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Vier Tiger aus Texas

2019 130 Seiten

Zusammenfassung


Mexiko 1866! – Die Revolution hatte das Land in ein Chaos aus Tränen, Blut und Tod verwandelt. Auf der einen Seite stand Benito Juarez mit seinen Rebellen, auf der anderen versuchte sich Kaiser Maximilian I. verzweifelt mit seinen regierungstreuen Regimentern und Fremdenlegionen gegen die wachsende Gefahr zu behaupten. Der Texaner Chet Braddock geriet mitten in diesen Teufelskreis. Zur Umkehr war es zu spät! Man ließ ihm nur die eine Wahl: Entweder er starb vor den Gewehren eines Erschießungskommandos oder er wagte sich auf einen Ritt durch eine Hölle von tausend Gefahren. So wurde Chet zum Partner einer Handvoll rauer, verwegener Männer, die wie Tiger für ihren Job und ihr Leben kämpften ...

Leseprobe

Table of Contents

Vier Tiger aus Texas

Copyright

1

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4

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7

8

9

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13

Vier Tiger aus Texas

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 127 Taschenbuchseiten.

 

Mexiko 1866! – Die Revolution hatte das Land in ein Chaos aus Tränen, Blut und Tod verwandelt. Auf der einen Seite stand Benito Juarez mit seinen Rebellen, auf der anderen versuchte sich Kaiser Maximilian I. verzweifelt mit seinen regierungstreuen Regimentern und Fremdenlegionen gegen die wachsende Gefahr zu behaupten. Der Texaner Chet Braddock geriet mitten in diesen Teufelskreis. Zur Umkehr war es zu spät! Man ließ ihm nur die eine Wahl: Entweder er starb vor den Gewehren eines Erschießungskommandos oder er wagte sich auf einen Ritt durch eine Hölle von tausend Gefahren. So wurde Chet zum Partner einer Handvoll rauer, verwegener Männer, die wie Tiger für ihren Job und ihr Leben kämpften ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

Www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

1

Der kurze Aufschrei des Mädchens drang bis in den entferntesten Winkel der verräucherten Bodega.

Chet Braddock riss den Kopf herum. Durch den Schleier aus blaugrauem Tabakqualm sah er, dass eine junge, hübsche Mexikanerin von den Tischreihen zur Theke zurückgewichen war. Furcht und Empörung brannten in ihren großen, nachtdunklen Augen. Dicht vor ihr stand ein Mann in der Uniform eines Regierungssoldaten. Er lachte rau, ein Lachen, das seine Trunkenheit verriet.

Das Mädchen versuchte an der Theke auszuweichen. Der Mexikaner bekam blitzschnell ihren linken Oberarm zu fassen. Mit der anderen Hand hob er einen Becher und versuchte dem Mädchen Schnaps einzuflößen.

Sie bog den Oberkörper zurück. Eine gewellte Haarsträhne fiel ihr ins schmale braune Gesicht. Sie rief etwas auf Spanisch. Der Soldat beachtete es gar nicht. Sein rohes Lachen dröhnte noch immer durch die Bodega.

Chet sprang auf. Sein Stuhl kippte polternd um.

„Lass sie in Ruhe!“; rief er scharf.

Mit einem Schlag war es totenstill im dämmrigen Raum.

Der Angetrunkene wandte langsam den Kopf. Sein hageres, dunkles Gesicht wirkte jäh verkniffen. Die Trunkenheit schwand aus seinen Augen, ein kaltes, gefährliches Glitzern lebte in ihnen auf. Keuchend versuchte sich das Mädchen aus seinem derben Griff zu befreien.

„Du sollst sie loslassen!“; wiederholte Chet, während er den Rand der Tischreihen erreichte und breitbeinig auf der Fläche vor der Theke stehenblieb.

