Lade Inhalt...

Auswahlband 8 Top Western März 2022

von Alfred Bekker (Autor:in) Pete Hackett (Autor:in) Larry Lash (Autor:in) Glenn Stirling (Autor:in) Bill Garrett (Autor:in)
©2019 730 Seiten

Zusammenfassung

Auswahlband 8 Top Western März 2022
von Alfred Bekker, Pete Hackett & Glenn Stirling & Larry Lash & Bill Garrett

Dieses Buch enthält fünf Western:

Glenn Stirling: Billy Rollins und die Hölle von Belmont
Bill Garrett: Trail ins Land der Geier
Larry Lash: Ritt ins Niemandsland
Alfred Bekker: Ein Mann namens Bradford
Glenn Stirling: Feuerhölle von Arizona
Pete Hackett: Bruderhass
Pete Hackett: Und ich gab den Stern zurück
Pete Hackett: Ich jagte die Killer von Canadian

Als Lisbeth Rog ausgerechnet an ihrem Hochzeitstag verschwindet, machen sich der sitzengelassene Bräutigam und ihr Bruder auf den Weg, um sie zurückzuholen. Doch es scheint, als wäre sie freiwillig mit einem Fremden fortgeritten. Gleichzeitig kommt es in der ganzen Umgebung immer wieder zu Viehdiebstählen. Haben beide Vorfälle etwas miteinander zu tun?

Leseprobe

image
image
image

Auswahlband 8 Top Western März 2022

image

von Alfred Bekker, Pete Hackett & Glenn Stirling & Larry Lash & Bill Garrett

––––––––

image

Dieses Buch enthält fünf Western:

Glenn Stirling: Billy Rollins und die Hölle von Belmont

Bill Garrett: Trail ins Land der Geier

Larry Lash: Ritt ins Niemandsland

Alfred Bekker: Ein Mann namens Bradford

Glenn Stirling: Feuerhölle von Arizona

Pete Hackett: Bruderhass

Pete Hackett: Und ich gab den Stern zurück

Pete Hackett: Ich jagte die Killer von Canadian

Als Lisbeth Rog ausgerechnet an ihrem Hochzeitstag verschwindet, machen sich der sitzengelassene Bräutigam und ihr Bruder auf den Weg, um sie zurückzuholen. Doch es scheint, als wäre sie freiwillig mit einem Fremden fortgeritten. Gleichzeitig kommt es in der ganzen Umgebung immer wieder zu Viehdiebstählen. Haben beide Vorfälle etwas miteinander zu tun?

image
image
image

Copyright

image

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors / Cover © by FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2022 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

image
image
image

Billy Rollins und die Hölle von Belmont

image

Western von Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 78 Taschenbuchseiten.

Ein Zug mit Gold soll überfallen werden. Dazu werden zunächst noch Helfer gebraucht, die der Ganove Red-Gus aus einem Gefangenentransport befreit. Das ruft die Special Police auf den Plan, um den Goldraub zu verhindern. Aber so einfach geben die Banditen nicht auf, und es kommt zu einem heißen Kampf.

image
image
image

Copyright

image

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

https://twitter.com/BekkerAlfred

Erfahre Neuigkeiten hier:

https://alfred-bekker-autor.business.site/

Zum Blog des Verlags!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

image
image
image

1

image

Dick und Scott sind alte Freunde. Sie sehen aus wie Brüder. Sie sind beide breitschultrig, groß und athletisch gebaut. Von Charakter sind sie gutmütig, obgleich ihre raue Schale täuscht.

Der rothaarige Riese lehnt am Corralzaun und blickt seinen um einen Kopf kleineren Freund Dick von der Seite an.

„Was glotzt du so blöd?“, fragt Dick in seiner burschikosen Art.

Der Riese druckst herum. Er hat was auf der Seele, aber er scheint nicht zu wissen, wie er es Dick beibringen soll. Immer wieder blickt er in die untergehende Sonne und dann mit traurigem Gesichtsausdruck auf Dick.

„Mann o Mann! Das sieht doch ein Blinder im Dunkeln, dass dich der Schuh drückt!“, mahnt Dick. „Nun ‘raus mit der Sprache, damned!“

Scott lächelt einen Augenblick, als er seinen Freund so schimpfen hört. „Dick“, sagt er dann traurig. „Ich muss dir was mitteilen!“

Dick verzieht das Gesicht. „Du zierst dich wie ‘ne schöne Frau! Los, Kerl! Spuck‘s endlich aus!“

Der Ire holt tief Luft; seine Miene wird noch wehmütiger. „Ich will heiraten, Dick!“, sagt er endlich, als bestätige er sein eigenes Todesurteil.

Dick verschlägt es die Sprache. „Waaas?“, fragt er tonlos.

Scotts Gesicht wird noch säuerlicher. „Es tut mir sehr leid, Dick, dass ich dir das antun muss. aber ich liebe sie doch, und sie liebt mich auch!“ Nun schlägt er eine rauere Tonart an: „Was, zum Teufel, mache ich so viel Theater? ich heirate eben, und damit basta! Wem es nicht passt, der soll ‘rankommen! Ich werde ihm heilige Mannesfurcht beibringen!“

Nun muss Dick lachen. „Bis zur Stunde hat noch keiner was dagegen gesagt!“, meint er. „Wir haben Rose alle gern. Sie ist jetzt in Santa Fé auf der Post, he?“

„Ja, und ich werde mit meinem gesparten Geld eine kleine Farm kaufen und Rose von dieser Post wegnehmen! Rose hat auch noch ‘n paar Dollar, die sie in unsere Ehe mitbringt!“

„Und du gehst hier weg?“, fragt Dick; er spürt erst jetzt, was das für ihn bedeuten wird. „Und aus der Special Police trittst du aus?“

Scott treffen die Worte seines besten Freundes wie Peitschenschläge. „Ja, ich will es, zum Teufel! Tagelang und unzählige Nächte lang habe ich darüber nachgegrübelt! Aber es gibt nur den einen Weg. Mit Billy habe ich schon gesprochen. Er will mir auch helfen, obgleich er jetzt knapp bei Kasse ist!“

Dick trifft Scotts Entschluss viel schwerer, als er es sich anmerken lässt. Er reißt sich zusammen und gibt Scott die Hand. „Ich wünsche dir viel Glück, Großer, mehr Glück, als ich hatte! Rose ist ein feiner Kerl, und ich freue mich, dass sie dich zum Manne nimmt!“

Dick muss an seine Pat denken, die seine Frau war und von einem wütenden Stier getötet wurde. Ihm hat das Glück in seiner Ehe nicht lange geschienen.

Scott ist ganz gerührt. So hart und rau er und Dick sein können, im Herzen sind sie weich und sentimental. „Dick, ich fahre morgen! Aber lass mich jetzt schon Lebewohl zu dir sagen! Ich danke dir, Freund!“, sagt er übertrieben laut und forsch. „Ich will in drei Wochen heiraten. Du bist natürlich eingeladen!“

Dick nickt. Mit polternder Stimme sagt er: „Sieh zu, dass dich nicht der Teufel holt, du rotköpfiger Irenlümmel! Und lass es dir gut geh‘n, alter Knabe!“

Scott grinst und geht etwas schwerfällig zum Haus hinüber.

Dick blickt dem Freund nach, dann dreht er sich aufseufzend um und starrt zu den fernen Gipfeln, wo die Sonne gerade verschwunden ist.

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel ist Scotts Entschluss nicht gekommen. Eigentlich wissen es die Herzass-Boys schon seit Monaten, dass Scott eines Tages heiraten und damit die Ranch verlassen wird. Und nun ist es plötzlich soweit.

Billy Rollins weiß also schon davon. Aber was wird Jim Chester sagen, wenn er es erfährt? Doch bei dem bahnt sich auch etwas an, was Dick stark bekümmert. Jim benutzt jedes freie Wochenende, um nach Durango zu reiten, wo Catarine, seine Braut, als Direktrice eines großen Stores arbeitet. Dick ahnt schon, dass der einst so rastlose Jim eines Tages heiraten wird, und damit wird auch dessen unruhige Zeit vorüber sein. Dann bleiben nur noch Billy Rollins und Dick, die vom Schicksal dazu verurteilt sind, die ewigen Reiter zu sein und ihr Leben lang für die Gerechtigkeit und das Gesetz zu kämpfen. Dick ahnt auch, wie schwer Scott es gefallen sein muss, ihm die Mitteilung zu machen. Viele Meilen sind sie zusammen geritten. Viele Wochen haben sie Seite an Seite gegen unzählige Gefahren gekämpft. Doch das ist nun vorbei.

Dick wischt sich übers Gesicht. Dann aber reckt er sich auf. Es muss trotzdem weitergehen.

Ohne dass Dick etwas bemerkt hat, ist jemand hinter ihn getreten. Der schlanke, hochgewachsene Mann mit dem blonden Haar und der Adlernase lächelt still vor sich hin, als er Dick beobachtet. Dann räuspert er sich.

Dick fährt wie ein Blitz herum, dann versucht er zu grinsen. „Ah, du bist‘s, Billy?“, sagt er verlegen.

„Hat Scott es dir endlich erzählt?“, fragt Billy Rollins leise.

„Ja, und ich will verdammt sein, wenn es nicht ein hartes Wort war!“, sagt Dick rau.

„Du musst es einsehen, Dicker!“, redet Billy ihm zu. „Er hat ein Recht darauf, zur Ruhe zu kommen! Ein Glück ist es, wenn er noch kann, was wir beide nicht mehr können, Dick! Uns beide hat man dazu ausersehen, ewig einsam und allein zu sein! Wir sind wie die Wölfe in den Mountains! Aber, Junge, wir sind doch wirklich so am glücklichsten! Das Glück dieser Erde, du weißt es, liegt auf dem Rücken der Pferde! Und dass wir nicht einrosten, dafür sorgt schon unser famoser Colonel Brown in Phönix. Wir müssen nämlich schon morgen wieder auf die Tour! Jim wird hierbleiben, denn er muss das Nordcamp noch ausbauen. Er ist der einzige von uns, der dort die Grenzen genau kennt! Also, Dicker, mach dich für morgen früh fertig! Scott will seine Hochzeit erst in drei Wochen feiern, da sind wir wieder hier!“

Dick scheint seinen Schmerz plötzlich vergessen zu haben. „Wo geht s denn hin, Billy?“, fragt er.

„Der alte, brave Sheriff Glimdon in Belmont hat Schwierigkeiten. Er bat Colonel Brown in einem Schreiben um schnelle Hilfe. Well, wir dürfen den alten Mann nicht lange warten lassen.“

„Ist Glimdon nicht der Sheriff, der schon seit vierzig Jahren im Amt ist?“, erkundigt sich Dick. Sein Kummer über Scotts Weggang ist etwas in den Hintergrund getreten. Eine neue Aufgabe ruft und das ist bei ihm die beste Medizin gegen Weltschmerz.

„Well, so ist es“, bestätigt Billy. „Jesse Glimdon ist mit seinen vierundsiebzig Jahren der älteste Sheriff der Staaten. Und wenn der einen Briet schreibt, dann ist an der Sache was dran! Jesse ist ein Oldtimer, der schon manchen Sturm im Westen überstand. Er weiß sich zu helfen und kommt so schnell nicht in Verlegenheit! Aber hier muss etwas mächtig stinken, wenn er um Hilfe bittet!“

„Dann dürfen wir keine Zeit verlieren!“, meint Dick.

„No, das dürfen wir nicht!“, bestätigt Billy.

Belmont liegt in den welligen Flächen der Hot Creek Range Im Staate Nevada. Die Stadt ist jung wie die meisten Ortschaften in dieser Gegend. Vor allem macht sich hier der indianische und auch spanische Einschlag überall bemerkbar. Die Häuser sind aus Lehm, den sie hier Adobe nennen, gebaut. Die Bevölkerung setzt sieh zum großen Teil aus Mexikanern und Indianern zusammen; sie machen über die Hüllte der Einwohnerschaft aus.

image
image
image

2

image

Belmont ist im Übrigen schon seit der Pionierzeit ein heißes Pflaster. „Fahr zur Hölle oder nach Belmont!“ Dieser Ausspruch ist heute noch gebräuchlich und hat eine tiefe Bedeutung. Schon das Klima ist nicht jedermanns Sache. Es ist heiß im Sommer, und im Winter rasen eisige Stürme über das Land. Wasserbeschaffung ist das größte Problem, mit dem die Viehzüchter in der Wüste zu kämpfen haben. Das Land ist billig, aber es taugt auch nicht viel. Nur harte Steppengräser wachsen darauf. Doch nicht allein die Natur macht den Leuten dieser Gegend das Leben sauer, sondern auch das viele Gesindel, das sich hier herumtreibt.

Vor fünfzig Jahren schon hatten die Banditen hier ein Paradies und waren die Geißel der anständigen Menschen. Doch dann trat Sheriff Jesse Glimdon in Erscheinung. Damals war er noch Marshal. Mit eisernem Besen fegte er seine Stadt sauber. Die Luft war damals sehr bleihaltig. Später mieden die Banditen die Stadt, da sie dort leicht Bekanntschaft mit einem guten Hanfseil machen konnten.

Viele Jahre ist nun Jesse Glimdon schon Sheriff. Immer wieder haben ihn die ehrlichen Leute gewählt. Sie fuhren gut dabei. So mancher große und berüchtigte Bandit zerbrach an Jesse Glimdons Schießkunst. Mit der Zeit wurde der Respekt, den das Gesindel vor dem Sheriff hatte, immer größer. Vierundsiebzig Jahre alt ist Jesse Glimdon nun. Und es waren vierundsiebzig ereignisreiche Jahre. Längst ist er nicht mehr der Revolverschütze, der er einmal war. Er ist auch nicht mehr so flink wie vor zwanzig Jahren. Aber man achtet ihn wie einst, und sogar der schmutzigste Mexikaner oder die Viehdiebe haben Respekt vor ihm. Sie nehmen ihn durchaus ernst. Es ist selbst für die Verbrecher ein ungeschriebenes Gesetz, Belmont zu verschonen. Der Sheriff jagt die Banden nur in seinem Revier; andere Distrikte interessieren ihn nicht.

Doch nun ist ein Ereignis eingetreten, das dem alten Sheriff schwer zu schaffen macht. Seil zwei Wochen befinden sich fremde Männer in der Stadt, die Jesse Glimdon mit Kennerblick als Banditen übelster Sorte einstuft. Bis zur Stunde hat sich allerdings innerhalb Belmonts noch gar nichts ereignet, das den Sheriff zwingen könnte, einzugreifen. Doch Jesse Glimdon spürt förmlich, dass etwas in der Luft liegt, und er ahnt, dass ein ganz großer Coup geplant und vorbereitet wird.

Jesse Glimdon ist ein alter Banditenjäger mit großer Erfahrung. In seinem Alter hat man die Schläue, die ein jüngerer Mann nicht haben kann. Der Sheriff hat diese fremden Männer beobachtet, er sah, wie sie sich berieten, aber er bekam nicht heraus, wer sie anführt und was sie planen; aber dass sie etwas vorhaben, ist für Jesse Glimdon so sicher wie sonst was.

Der Sheriff ist klein und krummbeinig. Sein Haar ist schneeweiß, aber noch ziemlich dicht. Die Nase springt scharf aus dem Gesicht und gibt ihm das Aussehen eines zupackenden Adlers. Das ewig schlecht rasierte Kinn hat einen weißen Schimmer von den Bartstoppeln.

Etwas vorgebeugt geht der Sheriff über die Straße. Der Stern an seiner Jacke ist leicht angerostet; Jesse legt auf solche Dinge wenig Wert. Was nicht angerostet ist und hell in der grellen Sonne blitzt, das sind die beiden schweren Fünfundvierziger, die an den Hüften hängen und gegen die krummen Beine schlagen. Ebenso blitzblank sind die Patronen im Gürtel. Aber alles andere – die Chaps, die Jacke und das Hemd – scheint so alt zu sein wie der Mann selbst. Die Kopfbedeckung kann man nur mit viel Phantasie als Hut bezeichnen; doch Jesse würde selbst für wenig Geld keinen neuen kaufen.

Vor dem Store bleibt der Sheriff stehen. Er blinzelt gegen die Sonne und mustert die herumlungernden Mexikaner, die sich im Schatten des Vordaches räkeln. Dann geht sein Blick hinüber zu den beiden Männern in abgetragener Cowboykleidung, die gerade ein Packpferd mit Vorräten beladen. Und diese Männer gehören zu der Sorte, über die sich Jesse schon zwei Wochen seine eigenen Gedanken macht.

Die fremden Cowboys sind groß und breitschultrig. Beide tragen sie schwere Revolver. Aber was Jesse nicht gefällt, ist etwas anderes: die Gesichter der Fremden. Ihre Blicke sind tückisch und hinterhältig. Der Sheriff hat ein Auge für solche Sachen; er kennt sich aus. Dann sind diese Männer etwas zu laut, etwas zu großspurig; das mag auf die Leute im Ort den richtigen Eindruck machen, auf Jesse macht es keinen, es verstärkt nur seinen Verdacht.

„Na Opa, schönes Wetter heute, was?“, ruft einer der beiden Cowboys dem alten Sheriff zu.

Jesse Glimdon spuckt nur seinen Priem verächtlich auf die Straße.

„Er spricht nicht mit jedem, dieser ausgemergelte Gesetzeshüter!“, spottet der andere Cowboy, der eine Messernarbe auf der Backe hat

„Du siehst, Al, dass man sich mit solchen Sternträgern einfach nicht unterhalten kann“, meint der erste wieder. „Sie sind zu nobel, um mit einem Kuhhirten zu sprechen!“

„Wenn er jünger wäre, Cliff, dann würde ich mich mal mit ihm unterhalten, aber unter vier Augen!“, erklärt Al großspurig.

Bis jetzt hat Jesse Glimdon geschwiegen, doch nun sagt er: „Das kannst du heute noch haben, du großmäuliger Bandit!“

Mit einem Ruck fahren die beiden Cowboys herum und blicken den alten Sheriff groß an. „Sagtest du Bandit?“, zischt Cliff, und seine Augen verengen sich zu Schlitzen.

„Ich sagte Bandit, mit B wie Bastard oder Bloody fool!“, erwidert Jesse kühl. Seine Hände befinden sich dicht neben den Colts, und dass er schießen kann, das weiß die ganze Stadt. Doch Jesse muss stets einen triftigen Anlass haben, und wie er sich eingesteht, sind diese beiden Fremden keine Greenhorns. Er zählt sie zur Klasse der Berufsschießer und Revolverschwinger.

Anscheinend hat noch niemand gewagt, den beiden Kerlen seine Meinung so offen ins Gesicht zu sagen. Jedenfalls sind sie verblüfft und scheinen die Sprache verloren zu haben.

„Nehmt den Fuß vom Draht, damit es schneller zündet!“, höhnt der Sheriff nun. „Oder soll ich euch erst eine Gebrauchsanweisung geben, was ich mit meinen Worten meinte?“

Al und Cliff haben es immer noch nicht verdaut. Das hat ihnen noch niemand zu sagen gewagt. Ausgerechnet dieser Alte da nimmt den Mut und wagt es, sie zu beleidigen, etwas zu sagen, was noch nicht einmal gefürchtete Revolvermänner wagen würden?

Al ist hitziger als sein Gefährte und will schon zu den Waffen greifen.

„Lass das!“, zischt Cliff warnend. „Das will er nur! Wir machen ihn anders fertig!“ Zu Jesse Glimdon gewendet sagt er: „Noch nicht, Alter! Noch ist nicht der richtige Moment, auch wenn du es so haben willst! Deine Karte haben wir gesehen, aber auf unsere wirst du noch etwas warten müssen. Wenn wir sie dir aber zeigen, dann ist es für dich ein schwarzer Tag!“

Jesse hat eigentlich schon genug gesehen. Er weiß genau, dass er gar nichts gegen diese Fremden unternehmen kann, so lange sie ihm keinen Anlass bieten. Belmont ist eine freie Stadt, und wenn er auch in Al einen Banditen und Revolvermann erkannt hat, der in Arizona gesucht wird, so kann er noch immer nichts unternehmen, denn in Nevada sucht man diesen Verbrecher nicht. Jesse möchte zu gern die Entscheidung erzwingen und die beiden Kerle zu einer unüberlegten Tat verleiten, die sie einwandfrei als Banditen stempelt, aber sie tun ihm diesen Gefallen nicht

Al und Cliff packen an ihrem Pferd weiter, und Jesse stiefelt missmutig die Straße hinunter. Von Zeit zu Zeit spuckt er einen Strahl braunen Tabaksaftes gegen die weißgekalkten Mauern der Lehmhäuser. Es ist dies eine Angewohnheit, über die sich schon viele Leute im Ort beklagt haben.

image
image
image

3

image

Es vergehen zwei Tage. Inzwischen sind wieder fünf Fremde in der Stadt eingetroffen. Schon als sie ankamen, wusste Jesse Glimdon, dass sie zur Sorte Als und Cliffs gehören. Jetzt sind es schon vierzehn Fremde, die im Hotel wohnen und deren Pferde im OK-Corral stehen. Sie bewegen sich meist nur innerhalb der Stadt und geben dem Sheriff nicht den geringsten Anlass einzuschreiten. Nicht einmal die Möglichkeit, einen von ihnen wegen Trunkenheit oder irgendeines geringfügigen Deliktes zu verhaften, wird dem Sheriff geboten. Trotzdem weiß Jesse genau, dass sich etwas zusammenbraut, das nun allmählich zu groß und zu mächtig für ihn wird. Weil er das erkennt, freut er sich doppelt, bereits vor einer Woche der Special Police Mitteilung gemacht zu haben.

Jesse grübelt, was diese Fremden planen könnten. Einen Bankraub? Das erscheint ihm ausgeschlossen, denn die Filiale der National Bank befindet sich nicht hier, sondern im benachbarten Toquimaville. Goldminen oder etwas Ähnliches gibt es hier auch nicht. Bleiben nur die großen Ranches, doch da lohnt sich kein Überfall oder Raub; die haben bald mehr Schulden als Rinder auf der Weide. Die Cowboys der „P-im-Kreis-Ranch“, haben seit drei Monaten keinen Lohn erhalten, weil es ein dürres Jahr mit vielen Verlusten war und der Rancher kein Geld hat. Bei der „Doppel-C-Ranch“ ist es nicht viel anders. Dort läuft die Frau des Ranchers schon seit einer Ewigkeit in den billigsten Kleidern umher, und daran erkennt Jesse immer das Bankkonto der Viehzüchter. Die kleinen Farmer, in der Mehrzahl Mexikaner, haben gleich gar kein Geld.

Und doch muss es etwas geben, was diese schweren Jungs hierher gelockt hat. Dass sie nicht zur Erholung gekommen sind, ist Jesse vollkommen klar.

Die folgende Nacht gibt dem Sheriff Aufschluss. Es geschieht etwas, woran der alte Mann nicht im entferntesten gedacht hat.

image
image
image

4

image

Es ist gegen Mitternacht, als die vierzehn Fremden ihre Pferde aus dem Corral holen und aus dem Ort reiten.

Sheriff Jesse Glimdon hat den Hufschlag gehört und befindet sich bereits nach zehn Minuten im Sattel seines stämmigen Braunen. Es kostet ihn keine große Mühe, die vierzehn Reiter zu verfolgen. Zwar scheint nur der Halbmond, doch die Reiter haben es nicht sehr eilig, sie befinden sich bald knapp vor dem Sheriff.

Jesse errät immer noch nicht, wohin sich die Fremden wenden. Doch dann glaubt er es doch zu ahnen. Es geht geradewegs nach Westen, und in etwa vier Meilen wird dort die Eisenbahn den Weg von Nord nach Süd kreuzen.

„Die Bahn? Was haben die vor?“, brummt Jesse vor sich hin. Dann kommen sie in die offene Grasfläche der Steppe und er muss etwas zurückbleiben, um nicht gesehen zu werden. Silbrig leuchtet der Sand, und wie stachelige schwarze Tiere wirken die Grasbüschel dazwischen.

Der Sheriff schmeckt förmlich den Geruch der Reiter vor sich. Der Staub, den die Hufe aufwirbelten, liegt noch in der Luft.

Dann sieht Jesse den Schienenstrang weit vorn in der Prärie. Wie meistens im Westen, gibt es auch hier keinen Bahndamm: die Schienen liegen zu ebener Erde; sie glänzen grell im Mondschein.

Der Sheriff zügelt sein Pferd und wartet erst einmal ab. Er sieht, dass die vierzehn Reiter sich der Länge nach am Schienenstrang verteilen. Also wollen sie doch den Zug schnappen!, denkt er und ballt die Hände, weil er nicht eher an einen derartigen Plan gedacht hat.

Plötzlich schnaubt Jesses Brauner. Sofort antwortet drüben an den Gleisen ein anderes Pferd mit dumpfem Wiehern.

„Damned!“, knurrt Jesse wütend. „Kannst du nicht den Schnabel halten, du Greenhorn?“ Dann sieht er schon, dass sich zwei Reiter aus der Masse der Bande lösen und im Galopp auf ihn zukommen. Also hat man ihn gesehen.

Der alte Sheriff gibt sich keinen Illusionen darüber hin, was gleich geschehen wird.

Da sieht er es schon aufblitzen. Der Braune wiehert schrill und macht einen Bocksprung, dann knickt er mit den Beinen ein. Jesse hat Mühe, noch frühzeitig aus dem Sattel zu kommen. Aber er schafft es trotz seines hohen Alters. Kaum ist er am Boden, kniet er schon hinter seinem Pferd, das reglos im Sande liegt.

Die Reiter sind ziemlich nahe heran, nahe genug, um mit dem Colt beschossen zu werden. Und Jesse schießt.

Die beiden Banditen scheinen so gut gezielte Schüsse nicht erwartet zu haben. Einer von ihnen stürzt vom Pferd, der zweite reißt seinen Gaul herum, aber auch er wird getroffen und rutscht aus dem Sattel. Die Tiere laufen mit in den Vorderbeinen verfangenen Zügeln in die Prärie hinein.

Der Sheriff hat den ersten Teil dieses Kampfes gewonnen. Doch nun wird es für ihn gefährlich. Auf die Schüsse hin kommen jetzt sämtliche Banditen von den Gleisen herüber auf ihn zugeritten.

Jesse Glimdon zieht die Winchester aus dem Scabbard und empfängt die Bande mit gut gezielten Gewehrschüssen. Zwei der Angreifer müssen aus dem Sattel, doch die anderen kreisen ihn ein. Plötzlich spürt der alte Sheriff einen Stich im Rücken; es wird ihm eigenartig leicht, dann sinkt sein Kopf auf das noch warme Fell des toten Pferdes.

Einer der Banditen reitet heran und steigt ab. Er dreht den Sheriff auf den Rücken und schüttelt ihn an der Brust, dann lässt er ihn sinken. „Er ist tot! Los! Schnell! Der Zug muss gleich kommen!“

Ohne sich um ihre gefallenen Komplicen zu kümmern, reiten die Banditen zum Bahnstrang zurück. In der Ferne kommt das matte Licht einer Lampe ständig näher.

image
image
image

5

image

Billy Rollins lehnt sich in den gepolsterten Sitz zurück und blickt gelangweilt auf Dick, der schon zum soundsovielten Male seine Revolver reinigt. Gleichmäßig rattert der Zug über die Schienen. Außer Billy und Dick ist niemand im Abteil.

„Wir müssen bald da sein!“, sagt Billy. „Meiner Schätzung nach wären wir jetzt schon in Höhe von Belmont. Aber da ist ja keine Station, und wir müssen zwanzig Meilen zurückreiten.“

„Da zieh‘n wir eben die Notbremse!“, scherzt Dick.

„Du hast wohl zu viel Geld, um die Strafe zu bezahlen?“, fragt Billy spöttisch.

„Spielt keine Rolle, von was einem schlecht wird!“

Plötzlich gibt es einen jähen Ruck. Kreischend und rumpelnd kommt der Zug zum Stehen. Billy ist vom Sitz gerutscht.

Dick lacht und meint: „Schlimmer als das Einbrechen von Pferden ist‘s fast, mit der Bahn zu fahren. Man kann sich alle Knochen brechen! Muss mal seh‘n, was los ist!“ Er geht zum Fenster und öffnet es.

Irgendein Gefühl gibt Billy ein, das Licht im Abteil auszulöschen.

Plötzlich krachen draußen Schüsse. Billy ist schon bei Dick am Fenster.

„Banditen!“, zischt Dick. „Vorn am ersten Wagen hinter der Lok!“

„Damned!“, ruft Billy. „Das ist ein Gefangenentransportwagen! Wir müssen hin!“

Sie springen aus dem Fenster. Noch haben sich ihre Augen nicht an das Dunkel gewöhnt, da pfeifen schon Geschosse über ihre Köpfe hinweg und klatschen hart in die Blechverkleidung des Wagens.

Billy und Dick halten bereits ihre Colts in den Händen und schießen auf die Mündungsfeuer, die in der Prärie aufblitzen.

In den Waggons kreischen Frauen, Männer beugen sich aus den Fenstern und wollen an dem Kampf teilnehmen. Doch sie ziehen sich rasch wieder zurück, als die ersten Geschosse dicht neben ihnen einschlagen.

Billy und Dick versuchen kriechend, zum Vorderteil des Zuges zu kommen, wo es auffällig lebhaft zugeht. An dem überaus stärker werdenden Feuer erkennen die Polizeireiter, dass sie es jetzt mit noch mehr Gegnern zu tun haben. Anscheinend sind die Gefangenen befreit worden und haben von den Banditen Waffen erhalten.

Von der Lokomotive her kommen noch einzelne Schüsse. Wahrscheinlich hat sich einer der Begleitpolizisten dahin gerettet und versucht, den Banditen das Leben schwer zu machen.

Doch das Spiel ist bereits aus. Die Schießerei lässt nach und hört dann ganz auf. Billy und Dick sehen, wie sich die Banditen auf ihren Pferden davonmachen.

„Caramba! So eine Pleite!“, knurrt Dick. „Wenn wir jetzt unsere Gäule hätten, was?“

„Hier kann man sie schlecht ausladen. Es ist zu hoch!“, erwidert Billy.

Sie gehen nach vorn. Es ist so, wie sie vermuteten. Der Gefangenenwagen ist geöffnet worden, die Gefangenen selbst sind verschwunden. Drei tote Polizisten liegen auf der Plattform, nur ein Beamter lebt noch. Es ist der, welcher von der Lokomotive aus geschossen hatte. Den Passagieren ist nichts geschehen. Eine Menge Scheiben sind zersplittert, doch das ist nicht weiter von Belang.

Mit Hilfe des Zugpersonals versuchen Billy und Dick, ihre Pferde auf freier Strecke auszuladen.

Die Fahrgäste starren neugierig aus den Fenstern ihrer Abteile.

„Das nenne ich prompte Arbeit!“, ruft ein dicker Herr. „Die Banditen sind noch nicht um die Ecke, da ist die Polizei schon da!“

Billy und Dick wollen gerade die primitiven Bretter an den Wagen anlegen, um die beiden Reitpferde auszuladen, als jemand vom Zugpersonal nach ihnen ruft: „Captain! Hier liegen ‘n paar Tote!“

Billy lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Mit vereinten Kräften werden die Pferde aus dem Transportwagen gebracht, der extra für diesen Zweck an den Personenzug angehängt wurde.

„Sattle du, ich seh mal nach, wer da liegt!“, sagt Billy zu Dick und geht mit dem Zugbeamten in die Prärie hinein.

Schon von Weitem erkennt Billy Rollins die dunklen Hügel, die sich bald als Pferdekadaver herausstellen. Doch weiter hinten liegen etwas kleinere Hügel. Billy geht näher und findet zwei tote Männer. Als er sich umsieht, entdeckt er in der silbern schimmernden Prärie noch etwas Dunkles. Es stellt sich heraus, dass es ein totes Pferd ist; dahinter aber liegt ein Mensch.

Der Zugbeamte leuchtet mit seiner Lampe. „Er hat einen Stern auf der Brust! Ein Sheriff!“, ruft er.

Billy weiß sofort, wer dieser Mann ist. Er kennt ihn von manchem Polizeitreffen her. Es ist Sheriff Jesse Glimdon.

Billy beugt sich über die reglose Gestalt und fühlt am Herzen des alten Mannes. „Eh, er lebt ja noch! Los, packen Sie an. Wir bringen ihn zum Zug! Vielleicht können wir ihn retten!“

Als sie den alten Jesse aufheben, kommt ein Stöhnen aus dessen Mund. Vorsichtig tragen sie ihn zum Zug.

Billy braucht nicht viel, um zu erraten, was sich hier abgespielt hat. Allein hat der alte Jesse den Kampf gegen eine Überzahl Banditen aufgenommen.

Dick hat inzwischen mit seiner Taschenlampe das Gelände nach Spuren abgesucht. Den aufgeregten Begleitbeamten des Gefangenentransportes beruhigt er auf seine raue Art. „Nun quatsch mich doch nicht dauernd an, Kollege! Ich glaube dir alles, was du sagst! Aber immer mit der Ruhe!“

„Der Killer Red-Gus war unter den Gefangenen! Er sollte morgen verurteilt werden! Web Goodman war auch dabei! Überhaupt lauter schwere Jungens!“

Dick schimpft laut und grimmig. „Warum habt ihr nicht ‘n paar Mann mehr als Wache mitgenommen?“, fragt er dann.

„Unser Captain meinte, wir wären genug! Und nun sind meine besten Freunde gefallen!“

„Euer Captain hatte unrecht! Nun müssen wir ausbaden, was die Herren von der Gefängnisverwaltung verbockt haben!“, schimpft Dick wütend.

Billy und der Beamte haben den schwerverletzten Jesse in ein Abteil Erster Klasse gebracht und die Reisenden daraus entfernt. Ein Arzt befindet sich unter den Fahrgästen; er bietet sofort seine Hilfe an. Er untersucht den alten Jesse, doch als er sich auf richtet, schüttelt er den Kopf. „Wenn er zwanzig Jahre jünger wäre, hätte er alle Chancen, durchzukommen, aber so ...“

„Was hat er?“, fragt Billy kurz.

„Ein Geschoss in Herznähe. Ich kann es nicht operieren, auch in einem Krankenhaus nicht! Er ist zu alt, um die Operation zu überstehen!“

Billy denkt anders darüber. Er weiß, wie zäh diese alten Westler sind. Das scheint der Arzt nicht zu wissen. Der hält Jesse für einen Greis, und obgleich es so ist, muss man doch mit anderem Maß messen. „Können Sie ihn hier operieren?“, fragt er.

„No, wenn schon, dann nur im Hospital!“, erwidert der Arzt.

„Well, dann bringen Sie den Alten dahin. Die Kosten bezahlt der Staat. Sehen Sie zu, dass Sie es schaffen, ihn durchzubringen. Zäh ist er; es liegt nur an Ihnen!“

Der Arzt zuckt die Schultern. „Ich werde tun, was ich kann!“, versichert er.

Billy winkt den Beamten des Gefangenenwagens heran und bittet ihn, sich ebenfalls um den alten Sheriff zu kümmern.

Dann steigen Billy und Dick aus dem Zug und setzen sich auf die Pferde. Dem Zugführer rufen sie zu, dass er abfahren könne.

Im Osten wird es schon hell, als der Zug in der Ferne verschwindet.

Dick und Billy setzen sich auf die Spuren der geflohenen Banditen. Die Spuren führen in weitem Bogen auf die Stadt Belmont zu. 

Es ist schon Vormittag, als Billy und Dick in die Nähe der Stadt kommen.

image
image
image

6

image

Während im Krankenhaus drei Chirurgen um das Leben eines alten Mannes ringen und schon mit einem Versagen des alten Herzens rechnen, schreien draußen auf den Straßen der Stadt Toquimaville die Zeitungsjungen die neuesten Meldungen in die Welt hinaus:

„Überfall auf den Nachtzug Bullionville – Candelaria!“ – „Ältester Sheriff der USA kämpft gegen hundert Banditen und wird schwer verletzt!“ – „Killer Red-Gus kurz vor seiner Verurteilung durch Banditen befreit! Web Goodman frei!“

So und ähnlich lauten die Nachrichten, die den entsetzten Einwohnern der Stadt präsentiert werden. Alles ist etwas übertrieben, um die Menge zum Kauf einer Zeitung zu bewegen.

Oben im Hospital wird dem alten Sheriff Blut übertragen. Noch immer ist es ein harter Kampf mit dem Sensenmann. Seit zwei Stunden versuchen die Ärzte ihr Bestes. Dann endlich sind die Würfel gefallen. Die Kugel ist entfernt. Sie befand sich dicht an der Herzwand. Nun ist sie endlich heraus. Der Kranke ist durch die Blutübertragung gestärkt und wird nach Ansicht der Ärzte am Leben bleiben, wenn nicht nachträglich eine Komplikation entsteht.

Der Arzt, der den Sheriff schon im Zug betreute, lehnt sich erschöpft an den Instrumentenschrank und bestellt bei der Schwester eine Tasse Kaffee. Im Augenblick sieht er schlechter aus als der Kranke, dessen lederfarbene Haut krass von den weißen Tüchern absticht.

Der Arzt muss an die beiden Männer denken, die sich auf die Spur der Banditen gesetzt haben. „Ein hartes Los haben diese Jungen!“, murmelt er.

Die Schwester kommt interessiert näher. „Was wünschen Sie, Doc?“

„Nichts!“, brummt der Arzt. „Nur ein Bett zum Schlafen!“

„In einer halben Stunde haben wir den Blinddarm von Nummer zwei!“, mahnt die Schwester.

„Leider sind Menschen mit Blinddärmen ausgestattet, die ich herausholen muss!“, knurrt der Arzt und schlürft den heißen Kaffee.

image
image
image

7

image

Eine unerhörte Frechheit haben diese Burschen im Leib!“, sagt Billy, während er auf die Ortschaft blickt.

„Sie wissen anscheinend, dass der Sheriff ausgefallen ist. Nun fühlen sie sich in Belmont sicherer als sonstwo!“, meint Dick. „Von den Mexikanern und dem Gesindel haben sie doch gar nichts zu befürchten. Die übrigen werden sie einschüchtern!“

„Lange können sie sich hier nicht halten!“, vermutet Billy und blickt die Hauptstraße hinunter, die wie leergefegt ist. Nirgends ist ein menschliches Wesen zu sehen.

„Glaubst du, sie wissen, dass wir sie verfolgen?“, fragt Dick.

„No, sie werden das nicht für möglich halten. Und darauf werden wir unseren Plan aufbauen. Ich weiß nicht, was sie vorhaben, aber etwas Anständiges bestimmt nicht. Seit ich weiß, dass Red-Gus und Web Goodman unter ihnen sind, bin ich vorsichtiger. Zu denken, in was für ein Wespennest der gute, alte Jesse Glimdon da ‘reingetreten ist ... Es wird niemand anders sein als die Hit-Bande, und das wird eine verdammt harte Nuss für uns, mein lieber Dick!“

Dick schnauft schwer. „Well, dann wollen wir‘s anpacken! Was haben die Brüder denn früher so gestartet?“

„Web Goodman ist ein berüchtigter Raubmörder. Red-Gus – das weißt du auch – ist ein Spezialist für Bahnraub und Dynamitanschläge. Die anderen kenne ich noch nicht, aber bisher hat die Hit-Bande nur ganz große Dinge ausgeführt.“

„Aber was zum Teufel wollen die hier in Belmont?“

„Wir erleben es, Dicker!“, erwidert Billy. „Doch nun trennen sich unsere Wege! Ich werde mich im Hintergrund halten. Du gehst schon jetzt in den Ort und lümmelst dich herum. Sieh zu, dass du in die Bande aufgenommen wirst. Sei aber vorsichtig: sie sind mit allen Wassern gewaschen! Ich decke dir den Rücken. Es wäre mir lieber, deine Rolle zu übernehmen, aber mich werden sie kennen!“

„No, ich will es machen!“, erklärt Dick. „Ich freue mich schon darauf!“

„So long und viel Glück!“, ruft Billy dem Freund zu.

Dick winkt zurück und reitet in den Ort. Billy aber wählt den Weg zu einer der benachbarten Ranches.

image
image
image

8

image

Vor der Kneipe macht Dick halt und steigt vom Pferd. Er treibt seinen Weißfuchs in den OK-Corral und sattelt ihn ab. Dann geht er mit steifen Schritten zum Lokal hinüber und mustert aus den Augenwinkeln heraus die nähere Umgebung. Aber die sonst so lebhafte Hauptstraße von Belmont liegt wie tot da. In der Kneipe ist es nicht gerade laut, doch man hört die Stimmen vieler Männer.

Dick tritt die Pendeltür auf und geht ins Innere der Schänke. Was er vermutete, trifft zu. Im Schankraum sitzen die Hit-Banditen und essen und trinken, als wären sie hier zu Hause. Vom Steckbrief her kennt Dick die Gesichter von Red-Gus und Web Goodman. Sie haben Gesichter, die gar nicht einmal so übel aussehen würden, wenn sie nicht einen gemeinen Zug um die Mundwinkel hätten. Red-Gus hat rotes Haar, und sein Gesicht ist mit Sommersprossen übersät. Wulstige Lippen und eine fleischige Nase lassen den Genießer vermuten. Dagegen ist Web Goodman ausgesprochen mager und wirkt auf Anhieb gefährlicher. Wenn Dick nicht genau wüsste, dass Red-Gus der viel brutalere Bandit ist, würde auch er es glauben. Web hat schwarzes Haar und hellgraue Augen, die immer zu leuchten scheinen.

