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Zwei Brüder – zwei Colts

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Zwei Brüder – zwei Colts

Klappentext:

1.Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

John F. Beck

 

Zwei Brüder – zwei Colts

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2019: Edward Martin

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

In der Gegend um Hornersville treibt die berüchtigte Benton-Bande ihr Unwesen. Zahlreiche Raubüberfälle und Morde gehen auf ihr Konto, aber bis jetzt hat man keinen der Banditen erwischen können. Nach jedem Überfall sind sie spurlos verschwunden – und niemand weiß, wo sich ihr Versteck befindet.

Larry Burnett sucht in Hornersville nach seinem Bruder Cliff. Das ist der Ort, wo dessen letzter Brief abgeschickt wurde. Cliff soll nach Hause kommen, denn der Vater der beiden Brüder ist schon alt geworden und möchte seinen ältesten Sohn noch einmal sehen. Aber in Hornersville scheint niemand Cliff zu kennen – und doch muss er hiergewesen sein. Als Larry seinem Bruder schließlich begegnet, muss er feststellen, dass dieser ebenfalls ein Mitglied der Benton-Bande ist. Aber gehört er wirklich zu diesen skruppelosen Halunken mit dazu?

 

 

 

 

 

1.Kapitel

 

 

Warme Luft flutet schwer und einschläfernd durch die offenen Fenster des Kutschenschlages.

Larry Burnett hat die Augen geschlossen, den Stetson halb ins Gesicht gezogen und döst vor sich hin. Nur das Knirschen der Räder dringt an seine Ohren und ab und zu das helle Knallen der Peitsche des Kutschers. Sonst ist alles still.

Stumm zieht die grau-grüne, von Felsblöcken übersäte Landschaft an der schwankenden Postkutsche vorüber.

Noch drei Passagiere räkeln sich, so gut das geht, auf den Lederpolstern der Kutsche. Keiner sagt ein Wort.

Allmählich nehmen Larrys Gedanken klarere Formen an und wandern zurück auf die heimatliche Ranch droben am Niobrara River in Nebraska. Und sie halten das Bild seines alten, grauhaarigen Vaters fest, der ihn nach Texas herunter geschickt hat, um ...

Eine umständliche Bewegung des Mannes neben ihm schreckt Larry aus seiner Versunkenheit. Obwohl er die Augen geschlossen lässt, spürt er, wie die fleischige Hand seines Nebenmannes in eine Rocktasche greift und irgend einen Gegenstand hervorholt. Gleich darauf klimpert etwas auf den Holzboden der Kutsche.

In diesem Augenblick setzt sich Larry Burnett zurecht, schiebt den Stetson aus dem Gesicht und schaut dem silbernen Geldstück nach, das zwischen die Füße des Passagiers auf der gegenüberliegenden Sitzbank rollt. Jäher Verdacht wallt in Larry auf.

Der Mann bückt sich eilig nach der Münze. In seinem spitzen Gesicht zuckt es, während er dem Verlierer das Geldstück zurückgibt.

Larry wirft einen verstohlenen Blick auf das Mädchen, das als vierter Passagier ihm schräg gegenüber neben dem Mann mit dem spitzen Gesicht sitzt.

Diese junge Mitreisende ist etwa neunzehn Jahre alt. Ihr langes blondes Haar flutet in weichen Wellen auf die zarten Schultern. Die himmelblauen, klaren Augen schauen verträumt zum Fenster hinaus.

In dem grau-grünen, zerklüfteten Gelände, das zu beiden Seiten die schmale, gelbe Straße säumt, ist nirgends eine menschliche Behausung zu sehen. Die Postkutsche rollt einsam durch das wilde, öde Land westlich des Rio Pecos.

Larry Burnett wird klar, dass der breite, fleischige Mann neben ihm die Silbermünze nur aus der Tasche holte, um sie zu Boden fallen zu lassen. Das war ein verabredetes Signal.

Unter der schattigen Hutkrempe hervor huschen die Blicke des jungen Mannes verstohlen zu den Mitreisenden hin. Und er verwünscht es, seinen Coltrevolver nicht am Gürtel zu tragen, sondern ihn im Reisegepäck gelassen zu haben, das auf dem Dach der Kutsche liegt.

Erst jetzt wird ihm bewusst, dass die beiden Männer, die er verdächtigt, seit dem Beginn der Reise kaum ein Wort gewechselt haben. Schon die Unnatürlichkeit dieses Verhaltens ist recht merkwürdig.

Der Mann neben Larry beugt seine stämmige Gestalt vor und ruft zum Fenster hinaus dem Kutscher zu:

„Hallo, Mister, können Sie nicht mal ’nen Augenblick anhalten? Das stundenlange Sitzen macht einen ja mürbe. Möchte mir nur kurz die Beine etwas vertreten!“

Da weiß Larry, dass er in wenigen Sekunden handeln muss.

 

*

 

„Brrr!“ Der Kutscher zügelt mit rauem Zuruf die beiden Pferde.

Schwankend kommt das Fahrzeug zum Stehen.

„So ist’s gut!“, äußert der Stämmige zufrieden. Mit überraschender Schnelligkeit kommt seine schwere Gestalt hoch, und gleich darauf tritt er die Türe öffnend ins Freie.

Larry sieht eben noch, dass die Rechte des Mannes unter dem weit geschnittenen Wildlederrock verschwindet.

„Ich werde auch ein bisschen hinausgehen“, lässt sich darauf das Mädchen vernehmen und will aufstehen.

„Sie bleiben am besten hier, Madam!“, brüllt da der Spitzgesichtige wild. Während das Mädchen ihn verblüfft anblickt, holt der Mann einen Revolver aus der Rocktasche hervor.

Gleichzeitig ruft draußen der Stämmige dem Kutscher zu: „Keine Bewegung, old fellow! Halte die Hände schön nach oben, dann passiert dir nichts!“

Wieder denkt Larry Burnett ganz kurz an seinen Colt, der sorgfältig in seinem Reisegepäck verstaut ist. Dann schnellt er sich jäh empor und schmettert seine rechte Faust nach oben - direkt gegen das spitze Kinn des Banditen, der eben das Mädchen am Aussteigen hinderte.

