Hilfe in ihrer finanziellen Misere anbietet, bleibt sie abweisend …

Und 10 weitere Schicksalsgeschichten aus dem Leben.

 

Während meiner langjährigen Tätigkeit als Psychotherapeut kamen viele Menschen zu mir, die ein Ereignis oder ihr eigenes Verhalten aus dem seelischen Gleichgewicht geworfen hatte. Indem ich versuchte, ihnen zu helfen, erfuhr ich zum Teil erschütternde Lebensbeichten. Die Namen wurden selbstverständlich von mir geändert.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Der Wunsch, meinem Lebensretter zu danken, ließ mich nicht mehr los

An meinem 30. Geburtstag hatte ich noch etwas anderes zu feiern. In dem Kaufhaus, in dem ich seit meiner Ausbildungszeit arbeitete, war ich zur Substitutin avanciert. Meine Mutter platzte fast vor Stolz, während sie sich erinnerte: „Ja, ja, damals als dich der junge Mann aus dem Wasser zog, hätte niemand daran gedacht, was für eine hübsche und dazu erfolgreiche Frau einmal aus dir werden würde.“

Überrascht forschte ich nach Einzelheiten. Bis zu diesem Tag hatte ich nicht gewusst, dass ich einen Lebensretter hatte. Tatsächlich aber war ich als Dreijährige in einen Mühlbach gestürzt und wäre ohne das beherzte Eingreifen des vorbeikommenden Motorradfahrers zweifellos ertrunken.

Schlagartig wurde mir bewusst, was ich diesem Unbekannten zu verdanken hatte. Wie ich erfuhr, hatte er seinerzeit nach einem Dankeschön seine Fahrt fortgesetzt. War ich ihm nicht mehr schuldig?

„Das ist doch Schnee von gestern“, wehrte mein Lebensgefährte Gernot ab. „Außerdem war er ja zur Hilfeleistung gesetzlich verpflichtet.“

Das sah ich anders. Gute Taten verjährten nicht. Ohne den Mann, von dem meine Eltern leider nicht einmal den Namen mit Sicherheit wussten – Rolf oder Ralf hatte er angeblich geheißen – gäbe es von mir jetzt nur ein kleines Grab. Ich musste ihn finden, musste erfahren, auf welche Weise ich ihm nach so langer Zeit endlich danken konnte.

Meine Nachforschungen gestalteten sich äußerst schwierig. Ich befragte viele Leute, die sich vielleicht noch an Einzelheiten erinnern konnten. Ich klapperte Einwohnermeldeämter ab. Aber das Ergebnis blieb dürftig. Ich war schwer enttäuscht.

„Was soll dieses sentimentale Theater?“, schimpfte Gernot. „Suchst du vielleicht einen neuen Lover?“

Ich starrte ihn fassungslos an. Das meinte er doch wohl nicht ernst. Tatsache aber war, dass unser Verhältnis immer gespannter wurde. Manchmal fragte ich mich, ob es wirklich klug war, unsere bis vor Kurzem doch so gut funktionierende Beziehung aufs Spiel zu setzen.

Trotzdem setzte ich die Suche fort. Ich konnte nicht so tun, als wäre damals nichts geschehen. Schließlich hatte dieser Mann mir zum zweiten Mal das Leben geschenkt.

Er musste inzwischen mindestens fünfzig sein. Als Liebhaber kam er also für mich wirklich nicht in Frage. Wie kam Gernot nur auf solche absurde Idee? Müsste er mir nicht sogar helfen, mein selbstgestecktes Ziel zu erreichen?

Von Monat zu Monat wurde ich mutloser. Nach einem Jahr glaubte ich nicht mehr an einen Erfolg, doch dann geriet ich zufällig in ein Treffen von Motorradfahrern. Einer Eingebung folgend, erzählte ich einfach meine Geschichte, und einer der Ledergekleideten wurde sofort aufmerksam.

„Die Story kenne ich von meinem Alten. Sein Kumpel hat sie ihm mal vor Jahren erzählt. Rudolf Sämisch hieß der Knabe.“

Er musste mir alles berichten, was er wusste. Danach nahm ich die Spur des Gesuchten auf und fand ihn wenige Wochen später tatsächlich. Im Gefängnis.