Der Mexikaner musterte ihn schweigend. In seiner einfachen Cowboykleidung war Chet sofort als Mann zu erkennen, der aus dem Land nördlich des Rio Grande stammte. Er war groß und sehnig, und in seinen grauen Augen sprühte der kalte Zorn eines Mannes, in dem die Ritterlichkeit einer Frau gegenüber verwurzelt ist.

Der Mexikaner ließ den Becher fallen. Mit einem Ruck stieß er das Mädchen von sich. Es stürzte zu Boden. Gleichzeitig zuckte die Faust des Mannes zum Revolver.

„Maledetto Gringo!“; knurrte er gehässig.

Chet blieb keine andere Wahl: Sein 45er schien ihm förmlich in die Faust zu springen. Während die Waffe des Gegners hochflirrte, brach bereits peitschend ein Feuerstrahl aus dem Lauf.

Chet hatte auf die Schulter des Mexikaners gezielt. Doch im Ziehen machte der Soldat einen schrägen, gleitenden Schritt vorwärts – genau in Chets Kugel hinein.

Sein Oberkörper wurde wie von einem wuchtigen Faustschlag nach hinten gerissen. Seine Beine knickten ein. Dann gab es einen harten Fall, der Mann lag reglos am Boden.

Der Revolver hatte sich aus seiner Faust gelöst und schlitterte Chet vor die Füße.

Chet Braddock stand ganz steif. Der Geruch des Pulverrauches weckte ein Gefühl von Übelkeit in ihm. Langsam ließ er den Colt sinken, den Blick noch immer wie gebannt auf den reglosen Mann am Boden gerichtet. Winzige Schweißperlen standen plötzlich auf seiner Stirn.

„Schnell, Señor!“, rief jemand von der Theke. „Sie müssen fort! Dios mio. schnell!“

Er drehte den Kopf. Da sah er das Mädchen. Sie hatte sich an der Theke hochgezogen. Aus aufgerissenen Augen starrte sie zu ihm her.

Ringsum war es noch immer bedrückend still.

Der heiße Aufruhr in Chet Braddock klang ab. Ruhig erwiderte er: „Ich sehe keinen Grund zur Flucht! Er hat zuerst gezogen! Es war Notwehr!“

Das Mädchen kam schnell auf ihn zu, umklammerte Chets Arm.

„Notwehr?“, flüsterte sie. „Danach wird niemand fragen! Sie haben einen Soldaten der kaiserlichen Armee erschossen – dafür wird man Sie töten, Señor.“

Auf der Straße vor der Bodega schwirrten aufgeregte Stimmen durcheinander. Eilige Schritte und Sporengeklirr näherten sich.

„Da kommen sie schon!“, raunte das Mädchen. „Sie dürfen nicht mehr zögern, Señor!“

Chets Blick flog über die Tischreihen. Die Gäste waren durchweg Mexikaner, Männer in ärmlicher Kleidung mit riesigen Strohsombreros. Ihre braunen Gesichter waren undurchdringlich, ihre Blicke starr. Hier gab es niemand, der einem fremden Gringo helfen würde.

Der Schatten von Männern fiel über die Schwelle. Dann tauchten sie schon auf: an der Spitze ein kleiner schmächtiger Bursche mit schmutzigem Hemd und Sandalen an den bloßen Füßen, hinter ihm ein Rudel kräftiger, finster blickender Uniformierter. Waffen blinkten.

Der Kleine deutete mit ausgestrecktem Arm auf Chet.

„Da ist er!“, krächzte er aufgeregt. „Das ist der Gringo, der Pablo umgebracht hat!“

Einer der Soldaten stieß einen scharfen Befehl aus. In dichtgeschlossenem Rudel stürzten sie durch die Tür in die Bodega.

Chets Faust schloss sich klatschend um den Kolben seines 45ers.

Das Mädchen neben ihm schüttelte heftig den Kopf.