Ein Schuss löst sich und fährt splitternd in das Holzdach. Mit einem dumpfen Stöhnen fällt der überraschte Bandit auf die lederne Sitzbank zurück. Das blonde Mädchen hält erschreckt die Hand vor den Mund und starrt ängstlich auf die Szene.

„Verdammt, Ted, was ist los?“, schreit draußen der zweite Desperado.

Da ist der andere Kerl schon wieder auf den Beinen. Seine Waffe ist ihm entfallen, und so geht er wütend und schreiend mit erhobenen Fäusten auf den waffenlosen Larry Burnett los.

Doch Larrys erster, kraftvoller Schlag hat dem Gegner bereits alle Wucht und Energie genommen, so dass diesen der zweite Hieb mit vernichtender Gewalt trifft. Ohne einen Laut von sich zu geben, kippt er hintenüber, prallt mit dem Kopf gegen die Lehne der Sitzbank und bleibt dann reglos liegen. Für eine Weile dürfte er nicht ans Aufstehen denken.

„Ducken Sie sich!“, zischt Larry erregt dem Mädchen zu, das sofort gehorcht und sich auf den Boden zwischen den beiden Sitzbänken niederkauert. Gerade als sich Larry nach dem Revolver des Banditen bückt, pfeift eine Kugel durch den offenen Wagenschlag und bohrt sich in die Rückwand der Kutsche.

Larry hat den Revolver hochgerissen und drückt sich neben dem Fenster an die Wand der Kutsche.

Draußen steht geduckt wie ein Raubtier der zweite Verbrecher und schießt. Ein roter Flammenstoß zuckt auf Larry zu. Das Geschoss jault gefährlich quer durch das Fahrzeug.

„Wirf das Eisen weg!“, schreit Larry wild. Die Erregung des Kampfes hat ihn gepackt. Er ist jetzt dem Straßenräuber überlegen, der ohne Deckung steht. Doch dieser hat das erkannt. Mit einem gewaltigen Satz, den man seiner massigen Gestalt gar nicht zutraut, springt er hinter einen Felsbrocken.

Lautes Poltern dröhnt vom Kutschbock. Gleich darauf peitscht ein Gewehrschuss auf.

Der Kutscher ist vom Bock gesprungen und hinter dem Fahrzeug in Deckung gegangen. Und gegen zwei bewaffnete Männer, von denen einer noch zudem mit einem weit tragenden Gewehr bewaffnet ist, hat der Verbrecher keine Chance.

Eilige Stiefeltritte rascheln durch das Gras zwischen den Felsbrocken und Sträuchern am Straßenrand.

„Er flieht!“, schreit der lange, knochendürre Kutscher wütend. Das schussbereite Winchestergewehr in beiden Fäusten eilt er hinter dem fliehenden Desperado her. „Dich werde ich schon erwischen!“, keucht er grimmig.

Larry stößt die angelehnte Tür auf und springt auf die Straße hinaus. Mit langen, federnden Sätzen eilt er hinter dem Kutscher her in das wild wuchernde Strauchwerk hinein.

Der Bandit will in offener Flucht entkommen. Doch das Brechen von Zweigen weist den beiden Verfolgern den Weg. Das hagere, eingefallene Gesicht des Kutschers glüht vor Eifer. Mit seinen langen Beinen ist er Larry ständig einen Yard voraus, seine knochigen Fäuste krampfen sich fester um den Schaft seiner Winchester.

Dann bleiben beide Verfolger plötzlich stehen, als seien sie gegen ein straff gespanntes Seil gerannt.

Dicht vor ihnen klingen hinter einer hohen Gruppe von Felsblöcken Hufschläge auf. Ein rauer anfeuernder Ruf - und wie rasender Trommelwirbel fegen die Hufschläge weiter in das unübersichtliche Gelände hinein.

„Damned!“, flucht der Kutscher grimmig. „Das hätten wir uns denken können, dass die Schufte Pferde bereitstehen hatten!“

Die Hufgeräusche sind schon so weit entfernt, dass der Kutscher das Gewehr resigniert sinken lässt und sich wieder umwendet.

Larry zuckt die Schultern.

„Wenigstens haben wir einen geschnappt.“

„Möchte bloß wissen, warum die Kerle die Kutsche überfallen wollten“, murmelt der Kutscher nachdenklich, als sie langsam zu dem wartenden Fahrzeug zurückgehen. „Ich habe nämlich diesmal nicht die geringsten Wertsachen zu befördern. Und meistens sind doch solche Burschen ausgezeichnet informiert.“

Larry verharrt in nachdenklichem Schweigen.

Der Kutscher brummelt noch immer aufgebracht vor sich hin, als vor ihnen zwischen den grau-grünen Büschen wieder das Gelb der Postkutsche hindurchschimmert. Die hell gekleidete Gestalt des blondhaarigen Mädchens ist am offenen Fenster des Wagens zu sehen.

„Die nächste Haltestation ist Hornersville, nicht wahr?“, fragt Larry den Kutscher.

„Yeah!“

„Gibt es dort einen Sheriff?“

„Ach so!“, lacht der Lange. „Sie wollen wissen, wo wir den anderen Kerl abladen können. Sicher gibt es in Hornersville einen Sheriff. Und ich möchte sagen, dass Anson Neale kein schlechter Sheriff ist. Übrigens, wollten Sie nicht in Hornersville aussteigen?“

„Stimmt!“, bejaht Larry Burnett, und ein nachdenklicher Ausdruck tritt in seine dunkelblauen Augen, als er daran denkt, was ihn in diese kleine Stadt im wilden Südwesten des Staates Texas führt.

Die beiden setzen eben die Stiefel in den gelben Staub der Straße, als von der Kutsche her eine krächzende Stimme schreit:

„Halt! Keinen Schritt weiter - sonst passiert der jungen Lady etwas!“

Ruckartig bleiben Larry Burnett und der Fahrer der Postkutsche stehen. Nun erst sehen sie die verkrampfte Haltung des Mädchens. Dahinter wird das spitze Gesicht des Banditen sichtbar, dessen Augen sie wild anfunkeln.

„Macht ja keine Dummheiten! Ich spaße bestimmt nicht!“

„Ich denke, Sie haben den Revolver des Burschen!“, raunt der Kutscher Larry zu.

Wie zur Antwort wird die blitzende Messerklinge sichtbar, die der Verbrecher stoßbereit auf den Rücken des Mädchens gerichtet hat.