Ich erwirkte eine Besuchserlaubnis und saß ihm schließlich gegenüber. Ich war mächtig aufgeregt, aber auch Rudolf Sämisch war sichtlich durcheinander, als er den Grund meines Auftauchens erfuhr. Ein flüchtiges Lächeln huschte über seine schmalen Lippen, als er meinte: „Ja, ich erinnere mich noch genau. November war’s und höllisch kalt. Sie schrien wie am Spieß, aber niemand war in der Nähe. Da bin ich eben ins Wasser gesprungen.“ Er zögerte, bevor er fortfuhr: „Wissen Sie, junge Frau, das ist so ziemlich das Einzige in meinem Leben, worauf ich stolz sein kann.“

Schon bald kannte ich seine Lebensgeschichte, die von Schicksalsschlägen, häufiger Arbeitslosigkeit und daraus resultierender Geldnot geprägt war. „Da habe ich mir halt manchmal genommen, was ich nicht bezahlen konnte. Sollte ich denn verhungern?“

Fraglos hätte es auch für ihn Möglichkeiten gegeben, nicht mit den Gesetzen in Konflikt zu geraten, aber ich war nicht gekommen, um mich zu seiner Richterin aufzuspielen. Mir wurde bewusst, dass ich ihm wirklich helfen konnte. Gleich morgen wollte ich mit meinem Chef reden, ob er Rudolf Sämisch nicht im Lager oder als Auslieferungsfahrer beschäftigen könnte, sobald er seine Strafe abgesessen hatte. Ich wollte für ihn bürgen.

„Du bist ja verrückt“, urteilte Gernot, als ich es ihm erzählte. „Dabei zahlst du drauf. Gib dem Knastbruder bloß kein Geld!“

Aber genau das hatte ich im Sinn. Ich erwartete für mich keine Rentabilität. Ich wollte nur unbedingt verhindern, dass er erneut straffällig wurde. Er brauchte eine Chance, er hatte sie sich verdient. Damals vor 27 Jahren.

Inzwischen befindet sich Rudolf Sämisch auf freiem Fuß und arbeitet in unserer Packerei. Er hat mir in die Hand versprochen, sich nichts mehr zuschulden kommen zu lassen. Ich glaube ihm und bin so froh, etwas für ihn tun zu können.

Dass er kein schlechter Mensch ist, hat er längst bewiesen, und sogar Gernot spricht ihm eine erstaunliche Intelligenz nicht mehr ab. „Du wirst es schon richtig machen, Liloschatz“, sagt er versöhnlich, und dafür liebe ich ihn.

 

 

 

Ich konnte nicht begreifen, warum mein Vater gegen meine Heirat war

Mit meinem Vater habe ich mich eigentlich immer gut verstanden. Als meine Mutter vor zwei Jahren starb, wurde unser Verhältnis noch inniger. Ich führte ihm neben meinem Beruf als Kindergärtnerin den Haushalt, und wir trösteten uns gegenseitig über unseren schweren Verlust hinweg.

Vater redete mir nie in meine Entscheidungen hinein. Es machte richtig Spaß, für ihn zu sorgen. Trotzdem quälten mich seit einiger Zeit düstere Gedanken. Was sollte aus dem 60-jährigen werden, wenn ich einmal aus dem Haus ging, um zu heiraten. Ich war immerhin 28, vor allem aber hatte ich Jörg kennengelernt, mit dem ich mir durchaus eine gemeinsame Zukunft vorstellen konnte.

Jörg arbeitete als Kraftfahrzeugmeister. Wir hatten uns auf Anhieb ineinander verliebt und stellten mit jedem Tag neue Gemeinsamkeiten fest. Nur der Gedanke, Vater alleinzulassen, betrübte mich.

Jörg zerstreute rasch meine Bedenken, nachdem ich ihn zu uns nach Hause eingeladen hatte, damit die beiden Männer sich kennenlernten. Er fand Vater sehr sympathisch, und da er von mir wusste, wie pflegeleicht dieser Mann war, schlug er spontan vor, ihn zu uns zu nehmen, sobald wir verheiratet waren und eine größere Wohnung gefunden hatten.