„Kommen Sie!“

Chet begriff, dass er als einzelner Mann dieses Rudel nicht aufhalten konnte. Er sträubte sich nicht mehr, als ihn die Mexikanerin an der Theke entlangzog, zum dämmrigen Hintergrund des rauchverhangenen Raumes.

„Halt!“, brüllte eine Männerstimme hinter ihnen. „Stehenbleiben!“

Das Mädchen schlug einen aus bunten Perlenschnüren gefertigten Vorhang zur Seite, der sich mit leisem Klirren wieder hinter ihnen schloss. Sie befanden sich in einem fensterlosen dunklen Raum. Es roch durchdringend nach Tequila.

Hinter ihnen polterten hastige Stiefeltritte quer durch die Bodega. Ein Schuss krachte, eine Kugel schlug klatschend durch die Perlenschnüre und prallte gegen die weißgetünchte Lehmziegelwand.

„Da hinauf!“, keuchte das Mädchen.

An der Hand zog sie den Texaner durch die Finsternis des Raumes, bis sie den Absatz einer Treppe vor sich hatten. Sie hasteten hinauf. Unten peitschten weitere Schüsse – ziellos und in blinder Wut abgefeuert.

Schweratmend langten Chet und das Mädchen oben an. Sonnenlicht sickerte spärlich durch Ritzen am Dachrand. Überall waren Kisten, Fässer und Ballen gestapelt. Eine Maus huschte quietschend durch einen Lichtstreifen. Chet schaute sich nach einem Versteck um.

Inzwischen drangen unten die Verfolger in den Nebenraum der Bodega ein. Das Klirren des Perlenvorhanges ging im Gewirr der Stimmen und im Stiefelgetrappel unter. Verwünschungen schallten.

Dann rief jemand anfeuernd: „Die Treppe! Los, hinauf mit euch!“

Chet biss die Zähne zusammen. Das Mädchen deutete zum Ende des Lagerspeichers.

„Eine Luke! Dort kommen Sie auf den Hof hinab, Señor!“

„Und Sie?“

Trotz der gespannten Lage lächelte sie flüchtig. Ihre vollen Lippen waren weich und verlockend. „Mir werden sie nichts tun! Beeilen Sie sich, Señor!“

„Ich danke Ihnen!“

Sie schüttelte abwehrend den Kopf. „Ich habe schließlich eine Schuld zu begleichen! – Und jetzt – schnell!“

Tritte hämmerten die Lehmstufen herauf.

Chet nickte dem Mädchen zu. Im nächsten Moment glitt er geduckt in den Schatten zwischen den Kisten und Fässern hinein.

Als die Soldaten das obere Treppenende erreichten, war Chet bei der Luke angelangt. Hinter einem hohen Kistenstapel kauernd, öffnete er behutsam den Verschlag. Am anderen Speicherende schrie der Anführer der Soldaten wütend auf das Mädchen ein. Sie antwortete mit gleichmütiger Stimme. Der Offizier gab seinen Leuten den Befehl, alles zu durchsuchen.

Chet beugte sich aus der offenen Luke. Gleißendes Sonnenlicht blendete ihn. Unten lag der kleine Hinterhof der Bodega, von schiefen Lehmhütten und einer niedrigen halbzerfallenen Mauer eingerahmt. Es war nicht weit da hinab, und Chet verlor keine Sekunde.

Er schob die Füße ins Freie, hielt sich noch einen Augenblick mit beiden Händen am Luken Rand fest und ließ dann los. Er landete federnd auf beiden Füßen. Eine Staubwolke hüllte ihn ein.

Auf dem Speicher stürzte polternd ein Kistenstapel um. Mexikanische Flüche ertönten. An der Hauswand entlang rannte Chet geduckt zur Seite, wo er sein Pferd vor der Bodega abgestellt hatte. Erst wenn er im Sattel saß, konnte er sich eine Chance für ein endgültiges Entkommen ausrechnen.