„Werft eure Waffen weg, Boys!“, befiehlt der Bandit. Die beiden Männer am Straßenrand zögern.

„Los, beeilt euch!“

Dumpf poltern der Revolver und das Gewehr in den knöcheltiefen Staub. Der Bandit muss ziemlich zäh sein, wenn er nach den harten Schlägen so rasch wieder zu sich gekommen ist.

Wilder Triumph schwingt in der misstönenden Stimme des fast schmächtig wirkenden Verbrechers.

„So ist es schon wesentlich besser, meine Herren!“ Ein höhnisches, blechernes Auflachen unterbricht die Worte. „Und jetzt geht einer von euch an die Pferde ’ran und schirrt eines aus. Ich brauche nämlich ein rasches Fortbewegungsmittel - das könnt ihr euch denken!“ Wieder das höhnische Auflachen. „Aber denkt ständig daran, dass der Lady nichts passieren darf. Nicht wahr?“

Das hübsche, ovale Gesicht der Lady ist bleich. Ein Schimmer von Verzweiflung liegt in ihrem Blick.

„Los! Einer von euch soll ein Pferd ausschirren!“, schreit jetzt der Bandit zornig. „Ihr solltet euch merken, dass mit Ted Manerube nicht zu spaßen ist!“

Als der Kutscher dem Befehl folgen will, zischt Larry: „Warten Sie!“ Und er selber tritt vor, geht an dem Kutscher vorbei und nähert sich langsam dem Fahrzeug. Die beiden Pferde vor der Kutsche stehen müde und mit hängenden Köpfen in der heißen Sonne. Anscheinend ist ihnen die Rast gerade angenehm.

Auf dem kurzen Weg zu den Pferden muss Larry nahe an der Kutsche vorüber. Und während er langsam Schritt vor Schritt setzt, als zögere er noch immer, erhascht er den Blick des Mädchens und lenkt ihn wie mit hypnotischer Kraft zwingend abwärts zur Türklinke. Dann reißt er jäh seinen Blick los und schaut fest auf die Straße.

Ted Manerube, der Bandit, hat nichts davon bemerkt. Wie abwartend bleibt Larry stehen, schaut nochmals dem Mädchen fest in die Augen, blickt bedeutungsvoll auf die Türklinke und dann hastig auf die Straße. Und er hofft, dass sie ihn versteht - und dass das gewagte Spiel, das er plant, gelingen möge.

Er ist nur noch einen Yard vom Wagenschlag entfernt, an dem er auf dem Weg zu den beiden Pferden vorüber muss. Wenn ihn das Mädchen wirklich verstanden hat und entschlossen ist, das Risiko auf sich zu nehmen, dann wäre jetzt die Zeit zum Handeln gekommen.

Hinter sich hört Larry das wütende Schnaufen des Fahrers und dann wieder Ted Manerube:

„Übrigens: ich brauche zwei Pferde, verstanden? Ich werde die junge Lady mitnehmen. Deshalb sind wir ja eigentlich gekommen - wenn ihr es wissen wollt!“

Die nächste Sekunde muss alles entscheiden. Mit dem nächsten Schritt, den Larry macht, schrillt wieder das Hohnlachen des Desperados auf.

Dann aber geschieht das, worauf Larry Burnett wartet.

Mit voller Wucht reißt sich das Mädchen aus dem Griff des Banditen, wirft sich gegen den Wagenschlag, drückt gleichzeitig die Klinke nach unten und lässt sich auf Händen und Knien in den Straßenstaub fallen.

Ted Manerube stößt einen wütenden Schrei aus und reißt das Messer zum Stoß ausholend zurück. Doch schon umklammert Burnetts eiserne Faust den erhobenen Arm., und gleichzeitig klatscht ein Faustschlag in das Gesicht des Verbrechers. Das Messer klirrt auf das Trittbrett des Fahrzeuges.

Wie ein zuckendes Reptil versucht Manerube, sich dem stählernen Griff Larrys zu entwinden. Aber eine eiserne Kraft wohnt in dem schlanken, mittelgroßen Körper des jungen Mannes, der wie ein Cowboy gekleidet ist.

Und dann ist der Kutscher heran. Für Ted Manerube ist das Spiel verloren.

Als der Räuber gefesselt auf dem hölzernen Boden der Kutsche kauert, klettert der Kutscher zufrieden brummend auf den Bock. Das Mädchen tritt auf Larry zu. Es hat sich den Staub aus dem hellen Reisekleid geschüttelt, und die bleichen Wangen haben sich wieder gerötet.

„Ich muss Ihnen sehr dankbar sein. Nach den Worten dieses Kerls da drinnen galt ja der ganze Überfall mir!“

Warum aber wollten die beiden Verbrecher das Mädchen entführen?

Larry Burnett stellt sich hastig vor. Dann meint er lächelnd, während er der Lady beim Einsteigen behilflich ist: „Sie brauchen mir nicht zu danken, Madam. Wenn Sie nicht so geistesgegenwärtig und entschlossen gehandelt hätten, sähe die Sache jetzt ganz anders aus.“

Zum ersten mal seit ihrem Beisammensein auf dieser Reise sieht Larry ihre roten, vollen Lippen zu einem leisen Lächeln gekräuselt. Und etwas verwirrt erkennt er erst jetzt, wie hübsch sie ist - denn das Lächeln macht sie noch schöner. Wie aus weiter Ferne vernimmt er, dass sie May Hargrove heißt und ihr Vater eine große Ranch in der Nähe von Hornersville besitzt.

May Hargrove spricht noch mehr über die elterliche Ranch am Rio Pecos. Doch das alles hört Larry Burnett kaum noch.

Aber er denkt, dass der Name ,May‘ wunderschön klingt und dass sie in der Nähe von Hornersville, das sein Ziel ist, wohnen wird.

Nur das wird ihm nicht bewusst: er hat sich in diesen Minuten in die junge, blonde May Hargrove verliebt.

 

 

2. Kapitel

 

 

Staub aufwirbelnd rollt die Postkutsche zwischen den hellen Häusern von Hornersville dahin und hält dann vor der Station. Ein mittelgroßer Mann mit grauem Schnurrbart löst sich aus dem Schatten der Cottonwoodbäume, die vor dem langgestreckten Gebäude in den wolkenlosen Himmel aufragen. Eilig nähert er sich dem Wagenschlag, aus dem eben Larry Burnett und May Hargrove steigen.

