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Auswahlband 8 Top Western Februar 2019

von Alfred Bekker (Autor:in) Pete Hackett (Autor:in) Peter Dubina (Autor:in) Larry Lash (Autor:in) Glenn Stirling (Autor:in) Bill Garrett (Autor:in)
2019 730 Seiten

Leseprobe

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Auswahlband 8 Top Western Februar 2019

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VON ALFRED BEKKER, Pete Hackett & Glenn Stirling & Larry Lash & Bill Garrett

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DIESES BUCH ENTHÄLT fünf Western:

Bill Garrett: Trail ins Land der Geier

Peter Dubina: Männer mit Lasso und Colt

Larry Lash: Ritt ins Niemandsland

Alfred Bekker: Ein Mann namens Bradford

Glenn Stirling: Feuerhölle von Arizona

Pete Hackett: Bruderhass

Pete Hackett: Und ich gab den Stern zurück

Pete Hackett: Ich jagte die Killer von Canadian

Als Lisbeth Rog ausgerechnet an ihrem Hochzeitstag verschwindet, machen sich der sitzengelassene Bräutigam und ihr Bruder auf den Weg, um sie zurückzuholen. Doch es scheint, als wäre sie freiwillig mit einem Fremden fortgeritten. Gleichzeitig kommt es in der ganzen Umgebung immer wieder zu Viehdiebstählen. Haben beide Vorfälle etwas miteinander zu tun?

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Copyright

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EIN CASSIOPEIAPRESS Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors / Cover © by Roman Dekan/123RF

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Trail ins Land der Geier

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EIN WESTERN VON BILL Garrett

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von W. Herbert Dunton, 2017

Redaktion und Korrektorat:  Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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BUSTER TOM COPPER, sein Sohn Jimmy und Matt Jackson werden von einer Horde Banditen überfallen und vom Land der Circle C-Ranch verschleppt. Sie sind aber nicht die einzigen Gefangenen, die die Banditen gemacht haben. In einem versteckten Camp befinden sich weitere Männer und Frauen, die alle nach Mexiko gebracht werden sollen. Dort wollen die Banditen sie als Sklaven verkaufen und einen ordentlichen Gewinn einstreichen.

Es ist eine aussichtslose Situation, aber Buster Tom gibt so schnell nicht auf. Mit Hilfe eines Bandenmitglieds gelingt ihm, Jimmy, Matt Jackson und weiteren Gefangenen die Flucht. Der Weg zurück nach Arizona durch die glühend heiße Wüste beginnt – und es ist sicher, dass einige diesen Marsch nicht überstehen werden. Trotzdem ist und bleibt es die einzige Chance. Denn der Banditenboss Don Pedro und seine Kumpane haben bereits die Verfolgung aufgenommen ...

Alles war zwecklos geworden. Sie saßen in der Falle und begannen sich damit abzufinden, dass das Ende so und nicht anders aussah.

Buster Tom, der Boss der Circle C Ranch, setzte das Gewehr ab und wischte sich den Schweiß aus Gesicht und Nacken, während die Geschosse ihrer Feinde über ihn hinwegfauchten und hinter ihm in den Fels klatschten. Matt Jackson, der Ranchvormann, war getroffen worden, und nun schoss auch Jimmy nicht mehr, der jüngste Sohn des Ranchers. Mochte der Teufel wissen, wo der Junge steckte. Buster Tom konnte ihn in dem unübersichtlichen Felswirrwarr nicht mehr sehen. Vielleicht lag es auch daran, dass er in dem wütenden Gewehrfeuer den Kopf nicht höher heben konnte. Er sah aber auch die Rinder nicht mehr, die sich in diese verdammte Gegend verlaufen hatten und die sie zurücktreiben wollten.

Das Gewehrfeuer brach plötzlich ab. Buster Tom schob die letzten sechs Patronen in die Waffe und richtete sich vorsichtig auf die Ellenbogen, um besser sehen zu können. Zunächst erkannte er nur Pulverschwaden, die der heiße Wüstenwind durch das Klippenfeld trieb. Dann entdeckte er im Schatten einer Felsschroffe einen Mann, der einen großen merikanischen Sombrero trug.

Einen Augenblick später sah er einen zweiten und kurz darauf einen dritten.

Doch sie waren nicht nur von Mexikanern umstellt. Unter diesen Halunken, denen es um die Rinder zu gehen schien, wie Buster Tom glaubte, befanden sich auch Amerikaner. Das hatte Buster Tom zuvor gesehen. Er erkannte bald darauf auch einen Mann, der nach Art texanischer Rinderleute gekleidet war, und sich gerade vorsichtig aus einer Deckung bewegte.

„He, ihr da!“, rief er kurz darauf herüber. „Gebt jetzt auf, oder wir schießen euch gleich zusammen! Ihr habt fünf Sekunden, um über das eigene Schicksal nachzudenken.“

Buster Toms Gewehr flog hoch an die Schulter. Er sah den Kopf des Mannes genau vor Kimme und Korn. Doch ein Geräusch, das von der Seite kam, hinderte den Rancher am Schuss.

Buster Tom fuhr erschrocken herum. Da begann es rings um ihre Stellung zu krachen und zu knallen.

Es war Jimmy! Wie von einer Sehne geschnellt kam er auf Buster Tom zugeflogen, überschlug sich in der Luft, wie es dem Rancher vorkam, und krachte neben ihm zu Boden.

Alle Schüsse hatten Jimmy gegolten. Als er den Kopf hob und seinen Vater angrinste, brach das Schießen so jäh ab, wie es eben aufgeflammt war.

Buster Tom war nicht einmal zum Schuss gekommen.

„Mein Gott, Junge! Bist du verletzt?“, keuchte er schwer - wie nach einer durchstandenen Anstrengung.

„Viel schlimmer!“, gab Jimmy krächzend Antwort und warf das Gewehr aus der Hand. „Ich habe nicht einen Schuss mehr. Und Matt liegt da vorn und hat was abbekommen.“

„Ergebt euch, oder sprecht euer letztes Gebet!“, tönte es vor ihnen aus den Klippen auf spanisch.

Buster Tom sah auch diesen Mann und riss das Gewehr hoch. Doch Jimmy schlug ihm die Hand auf den Lauf.

„Vater! Wir werden uns doch wegen zwanzig Rindern, die sich ohnehin verlaufen hatten, nicht abschlachten lassen. Matt ist verletzt! Er braucht schnelle Hilfe.“

Buster Tom sah seinem Sohn in die Augen. „Noch nie hat ein Viehzüchter ein Rind kampflos preisgegeben und schon gar nicht freiwillig. Die Halunken kennen unsere Sorte. Die wissen, dass wir sie bis in die Hölle hinein verfolgen, sobald wir nur unsere Freiheit wiederhaben. Wir haben die Wahl, jetzt im Kampf zu sterben oder uns hinterher abmurksen zu lassen. Aber für das, was hinterher kommt, sind wir nicht gemacht.“

Er schlug Jimmys Hand vom Lauf und wollte aufspringen, um den Hundesöhnen zuzurufen, dass sie endlich kommen sollten. Doch diese Herausforderung war nicht mehr nötig. Sie kamen von selbst. Sie kamen nicht von vorn und nicht von hinten, sie kamen gleichzeitig von allen Seiten. Bevor Buster Tom die Beine an den Leib ziehen konnte, begannen sie mit ihrem Angriff.

Gewehrfeuer setzte ein. Wo Matt Jackson liegen musste, knallte ein Revolver. Buster Tom sah einen der Angreifer tot zusammenbrechen. Doch einen Lidschlag später stürmten dort, wo der Mann zusammengebrochen war, drei andere auf ihre Stellung zu.

Buster Tom jagte die letzten Geschosse hinaus. Jimmy griff nach seinem Gewehr, packte es am Lauf und sprang auf. Buster Tom verschoss die letzte Patrone und fegte ebenfalls empor. Jimmy schlug einen der Angreifer mit dem Kolben nieder. Auch Buster Tom schmetterte einem Mann das Gewehr auf den Kopf. Er schaffte noch einen zweiten, den er mit einem wilden Tritt zu Boden schickte. Doch dann waren die Banditen über ihnen. Zwei stürzten auf den Rancher. Fast ein halbes Dutzend warf Jimmy zu Boden. Die Coppers wehrten sich und kämpften wie die Teufel. Aber es dauerte nur Sekunden, bis sie beide lang im Sand lagen - restlos erledigt und ausgebrannt.

*

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BUSTER TOM KAM SCHON nach geraumer Weile wieder zu sich. Jimmy lag noch vor ihm bewusstlos im Sand. Zwei der Banditen führten Matt Jackson heran, der am Arm blutete und mächtig zerschunden aussah.

Buster Tom wollte seinen Vormann fragen, wie er sich fühlte. Doch da versperrte ihm ein großer Mexikaner die Sicht, dessen Augen förmlich zu brennen schienen.

„Du verdammter Bastard!“, fuhr er Buster Tom wütend an. „Warum kämpfst du, wo du doch keine Chance hattest?“

Er hatte spanisch gesprochen. Buster Tom lächelte salzig. „Fahr zur Hölle, Strauchdieb!“, erwiderte er auf englisch.

„Mann, Sie machen da einen Fehler“, sagte jemand hinter Buster Tom in englisch. „Wenn ich Don Pedro das übersetzte, macht er aus Ihnen und Ihren Leuten Hackfleisch. Darauf können Sie aber Gift nehmen.“

Buster Tom drehte den Kopf und richtete sich auf die Ellenbogen. „Wer sind denn Sie?“

„Mein Name ist völlig nebensächlich“, antwortete der Mann. Er war groß, massig und schwer. Es war jener texanische Rindermann, den Buster Tom zuvor schon zwischen den Felsen erkannt hatte.

Buster Tom blickte kurz in die Runde. Sie waren von zwanzig wild und verwegen aussehenden Burschen überwältigt worden. Die meisten waren Mexikaner, die zerlumpte Uniformen trugen.

„All right!“, erwiderte Buster Tom murrend. „Wir geben die Rinder auf.“ Er wollte sich erheben, doch der große Mexikaner trat ihm vor die Brust, dass er wieder zu Boden stürzte.

„Dieser Bastard soll sein Maul nicht so weit aufreißen“, sagte er auf spanisch zu dem Texaner. „Wert ist er ohnehin nicht viel. Er ist zu alt. Wie der Verwundete da drüben. Brauchbar ist eigentlich nur der junge Bursche.“

„Willst du die beiden älteren Gringos erschießen?“, fragte der Texaner im schlechten Spanisch. „Sie sind trotz ihres Alters recht zäh.“

Buster Tom, der die spanische Sprache beherrschte, blickte überrascht von einem zum anderen.

Der Mexikaner warf einen wägenden Blick auf Buster Tom, wandte sich dann Matt Jackson zu, der sich zwischen seinen Bewachern zu Boden gehockt hatte und sich den blutenden Arm hielt.

„Verbindet ihn!“, befahl er seinen Leuten. Dann ging er zu Jimmy und trat ihm in die Seite. „Steh auf, Hundesohn! Wir haben einen weiten Weg vor uns.“

Jimmy rührte sich jedoch noch nicht. „Wasser!“, zischte der große Mexikaner wütend.

Zwei seiner Männer stürzten davon und kehrten mit einem Wasserschlauch zurück, den sie über Jimmys Gesicht öffneten. Jimmy kam schon nach den ersten Spritzern gurgelnd hoch und schlug auch sofort um sich, ohne erfasst oder erkannt zu haben, was inzwischen mit ihnen geschehen war. Drei Mexikaner stürzten sich auf den Jungen und schlugen ihn noch einmal zusammen. Sie ließen erst von Jimmy ab, als sie tatsächlich nicht mehr zuschlagen konnten. Die Arme herabhängend, wandten sie sich schnaufend ab.

„Ich protestiere!“, zischte Buster Tom wütend, dem der Texaner den Stiefel auf die Schulter gesetzt hatte, um ihn am Boden zu halten.

„Du spielst mit deinem Leben, Alter!“, brummte der Texaner. „Hast du immer noch nicht begriffen, dass es um den Hals geht? Diese Burschen hier fangen ein, wen sie kriegen können und verkaufen die Leute nach Mexiko. Die Minengesellschaften sind knapp an Arbeitskräften. Füge dich, sage ich dir!“

Buster Tom schluckte. Er hatte es auf spanisch vernommen, und nun sagte es ihm der Texaner noch einmal klipp und klar in der eigenen Sprache. Trotzdem vermochte er nicht zu begreifen, dass dies kein Traum, sondern bittere Wirklichkeit war.

Der Mexikaner kam zu ihm zurück, während einige von seinen Leuten mit Hilfe des Wasserschlauches Jimmy wieder auf die Beine brachten.

„Der Junge soll vernünftig sein, oder wir drehen ihm den Hals um!“, sagte er zu Buster Tom. Dann sah er den Texaner an. „Aufbruch, Dunham! Sofort! Sammelt alles ein! Wir nehmen auch die Rinder mit. Da haben wir gleich Fleisch für die Gefangenen. Das reicht bis Ensenada.“

Dunham nickte. „All right, Don Pedro!“ Er machte auf dem Absatz kehrt und rief den Männern auf spanisch Befehle zu.

Buster Tom, Jimmy und Matt Jackson wurden die Hände zusammengebunden. Danach bekam jeder einen Strick um den Hals. Einer der Männer brachte ihre Pferde und befahl ihnen, in die Sättel zu steigen. Auch er saß auf, ließ sich von einem Gefährten die Enden der drei Stricke geben, die den Gefangenen um die Hälse gebunden waren, und ritt sofort an. Buster Tom, Jimmy und Matt Jackson brachten die Pferde augenblicklich in Gang, um nicht erdrosselt zu werden. Sechs Reiter folgten ihnen. Der Rest der Bande verschwand zwischen den Klippen und tauchte nach einer Meile mit den zwanzig Rindern wieder auf, die die Weide der Circle C Ranch verlassen hatten und die Buster Tom mit seinem Sohn und seinem Vormann halte zurücktreiben wollen.

Buster Tom ritt in der Mitte. „Wie geht es dir?“, fragte er seinen Vormann, der rechts von ihm ritt.

„Es ist nicht der Rede wert“, raunte Matt Jackson und schaute sich dabei verstohlen um. „Aber wenn mich nicht alles täuscht, befinden wir uns in den Fäusten von Sklavenhändlern.“

„Du täuschst dich nicht!“ versetzte Buster Tom und wandte sich Jimmy zu, der übel zugerichtet worden war und am meisten von ihnen zu leiden hatte.

Jimmy lächelte gequält und erwiderte den Blick seines Vaters. „Well, Boss! Das hätte sich heute Morgen von uns keiner träumen lassen. Aber zu Hause werden sie ja bald bemerken, dass wir irgendwie verschwunden sind. Und dann werden diese Schakale hier nichts zu lachen haben.“

„Es ist Mittag“, sagte Buster Tom verbittert. „Vor dem Abend wird auf der Circle C kein Mensch etwas unternehmen.“

„Ich fürchte auch, dass wir ganz auf uns allein gestellt sind und uns etwas einfallen lassen müsen, wenn wir nicht auf Nimmerwiedersehen in den Bergwerken von Ensenada verschwinden wollen“, meinte Matt Jackson. „Es ist zwar ein weiter Weg. Aber die Saukerle werden uns dabei nicht einen Schritt aus den Augen lassen. Schließlich ist jeder von uns sein Kopfgeld wert.“

„Ein Glück!“, versetzte Buster Tom bissig. „Sonst hätten sie uns wahrscheinlich längst umgebracht.“

„Wir reiten aber nicht nach Ensenada“, sagte Jimmy. „Die Halunken scheinen uns erst einmal geradenwegs in die Wüste hineinführen zu wollen. Und ich komme jetzt schon um vor Durst!“

Buster Tom wollte nach der Wasserflasche greifen, die er stets am Sattelhorn hängen hatte. Aber die Banditen hatten sämtliche Ausrüstungsgegenstände abgeschnallt. Nur der nackte und blanke Sattel war jedem geblieben. Er drehte sich um.

„He, ihr Bastarde!“, rief er den Männern zu, die dicht hinter ihnen ritten. Es waren alles Mexikaner. „Gebt meinem Sohn etwas zu trinken!“ Da sie nur grinsten, wiederholte er die Forderung auf spanisch, wobei er freilich das Schimpfwort wegließ.

„Ja, wir werden deinem Söhnchen zu trinken geben, Alter!“, spottete einer. „Wein und schöne Frauen dazu! Aber erst in Ensenada. Und nun reitet, sonst gibt es eine Kugel zwischen die Augen. Dann hat es sich mit dem Wein und den Frauen.“

Seine Gefährten lachten. „Schwitz ihm etwas von deinem Wasser aus, Alter!“, brüllte ein anderer. „Dann hat er zu trinken.“

Jimmy und Matt Jackson, die beide ebenfalls Spanisch sprachen, sahen Buster Tom wütend an.

„Diese Brut wird uns weder etwas zu trinken noch etwas zu essen geben“, brummte Matt Jackson. „Wenn wir uns nicht bald befreien, wird uns vor Hunger und Entkräftung aller Mut dazu verlassen. Ensenada liegt am Pazifik. Wir werden mindestens vier Wochen lang unterwegs sein. Am Ende werden wir nicht einmal mehr kriechen können.“

Jimmy spie im hohen Bogen aus. „Wir machen uns noch heute Nacht aus dem Staub. Sollten die Pferde dieser Hundesöhne keine Flügel über Nacht bekommen, werden sie dann allesamt etwas Fürchterliches erleben. Das schwöre ich ihnen schon jetzt.“

„Wir wollen nicht unüberlegt handeln!“, mahnte Buster Tom. „Nicht heute Nacht und auch nicht bald, sondern bei der ersten wirklich günstigen Gelegenheit, die sich uns bietet. Damit das klar ist, Jimmy!“

„Ich rede von nichts anderem!“, versetzte Jimmy grollend. Die Schläge der Banditen hatten ihn ziemlich zerschunden, doch von seinem Zorn und seinem Mut hatten sie ihm nicht das geringste genommen.

*

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SIE RITTEN BIS ZUM Abend im Gefolge der Banditen südwärts. Als die Dämmerung hereinbrach, hatten sie den Rand der Steinwüste erreicht. Die Bande hielt an und lagerte in einer windgeschützten Mulde. Buster Tom, Jimmy und Matt mussten absteigen. Während eine Gruppe der Banditen die Rinder und Pferde zusammentrieb, schlugen zwei von ihnen drei Pflöcke in den Boden. Daran befestigten sie danach die Halsstricke der Gefangenen. Sie bekamen einen Becher Wasser zu trinken. Einer der Mexikaner verteilte an jeden ein Stück Hartbrot. Danach wurden sie aufgefordert, sich lang auf den Boden zu legen. Zwei Mexikaner hockten sich vor ihnen nieder. Die anderen versammelten sich um das Feuer, tranken dort Wein und unterhielten sich angeregt. Don Pedro und Dunham, der Texaner, führten dabei das Wort.

„Also, ich glaube, ich könnte die Hände frei bekommen“, raunte Jimmy, als es völlig dunkel geworden war.

Buster Tom hatte sich gründlich umgesehen. „Ich glaube nicht, dass es hier in dieser staubigen Schüssel viel Zweck hat, Jimmy“, flüsterte er. „Um an die Pferde zu gelangen, müssten wir am Feuer vorbei. Das ist nicht zu schaffen. Jedenfalls nicht lebend.“

„Wenn wir einen von diesen Halunken überwältigt haben und ihm das eigene Messer an die Kehle setzen, werden uns die anderen die Pferde bringen!“, zischte Jimmy wild.

„Das glaubst du!“, brummte Matt Jackson gelassen. „Diese Halunken sind wie Wölfe. Wenn sie in ein Fangeisen geraten, beißen sie sich lieber das Bein ab, statt zu passen. Zäumen wir die Sache doch anders auf, Tom! Ich bin dafür, dass wir an diesem verdammten Feuer vorbeizukommen versuchen. Nicht jetzt. Aber im Morgengrauen!“

„Ich habe die Hände frei!“, raunte da Jimmy krächzend.

Buster Tom fuhr erschrocken herum. „Rühre dich, um Himmels willen, nicht vom Fleck. Nicht jetzt, Junge!“

„Das habe ich auch nicht vor!“, zischte Jimmy gereizt. „Aber wie lange, zum Teufel, wollt ihr warten?“

„Bis dort am Feuer Ruhe ist!“, versetzte Buster Tom.

Dort trat auch bald Ruhe ein. Die Bande war nicht sonderlich argwöhnisch. Zwei Mann bewachten die Gefangenen. Ein dritter stand auf dem Rand der Mulde Posten. Damit hatte es sich schon.

Buster Tom drehte sich vorsichtig auf die Seite, als Jimmy zu ihm heranrückte. Er streckte ihm die gefesselten Hände entgegen. Als er frei war, griff er zum Hals und zog sich vorsichtig die Schlinge über den Kopf. Dann rückte er zu Matt Jackson hinüber, um ihn ebenfalls zu befreien.

Dann warteten sie.

Einer der Posten vor ihnen war eingeschlafen. Doch der andere starrte unentwegt zu ihnen herüber. Der Teufel mochte wissen, ob er etwas gesehen oder nur gewittert hatte. Er stand auf einmal auf und kam zu ihnen. Er blieb vor Buster Tom stehen und richtete den Gewehrlauf auf seinen Kopf. Dann beugte er sich nieder und streckte die Hand vor, um die Fessel zu kontrollieren.

Buster Tom reagierte wie ein Kastenteufel, der auf den Schwanz getreten worden war - wie ein Mann, der einfach am Leben bleiben wollte. Seine Fäuste schnellten empor. Er bekam den Mann an der Jacke zu fassen und trat das Gewehr zur Seite.

Jimmy und Matt Jackson flogen von den Seiten heran. Matt Jackson riss dem Mexikaner das Messer aus dem Stiefel und stieß blitzschnell zu. Buster Tom nahm das Gewehr, Jimmy ergriff den Colt des Mexikaners. Der Mexikaner brach zusammen, sein eigenes Messer in der Brust.

„Tot“, murmelte Matt Jackson. Die Männer lauschten eine Weile angestrengt, den Atem angehalten. Dann schoben sie den toten Mann vorsichtig zur Seite.

Am Feuer war Ruhe. Die Banditen schliefen. Nur der Posten auf dem Muldenrand wachte. Er hatte offenbar nichts bemerkt, und die Nacht war in der Mulde so schwarz, dass er auch nicht einmal etwas hätte sehen können. Doch seine Silhouette hob sich klar und deutlich gegen den Himmel ab.

Die Blicke der drei richteten sich nach oben, während sie vorsichtig und lautlos auf ihren zweiten Bewacher zukrochen, der noch schlief. Buster Tom schlug mit dem Gewehrkolben zu. Es war das einzige Geräusch. Mehr war nicht zu hören. Doch dieser dumpfe Ton drang bis zum Muldenrand hinauf.

Der Posten da oben fuhr auf und schaute herunter.

„He, Zarco, alter Büffel!“, rief der Posten auf spanisch. „Was ist los?“

Die drei hielten den Atem an. „Antworte, Zarco!“ brüllte der Posten. „Was ist mit den Gefangenen? Wo sind sie?“

„Zu den Pferden!“, krächzte Buster Tom. „Rasch!“

Die drei schnellten hoch und stürzten vorwärts. Der Posten hörte sie rennen und jagte drei Alarmschüsse in die Nacht. Am Feuer flogen die Decken zur Seite. Die Banditen sprangen aus dem Schlaf heraus auf die Füße. Drei, vier Schüsse krachten. Dann war nur das Stampfen von Stiefeln und das Keuchen der vielen Männer zu hören.

Buster Tom, Jimmy und Matt Jackson wichen zur Seite hin aus. Sie schossen alle drei auf die Schatten, die auf sie zugestürzt kamen und ihnen den Weg zu den Pferden verlegten. Matt Jackson wurde zuerst zu Boden gerissen. Buster Tom blieb stehen, um seinen Vormann freizuschießen. Aber er kam nur einmal zum Schuss und konnte nicht einmal feststellen, ob er getroffen hatte oder nicht. Dann wurde er schon von hinten her niedergerannt. Während er stürzte, sah er auch Jimmy zu Boden gehen.

Buster Tom verlängerte den Sturz zu einer Rolle, um von dem Angreifer wegzukommen. Doch als er auf die Füße kam, standen schon zwei andere Schatten vor ihm und trommelten blindwütig auf ihn ein. Buster Tom riss das Gewehr an die Hüfte und wich zurück. Ein Hieb auf den Mund, der ihn wie ein Gewehrschuss traf, warf ihn jedoch zu Boden. Wieder wollte er sich überschlagen. Dabei ließ er das Gewehr fallen, um sich mit beiden Fäusten abschwingen zu können. Aber da traf ihn ein fürchterlicher Hieb in den Nacken, dass er von einem Augenblick zum anderen das Bewusstsein verlor.

*

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ALS BUSTER TOM ZU SICH kam, war es schon hell. Vor ihm standen drei Mexikaner, die Gewehre auf seinen Kopf gerichtet. Wie durch einen Schleier sah er Don Pedro und Dunham, den Texaner, danebenstehen. Sie blickten ihn an. Als er den Kopf hob, luden die drei durch und schauten erwartungsvoll auf Don Pedro.

Dunham legte Don Pedro die Hand auf den Arm. „Ja, er hat zwei von unseren Männern erschossen“, sagte er auf spanisch. „Aber wenn wir ihn jetzt abknallen, war das alles für nichts. Erzähl den Leuten in Ensenada, wie dieser Alte kämpfen kann! Damit kannst du den Preis für ihn bestimmt hochkitzeln. Wie einer kämpft, so kann er auch arbeiten. Und wenn du ihn strafen willst, nun, sein Fett, das wird er dort schon kriegen.“

„Aber das sehe ich dann nicht!“, brummte Don Pedro missgelaunt. „Ich will es ihm jetzt heimzahlen. Vielleicht sollten wir seinen Sohn umbringen. Ich meine, vor seinen Augen und schön langsam. Ich finde, das ist eine verdammt gute Idee.“

„Vielleicht!“, versetzte Dunham trocken. „Aber sie bringt uns nichts ein.“

„Wozu habe ich dich eigentlich, Dunham?“, knurrte Don Pedro. „Du bringst mich laufend um meine Späße. Einmal wirst du dich damit um das eigene Leben bringen.“

„Ich bin Kaufmann, Don Pedro!“, lächelte Dunham. „Selbst wenn dieser alte Mann mir nur einen Dollar einbringt, lohnt es schon nicht mehr, ihn abzuknallen. Ein Stück Blei kostet Geld. Zugegeben, es ist keine große Ausgabe. Aber wenn wir ihn leben lassen, bringt er uns zweihundert Dollar. Hinzu kommt noch, dass er in den Minen von Ensenada ohnehin vor der Zeit krepieren wird.“

„Irgendwann wird mir vielleicht auch dein Kopf zweihundert Dollar einbringen“, sagte Don Pedro gereizt. „Vergiss nicht, dass es einmal möglich sein könnte. Also, mach, was du willst. Aber ab sofort gehen die drei Gringos zu Fuß.“

Er wandte sich ab und ging davon.

Buster Tom sah Dunham an. „Ich danke Ihnen!“, krächzte er.

Dunham spie angewidert aus. „In Ensenada werden Sie mich verfluchen, Mister. Wenn Sie einmal dort sind, werden Sie glatt bereuen, nicht schon hier krepiert zu sein.“

Er zuckte die Schultern und stapfte zu den Pferden. Buster Tom wurde von zwei Banditen auf die Füße getrieben und zu seinem Pferd gestoßen. Er war bereits wieder gefesselt und trug den Strick um den Hals.

Jimmy und Matt Jackson saßen schon in den Sätteln. Buster Tom hielt erschrocken ein, als er sie erblickte. Genau genommen erkannte er sie nur an ihrer Kleidung. Wie er später erfuhr, hatten sie nicht das Glück gehabt wie er, sofort bewusstlos geworden zu sein. Die Banditen hatten sie übel zugerichtet.

Buster Tom bekam einen Schlag auf den Kopf, der ihn in die Knie drückte. Ein zweiter Hieb warf ihn an das Pferd, und der dritte Schlag brachte ihn dazu, sich rasch in den Sattel zu schwingen, um seinem Peiniger zu entgehen.

„So eine verdammte Pleite!“, sagte Jimmy murrend.

Matt Jackson stieß nur einen krächzenden Ton aus.

Buster Tom brachte erst einmal sein Pferd in Gang, um nicht stranguliert zu werden. Dann ritten sie wieder Seite an Seite inmitten der Banditen.

*

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DON PEDRO WAR MIT EINIGEN Männern vorausgeritten. Als er Stunden später auftauchte, ließ er anhalten und rief Dunham zu sich.

„Du verdammter Hundesohn! Hatte ich nicht befohlen, dass die Gringos zu Fuß gehen sollen?“, brüllte er.

„Gewiss!“ versetzte Dunham. „Aber hast du nicht auch befohlen, dass wir das Lager heute Abend erreichen sollen?"

Don Pedro neigte den Kopf, grinste und löste seine Lederpeitsche vom Sattelhorn. Buster Tom, Jimmy und Matt, die alle drei gut Spanisch verstanden, erwarteten, dass Don Pedro den Texaner schlagen würde. Doch Don Pedro galoppierte an, kam zu ihnen und trieb sie mit Peitschenschlägen von den Pferden.

„Vorwärts!“, brüllte er. „Lauft! Springt! Rennt, ihr Teufel! Sieh her, Dunham, wie ich das mache! Wir werden schon zu Mittag im Lager sein.“

Die Pferde trabten an. Buster Tom, Jimmy und Matt begannen hinter dem Reiter herzurennen, der die Stricke hielt, die ihnen um die Hälse gebunden waren.

Don Pedros Peitsche krachte abwechselnd auf ihre Rücken. Obwohl sie genau wussten, dass sie irgendwann erschöpft hinfallen und liegenbleiben würden, rannten sie noch schneller, so dass sie den Reiter vor sich einholten und neben ihm herstolperten.

„Vorwärts! Rennt!“, brüllte Don Pedro.

Die Banditen lachten und hatten ausnahmslos ihre Freude daran. Zum Glück war Don Pedro kein sehr ausdauernder Mann, zumindest nicht in diesen Dingen. Er versetzte Buster Tom noch einen letzten Hieb, zog sein Pferd dann zur Seite und galoppierte nach vorn.

Der Schlag hatte Buster Toms Jacke und Hemd aufgerissen. Er fühlte trotz des wild brennenden Schmerzes das Blut den Rücken hinabrinnen. Er fiel benommen gegen das Pferd des Mexikaners, verlor das Gleichgewicht und stürzte zu Boden. Für einen Moment war er ohne jeglichen Willen. Er war so erschöpft und erledigt, dass es ihm gleichgültig war, wann und wo er sterben würde, wenn er sich nur ausstrecken konnte. Doch die Leine straffte sich, sein Kopf wurde zurückgerissen. Er stieß einen gurgelnden Ton aus und griff mit beiden Händen zu, hielt sich am Strick fest, dessen Schlinge sich trotzdem zuzog. Er bekam keine Luft mehr. Die Augen traten ihm aus den Höhlen. Er sah, wie sich Jimmy und Matt einstemmten, um den Reiter aufzuhalten. Dann wurde ihm schwarz vor den Augen.

„Du dreckiger Bastard!“, hörte er Jimmy schreien. Dann war es plötzlich still um ihn. Hände griffen nach seinem Hals und rissen die Schlinge auf. Buster Tom holte tief Luft, öffnete die Augen und drehte sich auf den Rücken.

Die Kolonne hatte angehalten. Vor ihm erhob sich der Mexikaner aus dem Sand, der die Stricke hielt. Jimmy hatte ihn daran aus dem Sattel gerissen. Der Mexikaner ließ die Enden fallen, griff nach dem Messer und stürzte auf Jimmy. Doch bevor er Jimmy erreichte, tauchte Dunham auf. Er ritt dem Mexikaner in den Weg.

„Was ist denn mit dir los, du Idiot!“, fuhr Dunham den Mexikaner an. „Willst du ihn umbringen?“

„Ja!“, schnaufte der Mexikaner wütend und wollte Dunhams Pferd zur Seite drängen. „Dieser gelbgestreifte Hundesohn hat mich vom Pferd gerissen. Das soll er mir büßen!“

„Halt!“, rief Dunham scharf. „Du kannst ihn niederstechen. Doch vorher rückst du die dreihundert Dollar heraus, die wir in Ensenada für ihn kassieren würden.“

Der Mexikaner hielt ein, ließ das Messer sinken und starrte Dunham ungläubig an.

„Dreihundert Dollar! Bist du verrückt? Diese Laus steche ich ab, ohne auch nur einen Centavo zu bezahlen.“

„Wir betreiben hier ein Geschäft!“, sagte Dunham scharf. „Ware nur gegen Geld. Du kannst diesen Americano haben. Mach mit ihm, was du willst. Aber zuvor, du Idiot, musst du bezahlen. Denn in Ensenada kriegen wir Geld für ihn. Als spuck das Geld aus, dann stech ihn nieder, damit wir endlich weiterkommen.“

Die Banditen stimmten Dunham zu. Ausnahmslos, wie das Geraune ringsum bewies. Buster Tom sah in die Runde. Die Reiter hatten sie umringt. Aller Blicke waren auf den Mexikaner gerichtet, der Jimmy töten wollte.

Der Mexikaner stapfte wütend auf. „Dunham, du bist ein verdammter Gringo wie sie. Du reißt doch dein Maul nur soweit auf, weil Don Pedro wieder vorausgeritten ist. Stimmt’s?“

„Don Pedro hat mir das Kommando übergeben“, erklärte Dunham gelassen. „Und wenn ich das Kommando habe, reiße ich mein Maul immer auf. Willst du nun bezahlen?“

„Zur Hölle, nein!“, fauchte der Mexikaner, während er Jimmy wütend anstarrte. „Von so einem dreckigen Gringo lasse ich mich nicht aus dem Sattel reißen. Jedenfalls nicht ungestraft. Dieser Bastard wird das büßen!“

„Wir werden auf die dreihundert Dollar nicht verzichten“, erwiderte Dunham. „Wenn du ihn umbringst und nichts bezahlst, werden wir einfach dich für ihn in Ensenada abliefern.“

„Da hat er recht!“, rief einer der Banditen.

„Warum sollen wir auf das Geld verzichten?“, meinte ein anderer. „Nur damit du deinen Spaß hast, Josephe?“

Der Mexikaner schaute in die Runde, Wut und Erschrecken in den Augen.

Dunham wartete ein paar Sekunden. Dann befahl er, weiterzuziehen.

Jimmy und Matt halfen Buster Tom hoch.

„Vom Teufel wird verdammt viel geredet und gefaselt“, sagte Jimmy krächzend. „Jetzt weiß ich, dass es etwas viel Schlimmeres gibt. Diese Brut hier!“

Buster Tom wankte und blickte sich um.

„Weiter!“, bellte Dunham. „Ihr da, zu Fuß!“

Buster Tom, Jimmy und Matt Jackson setzten sich in Bewegung. Der Mexikaner griff nach den Strickenden und sprang wie ein wütender Grislybär in den Sattel. Er wollte aus dem Stand heraus vorwärts galoppieren, um die drei Gringos zu quälen und zu schinden.

„Im Schritt!“, brüllte da Dunham.

Don Pedro ließ sich an diesem Tag nicht mehr blicken, so dass die Kolonne das von Dunham befohlene Tempo beibehielt. Doch für die drei Gefangenen wurde es auch so ein Marsch durch die Hölle.

*

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DIE BANDITEN ZOGEN unentwegt nach Süden in die Wüste hinein. Es gab keine Vegetation mehr, nur Steine in allen Größen und Formen, und hier und dort erhoben sich bizarr geformte Felstürme aus den steinigen Ebenen, Mulden und Schüsseln. Und über allem stand die Sonne am Himmel wie ein großer weiß glühender Fleck.

Das Geschnatter der Mexikaner verstummte bald. Die Männer hockten jedoch mehr gleichgültig als erschöpft in den Sätteln, die dunklen Gesichter von den großen Hutkrempen beschattet. Dunham, der mit zwei anderen Amerikanern an der Spitze ritt, schien die mörderische Hitze schon mehr auszumachen. Hin und wieder wischte er sich den Schweiß aus dem Nacken und Gesicht. Er griff auch öfter zur Wasserflasche als alle anderen. Buster Tom, Jimmy und Matt Jackson aber zermürbte die Hitze regelrecht. Sie stapften nebeneinander her, die Fäuste um die Stricke gekrallt, die ihnen um die Hälse geknotet waren. Sie torkelten und stolperten über die runden und platt geschliffenen Steine und ließen sich von dem Pferd des Mexikaners mehr ziehen, als sie liefen. Josephe hatte die Strickenden um das Sattelhorn geschlungen.

Die zwanzig Rinder, die von vier Banditen getrieben wurden, begannen gegen Mittag vor Durst unablässig zu brüllen.

In einer Schlucht ließ Dunham die Kolonne zu einer kurzen Rast halten. Es gab wohl Schatten. Doch da nicht der geringste Luftzug die Schlucht durchwehte, erinnerte die Temperatur an die Hitze eines Backofens. Buster Tom, Jimmy und Matt ließen sich zu Boden fallen, wo sie stehengeblieben waren.

Die Banditen versorgten die Pferde, wischten ihnen die Mäuler aus und lockerten die Sattelgurte. Dann hockten sie sich nieder, um sich auszuruhen. Dabei verlor nicht einer ein Wort. Josephe kam mit einem Wasserschlauch zu den Gefangenen. Alls drei sahen ihn erwartungsvoll an. Aber Josephe spritzte ihnen nur etwas in die Gesichter und entfernte sich wieder.

„Ensenada bekommen wir nie zu Gesicht!“, keuchte Matt. „Entweder gelingt uns irgendwann die Flucht, oder wir verrecken.“

Weder Buster Tom noch Jimmy gaben darauf eine Antwort. Die Hitze lähmte ihnen die Hirne, so dass ihnen Matts Worte gar nicht ins Bewusstsein drangen.

Dann knirschten Stiefel vor ihnen auf den Steinen. Buster Tom sah auf. Es war Dunham.

„Wir haben Durst!“, keuchte Buster Tom.

Dunham zuckte die Schultern. „Ihr habt uns zuviel Kummer bereitet. Durst macht gefügig. Ein bisschen Durst erspart es uns, euch wie Goldbarren hüten zu müssen.“

„Hören Sie, Mr. Dunham!“, sagte Buster Tom krächzend. „Sie bekommen für uns drei ein paar hundert Dollar. Ich biete Ihnen das Dreifache, wenn Sie uns freilassen. Sie sind doch Geschäftsmann.“

„Eben!“, erklärte Dunham trocken. „Ich lebe vom Verkauf. Nicht vom Erpressen oder vom Eintreiben eines Kopfgeldes. Außerdem bin ich hier nur der Buchhalter. Don Pedro ist der Geschäftsmann.“

„Ich biete Ihnen dreitausend Dollar!“, keuchte Buster Tom verzweifelt.

„Jaja!“, lächelte Dunham. „Dreitausend Dollar, die Sie dann durch einen Marshal und eine große Posse wieder beizutreiben hoffen. Schenken Sie sich das. Reden Sie jetzt nicht mehr. Sparen Sie Ihren Atem. Wir haben noch einen verdammt weiten Weg vor uns.“ „Dunham! Sie sind Amerikaner wie wir!“, krächzte Buster Tom.

Dunham spie aus. „Das glaubst du! Ich gehöre zu denen hier, und ich fühle wie sie. Jede Nacht bete ich darum, dass ich mich vom nächsten Morgen ab auch in der Hautfarbe nicht mehr von ihnen unterscheide.“ Er wandte sich ab. „Aufbruch!“, befahl er laut. „Wir ziehen weiter!“

„Dieser Hundesohn ist aus Stein!“, keuchte Jimmy angestrengt. „Er fühlt wie sie! Die Kehle werde ich ihm durchschneiden für diese Schinderei.“

„Hoch, Gringos! AufstehenI Weiterl“, brüllte einer der Mexikaner.

Die drei erhoben sich, standen wankend beisammen und schauten sich um. Die Kolonne formierte sich bereits. Josephe war da, nahm die Stricke auf, stieg in den Sattel und ritt an.

Jimmy waren die Beine schwer wie Blei. Matt torkelte erschöpft vorwärts, den Blick zu Boden gerichtet. Buster Tom umspannte den Strick vor dem Hals mit beiden Fäusten und ließ sich ziehen. Er hatte schon oft in seinem Leben schwere Träume gehabt. Doch solche Qualen waren ihm selbst im Traum erspart geblieben.

*

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ZUERST VERLIEßEN JIMMY die Kräfte. Er stürzte plötzlich und konnte sich nicht mehr erheben. Buster Tom kniete nieder, umfasste auch Jimmys Strick und riss daran, um Josephe zum Halten zu zwingen.

„Anhalten!“, brüllte er krächzend. „Stopp! Halt! Ihr Bastarde, haltet an.“ Matt stemmte sich mit letzter Kraft ein. Das Pferd gehorchte Josephe nicht mehr, hielt und drehte sich zur Seite. Die Kolonne geriet ins Stocken. Dunham kam zurückgaloppiert.

Buster Tom sah verzweifelt zu Dunham auf. „Es ist unmenschlich!“, rief er japsend. „Der Junge kann nicht mehr. Ihr habt ihn kaputtgeschlagen, nichts zu trinken gegeben und ihn pausenlos vorwärts getrieben.“

Dunham winkte zurück. „Ein Pferd!“ Da fiel auch Matt zu Boden.

Dunham grinste grausam. „Na, nun falle auch um, Alter!“

Buster Tom starrte ihm in die Augen. „So schnell nicht, Dunham!“, bellte er wütend. „Bevor ich kippe, reitet ein Hundesohn wie du ein Dutzend Pferde müde.“

Dunham reckte sich im Sattel. „Noch einen Gaul! Nur der Alte geht zu Fuß weiter. Er hat es sich nun einmal in den Kopf gesetzt.“

Dunham schwenkte sofort ab und ritt wieder nach vorn. Die Mexikaner kamen mit den Pferden von Jimmy und Matt, brachten die beiden mit Fußtritten hoch und halfen ihnen in die Sättel. Dann setzte die Kolonne den Weg fort.

Für Buster Tom wurde es die Hölle. Doch er hielt sich auf den Beinen, bis die Kolonne gegen Abend eine breite Schlucht erreichte, in der sie längst erwartet wurde.

Mehrere Feuer brannten. Der Rauch zog sich träge am Boden dahin. Buster Tom erkannte Zelte und Höhlen in den Felswänden, die als Unterkünfte dienten. Er entdeckte Don Pedro in einer Schar bewaffneter Banditen und sah, dass die Banditen in dieser Schlucht bereits fünfzig andere Männer gefangenhielten. Siedler, Farmer und Rinderleute. Einer wie der andere machten die Gefangenen einen heruntergekommenen und ausgehungerten Eindruck auf ihn. Die Banditen trieben ein Rind in den Pulk der Gefangenen hinein. Augenblicke später lag es schon tot am Boden, und unter den Gefangenen entbrannte ein wildes Durcheinander. Jammern und Fluchen erklang.

Buster Tom, Jimmy und Matt erstarrten in jähem Entsetzen.

Die Banditen sahen dem gierigen Geraufe ihrer Gefangenen eine Weile belustigt zu. Dann trieben sie die Leute mit Peitschen auseinander. Buster Tom würgte es im Hals, als er das sah. Angst erfasste ihn. Er sah Jimmy und Matt an. Die beiden erwiderten seinen Blick. Doch keiner verlor ein Wort. Sie hatten erkannt, was sie erwartete und auf sie zukam. In ihren Augen stand blankes Entsetzen.

Dunham kam zu ihnen. „Na los!“, sagte er und grinste. „Beteiligt euch an der Fütterung. So schnell wird es nicht wieder etwas geben.“

Die drei starrten ihn an, wütend und verzweifelt zugleich. Jeder hätte ihn auf der Stelle eigenhändig umgebracht, hätte er nur die Gelegenheit dazu gehabt.

„Zwanzig Rinder habt ihr mitgebracht!“, krächzte Buster Tom. „Warum treibt ihr nicht noch ein Rind hinüber und gebt den Leuten Gelegenheit, Feuer zu machen?“

„Soviel Zeit haben wir nicht!“, versetzte Dunham gelassen. „Los, beteiligt auch an dem Mahl. Wir brechen in einer Stunde auf, und vor morgen Abend gibt es nichts mehr zu essen.“

Er entfernte sich. Zwei Mexikaner stießen die drei zu den anderen Gefangenen.

„Cliff, als Marshal von Tucson, wird längst mit einer Posse auf dem Weg sein!“, keuchte Jimmy. „Längst! Und diese Hundesöhne haben auf dem ganzen Ritt nicht ein einziges Mal ihre Spuren verwischt.“

„Das wird uns nicht viel nützen!“, erwiderte Matt prompt. „Cliff, wenn er kommt, wird höchstens mit einem Dutzend Männer auftauchen. Um uns zu befreien, müsste er sich mit einem halben Hundert Banditen anlegen. Rechne selbst nach, wie das am Ende ausgehen wird!“

„Mein Bruder Cliff wird schon wissen, wie er vorzugehen hat“, erwiderte Jimmy.

„Wir sollten uns jetzt auf nichts anderes verlassen als auf uns selbst“, meinte Buster Tom.

„Mir reicht das noch vom letzten Mal!“, brummte Matt. „Und wenn ich mich hier so umsehe, wüsste ich nicht, wie wir uns auf uns selbst verlassen sollten. Ich verlasse mich allerhöchstens darauf, dass diese Brut von Halsabschneidern stark genug ist, um jeden Ausbruchsversuch zu verhindern. Mein Gott, wir sind nur zu dritt. Aber da sind fünfzig Klapperschlangen, die uns bewachen.“

„Du übersiehst die anderen Gefangenen!“, versetzte Buster Tom grollend.

Matt nickte. „Fünfzig Gefangene und fünfzig Bewacher. Doch deine Rechnung geht nicht auf, Tom! Die Bewacher verfügen über Revolver und Gewehre. Wir haben nichts als unsere Fäuste.“

Buster Tom schnaufte. „Wartet nur ab!“, versetzte er mit sonorer Stimme.