Vater dagegen reagierte völlig unerwartet. Hatte er sich in Jörgs Gegenwart noch von seiner freundlichsten Seite gezeigt, so behauptete er danach energisch, dass dieser Mann keinesfalls der richtige Partner für mich sei. Wir würden überhaupt nicht zueinander passen. Ich sei doch eine intelligente, tüchtige Frau.

Ich glaubte zuerst an einen schlechten Scherz, musste aber bald einsehen, dass er es bitterernst meinte. Ja, wofür hielt er denn Jörg? Etwa für einen faulen Dummkopf? Da kannte er ihn aber schlecht.

Er wolle ihn auch gar nicht besser kennenlernen, knurrte Vater ungewohnt angriffslustig. Ich könne getrost seiner Erfahrung und Menschenkenntnis vertrauen. Mit diesem Burschen stimme einiges nicht.

Er begann, mir Jörgs Fehler aufzuzählen, wobei es sich durchweg um Lappalien handelte. Schließlich besaß jeder Mensch irgend welche Schwächen. Alles andere wäre ja entsetzlich. Ich wollte doch keinen Engel heiraten.

Meine Hoffnung, Vater würde sicher zur Einsicht gelangen, erfüllte sich nicht. Im Gegenteil! Weil ich nun immer häufiger von unserer beabsichtigten Hochzeit sprach, wurde er fuchsteufelswild. Ja, seit Mutters Tod kam es zu unseren ersten wirklich ernsthaften Auseinandersetzungen.

Ich dachte natürlich nicht daran, meine Liebe zu Jörg aufzugeben, während Vater sich immer aggressiver aufführte. Als er wieder einmal Jörgs angebliche Untugenden beschwor, hielt ich ihm vor, nur eifersüchtig zu sein. Ihm wäre bestimmt auch kein anderer Mann für seine Tochter recht. Er wolle mich ganz für sich allein behalten.

Vater bestritt das ganz entschieden, und einige Tage später präsentierte er mir triumphierend seinen Beweis, dass er sich in diesem Burschen eben doch nicht getäuscht habe. Das sei ein Krimineller.

Tatsache war, dass Jörg während seiner Lehre einmal seinen Ausbildungsplatz verloren hatte, weil man ihm den Diebstahl eines Werkzeugs nachsagte. Ich wusste von dieser Geschichte durch Jörg selbst, der versicherte, dass ihm damals sein Meister selbst die Zange in die Aktentasche geschmuggelt hatte, um seinem eigenen Neffen die freiwerdende Lehrstelle zu verschaffen.

Es war mir völlig egal, was sich seinerzeit wirklich zugetragen hatte. Keineswegs gleichgültig war mir dagegen, dass Vater sich nicht schämte, in Jörgs Vergangenheit herumzuschnüffeln, um ihn schlecht machen zu können. Das war abscheulich. Was war nur mit ihm los. Der einst so liebenswerte, verständnisvolle Mensch entfremdete sich mir immer mehr.

Kaum ein Tag verging jetzt, an dem wir uns nicht stritten. Und jedes Mal ging es um Jörg, den er als Schwiegersohn einfach nicht akzeptieren wollte. Das verstand ich einfach nicht.

Jörg verhielt sich während dieser Zeit großartig. Er übte keinerlei Druck auf mich aus, um zu vermeiden, dass ich mich zwischen ihm und meinem Vater entscheiden müsste. Er baute darauf, dass früher oder später die Vernunft siegen würde.

Mir war leider klar, dass wir darauf lange würden warten müssen. Deshalb war ich es, die schließlich auf eine Heirat drängte. Ich überlegte mir nämlich, dass ein Enkelkind schon manchen Starrkopf gewandelt hatte.

Den Tag, an dem Vater unser Aufgebot am Rathaus entdeckte, werde ich nie vergessen. Kreidebleich kam er heim und schloss sich in seinem Zimmer ein. Erst am Abend hatte er sich einigermaßen gefasst, dass er mit mir sprechen konnte. Was er mir dann allerdings sagte, brachte auch mich aus der Fassung, und plötzlich begriff ich sein merkwürdiges Verhalten während der letzten Wochen.