Die blonde May geht auf den schnurrbärtigen Mann mit ausgebreiteten Armen zu. Ihre hellen Augen leuchten voller Freude.

„Dad! Wie freue ich mich, dass ich wieder daheim bin!“

Bryan Hargrove schließt liebevoll lächelnd seine Tochter in die Arme.

Schlaksig klettert der Kutscher vom Bock und wischt sich mit einem großen, brandroten Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Er tritt neben Larry und holt ihm das Reisegepäck vom Dach der Kutsche.

„Darf ich vorstellen: Dad, das ist Mister Larry Burnett. Mister Burnett, das ist mein Vater!“

Die helle, warme Stimme des Mädchens begleitet den kräftigen Händedruck der beiden Männer.

„Vater, ich habe es Mister Burnett zu verdanken, dass ich dich jetzt wiedersehe“, sagt sie ernst.

Der Rancher runzelt fragend die Stirne.

In May Hargroves Stimme zittert noch die Aufregung der vorangegangenen Stunden, als sie nun von dem Überfall durch die beiden Banditen berichtet.

Ernst legt Bryan Hargrove dem jungen Cowboy die Hand auf die Schulter.

„Mister Burnett, ich schulde Ihnen mehr, als ich je zurückzahlen kann!“

Die raue Stimme des Kutschers unterbricht eine weitere Unterhaltung.

„Hallo, Sheriff! Wir haben Arbeit für Sie!“

Von der anderen Straßenseite kommt ein hünenhafter Mann, der einen blitzenden Stern auf seiner Hemdbrust trägt, mit langen Schritten auf die kleine Gruppe zu. Der Sheriff ist eine imposante Erscheinung. Schon die breite, hohe Gestalt lässt ihn unter allen anderen hervorstechen. Unter dem breitrandigen, verbeulten Filzhut fällt blondes, etwas strähniges Haar bis auf die kraftvollen, ausladenden Schultern herab. Ein Buffalo Bill oder General Custer Typ.

„Wo wartet eine Arbeit auf mich?“

Die Stimme des Sheriffs kommt wie dunkles Donnergrollen über die festen Lippen, seine grauen Augen in dem etwas derben, aber energischen und Vertrauen erweckenden Gesicht sind durchdringend auf den Kutscher gerichtet.

Der öffnet statt einer Erwiderung den Wagenschlag und lässt den Sheriff einen Blick in das Innere der Kutsche werfen, wo der gefesselte Verbrecher noch immer zwischen den Sitzbänken reglos am Boden kaueft.

Der Sheriff stößt einen leisen Pfiff aus.

„Ich fresse einen Besen, wenn das nicht der liebe Ted Manerube ist!“

„Kennen Sie den Kerl?“, mischt sich jetzt Bryan Hargrove ein.

„Und ob ich ihn kenne!“, grollt der Sheriff. „Der Schuft war dabei, als die Blackstone-Ranch niedergebrannt und ausgeplündert wurde. Er gehört übrigens zur Benton-Bande!“ Mit einem kraftvollen Griff holt der Hüne den Gefangenen aus dem Fahrzeug.

„Nicht wahr, Amigo, du bist doch einer von der Benton-Mannschaft?“

Aus verkniffenem Gesicht starrt Manerube den Sheriff gehässig an.

„Aus mir bringst du kein Wort 'raus, Sheriff!“, faucht er wütend.

Anson Neale, der Sheriff von Hornersville, stößt ein lautes, rollendes Lachen aus.

„Wir werden ja sehen!“ Dann wendet er sich wieder dem Postkutscher zu. „Übrigens, Sam, wie hast du denn diesen liebenswerten Gent geschnappt.“

Der Kutscher schüttelt den Kopf. „Ich hab ihn nicht erwischt, Sheriff. Der junge Mann da war es.“

Neale zieht etwas erstaunt die buschigen Augenbrauen hoch, als er sich Larry zuwendet! „Soso“, brummt er dabei, „so jung und schon ein so großer Banditenfänger!“ Dann fragt er knapp nach dem Hergang des Überfalles.

Larry berichtet den Hergang des Überfalls, und seine Schilderung wird ab und zu durch May Hargrove ergänzt.

„Well, junger Mann!“ Der Sheriff reicht Larry die Hand. „Ich muss Ihnen ziemlich dankbar sein. Es ist das erste mal, dass ich einen von der Benton-Bande ins Jail stecken kann.“

„Was ist mit dieser Benton-Bande?“

Anson Neale lacht grimmig auf. „Sie scheinen fremd zu sein, denn jeder Mensch westlich des Pecos hat von Jack Benton und seiner Bande gehört. Niemand ist vor den Kerlen sicher. Von der mexikanischen Grenze bis hinauf nach New Mexico machen sie das ganze Land unsicher. Und bisher ist noch keiner von ihnen geschnappt worden.“

Larry Burnetts Erstaunen klingt aus der Frage: „Wie ist es möglich, dass die Banditen das fertigbringen?“

Sheriff Neale wiegt bedächtig den Kopf, dann deutet er zum Ende der gelben Straße hin, wo gleich hinter den letzten Häusern des Ortes das wilde, öde, grau-grüne Land beginnt. Und hinter dem zerklüfteten Gelände steigen in der Ferne die rissigen, steilen Hänge eines Gebirges an, dessen Gipfel und Zacken fast weiß in der grellen Sonne glänzen.

„Das ist die Sierra Blanca, Fremder!“, erklärt der Sheriff eindringlich. „Und wenn Sie erst diese Berge näher kennen, werden Sie verstehen, dass es kein idealeres Versteck für eine wilde Horde Desperados gibt.“

Larrys spähender Blick streicht über das raue, zerrissene Hügelland und wandert dann über die schroffen Hänge der Berge. Er muss dem Sheriff zustimmen.

Neale hat inzwischen den gefesselten Manerube mit seiner rechten Faust im Genick gepackt. „Ich muss mich jetzt wohl verabschieden“, erklärt er mit grimmigem Humor. „Der Gent hier wartet sicherlich schon auf eine Unterkunft, in der er sich für die nächste Zeit ausruhen kann.“

Den Banditen vor sich herstoßend, will er sich entfernen. Da erinnert sich Larry Burnett, warum er hierher nach Hornersville gekommen ist.