Seine Hoffnungen erfüllten sich jedoch nicht. Die anderen Gefangenen waren durch Plunger, Durst und Quälereien der Banditen dermaßen zermürbt worden, dass auch nicht einer mehr für einen Aufstand zu gebrauchen war. Entkräftet und vollkommen demoralisiert, dachte von ihnen jeder nur für sich und an seinen Magen.

In dieser Nacht schliefen Buster Tom, Jimmy und Matt mit einem Dutzend anderer Gefangener in einer der Höhlen, vor der drei bis an die Zähne bewaffnete Mexikaner Wache hielten. Buster Tom, Jimmy und Matt rückten eng zusammen, um von den anderen nicht gehört zu werden.

„Wir müssen bald ausbrechen!“, drängte Jimmy. „Noch zwei, drei Tage, und wir sind so erledigt wie die anderen.“

„Ich habe mit einem gesprochen, der schon seit vier Wochen hier haust“, sagte Matt. „Die Halunken haben ihn nördlich von Camp Lowell auf seiner Farm überfallen.“

„Ich habe mit zwei Männern gesprochen, die hier schon ein Vierteljahr sitzen“, brummte Buster Tom. „Danach sehen sie aber auch aus. Sie sind nur noch Haut und Knochen. Sie waren vorhin bei denen, die sich über die Gedärme des Rindes hergemacht haben."

„Noch ein paar Tage, dann sind wir auch so weit!“, raunte Jimmy mit Schärfe in der Stimme.

„Aus diesem Camp gibt es kein Entrinnen“, sagte Buster Tom resignierend. „Da kann einer hinstolpern, wo er will, überall, an allen Ecken und Enden sitzt so ein verdammter Sombrero mit einer Flinte.“

„Vielleicht geht es morgen los“, flüsterte Jimmy. „Auf dem Marsch werden wir schon eine Chance haben.“

„Ja!“, raunte Buster Tom. „Die Zeit brennt uns unter den Nägeln, zum Teufel.“

*

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AM ANDEREN MORGEN WURDEN die Gefangenen bei Sonnenaufgang aus den Höhlen und Zelten getrieben. Drei Minuten später befanden sie sich bereits auf dem Marsch nach Ensenada. Schneller, als sie es begreifen konnten, befanden sie sich auf dem Weg. Die Banditen schlugen aus den Sätteln heraus mit Peitschen und Stöcken auf die Gefangenen ein, die wie von Teufeln getrieben in die Richtung davonrannten, die ihnen offen geblieben war. Schreiend und im dichten Pulk rannten und hasteten die Gefangenen westwärts. Dabei stießen sie sich in Panik gegenseitig über den Haufen. Die zu Fall gekommenen Männer wurden mit Schlägen von den Banditen hochgescheucht und in den fliehenden Pulk wieder hineingepeitscht. Erst nach drei Meilen, als die Gefangenen vor Erschöpfung Gefluche und Schläge ihrer Peiniger über sich ergehen ließen, formierte sich der Haufen zu einer Kolonne.

Buster Tom, Matt und Jimmy hatten sich zunächst aus den Augen verloren. Erst nachdem sich die Gefangenen, restlos ausgepumpt, zu Viererreihen formiert hatten, konnten sie sich suchen. Buster Tom stahl sich förmlich nach vorn in die dritte Reihe, wo Jimmy lief. Bald darauf konnte sich auch Matt zu ihnen vordrängen.

Zunächst verlor keiner ein Wort. Sie sahen sich nur an, und die Entschlossenheit, dieser Tortur mit allen Mitteln zu entkommen, brannte in ihren Augen. Zum Reden waren sie nach dieser Hetzjagd, zu der sich der Aufbruch entwickelt hatte, nicht mehr fähig. Dieser Zustand änderte sich nicht. Die Banditen trieben die Gefangenen pausenlos durch das Randgebiet der Steinwüste. Auch während der schlimmsten Tageshitze gab es keine Rast. Als die Sonne sank, waren Buster Tom und Matt, die beide ältere Männer waren, dem Zusammenbruch nahe. Aber da schwenkten die Banditen ein, jagten die Gefangenen auf einen Hügel zu, vor dem sich ein Wasserloch befand.

Als die Gefangenen das Wasser erblickten, begannen sie zu schreien und zu rennen. Sie stießen und drängten vorwärts, ohne Rücksicht auf den anderen zu nehmen. Männer stürzten zu Boden, wurden fast zertrampelt und von den Bewachern mit Peitschenschlägen wieder auf die Füße getrieben. Die Banditen, Weiße wie Mexikaner, hatten ihren Spaß daran.

Auch die Coppers und Matt kämpften um einen Platz am Wasserloch. Als sie sich satt getrunken hatten, trieben die Banditen ein Rind zu den Gefangenen.

Jimmy, Matt und Buster Tom verspürten einen wilden und wütenden Hunger in den Eingeweiden, der sie fast zerriss. Doch sie blieben stehen und sahen sich an, weil sie nicht wussten, wie sie das Rind hätten schlachten sollen. Doch andere Gefangene stürzten an ihnen vorbei und auf das Rind zu. Wenige Sekunden später war das Tier unter Menschenleibern und in einer Wolke von Staub verschwunden.

Buster Tom fuhr sich über den Mund. Seine Augen brannten vor Zorn. „Nein! Das ist entsetzlich! Das ist unmenschlich!“ Er sah sich um. „Dunham, Bastard!“, brüllte er.

Jimmy zupfte ihn am Arm. „Vater!“, keuchte er angestrengt. „Mach diesen Teufel jetzt nicht mehr auf uns aufmerksam!“

Die Gefangenen rannten an ihnen vorbei zu dem Rind hin. Am Wasserloch befand sich niemand mehr. Nur die Banditen waren dort und ließen ihre Pferde saufen. Sie selbst hatten während des ganzen Tages ihren Durst aus den Wasserschläuchen und Flaschen gelöscht, die sie mitführten. Auch Dunham befand sich dort. Er war abgesessen, sah die Coppers und Matt und kam langsam durch den Sand gestapft.

„Ich sagte, fügt euch!“, brummte er. „Seht zu, dass ihr von dem Rind etwas abbekommt. Wir werden vierzig Tage lang unterwegs sein. Und jeden zweiten Tag wird es immer nur ein Rind geben. Am Abend! Wenn ihr euch nicht dranhaltet, geht ihr vor die Hunde.“

Buster Tom spie ihm vor die Füße, wandte sich ab, legte Jimmy und Matt die Hände auf die Schultern und führte sie zu den Gefangenen hinüber, die das Rind förmlich zerrissen hatten, brüllten, sich um die besten Stücke rauften und kauten.

Die drei hielten vor dem Wirrwar der durcheinander rennenden, drängenden und stoßenden Männer ein.

„Wenn ich das sehe, muss ich gleich kotzen!“, keuchte Matt.

„Heute!“, brummte Buster Tom. „Das nächste Mal bestimmt nicht mehr.“

„Ich weiß!“, krächzte Matt. „Da hängen wir in diesem Knäuel mit drin und raufen und schlagen uns um einen Bissen.“

„Es ist der zweite Tag, an dem wir nichts gegessen haben!“, seufzte Jimmy.

„Das Fleisch ist dreckig, voll Sand und Staub und voll von Stiefeltritten“, erwiderte Buster Tom. „Außerdem ist es roh. Begnügen wir uns mit dem Wasser, das wir im Magen haben.“

„Und morgen?“, krächzte Jimmy und starrte seinen Vater wild an. „Wir haben fast zwanzig Meilen zurückgelegt. Zu Fuß in der Wüste. Ich spüre meine Beine nicht mehr. Ich habe nur Schmerzen. Und was wird morgen sein? Das halte ich nicht durch.“

Buster Tom ließ den Kopf sinken. „Dann geh und hol dir etwas, Junge!“

Jimmy setzte sich langsam in Bewegung. Später stand er abseits und übergab sich.

Buster Tom und Matt gingen zu ihm hin. „Soweit unten sind wir eben heute noch nicht“, sagte Matt. „Aber beim nächsten Mal, da werden wir das vertragen.“

„Wenn wir noch am Leben sind!“, stöhnte Jimmy verzweifelt.

„Die Banditen haben das Wasserloch wieder freigegeben“, sagte Buster Tom mitfühlend. „Geh und trink einen Schluck, Junge!“

Jimmy schaute zurück und blickte über die ausnahmslos am Boden liegenden Gefangenen hinweg zum Wasserloch. Die Männer lagen auf der Erde, weil sie satt waren nach diesem wilden Mahl, aber auch, weil sie sich in einem Zustand restloser Erschöpfung befanden.

Jimmy lief zum Wasserloch. Matt und Buster Tom folgten ihm. Die Wachen hatten um das Wasserloch und die Gefangenen einen weiten Kreis gebildet. Pferde und Rinder und die anderen Halunken befanden sich außerhalb des Kreises am Fuß des Hügels. Die wachfreien Banditen hatten sich um ein Feuer versammelt, in desen Schein Don Pedro und Dunham zu erkennen waren.

Buster Tom starrte schweigend hinüber, während Jimmy und Matt tranken.

„Mit einer Kugel ist nicht viel zu machen“, sagte er, als sie sich aufrichteten und zu ihm kamen. „Man müsste schon eine ordentliche Sprengladung haben.“

„Wir haben nicht einmal die Kugel, Tom!“, krächzte Matt.

„Ich bin müde“, ließ sich Jimmy vernehmen. „Ich bin so hundemüde. Mein Gott! Rennen wir weg. Morgen Abend habe ich bestimmt nicht mehr die Kraft dazu. Versuchen wir es wenigstens.“

Buster Tom legte ihm die Hand auf die Schulter und zog ihn zu sich heran, wie er es immer getan hatte, als Jimmy noch ein ganz kleiner Junge war.

„Wir werden frei sein“, krächzte er. „Wir drei werden eines Tages wieder frei sein, wenn es nicht heute ist oder morgen, wird es an einem anderen Tag sein. Verlasst euch darauf!“

„Wo Cliff nur bleibt?“, murrte Matt und sah Buster Tom herausfordernd an. „Dein Ältester ist Marshal von Tucson! Wo bleibt er?“

„Das frage ich mich selbst“, keuchte Buster Tom. „Aber wir werden zum Schluss bestimmt einsehen, dass wir ihm keinen Vorwurf machen können. Er ist bestimmt auf dem Weg.“

„In Ensenada ist Schluss!“, knurrte Matt. „Und wenn ich einmal dort bin, verzeihe ich keinem mehr.“

„Matt, du bist ein verdammter Idiot“, sagte Buster Tom grollend. „Erstens werden wir Ensenada nie zu Gesicht bekommen - höchstens freiwillig und mit unserer Zustimmung. Aber sollte uns, zweitens, Don Pedro wirklich dorthin bringen, so werden wir uns das selbst zuzuschreiben haben. Machen wir also nicht jetzt schon Cliff für alles verantwortlich.“

„He, legt euch hin, ihr drei da!“, brüllte einer der Wächter auf spanisch. Gleich darauf krachte ein Schuss, und Buster Tom stand ohne Hut da.

Sie gingen augenblicklich alle drei zu Boden. Buster Tom holte seinen Hut heran. Dann lagen sie auf dem Rücken und starrten schweigend zu den Sternen empor. Jimmy schlief sofort ein. Bald atmete auch Matt tief und fest.

Buster Tom richtete sich auf die Seite und stützte sich auf den Ellenbogen. Er blickte zu den Banditen hinüber, doch mit seinen Gedanken war er auf der Circle C Ranch, und er fragte sich, welche Sorgen sie sich dort wohl machen würden. Was er drüben an den Feuern sah, nahm er kaum wahr, so sehr beschäftigte er sich damit. Er versuchte sich dann auch vorzustellen, was Cliff unternommen hatte und wo er sich mit seiner Posse gerade befinden mochte.

*

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ES WAR DANN SCHON ÜBER Mitternacht. Die Feuer glimmten nur noch. Plötzlich sah er einen gleitenden Schatten von dort kommen. Der Mann bewegte sich im Schatten des Berghanges auf allen vieren, so dass ihn die beiden Wachen da oben nicht erkennen konnten. Buster Tom streckte sich vorsichtig aus und beobachtete ihn gespannt. Bald darauf sah er, dass es Dunham war.

Dunham blieb dann ausgestreckt liegen, so dass Buster Tom ihn nicht mehr sehen konnte. Einen Augenblick später erkannte er zwei Männer, die aus dem Kreis der schlafenden Gefangenen zu ihm geschlichen waren. Die drei unterhielten sich kurz. Danach krochen die beiden anderen den Hang hinauf. Buster Tom hielt den Atem an, denn die Wachen dort oben waren auf einmal nicht mehr zu sehen. Erst als Buster Tom von den beiden Gefangenen und Dunham nichts mehr sah und hörte, tauchten die Posten wieder auf.

Die beiden waren geflohen! Mit Dunhams Hilfe, und Dunham musste die Posten auf dem Hügel eingeweiht oder bestochen haben.

Nach fünf Minuten krachte plötzlich am anderen Ende des Lagers ein Alarmschuss. Ringsum sprangen die Wachen auf. Auch bei den Feuern wurde es lebendig. Viele der Gefangenen erwachten von dem einsetzenden Lärm.

Dann vernahm Buster Tom in spanischer Sprache, dass zwei der Gefangenen nach Norden hinauf geflohen seien. Schüsse krachten dort im Norden. Sekunden später jagte schon ein Reitertrupp los. Die Feuer wurden aufgerissen. Funken und Holzrauch stiegen empor, bis die Glut wieder hell loderte. Und in diesem gelblichen und brandroten Feuerschein sah Buster Tom einen weiteren Trupp Banditen die Pferde besteigen. Dunhams Stimme hallte herüber. Kurz darauf sah ihn Buster Tom an der Spitze des zweiten Trupps nach Norden in die Nacht hinein davonjagen.

Nun wurden auch Matt und Jimmy wach. Sie sahen sich verwundert um. Die Wachen rückten ringsum an die Gefangenen heran und schrien, dass sie aufstehen und zum Zählen antreten sollten. Flüche und Peitschenklatschen war zu hören.

„Was ist denn los?“, krächzte Jimmy. „Was soll das denn? Wollen die Halunken uns jetzt vielleicht erschießen?“

„Dunham hat zwei Männern zur Flucht verholfen!“, raunte Buster Tom. „Er hat sie nach Süden entkommen lassen. Nun führt er die Jagd auf sie selbst an. Nach Norden!“

Jimmy und Matt starrten den Boss der Circle C Ranch verblüfft an und suchten angestrengt seinen Blick.

Einen Augenblick später wurden sie von einem Mexikaner zu den anderen getrieben.

Es dauerte eine Stunde, bis sich die Gefangenen wieder hinlegen durften. Buster Tom, Jimmy und Matt blieben diesmal alle drei wach. Kurz vor Tagesanbruch kehrte Dunham mit den Banditen zurück - ohne die Entflohenen.

„Er hat sie für Geld laufen lassen!“, raunte Matt.

„Wir besitzen nicht einen Cent mehr“, meinte Jimmy wütend.

„Sobald ich Gelegenheit habe, werde ich noch einmal mit ihm sprechen“, erklärte Buster Tom schnaufend.

Die Gelegenheit dazu bekam er bereits gegen Mittag, als die Banditen die Gefangenen zu einer kurzen Rast in den Schatten einer Felswand trieben. Die Gefangenen hatten sich soeben niedergehockt, als Dunham die Kolonne entlang geschritten kam.

Buster Tom erhob sich. „Einen Augenblick, Mr. Dunham!“, rief er auf spanisch, denn die mexikanischen Wächter wollten sich sofort auf ihn stürzen.

„Was gibt es?“, fragte Dunham ebenfalls auf spanisch und gab den Wachen einen Wink, dass sie Buster Tom zu ihm kommen lassen sollten.

Buster Tom ging auf ihn zu und blickte ihm in die Augen. Dabei lächelte er ein wenig. „Dunham, nennen Sie Ihren Preis!“, sagte er auf englisch und sprach so leise, dass ihn auch keiner der Gefangenen verstehen konnte. „Was kostet es, dass Sie auch uns drei nach Süden hin entkommen lassen und die Häscher nach Norden in die Irre führen?“

Dunhams Augen wurden schmal.

„Ich biete Ihnen pro Kopf tausend Dollar!“, raunte Buster Tom.

„Scheren Sie sich zum Teufel!“, zischte Dunham. Dann ging er rasch weiter.

Die Wachen trieben Buster Tom sofort zurück und warfen ihn vor der Felswand zu Boden, dass die Gefangenen ringsum erschrocken aufsprangen. Die Unruhe währte nur kurz. Während die Wachen an ihre Plätze zurückgingen, sich Jimmy und Matt um den Rancher bemühten, hockten sich die Gefangenen wieder nieder.

„Bist du verletzt?“, fragte Jimmy besorgt, als Buster Tom saß und sich erschöpft, das Gesicht schmerzverzogen, gegen die Felswand lehnte.

Buster Tom schüttelte den Kopf und schloss einen Moment die Augen.

„Diese Bastarde!“, schimpfte Matt grollend.

„Was hat Dunham gesagt?“, wollte Jimmy wissen. Er und Matt sahen Buster Tom gespannt an.

Buster Tom schüttelte abermals den Kopf. „Da wird wohl nichts zu machen sein. Vielleicht bringt er uns jetzt um, damit wir ihn nicht verraten.“

Wieder kam Bewegung in die Gefangenen. Zwei Mexikaner, die nicht zur Wache gehörten, kamen auf die drei zu und begannen sofort, Buster Tom und Matt mit Tritten und Schlägen hochzutreiben.

„Auf, ihr Hundesöhne!“, brüllten sie. „Vorwärts, kommt mit! Rennt, ihr Schakale!“

Sie trieben Buster Tom und Matt durch die Postenkette, jagten sie über den Platz zu den Pferden und befahlen ihnen dort, die Tiere zu füttern und zu tränken. Die leeren Futterbeutel lagen auf einem Haufen. Ein Sack mit Mais lag daneben. Auch ein Ledereimer war vorhanden und drei große Ziegenledersäcke voll Waser.

„Haltet euch dazu, wenn ihr nicht mit der Peitsche Bekanntschaft machen wollt“, rief einer der Mexikaner.

Buster Tom und Matt begannen hastig die Futterbeutel mit Maiskörnern zu füllen und sie den Tieren umzuhängen. Dabei stopften sie sich verstohlen eine Handvoll Körner in den Mund, hungrig wie sie waren.

Als Buster Tom einem Rappwallach den Futterbeutel umband, stand auf einmal Dunham da.

„Wir werden heute Abend in einem Felslabyrinth lagern“, raunte er, wobei er sich schnell umsah. „Einer meiner Freunde wird euch gegen Mitternacht ein Zeichen geben. Folgt ihm dann. Mehr braucht ihr nicht zu tun. Aber es muss rasch gehen und vor allem lautlos. Haltet euch abseits von den anderen.“

Buster Tom schluckte und starrte ihn sprachlos an.

Dunham lächelte kurz und machte kehrt.

„Dunham!“, keuchte Buster Tom.

Dunham hielt ein und drehte den Kopf.

„Und der Preis?“, krächzte Buster Tom.

Dunham spie aus. „Ich bin auch nicht freiwillig hier, wenn du das meinen solltest. Aber ich habe Möglichkeiten und tue, was ich kann.“

Buster Tom ließ die Kinnlade sinken. Dunham lief schnell weg.

„Los, du Bastard, da drüben!“, brüllte ein Mexikaner. „Beweg dich, zum Teufel, oder du machst gleich mit ihm Bekanntschaft!“

Buster Tom verknotete den Futterbeutel und rannte rasch zurück, um die nächsten Beutel zu holen, die Matt mit Körnern füllte.

Matt hatte alles beobachtet. „Was hat Dunham gesägt?“, wollte er wissen, die Augen voller Hoffnung.

Buster Tom grinste wie ein durchtriebener Teufel. „Heute Nacht, Matt, werden wir frei sein.“

„Bewegt euch, ihr Mistkerle!“, brüllte der Mexikaner.

„Lass diesen Affen schreien!“, sagte Buster Tom glucksend, während er nach den nächsten Futterbeuteln griff. „Morgen werden wir sein Gebrüll nicht mehr hören. Höchstens aus weiter Ferne.“

Doch drei Sekunden später musste er springen und rennen, um von dem Mexikaner nicht getreten und geschlagen zu werden, die Futterbeutel in den Fäusten. Er hätte sie dem Burschen am liebsten um die Ohren geschlagen, aber er dachte daran, dass die Tortur noch in dieser Nacht für sie zu Ende sein würde.

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ALS DER ABEND KAM, trieben die Banditen ihre Gefangenen in ein Felslabyrinth hinein. Kurz darauf hielten sie schon inmitten der dreihundert Fuß hohen Felsgruppe zum Lagern an. Die Gefangenen wurden zusammengetrieben, der Ring der Wächter öffnete sich, einer der Banditen jagte ein Rind der Circle C Ranch mit Peitschenschlägen in den Kreis, und unter den Gefangenen entstand ein mächtiger Tumult, dem die Banditen belustigt zusahen.

Buster Tom, Matt und Jimmy fielen vor Hunger fast die Augen aus den Höhlen. Doch sie beherrschten sich. Die Aussicht auf Befreiung hatte ihnen allen Mut und fast alle Kräfte wiedergegeben. Sie hockten sich abseits zu Boden und fieberten jener Stunde entgegen, die ihnen die Freiheit bringen würde.

An diesem Abend starben drei Gefangene an Entkräftung. Zwei andere wurden bei einem stümperhaften Ausbruchsversuch zusammengeschossen. Deshalb trat die Ruhe verhältnismäßig spät ein. Die Ungeduld hielt Buster Tom, Jimmy und Matt jedoch recht mühelos wach.

Dann, als die Stunde endlich herangerückt war, ging alles sehr rasch vor sich.

Ziemlich überraschend und unvermittelt tauchte Dunhams Vertrauter auf, obwohl die drei auf nichts anderes gewartet hatten.

Er kam auf dem Bauch zu ihnen herangekrochen. „Du leise, Gringo!“, raunte er und drückte Buster Tom die Hand auf die Schulter, um ihn am Boden zu halten. „Du gehen mit mir, ich euch bringe zu Pferden. Reitet nach Osten, bis ihr auf Amigo Lazero treffen. Er wird euch bringen in die Sicherheit.“

Er hatte englisch gesprochen, recht und schlecht. Aber die drei hätten ihn auch verstanden, wenn er sich noch um Grade schlechter ausgedrückt hätte.

„Ich danke dir, Bruder!“, raunte Buster Tom.

„Kommen!“, flüsterte der Mexikaner, machte kehrt und kroch davon. Die drei schlossen sich unverzüglich an.

Der Mexikaner kroch genau auf eine Stelle zu, an der eben noch zwei Posten zu sehen gewesen waren. Die drei sahen sich gespannt um und versuchten angestrengt, das Dunkel ringsum mit ihren Blicken zu durchdringen. Die Nacht war schwarz. Die Silhouetten der Felsen hoben sich kaum gegen den Himmel ab.

Der Mexikaner kroch rasch und gewandt vor ihnen her, so dass sie kaum Anschluss zu halten vermochten. Es zeigte sich nun doch, wie ermattet und ausgelaugt sie schon waren.

Buster Tom zuckte erschrocken zusammen, als er plötzlich hinter einer Felsleiste einen der Wächter entdeckte. Keine drei Schritt entfernt! Doch in der Dunkelheit sah er den Mann grinsen. Da kroch er schnell weiter.

Der Mexikaner vor ihnen erhob sich dann. „Stehen auf und laufen schnell!“, raunte er. „Leise, wie Katze!“

Buster Tom, Matt und Jimmy folgten ihm schwitzend und keuchend, darauf bedacht, keinen Laut zu verursachen. Drei Minuten später stießen sie unvermittelt auf Pferde. Die Tiere standen im Nachtschatten des letzten Felsens. Sie entdeckten sie erst, als der Mexikaner stehenblieb.

Buster Tom bekam kaum noch Luft. Er zitterte vor durchstandener Anstrengung am ganzen Körper, so dass er sich an der Felswand stützen musste. Jimmy und Matt erging es nicht anders. Die letzten Tage steckten ihnen dermaßen in den Knochen, dass sie glaubten, nun am Ende ihrer Kräfte zu sein.

Doch der Mexikaner drängte zur Eile. „Rauf auf Pferde, Gringos! Amigo Lazero warten drei Meilen von hier genau in Süden.“

Die drei wankten zu den Pferden, banden sie los und stiegen auf. Als sie in den Sätteln saßen und sich nach dem Mexikaner umblickten, war der wie vom Erdboden verschwunden.

In diesem Augenblick fielen in Richtung des Camps Schüsse.

„Vorwärts!“, krächzte Buster Tom und brachte sein Pferd unverzüglich in Gang.

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SIE RITTEN SCHWEIGEND los. Zunächst im Schritt, da sie befürchteten, zu laut zu sein. Aber die Furcht, von den Banditen doch entdeckt und eingeholt zu werden, saß ihnen zu sehr im Nacken, so dass sie bald galoppierten, ohne Rücksicht auf die Dunkelheit zu nehmen.

Lazero war ein Mexikaner, der ziemlich gut Englisch sprach. Er war ein kleiner, listiger Bursche. Sie hatten schon die Hoffnung aufgegeben, ihn jemals noch zu treffen, weil sie glaubten, von der Richtung abgekommen zu sein, als er plötzlich vor ihnen stand.

Der Tag begann schon zu grauen, so dass sie ihn deutlich erkennen konnten. Er hockte auf einem schwarzen Pferd, das nach mexikanischer Art gezäumt und gesattelt war, und lächelte freundlich.

„Amigos!“, sagte er nur.

Die drei hielten vor ihm an. „Lazero?“, fragte Buster Tom.

„Ja, der bin ich!“, antwortete der Mexikaner in ihrer Sprache. „Es freut mich, dass ihr Don Pedro entkommen seid.“

„Danke!“, erwiderte Jimmy. „Trotzdem sage ich dir, dass darüber keiner froher ist als wir selbst.“

Lazero nickte. „Das kann ich verstehen. Wollt ihr ausruhen? Hier seid ihr jetzt in Sicherheit. Ich habe zu essen und zu trinken für euch.“

Die drei stiegen sofort aus den Sätteln. Auch Lazero saß ab. Sie führten die Pferde in eine windgeschützte Mulde, wo Lazero ein Packpferd stehen hatte. Buster Tom war noch damit beschäftigt, seinem Pferd den Bauchgurt zu lockern, als sich Jimmy und Matt schon über Wasser und Proviant hermachten. Sie tranken in langen und gierigen Schlucken. Die Wasserflasche wechselte rasch von einem zum anderen. Mehrmals hintereinander.

Buster Tom stampfte dann hinüber. Matt hielt ihm die Wasserflasche sofort hin. Buster Tom holte tief Luft. „Das werde ich Dunham nie vergessen!“, krächzte er. „Schade, dass ich ihm nicht selbst danken kann.“

Dann trank er. Er ließ sich das Wasser in den Mund laufen, bespritzte sich das Gesicht und empfand es als angenehm, dass ihm das Wasser den Hals hinab in das Hemd hineinlief.

Lazero grinste, als Buster Tom die Flasche an Matt zurückgab. Ihr werdet noch Zeit haben, euch bei Dunham zu bedanken“, sagte er. „Esst, trinkt und ruht euch aus.“

„Kommt er hierher?“, fragte Buster Tom verwundert.

Lazero schüttelte den Kopf. „Wir reiten zu ihm. Es ist nicht weit. Keine Sorge. Ihr benötigt doch Waffen, Munition und Wasser, bevor ihr nach Hause aufbrecht. Außerdem seid ihr mächtig vom Fleisch gekommen, Brüder. Ihr würdet die Strapazen gar nicht aushalten.“

Buster Tom nickte. „Ich freue mich, dass wir Dunham wiedersehen. Verdammt noch einmal! Er ist seit langem der erste Mensch, den ich vollkommen falsch eingeschätzt habe. Wer ist er eigentlich? Woher kommt er? Ich habe ihn für einen Freund und Vertrauten von Don Pedro gehalten.“

„Vertrauter stimmt!“, versetzte Lazero. „Freund stimmt nicht. Aber nun esst!“

Buster Tom, Jimmy und Matt machten sich über nichts anderes Gedanken. Sie aßen und tranken, bis sie satt waren und nicht mehr konnten. Lazero sah ihnen dabei zu und versorgte die Pferde. Nach einer Stunde brachen sie dann auf.

Bislang, im Gefolge der Banditen, waren sie ausnahmslos durch Randgebiete der Gila-Wüste gezogen. Lazero führte sie nun direkt in die Wüste hinein. Einen ganzen Tag lang.

Es war ein steiniges, wildzerklüftetes Gebiet, das hier und dort von tückischen Sandfeldern durchzogen wurde. Es gab kein Wasser und keinerlei Vegetation, abgesehen von den Kakteen, die meist nur vereinzelt wuchsen, stellenweise jedoch in riesigen Feldern vorhanden waren und die Reiter zu Umwegen zwangen.

Der Himmel war stahlblau und wolkenlos, und die Sonne schien und brannte vom Himmel herab, dass die Männer bald keinen trockenen Faden mehr am Körper hatten. Nassgeschwitzt, verstaubt und ermattet hockten sie in den Sätteln und folgten Lazero, dem das alles nichts anzugehen schien. Hin und wieder blickte er zurück und grinste, um die drei aufzumuntern. Dabei war auf seinem Gesicht unter dem großen Hut nicht ein Tropfen Schweiß zu erkennen.

Gegen Abend kamen sie dann endlich ans Ziel. Sie durchritten einen kleinen Canyon, bogen dahinter in ein Klippenfeld ein und stießen dort auf ein Camp. Buster Tom erkannte in der hereinbrechenden Dämmerung Pferde und zwei Wagen, vor denen mehrere Männer hockten.

Sie hielten und ließen sich hüftsteif aus den Sätteln gleiten. Drüben erhoben sich die Männer und kamen zu ihnen. Allen voran Dunham, wie Buster Tom verblüfft feststellte.

Er ging sofort zu ihm und gab ihm die Hand.

„Zum Teufel, Dunham! Was ich auch alles gesagt habe!“, polterte er mit Stentorstimme. „Das ist vergessen. Ich hatte schließlich keine Ahnung. Aber mein Sohn, mein Vormann und ich, wir werden nie im Leben vergessen, was Sie für uns getan haben.“

„Es ist nicht der Rede wert, Mr. Copper!“ lächelte Dunham. „Schließlich konnte ich nicht alle Gefangenen befreien. Genug arme Teufel sind dazu verdammt, mit Don Pedro zu ziehen.“

Auch Jimmy und Matt gaben Dunham die Hand und bedankten sich. Buster Tom erkannte hinter Dunham die beiden Männer, denen er die Nacht zuvor zur Flucht verholfen hatte. Neben den beiden standen fünf Mexikaner, die breit und freundlich grinsten.

„Es ist alles nicht der Rede wert!“, wiederholte Dunham, als er und Buster Tom Seite an Seite zu den Wagen liefen. „Wie gesagt, leider konnte und kann ich nicht alle Gefangenen befreien.“

„Wir danken Ihnen jedenfalls!“, beteuerte Buster Tom. „Wir sind in der Nähe von Tucson auf der Circle C-Ranch zu Hause. Dort können Sie ab sofort nachts aufkreuzen. Sie werden immer wie ein Freund empfangen werden.“

„Ich konnte leider nicht alle Gefangenen befreien, Mr. Copper“, sagte Dunham noch einmal und sah ihn zwingend an. „Es war auch nicht leicht zu entscheiden, wem ich helfen sollte. Aber ich musste nach gewissen Gesichtspunkten vorgehen. Ich musste die Männer auswählen, die kräftig genug waren und denen ich vertrauen kann. Sie hatten mir Geld geboten, Mr. Copper.“

„Dazu stehe ich noch!“, erwiderte Buster Tom prompt, wobei sich jedoch sein Gesicht verschloss. Aber er war bereit, sein Wort zu halten. Nur änderte er sofort seine Meinung über Dunham noch einmal.

„Ich will kein Geld!“, lächelte Dunham. „Meine Wahl ist auf Sie, Ihren Sohn und Matt Jackson gefallen, weil ich Sie alle drei für unerschrockene Männer halte.“

„Das verstehe ich nicht ganz“, sagte Buster Tom. Die anderen umstanden ihn und Dunham. Er blickte rasch von einem zum anderen.

„Es ist mit wenigen Worten erklärt, Mr. Copper“, sagte Dunham. „Ich möchte eine Gruppe Frauen befreien, die von Don Pedro zwei Tagesmärsche von hier entfernt in einem Versteck gefangengehalten wird, um die er sich jetzt nicht kümmern kann, die er aber später auch als Sklavinnen verkaufen wird. Und was das für die armen Geschöpfe bedeutet, können Sie sich sicherlich denken. Das Versteck wird nur von sechs Banditen bewacht. Don Pedro wird erst nach vier Wochen dort eintreffen können. Bis dahin sind wir über alle Berge. Sie und Ihre Männer werden längst zu Hause sein. Sie müssen nicht zustimmen, Mister Copper. Ich würde sogar auf Ihre Hilfe verzichten, wenn Sie sich dazu gezwungen fühlen, nur weil ich Sie befreit habe.“

Buster Tom starrte Dunham in die Augen und änderte abermals seine Meinung über ihn. „Wir sind dabei!“, antwortete er mit sonorer Stimme. „So etwas ist für uns eine Selbstverständlichkeit.“

Dunham biss sich auf die Lippe und lächelte bitter. „Sie können ablehnen, Mr. Copper. Ich versorge Sie und Ihre Männer trotzdem mit Pferden und Ausrüstungsgegenständen, damit Sie nach Hause reiten können. Verstehen Sie das?“

„Ich habe es verstanden, Mr. Dunham!“, brummte Buster Tom. „Zum Henker, nein! Wir reiten mit Ihnen. Für uns ist das eine Selbstverständlichkeit. Um solche Hilfe können Sie uns Coppers auch als fremder Mann bitten. Jimmy! Matt! Das stimmt doch? Sagt es ihm!“

Die beiden sagte es ihm, und so ritten die Coppers und Matt Jackson am anderen Tag mit Dunham und dessen Männern nach Westen.

*

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SIE WAREN INSGESAMT zwölf Mann. Zwei Mexikaner fuhren die Wagen, die anderen ritten.

Wegen der Wagen kamen sie nur langsam vorwärts. Da sich auf den Wagen nur zwei Wasserschläuche und ein Proviantsack befanden, die auch die Pferde hätten tragen können, meinte Buster Tom während einer Rast zu Dunham, dass sie doch auf die Wagen verzichten sollten, um schneller ans Ziel zu gelangen.

„Es sind zehn Frauen“, erwiderte Dunham. „Ausnahmslos weiße und sehr junge noch dazu. Ich weiß, was ihnen Don Pedro, dieser Schakal, während der Gefangenschaft zugemutet hat. Da wird nicht eines der Mädchen imstande sein zu reiten. Bestimmt nicht. Es ist auch möglich, dass wir nicht genügend Pferde zur Verfügung haben.“

„Von dieser Seite habe ich die Sache noch gar nicht betrachtet“, gestand Buster Tom. „Ich verstehe nicht, dass die mexikanischen Grenztruppen solchen Halunken das Handwerk nicht legen können.“

„Es ist nicht nur ein mexikanisches Problem“, lächelte Dunham. „Don Pedro holt sich die Sklaven aus Arizona. Wenn ihn der Hafer sticht, reitet er sogar bis Texas.“

„In unserer Gegend haben wir von der Existenz solcher Banden nicht die geringste Ahnung“, sagte Buster Tom. „Wir sind doch nicht weit von Sonoita entfernt! Wir sollten die Behörden verständigen. Vielleicht bekämen die armen Teufel, die Don Pedro nach Ensenada treibt, noch eine Chance."

Dunham schüttelte den Kopf. „Sie kennen die Behörden in Mexiko nicht, Mr. Copper. Man würde uns tagelang festhalten, ausfragen und unsere Aussagen überprüfen. Zum Schluss würden wir uns im Inneren Mexikos in einer Festung wiederfinden. Nein, damit würden wir auch den Frauen die letzte Chance nehmen, freizukommen. In diesem Land muss man selbst handeln. Ich habe es jedenfalls so gelernt.“

Sie zogen bald weiter. Am Abend des zweiten Tages erreichten sie wieder felsiges Terrain. Die Berge waren nicht sehr hoch. Knapp tausend Fuß. Doch die Gegend war recht unübersichtlich. Als sie in einer schmalen Schlucht hielten, kam Lazero zurück, der seit dem Mittag vorausgeritten war.

„Zwölf Männer bewachen das Camp“, berichtete er. „Von den Frauen habe ich nur vier gesehen. Die anderen muss Don Pedro bereits verkauft haben, oder weiß der Teufel, wo sie sonst geblieben sind.“

Buster Tom sah Dunham an, der weiß geworden war und wütend die Fäuste ballte.

„Ja, nur vier von den Mädchen!“, sagte Lazero. „Es tut mir leid. Vielleicht haben die Halunken, die das Camp bewachen, auch auf eigene Rechnung ein bisschen Handel getrieben. Aber das werden wir ja bald herausfinden.“

„Das sollen sie mir büßen!“, keuchte Dunham. „Wie viele Posten?“

„Nicht einer!“, grinste Lazero. „Sie liegen alle faul im Schatten, haben genug zu trinken und spielen Karten. Ein feines Leben ist das! Die Mädchen hocken in den leeren Zisternen. Sie halten sie wie Vieh.“

„Wir warten den Tag ab, damit wir Büchsenlicht haben“, sagte Dunham schneidend. „Von diesen Hundesöhnen darf keiner entkommen. Er könnte Don Pedros Kolonne in drei Tagen erreichen, und Don Pedro würde alles aufgeben und kehrtmachen, um uns zu erwischen. Wir bleiben die Nacht über hier. Im Morgengrauen ziehen wir dann einfach in das Camp hinein.“

„Ja, das ist gut so!“ grinste Lazero. „Wenn sie dich und mich erkennen, Dunham, werden sie so ahnungslos wie Kinder sein. Carillo wird sich sogar freuen, dich wiederzusehen.“

Die Männer gingen auseinander. Buster Tom, Jimmy und Matt hockten sich vor den ersten Wagen nieder und richteten die Nachtlager her. Matt säuberte seine Winchester, die er von Dunham erhalten hatte. Sie besaßen alle nagelneue Waffen und auch genügend Munition.

„Hat dir Dunham eigentlich schon einmal erklärt, wie er an Don Pedro geraten ist und was ihn mit diesen Hundesöhnen verbindet?“, wollte Jimmy von seinem Vater wissen.

Buster Tom zuckte die Schultern. „Nein! Ich habe ihn auch nicht gefragt, weil es mich nicht interessiert.“

„Ich habe mich mit ihm darüber unterhalten“, sagte Matt Jackson und legte das Gewehr aus der Hand.

Die beiden sahen ihn gespannt an.

„Dunham ist hier in Mexiko geboren“, berichtete Matt. „Er und Don Pedro kennen sich von Jugend an. Wie er mir sagte, hatten sie sich lange Zeit aus den Augen verloren. Als sie sich eines Tages am Rio Colorado wieder trafen, sind sie einfach zusammen geblieben. Don Pedro war in diesem miserablen Geschäft bereits tätig. Dunham will es erst später erkannt haben.“

„Das ist aber eine verdammt einfache Geschichte!“, meinte Jimmy.

„Das sage ich ja!“, erwiderte Matt.

„Was interessiert uns das?“, brummte Buster Tom. „Wir sind frei, und das haben wir Dunham zu verdanken. Nichts anderes zählt. Morgen befreien wir die Mädchen. Damit gleichen wir etwas aus. Dann reiten wir nach Hause, unberührt von dem Problem, das Dunham an Don Pedro bindet, oder die beiden trennt.“

„Wenn wir die Frauen befreit haben, wird es bestimmt nur Dinge geben, die beide trennt“, sagte Jimmy scharf. „Wir sollten Dunham Schutz und Hilfe anbieten!“

„Wenn wir uns morgen von ihm trennen, werde ich ihm noch einmal sagen, dass die Circle C-Ranch für ihn jederzeit ein offenes Haus darstellt, in welcher Lage er sich auch immer befindet“, erwiderte Buster Tom.

*

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ALS DER MORGEN GRAUTE, weckte Dunham die Männer. Sie brachen das Lager ab, schirrten die Zugtiere vor die Wagen, stiegen in die Sättel und zogen los.

Buster Tom ritt mit Dunham und Lazero an der Spitze. Sie waren knapp eine Stunde unterwegs, als das Camp von Don Pedros Bande vor ihnen auftauchte. Buster Tom erkannte eine Hütte, die dicht an eine Felswand gebaut war. Er sah einen Corral, in dem ein Dutzend Pferde standen, obwohl es ringsum weder Wasser noch Weide gab. Dann sah er auch die gemauerten Zisternen, die aus Urzeiten zu stammen schienen und in denen jemand, weiß Gott wer, Regenwasser in dieser Gluthölle hatte auffangen wollen. Er sah auch die Eisengitter, die darüber lagen. Von den Frauen konnte er jedoch nichts entdecken.

Ein Posten hockte vierhundert Yard von der Hütte entfernt im Schatten einer mannshohen Klippe. Er stand sofort auf, als er die Wagen sah und richtete das Gewehr in die Luft. Aber da schien er Dunham und Lazero zu erkennen, die beide die Hüte abgenommen hatten und heftig winkten.

„Geschossen wird, sobald ich den Befehl dazu gebe!“, rief Dunham über die Schulter.

Lange Zeit sah es so aus, dass es dazu nie kommen würde. Der Posten benachrichtigte seine Gefährten mit lauten Rufen. Die Banditen kamen aus der Hütte und liefen dem Zug entgegen, der kurz darauf mitten zwischen ihnen anhielt.

Ein großer Mexikaner, mit einem tiefbraunen Gesicht, trat auf Dunham zu und hob erfreut die Hand. „Was ist passiert?“, grinste er, „dass dich Don Pedro aus dem Bereich seiner Fittiche lässt? Bringt ihr Ware für uns?“

„Ja, wir haben Mehl, Mais für die Pferde und Wasser geladen“, erwiderte Dunham, während er vom Pferd glitt.

Auch die anderen stiegen ab. Die Kutscher sprangen von den Wagen. Kurz darauf waren sie alle hinter Dunham versammelt, der genau so lange wartete. Dann zog er blitzschnell den Revolver und hielt ihn dem großen Mexikaner vor den Bauch.

„Carillo, es ist ein Spiel mit gezinkten Karten!“, sagte er keuchend. „Es tut mir leid für dich, für euch alle. Don Pedro kann euch nicht zu Hilfe kommen. Er hat keine Ahnung.“

„Aber er wird dich doch vermissen, kleiner mieser Hundesohn“, sagte Carillo und schloss die Augen zu schmalen Schlitzen, den Blick auf Dunhams Colt gerichtet. Dabei hob er die Hände langsam an die Schultern.

Seine Gefährten folgten ausnahmslos und ohne Zögern seinem Beispiel. Trotzdem begann drei Sekunden später ein mörderischer Kampf, der allen Banditen und zwei von Dunhams Mexikanern das Leben kostete.

Carillo wich zunächst zurück. Dunham folgte ihm, um ihn in Schach zu halten. Dabei geriet er zu tief in die Reihe der Banditen hinein. Einer der Mexikaner zog auch prompt den Revolver, um ihn von der Seite her niederzuschießen. Das sahen Jimmy und Buster Tom. Beide rissen die Gewehre hoch.

„Halt!“, brüllte Buster Tom.

Doch es war zu allem zu spät.

Revolver und Gewehre rasten auf. Es krachte und knallte. Die Männer beschossen sich aus nächster Entfernung. Buster Tom, Jimmy und Matt sprangen an den ersten Wagen zurück, um Deckung zu haben. Dabei wurde Jimmy die Weste von einem Streifschuss zerfetzt. Buster Tom sah, wie ihm das Blut den Arm hinablief. Doch er konnte sich nicht um den Jungen kümmern.

Ein Trupp Banditen war in langen Sätzen zur Hütte gerannt. Vier davon erreichten sie, warfen sich dort zu Boden und schossen auf die Männer unter dem ersten Wagen. Buster Tom riss das Gewehr an die Schulter und jagte Schuss auf Schuss hinüber.

Dunham tauchte neben ihm und Matt auf. Er kniete nieder, feuerte und sprang dann hoch. Lazero und die anderen Mexikaner folgten ihm. Drüben vor der Hütte schossen sie später auch die Banditen nieder, die Buster Tom nur verletzt hatte.

Von einem Augenblick zum anderen herrschte jähe Stille. Rauchschwaden trieben über den Platz. Buster Tom stand auf und stapfte vor zu den Zugpferden, vor denen die Reittiere standen. Zwei der Banditen hatten in die Sättel zu kommen versucht. Sie hingen tot in den Bügeln. Er sah sich kurz um. Nicht einer der Banditen war noch am Leben. Aber es hatte auch zwei von Dunhams Mexikanern erwischt.

„Mein Gott!“, keuchte Matt hinter ihm. „Hätten wir das nicht anders anfangen sollen?“

Buster Tom hatte sich die gleiche Frage gestellt. Er sah Matt nur an. Dann liefen sie alle zu den Zisternen, wo Dunham und die Mexikaner die Gitter bereits zur Seite gerissen hatten und den Frauen heraushalfen.

Es waren vier Frauen. Zwei davon waren noch sehr jung. Sie wurden von den Mexikanern sofort in Decken gewickelt und zu den Wagen getragen. Die beiden anderen waren etwa dreißig Jahre alt. Eine war groß und blond. Die zweite war eine hübsche dunkelhäutige Mexikanerin. Sie hatte sanft dreinblickende Augen. Jimmy ging rasch zu ihr hin und stützte sie.

Sie setzten die Frauen auf den ersten Wagen, sammelten die Waffen der Banditen ein, holten auch deren Pferde und rüsteten auf Dunhams Befehl sofort zum Aufbruch. Die Mexikaner schleppten Kisten und Säcke aus der Hütte.

„Ich denke, wir lassen einen Wagen zurück“, meinte Dunham. „Sobald sich die Frauen etwas erholt haben, satteln wir Pferde und lassen auch den Wagen stehen.“

„Wohin wollen Sie die Frauen bringen, Dunham?“, wollte Buster Tom wissen.