An die Hausecke gedrückt, verharrte er.

Eine Menschenmenge hatte sich lärmend vor dem Bodega-Eingang versammelt. Und im Laufschritt kam eine neue Abteilung Soldaten zwischen den weißleuchtenden Häuserfronten heran.

Dann zuckte Chet plötzlich zusammen. Der Platz, an dem er sein Pferd an einem eisernen Haltering festgebunden hatte, war leer!

Etwas Eisiges rieselte Chet zwischen den Schulterblättern hinab.

Aus engen Augen beobachtete er wie die neu hinzugekommenen Soldaten mit rücksichtslosen Kolbenstößen die Menge vor der Bodega zerstreuten. Und dann vernahm er auf dem Speicher einen erregten Aufschrei. Sie mussten seinen Fluchtweg bemerkt haben!

Gehetzt schaute er sich um. Er musste weg von hier – und er brauchte so rasch wie möglich ein Pferd! Jetzt verwünschte er den Augenblick, in dem er sich entschlossen hatte, über den Rio Grande in dieses von der Revolution aufgewühlte Land zu reiten – in dieses Land, wo das erste und letzte Wort von den Waffen gesprochen wurde, wo es kein Recht und Gesetz mehr gab, nur noch Gewalt und den Willen, zu überleben!

Im nächsten Moment entdeckte Chet Braddock seinen hochbeinigen Braunen. Er wurde eben ganz in der Nähe durch einen Torbogen gezogen, von einem Mann, von dem nur der Schatten zu sehen war. Gleich darauf waren Pferd und Schatten verschwunden.

Chet rannte los, dicht an den Hauswänden entlang. Der Lärm auf der Straße überdeckte das Knirschen des Sandes unter seinen texanischen Reitstiefeln. Jeden Augenblick war er darauf gefasst, einen Alarmruf und das Schwirren von Kugeln zu hören.

Dann hatte er das Tor erreicht und drückte sich keuchend durch den schattigen Bogen. Keine fünf Schritte von ihm entfernt stand sein Brauner an den Radspeichen einer alten klapprigen Kutsche festgebunden. Neue Hoffnung flammte in Chet auf.

Er lief auf das Pferd zu. Schnaubend dreht es den Kopf. Chet fasste nach dem Sattelhorn.

Da sagte eine gelassene kühle Stimme in unverkennbarem Texanerdialekt hinter ihm: „Nicht so hastig, mein Freund! In dem Moment, in dem Ihr Hosenboden den Sattel berührt, trifft Sie meine Kugel!“

 

 

2

Chets Hand fiel herab. Langsam, mit kantigem Gesicht, drehte er sich um. An der Adobelehmmauer neben dem Tor lehnte ein großer breitschultriger Mann. Helle Augen funkelten spöttisch in einem sonnengebräunten scharfgeschnittenen Gesicht. Unter dem grauen Stetson lugte flachsblondes Haar hervor. Der Mann trug eine ärmellose Lederweste über einem blauen Reithemd und eine enge dunkle Hose, die über hochhackige Cowboystiefel gestülpt war. Auffällig war der patronenbespickte Kreuzgurt, an dem zwei tiefgeschnallte Holster hingen. Eines davon war leer.

Der Colt lag in der rechten Faust des Fremden, die Mündung genau auf Chets Brust gerichtet. Der Hammer war bereits gespannt.

Chets Wangenmuskeln verkrampften sich.

„Sie wollen mich den Mexikanern ausliefern?“

Das spöttische Funkeln blieb in den hellen Augen des anderen.