„Einen Moment, Sheriff!“, sagt er hastig. „Ich habe eine Frage.“

Neale bleibt stehen. „Fragen Sie immerzu!“

„Kennen Sie den Namen Cliff Burnett?“

Der Sheriff legt den Kopf schief. „Cliff Bumett?“, wiederholt er nachdenklich.

„Yeah! Es ist mein Bruder. Ich bin auf der Suche nach ihm. Er soll sich hier im Süden aufhalten. Sein letzter Brief nach Zuhause ist in Hornersville abgestempelt.“

„Sorry, Mister Burnett!“ Anson Neale zuckt die mächtigen Schultern. „Ich kenne leider keinen Gent, der sich so nennt.“

Mit einem kurzen Gruß verabschiedet sich der Sheriff und geht mit seinem Gefangenen davon.

Larry wendet sich an den Postkutscher und Bryan Hargrove.

„Ihnen ist dieser Name auch nicht bekannt?“

Der Kutscher schüttelt stumm den Kopf, und der Rancher verneint ebenfalls. Leicht resigniert verzieht Larry die Lippen. Er hatte damit gerechnet, dass sein Bruder Cliff im Hornersville County als Cowboy beschäftigt war, und dann wäre es einfach gewesen, ihn aufzustöbern. Aber das scheint nicht der Fall zu sein. Er denkt an seinen alten Vater, der ihn, da er weiß, dass er nicht mehr lange leben wird, hierher geschickt hat, um seinen Bruder zu suchen und heimzuführen.

Larry hat versprochen, diesen Auftrag auszuführen, und er wird sein Versprechen auch halten.

Cliff muss hiergewesen sein - wenn auch vielleicht nur auf der Durchreise. Wenn es überhaupt eine Spur von ihm zu finden gibt, dann im Hornersville County. Und Larry Burnett ist entschlossen, diese Spur zu finden.

Die freundliche Stimme Hargroves schreckt ihn aus seinen Gedanken: „Mister Burnett, ich würde mich freuen, wenn Sie einige Tage als Gast auf meiner Ranch verbringen würden.“

Von dem breitflächigen, ehrlichen Gesicht des Ranchers schaut Larry zu May hin. Er sieht die Erwartung in ihren hellblauen Augen und ihr zustimmendes Nicken.

Da er sich sowieso in der nächsten Zeit hier aufhalten muss, nimmt er die Einladung dankend an.

„Well, das freut mich!“, erklärt Bryan Hargrove. „Ich habe mir gedacht, wir bleiben am besten bis morgen hier in Hornersville und reiten dann auf meine Ranch hinaus.“

„Wie Sie meinen!“, stimmt Larry zu.

Sie verabschieden sich von dem mutigen Fahrer der Postkutsche, der Larry mit breitem Grinsen die Hand schüttelt, und gehen dann zu dritt nebeneinander die Straße hinab auf den „Texas Saloon“ zu, den der Rancher als Unterkunft für die kommende Nacht ausersehen hat.

 

*

 

Mit der Dämmerung kommt über das Land am Rio Pecos etwas mildere Luft. Nach den stillen, heißen Nachmittagsstunden wird es auf der Hauptstraße von Hornersville lebendig. Überall tauchen Gruppen von Männern auf, die entweder plaudernd auf den Gehsteigen stehen oder rauchend die Straße auf und ab schlendern.

Reiter mit hochkrempigen, mexikanischen Sombreros auf den Köpfen und grellfarbigen Halstüchern traben lässig vom offenen Land her in die Stadt. Einige schwere Conestoga-Wagen rumpeln ächzend und staubaufwirbelnd die Straße herab und halten vor den Saloons oder den Stores.

Rufe, Lachen, Räderrollen und Hufgetrappel, die schlendernden Stiefeltritte auf den hölzernen Planken der Gehsteige, helles Kreischen von Kindern, klirrendes Scheppern von Geschirr aus den offenen Fenstern - all diese Geräusche vermischen sich zu einem brandenden Lärm, der auf und abschwellend die Mainstreet entlang wogt.

Bryan Hargrove sitzt im Texas Saloon mit einigen befreundeten Ranchern an einem Tisch.

Larry Burnett dagegen hat die blonde May zu einem kleinen Spaziergang eingeladen. Sie hat sich bei ihm eingehakt, und so schlendern sie Arm in Arm, leise plaudernd, an den steilen Hauswänden vorüber. Vereinzelte Schatten kriechen schon aus den Lücken zwischen den Gebäuden hervor und legen sich massig über den Gehsteig, der noch die Hitze des Tages ausstrahlt.

Cowboys rempeln sich verstohlen an und schauen dem schmucken Paar nach.

Die beiden kommen gerade an einem kleinen Saloon vorbei, als die Pendeltür aufgestoßen wird und ein Mann ins Freie torkelt.

Der Betrunkene schaut dem blonden Mädchen direkt ins Gesicht. Larry spürt das leise Zusammenzucken des schlanken Körpers an seiner Seite und sieht das Aufblitzen in den dunklen Augen des Betrunkenen, der seinen Sombrero in der Hand hält und auf unsicheren Beinen vor ihnen auf dem Gehsteig verharrt.

„Hallo, May!“, presst er mühsam über die verkniffenen Lippen. „Das ist ja eine Überraschung.“ Er schwankt beträchtlich. Torkelnd kommt er näher. Alkoholdunst schlägt unangenehm aus seinem halb offenen Mund.

May Hargrove drückt sich enger an Larry.

„Kommen Sie!“, flüstert sie hastig.

Doch der Betrunkene versperrt ihnen den Weg.

„Du willst mich wohl nicht mehr kennen, was?“, lallt er feindselig und starrt das Mädchen gläsern an.

„Sei vernünftig, Jeff!“, sagt May beruhigend. „Du weißt genau, was ich dir damals sagte, als ...“

„Ja, ja!“, nickt der Betrunkene mürrisch. „Du wolltest nichts von mir wissen, he? Na, vielleicht änderst du bald deine Meinung. Vielleicht ...“

Larry lässt das Mädchen los. Er tritt dicht an den jungen, kraushaarigen Mann heran.

„Geh aus dem Weg, Cowboy!“, sagt er leise und gefährlich. „Du bist betrunken!“

Der wankende Mann starrt ihn böse an. Dann wendet er sich abermals an May Hargrove.