„Raus aus Mexiko, Mr. Copper!“, erklärte Dunham. „Auf dem schnellsten Weg! Ich wäre Ihnen zu Dank verpflichtet, wenn Sie mit Ihren Männern bis zur Grenze hinauf noch bei uns bleiben würden.“

„Wenn wir den gleichen Weg haben, bleiben wir auch zusammen“, sagte Buster Tom und schlug Dunham auf die Schulter.

Zwei Mexikaner schleppten ein Wasserfass aus der Hütte. Lazero folgte ihnen und schlug die Tür hinter sich zu. Kurz darauf drang Qualm ins Freie. Lazero hatte die Hütte im Innern angezündet.

„Aufbruch!“, rief Dunham. „Wir fahren los!“

Buster Tom ging zu den Pferden. Jimmy saß schon im Sattel und ritt an die Seite des Wagens, unter dessen Plane die Frauen saßen. Matt hatte auf Buster Tom gewartet.

„Unser Geschäft ist erledigt, Tom“, empfing ihn Matt, den dieses Massaker sichtlich erschüttert hatte. „Sehen wir zu, dass wir heimkommen.“

Buster Tom schwang sich in den Sattel. „Dunham zieht zur Grenze. Da haben wir den gleichen Weg.“

Matt saß auf. Beide blickten auf die Hütte, aus der es durch Ritzen und Fugen rauchte.

Die Mexikaner saßen auf dem Wagen und brachten die Pferde in Gang. Jimmy, die beiden Amerikaner, Lazero und Dunham ritten nebenher. Buster Tom und Matt schlossen sich an. Matt hielt jedoch sofort wieder ein, als er sah, dass Dunham alle übrigen Pferde zurückließ.

„Tom!“, rief er. „Die Pferde! Die Tiere kommen doch um, oder glaubst du vielleicht, dass sie den Weg aus der Steinwüste finden?“

„Dunham!“, brüllte Buster Tom.

Dunham drehte sich im Sattel und trieb sein Pferd widerwillig zur Seite.

„Die Pferde!“, rief Buster Tom. „Wir müssen die Tiere mitnehmen. Sie sind zu sehr an Menschen gewöhnt und verlassen sich einfach darauf, dass für sie gesorgt wird.“

„Die werden schon wissen, wohin sie zu laufen haben!“, rief Dunham.

„Ja, aber dann wird es zu spät sein!“, rief Matt.

Buster Toms Pferd scheute, da in der Hütte eine Schachtel Patronen explodierte, die von den Mexikanern übersehen worden sein musste. Im selben Moment schlugen auch die Flammen prasselnd und fauchend durch das Dach.

Dunham rief etwas. Buster Tom folgte Matt, der zu den Pferden ritt und die Tiere mit lauten Rufen aufscheuchte. Die Tiere wandten sich von Matt ab. Buster Tom jagte rasch auf die andere Seite, riss den Hut vom Kopf und schwenkte ihn. Die Tiere drehten sich suchend, gingen hoch und jagten dann in die Richtung, die ihnen Buster Tom und Matt freiließen, der Kolonne nach.

Sie brauchten die Tiere später nicht mehr zusammenhalten. Sie hielten sich von selbst in der Nähe des Wagens.

*

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DIE BEIDEN AMERIKANER, die Warren und Brastow hießen, wandten sich an Buster Tom, als Dunham ein Stück vorausritt.

„Dunham hat uns erklärt, er will zur Grenze“, sagte Brastow, der etwa dreißig Jahre alt war, durch sein verwildertes Aussehen jedoch bedeutend älter wirkte.

„Uns hat er nichts anderes erklärt“, versetzte Buster Tom.

„Warum zieht er denn nicht nach Norden?“, meinte Warren. Auch er war in diesem Alter. Don Pedros Banditen hatten ihn auf dem Weg zu den Goldfeldern in Kalifornien überwältigt, wie Buster Tom wusste. Er war ein kleiner untersetzter Mann, der ziemlich unerschrocken und furchtlos wirkte.

„Ich schätze, er wird den Weg kennen, den er mit dem Wagen fahren muss“, erwiderte Buster Tom. Dabei schaute er zurück. Die Hütte brannte lichterloh. Über dem Camp hing eine dichte schwarze Rauchwolke.

„Wenn Dunham nicht bald abschwenkt, werden wir uns absetzen“, brummte Brastow. „Wir haben unseren Dank abgegolten, indem wir halfen, die Frauenzimmer zu befreien, die übrigens bereits wieder mächtig munter zu sein scheinen. Sie lachen mit Lazero.“

„Sie werden froh sein, dass sie ihre Freiheit wiederhaben“, sagte Buster Tom.

Brastow spie angewidert aus. „Du weißt jedenfalls Bescheid, Copper! Warren und ich fühlen uns zu nichts mehr verpflichtet. Außerdem haben wir dieses verdammte Mexiko satt bis zum Hals hinauf. Wenn Dunham noch lange ostwärts zieht, muss es uns leid tun.“

„Sprecht mit Dunham darüber“, versetzte Buster Tom. „Er hat es verdient. Es wäre unfair, wenn wir uns seitwärts in die Büsche schlügen und ihn mit dem Wagen allein ließen.“

Warren und Brastow ritten wieder nach vorn. Matt grinste säuerlich. „Die haben mir aber verdammt aus dem Herzen gesprochen, Tom.“

Buster Tom trieb sein Pferd an. „Ich werde sofort mit Dunham reden, zum Henker, und ihn fragen, warum er nicht direkt nach Norden zieht.“

Buster Toms Pferd, ein großer Brauner. galoppierte los. Als Buster Tom den Wagen überholte, hielt der auf einmal an. Dunham stand mit seinem Pferd vor dem Gespann, ein Fernglas vor den Augen, durch das er angestrengt südwärts blickte.

„Verdammt!“, murmelte er da auch schon, setzte das Glas ab und sah Buster Tom verdrossen an. „Truppen! Mexikanische Grenztruppen!“

Buster Tom kniff die Lider zusammen. „Außer einer dünnen Staubglocke, die sich jedoch direkt auf sie zubewegte, konnte er nichts erkennen.

„Mexikanische Grenztruppen haben wir doch nicht zu fürchten, Mr. Dunham“, meinte er.

„Sie sind mit dem Land nicht vertraut“, sagte Dunham. „Es sind vielleicht zwanzig Reiter. Mehr nicht. Eine große Abteilung wäre tatsächlich nicht gefährlich. Aber in kleinen Kommandos sind mexikanische Soldaten wahre Teufel, die vor nichts zurückschrecken, um ihren miesen Sold etwas aufzubessern. Unsere Pferde und Ausrüstungsgegenstände bedeuten für die Kerle einen Haufen Geld. Von den Frauen will ich gar nicht sprechen, die vom Regen in die Traufe kommen könnten, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Buster Tom blickte spähend nach Süden. Von mexikanischen Soldaten, überhaupt von diesem Land, hatte er bereits die merkwürdigsten Geschichten vernommen. Es schien ein Land zu sein, in dem einfach alles möglich war und passieren konnte. Er hatte es am eigenen Leib erfahren.

„Wir müssen verschwinden!“, zischte Dunham. „Und das verdammt rasch, wenn uns das Leben lieb ist. Die Kerle reiten zum Camp. Die Rauchschwaden der brennenden Plütte locken sie an. Doch dann werden sie unseren Spuren folgen.“

Lazero war am Wagen entlang gekommen und blieb vor Dunham und Buster Tom stehen.

„Wir sollten uns aus dem Staub machen, Dunham“, sagte er. „Sobald uns die Kerle eingeholt haben, wären wir gezwungen, sie uns vom Leib zu halten, wenn wir kein Risiko eingehen wollen. Wenn es sich um die richtige Sorte Soldaten handelt, liefern wir ihnen damit genau das, was sie brauchen, um uns die Hälse durchschneiden zu können.“

Buster Tom biss sich auf die Lippe.

Dunham nickte Lazero zu. „Verdammt, fahr zu! Nach Norden hinauf!“

Lazero rannte zum Wagen zurück, stieg auf und trieb die sechs Zugpferde mit wilden Peitschenschlägen an. Er fuhr einen Bogen und schwenkte nach Norden ein. Die Reiter schlossen sich an.

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DIE MÄNNER LIEßEN DIE Staubfahne nicht aus den Augen. Die mexikanische Grenzpatrouille ritt direkt auf die Rauchschwaden zu, die tief und schwarz über dem Camp hingen. Buster Tom dachte dabei nicht nur an die brennende Hütte, sondern auch an die vielen Toten, die dort zurückgeblieben waren. Damit war für ihn klar, dass ihnen die Soldaten folgen würden, und er verstand auch, warum es Dunham so eilig hatte.

Doch sie waren nicht schnell genug. Die mexikanische Patrouille machte an der brennenden Hütte halt. Dann folgten sie der Fährte, die Wagen und Reiter deutlich hinterlassen hatten. Sie holten dabei rasch auf, da die Männer mit dem Wagen nicht schnell genug waren.

„Die Burschen werden uns gegen Abend einholen“, meinte Matt Jackson zu Buster Tom. „Die Kerle haben die vielen Toten gesehen und längst begriffen, dass wir vor ihnen fliehen. Das kann ein böses Fest geben.“

„Fest!“ schimpfte Jimmy. „Du bist gut. Wir haben keine Chance, wenn den Brüdern unsere Pferde, unsere Waffen und die Frauen gefallen. Da hätten wir getrost mit Don Pedro nach Ensenada ziehen können. Der verdammte Wagen, Vater! Er wird uns um alles bringen.“

Buster Tom sah sich um. Jene Pferde, die freilich ohne Sättel waren, die er mit Matt aus dem Camp getrieben hatte, befanden sich immer noch bei ihnen. Er galoppierte an und ritt vor zu Dunham.

„Wir müssen anhalten“, sagte Buster Tom zu ihm, als er den Braunen scharf aufnahm. „In zwei, drei Stunden sind die Soldaten bei uns. Lassen wir den Wagen stehen, Mr. Dunham! Die Frauen sollen unsere gesattelten Pferde nehmen. Wasser und Proviant können wir den Zugpferden aufladen.“

Dunham ritt zur Seite weg. Buster Tom folgte ihm. Sie ließen den Wagen und die Männer passieren und schauten angestrengt zurück.

„Zum Henker, ja!“, schnaufte Dunham wütend. „Diese Hundesöhne wittern Beute. Diese Gewissheit scheint ihren Pferden Flügel zu verleihen.“

„Fast sieht es so aus!“ brummte Buster Tom. „Aber es ist bestimmt nur der Wagen. Wenn sie uns heute nicht erwischen, dann todsicher morgen. Wir kommen in das Gebiet der Flugsandfelder, die wir mit dem Wagen umgehen müssten. Das gibt der Patrouille die Möglichkeit, uns den Weg abzuschneiden.“

„All right, halten wir an!“, schnaufte Dunham. „Lassen wir diesen verdammten Wagen hier zurück.“

Sie folgten dem Wagen, und Dunham gab seine Befehle. Buster Tom und Jimmy, Warren und Brastow stellten den vier Frauen ihre gesattelten Pferde zur Verfügung. Dabei bemerkte Buster Tom, dass die Frauen tatsächlich nicht mehr so erschöpft und erledigt waren, wie sie zu Beginn der Reise gewirkt hatten.

Kisten, Wassersäcke und Proviantbeutel luden die Männer auf die Zugtiere um. Dunham, Lazero und die anderen Mexikaner beluden einen schwarzen Wallach mit zwei Kisten und einem Sack. Sie hielten sich dabei etwas abseits und stellten es so an, dass weder einer von den Coppers noch Warren oder Brastow behilflich sein konnten. Das fiel jedoch nur Matt auf.

Er machte Buster Tom darauf aufmerksam. „Sieh dir die drei an, Tom! Ich glaube fast, die haben außer den vier Frauen auch noch etwas anderes in Sicherheit zu bringen.“

„Was geht es uns an?“, brummte Buster Tom. „Wir ziehen nach Norden, gleich rascher als zuvor. Nur das liegt in unserem Sinn.“

Die blonde Frau ging zu Dunham und den Mexikanern hinüber, legte die rechte Hand auf eine der Kisten und sprach mit den Männern.

„Die scheint von der Ladung Kenntnis zu haben“, raunte Matt.

„Du bist schon immer ein alter misstrauischer Bär gewesen“, zischte Jimmy.

„Stimmt!“, versetzte Matt gereizt. „Aber da ist. noch etwas, das mich auszeichnet. Ich irre mich selten. Fast nie!“

Jimmy spie im hohen Bogen aus. Dann ging er zu den drei anderen Frauen, die schon aufgesessen waren und auf das Zeichen zum Aufbruch warteten.

„Jimmy hat es auf das dunkelhäutige Mädchen abgesehen“, grinste Matt. „Dabei möchte ich wetten, dass sie ihm noch nicht einmal richtig in die Augen geblickt hat. Doch wenn sie es tut, da möchte ich mit dir altem Esel wetten, wird es um den Jungen völlig geschehen sein.“

„Er ist alt genug!“, brummte Buster Tom. „Außerdem ist sie tatsächlich so schön, dass ein Kerl von Jimmys Art ein bisschen durcheinandergeraten kann.“

*

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DREI MINUTEN SPÄTER setzten die Männer mit den Frauen und den Packtieren den Weg fort. Der Wagen blieb einsam und verlassen inmitten der Steinwüste zurück. Doch Dunham hatte trotzdem gegen die Grenzpatrouille keine Chance. Dass sie etwas beweglicher waren, rettete sie nur über die Nacht hinweg. Als sie am anderen Morgen aus felsigem Terrain in die erste sandige Ebene kamen, wurden sie von den Soldaten eingeholt und umstellt.

Sie hielten an und stiegen von den Pferden. Aus dem Ring der mexikanischen Soldaten löste sich ein Reiter und kam langsam zu ihnen geritten. An den Kragenaufschlägen erkannten sie, dass es sich dabei um einen Offizier handelte.

„Eine miesere Gegend haben wir uns nicht aussuchen können“, raunte Warren scharf in das Schweigen der anderen hinein, deren Blicke ausnahmslos auf den Offizier der Grenztruppe gerichtet waren. „Wo, zum Teufel, gibt es hier Deckung?“

„Wimmere jetzt nicht um dein bisschen Leben!“, zischte Jimmy. „Denk an die Frauen, die wir hier bei uns haben! Außerdem ist dieser Platz zum Kämpfen so gut und so schlecht wie jeder andere!“

Der Offizier kam herangeritten, hielt, salutierte gelassen, blickte auf die Frauen und grinste breit und freundlich.

„Wer ist der Chef?“, fragte er auf spanisch.

Dunham reckte sich.

„Mister, Sie gestatten mir, dass ich das Gepäck durchsuche?“, grinste der Offizier.

„Ich glaube nicht, dass das gehen könnte!“, versetzte Dunham trocken.

„Täuschen Sie sich nicht in mir. Ich sehe zwar aus wie ein Gringo, ich bin aber keiner. Ich bin hier geboren und kenne die Gesetze. Packt euch, oder es wird ein schlimmes Ende mit uns allen nehmen.“

Das Grinsen des Offiziers vertiefte sich noch. Doch nur für einen kurzen Moment. Dann schienen seine Augen zu brennen. Er fluchte fürchterlich. „Gesetze kennen!“, äffte er Dunham nach. „Ihr habt da hinten eine Menge Männer umgebracht und deren Hütte ausgeraubt. Kennst du die Gesetze wirklich, Gringo? Dann wirst du wissen, dass auf jeden von euch der Strick wartet. Werft die Waffen weg! Das ist ein Befehl!“

Da zog Dunham abermals den Colt, wie schon den Tag zuvor im Camp der Banditen. Doch diesmal schoss er sofort.

Der Offizer sah ihn mit einem halbirren Ausdruck in den Augen an und stürzte den Bruchteil einer Sekunde später tot aus dem Sattel.

„Sind Sie verrückt?“, rief Buster Tom erschrocken.

„Idiot, jetzt sind wir alle verloren!“, kreischte Warren.

Dunham sah kurz von einem zum anderen. „Es sind zwanzig Mann, so dass zwei auf jeden von uns kommen. Doch ohne ihren Offizer taugen die Kerle nichts. Es sei denn, sie können zu zehnt auf einen einzigen armseligen Bastard losgehen! Von den Pferden!“, brüllte er.

Da fielen auch schon die ersten Schüsse. Die Soldaten begannen zu feuern, brachten die Pferde in Galopp und zogen die Säbel.

Jimmy rannte zu den Frauen und stieß sie zu Boden, hockte sich vor ihnen nieder und begann zurückzuschießen. Auch Warren und Brastow stürzten zu den Frauen. Buster Tom und Matt warfen sich vor ihren Pferden auf die Bäuche. Dunham und die Mexikaner knieten vor dem Packpferd nieder, auf dessen Rücken jene beiden Kisten und der Sack geschnallt waren. Lazero hielt dabei die Zügel, damit das Tier nicht weglaufen konnte.

Buster Tom beobachtete das, maß dem aber keine Bedeutung bei.

Der Ring der Angreifer näherte sich, trotz des heftigen Gewehrfeuers von Dunhams Trupp rasch und unaufhaltsam, wie es schien. Erst als die Reiter auf fünfhundert Yard herangekommen waren, sich zur Attacke zusammenschlossen, und im dichten Pulk, brüllend und säbelschwingend, herangerast kamen, gerieten sie in das konzentrierte Feuer der schnellschießenden Winchestergewehre. Sie verloren mit einem Schlag sieben Mann. Die Männer stürzten aus den Sätteln. Auch Pferde gingen getroffen zu Boden. Staub quirlte empor. Die vorderen Reiter rissen die Pferde in den Stand, warfen sie dann herum und schwenkten im gestreckten Galopp nach Osten hin ab. Nur die Hälfte der Patrouille war noch imstande, jenen drei Spitzenreitern zu folgen. Vier reiterlose Pferde galoppierten mit schwingenden Bügeln am Schluss.

Buster Tom und Matt standen schnaufend auf.

„Weiterschießen!“, brüllte Dunham. „Sie dürfen nicht entkommen.“

Buster Tom und Matt aber ließen die Gewehre sinken, weil sie nicht einmal im Traum daran dachten, fliehende Männer in die Rücken zu schießen. Jimmy hatte ebenfalls aufgehört zu feuern. Dann stellten auch Warren und Brastow das Schießen ein. Nur die Gewehre von Dunham und den Mexikanern krachten noch. Sie stellten das Feuer erst ein, als von den Soldaten nichts mehr zu sehen war.

Dunham sprang auf und kam zu Buster Tom gerannt. „Copper, Sie sind ein Narr!“, krächzte er. „Die Burschen werden Verstärkung holen und wiederkommen. Darauf können Sie sich verlassen! Und dann werden Sie bereuen, hier mit Munition gegeizt zu haben. Diese Brut taugt nur etwas, wenn sie tot ist. Aber das begreifen Sie noch. Bloß wird es dann zu spät sein.“

„Ich habe da andere Ansichten!“, versetzte Buster Tom gelassen.

Dunham blickte ihn wütend an. „Jetzt müssen wir die Richtung ändern!“

Buster Tom nickte.

Warren und Brastow kamen herangestapft. Beide kochten vor Zorn.

„Eines der Mädchen ist tödlich getroffen worden!“, bellte Warren. „Und das, Dunham, ist allein deine Schuld. Warum hast du den Offizier erschossen?“

Die Männer liefen rasch zu den Frauen hinüber. Jimmy richtete sich gerade auf.

„Nichts mehr zu machen“, sagte er zu Buster Tom gewandt. „Sie ist tot.“

Buster Tom schaute dem toten Mädchen ins Gesicht. Er konnte nicht sehen, wo es getroffen worden war. Er sah nur, dass es sehr jung gewesen war. Das andere Mädchen weinte. Die Mexikanerin und die blonde Frau sahen Dunham an.

„Wir müssen sie begraben, Dunham!“, sagte die blonde Frau. „Es muss schnell gehen. Wir müssen weiter. Aber nicht mehr nach Norden. Die Männer sollen unsere Fährte verwischen.“

Dunham biss sich auf die Lippen. Buster Tom sah von ihm auf die blonde Frau und wieder zurück. Die Frau hatte recht. Doch die Art, in der sie Dunham ihre Ansicht mitteilte, gab Buster Tom zu denken.

„Sieh zu, wie du mit allem fertig wirst, Dunham!“, zischte Warren. „Brastow und ich, wir haben den Laden satt.“

Dunham starrte ihn an. „Wir sind noch nicht am Ziel!“, sagte er eisig.

„Das werden wir auf diese Art auch nie erreichen“, zischte Warren. „Deshalb trennen wir uns hier.“

Da flogen die Gewehre der Mexikaner hoch. Dunham lächelte steinern. Warren und Brastow sahen kurz von einem zum anderen und traten dann ein Stück zurück, entschlossen, diese Herausforderung anzunehmen.

„Dunham!“, rief Buster Tom. „Sie können den Leuten hier nicht mit Gewalt Ihren Willen aufzwingen. Lassen Sie die Männer reiten. Wir kommen schon allein zurecht.“

„Ich will einfach, dass sie bleiben!“, zischte Dunham.

„Tu, was dieser grauhaarige Mann rät, Dunham!“, sagte die blonde Frau, indem sie Buster Tom kurz musterte. „Lass die Narren ziehen! Wir haben keine Zeit zu einer Auseinandersetzung. Außerdem können wir es uns nicht leisten, auch noch einen von uns zu verlieren.“

„Dunham erteilt hier die Befehle, Lenna!“, erinnerte Lazero die Frau.

„Ihr werdet die Frauen nicht im Stich lassen!“, warf da Jimmy wütend ein.

Buster Tom blickte betroffen zu ihm hinüber. Jimmy war hinter den Frauen aufgetaucht und hatte sein Gewehr auf Warren und Brastow gerichtet. Damit half er, Brastow und Warren zu überwältigen. Doch er rettete den beiden damit praktisch das Leben; denn sein Eingreifen überzeugte sie von der Aussichtslosigkeit ihrer Lage.

„All right!“, brummte Warren. „Es ist nicht mehr unsere Absicht, euch zu verlassen.“

Ohne sich um die anderen zu kümmern, wandten sich Warren und Brastow ab. Jimmy und die Mexikaner ließen die Gewehre sinken und sahen zu Dunham.

Da stürzte Warren an Brastow vorbei  und griff Jimmy mit wilden Schwingern an. Es hatte zunächst ausgesehen, als wäre er gestolpert. Aber da kippte Jimmy schon getroffen hintenüber und krachte zu Boden.

„Warren!“, brüllte Buster Tom und rannte los. Auch alle anderen gerieten in Bewegung, um Warren zurückzureißen. Selbst die blonde Frau, die Lenna hieß, lief hinüber.

Jimmy hatte sein Gewehr fallen lassen, als er aufschlug. Doch bevor die anderen zur Stelle waren, sprang er wieder auf die Füße und trieb Warren mit wütenden Schlägen vor sich her, bis ihn die anderen einholten und festhielten.

Der letzte Schwinger von Jimmy trieb Warren einmal um sich selbst, dann fiel er gegen das Packpferd, auf dem jene beiden Kisten und der Sack geladen waren. Während ihm von dem fürchterlichen Schlag die Sinne schwanden, suchte er an der Ladung Halt und riss sie mit zu Boden.

Der Wallach scheute und drehte sich erschrocken. Dabei knallten seine Hufe gegen die Kisten und den Sack. Lazero sprang fluchend hinzu, ergriff das Tier an der Kinnkette, um es zur Seite zu führen. Da schlug der Wallach die eine Kiste mit einem wuchtigen Tritt auseinander.

Es rieselte, raschelte und klirrte. Gold und Silber fiel heraus - in Barren, Nuggets, Platten und kostbarem Geschmeide. Der Wallach stampfte noch einmal hinein, ehe ihn Lazero zur Seite geführt hatte.

Einen Augenblick herrschte gespannte Stille. Die Männer und die drei Frauen starrten auf den Schmuck und die Metallklumpen. Dann krochen ihre Blicke zu Dunham. Buster Tom und die beiden Mexikaner, die Jimmy gepackt hielten, ließen ihn los. Warren kam zu sich, richtete sich auf und starrte auf den Schatz. Dann sah auch er Dunham in die Augen.

„Wir ziehen weiter!“, keuchte Dunham.

Niemand rührte sich.

Dunham sah Buster Tom an. „Es gehört den Frauen!“, krächzte er. „Als die Banditen Lennas Haus überfielen, haben sie die Sachen gestohlen. Stimmt es, Lenna?“

Lenna antwortete nicht. Die Lüge war zu offensichtlich.

„Lazero!“, sagte Dunham. „Bringe die Kisten in Ordnung! Jimmy, Matt! Ihr begrabt das Mädchen. Copper, Sie gehen auf Wache, bis wir den Fleck verlassen haben.“

Buster Tom wandte sich sofort ab. Auch Matt und Jimmy kamen Dunhams Befehlen nach. Warren und Brastow begaben sich zu ihren Pferden.

Buster Tom suchte sich abseits, etwa zweihundert Schritt von den anderen entfernt, einen überhöhten Fleck aus, hockte sich dort auf einen Stein und sah sich um. Von den Soldaten war weit und breit nichts zu sehen. Nicht einmal Staub hing noch in der Luft. Er sah sich fortgesetzt um. Doch immer wieder kehrte sein Blick zu Dunham zurück, der zusah. wie Lazero die Kiste reparierte und sich dabei mit dieser Lenna und der Mexikanerin unterhielt. Das andere Mädchen hockte neben der Toten, für die Jimmy und Matt ein Steingrab herrichteten. Später halfen ihnen die anderen dabei.

Nach einer Viertelstunde rüstete der Trupp zum Aufbruch. Dunham winkte Buster Tom herunter. Während die Kolonne anritt, stieg Buster Tom von dem Stein. Jimmy und Matt kamen ihm mit seinem Pferd entgegen.

Die beiden sahen ihn schweigend an. Er lächelte, griff nach den Zügeln und schwang sich in den Sattel.

„Das Zeug gehört den Frauen!“, sagte Jimmy mit Bestimmtheit.

„Lass dir sagen, dass uns Dunham belogen hat“, raunte Matt grollend. „Wir haben ihm geholfen, das Versteck von Don Pedro auszurauben.“

Jimmy spie aus, um kundzutun, dass er auf seiner Meinung beharrte.

„Sag du es ihm, Tom!“, verlangte Matt.

Buster Tom nickte. „Well, Dunham hat uns hereingelegt. Wir wissen jetzt, warum er uns befreit hat.“

„Dein Vater hat ebenfalls Augen im Kopf!“, meinte Matt gereizt.

„Ich kann immer nur feststellen, dass wir die Frauen befreit haben“, sagte Jimmy.

„Die sind in die Zisterne gekrochen, bevor wir eingetroffen sind“, sagte Matt und wandte sich an Buster Tom. „Oder hast du gesehen, dass Lazero die Gitter aufschloss? Einfach zur Seite geworfen hat er sie, und dann sind die Frauen herausgekommen.“

Buster Tom nickte. „Ja, Dunham hat uns da ein bisschen Theater vorführen lassen. Aber das soll uns nicht kümmern. Wir haben durch ihn unsere Freiheit wiedergewonnen.“

„Soll das heißen, dass du entschlossen bist, Dunham mit dem Gold in Sicherheit zu bringen?“, fragte Matt überrascht. „Ich wette, dieser Don Pedro hat den Braten längst gerochen.“

Jimmy und Matt sahen Buster Tom gespannt an.

„Wir bleiben bei ihm, bis wir eine Gelegenheit haben, uns auf anständige Weise von ihm zu trennen“, sagte Buster Tom.

„Die Gelegenheit kommt hoffentlich bald!“, schnaufte Matt. „Ich meine, ehe uns Don Pedro mit seinen Bastarden eingeholt hat! Von den Soldaten, die wir jetzt schon im Nacken haben, will ich gar nicht reden.“

„Kommt! Rasch!“, rief Buster Tom und brachte sein Pferd in Gang.

Die Kolonne war ins Stocken geraten. Alle sahen sich nach ihnen um. Erst als sie aufgeschlossen waren, setzte Dunham den Weg fort. Er ritt an der Spitze. Hinter ihm ritt Lazero, die Leine des Packpferdes am Zügel. Ihm folgten die beiden anderen Mexikaner mit den übrigen Packpferden, die Wasser und Proviant trugen. Dann kamen die drei Frauen, hinter denen Warren und Brastow ritten.

Brastow ließ Buster Tom an seine Seite kommen. „Ihr drei, ihr habt euch wohl sofort zu einem Extrageschäft entschlossen wie?“, fragte er hämisch.

„Sei kein Narr, Brastow!“, erwiderte Buster Tom gelassen.

*

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SIE RITTEN DEN GANZEN Tag nach Osten.

Hitze und Staub machten Frauen und Männern arg zu schaffen.

Auch die Tiere hatten mächtig darunter zu leiden. Aber mehr noch litten sie wohl am Durst; denn Dunham richtete sich darauf ein, noch weiter durch diese wasserlose Weite ziehen zu müssen und setzte die Portionen für die Tiere auf ein Minimum herab. Bei der Kolonne befanden sich noch fünf Pferde, die einfach nur mitliefen und die auch ständig ihre Rationen bekommen hatten. Diese Tiere erschoss Dunham auf einmal, ohne sich deswegen mit einem anderen besprochen zu haben.

Es gab nur einen kurzen Aufenthalt. Dann zogen sie schon weiter.

Als dann die Sonne sank, sank auch sofort die Temperatur. Doch zunächst bemerkten das die Männer und Frauen nicht. Das wurde ihnen erst klar, als sie bei Einbruch der Dunkelheit vor einem Klippenfeld zum Lagern anhielten und kein Feuer entzünden konnten, da es weit und breit kein Holz und keine Kakteen gab. Sie besaßen noch eine Kanne Brennspiritus, den Dunham jedoch für spätere Gelegenheiten aufheben wollte. So wickelten sich die Männer und Frauen nach dem Essen sofort in die Decken.

Dunham und die Mexikaner teilten sich allein in die Wache. Das war für alle anderen ein Zeichen, dass Dunham ihnen nicht mehr traute, nachdem offenbar geworden war, welche Ladung sich auf dem schwarzen Wallach befand.

Die Nacht kam, mit ihrer geradezu bitteren Kälte. Buster Tom schlief jedoch aus einem anderen Grund schlecht. Diese Kisten voll Gold und Silber bereiteten ihm Sorgen.

Dunham übernahm die erste Wache. Lazero löste ihn ab. Dann war der Mexikaner an der Reihe, der Momo genannt wurde. Danach schlief Buster Tom fest. Er erwachte erst wieder, als es Tag wurde.

Er richtete sich sofort jäh auf und griff nach dem Gewehr, da er von einem Geräusch geweckt worden war.

„Liegenbleiben, Copper!“, zischte da schon eine Stimme hinter ihm.

Es war Warren! Buster Tom sank zurück und drehte langsam den Kopf.

Warren hatte soeben den Posten überwältigt. Es war jedoch nicht mehr Momo. Dessen Gefährte hatte ihn irgendwann abgelöst. Buster Tom sah sofort, dass der Mexikaner tot war. Warren hatte ihn entweder erschlagen oder erstochen.

Buster Tom begriff, um was es ging. Aber da entdeckte er auch schon Brastow, der sich hinter den ersten Klippen auf Dunham und Lazero zubewegte, die direkt neben den Kisten und dem Sack schliefen.

Als Brastow dicht hinter Dunham stehenblieb, jagte Warren einen Schuss über Buster Tom hinweg.

Alle sprangen auf die Füße. Auch die drei Frauen. Nur Buster Tom, der die Bedrohung kannte, blieb arn Boden.

„Bleibt, wo ihr seid!“, brüllte Brastow. „Wer sich rührt, wird erschossen. Lazero, Momo! Werft die Waffen fort! Dann nehmt die Kisten und tragt sie zu dem Wallach. Rasch! Bewegt euch, wir sind keine sehr geduldigen Leute, mein Freund und ich.“

Stille herrschte. Keiner bewegte sich. Warren konnte geradezu mühelos jeden Mann niederhalten. Hinzu kam, dass Brastow nur abzudrücken brauchte, um Dunham oder die Mexikaner aus nächster Nähe zu erschießen.

„Ihr verdammten Schakale!“, zischte Jimmy.

„Halt’s Maul, Junge, wenn dir das Leben lieb ist!“, brummte Warren hinter ihm. „Zuck nicht mit der Wimper, rate ich dir!“

Jimmy schwieg daraufhin. Was hätte er auch tun sollen? Sein Gewehr lag zwar genau vor ihm. Doch bevor er es in die Fäuste, hoch und herum hätte nehmen können, war Warren in der Lage, ihn dreimal zu treffen. In dieser Situation befand sich nicht nur Jimmy, sondern auch alle anderen. Buster Tom gab Jimmy mit einem kurzen Blick zu verstehen, dass er sich aus der Sache heraushalten solle.

„Bewegt euch!“, schrie Brastow, da Lazero und Momo keine Anstalten machten, seinem Befehl nachzukommen.

Da stand Dunham langsam auf. Er hielt die Hände an den Schultern, um Brastow nicht nervöser zu machen, als er es schon war.

„Brastow!“, sagte er geradezu gutmütig. „Ihr werdet nicht weit kommen. Oder bildet ihr euch tatsächlich ein, wir lassen euch ziehen? Nicht eine Meile!“

„Schön, dass du das sagst!“, zischte Brastow. „Du wirst die Kugel, mit der wir uns hier verabschieden, zwischen die Augen bekommen. Los, hilf den Mexikanern, das Packpferd fertigzumachen! Vorwärts!“

Er schoss dreimal schnell hintereinander. Die Geschosse peitschten vor Dunham in den Sand. Staubfontänen spritzten hoch und wurden vom Wind weggetragen.

Da nickte Dunham den Mexikanern zu. Lazero bückte sich daraufhin langsam, griff nach einer Kiste und trug sie zu den Pferden.

„Du, die andere, Momo!“, fauchte Brastow. „Los, und keine falsche Bewegung, oder Dunham wird für euch in der Hölle Quartier machen.“

Momo bückte sich umständlich. Dann stapfte auch er zu den Pferden. Keiner besaß eine Chance, Brastow oder Warren aufzuhalten. Um Dunhams Leben nicht aufs Spiel zu setzen, beluden die beiden den Wallach mit den Kisten, banden die Ladung fest und kehrten langsam zurück.

„Nun sattelt zwei Pferde!“, empfing sie Brastow.

Lazero und Momo kamen auch diesem Befehl nach. Als die Tiere bereitstanden, ergriff Brastow den Sack vor Dunhams Füßen, in dem er ebenfalls irgendwelche Schätze vermutete. Der Sack war nicht groß, aber ziemlich schwer. Brastow hielt ihn in der Linken, mit der rechten Hand hielt er die Winchester auf Dunhams Leib gerichtet.

„So verabschieden wir uns nun, Mister Dunham!“, schnaufte er grinsend.

Buster Tom hielt den Atem an. Doch Brastow machte seine Drohung, Dunham eine Abschiedskugel in die Stirn zu jagen, nicht wahr. Er glitt langsam an Dunham vorbei, befahl Lazero und Momo, sich platt auf die Erde zu legen. Nachdem dies geschehen war, bewegte er sich langsam und rückwärtsgehend auf die Pferde zu. Als er dort stehenblieb, setzte sich Warren in Bewegung.

Warren lief zunächst seitwärts auf die Klippen zu, glitt dort rasch an den Frauen vorbei und blieb vor den Proviantsäcken und den Sätteln stehen.

Der Wasservorrat, über den sie alle noch verfügten, war in einem Fass und in zwei Ziegenlederschläuchen untergebracht. Warren blickte noch einmal in die Runde, bückte sich blitzschnell und nahm einen der Wasserschläuche auf. Dann schoss er in das Fass und den zweiten Ziegenlederschlauch.

Die Männer und Frauen erstarrten, blickten entsetzt auf das glitzernde Nass, das aus den Behältern spritzte und im Sand und zwischen den Steinen versickerte.

Vermutlich wären Warren und Brastow mit dem Gold und dem Silber und vielleicht auch noch mit sämtlichen Pferden weggekommen. Doch als Warren den restlichen Wasservorrat vernichtete und für alle anderen damit praktisch das Todesurteil aussprach, war es um deren Furcht und Entsetzen geschehen. Es ging für die anderen nicht mehr darum, unter Umständen von Warren oder Brastow getroffen und getötet zu werden. Was sie alle handeln ließ, war der nackte egoistische Wille, dem Tod zu entrinnen und am Leben zu bleiben.

Buster Tom, Matt und Jimmy griffen zu den Waffen und schnellten vorwärts. Auch Dunham, Lazero und Momo waren auf einmal in Bewegung.

Brastow schoss sofort. Auch Warren feuerte. Doch Warren kam nur einmal zum Schuss, dann wurde er von allen anderen fast gleichzeitig getroffen.

Brastow traf Dunham. Dann wollte er auf Buster Tom schießen, der sich herumwarf und auf ihn anlegte. Doch der Circle C Rancher war schneller. Viel schneller. Er traf ihn mitten in der Bewegung.

Buster Toms Kugel warf Brastow neben den Pferden zu Boden. Den Bruchteil einer Sekunde später peitschten die Geschosse der anderen über den verletzten Mann hinweg.

Sie rannten alle zu ihm hin.

„Bastard!“, keuchte Dunham, dessen rechter Arm schlaff herabhing und blutete. Er hielt den Colt in der Linken und richtete ihn auf Brastows Kopf.

„Halt!“, brüllte Buster Tom.

Dunham und die beiden Mexikaner starrten Buster Tom wütend an. „Dieser Schakal bekommt, was er sich eingehandelt hat!“, kreischte Dunham.

Da hob Buster Tom sein Gewehr. Matt und Jimmy folgten sofort seinem Beispiel.

„Wir sind vielleicht unsere eigenen Polizisten“, sagte Buster Tom mit sonorer Stimme. „Aber bestimmt sind wir nicht Richter! Jimmy, sieh dir Dunhams Verletzung an. Matt, du kümmerst dich um Brastow. Lazero, Momo! Wir brechen in drei Minuten auf.“

„Einen Augenblick!“, fauchte Dunham. „Du kannst mir hier nicht sagen, was zu tun oder zu lassen ist, Copper!“

Buster Tom sah ihn .fest an. „Doch! Ich kann!“

„Ja, nun sind die Coppers am Zug!“, rief da Brastow gepresst. „Nun haben Sie die Beute übernommen. Geschieht dir recht, Dunham!“

Zunächst blickten alle auf Brastow, der am Boden lag und die Hände auf den rechten Oberschenkel gepresst hielt. Obwohl er starke Schmerzen verspürte, lächelte er bissig. Dann flogen die Blicke von Dunham und den Mexikanern zu Buster Tom.

„Sie werden mir nicht klarmachen wollen, dass Sie mich auch hereinzulegen beabsichtigen!“, keuchte Dunham. „Ich habe euch allen das Leben gerettet.“

„Nein, Dunham! Ich lege Sie nicht herein“, antwortete Buster Tom. „Aber ich habe mich entschlossen, mich um mein Heil von jetzt ab wieder selbst zu kümmern. Wir drehen die Sache einfach um, Dunham. Ich, mein Sohn und mein Vormann verlassen Mexiko auf schnellstem Wege, und Sie schließen sich uns an. Nun vorwärts! Bei dem geringen Wasservorrat, der uns nach diesem Irrsinn noch geblieben ist, haben wir nicht eine Sekunde Zeit zu verlieren. Wir rennen bereits um unser Leben, ob ihr das nun begriffen habt oder nicht.“

„Ich gebe hier die Befehle!“, bellte Dunham.

„Tu, was dieser Grauhaarige sagt!“, meldete sich da Lenna zu Wort. Sie war mit den anderen beiden Frauen hinzugekommen und starrte Dunham wütend an.

„Darüber, Lenna, wird jetzt nicht mehr diskutiert“, sagte Buster Tom murrend. „Vorwärts! Packt zusammen!“

„Und das Gold, Copper?“, fragte Brastow.

Buster Tom sah Dunham an, als er Brastows Frage beantwortete. „Es sind von Banditen zusammengeraubte Schätze“, sagte er, obwohl er wusste, dass seine Offenheit in diesem Fall ein Fehler war und ihm irgendwann große Nachteile einbringen würde. „Wir übergeben die Beute drüben in Arizona den Behörden. Die werden schon wissen, was damit anzufangen ist.“

Eine Sekunde später war alles entschieden. Doch keineswegs lag das an Buster Toms energischem Eingreifen. Ein Schwächeanfall zwang Dunham zu Boden, und damit war die Debatte beendet. Die beiden Mexikaner fügten sich.

Fünf Minuten später befanden sich die drei Männer der Circle C Ranch mit Dunham, Lazero, Momo, Brastow und den drei Frauen auf dem Weg nach Norden. Sie besaßen Waffen und Pferde, Proviant und Wasser. Doch das Wasser reichte für alle höchstens noch zwei Tage.

„Bis zur Grenze sind es noch zehn Tagesmärsche“, meinte Matt zu Buster Tom. „Das Wasser reicht für alle heute und morgen. Trotzdem bin ich zum ersten Mal wieder so zuversichtlich wie seit langem nicht mehr.“

„Dein verdammter Optimismus hat mir schon immer recht wohl getan“, erwiderte Buster Tom trocken.

„Wir werden doch irgendwo Wasser finden“, sagte da Lenna.

Buster Tom und Matt drehten verwundert die Köpfe. Die blonde Frau ritt direkt neben Buster Tom.

„Ich glaube nicht“, sagte Buster Tom.

Lenna sah ihn ernst an. Sie trug das blonde Haar zurückgekämmt. Das war trotz des Hutes zu sehen, den sie trug. Es unterstrich die Strenge ihres hübschen Gesichtes noch.

„Sie heißen Copper, nicht wahr, und Sie haben südlich von Tucson eine Ranch“, sagte sie.

Buster Tom nickte.

Sie lächelte plötzlich. „Dann bin ich ziemlich zuversichtlich.“

„Das müssen Sie mir schon erklären, Lenna!“

Sie blickte schon wieder ernst. „Das ist einfach. Ich kenne Ihre Sorte, Mister Copper. Die braucht nur ein Ziel. Und das haben Sie ja.“

„Sie sagen das sehr nett, Lenna“, lächelte Buster Tom. „Aber um aus dieser Gluthölle lebend hinauszukommen, benötigt auch meine Sorte Wasser.“

Sie lächelte jedoch nicht zurück, wie er erwartet hatte. Sie blickte kurz über die Schulter und sah ihn dann wieder ernst an. „Nehmen Sie sich vor Lazero in acht, Mr. Copper! Dieser Schurke ist zu allem fähig.“

„Nur keine Sorge!“, versetzte Buster Tom. „Ich kenne unser Gepäck“, spielte er auf die Banditenbeute an. „Und ich weiß auch, was ich von jedem hier zu halten habe.“

„Passen Sie auch auf Dunham auf!“

„Und Momo?“, lächelte Buster Tom.

„Momo tut, was ich sage“, antwortete sie.

„Und was sagen Sie ihm?“

„Ich habe ihm gesagt, dass er auf Sie achtgeben soll.“

Buster Toms Lächeln vertiefte sich. „Ich habe immer und zu allen Zeiten auf mich selbst achtgeben können.“

Daraufhin schwieg Lenna. Aber sie wich nicht mehr von Buster Toms Seite, was ihm keineswegs lästig war.

*

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GEGEN MITTAG ERREICHTEN sie felsiges Terrain. Es gab Schatten in dieser Gluthölle, und so hielten sie zu einer Rast an. Lenna wich auch während der Pause nicht aus seiner Nähe, brachte ihm seine Portion Wasser und sorgte dafür, dass er sich ausruhen konnte.

Als sie aufbrachen, kam Dunham zu ihm. Er war sehr bleich im Gesicht und trug den Arm in einer Schlinge.

„Hüten Sie sich vor Lenna!“, raunte Dunham. „Sie ist eine Schlange.“

Buster Tom umfasste das Sattelhorn, um sich hochzuziehen. Dabei sah er Dunham an. „Ich besitze nicht nur eine Ranch, sondern auch eine Familie.“

Dunham grinste dünn. „Lenna hat alle Chips auf Sie gesetzt. Sie hält Sie einfach für den einzigen Mann, der das Gold und Silber hier herausbringen kann.“

„Ich bin nicht taub!“, versetzte Buster Tom.

Lazero tauchte hinter Dunham auf. Aber da erschien auch schon Momo. Er grinste breit und freundlich, griff nach den Zügeln von Buster Toms Pferd und sagte: „Sie sollten aufsteigen, Mr. Copper.“

Buster Tom schwang sicfi sofort in den Sattel. Lenna war schon aufgesessen und blickte herüber. Buster Tom sah sich um. Es war keine bedrohliche Situation. Denn auch Matt und Jimmy waren in der Nähe.

„Weiter!“, rief Buster Tom brummig. „Wir ziehen weiter!“

Dunham, Lazero und Momo liefen zu ihren Pferden und saßen auf. Brastow führte jetzt den Wallach mit der Beute.. Doch es war Brastow anzusehen, dass er alle Hoffnungen aufgegeben hatte, die Beute jemals wieder in die Hand zu bekommen.

Die Kolonne setzte sich in Bewegung. Jimmy, der mit der dunkelhäutigen Schönheit fast am Schluss ritt, kam auf einmal nach vorn gerittten.

„Staubwolken, Vater!“, rief er.

Buster Tom ließ sofort halten und sah sich um. Im Norden und im Westen hingen rauchgraue Wolken am blassblauen Himmel. Sie brauchten nicht lange hinzusehen, um zu erkennen, dass sich die Reiter, die diesen Staub emportrieben, direkt auf sie zubewegten.

„Grenzkavallerie?“, fragte Lenna gespannt.

Buster Tom zuckte die Schultern. „Warum, zum Henker, sollte es nicht Don Pedro sein?“ Er drehte sich im Sattel und sah Lenna an, die seinem Blick sofort auswich.

„Haben wir noch eine Chance?“, wollte Brastow wissen. „Ich für meinen Teil bin zum Kämpfen nicht aufgelegt. Es sei denn, du entschließt dich jetzt und hier, die Beute unter uns aufzuteilen.“

Er sah Buster Tom herausfordernd an.