„Das habe ich nicht behauptet!“

„Warum halten Sie mich dann auf? Zum Kuckuck. Sie sind doch Amerikaner wie ich! Was versprechen Sie sich von Ihrem Verhalten!“

„Eine nette kleine Unterhaltung!“

„Zum Teufel mit Ihren Witzen!“

„Das ist kein Witz!“, sagte der Fremde ruhig. „Sie werden es gleich merken!“ Aus der Richtung, wo die Bodega lag, kam noch immer wüster Lärm. Vor dem Tor hasteten Menschen auf der Straße vorbei. Ein Esel begann irgendwo erbärmlich zu schreien. Dann krachte ganz in der Nähe ein vereinzelter Schuss, dem wilde Verwünschungen folgten.

„Was wollen Sie also?“, knurrte Chet. Er starrte in die schwarze Coltmündung und wusste genau, dass nicht die geringste Chance bestand, diesem großen blonden Fremden mit einem Schuss zuvorzukommen.

Sein Gegenüber nickte gelassen.

„Sie haben recht! Kommen wir zur Sache! Zu lange werden die Leute, die Sie ärgerten wohl nicht auf sich warten lassen! – Well, Mister, ich habe Ihnen ein Angebot zu machen!“

„Ein Angebot?“

„Yea!“ Der Fremde lächelte kalt. „Übrigens, mein Name ist Virg Eames, und ich komme aus Texas. Wie Sie – oder irre ich mich?“

„Nein, Sie irren sich nicht! Weiter, Mann!“

Die hellen Augen des Blonden wurden hart.

„Ich biete Ihnen Ihre Freiheit und Ihr Leben – gegen den Preis Ihrer Partnerschaft!“

Chet kniff die Augen zusammen.

„Fange ich an, schlecht zu hören?“

„Sie haben recht gut verstanden!“

„Nur begreife ich davon kein Wort!“, stieß Chet grimmig hervor.

„Ich will ein wenig deutlicher werden! Was in diesem Land los ist, wissen Sie ja. Und dass Sie nicht der einzige Amerikaner in der Provinz Chihuahua sind, ist Ihnen auch klar! Nach dem Bürgerkrieg sind viele von uns, die im Süden alles verloren haben, nach Mexiko gegangen.“

„Halten Sie sich nicht durch lange Vorreden auf, Eames!“

„Well“, meinte der Blonde achselzuckend, „dieses Land hat sich in eine Hölle verwandelt, in der jeder sehen muss, dass er nicht untergeht. Meine Freunde und ich haben uns entschlossen, für die Rebellen Benito Juarez’ zu arbeiten. Irgendwie muss der Mensch seinen Unterhalt verdienen, nicht wahr?“

„Was habe ich damit zu tun?“

„Meine Partner und ich haben einen Auftrag angenommen, der nicht gerade leicht auszuführen ist. Wir können jeden zusätzlichen Colt gut gebrauchen. Sie kommen wie gerufen!“

Chet atmete scharf ein.

„Ich bin nicht nach Mexiko gekommen, um mich an der Revolution zu beteiligen.“

„Danach wird leider niemand fragen! Niemand kann sich hier raushalten, in diesem höllischen Strudel Partei zu ergreifen!“

„Das wird sich herausstellen!“

„Es hat sich schon herausgestellt!“, erklärte Virg Eames scharf und bewegte leicht den Colt in seiner Faust. „Oder ist Ihnen noch immer nicht aufgegangen, dass Sie ohne mein Einverständnis von hier nicht wegkommen?“

„Eames ...“

„Bedenken Sie, Mann, dass Sie nicht gerade viel Zeit haben! Die Regierungssoldaten werden die ganze Stadt nach Ihnen umstülpen. Und von der Bodega bis hierher ist es nur ein Katzensprung!“

Chet knirschte mit den Zähnen.

„Wenn Sie für die Rebellen arbeiten, wird das Auftauchen der Soldaten auch für Sie kein Honiglecken.“

Eames lächelte kühl.