„Was für ’nen Kerl hast du denn da aufgegabelt, Mädel? Soll das etwa der Glückliche sein ...“

Larry hat den Betrunkenen an den Schultern gepackt und drückt ihn unsanft an die Hauswand. Der Mann ist unfähig, eine Bewegung zur Abwehr zu machen, nur seine dunklen Augen flammen voller Hass.

„Gehen wir weiter, Miss Hargrove“, sagt Larry völlig ruhig und führt das Mädchen an dem wankenden Mann vorbei.

„Ich werde es euch schon zeigen!“, lallt der Kraushaarige böse hinter ihnen her.

„Kehren wir um oder wollen Sie noch weiter gehen?“, fragt Larry das Mädchen, dessen Wangen bleich geworden sind.

Ihre Blicke treffen sich.

„Gehen wir weiter!“, bestimmt May leise.

Die Schatten auf den Gehsteigen werden länger. In vereinzelten Fenstern flammt bereits Licht auf.

Als sie das Ende der Straße erreichen, bleibt das Mädchen stehen und hebt sein schmales Gesicht zu Larry auf.

„Es liegt mir daran, dass Sie Bescheid wissen!“, erklärt May leise aber fest. „Es war Jeff Loughton. Er war früher Vormann auf unserer Ranch. Aber als er mir nachstellte und sich auch nach etlichen entschiedenen Zurückweisungen nicht zufrieden gab, kündigte ihm mein Vater. Ich glaube, Loughton reitet jetzt für die Lasso-Ranch. Er ist ein ziemlich wilder Bursche und trinkt viel. Es tut mir leid, dass Sie sich ihn meinetwegen zum Feind gemacht haben.“

Eine seltsame Freude steigt in Larry auf, als er diesen Klang der Sorge vernimmt.

„Oh, mit dem werde ich schon fertig werden!“, lacht er beruhigend. Dann beugt er seinen Kopf tiefer und sieht May in die Augen.

„May“, sagt er leise, „ich muss Ihnen etwas sagen: Die Tage, die ich auf der Ranch Ihres Vaters verbringen werde, werden vielleicht die glücklichsten meines Lebens sein!“

Sie errötet leicht und weicht seinem Blick aus. Lange stehen sie schweigend und schauen in die Dämmerung hinein, die sich immer mehr verdichtet und schließlich in die Nacht übergeht.

Erst dann wenden sie sich ab und gehen Arm in Arm, wie sie gekommen, den Weg zurück zum Texas Saloon.

 

*

 

Es geht schon auf Mitternacht zu, als Larry Burnett in das kleine Zimmer im ersten Stockwerk des Texassaloons tritt. Die Dunkelheit umfängt ihn wie ein samtener Mantel. Er tastet sich an den Tisch und sucht nach der Petroleumlampe, um Licht zu machen. Das Fenster des engen Raumes steht offen. Und der Lärm aus dem Saloon dringt in die Stille herauf.

Larry hat eben die Lampe gefunden und holt nun die Streichhölzer aus der Tasche, als von der Straße laute, aufgeregte Rufe zu ihm heraufdringen. Die grollende Bassstimme des Sheriffs ist deutlich zu vernehmen. Irgend etwas muss geschehen sein. Er wendet sich eilig zur Tür, und seine Rechte ruht leicht auf dem kühlen Kolben des Colts, den er diesmal umgeschnallt trägt.

Auf dem matt beleuchteten Korridor kommt ihm Bryan Hargrove entgegen. Der Rancher keucht vor Eile.

„Ich wollte gerade zu Ihnen, Burnett!“

„Was ist los?“

„Kommen Sie mit! Ted Manerube ist aus dem Gefängnis befreit worden, und Sheriff Neale stellt ein Aufgebot zusammen!“

Als sie die Straße erreichen, hält Anson Neale bereits an der Spitze einer kleinen Reiterschar auf einem grobknochigen, langbeinigen Braunen. Er dreht sich den beiden Männern zu, die aus dem Texas Saloon stürmen, und fragt: „Kommen Sie auch mit?“

„Aber sicher!“, bestätigt Hargrove und schwingt sich in den Sattel seines Pferdes. Für Larry Burnett hat er ebenfalls ein Pferd aufgetrieben. Es ist ein schlanker Rotfuchs, und Larry ist froh, wieder in einem ledernen Cowboysattel zu sitzen und ein tänzelndes Pferd unter sich zu haben.

„Ich wollte eben meinen nächtlichen Rundgang antreten und stand schon auf der Veranda“, berichtet der Sheriff kurz, „als ich an der Rückseite des Offices, wo sich das Jail befindet, verdächtige Geräusche hörte. Ich sah nach und hörte nur noch mehrere Reiter in die Dunkelheit davonjagen.“ Grimmig presst er die Lippen zusammen.

„Das sieht den Schuften ähnlich“, knurrt einer der Männer des Aufgebots, „mitten in die Stadt zu kommen und einen Komplizen zu befreien!“

Sheriff Neale setzt seinen Braunen in Trab. In eine dichte Staubwolke gehüllt prescht die Kavalkade die lichtüberflutete Straße hinab der Dunkelheit zu. Hargrove und der junge Burnett haben sich neben den Sheriff gesetzt.

„Glauben Sie, dass wir eine Chance haben, die Halunken zu erwischen?“, fragt Hargrove. Sie haben jetzt die Helle des Orts hinter sich gelassen. Das kantige Gesicht des Sheriffs ist in der Dunkelheit nicht genau zu erkennen. Er antwortet nicht. Und das Zucken seiner Schultern kann auch von einer Bewegung des Reitens herkommen.

Vereinzelte Sterne glitzern am schwarzen Firmament. Wie dunkle Schemen fliegen die Umrisse von Büschen und Felsblöcken an den Reitern vorüber, die sich tief auf die Pferdehälse ducken und ihre ganze Konzentration dem nächtlichen Ritt widmen müssen. Hinter dem hügeligen, zerrissenen Gelände ragt wie eine tintenschwarze Mauer der Gebirgszug der Sierra Bianca in den samtenen Himmel empor.