„Wir müssen umkehren, Tom“, warf da Matt ein. „Die Reiter bewegen sich von Norden und Westen her auf uns zu. Die wissen auch, warum. Im Osten befinden sich die mörderischen Asbestfelder, deren Staub jeden Menschen und jedes Tier umbringen. Bleibt uns also nur der Süden. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass wir auch dort bald eine Staubwolke zu Gesicht bekommen.“

„Versuchen wir einfach, durch die Asbestfelder zu entkommen, wenn die Burschen schon nicht damit rechnen“, meinte Lenna.

„Das hat noch keiner geschafft“, sagte Matt.

„Irgendwann wird alles zum ersten Mal versucht und auch bewältigt“, erwiderte sie sofort.

„Wir würden keine hundert Schritte in die Asbestfelder hineinkommen“, erklärte ihr Buster Tom. „Der Asbeststaub ist für jedes Lebewesen Gift. Er setzt sich in die Atemwege und klebt sie zusammen. Wir würden alle ersticken. Nein! Matt hat recht. Wir müssen umkehren.“

„Einen Augenblick!“, rief da Dunham mit Schärfe in der Stimme. „Sie haben das Kommando an sich gerissen, Copper. Ich war von Anfang an bereit zuzusehen, bis Sie Ihren ersten verhängnisvollen Fehler machen.“

„Kehrt!“, rief Buster Tom und brachte sein Pferd in Gang. „Wir weichen nach Süden aus.“

Dunham zog den Revolver, um ihn auf Buster Tom zu richten. „Gegen meinen Willen geschieht jetzt nichts mehr!“

Buster Tom blickte gelassen auf die Waffe. Dunham hockte direkt neben ihm auf dem Pferd. Sein Daumen zog den Hammer zurück. Als er Buster Tom erschießen wollte, fegte dessen Fuß aus dem Bügel und trat ihm den Colt aus der Faust.

Der Schuss krachte. Aber das Geschoss fauchte himmelan.

Lazero wollte wütend eingreifen. Aber hinter Dunham standen schon Jimmy und Momo bereit. Außerdem griff Matt zur Waffe. Seih Gewehr flog hoch und unterband jede weitere Bewegung.

Dunham rieb sich die Hand, das Gesicht schmerzverzogen. „Das wirst du mir büßen, Copper!“, fauchte er.

Buster Tom blickte spähend nach Norden, dann nach Westen. „Vielleicht werden das andere verhindern“, sagte er zu Dunham. „Nun haben wir hier keine Zeit mehr zu verlieren. Jimmy, lass dir Dunhams Fernglas geben und sieh nach. Ich muss genau wissen, mit wem wir es zu tun haben. Wir reiten direkt südwärts, Junge.“

Jimmy hob die Hand, ritt zu Dunham und wartete. Dunham zögerte. Doch dann händigte er Jimmy das Glas aus. Jimmy galoppierte sofort davon.

„Weiter!“, rief Buster Tom.

Er wartete, bis sie ihn alle passiert hatten. Dann folgte er.

*

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SIE RITTEN EINER HINTER dem anderen. Lenna befand sich mitten in der Kolonne. Doch nur ein paar Pferdelängen, dann scherte sie aus und wartete auf Buster Tom, um an dessen Seite weiterzureiten.

Buster Tom lächelte knapp, schwieg sich aber aus.

„Ich hatte Sie vor Dunham gewarnt, Mr. Copper!“, meinte sie und musterte ihn verstohlen.

„Es ist fast verständlich, wie er sich benimmt“, erwiderte Buster Tom. „Er hat schließlich eine Menge unternommen, um Don Pedro hereinzulegen.“

„Wollen Sie ihm die Beute wirklich abnehmen, um sie den Behörden zu übergeben?“

„Ich denke, Sie kennen meine Sorte?“ Sie schwieg eine Weile und blickte dabei starr geradeaus. „Wissen Sie, was das alles wert ist?“, fragte sie dann.

Buster Tom zuckte mit den Schultern.

„Es ist Schmuck, Silber und Gold im Wert von einer halben Million Dollar!“, sagte sie. „US Dollar!“

„Eine nette Summe, die sich diese Halunken da zusammengeraubt haben“, meinte er.

„Die Leute, denen die Dinge gehörten, leben entweder nicht mehr oder haben den Besitz längst verschmerzt.“

Buster Tom sah sie an. „Was wollen Sie, Lenna?“

Sie erwiderte seinen Blick. „Am Leben bleiben! Zunächst jedenfalls denke ich nur daran. Sie sind ein starker Mann, Mr. Copper. Wir haben einen Wasservorrat, der zwei Tage reicht. Statt zur Grenze hinauf, wo es Wasserstellen gibt, ziehen wir noch tiefer in die Wüste hinein.“

„Ja, aber nicht freiwillig!“, brummte er.

„Sie müssen doch irgend eine Absicht verfolgen, sonst reiten wir ja direkt in den Tod!“

„Ich weiß! Aber was wir zu tun haben, hängt nicht von meiner Entscheidung ab.“

„Dunham hat eben nur daran gedacht, die Führung wieder an sich zu reißen“, sagte sie. „Jetzt wird er bereits wieder an die Beute denken, daran, wie er sie gewinnen kann. Den anderen, Lazero, Mono und Brastow, geht nichts anderes durch die Köpfe. Sicherlich wird sich auch Matt Gedanken darüber machen. Die Chance, steinreich zu werden, wem bietet die sich schon im Leben? Doch morgen, vielleicht schon heute Abend, wird sich jeder erinnern, wo wir uns befinden und wie wenig Wasser wir haben. Wir sind einfach zu viele Menschen, Tom.“

Buster Tom lächelte salzig. „Soll ich ein paar von uns erschießen?“

Lenna schaute geradeaus. Auf einmal sah sie ihn starr an. „Tom, Sie begreifen nicht, was ich Ihnen anbiete!“

„Doch, ich begreife sehr wohl!“, versetzte er. „Doch ich bin einer von den komischen Vögeln, denen Reichtum sehr wenig bedeutet, und die für Geld nicht alles tun.“

„Und ich? Bedeute ich Ihnen nichts?“

Buster Tom sah sie lange an. „Nein!“, sagte er dann; bereute es aber sofort, weil ihm schlagartig klarwurde, dass sie sich nun nach anderen Verbündeten umsehen würde. Er wollte ihr die Hand auf den Arm legen, um dieses Nein abzuschwächen. Doch er brachte es nicht fertig und fand auch keine Worte dafür.

Sie war nicht verletzt. Sie lachte sogar und blieb an seiner Seite.

Eine Stunde später kam Jimmy nachgeritten. Buster Tom hielt und wartete. Auch da blieb Lenna an seiner Seite.

Jimmy parierte sein schweißnasses Pferd vor ihnen. „Es sind keine Soldaten, Boss!“, schnaufte er. „Jedenfalls habe ich keine Uniformen erkennen können. Es sind zwei wilde Haufen von ungefähr zwanzig Mann.“

„Don Pedro, mit allem, was er aufbieten konnte!", knurrte Buster Tom. „Dunham ist ein Schwachkopf! Wer einem Kerl wie Don Pedro auch nur das Schwarze unter dem Fingernagel wegkratzen will, der muss zehnmal gescheiter sein als Dunham.“

„Was soll jetzt werden?“, fragte Jimmy. „Die Kerle folgen uns. Wir ziehen eine Fährte wie ein Rudel Wildschweine. Werfen wir doch die Beute einfach ab, Vater! Don Pedro wird sich einen Dreck um uns kümmern, wenn er nur seinen Besitz wieder hat.“

„Da kennt ihr Don Pedro schlecht, ihr beiden“, sagte Lenna.

„Wir halten den Abstand, Jimmy“, sagte Buster Tom, während er spähend nach Norden blickte. „In der Nacht schwenken wir dann ab. Bei Tag hat es keinen Sinn, die Spur zu verwischen, wenn wir den Staub über uns haben.“

„Das halten die Pferde nie durch“, meinte Jimmy.

„Es ist unsere einzige Chance!“, erklärte Buster Tom, zog das Pferd um die Hand und ritt der Kolonne nach. Lenna und Jimmy schlossen dicht zu ihm auf.

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SIE RITTEN DEN REST des Tages nach Süden, in diese kochende, steinige und trostlose Weite hinein. Als die Dämmerung hereinbrach, ließ Buster Tom halten, um den Pferden eine Pause zu gönnen. Die Staubfahnen ihrer Verfolger hatten sich vereint. Die Entfernung betrug nur noch knappe fünf Meilen. Der graue Staubschleier im Norden fiel jedoch nicht zusammen wie die Staubglocke, unter der die Männer und die Frauen geritten waren.

Don Pedros Leute zogen unentwegt weiter. Nur die Dämmerung sog diesen grauen Schleier in sich auf, so dass ihn die Männer und die Frauen nicht mehr sehen konnten.

„Matt, verteile an jeden einen Becher Wasser!“, befahl Buster Tom. „Lazero und Mono, macht Tücher nass und wischt den Tieren die Mäuler aus. Seid nicht zu sparsam damit. Wir müssen die armseligen Geschöpfe heute noch mächtig fordern.“

Matt trat an den Wasserschlauch. Er hielt den Becher schon in der Hand. Sie hatten mehrere Becher im Gepäck. Große und kleine. Matt hatte den kleinsten gewählt.

„Kommt her und stellt euch an!“, rief er schwitzend und erschöpft.

Die Frauen gingen sofort zu ihm hin. „Halt!“, brüllte Brastow. Er stand neben seinem Pferd, das Gewehr in den Fäusten, das er auf Matt gerichtet hielt.

Die Frauen hielten erschrocken ein. Alle sahen zu ihm hin.

„Wenn wir auch nur einen Schuss abgeben, Brastow, sind wir geliefert“, sagte Buster Tom. „Don Pedros Leute sind keine fünf Meilen entfernt.“

„Das ist mir gleichgültig!“, kreischte Brastow. Seine Beinverletzung machte ihm zu schaffen. Er hatte Fieber. Sein Gesicht war tiefrot. „Her mit dem Wasser, Matt! Aber nicht in dem verdammten Becher. Ich will den ganzen Sack! Beweg dich!“

Buster Tom ging langsam auf ihn zu. „Vater, bleib!“, raunte Jimmy. „Er ist verrückt.“

Buster Tom stapfte Schritt für Schritt weiter und streckte den Arm aus. „Gib mir das Gewehr, Brastow! Komm, und sei vernünftig! Wir werden es schaffen, verlass dich darauf. Aber sei vernünftig, zum Teufel, und lock die Bastarde, die hinter uns her sind, nicht noch mit einem Schuss heran.“

Brastow schwang die Waffe herum. Dabei taumelte er und prallte mit dem Rücken gegen sein Pferd. „Bleib, wo du bist, Copper, oder ich schieße dich über den Haufen!“

Buster Tom blieb stehen. Er war noch fünf Schritt von ihm entfernt.

„Brastow, alles Wasser der Welt nutzt dir nichts, wenn uns Don Pedro einholt. Du bist ihm weggelaufen und hast geholfen, ihm die Beute vieler Jahre zu entwenden. Denke doch selbst darüber nach.“

„Zurück, Copper! Matt soll mir den Wasserschlauch bringen. Dann sind wir alle fertig miteinander. Brastow empfiehlt sich! Versteht ihr? Lee Brastow macht hier Feierabend. Der will mit euch Hundesöhnen nichts mehr zu tun haben. Ich zerstampfe euch zu Kuhfladen, wenn Matt nicht tut, was ich sage.“

„All right“, sagte Buster Tom und ging gelassen zu Matt, hob den Wassersack vom Pferd und lief damit langsam auf Brastow zu, der ihn überrascht und argwöhnisch zugleich anstarrte.

„Hier ist das Wasser“, sagte Buster Tom. „Nimm es und troll dich, zum Henker. Komm uns nie mehr unter die Augen.“

Es war allen klar, dass er Brastow mit Hilfe des schweren Wasserschlauches zu Boden werfen wollte. Nur Brastow begriff es nicht. Doch alle erkannten auch, dass es eine Chance wäre, einen unnützen Trinker loszuwerden. In ihrem blinden Egoismus, den der wütende Durst in ihnen erzeugte, dachten das auch die Coppers und Matt. Doch es handelten nur Lenna und Lazero danach.

Während Brastow fiebernd auf Buster Tom blickte, zog Lenna einen Colt, den sie, weiß Gott wo, stecken gehabt hatte. Lazero sah das und riss das Gewehr blitzschnell mit hoch. Beide schossen im gleichen Augenblick, und beide trafen auch.

Brastows Kopf flog herum. Er presste die Rechte überrascht auf den Magen und brach in die Knie.

Buster Tom blieb bestürzt stehen und sah zu den beiden hin.

Da begann Brastow zu feuern, ohne zu zielen. Er bediente die Winchester mit einer Hand. Er schoss zweimal, und er traf auch zweimal, bevor ihn Jimmys Kugel tötete und damit abhielt, auf Buster Tom zu schießen.

Buster Tom fegte herum. Sein Blick fiel auf Lenna, die am Boden kniete und sich die Hüfte hielt. Hinter ihr lag das Mädchen, und er sah sofort, dass es tödlich getroffen worden war. Da sank die Mexikanerin auch schon aufschluchzend über dem Mädchen zusammen.

Die Männer stürzten vorwärts. Buster Tom kehrte zu Matt zurück und gab ihm den Wassersack. Dann ging er zu Lenna. Brastows Geschoss hatte sie nicht verletzt. Die Kugel hatte ihr nur den Gürtel aufgerissen und die Haut etwas gerötet.

„Verflucht!“, schimpfte Matt. „Die Schüsse sind bestimmt gehört worden, Tom.“

Buster Tom half Lenna hoch, drehte sich nach Matt um und nickte ihm zu. „Teile Wasser aus! Wir ziehen sofort weiter! Jimmy, du reitest am Schluss und ziehst eine Decke nach! Binde Steine darauf fest, damit sie auch richtig schleift und die Fährte auskehrt!“

„Jetzt sind wir zwei Personen weniger!“, krächzte Matt, als sich Buster Tom einen Becher Wasser bei ihm holte. „Aber um einen Tag länger mit dem Wasser zu reichen, hätte Brastow noch zwei mehr erschießen müssen.“

Buster Tom trank den Becher leer. Langsam. Doch dazu musste er allen Willen aufbringen, der noch in ihm steckte. Dann warf er Matt den Becher zu und wandte sich ab.

Lenna stand neben ihrem Pferd und zog sich den zerfetzten Gürtel aus den Schlaufen der Hose. Nur wenige Schritte von ihr entfernt deckten Lazero, Momo und Jimmy das tote Mädchen mit Steinen zu. Die Mexikanerin kniete daneben. Selbst Dunham war in Ehrfurcht verharrt. Doch Lenna hatte mit sich zu tun. Dabei saß die Hose auch ohne Gürtel.

Buster Tom war mit einem Schritt bei ihr. „Nehmen Sie wenigstens Abschied, solange sie noch zu sehen ist!“, zischte er. „Bedanken Sie sich, dass sie uns ihre Wasserration überlässt.“

Lenna sah auf, Verwunderung im Blick. „Tom, Sie sind nicht ganz der Mann, für den ich Sie bislang gehalten habe“, sagte sie.

„Ich habe nur einen Wunsch!“, sagte er knirschend. „Ich möchte, dass es so lange dauert, bis aus Ihnen ein anderer Mensch geworden ist.“

„Das schaffen Sie nicht einmal, wenn Sie die Ewigkeit zur Verbündeten hätten“, versetzte sie bissig und ging zum Grab hinüber.

Zehn Minuten später waren sie wieder auf dem Ritt und zogen nach Westen in die hereinsinkende Nacht hinein. Jimmy ritt am Schluss und zog die mit Steinen beschwerte Decke hinter sich her. um die Spuren zu verwischen.

*

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ALS DER TAG GRAUTE, war von Don Pedros Staubschleiern nichts mehr zu sehen. Buster Tom wartete, bis er sicher war, die Verfolger abgeschüttelt zu haben. Dann sah er sich nach einem Lagerplatz um.

Sie hatten in den Morgenstunden ein ebenes Steinfeld erreicht, in dem es nicht die geringste Vertiefung gab, die sie vor dem Wind hätte schützen können. Da sich in einiger Entfernung von knapp drei Meilen die Konturen einer Hügelkette erhoben, entschloss sich Buster Tom, den Ritt bis dorthin fortzusetzen. Dass sie bereits dort erwartet wurden, konnte er schließlich nicht wissen. Er konnte es nicht einmal ahnen, zumal es sich dabei nicht um Don Pedros Leute handelte, sondern um Militär, um mexikanische Grenzkavallerie. Was Tage zuvor geschehen war, hatte in den Forts und Garnisonen an der Grenze bereits die Runde gemacht. Und so gab es kaum einen Grenzkavalleristen, der mit den Leuten, die nun Buster Tom anführte, nichts abzumachen gehabt hätte.

Langsam, erschöpft und auf ermatteten Pferden zogen sie auf die Hügelkette zu.

„Sieht grün aus, verdammt noch einmal!“, meinte Matt mit starrem Blick auf die Bergkette. „Ich weiß, es ist eine Täuschung. Aber wir könnten ja Glück haben. Wenigstens einmal im Leben.“

„Es gibt in dieser Hölle kein Wasser“, erwiderte Buster Tom, dem das Sprechen schon Mühe bereitete. „Ich sehe die Hügelkette auch grün. Aber weiß der Teufel, was das ist. Vielleicht hat der Sand in dieser hundsverlassenen Gegend eine andere Farbe. Warum auch nicht?“

„Eine Oase!“, meinte Lenna, die nach wie vor nicht von Buster Toms Seite wich. Auch sie wirkte abgespannt und total erledigt. Aber nun brannte plötzlich Hoffnung in ihren großen dunklen Augen. „In jeder Wüste gibt es Oasen. Das Wort Oase ist ja schließlich keine Erfindung.“

„Diese Wüste, Ma’am, besitzt ihre eigenen Gesetze“, schnarrte Buster Tom. „Eines davon ist, dass es hier keine Oasen gibt. Um das auszudrücken, muss es das Wort Oase schließlich auch geben.“

Sie ritten weiter. Jimmy führte. Ihm folgten Lazero und Dunham. Dann Momo und die Mexikanerin. Buster Tom, Lenna und Matt ritten in einer Reihe am Schluss. Matt führte die Packpferde.

Sie kamen den Hügeln näher und näher. Die Konturen zeichneten sich deutlicher und deutlicher ab. Die grüne Farbe blieb. Doch dann erkannten sie, dass die Hügelkette von einem riesigen Kandelaberkakteenfeld überzogen war. Oben auf den Hügeln waren die Kakteen groß und wuchtig wie Bäume.

„Kein Gras und kein Wasser!“, japste Matt enttäuscht.

Jimmy hielt dicht vor dem ersten Hügel an und winkte Buster Tom nach vorn. Buster Tom ritt schnaufend und schwitzend an den anderen vorüber. Neben Jimmy blieb der grobknochige Braune von selbst stehen.

„Sieh dir das an, Vater!“, krächzte Jimmy und wies auf die Erde. „Hier sind Wagen vorübergefahren. Das kann höchstens Stunden her sein.“

Buster Tom entdeckte die schmalen Furchen nicht sofort. Doch als er sie sah, reckte und straffte sich seine Gestalt. Matt kam nach vorn.

„Wagen!“, keuchte Buster Tom und schwang sich aus dem Sattel. „Hier sind Wagen gefahren! Hast du nicht vorhin etwas vom wenigstens einmal Glück haben gesagt?“

Buster Tom stapfte die Wagenspuren entlang. Seine Stiefel weckten ein klirrendes Geräusch auf dem mit unzähligen Steinen bedeckten Boden. Dann kam er zurück und lachte. „Die sind vor wenigen Stunden hier vorbei gekommen. Nach Norden hinauf! Wenn die sich noch bewegen, müssten wir von den Hügeln aus eigentlich die Staubfahne sehen.“

Matt stützte sich schwer auf das Sattelhorn. „Wo sollen die herkommen, und wo sollen die hin wollen? Kann mir das vielleicht jemand erklären? Lazero! Dunham!“

Lazero zog sich den großen Sombrero tiefer in die Stirn.

„Wasser werden die haben!“, meinte Momo. „Bestimmt!“

„Diese Leute werden sich für einen solchen Zuwachs, wie wir ihn darstellen, bedanken“, warf Lenna ein.

„Wir sollten uns nur verdammt vorsichtig an sie heranpirschen“, sagte Dunham düster. „Bestimmt haben wir mit einem überraschenden Angriff eine Chance.“

„Vielleicht verdanke ich dir nicht nur meine Freiheit, sondern auch mein Leben“, sagte Jimmy langsam. „Aber ein Schakal bist du trotzdem!“

Dunham lächelte gelassen. „Wenn ich die Wahl habe, durch eine Gemeinheit am Leben zu bleiben oder ehrlich zu verrecken, und auch noch ganz gegen meinen Willen zur Entscheidung gezwungen werde, weiß ich, was ich zu tun habe.“

„Gegen deinen Willen?“, krächzte Buster Tom. „Wer in die Hölle hineinbläst, muss damit rechnen, dass ihm das Feuer ins Gesicht schlägt. Wir rasten hier! Und zwar dort drüben. Jimmy, gib mir das Glas, ich werde den Hügel hinaufreiten. Vielleicht kann ich etwas sehen.“

„Sollten wir uns nicht unverzüglich nordwärts wenden?“, zischte Dunham.

„Ja, das meine ich auch!“, pflichtete Lenna bei.

Buster Tom trat an Jimmys Pferd und ließ sich von ihm Dunhams Glas geben. „Wir rasten dort drüben, Junge!“, sagte er scharf. „Wer nicht so will, wie ich das befehle, dem jage ich eine Kugel durch den Kopf! Wir haben ohnehin zu wenig Wasser für alle.“

Er wandte sich ab, blickte dabei auf den von Kakteen überwucherten Berghang und erstarrte. Lenna, die in seine Richtung blickte, stieß einen leisen Schrei aus. Dann krachte ein Schuss, und die Kugel peitschte über die Reiter hinweg.

Überall auf dem Berghang waren plötzlich mexikanische Soldaten zu sehen. Hinter jedem Stein und jedem Kandelaberkaktus schien ein Kavallerist gelegen zu haben. Von ihren Pferden war nichts zu sehen. Die Tiere standen vermutlich hinter dem Hügelrücken.

Buster Tom ließ das Glas sinken und schaute auf die vielen schussbereiten Gewehre, die sie geradezu teuflisch anstarrten. Seiner Meinung nach war ein Kampf zwecklos. Auch ein Fluchtversuch erschien ihm irrsinnig. Es sei denn, sie wären entschlossen gewesen, sich bereits in den nächsten Sekunden umbringen zu lassen.

Doch Dunham und Lazero dachten anders. Sie tauschten einen kurzen Blick miteinander aus. Lazero kappte die Zügel jenes schwarzen Wallachs, die sich Matt ums Sattelhorn gewickelt hatte, neigte sich langsam zur Seite und ergriff den mit dem Gold und dem Silber beladenen Rappwallach am Halfter.

Buster Tom hob in Richtung der Soldaten die Hand und drehte sich um. „Steigt ab! Es ist zwecklos!“, rief er krächzend.

In diesem Moment galoppierten Dunham und Lazero an.

„Tom!“, schrie Lenna wütend auf. Doch dann folgte sie den beiden. Mit einem wilden Sporenschlag brachte sie ihr Pferd aus dem Stand heraus in Galopp.

„Lenna! Dunham!“, rief Buster Tom mit Stentorstimme. Dann duckte er sich und winkte den anderen. „Von den Pferden! Deckung!“

Da begann es zwischen den Kakteen zu krachen und knattern. Buster Tom warf sich lang auf den Bauch, dabei entdeckte er voller Entsetzen, dass nur Jimmy und Matt reagierten. Momo und die Mexikanerin stürzten getroffen zu Boden.

Buster Tom schaute den Reitern nach. Nur Dunham und Lenna ritten noch. Doch da brach Lennas Pferd schon zusammen. Sie flog im hohen Bogen aus dem Sattel. Sekunden später stürzte auch Dunham vom Pferd, die Arme weit vom Körper gereckt.

Dann trat schon Ruhe ein. Rauchschwaden streiften durch das Kakteenfeld. Die Soldaten kamen den Hang heruntergerannt.

„Waffen weg!“, zischte Buster Tom Jimmy und Matt zu, die ihre Gewehre beim Sprung noch aus den Scabbards gerissen hatten. Beide waren gescheit genug, auch dieser Anordnung nachzukommen. Dann richteten sie sich alle drei auf und hoben die Arme.

Während sie, von den Soldaten umringt, zu Boden geworfen und nach Waffen abgetastet wurden, sah Buster Tom, wie eine Gruppe Soldaten auf den schwarzen Wallach feuerte, weil sie ihn zu Fuß nicht mehr einholen konnten. Er war im gestreckten Galopp weitergejagt, Don Pedros Beute auf dem Rücken. Das Tier brach auf der Stelle zusammen, und die Soldaten rannten zu ihm hin.

Momo und die Mexikanerin waren tot. Soldaten führten Lenna weg. Auch Dunham und Lazero waren nicht mehr am Leben.

„Ich möchte den Offizier sprechen!“, schnaufte Buster Tom, als auch sie hochgetrieben und zu den Kakteen geführt wurden. Antwort bekam er jedoch erst, als er sein Verlangen auf spanisch wiederholte.

„Der Coronel wartet da oben auf dich, Amigo“, grinste einer der Soldaten. „Der Mann an seiner Seite ist der Henker.“

Buster Tom, Jimmy und Matt blickten angestrengt den Hang empor. Aber sie sahen nur Kakteen und Gestalten, die sich dazwischen aufwärts bewegten.

Den Coronel bekam er erst zu Gesicht, als sie den anderen Hang wieder hinabgeführt wurden, an dessem Fuß die Pferde der Soldaten standen und zwei Wagen, deren Spuren es wohl waren, die sie da vor dem Hügel entdeckt hatten.

Doch der Coronel ließ sich nicht sprechen. Ein junger Teniente (Leutnant) kam zu ihnen, als sie an den ersten der beiden Bagagewagen gefesselt wurden.

„Ein Kriegsgericht hat Sie und Ihre Leute bereits vor Tagen zum Tode verurteilt“, sagte er höflich zu Buster Tom. „Wir werden es im Morgengrauen vollstrecken.“

„Was werfen Sie uns vor?“, keuchte Buster Tom. „Ich meine, mir, meinem Sohn und diesem anderen Mann da?“

Die rechte Augenbraue des Offiziers zuckte. „Es wird schnell gehen. Wir haben eine Maquina - eine Maschinenkanone. Eine Salve. Es wird nicht einmal weh tun.“

„Wollen Sie meinen Vater nicht wenigstens anhören!“, rief Jimmy. „Wir haben mit allem nichts zu schaffen.“

Der Teniente lächelte. „Reden Sie, Mann!“, forderte er Buster Tom auf. „Ich höre.“

Er zog ein gelangweiltes Gesicht. So kostete es Buster Tom noch mehr Mühe zu sprechen, was ihn ohnehin schon anstrengte. Er erzählte dem Offizier, wie sie von Don Pedro überfallen worden waren und als Sklaven nach Ensenada mit noch fünfzig anderen armen Teufeln hatten verkauft werden sollen. Dass Dunham sie aber befreite, doch nur, weil er Männer benötigte, um Don Pedros Camp auszurauben, solange sich der Banditenboss auf dem Marsch nach Ensenada befand. Er beteuerte mehrfach, von allem keine Ahnung gehabt zu haben und blind in die Ereignisse hineingeschlittert zu sein. Er berichtete, dass Dunham den Offizier erschossen habe und dass sie zuletzt vor Don Pedros Banditen auf der Flucht gewesen seien.

Der Teniente gähnte oft. Doch als Buster Tom davon sprach, dass Don Pedros Leute in der Nähe seien, wurden seine Augen schmal, und seine Haltung begann sich zu straffen. Als Buster Tom schwieg, ging er einfach weg.

Die drei sahen sich bekümmert an. Die Wachen grinsten.

„Wenn du nicht gelogen hast, Alter, und Don Pedro ist mit seinen Leuten wirklich in der Nähe, kommt ihr vielleicht mit dem Leben davon“, meinte einer der Soldaten. „Unser Coronel ist nämlich der Hahn, der die Henne Don Pedro nicht finden kann. Und das macht ihn verrückt. Wenn er aber jetzt von seiner Henne etwas hört, wird er euch vielleicht darüber vergessen.“

„Wenn wir ihn auf die Spur bringen, könnte er uns wenigstens laufenlassen“, meinte Matt und grinste zurück.

„Vielleicht!“, meinte ein anderer. „Vielleicht! Aber das Hasenspiel muss einer von euch bestimmt gewinnen. Unser Coronel ist ein ziemlich vergnügungssüchtiger Bursche.“

„Hasenspiel?“, fragte Matt und verzog das Gesicht.

„Ja, Amigo! Hasen- oder Karnickelspiel“, erwiderte der Mexikaner, und die anderen grinsten wieder satt, breit und vergnügt. „Einer von euch wird rennen und den Haken schlagenden Hasen spielen. Unser Gabo Rodriguez spielt den Jäger. Zu Pferd und nur mit einer Lanze bewaffnet. Erreicht der Hase die Ziellinie, seid ihr frei. Im anderen Fall sterben die anderen mit ihm. Im gleichen Augenblick! Durch die Maschinenkanone, vor der sie während des Spieles stehen.“

„Und wie geht das immer aus?“, krächzte Matt.

„Unser Cabo (Unteroffizier) ist ein verdammt geschickter Reiter, aber ein noch besserer Lanzenwerfer“, bekam er Antwort.

Buster Tom, Matt und Jimmy sahen sich an. Jeder war bleich unter der Staub- und Schweißschicht, die ihre bärtigen Gesichter bedeckte.

Der Tag verging jedoch, ohne dass sich etwas tat. Die Gefangenen erhielten zu essen und genug zu trinken. Lenna bekamen sie nicht zu sehen, obwohl auch sie sich im Lager der Grenzbrigade des Coronels befand.

Patrouillen ritten fort und kehrten zurück. Doch weder Hast noch Unruhe unter den Soldaten verriet den drei Circle C-Männern, ob die Bande von Don Pedro gesichtet worden war.

*

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ALS SIE JEDOCH AM ANDEREN Morgen erwachten, war das Lager leer. Der Coronel war irgendwann in der Nacht zu einem Feldzug gegen die Banditen aufgebrochen, wie die Männer bald von den Wachen erfuhren. Ein Zug von zwanzig Kavalleristen befand sich unter Führung des jungen Teniente bei den Wagen und den Gefangenen.

Ringsum auf den von Kakteen überwucherten Höhen standen Posten. Die Gefangenen wurden von drei Kavalleristen bewacht.

Buster Tom sah sich zweifelnd um und rieb sich den faltigen Hals. „Der Coronel müsste an Don Pedro geraten und in Bedrängnis kommen, dass er die Burschen hier als Verstärkung anfordert“, brummte er. „Dann hätten wir vielleicht eine Gelegenheit.“

„Daran habe ich auch schon gedacht“, erwiderte Matt. „Es wäre wirklich unsere einzige Chance.“

„Da!“, zischte Jimmy und stieß seinen Vater an. „Was soll das geben?“

Buster Tom und Matt blickten in seine Richtung. Die drei Wachen erhoben sich und grinsten wieder breit, satt und freundlich. Ein Trupp von sechs Soldaten schob auf einem kleinen Karren eine Maschinenkanone vor ihnen in Stellung. Die drei erbleichten und schluckten und spürten, wie ihnen der Schweiß ausbrach. Es war bereits Tag, aber die Sonne war noch nicht hochgekommen.

„Sie bringen uns um!“, keuchte Matt.

Da tauchte auch schon der Teniente auf. Hinter ihm führten zwei Soldaten Lenna heran. Die Wachen befahlen den Männern, aufzustehen und sich vor den Wagen zu stellen. Buster Tom fuhr sich über das Gesicht. Es war klatschnass.

„Kein Gericht der Welt könnte uns verurteilen!“, keuchte Matt, nacktes Entsetzen in den Augen.

Lenna musste sich neben die Männer stellen. Sie sah bleich, verstört und übernächtigt aus. Trotz seiner Todesfurcht fragte sich Buster Tom, ob sie auch in dieser Situation noch an das Gold und das Silber dachte, das sich nun in den Händen dieser Grenzbrigade befand.

Der Teniente blieb vor Buster Tom stehen und salutierte. „Der Coronel ist kein undankbarer Mann. Er ist durch Ihren Hinweis auf Don Pedros Bande gestoßen. Vermutlich existiert sie schon nicht mehr. Er hat das Urteil aufgehoben, demzufolge Sie jetzt alle sterben müssten.“

Er drehte sich um und blickte zu einer Gruppe von vier Reitern hin, die langsam über den Platz geritten kam. Buster Tom konnte nach seinen Worten nicht aufatmen, denn einer dieser Reiter war mit einer Lanze bewaffnet. Dann war da auch noch diese fürchterliche Maschinenkanone, deren Laufkranz sie aus einer Entfernung von zehn Schritt tödlich angrinste, wie es Buster Tom schien.

Der Teniente sah ihn wieder an. Seine rechte Augenbraue zuckte nervös und spöttisch zugleich. „Sehen Sie die mannshohen Klippen da drüben?“, fragte er und wies nach Süden.

Buster Tom sah sie und nickte. Die Entfernung bis zu den Steinen, die da schwarz und trüb aus dem Grau des aufkommenden Tages leuchteten, betrug über fünfhundert Yard.

„Einer von euch kann euch allen das Leben retten“, sagte der Teniente. „Er braucht nur den Wettlauf gegen unseren Lanzenreiter zu gewinnen. Lasst den Jungen laufen, Alter! Der ist schneller und gewandter als du selbst. Sollte er jedoch von der Lanze getroffen werden, sterbt ihr anderen durch die Maschinenkanone. Die Reiter an den Klippen werden dem Schützen an der Maschinenkanone das Signal geben. Im anderen Fall könnt ihr mit der Frau sofort zu dem Jungen hinübergehen und mit ihm verschwinden. Beratet euch, wer laufen soll. Ihr habt fünf Minuten Zeit dazu.“

Er salutierte erneut und machte kehrt.

Die Männer blieben eine Weile von lähmendem Entsetzen gepeinigt stumm stehen und blickten auf die Reiter, die sich vor den Klippen zu einer Reihe postierten. Der Lanzenreiter, ein Cabo, war abgestiegen, hatte die Lanze in den Boden gestoßen und zog seinem Pferd den Bauchgurt nach.

„Ich werde gehen!“, krächzte Buster Tom.

„Bist du verrückt?“, erwiderte Jimmy. „Der Kerl hat recht. Ich bin jünger, schneller und gewandter als du und Matt zusammen.“

„Nach all dem, was wir in den letzten Tagen durchgemacht haben, stimmt das so nicht“; brummte Buster Tom. „Ich bin zwar älter, aber ich bin zäher! Allemal!“

Jimmy trat einfach nach vorn. „Ruft den Teniente!“, sagte er zu einem der Kavalleristen.

Buster Tom wollte ihn zurückreißen. Aber Matt hielt ihn auf.

„Tom! Wer immer auch von uns zu diesem teuflischen Spiel antritt! Wenn er stirbt, sterben wir mit. Wir werden keine Zeit bekommen, uns Vorwürfe zu machen. Lass ihn gehen! Er besitzt wirklich die besseren Chancen, sofern man bei dieser ungleichen Partie überhaupt davon sprechen kann.“

Die Soldaten riefen den Offizier. Der Lanzenreiter schwang sich in den Sattel und kam herübergeritten. Er war ein kleiner, aber unheimlich biegsamer und drahtiger Bursche. In seinem Koppel hatte er einen Colt und ein Messer stecken. Er musterte Jimmy gelassen, als er hielt.

Der Offizier nickte, legte Jimmy die Hand auf die Schulter. „Wenn ich sage: jetzt, läufst du. Ich atme nur einmal durch, dann bekommt der Lanzenreiter das Zeichen. Lauf wie ein Teufel, Junge! Sobald du die Kette der drei Reiter passiert hast, seid ihr frei. Versuche es wenigstens zu schaffen.“

Jimmy nickte und schaute sich noch einmal um.

Buster Tom wollte ihm irgend etwas sagen, das ihn aufmunterte. Doch ihm fiel nichts ein. Matt erging es ebenso.

„Ich danke dir, Jimmy!“, ließ sich Lenna vernehmen, die Buster Tom für den Augenblick vollkommen vergessen hatte. Er blickte zu ihr hinüber. Sie sah zu ihm her und lächelte bleich.

Da gab der Offizier Jimmy das Kommando.

Jimmy sauste los wie vom Teufel getrieben.

„Cabo!", brüllte der Offizier.

Der Reiter legte die Lanze ein und warf sein Pferd aus dem Stand heraus vorwärts. Buster Tom und Matt hielten den Atem an.

Als der Reiter angaloppierte, blieb Jimmy plötzlich stehen und drehte sich um. Gebückt, die Arme abgespreizt, stand er da und starrte dem Reiter entgegen, der mit gesenkter Lanze auf ihn zugejagt kam.

„Lauf, du Idiot!“, brüllten die Kavalleristen.

Der Offizier schüttelte den Kopf. „Ein Narr ist das!“, murmelte er.

Förmlich im allerletzten Augenblick sprang Jimmy mit einem weiten Satz zur Seite. Der Cabo versuchte die Lanze über den Kopf des Pferdes hinwegzuschwingen und zuzustoßen. Aber da war er schon an Jimmy vorbeigefegt.

Jimmy wartete, bis er erkannte, um welche Hand der Reiter sein Pferd herumwerfen würde, dann wich er zur anderen Seite hin aus und rannte in weitem Bogen auf die Reiterkette vor den Klippen zu. Bis er den Cabo wieder angaloppieren hörte. Als er abermals stehenblieb und sich dem Reiter zuwandte, riefen die Kavalleristen nicht mehr, dass er ein Idiot sei. Atemlos, wie Buster Tom, Matt und auch Lenna, verfolgten sie den Kampf.

Jimmy duckte sich und wartete, bis der Reiter die Lanze wieder senkte, um sie ihm durch die Brust zu stoßen. Der Cabo nahm die Lanze abermals tief herunter. Jimmy sprang dicht vor dem Pferd auf die andere Seite. Der Cabo preschte fluchend an ihm vorbei und warf das Pferd auf der Hinterhand herum.

Jimmy wich wieder aus und stürzte auf die Kette der Reiter zu, die die Ziellinie für ihn markierten. Doch diesmal kam er nicht sehr weit. Der Cabo hatte rascher gewendet. Jimmy blieb stehen. Er atmete heftig und wankte etwas.

Der Reiter galoppierte nicht blind darauf los, wie beim ersten Male. Er stoppte kurz, wickelte die Zügel um die Faust, richtete die Lanze empor, hielt sie dann hoch über den Kopf und jagte vorwärts.

Jimmy blickte ihm aus schmalen Augen entgegen. Als das Pferd dicht vor ihm war, sprang er nach rechts weg. Der Cabo riss das Pferd in den Stand, neigte sich nach rechts aus dem Sattel und stieß zu.

Jimmy fiel!

Buster Tom drohte das Herz stehen zu bleiben. Der Schütze an der Maschinenkanone neigte sich über die Visiereinrichtung und schwenkte den Laufkranz auf Lenna.

„Warte!“, murmelte der Teniente und legte dem Schützen kurz die Hand auf die Schulter.

Jimmy war nur gestolpert. Dort, wo er zu Fall gekommen war, steckte die Lanze zitternd im Boden. Jimmy war bereits auf den Beinen und rannte geradewegs auf die Reiterkette zu. Der Cabo ritt langsam an die Lanze, zog sie aus dem Boden und galoppierte wieder an.

Für die Grenzkavalleristen war es ein spannendes Spiel. Noch lagen alle Vorteile bei ihrem Cabo. Jimmy hatte nicht einmal die Hälfte der Strecke bewältigt, als sich ihm der Lanzenreiter erneut näherte.

Jimmy machte wieder kehrt und spreizte die Arme ab, duckte sich gespannt. Doch er war schon ziemlich erschöpft. Er keuchte, war schweißnass und wankte wie ein Halm im Wind.

„Mein Gott!“, rief Matt. Er und Buster Tom schwitzten nicht weniger als Jimmy.

Wieder nahm der Cabo das Pferd kurz auf, galoppierte dann scharf vorwärts und hielt die Lanze hoch über dem Kopf, um nach beiden Seiten zustoßen zu können.

Diesmal rannte Jimmy jedoch nicht weg. Er trat nur zur Seite. Die Lanze flog trotzdem durch die Luft und fauchte hinter ihm in den Boden. Während der Cabo sein Pferd drehte, sprang Jimmy zur Lanze, riss sie aus dem Boden, richtete sie auf den Reiter und wich langsam zurück.

Ein Raunen ging durch die Reihe der Kavalleristen, die neben der Maschinenkanone standen. Dieser ungleiche Kampf nahm sie derartig gefangen, dass Buster Tom, Matt und Lenna hätten weglaufen können. Was sie vermutlich auch getan hätten, wenn da vorn nicht Jimmy um sein und um ihr Leben kämpfte.

Der Cabo hatte angehalten und zog den Revolver.

„Das Messer! Das Messer, Cabo!“, rief da der Teniente. „Oder reiten Sie ihn einfach um. Trampeln Sie ihn nieder.“

„Ja, trample den Hund nieder!“, brüllten die Soldaten im Chor.

Der Cabo blickte auf den Revolver, schob ihn dann zurück und zog das Messer. Jimmy lief rückwärts gehend in Richtung der Ziellinie, die Lanze dem Reiter entgegengereckt, der sich zum Angriff nicht so schnell entschließen konnte.

Buster Tom und Matt zitterten vor Spannung und Furcht und schwitzten förmlich Blut und Wasser.

„Mein Gott, warum rennt er nicht?“, keuchte Matt.

„Lauf doch, Junge! Lauf!", krächzte auch Buster Tom.

In diesem Moment galoppierte der Cabo wieder an. Dabei beugte er sich tief auf den Hals des Pferdes, das Messer in der Faust.

Jimmy blieb stehen, die Lanze mit beiden Fäusten umspannt und das Ende gegen den Boden gereckt.

„Achtung!“, brüllten die Kavalleristen. „Er schlachtet dein Pferd!“

Der Cabo wendete hart vor der Lanze und ließ sich aus dem Sattel fallen. Er überschlug sich einmal und stand dann aufrecht vor Jimmy, der die Lanze mit einem wilden Ruck zur Seite schleuderte. Dann rannten sie schon gegeneinander, umklammerten sich und stürzten zu Boden.

Buster Tom stapfte zu dem Teniente. „Der Kampf ist doch beendet!“, polterte er mit Stentorstimme. „Zwingen Sie die beiden nicht, sich gegenseitig umzubringen.“

Der Teniente sah ihn mit einem verständnislosen Ausdruck in den Augen an und stieß ihn wütend zurück. Buster Tom kam es vor, als wäre er gar nicht verstanden worden.

Als er wieder zu den Kämpfenden schaute, richtete sich Jimmy gerade auf, drehte sich suchend im Kreis, bückte sich nach dem Hut und der Lanze und lief damit auf die Reiter zu.

„Er hat ihn bewusstlos geschlagen!“, riefen die Soldaten. „Mit einem einzigen Hieb hat er den Cabo erledigt.“

Der Teniente starrte schweigend hinüber. Er war vor Wut richtig grau im Gesicht.

Die Reiter zogen sich vor Jimmy bis an die Klippe zurück. Doch der Cabo kam nicht mehr auf die Beine. Als Jimmy die erste Klippe erreichte, die Lanze dort in den steinigen Boden rammte und sich erschöpft gegen den Fels lehnte, drehte sich der Teniente um.

„Ihr seid frei!“ rief er Buster Tom zu. „Verschwindet! Rasch!“

Buster Tom, Matt und Lenna setzten sich sofort in Bewegung. Erst liefen sie nur. Doch nach drei Schritten rannten sie schon.

„Holt den Cabo her!“, hörten sie den Teniente befehlen. „Bindet ihn vor den Laufkranz der Maschinenkanone. Eine Salve! Er hat seinem Vaterland keinen Dienst erwiesen.“

Doch dazu kam es nicht mehr.

Buster Tom, Matt und Lenna rannten, was sie konnten. Keiner von ihnen dachte daran, dass sie ihr Leben noch längst nicht gerettet hatten, denn die mexikanischen Grenzkavalleristen entließen sie ohne Waffen, Pferde und Wasser in die Wüste. Sie wollten Jimmy umarmen, sich bei ihm bedanken, dass er diesen Kampf für sie alle gewonnen hatte.

Doch auch dazu kam es nicht mehr.

*

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ALS BUSTER TOM SEINEN Sohn erreichte, knallte es plötzlich ringsum auf den Höhen. Eine Serie von Schüssen zerfetzte die Stille. Buster Tom, Matt und Lenna ließen sich erschrocken auf die Knie fallen und sahen sich um, weil sie glaubten, dass sie doch noch umgebracht werden sollten.

Doch auch die zwanzig Kavalleristen verharrten im jähen Entsetzen. Buster Tom sah noch, wie der Teniente, von mehreren Schüssen getroffen, zu Boden stürzte.

Dann war es schon wieder still.

„Don Pedro!“, rief Lenna erstickt und presste die Fäuste auf die Brüste. „Um Himmels willen, das ist Don Pedro!“

„Ergebt euch!“, ertönte eine Stimme von einem der Hügel. „Ergebt euch und sprecht euer letztes Gebet. Wer von uns nicht erschossen werden will, der möge sich selbst umbringen.“

Die Kavalleristen rannten zu dem Wagen und gingen dort in Deckung. Ein paar von ihnen wuchteten die Maschinenkanone herum. Die Reiter, die zwischen den Klippen gewartet hatten, jagten zum Wagen zurück, so dass die Männer der Circle C und Lenna auf einmal allein waren. Ohne Waffen!

Die Maschinenkanone hämmerte eine Salve gegen die Hügel.