Im Ganzen sind etwa zwanzig Mann in der Kneipe versammelt, alles schwere Jungens, deren Register schon manch Zuchthausstrafe aufzuweisen hat. Aber die weitaus gefährlichsten dieser Gangster sind Web Goodman und Red-Gus.

Dick hat sich an die Theke gelehnt und einen Schnaps bestellt. Er ist der einzige Gast, der nicht zu den Banditen gehört. Aber die kümmern sich vorerst nicht um ihn. Erst etwas später gibt Red-Gus einem der Männer einen Wink, und schon erhebt sich der lange Bursche und stelzt auf Dick zu.

Dick mustert den Langen und schätzt ihn ab. Keine große Nummer, wenn sie auch für manchen genügen wird!, denkt er.

„Hay, Cowpuncher“, knurrt der Lange Dick an, „hast du noch nicht bemerkt, dass wir jetzt ‘ne geschlossene Versammlung haben?“

„No, ich merke immer etwas langsam!“, erwidert Dick gedehnt.

„Dann weißt du‘s jetzt! Nun heb dich hinaus, sonst tu ich‘s!“

Dick grinst. „Du Würstchen willst mich hinausheben? Hohoho, da lache ich aber! Geh zurück und sage deinem Papa, der Junge, den du verprügeln sollst, wäre etwas zu groß für dich! Sag ihm das, Bohnenstange!“

Der Lange bekommt einen roten Kopf. Er sieht selbst, dass Dick für ihn ein viel zu massiger Gegner sein wird. Etwas unsicher geworden, blickt er zur Seite, aber die anderen Gangster scheinen Spaß daran zu haben, ihn in seiner Not noch etwas zappeln zu lassen: er hat den Mund im Hinblick auf die Unterstützung seiner Komplicen etwas zu voll genommen.

Dick nutzt seine im Augenblick günstige Lage aus und sagt: „Na, was ist denn, mein Jungchen? Hat der gute Papa keine Zeit, seinem ungeratenen Sohn zu helfen? Hast du aber ein Pech heute, Mr. Telegrafenpfahl! Sieh mal an! Und ich bin immer noch hier!“

Einige Banditen lachen laut. Sie denken gar nicht daran, ihrem Kumpan zu helfen. Der massige Fremde sieht nicht aus wie ein Cowboy. Dem zerschlagenen Gesicht nach glauben sie ihn sogar als einen der Ihren erkennen zu können. Dick ahnt gar nicht, wie günstig seine Aktien im Augenblick stehen.

„Nun heb ihn schon ‘raus!“, ruft Red-Gus von seinem Tisch her dem Langen zu. „Los, beeile dich etwas!“

Verschiedene Banditen wiehern vor Vergnügen. Sie scheinen zu ahnen, was nun kommen wird.

Der Lange weiß genau, dass er sich mit dem bulligen Dick nicht in ein Handgemenge einlassen kann. So glaubt er ihn mit den Colts zwingen zu können. Er überlegt kurz und will handeln. Seine Hände zucken nach unten, aber er hat sie noch nicht an den Kolben, da richten sich schon Dicks Waffen auf ihn.

Alles ging so schnell, dass der Lange es gar nicht begriffen hat. „Damned“, ruft er erstaunt, „das ging aber schnell!“

„Du hast eben eine zu lange Leitung, Junge!“, spottet Dick. Ruhig steckt er die Waffen wieder ein.

Sogar Red-Gus und Web Goodman sind beeindruckt. „Du kannst was, Dicker! Aber nun hast du deinen Spaß gehabt! Jetzt kannst du verblühen!“, ruft Red-Gus von seinem Tisch her.

Dick ist sich darüber klar, dass er allein nicht die geringste Chance hat, wenn ihn die Banditen herausfordern. Da hat er eine Idee, die er gleich anwenden will.

„Ihr Bullen glaubt doch nicht, dass ihr mich vertreiben könnt? Ich bin ein freier Mann und bleibe!“, sagt er, zu Red-Gus gewendet. „Ich lasse mich auch von euch Polizeihengsten nicht verjagen! Fangt lieber die Jungs, die den Zug heute Nacht überfielen! Aber dazu seid ihr viel zu blöd, was?“

Eine Weile ist es ganz still. Dann beginnt Red-Gus schallend zu lachen, und seine Getreuen fallen in dieses Lachen ein. „Er hält uns für Polizei, hihihi!“, wiehert ein Bandit.

„Du Gartenzwerg willst wohl jetzt nichts davon wissen, he?“, knurrt Dick. „Aber ich weiß es! Da täuschen mich auch eure zerlumpten Klamotten nicht. Ich habe ‘nen Blick für solche wie euch!“

Red-Gus wird plötzlich ernst. Irgendwie hat ihn Dick auf eine Idee gebracht. „Ruhe!“, herrscht er seine Komplicen an. „Also“, sagt er zu Dick, „wenn du es schon weißt, dann halte deinen Rand und pass auf, dass wir dich nicht einsperren! Nun verschwinde hier, sonst lernst du einmal die Polizei von der rauen Seite kennen!“ An seine Kumpane gewendet, fährt er fort: „Irgendwo ist er mir sowieso schon aufgefallen! Mal sehen, ob ich ihn im Album wiederfinde, dann hat er ausgelacht!“

Dick blickt etwas scheu auf den Verbrecher und spielt den Ertappten.

Langsam setzt er sich zur Tür ab und geht hinaus. Innerlich möchte er vor Lachen zerplatzen, aber noch ist der Trumpf nicht ausgekostet.

Die Straße liegt noch immer öde und verlassen. Dick schlendert hinüber zum Hotel, um sich ein Zimmer zu mieten. Vor allen Dingen muss er erst seinen Hunger stillen. Er wirft einen kurzen Blick zum Corral hinüber, wo sein Pferd zusammen mit den Banditenkleppern friedlich grast. Dabei bemerkt er einen Mann, der eben aus der Kneipe kommt und hinter ihm hergeht.

Sie beschatten mich!, überlegt Dick.

Als er mit dem Hotelier wegen eines Zimmers verhandelt, drückt sich der Bandit in der Nähe herum und lässt Dick nicht aus den Augen.

Dick verliert seine Ruhe nicht, sondern geht in den Speisesaal, um erst einmal ordentlich zu essen. Der Bandit, der ihn beschatten soll, setzt sich ein paar Tische weiter hin.

image
image
image

9

image

Die „P-im-Kreis-Ranch“ ist Billys Ziel. Die Ranch liegt in der Prärie wie eine Insel. In der Ferne ziehen sich die Hügel- und Bergketten durch das sonst völlig flache Land.

Auf der Ranch sieht alles etwas verwahrlost aus, aber das für Billy Wichtigste, nämlich das Telefon, ist vorhanden.

Einige Cowboys, die auf dem Hof mit Stacheldrahtrollen hantieren, grüßen den Fremden freundlich.

„Wo ist der Boss?“, erkundigt sich Billy.

Ein Cowboy zeigt auf einen älteren Mann im abgeschabten Reitanzug.

„Paulsen!“, stellt sich der Rancher vor.

„Ich bin Captain der Special Police!“ Billy zeigt seinen Ausweis und die Marke. „Ich muss bei Ihnen telefonieren!“

„Der Anschluss ist seit heute morgen nicht mehr in Ordnung!“, erklärt der Rancher. „Irgend etwas muss in der Zentrale in Belmont kaputt sein, weil‘s nicht klappt!“

„In Belmont sitzen etwa zwanzig Verbrecher schwersten Kalibers. Die scheinen die Anschlüsse lahmgelegt zu haben!“, erklärt Billy.

Der Rancher ist sprachlos. „Was wollen die denn in Belmont?“

„Niemand weiß es, aber sie werden nicht zur Sommerfrische hier sein!“

„Soll ich einen Boten nach Toquimaville schicken?“, fragt der Rancher zuvorkommend.

„Wenn Sie einen guten Reiter mit einem guten Pferd übrig haben, dann wäre ich Ihnen dankbar!“

„Wo soll er hin?“

„Ich schreibe einen Zettel, den gibt er auf der Sheriffstation ab, klar?“

„Well, mein Sohn wird reiten, er kann‘s am besten!“, erwidert Paulsen und brüllt mit Donnerstimme über den Hof: „George! George!“

Hinter dem Schuppen erklingt eine Antwort.

„Captain, es geht alles in Ordnung!“, meint der Rancher, als Billy ihm den Zettel gibt.

Bereits nach zehn Minuten galoppiert der junge George auf einem Falben in Richtung Toquimaville davon.

Billy Rollins bedankt sich bei dem Rancher für die Hilfe und will weiterreiten.

„Kommt gar nicht in Frage, Captain! Sie werden unterstützt, dafür sind wir Westler, aber wenn Sie ohne einen Imbiss von meiner Ranch reiten, bin ich Ihr Freund nicht mehr!“, protestiert der Rancher.

„Well, dann muss ich mich fügen!“, erwidert Billy lächelnd.

„Sure, das müssen Sie auch! Wenn wir auch nicht gerade gut bei Kasse sind, Captain: Gastfreundschaft werden wir auch dann noch bieten können, wenn wir nur noch eine Kuh auf der Weide haben.“

„Harle Arbeit in letzter Zeit, was?“, fragt Billy.

„Sehr hart, sehr schwer und nur Verluste. Was die Natur nicht zerstört, das vollenden die Greaser und das Lumpengesindel in Belmont. Da wird eine Kuh gestohlen und dort ein Stier, und das läppert sich so zusammen. Aufs ganze Jahr sind es dann über hundert Rinder, die verschwinden. Ich komme sehr gut mit meinem Nachbarn von der Doppel-C aus. Aber das übrige Volk auf den kleinen Ranches ist uns beiden nicht sympathisch. Dort taucht auch so manches Stück Vieh mit unserem Brand auf. Und seit hier in der Nähe an der Bahn eine Schlachtfabrik ist, bedeutet es für die Viehdiebe kein Problem, die gestohlenen Tiere schnell in Geld zu verwandeln.“

Sie setzen sich an einen Tisch auf der Veranda. Billy lässt sich die einfache aber kräftige Mahlzeit gut schmecken. Sein Pferd „Fellow“, steht im Hofe und knabbert an dem Heu, das ihm einer der Cowboys vorgeworfen hat.

„Wenn Sie ein Bandit wären, Mr. Paulsen“, sagt Billy, „und Sie kennen dieses Land hier genau, was würden Sie unternehmen, um eine dicke Sache zu starten?“

Der Rancher blickt Billy verblüfft an. „Was soll das heißen?“

Billy lacht. „Ich meine nicht, dass Sie ein Bandit sind. Aber Sie kennen dieses Land hier. Was würden Sie tun, wenn Sie ein sehr guter Schütze wären und ein mit allen Wassern gewaschener Bandit?“

Endlich hat der Rancher begriffen, wo Billy hinaus will. „Ich muss mal nachdenken ... vielleicht würde ich den Zug überfallen. Oder ...“

Billy schüttelt den Kopf. „Sprechen Sie weiter!“

„Oder aber die Kasse der Fleischfabrik ausrauben!“

Billy ist nicht zufrieden. „No, das wird alles nichts! Überlegen Sie weiter!“

Der Rancher stützt den Kopf in die Hände und denkt nach. Dann blickt er Billy plötzlich fest an und sagt: „Wenn ich noch Komplicen hätte und nicht Tod noch Teufel fürchtete, und wenn mein Leben mir gar nichts bedeutete: dann würde ich den Goldzug anhalten, der einmal im Monat von Toponah nach San Francisco führt! Aber der ist so stark bewacht, dass man kaum Chancen hat!“

„Wann kommt dieser Zug?“, fragt Billy interessiert.

„Das ist verschieden. Aber man sieht es schon kurz vorher. Da reiten State Troopers am Bahnstrang entlang; die Schienen werden geprüft, und überhaupt ist ein Haufen Tamtam im Gange. Wenn der Zug kommt, darf niemand in die Nähe der Gleise. Überall patrouillieren State Troopers. Dann kommt der Zug mit rasantem Tempo, und dann ist der Spuk schon vorüber.“

„Ist das alles, was hier passieren könnte?“, fragt Billy.

„Denke schon“, meint der Rancher schulterzuckend.

„Well, das ist es, was ich wissen wollte. Vielen Dank!“, sagt Billy und verabschiedet sich. Wenig später reitet er aus dem Hof.

image
image
image

10

image

Bald soll auch Dick Hanson erkennen, was in Belmont gespielt wird. Es gibt keine Verbindung zur Außenwelt mehr. Die Banditen lassen niemanden aus dem Ort. Wer hereinkommt, darf nicht wieder hinaus. Das Telefon in der Poststelle ist außer Betrieb gesetzt. Das Postauto liegt mit zerschnittenen Reifen umgekippt im Hof des Office.

In den Mexikanern und dem Gesindel des Ortes finden die Banditen willige Helfer für ihre Sache. Ein Teil der anständigen Bevölkerung ist eingesperrt und kann nichts unternehmen. Die Unterwelt hat die Stadt in der Hand. Jedes Fahrzeug, das in den Ort kommt, wird angehalten und unbrauchbar gemacht. Jedem Reiter wird das Pferd weggenommen. Bald ist das kleine Gefängnis angefüllt mit Leuten, die von den Banditen eingesperrt wurden.

Dick, der gar nicht die Absicht hat, den Ort zu verlassen, ist vorläufig in einer Art neutralem Zustand. Irgendwie sehen die Banditen in ihm einen Gangster, sind aber anscheinend nicht ganz sicher.

Am zweiten Tage seines Aufenthaltes trifft Dick den rothaarigen Red-Gus auf der Straße.

„Ihr seid ja gar keine Bullen!“, meint Dick grinsend. „Wenn ich das gleich gewusst hätte ...“

Red-Gus grinst zurück. „Was wäre dann, wenn du‘s gewusst hättest?“, fragt er hintergründig.

„Dann hätten wir zwei uns über etwas anderes unterhalten! Ich suche schon lange wieder einen Verein!“

„Welcher Verein war denn dein letzter?“

„Benny Longcamp war mein Boss. Wir wurden an der Grenze von den Reitern der Special Police zusammengeschossen. Zu zweit kamen wir davon.“ Dick macht eine Pause und weidet sich an dem Gesicht des Banditen, der ihm anscheinend diese Lüge glaubt. „Ja, und auf der Flucht wurde Robby Steele von einer Schlange gebissen. Nun bin ich allein übrig!“

„Wie heißt du?“, fragt Red-Gus interessiert

„Strong-Jack nennt man mich!“, erwidert Dick. „Es gibt ‘ne Menge Leute, die ein Lied von mir singen können!“

Red-Gus ist erstaunt. „Strong-Jack? Davon hörte ich schon. Und ich glaube es dir, weil ich sah, wie schnell du zu den Kanonen greifen kannst. Strong-Jack soll einer der schnellsten Schützen sein.“

Red-Gus weiß nicht, dass Strong-Jack schon seit zwei Monaten in Albuquerque im Zuchthaus sitzt. Der Verbrecher hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Dick, aber nur eine gewisse.

„Well, dann kannst du mitmischen!“, sagt Red-Gus. „Aber wir sind von Natur aus sehr misstrauisch! Wir wollen erst sehen, ob alles stimmt, was du uns erzählst. Damit du beweisen kannst, dass du einer der unseren bist, wirst du zusammen mit Web Goodman heute Nacht aus dem Ort reiten. Was es da zu tun gibt, sage ich dir erst, kurz bevor ihr reitet!“

Dick grinst. „Keine Sorge, Boss! Es geht alles in Ordnung. Ich drehe jedes Ding, aber wie ist‘s mit dem Bezahlen?“

„Wir teilen genau. Nur Web und ich bekommen das Doppelte! Steht uns auch zu!“

Dick nickt.

image
image
image

11

image

Es ist schon dunkel, als Dick und Web Goodman ihre Pferde satteln. Red-Gus tritt zu ihnen und sagt zu Dick: „Wir wissen, dass eine starke Abteilung der Nationalgarde von Toquimaville her anrückt, um uns zu schnappen. Auch von Elsworth her kommen welche geritten und gefahren. Damit die alle schön beschäftigt werden, sollt ihr die Fleischfabrik an der Bahn anstecken, und damit es sich auch lohnt – das Geld aus der Kasse holen! Web versteht sich auf solche Sachen. Strong-Jack, du übernimmst es, die Wächter auszuschalten! Es darf keine Zeugen geben!“

„Okay!“, knurrt Dick. Innerlich ist ihm gar nicht wohl, denn er hat schon längst bemerkt, dass er nicht mit Web Goodman allein reiten wird. Und das bekommt er auch von Red-Gus gesagt.

„Falls du schief liegst, dann versuche keinen Trick, Jack! Wir schicken euch noch zwei gute Schützen als Deckung nach. Al und Cliff werden auch darauf achten, dass du nicht plötzlich auf andere Gedanken kommst.“

Dick nickt nur gleichmütig. „Es geht alles, bestens okay, Mann“, sagt er noch, dann schwingt er sich auf seinen Fuchs. 

Dick macht sich seine Gedanken, wie er sich aus dieser Lage wieder herauswinden könnte. Doch es kommt noch ganz anders.

„Wir halten doch gar nicht auf die Fabrik zu!“, sagt Dick zu Web, der neben ihm reitet.

Web lacht leise. „Keine Sorge, Dicker! Wir reiten richtig! Lass das meine Sache sein!“, sagt er etwas schroff.

Dick ist alles recht. Als er sich einmal umdreht, sieht er im Mondlicht, dass Al und Cliff in einiger Entfernung folgen.

„Sie reiten mächtig dicht auf, die beiden!“, meint Dick einmal.

„Sollen sie auch!“, erwidert Web knapp.

Dick überlegt, ob die Banditen vielleicht ein frivoles Spiel mit ihm treiben und ihn eventuell schon längst als Polizeireiter erkannt haben. Doch dann verwirft er den Verdacht wieder.

Nach zwei Stunden flotten Ritts gelangen sie an den Schienenstrang der Bahn. „So, mein Knabe“, sagt Web. „Jetzt will ich dir sagen, was du zu tun hast! Was Red-Gus dir vorhin erzählte, ist natürlich nur Unsinn gewesen. Aber wir haben dir nicht getraut. Doch du scheinst wirklich okay zu sein, denn du bist ohne Zögern mitgeritten. Nun, es soll dein Schaden nicht sein. Wir beide reiten jetzt bis zur Weiche. Das ist etwa eine Meile von hier. Dort ist ein Bahnwärterhaus, und das werden wir besetzen. Al und Cliff werden das Gleiche tun, nur weiter im Osten an den Wassertanks. Dort ist ebenfalls ein Beamter, und den werden die beiden Jungs ausheben! Los, wir müssen nach rechts an den Schienen entlang!“

Dick kann sich zwar noch nicht denken, um was es hier geht, aber dass es etwas mit der Bahn zu tun hat, ist ihm klar.

Al und Cliff rufen ihnen noch etwas zu, dann biegen sie nach links ein.

Eine Melle reiten Dick und Web Goodman. Da taucht neben dem Schienenstrang das Haus des Weichenstellers auf.

„Wir dürfen ihn nicht umbringen, denn er muss für uns morsen!“, sagt Web. „Ich kann nicht morsen. Kannst du es?“

„No!“, erwidert Dick, obgleich er es sehr gut kann.

„Well, dann sieh zu, dass du ihn ausschaltest! Er hat auch seine Frau hier; die sperren wir am besten in ein Zimmer!“

In dem Haus sind auch zwei Polizisten der uniformierten Gendarmerie zur Sicherung untergebracht. Doch das ahnen weder Dick noch Web.

Dick klopft an die Tür. „He, macht auf, hier ist ein Schwerverletzter!“, ruft er.

Im Hause wird es lebendig, Die Tür geht auf, und Dick blickt auf einen Gendarmen.

„Was ist los?“, fragt der Polizist.

Dick freut sich. Sofort reagiert er. Er tritt etwas hinter Web und sagt: „Ich will euch den Schwerverbrecher Web Goodman abliefern!“

Web fährt herum, aber er starrt in die Mündungen von Dicks Revolvern. „Du Schuft!“, zischt er.

Der Polizist ist nicht auf den Kopf gefallen. Sofort hat er begriffen und zieht dem verblüfften Web Goodman die Colts aus den Futteralen.

„Ich bin Sergeant Hanson von der Special Police!“, stellt sich Dick vor. „Das wäre Nummer eins von der Hit-Bande! Legen Sie ihm die Handschellen an, Corporal!“

Der zweite Beamte kommt die Treppe herunter und hilft seinem Kameraden, Web Goodman die Fesseln anzulegen.

Web flucht in allen Sprachen. „Red-Gus wird dich zermalmen! Er wird dich durch den Wolf drehen!“

Dick rührt das alles nicht. Sein Plan steht fest. „Sprich etwas, mein Vögelchen! Sing mir ein Lied! Was wollt ihr machen?“

Web Goodman wird von den Polizisten gehalten. Seine Hände sind auf dem Rücken durch die Handschellen gefesselt. Er ist machtlos.

„Führt ihn ins Haus, Freunde!“, sagt Dick. „Er braucht eine besondere Kur!“

In einem der Zimmer wird Web Goodman auf einen Stuhl gesetzt. Dick baut sich breitbeinig vor ihm auf. „Nun, willst du reden, oder muss ich dich dazu zwingen?“, fragt er kalt. Er weiß, dass er den Gangster nicht zwingen darf, und das scheint auch Web Goodman zu wissen, der in dieser Hinsicht mit allen Wassern gewaschen ist.

„Der Richter wird dir was erzählen, mein Sohn!“, erwidert er frech. „Der dritte Grad ist verboten!“

Dick geht aufs Ganze. „Du wirst es seh‘n, was hier verboten ist! Geht mal etwas aus dem Zimmer!“, ruft er den beiden Polizisten zu. Die haben verstanden und zwinkern mit den Augen.

Kaum sind sie draußen, krempelt sich Dick lässig die Ärmel hoch.

„Du wirst mich doch nicht verprügeln, wo ich gefesselt bin?“, fragt der Bandit misstrauisch.

„Warum nicht?“, meint Dick und geht auf Web Goodman zu.

So grausam und gemein dieser Verbrecher sein kann, wenn es um das Leben anderer geht: um sich selbst hat er Angst. Entsetzt weicht er bis zur Stuhllehne zurück, als Dick mit seinen mächtigen Fäusten einmal versuchshalber das Kinn des Banditen tätschelt.

„Ich rede, verdammt, aber lass das sein!“, brüllt Goodman los.

„Dann beeile dich aber, sonst schlage ich dich zusammen!“, knurrt Dick. Er denkt gar nicht daran, aber er muss bluffen.

„Sie wollen den Goldzug heben!“, sagt Web Goodman und weicht wieder aus, als Dick so tut, als wolle er zuschlagen.

„Weiter, Söhnlein!“, mahnt Dick.

„Wenn ich es sage: werde ich nicht dafür bestraft, dass die anderen es tun?“, fragt Web Goodman.

„Dir kann nur die Flucht aus dem Zug zur Last gelegt werden und vor allem das, was ohnehin auf deinem Konto steht!“ Dick möchte dem charakterlosen Kerl am liebsten eine Ohrfeige geben, so widerlich ist er ihm. Kaum sitzt er in der Klemme, verrät er seine eigenen Komplicen, nur um seine eigene Haut zu retten.

„Der Zug kommt übermorgen. So lange wollen wir Belmont noch halten“, erklärt der Bandit.

„Wisst ihr, dass Truppen unterwegs sind?“, fragt Dick.

„Ja, aber ehe sie Belmont besetzt haben, sind wir weg.“

„Warum wollt ihr den Zug gerade an der gleichen Stelle überfallen, wo er schon einmal überfallen wurde?“, fragt Dick.

„Weil das niemand vermuten wird! Außerdem konzentriert sich die Bewachung auf das Gebirge und nicht auf die offenen Strecken, wo ein Überfall sinnlos erscheint!“

„Wie wollt ihr das geraubte Gold abtransportieren?“, erkundigt sich Dick.

„Wir lassen es im Zug und fahren selbst damit, als Beamte verkleidet, weiter. An einer bestimmten Stelle halten wir an und laden das Gold aus. Die Kontrollpunkte an der Bahn sollen alle heute Nacht von unseren Leuten besetzt werden!“

Dick wird alles völlig klar. Er wünscht, Billy Rollins könnte hier sein. „Kommt wieder rein!“, ruft er laut.

Die beiden Polizisten kommen wieder. „Nehmt diesen Vogel gut in eure Obhut, er darf nie wieder flügge werden!“, sagt Dick zu ihnen. Dann wendet er sich noch einmal an Web Goodman: „Was ist mit der Fleischfabrik?“

„Ein Bluff! Wir sagten es zu den Greasern in Belmont, damit die nicht undicht werden. In der Fabrik ist nichts zu holen, bestimmt nicht viel jedenfalls.“

„So, dann passt auf ihn gut auf! Ich muss mich mit dem Bahnwärter zusammensetzen!“, erklärt Dick und geht aus dem Zimmer.

Der Dienstraum befindet sich direkt gegenüber. Der Beamte sitzt vor seinem Gerät. Dick begrüßt den alten Eisenbahner kurz und setzt sich neben ihn.

Gerade tickt der Morseapparat. Der weiße Papierstreifen quillt, mit Punkten und Strichen beschriftet, aus der Maschine.

Dick entziffert die Meldung, die von der nächsten Bahnstation Toquimaville kommt. Aber es ist für ihn nicht interessant.

„Bald werden auch andere Meldungen über den Draht gehen, vor allem vom Wassertank her kommend!“, meint Dick. Er erklärt dem erstaunten Beamten den Streich der Banditen.

„Wir müssen schnell Hilfe für Ihren Kollegen heranholen. Aber der Draht ist nicht mehr sicher! Bestimmt sitzen jetzt schon überall Banditen in den Bahnwärterhäuschen und halten die Morseapparate unter Kontrolle. Wenn wir auf Zack sind, können wir den Burschen ihr ganzes Gangsterstück versalzen!“

„Aber wie soll‘n wir das machen?“, fragt der Beamte.

„Das werde ich schon fingern! Ich bleibe hier und werde Sie unterstützen!“

image
image
image

12

image

In der gleichen Nacht – als die Hit-Bande zwischen Toquimaville und Candelaria sämtliche Bahnwärterhäuser an der Strecke besetzt – ist auch in Belmont die Hölle los.

Red-Gus hat das Gesindel der Stadt, das unter Sheriff Jesse Glimdons Herrschaft nur ein Schattendasein führte, zur Macht gebracht. Weil es so gut in seine Pläne passte, gab er den Mestizen und Mexikanern Waffen und stellte einen seiner Revolverschwinger als Führer dieses wilden Haufens an. Nun plündern und rauben diese Burschen das wenige Wertvolle in der Stadt. Alles geht in panischem Tempo vor sich, denn allen sitzt die Angst im Nacken. Es ist kein Geheimnis mehr, dass die Nationalgarde im Anrücken ist.

Aber Red-Gus hat vorgesorgt. Zunächst hat er einmal die Straße gesprengt und damit verhindert, dass die Lastwagen der Soldaten in die Stadt kommen können. Das hält die Truppe jedoch nur kurze Zeit auf. Dann rücken die Soldaten von allen Seiten in Belmont ein. Es gibt einen kurzen harten Kampf, dann haben die Truppen den Ort besetzt, und das Lumpengesindel befindet sich in sicherem Gewahrsam. Aber die wirklichen Drahtzieher sind längst nicht mehr in der Stadt. Nach einem kurzen Machtrausch sitzt das üble Volk der Unterwelt wieder vor dem Nichts.

Billy Rollins hat von Toquimaville aus direkte Verbindung mit der Führung der Polizeieinheiten, die nach den entkommenen Banditen fahnden, aufgenommen. Dann begibt er sich zur Bahnverwaltung, um auch diesen Männern seinen Plan zu entwickeln.

Als Billy spät abends auf dem Bahnhof eintrifft, wo sich auch die Verwaltung der Strecke befindet, herrscht dort ein Trubel, der ihn erstaunt. Bald erfährt er von einem Beamten die Ursache.

„Sämtliche Telefone nach Candelaria funktionieren nicht mehr. Dabei soll heute Nacht der Zug kommen, der das Gold bringt!“, berichtet der Beamte und starrt auf das Police-Abzeichen an Billys Hemdbrust.

Billy hört zu und lacht innerlich. Der Zug wird gar nicht kommen, aber das darf er niemandem sagen. „Geht der Telegraf?“, fragt er den Beamten.

„Ja, der geht noch! Das ist ja das Erstaunliche!“, meint der Mann.

„Dann seid doch froh! Vielleicht ist nur ein Mast von der Telefonleitung umgefallen!“

„Aber wir sollen doch den Personenzug aufhalten, und der ist schon weg!“, sagt der Beamte.

„Wieso?“

„Nun, es hieß, die Strecke wäre kaputt und müsste ausgebessert werden!“

Billy horcht auf. „Kam es durch den Telegrafen?“, fragt er.

„Ja, sicher!“

Billy hält sich nicht auf, sondern stürmt in das Dienstgebäude der Bahn. Schnell hat er sich zu dem Vorstand des Bahnhofs durchgefragt, und dann nimmt er den beleibten Beamten beiseite.

„Passen Sie gut auf! Sehen Sie sich das an!“ Er deutet auf das Abzeichen der Special Police. „Well, nun hören Sie gut zu und tun nur das, was ich Ihnen jetzt befehle! Es darf kein Zug mehr den Bahnhof verlassen! Stellen Sie sich vor, dass alles, was im Telegrafen durchkommt, von Banditen gemorst wird! Richten Sie sich also nicht danach! Ich will Ihnen ein Geheimzeichen sagen: Sunshine-Bar in San Francisco! Merken Sie sich das gut! Wenn es im Telegrafen durchkommt, können die Züge wieder fahren, aber nicht eher! Wenn Sie zuwiderhandeln, kann es viele Tote geben! Das wollen Sie nicht, oder?“

Der Beamte beeilt sich zu versichern, dass er das natürlich nicht will und alles tun wird, was ihm Billy Rollins sagt.

„Well, ich werde jetzt die Strecke abreiten! Heute Nacht kommen noch Nationalgardisten und State Troopers hier an. Lassen Sie sich durch nichts verleiten, den Zug weiterfahren zu lassen! Die Banditen haben die Strecke besetzt und würden den Zug entgleisen lassen. Die Soldaten wären dann ausgeschaltet! Wenn ich unser geheimes Zeichen durchgebe, können Sie zuerst den Militärzug fahren lassen! Klar?“

„Okay!“, antwortet der Beamte.

„Der Lokomotivführer dieses Zuges soll auf Zeichen achten! Wenn er Notsignale sieht, muss er halten, und die Soldaten können aussteigen! Ich weiß nicht, ob es so kommt, aber es könnte sein!“

„Geht in Ordnung, Captain!“, erwidert der Beamte.

„So long!“, ruft Billy im Hinausgehen und schwingt sich draußen wieder auf sein Pferd.

Als er den Ort hinter sich hat, reitet er etwa hundert Schritt weit vom Bahnsteig entfernt in die Prärie hinein.

image
image
image

13

image

Dick Hanson ist in seinem Element. Dauernd kommen Morsesprüche an. Dick entziffert sie zusammen mit dem Bahnbeamten, gibt sie aber nicht weiter, sondern überlegt erst. Dann verstellt er den Sinn und gibt sie mit völlig veränderter Bedeutung an die nächste Blockstelle weiter.

Gerade trifft wieder ein Spruch ein: „Angeben Abfahrt von Goldzug in Candelaria!“

Dick gibt sofort die Antwort zurück: „Drei Uhr dreißig ab Candelaria!“ Dabei lacht er, und auch der Beamte kichert in sich hinein.

„Die werden aber sauer werden, wenn sie darauf warten!“, meint er.

Dick antwortet auf die Anfrage eines Banditen, die den Bandenboss Red-Gus auffordert, sofort Anweisungen über die genaue Überfallstelle zu geben, folgendes: „Überfall findet bei Meile tausend-vierundneunzig statt!“

„Die werden sich umsehen. Muss mal hören, wo Red-Gus es starten will!“, sagt Dick und fragt nach der anderen Richtung an, wo Red-Gus seinen Überfall plant.

Bald darauf erhält er die Antwort: Meile 1082!

Dick lacht sich ins Fäustchen. „Jetzt sind sie schon in zwei Parteien gespalten! Die einen warten bei Meile tausend-vierundneunzig, die anderen bei Meile tausend-zweiundachtzig auf den Zug. Wird schon schiefgehen!“

Plötzlich sieht Dick, dass der Bahnbeamte neben ihm entsetzt zur Seite blickt.

Dick fährt herum, doch es ist schon zu spät. Er blickt in die Mündungen von zwei Revolvern. Web Goodman mustert ihn zynisch. „Das hättest du dir nie gedacht, Hanson, was?“, fragt er kalt.

„Du bist ein toller Bursche!“, sogt Dick kaltschnäuzig. „Wie hast du‘s geschafft, die Polizisten zu überrunden?“

„Das ist meine Sache! Sie liegen oben und sagen nichts mehr! Und das wird dir auch gleich so geh‘n! Steh auf und hebe die Hände! Und du“, er wendet sich an den Eisenbahner, „tust das gleiche!“

Doch Dick ist nicht der Kerl, den man so leicht überrumpeln kann. Als Web auf den Beamten blickt, springt Dick auf und knallt seine mächtige Faust unter das Kinn des Banditen. Mit der Linken schlägt er die Waffen zur Seite. Donnernd entladen sich die Colts. Dick schlägt dem taumelnden Banditen einen zweiten Schlag unter das Kinn, doch Web ist zäh im Nehmen. Er stürzt nicht. Dick ist bereits wieder an seinem Mann und schlägt ihm die Colts aus den Händen. Polternd fallen sie auf den Boden, wo sie der Eisenbahner eiligst aufhebt.

Web Goodman hat sich an der Wand wieder gefangen und stürmt nun auf Dick los.

In diesem Moment arbeitet der Morseapparat wieder. Der Beamte geht sofort hin und stört sich nicht an den kämpfenden Männern.

Dick hat wieder einen bombenartigen Schlag in Webs Gesicht gelandet, und das ist der Volltreffer, der den Banditen endlich von den Beinen reißt. Mit dumpfem Krachen stürzt er auf die Bohlenbretter des Zimmers. Sofort ist Dick über ihm und wirft ihn mit einem kräftigen Ruck am Arm auf den Rücken. Mit der Routine eines erfahrenen Polizeireiters fesselt er die Hände des Banditen.

Nun langt Dick nach seinem Colt und drückt die Mündung in die Hüfte des Verbrechers. „Steh auf, Goldjunge!“, knurrt er böse. „Wenn du einen Trick versuchst, so denke vorher daran, dass ich den Hammer nur loszulassen brauche, dann hast du ein Stück Blei im Bauch hängen!“

Taumelnd erhebt sich Web Goodman. Sein Traum, noch einmal das Heft in die Hand zu bekommen, ist vorbei.

„Such doch mal nach den beiden Polizisten, Freund!“, ruft Dick dem Beamten zu, der noch eifrig an seinem Gerät hantiert.

Mit strahlendem Gesicht kommt der Beamte auf Dick zu. „Ich habe denen jetzt eine Pille verpasst. Sie wollen wissen, was sie mit dem Zug machen sollen, den sie auf Blockstelle vierundfünfzig angehalten haben. Ich habe zurückgemorst, dass sie ihn unangetastet zurückfahren lassen sollen!“

„Gut gemacht!“, sagt Dick. „Nun hole mir die beiden Polizisten.“

Der Beamte geht hinaus.

Web grinst gemein vor sich hin. „Da ist nichts mehr zu holen, ich habe sie erledigt!“, sagt er hämisch.

„Was? Du dreckiger Hund, dich zerreiße ich, wenn das stimmt!“, zischt Dick. „Aber ich habe keinen Schuss gehört!“

„Sie liegen neben den Gleisen!“, erklärt Web Goodman. „Nun tu doch, was du eben sagtest, oder hast du Angst vor dem Richter, dass der dich dafür bestrafen wird?“

Dick kocht vor Wut über diesen gemeinen Schurken, aber er kann nichts unternehmen.

Plötzlich hat Web Goodman die Hände wieder frei und will sich auf Dick stürzen. Da entlädt sich der Colt in Dicks Hand, und getroffen bricht der Bandit zusammen.

„Du wolltest es so haben! Den Strick hast du anscheinend mehr gefürchtet!“, knurrt Dick und steckt die Waffe wieder ins Futteral.

Etwas später bestätigt der Bahnbeamte die grausige Tat des Banditen.

image
image
image

14

image

Captain Billy Rollins erreicht das erste Bahnwärterhaus gegen Mitternacht. Schon von Weitem sieht er im Mondschein die drei Pferde neben dem Hause stehen. Bahnwärter pflegen keine Pferde zu haben, sagt sich Billy und zügelt seinen Braunen. Dann sitzt er ab.

Während der Braune mit hängenden Zügeln auf seinen Herrn wartet, schleicht Billy auf der anderen Seite der Gleise näher an das Haus heran. Die Fenster des Dienstraumes sind erleuchtet

Als Billy näherkommt, schnaubt eins der angebundenen Pferde. Der Captain bleibt sofort stehen und lauscht, doch anscheinend hat man im Hause nichts gehört. Er sieht an den Fenstern die Schatten von Männern und kann ihr lautes Sprechen bis hier heraus hören. An der Tür bindet er erst einmal die Pferde los. Dann führt er sie etwas abseits und hängt ihnen die Zügel über die Hörner der Sättel, damit die Tiere sich verlaufen sollen.

Die scheinen sich mächtig sicher zu fühlen!, überlegt Billy und geht zum Hause zurück. In diesem Augenblick sieht er den Schatten einer Gestalt aus der Tür huschen. Sofort springt er vor und packt den Mann am Hemd. Es kommt zu einem Handgemenge. Doch keiner der beiden Kämpfenden stößt einen Laut aus.

Billys größerer Gewandtheit gelingt es endlich, den Gegner zu Boden zu zwingen. Schnell nutzt er die Unterlegenheit des anderen und zieht seine Handschellen aus der Tasche. Als sie zuschnappen, hat der Bandit keine Chance mehr. Den Revolver des Mannes wirft Billy zur Seite.

Plötzlich beginnt der Gefangene zu brüllen: „Red-Gus! Red-Gus!“

Billy springt zur Seite. In diesem Augenblick fliegt eines der Fenster am Hause auf, und schon krachen mehrere Schüsse. Doch der Schütze muss sich vertan haben, denn er trifft den Gefangenen. Aufschreiend torkelt der Getroffene hin und her und stürzt schließlich zu Boden.

Billy Rollins eröffnet das Feuer auf die Gestalt im Fenster, die sich deutlich vom erleuchteten Hintergrund abhebt. Jetzt ist er vollkommen sicher, Banditen vor sich zu haben.

„Licht aus, damned!“, brüllt eine Stimme energisch. Die Lampe im Zimmer erlischt.

Billys Schüsse haben die Banditen zur äußersten Vorsicht gemahnt. Nur noch vereinzelt krachen die Colts vom Fenster her. Dafür bekommt der Captain einen neuen Gegner, der von der Hinterseite des Hauses aus schießt. Er muss irgendwo zu einem Fenster auf der anderen Seite herausgeklettert sein.

Red-Gus ist ein geübter Schütze, und seine Schüsse zwingen Billy, sich in Deckung eines Schwellenstoßes zu begeben. Von dort aus erwidert er das jetzt wieder lebhaft einsetzende Feuer der Banditen.

Red-Gus beteiligt sich plötzlich nicht mehr an dem Kampf. Billy merkt es sofort, denn dessen Schüsse waren viel genauer gezielt als die des anderen Banditen, der hinter dem Hause schießt.

Doch dann taucht Red-Gus wieder auf. Über den Hals seines Pferdes gebeugt, jagt er in die dunkle Prärie hinaus.

„Hat sich der Schuft doch einen der Gäule wieder eingefangen“, murmelt Billy wütend und schickt noch einige Schüsse hinter dem Flüchtenden her, aber ohne Erfolg.

Der Bandit hinter dem Haus glaubt, ebenfalls flüchten zu können. Aber sein Schicksal ereilt ihn schon, als er die Deckung der Mauer verlässt. Die Schüsse des Police-Captains treffen ihn beide in die Brust.

Billy Rollins hat keine Sekunde zu verlieren. Er eilt ins Haus, findet die beiden Bahnbeamten gefesselt vor und befreit einen in aller Hast „Das andere kannst du selbst!“, ruft er ihm zu und wartet nicht erst, bis der Mann seinen Kollegen befreit hat.

Draußen läuft Billy Rollins zu seinem Braunen zurück, springt in den Sattel und galoppiert der nächsten Blockstelle zu, die an der Ausweichstelle, etwa vier Meilen von hier, liegt.

Nach einem raschen Galopp reitet Billy eine kurze Zeit im Schritt, um sein Pferd nicht zu sehr zu ermüden. Er braucht trotzdem nur eine knappe Viertelstunde für diese Strecke.

Im Mondschein glaubt er frische Hufspuren im Sande vor sich zu erkennen. Also wird er womöglich damit rechnen müssen, hier auf Red-Gus zu stoßen. Das bedeutet auch, dass die Banditen, die hier eventuell lauern, schon gewarnt sind.

Diesmal sind keine Pferde zu sehen. Das Haus liegt völlig im Dunkeln. Das überrascht Billy keineswegs. Er zügelt sein Pferd, bleibt aber darauf sitzen und wartet erst einmal ab. Dann sieht er etwas glitzern.

Sitzt einer mit ‘nem Gewehr beim Haus und wartet auf mich! Denkste, Freundchen!, sagt sich Billy. Er steigt vom Pferd und legt sich neben die Gleise der Bahn.