Er gestand mir, dass er in Jörg seinen Seitensprung wiedererkannt hatte, von dem nicht einmal meine Mutter etwas geahnt habe. Während ihrer Schwangerschaft hatte er sie betrogen, was nicht ohne Folgen blieb. Jörgs Mutter heiratete noch im gleichen Jahr und zog aus der Stadt fort. Dadurch verlor er sie und seinen außerehelichen Sohn aus den Augen. Der Name ließe aber keinen Zweifel zu, und inzwischen besäße er auch weitere Beweise.

Ich stand wie vom Donner gerührt, war mir doch sofort klar, was dieses Geständnis für Jörg und mich bedeutete. Wir konnten niemals heiraten. Unsere Liebe durfte es nicht geben, denn wir waren Halbgeschwister.

Wie konnte Vater mir das antun? Und wie hatte er Mutter so gemein hintergehen können? Ich wusste von ihrer schwierigen Schwangerschaft mit mir, die bis zur Entbindung durch Kaiserschnitt nur aus Komplikationen bestand. Während dieser Zeit hätte er doch bedingungslos zu ihr stehen müssen. Ich war zutiefst von ihm enttäuscht und wollte nichts mehr von ihm wissen.

Jörg war genauso entgeistert wie ich. Wir versuchten, wie Freunde miteinander umzugehen, spürten aber bald, dass wir das einfach nicht schafften. Es war besser, wenn wir uns nicht mehr täglich begegnen mussten.

Da er an seine Kfz-Werkstatt gebunden war, verließ ich die Stadt und suchte mir in großer Entfernung einen neuen Job. Von Vater verabschiedete ich mich so steif wie nach einer Scheidung. Danach ließ ich nichts mehr von mir hören.

Bis zu dem Tag, an dem mich Jörg anrief, um mir mitzuteilen, dass mein Vater mit einem schweren Gallenleiden ins Krankenhaus eingeliefert worden sei. Es ginge ihm sehr schlecht.

Da fuhr ich spontan zu ihm, und an seinen Augen sah ich, wie sehr er auf diesen Moment der Versöhnung gewartet hatte. Ich sah ein, dass ich einfach kein Recht besaß, über ihn zu richten. Zudem hatte er zweifellos selbst jahrelang unter seinem Geheimnis gelitten. Sobald er sich weit genug erholt hat, werde ich Vater zu mir holen.

 

 

 

Ich glaubte nicht, was der Fremde behauptete

Es war eine schlimme Zeit. Gerade hatte ich mich einigermaßen von dem plötzlichen Tod meiner Eltern, die vor Jahresfrist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen waren, erholt, als mich Rolf verließ.

Rolf war mein Verlobter, mit dem ich seit Beginn meiner Studienzeit zusammen war. Wir hatten beide die Richtung Medizin eingeschlagen. Ich wollte Kinderärztin werden, während ihm eine Laufbahn als Chirurg vorschwebte. Doch eines Tages brach er nicht nur das Studium ab, sondern verschwand auch aus meinem Leben. Ohne ein Wort der Begründung, ohne einen Abschiedsbrief. Nur seinen Ring ließ er zurück. Da wusste ich, dass diese Trennung endgültig war.

Anfangs glaubte ich, dass nur eine andere Frau dahinter stecken konnte. Doch schon bald wurde mir klar, dass es sich um eine regelrechte Flucht handelte. Rolf hatte sich zweifellos ins Ausland abgesetzt, wo er weder für mich noch für die Justiz erreichbar war.

Ja, er hatte Schuld auf sich geladen und mein Vertrauen zu ihm schmählich hintergangen. Die kleine Erbschaft von meinen Eltern, mit der ich mein Studium finanzierte und den größten Teil meines Lebensunterhaltes bestritt, hatte er keineswegs, wie von ihm beteuert, in gewinnbringenden Papieren angelegt, sondern schlichtweg unterschlagen. Das Geld war weg.

Aber schlimmer noch. Schon bald kamen verschiedene Leute zu mir, denen Rolf Geld schuldete. Viel Geld. Das forderten sie nun von mir zurück.

Hatte ich geglaubt, seine Schulden gingen mich nichts an, wurde ich rasch eines schlechteren belehrt. Mir wurde erschreckend klar, was ich in Wirklichkeit unterschrieben hatte, als er von mir Vollmachten für die Wertpapiergeschäfte verlangte. Es waren Schuldscheine und Wechsel. Schon lange vor seinem Verschwinden hatte Rolf ein falsches Spiel mit mir getrieben.