„Kommt her!“, brüllte dann einer der Soldaten. „Wir werden euch zerhacken!“

Jimmy, der eben voller Todesmut um sein Leben gekämpft hatte, ließ sich zu Boden fallen und schlug die Fäuste auf die Erde. „Nein!“, krächzte er verzweifelt. „Es kann doch nicht alles noch einmal von vorn beginnen!“

„Es sieht aber ganz danach aus!“, brummte Matt.

Don Pedro war mit all seinen Männern gekommen, und sie begannen auch sofort mit dem Angriff. Die Maschinenkanone hämmerte und übertönte das Krachen der Karabiner und Winchester. Sie bestrich die Höhen ringsum, und die Männer der Circle C und Lenna sahen die Banditen reihenweise unter diesem mörderischen Feuer fallen. Doch wo einer fiel, erhoben sich zwei andere. Die Übermacht der Banditen war erdrückend.

Zunächst schlugen die Soldaten mit der Maschinenkanone den Angriff zurück. Es gelang ihnen jedoch nicht, die Banditen über die Hügelkämme hinwegzutreiben. Zwischen den mächtigen Kakteen und den wilden Hügelrücken gab es für die Banditen genügend Deckung. Kaum dass sie sich formiert hatten, griffen sie wieder an.

Auch dieser Angriff wurde von den Soldaten aufgehalten, die mit wahrem Todesmut kämpften. Doch Don Pedro befahl einen Angriff nach dem anderen, und jeder Angriff brachte die Banditen näher an die Wagen und die Maschinenkanone heran.

Buster Tom, Jimmy, Matt und Lenna wagten nicht, sich zu rühren. Sie lagen eng aneinander zwischen den Klippen und beobachteten, was sich da vor ihren Augen abspielte. Die Banditen hatten sie noch nicht entdeckt. Sie besaßen aber auch keine Möglichkeit wegzulaufen.

Wie zu Hause in ihren Dörfern hielten die Banditen während der größten Tageshitze die Siestazeit ein. Doch als die Sonne zu sinken begann, griffen sie wieder in Wellen an.

Die Maschinenkanone hämmerte und tackte. Sie wurde von zwei Männern bedient. Einer lud dieses unersättliche Monstrum nach, der andere schoss. Das Gewehrfeuer der Banditen konzentrierte sich bei jedem Angriff auf die Bedienungsmannschaft. Acht Soldaten waren bereits hinter der Maquina gefallen. Sie lagen neben den leeren  Munitionskisten.

Im letzten Schein des Tageslichtes traten die Banditen dann zum entscheidenden Angriff an. Don Pedro hockte irgendwo in sicherer Deckung und trieb seine Männer pausenlos gegen die Maschinenkanone. Als er sie dann besaß und gegen die Wagen richten ließ, hinter denen sich die letzten Soldaten verschanzt hatten, war der Kampf auch entschieden.

Die Banditen töteten die Bedienungsmannschaft, drehten die Gaitling und ließen sje Feuer und Rauch speien. Die Geschossgarben zerfetzten die Wagen förmlich.

Als die Schatten der Nacht in die Senke fielen, stürmten die Banditen die Wagen und machten die überlebenden Soldaten nieder. Kurz darauf brannten die Wagen, und die Banditen umtanzten sie wie Siegesfeuer.

Die Männer und die Frau zwischen den Klippen waren bis dahin unentdeckt geblieben, obwohl etliche der Banditen während der Angriffe an ihnen vorbeigerannt waren.

„Es ist jetzt dunkel genug!“, raunte Matt. „Laufen wir weg, Tom.“

„All right!“. schnaufte Buster Tom. „Aber nur einer nach dem anderen. Kriecht auf allen vieren durch die Klippen und wartet dann drüben im Osten vor dem Höhenrücken. Matt! Du zuerst!“

Matt machte auf dem Bauch kehrt und robbte rasch davon. Buster Tom wartete, bis er ihn nicht mehr sah. Dann stieß er Jimmy an. „Jetzt du.“

„Lenna, komm mit!“, raunte Jimmy.

„Mach, dass du wegkommst!“, zischte Buster Tom. „Ich bringe sie mit.“

Jimmy wandte sich sofort ab und kroch in die hereinbrechende Nacht hinaus.

Buster Tom schaute noch einmal zu den brennenden Wagen. Dann glitt er zu Lenna, die an einer der Klippen lehnte.

„Kommen Sie!“, murmelte er. „Es wird Zeit, dass wir verschwinden. Don Pedros Leute suchen die Senke nach verwundeten Soldaten ab.“

„Gehen Sie allein, Tom!“, erwiderte Lenna mit schwach klingender Stimme.

Buster Tom neigte sich über sie und umfasste ihre Schultern. Er begriff sofort, dass sie verletzt worden war, wenn er auch nicht sagen konnte, wann. Er ahnte, dass es eine tödliche Verletzung war.

Er tastete ihren Körper ab. Sie ergriff seine Hände und hielt sie fest.

„Gold und Silber sind nicht alles im Leben, Tom“, sagte sie, und er vermochte trotz der Dunkelheit zu erkennen, dass sie dabei lächelte.

„Nein, natürlich nicht“, sagte er. „Aber darüber können wir uns später unterhalten. Legen Sie den Arm um meine Schulter!“

„Leben bedeutet alles!“, flüsterte sie. „Leben und Freiheit!“

Buster Tom sah, dass sich von den brennenden Wagen her Schatten auf die Klippen zubewegten.

„Ja, ja!“, murmelte er abwesend. „Das ist es ja, was ich Ihnen klarmachen wollte. Aber nun kommen Sie! Wir werden Sie drüben vor dem Höhenrücken verbinden.“

„Tom!“, murmelte sie und griff ihm ins Gesicht, fuhr ihm über die Augen und den Mund. „Tom, ich habe Sie geliebt, weil Sie ein wirklicher Mann sind. Zuerst habe ich dabei natürlich an die Beute gedacht, um die ich mit Dunham angetreten bin. Aber ich weiß jetzt ...“

Sie verstummte. Buster Tom fuhr fort, ihren Körper abzutasten, um die Wunde zu finden, aus der ihr Leben entwich. Er fand sie auch, schloss seine Hand darauf, in dem einfältigen Willen, ihr Sterben verhindern zu können. Doch da war sie schon tot.

Sie war so jung gewesen, so verdammt jung, und irgendwie redete er sich ein, dass sie sich mit seiner Frau sehr gut verstanden hätte, zumindest nach allem, was sie bis zuletzt zu durchleiden hatte.

*

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ER KAM MIT SEINEM NACHDENKEN nicht weiter. Auf einmal waren Schritte zu hören. Er drehte sich um, ließ sich auf den Rücken fallen und stützte sich auf die Arme.

Vor ihm stand eine Gestalt. Dahinter erkannte er ein Pferd. Es war einer der Amerikaner aus Don Pedros Bande.

„Rühr dich nicht, Soldatenhund!“, zischte er auf spanisch.

„Ich bin kein Soldat!“, antwortete Buster Tom auf englisch. „Ich bin einer von denen, dir ihr nach Ensenada bringen wolltet.“

Der Mann richtete das Gewehr auf ihn. „Steh auf! Langsam!“

Buster Tom erhob sich. Der Mann kam vorsichtig auf ihn zu und wollte ihn nach Waffen abtasten.

Buster Tom ließ ihn herankommen. Dabei orientierte er sich, ob noch andere Banditen in der Nähe waren. Er entdeckte viele Gestalten, die aber ausnahmslos die Klippen bereits wieder verließen und zu den Wagen zurückkehrten. Da griff er den Mann an. Er riss das Knie hoch, schmetterte ihm die Waffe aus den Fäusten, warf ihn zu Boden und ließ sich auf ihn fallen.

Der Mann keuchte und fluchte. Er hielt Buster Tom mit beiden Fäusten am Kragen gepackt. Doch dann ließ er ihn blitzschnell los, um nach dem Messer zu greifen, das er, wie jeder andere von Don Pedros Leuten, im Stiefel stecken hatte.

Buster Tom wusste, dass es ein Kampf ums Leben war. Seine Rechte zuckte hinab und umspannte die messerbeschwerte Faust des Gegners.

Sein Feind holte mit einem wilden Ruck aus, dass sie sich überschlugen und über den Boden rollten. Dabei bekam Buster Tom das Messer zu fassen und wand es ihm aus der Faust, stach zu und richtete sich schnaufend empor.

Er wankte und stützte sich gegen die nächste Klippe. Das Blut pochte und hämmerte in seinen Adern. Der Kampf hatte ihn die letzten Kräfte gekostet, die noch in ihm waren. Er brauchte Minuten, um sich zu erholen.

„Vater!“, raunte da plötzlich Jimmy hinter ihm. „Wo steckt ihr, wo bleibt ihr? Wir müssen doch ...“

Jimmy verstummte, weil er die leblose Gestalt des Banditen entdeckte. „Vater!“, murmelte er erschrocken. „Bist du verletzt?“

Buster Tom wankte vorwärts und bückte sich nach dem Gewehr. „Hol sein Pferd, Jimmy!“, japste er. „Es steht dort drüben. Dann weg von hier, ehe sie uns erwischen.“

„Lenna!“, raunte Jimmy. „Wo ist denn Lenna?“

Buster Tom holte tief Luft. „Sie ist tot“, sagte er knapp und stützte sich auf ihn.

Jimmy sah sich betroffen um, entdeckte Lennas leblose Gestalt und lief schnell zu dem Pferd. Sie hoben Lenna auf, legten sie über den Sattel und liefen langsam los.

Vor dem Hügelrücken wuchs Matts Gestalt aus der Nacht. „Wo ist Lenna?“, wollte auch er wissen.

Buster Tom schwieg sich aus. „Wir sind wieder zu dritt, wie am Anfang!“, antwortete Jimmy für ihn.

„Ihr habt ja ein Pferd“, sagte Matt und trat an dessen Seite. „Mit einer Wasserflasche am Sattelhorn! Jungs, nichts wie weg!“ Da sah er Lenna und zuckte kurz zusammen.

Buster Tom schaute zu den Sternen empor, um die Richtung zu finden.

Dann machten sie sich auf den Weg. Sie liefen nach Norden in die Wüste hinein, ein Pferd am Zügel, an dessem Sattelhorn eine Wasserflasche hing, die gerade halb voll war.

Alle drei wussten sie, dass dieses Wasser unmöglich reichen konnte. Jedenfalls nicht für drei Männer und ein Pferd.

Gegen Mitternacht ließen sie Lenna unter einem Steingrab zurück.

*

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BUSTER TOM SCHOSS DAS Tier am zweiten Tag nieder, um es von seinen Qualen zu erlösen. Es war ein heller Brauner, dem die Hitze und der Wassermangel mächtig zu schaffen machten. Von Menschen erzogen, war sein Instinkt auch nicht sehr ausgeprägt. Sich allein überlassen, wäre er in der Gila rettungslos verloren gewesen.

Gegen Abend dieses Tages tranken die drei Männer den letzten Schluck Wasser. Matt Jackson, der Vormann der Circle C-Ranch, der einst mit Buster Tom in dieses raue Land gekommen war, hatte den letzten Schluck und warf die Flasche danach fort.

Jimmy schaute der Flasche bekümmert nach.

„Was glotzt du so?“, fragte Matt wütend. „Ich habe sie doch nicht voll weggeworfen.“

„Vielleicht finden wir irgendwo Wasser!“, krächzte Jimmy. „Es könnte ja sein. Aber dann haben wir nicht einmal ein Gefäß!“

Matt holte tief Luft. „Du meine Güte, Tom, ist dieser Bursche noch ein Wickelkind!“

„Sag das noch einmal!“, fauchte Jimmy, ballte die Hände und winkelte die Arme zum Schlag bereit an.

„Ihr verdammten Narren!“, polterte Buster Tom. „Hört auf, euch zu streiten! Spart gefälligst euren Atem. Bis zur Grenze sind es noch zehn Tagesmärsche. Wisst ihr Weihnachtsmänner vielleicht nicht mehr, was das bedeutet?"

Jimmy und Matt blickten betroffen zu Boden. Buster Tom aber sah sich um und entdeckte fern am Horizont eine graue Staubfahne, die ihnen rasch folgte.

„Zehn Tagesmärsche!“, fauchte er und sah die beiden wieder an. „Mit dieser Brut im Nacken!“

Jimmy und Matt hoben verwirrt die Köpfe.

Matt schluckte verzweifelt. „Um Himmels willen! Don Pedro!“

„Ja!“, knurrte Buster Tom wütend über sich selbst. „Ich habe diesen Mann wohl nicht richtig erwischt. Nun weiß Don Pedro von unserer Existenz. Entweder er hat ein paar Fragen, oder er will nur Rache nehmen. Schließlich haben wir ihm allerhand Scherereien bereitet.“

„Fragen?“, meinte Jimmy und schloss ungläubig die Augen zu schmalen Schlitzen. „Was soll er denn für Fragen haben?“

Buster Tom zuckte die Schultern. „Warum uns die Frauen gefolgt sind, zum Beispiel. Ich glaube, Lenna war seine Geliebte.“

„Was würdest du Don Pedro denn sagen?“, fragte Matt.

Buster Tom blickte nach Süden auf die Staubwolke. „Nichts! Gar nichts! Ich könnte ihm vielleicht zu verstehen geben, dass Lenna jetzt, würde sie noch leben, für ihn verloren wäre.“

Matt kniff die Lider zusammen. „Wieso denn das?“

Buster Tom dachte kurz nach und winkte dann ab. „Natürlich, das würde er gar nicht begreifen.“

Die drei Männer setzten den Weg fort, bis in die tiefe Nacht hinein. Sie lagerten dann bis zum Morgengrauen und zogen danach ausgeschlafen, aber trotzdem müde und erschöpft, weiter, die Staubfahne wieder im Nacken.

Die Sonne brannte vom Himmel herab, und der steinige Boden machte ihnen ebenso zu schaffen. Meile um Meile stapften und torkelten sie vorwärts. An diesem Tag wanderten sie auch während der größten Hitze weiter, da es weit und breit nicht einen Fetzen Schatten gab.

Zuerst machte Matt schlapp. Am dritten Tag ihrer Wanderung brach er gegen Mittag plötzlich und für Jimmy und Buster Tom unerwartet zusammen und blieb liegen.

Buster Tom und Jimmy traten ihn mit Füßen.

„Matt, steh auf!“, keuchte Buster Tom. „Steh auf, zum Teufel, wir haben es ohnehin schon schwer!“

Matt rührte sich jedoch nicht. Er lag lang auf dem Gesicht. Und so blieb er auch liegen.

„Bis zur Grenze sind es noch sieben Tage!“, weinte Jimmy geradezu. „Bildet sich dieser Narr ein, wir können ihn tragen? Ich bin selbst am Ende.“

Buster Tom blickte zum Himmel. Geier schwebten da oben. Drei Stück. Genau über ihnen. Er war zu erschöpft und zu ausgelaugt, um Furcht zu empfinden oder sich vor dem Anblick zu ekeln.

Da blickte auch Jimmy empor, und er erschrak dermaßen, dass er auf die Knie fiel.

„Mein Gott, so weit können wir doch noch nicht sein!“, jammerte er. „Ich habe doch noch Kräfte in mir. Ich spüre die auch. Das müssen die Bastarde da oben doch respektieren.“

Buster Tom nahm das Gewehr an die Schulter, richtete den Lauf steil empor und schoss. Doch er traf nicht.

Jimmy starrte ihn an. „Was ist denn mit dir? Kannst du nicht einmal mehr so ein Mistvieh treffen?“

Buster Tom warf das Gewehr achtlos zur Seite und bückte sich. „Hilf mir Matt aufzurichten, los!“

Jimmy kam wieder hoch. Sie hoben Matt Jackson auf, legten sich dessen Arme um die Schultern und wankten weiter.

Auf diese Weise legten sie fünf Meilen zurück. Dann fiel Jimmy aufs Gesicht. Buster Tom konnte Matt allein nicht mehr halten und stürzte mit ihm zu Boden.

„Wasser!“, krächzte Jimmy und kehrte den Sand vor sich mit den Armen zusammen.

Buster Tom hob den Kopf und sah, wie Jimmy das Gesicht wie ein Ertrinkender in den Sand grub und trank. Er wollte zu ihm kriechen, um ihn davon abzuhalten, den Sand zu schlucken, bis er daran erstickte. Doch da war Jimmy auf einmal weg.

Buster Tom blinzelte und rieb sich die Augen. Dann drehte er sich auf den Rücken. Eine Gruppe Männer umstand sie. Zwei von ihnen hatten Jimmy hochgezogen und flößten ihm Wasser ein.

Buster Tom streckte sich lang und schloss die Augen. Aber da fühlte er schon etwas Nasses zwischen den Lippen.

Wasser!

Er öffnete gierig den Mund und trank in langen Zügen.

„Wo ihr euch herumgetrieben habt und vor allem, warum, zum Henker - das müsst ihr mir noch erklären“, vernahm er dabei die Stimme von Cliff, seinem ältesten Sohn, den Marshal von Tucson. „Wir haben vielleicht geschwitzt und gewartet und uns die Augen aus dem Kopf gestarrt.“

Buster Tom hielt mit dem Trinken ein. „Cliff!“

„Ja, ich bin es!“, erwiderte Cliff Copper.

„Ich bin auch da, Buster Tom!“, brummte Rip O’Hagan.

Buster Tom schaute sich um und blickte in zwanzig vertraute Gesichter. „Mein Gott, seid ihr uns bis in die Wüste gefolgt?“

„Das hätten wir gern getan“, knurrte Cliff Copper. „Aber wir hatten doch keine Spur von euch.“

„Wo sind wir denn da hier?“, fragte Buster Tom.

„Auf der Circle C!“, antwortete Cliff Copper. „Auf der Südweide, Vater! Dort, wo ihr auch verschwunden seid.“

„Dieser Spaßvogel von einem Marshal wird uns doch jetzt nicht einreden wollen, dass wir alles nur geträumt haben“, ließ sich da Matt vernehmen, um den sich ebenfalls Männer gekümmert hatten.

Buster Tom lehnte sich zurück und schloss die Augen. „Nein, Matt! Das kann er gar nicht.“

Cliff Copper, der Marshal von Tucson, winkte seinen Männern. „Her mit dem Wagen und rauf mit denen. Die sind ja so fertig, dass sie gar nicht wissen, was sie sagen.“

„Wenn wir sie in die Wanne gesteckt haben, werden sie schon wieder wissen, was gewesen ist!“ brummte Rip O’Hagan.

So war es dann auch.

––––––––

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ENDE

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MÄNNER MIT LASSO UND COLT

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VON  PETER DUBINA

Der Umfang dieses Buchs entspricht 136 Taschenbuchseiten.

Wer kennt nicht den edlen Helden aus vielen Hollywood-Filmen, der gegen Schurken und Indianer kämpft und am Ende immer siegt? Legenden und Mythen gibt es unzählige über das Leben und die Abenteuer der Cowboys. Aber eines ist sicher: Für romantische Lagerfeuer und wilde Abenteuer hatte er wenig Zeit. Griff ein Cowboy zum Colt, so geschah dies meist aus der harten Verantwortung, Tausende von Rindern gegen Gefahren wie Raub, Überfälle, wilde Tiere, Unwetter und Steppenbrände unter schwierigsten Bedingungen zu schützen. Um Lasso, Pferd und Sattel, Rinder und Brandeisen drehte sich sein Leben.

Peter Dubina schildert in spannenden Szenen und mit Sachkenntnis in diesem dokumentarischen Roman die großen Rindertrecks von Texas nach Montana, wo sich die Cowboys durch Banditenscharen und Indianerhorden kämpften. Er berichtet von Rinderstädten, Rinderbaronen und den erbitterten Weidekriegen mit amerikanischen Siedlern, aber auch von den ausgelassenen Vergnügungen der Cowboys, ihren Freundschaften, ihren Vorstellungen von Recht und Gesetz und ihrem Ehrenkodex. Es wird deutlich: Der „Ritter der Weide“, sein Leben und seine Wirklichkeit waren ganz anders als sie heute so oft dargestellt werden.

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Copyright

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EIN CASSIOPEIAPRESS Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de 

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

Roman © by Peter Dubina und Edition Bärenklau, 2015

Mit freundlicher Genehmigung von Alfred Wallon. Der Roman erschien

zuerst beim Boje-Verlag unter „Lasso, Colt und Cowboysattel“.

Cover ©  by Roman Dekan/123RF, 2015

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Prolog

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SCHAUT EUCH DAS HIER einmal an“, sagte der rothaarige Gus kopfschüttelnd und hielt ein dünnes, abgegriffenes Heft hoch, so dass es seine Kameraden sehen konnten. In roter Schrift stand darauf zu lesen: Pecos Bill gegen 100 Comanchen – wie der große Westmann seine Gegner besiegte. „Wer glaubt denn so deinen Schwchsinn?“

„Ich hatte bisher geglaubt, du könntest gar nicht lesen, Gus“, grinste Rio Shayne und erntete Zustimmung unter den anderen Cowboys von Rancho Bravo, die sich an diesem Abend nach getaner Arbeit im Bunkhouse versammelt hatten.

„Pass auf, was du sagst, Junge!“, ereiferte sich Gus, den solche Bemerkungen immer ärgerten. „Du hast doch gar keine Ahnung. So viel rumgekommen bist du auch nicht. Ich aber schon.“

„Und deshalb glaubst du wohl, du hättest die Weisheit mit Löffeln gefressen, wie?“, konterte Rio, der sich so schnell nicht geschlagen gab. „Ich erinnere nur daran, wie du dich seinerzeit im Opernhaus von Abilene aufgeführt hast und ...“

„Ist ja schon gut“, brummte Gus und versuchte, so schnell wie möglich, von diesem peinlichen Thema abzulenken. Weil er sich nicht gern an die wilden Tage in Abilene zurückerinnerte. „Wir müssten alle mal ein Buch über das Leben der Cowboys schreiben. Dann wüssten die Leser wenigstens, dass das auch Hand und Fuß hat.“

„Ich habe gehört, dass ein gewisser Andy Adams das schon gemacht hat“, meldete sich daraufhin John Calhoun, der älteste Sohn des Ranchers zu Wort. „Es heißt, dass sein Buch bald überall erscheinen soll.“

„Na, darauf bin ich aber gespannt“, sagte der Cowboy Dave Harmon mit skeptischem Blick. „Was mich betrifft – ich halte mich lieber an das, worüber ich aus erster Hand gehört habe. Kennt ihr Burton Mossman?“

Ein kurzer Blick in die Runde versicherte ihm, dass seinen Kameraden dieser Namen nicht unbekannt war.

„Er ist ein Mann, der das getan hat, was er sich in den Kopf setzte“, fuhr Dave fort. „Wollt ihr hören, was ich über ihn und unseren Job als Cowboys alles erfahren habe?“

Alle nickten und warteten gespannt ab, bis Dave mit seiner Erzählung begann.

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Verwegene Reiter

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BURTON MOSSMAN, COWBOY der LX Bar Ranch in Wyoming, ritt auf der Suche nach verirrten Rindern am Westufer des Medicine Bow River durch den Schneesturm, der den kalten Wintertag mit zunehmender Düsterkeit erfüllte.

Der grimmige Nordwind ließ den Schnee in fast waagerechten, weißen Linien über den verharschten Erdboden fegen. Die Ufer des Medicine Bow waren zugefroren, und in der schmalen Rinne, die in der Mitte des Flusslaufs offengeblieben war, türmten sich krachend und knirschend Eisschollen.

Burton Mossman fühlte die Kälte schneidend durch seine Wolfsfelljacke dringen; er war kein junger Mann mehr. Die Hacken seiner Cowboystiefel waren schiefgetreten, sein Hut verbeult, seine ledernen Beinschützer speckig, und die Trommel seines Colts wies die Spuren der Weidezaunnägel auf, die mit der Waffe eingeschlagen worden waren.

Mossman hätte gern geraucht, um sich wenigstens an einer Zigarette zu wärmen. Aber selbst ein Mann, der daran gewöhnt war, durch Wind und Wetter zu reiten, konnte bei solchem Sturm kein Streichholz lange genug vor dem Verlöschen bewahren, um eine Zigarette damit anzuzünden.

Plötzlich hörte der Cowboy im Heulen des Wintersturms das verzweifelte Blöken eines Kalbes. Er zügelte sein Pferd, dem der Wind den Schweif zwischen die Beine trieb, saß ab und zog seine Winchester aus dem Scabbard, dem ledernen Sattelschuh.

Das Pferd ließ er stehen - kein abgerichtetes Cowpony bewegte sich von der Stelle, wenn sein Reiter ihm die Zügel nach vorn über den Kopf geworfen hatte - und kämpfte sich durch den sturmgepeitschten Schnee zu dem verlassenen Kalb durch.

„Na, Dogie, wo steckt denn deine alte Dame?", sagte er zu dem kläglich blökenden Jungtier und sah sich dabei nach der Kuh um.

Etwas abseits entdeckte er im dichten Flockenwirbel einen auf der hartgefrorenen Erde liegenden, formlosen Haufen. Mehr als ein bloßer Umriss war nicht zu erkennen. Der Cowboy spähte aus zusammengekniffenen Augen zu ihm hinüber, lud dann seine Winchester durch und stapfte durch den Schnee auf ihn zu.

In der nächsten Sekunde bewegte sich etwas vor ihm, und ein zwei Meter großer Grislybär, ein Ungetüm mit eisverkrustetem Fell, richtete sich drohend über der von ihm gerissenen Kuh auf. Beide Tatzen mit den fünf Zoll langen, mörderischen Krallen hatte er kampfbereit erhoben. Burton Mossman sah das zornige Funkeln der kleinen Bärenaugen. Heißer Atem wehte wie eine Dampfwolke zwischen den Reißzähnen des Grislys hervor, als er ein warnendes, rasselndes Brummen ausstieß.

Der Cowboy riss den Kolben seiner Winchester an die Wange, zielte auf einen handtellergroßen, kahlen Fleck mitten auf der Brust des Grislys, feuerte, lud das Gewehr blitzschnell durch und schoss noch einmal. Das Krachen der Schüsse hallte hohl durch das Schneetreiben.

Als der Sturm den Pulverrauch davontrieb, lag der Bär wie ein grauer Felsblock über dem Kadaver der Longhorn-Kuh. Seine Tatzen zuckten, dann war er tot.

Burton Mossman ging zu seinem Pferd zurück, stieß die Winchester in den Scabbard, nahm das Kalb vor sich in den Sattel und brachte es zur Ranch.

Einen Monat später war er in Cheyenne und schlug in den Tanz- und Spielhallen der Stadt den Lohn eines halben Jahres auf den Kopf, ehe er sich einem Aufgebot von Cowboys anschloss, das zum Chugwater Creek ritt, um einem Viehdieb die Schlinge um den Hals zu legen.

Das war im Jahre 1884, einem großen Jahr in der Geschichte des amerikanischen Cowboys. Die Longhorn-Rinderherden brüllten überall von Texas bis Montana auf den westlichen Ebenen. Wo die Treiberwege auf die Eisenbahnlinien trafen, waren Saloons, Laderampen und Korrale entstanden. Dodge City, Abilene, Cheyenne und andere Rinder- und Eisenbahnstädte blühten.

Über dem ganzen bunten Treiben aber stand wie ein Symbol ein sehniger Mann zu Pferde, mit breitrandigem Hut, einer Weste aus Schaffell, ledernen Beinschützern, hochhackigen Stiefeln und tief an der Hüfte festgeschnalltem Colt - ein Mann von langsamer Rede, mit dem Stolz eines Adlers und kampflustigem Jähzorn: der Cowboy.

Sein Epos begann 1866, als die ersten texanischen Longhorn-Rinder über den Red River nach Norden getrieben wurden, und es dauerte über dreißig Jahre.

Während dieser Zeit gab es wahrscheinlich niemals mehr als 25.000 beschäftigte Cowboys im Jahr, aber unter ihnen waren wohl die verwegensten Draufgänger, die es je gegeben hat: ehemalige, heruntergekommene Soldaten aus den Armeen des amerikanischen Bürgerkriegs, zweitgeborene Söhne englischer Adliger, aus der Sklaverei befreite Neger, Berufsspieler auf der Flucht vor dem Gesetz, von zu Hause fortgelaufene Farmersöhne, mexikanische Vaqueros und Mischblut-Comancheros. Aus Abenteuerlust nahmen sie viele Gefahren auf sich - Unwetter, ausbrechende Herden, Indianer, Banditen, erzürnte Siedler, Viehdiebe - und gingen als legendäre Helden daraus hervor.

Das englische Wort „Cowboy" taucht zum ersten Mal auf den großen Viehfarmen in Irland etwa um 1.000 n. Chr. auf. Mit irischen Kriegsgefangenen, die von Cromwell während der Puritanerrevolution nach Neu-England gebracht wurden, soll es 1640 nach Amerika gekommen sein. Jedenfalls nannte man die Viehtreiber, die 1655 eine Herde Rinder von Springfield nach Boston trieben, bereits Cowboys. In Virginia, Carolina und Georgia hießen seit 1750 die Rinderhirten ebenfalls so - und sie beherrschten ihre Pferde, das Lasso und das Brandeisen bereits mit der gleichen Fertigkeit, die später für den Cowboy des Westens mit seinem sechsschüssigen Colt so typisch werden sollte.

Das Leben des Cowboys war hart.

„Wenn du eine Kuh mit dem Lasso fangen und so gut schießen kannst, dass du mit jedem Schuss ein Kaninchen genau ins Auge triffst, und wenn du vier Monate im Sattel bleiben kannst, ohne eine einzige Nacht auszuschlafen, und mit deinem Colt jeden verdammten Indianer erwischst, der an unsere Pferde will, dann bist du unser Mann ...“

Der junge Bursche, der sich 1875 trotz dieser Warnung anheuern ließ, wusste bald nicht mehr, was schlimmer war: der Mangel an Schlaf, die Überfälle der Indianer oder die Gewitterstürme und Blitzschläge, die das Vieh in Panik versetzten und oft genug das Präriegras entzündeten.

Die Nacht dauerte von 9 Uhr Abend bis halb 4 Uhr morgens, abzüglich zwei Stunden Wache für jeden Mann außer dem Boss, dem Pferdeknecht und dem Koch. Das Bett war die nackte Erde. Man legte sich auf den Bauch und deckte sich mit dem Rücken zu.

Kein Wunder, dass dieses Leben einen eigenen Menschenschlag formte, der schließlich zum bekanntesten Typ der amerikanischen Geschichte wurde. Er gab sich auch in seinem Äußeren entsprechend und entwickelte eine besondere Tracht. Zur Standardausrüstung des Cowboys gehörten der Hut aus Philadelphia, der Colt aus Connecticut, das Lasso aus Plymouth, die Levis-Hose aus San Francisco und der gelbe Regenmantel aus Gloucester, Massachusetts.

Die große Zeit der Cowboys begann nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs zwischen den Konföderierten Südstaaten und der Union der Nordstaaten. Und wie so vieles, was im Wilden Westen geschah, nahm sie ihren Anfang in Texas.

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WENN DAS ALLES IRGENDWANN einmal in einem Buch steht, dann werde ich öfters lesen“, konnte sich Gus diese Bemerkung nicht verkneifen. „Aber bis dahin glaube ich nur das, was ich selbst gesehen und erlebt habe – oder die Erzählungen von Leuten, denen man trauen kann. Ich nehme an, ihr habt schon mal alle von Link Dillon gehört, oder?“

Es gab keinen unter den Cowboys, bei dem das nicht der Fall war.

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Sie kämpften sich durch

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ALS 1865 DER AMERIKANISCHE Bürgerkrieg mit der völligen Niederlage der Konföderierten endete, stand der vor dem Krieg reiche Süden vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch. Besonders schwer getroffen war Texas, das auf der Seite der Konföderierten gefochten und als letzter der Südstaaten die Waffen gestreckt hatte.

Texas war ein Rinderland, und seine unbeaufsichtigten Herden hatten sich in den Kriegsjahren von schätzungsweise 350.000 Tieren auf weit über 5 Millionen vermehrt. Diese mageren, genügsamen, starken Longhorn-Rinder waren vollkommen verwildert und manchmal nicht weniger gefährlich als Büffel. Doch sie stellten den einzigen Reichtum dar, über den das in langen Kriegsjahren ausgeblutete Texas noch verfügte.

Im Süden gab es Rindfleisch im Überfluss, während der Norden Mangel daran litt. In den Nordstaaten war man bereit, hohe Preise für Vieh zu bezahlen. Die Rancher in Texas hätten ihre Herden gern nach Norden getrieben, doch ihnen fehlte das Geld, Cowboymannschaften auszurüsten und zu entlohnen. Die Statthalter der Nordstaaten im besiegten Süden kassierten wahnwitzig hohe Steuerabgaben oder ließen pfänden, wenn ein Rancher seine Schulden nicht bezahlen konnte. Eine Kuh brachte zu jener Zeit in Texas - vorausgesetzt, sie fand überhaupt einen Käufer - als Höchstpreis einen Dollar. Das war weniger, als vor dem Bürgerkrieg allein ihre Haut wert gewesen war.

Arbeitslose Cowboybanden, die in Zelt- und Barackenlagern vor den Städten lebten, rotteten sich zusammen und stahlen Vieh oder überfielen Geldtransporte der verhassten Nordstaatenarmee, die Texas besetzt hielt. Was immer auch an Verbrechen geschah, es fand im Namen des Patriotismus und der „Gerechtigkeit" statt.

Denn die aus dem Krieg zurückkehrenden Viehzüchter und zerlumpten Cowboysoldaten mussten, gerade erst der Hölle der Schlachten entronnen, mit ansehen, wie die Steuereinnehmer des Nordens Texas bis aufs Hemd ausplünderten und oft genug armen Familien die letzten Milchkühe wegnahmen.

Die Nordstaaten waren sich darin einig, dass das „Rebellentexas" so gründlich entmachtet werden musste, dass es nie wieder Großgrundbesitzer und stolze Herrengeschlechter hervorbringen konnte. Und so wurden die Besiegten „entmachtet", beleidigt, betrogen, beraubt und niedergeknüppelt.

Die stolzen Texaner vergalten diese Demütigungen mit Hass, und ihre noch mit dem Pulverschleim des Bürgerkriegs bedeckten Colts wurden rasch wieder heiß, wenn die Gerichtsvollzieher des Nordens mit den von ihnen angeworbenen Mannschaften durchs Land ritten, um Steuern und Abgaben zu pfänden.

Während die Sieger in den Hotels und Saloons schlemmten und prassten, während die Bankkonten der Beamten und politischen Geschäftemacher anschwollen, füllten sich die Gefängnisse mit „Rebellen", die gegen diese Willkür kämpften.

Doch im Frühling 1866 wurden schließlich die ersten großen Rinderherden auf den Weg nach Norden gebracht. „Trailblazers", „Wegbereiter", nannte man die Männer, die den Ritt durch die Hölle wagten, denn sie mussten sich mit dem Colt die Wege freischießen, auf denen andere ihnen später folgen konnten.

Texanische Rancher schlossen sich zusammen und steckten ihre letzten Dollars in das gefahrvolle Unternehmen. Andere Cowboymannschaften wurden von Viehaufkäufern aus dem Norden ausgerüstet. Zwischen März und Juni 1866 setzten sich Hunderttausende von „Steaks, die sich selbst transportierten", nach Norden in Marsch.

Zu den Nordstaatlern, die dieses Wagnis eingingen, gehörten auch zwei Viehhändler aus Iowa, Harvey Ray und George C. Duffield.

An einem Märztag des Jahres 1866 saßen die beiden in einem Hotel in Austin einem Mann in der fadenscheinigen, grauen Uniform der ehemaligen Texasbrigade bei einer Flasche Whiskey gegenüber.

Dieser Mann, Link Dillon, ehemals Offizier unter dem Kommando des Südstaatengenerals Hood, hörte sich nachdenklich den Vorschlag an, den die beiden Viehhändler ihm machten.

Schließlich sagte er: „Sie mögen Ihr Geschäft verstehen, Gentlemen. Aber ich glaube, Sie machen sich keine rechte Vorstellung davon, was es heißt, eine Longhorn-Herde von Texas nach Iowa zu treiben. Diese Rinder sind verwildert, angriffslustig und kaum zu bändigen. Die meisten haben noch nie einen Menschen gesehen."

Duffield, der größere der beiden Yankees, füllte Link Dillons Glas erneut aus der Whiskeyflasche, die auf dem Tisch stand. „Sagten Sie nicht, Mister Dillon, dass die Cowboys mitten durch das Höllenfeuer reiten würden, wenn sie nur wieder eine richtige Sattelarbeit bekämen?"

Link Dillon nickte zustimmend. „Das waren meine Worte. Aber die meisten Cowboys besitzen weder Pferd noch Sattel, und das Aussehen eines Golddollars kennen sie nur noch vom Hörensagen."

„Das lassen Sie unsere Sorge sein, Dillon", warf Harvey Ray unwillig ein. „Wir kaufen alles, was notwendig ist: Pferde, Sättel, Waffen. Sie haben gesagt, dass Sie mitmachen und eine Mannschaft zusammenstellen würden. Und jetzt haben Sie nichts als Einwände. Wir sitzen auf einer Rinderherde, die ..."

„Die Ihnen im Norden neunzig Dollar je Tier einbringt, nachdem Sie hier für eine Kuh einen Dollar und keinen Cent mehr bezahlt haben", unterbrach ihn Link Dillon nicht ohne Bitterkeit.

„Sie müssen bedenken, dass wir sehr viel mehr Geld als diese Summe in den Viehtreck stecken", antwortete Duffield besänftigend. „Aber ich gebe zu, dass wir auch an unseren Gewinn denken. Schließlich ist das ein Geschäft, und wir sind Geschäftsleute."

„Ich verstehe", sagte Dillon und dachte im stillen, wie schwer Texas für den verlorenen Bürgerkrieg bezahlen musste. „Sie denken an Millionenverdienste. Ich bin Texaner. Das ist meine Heimat. Woran soll ich denken?"

„Denken Sie an die Männer, denen wir Arbeit geben", erwiderte Duffield. „Unser Rindertreck wird der erste sein, aber andere werden folgen. Was wir vorhaben, kann für Texas ein neuer Anfang nach dem verlorenen Krieg werden."

Ein neuer Anfang!, dachte Link Dillon. Ja, das war es, was Texas brauchte. Er erhob sich, rückte den großen Armeecolt an der Hüfte zurecht und schob seinen Majorshut in den Nacken. „Also gut, ich werde anfangen", sagte er, trank seinen Whiskey aus und ging sporenklirrend hinaus.

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IRGENDWO IN DER STADT fielen Schüsse. Ein Zug in Ketten geschmiedeter, zerlumpter Farmer wanderte im Straßenstaub am Hotel vorbei, bewacht von Negersoldaten der Unionsarmee mit schussbereiten Gewehren. Auf den Gehsteigen folgten Frauen in derben Schuhen und geflickten Kattunkleidern mit Kindern, die große Hungeraugen hatten. Und im Hotel knallten Champagnerkorken.

„Was habe ich dir gesagt?", wandte sich Duffield an Ray. „Auf Dillon ist Verlass. Und dieses Texas mit seinem Vieh ist eine Goldgrube. Wenn es uns gelingt, die Herde ans Ziel zu bringen, sind wir reich. Und jeder weitere Rindertreck wird uns noch reicher machen. Ich sage dir, wir werden bald auf ein paar soliden Dollarmillionen sitzen!"

Fünf Monate später war nicht mehr von einem Millionengeschäft, sondern nur noch vom Überleben die Rede. Link Dillon hielt Wort und stellte eine Mannschaft auf, über die Duffield in seinem Tagebuch schrieb: „Diese texanischen Cowboys sind härter als Felsen. Wie konnten wir den Krieg gegen solche Männer gewinnen?"

Im April 1866 brach Dillons Mannschaft mit fünftausend Rindern vom Salt Creek auf. Mit einer durchschnittlichen Tagesleistung von zehn bis fünfzehn Meilen bewegte sich die Herde nordwärts. Regenstürme verwandelten den Boden in grundlosen Morast. Schon das erste Gewitter ließ die ganze Herde in wilder Panik durchgehen. Zweihundert Rinder gingen verloren. Sechs Tage darauf brach das nächste Unwetter über die Herde herein, versetzte sie in eine neue Panik, und Duffield und Ray verloren weitere zweihundert Longhorn-Rinder.

Tag und Nacht kamen die Cowboys nicht aus ihren Sätteln und Kleidern. Das Leder der Zaumzeuge und Stiefel begann zu schimmeln. Oft mussten die Männer neunzig Stunden und länger ohne Schlaf durchhalten. Dann rieben sie sich Tabak in die Augen, damit der Schmerz sie wach hielt.

Die Flüsse, die sie durchquerten, waren von den starken Regenfällen angeschwollen. Duffield schrieb: „Der Brazos River ist kein Fluss mehr, sondern eine Hölle." Zweihundertfünfzig Rinder und ein Cowboy ertranken in den lehmgelben, wild schäumenden Fluten. Um die Wagen mit Vorräten und Ausrüstungsgegenständen ans andere Ufer zu bringen, wurde eine Seilwinde gebaut. Doch der Fluss war stärker. Die Seilwinde riss, die Wagen stürzten um, und alle Lebensmittel gingen verloren. Beim Übergang über den Red River, den der Treck zwei Wochen später erreichte, wurden noch einmal hundert Rinder vom Wasser mitgerissen.

Wenige Tage darauf zerstreute ein schweres Unwetter die gesamte Herde, und die Cowboys mussten sie in einem Umkreis von fünfzig Meilen wieder zusammensuchen. Dabei wurden sie von Indianern angegriffen, die hundertfünfzig Rinder raubten und erst nach einem heftigen Feuergefecht vertrieben werden konnten.

Die Männer waren bereits so entmutigt, dass sie aufgeben wollten. Doch Link Dillons eiserner Wille hielt die Mannschaft zusammen. Weiter, immer weiter zog die Herde nach Norden - ins Comanchengebiet.

Auf ihrem Weg kam ihr eine andere Mannschaft entgegen, die ihre ganze Herde verloren hatte und verzweifelt gegen Indianer kämpfte. Viele Cowboys waren tot, skalpiert und zerstückelt.

Eine Woche darauf gerieten Dillons Texaner selbst in einen Kampf mit Comanchen. Die Indianer stahlen hundert Rinder. Doch die Cowboys verfolgten die rothäutigen Viehdiebe, holten sich achtzig Tiere zurück, erschossen zwölf Indianer und hängten einen auf.

Als sie sich der Südgrenze von Kansas fast schon auf Sichtweite genähert hatten, brach ein Gewittersturm los, wie sie ihn noch nicht erlebt hatten. Die Hagelkörner, die wie Geschosse herabtrommelten, waren so groß, dass sechsundsiebzig Rinder erschlagen und mehrere Cowboys verletzt wurden.

Zu dieser Zeit, im Juli 1866, hatte der Viehhändler George C. Duffield aus Iowa seinen Traum vom Millionengeschäft mit texanischem Vieh längst begraben. Er wollte nur noch eins: diesem Inferno lebend entrinnen.

Im August erreichte die erbärmlich zusammengeschmolzene Herde die sogenannte „Todeslinie" von Kansas. Vor Jahren hatten hier Longhorn-Rinder das Texasfieber eingeschleppt, an dem einheimisches Vieh krepiert war. Die Kansas-Behörden hatten daraufhin eine willkürliche Grenze errichtet und verboten den Durchmarsch. Es kam zu einem harten Kampf mit Kansas-Siedlern, bevor es Link Dillons Mannschaft gelang, sich mit dem Colt einen Weg durch die Todeslinie zu öffnen. Drei Cowboys fielen bei der Schießerei, den übrigen gelang der Durchbruch mit der Herde. Aber wieder waren hundertachtzig Rinder verlorengegangen.

Siegreich und dennoch wie eine geschlagene Armee zogen Dillons Texaner durch unaufhörliche Stürme und Regengüsse nordwärts. Sie waren am Ende ihrer Kräfte, als sie endlich den Missouri in Nebraska erreichten, durchquerten und am anderen Ufer Iowa betraten. Der Zoll, den der Fluss forderte, war hoch: Ein Cowboy und einhunderteinundsechzig Rinder ertranken.

Als Duffield die letzte Eintragung in sein Tagebuch machte, sah dieses ganz anders aus als fünf Monate zuvor. Die Blätter waren unzählige Male von Nässe gequollen und wieder getrocknet, schweiß- und blutgetränkt und von einer Kugel durchbohrt, der Ledereinband ausgefranst, die Schrift fast unleserlich.

George Duffield klappte es mit einem bitteren Schwur zu: „Wir haben unser Ziel erreicht - aber um welchen Preis! Ich lebe wie durch ein Wunder und werde es nie, nie wieder versuchen!"

*

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EINER DER WENIGEN Texas-Rancher, die zur gleichen Zeit, da die Viehaufkäufer aus den Nordstaaten die ersten Viehtrecks nach Norden unternahmen, eine Herde trieben, war Charles Goodnight“, meinte John kurz darauf. „Pa hat mir viel von ihm erzählt, bevor ich ihn zum ersten Mal begegnete. Goodnight trieb seine Herde nach Westen. Er hatte eine kleine Ranch im Palo Pinto Canyon, mitten im Herzen von Texas. Als die Comanchen ihn schwer bedrängten, so dass er ständig mehr Männer und Rinder verlor, entschloss er sich, das ihm verbliebene Vieh nach Fort Sumner in Neumexiko zu bringen. Dort hatte die Armee nach langen Kämpfen etwa 8.500 Navahos und Mescalero-Apachen in einer Reservation zusammengefasst und brauchte dringend Fleisch, um sie zu ernähren.

Charles Goodnight sammelte kurzerhand seine Herde und begann westwärts zu ziehen. Vor ihm lagen 140 Kilometer wasserlose Wüste. Am Rio Concho tränkte er die große Herde zum letzten Mal. Er wusste, dass Rinder nur drei Tage ohne Wasser leben können. Aber er hatte keine Wahl. Der Marsch durch die Wüste wurde zum Todesmarsch. Zuerst starben die Kälber. Nach drei Tagen hatte er die Hälfte der Herde sterbend im heißen Staub zurückgelassen. Nur noch die stärksten Tiere hielten sich auf den Beinen, unerbittlich angetrieben von Goodnights Cowboys.