Plötzlich kracht es, und gleichzeitig zucken bläuliche Blitze auf Billy zu.

„Zu hoch geschossen, Junge!“, murmelt Billy und erwidert das Feuer mit seiner Whalleybüchse. Das dumpfe Krachen mischt sich in das helle Peitschen der Winchester, mit denen die Banditen schießen.

Wieder ist Red-Gus bei den Gegnern. Billy kennt jetzt schon dessen Schießtechnik; sie ist leicht von jener der anderen Schützen zu unterscheiden.

Doch wie Billy bald feststellen muss, hat er es hier mit fünf Gegnern zu tun, und es erscheint ihm nicht möglich, hier einen Erfolg zu erzielen; im Gegenteil, es sieht bald so aus, als würde er das Opfer der Banditen, wenn er sich auf einen längeren Kampf einließe. Noch ist sein Pferd unverletzt, und auch er selbst ist nicht getroffen; wenn aber seinem Tier etwas geschehen sollte, wäre auch er verloren.

Schweren Herzens entscheidet sich der Captain zum Rückzug, um diesen Kampf nicht zu verlieren. Er läuft in kurzen Sprüngen zu seinem Pferd und schwingt sich in den Sattel. Schon rast der Braune los. Bald sind Pferd und Reiter in Sicherheit. Einzelne wirkungslose Schüsse zischen über Billys Kopf hinweg. Doch bei der Dunkelheit können die Banditen trotz des Mondscheins kein so genaues Ziel finden.

Billys Rückzug bedeutet aber noch lange nicht, dass er den Kampf etwa aufgibt. Im Gegenteil: seine Gegenwart zwingt die Banditen und vor allem Red-Gus, auf dieser Stelle zu bleiben und alle anderen Unternehmungen deshalb fallenzulassen.

Der Captain reitet im Bogen in einiger Entfernung um das Haus. Ab und zu hält er an und lauscht in die Nacht hinein. Doch alles bleibt ruhig.

image
image
image

15

image

Dick Hanson hat den Beamten des Stellwerks allein gelassen. Er befindet sich auf dem Wege zur nächsten Blockstelle, die, wie er aus den Morsemeldungen weiß, mit zwei Banditen besetzt ist. Es sind Al und Cliff. Und die beiden will Dick unschädlich machen.

Der Mond steht nicht mehr hoch. Bald wird er verschwinden, und im Osten wird es dann auch hell werden. Um diese Zeit geht die Sonne schon gegen fünf Uhr auf; jetzt ist es vier Uhr.

Dick lacht vor sich hin, als er daran denkt, dass die Bande vergeblich auf den Goldzug gewartet hat. Andererseits ist es ihm unverständlich, warum der Zug noch nicht gekommen ist. Aber er denkt, dass sein Freund und Captain Billy Rollins auch noch in diesem heißen Spiel ist und unter Umständen an mancher Überraschung für die Banditen nicht unbeteiligt sein wird.

Ein leichter Nebelschleier legt sich über die taufrische Prärie. Dick kommt das sehr gelegen. Zwar ist dadurch die Sicht noch schlechter geworden, aber er wird auch ungesehen an das Bahnwärterhaus herankommen. Den Weg kann er nicht verfehlen, weil er sich immer neben den Gleisen hält.

Vorsichtig reitet er an das Haus heran. In einiger Entfernung hält er an und sitzt ab. Dann schleicht er zu Fuß bis zum Hause. Doch darin ist alles ruhig. Er lauscht, doch es ist absolut nichts zu hören. Er öffnet die Tür vorsichtig und geht hinein. Die Colts in den Händen, stößt er eine Tür auf. Doch da stehen nur ein völlig zertrümmerter Morseapparat und eine stark beschädigte Signalanlage. Von den beiden Banditen ist nichts zu sehen.

Nun sucht Dick auch die anderen Zimmer ab. Er findet einen Beamten der Bahn und einen Eisenbahnpolizisten. Beide liegen gefesselt am Boden des einen Zimmers. Hastig befreit er sie. „Wo sind die beiden Schurken hin?“, fragt er dann.

„Zunächst einmal vielen Dank!“, krächzt der Bahnbeamte heiser. „Die Lumpen waren im anderen Raum. Man konnte sie schlecht verstehen, aber eines hörte ich doch: dass der Zug mit dem Gold gleich kommen muss!“

„Was? Das ist ja heiter!“ Dick hat keine Zeit mehr zu längeren Unterhaltungen. Er weiß genau, wo er die Banditen zu suchen hat. Sie werden bei Meile 1094 warten. So hat er es ihnen ja selbst angegeben.

Voraussichtlich wird es Dick nach seinen Schätzungen mit mindestens sechs Gegnern zu tun haben, und das sind keine harmlosen Schäfchen, sondern Verbrecher schlimmster Art. Die übrigen Banditen befinden sieh ja westlich jener Blockstelle, aus der Dick seine irreführenden Meldungen morste. Diese Männer werden bei Meile 1082 auf den Goldzug warten. Was Dick aber am meisten wundert, ist die Tatsache, dass der Zug überhaupt kommt. Er hätte einen Eid geschworen, dass Billy die Abfahrt des Zuges verhindern würde.

image
image
image

16

image

Auf dem Bahnhof ist ein Streit zwischen dem Zugführer des Goldzugs und dem Vorstand der Station entbrannt. Der Zug selbst steht auf einem Abstellgleis unter Dampf und ist umzingelt von schwerbewaffneten Gendarmen. Die meisten dieser Männer haben automatische Pistolen und Gewehre.

Der Zugführer und der alte Stationsvorsteher streiten sich nun schon seit zehn Minuten herum.

„Ich habe den Befehl von allerhöchster Stelle, dass der Zug in Candelaria stehen bleibt, bis ein neuer Befehl kommt!‘‘, behauptet der Zugführer wütend.

„Ich habe hier den Morsespruch, dass ihr fahren könnt! Der Spruch kommt aus Toquimaville! Die Strecke ist frei, ihr sollt fahren! Nur bei Meile tausend-vierundneunzig muss die Geschwindigkeit etwas vermindert werden!“

„Wir fahren nicht, sage ich! Ich hafte für die Sicherheit! Es liegen Meldungen vor, dass die Sicherheit eben nicht gegeben ist!“ Der Zugführer wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Captain Rollins hat noch keine Meldung durchgegeben, dass die Strecke frei ist. Und andere Meldungen interessieren mich nicht! Was meinen Sie, Leutnant Snyder?“, wendet er sich an den Führer der Wachabteilung.

Der Leutnant ist noch jung und unternehmungslustig. Bis zur Stunde hat er noch keinen Zwischenfall in dem Goldzug erlebt, obgleich er ihn schon seit zwei Jahren mit seinen Männern begleitet. Unbewusst sehnt er sich nach einem derartigen Ereignis. „Ich meine“, sagt er etwas herablassend, „wir sollten nicht so ängstlich sein! Immerhin sind wir eine gut bewaffnete Schutztruppe!“

Der Zugführer, alt und gewitzt, ist da anderer Meinung. Er sagt: „Nach den bisherigen Erfahrungen ist eine Schutztruppe nicht in der Lage, das Entgleisen eines Zuges zu verhindern!“

Der Leutnant bekommt einen roten Kopf und stellt sich nun ganz offen gegen den alten Beamten. „Von mir aus wird der Zug fahren!“, erklärt er.

Der Stationsvorsteher wittert Morgenluft. „Na sehen Sie, der Offizier ist auch meiner Meinung! Sie müssen abfahren, Zugführer! Ich brauche die Gleise! Seit Stunden halte ich hier jeden Zug auf: alles nur wegen eures dämlichen Goldes! Das geht nicht! Die Strecke ist frei, das weiß ich jetzt genau. Nun muss Ihr Zug als erster abfahren! Ich muss dann sogar noch eine Stunde warten, bis ich die anderen Züge auf die Strecke lassen darf!“

„Well“, meint der Zugführer schlau. „Sie geben es mir schriftlich, dass die Strecke frei ist! Und der Herr Leutnant gibt mir auch seine schriftliche Bestätigung, dass er trotz meiner Warnungen fahren will!“

„Das gebe ich Ihnen auch!“, faucht der junge Offizier den alten erfahrenen Beamten an.

Nun zögert auch der Stationsvorsteher nicht, dem Zugführer diese Bestätigung zu schreiben.

Genau zehn Minuten später dampft der Zug aus dem Bahnhof. Es sind nur drei Wagen hinter der Lokomotive. Einer davon ist leer; es ist der erste hinter dem Tender. Vor der Lokomotive läuft ein flacher Güterwagen, der bei Sprengstoffanschlägen verhüten soll, dass die Lokomotive zerstört wird. Der Goldwagen befindet sich in der Mitte des Zuges und ist durch schwere Stahltüren, die mit Tresorschlössern versehen sind, verschlossen. In dem letzten Wagen sitzen die Gendarmen. Oben auf dem Dach ist eine runde Öffnung mit einem MG-Stand angebracht.

Der Zugführer hat sich auf die Lokomotive begeben, weil er es im Gefühl hat, dass etwas passieren wird. „Fahren Sie langsam, Patrick!“, ruft er dem Lokführer zu. „Ich traue dem Frieden nicht!“

„Ist die Strecke nicht frei?“, fragt Patrick zurück.

„Ich weiß nicht recht! Der Idiot in Candelaria will es genau wissen, aber ich habe so ein komisches Gefühl! Wenn wir etwas bemerken, müssen wir sofort zurückfahren!“

„Das wird schwer halten“, erwidert der Lokführer skeptisch.

image
image
image

17

image

Im Osten wird es langsam hell. Die Strecke ist in ein eigenartiges Zwielicht gehüllt, und man kann nicht weit sehen.

Der Zugführer beugt sich aus dem Fenster. Der kalte, nebelige Fahrtwind stört ihn jetzt überhaupt nicht. Plötzlich zuckt er zurück. „Bremsen! Bremsen, Patrick! Schnell, die Strecke ist gesprengt!“

Mit einem Sprung hechtet der Lokführer an den Bremshebel und reißt ihn herunter. Kreischend stoppt der Zug ab.

Aus dem dünnen Nebel neben den Gleisen tauchen jetzt Reiter auf.

Patrick hat schon auf Rückwärtsfahrt umgeschaltet. Rutschend gehen die Räder in entgegengesetzter Richtung. Langsam fährt der Zug rückwärts.

Vom Wagen der Gendarmen aus hämmert schon das Maschinengewehr wie rasend.

Die Reiter in der Prärie entfernen sich wieder. Anscheinend fürchten sie das MG.

Doch plötzlich erfolgt hinter dem Zug eine schwere Detonation. Vergeblich versucht Patrick, den Zug zum Halten zu bringen. Es ruckt und stößt, dann sehen die Männer, wie sich der letzte Wagen auf die Seite legt und dann ganz umkippt. Der Goldwagen stellt sich quer, dann erst steht der Zug.

Das Maschinengewehr ist ausgeschaltet. Einige Gendarmen klettern aus dem umgestürzten Wagen, doch nun kommen die Banditen im Galopp angeritten und feuern aus ihren Winchesterbüchsen.

Der Leutnant der Schutztruppe ist bei dem Unglück ums Leben gekommen. Es ist ihm nun nicht mehr vergönnt, das Elend mitzuerleben, an dem er schuld ist.

Die Gendarmen haben sich, mehr oder weniger gut gedeckt, in den Abwehrkampf begeben. Auch das übrige Zugpersonal kämpft verbissen.

image
image
image

18

image

Als es hell zu werden beginnt, beobachtet Billy Rollins das Haus, in dem sich Red-Gus mit einigen Komplicen befindet, durch sein Fernglas. Plötzlich sieht er, dass die Banditen ihre Pferde aus dem kleinen Schuppen an der Seite des Gebäudes ziehen und aufsitzen.

Billy wartet nicht lange, sondern hebt seine Whalleybüchse, die mit einem Zielfernrohr ausgerüstet ist. Dann krachen die für das Gewehr typischen dumpfen Schüsse.

Die Banditen können das Feuer nicht erwidern; für eine Winchester ist die Entfernung zu groß. Aber sie galoppieren in größter Hast davon. Einer der Verbrecher wird von Billys Schuss getroffen und fällt vom Pferd. Das Tier läuft ledig hinter den anderen her. Dann gelingt es Billy, einen zweiten Verbrecher zu treffen, doch der Mann klammert sich am Sattelhorn fest und reitet weiter.

Die vier Banditen sind schließlich so weit entfernt, dass selbst die Whalleybüchse sie nicht mehr erreicht. Billy verfolgt die Flüchtenden nun, und sein „Fellow“, muss zeigen, was in ihm steckt.

Plötzlich dröhnt in weiter Ferne eine dumpfe Detonation.

Billy beachtet es weiter nicht, sondern heftet sich an die fliehenden Verbrecher. Dann kracht es wieder mit dumpfem Donner. Es muss genau östlich von hier sein, nach Candelaria zu. Zu langem Überlegen bleibt dem Captain keine Zeit; denn die Banditen schwenken jetzt in Richtung Belmont ein. An Billys Verfolgung scheinen sie sich gar nicht zu stören.

Diese Richtung behalten die Verbrecher nicht lange. Bald reiten sie wieder nach Candelaria zu. Sie holen das Letzte aus ihren Pferden heraus. Billy hat Mühe, dass sich der Abstand zwischen ihnen nicht vergrößert.

Meile um Meile reiten sie. Dann kommen sie an einer Blockstelle vorüber, doch da rührt sich nichts. Die Jagd geht in einem Höllentempo weiter. 

image
image
image

19

image

Zur gleichen Zeit befindet sich Dick Hanson im Rücken der Banditen, die den Zug angreifen. Als er die Lage übersieht, erkennt er den blockierten Zug, dessen letzter Wagen auf der Seite liegt. Er bemerkt auch die Gendarmen, die verzweifelt auf die Angreifer schießen.

Dick hat sich verrechnet, wenn er glaubte, dass er es mit nur sechs Banditen zu tun habe. Es sind bedeutend mehr. Er ist auch schon bemerkt worden. Einige der Kerle, die ihm am nächsten hinter Sträuchern und Steinen liegen, schießen auf ihn.

Dick sitzt ab und lässt den Fuchs laufen. Dann robbt er hinter eine Bodenerhebung und schießt auf die Banditen, die in seinem Blickfeld sind.

Dicks Vorteil währt nicht sehr lange. Plötzlich erkennt er eine Menge Reiter, die von Belmont her auf die Überfallstelle zuhalten. Erst nimmt er an, dass es sich um Hilfe handelt, doch dann erkennt er zu seinem Entsetzen das Lumpengesindel aus Belmont.

Wenn bis zu diesem Moment die Lage der Zugverteidiger nicht aussichtslos erschien, so wendet sich jetzt das Blatt. Die zahlenmäßige Überlegenheit der Banditen macht sich schnell bemerkbar.

Dick befindet sich in einer argen Lage. Die Mexikaner und Mischlinge, die von Cliff angeführt werden, befinden sich direkt hinter seinem Rücken.

Dick tut das einzige, was er noch tun kann: er pfeift seinem Pferd, springt in den Sattel und versucht aus der Zange der Umklammerung herauszukommen. Er hat mehr Glück, als er selbst zu hoffen wagte. Die Mexikaner schießen schlecht. Er kommt ungeschoren aus dieser Falle, die sein Ende bedeutet hätte.

Die neue Banditenschar befasst sich nicht mit dem einzelnen Reiter, sondern hat das Gold im Sinn. Das Gold erscheint den Banditen interessanter als der Kampf mit einem einzelnen Mann.

Dick zügelt sein Pferd in einiger Entfernung und versucht von dieser Stelle aus, den Banditen das Leben schwer zu machen. Doch dann sieht er plötzlich wieder eine Reitergruppe von vier Mann auftauchen, hinter der ein einzelner Reiter über die Prärie prescht. Dick kann den Mann noch nicht erkennen, aber er kennt das Pferd. Es ist Billys „Fellow“.

Dick galoppiert im Bogen um die gefährliche Zone der Schüsse herum und hält auf Billy zu.

Billy hat den Freund bereits erkannt und winkt. Als sie zusammentreffen, ruft Dick: „Es ist schlecht was zu machen! Noch kümmern sie sich nicht um mich, aber das wird anders werden, wenn sie im Besitz des Zuges sind! Wir schaffen es nicht allein! Wir brauchen Hilfe! Was ist mit den Soldaten in Belmont? Das ganze Gesindel ist ja wieder frei!“

Billy winkt ab. „Los, etwas zurück! Sie feuern auf uns!“

Schnell wenden sie die Pferde und flüchten aus der Schusszone.

„Reite zur nächsten westlichen Blockstelle!“, sagt Billy. „Morse nach Toquimaville: Sunshine-Bar, San Francisco! Der Militärzug soll schnell abdampfen, aber auf Meile tausend-vierundneunzig halten!“

„Die Blockstelle ist zerstört!“, erwidert Dick.

„Dann versuche es bei der nächsten! Los, Tempo!“, mahnt Billy.

Dick hält sich nicht auf, sondern reitet auf seinem müden Pferd ab.

Billy aber macht mit seiner Whalleybüchse den Verbrechern das Leben sauer. Er ist abgesessen und so weit von den Banditen entfernt, dass die ihn mit ihren Winchesterbüchsen nicht erreichen.

Durch Billys Eingreifen kommt der gesamte Angriff der Bande zum Erliegen. Die Verbrecher feuern zwar nach wie vor von ihren Deckungen aus auf die verbissen kämpfenden Gendarmen, können aber den entscheidenden Angriff nicht wagen, weil Billy sie aus für ihn selbst sicherer Entfernung beschießt.

Dieser Zustand scheint nicht nach Red-Gus‘ Geschmack zu sein. Er will diesen verhassten Gegner im Rücken beseitigen. Um das zu können, muss er seine Deckung verlassen und näher an Billy herankommen. Doch das wird ihm nicht gelingen. Darum beschließt Red-Gus, mit der gesamten Bande den Mann anzugreifen, der mit dieser verwünschten Whalleybüchse schießt.

Kriechend versuchen die Gangster, ihre Pferde zu erreichen, um Billy zu umzingeln. Er ist im Augenblick der gefährlichste Gegner. Red-Gus würde sonst etwas dafür geben, wenn er die Waffe Billys zum Schweigen bringen könnte.

Durch diesen Zwischenfall ermutigt, feuern die Verteidiger des Zuges jetzt mit neuen Kräften auf die Bande. Aber sie können diesen Kampf nicht lange durchhalten, denn schon werden sie von der anderen, Billy entgegengesetzten Seite angegriffen und können den Captain nicht mehr unterstützen.

Als Billy Rollins erkennt, dass er die Absichten der Bande trotz seines guten Gewehrs nicht vereiteln kann, pfeift er seinem Braunen und setzt sich ab, bevor ihn die Schüsse gefährden.

image
image
image

20

image

Mit einer unheimlichen Geschwindigkeit rast der Militärzug der Überfallstelle zu. Vorn auf der Lokomotive spähen mehrere Männer nach etwaigen Hindernissen aus, aber die Strecke ist frei. Überall sind die Beamten in den Stellwerken wieder am Schaffen. Dreihundert Soldaten warten gespannt auf ihren Einsatz. Der Kommandeur dieser Einheit weiß bereits durch Dicks Morsespruch, was geschehen ist.

Dann kreischen plötzlich die Bremsen des Zuges. Auf der Lokomotive hat man den überfallenen Zug gesichtet.

Der Hilfszug kommt zum Stehen, und schon springen die Soldaten der Nationalgarde aus den Wagen. Im Laufschritt verteilen sie sich unter der Führung erfahrener Offiziere und versuchen, einen Sperrkreis um den Ort des Überfalls zu bilden.

Billy Rollins hat die Absicht der Soldaten erkannt und reitet von der anderen Seite an die Bande heran.

Red-Gus merkt, dass er verspielt hat. Er gibt das Zeichen zur Flucht. Das Gold ist vergessen; jetzt geht es um das nackte Leben. In rücksichtsloser Weise jagen die Banditen ihre Pferde voran, um der drohenden Umklammerung zu entgehen.

Plötzlich prasselt Maschinengewehrfeuer in die Reihen der Banditen. Viele fallen, andere werden verwundet; nur wenige kommen aus dieser Hölle heraus, und diese wenigen bekommen jetzt wieder Billys Whalleybüchse zu spüren. 

Dick Hanson ist auch wieder da und greift in den Kampf ein. Doch sein Pferd ist zu erschöpft, als dass er daran denken könnte, die entkommenen Banditen zu verfolgen. Es sind nur drei Mann. Die anderen werden von den Soldaten eingefangen, wenn sie nicht so schwerverletzt sind, dass sich der Feldscher der Truppe um sie kümmern muss.

In dem Zug befinden sich auch zwei Wagen mit Pferden. Mit Hilfe der mitgeführten Notrampen werden die Tiere ausgeladen. Dick lässt sich von dem leitenden Offizier ein Pferd geben, und schon ist er auf den Spuren seines Freundes Billy, der die in Richtung Belmont reitenden Ausbrecher verfolgt.

Die Sonne steht schon wieder mit grellem Licht am Himmel, als Dick über die Prärie rast. Dass dieses Militärpferd ein ausgezeichneter Renner ist, macht ihm Freude, aber er merkt zugleich, dass es nicht die Ausdauer eines Cowponys besitzt. Schon zeigen sich nasse Stellen auf dem glatten Fell des gepflegten Tieres.

Dick weiß, dass sich Red-Gus unter dem Geflohenen befindet Auch Cliff und Al sind entkommen. Und Dick denkt an den Sheriff Jesse Glimdon, der durch sein kluges Handeln größeres Unheil verhütete.

Schon nach kurzer Zeit ist Dick seinem Freund nähergekommen. Billys Brauner scheint schon sehr erschöpft zu sein; schließlich hat er die letzte Nacht das Äußerste hergeben müssen.

Als sie auf gleicher Höhe galoppieren, ruft Dick: „Ich werde allein weiterreiten, Billy! Dein Gaul ist schon schachmatt!“

Doch davon will Billy nichts wissen. „Wir sind ja gleich da!“, ruft er zurück. „Was ist mit den Truppen? Sind die nicht mehr in Belmont?“

„No, sie sind schon gestern Abend abgezogen!“, erwidert Dick, der dies inzwischen erfahren hat.

Wortlos reiten sie weiter. Dick hält sein Pferd etwas zurück, damit Billys erschöpfter Brauner Schritt halten kann.

Dann kommt Belmont in Sicht. Wie ein riesiger Steinhaufen liegt es inmitten dieses trostlosen Steppenlandes. Die gelben Lehmhäuser und auch die weißgekalkten Gebäude scheinen in der Morgensonne zu vibrieren.

Gerade erreichen die Banditen, von hier aus als winzige Punkte zu sehen, die Ortschaft.

„Wir trennen uns, Dicker!“, ruft Billy zu Dick hinüber. „Du hast das bessere Pferd und versuchst von der anderen Seite in den Ort zu kommen! Ich werde geradeaus weiterreiten!“

„Okay!“, erwidert Dick. Dann schwenkt er etwas nach links ab, um den Ort rechts liegen zu lassen.

image
image
image

21

image

Red-Gus weiß genau, dass jetzt das Spiel zu Ende ist. Aber sein Trotz lässt ihn nicht aufgeben. Immer noch hofft er auf eine Chance und glaubt sie in Belmont zu finden. Das Militär ist seit gestern abgezogen; von dieser Seite hat er also kaum etwas zu befürchten. Doch da ist dieser Polizeireiter mit der Whalleybüchse und dann jener andere, der sich erst als Strong-Jack ausgegeben hatte. Nun, Red-Gus hofft mit diesen beiden Gegnern noch fertig zu werden, aber was kommt dann? Die Gendarmen und die Nationalgardisten sind bestimmt ebenfalls auf seinen und seiner beiden Komplicen Spuren. Lange wird er sich nicht mehr behaupten können.

„Was für einen Plan hast du?“, fragt Al und versucht seine Nervosität zu verbergen.

Red-Gus zügelt sein Pferd vor dem Hotel in Belmont und dreht sich nach seinen Kumpanen um: „Es sind vorläufig nur diese beiden Spürhunde der Polizei auf unseren Fersen! Die Soldaten sind noch nicht so nah! Wenn wir mit den beiden Bullen fertig werden, könnten wir uns verstecken! Es wird drei Tage gesucht werden. Wenn sie uns dann nicht finden, haben wir gewonnen!“

„Wo willst du dich verstecken, Red-Gus?“, fragt Cliff gedehnt Er ist der einzige, dem man die Furcht nicht von den Augen ablesen kann.

„Erst müssen wir die beiden Bullen erledigen!“, sagt Red-Gus erregt.

„In deinem Zustand werden sie es dir besorgen und du nicht ihnen!“, meint Cliff kalt. „Du hast deine alte Ruhe nicht mehr, Red-Gus! Du hast die Furcht im Nacken!“

„Mach doch einen besseren Vorschlag, zum Teufel! Immer willst du schlauer sein als andere!“, faucht Red-Gus aufgeregt.

„Ja, ich mache euch einen besseren Vorschlag! Ob er euch gefällt, ist ein anderes Blatt! Passt auf! Es gibt für uns keinen Weg, diese Stadt noch zu verlassen. Selbst wenn wir den Kerl mit der Whalley fertigmachen: die Nationalgarde ist jeden Augenblick ebenfalls hier! Dann ist es aus! Deshalb wollen wir keine Sekunde verlieren, sondern schnell hinüber zum Hotel gehen! Seht ihr die Frauen, wie sie ängstlich hinter den Gardinen auf uns blicken? Diese Frauen werden unser Leben retten! Kommt!“

Sie steigen schnell ab und gehen ins Haus. Red-Gus hat verstanden, was Cliff tun will. Al hat es allerdings noch nicht begriffen.

Niemand im Ort hätte gewagt, die Banditen am Betreten der Stadt zu hindern. Nur von den Fenstern aus sehen sie zu: die Mexikaner voll Bewunderung, die anständigen Amerikaner voll Hass und Wut.

Im Hotel befinden sich einige Frauen und Mädchen, die ins Haus geflüchtet sind, als die drei Verbrecher in den Ort kamen. Voller Angst lauschen sie auf die Schritte der Banditen, die den Korridor entlang kommen.

Ein weißhaariger Portier will die Banditen daran hindern, die Tür zum Zimmer der Frauen zu öffnen, aber da bekommt er von Cliff einen Fußtritt, dass er mit schmerzverzerrtem Gesicht zur Seite taumelt.

Aber so schnell lässt Cliff den Mann nicht laufen. „Sage es deinen Freunden! Wer es wagt, in die Nähe des Zimmers zu kommen, wird erschossen! Wenn die Polizisten kommen, dann sagst du ihnen, dass wir die Frauen haben! Sollte es den Kerlen einfallen, uns schnappen zu wollen, werden wir die Frauen erschießen!“

Als sie die Zimmertür aufreißen, fliehen die sechs Frauen kreischend in eine Zimmerecke. Doch die Banditen tun ihnen nichts. „Seid ruhig!“, herrscht Cliff sie an.

„Wir wollen nur freien Abzug, wenn die Polizei kommt! Euch geschieht nichts!“, versucht Red-Gus sie zu beruhigen. Ihm fällt das Jammern auf die Nerven.

image
image
image

22

image

Inzwischen kommen Dick und Billy von zwei Seiten in die Ortschaft geritten. Sie halten beide die Colts in den Händen und blicken gespannt auf die Häuser. Dann sehen sie die Pferde vor dem Hotel.

Ein alter Mann ruft Billy etwas von seinem Fenster aus zu.

Billy reitet heran. „Was sagst du, Großvater?“

„Sie sind im Hotel und haben die Frauen! Sechs Frauen und Mädchen haben sie als Geiseln!“, erklärt der Alte.

Billy winkt Dick zu, anzuhalten. Eine völlig neue Lage ist entstanden. Von ihrem Fenster aus können die Banditen die gesamte Straße vor dem Hotel mit Schüssen belegen, ohne dass sie zu fürchten brauchen, selbst beschossen zu werden. Niemand will aus Versehen eine der Frauen treffen.

Billy hört Hufschlag und dreht sich um. Eine starke Gruppe Nationalgarde kommt in den Ort galoppiert.

Billy hebt die Hand als Stoppzeichen. Die Reiter zügeln sofort ihre Pferde. Ein Offizier reitet heran.

Billy ruft: „Die Lumpen sitzen im Hotel und haben sechs Frauen als Geiseln bei sich! Wir können es nicht wagen, in ihren Schussbereich zu kommen. Es ist nicht möglich, das Feuer zu erwidern, sonst gefährden wir die Frauen!“

„Diese Schufte!“, keucht der Offizier.

„Umstellen Sie den Ort!“, bestimmt Billy. „Wenn noch mehr Ihrer Leute kommen, dann verteilen Sie die Männer ebenfalls um die Ortschaft herum. Keine Maus darf die Stadt verlassen können!“

„Geht in Ordnung, Captain Rollins! Es sind noch Einheiten mit Fahrzeugen unterwegs, aber das Ausladen dauert ja so lange!“

„Wann können die Truppen hier sein?“, fragt Billy.

„In einer Stunde! Vielleicht auch in zwei!“, meint der Offizier.

„Well, dann warten wir noch so lange! Ich will sie mir nicht noch einmal entschlüpfen lassen. Ich glaube nicht, dass sie es wagen, den Frauen ein Haar zu krümmen, weil sie die Geiseln noch benötigen!“ 

Eine Stunde lang geschieht nichts. Der Ort liegt still und wie ausgestorben. Niemand wagt sich auf die Straße. Aber überall lauern die Leute hinter den Fensterläden und sind gespannt auf den Ausgang dieses Kampfes.

Dick hat sein Pferd an einem Hause angebunden, während Billy seinen erschöpften Braunen frei zu einer kleinen Weide neben dem Ortsteich laufen lässt. Das Tier soll sich ruhig satt saufen und fressen. Den Sattel hat Billy abgenommen.

Dick lehnt, seine Hände in der Nähe der Coltgriffe, im Schatten eines Hauses und blickt hinüber zum Hotel. Er kann das Fenster sehen, hinter dem sich Red-Gus und seine Komplicen verschanzt haben.

Plötzlich rennt jemand die Straße hinunter auf das Hotel zu. Dick fährt herum und sieht einen jüngeren Mann in Cowboytracht.

Gerade will der Cowboy an Dick vorbei, als der ihn anruft: „Hay, bleib steh‘n! Wo willst du hin, zum Teufel?“

Der Cowboy stoppt seinen Lauf ab. „Meine Braut! Sie ist unter den Geiseln, die diese Lumpen eingesperrt haben. Ich will sie mir holen!“

Dick springt vor und reißt den Mann erst einmal in die Deckung des Hauses. „Bist du toll, Kerl? Es ist dein Tod, wenn du weiter rennst! Bleib hier!“

Der Cowboy ist stur. Er denkt nur daran, dass seine Braut in Gefahr ist, und er sieht nicht die Gefahr für sich selbst. „Lass mich in Ruhe! Wer bist du, dass du mich so anbrüllst?“, fragt er barsch.

„Sergeant Hanson von der Special Police! Nun sei vernünftig, Junge! Wir werden deine Braut schon befreien!“

„Wenn sie nicht mehr lebt, he?“, tobt der Cowboy.

Doch Dicks Griff ist eisern. „Halte deinen grünen Schnabel und gehorche! Ich muss dir sonst eine kleben, dass dir die Zähne wackeln!“, knurrt er den jungen Weidereiter an.

Der Cowboy ist ein echter Westler, zäh und stur. Er reißt sich los und rennt wieder auf die Straße.

Schon krachen vom Hotel her zwei Schüsse. Doch sie gehen dicht über den Kopf des jungen Burschen hinweg.

Ohne die Gefahr zu beachten, springt Dick dem Cowboy nach und fasst ihn an der Schulter. Mit einem Ruck hat er ihn zu Boden geworfen und schleift ihn zum Haus. Er ist noch nicht in Deckung, als wieder Schüsse krachen. Diesmal schlägt eines der Geschosse in das Bein des jungen Cowboys.

„Da hast du den Salat, du Rotzlümmel!“, schimpft Dick und untersucht an der Hausmauer die Wunde. „Dass ihr Burschen nicht auf einen erfahrenen Mann hören könnt!“

Der Cowboy ist jetzt kleinlaut geworden. Er sieht ein, dass Dick recht hatte.

Nachdem der Polizeireiter die Wunde verbunden hat, befiehlt er dem Cowboy, hier ruhig liegen zu bleiben. „Wehe, wenn du mir ins Handwerk pfuschst! Das nächste Mal schlage ich dir die Zähne bis in die Magengrube!“

Der Cowboy grinst schwach. Die Wunde schmerzt furchtbar.

image
image
image

23

image

Inzwischen ist die Nationalgarde vollzählig angerückt. Es sind jene Männer, die den Kampf um den Goldzug entschieden. Sie haben ihre Fahrzeuge von dem Zug entladen und sind hier in Belmont eingetroffen, um auch in der letzten Phase des Kampfes nicht unbeteiligt daneben zu stehen. Genau nach Billys Anweisungen verteilt der leitende Offizier seine Männer um die Stadt. Nur er selbst führt mit seinem Stab auf einem Lastwagen in den Ort bis zu der Stelle, wo auch Billy wartet.

Der Police-Captain hatte eben auch einen ähnlichen Zusammenstoß wie Dick mit einem Ehemann einer der eingesperrten Frauen. Doch er konnte den wütenden Mann noch beruhigen, bevor der so eine Dummheit machte wie der junge Cowboy.

Der Ort ist umstellt. Es gibt für Red-Gus und seine Komplicen kein Entkommen mehr. Und dennoch kann Billy nichts unternehmen, weil er die Frauen nicht in Gefahr bringen will. Dass Red-Gus und seine Männer keine Hemmungen haben, ihre Drohungen wahr zu machen, glaubt der Captain ohne Weiteres.

„Haben Sie Tränengas?“, fragt Billy Rollins den Offizier.

Der schüttelt den Kopf. „No, haben wir nicht!“

„Well, dann müssen wir‘s anders machen!“

„Wie?“

„Sie haben ein Megaphon an der Kabine des Lastwagens?“, fragt Billy.

„Sure, um Kommandos zu geben!“

„Well, ich werde jetzt damit eine Rede halten!“, sagt Billy und steigt auf den Lastwagen. Neben dem Beifahrersitz ist ein Sprachrohr angebracht, durch das man in ein Megaphon sprechen kann, das sich auf dem Dach des Wagens befindet.

Billy lächelt den verblüfften Fahrer an, und dann spricht er in das Rohr: „Bürger von Belmont! Bleibt in den Häusern und lasst euch nicht auf der Straße sehen! Es wird scharf geschossen!“ Er macht eine Pause und fragt den Offizier, der neben dem Wagen steht: „Hört man es gut?“

„Man hört es bis nach New York!“, erklärt der Offizier grinsend.

Billy spricht weiter: „Drei Verbrecher halten sich im Hotel versteckt! In ihrem Gewahrsam befinden sich sechs Frauen! Wir werden diese Frauen befreien! Aber niemand soll uns dabei behindern, indem er auf eigene Faust versucht, den Frauen zu helfen! Das kann deren Los nur verschlimmern! Also Ruhe bewahren und Vertrauen zu den Männern haben, die sich für euch, Bürger von Beimont, einsetzen!“

Billys Stimme klingt durch das Megaphon wie ein Donnerwetter. Es ist sicher, dass es auf die Leute im Ort den nötigen Eindruck gemacht hat.

Nun redet der Captain weiter: „Red-Gus und Komplicen! Ergebt euch und verlasst das Hotel mit erhobenen Händen! Wenn ihr es nicht tut, werdet ihr Kurz über Lang ohnehin geschnappt, und die Sache mit den Geiseln wird euch dann übel angerechnet!“

Vom Hotel her hört man ein höhnisches Gelächter.

Billy ist nicht darüber betrübt, dass seine Aufforderung keinen Erfolg hat. Es war nur ein Versuch; dass es kaum gelingen wird, die Banditen zur Aufgabe zu bewegen, hat er sich schon gedacht.

„Red-Gus! Es war meine letzte Warnung! Ich, Captain Rollins, den ihr wohl kennt, gebe euch fünf Minuten Zeit zum Überlegen. Dann geht der Kampf los! Und seid sicher, dass ich euch persönlich aus eurem Versteck heraushole!“

„Rollins!“, ruft Red-Gus‘ Stimme vom Hotel her. Gegen die Megaphonstimme klingt es leise und schwach.

„Ich höre!“, sagt Billy durch den Verstärker.

„Rollins, gib es uns schriftlich, dass du uns frei in die Berge abziehen lässt, sonst töten wir die Frauen! Du hast zehn Minuten Zeit!“

Sofort danach lässt sich Cliff vernehmen: „Wenn die zehn Minuten um sind, werden wir drei Geiseln töten!“

Billy weiß, dass die Banditen das tun werden. Es gilt also, keine Zeit mehr zu verlieren.

„Halten Sie mit Ihren Leuten die Straße unter Kontrolle!“, sagt Billy zu dem Offizier. „Ich muss die Sache jetzt anfangen!“ Er winkt Dick zu. Der hebt den Arm, also hat er verstanden. Er zeigt auf sein Lasso. Billy begreift und wickelt sich ebenfalls ein Lasso um die Hüften. Dann geht er von der Straße herunter zwischen zwei Häuser hindurch und läuft im Bogen auf die Hinterseite des Hotels zu.

Dick kommt ebenfalls von der anderen Seite her durch den Garten des Hotels. An der Hintertür treffen die beiden Freunde zusammen.

„Willst du hinein?“, fragt Dick. „Wenn sie es merken, werden sie sich an den Frauen vergreifen!“

„Sie dürfen es nicht spitz bekommen!“, meint Billy und öffnet leise die Tür.

Die Banditen haben zwar einen großen Teil der Straße unter Kontrolle, die Hinterseite des Hauses aber können sie von ihrem Zimmer aus nicht sehen. Aber sie nehmen das weiter nicht tragisch, denn sie glauben anscheinend, durch die Geiseln jeder Situation gewachsen zu sein. Billy hat die feste Absicht, ihnen das Gegenteil zu beweisen.

Die beiden Polizeireiter kommen durch einen kurzen Gang in die Küche des Hotels. Kein Mensch ist zu sehen. Wahrscheinlich sind sämtliche Hotelbewohner, außer den sechs Frauen, noch rechtzeitig durch die Hintertür geflohen.

Jetzt entdecken Billy und Dick einen alten Mann, der mit einem vorsintflutlichen Revolver in einer Ecke des Flurs steht und starr den Gang entlangblickt. Er lässt sich auch durch die Polizeireiter nicht ablenken.

„Was tust du hier?“, fragt Dick leise.

„Sie sind da drin!“ Der Alte zeigt auf eine Tür. „Wenn ich hier auch zehn Jahre warte, ich schieße sie zusammen! Sie haben mich getreten wie einen Hund!“

Sanft entwindet Billy dem Alten die Waffe, und Dick bringt den widerstrebenden Mann in den Hof. Damit der Mann nicht etwa ruft, hält Dick ihm die Hand vor den Mund. Den Kräften des Sergeanten ist der alte Portier nicht gewachsen.

Draußen sagt Dick: „Nichts für ungut, Opa, aber es ist unsere Pflicht, dich hier wegzutun! Es ist nicht deine Arbeit, diese Bestien zu bekämpfen! Du würdest es nie überleben! Sei vernünftig und vermassele uns nicht unsern Plan!“

Etwas grollend fügt sich der Alte schließlich.

Dick geht zurück ins Haus, wo Billy bereits wartet.

Billy Rollins hat seine Erfahrungen mit Banditen vom Schlage Red-Gus‘ und Cliffs gesammelt. Er kennt ihre Eigenarten und wie sie reagieren. Dass sie sich an den Frauen vergreifen, solange sie nicht selbst in Lebensgefahr schweben, glaubt er nicht. Wird aber die Lage für die Verbrecher brenzlig, dann ist ihnen alles Schlechte zuzutrauen.

Am Fenster scheinen die Banditen wieder zu schießen; denn man hört das Knallen ihrer Gewehre.

Die Freunde hören, wie Cliff auf die Straße hinausbrüllt: „Es sind fünf Minuten vorüber! Wenn ihr es euch nicht bald überlegt, werden wir die drei Frauen töten!“

Als Billy das hört, geht ein Ruck durch seinen Körper. Dick presst vor Wut und Hass die Lippen zusammen.

Die Freunde gehen weiter und stellen sich neben die Tür. Dick steht links, Billy rechts.

Sie hören das Schluchzen und Wimmern der Frauen, die in Todesangst sind. Dazwischen ist ab und zu das raue Fluchen eines Banditen zu vernehmen. Aber die Polizeireiter müssen sich beherrschen und dürfen die Nerven darüber nicht verlieren. Sonst gelingt es ihnen nicht, den Verbrechern die Geiseln zu entreißen. 

image
image
image

24

image

Draußen auf der Straße und um den gesamten Ort herum warten dreihundert Soldaten auf eine Möglichkeit, die Banditen vor ihre Gewehre zu bekommen. Doch selbst dieser riesigen Übermacht ist es nicht möglich, mehr zu tun, als abzuwarten, bis die zwei Polizeireiter das Blatt gewendet haben. Nicht Macht, sondern Schläue ist hier der Trumpf in diesem höllischen Spiel. Eine ganze Armee könnte nicht mehr ausrichten als Billy und Dick. Hier geht es um das Leben von sechs Frauen und Mädchen, die durch einen bösen Zufall zum Spielball der Verbrecher wurden. Noch sind die Banditen im Vorteil, obgleich sie selbst wissen müssten, dass sie diesen Zustand nicht sehr lange halten können. Auf längere Zeit sind sie ohnehin gezwungen, aufzugeben. Aber es ist keine Zeit mehr zu verlieren. Die Banditen haben eine furchtbare Drohung ausgestoßen, und sie werden sie ausführen; damit müssen die Verfolger rechnen.