Larry wundert sich, dass der Sheriff ohne anzuhalten eine ganz bestimmte Richtung beibehält, obwohl er doch eigentlich nicht wissen kann, welchen Weg die Banditen genommen haben. Der junge Reiter lenkt seinen Rotfuchs näher an Hargrove heran und stellt eine entsprechende Frage.

„Das ist einfach“, erläutert der Rancher. „Die Verbrecher werden sicherlich versuchen, auf kürzestem Wege die Berge zu erreichen. Und den Zugang in die Sierra ermöglicht auf der Höhe von Hornersville allein der Eidechsen-Canyon. Unsere einzige Chance ist, die Bande einzuholen, ehe sie den Canyon erreicht. Denn nachts ist in den Bergen eine Verfolgung unmöglich.“

Ganz flüchtig wird Larry bewusst, wie merkwürdig es doch ist, dass er schon am ersten Tag seines Aufenthaltes im Hornersville County in ein solches Abenteuer gerät. Aber dann sind seine Gedanken nur noch auf das rasende Pochen der Pferdehufe, das wilde, nachtschwarze Land und die fliehenden Banditen gerichtet, die irgendwo vor ihnen in der Finsternis reiten müssen.

Das Aufgebot überquert eine Strecke flaches Grasland und gerät kurz darauf in ein noch dichteres Gewirr von Sträuchern, halbhohen Cottonwood-Bäumen und verstreuten Felsblöcken.

Noch immer reitet der Sheriff unbeirrbar und schweigend an der Spitze der Gruppe. Seine mächtige Gestalt ragt wuchtig vor den anderen Reitern auf. Plötzlich verlangsam er sein Tempo.

„Was ist los?“, fragt einer der Männer hinter ihm.

Doch wieder gibt Neale keine Antwort. Er reitet jetzt im Schritt und lenkt seinen Gaul in ein dichtes Strauchgewirr. Etwas ungeduldig und gespannt folgen ihm die Reiter. Das Dickicht lichtet sich nach wenigen Yards. Ein steiler Hügelhang liegt vor ihnen. Oben auf der Kuppe ragen die schweren, stillen Kronen uralter Sykomoren auf. Und unter diesen wuchtigen, schwarzen Bäumen erkennen die Männer die schattenhaften Umrisse eines kleinen, fast quadratischen Blockhauses.

„Hallo, Mike! Bist du da?“, ruft der Sheriff.

Vom Schatten des Blockhauses löst sich eine dunkle Gestalt und kommt langsam den Hügelhang herab auf die wartenden Reiter zu.

„Hallo, Männer!“, sagt eine ruhige Stimme, der man das Alter anhört. „Ich hörte euch kommen und dachte mir, dass etwas Besonderes los sein müsste.“

Dicht vor dem Reitertrupp bleibt der Mann stehen. Fahles Sternenlicht fällt auf ein hageres, verwittertes Gesicht mit einem langen, silbernen Bart, der auf die Brust hinabwallt. Der große, hagere Alte ist ganz in Wildleder gekleidet, dessen Nähte mit Fransen verziert sind. In den Fäusten hält er eine langläufige Flinte.

„Ho, Mike Bidwell“, ruft einer der Männer aus Hornersville überrascht, „ich dachte, du triebest dich weiter droben an der Grenze von New Mexico herum?“

„Der Sheriff kann es euch erklären!“

„Yeah, das kann ich!“ Neal dreht sich halb im Sattel um. „Ihr wisst ja alle, dass Mike Bidwell als Jäger und Fallensteller das ganze Land bis hinauf nach Santa Fe durchstreift hat. Und ihr wisst auch, dass mir die Benton-Bande schon seit Monaten schwer zu schaffen macht. Well, da dachte ich mir, Mike könnte mir helfen. Ich holte ihn also wieder hierher, in das County, aus dem er stammt, und bat ihn, für mich als Späher und Kundschafter zu fungieren. Und wie ihr seht, hat Mike angenommen. Ich ließ mit Absicht seine Behausung hier errichten, wo er so einigermaßen den Eidechsen-Canyon im Auge behalten kann. Warum, das könnt ihr euch wohl denken.“

„Donnerwetter! Kein schlechter Plan!“, stimmt Bryan Hargrove begeistert zu. Und auch Larry Burnett denkt, dass Sheriff Neale wirklich ein tatkräftiger und umsichtiger Mann ist. Die Männer der Benton-Bande müssen schon ganz raffinierte Burschen sein, wenn sie es bisher fertigbrachten, diesem Mann auszuweichen.

Der Sheriff wendet sich wieder an den bärtigen Trapper. „Wir haben keine Zeit zu verlieren, Mike“, erklärt er. „Die Benton-Banditen haben einen Gefangenen aus dem Jail geholt. Und ich wollte mich bei dir nur noch vergewissern, ob wir auch auf der richtigen Fährte sind. Sie müssen ganz nahe an deinem Blockhaus vorübergekommen sein!“

Staunen zieht über das lederne, verwitterte Gesicht des alten Jägers, er beugt sich vor und fasst Neales Braunen am Halfter.

„Sheriff“, sagt er heiser, „ist das wahr?“

„Aber sicher, Mike!“ Die Stimme Neales klingt ein wenig schroff und ungeduldig.

Mike Bidwell tritt zurück, richtet seine hagere Gestalt steil auf.

„Männer“, erklärt er bestimmt, „dann muss ich euch enttäuschen. Die Banditen sind nicht hier vorbeigekommen. Ich hätte sie auf alle Fälle hören müssen - wie der Sheriff eben schon andeutete.“

„Mike ... “ In des Sheriffs Stimme zittert es leicht.

Der alte Trapper unterbricht ihn: „Es ist so, wie ich sagte!“

„Damned!“, flucht einer der Männer wild und resigniert. „Dann sind wir also ganz umsonst geritten!“

Ein anderer meint: „Aber die Banditen können doch nur durch den Eidechsen-Canyon in die Berge gelangen, wenn sie keinen Umweg von einem halben Tagesritt machen wollen!“

„Sorry!“, bedauert der Alte. „Aber die Schufte haben bestimmt den Umweg gemacht, sonst hätte ich es bestimmt gehört.“

Diese ruhige Entscheidung Mike Bidwells veranlasst den Sheriff sein Pferd zu wenden.

„Well, Männer, dann reiten wir zurück in die Stadt!“

Kein Fluch, kein ärgerliches Wort kommt aus dem Mund des enttäuschten Führers des Aufgebots.