Wasserlöcher, auf die sie unterwegs stießen, waren so alkalisch, dass sich ein Großteil der überlebenden Rinder daran vergiftete. Das, was endlich den nächsten Fluss erreichte, war ein kläglicher Rest. Kaum hatten sich Männer und Vieh auf das Wasser gestürzt, griffen Comanchen an. Kämpfend zog Goodnight den Fluss hinauf in Richtung Fort Sumner. Sein Partner Oliver Loving wurde von Indianern getötet. Als die mit grauem Glimmerschieferstaub bedeckte Herde vor dem Fort auftauchte, glaubten die Soldaten, ihren Augen nicht trauen zu dürfen. Es war das erste Mal, dass Rinder durch eine wasserlose Wüste getrieben worden waren.

Ebenfalls im Jahre 1866 brachte James Daugherty eine Herde von Texas nach Sedalia in Missouri und öffnete damit den berühmten Sedalia-Trail. Andere Mannschaften trieben Rinder über den Chisholm-Weg nach Abilene, Dodge City, Wichita und anderen Viehmärkten in Kansas.

Das größte Wagnis dieser wilden Jahre aber nahm ein Mann namens Nelson Story auf sich, dem es gelang, eine Cowboymannschaft und tausend Longhorn-Rinder über 3.000 Meilen von Texas nach Montana zu führen. Und das ist seine Geschichte ...“

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Nelson Storys Trail

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IM FRÜHLING 1866 RITT ein staubbedeckter Fremder von Norden her in Fort Worth, Texas, ein. Er war blond und hatte jene helle Haut, die nie braun wird, so sehr man sie auch Wind und Wetter aussetzen mag. Aber er hatte auch die breiten Schultern und schmalen Hüften eines Reiters.

Die ledergesichtigen, alten Cowboys, die in ihren Schaukelstühlen die Mittagshitze im Schatten der Hotelveranda verdösten, musterten ihn schläfrig. Es kamen häufig Fremde nach Fort Worth, blieben eine Nacht, um einmal wieder in einem richtigen Bett zu schlafen, sattelten am nächsten Morgen ihre Pferde und ritten weiter.

Manchmal waren es Cowboys, öfter Gesetzlose auf der Flucht. Sie ritten stets denselben Weg: westwärts über den Rio Grande nach Mexiko, wohin weder Gesetz noch Richter oder Henker ihnen folgen konnten.

Die Oldtimer vor dem Hotel in Fort Worth musterten den Fremden - und schätzten ihn als Gesetzlosen ein. Kein Cowboy trug so schön besticktes, handgearbeitetes Hirschleder. Die Stiefel waren aus echtem Cordova-Leder. Man bekam sie nicht unter vierzig Dollar. Zwei Armeecolts mit Holzgriffen hingen an den beiden kreuzweise übereinandergeschnallten Revolvergürteln. Die Patronen in den Gurtschlaufen und die Sporen an den Stiefelhacken glänzten stumpf unter einer dünnen Staubschicht, die den ganzen Mann, vom schwarzen Texanerhut bis hinunter zu den Stiefelspitzen, bedeckte.

Nelson Story kümmerte sich nicht um die neugierigen Blicke. Er zog sein Henry-Repetiergewehr aus dem Scabbard, warf sich die Satteltaschen über die Schulter und betrat das Hotel. Er hatte einen langen Ritt hinter sich, denn er kam geradewegs aus Montana, hoch oben im Norden; und er kam mit einem wohl durchdachten Plan.

Während des Bürgerkriegs war er Kundschafter und Frachtwagenfahrer der Nordarmee, danach Goldsucher in Montanas legendärer Alder-Schlucht gewesen. Er hatte dort eine scheinbar wertlose Schürfstelle für fünfhundert Dollar gekauft, war drei Tage später auf eine neue Goldader gestoßen und hatte für dreißigtausend Dollar Goldstaub herausgeholt.

Einen Namen hatte er sich als Mitglied der Vigilanten gemacht, die Montana vom Terror der Gesetzlosen befreiten und Henry Plummer, George Ives, Boone Helm, Frank Parish, Ned Ray, Jack Gallegher und ein Dutzend weiterer Banditen henkten.

Doch die Arbeit mit Spitzhacke, Schaufel und Schwemmschüssel konnte einen Mann vom Schlag Nelson Storys, der ein wagemutiger Draufgänger und dabei ein kühl rechnender Geschäftsmann war, auf die Dauer nicht fesseln.

Story wollte Rinder züchten. Seine Überlegung war einfach: Die Goldsucher in Montana brauchten Rindfleisch. Wer es ihnen beschaffte, würde dabei reich werden. Bisher hatte man angenommen, Rinder könnten auf offener Weide in Montana nicht überwintern; Frost und Schneestürme würden sie innerhalb kurzer Zeit töten. Nelson Story wusste, dass das Gegenteil der Fall war.

Um den Beweis zu erhalten, hatte er im vergangenen Winter achtzig ausgemergelte, vom Joch geschundene Arbeitsrinder in das waldreiche Gallatin-Tal gebracht. Nahe am Umfallen waren die Tiere in das Tal gezogen. Im Dezember und Januar waren Blizzards über Montana hereingebrochen, die kein Rind ohne Schutz überstehen konnte. Nach dem Einsetzen der Schneeschmelze war Story durch das Tal geritten und hatte erwartet, alle paar Meilen von einem Wasserloch zum anderen einen erfrorenen Stier zu finden. Statt dessen hatte er die ganze Herde gefunden. Kein Tier hatte gefehlt, und alle waren so fett vom Gras gewesen wie Jungrinder im August.

Kurz darauf war Nelson Story mit dreißigtausend Dollar in den Satteltaschen nach Texas aufgebrochen, um sich das zu holen, was er zur Verwirklichung seines Plans brauchte: Rinder und Cowboys.

Beides fand er in Forth Worth. Er kaufte tausend Longhorns zum Preis von einem Dollar das Stück und warb eine Cowboymannschaft an: Jim Kane, Dean Stacey, Pete Lanahan, Shorty McLane, Tex Frazer, Tom Allen, Jack Holt, der erst dreiundzwanzig, und Johnny Pratt, der erst neunzehn Jahre alt war. Dazu einen Halbindianer, der „Comanche" genannt wurde und sich meisterhaft auf den Umgang mit Pferden verstand, und Cap Salway, den Koch.

„Wir müssen die Herde mehr als dreitausend Meilen weit treiben", sagte Story zu seinen Männern, als sie am Abend vor dem Aufbruch am Lagerfeuer saßen. Im Hintergrund arbeitete Cap Salway bei seinem Küchenwagen. Blechgeschirr klapperte.

„Wahrscheinlich werden nicht alle von uns Montana erreichen", fuhr Nelson Story fort. „Von einigen wird nichts weiter übrigbleiben als ihr Name auf einem schiefen Holzkreuz irgendwo am Rand des Weges, den die Herde nimmt. Ich bezahle jedem von euch dreißig Dollar im Monat und die Verpflegung. Wem das zu wenig ist, der mag es jetzt sagen, sein Pferd satteln und wegreiten. Niemand wird ihm deshalb einen schiefen Blick geben. Aber ist die Herde einmal auf dem Marsch, kann ich auf keinen Mann mehr verzichten."

Er sah sich im Kreis um, und die Cowboys erwiderten stumm seinen Blick; keiner wich seinen Augen aus. Schließlich rührte sich Jim Kane, den Story zum Vormann gemacht hatte.

„Wir werden die Herde nicht im Stich lassen, Mister Story", sagte er, „und wenn wir sie mitten durch die Hölle treiben mussten. Es gehört zum Geschäft des Cowboys, dass er um seine Herde kämpft."

„Und wenn wir die Rinder mitten durch die Hölle treiben müssten ", hatte er gesagt. Noch wusste er nicht, welches Inferno von Pulverrauch und heißem Blei sie auf ihrem Weg nach Norden erwartete.

Die Morgendämmerung, die um vier Uhr jenseits des Sabine River aufstieg, formte aus den Maguey- und Cholla-Kakteen schwarze Skelette. Nelson Story stand beim Lagerfeuer. Überall, so weit der Blick über die neblige Flussniederung reichte, waren die Rinder der großen Herde dabei, auf die Beine zu kommen. Durch das dumpfe Brüllen der Stiere konnte man die Glocke der Leitstute hören, als der Nacht-Pferdewächter die Pferde für die Tagesarbeit heranbrachte.

Als die Sonne aufging, saß Story bereits im Sattel. Er hielt auf einem kleinen Hügel und blickte zu den Cowboys hin, die in einem weiten Halbkreis hinter der Herde warteten.

„Vorwärts!", schrie er ihnen zu, richtete sich in den Steigbügeln auf und schwenkte weit ausholend seinen schwarzen Hut. „Treibt sie nach Norden!"

So begann Nelson Storys legendärer Rindertreck von Texas nach Montana.

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DER FRÜHLING 1866 WAR nass und kalt. Der fast unaufhörlich strömende Regen verwandelte den Boden streckenweise in zähen Morast. In den Niederungen stand das Wasser kniehoch. Ein Gewitter jagte das andere, und jeder Blitzschlag, jeder krachende Donner trieb die Herde in eine neue Stampede.

„Die kurzen Strecken, die unsere Rinder auf dem Weg nach Kansas nicht schwimmen, legen sie im Galopp zurück", spottete Tex Frazer grimmig.

„Wenn es so weitergeht, werden den Kühen Schwimmhäute zwischen den Hufen wachsen", versetzte Pete Lanahan, sich das Regenwasser aus dem Gesicht wischend.

Die Männer waren hundemüde, nass bis auf die Knochen und kamen Tag und Nacht nicht aus den Sätteln. Der Schlamm, durch den der Küchenwagen rollte, reichte bis zu den Radnaben. Das Holz war so feucht, dass die Feuer mehr Rauch als Wärme gaben. Und jeder Flusslauf, den die Herde überwinden musste, führte entweder Hochwasser oder war noch im Steigen begriffen. Das schlimmste für die Cowboys aber war, dass sie bei dem kalten Wetter keinen heißen Kaffee bekamen, weil der Koch tagsüber nirgendwo Feuer machen konnte.

Dann besserte sich das Wetter allmählich, und nun war es die einsetzende Hitze, die den Männern zu schaffen machte. Unbarmherzig brannte die Sonne herab, und der Staub, den die Hufe von tausend Rindern und sechzig Pferden aufwirbelten, erfüllte die Luft wie Rauch. Die Cowboys mussten ihre Halstücher vor Mund und Nase ziehen. Aber im Essen, im Kaffee, in der Kleidung und den Stiefeln - überall war Staub. Er knirschte zwischen den Zähnen, brannte in den Augen und mischte sich mit dem Schweiß auf den Gesichtern der Männer.

Sie näherten sich jetzt der Südgrenze von Kansas, und die große Herde lief langsamer. Und dann - innerhalb von zwei Tagen - blieb sie ganz stehen.

Vor den Reitern und auf beiden Seiten, im Westen und Osten, erstreckte sich, so weit die vom Staub entzündeten Augen sehen konnten, eine endlose, kreisende Masse von Longhorns. So viele Meilen Story und seine Cowboys am Nachmittag des zweiten Tages auch ritten - überall bot sich ihnen der gleiche Anblick; das Gras war bis auf die Wurzeln abgefressen, und das Brüllen der hungrigen Rinder erklang um Mitternacht noch ebenso deutlich wie am hellen Tag. Bevor an diesem zweiten Abend die Dämmerung hereinbrach, zählte Nelson Story nicht weniger als zwölf Herden, die den Weg versperrten.

Nach Sonnenuntergang ritt er in das dem seinen zunächst liegende Camp. Er kehrte erst spät zurück, und sein Gesicht wirkte verschlossen, als er sich aus dem Sattel schwang. Mit einem Zinnbecher voll dampfendem Kaffee in der Hand lehnte er sich an ein Rad des Küchenwagens und stützte seine Linke auf den Colt.

„Sieht so aus, als wären wir nicht die einzigen, die die Idee hätten, Rinder gegen grüne Dollarnoten im Norden einzutauschen", sagte er und blies in seinen Becher. „Halb Texas scheint sich hier ein Stelldichein zu geben. Jeder Südstaaten-Rindermann, der sattelfest ist und genug Kredit aufbringen konnte, um seine verpfändeten Rinder auszulösen, hat seine Herde zwischen uns und der Kansas-Grenze stehen. Einige behaupten, die Zahl der Tiere betrage eine Viertelmillion. Andere glauben, dass es noch um die Hälfte mehr seien."

„Es gibt sicher einen Grund, warum die Herden nicht weitergetrieben werden?", meinte Jim Kane. Story nickte und trank bedächtig einen Schluck Kaffee.

„Der Grund ist heißes Blei, Kaliber 45", erwiderte er dann. „Habt ihr schon einmal von den Missouri-Buschräubern gehört?"

Eine Unruhe ging durch die Cowboys. Welcher Mann aus den Südstaaten hatte noch nichts von ihnen gehört?

Quantrill, Todd und Anderson hatten sich mit ihren „Guerillakämpfern" während des Bürgerkriegs durch ihre Kampftätigkeit längs der Grenze die Dankbarkeit des Südens erworben - und später den gefürchteten Namen der Missouri-Buschreiter. Gewisse blutdürstige Gentlemen aus dem Norden hatten jedoch das gleiche getan - und dabei den Titel Buschräuber erhalten.

Jennison, Jenkins, Brown und Lane waren die Namen jener Männer, die im Süden ebenso verhasst wie Quantrill und seine Leute beliebt gewesen waren.

Die Buschräuber des Nordens, die ebenso wie die Guerillakämpfer der Südstaaten nach dem Ende des Bürgerkriegs zu Banditen geworden waren, hatten unter stillschweigender Duldung durch die Nordstaaten südliche Gefilde aufgesucht, um dort zu rauben und zu morden. Sie hatten ein weites Betätigungsfeld gefunden, als sie der Flut der texanischen Herden begegneten, die den Sedalia-Weg heraufkamen. Entlang der Grenze war wahrscheinlich ein Dutzend Buschräuber-Mannschaften an der Arbeit. Die schlimmste Horde wurde von Jim Lane geführt - und ihm und seinen Banditen lag Nelson Storys Mannschaft gegenüber.

Die Regeln in diesem Spiel waren einfach. Für Texaner gab es drei. Regel eins: Ein Mann konnte bei seiner Herde bleiben, nichts tun und zusehen, wie die Tiere auf der leergefressenen Weide südlich der Blockadegrenze verhungerten. Regel zwei: Er konnte einen Durchzugszoll von zwei Dollar pro Kopf entrichten und zu den Märkten weiterziehen. Die dritte Regel, die die hitzköpfigen Cowboys aus dem Süden sofort aufgestellt hatten, als sie von den beiden ersten hörten, war die einfachste. Man konnte seinen Colt ölen und die Herde mitten durch die Banditenscharen treiben - mit drei Hochrufen auf die glorreiche Fahne des Südens.

Aber von fünf Mannschaften, die das versucht hatten, war der Durchbruch nur einer einzigen gelungen. Von den übrigen hatte man nie wieder etwas gesehen oder gehört.

„Die Rancher, deren Herden südlich der Grenze stehen, können den Zoll nicht aufbringen", erklärte Story. „Denn wenn sie bezahlen, bleibt für sie nach dem Verkauf der Rinder nur ein so geringer Gewinn, dass es sich nicht lohnt, die Herden dafür bis zum nächsten Bach, geschweige denn zu den Viehmärkten in Kansas oder noch weiter nach Norden zu treiben."

Und er fügte hinzu: „Der Zoll, den wir zu entrichten hätten, würde zweitausend Dollar betragen. Aber ich will verdammt sein, wenn diese Banditen auch nur einen Cent aus mir herauspressen."

Die Buschräuber ließen nicht lange auf sich warten. In der Morgendämmerung ertönte Hufschlag, und nicht weniger als drei Dutzend schwerbewaffnete Reiter galoppierten auf das stille Lager zu.

Außer Story, der am Feuer saß, waren nur der Koch, Jim Kane und Tex Frazer zu sehen. Es war ein klarer Morgen. Man hörte das verzweifelte Brüllen der hungernden Rinder - ein Laut, der jedem Cowboy ins Herz schneiden musste.

Der Anführer der Bande, ein stämmiger, rothaariger Mann, zügelte sein Pferd vor dem Kochfeuer, neigte sich im Sattel vor und stützte die rechte Hand auf den Kolben seines Colts.

„Wir kommen von Jim Lane. Er hat gehört, dass eine neue Herde an der Grenze eingetroffen ist, und schickt euch seine besten Grüße und Wünsche", sagte er grinsend, schob seinen Kautabak von einer Backe in die andere und spuckte ins Feuer. „Ihr hattet genug Zeit, euch darüber klar zu werden, dass niemand diese Grenze überschreitet - es sei denn, wir erlauben es ihm. Könnt ihr den Durchzugszoll entrichten, dürft ihr eure Kühe weitertreiben. Könnt ihr das nicht, dann lasst ihr eure Herde am besten hier stehen und schert euch nach Texas zurück. Entlang der Blockadelinie werden in Kürze zweihundertfünfzigtausend Rinder verenden. Auf tausend mehr oder weniger kommt es da nicht an."

„Nun gut!" Story trat einen Schritt vor. „Wie viel verlangt ihr?"

„Ihr treibt tausend Rinder", sagte der Rothaarige. „Das macht nach meiner Rechnung zweitausend Dollar."

„Und wem sollen wir das Geld geben?", fragte Story.

„Ihr könnt es gleich hier in meine Satteltaschen stecken", antwortete der Bandit. „Wie wollt ihr zahlen - in Banknoten oder Gold?"

„In Blei, ihr Bastarde!"

Das höhnische Lächeln lag noch um den Mund des Rothaarigen, als Nelson Storys Colts Feuer spien. Der Bandit flog aus dem Sattel. Der Mann hinter ihm brachte den Colt fast aus dem Holster - aber eben nur fast. Drei Schüsse von Jim Kane trafen ihn dicht unter dem Herzen und rissen ihn vom Pferd.

Der Bandit zu seiner Linken zog seine Waffe noch aus dem Leder und konnte auch einen Schuss abfeuem. Die Kugel verfehlte Story jedoch um mehr als einen Meter, denn im gleichen Augenblick, als der Mann den Finger um den Abzug krümmte, trafen ihn zwei Kugeln aus Tex Frazers Colt in den Kopf und die Brust.

Drei Sättel hatten sich in ebenso vielen Sekunden geleert. Cap Salway, der Koch, riss seine Schrotflinte mit den abgesägten Läufen aus dem Küchenwagen. Doch das Dröhnen der großkalibrigen Waffe ging in plötzlich losbrechendem Gewehrfeuer unter.

Die Leinenplane des Brennholzwagens, in dem Storys übrige Männer versteckt lagen, war hochgeflogen, und Gewehrläufe waren darunter erschienen. Eine krachende Salve hüllte den Wagen in Pulverrauch; die Kugeln schlugen in die dichtgedrängten Reihen der überrumpelten Guerillas.

Die Banditen feuerten wild und ziellos zurück, aber da ihre Pferde scheuten und ihr Anführer gefallen war, gelang ihnen keine wirksame Gegenwehr. Die noch in den Sätteln waren, rissen ihre Pferde herum und stoben in wilder Flucht davon.

Kaum eine Minute nach den ersten Schüssen aus Storys Colts waren die Cowboys wieder allein und hatten genug Zeit, ihre Verluste festzustellen - und das waren drei Kugellöcher im Küchenwagen, zwei in der Plane des Brennholzwagens und eines in der Kaffeekanne.

Doch Nelson Story wusste, dass es nicht lange dauern würde, bis die überlebenden Banditen mit zehnfacher Übermacht zurückkehren und erneut über sie herfallen würden. Deshalb ließ er die Herde noch vor Sonnenaufgang in aller Eile nach Westen treiben, um so viele Meilen wie möglich zwischen sich und die gefährliche Kansas-Grenze zu bringen. Sie hatten Glück und entkamen den Guerillas, die nur wenig Lust hatten, noch mehr heißes Blei aus den Colts der hartgesottenen Texaner einzufangen.

Storys Herde zog durch das westliche Kansas, schwenkte dann nach Norden, ließ eine lange Staubfahne über Colorado aufsteigen und wandte sich darauf gen Wyoming.

Doch auf dem Weg dorthin erreichte sie die Warnung, dass die Sioux-Stämme sich erhoben hatten und plündernd und mordend nach Süden bis zur alten Poststraße am Smokey Hill River zogen. Auch die nördlichen Cheyennes befanden sich auf dem Kriegspfad. Der Grund des blutigen Aufstandes war eine Kette von neuen Forts, die die Armee nördlich von Fort Laramie quer durch das Land anlegte, das den Sioux und Cheyennes vertraglich zugesichert war.

In weitem Bogen schwenkte die Herde deshalb nach Osten und zog nach Fort Leavenworth in Kansas, obwohl das eine zusätzliche Wegstrecke von einigen Hundert Meilen bedeutete. Doch zwischen Leavenworth und Laramie gab es viele Militärposten. Auf diesem Weg konnte Storys Mannschaft die Rinder unter dem Schutz der Armee treiben und hatte wenigstens bis Fort Laramie nichts von den Indianern zu befürchten, die in großen Horden umherstreiften.

Aber immer noch lagen mehr als fünfzehnhundert Meilen vor den Texanern - und im Norden warteten Sioux und Cheyennes, um jeden Weißen zu töten, der es wagte, in ihr Gebiet einzudringen.

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IN LEAVENWORTH KAUFTE Story fünfzehn von je sechs Maultieren gezogene Planwagen und belud sie mit Fracht, die er in Montana an die Goldgräber verkaufen wollte. Außerdem warb er neue Männer an, darunter Blink Croft, einen berufsmäßigen Kartenspieler, den Iren Jack MacNarny, Matt Warner, Steve Groves, Dan Martin, einen ehemaligen Messdiener, und den Revolvermann Barry Lloyd, hinter dem ein halbes Dutzend Sheriffs und US-Marshals her waren.

Aber er tat noch mehr: Er kaufte dreißig neue Remington-Gewehre, Hinterlader, die an Feuergeschwindigkeit den im Bürgerkrieg verwendeten Springfield- und Spencer-Modellen weit überlegen waren. Man verwendete dazu Ganzmetallpatronen aus Messing und nicht mehr die in geteerte Leinwandkartuschen gehüllten Ladungen der älteren Armeegewehre. Zusammen mit diesen Waffen erwarb Nelson Story zweitausend Schuss von der neuen Munition. Als die Herde schließlich wieder in Marsch gesetzt wurde, hatten sich die Rinder erholt und Fett angesetzt.

Zwei Tagesritte von Fort Leavenworth kam es zu einem Zwischenfall, mit dem niemand gerechnet hatte. Cap Salway, der schnurrbärtige, krummbeinige, alte Koch, kramte im Küchenwagen nach einem Sack Mehl. Plötzlich vollführte er einen Sprung nach rückwärts wie ein wildgewordenes Maultier und fingerte, bleich im Gesicht, an seinem alten Colt herum.

Auf die Fragen der verblüfften Cowboys antwortete er:

„Ich habe gerade etwas Lebendiges in meinem Wagen berührt. Eine Klapperschlange muss zwischen die Fässer und Säcke gekrochen sein."

Die Männer waren sehr vorsichtig geworden, nachdem sie mehrmals morgens Klapperschlangen in ihren Stiefeln gefunden und eine mitten im Lager getötet hatten, die so lang gewesen war wie ein Mann.

Doch was aus dem Küchenwagen zum Vorschein kam, nachdem man die hölzerne Klappe geöffnet hatte, war keine Klapperschlange, sondern ein junges und recht hübsches, rothaariges Mädchen. Sie hieß Kitty McKay, hatte als Tänzerin in einem Saloon in Fort Leavenworth gearbeitet, sich Hals über Kopf in Storys jüngsten Cowboy, Johnny Pratt, verliebt und war ihm heimlich gefolgt.

Zornig wollte Nelson Story sie nach Leavenworth zurückschicken. Aber allein konnte er sie nicht gehenlassen, und von seinen Männern konnte er keinen entbehren. So blieb ihm keine Wahl; er musste das Mädchen mitnehmen. Johnny Pratt erklärte sich bereit, Kitty McKay in Virginia City, Montana, zu heiraten.

Doch dazu sollte es nie kommen.

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ZUNÄCHST ZOG DIE HERDE den alten Oregon-Trail entlang und erreichte ohne Zwischenfall Fort Laramie. Fünf Meilen östlich vom Fort ließ Story das Lager aufschlagen. Es war nun Anfang Oktober, und die ersten Nachtfröste färbten das Gras silbern. Die Herde war aber immer noch sechshundert Meilen von ihrem Ziel entfernt.

„Wir haben durch den Umweg über Leavenworth dreißig Tage verloren", sagte Story zu seinem Vormann, als sie, in ihre Wolfsfelljacken gehüllt, am abendlichen Feuer

saßen. „Wenn wir unseren ursprünglichen Plan, über den Süd-Pass nach Virginia City zu ziehen, durchführen, geraten wir in den Winter und die Schneestürme hinein. Dann werden wir am Ende nur einen kläglichen Rest der Herde ins Gallatin-Tal bringen."

Der Vormann blickte abwartend von der Zigarette auf, die er sich im Feuerschein drehte.

„Wir haben keine Wahl. Wir müssen den kürzeren Weg wählen und die Rinder über den Bozeman-Trail treiben", fuhr Story fort.

Augenblicklich wurde es still um das Kochfeuer. Alle wussten, was das bedeutete. Der Bozeman-Weg war jene Straße, derentwegen es zwischen den Sioux und der Armee zu den blutigen Kämpfen gekommen war. Fünf Forts sollten diesen Trail schützen. Aber erst eines - Fort Reno - war errichtet. Das zweite - Fort Phil Kearny - befand sich noch im Bau.

Nelson Story hatte vorgeschlagen, tausend Longhornrinder durch einen Sperriegel von zweitausend Sioux zu treiben. Ebensogut hätte er dort in die Hölle springen können, wo sie am heißesten war.

Doch die Zeit drängte. Die Herde brach auf und zog nordwärts, den Bozeman-Trail hinauf. In fünfzehn Tagen legte sie hundertneunundsechzig Meilen zurück. Unterwegs stießen die Cowboys immer wieder auf die Spuren von Indianerüberfällen: verbrannte Planwagen, erschossene Pferde, von Pfeilen und Kugeln durchbohrte, grausam verstümmelte Weiße.

Der erste Angriff der Sioux auf die Herde erfolgte nur acht Meilen von Fort Reno entfernt. In einem kurzen, heftigen Gefecht erhielten die Remington-Gewehre, die Story in Leavenworth gekauft hatte, ihre Feuertaufe. Am Ende waren zwei Texaner verwundet und ein Dutzend Indianer gefallen.

Der Kommandant von Fort Reno, Major Randall, ließ die Herde zwar weiterziehen, warnte Nelson Story aber, dass er seine Rinder nicht über Fort Phil Kearny hinaus nordwärts treiben könne. Gleichzeitig schickte er einen Kurier nach Fort Kearny, um den dortigen Befehlshaber, Colonel Henry B. Carrington, vom Nahen des Rindertrecks zu unterrichten.

Carrington war ein alter Kommisshengst, der sein Leben nach dem Buch der Bücher richtete, nur war das für ihn nicht die Bibel, sondern die Felddienstordnung, Serie FM 305-58. Er schickte Story einen Zug der F-Kompanie des 2. Kavallerieregiments unter dem Kommando von Captain William C. Fetterman entgegen, der drei Monate später mit zwei Kompanien von den Sioux und Cheyennes nahe dem Fort in einen Hinterhalt gelockt werden und als letzter seiner Schwadron durch eine Kugel aus seinem eigenen Colt den Tod finden sollte.

Carrington ließ Story ausrichten, der Bozeman-Trail sei gesperrt, und stellte ihn vor die Wahl, entweder umzukehren oder in der Nähe des Forts zu überwintern. Dem Viehtreck eine militärische Eskorte auf den Bozeman-Weg mitzugeben, sei ganz unmöglich, da alle Hände beim Bau des Forts gebraucht würden. Sollte er, Nelson Story, versuchen, den Durchzug zu erzwingen, so stünden zweihundert Soldaten bereit, Carringtons Befehl den nötigen Nachdruck zu verleihen.

Zähneknirschend entschloß sich Story, das Ultimatum zu befolgen. Doch während die Texaner noch damit beschäftigt waren, Bäume zu fällen, einen Hauptkorral für die Rinder und einen kleineren für die Pferde zu bauen und sich für den Winter einzurichten, spitzte sich die Lage zu. Armeekundschafter berichteten Story, dass rund um Fort Kearny nicht weniger als zweieinhalbtausend feindliche Indianer lägen. Jeden Tag gab es bei den Holz- und Heukommandos, die Wintervorräte für die Garnison beschaffen sollten, neue Überfälle und Schießereien mit den Sioux. Keine dieser Abteilungen kehrte ohne ein paar Tote oder Verwundete hinter die schützenden Palisaden zurück, auf deren Bastionen feuerbereite Kanonen standen.

Die Häuptlinge Rote Wolke, Crazy Horse und Galle sammelten ihre Kräfte zur entscheidenden Schlacht, und Colonel Carrington erwartete täglich den Angriff auf das Fort. Seine Befehle ließen an Klarheit nichts zu wünschen übrig: Alle Familienangehörigen von Offizieren und Soldaten sollten im Falle eines Indianerangriffs ins Pulvermagazin gebracht werden. Das Magazin war unterminiert und sollte in die Luft gesprengt werden, wenn die Rothäute über die Palisaden kamen. Auf diese Weise würde wenigstens verhindert werden, dass Frauen und Kinder lebend in die Hände der grausamen Sieger fielen. Als so gefährlich, ja aussichtslos schätzte Carrington seine eigene Lage ein.

Und dann wurden die Cowboys angegriffen. Eines Tages fanden die Texaner den blutjungen Johnny Pratt - tot, mit einem Büffelpfeil im Rücken. An diesem Abend rief Nelson Story die ganze Mannschaft bis auf die Herdenwächter zusammen.

„Heute haben wir Johnny begraben, morgen kann ein anderer von uns an der Reihe sein", begann er. „Wenn wir von den Rothäuten überfallen werden, haben wir von den Soldaten aus dem Fort keine Hilfe zu erwarten. Die haben schon mit ihrer eigenen Verteidigung genug zu tun. Verbringen wir den Winter hier, knallen uns die Sioux einen nach dem anderen ab. Entsatz aus anderen Armeeposten ist nicht zu erwarten. Die Indianer haben Fort Phil Kearny eingeschlossen und werden wahrscheinlich bald angreifen. Dann geraten wir mitten in den Kampf hinein. Ich sehe nur eine Möglichkeit für uns: Wir brechen durch und ziehen den Bozeman-Trail hinauf nach Montana. Hier sind wir drei Meilen vom Fort entfernt. Bevor Carrington merkt, dass wir das Lager abgebrochen haben, ist es für seine Kavallerie schon zu spät, uns einzuholen und zur Umkehr zu zwingen."

Er sah zu Kitty McKay hinüber, die unter einem Cottonwoodbaum vor einem frisch aufgeworfenen Erdhügel stand, auf dem ein Kreuz aus den Brettern einer Gewehrkiste errichtet war, das auf der einen Seite die Aufschrift „Remington-Waffenfabrik, Illion Forge, N. Y.", auf der anderen die Worte „Johnny Pratt, Oktober 1866 - Reite in Frieden, Johnny!" trug.

Sie bemerkte seinen Blick und deutete ihn richtig. „Ich bleibe nicht in Fort Kearny, Mister Story", sagte sie mit tonloser, aber fester Stimme, zwischen die Cowboys am Feuer tretend. „Ich werde Johnnys Platz einnehmen. Bitte, lassen Sie mich nicht zurück!"

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UM MITTERNACHT BRACHEN sie auf und trieben die Herde in fünf Stunden zehn Meilen über Fort Phil Kearny hinaus nach Norden. Kitty McKay saß neben Cap Salway auf dem Bock des Küchenwagens. Ihr Gesicht war bleich, ihre Augen vom Weinen gerötet - aber der Zug um ihren Mund drückte Entschlossenheit aus, und sie hielt ein Gewehr in den Händen.

Nelson Story behielt recht: Carrington machte keinen Versuch, die Texascowboys durch seine Kavallerie zur Rückkehr zwingen zu lassen. Er bereitete sich auf einen Kampf vor und wollte das Leben seiner Soldaten nicht für ein paar unverbesserliche Südstaaten-Rebellen aufs Spiel setzen.

Gnadenlos trieben Storys Texaner die Rinder an. Wie ein mächtiger Strom wälzte sich die Herde nach Norden, dem Yellowstone River entgegen. Tagelang bekamen die Männer nicht einmal die Feder eines Sioux zu sehen, nur alte, halb verwehte Spuren. Deshalb waren sie nicht auf einen Hinterhalt gefasst und ritten mitten in die Falle hinein, die ihnen die roten Krieger gestellt hatten.

An einem Engpass, keine fünf Meilen vor der großen Furt des Yellowstone, warteten Crazy Horse und sechshundert Oglala-Sioux, um eine Entscheidungsschlacht zu erzwingen und die Eindringlinge in den blutigen Staub des Bozeman-Weges zu stoßen.

Die Texaner hatten mit den Longhorn-Rindern, die seit zwei Tagen nicht mehr getränkt worden waren und nun das nahe Wasser witterten und ungeduldig vorandrängten, alle Hände voll zu tun. Und als der Angriff begann und Nelson Story auf die Indianer aufmerksam wurde, war es zur Umkehr schon zu spät - die Herde befand sich bereits in dem engen Hügeltal. Zweihundert Sioux griffen den Viehtreck in den Flanken an, weitere vierhundert warteten am Ausgang der Schlucht, und mitten drin befanden sich fünfunddreißig Texaner und tausend Longhorns.

Wie eine Flutwelle ergoss sich die indianische Reiterei über die Steilhänge auf beiden Seiten der Schlucht: Staub, scheckige Pferde, bemalte Schilde, Adlerfedern an Lanzenschäften, blinkender Gewehrstahl und bronzefarbene, halbnackte Körper. Die kurzen, gellenden Kriegsschreie der Indianer mischten sich mit dem Krachen der Schüsse und dem Donner der Pferdehufe.

Im Nu war die Schlucht ein Hexenkessel von brüllenden, stampfenden Rindern. Sie waren jetzt wie rasend und drängten ungestüm vorwärts. Die geschwollenen Zungen hingen ihnen aus den Mäulern, und ihre mit Alkalistaub verkrusteten Augen rollten wild. Die nachdrängenden Tiere schoben sich halb auf die Rücken der Stiere vor ihnen, stießen mit ihren vier Fuß langen Hörnern um sich, trampelten ihre schwächeren Gefährten nieder und brüllten heiser in ihrer Gier nach dem Wasser, das sie wittern, aber nicht sehen konnten.

In jeder Hand einen Armeecolt, galoppierte Story an der Flanke der Herde entlang.

„Lasst sie laufen!", schrie er seinen Männern zu. „Treibt sie vorwärts - zum Fluss!"

Er hatte mit einem Blick erkannt, dass das der einzige Weg war, auf dem sie dieser Todesfälle lebend entrinnen konnten.

Die Indianer, die sich am Ausgang des Engpasses zum entscheidenden Angriff bereithielten, hörten das dumpfe Grollen der Rinderhufe. In der nächsten Sekunde brachen tausend Longhorns aus der Schlucht hervor und galoppierten in einer gewaltigen Stampede auf sie zu. Den angreifenden Sioux blieb gerade noch Zeit, einen Blick auf die heranstürmenden Leitstiere zu werfen und die Pferde zu einem verzweifelten Fluchtversuch herumzureißen - dann brauste auch schon die erste Woge über sie hinweg.

Ein texanisches Longhorn-Rind ist mitunter schnell wie ein Mustang und wild wie ein Löwe. Es fürchtet einen Mann zu Pferde ebensowenig wie ein spanischer Kampfstier. Die geballte Masse der indianischen Reiter wurde von der Herde einfach hinweggefegt. Und hinter den Rindern schwankten polternd die Planwagen aus der Schlucht, flankiert von den Cowboys mit rauchenden Colts.

Aber schließlich begann der Strom der Herde dünner zu werden, und Crazy Horse sammelte seine geschlagenen Streitkräfte. Das war der richtige Augenblick für die Männer aus Texas und die Gewehre aus Illion Forge, New York.

Storys Reiter schwärmten aus und eröffneten auf eine Entfernung von hundert Metern das Feuer aus ihren Schnelladegewehren. Die Wirkung der Salve war auf diese kurze Entfernung und gegen die dichtgedrängten Reihen der Indianer verheerend. Als die Cowboys bis auf fünfzig Schritt heran waren, wurden die Gewehre in die Sattelschuhe gerammt, und „Colonel Colt" kam zu Wort.

In diesem Bleihagel brach der Angriff der Sioux zusammen. Crazy Horse, der zehn Jahre später das 7. US-Kavallerieregiment am Little Bighorn vernichtete, musste den Kampf aufgeben und das Feld den Texanern überlassen. Die Cowboys sprangen von den Pferden, rissen die Gewehre wieder aus den Scabbards, knieten auf dem Boden nieder und schossen weiter, bis der letzte Krieger schließlich außer Schussweite der Remingtons war. Die Schlacht an der Bozeman-Furt des Yellowstone River am 23. Oktober 1866 war zu Ende.

Nun stand Nelson Story kein Hindernis mehr im Weg. Am 3. Dezember erreichte er mit seiner Herde die kleine Stadt Bozeman in Montana, und am 8. Dezember wurden die Rinder in das Gallatin-Tal getrieben.

Fast ein Jahr zuvor war Nelson Story aufgebrochen, um sich ein Vieh-Königreich zu erkämpfen - nun hatte er sein Ziel erreicht. Er verkaufte in Virginia City mit hohem Gewinn die Ladungen der fünfzehn Maultierwagen aus Leavenworth. Mit seiner Herde jedoch gründete er die erste große Viehzucht in Montana. Als die Pferdezucht ein Geschäft zu werden versprach, kaufte er zweihundert wertvolle Kalifornia-Pferde und gründete die erste Pferdezucht Montanas.

Und noch eines muss an dieser Stelle berichtet werden: Nelson Story heiratete in Montana Kitty McKay, das Mädchen aus dem Saloon in Fort Leavenworth, Kansas, das sich heimlich in einem Küchenwagen verkrochen hatte, um einem jungen Cowboy zu folgen, in den sie sich verliebt hatte.

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DAS ERINNERT MICH an unsere Zeiten in Abilene vor einigen Jahren“, meinte Billy Calhoun, der zwischenzeitlich von draußen ins Bunkhouse gekommen war, um neugierig den Erzählungen der Cowboys zu lauschen. „Gütiger Himmel, wenn ich daran denke, bekomme ich jetzt noch Kopfschmerzen.“

„Es war nicht leicht, auf dich aufzupassen, Billy“, ergriff der Vormann Jay Durango das Wort, der kurz nach Billy hereingekommen war. „Aber Abilene war damals eine der wichtigsten Anlaufpunkte für die großen Herden aus Texas. In den Jahren nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs wurde immer mehr Vieh aus Texas nach Norden getrieben. Allein im Jahre 1866 waren es schätzungsweise 260.000 Rinder. Die gespaltenen Hufe unübersehbarer Herden wirbelten den Staub des berühmten Chisholm-Trails auf.

Der Weg der texanischen Cowboys zu den Viehmärkten und Eisenbahnstationen in Kansas war gekennzeichnet durch düstere Landmarken: hölzerne Grabkreuze, in die mit glühenden Eisen Namen, Sterbedaten und der immer wiederkehrende Zusatz „Von Indianern getötet" eingebrannt worden waren. Nirgendwo sonst war die Luft so „bleihaltig" wie auf den Treiberwegen zwischen Texas und Kansas.

Erst wenn die Cowboys Stampeden, Flussdurchquerungen, Indianer- und Banditenhorden, Klapperschlangen, Staubstürme, mörderische Hitze und grimmige Kälte hinter sich gebracht und die Südgrenze von Kansas erreicht hatten, gab es für sie Grund zur Fröhlichkeit: Abilene, Wichita und Dodge City mit ihren Saloons, Spieltischen und Glücksrädern, ihren Tanzmädchen in flitterbesetzten Kleidern und den berühmt-berüchtigten „Rotlaternenbezirken", den Vergnügungs viert ein, waren nur noch wenige Tagesritte entfernt.

Das erste, was die Cowboys sahen, wenn sie in Wichita einritten, war ein großes, mit grellen Farben bemaltes, quer über die Straße gespanntes Leinensegel, das verkündete: „All goes in Wichita!", „In Wichita ist alles möglich!" Diese Worte bedeuteten: „Wenn ihr genug Geld habt, könnt ihr in dieser Stadt die Mäuse tanzen lassen! Hier gibt' s Whiskey, Mädchen und Poker!" Und sie enthielten die unausgesprochene Aufforderung: „Lasst euren letzten Cent in Wichita, denn die Stadt lebt von euch, Cowboys!"

Der Einzug einer Cowboymannschaft aus Texas in einer Kansas-Rinderstadt war ein für unbeteiligte Zuschauer nicht selten lebensgefährliches Vergnügen. Ein, zwei Dutzend Cowboys, staubbedeckt und ausgedörrt von den langen Monaten gefährlichen Herdentreibens, galoppierten auf schäumenden Pferden durch die Straßen, schossen mit ihren Colts in die Luft und gellten den Schlachtruf der Südstaatenarmee im Bürgerkrieg: „Yipi-yipi-yeah!"

Mancher Cowboy, der es gar nicht mehr erwarten konnte, nach so langer Trockenheit seine Kehle mit dem ersten Whisky anzufeuchten, trieb sein Pferd über den Brettergehsteig und durch die Schwingtür in den nächsten Saloon hinein und ritt bis an die Theke, zog ein Tanzmädchen zu sich in den Sattel und öffnete mit seinem Colt die Whiskeyflasche, die er zu leeren gedachte, indem er ihr den Hals abschoss.

Der Humor der Cowboys war so rau wie rostiger Stacheldraht, und ihre Vergnügungen waren nicht weniger ungeschliffen. Dazu zählte auch der sogenannte „Coltwalzer", bei dem man einem nichtsahnenden, erschreckten Zuschauer Revolverkugeln zentimetergenau vor die Füße setzte und ihn so zum Tanzen „überredete".

Die berühmteste aller „Cowtowns", der Kansas-Rinderstädte – wie ihr ja selbst erfahren habt -, war Abilene, am Schienenstrang der St.-Joseph-Eisenbahnlinie gelegen - eine Stadt, die von dem Viehhändler Joe G. McCoy im Jahre 1867 buchstäblich aus dem Boden gestampft wurde. Dass McCoy für sein Vorhaben die richtige Stelle ausgewählt hatte, bewies der Umsatz, den das Rindergeschäft in Abilene verzeichnen konnte. Obwohl die ersten Gebäude und Laderampen der neuen Stadt erst im Spätherbst 1867 errichtet wurden, als die meisten in diesem Jahr durchgeführten Viehtreiben schon beendet waren, verlud die Eisenbahn in Abilene bis zum Jahresende doch noch 35 000 Rinder.

Der texanische Viehreichtum floss in stetem Strom zu den Märkten des Nordens. Und während all dieser Jahre blieb Abilene das lockende Ziel der Texascowboys, die im Staub der Rinderherden nach Kansas kamen. Abilene - die Stadt der rauchenden Colts, der flitterglitzernden Tanzmädchen und des besten Whiskeys zwischen Texas und Montana.

Aber auch Dodge City, das unter dem Namen „Königin der Rinderstädte" bekannt war, gehörte zu den Orten, die von Cowboys heimgesucht wurden. Und abgesehen von den Tanz- und Spielhallen wie dem Long Branch Saloon, dem Lady Gay Saloon und dem Alhambra, war der bekannteste Platz in Dodge der „Stiefelhügel", der Friedhof der Stadt, wo heute, noch verwitterte Holzkreuze davon Zeugnis ablegen, dass die Männer, deren Namen sie tragen, beim Ausfechten ihrer Streitigkeiten den Colt nicht schnell genug zogen.

Schießereien waren in den Städten in Kansas an der Tagesordnung - und dem Gesetz mussten Marshals und Deputys wie Wyatt Earp und Bat Masterson mit zwei Colts, Kaliber 45, Geltung verschaffen, denn um Gesetzbücher scherten sich die Cowboys wenig.

Da die Texaner auch noch zehn Jahre nach dem Bürgerkrieg glühende Anhänger der im Kampf geschlagenen Südstaaten und ebenso glühende Yankeehasser, die Marshals in den Viehstädten von Kansas aber fast durchweg Yankees, also Männer aus den ehemaligen Nordstaaten waren, konnten Zusammenstöße zwischen den feindlichen Parteien nicht ausbleiben.

Eine dieser Geschichten, die sich um den legendären Marshai Wyatt Earp rankt, ereignete sich 1876 in Dodge. Wollt ihr sie hören?

„Klar doch, Vormann“, antwortete Gus stellvertretend für seine Kameraden.

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Das Duell

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BAT MASTERSON, DEPUTYMARSHAL von Dodge City, stand auf dem Brettergehsteig vor einem Laden in der Stadt und wollte sich gerade eine Zigarette anzünden, als ein einzelner Reiter am Ende der Straße auftauchte. Es war noch früh am Morgen, und nur wenige Menschen waren auf der Front Street zu sehen.

Bat Masterson ließ die Hand mit dem brennenden Streichholz sinken, und sein Gesicht nahm einen gespannten Ausdruck an. Er hatte den Reiter sofort erkannt. Es war ein Texaner namens Clay Allison, dem ein großer Ruf als Revolvermann vorausging. Es hieß, der Griff seines Colts habe fünfzehn Kerben und jede Kerbe bedeute den Tod eines Mannes, der Clay Allison in einem Revolverduell gegenübergestanden habe.

Masterson wusste schon seit geraumer Zeit, dass Allison in einem Cowboylager vor der Stadt kampierte. Und nicht nur er, ganz Dodge City wusste es. Es war ein offenes Geheimnis, dass der Texaner gekommen war, um einen Mann zu töten: Wyatt Earp.