Billy gibt Dick ein Zeichen und flüstert ihm etwas ins Ohr, dann schleicht er zur Treppe hinüber.

Dick wartet mit schussbereiten Colts.

Billy Rollins geht leise und vorsichtig die Treppe zur ersten Etage hinauf. Oben befindet sich der gleiche Gang wie unten. Der Captain betritt ein Zimmer, das genau über jenem liegt, in dem sich die Banditen und die Frauen befinden.

Unten brüllt Cliff zum Fenster auf die Straße hinaus: „Noch eine Minute!“

Plötzlich hört man das Megaphon über die Straße dröhnen. Es ist der Offizier, der spricht: „Wir gehen auf euer Angebot ein! Nennt uns genauere Bedingungen!“

Billy lächelt erfreut und denkt: Dieser Offizier ist sein Geld wert! Er sucht Zeit zu gewinnen! Diese Tat des Truppenführers kommt Billy sehr gelegen und erleichtert seinen Plan.

Der Captain lauscht angespannt und hört unten die Banditen laut reden. Da öffnet er das Fenster so leise wie möglich. Nun wickelt er das Lasso ab, das er um seine Hüften gewunden trägt. Er befestigt es an einem schweren Möbelstück. Dicks Einfall, das Lasso mitzunehmen, war gut. Das andere Ende des Lassos wickelt sich Billy wieder um den Bauch und lässt nur etwa drei Fuß Länge zwischen sich und dem Fensterkreuz, wo es noch einmal angebunden ist. Den Colt im Mund, klettert er vorsichtig aus dem Fenster. Mit dem Kopf zuerst lässt er sich hinab. Es geht schwer und langsam, denn er darf keinen Lärm machen, sonst ist er verloren, falls die Banditen ihn erspähen. Nur das Seil hält ihn fest. Die Fußspitzen sind oben am Fensterbrett eingehakt, und der Kopf ragt etwa unter den oberen Rand des Fensters von jenem Raum, in dem die Banditen lauern.

Billy Rollins ist noch nicht bemerkt worden. Er sieht Cliff etwas seitlich des Fensters stehen. Red-Gus hält mit seinen Revolvern die Frauen in Schach, und Al bückt zur Tür.

Billy hört deutlich die Stimmen der Banditen. Jammernd lehnen die Frauen totenbleich an der Wand. Cliff macht gerade Vorschläge, welche Bedingungen er den Belagerern stellen will.

„Hol dich der Teufel, wenn du ihnen traust!“, ruft Al. „Sie werden uns trotzdem hängen!“

„Das können sie nicht! Ein Ehrenwort ist ein Ehrenwort!“, widerspricht Cliff.

„Das musst gerade du sagen!“, höhnt Al.

Red-Gus beschimpft gerade eine der Frauen auf gemeinste Art und Weise, weil sie so laut weint.

Jetzt handelt Billy Rollins. Wie er es mit Dick abgemacht hat, ruft er laut: „Hände hoch, Banditen!“

Die Verbrecher fahren herum, sehen Billys Kopf und reißen die Colts hoch.

Da fliegt hinter ihnen die Tür auf. Dick kommt mit krachenden Revolvern in das Zimmer gesprungen.

Vom Fenster schießt Billy aus seiner halsbrecherischen Lage.

Nur Cliff kommt überhaupt zum Schuss. Seine Kugel pfeift an Billys linkem Ohr vorbei. Dann wird er selbst in den rechten Unterschenkel getroffen.

Red-Gus ist von Dicks erstem Schuss getötet worden. Al wurde ein Opfer von Billys Schüssen. Eine der Frauen erhielt einen Zufallstreffer ins Bein.

Cliff, der mit seiner blutenden Wade an der Wand lehnt, macht plötzlich drei Sätze und springt zum Fenster hinaus. Billy Rollins kann es nicht verhindern, denn seine Lage ist ohnehin nicht gerade vorteilhaft. Dick hatte auf Al geblickt, der sich noch einmal aufbäumte, dann aber schlaff zusammenfiel.

Cliff fällt draußen in den Straßenstaub, rafft sich aber auf und rennt weiter, und ehe irgend jemand begriffen hat, ist er schon zwischen den beiden Pferden, die noch immer vor dem Hotel stehen.

Billy Rollins zieht sich hastig wieder am Lasso nach oben.

Dick beugt sich aus dem Fenster und schießt nach Cliffs Beinen, die er sehen kann. Trotzdem gelingt es dem Banditen, sich an die Seite seines Pferdes zu hängen und die Zügel zu lösen. Schon galoppiert Cliff die Straße hinunter.

Dick kann den Banditen selbst nicht sehen, weil der sich an die Seite des Pferdes klammert, die von Dick abgewendet ist. Doch was Dick nicht fertigbringt, nämlich auf ein unschuldiges Tier zu schießen, das tun die Soldaten. Schon hämmert das Maschinengewehr. Einzelne Gewehrschüsse krachen.

Das Pferd Cliffs stürzt, doch der Bandit selbst ist immer noch auf den Beinen. Mit einem Hechtsprung gelingt es ihm, in die Deckung eines Lagerhauses zu kommen.

Billy ist schon auf der Straße. Die Soldaten kommen von allen Seiten. Auch Dick stürmt die Straße hinunter.

Doch nun zeigt sich, dass Cliff noch lange nicht aufgeben will. Plötzlich kracht Schuss auf Schuss den Soldaten entgegen.

Billy, der das kommen sah, ist bereits in Deckung. Dick versucht, von hinten an Cliff heranzukommen.

Der Verbrecher weiß, dass er ausgespielt hat. Aber er will nicht allein den Weg ins Jenseits antreten. Verbissen versucht er, noch möglichst viele Menschen in den letzten Sekunden seines Daseins ins Unglück zu stürzen.

Dick rennt um den Schuppen herum, sieht Cliff stehen, doch der dreht sich auch gerade herum und springt in das Lagerhaus hinein. Dick ist kein Selbstmörder, dass er dem Banditen vor den Lauf rennt. Er ist sicher, dass Cliff dieses Haus nicht mehr lebend verlässt, wenn er sich nicht ergeben sollte.

Cliff ergibt sich nicht. Seine Schüsse krachen durch die Tür, so dass sich niemand nähern kann.

Ein junger, wagemutiger Mann von Belmont fasst rasch einen verwegenen Plan. Er weiß, dass man vom Dach des Nebenhauses in die Lagerhalle gelangen kann. Der junge Mann nennt zwar nur einen alten verrosteten Revolver sein Eigen, aber sein Mut ist groß. Ohne die Polizei oder das Militär vorher zu verständigen, eilt er in das Haus, von dessen Dach er in das Lagerhaus eindringen will. Und dann will er ganz allein den Banditen von hinten fassen.

Cliff, der noch genug Patronen in seinem Waffengürtel und in den Hosentaschen hat, kämpft noch etwa fünf Minuten an der Tür des Lagerhauses, dann wendet er sich in das Innere der großen Halle. Zwischen Kisten, Säcken und Fässern sucht er sich einen Weg. Sein Ziel ist die Holztreppe, die zum Lagerboden führt. Von dort oben aus wird er die Gegner am besten in Schach halten können.

Nun hat der Verbrecher die Treppe erreicht. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, hastet er hinauf. Die Wunde an der rechten Wade brennt, doch der Bandit achtet nicht darauf. Er kann das Bein noch gut bewegen; der Knochen scheint nicht verletzt zu sein.

Oben angekommen, blickt sich der Verbrecher rasch um. Die prallen Säcke links vorn könnte er bis zum Ende des Lagerbodens schleifen und sich dann dahinter legen. Er hätte damit den besten Kugelfang.

Plötzlich fallen die Blicke des Verbrechers auf eine Dachluke, durch die sich soeben zwei lange Beine schieben.

Aha!, denkt der Bandit. Da wollte einer der Bullen ganz schlau sein und mich von hinten angreifen! Ho, dem werde ich‘s geben!

Der junge, wagemutige Mann hat den Kopf noch draußen. Jetzt lässt er sich langsam herunter, hängt noch mit den Händen fest, baumelt mit den Beinen und lässt sich plötzlich fallen. Jung und geschmeidig, wie er ist, geht er in die Kniebeuge, richtet sich auf und ... starrt in die Mündungen zweier Revolver. Aus!, denkt er noch, dann sieht er zwei Flämmchen aufzucken, spürt zwei Stiche in der Brust und weiß dann gar nichts mehr. Die Detonation der Schüsse hörte er nicht mehr. Tot stürzt er hintenüber zu Boden.

Cliff achtet nicht mehr auf den Erschossenen. Rasch füllt er die Trommeln seiner beiden Revolver wieder auf und zuckt herum, als er Geräusche hört, die von der Lagertür unten heraufdringen. Zwei Soldaten kommen mit vorgehaltenen Gewehren in die Lagerhalle herein. Noch haben sie ihren Gegner nicht entdeckt.

Der Bandit schießt. Einer der beiden Soldaten schreit kurz auf und hastet dann wieder zur Tür hinaus. Der andere gibt noch rasch zwei Schüsse ab, bevor auch er den Rückzug antritt.

image
image
image

25

image

Einer der beiden Soldaten ist am Arm verwundet.

Billy Rollins schimpft. „Das ist sinnlos, Boys!“, ruft er den Soldaten zu. „Ihr setzt euer Leben nur unnütz aufs Spiel! Den Kerl kriegen wir auf andere Weise!“

Ein junger Offizier will mit zwei Soldaten in das Lagerhaus eindringen, doch Billy hält ihn zurück. „Dieser Bursche hat bereits genug Leid über die Menschen gebracht! Wir haben alle Trümpfe in der Hand!“, sagt er zu dem jungen Leutnant. „Es wird nichts mehr riskiert! Den Rest des Dramas werde ich mit meinem Sergeanten allein erledigen!“

„Komm raus, Cliff!“, ruft Dick mit Bassstimme von der Türecke in die Halle hinein. „Ergib dich, Mann! Es ist sinnlos!“

„Fahrt zur Hölle!“, keucht Cliff, dem die Verwundung zusetzt.

„Wir räuchern dich aus, Bandit!“, ruft nun Billy Rollins hinein.

„Tut es doch, ihr Bullen!“, brüllt Cliff heiser zurück.

Das Lagerhaus hat keine Fenster; die Tür steht offen. Aber da drinnen befindet sich ein Mörder, und es wäre närrisch, noch in letzter Minute ein Opfer des Banditen werden zu wollen. 

Cliff steht oben an der Treppe und starrt zur Tür hinunter. Der Atem des Verbrechers geht schwer und stoßweise. Seine Hose ist voller Blut, aber mit der Zähigkeit einer Raubkatze ist er noch immer auf den Beinen.

Plötzlich entdeckt Cliff ein Fass mit Petroleum. Rasch steckt er die Waffen ein. Er öffnet den Spund des Fasses und lässt das Petroleum auslaufen. Bald steht er in einer riesigen Pfütze der Flüssigkeit.

Cliff weiß, dass dicht neben dem Lagerhaus noch andere Gebäude stehen und dass sich auf der anderen Seite die Futterscheune des OK-Corrals befindet.

„Sie sollen noch viel Schaden haben!“, knurrt er grimmig und zündet das Petroleum an. Dann eilt er die Treppe hinunter zur Tür. 

Es gibt plötzlich einen Schlag, als fiele eine Tür zu. Dann schießt eine riesige Stichflamme aus dem Dach des Lagerhauses.

Billy Rollins erkennt plötzlich den Banditen, der aus der Tür herausspringt. Sofort schießt er. Cliff taumelt, fängt sich wieder und torkelt zur Scheune nebenan.

Im Nu steht alles in Flammen. Doch weder Billy Rollins noch Dick Hanson kümmern sich darum.

Billy Rollins läuft Cliff nach, der eben in der Scheune verschwinden will. „Bandit! Dreh dich um und schieß!“, ruft er.

Etwas schwankend bleibt Cliff stehen. Dann wirft er sich herum und will schießen.

Billy Rollins hat dem Verbrecher mit Absicht und aus Fairness eine letzte Chance gegeben.

Doch bevor Cliff abdrücken kann, schießt Billy schon.

Auch Cliffs Kugel verlässt den Lauf. Doch sie geht in die Luft, Cliff selbst stürzt schwer nach vorn auf den harten Boden.

Ein Schwerverbrecher lebt nicht mehr.

Die Scheune brennt. Schon züngeln die Flammen nach dem Toten. Billy packt ihn bei den Schultern und schleppt ihn auf die Straße.

Die Soldaten haben bereits eine Kette zum Teich geblickt. Mit allen Mitteln wird versucht, die bereits brennende Scheune zu löschen.

Allein – die Männer schaffen es nicht. Aber es gelingt ihnen, wenigstens das andere Haus neben der Halle vor dem Verbrennen zu bewahren.

Neben der Scheune befindet sich ein Store. Auch er ist in Gefahr. Einer der Ortsbewohner ruft plötzlich: „Im Store ist Dynamit!“

Nun sind es wieder Billy Rollins und Dick Hanson, die als erste in den Store stürmen und die Stangen des Sprengstoffes auf die Straße tragen.

Schon ist die Mauer des Hauses glühend heiß vom Brand der Scheune, die dicht daneben in hellen Flammen steht.

Soldaten schütten Wasser gegen die heiße Wand, und doch wird die Hitze immer unerträglicher in dem Store.

Billy und Dick, auch andere mutige Männer schleppen die Stangen heraus, obgleich jeden Augenblick eine Explosion erfolgen könnte. Endlich haben sie die letzte Stange heraustragen. Die Gefahr, dass unter Umständen der halbe Ort vernichtet würde, ist gebannt.

Bald brechen Lagerhaus und Scheune zusammen, und nun bekommen die Männer das Feuer unter Kontrolle. Auch hier wieder sind Billy und Dick in der ersten Linie. Mit rußgeschwärzten Gesichtern und angesengten Haaren reißen sie die Balken nieder, die durch ihren Funkenflug die anderen Häuser gefährden.

Es ist kurz vor Sonnenuntergang, als jede Gefahr beseitigt ist. Belmont ist wieder ein friedlicher Ort geworden.

image
image
image

26

image

Durch einen Zufall kommen Billy Rollins und Dick Hanson nach zwei Monaten wieder durch Belmont. Von den Spuren des so mörderischen Kampfes ist nur noch wenig zu sehen. Nach wie vor hocken untätige Mexikaner auf den Treppenstufen, dicke Indiofrauen klatschen ihre Tortillas, Mestizen klopfen auf offener Straße den Mais aus den Kolben, und vor der Kneipe stehen einige Cowboys, die sich unterhalten. Wie einst stinkt es nach allem Möglichen. Neben dem Store ist das Gerüst für eine neue Scheune schon aufgestellt, am Store selbst wird mit grüner Farbe die versengte Wand wieder neu gestrichen.

Doch plötzlich sehen Billy und Dick einen alten Mann, der gebeugt die Straße entlanggeht. An den Hüften des Alten baumeln zwei schwere Revolver. Auf der Brust glänzt matt ein Stern.

„Der alte Jesse Glimdon!“, ruft Dick erfreut.

Sheriff Glimdon hat die Freunde schon erkannt. Seine Augen sind noch scharf wie einst. Das lederne Gesicht zuckt etwas, als er Billy und Dick die Hand reicht „Ihr Banditen!“, knurrt der Alte. „Habt mich ins Bett gelegt, während ihr hier ausgekehrt habt!“

Billy lächelt. „Wenn du nicht gewesen wärst, Jesse, dann hätten die Banditen mehr erreicht.“

„Denkst du, Billy?“, erwidert der Alte. „Es war schon ein höllisches Spiel, muss ich sagen! Aber nun ist wieder Ordnung hier!“

„Wir reden alle viel zu viel!“, erklärt Dick. „Ich habe Hunger und Durst. Anstatt uns einzuladen, quakt dieser Opa hier etwas von höllischen Spielen!“

„Ihr seid meine Gäste!“, beeilt sich der Sheriff zu sagen.

„Das ist das erste vernünftige Wort, das ich seit Langem höre!“, meint Dick.

Dann gehen sie, ihre Pferde am Zügel führend, mit dem alten Jesse Glimdon zum Hotel hinüber.

Rancher Paulsen von der „P-im-Kreis-Ranch“, kommt gerade aus dem Store und erblickt die drei Männer. „Das, mein Junge“, sagt er zu seinem Sohn George, der neben ihm steht, „sind die Garanten für unser Recht! Der alte Jesse, der einfach nicht umzubringen ist und dem Tod schon so oft wieder von der Schippe sprang – und dann diese beiden Polizeireiter, Captain Rollins und Sergeant Hanson! Von diesen Männern könnten wir in diesem Höllenland noch ein paar mehr haben!“

„Ich möchte auch so werden wie sie!“, sagt George mit glühender Begeisterung.

Rancher Paulsen lächelt nur: „Dazu muss man geboren sein!“

ENDE

image
image
image

Trail ins Land der Geier

image

Ein Western von Bill Garrett

––––––––

image

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von W. Herbert Dunton, 2017

Redaktion und Korrektorat:  Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

––––––––

image

Buster Tom Copper, sein Sohn Jimmy und Matt Jackson werden von einer Horde Banditen überfallen und vom Land der Circle C-Ranch verschleppt. Sie sind aber nicht die einzigen Gefangenen, die die Banditen gemacht haben. In einem versteckten Camp befinden sich weitere Männer und Frauen, die alle nach Mexiko gebracht werden sollen. Dort wollen die Banditen sie als Sklaven verkaufen und einen ordentlichen Gewinn einstreichen.

Es ist eine aussichtslose Situation, aber Buster Tom gibt so schnell nicht auf. Mit Hilfe eines Bandenmitglieds gelingt ihm, Jimmy, Matt Jackson und weiteren Gefangenen die Flucht. Der Weg zurück nach Arizona durch die glühend heiße Wüste beginnt – und es ist sicher, dass einige diesen Marsch nicht überstehen werden. Trotzdem ist und bleibt es die einzige Chance. Denn der Banditenboss Don Pedro und seine Kumpane haben bereits die Verfolgung aufgenommen ...

Alles war zwecklos geworden. Sie saßen in der Falle und begannen sich damit abzufinden, dass das Ende so und nicht anders aussah.

Buster Tom, der Boss der Circle C Ranch, setzte das Gewehr ab und wischte sich den Schweiß aus Gesicht und Nacken, während die Geschosse ihrer Feinde über ihn hinwegfauchten und hinter ihm in den Fels klatschten. Matt Jackson, der Ranchvormann, war getroffen worden, und nun schoss auch Jimmy nicht mehr, der jüngste Sohn des Ranchers. Mochte der Teufel wissen, wo der Junge steckte. Buster Tom konnte ihn in dem unübersichtlichen Felswirrwarr nicht mehr sehen. Vielleicht lag es auch daran, dass er in dem wütenden Gewehrfeuer den Kopf nicht höher heben konnte. Er sah aber auch die Rinder nicht mehr, die sich in diese verdammte Gegend verlaufen hatten und die sie zurücktreiben wollten.

Das Gewehrfeuer brach plötzlich ab. Buster Tom schob die letzten sechs Patronen in die Waffe und richtete sich vorsichtig auf die Ellenbogen, um besser sehen zu können. Zunächst erkannte er nur Pulverschwaden, die der heiße Wüstenwind durch das Klippenfeld trieb. Dann entdeckte er im Schatten einer Felsschroffe einen Mann, der einen großen merikanischen Sombrero trug.

Einen Augenblick später sah er einen zweiten und kurz darauf einen dritten.

Doch sie waren nicht nur von Mexikanern umstellt. Unter diesen Halunken, denen es um die Rinder zu gehen schien, wie Buster Tom glaubte, befanden sich auch Amerikaner. Das hatte Buster Tom zuvor gesehen. Er erkannte bald darauf auch einen Mann, der nach Art texanischer Rinderleute gekleidet war, und sich gerade vorsichtig aus einer Deckung bewegte.

„He, ihr da!“, rief er kurz darauf herüber. „Gebt jetzt auf, oder wir schießen euch gleich zusammen! Ihr habt fünf Sekunden, um über das eigene Schicksal nachzudenken.“

Buster Toms Gewehr flog hoch an die Schulter. Er sah den Kopf des Mannes genau vor Kimme und Korn. Doch ein Geräusch, das von der Seite kam, hinderte den Rancher am Schuss.

Buster Tom fuhr erschrocken herum. Da begann es rings um ihre Stellung zu krachen und zu knallen.

Es war Jimmy! Wie von einer Sehne geschnellt kam er auf Buster Tom zugeflogen, überschlug sich in der Luft, wie es dem Rancher vorkam, und krachte neben ihm zu Boden.

Alle Schüsse hatten Jimmy gegolten. Als er den Kopf hob und seinen Vater angrinste, brach das Schießen so jäh ab, wie es eben aufgeflammt war.

Buster Tom war nicht einmal zum Schuss gekommen.

„Mein Gott, Junge! Bist du verletzt?“, keuchte er schwer - wie nach einer durchstandenen Anstrengung.

„Viel schlimmer!“, gab Jimmy krächzend Antwort und warf das Gewehr aus der Hand. „Ich habe nicht einen Schuss mehr. Und Matt liegt da vorn und hat was abbekommen.“

„Ergebt euch, oder sprecht euer letztes Gebet!“, tönte es vor ihnen aus den Klippen auf spanisch.

Buster Tom sah auch diesen Mann und riss das Gewehr hoch. Doch Jimmy schlug ihm die Hand auf den Lauf.

„Vater! Wir werden uns doch wegen zwanzig Rindern, die sich ohnehin verlaufen hatten, nicht abschlachten lassen. Matt ist verletzt! Er braucht schnelle Hilfe.“

Buster Tom sah seinem Sohn in die Augen. „Noch nie hat ein Viehzüchter ein Rind kampflos preisgegeben und schon gar nicht freiwillig. Die Halunken kennen unsere Sorte. Die wissen, dass wir sie bis in die Hölle hinein verfolgen, sobald wir nur unsere Freiheit wiederhaben. Wir haben die Wahl, jetzt im Kampf zu sterben oder uns hinterher abmurksen zu lassen. Aber für das, was hinterher kommt, sind wir nicht gemacht.“

Er schlug Jimmys Hand vom Lauf und wollte aufspringen, um den Hundesöhnen zuzurufen, dass sie endlich kommen sollten. Doch diese Herausforderung war nicht mehr nötig. Sie kamen von selbst. Sie kamen nicht von vorn und nicht von hinten, sie kamen gleichzeitig von allen Seiten. Bevor Buster Tom die Beine an den Leib ziehen konnte, begannen sie mit ihrem Angriff.

Gewehrfeuer setzte ein. Wo Matt Jackson liegen musste, knallte ein Revolver. Buster Tom sah einen der Angreifer tot zusammenbrechen. Doch einen Lidschlag später stürmten dort, wo der Mann zusammengebrochen war, drei andere auf ihre Stellung zu.

Buster Tom jagte die letzten Geschosse hinaus. Jimmy griff nach seinem Gewehr, packte es am Lauf und sprang auf. Buster Tom verschoss die letzte Patrone und fegte ebenfalls empor. Jimmy schlug einen der Angreifer mit dem Kolben nieder. Auch Buster Tom schmetterte einem Mann das Gewehr auf den Kopf. Er schaffte noch einen zweiten, den er mit einem wilden Tritt zu Boden schickte. Doch dann waren die Banditen über ihnen. Zwei stürzten auf den Rancher. Fast ein halbes Dutzend warf Jimmy zu Boden. Die Coppers wehrten sich und kämpften wie die Teufel. Aber es dauerte nur Sekunden, bis sie beide lang im Sand lagen - restlos erledigt und ausgebrannt.

*

image

Buster Tom kam schon nach geraumer Weile wieder zu sich. Jimmy lag noch vor ihm bewusstlos im Sand. Zwei der Banditen führten Matt Jackson heran, der am Arm blutete und mächtig zerschunden aussah.

Buster Tom wollte seinen Vormann fragen, wie er sich fühlte. Doch da versperrte ihm ein großer Mexikaner die Sicht, dessen Augen förmlich zu brennen schienen.

„Du verdammter Bastard!“, fuhr er Buster Tom wütend an. „Warum kämpfst du, wo du doch keine Chance hattest?“

Er hatte spanisch gesprochen. Buster Tom lächelte salzig. „Fahr zur Hölle, Strauchdieb!“, erwiderte er auf englisch.

„Mann, Sie machen da einen Fehler“, sagte jemand hinter Buster Tom in englisch. „Wenn ich Don Pedro das übersetzte, macht er aus Ihnen und Ihren Leuten Hackfleisch. Darauf können Sie aber Gift nehmen.“

Buster Tom drehte den Kopf und richtete sich auf die Ellenbogen. „Wer sind denn Sie?“

„Mein Name ist völlig nebensächlich“, antwortete der Mann. Er war groß, massig und schwer. Es war jener texanische Rindermann, den Buster Tom zuvor schon zwischen den Felsen erkannt hatte.

Buster Tom blickte kurz in die Runde. Sie waren von zwanzig wild und verwegen aussehenden Burschen überwältigt worden. Die meisten waren Mexikaner, die zerlumpte Uniformen trugen.

„All right!“, erwiderte Buster Tom murrend. „Wir geben die Rinder auf.“ Er wollte sich erheben, doch der große Mexikaner trat ihm vor die Brust, dass er wieder zu Boden stürzte.

„Dieser Bastard soll sein Maul nicht so weit aufreißen“, sagte er auf spanisch zu dem Texaner. „Wert ist er ohnehin nicht viel. Er ist zu alt. Wie der Verwundete da drüben. Brauchbar ist eigentlich nur der junge Bursche.“

„Willst du die beiden älteren Gringos erschießen?“, fragte der Texaner im schlechten Spanisch. „Sie sind trotz ihres Alters recht zäh.“

Buster Tom, der die spanische Sprache beherrschte, blickte überrascht von einem zum anderen.

Der Mexikaner warf einen wägenden Blick auf Buster Tom, wandte sich dann Matt Jackson zu, der sich zwischen seinen Bewachern zu Boden gehockt hatte und sich den blutenden Arm hielt.

„Verbindet ihn!“, befahl er seinen Leuten. Dann ging er zu Jimmy und trat ihm in die Seite. „Steh auf, Hundesohn! Wir haben einen weiten Weg vor uns.“

Jimmy rührte sich jedoch noch nicht. „Wasser!“, zischte der große Mexikaner wütend.

Zwei seiner Männer stürzten davon und kehrten mit einem Wasserschlauch zurück, den sie über Jimmys Gesicht öffneten. Jimmy kam schon nach den ersten Spritzern gurgelnd hoch und schlug auch sofort um sich, ohne erfasst oder erkannt zu haben, was inzwischen mit ihnen geschehen war. Drei Mexikaner stürzten sich auf den Jungen und schlugen ihn noch einmal zusammen. Sie ließen erst von Jimmy ab, als sie tatsächlich nicht mehr zuschlagen konnten. Die Arme herabhängend, wandten sie sich schnaufend ab.

„Ich protestiere!“, zischte Buster Tom wütend, dem der Texaner den Stiefel auf die Schulter gesetzt hatte, um ihn am Boden zu halten.

„Du spielst mit deinem Leben, Alter!“, brummte der Texaner. „Hast du immer noch nicht begriffen, dass es um den Hals geht? Diese Burschen hier fangen ein, wen sie kriegen können und verkaufen die Leute nach Mexiko. Die Minengesellschaften sind knapp an Arbeitskräften. Füge dich, sage ich dir!“

Buster Tom schluckte. Er hatte es auf spanisch vernommen, und nun sagte es ihm der Texaner noch einmal klipp und klar in der eigenen Sprache. Trotzdem vermochte er nicht zu begreifen, dass dies kein Traum, sondern bittere Wirklichkeit war.

Der Mexikaner kam zu ihm zurück, während einige von seinen Leuten mit Hilfe des Wasserschlauches Jimmy wieder auf die Beine brachten.

„Der Junge soll vernünftig sein, oder wir drehen ihm den Hals um!“, sagte er zu Buster Tom. Dann sah er den Texaner an. „Aufbruch, Dunham! Sofort! Sammelt alles ein! Wir nehmen auch die Rinder mit. Da haben wir gleich Fleisch für die Gefangenen. Das reicht bis Ensenada.“

Dunham nickte. „All right, Don Pedro!“ Er machte auf dem Absatz kehrt und rief den Männern auf spanisch Befehle zu.

Buster Tom, Jimmy und Matt Jackson wurden die Hände zusammengebunden. Danach bekam jeder einen Strick um den Hals. Einer der Männer brachte ihre Pferde und befahl ihnen, in die Sättel zu steigen. Auch er saß auf, ließ sich von einem Gefährten die Enden der drei Stricke geben, die den Gefangenen um die Hälse gebunden waren, und ritt sofort an. Buster Tom, Jimmy und Matt Jackson brachten die Pferde augenblicklich in Gang, um nicht erdrosselt zu werden. Sechs Reiter folgten ihnen. Der Rest der Bande verschwand zwischen den Klippen und tauchte nach einer Meile mit den zwanzig Rindern wieder auf, die die Weide der Circle C Ranch verlassen hatten und die Buster Tom mit seinem Sohn und seinem Vormann halte zurücktreiben wollen.

Buster Tom ritt in der Mitte. „Wie geht es dir?“, fragte er seinen Vormann, der rechts von ihm ritt.

„Es ist nicht der Rede wert“, raunte Matt Jackson und schaute sich dabei verstohlen um. „Aber wenn mich nicht alles täuscht, befinden wir uns in den Fäusten von Sklavenhändlern.“

„Du täuschst dich nicht!“ versetzte Buster Tom und wandte sich Jimmy zu, der übel zugerichtet worden war und am meisten von ihnen zu leiden hatte.

Jimmy lächelte gequält und erwiderte den Blick seines Vaters. „Well, Boss! Das hätte sich heute Morgen von uns keiner träumen lassen. Aber zu Hause werden sie ja bald bemerken, dass wir irgendwie verschwunden sind. Und dann werden diese Schakale hier nichts zu lachen haben.“

„Es ist Mittag“, sagte Buster Tom verbittert. „Vor dem Abend wird auf der Circle C kein Mensch etwas unternehmen.“

„Ich fürchte auch, dass wir ganz auf uns allein gestellt sind und uns etwas einfallen lassen müsen, wenn wir nicht auf Nimmerwiedersehen in den Bergwerken von Ensenada verschwinden wollen“, meinte Matt Jackson. „Es ist zwar ein weiter Weg. Aber die Saukerle werden uns dabei nicht einen Schritt aus den Augen lassen. Schließlich ist jeder von uns sein Kopfgeld wert.“

„Ein Glück!“, versetzte Buster Tom bissig. „Sonst hätten sie uns wahrscheinlich längst umgebracht.“

„Wir reiten aber nicht nach Ensenada“, sagte Jimmy. „Die Halunken scheinen uns erst einmal geradenwegs in die Wüste hineinführen zu wollen. Und ich komme jetzt schon um vor Durst!“

Buster Tom wollte nach der Wasserflasche greifen, die er stets am Sattelhorn hängen hatte. Aber die Banditen hatten sämtliche Ausrüstungsgegenstände abgeschnallt. Nur der nackte und blanke Sattel war jedem geblieben. Er drehte sich um.

„He, ihr Bastarde!“, rief er den Männern zu, die dicht hinter ihnen ritten. Es waren alles Mexikaner. „Gebt meinem Sohn etwas zu trinken!“ Da sie nur grinsten, wiederholte er die Forderung auf spanisch, wobei er freilich das Schimpfwort wegließ.

„Ja, wir werden deinem Söhnchen zu trinken geben, Alter!“, spottete einer. „Wein und schöne Frauen dazu! Aber erst in Ensenada. Und nun reitet, sonst gibt es eine Kugel zwischen die Augen. Dann hat es sich mit dem Wein und den Frauen.“

Seine Gefährten lachten. „Schwitz ihm etwas von deinem Wasser aus, Alter!“, brüllte ein anderer. „Dann hat er zu trinken.“

Jimmy und Matt Jackson, die beide ebenfalls Spanisch sprachen, sahen Buster Tom wütend an.

„Diese Brut wird uns weder etwas zu trinken noch etwas zu essen geben“, brummte Matt Jackson. „Wenn wir uns nicht bald befreien, wird uns vor Hunger und Entkräftung aller Mut dazu verlassen. Ensenada liegt am Pazifik. Wir werden mindestens vier Wochen lang unterwegs sein. Am Ende werden wir nicht einmal mehr kriechen können.“

Jimmy spie im hohen Bogen aus. „Wir machen uns noch heute Nacht aus dem Staub. Sollten die Pferde dieser Hundesöhne keine Flügel über Nacht bekommen, werden sie dann allesamt etwas Fürchterliches erleben. Das schwöre ich ihnen schon jetzt.“

„Wir wollen nicht unüberlegt handeln!“, mahnte Buster Tom. „Nicht heute Nacht und auch nicht bald, sondern bei der ersten wirklich günstigen Gelegenheit, die sich uns bietet. Damit das klar ist, Jimmy!“

„Ich rede von nichts anderem!“, versetzte Jimmy grollend. Die Schläge der Banditen hatten ihn ziemlich zerschunden, doch von seinem Zorn und seinem Mut hatten sie ihm nicht das geringste genommen.

*

image

Sie ritten bis zum Abend im Gefolge der Banditen südwärts. Als die Dämmerung hereinbrach, hatten sie den Rand der Steinwüste erreicht. Die Bande hielt an und lagerte in einer windgeschützten Mulde. Buster Tom, Jimmy und Matt mussten absteigen. Während eine Gruppe der Banditen die Rinder und Pferde zusammentrieb, schlugen zwei von ihnen drei Pflöcke in den Boden. Daran befestigten sie danach die Halsstricke der Gefangenen. Sie bekamen einen Becher Wasser zu trinken. Einer der Mexikaner verteilte an jeden ein Stück Hartbrot. Danach wurden sie aufgefordert, sich lang auf den Boden zu legen. Zwei Mexikaner hockten sich vor ihnen nieder. Die anderen versammelten sich um das Feuer, tranken dort Wein und unterhielten sich angeregt. Don Pedro und Dunham, der Texaner, führten dabei das Wort.

„Also, ich glaube, ich könnte die Hände frei bekommen“, raunte Jimmy, als es völlig dunkel geworden war.

Buster Tom hatte sich gründlich umgesehen. „Ich glaube nicht, dass es hier in dieser staubigen Schüssel viel Zweck hat, Jimmy“, flüsterte er. „Um an die Pferde zu gelangen, müssten wir am Feuer vorbei. Das ist nicht zu schaffen. Jedenfalls nicht lebend.“

„Wenn wir einen von diesen Halunken überwältigt haben und ihm das eigene Messer an die Kehle setzen, werden uns die anderen die Pferde bringen!“, zischte Jimmy wild.

„Das glaubst du!“, brummte Matt Jackson gelassen. „Diese Halunken sind wie Wölfe. Wenn sie in ein Fangeisen geraten, beißen sie sich lieber das Bein ab, statt zu passen. Zäumen wir die Sache doch anders auf, Tom! Ich bin dafür, dass wir an diesem verdammten Feuer vorbeizukommen versuchen. Nicht jetzt. Aber im Morgengrauen!“

„Ich habe die Hände frei!“, raunte da Jimmy krächzend.

Buster Tom fuhr erschrocken herum. „Rühre dich, um Himmels willen, nicht vom Fleck. Nicht jetzt, Junge!“

„Das habe ich auch nicht vor!“, zischte Jimmy gereizt. „Aber wie lange, zum Teufel, wollt ihr warten?“

„Bis dort am Feuer Ruhe ist!“, versetzte Buster Tom.

Dort trat auch bald Ruhe ein. Die Bande war nicht sonderlich argwöhnisch. Zwei Mann bewachten die Gefangenen. Ein dritter stand auf dem Rand der Mulde Posten. Damit hatte es sich schon.

Buster Tom drehte sich vorsichtig auf die Seite, als Jimmy zu ihm heranrückte. Er streckte ihm die gefesselten Hände entgegen. Als er frei war, griff er zum Hals und zog sich vorsichtig die Schlinge über den Kopf. Dann rückte er zu Matt Jackson hinüber, um ihn ebenfalls zu befreien.

Dann warteten sie.

Einer der Posten vor ihnen war eingeschlafen. Doch der andere starrte unentwegt zu ihnen herüber. Der Teufel mochte wissen, ob er etwas gesehen oder nur gewittert hatte. Er stand auf einmal auf und kam zu ihnen. Er blieb vor Buster Tom stehen und richtete den Gewehrlauf auf seinen Kopf. Dann beugte er sich nieder und streckte die Hand vor, um die Fessel zu kontrollieren.

Buster Tom reagierte wie ein Kastenteufel, der auf den Schwanz getreten worden war - wie ein Mann, der einfach am Leben bleiben wollte. Seine Fäuste schnellten empor. Er bekam den Mann an der Jacke zu fassen und trat das Gewehr zur Seite.

Jimmy und Matt Jackson flogen von den Seiten heran. Matt Jackson riss dem Mexikaner das Messer aus dem Stiefel und stieß blitzschnell zu. Buster Tom nahm das Gewehr, Jimmy ergriff den Colt des Mexikaners. Der Mexikaner brach zusammen, sein eigenes Messer in der Brust.

„Tot“, murmelte Matt Jackson. Die Männer lauschten eine Weile angestrengt, den Atem angehalten. Dann schoben sie den toten Mann vorsichtig zur Seite.

Am Feuer war Ruhe. Die Banditen schliefen. Nur der Posten auf dem Muldenrand wachte. Er hatte offenbar nichts bemerkt, und die Nacht war in der Mulde so schwarz, dass er auch nicht einmal etwas hätte sehen können. Doch seine Silhouette hob sich klar und deutlich gegen den Himmel ab.

Die Blicke der drei richteten sich nach oben, während sie vorsichtig und lautlos auf ihren zweiten Bewacher zukrochen, der noch schlief. Buster Tom schlug mit dem Gewehrkolben zu. Es war das einzige Geräusch. Mehr war nicht zu hören. Doch dieser dumpfe Ton drang bis zum Muldenrand hinauf.

Der Posten da oben fuhr auf und schaute herunter.

„He, Zarco, alter Büffel!“, rief der Posten auf spanisch. „Was ist los?“

Die drei hielten den Atem an. „Antworte, Zarco!“ brüllte der Posten. „Was ist mit den Gefangenen? Wo sind sie?“

„Zu den Pferden!“, krächzte Buster Tom. „Rasch!“

Die drei schnellten hoch und stürzten vorwärts. Der Posten hörte sie rennen und jagte drei Alarmschüsse in die Nacht. Am Feuer flogen die Decken zur Seite. Die Banditen sprangen aus dem Schlaf heraus auf die Füße. Drei, vier Schüsse krachten. Dann war nur das Stampfen von Stiefeln und das Keuchen der vielen Männer zu hören.

Buster Tom, Jimmy und Matt Jackson wichen zur Seite hin aus. Sie schossen alle drei auf die Schatten, die auf sie zugestürzt kamen und ihnen den Weg zu den Pferden verlegten. Matt Jackson wurde zuerst zu Boden gerissen. Buster Tom blieb stehen, um seinen Vormann freizuschießen. Aber er kam nur einmal zum Schuss und konnte nicht einmal feststellen, ob er getroffen hatte oder nicht. Dann wurde er schon von hinten her niedergerannt. Während er stürzte, sah er auch Jimmy zu Boden gehen.

Buster Tom verlängerte den Sturz zu einer Rolle, um von dem Angreifer wegzukommen. Doch als er auf die Füße kam, standen schon zwei andere Schatten vor ihm und trommelten blindwütig auf ihn ein. Buster Tom riss das Gewehr an die Hüfte und wich zurück. Ein Hieb auf den Mund, der ihn wie ein Gewehrschuss traf, warf ihn jedoch zu Boden. Wieder wollte er sich überschlagen. Dabei ließ er das Gewehr fallen, um sich mit beiden Fäusten abschwingen zu können. Aber da traf ihn ein fürchterlicher Hieb in den Nacken, dass er von einem Augenblick zum anderen das Bewusstsein verlor.

*

image

Als Buster Tom zu sich kam, war es schon hell. Vor ihm standen drei Mexikaner, die Gewehre auf seinen Kopf gerichtet. Wie durch einen Schleier sah er Don Pedro und Dunham, den Texaner, danebenstehen. Sie blickten ihn an. Als er den Kopf hob, luden die drei durch und schauten erwartungsvoll auf Don Pedro.