Wie konnte ein Mensch nur so schlecht sein? Und ich hatte ihn ehrlichen Herzens geliebt. Ich würde wohl nie wieder einem Mann vertrauen können.

Rolfs Niedertracht hatte für mich lebensverändernde Konsequenzen. Zunächst war ich gezwungen, mein Studium abzubrechen und mir irgendeine Arbeit zu suchen. Da ich ohne abgeschlossene Ausbildung war, würde das nicht einfach sein.

Wie ich mir die Gläubiger vom Hals halten sollte, war mir erst recht schleierhaft. Irgendwie gelang es mir, sie für kurze Zeit zu vertrösten. Aber was würde danach sein?

Ausgerechnet in dieser Phase der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung trat ein anderer Mann in mein Leben. Ich schätzte ihn auf Mitte Dreißig. Er sah recht passabel aus. Aber als er versuchte, sich mir zu nähern, reagierte ich beinahe hysterisch. Was bildete sich der Typ ein? Als ob ich keine anderen Sorgen hätte, als mich mit ihm zu amüsieren. Die Männer konnten mir ohnehin in Zukunft alle gestohlen bleiben. So gutgläubig wie bei Rolf würde ich ganz bestimmt nie wieder in meinem Leben sein.

Der Fremde erwies sich allerdings als hartnäckig. Er lud mich zum Kaffee oder zu einem Glas Wein ein, er bat mich um ein Gespräch oder schlug vor, mit ihm ein Konzert zu besuchen. Als ich ihm unmissverständlich klarmachte, dass er mich gefälligst in Ruhe lassen solle, zog er sich zurück.

Jedoch nur zum Schein. Ich merkte, dass er mich bei jeder Gelegenheit beobachtete, und erfuhr sogar, dass er in der Nachbarschaft Erkundigungen über mich einholte.

Als er mir erneut über den Weg lief, ganz bestimmt nicht zufällig, fragte ich ihn rundheraus, ob ich ihm vielleicht etwas schuldig sei. Es war ja immerhin denkbar, dass auch er zu Rolfs Gläubigern gehörte und nur noch überlegte, ob ich mit Geld oder auf andere Weise diese Schuld tilgen sollte.

Er verneinte und betonte, nur unbedingt mit mir sprechen zu müssen. Es sei wirklich sehr wichtig für ihn.

Für ihn vielleicht, für mich jedenfalls nicht. Das musste er endlich begreifen.

Der Bursche, irgendwann hatte er sich als Peter Jülich vorgestellt, blieb stur. Ob sein Name mir denn gar nichts sage, wollte er wissen. Himmel, warum musste er mich derart nerven? Ich ließ ihn einfach stehen, doch er hielt mich am Arm fest, und dann behauptete er etwas, was so unglaublich war, dass es mir vorübergehend die Sprache verschlug.

Mein Halbbruder wollte er angeblich sein. Nach seiner Darstellung hätten wir den gleichen Vater gehabt, der zu Beginn seiner Ehe mit meiner Mutter wohl auch außerhalb des eigenen Schlafzimmers kein Kostverächter gewesen sei.

Unerhört! Vater hatte mir in all den Jahren nie Anlass gegeben, an seinen moralischen Grundsätzen zu zweifeln. Er und Mutter führten eine glückliche Ehe, und ich war sein einziges Kind. Das wusste ich genau.

Was auch immer dieser Peter Jülich mit seinen hässlichen Verleumdungen bezweckte, ich würde nicht zulassen, dass er Vaters Andenken beschmutzte. Ich sagte ihm mit aller Deutlichkeit, dass er sich mit seiner abstrusen Phantasie gefälligst zum Teufel scheren solle, und als er mich noch immer nicht in Ruhe ließ, verabreichte ich ihm eine Ohrfeige, an die er noch lange denken würde.

Einige Tage war daraufhin Ruhe. Ich glaubte schon, der Kerl habe endlich seine Lektion gelernt. Da stand er plötzlich vor meiner Wohnungstür und tat so, als hätte es zwischen uns nie eine Meinungsverschiedenheit gegeben. Mit einem zwingenden Lächeln reichte er mir eine dünne Dokumentenmappe und erklärte, dass es sich um Kopien handele. Ich solle sie mir einmal in Ruhe ansehen. Am nächsten Tag wolle er wiederkommen.