Allison gehörte zu einer Cowboymannschaft, die eine große Rinderherde aus Texas zur Eisenbahnstation von Dodge getrieben hatte. An diesem Morgen ritt er, ohne auch nur einen Blick nach rechts oder links zu werfen, die Front Street entlang. Er war blond, blauäugig und sechs Fuß zwei Zoll groß. Ein schwarzer Texanerhut beschattete sein scharfgeschnittenes Gesicht. Über der abgewetzten Levis-Hose trug er lederne Beinschützer. Sein verwaschenes Leinenhemd zeigte Spuren alter Schweißflecken. Doch sein Colt, der in einem tiefgeschnallten Holster steckte, blinkte vor Sauberkeit. Das Metall von Hahn und Trommel glänzte ölig.

Deputymarshal Bat Masterson sah Allison nach, bis der Cowboy vor dem Alhambra Saloon sein Pferd zügelte und sich aus dem Sattel schwang. Nachdem der Texaner sporenklirrend hinter der Schwingtür des Saloons verschwunden war, blies Masterson das Streichholz aus, verließ den Gehsteig, überquerte die Straße und betrat das Dodge House Hotel.

„Ich suche Mister Earp", sagte er zum Portier.

„Ich habe ihn vorhin in den Frühstücksraum gehen sehen", erwiderte der Mann hinter dem altmodischen Stehpult.

Durch eine doppelflügelige, offenstehende Tür gelangte Masterson in den Speiseraum. Wyatt Earp, zu jener Zeit wie Bat Masterson Deputymarshal in Dodge City, saß Zeitung lesend beim Frühstück.

„Allison ist in der Stadt", begann Masterson ohne Einleitung. „Diesmal wirst du Hilfe brauchen, Wyatt."

Earp winkte einem Kellner, eine zweite Tasse für Masterson zu bringen und goss Kaffee ein.

„Warum?", fragte er ruhig. „Ich glaube, ich komme allein mit Allison zurecht."

„Daran zweifle ich nicht", erwiderte Bat Masterson. „Aber es sind noch mehr Texaner in der Stadt. Sie warten jetzt in Wrights Laden. Es sind dieselben Rancher, die Clay Allison nach Dodge City geholt und ihm ein hohes Kopfgeld gezahlt haben, damit er dich aus dem Weg räumt."

Auch das galt in Dodge als offenes Geheimnis: Gewisse Viehzüchter aus Texas, die ihre Herden zum Verladen zur Eisenbahnstation von Dodge City brachten, betrachteten die Stadt als ihr Eigentum und das ihrer Cowboys und glaubten, in Dodge ungestraft tun zu können, wozu sie Lust hatten. Sie waren eine ungezügelte, wilde Horde, die nur das Faustrecht anerkannte. Jeder Mann, der das Gesetz vertrat - und allen voran Wyatt Earp stand diesen Ranchern im Weg. Deshalb hatten sie Clay Allison aus Texas geholt und ihm ein dickes Bündel Dollarscheine in die Hand gedrückt, damit er an ihrer Stelle das tat, wozu ihnen selbst der Mut fehlte - nämlich Wyatt Earp herausfordern und im offenen Revolverkampf töten.

„Wo ist er jetzt?", wollte Earp wissen.

„Er hält sich noch jenseits der Todeslinie auf, im Alhambra", antwortete Masterson. Die „Todeslinie" von Dodge City verlief zwischen der Hauptstraße der Stadt und dem Eisenbahngeleise. Sie schied den wohlhabenden, bürgerlichen Teil von Dodge von jenem Stadtviertel, in dem sich Saloons, Spielhallen und die Häuser mit den roten Laternen aneinanderreihten.

Als Wyatt Earp gelassen fortfuhr, zu frühstücken, zuckte Bat Masterson mit den Schultern, rückte seinen Revolvergürtel zurecht und verließ das Hotel, um seinen Rundgang durch die Stadt fortzusetzen.

Endlich legte Earp seine Serviette zur Seite, schob den Stuhl zurück, stand auf, schnallte seinen Waffengurt um und ließ die Hände flüchtig über die Griffe seiner beiden Colts gleiten.

Er warf einen Dollar auf den Tisch, trat dann auf den in hellem Sonnenschein liegenden, hölzernen Gehsteig vor dem Dodge House hinaus, zündete sich eine Zigarre an und schritt in Richtung Second Avenue. Gerade in diesem Augenblick verließ Clay Allison das Alhambra und sah Wyatt Earp keine zehn Schritt entfernt.

Beide Männer blieben stehen, und der Texaner fragte: „Sind Sie Earp?"

„Ich bin Earp", antwortete der Deputymarshal, die Zigarre zwischen den Zähnen. Allison schien verwirrt. Seine rechte Hand hing mit gekrümmten Fingern über dem Kolben seines Colts, aber er zögerte, die Waffe zu ziehen. Sein Blick ging zur anderen Straßenseite hinüber, wo vor Wrights Laden die Pferde seiner Auftraggeber angebunden waren. Hinter den spiegelnden Scheiben der Schaufenster konnte er Gesichter sehen, die zu ihm und Earp herüberstarrten.

„Man hat mir erzählt, Sie hätten im vergangenen Sommer den Vormann unserer Ranch, der mein Freund war, erschossen", begann Allison, nach einem Grund für eine Schießerei suchend.

„Das ist eine Lüge", versetzte Earp kalt und spuckte dem Texaner seine Zigarre vor die Stiefel. Auch seine Hände befanden sich in unmittelbarer Nähe der Colts.

Eine volle Minute herrschte Schweigen, während die beiden Männer mit den Blicken kämpften. Dann trat Allison plötzlich einen Schritt zurück, murmelte etwas von verdammten Feiglingen, für die er nicht das glühende Eisen aus dem Feuer holen wolle, drehte sich um, ging zu seinem Pferd, band es los und schwang sich in den Sattel.

Doch in der nächsten Sekunde warf er das scheckige Tier herum, setzte ihm die Sporen an, riss den Colt aus dem Holster, stieß den Rebellenruf „Yipi-yipi-yeah!" aus und preschte auf Wyatt Earp zu.

Der Deputymarshal zog sofort beide Colts und ging in sprungbereite Lauerstellung. Clay Allison hing wie ein Comanche auf der Earp abgewandten Flanke seines galoppierenden Pferdes. Über dem Sattel waren nur sein Gesicht, ein Bein und die Hand mit dem Colt zu sehen. Seine Revolvermündung war genau auf Wyatt Earp gerichtet, als er an ihm vorbei jagte - aber kein Schuss fiel.

Nach einem rasenden Ritt von fünfzig Metern schwang sich Allison wieder in den Sattel und schob seinen Colt ins Holster. Er zügelte seinen Schecken vor Wrights Laden, saß ab und öffnete die Tür mit einem krachenden Fußtritt.

Drinnen warf er den Männern, die ihm stumm und mit verkrampften Gesichtern entgegenblickten, ein Bündel Geldscheine vor die Füße.

„Tut eure schmutzige Arbeit selbst, ihr Hundesöhne!", sagte er zornig, verließ den Laden wieder, schwang sich in den Sattel und galoppierte aus der Stadt, als säße ihm der Teufel im Nacken.

Später fragte Masterson Wyatt Earp: „Warum hast du nicht geschossen, als Allison auf dich zuritt?"

„Ich wusste, er würde den Finger nicht um den Abzug krümmen", war Earps Antwort. „Allison ist ein Cowboy - und kein Cowboy schießt aus dem Hinterhalt auf einen Mann, dem er im offenen Kampf nicht gegenüberzutreten wagt. Clay Allison wollte nur beweisen, dass er nicht feige ist."

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CLAY ALLISON“, MURMELTE Bob Rennington, der schwarze Cowboy. „Von dem habe ich auch schon so einiges gehört. Muss ein rauer Bursche sein.“

„Stimmt“, nickte Durango. „Selbst unser Marshal Tate Clayburn hätte seine Probleme mit ihm gehabt. Ich bin froh, ihm niemals wieder begegnet zu sein. Da verbinge ich lieber die Zeit mit euch Halunken. Auf euch ist wenigstens Verlass ...“

Durango wusste, wovon er sprach.In jenen wilden, pulverdampferfüllten Jahren, als Cowboys und Rinder das Bild des amerikanischen Westens beherrschten, spielten Recht und Ordnung noch nicht die gleiche Rolle wie heute. Das Fehlen geschriebener Gesetze machte es für die Cowboys notwendig, eine eigene Form des Rechts zu entwickeln. Sie hatten auch eine besondere Bezeichnung dafür: „Homespun Law", „Selbstgesponnenes Gesetz".

Als dann schließlich ordentliche Gesetze in Form gedruckter Paragraphen in den Wilden Westen kamen, fehlten hier alle Voraussetzungen, die ihnen in den zivilisierten Oststaaten der USA Geltung verschafften. Die Cowboys respektierten diese Gesetze nicht, weil sie nicht gleichzeitig Paragraphen beachten und in dem wilden Land überleben konnten, in dem der als letzter starb, der als erster den Finger am Abzug seines Colts hatte.

Das brachte dem Westen den Ruf ein, gesetzlos zu sein. Er war jedoch nichts weniger als das. Wenn der Cowboy sich auch wenig um papierenes Recht kümmerte, so setzte er doch seinen Stolz darein, das ungeschriebene Gesetz der Weide getreulich zu befolgen. Das geschah nicht aus Furcht vor Strafe, sondern weil jedermann, der dieses Gesetz brach, von da an als Ausgestoßener galt.

Mut war ein wichtiger Grundsatz des Cowboygesetzes. Männer, die ein so gefährliches Leben führten, konnten keinen Feigling in ihrer Mitte dulden, denn ein Feigling konnte im entscheidenden Augenblick eine ganze Mannschaft gefährden. Cowboys kannten hundert Wege, ihm das Leben so lange schwerzumachen, bis er genug hatte und verschwand.

Auch Fröhlichkeit war ein Teil des ungeschriebenen Gesetzes, denn die Cowboys lebten in einem harten, feindseligen Land, in dem ein gelegentlicher Scherz ebenso wichtig war wie eine Feldflasche voll Wasser in der Wüste oder ein Colt, den man im richtigen Augenblick bei der Hand hatte. Männer, die dem Tod so oft ins Auge schauen, wie es die Cowboys taten, brauchen einen rauen, manchmal ätzenden Humor, um Anstrengungen und Gefahren leichter zu ertragen.

Am wichtigsten war jedoch, dass ein Mann seinen Kameraden die Treue hielt. Denn oft hing das Leben eines Cowboys davon ab, dass ihm ein anderer, ungeachtet der Gefahr, in die er sich dabei selbst begab, im entscheidenden Augenblick zu Hilfe kam - sei es bei Stampeden, Flussdurchquerungen oder Indianerüberfällen.

Für den Cowboy bedeutete der „Brand" - das Zeichen, das den Rindern der Ranch, für die er arbeitete, mit einem glühenden Eisen aufgedrückt wurde – ebenso viel wie die Fahne für den Soldaten. Und es war sein Stolz, seinem „Brand" die Treue zu halten.

Er lebte nach einem Gesetz, das Freundschaft und Hilfsbereitschaft höher stellte als alle anderen Dinge auf Erden. Selbst heute noch, lange nachdem das gedruckte das ungeschriebene Gesetz des amerikanischen Westens abgelöst hat, ist der Cowboy bereit, auch Fremden, ja sogar seinen Feinden zu helfen, wenn Not am Mann ist. Niemand, der einen Cowboy um Hilfe bittet, wartet vergebens.

Auch im Umgang mit dem Colt galt eine besondere Moral. Der Cowboy trat seinem Gegner offen gegenüber. Er schoss nicht aus dem Hinterhalt.

Ein alter Cowpuncher drückte es so aus: „Von eines Mannes Tisch aufzustehen und die Waffe gegen diesen Mann zu richten, während du noch den Geschmack seines Brotes auf der Zunge hast - das wäre eine unaussprechliche Schurkerei. Du sollst nicht zum Colt greifen, während du lächelst. Du sollst nie auf einen unbewaffneten oder ungewarnten Mann schießen. Um es noch deutlicher zu sagen: Du sollst keinen ahnungslosen Feind aus dem Hinterhalt töten. Wenn du aber auf der Flucht bist, verfolgt von deinem Gegner, dann kannst du ihm auflauern und ihn vor deine Winchestermündung reiten lassen, ohne damit deine Ehre zu beflecken, denn dann ist er gewarnt und auf der Hut. Das ist das Gesetz der Klapperschlange, die durch ihr Rasseln warnt, bevor sie zustößt. Es mag verrückt, gefährlich und scheinbar unmenschlich sein - aber es ist eine Warnung, die jeder versteht."

Es gab kaum eine stolzere Seele auf Erden als den Cowboy. Er war stolz auf seinen Beruf und hielt seinen Ruf makellos. Der Mann im Sattel schien ihm immer höher zu stehen als der Mann zu Fuß. Viele Leute im Westen versuchten, ihren wahren Beruf zu verbergen und wie Cowboys auszusehen. Der Cowboy verbarg nie, was er war. Aus diesem Grund weigerte er sich, nur an einem Stiefel einen Sporn zu tragen, weil das zu den Gewohnheiten der Schafhirten gehörte. Und deshalb trug er nie Latzhosen, denn die waren das Abzeichen der Farmer. Bei allem, was er tat, zeigte er sich so von Stolz gebläht wie ein Longhorn-Stier von zuviel frischem Gras.

Er konnte im Sattel ungeheure Leistungen vollbringen, aber sein Stolz ließ es nicht zu, dass er sich irgend jemandem unterordnete. Weder Befehle noch Kommandos wurden ihm gegeben; allenfalls erteilte man ihm Anweisungen. Allerdings zählte es zu den schwersten Sünden eines Cowboys, wenn er seinem Rancher oder Vormann nicht gehorchte.

Saß er einmal im Sattel, dann ritt er durch jedes Wetter - Schnee, Regen, Sturm oder glühende Hitze -, bis er seinen Auftrag ausgeführt hatte. Trotz seiner Treue zu seinem Boss weigerte er sich aber, Arbeiten zu übernehmen, die er nicht vom Sattel aus erledigen konnte.

Ein altes Sprichwort sagt: „Ein Cowboy sattelt lieber sein Pferd, bevor er zwanzig Schritte zu Fuß tut."

Da der Stolz im Leben des Cowboys eine so bedeutende Rolle spielte, ist es nicht verwunderlich, dass er es als schwere Strafe betrachtete, „aus dem Sattel gestoßen zu werden". Das bedeutete, dass ein Cowboy, der sich eines Vergehens schuldig gemacht hatte, sein Pferd, das der Ranch gehörte, zurückgeben und, wenn er kein eigenes Pferd besaß, seiner Mannschaft zu Fuß folgen musste. Diese Art der Bestrafung wurde als so entwürdigend empfunden, dass sie nicht selten in einer Schießerei endete.

Aber es heißt auch, in der Brust eines Cowboys im alten Westen habe ein Herz, so groß wie eine Satteldecke, geschlagen. Nichts, was er besaß, war ihm zu gut, um mit einem Kameraden geteilt zu werden. Keine Nacht war zu dunkel, kein Weg zu lang oder zu mühselig, wenn es darum ging, einem Freund zu Hilfe zu kommen. Er war auch freigebig mit seinem Geld. Jeder Fremde konnte ihm mit einer zu Herzen gehenden Geschichte seine Dollars herauslocken.

War gar ein Cowboy der eigenen Mannschaft krank oder hatte sich beim Zureiten von Wildpferden ein paar Knochen gebrochen und brauchte einen Arzt oder Medizin, dann leerten alle seine Kameraden ihre Taschen, um ihm zu helfen.

Doch das ungeschriebene Gesetz des Weidelandes galt nicht nur für die Menschen, sondern ebenso für die Pferde. Gleichgültig wie hungrig ein Cowboy nach einem harten, arbeitsreichen Tag war - er versorgte immer erst sein Pferd, bevor er sich um seine eigenen Bedürfnisse kümmerte. Und wenn er auf der Suche nach verirrten Rindern über steiniges Gelände reiten musste, suchte er stets den Weg aus, wo der Boden am weichsten war, um die Hufe seines Pferdes zu schonen.

Näherten sich zwei fremde Reiter einander, so verlangten es die Umgangsformen der Cowboys, dass beide Männer in einigem Abstand ihre Pferde zügelten, die Hände gut sichtbar und nicht in der Nähe der Colts hielten, ein paar Worte wechselten und höflich nach dem Woher und Wohin fragten.

War dem Brauch Genüge getan und beide ritten ihrer Wege, galt es als Zeichen des Misstrauens und als schwere Beleidigung, wenn einer von ihnen über die Schulter zurückblickte. Denn das hieß soviel wie er fürchte, der andere könnte ihm in den Rücken schießen.

Eine der am strengsten befolgten Regeln des Ranchlandes aber war, Frauen zu achten. Kein anderer Mann sah mit solcher Ehrerbietung zu Frauen auf wie der Cowboy. Dinge, die im Überfluss vorhanden sind, verlieren leicht ihren Wert. Das war der Grund für die große Achtung, die der Cowboy allen Frauen gegenüber hegte: Es gab so wenige von ihnen im Westen. Gleichgültig, woher sie kamen und was im Leben aus ihnen geworden war - der Cowboy begegnete ihnen mit Respekt. In der Gesellschaft eines Cowboys hatte eine Frau nichts zu befürchten. Sie war so sicher wie in der Kirche, und sie wusste das auch. Ein Cowboy, der einer Frau zu nahe trat, galt bei seinen Kameraden als gebrandmarkt.

Die ungeschriebenen Gesetze des Westens waren einfach und richtig zu ihrer Zeit. Und sie wurden befolgt, weil sie sich nicht auf bedrucktes Papier stützten, sondern auf Mut, Kameradschaft, Ehrlichkeit und gegenseitige Achtung - Eigenschaften, die die verwegenen Reiter mit ihren schiefgetretenen Stiefelhacken, klirrenden Sporen, flatternden Beinschützern und tiefgeschnallten Colts so sehr verkörperten.

Nicht umsonst nannte man die Cowboys des Wilden Westens die Ritter der Weide. Die Ausrüstung des Cowboys war ganz seinen Bedürfnissen angepasst, meist rau und schmucklos, aber sehr zweckmäßig.

Der am meisten ins Auge fallende Bestandteil seiner Kleidung waren die Chaps, lederne Beinlinge, die über die Hosen geschnallt, manchmal aber auch wie ein zweites Paar Hosen über die Blue Jeans gezogen wurden. Sie schützten die Beine des Cowboys vor den Hornspitzen der Rinder, den Zähnen halbwilder Pferde und den Dornen des Buschlandes. Die Cowboys hatten sie von den mexikanischen Vaqueros übernommen. Ihr Name stammt von dem spanischen Wort „Chaparejos", das soviel wie „Schutzanzug" bedeutet.

Es gab verschiedene Arten von Chaps: „Closed Legs", die wie Hosen aussahen, „Chinks", die nur vom Gürtel bis zu den Knien reichten, und „Angoras", die, mit dem Fell nach außen, aus Wolfs-, Bären- oder Schaffell waren.

Der nach den Chaps auffälligste Bestandteil der Cowboyausrüstung war der Hut, allgemein „War Bonnet", „Kriegskopfschmuck", genannt. Diese Bezeichnung war von den Indianern entlehnt. Die Hüte der meisten Cowboys hatten abenteuerliche Formen, da sie nicht nur ständig Wind und Wetter ausgesetzt waren, sondern gelegentlich auch als Tränke für Pferde dienten. Ein Cowboy, der durch Wüstengebiet ritt und nur eine Feldflasche voll Wasser hatte, konnte sein Pferd nur tränken, indem er Wasser aus der Flasche in seinen Hut goss und das Tier daraus saufen ließ.

Die Cowboystiefel waren kurzschäftig und leicht, wie ein Mann sie brauchte, der den ganzen Tag im Sattel zubrachte. Ihre unverwechselbare Form erhielten sie durch die hohen Hacken, die dazu bestimmt waren, dem Reiter sicheren Halt in den Steigbügeln zu geben. Bei Stiefeln mit niedrigen Absätzen bestand nämlich die Gefahr, dass der Reiter bei einem Sturz aus dem Sattel mit einem Fuß ganz durch den Steigbügel rutschte, darin hängenblieb und von seinem durchgehenden Pferd nachgeschleift wurde.

Von besonderer Wichtigkeit waren für den Cowboy die Sporen. Er konnte sie schon deshalb bei der Arbeit zu Pferde nicht entbehren, weil sie oft das einzige Mittel waren, um ein störrisches Cowpony beim Zusammentreiben verstreuter Rinder über eine Strecke rauhen, steinigen Bodens zu zwingen. Außerdem bediente sich der Cowboy ihrer, um seinem Pferd das Zeichen zu einer Kehrtwendung, einem schnellen Galopp oder einem plötzlichen Halt zu geben.

Einem unerfahrenen Neuling - von den Cowboys verächtlich „Shorthorn", „Kurzhorn", genannt - erschien ein Paar großer, klirrender Sporen stets sehr eindrucksvoll. Hatte er sie aber erst einmal an seine Stiefel geschnallt, stolperte er bei jedem zweiten Schritt darüber. Man musste sich erst daran gewöhnen, mit Cowboysporen an den Hacken zu gehen. Den ledergesichtigen, alten Cowpunchern bereitete das freilich nicht die geringsten Schwierigkeiten, denn ihre Beine waren vom vielen Reiten O-förmig gebogen, und ihre Fußspitzen wiesen einwärts.

Alle Sporen, die bei den Cowboys Verwendung fanden - und es gab viele verschiedene Arten -, hatten eines gemeinsam: sie waren dazu gemacht, ein Pferd anzutreiben, nicht aber, es zu bestrafen oder zu verletzen. Die sogenannten „Pantherkrallen", Sporenräder mit langen Stahldornen, galten unter den Cowboys als verpönt, denn die Weidereiter liebten Pferde und wollten sie nicht unnötig quälen.

Ein Mann, der solche Sporen benützte, behielt seinen Arbeitsplatz auf einer Ranch in der Regel nicht lange. Wenn Rancher oder Vormann diese grausamen Eisen an den Stiefeln eines Cowboys sahen, dauerte es gewöhnlich nur kurze Zeit, bis sie ihm nahe legten, sich anderswo nach Arbeit umzusehen.

Neben der Lederweste, der Wolfsfelljacke, dem geölten, gelben Regenmantel und den Blue Jeans zählte auch das Halstuch, gemeinhin „Wischlappen" genannt, zur Kleidung des Cowboys. Es musste als Verband für blutende Wunden ebenso herhalten wie zum Trockenwischen schweißnasser Gesichter oder als Schutzmaske vor Mund und Nase, wenn eine Herde über sandiges Gelände getrieben wurde und Hunderte oder Tausende von Rinderhufen dichte Staubwolken aufwirbelten.

Die Bettzeugrolle, die der Cowboy hinter seinem Sattel festgebunden mit sich führte, bestand meist aus zwei Decken, in die ihr Besitzer seine Habseligkeiten gewickelt hatte.

Aber sie zählte eigentlich schon zur Arbeitsausrüstung des Cowboys - und da kam an erster Stelle der Sattel. Um Sättel, Pferde und Rinder drehte sich das ganze Leben der Cowboys. Es ist daher nicht verwunderlich, dass viele Ausdrücke der Cowboysprache den Sattel zum Inhalt hatten. Ein Mann, von dem man sagte, „er habe seinen Sattel verkauft", war jemand, der seine Ehre verloren hatte. Hieß es: „Er hat seinen Sattel weggeworfen", so bedeutete das, dass der Betreffende gestorben war. Ein Mann, der zu alt war, um noch Cowboyarbeit leisten zu können, „hängte seinen Sattel an die Wand".

Wurde ein Cowboy von einem bockenden Pferd abgeworfen, schrie er seinen Kameraden üblicherweise nicht zu: „Fangt das Pferd ein!", sondern „Holt meinen Sattel zurück!" Denn das Pferd gehörte in den meisten Fällen der Ranch, für die ein Cowboy arbeitete - doch der Sattel war sein persönliches Eigentum.

Die ersten Sättel in den USA stammten aus Mexiko, wurden aber sehr bald für die besonderen Bedürfnisse der amerikanischen Cowboys umgeändert. Ohne den so entstandenen „Westernsatter' hätte sich kein Mann auf den halbwilden Pferden halten können, und es hätte weder Viehzucht noch Ranches im Wilden Westen gegeben.

Der Cowboysattel besaß vorn und hinten zwei hohe, lederüberzogene Holzwülste, die dem Reiter Halt verliehen. Er hatte ein mächtiges Horn, um das man das Lasso schlingen konnte, sobald ein Rind eingefangen war. Und seine Steigbügel waren so lang, dass sie dem Cowboy erlaubten, die Beine zu strecken. Je nach der Arbeit, zu der ein Sattel verwendet wurde, besaß er einen oder zwei Bauchgurte.

Beim sogenannten „Broncosattel", den man beim Zureiten von Wildpferden benützte, war der vordere Sattelwulst an beiden Enden besonders stark gebaut, so dass der Reiter seine Knie darunter festklemmen und sich auf diese Weise besser auf dem Rücken des bockenden Pferdes halten konnte.

Zum Sattel gehörten Zügel, Zaumzeug und die Gebißstange, die quer durch das Pferdemaul geschoben wurde und an deren Enden Metallringe saßen, an denen die Zügel befestigt waren. Neben dieser herkömmlichen Trense gab es aber noch einen besonderen Zaum, der ausschließlich zum Zureiten von Broncos, Wildpferden, benützt wurde: die Hackamore. Sie besaß keine Gebissstange, um das empfindliche Pferdemaul nicht zu verletzen, sondern einen dicken Lederknoten auf dem Nasenbein dicht über den Nüstern des Broncos und einen weiteren unter seinem Kinn, mit deren Hilfe der Reiter das Pferd lenken konnte. Die Hackamore wurde aus steifem Leder angefertigt, denn ihre Wirksamkeit hing davon ab, ob die beiden Knoten fest an den richtigen Stellen des Pferdekopfes saßen. Im anderen Fall war das Zaumzeug nutzlos.

Am Sattel hing das aufgerollte Lasso, auch Lariat genannt nach dem spanischen Wort „La Reata", das „Halteseil" bedeutet. Das Lasso bestand gewöhnlich aus Hanf, manchmal aber auch aus Rosshaar, Baumwolle oder Leder. Seine Länge war unterschiedlich; sie reichte von acht bis zwölf Meter. Je geübter ein Cowboy im Umgang mit dem Lasso war, desto länger durfte das Seil sein, das er benützte. Der Durchmesser eines Lassos betrug üblicherweise zwischen einem halben und eineinhalb Zentimeter.

Das Lasso wurde in den Weidegebieten des Westens zu den verschiedenartigsten Zwecken benützt. Das begann schon morgens nach dem Aufstehen, wenn der Cowboy sein Pferd aus der Remuda, der Pferdeherde, herausfangen musste. Auf der Weide, wo es keine Zäune gab, wurden Lassos zur Einzäunung der Remuda verwendet. Das Lasso hielt ein widerspenstiges Pferd an einem Pfahl fest, bis es gesattelt war. Es zog Rinder aus Sumpflöchern.

Wenn während eines Herdentreibens der Küchenwagen beim Durchqueren eines Flusses steckenblieb, wurden Lassos am Wagen und den Sattelhörnern befestigt, und die Cowboypferde halfen dem Maultiergespann ziehen. Das Lasso konnte als Peitsche benützt werden, um Rinder anzutreiben - und im Schneesturm ausgespannt erwies es sich als hilfreicher Wegweiser zwischen der Cowboyunterkunft, dem Stall und dem Brennholzstapel. Manchmal spielte es sogar eine Rolle bei der Vollstreckung eines Urteils, wenn ein Pferde- oder Viehdieb in Ermangelung eines Richters und zwölf Geschworener von den Cowboys schuldig gesprochen und kurzerhand aufgehängt wurde.

Von besonderer Bedeutung aber waren für den Cowboy seine Waffen, denn in dem wilden Land, in dem er lebte, musste er ständig bereit sein, sein Leben mit „heißem Blei" zu verteidigen.

Der Colt war für ihn deshalb eine Notwendigkeit. Er pflegte und ölte ihn und hielt ihn sauber. Ohne das Gewicht eines Revolvers an seiner Hüfte fühlte er sich nackt. Der Colt Single-Action-Army, Kaliber 44 oder 45, der berühmte Cowboyrevolver, kam 1873 heraus. Von dieser Waffe wurden bis zum Jahre 1885 117.000 Stück verkauft - u. a. ein Beweis dafür, wie sehr der Cowboy auf seinen Colt angewiesen war.

Die erste Winchester wurde 1866 auf den Markt gebracht. Sie war ein sechsschüssiges Gewehr mit einem Röhrenmagazin unter dem Lauf und einem Ladehebel, der mit der gleichen Hand bedient wurde wie der Abzug, was der Waffe eine hohe Schussgeschwindigkeit verlieh. Die äußeren Teile des Gewehrschlosses waren aus Messing hergestellt. Die Winchester 66 hatte das Kaliber 44 oder 45, so dass der Cowboy für seinen Colt und die Winchester dieselbe Munition verwenden konnte.

Wer niemals eine Rinderherde im kalten Nordsturm verloren hat, mag Schnee herrlich finden. Wem die Wüste nicht den kargen Ackerboden vernichtet hat, der wird vielleicht ihre Farbenpracht bewundern. Wer den amerikanischen Westen nur aus Filmen und Fernsehserien kennt, sieht die Revolver und Gewehre des alten Westens im Glorienschein. Für die Menschen damals waren sie etwas anderes. Man denke an den Colt, dessen Trommel noch die Spuren der Weidezaunnägel aufweist, die damit eingeschlagen wurden, und an die Winchester, deren Kolben rissig ist von den Kaffeebohnen, die damit zerkleinert wurden, und dem Rindfleisch, das man damit klopfte. Die Feuerwaffen des Wilden Westens waren zu ihrer Zeit nur selten Symbole von Glanz und Ruhm, sondern vielmehr alltägliche Werkzeuge des harten Lebens.

Es bedurfte nicht des Colts, um Gefahr in das Leben des Cowboys zu bringen. Cowboyarbeit war immer hart und gefährlich und verlangte ganze Männer.

Riesige Viehherden, die nicht selten nach Zehntausenden zählten, waren dem Cowboy anvertraut; ihnen galt seine Sorge. Tagein, tagaus ritt er die Grenze des offenen Weidelands ab, das zu seiner Ranch gehörte. In späteren Jahren, als das Land eingezäunt wurde, musste er Löcher graben und Pfosten aufrichten, mit schweren Drahtrollen hantieren, täglich die Zäune kontrollieren und durchgerosteten Stacheldraht flicken. Denn wenn ein Zaun zerrissen oder niedergebrochen war, konnte Vieh entkommen - und es dauerte manchmal Tage, bis die entlaufenen Rinder wieder eingefangen waren. In jenen Jahren hatten die Cowboys immer dicke Lederhandschuhe, eine Zange und Draht zum Flicken schadhafter Zäune in den Satteltaschen.

Außerdem wurde jeden Tag ein anderer Cowboy einer Mannschaft abkommandiert, um zu den Schlammlöchern auf dem Ranchgebiet zu reiten. Er brauchte für seine Arbeit ein starkes Pferd, einen Sattel mit doppeltem Bauchgurt und ein festes Lasso. Denn immer wieder gerieten Rinder in den Schlamm, aus dem sie sich durch eigene Kraft nicht befreien konnten. Wurden sie nicht rechtzeitig herausgezogen, gingen sie zugrunde. Da jedoch jedes Rind einen Wert von zwanzig und mehr Dollar besaß, konnte es sich kein Rancher leisten, seine Tiere auf diese Weise zu verlieren.

Daneben gehörte es zu den Aufgaben der Cowboys, die Windmühlen zu kontrollieren, die in trockenen Gebieten die Herden mit Wasser versorgten, denn Wasser war lebensnotwendig für die Rinder.

Das harte Leben im Sattel, die vielen im Freien, auf der harten, kalten Erde verbrachten Nächte und das Trinken von alkalihaltigem Wasser verlangten eine eiserne Gesundheit, denn ein Arzt war im Notfall selten zur Stelle. Gewöhnlich übernahm der Vormann einer Ranch diese Rolle. Er kurierte jeden Schmerz oberhalb der Gürtellinie mit Hustensaft, jeden Schmerz unterhalb derselben mit Rizinusöl. Ein weiteres bewährtes Allheilmittel war Whiskey.

Am anstrengendsten war die Arbeit der Cowboys im Winter, wenn Schneestürme über das weite, flache Land hereinbrachen. Dann mussten die Rinder an geschützten Plätzen zusammengetrieben werden, wo der Schnee nicht zu hoch lag, damit sie nach Futter scharren konnten. Von solchen Ritten kehrten die Cowboys oft mit Eiszapfen im Schnurrbart zurück.

„Die Nordstürme in Texas kommen geradewegs vom Nordpol", fluchte einer von ihnen, „und nichts ist da, sie aufzuhalten, außer einem löcherigen Stacheldrahtzaun."

In harten Wintern starben die Rinder oftmals wie die Fliegen, und die überlebenden Tiere einer Herde waren so schwach, dass sie sich kaum so lange auf den Beinen zu halten vermochten, bis das Frühlingsgras wuchs. Während dieser grimmigen Zeit arbeiteten die Cowboys „rund um die Uhr", um schwache Kälber zu retten und Stiere und Kühe, die sich erschöpft niedergelegt hatten, wieder auf die Beine zu bringen, ehe die Tiere erfroren.

Waren die Rinder aber glücklich durch den Winter gebracht, fielen mit dem einsetzenden warmen Wetter die Rinderbremsen über sie her, und unter ihren peinigenden Stichen stürzten sich die Tiere oft blindlings in das nächste Schlammloch, um die Quälgeister loszuwerden.

So kamen die Cowboys nie zur Ruhe.

Neben den Rindern hatten sie sich auch um die Pferde zu kümmern. Die meisten dieser Broncos mussten erst eingebrochen, das heißt zugeritten, werden: eine gefährliche Arbeit.

Die halbwilden Tiere, die Mustangblut in den Adern hatten, kämpften, wenn sie zum ersten Mal geritten wurden, erbittert gegen das Gewicht von Sattel und Reiter auf ihrem Rücken und gegen den Zwang von Zügel und Sporen. Manche erwiesen sich als so gefährlich, dass kein Cowboy ihnen den Sattel aufzulegen wagte. Ungezählte Legenden ranken sich um solche „Mankiller", Mörderhengste, denen kein Mann seinen Willen auf zwingen konnte.

Doch die meisten Pferde wurden, wenn auch erst nach harten Zweikämpfen mit den Cowboys, eingebrochen. Dabei spielte die Hackamore, dieser harte Lederzaum ohne Gebissstange, eine wichtige Rolle. Sie besaß eine steife Lederblende, die man dem Pferd über die Augen herunterziehen konnte. Ein Bronco, der nichts sah, ließ sich nämlich leichter satteln. Er wurde von zwei Männern so lange am Kopfhalter festgehalten, bis sein Reiter im Sattel saß und die Stiefelhacken in die Steigbügel stemmte. Dann wurde der Kopf des Tieres freigegeben und gleichzeitig die Sichtblende der Hackamore hochgezogen.

Was dann folgte, war ein Duell zwischen Mann und Pferd, wie man es im amerikanischen Westen oft beobachten kann. Wer einen Bronco zureiten wollte, musste damit rechnen, mehr als einmal Bekanntschaft mit der harten Erde und vielleicht sogar mit den Zähnen und Hufen des Pferdes zu machen.

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DURANGOS GEDANKEN KEHRTEN in die Gegenwart zurück. An den Blicken seiner Kameraden bemerkte er, dass er mit seinen Schilderungen ein wenig zu ausschweifend gewesen war.

„Ich erinnere mich an einen jungen Cowboy der Spur-Ranch, südlich von Fort Worth“, meinte der Cowboy Chris Collins. „Er versuchte einmal, ein Wildpferd einzubrechen. Nachdem er drei-, viermal abgeworfen worden war, wurden die anderen Cowboys auf ihn aufmerksam, und drei von ihnen schlenderten zum Korral, um zuzusehen.

Gerade in diesem Augenblick flog der junge Bursche zum fünften Mal aus dem Sattel und landete wieder im Staub. Einer der drei hinzu gekommenen Cowboys betrachtete den Boden des Korrals, den der Junge bei seinen vielen Stürzen aufgewühlt hatte.

„Was machst du da, Kid? Willst du Getreide säen?", fragte er trocken.

„Er will das Feld umackern, das er da im Korral angelegt hat", sagte der zweite.

Der dritte hockte sich auf seine Stiefelhacken, kniff ein Auge zu, als ziele er auf etwas, und sagte dann mit sanfter Stimme zu dem Jungen: „Wenn du Farmer werden willst, musst du lernen, die Furchen auf deinem Feld gerade zu ziehen."

Die meisten der anwesenden Cowboys schmunzelten bei dieser Schilderung. Sie konnten alle gut mit Pferden umgehen und verstanden ihren Job. Auch das Beschlagen eines Pferdes oder, wie die Cowboys es nannten, das „Beschuhen" war nicht einfach.

„Ein Cowboy der Spur Ranch brachte einmal sein Pferd zum Beschlagen in die Schmiede“, erzählte Chris weiter. „Er ging dann, um seinen Sattel in die Sattelkammer zu tragen und zerrissenes Zaumzeug zu flicken. Als er nach einer Weile draußen mächtigen Lärm hörte, lief er hinaus und sah sein Pferd zornig und misstrauisch zwei schwitzende Männer, den Schmied und seinen Gehilfen, beäugen.

„Habt ihr es beschuht?", fragte er.

„Schätze, ja!", antwortete der Schmied. „Hab' ihm ein Eisen auf jeden Huf genagelt, mit dem es nach mir auskeilte. Ich danke Gott auf den Knien, dass Pferde keine Tausendfüßler sind."

Die Männer schmunzelten bei diesen Worten. Zu jener Zeit gab es eine Schmiedewerkstatt und einen Schmied auf jeder größeren Ranch. Manche Cowboys beschlugen ihre Pferde auch selbst, obwohl das Beschuhen eines Cowponys so schwierig war, als versuchte man, sich mit dem Ellenbogen hinterm Ohr zu kratzen.

Die besten Pferde wurden von den Cayusen, einem Indianerstamm im nordwestlichen Idaho, gezüchtet. Diese Tiere waren so berühmt, dass die Cowboys das Wort „Cayuse" für den Begriff „Pferd" gebrauchten.

Es dauerte lange, bis ein Cowpony zum treuen Kameraden seines Reiters wurde und alle Tricks kannte, die es bei der Arbeit auf der Weide brauchte, wie das Abdrängen eines Rindes von der Herde oder das Spreizen der Vorderbeine, um den Ruck eines sich straffenden Lassos abzufangen. Aber alle diese Techniken musste ein Cowboypferd beherrschen, wenn es zum Roundup, dem Zusammentreiben der verstreut grasenden Viehherden, ging.

Der Roundup fand alljährlich im Frühling zu dem Zweck statt, die neugeborenen Kälber als Eigentum ihres Besitzers zu kennzeichnen. Die Cowboys nannten den Roundup auch „Rindfleischernte", weil gleichzeitig die zum Verkauf bestimmten Tiere aus der Herde ausgesucht, zusammengetrieben und zum Verladebahnhof gebracht wurden.

War die Zeit des Roundups gekommen, ritt die ganze Cowboymannschaft einer Ranch auf die Weide, begleitet von Küchen-, Proviant- und Ausrüstungswagen, schlug ein Lager auf und begann, die Rinder, die in kleinen Gruppen überwintert hatten, zu einer großen Herde zusammenzutreiben. Da Longhorn-Rinder allgemein und insbesondere Kühe mit Kälbern wild und angriffslustig waren, bedeutete der Roundup harte, gefährliche Arbeit.

Die Cowboys bildeten zwei gewaltige Kreise, von denen der eine den anderen umschloss. Langsam zogen sie den äußeren Ring enger. Mit kreisenden Lassos, gellenden Pfiffen, Flüchen und, wenn es nötig war, mit krachenden Colts trieben sie die Rinder gegen den inneren, kleineren Kreis von Reitern, wo das Vieh aufgehalten und zum Stehen gebracht wurde. Im Mittelpunkt des kleineren Ringes brannten Feuer, in deren Flammen die Brandeisen, mit denen die Tiere gezeichnet werden sollten, bis zur Weißglut erhitzt wurden. Je enger die Herde zusammengedrängt wurde, um so dichter wurde der Staub, der unter den gespaltenen Rinderhufen aufwirbelte. Hörner klapperten gegeneinander, Stiere brüllten, Kälber blökten, und der beißende Holzrauch der Feuer mischte sich mit dem Staub.

War die Herde zum Halt gebracht, begann die Suche nach Mavericks, den ungebrannten Kälbern. Diese mussten nicht zwangsläufig zur Herde der betreffenden Ranch gehören. Ungebrannte, von ihren Kühen verlassene Jungtiere galten als herrenlos, und das Weiderecht bestimmte: „Mavericks gehören dem, der das längste Lasso hat." Das hieß, wer die Hand zuerst auf ein ungebranntes Kalb legte, war sein Eigentümer. Jedes Jungtier, das sich zur Zeit des Roundups im Gebiet einer Ranch aufhielt, bekam deren Brandzeichen. Eine Ausnahme bildeten nur Mavericks, welche mit gezeichneten Muttertieren zusammen waren.

Lassoschwingend ritten die Cowboys unter den Rindern umher und fingen die Kälber ein. War die Schlinge um den Hals eines Jungtieres gefallen, machte das Cowpony sofort und ohne Befehl seines Reiters kehrt und zog das Kalb am Lasso hinter sich her zum Feuer. Dort stand schon ein Mann bereit, der das Kalb an einem Ohr und am Schwanz packte, ihm ein Bein unter den Bauch schob, es hochhob und mit einem Ruck auf die Flanke warf. Zwei Cowboys hielten es am Boden fest, so dass es nur ein wenig zappeln und blöken konnte. Ein dritter ging zum nächsten Feuer, nahm eines der langstieligen, glühenden Eisen heraus, prüfte die Hitze des Brandstempels, indem er darauf spuckte, und setzte ihn, wenn er heiß genug war, kurz auf die Flanke des Kalbes. Die Glut zischte, der Geruch von verbranntem Haar stieg auf, und das Tier war gezeichnet. Zusätzlich erhielt es einen Schnitt in eine bestimmte Stelle eines seiner beiden Ohren, damit es auch dann noch auf den ersten Blick als Eigentum der Ranch zu erkennen war, wenn das nachwachsende Fell das Brandzeichen verdeckte.

Das mit einem Brandmal versehene Tier war von nun an Besitz eines Ranchers, und wer sich daran vergriff, ein Viehdieb. Jede Ranch hatte ihr eigenes Brandzeichen und ihre eigene Ohrmarkierung. Die Eisen trugen als Brandstempel Zeichen wie Blitze, Kreise, Sporen, aber auch einzelne Buchstaben oder Zahlen.

Viehdiebe versuchten oft, diese Zeichen zu verändern, indem sie ein neues Brandmal darüber setzten, das ähnliche Linien aufwies wie das alte. Im Streitfall gab es jedoch ein untrügliches Verfahren, die Wahrheit herauszufinden. Das betreffende Rind wurde erschossen und abgehäutet; auf der Innenseite des Fells zeichneten sich jeweils noch deutlich die Umrisse des ursprünglichen Brandmals ab.

In den Nächten ritten die Cowboys singend um die große Herde, denn die menschlichen Stimmen beruhigten die Rinder. Die Gefahren eines Roundups waren mannigfaltig. Aber eine war besonders gefürchtet: die Stampede.

Mehr als der Warnruf, dass Indianer das Lager angriffen, brachte dieses Wort das Blut jedes Cowboys zum Gerinnen. Es gab keine Warnung vor der plötzlich losbrechenden Panik einer Rinderherde. Das Heulen eines Kojoten, der Donner eines Gewitters, ein Blitzschlag - alles konnte eine fürchterliche Stampede auslösen.

Meist grasten die Longhorns in der einen Minute noch friedlich und ruhig - in der nächsten folgte ein dumpfes Grollen stampfender Hufe, das wie ferner Kanonendonner klang, und die Herde brach aus. In breiter Front galoppierten die Rinder, allen voran die Stiere, mit gesenkten Hörnern und steil aufgerichteten Schwänzen über die Ebene. Niemand konnte voraussagen, welche Richtung sie einschlagen würden. Manchmal stürzten sie in blinder Panik über steile Felsklippen in einen Abgrund; dann häuften sich ihre zerschmetterten Kadaver auf dem Grund der Schlucht.

Wehe dem Cowboy, dessen Pferd vor der Front einer in wilder Flucht dahindonnernden Herde stolperte und stürzte oder in den Mahlstrom der Rinder geriet und, von Hornstößen getroffen, zusammenbrach. Pferd und Reiter wurden dann in den Grund gestampft.

Die einzige Möglichkeit, eine in Stampede befindliche Herde aufzuhalten, bestand darin, die sich schnell bewegende Masse von Rindern in einen gewaltigen Kreis zu lenken, den die Cowboys „Mühle" nannten. Gelang der Versuch, ließ man die Longhorns laufen, bis sie schließlich vor Erschöpfung stehenblieben. Manchmal dauerte eine Stampede mehrere Tage. Dann durften die Cowboys nicht an Schlaf denken. Es blieb nur Zeit für einen Schluck kochendheißen Kaffee, und schon hieß es wieder: Zurück in den Sattel.

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GUS, ES WIRD ZEIT, dass sich der Boss mal um einen richtigen Koch für uns alle kümmert“, meinte Rio Shayne. „Das Zeug, was du für uns brutzelst, ist an manchen Tagen ungenießbar!“

„Wenn´s dir nicht passt, dann such dir einen Job auf einer anderen Ranch“, erwiderte der kleine rothaarige Gus. „In all den Jahren ist noch keiner deswegen gestorben. Also hör auf zu klagen. Ist der Kaffee zu stark, dann bist du zu schwach!“

Gusa wusste, was er da von sich gab, denn Leben und Arbeit ohne Kaffee wären für den Cowboy undenkbar gewesen. Kaffee war ihm bedeutend wichtiger als Whiskey. Es gab keine Tages- oder Nachtzeit, zu der ihm eine Tasse Kaffee nicht willkommen gewesen wäre - vor und nach dem Dienst, vor und nach der Herdenwache und möglichst auch zwischendurch.