Dunham legte Don Pedro die Hand auf den Arm. „Ja, er hat zwei von unseren Männern erschossen“, sagte er auf spanisch. „Aber wenn wir ihn jetzt abknallen, war das alles für nichts. Erzähl den Leuten in Ensenada, wie dieser Alte kämpfen kann! Damit kannst du den Preis für ihn bestimmt hochkitzeln. Wie einer kämpft, so kann er auch arbeiten. Und wenn du ihn strafen willst, nun, sein Fett, das wird er dort schon kriegen.“

„Aber das sehe ich dann nicht!“, brummte Don Pedro missgelaunt. „Ich will es ihm jetzt heimzahlen. Vielleicht sollten wir seinen Sohn umbringen. Ich meine, vor seinen Augen und schön langsam. Ich finde, das ist eine verdammt gute Idee.“

„Vielleicht!“, versetzte Dunham trocken. „Aber sie bringt uns nichts ein.“

„Wozu habe ich dich eigentlich, Dunham?“, knurrte Don Pedro. „Du bringst mich laufend um meine Späße. Einmal wirst du dich damit um das eigene Leben bringen.“

„Ich bin Kaufmann, Don Pedro!“, lächelte Dunham. „Selbst wenn dieser alte Mann mir nur einen Dollar einbringt, lohnt es schon nicht mehr, ihn abzuknallen. Ein Stück Blei kostet Geld. Zugegeben, es ist keine große Ausgabe. Aber wenn wir ihn leben lassen, bringt er uns zweihundert Dollar. Hinzu kommt noch, dass er in den Minen von Ensenada ohnehin vor der Zeit krepieren wird.“

„Irgendwann wird mir vielleicht auch dein Kopf zweihundert Dollar einbringen“, sagte Don Pedro gereizt. „Vergiss nicht, dass es einmal möglich sein könnte. Also, mach, was du willst. Aber ab sofort gehen die drei Gringos zu Fuß.“

Er wandte sich ab und ging davon.

Buster Tom sah Dunham an. „Ich danke Ihnen!“, krächzte er.

Dunham spie angewidert aus. „In Ensenada werden Sie mich verfluchen, Mister. Wenn Sie einmal dort sind, werden Sie glatt bereuen, nicht schon hier krepiert zu sein.“

Er zuckte die Schultern und stapfte zu den Pferden. Buster Tom wurde von zwei Banditen auf die Füße getrieben und zu seinem Pferd gestoßen. Er war bereits wieder gefesselt und trug den Strick um den Hals.

Jimmy und Matt Jackson saßen schon in den Sätteln. Buster Tom hielt erschrocken ein, als er sie erblickte. Genau genommen erkannte er sie nur an ihrer Kleidung. Wie er später erfuhr, hatten sie nicht das Glück gehabt wie er, sofort bewusstlos geworden zu sein. Die Banditen hatten sie übel zugerichtet.

Buster Tom bekam einen Schlag auf den Kopf, der ihn in die Knie drückte. Ein zweiter Hieb warf ihn an das Pferd, und der dritte Schlag brachte ihn dazu, sich rasch in den Sattel zu schwingen, um seinem Peiniger zu entgehen.

„So eine verdammte Pleite!“, sagte Jimmy murrend.

Matt Jackson stieß nur einen krächzenden Ton aus.

Buster Tom brachte erst einmal sein Pferd in Gang, um nicht stranguliert zu werden. Dann ritten sie wieder Seite an Seite inmitten der Banditen.

*

image

Don Pedro war mit einigen Männern vorausgeritten. Als er Stunden später auftauchte, ließ er anhalten und rief Dunham zu sich.

„Du verdammter Hundesohn! Hatte ich nicht befohlen, dass die Gringos zu Fuß gehen sollen?“, brüllte er.

„Gewiss!“ versetzte Dunham. „Aber hast du nicht auch befohlen, dass wir das Lager heute Abend erreichen sollen?"

Don Pedro neigte den Kopf, grinste und löste seine Lederpeitsche vom Sattelhorn. Buster Tom, Jimmy und Matt, die alle drei gut Spanisch verstanden, erwarteten, dass Don Pedro den Texaner schlagen würde. Doch Don Pedro galoppierte an, kam zu ihnen und trieb sie mit Peitschenschlägen von den Pferden.

„Vorwärts!“, brüllte er. „Lauft! Springt! Rennt, ihr Teufel! Sieh her, Dunham, wie ich das mache! Wir werden schon zu Mittag im Lager sein.“

Die Pferde trabten an. Buster Tom, Jimmy und Matt begannen hinter dem Reiter herzurennen, der die Stricke hielt, die ihnen um die Hälse gebunden waren.

Don Pedros Peitsche krachte abwechselnd auf ihre Rücken. Obwohl sie genau wussten, dass sie irgendwann erschöpft hinfallen und liegenbleiben würden, rannten sie noch schneller, so dass sie den Reiter vor sich einholten und neben ihm herstolperten.

„Vorwärts! Rennt!“, brüllte Don Pedro.

Die Banditen lachten und hatten ausnahmslos ihre Freude daran. Zum Glück war Don Pedro kein sehr ausdauernder Mann, zumindest nicht in diesen Dingen. Er versetzte Buster Tom noch einen letzten Hieb, zog sein Pferd dann zur Seite und galoppierte nach vorn.

Der Schlag hatte Buster Toms Jacke und Hemd aufgerissen. Er fühlte trotz des wild brennenden Schmerzes das Blut den Rücken hinabrinnen. Er fiel benommen gegen das Pferd des Mexikaners, verlor das Gleichgewicht und stürzte zu Boden. Für einen Moment war er ohne jeglichen Willen. Er war so erschöpft und erledigt, dass es ihm gleichgültig war, wann und wo er sterben würde, wenn er sich nur ausstrecken konnte. Doch die Leine straffte sich, sein Kopf wurde zurückgerissen. Er stieß einen gurgelnden Ton aus und griff mit beiden Händen zu, hielt sich am Strick fest, dessen Schlinge sich trotzdem zuzog. Er bekam keine Luft mehr. Die Augen traten ihm aus den Höhlen. Er sah, wie sich Jimmy und Matt einstemmten, um den Reiter aufzuhalten. Dann wurde ihm schwarz vor den Augen.

„Du dreckiger Bastard!“, hörte er Jimmy schreien. Dann war es plötzlich still um ihn. Hände griffen nach seinem Hals und rissen die Schlinge auf. Buster Tom holte tief Luft, öffnete die Augen und drehte sich auf den Rücken.

Die Kolonne hatte angehalten. Vor ihm erhob sich der Mexikaner aus dem Sand, der die Stricke hielt. Jimmy hatte ihn daran aus dem Sattel gerissen. Der Mexikaner ließ die Enden fallen, griff nach dem Messer und stürzte auf Jimmy. Doch bevor er Jimmy erreichte, tauchte Dunham auf. Er ritt dem Mexikaner in den Weg.

„Was ist denn mit dir los, du Idiot!“, fuhr Dunham den Mexikaner an. „Willst du ihn umbringen?“

„Ja!“, schnaufte der Mexikaner wütend und wollte Dunhams Pferd zur Seite drängen. „Dieser gelbgestreifte Hundesohn hat mich vom Pferd gerissen. Das soll er mir büßen!“

„Halt!“, rief Dunham scharf. „Du kannst ihn niederstechen. Doch vorher rückst du die dreihundert Dollar heraus, die wir in Ensenada für ihn kassieren würden.“

Der Mexikaner hielt ein, ließ das Messer sinken und starrte Dunham ungläubig an.

„Dreihundert Dollar! Bist du verrückt? Diese Laus steche ich ab, ohne auch nur einen Centavo zu bezahlen.“

„Wir betreiben hier ein Geschäft!“, sagte Dunham scharf. „Ware nur gegen Geld. Du kannst diesen Americano haben. Mach mit ihm, was du willst. Aber zuvor, du Idiot, musst du bezahlen. Denn in Ensenada kriegen wir Geld für ihn. Als spuck das Geld aus, dann stech ihn nieder, damit wir endlich weiterkommen.“

Die Banditen stimmten Dunham zu. Ausnahmslos, wie das Geraune ringsum bewies. Buster Tom sah in die Runde. Die Reiter hatten sie umringt. Aller Blicke waren auf den Mexikaner gerichtet, der Jimmy töten wollte.

Der Mexikaner stapfte wütend auf. „Dunham, du bist ein verdammter Gringo wie sie. Du reißt doch dein Maul nur soweit auf, weil Don Pedro wieder vorausgeritten ist. Stimmt’s?“

„Don Pedro hat mir das Kommando übergeben“, erklärte Dunham gelassen. „Und wenn ich das Kommando habe, reiße ich mein Maul immer auf. Willst du nun bezahlen?“

„Zur Hölle, nein!“, fauchte der Mexikaner, während er Jimmy wütend anstarrte. „Von so einem dreckigen Gringo lasse ich mich nicht aus dem Sattel reißen. Jedenfalls nicht ungestraft. Dieser Bastard wird das büßen!“

„Wir werden auf die dreihundert Dollar nicht verzichten“, erwiderte Dunham. „Wenn du ihn umbringst und nichts bezahlst, werden wir einfach dich für ihn in Ensenada abliefern.“

„Da hat er recht!“, rief einer der Banditen.

„Warum sollen wir auf das Geld verzichten?“, meinte ein anderer. „Nur damit du deinen Spaß hast, Josephe?“

Der Mexikaner schaute in die Runde, Wut und Erschrecken in den Augen.

Dunham wartete ein paar Sekunden. Dann befahl er, weiterzuziehen.

Jimmy und Matt halfen Buster Tom hoch.

„Vom Teufel wird verdammt viel geredet und gefaselt“, sagte Jimmy krächzend. „Jetzt weiß ich, dass es etwas viel Schlimmeres gibt. Diese Brut hier!“

Buster Tom wankte und blickte sich um.

„Weiter!“, bellte Dunham. „Ihr da, zu Fuß!“

Buster Tom, Jimmy und Matt Jackson setzten sich in Bewegung. Der Mexikaner griff nach den Strickenden und sprang wie ein wütender Grislybär in den Sattel. Er wollte aus dem Stand heraus vorwärts galoppieren, um die drei Gringos zu quälen und zu schinden.

„Im Schritt!“, brüllte da Dunham.

Don Pedro ließ sich an diesem Tag nicht mehr blicken, so dass die Kolonne das von Dunham befohlene Tempo beibehielt. Doch für die drei Gefangenen wurde es auch so ein Marsch durch die Hölle.

*

image

Die Banditen zogen unentwegt nach Süden in die Wüste hinein. Es gab keine Vegetation mehr, nur Steine in allen Größen und Formen, und hier und dort erhoben sich bizarr geformte Felstürme aus den steinigen Ebenen, Mulden und Schüsseln. Und über allem stand die Sonne am Himmel wie ein großer weiß glühender Fleck.

Das Geschnatter der Mexikaner verstummte bald. Die Männer hockten jedoch mehr gleichgültig als erschöpft in den Sätteln, die dunklen Gesichter von den großen Hutkrempen beschattet. Dunham, der mit zwei anderen Amerikanern an der Spitze ritt, schien die mörderische Hitze schon mehr auszumachen. Hin und wieder wischte er sich den Schweiß aus dem Nacken und Gesicht. Er griff auch öfter zur Wasserflasche als alle anderen. Buster Tom, Jimmy und Matt Jackson aber zermürbte die Hitze regelrecht. Sie stapften nebeneinander her, die Fäuste um die Stricke gekrallt, die ihnen um die Hälse geknotet waren. Sie torkelten und stolperten über die runden und platt geschliffenen Steine und ließen sich von dem Pferd des Mexikaners mehr ziehen, als sie liefen. Josephe hatte die Strickenden um das Sattelhorn geschlungen.

Die zwanzig Rinder, die von vier Banditen getrieben wurden, begannen gegen Mittag vor Durst unablässig zu brüllen.

In einer Schlucht ließ Dunham die Kolonne zu einer kurzen Rast halten. Es gab wohl Schatten. Doch da nicht der geringste Luftzug die Schlucht durchwehte, erinnerte die Temperatur an die Hitze eines Backofens. Buster Tom, Jimmy und Matt ließen sich zu Boden fallen, wo sie stehengeblieben waren.

Die Banditen versorgten die Pferde, wischten ihnen die Mäuler aus und lockerten die Sattelgurte. Dann hockten sie sich nieder, um sich auszuruhen. Dabei verlor nicht einer ein Wort. Josephe kam mit einem Wasserschlauch zu den Gefangenen. Alls drei sahen ihn erwartungsvoll an. Aber Josephe spritzte ihnen nur etwas in die Gesichter und entfernte sich wieder.

„Ensenada bekommen wir nie zu Gesicht!“, keuchte Matt. „Entweder gelingt uns irgendwann die Flucht, oder wir verrecken.“

Weder Buster Tom noch Jimmy gaben darauf eine Antwort. Die Hitze lähmte ihnen die Hirne, so dass ihnen Matts Worte gar nicht ins Bewusstsein drangen.

Dann knirschten Stiefel vor ihnen auf den Steinen. Buster Tom sah auf. Es war Dunham.

„Wir haben Durst!“, keuchte Buster Tom.

Dunham zuckte die Schultern. „Ihr habt uns zuviel Kummer bereitet. Durst macht gefügig. Ein bisschen Durst erspart es uns, euch wie Goldbarren hüten zu müssen.“

„Hören Sie, Mr. Dunham!“, sagte Buster Tom krächzend. „Sie bekommen für uns drei ein paar hundert Dollar. Ich biete Ihnen das Dreifache, wenn Sie uns freilassen. Sie sind doch Geschäftsmann.“

„Eben!“, erklärte Dunham trocken. „Ich lebe vom Verkauf. Nicht vom Erpressen oder vom Eintreiben eines Kopfgeldes. Außerdem bin ich hier nur der Buchhalter. Don Pedro ist der Geschäftsmann.“

„Ich biete Ihnen dreitausend Dollar!“, keuchte Buster Tom verzweifelt.

„Jaja!“, lächelte Dunham. „Dreitausend Dollar, die Sie dann durch einen Marshal und eine große Posse wieder beizutreiben hoffen. Schenken Sie sich das. Reden Sie jetzt nicht mehr. Sparen Sie Ihren Atem. Wir haben noch einen verdammt weiten Weg vor uns.“ „Dunham! Sie sind Amerikaner wie wir!“, krächzte Buster Tom.

Dunham spie aus. „Das glaubst du! Ich gehöre zu denen hier, und ich fühle wie sie. Jede Nacht bete ich darum, dass ich mich vom nächsten Morgen ab auch in der Hautfarbe nicht mehr von ihnen unterscheide.“ Er wandte sich ab. „Aufbruch!“, befahl er laut. „Wir ziehen weiter!“

„Dieser Hundesohn ist aus Stein!“, keuchte Jimmy angestrengt. „Er fühlt wie sie! Die Kehle werde ich ihm durchschneiden für diese Schinderei.“

„Hoch, Gringos! AufstehenI Weiterl“, brüllte einer der Mexikaner.

Die drei erhoben sich, standen wankend beisammen und schauten sich um. Die Kolonne formierte sich bereits. Josephe war da, nahm die Stricke auf, stieg in den Sattel und ritt an.

Jimmy waren die Beine schwer wie Blei. Matt torkelte erschöpft vorwärts, den Blick zu Boden gerichtet. Buster Tom umspannte den Strick vor dem Hals mit beiden Fäusten und ließ sich ziehen. Er hatte schon oft in seinem Leben schwere Träume gehabt. Doch solche Qualen waren ihm selbst im Traum erspart geblieben.

*

image

Zuerst verließen Jimmy die Kräfte. Er stürzte plötzlich und konnte sich nicht mehr erheben. Buster Tom kniete nieder, umfasste auch Jimmys Strick und riss daran, um Josephe zum Halten zu zwingen.

„Anhalten!“, brüllte er krächzend. „Stopp! Halt! Ihr Bastarde, haltet an.“ Matt stemmte sich mit letzter Kraft ein. Das Pferd gehorchte Josephe nicht mehr, hielt und drehte sich zur Seite. Die Kolonne geriet ins Stocken. Dunham kam zurückgaloppiert.

Buster Tom sah verzweifelt zu Dunham auf. „Es ist unmenschlich!“, rief er japsend. „Der Junge kann nicht mehr. Ihr habt ihn kaputtgeschlagen, nichts zu trinken gegeben und ihn pausenlos vorwärts getrieben.“

Dunham winkte zurück. „Ein Pferd!“ Da fiel auch Matt zu Boden.

Dunham grinste grausam. „Na, nun falle auch um, Alter!“

Buster Tom starrte ihm in die Augen. „So schnell nicht, Dunham!“, bellte er wütend. „Bevor ich kippe, reitet ein Hundesohn wie du ein Dutzend Pferde müde.“

Dunham reckte sich im Sattel. „Noch einen Gaul! Nur der Alte geht zu Fuß weiter. Er hat es sich nun einmal in den Kopf gesetzt.“

Dunham schwenkte sofort ab und ritt wieder nach vorn. Die Mexikaner kamen mit den Pferden von Jimmy und Matt, brachten die beiden mit Fußtritten hoch und halfen ihnen in die Sättel. Dann setzte die Kolonne den Weg fort.

Für Buster Tom wurde es die Hölle. Doch er hielt sich auf den Beinen, bis die Kolonne gegen Abend eine breite Schlucht erreichte, in der sie längst erwartet wurde.

Mehrere Feuer brannten. Der Rauch zog sich träge am Boden dahin. Buster Tom erkannte Zelte und Höhlen in den Felswänden, die als Unterkünfte dienten. Er entdeckte Don Pedro in einer Schar bewaffneter Banditen und sah, dass die Banditen in dieser Schlucht bereits fünfzig andere Männer gefangenhielten. Siedler, Farmer und Rinderleute. Einer wie der andere machten die Gefangenen einen heruntergekommenen und ausgehungerten Eindruck auf ihn. Die Banditen trieben ein Rind in den Pulk der Gefangenen hinein. Augenblicke später lag es schon tot am Boden, und unter den Gefangenen entbrannte ein wildes Durcheinander. Jammern und Fluchen erklang.

Buster Tom, Jimmy und Matt erstarrten in jähem Entsetzen.

Die Banditen sahen dem gierigen Geraufe ihrer Gefangenen eine Weile belustigt zu. Dann trieben sie die Leute mit Peitschen auseinander. Buster Tom würgte es im Hals, als er das sah. Angst erfasste ihn. Er sah Jimmy und Matt an. Die beiden erwiderten seinen Blick. Doch keiner verlor ein Wort. Sie hatten erkannt, was sie erwartete und auf sie zukam. In ihren Augen stand blankes Entsetzen.

Dunham kam zu ihnen. „Na los!“, sagte er und grinste. „Beteiligt euch an der Fütterung. So schnell wird es nicht wieder etwas geben.“

Die drei starrten ihn an, wütend und verzweifelt zugleich. Jeder hätte ihn auf der Stelle eigenhändig umgebracht, hätte er nur die Gelegenheit dazu gehabt.

„Zwanzig Rinder habt ihr mitgebracht!“, krächzte Buster Tom. „Warum treibt ihr nicht noch ein Rind hinüber und gebt den Leuten Gelegenheit, Feuer zu machen?“

„Soviel Zeit haben wir nicht!“, versetzte Dunham gelassen. „Los, beteiligt auch an dem Mahl. Wir brechen in einer Stunde auf, und vor morgen Abend gibt es nichts mehr zu essen.“

Er entfernte sich. Zwei Mexikaner stießen die drei zu den anderen Gefangenen.

„Cliff, als Marshal von Tucson, wird längst mit einer Posse auf dem Weg sein!“, keuchte Jimmy. „Längst! Und diese Hundesöhne haben auf dem ganzen Ritt nicht ein einziges Mal ihre Spuren verwischt.“

„Das wird uns nicht viel nützen!“, erwiderte Matt prompt. „Cliff, wenn er kommt, wird höchstens mit einem Dutzend Männer auftauchen. Um uns zu befreien, müsste er sich mit einem halben Hundert Banditen anlegen. Rechne selbst nach, wie das am Ende ausgehen wird!“

„Mein Bruder Cliff wird schon wissen, wie er vorzugehen hat“, erwiderte Jimmy.

„Wir sollten uns jetzt auf nichts anderes verlassen als auf uns selbst“, meinte Buster Tom.

„Mir reicht das noch vom letzten Mal!“, brummte Matt. „Und wenn ich mich hier so umsehe, wüsste ich nicht, wie wir uns auf uns selbst verlassen sollten. Ich verlasse mich allerhöchstens darauf, dass diese Brut von Halsabschneidern stark genug ist, um jeden Ausbruchsversuch zu verhindern. Mein Gott, wir sind nur zu dritt. Aber da sind fünfzig Klapperschlangen, die uns bewachen.“

„Du übersiehst die anderen Gefangenen!“, versetzte Buster Tom grollend.

Matt nickte. „Fünfzig Gefangene und fünfzig Bewacher. Doch deine Rechnung geht nicht auf, Tom! Die Bewacher verfügen über Revolver und Gewehre. Wir haben nichts als unsere Fäuste.“

Buster Tom schnaufte. „Wartet nur ab!“, versetzte er mit sonorer Stimme.

Seine Hoffnungen erfüllten sich jedoch nicht. Die anderen Gefangenen waren durch Plunger, Durst und Quälereien der Banditen dermaßen zermürbt worden, dass auch nicht einer mehr für einen Aufstand zu gebrauchen war. Entkräftet und vollkommen demoralisiert, dachte von ihnen jeder nur für sich und an seinen Magen.

In dieser Nacht schliefen Buster Tom, Jimmy und Matt mit einem Dutzend anderer Gefangener in einer der Höhlen, vor der drei bis an die Zähne bewaffnete Mexikaner Wache hielten. Buster Tom, Jimmy und Matt rückten eng zusammen, um von den anderen nicht gehört zu werden.

„Wir müssen bald ausbrechen!“, drängte Jimmy. „Noch zwei, drei Tage, und wir sind so erledigt wie die anderen.“

„Ich habe mit einem gesprochen, der schon seit vier Wochen hier haust“, sagte Matt. „Die Halunken haben ihn nördlich von Camp Lowell auf seiner Farm überfallen.“

„Ich habe mit zwei Männern gesprochen, die hier schon ein Vierteljahr sitzen“, brummte Buster Tom. „Danach sehen sie aber auch aus. Sie sind nur noch Haut und Knochen. Sie waren vorhin bei denen, die sich über die Gedärme des Rindes hergemacht haben."

„Noch ein paar Tage, dann sind wir auch so weit!“, raunte Jimmy mit Schärfe in der Stimme.

„Aus diesem Camp gibt es kein Entrinnen“, sagte Buster Tom resignierend. „Da kann einer hinstolpern, wo er will, überall, an allen Ecken und Enden sitzt so ein verdammter Sombrero mit einer Flinte.“

„Vielleicht geht es morgen los“, flüsterte Jimmy. „Auf dem Marsch werden wir schon eine Chance haben.“

„Ja!“, raunte Buster Tom. „Die Zeit brennt uns unter den Nägeln, zum Teufel.“

*

image

Am anderen Morgen wurden die Gefangenen bei Sonnenaufgang aus den Höhlen und Zelten getrieben. Drei Minuten später befanden sie sich bereits auf dem Marsch nach Ensenada. Schneller, als sie es begreifen konnten, befanden sie sich auf dem Weg. Die Banditen schlugen aus den Sätteln heraus mit Peitschen und Stöcken auf die Gefangenen ein, die wie von Teufeln getrieben in die Richtung davonrannten, die ihnen offen geblieben war. Schreiend und im dichten Pulk rannten und hasteten die Gefangenen westwärts. Dabei stießen sie sich in Panik gegenseitig über den Haufen. Die zu Fall gekommenen Männer wurden mit Schlägen von den Banditen hochgescheucht und in den fliehenden Pulk wieder hineingepeitscht. Erst nach drei Meilen, als die Gefangenen vor Erschöpfung Gefluche und Schläge ihrer Peiniger über sich ergehen ließen, formierte sich der Haufen zu einer Kolonne.

Buster Tom, Matt und Jimmy hatten sich zunächst aus den Augen verloren. Erst nachdem sich die Gefangenen, restlos ausgepumpt, zu Viererreihen formiert hatten, konnten sie sich suchen. Buster Tom stahl sich förmlich nach vorn in die dritte Reihe, wo Jimmy lief. Bald darauf konnte sich auch Matt zu ihnen vordrängen.

Zunächst verlor keiner ein Wort. Sie sahen sich nur an, und die Entschlossenheit, dieser Tortur mit allen Mitteln zu entkommen, brannte in ihren Augen. Zum Reden waren sie nach dieser Hetzjagd, zu der sich der Aufbruch entwickelt hatte, nicht mehr fähig. Dieser Zustand änderte sich nicht. Die Banditen trieben die Gefangenen pausenlos durch das Randgebiet der Steinwüste. Auch während der schlimmsten Tageshitze gab es keine Rast. Als die Sonne sank, waren Buster Tom und Matt, die beide ältere Männer waren, dem Zusammenbruch nahe. Aber da schwenkten die Banditen ein, jagten die Gefangenen auf einen Hügel zu, vor dem sich ein Wasserloch befand.

Als die Gefangenen das Wasser erblickten, begannen sie zu schreien und zu rennen. Sie stießen und drängten vorwärts, ohne Rücksicht auf den anderen zu nehmen. Männer stürzten zu Boden, wurden fast zertrampelt und von den Bewachern mit Peitschenschlägen wieder auf die Füße getrieben. Die Banditen, Weiße wie Mexikaner, hatten ihren Spaß daran.

Auch die Coppers und Matt kämpften um einen Platz am Wasserloch. Als sie sich satt getrunken hatten, trieben die Banditen ein Rind zu den Gefangenen.

Jimmy, Matt und Buster Tom verspürten einen wilden und wütenden Hunger in den Eingeweiden, der sie fast zerriss. Doch sie blieben stehen und sahen sich an, weil sie nicht wussten, wie sie das Rind hätten schlachten sollen. Doch andere Gefangene stürzten an ihnen vorbei und auf das Rind zu. Wenige Sekunden später war das Tier unter Menschenleibern und in einer Wolke von Staub verschwunden.

Buster Tom fuhr sich über den Mund. Seine Augen brannten vor Zorn. „Nein! Das ist entsetzlich! Das ist unmenschlich!“ Er sah sich um. „Dunham, Bastard!“, brüllte er.

Jimmy zupfte ihn am Arm. „Vater!“, keuchte er angestrengt. „Mach diesen Teufel jetzt nicht mehr auf uns aufmerksam!“

Die Gefangenen rannten an ihnen vorbei zu dem Rind hin. Am Wasserloch befand sich niemand mehr. Nur die Banditen waren dort und ließen ihre Pferde saufen. Sie selbst hatten während des ganzen Tages ihren Durst aus den Wasserschläuchen und Flaschen gelöscht, die sie mitführten. Auch Dunham befand sich dort. Er war abgesessen, sah die Coppers und Matt und kam langsam durch den Sand gestapft.

„Ich sagte, fügt euch!“, brummte er. „Seht zu, dass ihr von dem Rind etwas abbekommt. Wir werden vierzig Tage lang unterwegs sein. Und jeden zweiten Tag wird es immer nur ein Rind geben. Am Abend! Wenn ihr euch nicht dranhaltet, geht ihr vor die Hunde.“

Buster Tom spie ihm vor die Füße, wandte sich ab, legte Jimmy und Matt die Hände auf die Schultern und führte sie zu den Gefangenen hinüber, die das Rind förmlich zerrissen hatten, brüllten, sich um die besten Stücke rauften und kauten.

Die drei hielten vor dem Wirrwar der durcheinander rennenden, drängenden und stoßenden Männer ein.

„Wenn ich das sehe, muss ich gleich kotzen!“, keuchte Matt.

„Heute!“, brummte Buster Tom. „Das nächste Mal bestimmt nicht mehr.“

„Ich weiß!“, krächzte Matt. „Da hängen wir in diesem Knäuel mit drin und raufen und schlagen uns um einen Bissen.“

„Es ist der zweite Tag, an dem wir nichts gegessen haben!“, seufzte Jimmy.

„Das Fleisch ist dreckig, voll Sand und Staub und voll von Stiefeltritten“, erwiderte Buster Tom. „Außerdem ist es roh. Begnügen wir uns mit dem Wasser, das wir im Magen haben.“

„Und morgen?“, krächzte Jimmy und starrte seinen Vater wild an. „Wir haben fast zwanzig Meilen zurückgelegt. Zu Fuß in der Wüste. Ich spüre meine Beine nicht mehr. Ich habe nur Schmerzen. Und was wird morgen sein? Das halte ich nicht durch.“

Buster Tom ließ den Kopf sinken. „Dann geh und hol dir etwas, Junge!“

Jimmy setzte sich langsam in Bewegung. Später stand er abseits und übergab sich.

Buster Tom und Matt gingen zu ihm hin. „Soweit unten sind wir eben heute noch nicht“, sagte Matt. „Aber beim nächsten Mal, da werden wir das vertragen.“

„Wenn wir noch am Leben sind!“, stöhnte Jimmy verzweifelt.

„Die Banditen haben das Wasserloch wieder freigegeben“, sagte Buster Tom mitfühlend. „Geh und trink einen Schluck, Junge!“

Jimmy schaute zurück und blickte über die ausnahmslos am Boden liegenden Gefangenen hinweg zum Wasserloch. Die Männer lagen auf der Erde, weil sie satt waren nach diesem wilden Mahl, aber auch, weil sie sich in einem Zustand restloser Erschöpfung befanden.

Jimmy lief zum Wasserloch. Matt und Buster Tom folgten ihm. Die Wachen hatten um das Wasserloch und die Gefangenen einen weiten Kreis gebildet. Pferde und Rinder und die anderen Halunken befanden sich außerhalb des Kreises am Fuß des Hügels. Die wachfreien Banditen hatten sich um ein Feuer versammelt, in desen Schein Don Pedro und Dunham zu erkennen waren.

Buster Tom starrte schweigend hinüber, während Jimmy und Matt tranken.

„Mit einer Kugel ist nicht viel zu machen“, sagte er, als sie sich aufrichteten und zu ihm kamen. „Man müsste schon eine ordentliche Sprengladung haben.“

„Wir haben nicht einmal die Kugel, Tom!“, krächzte Matt.

„Ich bin müde“, ließ sich Jimmy vernehmen. „Ich bin so hundemüde. Mein Gott! Rennen wir weg. Morgen Abend habe ich bestimmt nicht mehr die Kraft dazu. Versuchen wir es wenigstens.“

Buster Tom legte ihm die Hand auf die Schulter und zog ihn zu sich heran, wie er es immer getan hatte, als Jimmy noch ein ganz kleiner Junge war.

„Wir werden frei sein“, krächzte er. „Wir drei werden eines Tages wieder frei sein, wenn es nicht heute ist oder morgen, wird es an einem anderen Tag sein. Verlasst euch darauf!“

„Wo Cliff nur bleibt?“, murrte Matt und sah Buster Tom herausfordernd an. „Dein Ältester ist Marshal von Tucson! Wo bleibt er?“

„Das frage ich mich selbst“, keuchte Buster Tom. „Aber wir werden zum Schluss bestimmt einsehen, dass wir ihm keinen Vorwurf machen können. Er ist bestimmt auf dem Weg.“

„In Ensenada ist Schluss!“, knurrte Matt. „Und wenn ich einmal dort bin, verzeihe ich keinem mehr.“

„Matt, du bist ein verdammter Idiot“, sagte Buster Tom grollend. „Erstens werden wir Ensenada nie zu Gesicht bekommen - höchstens freiwillig und mit unserer Zustimmung. Aber sollte uns, zweitens, Don Pedro wirklich dorthin bringen, so werden wir uns das selbst zuzuschreiben haben. Machen wir also nicht jetzt schon Cliff für alles verantwortlich.“

„He, legt euch hin, ihr drei da!“, brüllte einer der Wächter auf spanisch. Gleich darauf krachte ein Schuss, und Buster Tom stand ohne Hut da.

Sie gingen augenblicklich alle drei zu Boden. Buster Tom holte seinen Hut heran. Dann lagen sie auf dem Rücken und starrten schweigend zu den Sternen empor. Jimmy schlief sofort ein. Bald atmete auch Matt tief und fest.

Buster Tom richtete sich auf die Seite und stützte sich auf den Ellenbogen. Er blickte zu den Banditen hinüber, doch mit seinen Gedanken war er auf der Circle C Ranch, und er fragte sich, welche Sorgen sie sich dort wohl machen würden. Was er drüben an den Feuern sah, nahm er kaum wahr, so sehr beschäftigte er sich damit. Er versuchte sich dann auch vorzustellen, was Cliff unternommen hatte und wo er sich mit seiner Posse gerade befinden mochte.

*

image

Es war dann schon über Mitternacht. Die Feuer glimmten nur noch. Plötzlich sah er einen gleitenden Schatten von dort kommen. Der Mann bewegte sich im Schatten des Berghanges auf allen vieren, so dass ihn die beiden Wachen da oben nicht erkennen konnten. Buster Tom streckte sich vorsichtig aus und beobachtete ihn gespannt. Bald darauf sah er, dass es Dunham war.

Dunham blieb dann ausgestreckt liegen, so dass Buster Tom ihn nicht mehr sehen konnte. Einen Augenblick später erkannte er zwei Männer, die aus dem Kreis der schlafenden Gefangenen zu ihm geschlichen waren. Die drei unterhielten sich kurz. Danach krochen die beiden anderen den Hang hinauf. Buster Tom hielt den Atem an, denn die Wachen dort oben waren auf einmal nicht mehr zu sehen. Erst als Buster Tom von den beiden Gefangenen und Dunham nichts mehr sah und hörte, tauchten die Posten wieder auf.

Die beiden waren geflohen! Mit Dunhams Hilfe, und Dunham musste die Posten auf dem Hügel eingeweiht oder bestochen haben.

Nach fünf Minuten krachte plötzlich am anderen Ende des Lagers ein Alarmschuss. Ringsum sprangen die Wachen auf. Auch bei den Feuern wurde es lebendig. Viele der Gefangenen erwachten von dem einsetzenden Lärm.

Dann vernahm Buster Tom in spanischer Sprache, dass zwei der Gefangenen nach Norden hinauf geflohen seien. Schüsse krachten dort im Norden. Sekunden später jagte schon ein Reitertrupp los. Die Feuer wurden aufgerissen. Funken und Holzrauch stiegen empor, bis die Glut wieder hell loderte. Und in diesem gelblichen und brandroten Feuerschein sah Buster Tom einen weiteren Trupp Banditen die Pferde besteigen. Dunhams Stimme hallte herüber. Kurz darauf sah ihn Buster Tom an der Spitze des zweiten Trupps nach Norden in die Nacht hinein davonjagen.

Nun wurden auch Matt und Jimmy wach. Sie sahen sich verwundert um. Die Wachen rückten ringsum an die Gefangenen heran und schrien, dass sie aufstehen und zum Zählen antreten sollten. Flüche und Peitschenklatschen war zu hören.

„Was ist denn los?“, krächzte Jimmy. „Was soll das denn? Wollen die Halunken uns jetzt vielleicht erschießen?“

„Dunham hat zwei Männern zur Flucht verholfen!“, raunte Buster Tom. „Er hat sie nach Süden entkommen lassen. Nun führt er die Jagd auf sie selbst an. Nach Norden!“

Jimmy und Matt starrten den Boss der Circle C Ranch verblüfft an und suchten angestrengt seinen Blick.

Einen Augenblick später wurden sie von einem Mexikaner zu den anderen getrieben.

Es dauerte eine Stunde, bis sich die Gefangenen wieder hinlegen durften. Buster Tom, Jimmy und Matt blieben diesmal alle drei wach. Kurz vor Tagesanbruch kehrte Dunham mit den Banditen zurück - ohne die Entflohenen.

„Er hat sie für Geld laufen lassen!“, raunte Matt.

„Wir besitzen nicht einen Cent mehr“, meinte Jimmy wütend.

„Sobald ich Gelegenheit habe, werde ich noch einmal mit ihm sprechen“, erklärte Buster Tom schnaufend.

Die Gelegenheit dazu bekam er bereits gegen Mittag, als die Banditen die Gefangenen zu einer kurzen Rast in den Schatten einer Felswand trieben. Die Gefangenen hatten sich soeben niedergehockt, als Dunham die Kolonne entlang geschritten kam.

Buster Tom erhob sich. „Einen Augenblick, Mr. Dunham!“, rief er auf spanisch, denn die mexikanischen Wächter wollten sich sofort auf ihn stürzen.

„Was gibt es?“, fragte Dunham ebenfalls auf spanisch und gab den Wachen einen Wink, dass sie Buster Tom zu ihm kommen lassen sollten.

Buster Tom ging auf ihn zu und blickte ihm in die Augen. Dabei lächelte er ein wenig. „Dunham, nennen Sie Ihren Preis!“, sagte er auf englisch und sprach so leise, dass ihn auch keiner der Gefangenen verstehen konnte. „Was kostet es, dass Sie auch uns drei nach Süden hin entkommen lassen und die Häscher nach Norden in die Irre führen?“

Dunhams Augen wurden schmal.

„Ich biete Ihnen pro Kopf tausend Dollar!“, raunte Buster Tom.

„Scheren Sie sich zum Teufel!“, zischte Dunham. Dann ging er rasch weiter.

Die Wachen trieben Buster Tom sofort zurück und warfen ihn vor der Felswand zu Boden, dass die Gefangenen ringsum erschrocken aufsprangen. Die Unruhe währte nur kurz. Während die Wachen an ihre Plätze zurückgingen, sich Jimmy und Matt um den Rancher bemühten, hockten sich die Gefangenen wieder nieder.

„Bist du verletzt?“, fragte Jimmy besorgt, als Buster Tom saß und sich erschöpft, das Gesicht schmerzverzogen, gegen die Felswand lehnte.

Buster Tom schüttelte den Kopf und schloss einen Moment die Augen.

„Diese Bastarde!“, schimpfte Matt grollend.

„Was hat Dunham gesagt?“, wollte Jimmy wissen. Er und Matt sahen Buster Tom gespannt an.

Buster Tom schüttelte abermals den Kopf. „Da wird wohl nichts zu machen sein. Vielleicht bringt er uns jetzt um, damit wir ihn nicht verraten.“

Wieder kam Bewegung in die Gefangenen. Zwei Mexikaner, die nicht zur Wache gehörten, kamen auf die drei zu und begannen sofort, Buster Tom und Matt mit Tritten und Schlägen hochzutreiben.

„Auf, ihr Hundesöhne!“, brüllten sie. „Vorwärts, kommt mit! Rennt, ihr Schakale!“

Sie trieben Buster Tom und Matt durch die Postenkette, jagten sie über den Platz zu den Pferden und befahlen ihnen dort, die Tiere zu füttern und zu tränken. Die leeren Futterbeutel lagen auf einem Haufen. Ein Sack mit Mais lag daneben. Auch ein Ledereimer war vorhanden und drei große Ziegenledersäcke voll Waser.

„Haltet euch dazu, wenn ihr nicht mit der Peitsche Bekanntschaft machen wollt“, rief einer der Mexikaner.

Buster Tom und Matt begannen hastig die Futterbeutel mit Maiskörnern zu füllen und sie den Tieren umzuhängen. Dabei stopften sie sich verstohlen eine Handvoll Körner in den Mund, hungrig wie sie waren.

Als Buster Tom einem Rappwallach den Futterbeutel umband, stand auf einmal Dunham da.

„Wir werden heute Abend in einem Felslabyrinth lagern“, raunte er, wobei er sich schnell umsah. „Einer meiner Freunde wird euch gegen Mitternacht ein Zeichen geben. Folgt ihm dann. Mehr braucht ihr nicht zu tun. Aber es muss rasch gehen und vor allem lautlos. Haltet euch abseits von den anderen.“

Buster Tom schluckte und starrte ihn sprachlos an.

Dunham lächelte kurz und machte kehrt.

„Dunham!“, keuchte Buster Tom.

Dunham hielt ein und drehte den Kopf.

„Und der Preis?“, krächzte Buster Tom.

Dunham spie aus. „Ich bin auch nicht freiwillig hier, wenn du das meinen solltest. Aber ich habe Möglichkeiten und tue, was ich kann.“

Buster Tom ließ die Kinnlade sinken. Dunham lief schnell weg.

„Los, du Bastard, da drüben!“, brüllte ein Mexikaner. „Beweg dich, zum Teufel, oder du machst gleich mit ihm Bekanntschaft!“

Buster Tom verknotete den Futterbeutel und rannte rasch zurück, um die nächsten Beutel zu holen, die Matt mit Körnern füllte.

Matt hatte alles beobachtet. „Was hat Dunham gesägt?“, wollte er wissen, die Augen voller Hoffnung.

Buster Tom grinste wie ein durchtriebener Teufel. „Heute Nacht, Matt, werden wir frei sein.“

„Bewegt euch, ihr Mistkerle!“, brüllte der Mexikaner.

„Lass diesen Affen schreien!“, sagte Buster Tom glucksend, während er nach den nächsten Futterbeuteln griff. „Morgen werden wir sein Gebrüll nicht mehr hören. Höchstens aus weiter Ferne.“

Doch drei Sekunden später musste er springen und rennen, um von dem Mexikaner nicht getreten und geschlagen zu werden, die Futterbeutel in den Fäusten. Er hätte sie dem Burschen am liebsten um die Ohren geschlagen, aber er dachte daran, dass die Tortur noch in dieser Nacht für sie zu Ende sein würde.

*

image

Als der Abend kam, trieben die Banditen ihre Gefangenen in ein Felslabyrinth hinein. Kurz darauf hielten sie schon inmitten der dreihundert Fuß hohen Felsgruppe zum Lagern an. Die Gefangenen wurden zusammengetrieben, der Ring der Wächter öffnete sich, einer der Banditen jagte ein Rind der Circle C Ranch mit Peitschenschlägen in den Kreis, und unter den Gefangenen entstand ein mächtiger Tumult, dem die Banditen belustigt zusahen.

Buster Tom, Matt und Jimmy fielen vor Hunger fast die Augen aus den Höhlen. Doch sie beherrschten sich. Die Aussicht auf Befreiung hatte ihnen allen Mut und fast alle Kräfte wiedergegeben. Sie hockten sich abseits zu Boden und fieberten jener Stunde entgegen, die ihnen die Freiheit bringen würde.