Es handelte sich um Peter Jülichs Geburtsurkunde, sowie um einige Briefe vom Jugendamt und vom Vormundschaftsgericht an eine gewisse Gerda Jülich, in denen es hauptsächlich um die Festsetzung von Unterhaltszahlungen ging. Zahlungen, die ein Herr Karlheinz Bräschan zu leisten hatte.

Die Buchstaben verschwammen vor meinen Augen. Ein Irrtum war ausgeschlossen. Die angegebenen Daten stimmten überein. Dieser Karlheinz Bräschan war kein anderer als mein Vater.

Ich fühlte mich ganz wirr im Kopf. Was sollte ich denn noch glauben? Bestand die ganze Welt nur noch aus Lügen? Waren alle Männer gemein und unaufrichtig? Erst mein Verlobter und nun sogar der Mann, dem ich bis zu dessen Tod uneingeschränkte Liebe und Vertrauen geschenkt hatte.

Gewiss, ein uneheliches Kind war heutzutage keine Katastrophe mehr. Aber wieso hatte er die ganze Zeit den unfehlbaren Biedermann gemimt? Warum hatte er nicht zu seiner Schwäche gestanden?

Ob Mutter etwas davon gewusst hatte? Es war jetzt nicht mehr wichtig. Was war überhaupt noch wichtig? Wieder hatte ich ein Stück Glauben an die Männer verloren. Sie waren offenbar alle gleich. Alle gleich miserabel.

Und Peter Jülich? Was erwartete er von mir? Dass ich ihm in plötzlich aufflammender Schwesternliebe um den Hals fiel? Sein Auftauchen hatte doch zweifellos einen ganz konkreten Grund. Irgendetwas wollte er von mir. Aber was? Ich traute ihm nicht und wünschte, er würde endlich genauso schnell aus meinem Leben verschwinden, wie er darin aufgetaucht war.

Am nächsten Tag läutete er, wie angekündigt, erneut bei mir. In seinen Augen las ich gespannte Erwartung.

Kühl gab ich ihm die Papiere zurück und sagte ihm wahrheitsgemäß ins Gesicht, dass es mir lieber wäre, ihn nie kennengelernt zu haben. Unser gemeinsamer Vater sei tot und mit ihm, einem Fremden, hätte ich nichts zu schaffen.

Sichtlich enttäuscht betonte er, sich so sehr auf seine Halbschwester gefreut zu haben, seit er von meiner Existenz erfahren hatte. Auch er habe all die Jahre nichts von mir geahnt. Seine Mutter habe ihn, als sie heiratete, in ein Heim gesteckt und sich nie mehr um ihn gekümmert. Diese Papiere seien ihm vor einigen Monaten rein zufällig in die Hände gefallen. Er fände es schön, seine offenbar einzige Verwandte aufgespürt zu haben.

Ich nicht. Ich konnte mit ihm nichts anfangen, war doch durch sein Auftauchen mein Leben noch ein wenig düsterer geworden. Mein Gott, ich war 28 und hatte nie einen Bruder vermisst. Jetzt war es dafür zu spät. Der einzige Verwandte, den ich brauchte, wäre ein reicher Erbonkel in Amerika, um meine Geldsorgen zu verringern, aber so einen netten Menschen hielt das Schicksal für mich natürlich nicht bereit.

Ich war froh, als Peter Jülich endlich gegangen war und sich auch während der folgenden Tage nicht mehr blicken ließ. Doch wie ich meine finanziellen Probleme lösen sollte, wusste ich nicht. Die Schulden, die mir Rolf hinterlassen hatte, erdrückten mich schier.

Jeglicher beruflicher Perspektive beraubt, war ich völlig verzweifelt. Was konnte mir das Leben denn noch bieten? Nichts. Aus diesem Sumpf, in den mich meine Gutgläubigkeit gebracht hatte, kam ich nie wieder heraus.