Kaffee wurde gekocht, um hart arbeitende Männer im Sattel wach zu halten. Das Rezept für seine Zubereitung entsprach voll und ganz diesem Zweck: Man nehme ein Pfund Kaffee, feuchte es gut mit Wasser an, koche es dreißig Minuten lang kräftig, tauche dann ein Hufeisen hinein - und wenn das Hufeisen untergeht, gebe man noch mehr Kaffee hinzu.

Damals wurde der Kaffee wirklich noch gekocht, und zwar kräftig brodelnd. Wenn der Koch ihn vom Feuer nahm, gab er meist eine Prise Salz und einen Schuss kaltes Wasser hinzu, damit sich der Grund setzen konnte. Diese starke Brühe, von der es allgemein hieß, sie hebe den ältesten Mann wieder in den Sattel und lasse einen drei Tage toten Indianer von den Zehen bis zu den Haarspitzen erzittern, trank der Cowboy am liebsten siedend heiß, stets ohne Milch und Zucker und am liebsten literweise; aber nie hat man gehört, dass ein Cowboy davon schlaflose Nächte gehabt hätte.

Das Kaffeekochen fiel, wie alles andere, was mit der Ernährung einer Cowboymannschaft zu tun hatte, in den Bereich des Kochs. Weniger bekannt als der Cowboy, entwickelte sich auch der Ranchkoch zu einem Typ sehr eigenwilliger Prägung. Dass er wortkarg und mürrisch war, hing mit den Schwierigkeiten zusammen, mit denen er sich fast täglich herumschlagen musste: Sand, Wind, Regen, beschränkte Vorräte und meist wenig Zeit zur Bereitung eines schmackhaften Mahls für heißhungrige Mäuler. Oft genug fehlte es an Brennholz, manchmal war es nass. Tiere oder der Wind warfen Sand in seine Kochtöpfe. Seine Geduld wurde immer wieder auf harte Proben gestellt.

Da gute Köche im Westen knapp waren - sie verdienten etwa 10 bis 20 Dollar mehr als die Weidereiter, die im Durchschnitt für 30 Dollar monatlich arbeiteten - und die Nachfrage nach ihnen entsprechend groß, waren die Köche üblicherweise der Meinung, etwas Besseres zu sein als die gewöhnlichen Cowboys. Die Cowboys waren natürlich genau entgegengesetzter Meinung, wagten aber kaum, dies in Hörweite des Kochs zu äußern.

In seinem Reich war der Koch unumschränkter Herrscher. Wehe dem, der versucht hätte, ihm diesen Rang streitig zu machen. Ein Ranchkoch musste sich zu behelfen wissen, wenn er im Planwagen mit einer Herde von Rindern unterwegs war, da er meist nur über eine geringe Anzahl von Grundnahrungsmitteln und oft über keine oder nur wenige Gewürze verfügte. Kaffee, Trockenbohnen, Backpulver, Mehl, Reis, Dörrobst, Pökelfleisch und Konserven bildeen die Grundlagen seiner Kochkünste. Frisches Gemüse und Eier gab es nur, wenn die Herde in die Nähe einer Stadt kam.

Der Koch schlug sich auch nicht mit Waage und Messbecher herum. Seine Maßeinheiten lauteten: „Man nehme eine Handvoll" oder „Man nehme eine Messerspitze". Trotzdem gehörte ein richtiges Cowboyessen zu den schmackhaftesten Dingen, die man sich vorstellen kann. Wer zum Beispiel einmal frisch gebackene Sauerteigwecken versucht hatte, fand meist keinen rechten Geschmack mehr an anderem Brot.

Hefe gab es nicht, und der Koch musste seinen Sauerteig selbst anfertigen. Dazu gab er etwa 4 Pfund Mehl mit einer Prise Salz in einen Behälter und schwemmte mit Wasser einen mittelschweren Teig ein. Dann wurde der Behälter zugedeckt und an einen warmen Platz gebracht, damit der Teig gären konnte. Wurde der empfindliche Sauerteig zu heiß oder zu kalt, blieb die Gärung aus. Der Koch behielt ihn daher sorgfältig im Auge und umsorgte ihn wie eine Bruthenne ihre Küken. In kühlen Nächten nahm er ihn sogar mit ins Bett, damit die Gärung nicht unterbrochen wurde.

Nach ein bis zwei Tagen knetete der Koch Mehl, ein wenig Salz und Natron und etwas Schmalz oder anderes Fett in den Sauerteig, bis die richtige Mischung erreicht war. Inzwischen hatte er bereits ein kräftiges Feuer in Gang gebracht, damit für das Backen genügend rote Glut zur Verfügung stand.

Das Brot wurde in mit Deckeln versehenen Metallformen, den sogenannten „Holländer-Öfen", gebacken, die man auf glühende Kohlen setzte. Auch auf die Deckel wurden Kohlen gehäuft. Damit das Innere der Sauerteigwecken weich und zart blieb und die Kruste knusprig und braun wurde, backte man mit verhältnismäßig wenig Unterhitze und starker Oberhitze.

Das Grundnahrungsmittel des Westens allerdings waren Bohnen, die den Vorteil hatten, sehr haltbar und billig zu sein. In einem alten Cowboylied sind sie mit den Worten verewigt: „Jeden Tag Bohnen - was für ein Fraß! Bald steig' ich aus dem Sattel und esse Präriegras."

An Fleisch gab es hauptsächlich Rindfleisch. Der Cowboy aß Fleisch zum Frühstück, zu Mittag und am Abend. Hammelfleisch sagte ihm nicht zu, aber vom Rind aß er alles, was überhaupt essbar war. Man konnte schließlich nichts verkommen lassen! Am liebsten hatte der Cowboy ganz frisches Rindfleisch und vor allem gebratene Steaks. Am besten waren Steaks, wenn sie im eigenen Rinderfett gebraten wurden.

Das berühmteste und ungewöhnlichste Essen auf einer Ranch war aber wohl das „Son-of-a-bitch-Stew", der „Hundesohn-Eintopf". Wie das hervorragende Gericht zu diesem Namen kam, ist nicht überliefert.

Verwendet wurden dazu verschiedene Kalbsinnereien: das halbe Herz, die halbe Milz, ein Viertel der Leber, die ganze Zunge, die Kalbsmilch, das ganze Steakfleisch oder die gleiche Menge zartes Lendenfleisch sowie zwei Tassen geschmolzenes Nierenfett.

Die Zutaten durften nur langsam, nach und nach, zugegeben werden, jeweils eine Handvoll - und jedes Mal wurde sorgfältig umgerührt.

Das Leben eines Ranchkochs im alten Westen war beschwerlich. Müh und Plage begannen für ihn an jedem Tag schon frühmorgens. Er musste als erster aufstehen, das Feuer schüren, kochen und dann auf seinen eisernen Triangel hämmern und die Schläfer in der Cowboyunterkunft mit den Worten: „Kommt und holt euch das Essen, bevor ich es an die Spechte verfüttere!", an das Frühstück erinnern.

Je besser ein Koch mit dem beschränkten Nahrungsmittelvorrat, der ihm zur Verfügung stand, umzugehen wusste, desto besser für ihn und die Cowboys, für die er zu kochen hatte. Jeder Rancher legte Wert darauf, dass seine Leute gut ernährt, zufrieden und damit auch leistungsfähig waren. Ein tüchtiger Koch war seinen Lohn wert.

Das zeigte sich besonders beim Roundup, wenn er, Regen und Sturm auf offener Weide trotzend, ein Feuer in Gang hielt und mit Pfannen und Töpfen werkte, um den Cowboys für ihre gefährliche, aufreibende Arbeit im Sattel die nötige „Unterlage" zu schaffen.

„Verschieben wir die Suche nach einem geeigneten Koch lieber auf später“, schlug John Calhoun vor. „Ich rede gleich morgen früh mal mit Pa darüber. Wir werden uns darum kümmern – versprochen.“

Das stellte den Großteil der Männer zufrieden. Nur Gus blickte etwas unglücklich drein, weil er seinen Job in Gefahr sah. Aber mit einem kurzen Augenzwinkern gab ihm John zu verstehen, dass er sich keinerlei Sorgen mehr zu machen brauchte.

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HABT IHR IRGENDWELCHE kranke Tiere auf den Weiden gefunden?“, fragte Jay Durango als nächster in die Runde. „Seit gewissenlose Viehhändler auch Rinder aus Mexiko beziehen und auf dem hiesigen Markt an den Mann zu bringen versuchen, sollten wir vorsichtig sein.“

„Bis jetzt haben wir nichts entdeckt“, erwiderte Rio Shayne. „Aber wir halten weiterhin die Augen offen.“

Rio wusste, was Viehseuchen für eine Ranch bedeuteten. Noch bedrohlicher als die Gefahren von Roundup und Rindertreck waren Kranheiten wie Tollwut, Milzbrand und Texasfieber.

Von tollwütigen Kojoten gebissene Rinder konnten zur tödlichen Bedrohung für jeden Cowboy werden. Wenn ein Weidereiter von einem brüllenden Longhorn-Stier angegriffen wurde, der auf den Beinen schwankte, dem Schaum vom Maul troff und dessen Augen unbeweglich in ihren Höhlen standen, gab es nur ein Mittel zu seiner Rettung: Eine Kugel aus seinem Colt. Denn ein Mensch, der zu jener Zeit von einem tollwütigen Tier angefallen und verletzt wurde oder auch nur mit dessen Speichel in Berührung kam, starb fast immer eines langsamen, qualvollen Todes.

Vielleicht noch gefährlicher war Milzbrand, eine heimtückische Krankheit, deren Ausbreitung kaum Einhalt geboten werden konnte, wenn sich erst einmal ein Tier einer Herde angesteckt hatte. Die kranken Rinder wurden zwar, sobald sie Anzeichen von Milzbrand zeigten, sofort erschossen, in schnell ausgehobene Gruben geworfen und mit ungelöschtem Kalk übergossen oder mit Kerosin bespritzt und verbrannt. Trotz solcher Schutzmaßnahmen bereitete sich der Milzbrand gewöhnlich unaufhaltsam in einer Herde aus und vernichtete sie bis auf klägliche Reste. Besonders unheilvoll war die Krankheit deshalb, weil sie sich leicht vom Vieh auf Menschen übertrug und dann, da kein Heilmittel bekannt war, in neunundneunzig von hundert Fällen zum Tode führte.

Für Menschen weniger gefährlich, aber eine schier unausrottbare Heimsuchung der Rinderherden, vor allem in Texas, war das Texasfieber, das durch Zecken übertragen wurde.

Um dieser Seuche Einhalt zu gewähren, sah sich das Amt für Viehzucht in den USA gezwungen, den größten Teil von Texas, insgesamt dreiundsiebzig Prozent der Bodenfläche des Staates, unter strenge Quarantäne zu stellen. Nur der äußerste Norden und Westen von Texas galten als zeckenfreie Gebiete. Eine „Quarantine Line", „Quarantänegrenze", genannte Linie umschloss die verseuchten Teile des Staates.

Diese Grenze wirkte von Anfang an wie Dynamit, denn sie trennte die Mehrzahl der Texasrancher von den Viehmärkten und Eisenbahnstationen in Kansas und brachte viele von ihnen an den Rand des wirtschaftlichen Ruins. Verzweifelte oder gewissenlose Viehzüchter aus dem Seuchengebiet versuchten deshalb immer wieder, mit ihren hart reitenden und schnell schießenden Mannschaften die Quarantänelinie zu durchbrechen. Aber die Rancher im zeckenfreien Gebiet schickten ihre Cowboys mit dem Befehl auf Grenzpatrouille, sofort zu schießen, wenn eine Herde aus dem Seuchengebiet den Durchbruch nach Norden versuchen sollte.

Ein einziges von Zecken befallenes Rind genügte, um viele Quadratmeilen gesunden Weidelandes zu verseuchen. Die Zecken fielen unbemerkt von dem Tier ab, krochen über die Erde und an den Beinen anderer Stiere, Kühe und Kälber hoch, wo sie sich festsogen und damit die Krankheit auf die gesunden Tiere übertrugen. Die befallenen Rinder magerten ab, bis sie schließlich vor Schwäche zusammenbrachen und verendeten. Das Vieh aus dem Quarantänegebiet war immun gegen diese Seuche, die unter den Herden zeckenfreier Gebiete fürchterlich wütete.

Aus diesem Grund kam es an der Quarantänegrenze zu immer neuen Schießereien zwischen Cowboymannschaften aus dem Norden und Süden von Texas. Aber die Viehzüchter im zeckenfreien Gebiet sorgten mit heißem Blei dafür, dass ihre Weiden unverseucht blieben.

Schließlich wurde auf der King-Ranch, einem der größten texanischen Rinderzuchtbetriebe, eine Waffe gegen die Zeckenplage gefunden: Kreosot, ein teerartiges Entseuchungsmittel. Tiefe Gräben wurden ausgehoben, mit hölzernen Gattern eingezäunt und mit einer starken Kreosotlösung bis zum Rand gefüllt. Durch das stinkende Bad mussten die Rinder schwimmen. Nur diese von Zeit zu Zeit wiederholte Behandlung vernichtete die Zecken. Aber jedes zeckenfrei gemachte Gebiet konnte von neuem verseucht werden, wenn auch nur ein einziges von der Plage befallenes Rind es betrat. Es dauerte viele Jahrzehnte, bis die Quarantäne über Texas endlich aufgehoben werden konnte.

Aber noch vor den verheerenden Viehseuchen stand ein anderes Problem auf dem langen Sorgenzettel jedes Ranchers: Wasser und Weide. Beides war für das Rindergeschäft von grundlegender Bedeutung, denn ohne genügend Wasser und Gras konnte man keine Herden züchten. Das eigentliche Ranchland - jenes Gebiet, das der Viehzüchter gekauft hatte und nach Recht und Gesetz sein eigen nennen konnte - war in den meisten Fällen nur klein. Zwischen 1866 und 1880 spielte das, was der Cowboy „freie Weide" nannte, die Hauptrolle in der Rinderzucht.

Dieses Freiland war Regierungsbesitz, auf dem die Rancher ihre Herden weiden konnten, ohne einen Cent dafür bezahlen zu müssen, und das sie nach überkommenem Recht schließlich als ihr Eigentum betrachteten. Doch dieses „Recht" wurde ihnen bald streitig gemacht. Im Jahre 1862 war das Heimstättengesetz erlassen worden, das jeder siedlungswilligen Familie 160 Morgen Freiland versprach. Als um das Jahr 1870 Siedler in hellen Scharen nach dem Westen zogen und ihre Heimstätten auf dem Freiland errichteten, verloren die großen Ranches immer mehr Weidefläche. Allenthalben wurden Stacheldrahtzäune errichtet, die den Rinderherden oft genug die Wege zu den besten Weideplätzen versperrten.

Überall zwischen Texas und Montana flammte der Kampf zwischen Ranchern und Siedlern auf - und vielfach entschied in solchen Auseinandersetzungen der Colt. Manche Rancher warben sogar bezahlte Revolvermänner an, um die Siedler von ihrem Land zu vertreiben.

Am längsten und blutigsten verlief der Streit zwischen Schaf- und Rinderzüchtern. Die Rancher betrachteten die Schafhirten als Eindringlinge, denen keine Rechte zustanden. Sie behaupteten, die Schafe rissen beim Weiden das Gras samt den Wurzeln aus, so dass ein Gebiet, durch das Schafe zögen, danach lange Zeit für die Rinderzucht unbrauchbar sei. Außerdem sei es eine bewiesene Tatsache, dass Rinder Wasserstellen mieden, die regelmäßig von Schafen als Tränke benützt würden.

Vielfach schreckten die Rancher und ihre Cowboymannschaften nicht davor zurück, Schafe zu vergiften oder bei Nacht in die Lager der Schafzüchter zu reiten und die Tiere abzuknallen oder ihnen die Kehlen aufzuschlitzen. Dass die Schafe nur auf Regierungsland grasten und häufig schon vor den Rindern dort gewesen waren, kümmerte sie nicht.

Die Bezeichnung „Schafhirt" galt unter den Cowboys als schwere Beleidigung, die mit den Fäusten und, wenn Whiskey mit im Spiel war, nicht selten mit dem Colt beantwortet wurde.

Besonders hart ging es her, wenn ein Streit um Wasserrechte entbrannte. Denn oft trockneten - besonders in den Südweststaaten Arizona, Neumexiko, Texas und Oklahoma - im Sommer die Flüsse so stark aus, dass die Rinder einer Ranch an den gewohnten Wasserstellen nicht mehr genug zu saufen fanden.

Dann musste eine Herde unter Umständen viele Meilen weit bis zu einem anderen Fluss getrieben werden, der zwar noch Wasser führte, aber schon zum Gebiet einer anderen Ranch gehörte, die ihrerseits eifersüchtig über das Wasser wachte. Dann standen sich zwei kampfbereite Mannschaften gegenüber, die Hände an den Colts. Beide fühlten sich für ihre Herden verantwortlich. Aber da kein Cowboy zusehen konnte, wie seine Rinder verdursteten, wenn es in erreichbarer Nähe Wasser gab, wurden im Ranchland des amerikanischen Westens mehr blutige Fehden um Wasser und Weide ausgefochten, als um irgend etwas anderes,

Es gab ein Wort, das auf der Zunge des Cowboys den gleichen Geschmack hatte wie Pulverrauch: Weidekrieg!

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ZUM GLÜCK IST ES BEI uns jetzt verhältnismäßig ruhig geblieben“, meinte Chris. „Die Rancher sind sich untereinander einig und akzeptieren auch neue Siedler im Land. Das ist nicht selbstverständlich.“

„Stimmt“, nickte Jay Durango. „Drüben in New Mexico haben sie sich gegenseitig die Köpfe eingeschlagen, und Billy the Kid war mitten drin.“

Er bemerkte, wie Billy Calhoun, der jüngste Sohn seines Ranchers jetzt ganz besonders wissbegierig dreinblickte. Wie jedes Mal, wenn der Vormann spannende Geschichten zum besten gab. Durango fasste diesen Blick als stumme Aufforderung auf, die Geschichte jetzt vollständig zu erzählen.

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Ein Cowboy namens Billy the Kid

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DER HEFTIGSTE WEIDEKRIEG in der nicht gerade bleiarmen Geschichte des Wilden Westens wurde zwischen 1876 und 1881 im Lincoln County in Neumexiko ausgetragen und endete mit dem Tod des legendären Billy the Kid.

Im Jahre 1876, als der Kampf begann, umfasste das Lincoln County 27.000 Quadratmeilen wasserreichen Weidelandes, unberührt von Eisenbahnschienen und Stacheldrahtzäunen - aber auch unberührt von Gesetz und Ordnung. Der größte Teil dieses Gebiets war freies Regierungsland, auf dem Viehzüchter ihre Herden weideten. Um 1876 begannen Siedler und Kleinrancher in das Lincoln County vorzudringen. Zur gleichen Zeit fingen Texas Rangers, Sheriffs und US-Marshals im benachbarten Texas an, unter den Banditen aufzuräumen, und die Gesetzlosen - Viehdiebe, Berufsspieler und Revolvermänner - suchten in New Mexico Zuflucht vor Richter und Henker. Damit waren alle Voraussetzungen für das Drama geschaffen.

Die Unruhen im Lincoln County begannen, als Siedler und Kleinrancher behaupteten, John S. Chisum, der „Rinderkönig von New Mexico", versuche, das Tal des Pecos River, in dem die besten Viehweiden lagen, mit Gewalt an sich zu bringen. Außerdem erhoben sie Klage, dass seine gewaltigen Herden ihr Vieh von den freien Weiden verdrängten. So standen die Dinge, als der Kampf um die Herrschaft über das Lincoln County ausbrach.

Nachdem die feindlichen Parteien sich gesammelt hatten, standen auf der einen Seite der ehemalige Major L. G. Murphy und ein Bankier namens J. J. Dolan, unterstützt von US-Distriktsanwalt Thomas B. Catron und dem sogenannten „Santa Fe Ring", einer Vereinigung profitgieriger Geschäftsleute.

Auf der anderen Seite standen der Rechtsanwalt Alec McSween und der Rancher John Tunstall; sie wurden unterstützt von dem mächtigen John Chisum. Murphy und Dolan hatten lange Zeit sämtliche Geldgeschäfte im Lincoln County und damit praktisch das ganze Gebiet unter Kontrolle gehabt. Sie hatten Sheriff William Brady von Lincoln City durch Bestechung auf ihre Seite gebracht und beschäftigten eine Art Leibwache aus texanischen Revolvermännern, die in ihrem Auftrag Vieh von Großranchern wie Chisum stahlen. Doch nun machten ihre Gegner ihnen, gestützt auf John Chisums Geld und Einfluss, diese Vormachtstellung streitig.

Das war der Augenblick, in dem Billy the Kid am Schauplatz des Geschehens auftauchte: ein kaum siebzehnjähriger Cowboy, von dem nicht viel mehr bekannt war, als dass er den Colt schneller ziehen konnte als jeder andere Mann. Sein wahrer Name lautete William H. Bonney; so steht es auf seinem Grabstein auf dem alten Militärfriedhof von Fort Sumner, New Mexico.

Billy the Kid kam aus Arizona, wo er steckbrieflich wegen eines Revolverkampfes in Camp Bowie gesucht wurde, bei dem er einen Mann erschossen hatte. Er kam in Begleitung von vier Banditen - Jesse Evans, Jim McDaniels, Billy Morton und Frank Baker -, die sich die „Seven River Warriors", die „Krieger von den sieben Flüssen", nannten und von Murphy und Dolan als Revolvermänner angeworben worden waren.

Die Seven River Warriors und Billy the Kid stahlen Chisums Rinder, die Major Murphy, der einen Vertrag über die Lieferung von Vieh mit der Regierung abgeschlossen hatte, in die nahe Apachen-Reservation verkaufte, wo sich niemand um die Brandzeichen der Rinder kümmerte.

Irgendwann während dieser Zeit traf Billy mit John Tunstall zusammen. Zwischen den beiden in feindlichen Lagern stehenden Männern entwickelte sich eine starke Freundschaft; Billy the Kid wechselte die Seite und trat als Cowboy in Tunstalls Dienste.

Der Rancher sagte zu seinem Vormann Dick Brewer über Billy: „Er ist der netteste Bursche, dem ich je begegnet bin. Ich glaube, er würde alles tun, was ich von ihm verlangte, um mir einen Gefallen zu erweisen. Ich werde einen ordentlichen Mann aus ihm machen."

Aber Billys friedliches Leben als Cowboy dauerte nicht lange, denn kurz nachdem er seinen alten Kampfgefährten Lebewohl gesagt hatte, begann, eingeleitet von Schüssen aus den Colts bezahlter Revolvermänner, das blutige Drama.

Am 18. Februar 1878 wurde John Tunstall von einem von Sheriff William Brady vereidigten und von Evans, Morton und Baker angeführten Aufgebot erschossen. Das Aufgebot, das auf Tunstalls Land nach Rindern suchte, die Major Murphy angeblich gestohlen worden waren, stieß auf halbem Weg zwischen der Stadt Lincoln City und der Ranch John Tunstalls auf den Viehzüchter, galoppierte mit gezogenen Colts auf ihn zu und kreiste ihn ein.

„Du hast uns genug Ärger gemacht. Jetzt bist du dran!", rief Jesse Evans Tunstall zu, hob seinen Revolver und schoss den unbewaffneten Mann nieder. Tödlich verwundet versuchte der Rancher, sich noch einmal aufzurichten, da traf ihn heißes Blei aus den Colts von Morton und Baker. John Tunstall fiel auf die Seite und blieb tot liegen. Evans und seine Leute ritten höhnisch lachend davon. Sie glaubten, ihren gefährlichsten Gegner aus dem Weg geräumt zu haben. Sie irrten sich. Die blutige Tat brachte einen erbarmungslosen Rächer auf ihre Fährte: Billy the Kid.

Dick Brewer, Tunstalls Vormann, fand den Toten und brachte ihn auf die Ranch. Der sinnlose Mord schlug Billy eine Wunde, die nie verheilen sollte. Mit bleichem Gesicht schwor er am Grabe Tunstalls Rache: „Er war der einzige Freund, den ich hatte. Ich werde jeden vor meinen Colt holen, der mitgeholfen hat, John zu töten. Ich bringe sie alle zur Strecke - und wenn es das letzte ist, was ich in meinem Leben tue!“

Dass das keine leere Drohung war, sollten seine Feinde bald zu spüren bekommen. Robert Widenman, ein US-Deputymarshal aus dem Lincoln County, der sich in der blutigen Fehde unparteiisch verhielt, schwor die Cowboys der Tunstall Ranch unter Führung ihres Vormanns Dick Brewer als Hilfsmarshals ein. Im „Toter-Mann-Loch", einem Canyon an der Straße von Lincoln nach Rosewell, stieß das Aufgebot auf zwei von Tunstalls Mördern, Morton und Baker. Sie wurden gefangengenommen und entwaffnet. Brewer bestand darauf, die beiden Männer lebend vor ein Gericht zu bringen, um dem Gesetz Genüge zu tun.

Billy the Kid widersprach ihm: „Wenn Morton und Baker vor Gericht gestellt werden, wird man sie freisprechen. Vergiss nicht, Dick, dass Catron, der Distriktsanwalt, zu Murphys Parteigängern zählt."

Doch Brewer blieb unbeugsam; auch einige andere Cowboys stellten sich vor die Gefangenen. Einer von ihnen, Will McCloskey, sagte sogar zu Billy Morton und Frank Baker: „Bevor euch jemand lynchen kann, wird er mich erst töten müssen."

Aber Morton und Baker waren nicht gewillt, darauf zu vertrauen, dass ihre mächtigen Hintermänner ihnen helfen würden, dem Strick des Henkers zu entrinnen. Bei einem Halt auf dem Ritt zum Gefängnis von Lincoln City wagten sie einen Fluchtversuch, nachdem es ihnen gelungen war, die Fesseln, mit denen ihre Hände an den Sattelhörnern festgebunden waren, unbemerkt zu lösen. Doch sie kamen nicht weit. Zwei Schüsse aus dem Colt von Tunstalls Rächer, Billy the Kid, rissen sie aus den Sätteln.

Wie eine Feuersbrunst breitete der Weidekrieg im Lincoln County sich aus. Dolan und Murphy hatten inzwischen noch mehr texanische Revolvermänner, darunter den berüchtigten Kopfgeldjäger Andrew L. Roberts, genannt „Buckshot Roberts", angeworben. Dieser Texaner stieß bei Blazers Sägemühle, nahe Lincoln City, mit Brewers zurückkehrendem Aufgebot zusammen und lieferte ihm ganz allein einen mörderischen Kampf.

Tödlich verwundet verbarrikadierte er sich in einem Schuppen. Er kämpfte buchstäblich bis zur letzten Patrone, bis zum letzten Atemzug, verwundete mit seinem schweren Sharps-Büffelgewehr, Kaliber 50, die Cowboys Charlie Bowdre und George Coe und tötete Dick Brewer durch einen Schuss zwischen die Augen. Schließlich starb er, seinen Colt noch in der Faust. Aber in den Kammern der Waffe steckten nur mehr leere Patronenhülsen.

Nachdem Brewer tot war, trat Billy the Kid an seine Stelle und übernahm das Kommando über die Reste der ehemaligen Cowboymannschaft der Tunstall Ranch. Obwohl seine Kameraden ihn davor warnten, ritt er nach Lincoln City, trat Sheriff Brady und dessen Deputy George Hindman allein auf offener Straße gegenüber und beschuldigte sie, zu Murphys bezahlten Handlangern zu gehören und Mitschuld am Tod John Tunstalls zu tragen.

„Du hast seine Mörder zu Deputysheriffs gemacht, Brady", sagte er. „Ich habe geschworen, mit jedem abzurechnen, der mitgeholfen hat, Tunstall zu ermorden. Jetzt ist die Reihe an dir, Brady!"

Brady und Hindman, die im ganzen County als Parteigänger Murphys bekannt waren, griffen sofort zu den Colts - aber Billy the Kid war schneller. Drei Sekunden lang peitschten Schüsse über die Front Street von Lincoln City. Die erste Kugel kam aus Billys Colt und schlug ein Loch in den Zinnstern über Bradys Herz, bevor der Sheriff den Revolver ganz aus dem Holster ziehen konnte. Brady war schon tot, ehe sein Körper auf der Straße aufschlug.

Hindman gelang es zwar noch, seinen Colt aus dem Leder zu reißen, aber bevor er die Mündung der Waffe auf seinen Gegner richten und den Finger um den Abzug krümmen konnte, fuhren ihm Billys zweite und dritte Kugel durch die Brust und stießen ihn sterbend in den Staub.

Den rauchenden Colt in der Hand, warf sich Billy the Kid in den Sattel seines Pferdes und galoppierte aus der Stadt, die wie ausgestorben dalag.

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DIESER REVOLVERKAMPF versetzte das ganze Territorium Neumexiko in Aufruhr. Murphy und Dolan erkannten nun, dass sie ihre Gegner schnell vernichten mussten, wenn sie nicht selbst auf der Strecke bleiben wollten. Distriktsanwalt Catron vereidigte sofort einen von Murphys Leuten, Dad Peppin, als neuen Sheriff und schickte ihn mit einem starken Aufgebot los, um Billy the Kid und die anderen ehemaligen Cowboys von John Tunstalls Ranch, die inzwischen alle zu Gesetzlosen erklärt worden waren, gefangenzunehmen.

Doch während das Aufgebot noch in den Bergen nach der Cowboybande suchte, kehrte Billy mit vierzehn seiner Männer nach Lincoln City zurück, weil er Nachricht erhalten hatte, dass Alec McSween, der Rechtsanwalt und frühere Partner Tunstalls, der jetzt einen Laden in der Stadt betrieb, ihn sprechen wolle.

„Ich kann nicht länger mit ansehen, wie dieses Töten ohne Ende weitergeht, Billy", sagte der Anwalt mit grau und hoffnungslos klingender Stimme. Er war gealtert und gebrochen, ein Mann, der Angst hatte und nicht mehr genug Kraft besaß, mit ihr fertig zu werden. „Ich besitze Beweise dafür, dass John Chisum Tunstall und mich in diesem Kampf nur als Strohmänner benützt hat. Er wollte den Hass seiner Feinde auf uns lenken, um selbst ungeschoren zu bleiben. Tunstalls Tod war umsonst, Billy. Ich bin am Ende meiner Kraft. Ich kann nicht mehr kämpfen."

Doch die Würfel waren bereits gefallen; die Stunde der Entscheidung war schon angebrochen. Während Billy the Kid sich noch in McSweens Haus aufhielt, ritt die zurückkehrende Kavalkade Sheriff Peppins, die die erfolglose Menschenjagd endlich aufgegeben hatte, in Lincoln City ein. Einer der Deputysheriffs erkannte, als er sein Pferd zum Mietstall brachte, zwei von Billys Leuten im Schein eines Windlichts vor dem Stalltor und griff sofort zum Colt. So begann, was unter der Bezeichnung „Drei-Tage-Schlacht" in die Geschichte des Weidekriegs im Lincoln County einging.

Nachdem die ersten Schüsse gefallen waren, verbarrikadierte sich Billys Cowboybande in McSweens Haus. Die Männer von Sheriff Peppins Aufgebot suchten Deckung in einem auf der anderen Seite der Front Street gelegenen Laden, der Murphy und Dolan gehörte und allgemein „Big House" genannt wurde.

Das Feuergefecht dauerte drei Tage. Billy the Kid und seine Leute waren in der Falle; sie konnten das Haus McSweens nicht verlassen, ohne in das Schussfeld ihrer Gegner zu geraten. Inzwischen hatte Sheriff Peppin einen Hilferuf in das nahe liegende Fort Stanton geschickt. Colonel Dudley, der Kommandant des Militärpostens, erschien daraufhin mit einer Schwadron Kavallerie und einem Feldgeschütz in Lincoln. Die Kanone wurde auf den Laden von McSween gerichtet, in dem Billy the Kid und seine Cowboybande mit schussbereiten Winchestern hinter den schmalen Fensterluken standen, und Dudley forderte beide Seiten auf, das Feuer einzustellen.

Während des kurzen Waffenstillstands verließen Mistress McSween, die Frau des Anwalts, und ihre beiden mexikanischen Dienerinnen das Haus und wurden von Soldaten in Sicherheit gebracht. Doch als die Dunkelheit hereinbrach, rollten Männer von Sheriff Peppins Aufgebot einen mit Heu beladenen, mit Kerosin übergossenen, in hellen Flammen stehenden Wagen auf McSweens Haus zu. Krachend stieß das Gefährt gegen die Westwand des Gebäudes. Das Feuer griff um sich und verwandelte den westlichen Flügel des McSween-Ladens im Nu in ein Flammenmeer.

Billy the Kid, der auf die Männer geschossen hatte, die den lodernden Heuwagen schoben, stieß leere Patronenhülsen aus den Kammern seines Colts und lud die Waffe wieder.

„Wir müssen hinaus, wenn wir hier nicht bei lebendigem Leibe verbrennen wollen", sagte er zu McSween.

Der Anwalt, der ein Gesetzbuch an sich drückte, starrte ins Leere. „

Wie können Menschen einander so etwas antun?", murmelte er vor sich hin. „Gilt denn kein Gesetz?"

„Den Männern dort draußen gilt es weniger als ein verbogener Cent, obwohl sie als Deputysheriffs geschworen haben, die Gesetze zu beachten", erwiderte Billy the Kid. „Sie sind vom gleichen Schlag wie die, die John Tunstall und Dick Brewer erschossen."

Der Cowboy George Coe jagte ein paar Schüsse aus seiner Winchester durch eine zerbrochene Fensterscheibe auf die Straße hinaus. „Wenn wir das Haus verlassen, stehen wir im Feuerschein wie Zielscheiben vor den Gewehrmündungen von Peppins Aufgebot", sagte er.

Aus dem oberen Stockwerk des Gebäudes drang ein Prasseln, ein Knacken, Bersten und Brechen. Qualm erfüllte das ganze Haus. Das Dach brach mit einem Krachen zusammen, das den Bau bis in seine Grundfesten erbeben ließ.

„In wenigen Minuten wird das ganze Haus in Flammen stehen!", rief Billy the Kid. „Hinaus - und schießt euch einen Weg frei, wenn ihr nicht im Feuer umkommen wollt!"

In diesem verhängnisvollen Augenblick erwachte McSween plötzlich aus seiner Erstarrung. Er riss die Tür auf und stand, deutlich sichtbar im Feuerschein, das Gesetzbuch mit beiden Händen vor sich haltend, auf der Schwelle.

„Nicht schießen! Um Gottes willen, nicht schießen!", übertönte er das Prasseln des Brandes. „Wir ergeben ..."

Weiter kam er nicht. Auf der Front Street hob einer von Sheriff Peppins Leuten, ein Cowboy namens Robert W. Beckwith, seine Winchester, zielte und schoss kaltblütig. Die Kugel durchbohrte das Gesetzbuch in McSweens Händen und traf den Anwalt in die Brust. Alec McSween taumelte, knickte dann in die Knie, und seine Stirn schlug gegen die Erde.

Über ihn hinweg sprang Billy the Kid aus dem Rauch und den Flammen des brennenden Hauses, in jeder Hand einen Colt. Robert Beckwith sah ihn, lud seine Winchester durch und riss den Gewehrkolben an die Wange. Aber er kam nicht mehr dazu, den Finger um den Abzug zu krümmen. Billys linker Colt krachte, und Beckwith drehte sich, eine Kugel im Herzen, halb um sich selbst, ehe er zusammenbrach.

George und Frank Coe, Charlie Bowdre, Simon Salazar und die übrigen Cowboys folgten Billy the Kid, aus allen Waffen feuernd. Das Aufgebot des Sheriffs schoss zurück. Ein Cowboy wurde von mehreren Kugeln gleichzeitig getroffen und stürzte vornüber. Ein zweiter fiel, ein dritter.

Billy sah mehrere dunkle Gestalten vor sich auftauchen; Winchesterstahl blinkte im Feuerschein. Durch das Krachen der Schüsse ringsum hörte er eine Stimme gellen: „Es ist Billy the Kid! Schießt ihn in Fetzen!"

Billys Colts spien Mündungsflammen - einmal, zweimal, dreimal. Er hörte Aufschreie und sah zwei der Männer, die ihm den Weg versperrten, fallen. Die anderen warfen sich zur Seite. Billy erreichte ein trockenes Flussbett, das sich neben der Straße hinzog, und sprang über die Böschung hinunter. Diejenigen seiner Leute, die den Kampf überlebt hatten, tauchten hinter ihm in der Dunkelheit unter.

Nicht einmal fünf Minuten waren vergangen, seit sie McSweens brennendes Haus verlassen hatten - und doch lagen fünf von ihnen und drei von Sheriff Peppins Deputys tot auf der Front Street.

Das heftige Coltfeuer der Männer um Billy the Kid, die um ihr Leben kämpften, hatte das Aufgebot Peppins jedoch so verwirrt, dass es nicht zu einer sofortigen Verfolgung der Fliehenden kam. Nur mühsam gelang es dem Sheriff, seine Leute zu sammeln und in die Sättel zu bringen, um hinter den Gesetzlosen herzujagen; endlich galoppierte der Trupp aus der Stadt.

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DIE KAVALLERIE AUS Fort Stanton hatte keinen Versuch gemacht, die Brandstiftung an McSweens Haus und die darauffolgende, wilde Schießerei zu verhindern. Colonel Dudley wurde deswegen später vor ein Kriegsgericht gestellt, aber freigesprochen, obwohl er sich während der „Drei-Tage-Schlacht" von Lincoln City so offensichtlich auf die Seite von Murphy und Dolan geschlagen hatte.

Im Schutz der Nacht entkamen Billy the Kid und seine Cowboybande ihren Verfolgern. Sie ritten nach Fort Sumner, einer kleinen Stadt im De Baca County, die hundertfünfzig Meilen nordöstlich von Lincoln lag. Dort hatte Sheriff Peppin keine Amtsgewalt mehr, dort fühlten sich die Verfolgten sicher. Aber diese Sicherheit erwies sich als trügerisch.

John Chisum, der mächtige Rinderbaron, fühlte sich bedroht. Er ahnte, dass Billy wusste, welche unrühmliche Rolle er in der blutigen Fehde zwischen Tunstall und McSween einerseits und Murphy und Dolan andererseits gespielt hatte. Er war jetzt gewillt, sich mit Murphy und Dolan zu verständigen, wusste aber auch, dass Billy the Kid ihm diesen Verrat niemals verzeihen würde.

Chisum handelte in der für ihn typischen Art: Er warb einen Revolvermann namens Joe Grant an, um Billy aus dem Weg räumen zu lassen. Grant, ein blonder, falkenäugiger Texaner, der sich ganz in Schwarz kleidete und zwei silberne Colts mit Elfenbeingriffen in den Holstern trug, ritt im Sommer 1879 nach Fort Sumner, um seinen Auftrag auszuführen und sich das von Chisum ausgesetzte Kopfgeld zu verdienen.

Aber Billy the Kid war schneller mit dem Finger am Abzug seines Colts. Er erschoss Grant in einem Zweikampf in Hargroves Saloon in Fort Sumner. Von diesem Tag an bis zum Tode Billy the Kids verließ John Chisum seine große Ranch bei Carrizozo nur in Begleitung einer Leibwache aus texanischen Revolvermännern, weil er Billys Rache fürchtete.

„Dieser Hundesohn Chisum trägt einen großen Teil der Schuld an dem, was in Lincoln geschah", sagte Billy einmal voll Bitterkeit zu Charlie Bowdre. „Weil Murphys Bande sein Vieh stahl, hat er Tunstall und McSween in einen aussichtslosen Kampf gehetzt. Er rechnete damit, dass Murphy und Dolan ihn in Ruhe lassen würden, wenn sie mit Tunstall und McSween alle Hände voll zu tun hätten."

Inzwischen war das Echo der Schüsse von Lincoln City bis ins Weiße Haus in Washington gedrungen. Präsident Rutherford B. Hayes setzte den Gouverneur von Neumexiko, Samuel Axtell, der als Parteigänger Murphys galt, ab und ernannte an seiner Stelle General Lew Wallace zum Gouverneur des Territoriums.

Eine der ersten Amtshandlungen des neuen Mannes im Gouverneurspalast von Santa Fe war es, Sheriff Peppin seines Amtes zu entheben und den Stern dem unbescholtenen John Kimbrell anzuheften. Doch inzwischen hatten sich die Fronten verschoben. Major Murphy hatte das Lincoln County als todkranker Mann verlassen, und nicht Dolan, sondern John Chisum war jetzt der erbittertste Gegner Billy the Kids.

Billy hielt sich häufig in Fort Sumner auf, wo er Freunde hatte, darunter den Rancher Pete Maxwell und einen ehemaligen texanischen Büffeljäger namens Patrick Floyd Garrett, der einen Laden in der kleinen Stadt eröffnet hatte.

Chisum, der Billy um jeden Preis unschädlich machen wollte, betrieb heimlich die Entlassung Sheriff Kimbrells, um ihn durch Pat Garrett zu ersetzen. Er schätzte den Texaner als den einzigen Mann ein, der Billy the Kid gewachsen war. Garrett galt als Scharfschütze mit dem Colt - und es hieß, er habe Texas vor Jahren in wilder Flucht vor den Texas Rangers und dem Gefängnis, vielleicht sogar vor dem Galgen, verlassen.

Chisum rief Garrett zu einer Unterredung auf seine Ranch. „Sie sind ein Freund von Billy the Kid, nicht wahr Pat?", fragte er.

„Das ist richtig, Mister Chisum."

„Ich auch, Garrett. Darum ist es mir verhasst, das auszusprechen, was ich Ihnen zu sagen habe. Ich möchte, dass Sie den Sheriffstern von Lincoln County annehmen. Es gibt nur einen Mann, der Recht und Ordnung in diesem Gebiet wiederherstellen und Billy the Kid aufhalten kann - und dieser eine sind Sie."

Pat Garret war zornig über diese kaum verhüllte Aufforderung, seinen Freund zu töten. Er schlug Chisums Angebot aus und kehrte nach Fort Sumner zurück. Garrett dachte ehrenhaft. Er wusste, dass Billy in die Rolle eines Gesetzlosen gedrängt worden war, dass Murphy, Dolan und ihr Anhang die Schuld daran trugen, und dass Billy jedes Mal mit gutem Grund zum Colt gegriffen hatte. Garret fragte sich, ob gewisse Leute Billy the Kid zum Sündenbock machen wollten.

Einige Zeit danach tauchte in Lincoln ein Rechtsanwalt, der einarmige Huston Chapman, auf, um Dolan zur Herausgabe des ehemaligen Besitzes von Alec McSween an dessen Witwe zu veranlassen. Doch Jim Dolan dachte nicht daran, herzugeben, was er mit Gewalt an sich gebracht hatte. Er und zwei seiner Revolvermänner erschossen Chapman eines Nachts in seinem Hotelzimmer. Billy the Kid war zufällig in der Nähe, als die Schüsse fielen, und erkannte die drei Mörder. Er schrieb einen Brief an Gouverneur Wallace, in dem er sich bereit erklärte, vor Gericht gegen Dolan und seine Leute auszusagen, wenn ihm dafür Begnadigung gewährt würde.

Kurz darauf schickte der Gouverneur eine Botschaft an Billy the Kid, in der er ein geheimes Zusammentreffen vorschlug und Billy gleichzeitig freies Geleit zusicherte. Das Treffen sollte am 17. März 1880 im Hause von John B. Wilson, einem Bürger von Lincoln City, nach Einbruch der Dunkelheit stattfinden.

Um 9 Uhr abends am festgesetzten Tag warteten Wallace und Wilson in einem von Petroleumlampen erhellten Zimmer. Als die Nacht hereinbrach, hörten sie einen einzelnen Reiter kommen. Dann wurde an die Tür geklopft, und Wallace rief: „Herein!"

Die Tür schwang nach innen auf, und Billy the Kid stand auf der Schwelle. Er trug zwei Revolvergürtel kreuzweise übereinandergeschnallt. Den Finger im Abzugsbügel, hielt er eine schussbereite Winchester im Hüftanschlag. Rasch ließ er seinen Blick durch den Raum fliegen, als fürchte er eine Falle.

„Man hat mich nach Lincoln gerufen, damit ich hier bei Einbruch der Dunkelheit den Gouverneur treffe", sagte er schließlich. „Ist er hier?"

„Ich bin der Gouverneur", entgegnete Wallace.

„Sie versprachen mir in Ihrem Brief freies Geleit ..."

„Und ich stehe zu meinem Wort.“ Wallace deutete auf Wilson und fuhr fort: „Dieser Mann und ich sind die einzigen, die von Ihrem Kommen wussten.“

Billy setzte sich so auf einen Stuhl, dass er die Tür im Auge behalten konnte, und legte seine Winchester griffbereit vor sich auf den Tisch. „Ich muss auf der Hut sein", sagte er. „Wenn Dolans Revolvermänner wüssten, dass ich in Lincoln bin, käme ich lebend nicht wieder aus der Stadt hinaus."

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DER GOUVERNEUR UND der zum Gesetzlosen erklärte, junge Cowboy redeten bis tief in die Nacht hinein miteinander. Wallace bot Billy the Kid Straffreiheit für alle Gesetzesübertretungen an, die er begangen hatte, wenn er als Zeuge vor einem Gericht gegen die Mörder von Huston Chapman aussage. Er selbst sollte ebenfalls vor Gericht gestellt, aber begnadigt werden.

Billy vertraute dem Wort des Gouverneurs, kam wenige Tage nach der Unterredung mit Wallace erneut nach Lincoln City, ritt zum Gefängnis, händigte Sheriff Kimbrell seine Waffen aus und ließ sich in eine Zelle bringen, deren Tür jedoch unverschlossen blieb. Aber in dem Prozess, der bald darauf stattfand, zeigten Dolan, Catron und ihre Hintermänner vom „Santa Fe Ring", wie weit ihre Macht reichte: Champans Mörder wurden mangels eindeutiger Beweise freigesprochen.

Details

Seiten
730
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738926408
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Februar)
Schlagworte
auswahlband western februar

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

    1243 Titel veröffentlicht

  • Pete Hackett (Autor:in)

  • Peter Dubina (Autor:in)

  • Larry Lash (Autor:in)

  • Glenn Stirling (Autor:in)

  • Bill Garrett (Autor:in)

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Titel: Auswahlband 8 Top Western Februar 2019