An diesem Abend starben drei Gefangene an Entkräftung. Zwei andere wurden bei einem stümperhaften Ausbruchsversuch zusammengeschossen. Deshalb trat die Ruhe verhältnismäßig spät ein. Die Ungeduld hielt Buster Tom, Jimmy und Matt jedoch recht mühelos wach.

Dann, als die Stunde endlich herangerückt war, ging alles sehr rasch vor sich.

Ziemlich überraschend und unvermittelt tauchte Dunhams Vertrauter auf, obwohl die drei auf nichts anderes gewartet hatten.

Er kam auf dem Bauch zu ihnen herangekrochen. „Du leise, Gringo!“, raunte er und drückte Buster Tom die Hand auf die Schulter, um ihn am Boden zu halten. „Du gehen mit mir, ich euch bringe zu Pferden. Reitet nach Osten, bis ihr auf Amigo Lazero treffen. Er wird euch bringen in die Sicherheit.“

Er hatte englisch gesprochen, recht und schlecht. Aber die drei hätten ihn auch verstanden, wenn er sich noch um Grade schlechter ausgedrückt hätte.

„Ich danke dir, Bruder!“, raunte Buster Tom.

„Kommen!“, flüsterte der Mexikaner, machte kehrt und kroch davon. Die drei schlossen sich unverzüglich an.

Der Mexikaner kroch genau auf eine Stelle zu, an der eben noch zwei Posten zu sehen gewesen waren. Die drei sahen sich gespannt um und versuchten angestrengt, das Dunkel ringsum mit ihren Blicken zu durchdringen. Die Nacht war schwarz. Die Silhouetten der Felsen hoben sich kaum gegen den Himmel ab.

Der Mexikaner kroch rasch und gewandt vor ihnen her, so dass sie kaum Anschluss zu halten vermochten. Es zeigte sich nun doch, wie ermattet und ausgelaugt sie schon waren.

Buster Tom zuckte erschrocken zusammen, als er plötzlich hinter einer Felsleiste einen der Wächter entdeckte. Keine drei Schritt entfernt! Doch in der Dunkelheit sah er den Mann grinsen. Da kroch er schnell weiter.

Der Mexikaner vor ihnen erhob sich dann. „Stehen auf und laufen schnell!“, raunte er. „Leise, wie Katze!“

Buster Tom, Matt und Jimmy folgten ihm schwitzend und keuchend, darauf bedacht, keinen Laut zu verursachen. Drei Minuten später stießen sie unvermittelt auf Pferde. Die Tiere standen im Nachtschatten des letzten Felsens. Sie entdeckten sie erst, als der Mexikaner stehenblieb.

Buster Tom bekam kaum noch Luft. Er zitterte vor durchstandener Anstrengung am ganzen Körper, so dass er sich an der Felswand stützen musste. Jimmy und Matt erging es nicht anders. Die letzten Tage steckten ihnen dermaßen in den Knochen, dass sie glaubten, nun am Ende ihrer Kräfte zu sein.

Doch der Mexikaner drängte zur Eile. „Rauf auf Pferde, Gringos! Amigo Lazero warten drei Meilen von hier genau in Süden.“

Die drei wankten zu den Pferden, banden sie los und stiegen auf. Als sie in den Sätteln saßen und sich nach dem Mexikaner umblickten, war der wie vom Erdboden verschwunden.

In diesem Augenblick fielen in Richtung des Camps Schüsse.

„Vorwärts!“, krächzte Buster Tom und brachte sein Pferd unverzüglich in Gang.

*

image

Sie ritten schweigend los. Zunächst im Schritt, da sie befürchteten, zu laut zu sein. Aber die Furcht, von den Banditen doch entdeckt und eingeholt zu werden, saß ihnen zu sehr im Nacken, so dass sie bald galoppierten, ohne Rücksicht auf die Dunkelheit zu nehmen.

Lazero war ein Mexikaner, der ziemlich gut Englisch sprach. Er war ein kleiner, listiger Bursche. Sie hatten schon die Hoffnung aufgegeben, ihn jemals noch zu treffen, weil sie glaubten, von der Richtung abgekommen zu sein, als er plötzlich vor ihnen stand.

Der Tag begann schon zu grauen, so dass sie ihn deutlich erkennen konnten. Er hockte auf einem schwarzen Pferd, das nach mexikanischer Art gezäumt und gesattelt war, und lächelte freundlich.

„Amigos!“, sagte er nur.

Die drei hielten vor ihm an. „Lazero?“, fragte Buster Tom.

„Ja, der bin ich!“, antwortete der Mexikaner in ihrer Sprache. „Es freut mich, dass ihr Don Pedro entkommen seid.“

„Danke!“, erwiderte Jimmy. „Trotzdem sage ich dir, dass darüber keiner froher ist als wir selbst.“

Lazero nickte. „Das kann ich verstehen. Wollt ihr ausruhen? Hier seid ihr jetzt in Sicherheit. Ich habe zu essen und zu trinken für euch.“

Die drei stiegen sofort aus den Sätteln. Auch Lazero saß ab. Sie führten die Pferde in eine windgeschützte Mulde, wo Lazero ein Packpferd stehen hatte. Buster Tom war noch damit beschäftigt, seinem Pferd den Bauchgurt zu lockern, als sich Jimmy und Matt schon über Wasser und Proviant hermachten. Sie tranken in langen und gierigen Schlucken. Die Wasserflasche wechselte rasch von einem zum anderen. Mehrmals hintereinander.

Buster Tom stampfte dann hinüber. Matt hielt ihm die Wasserflasche sofort hin. Buster Tom holte tief Luft. „Das werde ich Dunham nie vergessen!“, krächzte er. „Schade, dass ich ihm nicht selbst danken kann.“

Dann trank er. Er ließ sich das Wasser in den Mund laufen, bespritzte sich das Gesicht und empfand es als angenehm, dass ihm das Wasser den Hals hinab in das Hemd hineinlief.

Lazero grinste, als Buster Tom die Flasche an Matt zurückgab. Ihr werdet noch Zeit haben, euch bei Dunham zu bedanken“, sagte er. „Esst, trinkt und ruht euch aus.“

„Kommt er hierher?“, fragte Buster Tom verwundert.

Lazero schüttelte den Kopf. „Wir reiten zu ihm. Es ist nicht weit. Keine Sorge. Ihr benötigt doch Waffen, Munition und Wasser, bevor ihr nach Hause aufbrecht. Außerdem seid ihr mächtig vom Fleisch gekommen, Brüder. Ihr würdet die Strapazen gar nicht aushalten.“

Buster Tom nickte. „Ich freue mich, dass wir Dunham wiedersehen. Verdammt noch einmal! Er ist seit langem der erste Mensch, den ich vollkommen falsch eingeschätzt habe. Wer ist er eigentlich? Woher kommt er? Ich habe ihn für einen Freund und Vertrauten von Don Pedro gehalten.“

„Vertrauter stimmt!“, versetzte Lazero. „Freund stimmt nicht. Aber nun esst!“

Buster Tom, Jimmy und Matt machten sich über nichts anderes Gedanken. Sie aßen und tranken, bis sie satt waren und nicht mehr konnten. Lazero sah ihnen dabei zu und versorgte die Pferde. Nach einer Stunde brachen sie dann auf.

Bislang, im Gefolge der Banditen, waren sie ausnahmslos durch Randgebiete der Gila-Wüste gezogen. Lazero führte sie nun direkt in die Wüste hinein. Einen ganzen Tag lang.

Es war ein steiniges, wildzerklüftetes Gebiet, das hier und dort von tückischen Sandfeldern durchzogen wurde. Es gab kein Wasser und keinerlei Vegetation, abgesehen von den Kakteen, die meist nur vereinzelt wuchsen, stellenweise jedoch in riesigen Feldern vorhanden waren und die Reiter zu Umwegen zwangen.

Der Himmel war stahlblau und wolkenlos, und die Sonne schien und brannte vom Himmel herab, dass die Männer bald keinen trockenen Faden mehr am Körper hatten. Nassgeschwitzt, verstaubt und ermattet hockten sie in den Sätteln und folgten Lazero, dem das alles nichts anzugehen schien. Hin und wieder blickte er zurück und grinste, um die drei aufzumuntern. Dabei war auf seinem Gesicht unter dem großen Hut nicht ein Tropfen Schweiß zu erkennen.

Gegen Abend kamen sie dann endlich ans Ziel. Sie durchritten einen kleinen Canyon, bogen dahinter in ein Klippenfeld ein und stießen dort auf ein Camp. Buster Tom erkannte in der hereinbrechenden Dämmerung Pferde und zwei Wagen, vor denen mehrere Männer hockten.

Sie hielten und ließen sich hüftsteif aus den Sätteln gleiten. Drüben erhoben sich die Männer und kamen zu ihnen. Allen voran Dunham, wie Buster Tom verblüfft feststellte.

Er ging sofort zu ihm und gab ihm die Hand.

„Zum Teufel, Dunham! Was ich auch alles gesagt habe!“, polterte er mit Stentorstimme. „Das ist vergessen. Ich hatte schließlich keine Ahnung. Aber mein Sohn, mein Vormann und ich, wir werden nie im Leben vergessen, was Sie für uns getan haben.“

„Es ist nicht der Rede wert, Mr. Copper!“ lächelte Dunham. „Schließlich konnte ich nicht alle Gefangenen befreien. Genug arme Teufel sind dazu verdammt, mit Don Pedro zu ziehen.“

Auch Jimmy und Matt gaben Dunham die Hand und bedankten sich. Buster Tom erkannte hinter Dunham die beiden Männer, denen er die Nacht zuvor zur Flucht verholfen hatte. Neben den beiden standen fünf Mexikaner, die breit und freundlich grinsten.

„Es ist alles nicht der Rede wert!“, wiederholte Dunham, als er und Buster Tom Seite an Seite zu den Wagen liefen. „Wie gesagt, leider konnte und kann ich nicht alle Gefangenen befreien.“

„Wir danken Ihnen jedenfalls!“, beteuerte Buster Tom. „Wir sind in der Nähe von Tucson auf der Circle C-Ranch zu Hause. Dort können Sie ab sofort nachts aufkreuzen. Sie werden immer wie ein Freund empfangen werden.“

„Ich konnte leider nicht alle Gefangenen befreien, Mr. Copper“, sagte Dunham noch einmal und sah ihn zwingend an. „Es war auch nicht leicht zu entscheiden, wem ich helfen sollte. Aber ich musste nach gewissen Gesichtspunkten vorgehen. Ich musste die Männer auswählen, die kräftig genug waren und denen ich vertrauen kann. Sie hatten mir Geld geboten, Mr. Copper.“

„Dazu stehe ich noch!“, erwiderte Buster Tom prompt, wobei sich jedoch sein Gesicht verschloss. Aber er war bereit, sein Wort zu halten. Nur änderte er sofort seine Meinung über Dunham noch einmal.

„Ich will kein Geld!“, lächelte Dunham. „Meine Wahl ist auf Sie, Ihren Sohn und Matt Jackson gefallen, weil ich Sie alle drei für unerschrockene Männer halte.“

„Das verstehe ich nicht ganz“, sagte Buster Tom. Die anderen umstanden ihn und Dunham. Er blickte rasch von einem zum anderen.

„Es ist mit wenigen Worten erklärt, Mr. Copper“, sagte Dunham. „Ich möchte eine Gruppe Frauen befreien, die von Don Pedro zwei Tagesmärsche von hier entfernt in einem Versteck gefangengehalten wird, um die er sich jetzt nicht kümmern kann, die er aber später auch als Sklavinnen verkaufen wird. Und was das für die armen Geschöpfe bedeutet, können Sie sich sicherlich denken. Das Versteck wird nur von sechs Banditen bewacht. Don Pedro wird erst nach vier Wochen dort eintreffen können. Bis dahin sind wir über alle Berge. Sie und Ihre Männer werden längst zu Hause sein. Sie müssen nicht zustimmen, Mister Copper. Ich würde sogar auf Ihre Hilfe verzichten, wenn Sie sich dazu gezwungen fühlen, nur weil ich Sie befreit habe.“

Buster Tom starrte Dunham in die Augen und änderte abermals seine Meinung über ihn. „Wir sind dabei!“, antwortete er mit sonorer Stimme. „So etwas ist für uns eine Selbstverständlichkeit.“

Dunham biss sich auf die Lippe und lächelte bitter. „Sie können ablehnen, Mr. Copper. Ich versorge Sie und Ihre Männer trotzdem mit Pferden und Ausrüstungsgegenständen, damit Sie nach Hause reiten können. Verstehen Sie das?“

„Ich habe es verstanden, Mr. Dunham!“, brummte Buster Tom. „Zum Henker, nein! Wir reiten mit Ihnen. Für uns ist das eine Selbstverständlichkeit. Um solche Hilfe können Sie uns Coppers auch als fremder Mann bitten. Jimmy! Matt! Das stimmt doch? Sagt es ihm!“

Die beiden sagte es ihm, und so ritten die Coppers und Matt Jackson am anderen Tag mit Dunham und dessen Männern nach Westen.

*

image

Sie waren insgesamt zwölf Mann. Zwei Mexikaner fuhren die Wagen, die anderen ritten.

Wegen der Wagen kamen sie nur langsam vorwärts. Da sich auf den Wagen nur zwei Wasserschläuche und ein Proviantsack befanden, die auch die Pferde hätten tragen können, meinte Buster Tom während einer Rast zu Dunham, dass sie doch auf die Wagen verzichten sollten, um schneller ans Ziel zu gelangen.

„Es sind zehn Frauen“, erwiderte Dunham. „Ausnahmslos weiße und sehr junge noch dazu. Ich weiß, was ihnen Don Pedro, dieser Schakal, während der Gefangenschaft zugemutet hat. Da wird nicht eines der Mädchen imstande sein zu reiten. Bestimmt nicht. Es ist auch möglich, dass wir nicht genügend Pferde zur Verfügung haben.“

„Von dieser Seite habe ich die Sache noch gar nicht betrachtet“, gestand Buster Tom. „Ich verstehe nicht, dass die mexikanischen Grenztruppen solchen Halunken das Handwerk nicht legen können.“

„Es ist nicht nur ein mexikanisches Problem“, lächelte Dunham. „Don Pedro holt sich die Sklaven aus Arizona. Wenn ihn der Hafer sticht, reitet er sogar bis Texas.“

„In unserer Gegend haben wir von der Existenz solcher Banden nicht die geringste Ahnung“, sagte Buster Tom. „Wir sind doch nicht weit von Sonoita entfernt! Wir sollten die Behörden verständigen. Vielleicht bekämen die armen Teufel, die Don Pedro nach Ensenada treibt, noch eine Chance."

Dunham schüttelte den Kopf. „Sie kennen die Behörden in Mexiko nicht, Mr. Copper. Man würde uns tagelang festhalten, ausfragen und unsere Aussagen überprüfen. Zum Schluss würden wir uns im Inneren Mexikos in einer Festung wiederfinden. Nein, damit würden wir auch den Frauen die letzte Chance nehmen, freizukommen. In diesem Land muss man selbst handeln. Ich habe es jedenfalls so gelernt.“

Sie zogen bald weiter. Am Abend des zweiten Tages erreichten sie wieder felsiges Terrain. Die Berge waren nicht sehr hoch. Knapp tausend Fuß. Doch die Gegend war recht unübersichtlich. Als sie in einer schmalen Schlucht hielten, kam Lazero zurück, der seit dem Mittag vorausgeritten war.

„Zwölf Männer bewachen das Camp“, berichtete er. „Von den Frauen habe ich nur vier gesehen. Die anderen muss Don Pedro bereits verkauft haben, oder weiß der Teufel, wo sie sonst geblieben sind.“

Buster Tom sah Dunham an, der weiß geworden war und wütend die Fäuste ballte.

„Ja, nur vier von den Mädchen!“, sagte Lazero. „Es tut mir leid. Vielleicht haben die Halunken, die das Camp bewachen, auch auf eigene Rechnung ein bisschen Handel getrieben. Aber das werden wir ja bald herausfinden.“

„Das sollen sie mir büßen!“, keuchte Dunham. „Wie viele Posten?“

„Nicht einer!“, grinste Lazero. „Sie liegen alle faul im Schatten, haben genug zu trinken und spielen Karten. Ein feines Leben ist das! Die Mädchen hocken in den leeren Zisternen. Sie halten sie wie Vieh.“

„Wir warten den Tag ab, damit wir Büchsenlicht haben“, sagte Dunham schneidend. „Von diesen Hundesöhnen darf keiner entkommen. Er könnte Don Pedros Kolonne in drei Tagen erreichen, und Don Pedro würde alles aufgeben und kehrtmachen, um uns zu erwischen. Wir bleiben die Nacht über hier. Im Morgengrauen ziehen wir dann einfach in das Camp hinein.“

„Ja, das ist gut so!“ grinste Lazero. „Wenn sie dich und mich erkennen, Dunham, werden sie so ahnungslos wie Kinder sein. Carillo wird sich sogar freuen, dich wiederzusehen.“

Die Männer gingen auseinander. Buster Tom, Jimmy und Matt hockten sich vor den ersten Wagen nieder und richteten die Nachtlager her. Matt säuberte seine Winchester, die er von Dunham erhalten hatte. Sie besaßen alle nagelneue Waffen und auch genügend Munition.

„Hat dir Dunham eigentlich schon einmal erklärt, wie er an Don Pedro geraten ist und was ihn mit diesen Hundesöhnen verbindet?“, wollte Jimmy von seinem Vater wissen.

Buster Tom zuckte die Schultern. „Nein! Ich habe ihn auch nicht gefragt, weil es mich nicht interessiert.“

„Ich habe mich mit ihm darüber unterhalten“, sagte Matt Jackson und legte das Gewehr aus der Hand.

Die beiden sahen ihn gespannt an.

„Dunham ist hier in Mexiko geboren“, berichtete Matt. „Er und Don Pedro kennen sich von Jugend an. Wie er mir sagte, hatten sie sich lange Zeit aus den Augen verloren. Als sie sich eines Tages am Rio Colorado wieder trafen, sind sie einfach zusammen geblieben. Don Pedro war in diesem miserablen Geschäft bereits tätig. Dunham will es erst später erkannt haben.“

„Das ist aber eine verdammt einfache Geschichte!“, meinte Jimmy.

„Das sage ich ja!“, erwiderte Matt.

„Was interessiert uns das?“, brummte Buster Tom. „Wir sind frei, und das haben wir Dunham zu verdanken. Nichts anderes zählt. Morgen befreien wir die Mädchen. Damit gleichen wir etwas aus. Dann reiten wir nach Hause, unberührt von dem Problem, das Dunham an Don Pedro bindet, oder die beiden trennt.“

„Wenn wir die Frauen befreit haben, wird es bestimmt nur Dinge geben, die beide trennt“, sagte Jimmy scharf. „Wir sollten Dunham Schutz und Hilfe anbieten!“

„Wenn wir uns morgen von ihm trennen, werde ich ihm noch einmal sagen, dass die Circle C-Ranch für ihn jederzeit ein offenes Haus darstellt, in welcher Lage er sich auch immer befindet“, erwiderte Buster Tom.

*

image

Als der Morgen graute, weckte Dunham die Männer. Sie brachen das Lager ab, schirrten die Zugtiere vor die Wagen, stiegen in die Sättel und zogen los.

Buster Tom ritt mit Dunham und Lazero an der Spitze. Sie waren knapp eine Stunde unterwegs, als das Camp von Don Pedros Bande vor ihnen auftauchte. Buster Tom erkannte eine Hütte, die dicht an eine Felswand gebaut war. Er sah einen Corral, in dem ein Dutzend Pferde standen, obwohl es ringsum weder Wasser noch Weide gab. Dann sah er auch die gemauerten Zisternen, die aus Urzeiten zu stammen schienen und in denen jemand, weiß Gott wer, Regenwasser in dieser Gluthölle hatte auffangen wollen. Er sah auch die Eisengitter, die darüber lagen. Von den Frauen konnte er jedoch nichts entdecken.

Ein Posten hockte vierhundert Yard von der Hütte entfernt im Schatten einer mannshohen Klippe. Er stand sofort auf, als er die Wagen sah und richtete das Gewehr in die Luft. Aber da schien er Dunham und Lazero zu erkennen, die beide die Hüte abgenommen hatten und heftig winkten.

„Geschossen wird, sobald ich den Befehl dazu gebe!“, rief Dunham über die Schulter.

Lange Zeit sah es so aus, dass es dazu nie kommen würde. Der Posten benachrichtigte seine Gefährten mit lauten Rufen. Die Banditen kamen aus der Hütte und liefen dem Zug entgegen, der kurz darauf mitten zwischen ihnen anhielt.

Ein großer Mexikaner, mit einem tiefbraunen Gesicht, trat auf Dunham zu und hob erfreut die Hand. „Was ist passiert?“, grinste er, „dass dich Don Pedro aus dem Bereich seiner Fittiche lässt? Bringt ihr Ware für uns?“

„Ja, wir haben Mehl, Mais für die Pferde und Wasser geladen“, erwiderte Dunham, während er vom Pferd glitt.

Auch die anderen stiegen ab. Die Kutscher sprangen von den Wagen. Kurz darauf waren sie alle hinter Dunham versammelt, der genau so lange wartete. Dann zog er blitzschnell den Revolver und hielt ihn dem großen Mexikaner vor den Bauch.

„Carillo, es ist ein Spiel mit gezinkten Karten!“, sagte er keuchend. „Es tut mir leid für dich, für euch alle. Don Pedro kann euch nicht zu Hilfe kommen. Er hat keine Ahnung.“

„Aber er wird dich doch vermissen, kleiner mieser Hundesohn“, sagte Carillo und schloss die Augen zu schmalen Schlitzen, den Blick auf Dunhams Colt gerichtet. Dabei hob er die Hände langsam an die Schultern.

Seine Gefährten folgten ausnahmslos und ohne Zögern seinem Beispiel. Trotzdem begann drei Sekunden später ein mörderischer Kampf, der allen Banditen und zwei von Dunhams Mexikanern das Leben kostete.

Carillo wich zunächst zurück. Dunham folgte ihm, um ihn in Schach zu halten. Dabei geriet er zu tief in die Reihe der Banditen hinein. Einer der Mexikaner zog auch prompt den Revolver, um ihn von der Seite her niederzuschießen. Das sahen Jimmy und Buster Tom. Beide rissen die Gewehre hoch.

„Halt!“, brüllte Buster Tom.

Doch es war zu allem zu spät.

Revolver und Gewehre rasten auf. Es krachte und knallte. Die Männer beschossen sich aus nächster Entfernung. Buster Tom, Jimmy und Matt sprangen an den ersten Wagen zurück, um Deckung zu haben. Dabei wurde Jimmy die Weste von einem Streifschuss zerfetzt. Buster Tom sah, wie ihm das Blut den Arm hinablief. Doch er konnte sich nicht um den Jungen kümmern.

Ein Trupp Banditen war in langen Sätzen zur Hütte gerannt. Vier davon erreichten sie, warfen sich dort zu Boden und schossen auf die Männer unter dem ersten Wagen. Buster Tom riss das Gewehr an die Schulter und jagte Schuss auf Schuss hinüber.

Dunham tauchte neben ihm und Matt auf. Er kniete nieder, feuerte und sprang dann hoch. Lazero und die anderen Mexikaner folgten ihm. Drüben vor der Hütte schossen sie später auch die Banditen nieder, die Buster Tom nur verletzt hatte.

Von einem Augenblick zum anderen herrschte jähe Stille. Rauchschwaden trieben über den Platz. Buster Tom stand auf und stapfte vor zu den Zugpferden, vor denen die Reittiere standen. Zwei der Banditen hatten in die Sättel zu kommen versucht. Sie hingen tot in den Bügeln. Er sah sich kurz um. Nicht einer der Banditen war noch am Leben. Aber es hatte auch zwei von Dunhams Mexikanern erwischt.

„Mein Gott!“, keuchte Matt hinter ihm. „Hätten wir das nicht anders anfangen sollen?“

Buster Tom hatte sich die gleiche Frage gestellt. Er sah Matt nur an. Dann liefen sie alle zu den Zisternen, wo Dunham und die Mexikaner die Gitter bereits zur Seite gerissen hatten und den Frauen heraushalfen.

Es waren vier Frauen. Zwei davon waren noch sehr jung. Sie wurden von den Mexikanern sofort in Decken gewickelt und zu den Wagen getragen. Die beiden anderen waren etwa dreißig Jahre alt. Eine war groß und blond. Die zweite war eine hübsche dunkelhäutige Mexikanerin. Sie hatte sanft dreinblickende Augen. Jimmy ging rasch zu ihr hin und stützte sie.

Sie setzten die Frauen auf den ersten Wagen, sammelten die Waffen der Banditen ein, holten auch deren Pferde und rüsteten auf Dunhams Befehl sofort zum Aufbruch. Die Mexikaner schleppten Kisten und Säcke aus der Hütte.

„Ich denke, wir lassen einen Wagen zurück“, meinte Dunham. „Sobald sich die Frauen etwas erholt haben, satteln wir Pferde und lassen auch den Wagen stehen.“

„Wohin wollen Sie die Frauen bringen, Dunham?“, wollte Buster Tom wissen.

„Raus aus Mexiko, Mr. Copper!“, erklärte Dunham. „Auf dem schnellsten Weg! Ich wäre Ihnen zu Dank verpflichtet, wenn Sie mit Ihren Männern bis zur Grenze hinauf noch bei uns bleiben würden.“

„Wenn wir den gleichen Weg haben, bleiben wir auch zusammen“, sagte Buster Tom und schlug Dunham auf die Schulter.

Zwei Mexikaner schleppten ein Wasserfass aus der Hütte. Lazero folgte ihnen und schlug die Tür hinter sich zu. Kurz darauf drang Qualm ins Freie. Lazero hatte die Hütte im Innern angezündet.

„Aufbruch!“, rief Dunham. „Wir fahren los!“

Buster Tom ging zu den Pferden. Jimmy saß schon im Sattel und ritt an die Seite des Wagens, unter dessen Plane die Frauen saßen. Matt hatte auf Buster Tom gewartet.

„Unser Geschäft ist erledigt, Tom“, empfing ihn Matt, den dieses Massaker sichtlich erschüttert hatte. „Sehen wir zu, dass wir heimkommen.“

Buster Tom schwang sich in den Sattel. „Dunham zieht zur Grenze. Da haben wir den gleichen Weg.“

Matt saß auf. Beide blickten auf die Hütte, aus der es durch Ritzen und Fugen rauchte.

Die Mexikaner saßen auf dem Wagen und brachten die Pferde in Gang. Jimmy, die beiden Amerikaner, Lazero und Dunham ritten nebenher. Buster Tom und Matt schlossen sich an. Matt hielt jedoch sofort wieder ein, als er sah, dass Dunham alle übrigen Pferde zurückließ.

„Tom!“, rief er. „Die Pferde! Die Tiere kommen doch um, oder glaubst du vielleicht, dass sie den Weg aus der Steinwüste finden?“

„Dunham!“, brüllte Buster Tom.

Dunham drehte sich im Sattel und trieb sein Pferd widerwillig zur Seite.

„Die Pferde!“, rief Buster Tom. „Wir müssen die Tiere mitnehmen. Sie sind zu sehr an Menschen gewöhnt und verlassen sich einfach darauf, dass für sie gesorgt wird.“

„Die werden schon wissen, wohin sie zu laufen haben!“, rief Dunham.

„Ja, aber dann wird es zu spät sein!“, rief Matt.

Buster Toms Pferd scheute, da in der Hütte eine Schachtel Patronen explodierte, die von den Mexikanern übersehen worden sein musste. Im selben Moment schlugen auch die Flammen prasselnd und fauchend durch das Dach.

Dunham rief etwas. Buster Tom folgte Matt, der zu den Pferden ritt und die Tiere mit lauten Rufen aufscheuchte. Die Tiere wandten sich von Matt ab. Buster Tom jagte rasch auf die andere Seite, riss den Hut vom Kopf und schwenkte ihn. Die Tiere drehten sich suchend, gingen hoch und jagten dann in die Richtung, die ihnen Buster Tom und Matt freiließen, der Kolonne nach.

Sie brauchten die Tiere später nicht mehr zusammenhalten. Sie hielten sich von selbst in der Nähe des Wagens.

*

image

Die beiden Amerikaner, die Warren und Brastow hießen, wandten sich an Buster Tom, als Dunham ein Stück vorausritt.

„Dunham hat uns erklärt, er will zur Grenze“, sagte Brastow, der etwa dreißig Jahre alt war, durch sein verwildertes Aussehen jedoch bedeutend älter wirkte.

„Uns hat er nichts anderes erklärt“, versetzte Buster Tom.

„Warum zieht er denn nicht nach Norden?“, meinte Warren. Auch er war in diesem Alter. Don Pedros Banditen hatten ihn auf dem Weg zu den Goldfeldern in Kalifornien überwältigt, wie Buster Tom wusste. Er war ein kleiner untersetzter Mann, der ziemlich unerschrocken und furchtlos wirkte.

„Ich schätze, er wird den Weg kennen, den er mit dem Wagen fahren muss“, erwiderte Buster Tom. Dabei schaute er zurück. Die Hütte brannte lichterloh. Über dem Camp hing eine dichte schwarze Rauchwolke.

„Wenn Dunham nicht bald abschwenkt, werden wir uns absetzen“, brummte Brastow. „Wir haben unseren Dank abgegolten, indem wir halfen, die Frauenzimmer zu befreien, die übrigens bereits wieder mächtig munter zu sein scheinen. Sie lachen mit Lazero.“

„Sie werden froh sein, dass sie ihre Freiheit wiederhaben“, sagte Buster Tom.

Brastow spie angewidert aus. „Du weißt jedenfalls Bescheid, Copper! Warren und ich fühlen uns zu nichts mehr verpflichtet. Außerdem haben wir dieses verdammte Mexiko satt bis zum Hals hinauf. Wenn Dunham noch lange ostwärts zieht, muss es uns leid tun.“

„Sprecht mit Dunham darüber“, versetzte Buster Tom. „Er hat es verdient. Es wäre unfair, wenn wir uns seitwärts in die Büsche schlügen und ihn mit dem Wagen allein ließen.“

Warren und Brastow ritten wieder nach vorn. Matt grinste säuerlich. „Die haben mir aber verdammt aus dem Herzen gesprochen, Tom.“

Buster Tom trieb sein Pferd an. „Ich werde sofort mit Dunham reden, zum Henker, und ihn fragen, warum er nicht direkt nach Norden zieht.“

Buster Toms Pferd, ein großer Brauner. galoppierte los. Als Buster Tom den Wagen überholte, hielt der auf einmal an. Dunham stand mit seinem Pferd vor dem Gespann, ein Fernglas vor den Augen, durch das er angestrengt südwärts blickte.

„Verdammt!“, murmelte er da auch schon, setzte das Glas ab und sah Buster Tom verdrossen an. „Truppen! Mexikanische Grenztruppen!“

Buster Tom kniff die Lider zusammen. „Außer einer dünnen Staubglocke, die sich jedoch direkt auf sie zubewegte, konnte er nichts erkennen.

„Mexikanische Grenztruppen haben wir doch nicht zu fürchten, Mr. Dunham“, meinte er.

„Sie sind mit dem Land nicht vertraut“, sagte Dunham. „Es sind vielleicht zwanzig Reiter. Mehr nicht. Eine große Abteilung wäre tatsächlich nicht gefährlich. Aber in kleinen Kommandos sind mexikanische Soldaten wahre Teufel, die vor nichts zurückschrecken, um ihren miesen Sold etwas aufzubessern. Unsere Pferde und Ausrüstungsgegenstände bedeuten für die Kerle einen Haufen Geld. Von den Frauen will ich gar nicht sprechen, die vom Regen in die Traufe kommen könnten, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Buster Tom blickte spähend nach Süden. Von mexikanischen Soldaten, überhaupt von diesem Land, hatte er bereits die merkwürdigsten Geschichten vernommen. Es schien ein Land zu sein, in dem einfach alles möglich war und passieren konnte. Er hatte es am eigenen Leib erfahren.

„Wir müssen verschwinden!“, zischte Dunham. „Und das verdammt rasch, wenn uns das Leben lieb ist. Die Kerle reiten zum Camp. Die Rauchschwaden der brennenden Plütte locken sie an. Doch dann werden sie unseren Spuren folgen.“

Lazero war am Wagen entlang gekommen und blieb vor Dunham und Buster Tom stehen.

„Wir sollten uns aus dem Staub machen, Dunham“, sagte er. „Sobald uns die Kerle eingeholt haben, wären wir gezwungen, sie uns vom Leib zu halten, wenn wir kein Risiko eingehen wollen. Wenn es sich um die richtige Sorte Soldaten handelt, liefern wir ihnen damit genau das, was sie brauchen, um uns die Hälse durchschneiden zu können.“

Buster Tom biss sich auf die Lippe.

Dunham nickte Lazero zu. „Verdammt, fahr zu! Nach Norden hinauf!“

Lazero rannte zum Wagen zurück, stieg auf und trieb die sechs Zugpferde mit wilden Peitschenschlägen an. Er fuhr einen Bogen und schwenkte nach Norden ein. Die Reiter schlossen sich an.

*

image

Die Männer ließen die Staubfahne nicht aus den Augen. Die mexikanische Grenzpatrouille ritt direkt auf die Rauchschwaden zu, die tief und schwarz über dem Camp hingen. Buster Tom dachte dabei nicht nur an die brennende Hütte, sondern auch an die vielen Toten, die dort zurückgeblieben waren. Damit war für ihn klar, dass ihnen die Soldaten folgen würden, und er verstand auch, warum es Dunham so eilig hatte.

Doch sie waren nicht schnell genug. Die mexikanische Patrouille machte an der brennenden Hütte halt. Dann folgten sie der Fährte, die Wagen und Reiter deutlich hinterlassen hatten. Sie holten dabei rasch auf, da die Männer mit dem Wagen nicht schnell genug waren.

„Die Burschen werden uns gegen Abend einholen“, meinte Matt Jackson zu Buster Tom. „Die Kerle haben die vielen Toten gesehen und längst begriffen, dass wir vor ihnen fliehen. Das kann ein böses Fest geben.“

„Fest!“ schimpfte Jimmy. „Du bist gut. Wir haben keine Chance, wenn den Brüdern unsere Pferde, unsere Waffen und die Frauen gefallen. Da hätten wir getrost mit Don Pedro nach Ensenada ziehen können. Der verdammte Wagen, Vater! Er wird uns um alles bringen.“

Buster Tom sah sich um. Jene Pferde, die freilich ohne Sättel waren, die er mit Matt aus dem Camp getrieben hatte, befanden sich immer noch bei ihnen. Er galoppierte an und ritt vor zu Dunham.

„Wir müssen anhalten“, sagte Buster Tom zu ihm, als er den Braunen scharf aufnahm. „In zwei, drei Stunden sind die Soldaten bei uns. Lassen wir den Wagen stehen, Mr. Dunham! Die Frauen sollen unsere gesattelten Pferde nehmen. Wasser und Proviant können wir den Zugpferden aufladen.“

Dunham ritt zur Seite weg. Buster Tom folgte ihm. Sie ließen den Wagen und die Männer passieren und schauten angestrengt zurück.

„Zum Henker, ja!“, schnaufte Dunham wütend. „Diese Hundesöhne wittern Beute. Diese Gewissheit scheint ihren Pferden Flügel zu verleihen.“

„Fast sieht es so aus!“ brummte Buster Tom. „Aber es ist bestimmt nur der Wagen. Wenn sie uns heute nicht erwischen, dann todsicher morgen. Wir kommen in das Gebiet der Flugsandfelder, die wir mit dem Wagen umgehen müssten. Das gibt der Patrouille die Möglichkeit, uns den Weg abzuschneiden.“

„All right, halten wir an!“, schnaufte Dunham. „Lassen wir diesen verdammten Wagen hier zurück.“

Sie folgten dem Wagen, und Dunham gab seine Befehle. Buster Tom und Jimmy, Warren und Brastow stellten den vier Frauen ihre gesattelten Pferde zur Verfügung. Dabei bemerkte Buster Tom, dass die Frauen tatsächlich nicht mehr so erschöpft und erledigt waren, wie sie zu Beginn der Reise gewirkt hatten.

Kisten, Wassersäcke und Proviantbeutel luden die Männer auf die Zugtiere um. Dunham, Lazero und die anderen Mexikaner beluden einen schwarzen Wallach mit zwei Kisten und einem Sack. Sie hielten sich dabei etwas abseits und stellten es so an, dass weder einer von den Coppers noch Warren oder Brastow behilflich sein konnten. Das fiel jedoch nur Matt auf.

Er machte Buster Tom darauf aufmerksam. „Sieh dir die drei an, Tom! Ich glaube fast, die haben außer den vier Frauen auch noch etwas anderes in Sicherheit zu bringen.“

„Was geht es uns an?“, brummte Buster Tom. „Wir ziehen nach Norden, gleich rascher als zuvor. Nur das liegt in unserem Sinn.“

Die blonde Frau ging zu Dunham und den Mexikanern hinüber, legte die rechte Hand auf eine der Kisten und sprach mit den Männern.

„Die scheint von der Ladung Kenntnis zu haben“, raunte Matt.

„Du bist schon immer ein alter misstrauischer Bär gewesen“, zischte Jimmy.

„Stimmt!“, versetzte Matt gereizt. „Aber da ist. noch etwas, das mich auszeichnet. Ich irre mich selten. Fast nie!“

Jimmy spie im hohen Bogen aus. Dann ging er zu den drei anderen Frauen, die schon aufgesessen waren und auf das Zeichen zum Aufbruch warteten.

„Jimmy hat es auf das dunkelhäutige Mädchen abgesehen“, grinste Matt. „Dabei möchte ich wetten, dass sie ihm noch nicht einmal richtig in die Augen geblickt hat. Doch wenn sie es tut, da möchte ich mit dir altem Esel wetten, wird es um den Jungen völlig geschehen sein.“

„Er ist alt genug!“, brummte Buster Tom. „Außerdem ist sie tatsächlich so schön, dass ein Kerl von Jimmys Art ein bisschen durcheinandergeraten kann.“

*

image

Drei Minuten später setzten die Männer mit den Frauen und den Packtieren den Weg fort. Der Wagen blieb einsam und verlassen inmitten der Steinwüste zurück. Doch Dunham hatte trotzdem gegen die Grenzpatrouille keine Chance. Dass sie etwas beweglicher waren, rettete sie nur über die Nacht hinweg. Als sie am anderen Morgen aus felsigem Terrain in die erste sandige Ebene kamen, wurden sie von den Soldaten eingeholt und umstellt.

Sie hielten an und stiegen von den Pferden. Aus dem Ring der mexikanischen Soldaten löste sich ein Reiter und kam langsam zu ihnen geritten. An den Kragenaufschlägen erkannten sie, dass es sich dabei um einen Offizier handelte.

„Eine miesere Gegend haben wir uns nicht aussuchen können“, raunte Warren scharf in das Schweigen der anderen hinein, deren Blicke ausnahmslos auf den Offizier der Grenztruppe gerichtet waren. „Wo, zum Teufel, gibt es hier Deckung?“

„Wimmere jetzt nicht um dein bisschen Leben!“, zischte Jimmy. „Denk an die Frauen, die wir hier bei uns haben! Außerdem ist dieser Platz zum Kämpfen so gut und so schlecht wie jeder andere!“

Der Offizier kam herangeritten, hielt, salutierte gelassen, blickte auf die Frauen und grinste breit und freundlich.

„Wer ist der Chef?“, fragte er auf spanisch.

Dunham reckte sich.

„Mister, Sie gestatten mir, dass ich das Gepäck durchsuche?“, grinste der Offizier.

„Ich glaube nicht, dass das gehen könnte!“, versetzte Dunham trocken.

„Täuschen Sie sich nicht in mir. Ich sehe zwar aus wie ein Gringo, ich bin aber keiner. Ich bin hier geboren und kenne die Gesetze. Packt euch, oder es wird ein schlimmes Ende mit uns allen nehmen.“

Das Grinsen des Offiziers vertiefte sich noch. Doch nur für einen kurzen Moment. Dann schienen seine Augen zu brennen. Er fluchte fürchterlich. „Gesetze kennen!“, äffte er Dunham nach. „Ihr habt da hinten eine Menge Männer umgebracht und deren Hütte ausgeraubt. Kennst du die Gesetze wirklich, Gringo? Dann wirst du wissen, dass auf jeden von euch der Strick wartet. Werft die Waffen weg! Das ist ein Befehl!“

Da zog Dunham abermals den Colt, wie schon den Tag zuvor im Camp der Banditen. Doch diesmal schoss er sofort.

Der Offizer sah ihn mit einem halbirren Ausdruck in den Augen an und stürzte den Bruchteil einer Sekunde später tot aus dem Sattel.

„Sind Sie verrückt?“, rief Buster Tom erschrocken.

„Idiot, jetzt sind wir alle verloren!“, kreischte Warren.

Dunham sah kurz von einem zum anderen. „Es sind zwanzig Mann, so dass zwei auf jeden von uns kommen. Doch ohne ihren Offizer taugen die Kerle nichts. Es sei denn, sie können zu zehnt auf einen einzigen armseligen Bastard losgehen! Von den Pferden!“, brüllte er.

Da fielen auch schon die ersten Schüsse. Die Soldaten begannen zu feuern, brachten die Pferde in Galopp und zogen die Säbel.