Murrend und fluchend machen die Reiter kehrt. Langsam entfernen sie sich von dem Hügel, auf dem Mike Bidwell in seinem kleinen Blockhaus einsame Wacht hält.

 

 

3. Kapitel

 

 

In Hornersville verlöschen die letzten Lichter, als das Aufgebot die schwarzen Umrisse des Ortes undeutlich in der Nacht wahrnimmt. Schweigend sitzen die Männer auf ihren Pferden. Außer dem dumpfen, monotonen Pochen der Hufe ist kein Laut zu hören.

„Seht dort - brennt da nicht ein Lagerfeuer?“, sagt Larry Burnett in das Schweigen hinein und deutet mit ausgestrecktem Arm auf einen leicht flackernden Lichtschein, der ungefähr drei Meilen von Hornersville entfernt ist. Inmitten eines tiefschwarzen Geländeschattens, wahrscheinlich eines Wäldchens, ist ein schwaches rotes Glühen bemerkbar.

„Donnerwetter! Sie haben aber einen scharfen Blick, Burnett!“, sagt der Sheriff anerkennend. „Schätze, wir werden sicherheitshalber einmal dort nachsehen!“

Neale lenkt seinen Braunen auf das Wäldchen zu, und Larry Burnett reitet neben ihm. Hinter ihnen folgt dicht geschlossen die schweigsame Kavalkade.

Als sie den Weg halb zurückgelegt haben, erkennen sie deutlich das Lagerfeuer zwischen den Baumstämmen in der Mitte des Wäldchens.

Neale zügelt sein Pferd und bestimmt ruhig:

„Steigen wir ab, Männer! Spencer bleibt bei den Pferden. Wir anderen pirschen uns vorsichtig näher!“

Ohne eine Entgegnung abzuwarten, setzt sich der Sheriff wieder an die Spitze der kleinen Schar. Durch eine Handbewegung bedeutet er den Männern, auszuschwärmen. In einer weit auseinandergezogenen Linie rückt das Aufgebot auf das stille Wäldchen zu.

Ungefähr zwanzig Yards von den dunklen Bäumen entfernt werden sie angerufen: „Ihr könnt ruhig offen herankommen, Boys! Wir erwarten euch bereits!“

Einige Fäuste zucken nervös zu den Hüften. Doch Anson Neale, befiehlt ruhig: „Keine Aufregung, Leute! Wenn die hätten schießen wollen, dann hätte es schon längst gekracht!“ Er richtet seine mächtige, geduckte Gestalt zur vollen Größe auf.

„Well, Fremder! Wir kommen!“

Die auseinandergezogene Linie ballt sich wieder zu einem Haufen zusammen. Etwas zögernd rücken die Männer auf die Stelle zu, woher die Stimme des Fremden kam.

Unter den ersten Bäumen wartet ein hoher, schlanker Mann. Ein Gewehrlauf schimmert matt aus der Finsternis.

„Und was wollen die Herren zu so später Stunde?“ LeichterSpott schwingt in den Worten.

„Ich bin Sheriff Neale aus Hornesville, und das sind die Männer meines Aufgebots. Aus bestimmten Gründen interessieren wir uns sehr für Fremde, die in der Nähe unserer Stadt ihr Lager aufgeschlagen haben.“

„Well, Sheriff, das kann ich akzeptieren. Ich gebe Ihnen gerne Auskunft auf Ihre Fragen.“

„Hm!“, brummt Neale, der an dem Fremden vorüber auf die Lichtung starrt, wo das Lagerfeuer glimmt. „Ich glaube, Sie sind nicht allein, Fremder. Ich würde die anderen Gents ebenfalls gerne kennenlernen.“

„Well, wenn Sie unbedingt darauf bestehen, dann kommen Sie mit!“

Mit langen, lautlosen Schritten geht er den Männern voran. Kurz darauf stehen die Leute des Aufgebots den Fremden gegenüber. Es sind, den Wächter am Waldrand eingerechnet, neun Mann. Alle sind groß, schlank, sehnig und haben scharfgeschnittene, sonnengebräunte Gesichter, deren Züge im roten Schein der Lagerglut hart und verschlossen wirken.

Larry Burnett sieht, wie die Blicke des Sheriffs misstrauisch über diese Gruppe schweifen und für einen Sekundenbruchteil an den tiefhängenden Colts der Fremden hängenbleiben. Alle neun Männer haben die Revolver ziemlich tief geschnallt. Es scheint kein einziger schlechter Schütze darunter zu sein.

Ein großer, blonder Mann mit scharfen, hellen Augen tritt auf den Sheriff zu.

„Mein Name ist Owen Farlock, Sheriff! Wenn Sie Fragen haben, beantworte ich Sie gerne. Nur muss es schnell gehen. Wir haben nämlich einen weiten Ritt hinter uns und benötigen den Schlaf!“

Sheriff Neale stemmt die großen Fäuste in die Seiten und schaut Owen Farlock nachdenklich an.

„Farlock!“, sagt er dann leise. „Wir sind hinter einer Horde Männer her, die ebenfalls einen harten Ritt hinter sich hat und ...“

Der blonde Fremde unterbricht ihn. „Ah, Sie wollen sagen, dass Sie auf Banditenjagd sind!“

Die Stimme des Mannes klingt ein wenig schroff.

„Yeah! Genau das!“

„Nun, Sheriff, dann muss ich Sie enttäuschen. Sie reiten auf der falschen Fährte!“

Die Stimme des Blonden klingt kalt und abweisend. Die anderen acht Männer stehen stumm und abwartend neben der roten Glut des Lagerfeuers. Auch das Aufgebot verhält sich ganz still. Die Leute des Sheriffs sind hinter ihm etwas ausgeschwärmt und bilden einen Halbkreis.

„Farlock, ich sagte nicht, dass ich Sie verdächtige!“, erklärt der Sheriff. „Ich sagte nur, dass ich mich für alle Fremden interessiere, die sich in der Nähe von Hornesville aufhalten. Um es kurz zu machen: wer sind Sie, woher kommen Sie und wohin gehen Sie?“

Ein kaum merkliches Lächeln huscht über die straffen Züge des anderen.

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738926460
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Februar)
Schlagworte
zwei brüder colts

Autor

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Titel: Zwei Brüder – zwei Colts