Ich hatte zwar Arbeit gefunden, doch hierbei handelte es sich nur um einen mäßig bezahlten Gelegenheitsjob. Keine feste Anstellung. Von dem Lohn meine Schulden abzutragen, war ausgeschlossen. Eher würden sie durch ständig auflaufende Zinsen noch wachsen. Es war ein Teufelskreis, aus dem es kein Entrinnen gab. Es sei denn …

Ja, ich spielte ernsthaft mit dem Gedanken, diesem aussichtslosen Leben ein Ende zu setzen. Niemand würde mich vermissen – außer jenen Leuten natürlich, die ihr Geld von mir zurückforderten.

Ich schreckte vor meinen eigenen Gedanken zurück. Es war nicht die Angst vor dem Tod, sondern das Entsetzen vor dem Bewusstsein, etwas tun zu wollen, was meine Eltern nie gutgeheißen hätten.

Auf die Idee, es Rolf gleichzutun und einfach das Land zu verlassen, um irgendwo einen Neubeginn zu versuchen, kam ich nicht. Das hätte mir noch weniger entsprochen als ein Selbstmord.

Als ich seelisch so tief unten war, wie es tiefer nicht gehen konnte, tauchte Peter Jülich plötzlich wieder auf. Hatte er immer noch nicht begriffen, dass ich nichts mit ihm zu tun haben wollte, dass mein Leben auch ohne einen ominösen Halbbruder schon kompliziert genug war?

Doch, er schien inzwischen genau zu wissen, warum ich ihn so heftig hatte abblitzen lassen. Er sagte mir auf den Kopf zu, dass ich in enormen Schwierigkeiten stecke, an denen mich aber offenbar keine Schuld träfe. Es müsse doch einen Weg geben, mir zu helfen.

Ich lachte bitter auf. Mir helfen? Hatte er vielleicht einen Scheck über den Betrag mitgebracht, den wildfremde Menschen von mir forderten? Und selbst wenn das zuträfe, würde sich für mich nur der Gläubiger ändern.

Peter Jülich blieb die Ruhe selbst. Ob mir das nun gefiele oder nicht, erklärte er, es sei an der Zeit, dass wir uns endlich wie zwei vernünftige Menschen unterhielten. Ursprünglich habe er zwar nur seine Halbschwester aufspüren und eventuell ein bisschen entbehrtes Familienleben nachholen wollen. Inzwischen aber habe er genauere Erkundigungen über mich eingezogen. Er wisse ziemlich genau darüber Bescheid, was ich in den letzten Monaten alles durchgemacht habe und wie tief ich in der Tinte steckte. Freilich könne auch er keine Wunder vollbringen oder die Tausender nur so aus dem Ärmel schütteln, dafür aber besäße er gewisse andere Möglichkeiten.

Es stellte sich heraus, dass er für verschiedene namhafte Firmen als Finanzberater tätig war. Mit Geld kannte er sich also bestens aus. Mit Gesetzen und Vorschriften genauso.

Während ich ziemlich sprachlos war, setzte er mir seine Strategie auseinander, die er sich bereits zurechtgelegt hatte. Vor allem wollte er, dass ich mein Studium beendete. Nicht sofort. Zunächst brauchte ich einen Arbeitsplatz, der mich ernährte und noch ein bisschen darüber hinaus abwarf. Den konnte er mir bei einer der Firmen, für die er arbeitete, besorgen.

Alsdann wollte er gegenüber meinen Gläubigern für mich bürgen. Vor allem aber setzte er darauf, Rolf im Ausland aufzuspüren und zur Rechenschaft zu ziehen. Er kannte einige Leute, die ihm dabei nützlich sein konnten. Falls die Suche dennoch erfolglos blieb, würde ein scharf kalkulierter Plan zum Abbau der Schulden wirksam werden. Diesmal würde er sich meiner sämtlichen Bankgeschäfte annehmen, und wenn ich ihm vertraute, könnte er mir versprechen, in einigen Jahren schuldenfrei zu sein.

Vertrauen? Alles in mir sträubte sich dagegen. Und doch war da noch ein anderes Gefühl. Ein Gefühl der Wärme und der Hoffnung. Peter spielte mit offenen Karten. Wenn er mir half, verschaffte er sich nicht den geringsten eigenen Vorteil. Im Grunde konnte er höchstens verlieren.

Details

Seiten
89
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738926477
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juli)
Schlagworte
fremde staffner

Autor

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Titel: Ich glaubte nicht, was der Fremde behauptete - Dr. Staffner packt aus