Jimmy rannte zu den Frauen und stieß sie zu Boden, hockte sich vor ihnen nieder und begann zurückzuschießen. Auch Warren und Brastow stürzten zu den Frauen. Buster Tom und Matt warfen sich vor ihren Pferden auf die Bäuche. Dunham und die Mexikaner knieten vor dem Packpferd nieder, auf dessen Rücken jene beiden Kisten und der Sack geschnallt waren. Lazero hielt dabei die Zügel, damit das Tier nicht weglaufen konnte.

Buster Tom beobachtete das, maß dem aber keine Bedeutung bei.

Der Ring der Angreifer näherte sich, trotz des heftigen Gewehrfeuers von Dunhams Trupp rasch und unaufhaltsam, wie es schien. Erst als die Reiter auf fünfhundert Yard herangekommen waren, sich zur Attacke zusammenschlossen, und im dichten Pulk, brüllend und säbelschwingend, herangerast kamen, gerieten sie in das konzentrierte Feuer der schnellschießenden Winchestergewehre. Sie verloren mit einem Schlag sieben Mann. Die Männer stürzten aus den Sätteln. Auch Pferde gingen getroffen zu Boden. Staub quirlte empor. Die vorderen Reiter rissen die Pferde in den Stand, warfen sie dann herum und schwenkten im gestreckten Galopp nach Osten hin ab. Nur die Hälfte der Patrouille war noch imstande, jenen drei Spitzenreitern zu folgen. Vier reiterlose Pferde galoppierten mit schwingenden Bügeln am Schluss.

Buster Tom und Matt standen schnaufend auf.

„Weiterschießen!“, brüllte Dunham. „Sie dürfen nicht entkommen.“

Buster Tom und Matt aber ließen die Gewehre sinken, weil sie nicht einmal im Traum daran dachten, fliehende Männer in die Rücken zu schießen. Jimmy hatte ebenfalls aufgehört zu feuern. Dann stellten auch Warren und Brastow das Schießen ein. Nur die Gewehre von Dunham und den Mexikanern krachten noch. Sie stellten das Feuer erst ein, als von den Soldaten nichts mehr zu sehen war.

Dunham sprang auf und kam zu Buster Tom gerannt. „Copper, Sie sind ein Narr!“, krächzte er. „Die Burschen werden Verstärkung holen und wiederkommen. Darauf können Sie sich verlassen! Und dann werden Sie bereuen, hier mit Munition gegeizt zu haben. Diese Brut taugt nur etwas, wenn sie tot ist. Aber das begreifen Sie noch. Bloß wird es dann zu spät sein.“

„Ich habe da andere Ansichten!“, versetzte Buster Tom gelassen.

Dunham blickte ihn wütend an. „Jetzt müssen wir die Richtung ändern!“

Buster Tom nickte.

Warren und Brastow kamen herangestapft. Beide kochten vor Zorn.

„Eines der Mädchen ist tödlich getroffen worden!“, bellte Warren. „Und das, Dunham, ist allein deine Schuld. Warum hast du den Offizier erschossen?“

Die Männer liefen rasch zu den Frauen hinüber. Jimmy richtete sich gerade auf.

„Nichts mehr zu machen“, sagte er zu Buster Tom gewandt. „Sie ist tot.“

Buster Tom schaute dem toten Mädchen ins Gesicht. Er konnte nicht sehen, wo es getroffen worden war. Er sah nur, dass es sehr jung gewesen war. Das andere Mädchen weinte. Die Mexikanerin und die blonde Frau sahen Dunham an.

„Wir müssen sie begraben, Dunham!“, sagte die blonde Frau. „Es muss schnell gehen. Wir müssen weiter. Aber nicht mehr nach Norden. Die Männer sollen unsere Fährte verwischen.“

Dunham biss sich auf die Lippen. Buster Tom sah von ihm auf die blonde Frau und wieder zurück. Die Frau hatte recht. Doch die Art, in der sie Dunham ihre Ansicht mitteilte, gab Buster Tom zu denken.

„Sieh zu, wie du mit allem fertig wirst, Dunham!“, zischte Warren. „Brastow und ich, wir haben den Laden satt.“

Dunham starrte ihn an. „Wir sind noch nicht am Ziel!“, sagte er eisig.

„Das werden wir auf diese Art auch nie erreichen“, zischte Warren. „Deshalb trennen wir uns hier.“

Da flogen die Gewehre der Mexikaner hoch. Dunham lächelte steinern. Warren und Brastow sahen kurz von einem zum anderen und traten dann ein Stück zurück, entschlossen, diese Herausforderung anzunehmen.

„Dunham!“, rief Buster Tom. „Sie können den Leuten hier nicht mit Gewalt Ihren Willen aufzwingen. Lassen Sie die Männer reiten. Wir kommen schon allein zurecht.“

„Ich will einfach, dass sie bleiben!“, zischte Dunham.

„Tu, was dieser grauhaarige Mann rät, Dunham!“, sagte die blonde Frau, indem sie Buster Tom kurz musterte. „Lass die Narren ziehen! Wir haben keine Zeit zu einer Auseinandersetzung. Außerdem können wir es uns nicht leisten, auch noch einen von uns zu verlieren.“

„Dunham erteilt hier die Befehle, Lenna!“, erinnerte Lazero die Frau.

„Ihr werdet die Frauen nicht im Stich lassen!“, warf da Jimmy wütend ein.

Buster Tom blickte betroffen zu ihm hinüber. Jimmy war hinter den Frauen aufgetaucht und hatte sein Gewehr auf Warren und Brastow gerichtet. Damit half er, Brastow und Warren zu überwältigen. Doch er rettete den beiden damit praktisch das Leben; denn sein Eingreifen überzeugte sie von der Aussichtslosigkeit ihrer Lage.

„All right!“, brummte Warren. „Es ist nicht mehr unsere Absicht, euch zu verlassen.“

Ohne sich um die anderen zu kümmern, wandten sich Warren und Brastow ab. Jimmy und die Mexikaner ließen die Gewehre sinken und sahen zu Dunham.

Da stürzte Warren an Brastow vorbei  und griff Jimmy mit wilden Schwingern an. Es hatte zunächst ausgesehen, als wäre er gestolpert. Aber da kippte Jimmy schon getroffen hintenüber und krachte zu Boden.

„Warren!“, brüllte Buster Tom und rannte los. Auch alle anderen gerieten in Bewegung, um Warren zurückzureißen. Selbst die blonde Frau, die Lenna hieß, lief hinüber.

Jimmy hatte sein Gewehr fallen lassen, als er aufschlug. Doch bevor die anderen zur Stelle waren, sprang er wieder auf die Füße und trieb Warren mit wütenden Schlägen vor sich her, bis ihn die anderen einholten und festhielten.

Der letzte Schwinger von Jimmy trieb Warren einmal um sich selbst, dann fiel er gegen das Packpferd, auf dem jene beiden Kisten und der Sack geladen waren. Während ihm von dem fürchterlichen Schlag die Sinne schwanden, suchte er an der Ladung Halt und riss sie mit zu Boden.

Der Wallach scheute und drehte sich erschrocken. Dabei knallten seine Hufe gegen die Kisten und den Sack. Lazero sprang fluchend hinzu, ergriff das Tier an der Kinnkette, um es zur Seite zu führen. Da schlug der Wallach die eine Kiste mit einem wuchtigen Tritt auseinander.

Es rieselte, raschelte und klirrte. Gold und Silber fiel heraus - in Barren, Nuggets, Platten und kostbarem Geschmeide. Der Wallach stampfte noch einmal hinein, ehe ihn Lazero zur Seite geführt hatte.

Einen Augenblick herrschte gespannte Stille. Die Männer und die drei Frauen starrten auf den Schmuck und die Metallklumpen. Dann krochen ihre Blicke zu Dunham. Buster Tom und die beiden Mexikaner, die Jimmy gepackt hielten, ließen ihn los. Warren kam zu sich, richtete sich auf und starrte auf den Schatz. Dann sah auch er Dunham in die Augen.

„Wir ziehen weiter!“, keuchte Dunham.

Niemand rührte sich.

Dunham sah Buster Tom an. „Es gehört den Frauen!“, krächzte er. „Als die Banditen Lennas Haus überfielen, haben sie die Sachen gestohlen. Stimmt es, Lenna?“

Lenna antwortete nicht. Die Lüge war zu offensichtlich.

„Lazero!“, sagte Dunham. „Bringe die Kisten in Ordnung! Jimmy, Matt! Ihr begrabt das Mädchen. Copper, Sie gehen auf Wache, bis wir den Fleck verlassen haben.“

Buster Tom wandte sich sofort ab. Auch Matt und Jimmy kamen Dunhams Befehlen nach. Warren und Brastow begaben sich zu ihren Pferden.

Buster Tom suchte sich abseits, etwa zweihundert Schritt von den anderen entfernt, einen überhöhten Fleck aus, hockte sich dort auf einen Stein und sah sich um. Von den Soldaten war weit und breit nichts zu sehen. Nicht einmal Staub hing noch in der Luft. Er sah sich fortgesetzt um. Doch immer wieder kehrte sein Blick zu Dunham zurück, der zusah. wie Lazero die Kiste reparierte und sich dabei mit dieser Lenna und der Mexikanerin unterhielt. Das andere Mädchen hockte neben der Toten, für die Jimmy und Matt ein Steingrab herrichteten. Später halfen ihnen die anderen dabei.

Nach einer Viertelstunde rüstete der Trupp zum Aufbruch. Dunham winkte Buster Tom herunter. Während die Kolonne anritt, stieg Buster Tom von dem Stein. Jimmy und Matt kamen ihm mit seinem Pferd entgegen.

Die beiden sahen ihn schweigend an. Er lächelte, griff nach den Zügeln und schwang sich in den Sattel.

„Das Zeug gehört den Frauen!“, sagte Jimmy mit Bestimmtheit.

„Lass dir sagen, dass uns Dunham belogen hat“, raunte Matt grollend. „Wir haben ihm geholfen, das Versteck von Don Pedro auszurauben.“

Jimmy spie aus, um kundzutun, dass er auf seiner Meinung beharrte.

„Sag du es ihm, Tom!“, verlangte Matt.

Buster Tom nickte. „Well, Dunham hat uns hereingelegt. Wir wissen jetzt, warum er uns befreit hat.“

„Dein Vater hat ebenfalls Augen im Kopf!“, meinte Matt gereizt.

„Ich kann immer nur feststellen, dass wir die Frauen befreit haben“, sagte Jimmy.

„Die sind in die Zisterne gekrochen, bevor wir eingetroffen sind“, sagte Matt und wandte sich an Buster Tom. „Oder hast du gesehen, dass Lazero die Gitter aufschloss? Einfach zur Seite geworfen hat er sie, und dann sind die Frauen herausgekommen.“

Buster Tom nickte. „Ja, Dunham hat uns da ein bisschen Theater vorführen lassen. Aber das soll uns nicht kümmern. Wir haben durch ihn unsere Freiheit wiedergewonnen.“

„Soll das heißen, dass du entschlossen bist, Dunham mit dem Gold in Sicherheit zu bringen?“, fragte Matt überrascht. „Ich wette, dieser Don Pedro hat den Braten längst gerochen.“

Jimmy und Matt sahen Buster Tom gespannt an.

„Wir bleiben bei ihm, bis wir eine Gelegenheit haben, uns auf anständige Weise von ihm zu trennen“, sagte Buster Tom.

„Die Gelegenheit kommt hoffentlich bald!“, schnaufte Matt. „Ich meine, ehe uns Don Pedro mit seinen Bastarden eingeholt hat! Von den Soldaten, die wir jetzt schon im Nacken haben, will ich gar nicht reden.“

„Kommt! Rasch!“, rief Buster Tom und brachte sein Pferd in Gang.

Die Kolonne war ins Stocken geraten. Alle sahen sich nach ihnen um. Erst als sie aufgeschlossen waren, setzte Dunham den Weg fort. Er ritt an der Spitze. Hinter ihm ritt Lazero, die Leine des Packpferdes am Zügel. Ihm folgten die beiden anderen Mexikaner mit den übrigen Packpferden, die Wasser und Proviant trugen. Dann kamen die drei Frauen, hinter denen Warren und Brastow ritten.

Brastow ließ Buster Tom an seine Seite kommen. „Ihr drei, ihr habt euch wohl sofort zu einem Extrageschäft entschlossen wie?“, fragte er hämisch.

„Sei kein Narr, Brastow!“, erwiderte Buster Tom gelassen.

*

image

Sie ritten den ganzen Tag nach Osten.

Hitze und Staub machten Frauen und Männern arg zu schaffen.

Auch die Tiere hatten mächtig darunter zu leiden. Aber mehr noch litten sie wohl am Durst; denn Dunham richtete sich darauf ein, noch weiter durch diese wasserlose Weite ziehen zu müssen und setzte die Portionen für die Tiere auf ein Minimum herab. Bei der Kolonne befanden sich noch fünf Pferde, die einfach nur mitliefen und die auch ständig ihre Rationen bekommen hatten. Diese Tiere erschoss Dunham auf einmal, ohne sich deswegen mit einem anderen besprochen zu haben.

Es gab nur einen kurzen Aufenthalt. Dann zogen sie schon weiter.

Als dann die Sonne sank, sank auch sofort die Temperatur. Doch zunächst bemerkten das die Männer und Frauen nicht. Das wurde ihnen erst klar, als sie bei Einbruch der Dunkelheit vor einem Klippenfeld zum Lagern anhielten und kein Feuer entzünden konnten, da es weit und breit kein Holz und keine Kakteen gab. Sie besaßen noch eine Kanne Brennspiritus, den Dunham jedoch für spätere Gelegenheiten aufheben wollte. So wickelten sich die Männer und Frauen nach dem Essen sofort in die Decken.

Dunham und die Mexikaner teilten sich allein in die Wache. Das war für alle anderen ein Zeichen, dass Dunham ihnen nicht mehr traute, nachdem offenbar geworden war, welche Ladung sich auf dem schwarzen Wallach befand.

Die Nacht kam, mit ihrer geradezu bitteren Kälte. Buster Tom schlief jedoch aus einem anderen Grund schlecht. Diese Kisten voll Gold und Silber bereiteten ihm Sorgen.

Dunham übernahm die erste Wache. Lazero löste ihn ab. Dann war der Mexikaner an der Reihe, der Momo genannt wurde. Danach schlief Buster Tom fest. Er erwachte erst wieder, als es Tag wurde.

Er richtete sich sofort jäh auf und griff nach dem Gewehr, da er von einem Geräusch geweckt worden war.

„Liegenbleiben, Copper!“, zischte da schon eine Stimme hinter ihm.

Es war Warren! Buster Tom sank zurück und drehte langsam den Kopf.

Warren hatte soeben den Posten überwältigt. Es war jedoch nicht mehr Momo. Dessen Gefährte hatte ihn irgendwann abgelöst. Buster Tom sah sofort, dass der Mexikaner tot war. Warren hatte ihn entweder erschlagen oder erstochen.

Buster Tom begriff, um was es ging. Aber da entdeckte er auch schon Brastow, der sich hinter den ersten Klippen auf Dunham und Lazero zubewegte, die direkt neben den Kisten und dem Sack schliefen.

Als Brastow dicht hinter Dunham stehenblieb, jagte Warren einen Schuss über Buster Tom hinweg.

Alle sprangen auf die Füße. Auch die drei Frauen. Nur Buster Tom, der die Bedrohung kannte, blieb arn Boden.

„Bleibt, wo ihr seid!“, brüllte Brastow. „Wer sich rührt, wird erschossen. Lazero, Momo! Werft die Waffen fort! Dann nehmt die Kisten und tragt sie zu dem Wallach. Rasch! Bewegt euch, wir sind keine sehr geduldigen Leute, mein Freund und ich.“

Stille herrschte. Keiner bewegte sich. Warren konnte geradezu mühelos jeden Mann niederhalten. Hinzu kam, dass Brastow nur abzudrücken brauchte, um Dunham oder die Mexikaner aus nächster Nähe zu erschießen.

„Ihr verdammten Schakale!“, zischte Jimmy.

„Halt’s Maul, Junge, wenn dir das Leben lieb ist!“, brummte Warren hinter ihm. „Zuck nicht mit der Wimper, rate ich dir!“

Jimmy schwieg daraufhin. Was hätte er auch tun sollen? Sein Gewehr lag zwar genau vor ihm. Doch bevor er es in die Fäuste, hoch und herum hätte nehmen können, war Warren in der Lage, ihn dreimal zu treffen. In dieser Situation befand sich nicht nur Jimmy, sondern auch alle anderen. Buster Tom gab Jimmy mit einem kurzen Blick zu verstehen, dass er sich aus der Sache heraushalten solle.

„Bewegt euch!“, schrie Brastow, da Lazero und Momo keine Anstalten machten, seinem Befehl nachzukommen.

Da stand Dunham langsam auf. Er hielt die Hände an den Schultern, um Brastow nicht nervöser zu machen, als er es schon war.

„Brastow!“, sagte er geradezu gutmütig. „Ihr werdet nicht weit kommen. Oder bildet ihr euch tatsächlich ein, wir lassen euch ziehen? Nicht eine Meile!“

„Schön, dass du das sagst!“, zischte Brastow. „Du wirst die Kugel, mit der wir uns hier verabschieden, zwischen die Augen bekommen. Los, hilf den Mexikanern, das Packpferd fertigzumachen! Vorwärts!“

Er schoss dreimal schnell hintereinander. Die Geschosse peitschten vor Dunham in den Sand. Staubfontänen spritzten hoch und wurden vom Wind weggetragen.

Da nickte Dunham den Mexikanern zu. Lazero bückte sich daraufhin langsam, griff nach einer Kiste und trug sie zu den Pferden.

„Du, die andere, Momo!“, fauchte Brastow. „Los, und keine falsche Bewegung, oder Dunham wird für euch in der Hölle Quartier machen.“

Momo bückte sich umständlich. Dann stapfte auch er zu den Pferden. Keiner besaß eine Chance, Brastow oder Warren aufzuhalten. Um Dunhams Leben nicht aufs Spiel zu setzen, beluden die beiden den Wallach mit den Kisten, banden die Ladung fest und kehrten langsam zurück.

„Nun sattelt zwei Pferde!“, empfing sie Brastow.

Lazero und Momo kamen auch diesem Befehl nach. Als die Tiere bereitstanden, ergriff Brastow den Sack vor Dunhams Füßen, in dem er ebenfalls irgendwelche Schätze vermutete. Der Sack war nicht groß, aber ziemlich schwer. Brastow hielt ihn in der Linken, mit der rechten Hand hielt er die Winchester auf Dunhams Leib gerichtet.

„So verabschieden wir uns nun, Mister Dunham!“, schnaufte er grinsend.

Buster Tom hielt den Atem an. Doch Brastow machte seine Drohung, Dunham eine Abschiedskugel in die Stirn zu jagen, nicht wahr. Er glitt langsam an Dunham vorbei, befahl Lazero und Momo, sich platt auf die Erde zu legen. Nachdem dies geschehen war, bewegte er sich langsam und rückwärtsgehend auf die Pferde zu. Als er dort stehenblieb, setzte sich Warren in Bewegung.

Warren lief zunächst seitwärts auf die Klippen zu, glitt dort rasch an den Frauen vorbei und blieb vor den Proviantsäcken und den Sätteln stehen.

Der Wasservorrat, über den sie alle noch verfügten, war in einem Fass und in zwei Ziegenlederschläuchen untergebracht. Warren blickte noch einmal in die Runde, bückte sich blitzschnell und nahm einen der Wasserschläuche auf. Dann schoss er in das Fass und den zweiten Ziegenlederschlauch.

Die Männer und Frauen erstarrten, blickten entsetzt auf das glitzernde Nass, das aus den Behältern spritzte und im Sand und zwischen den Steinen versickerte.

Vermutlich wären Warren und Brastow mit dem Gold und dem Silber und vielleicht auch noch mit sämtlichen Pferden weggekommen. Doch als Warren den restlichen Wasservorrat vernichtete und für alle anderen damit praktisch das Todesurteil aussprach, war es um deren Furcht und Entsetzen geschehen. Es ging für die anderen nicht mehr darum, unter Umständen von Warren oder Brastow getroffen und getötet zu werden. Was sie alle handeln ließ, war der nackte egoistische Wille, dem Tod zu entrinnen und am Leben zu bleiben.

Buster Tom, Matt und Jimmy griffen zu den Waffen und schnellten vorwärts. Auch Dunham, Lazero und Momo waren auf einmal in Bewegung.

Brastow schoss sofort. Auch Warren feuerte. Doch Warren kam nur einmal zum Schuss, dann wurde er von allen anderen fast gleichzeitig getroffen.

Brastow traf Dunham. Dann wollte er auf Buster Tom schießen, der sich herumwarf und auf ihn anlegte. Doch der Circle C Rancher war schneller. Viel schneller. Er traf ihn mitten in der Bewegung.

Buster Toms Kugel warf Brastow neben den Pferden zu Boden. Den Bruchteil einer Sekunde später peitschten die Geschosse der anderen über den verletzten Mann hinweg.

Sie rannten alle zu ihm hin.

„Bastard!“, keuchte Dunham, dessen rechter Arm schlaff herabhing und blutete. Er hielt den Colt in der Linken und richtete ihn auf Brastows Kopf.

„Halt!“, brüllte Buster Tom.

Dunham und die beiden Mexikaner starrten Buster Tom wütend an. „Dieser Schakal bekommt, was er sich eingehandelt hat!“, kreischte Dunham.

Da hob Buster Tom sein Gewehr. Matt und Jimmy folgten sofort seinem Beispiel.

„Wir sind vielleicht unsere eigenen Polizisten“, sagte Buster Tom mit sonorer Stimme. „Aber bestimmt sind wir nicht Richter! Jimmy, sieh dir Dunhams Verletzung an. Matt, du kümmerst dich um Brastow. Lazero, Momo! Wir brechen in drei Minuten auf.“

„Einen Augenblick!“, fauchte Dunham. „Du kannst mir hier nicht sagen, was zu tun oder zu lassen ist, Copper!“

Buster Tom sah ihn .fest an. „Doch! Ich kann!“

„Ja, nun sind die Coppers am Zug!“, rief da Brastow gepresst. „Nun haben Sie die Beute übernommen. Geschieht dir recht, Dunham!“

Zunächst blickten alle auf Brastow, der am Boden lag und die Hände auf den rechten Oberschenkel gepresst hielt. Obwohl er starke Schmerzen verspürte, lächelte er bissig. Dann flogen die Blicke von Dunham und den Mexikanern zu Buster Tom.

„Sie werden mir nicht klarmachen wollen, dass Sie mich auch hereinzulegen beabsichtigen!“, keuchte Dunham. „Ich habe euch allen das Leben gerettet.“

„Nein, Dunham! Ich lege Sie nicht herein“, antwortete Buster Tom. „Aber ich habe mich entschlossen, mich um mein Heil von jetzt ab wieder selbst zu kümmern. Wir drehen die Sache einfach um, Dunham. Ich, mein Sohn und mein Vormann verlassen Mexiko auf schnellstem Wege, und Sie schließen sich uns an. Nun vorwärts! Bei dem geringen Wasservorrat, der uns nach diesem Irrsinn noch geblieben ist, haben wir nicht eine Sekunde Zeit zu verlieren. Wir rennen bereits um unser Leben, ob ihr das nun begriffen habt oder nicht.“

„Ich gebe hier die Befehle!“, bellte Dunham.

„Tu, was dieser Grauhaarige sagt!“, meldete sich da Lenna zu Wort. Sie war mit den anderen beiden Frauen hinzugekommen und starrte Dunham wütend an.

„Darüber, Lenna, wird jetzt nicht mehr diskutiert“, sagte Buster Tom murrend. „Vorwärts! Packt zusammen!“

„Und das Gold, Copper?“, fragte Brastow.

Buster Tom sah Dunham an, als er Brastows Frage beantwortete. „Es sind von Banditen zusammengeraubte Schätze“, sagte er, obwohl er wusste, dass seine Offenheit in diesem Fall ein Fehler war und ihm irgendwann große Nachteile einbringen würde. „Wir übergeben die Beute drüben in Arizona den Behörden. Die werden schon wissen, was damit anzufangen ist.“

Eine Sekunde später war alles entschieden. Doch keineswegs lag das an Buster Toms energischem Eingreifen. Ein Schwächeanfall zwang Dunham zu Boden, und damit war die Debatte beendet. Die beiden Mexikaner fügten sich.

Fünf Minuten später befanden sich die drei Männer der Circle C Ranch mit Dunham, Lazero, Momo, Brastow und den drei Frauen auf dem Weg nach Norden. Sie besaßen Waffen und Pferde, Proviant und Wasser. Doch das Wasser reichte für alle höchstens noch zwei Tage.

„Bis zur Grenze sind es noch zehn Tagesmärsche“, meinte Matt zu Buster Tom. „Das Wasser reicht für alle heute und morgen. Trotzdem bin ich zum ersten Mal wieder so zuversichtlich wie seit langem nicht mehr.“

„Dein verdammter Optimismus hat mir schon immer recht wohl getan“, erwiderte Buster Tom trocken.

„Wir werden doch irgendwo Wasser finden“, sagte da Lenna.

Buster Tom und Matt drehten verwundert die Köpfe. Die blonde Frau ritt direkt neben Buster Tom.

„Ich glaube nicht“, sagte Buster Tom.

Lenna sah ihn ernst an. Sie trug das blonde Haar zurückgekämmt. Das war trotz des Hutes zu sehen, den sie trug. Es unterstrich die Strenge ihres hübschen Gesichtes noch.

„Sie heißen Copper, nicht wahr, und Sie haben südlich von Tucson eine Ranch“, sagte sie.

Buster Tom nickte.

Sie lächelte plötzlich. „Dann bin ich ziemlich zuversichtlich.“

„Das müssen Sie mir schon erklären, Lenna!“

Sie blickte schon wieder ernst. „Das ist einfach. Ich kenne Ihre Sorte, Mister Copper. Die braucht nur ein Ziel. Und das haben Sie ja.“

„Sie sagen das sehr nett, Lenna“, lächelte Buster Tom. „Aber um aus dieser Gluthölle lebend hinauszukommen, benötigt auch meine Sorte Wasser.“

Sie lächelte jedoch nicht zurück, wie er erwartet hatte. Sie blickte kurz über die Schulter und sah ihn dann wieder ernst an. „Nehmen Sie sich vor Lazero in acht, Mr. Copper! Dieser Schurke ist zu allem fähig.“

„Nur keine Sorge!“, versetzte Buster Tom. „Ich kenne unser Gepäck“, spielte er auf die Banditenbeute an. „Und ich weiß auch, was ich von jedem hier zu halten habe.“

„Passen Sie auch auf Dunham auf!“

„Und Momo?“, lächelte Buster Tom.

„Momo tut, was ich sage“, antwortete sie.

„Und was sagen Sie ihm?“

„Ich habe ihm gesagt, dass er auf Sie achtgeben soll.“

Buster Toms Lächeln vertiefte sich. „Ich habe immer und zu allen Zeiten auf mich selbst achtgeben können.“

Daraufhin schwieg Lenna. Aber sie wich nicht mehr von Buster Toms Seite, was ihm keineswegs lästig war.

*

image

Gegen Mittag erreichten sie felsiges Terrain. Es gab Schatten in dieser Gluthölle, und so hielten sie zu einer Rast an. Lenna wich auch während der Pause nicht aus seiner Nähe, brachte ihm seine Portion Wasser und sorgte dafür, dass er sich ausruhen konnte.

Als sie aufbrachen, kam Dunham zu ihm. Er war sehr bleich im Gesicht und trug den Arm in einer Schlinge.

„Hüten Sie sich vor Lenna!“, raunte Dunham. „Sie ist eine Schlange.“

Buster Tom umfasste das Sattelhorn, um sich hochzuziehen. Dabei sah er Dunham an. „Ich besitze nicht nur eine Ranch, sondern auch eine Familie.“

Dunham grinste dünn. „Lenna hat alle Chips auf Sie gesetzt. Sie hält Sie einfach für den einzigen Mann, der das Gold und Silber hier herausbringen kann.“

„Ich bin nicht taub!“, versetzte Buster Tom.

Lazero tauchte hinter Dunham auf. Aber da erschien auch schon Momo. Er grinste breit und freundlich, griff nach den Zügeln von Buster Toms Pferd und sagte: „Sie sollten aufsteigen, Mr. Copper.“

Buster Tom schwang sicfi sofort in den Sattel. Lenna war schon aufgesessen und blickte herüber. Buster Tom sah sich um. Es war keine bedrohliche Situation. Denn auch Matt und Jimmy waren in der Nähe.

„Weiter!“, rief Buster Tom brummig. „Wir ziehen weiter!“

Dunham, Lazero und Momo liefen zu ihren Pferden und saßen auf. Brastow führte jetzt den Wallach mit der Beute.. Doch es war Brastow anzusehen, dass er alle Hoffnungen aufgegeben hatte, die Beute jemals wieder in die Hand zu bekommen.

Die Kolonne setzte sich in Bewegung. Jimmy, der mit der dunkelhäutigen Schönheit fast am Schluss ritt, kam auf einmal nach vorn gerittten.

„Staubwolken, Vater!“, rief er.

Buster Tom ließ sofort halten und sah sich um. Im Norden und im Westen hingen rauchgraue Wolken am blassblauen Himmel. Sie brauchten nicht lange hinzusehen, um zu erkennen, dass sich die Reiter, die diesen Staub emportrieben, direkt auf sie zubewegten.

„Grenzkavallerie?“, fragte Lenna gespannt.

Buster Tom zuckte die Schultern. „Warum, zum Henker, sollte es nicht Don Pedro sein?“ Er drehte sich im Sattel und sah Lenna an, die seinem Blick sofort auswich.

„Haben wir noch eine Chance?“, wollte Brastow wissen. „Ich für meinen Teil bin zum Kämpfen nicht aufgelegt. Es sei denn, du entschließt dich jetzt und hier, die Beute unter uns aufzuteilen.“

Er sah Buster Tom herausfordernd an.

„Wir müssen umkehren, Tom“, warf da Matt ein. „Die Reiter bewegen sich von Norden und Westen her auf uns zu. Die wissen auch, warum. Im Osten befinden sich die mörderischen Asbestfelder, deren Staub jeden Menschen und jedes Tier umbringen. Bleibt uns also nur der Süden. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass wir auch dort bald eine Staubwolke zu Gesicht bekommen.“

„Versuchen wir einfach, durch die Asbestfelder zu entkommen, wenn die Burschen schon nicht damit rechnen“, meinte Lenna.

„Das hat noch keiner geschafft“, sagte Matt.

„Irgendwann wird alles zum ersten Mal versucht und auch bewältigt“, erwiderte sie sofort.

„Wir würden keine hundert Schritte in die Asbestfelder hineinkommen“, erklärte ihr Buster Tom. „Der Asbeststaub ist für jedes Lebewesen Gift. Er setzt sich in die Atemwege und klebt sie zusammen. Wir würden alle ersticken. Nein! Matt hat recht. Wir müssen umkehren.“

„Einen Augenblick!“, rief da Dunham mit Schärfe in der Stimme. „Sie haben das Kommando an sich gerissen, Copper. Ich war von Anfang an bereit zuzusehen, bis Sie Ihren ersten verhängnisvollen Fehler machen.“

„Kehrt!“, rief Buster Tom und brachte sein Pferd in Gang. „Wir weichen nach Süden aus.“

Dunham zog den Revolver, um ihn auf Buster Tom zu richten. „Gegen meinen Willen geschieht jetzt nichts mehr!“

Buster Tom blickte gelassen auf die Waffe. Dunham hockte direkt neben ihm auf dem Pferd. Sein Daumen zog den Hammer zurück. Als er Buster Tom erschießen wollte, fegte dessen Fuß aus dem Bügel und trat ihm den Colt aus der Faust.

Der Schuss krachte. Aber das Geschoss fauchte himmelan.

Lazero wollte wütend eingreifen. Aber hinter Dunham standen schon Jimmy und Momo bereit. Außerdem griff Matt zur Waffe. Seih Gewehr flog hoch und unterband jede weitere Bewegung.

Dunham rieb sich die Hand, das Gesicht schmerzverzogen. „Das wirst du mir büßen, Copper!“, fauchte er.

Buster Tom blickte spähend nach Norden, dann nach Westen. „Vielleicht werden das andere verhindern“, sagte er zu Dunham. „Nun haben wir hier keine Zeit mehr zu verlieren. Jimmy, lass dir Dunhams Fernglas geben und sieh nach. Ich muss genau wissen, mit wem wir es zu tun haben. Wir reiten direkt südwärts, Junge.“

Jimmy hob die Hand, ritt zu Dunham und wartete. Dunham zögerte. Doch dann händigte er Jimmy das Glas aus. Jimmy galoppierte sofort davon.

„Weiter!“, rief Buster Tom.

Er wartete, bis sie ihn alle passiert hatten. Dann folgte er.

*

image

Sie ritten einer hinter dem anderen. Lenna befand sich mitten in der Kolonne. Doch nur ein paar Pferdelängen, dann scherte sie aus und wartete auf Buster Tom, um an dessen Seite weiterzureiten.

Buster Tom lächelte knapp, schwieg sich aber aus.

„Ich hatte Sie vor Dunham gewarnt, Mr. Copper!“, meinte sie und musterte ihn verstohlen.

„Es ist fast verständlich, wie er sich benimmt“, erwiderte Buster Tom. „Er hat schließlich eine Menge unternommen, um Don Pedro hereinzulegen.“

„Wollen Sie ihm die Beute wirklich abnehmen, um sie den Behörden zu übergeben?“

„Ich denke, Sie kennen meine Sorte?“ Sie schwieg eine Weile und blickte dabei starr geradeaus. „Wissen Sie, was das alles wert ist?“, fragte sie dann.

Buster Tom zuckte mit den Schultern.

„Es ist Schmuck, Silber und Gold im Wert von einer halben Million Dollar!“, sagte sie. „US Dollar!“

„Eine nette Summe, die sich diese Halunken da zusammengeraubt haben“, meinte er.

„Die Leute, denen die Dinge gehörten, leben entweder nicht mehr oder haben den Besitz längst verschmerzt.“

Buster Tom sah sie an. „Was wollen Sie, Lenna?“

Sie erwiderte seinen Blick. „Am Leben bleiben! Zunächst jedenfalls denke ich nur daran. Sie sind ein starker Mann, Mr. Copper. Wir haben einen Wasservorrat, der zwei Tage reicht. Statt zur Grenze hinauf, wo es Wasserstellen gibt, ziehen wir noch tiefer in die Wüste hinein.“

„Ja, aber nicht freiwillig!“, brummte er.

„Sie müssen doch irgend eine Absicht verfolgen, sonst reiten wir ja direkt in den Tod!“

„Ich weiß! Aber was wir zu tun haben, hängt nicht von meiner Entscheidung ab.“

„Dunham hat eben nur daran gedacht, die Führung wieder an sich zu reißen“, sagte sie. „Jetzt wird er bereits wieder an die Beute denken, daran, wie er sie gewinnen kann. Den anderen, Lazero, Mono und Brastow, geht nichts anderes durch die Köpfe. Sicherlich wird sich auch Matt Gedanken darüber machen. Die Chance, steinreich zu werden, wem bietet die sich schon im Leben? Doch morgen, vielleicht schon heute Abend, wird sich jeder erinnern, wo wir uns befinden und wie wenig Wasser wir haben. Wir sind einfach zu viele Menschen, Tom.“

Buster Tom lächelte salzig. „Soll ich ein paar von uns erschießen?“

Lenna schaute geradeaus. Auf einmal sah sie ihn starr an. „Tom, Sie begreifen nicht, was ich Ihnen anbiete!“

„Doch, ich begreife sehr wohl!“, versetzte er. „Doch ich bin einer von den komischen Vögeln, denen Reichtum sehr wenig bedeutet, und die für Geld nicht alles tun.“

„Und ich? Bedeute ich Ihnen nichts?“

Buster Tom sah sie lange an. „Nein!“, sagte er dann; bereute es aber sofort, weil ihm schlagartig klarwurde, dass sie sich nun nach anderen Verbündeten umsehen würde. Er wollte ihr die Hand auf den Arm legen, um dieses Nein abzuschwächen. Doch er brachte es nicht fertig und fand auch keine Worte dafür.

Sie war nicht verletzt. Sie lachte sogar und blieb an seiner Seite.

Eine Stunde später kam Jimmy nachgeritten. Buster Tom hielt und wartete. Auch da blieb Lenna an seiner Seite.

Jimmy parierte sein schweißnasses Pferd vor ihnen. „Es sind keine Soldaten, Boss!“, schnaufte er. „Jedenfalls habe ich keine Uniformen erkennen können. Es sind zwei wilde Haufen von ungefähr zwanzig Mann.“

„Don Pedro, mit allem, was er aufbieten konnte!", knurrte Buster Tom. „Dunham ist ein Schwachkopf! Wer einem Kerl wie Don Pedro auch nur das Schwarze unter dem Fingernagel wegkratzen will, der muss zehnmal gescheiter sein als Dunham.“

„Was soll jetzt werden?“, fragte Jimmy. „Die Kerle folgen uns. Wir ziehen eine Fährte wie ein Rudel Wildschweine. Werfen wir doch die Beute einfach ab, Vater! Don Pedro wird sich einen Dreck um uns kümmern, wenn er nur seinen Besitz wieder hat.“

„Da kennt ihr Don Pedro schlecht, ihr beiden“, sagte Lenna.

„Wir halten den Abstand, Jimmy“, sagte Buster Tom, während er spähend nach Norden blickte. „In der Nacht schwenken wir dann ab. Bei Tag hat es keinen Sinn, die Spur zu verwischen, wenn wir den Staub über uns haben.“

„Das halten die Pferde nie durch“, meinte Jimmy.

„Es ist unsere einzige Chance!“, erklärte Buster Tom, zog das Pferd um die Hand und ritt der Kolonne nach. Lenna und Jimmy schlossen dicht zu ihm auf.

*

image

Sie ritten den Rest des Tages nach Süden, in diese kochende, steinige und trostlose Weite hinein. Als die Dämmerung hereinbrach, ließ Buster Tom halten, um den Pferden eine Pause zu gönnen. Die Staubfahnen ihrer Verfolger hatten sich vereint. Die Entfernung betrug nur noch knappe fünf Meilen. Der graue Staubschleier im Norden fiel jedoch nicht zusammen wie die Staubglocke, unter der die Männer und die Frauen geritten waren.

Don Pedros Leute zogen unentwegt weiter. Nur die Dämmerung sog diesen grauen Schleier in sich auf, so dass ihn die Männer und die Frauen nicht mehr sehen konnten.

„Matt, verteile an jeden einen Becher Wasser!“, befahl Buster Tom. „Lazero und Mono, macht Tücher nass und wischt den Tieren die Mäuler aus. Seid nicht zu sparsam damit. Wir müssen die armseligen Geschöpfe heute noch mächtig fordern.“

Matt trat an den Wasserschlauch. Er hielt den Becher schon in der Hand. Sie hatten mehrere Becher im Gepäck. Große und kleine. Matt hatte den kleinsten gewählt.

„Kommt her und stellt euch an!“, rief er schwitzend und erschöpft.

Die Frauen gingen sofort zu ihm hin. „Halt!“, brüllte Brastow. Er stand neben seinem Pferd, das Gewehr in den Fäusten, das er auf Matt gerichtet hielt.

Die Frauen hielten erschrocken ein. Alle sahen zu ihm hin.

„Wenn wir auch nur einen Schuss abgeben, Brastow, sind wir geliefert“, sagte Buster Tom. „Don Pedros Leute sind keine fünf Meilen entfernt.“

„Das ist mir gleichgültig!“, kreischte Brastow. Seine Beinverletzung machte ihm zu schaffen. Er hatte Fieber. Sein Gesicht war tiefrot. „Her mit dem Wasser, Matt! Aber nicht in dem verdammten Becher. Ich will den ganzen Sack! Beweg dich!“

Buster Tom ging langsam auf ihn zu. „Vater, bleib!“, raunte Jimmy. „Er ist verrückt.“

Buster Tom stapfte Schritt für Schritt weiter und streckte den Arm aus. „Gib mir das Gewehr, Brastow! Komm, und sei vernünftig! Wir werden es schaffen, verlass dich darauf. Aber sei vernünftig, zum Teufel, und lock die Bastarde, die hinter uns her sind, nicht noch mit einem Schuss heran.“

Brastow schwang die Waffe herum. Dabei taumelte er und prallte mit dem Rücken gegen sein Pferd. „Bleib, wo du bist, Copper, oder ich schieße dich über den Haufen!“

Buster Tom blieb stehen. Er war noch fünf Schritt von ihm entfernt.

„Brastow, alles Wasser der Welt nutzt dir nichts, wenn uns Don Pedro einholt. Du bist ihm weggelaufen und hast geholfen, ihm die Beute vieler Jahre zu entwenden. Denke doch selbst darüber nach.“

„Zurück, Copper! Matt soll mir den Wasserschlauch bringen. Dann sind wir alle fertig miteinander. Brastow empfiehlt sich! Versteht ihr? Lee Brastow macht hier Feierabend. Der will mit euch Hundesöhnen nichts mehr zu tun haben. Ich zerstampfe euch zu Kuhfladen, wenn Matt nicht tut, was ich sage.“

„All right“, sagte Buster Tom und ging gelassen zu Matt, hob den Wassersack vom Pferd und lief damit langsam auf Brastow zu, der ihn überrascht und argwöhnisch zugleich anstarrte.

„Hier ist das Wasser“, sagte Buster Tom. „Nimm es und troll dich, zum Henker. Komm uns nie mehr unter die Augen.“

Es war allen klar, dass er Brastow mit Hilfe des schweren Wasserschlauches zu Boden werfen wollte. Nur Brastow begriff es nicht. Doch alle erkannten auch, dass es eine Chance wäre, einen unnützen Trinker loszuwerden. In ihrem blinden Egoismus, den der wütende Durst in ihnen erzeugte, dachten das auch die Coppers und Matt. Doch es handelten nur Lenna und Lazero danach.

Während Brastow fiebernd auf Buster Tom blickte, zog Lenna einen Colt, den sie, weiß Gott wo, stecken gehabt hatte. Lazero sah das und riss das Gewehr blitzschnell mit hoch. Beide schossen im gleichen Augenblick, und beide trafen auch.

Brastows Kopf flog herum. Er presste die Rechte überrascht auf den Magen und brach in die Knie.

Buster Tom blieb bestürzt stehen und sah zu den beiden hin.

Da begann Brastow zu feuern, ohne zu zielen. Er bediente die Winchester mit einer Hand. Er schoss zweimal, und er traf auch zweimal, bevor ihn Jimmys Kugel tötete und damit abhielt, auf Buster Tom zu schießen.

Buster Tom fegte herum. Sein Blick fiel auf Lenna, die am Boden kniete und sich die Hüfte hielt. Hinter ihr lag das Mädchen, und er sah sofort, dass es tödlich getroffen worden war. Da sank die Mexikanerin auch schon aufschluchzend über dem Mädchen zusammen.

Die Männer stürzten vorwärts. Buster Tom kehrte zu Matt zurück und gab ihm den Wassersack. Dann ging er zu Lenna. Brastows Geschoss hatte sie nicht verletzt. Die Kugel hatte ihr nur den Gürtel aufgerissen und die Haut etwas gerötet.

„Verflucht!“, schimpfte Matt. „Die Schüsse sind bestimmt gehört worden, Tom.“

Buster Tom half Lenna hoch, drehte sich nach Matt um und nickte ihm zu. „Teile Wasser aus! Wir ziehen sofort weiter! Jimmy, du reitest am Schluss und ziehst eine Decke nach! Binde Steine darauf fest, damit sie auch richtig schleift und die Fährte auskehrt!“

„Jetzt sind wir zwei Personen weniger!“, krächzte Matt, als sich Buster Tom einen Becher Wasser bei ihm holte. „Aber um einen Tag länger mit dem Wasser zu reichen, hätte Brastow noch zwei mehr erschießen müssen.“

Buster Tom trank den Becher leer. Langsam. Doch dazu musste er allen Willen aufbringen, der noch in ihm steckte. Dann warf er Matt den Becher zu und wandte sich ab.

Lenna stand neben ihrem Pferd und zog sich den zerfetzten Gürtel aus den Schlaufen der Hose. Nur wenige Schritte von ihr entfernt deckten Lazero, Momo und Jimmy das tote Mädchen mit Steinen zu. Die Mexikanerin kniete daneben. Selbst Dunham war in Ehrfurcht verharrt. Doch Lenna hatte mit sich zu tun. Dabei saß die Hose auch ohne Gürtel.

Buster Tom war mit einem Schritt bei ihr. „Nehmen Sie wenigstens Abschied, solange sie noch zu sehen ist!“, zischte er. „Bedanken Sie sich, dass sie uns ihre Wasserration überlässt.“

Lenna sah auf, Verwunderung im Blick. „Tom, Sie sind nicht ganz der Mann, für den ich Sie bislang gehalten habe“, sagte sie.

„Ich habe nur einen Wunsch!“, sagte er knirschend. „Ich möchte, dass es so lange dauert, bis aus Ihnen ein anderer Mensch geworden ist.“

„Das schaffen Sie nicht einmal, wenn Sie die Ewigkeit zur Verbündeten hätten“, versetzte sie bissig und ging zum Grab hinüber.

Zehn Minuten später waren sie wieder auf dem Ritt und zogen nach Westen in die hereinsinkende Nacht hinein. Jimmy ritt am Schluss und zog die mit Steinen beschwerte Decke hinter sich her. um die Spuren zu verwischen.

*

image

Als der Tag graute, war von Don Pedros Staubschleiern nichts mehr zu sehen. Buster Tom wartete, bis er sicher war, die Verfolger abgeschüttelt zu haben. Dann sah er sich nach einem Lagerplatz um.

Sie hatten in den Morgenstunden ein ebenes Steinfeld erreicht, in dem es nicht die geringste Vertiefung gab, die sie vor dem Wind hätte schützen können. Da sich in einiger Entfernung von knapp drei Meilen die Konturen einer Hügelkette erhoben, entschloss sich Buster Tom, den Ritt bis dorthin fortzusetzen. Dass sie bereits dort erwartet wurden, konnte er schließlich nicht wissen. Er konnte es nicht einmal ahnen, zumal es sich dabei nicht um Don Pedros Leute handelte, sondern um Militär, um mexikanische Grenzkavallerie. Was Tage zuvor geschehen war, hatte in den Forts und Garnisonen an der Grenze bereits die Runde gemacht. Und so gab es kaum einen Grenzkavalleristen, der mit den Leuten, die nun Buster Tom anführte, nichts abzumachen gehabt hätte.

Langsam, erschöpft und auf ermatteten Pferden zogen sie auf die Hügelkette zu.

„Sieht grün aus, verdammt noch einmal!“, meinte Matt mit starrem Blick auf die Bergkette. „Ich weiß, es ist eine Täuschung. Aber wir könnten ja Glück haben. Wenigstens einmal im Leben.“

„Es gibt in dieser Hölle kein Wasser“, erwiderte Buster Tom, dem das Sprechen schon Mühe bereitete. „Ich sehe die Hügelkette auch grün. Aber weiß der Teufel, was das ist. Vielleicht hat der Sand in dieser hundsverlassenen Gegend eine andere Farbe. Warum auch nicht?“

„Eine Oase!“, meinte Lenna, die nach wie vor nicht von Buster Toms Seite wich. Auch sie wirkte abgespannt und total erledigt. Aber nun brannte plötzlich Hoffnung in ihren großen dunklen Augen. „In jeder Wüste gibt es Oasen. Das Wort Oase ist ja schließlich keine Erfindung.“

„Diese Wüste, Ma’am, besitzt ihre eigenen Gesetze“, schnarrte Buster Tom. „Eines davon ist, dass es hier keine Oasen gibt. Um das auszudrücken, muss es das Wort Oase schließlich auch geben.“

Sie ritten weiter. Jimmy führte. Ihm folgten Lazero und Dunham. Dann Momo und die Mexikanerin. Buster Tom, Lenna und Matt ritten in einer Reihe am Schluss. Matt führte die Packpferde.

Sie kamen den Hügeln näher und näher. Die Konturen zeichneten sich deutlicher und deutlicher ab. Die grüne Farbe blieb. Doch dann erkannten sie, dass die Hügelkette von einem riesigen Kandelaberkakteenfeld überzogen war. Oben auf den Hügeln waren die Kakteen groß und wuchtig wie Bäume.

„Kein Gras und kein Wasser!“, japste Matt enttäuscht.

Jimmy hielt dicht vor dem ersten Hügel an und winkte Buster Tom nach vorn. Buster Tom ritt schnaufend und schwitzend an den anderen vorüber. Neben Jimmy blieb der grobknochige Braune von selbst stehen.

„Sieh dir das an, Vater!“, krächzte Jimmy und wies auf die Erde. „Hier sind Wagen vorübergefahren. Das kann höchstens Stunden her sein.“

Buster Tom entdeckte die schmalen Furchen nicht sofort. Doch als er sie sah, reckte und straffte sich seine Gestalt. Matt kam nach vorn.

„Wagen!“, keuchte Buster Tom und schwang sich aus dem Sattel. „Hier sind Wagen gefahren! Hast du nicht vorhin etwas vom wenigstens einmal Glück haben gesagt?“

Buster Tom stapfte die Wagenspuren entlang. Seine Stiefel weckten ein klirrendes Geräusch auf dem mit unzähligen Steinen bedeckten Boden. Dann kam er zurück und lachte. „Die sind vor wenigen Stunden hier vorbei gekommen. Nach Norden hinauf! Wenn die sich noch bewegen, müssten wir von den Hügeln aus eigentlich die Staubfahne sehen.“

Matt stützte sich schwer auf das Sattelhorn. „Wo sollen die herkommen, und wo sollen die hin wollen? Kann mir das vielleicht jemand erklären? Lazero! Dunham!“

Lazero zog sich den großen Sombrero tiefer in die Stirn.

„Wasser werden die haben!“, meinte Momo. „Bestimmt!“

„Diese Leute werden sich für einen solchen Zuwachs, wie wir ihn darstellen, bedanken“, warf Lenna ein.

„Wir sollten uns nur verdammt vorsichtig an sie heranpirschen“, sagte Dunham düster. „Bestimmt haben wir mit einem überraschenden Angriff eine Chance.“

„Vielleicht verdanke ich dir nicht nur meine Freiheit, sondern auch mein Leben“, sagte Jimmy langsam. „Aber ein Schakal bist du trotzdem!“

Dunham lächelte gelassen. „Wenn ich die Wahl habe, durch eine Gemeinheit am Leben zu bleiben oder ehrlich zu verrecken, und auch noch ganz gegen meinen Willen zur Entscheidung gezwungen werde, weiß ich, was ich zu tun habe.“

„Gegen deinen Willen?“, krächzte Buster Tom. „Wer in die Hölle hineinbläst, muss damit rechnen, dass ihm das Feuer ins Gesicht schlägt. Wir rasten hier! Und zwar dort drüben. Jimmy, gib mir das Glas, ich werde den Hügel hinaufreiten. Vielleicht kann ich etwas sehen.“

„Sollten wir uns nicht unverzüglich nordwärts wenden?“, zischte Dunham.

„Ja, das meine ich auch!“, pflichtete Lenna bei.

Buster Tom trat an Jimmys Pferd und ließ sich von ihm Dunhams Glas geben. „Wir rasten dort drüben, Junge!“, sagte er scharf. „Wer nicht so will, wie ich das befehle, dem jage ich eine Kugel durch den Kopf! Wir haben ohnehin zu wenig Wasser für alle.“

Er wandte sich ab, blickte dabei auf den von Kakteen überwucherten Berghang und erstarrte. Lenna, die in seine Richtung blickte, stieß einen leisen Schrei aus. Dann krachte ein Schuss, und die Kugel peitschte über die Reiter hinweg.

Überall auf dem Berghang waren plötzlich mexikanische Soldaten zu sehen. Hinter jedem Stein und jedem Kandelaberkaktus schien ein Kavallerist gelegen zu haben. Von ihren Pferden war nichts zu sehen. Die Tiere standen vermutlich hinter dem Hügelrücken.

Buster Tom ließ das Glas sinken und schaute auf die vielen schussbereiten Gewehre, die sie geradezu teuflisch anstarrten. Seiner Meinung nach war ein Kampf zwecklos. Auch ein Fluchtversuch erschien ihm irrsinnig. Es sei denn, sie wären entschlossen gewesen, sich bereits in den nächsten Sekunden umbringen zu lassen.

Doch Dunham und Lazero dachten anders. Sie tauschten einen kurzen Blick miteinander aus. Lazero kappte die Zügel jenes schwarzen Wallachs, die sich Matt ums Sattelhorn gewickelt hatte, neigte sich langsam zur Seite und ergriff den mit dem Gold und dem Silber beladenen Rappwallach am Halfter.

Buster Tom hob in Richtung der Soldaten die Hand und drehte sich um. „Steigt ab! Es ist zwecklos!“, rief er krächzend.

In diesem Moment galoppierten Dunham und Lazero an.

„Tom!“, schrie Lenna wütend auf. Doch dann folgte sie den beiden. Mit einem wilden Sporenschlag brachte sie ihr Pferd aus dem Stand heraus in Galopp.

„Lenna! Dunham!“, rief Buster Tom mit Stentorstimme. Dann duckte er sich und winkte den anderen. „Von den Pferden! Deckung!“

Da begann es zwischen den Kakteen zu krachen und knattern. Buster Tom warf sich lang auf den Bauch, dabei entdeckte er voller Entsetzen, dass nur Jimmy und Matt reagierten. Momo und die Mexikanerin stürzten getroffen zu Boden.

Buster Tom schaute den Reitern nach. Nur Dunham und Lenna ritten noch. Doch da brach Lennas Pferd schon zusammen. Sie flog im hohen Bogen aus dem Sattel. Sekunden später stürzte auch Dunham vom Pferd, die Arme weit vom Körper gereckt.

Dann trat schon Ruhe ein. Rauchschwaden streiften durch das Kakteenfeld. Die Soldaten kamen den Hang heruntergerannt.

„Waffen weg!“, zischte Buster Tom Jimmy und Matt zu, die ihre Gewehre beim Sprung noch aus den Scabbards gerissen hatten. Beide waren gescheit genug, auch dieser Anordnung nachzukommen. Dann richteten sie sich alle drei auf und hoben die Arme.

Während sie, von den Soldaten umringt, zu Boden geworfen und nach Waffen abgetastet wurden, sah Buster Tom, wie eine Gruppe Soldaten auf den schwarzen Wallach feuerte, weil sie ihn zu Fuß nicht mehr einholen konnten. Er war im gestreckten Galopp weitergejagt, Don Pedros Beute auf dem Rücken. Das Tier brach auf der Stelle zusammen, und die Soldaten rannten zu ihm hin.

Momo und die Mexikanerin waren tot. Soldaten führten Lenna weg. Auch Dunham und Lazero waren nicht mehr am Leben.

„Ich möchte den Offizier sprechen!“, schnaufte Buster Tom, als auch sie hochgetrieben und zu den Kakteen geführt wurden. Antwort bekam er jedoch erst, als er sein Verlangen auf spanisch wiederholte.

„Der Coronel wartet da oben auf dich, Amigo“, grinste einer der Soldaten. „Der Mann an seiner Seite ist der Henker.“

Buster Tom, Jimmy und Matt blickten angestrengt den Hang empor. Aber sie sahen nur Kakteen und Gestalten, die sich dazwischen aufwärts bewegten.

Den Coronel bekam er erst zu Gesicht, als sie den anderen Hang wieder hinabgeführt wurden, an dessem Fuß die Pferde der Soldaten standen und zwei Wagen, deren Spuren es wohl waren, die sie da vor dem Hügel entdeckt hatten.

Doch der Coronel ließ sich nicht sprechen. Ein junger Teniente (Leutnant) kam zu ihnen, als sie an den ersten der beiden Bagagewagen gefesselt wurden.

„Ein Kriegsgericht hat Sie und Ihre Leute bereits vor Tagen zum Tode verurteilt“, sagte er höflich zu Buster Tom. „Wir werden es im Morgengrauen vollstrecken.“

„Was werfen Sie uns vor?“, keuchte Buster Tom. „Ich meine, mir, meinem Sohn und diesem anderen Mann da?“

Die rechte Augenbraue des Offiziers zuckte. „Es wird schnell gehen. Wir haben eine Maquina - eine Maschinenkanone. Eine Salve. Es wird nicht einmal weh tun.“

„Wollen Sie meinen Vater nicht wenigstens anhören!“, rief Jimmy. „Wir haben mit allem nichts zu schaffen.“

Der Teniente lächelte. „Reden Sie, Mann!“, forderte er Buster Tom auf. „Ich höre.“

Er zog ein gelangweiltes Gesicht. So kostete es Buster Tom noch mehr Mühe zu sprechen, was ihn ohnehin schon anstrengte. Er erzählte dem Offizier, wie sie von Don Pedro überfallen worden waren und als Sklaven nach Ensenada mit noch fünfzig anderen armen Teufeln hatten verkauft werden sollen. Dass Dunham sie aber befreite, doch nur, weil er Männer benötigte, um Don Pedros Camp auszurauben, solange sich der Banditenboss auf dem Marsch nach Ensenada befand. Er beteuerte mehrfach, von allem keine Ahnung gehabt zu haben und blind in die Ereignisse hineingeschlittert zu sein. Er berichtete, dass Dunham den Offizier erschossen habe und dass sie zuletzt vor Don Pedros Banditen auf der Flucht gewesen seien.

Der Teniente gähnte oft. Doch als Buster Tom davon sprach, dass Don Pedros Leute in der Nähe seien, wurden seine Augen schmal, und seine Haltung begann sich zu straffen. Als Buster Tom schwieg, ging er einfach weg.

Die drei sahen sich bekümmert an. Die Wachen grinsten.

„Wenn du nicht gelogen hast, Alter, und Don Pedro ist mit seinen Leuten wirklich in der Nähe, kommt ihr vielleicht mit dem Leben davon“, meinte einer der Soldaten. „Unser Coronel ist nämlich der Hahn, der die Henne Don Pedro nicht finden kann. Und das macht ihn verrückt. Wenn er aber jetzt von seiner Henne etwas hört, wird er euch vielleicht darüber vergessen.“

„Wenn wir ihn auf die Spur bringen, könnte er uns wenigstens laufenlassen“, meinte Matt und grinste zurück.

„Vielleicht!“, meinte ein anderer. „Vielleicht! Aber das Hasenspiel muss einer von euch bestimmt gewinnen. Unser Coronel ist ein ziemlich vergnügungssüchtiger Bursche.“

„Hasenspiel?“, fragte Matt und verzog das Gesicht.

„Ja, Amigo! Hasen- oder Karnickelspiel“, erwiderte der Mexikaner, und die anderen grinsten wieder satt, breit und vergnügt. „Einer von euch wird rennen und den Haken schlagenden Hasen spielen. Unser Gabo Rodriguez spielt den Jäger. Zu Pferd und nur mit einer Lanze bewaffnet. Erreicht der Hase die Ziellinie, seid ihr frei. Im anderen Fall sterben die anderen mit ihm. Im gleichen Augenblick! Durch die Maschinenkanone, vor der sie während des Spieles stehen.“

„Und wie geht das immer aus?“, krächzte Matt.

„Unser Cabo (Unteroffizier) ist ein verdammt geschickter Reiter, aber ein noch besserer Lanzenwerfer“, bekam er Antwort.

Buster Tom, Matt und Jimmy sahen sich an. Jeder war bleich unter der Staub- und Schweißschicht, die ihre bärtigen Gesichter bedeckte.

Der Tag verging jedoch, ohne dass sich etwas tat. Die Gefangenen erhielten zu essen und genug zu trinken. Lenna bekamen sie nicht zu sehen, obwohl auch sie sich im Lager der Grenzbrigade des Coronels befand.

Patrouillen ritten fort und kehrten zurück. Doch weder Hast noch Unruhe unter den Soldaten verriet den drei Circle C-Männern, ob die Bande von Don Pedro gesichtet worden war.

*

image

Als sie jedoch am anderen Morgen erwachten, war das Lager leer. Der Coronel war irgendwann in der Nacht zu einem Feldzug gegen die Banditen aufgebrochen, wie die Männer bald von den Wachen erfuhren. Ein Zug von zwanzig Kavalleristen befand sich unter Führung des jungen Teniente bei den Wagen und den Gefangenen.

Ringsum auf den von Kakteen überwucherten Höhen standen Posten. Die Gefangenen wurden von drei Kavalleristen bewacht.

Buster Tom sah sich zweifelnd um und rieb sich den faltigen Hals. „Der Coronel müsste an Don Pedro geraten und in Bedrängnis kommen, dass er die Burschen hier als Verstärkung anfordert“, brummte er. „Dann hätten wir vielleicht eine Gelegenheit.“

„Daran habe ich auch schon gedacht“, erwiderte Matt. „Es wäre wirklich unsere einzige Chance.“

„Da!“, zischte Jimmy und stieß seinen Vater an. „Was soll das geben?“

Buster Tom und Matt blickten in seine Richtung. Die drei Wachen erhoben sich und grinsten wieder breit, satt und freundlich. Ein Trupp von sechs Soldaten schob auf einem kleinen Karren eine Maschinenkanone vor ihnen in Stellung. Die drei erbleichten und schluckten und spürten, wie ihnen der Schweiß ausbrach. Es war bereits Tag, aber die Sonne war noch nicht hochgekommen.

„Sie bringen uns um!“, keuchte Matt.

Da tauchte auch schon der Teniente auf. Hinter ihm führten zwei Soldaten Lenna heran. Die Wachen befahlen den Männern, aufzustehen und sich vor den Wagen zu stellen. Buster Tom fuhr sich über das Gesicht. Es war klatschnass.

„Kein Gericht der Welt könnte uns verurteilen!“, keuchte Matt, nacktes Entsetzen in den Augen.

Lenna musste sich neben die Männer stellen. Sie sah bleich, verstört und übernächtigt aus. Trotz seiner Todesfurcht fragte sich Buster Tom, ob sie auch in dieser Situation noch an das Gold und das Silber dachte, das sich nun in den Händen dieser Grenzbrigade befand.

Der Teniente blieb vor Buster Tom stehen und salutierte. „Der Coronel ist kein undankbarer Mann. Er ist durch Ihren Hinweis auf Don Pedros Bande gestoßen. Vermutlich existiert sie schon nicht mehr. Er hat das Urteil aufgehoben, demzufolge Sie jetzt alle sterben müssten.“

Er drehte sich um und blickte zu einer Gruppe von vier Reitern hin, die langsam über den Platz geritten kam. Buster Tom konnte nach seinen Worten nicht aufatmen, denn einer dieser Reiter war mit einer Lanze bewaffnet. Dann war da auch noch diese fürchterliche Maschinenkanone, deren Laufkranz sie aus einer Entfernung von zehn Schritt tödlich angrinste, wie es Buster Tom schien.

Der Teniente sah ihn wieder an. Seine rechte Augenbraue zuckte nervös und spöttisch zugleich. „Sehen Sie die mannshohen Klippen da drüben?“, fragte er und wies nach Süden.

Buster Tom sah sie und nickte. Die Entfernung bis zu den Steinen, die da schwarz und trüb aus dem Grau des aufkommenden Tages leuchteten, betrug über fünfhundert Yard.

„Einer von euch kann euch allen das Leben retten“, sagte der Teniente. „Er braucht nur den Wettlauf gegen unseren Lanzenreiter zu gewinnen. Lasst den Jungen laufen, Alter! Der ist schneller und gewandter als du selbst. Sollte er jedoch von der Lanze getroffen werden, sterbt ihr anderen durch die Maschinenkanone. Die Reiter an den Klippen werden dem Schützen an der Maschinenkanone das Signal geben. Im anderen Fall könnt ihr mit der Frau sofort zu dem Jungen hinübergehen und mit ihm verschwinden. Beratet euch, wer laufen soll. Ihr habt fünf Minuten Zeit dazu.“

Er salutierte erneut und machte kehrt.

Die Männer blieben eine Weile von lähmendem Entsetzen gepeinigt stumm stehen und blickten auf die Reiter, die sich vor den Klippen zu einer Reihe postierten. Der Lanzenreiter, ein Cabo, war abgestiegen, hatte die Lanze in den Boden gestoßen und zog seinem Pferd den Bauchgurt nach.

„Ich werde gehen!“, krächzte Buster Tom.

„Bist du verrückt?“, erwiderte Jimmy. „Der Kerl hat recht. Ich bin jünger, schneller und gewandter als du und Matt zusammen.“

„Nach all dem, was wir in den letzten Tagen durchgemacht haben, stimmt das so nicht“; brummte Buster Tom. „Ich bin zwar älter, aber ich bin zäher! Allemal!“

Jimmy trat einfach nach vorn. „Ruft den Teniente!“, sagte er zu einem der Kavalleristen.

Buster Tom wollte ihn zurückreißen. Aber Matt hielt ihn auf.

„Tom! Wer immer auch von uns zu diesem teuflischen Spiel antritt! Wenn er stirbt, sterben wir mit. Wir werden keine Zeit bekommen, uns Vorwürfe zu machen. Lass ihn gehen! Er besitzt wirklich die besseren Chancen, sofern man bei dieser ungleichen Partie überhaupt davon sprechen kann.“

Die Soldaten riefen den Offizier. Der Lanzenreiter schwang sich in den Sattel und kam herübergeritten. Er war ein kleiner, aber unheimlich biegsamer und drahtiger Bursche. In seinem Koppel hatte er einen Colt und ein Messer stecken. Er musterte Jimmy gelassen, als er hielt.

Der Offizier nickte, legte Jimmy die Hand auf die Schulter. „Wenn ich sage: jetzt, läufst du. Ich atme nur einmal durch, dann bekommt der Lanzenreiter das Zeichen. Lauf wie ein Teufel, Junge! Sobald du die Kette der drei Reiter passiert hast, seid ihr frei. Versuche es wenigstens zu schaffen.“

Jimmy nickte und schaute sich noch einmal um.

Buster Tom wollte ihm irgend etwas sagen, das ihn aufmunterte. Doch ihm fiel nichts ein. Matt erging es ebenso.

„Ich danke dir, Jimmy!“, ließ sich Lenna vernehmen, die Buster Tom für den Augenblick vollkommen vergessen hatte. Er blickte zu ihr hinüber. Sie sah zu ihm her und lächelte bleich.

Da gab der Offizier Jimmy das Kommando.

Jimmy sauste los wie vom Teufel getrieben.

„Cabo!", brüllte der Offizier.

Der Reiter legte die Lanze ein und warf sein Pferd aus dem Stand heraus vorwärts. Buster Tom und Matt hielten den Atem an.

Als der Reiter angaloppierte, blieb Jimmy plötzlich stehen und drehte sich um. Gebückt, die Arme abgespreizt, stand er da und starrte dem Reiter entgegen, der mit gesenkter Lanze auf ihn zugejagt kam.

„Lauf, du Idiot!“, brüllten die Kavalleristen.

Der Offizier schüttelte den Kopf. „Ein Narr ist das!“, murmelte er.

Förmlich im allerletzten Augenblick sprang Jimmy mit einem weiten Satz zur Seite. Der Cabo versuchte die Lanze über den Kopf des Pferdes hinwegzuschwingen und zuzustoßen. Aber da war er schon an Jimmy vorbeigefegt.

Jimmy wartete, bis er erkannte, um welche Hand der Reiter sein Pferd herumwerfen würde, dann wich er zur anderen Seite hin aus und rannte in weitem Bogen auf die Reiterkette vor den Klippen zu. Bis er den Cabo wieder angaloppieren hörte. Als er abermals stehenblieb und sich dem Reiter zuwandte, riefen die Kavalleristen nicht mehr, dass er ein Idiot sei. Atemlos, wie Buster Tom, Matt und auch Lenna, verfolgten sie den Kampf.

Jimmy duckte sich und wartete, bis der Reiter die Lanze wieder senkte, um sie ihm durch die Brust zu stoßen. Der Cabo nahm die Lanze abermals tief herunter. Jimmy sprang dicht vor dem Pferd auf die andere Seite. Der Cabo preschte fluchend an ihm vorbei und warf das Pferd auf der Hinterhand herum.

Jimmy wich wieder aus und stürzte auf die Kette der Reiter zu, die die Ziellinie für ihn markierten. Doch diesmal kam er nicht sehr weit. Der Cabo hatte rascher gewendet. Jimmy blieb stehen. Er atmete heftig und wankte etwas.

Der Reiter galoppierte nicht blind darauf los, wie beim ersten Male. Er stoppte kurz, wickelte die Zügel um die Faust, richtete die Lanze empor, hielt sie dann hoch über den Kopf und jagte vorwärts.

Jimmy blickte ihm aus schmalen Augen entgegen. Als das Pferd dicht vor ihm war, sprang er nach rechts weg. Der Cabo riss das Pferd in den Stand, neigte sich nach rechts aus dem Sattel und stieß zu.

Jimmy fiel!

Buster Tom drohte das Herz stehen zu bleiben. Der Schütze an der Maschinenkanone neigte sich über die Visiereinrichtung und schwenkte den Laufkranz auf Lenna.

„Warte!“, murmelte der Teniente und legte dem Schützen kurz die Hand auf die Schulter.

Jimmy war nur gestolpert. Dort, wo er zu Fall gekommen war, steckte die Lanze zitternd im Boden. Jimmy war bereits auf den Beinen und rannte geradewegs auf die Reiterkette zu. Der Cabo ritt langsam an die Lanze, zog sie aus dem Boden und galoppierte wieder an.

Für die Grenzkavalleristen war es ein spannendes Spiel. Noch lagen alle Vorteile bei ihrem Cabo. Jimmy hatte nicht einmal die Hälfte der Strecke bewältigt, als sich ihm der Lanzenreiter erneut näherte.

Jimmy machte wieder kehrt und spreizte die Arme ab, duckte sich gespannt. Doch er war schon ziemlich erschöpft. Er keuchte, war schweißnass und wankte wie ein Halm im Wind.

„Mein Gott!“, rief Matt. Er und Buster Tom schwitzten nicht weniger als Jimmy.

Wieder nahm der Cabo das Pferd kurz auf, galoppierte dann scharf vorwärts und hielt die Lanze hoch über dem Kopf, um nach beiden Seiten zustoßen zu können.

Diesmal rannte Jimmy jedoch nicht weg. Er trat nur zur Seite. Die Lanze flog trotzdem durch die Luft und fauchte hinter ihm in den Boden. Während der Cabo sein Pferd drehte, sprang Jimmy zur Lanze, riss sie aus dem Boden, richtete sie auf den Reiter und wich langsam zurück.

Ein Raunen ging durch die Reihe der Kavalleristen, die neben der Maschinenkanone standen. Dieser ungleiche Kampf nahm sie derartig gefangen, dass Buster Tom, Matt und Lenna hätten weglaufen können. Was sie vermutlich auch getan hätten, wenn da vorn nicht Jimmy um sein und um ihr Leben kämpfte.

Der Cabo hatte angehalten und zog den Revolver.

„Das Messer! Das Messer, Cabo!“, rief da der Teniente. „Oder reiten Sie ihn einfach um. Trampeln Sie ihn nieder.“

„Ja, trample den Hund nieder!“, brüllten die Soldaten im Chor.

Der Cabo blickte auf den Revolver, schob ihn dann zurück und zog das Messer. Jimmy lief rückwärts gehend in Richtung der Ziellinie, die Lanze dem Reiter entgegengereckt, der sich zum Angriff nicht so schnell entschließen konnte.

Buster Tom und Matt zitterten vor Spannung und Furcht und schwitzten förmlich Blut und Wasser.

„Mein Gott, warum rennt er nicht?“, keuchte Matt.

„Lauf doch, Junge! Lauf!", krächzte auch Buster Tom.

In diesem Moment galoppierte der Cabo wieder an. Dabei beugte er sich tief auf den Hals des Pferdes, das Messer in der Faust.

Jimmy blieb stehen, die Lanze mit beiden Fäusten umspannt und das Ende gegen den Boden gereckt.

„Achtung!“, brüllten die Kavalleristen. „Er schlachtet dein Pferd!“

Der Cabo wendete hart vor der Lanze und ließ sich aus dem Sattel fallen. Er überschlug sich einmal und stand dann aufrecht vor Jimmy, der die Lanze mit einem wilden Ruck zur Seite schleuderte. Dann rannten sie schon gegeneinander, umklammerten sich und stürzten zu Boden.

Buster Tom stapfte zu dem Teniente. „Der Kampf ist doch beendet!“, polterte er mit Stentorstimme. „Zwingen Sie die beiden nicht, sich gegenseitig umzubringen.“

Der Teniente sah ihn mit einem verständnislosen Ausdruck in den Augen an und stieß ihn wütend zurück. Buster Tom kam es vor, als wäre er gar nicht verstanden worden.

Als er wieder zu den Kämpfenden schaute, richtete sich Jimmy gerade auf, drehte sich suchend im Kreis, bückte sich nach dem Hut und der Lanze und lief damit auf die Reiter zu.

„Er hat ihn bewusstlos geschlagen!“, riefen die Soldaten. „Mit einem einzigen Hieb hat er den Cabo erledigt.“

Der Teniente starrte schweigend hinüber. Er war vor Wut richtig grau im Gesicht.

Die Reiter zogen sich vor Jimmy bis an die Klippe zurück. Doch der Cabo kam nicht mehr auf die Beine. Als Jimmy die erste Klippe erreichte, die Lanze dort in den steinigen Boden rammte und sich erschöpft gegen den Fels lehnte, drehte sich der Teniente um.

„Ihr seid frei!“ rief er Buster Tom zu. „Verschwindet! Rasch!“

Buster Tom, Matt und Lenna setzten sich sofort in Bewegung. Erst liefen sie nur. Doch nach drei Schritten rannten sie schon.

„Holt den Cabo her!“, hörten sie den Teniente befehlen. „Bindet ihn vor den Laufkranz der Maschinenkanone. Eine Salve! Er hat seinem Vaterland keinen Dienst erwiesen.“

Doch dazu kam es nicht mehr.

Buster Tom, Matt und Lenna rannten, was sie konnten. Keiner von ihnen dachte daran, dass sie ihr Leben noch längst nicht gerettet hatten, denn die mexikanischen Grenzkavalleristen entließen sie ohne Waffen, Pferde und Wasser in die Wüste. Sie wollten Jimmy umarmen, sich bei ihm bedanken, dass er diesen Kampf für sie alle gewonnen hatte.

Doch auch dazu kam es nicht mehr.

*

image

Als Buster Tom seinen Sohn erreichte, knallte es plötzlich ringsum auf den Höhen. Eine Serie von Schüssen zerfetzte die Stille. Buster Tom, Matt und Lenna ließen sich erschrocken auf die Knie fallen und sahen sich um, weil sie glaubten, dass sie doch noch umgebracht werden sollten.

Doch auch die zwanzig Kavalleristen verharrten im jähen Entsetzen. Buster Tom sah noch, wie der Teniente, von mehreren Schüssen getroffen, zu Boden stürzte.

Dann war es schon wieder still.

„Don Pedro!“, rief Lenna erstickt und presste die Fäuste auf die Brüste. „Um Himmels willen, das ist Don Pedro!“

„Ergebt euch!“, ertönte eine Stimme von einem der Hügel. „Ergebt euch und sprecht euer letztes Gebet. Wer von uns nicht erschossen werden will, der möge sich selbst umbringen.“

Die Kavalleristen rannten zu dem Wagen und gingen dort in Deckung. Ein paar von ihnen wuchteten die Maschinenkanone herum. Die Reiter, die zwischen den Klippen gewartet hatten, jagten zum Wagen zurück, so dass die Männer der Circle C und Lenna auf einmal allein waren. Ohne Waffen!

Die Maschinenkanone hämmerte eine Salve gegen die Hügel.

„Kommt her!“, brüllte dann einer der Soldaten. „Wir werden euch zerhacken!“

Jimmy, der eben voller Todesmut um sein Leben gekämpft hatte, ließ sich zu Boden fallen und schlug die Fäuste auf die Erde. „Nein!“, krächzte er verzweifelt. „Es kann doch nicht alles noch einmal von vorn beginnen!“

„Es sieht aber ganz danach aus!“, brummte Matt.

Don Pedro war mit all seinen Männern gekommen, und sie begannen auch sofort mit dem Angriff. Die Maschinenkanone hämmerte und übertönte das Krachen der Karabiner und Winchester. Sie bestrich die Höhen ringsum, und die Männer der Circle C und Lenna sahen die Banditen reihenweise unter diesem mörderischen Feuer fallen. Doch wo einer fiel, erhoben sich zwei andere. Die Übermacht der Banditen war erdrückend.

Zunächst schlugen die Soldaten mit der Maschinenkanone den Angriff zurück. Es gelang ihnen jedoch nicht, die Banditen über die Hügelkämme hinwegzutreiben. Zwischen den mächtigen Kakteen und den wilden Hügelrücken gab es für die Banditen genügend Deckung. Kaum dass sie sich formiert hatten, griffen sie wieder an.

Auch dieser Angriff wurde von den Soldaten aufgehalten, die mit wahrem Todesmut kämpften. Doch Don Pedro befahl einen Angriff nach dem anderen, und jeder Angriff brachte die Banditen näher an die Wagen und die Maschinenkanone heran.

Buster Tom, Jimmy, Matt und Lenna wagten nicht, sich zu rühren. Sie lagen eng aneinander zwischen den Klippen und beobachteten, was sich da vor ihren Augen abspielte. Die Banditen hatten sie noch nicht entdeckt. Sie besaßen aber auch keine Möglichkeit wegzulaufen.

Wie zu Hause in ihren Dörfern hielten die Banditen während der größten Tageshitze die Siestazeit ein. Doch als die Sonne zu sinken begann, griffen sie wieder in Wellen an.

Die Maschinenkanone hämmerte und tackte. Sie wurde von zwei Männern bedient. Einer lud dieses unersättliche Monstrum nach, der andere schoss. Das Gewehrfeuer der Banditen konzentrierte sich bei jedem Angriff auf die Bedienungsmannschaft. Acht Soldaten waren bereits hinter der Maquina gefallen. Sie lagen neben den leeren  Munitionskisten.

Im letzten Schein des Tageslichtes traten die Banditen dann zum entscheidenden Angriff an. Don Pedro hockte irgendwo in sicherer Deckung und trieb seine Männer pausenlos gegen die Maschinenkanone. Als er sie dann besaß und gegen die Wagen richten ließ, hinter denen sich die letzten Soldaten verschanzt hatten, war der Kampf auch entschieden.

Die Banditen töteten die Bedienungsmannschaft, drehten die Gaitling und ließen sje Feuer und Rauch speien. Die Geschossgarben zerfetzten die Wagen förmlich.

Als die Schatten der Nacht in die Senke fielen, stürmten die Banditen die Wagen und machten die überlebenden Soldaten nieder. Kurz darauf brannten die Wagen, und die Banditen umtanzten sie wie Siegesfeuer.

Die Männer und die Frau zwischen den Klippen waren bis dahin unentdeckt geblieben, obwohl etliche der Banditen während der Angriffe an ihnen vorbeigerannt waren.

„Es ist jetzt dunkel genug!“, raunte Matt. „Laufen wir weg, Tom.“

„All right!“. schnaufte Buster Tom. „Aber nur einer nach dem anderen. Kriecht auf allen vieren durch die Klippen und wartet dann drüben im Osten vor dem Höhenrücken. Matt! Du zuerst!“

Matt machte auf dem Bauch kehrt und robbte rasch davon. Buster Tom wartete, bis er ihn nicht mehr sah. Dann stieß er Jimmy an. „Jetzt du.“

„Lenna, komm mit!“, raunte Jimmy.

„Mach, dass du wegkommst!“, zischte Buster Tom. „Ich bringe sie mit.“

Jimmy wandte sich sofort ab und kroch in die hereinbrechende Nacht hinaus.

Buster Tom schaute noch einmal zu den brennenden Wagen. Dann glitt er zu Lenna, die an einer der Klippen lehnte.

„Kommen Sie!“, murmelte er. „Es wird Zeit, dass wir verschwinden. Don Pedros Leute suchen die Senke nach verwundeten Soldaten ab.“

„Gehen Sie allein, Tom!“, erwiderte Lenna mit schwach klingender Stimme.

Buster Tom neigte sich über sie und umfasste ihre Schultern. Er begriff sofort, dass sie verletzt worden war, wenn er auch nicht sagen konnte, wann. Er ahnte, dass es eine tödliche Verletzung war.

Er tastete ihren Körper ab. Sie ergriff seine Hände und hielt sie fest.

„Gold und Silber sind nicht alles im Leben, Tom“, sagte sie, und er vermochte trotz der Dunkelheit zu erkennen, dass sie dabei lächelte.

„Nein, natürlich nicht“, sagte er. „Aber darüber können wir uns später unterhalten. Legen Sie den Arm um meine Schulter!“

„Leben bedeutet alles!“, flüsterte sie. „Leben und Freiheit!“

Buster Tom sah, dass sich von den brennenden Wagen her Schatten auf die Klippen zubewegten.

„Ja, ja!“, murmelte er abwesend. „Das ist es ja, was ich Ihnen klarmachen wollte. Aber nun kommen Sie! Wir werden Sie drüben vor dem Höhenrücken verbinden.“

„Tom!“, murmelte sie und griff ihm ins Gesicht, fuhr ihm über die Augen und den Mund. „Tom, ich habe Sie geliebt, weil Sie ein wirklicher Mann sind. Zuerst habe ich dabei natürlich an die Beute gedacht, um die ich mit Dunham angetreten bin. Aber ich weiß jetzt ...“

Sie verstummte. Buster Tom fuhr fort, ihren Körper abzutasten, um die Wunde zu finden, aus der ihr Leben entwich. Er fand sie auch, schloss seine Hand darauf, in dem einfältigen Willen, ihr Sterben verhindern zu können. Doch da war sie schon tot.

Sie war so jung gewesen, so verdammt jung, und irgendwie redete er sich ein, dass sie sich mit seiner Frau sehr gut verstanden hätte, zumindest nach allem, was sie bis zuletzt zu durchleiden hatte.

*

image

Er kam mit seinem Nachdenken nicht weiter. Auf einmal waren Schritte zu hören. Er drehte sich um, ließ sich auf den Rücken fallen und stützte sich auf die Arme.

Vor ihm stand eine Gestalt. Dahinter erkannte er ein Pferd. Es war einer der Amerikaner aus Don Pedros Bande.

„Rühr dich nicht, Soldatenhund!“, zischte er auf spanisch.

„Ich bin kein Soldat!“, antwortete Buster Tom auf englisch. „Ich bin einer von denen, dir ihr nach Ensenada bringen wolltet.“

Der Mann richtete das Gewehr auf ihn. „Steh auf! Langsam!“

Details

Seiten
730
Jahr
2019
ISBN (ePUB)
9783738926408
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2022 (März)
Schlagworte
auswahlband western februar

Autoren

  • Pete Hackett (Autor:in)

  • Larry Lash (Autor:in)

  • Glenn Stirling (Autor:in)

  • Bill Garrett (Autor:in)

Zurück

Titel: Auswahlband 8 Top Western März 2022