„Die Greaser werden nur einen bekommen – und zwar Sie!“

„Sie sind ein Schuft!“

„Vielleicht würden Sie an meiner Stelle ebenso handeln!“, sagte Eames gelassen. „Man hat meinen Freunden und mir zehntausend Silberpesos für die Erfüllung unseres Auftrages geboten! Und dabei geht es nicht nur um das Geld – sondern auch darum, den Job lebend zu überstehen. Dafür tut man eine ganze Menge. Vielleicht verstehen Sie das!“

Hufgetrappel schaufelte die Straße entlang. Sporengerassel näherte sich dem Torbogen, Waffen klirrten, und wütende Stimmen vermischten sich.

Eames zog die Brauen hoch.

„Gleich wird der erste durchs Tor kommen! Mister, mehr als zehn Sekunden bleiben Ihnen nicht mehr zum Nachdenken! Wollen Sie wirklich lieber an die Wand gestellt und erschossen werden, als mir Ihr Einverständnis geben?“

Chet ließ die Schultern sinken.

„Ich denke. Sie haben gewonnen, Eames!“, murmelte er rau.

Eames’ Haltung entspannte sich. Er ließ den Coltlauf sinken.

„Ihr Glück, Hombre! Und jetzt nichts wie weg!“

Chet wandte sich ab, um seinen Braunen vom Kutschenrad loszubinden. Dicht hinter ihm waren die Schritte von Eames. Da wirbelte Chet mit katzenhafter Geschmeidigkeit herum, und zog aus dieser Bewegung heraus seine geballte Rechte nach oben.

Er traf ins Leere.

Schnell und geistesgegenwärtig, wie Chet es noch bei keinem Mann erlebt hatte, duckte sich Virg Eames seitwärts weg. Die Wucht des Schwingers riss Chet nach vorn.

Aus den Augenwinkeln bemerkte er Eames’ huschende Bewegung und wollte sich herumwerfen. Da traf ihn bereits der Coltlauf seitlich am Kopf und schleuderte ihn in den Sand.

Er schmeckte Staub auf den Lippen, hörte noch, wie Eames murmelte: „Deine eigene Schuld, Amigo!“ – dann hatte er das Gefühl, von einer pfeilschnell dahinschießenden Flut in eine schwarze Leere hinausgetragen zu werden.

Als er wieder zu sich kam und blinzelnd die Augen öffnete, sah er sich von einer Schar heftig gestikulierender mexikanischer Soldaten umringt. Kräftige Fäuste rissen ihn roh auf die Füße, zerrten ihm die Arme auf den Rücken und banden ihn. Vor ihm erschien das zorndunkle bärtige Gesicht eines Offiziers.

„Du hast einen meiner Männer getötet, Gringo – dafür wirst du bezahlen! Mit deinem Leben! Das schwöre ich dir!“

Auf seinen Wink wurde Chet zum Tor geschleppt. Über die Schultern der Soldaten warf der Gefangene einen letzten Blick auf den sonnenbestrahlten Hof. Weder von seinem Braunen noch von Virg Eames war auch nur keine Spur zu sehen ...

 

 

3

Die Kerzenflamme auf dem Tisch begann zu flackern, als die dicke Bohlentür mit einem leisen Knarren aufschwang. Die vier Männer am grobgezimmerten Tisch erhoben sich sofort. Ihre Hände glitten in einer mechanischen Bewegung zu den Revolverkolben.

„Keine Sorge! Ich bin es – Virg!“

Der große breitschultrige Texaner schob sich über die Schwelle und drückte die Tür hinter sich zu. Sein Gesicht war angespannt. Gegen die Tür gelehnt blieb er stehen und lauschte auf die nächtliche Straße hinaus.

Einer der anderen Männer, ein untersetzter kräftiger Bursche mit stoppelbärtigem Gesicht, schob sich um den Tisch herum. Er und noch ein anderer Mann waren an der Kleidung sofort als Nordamerikaner zu erkennen.

Die beiden anderen waren Mexikaner, einer groß, hager und mit einem kohlschwarzen Schnurrbart, der andere klein, drahtig, mit einem ständig lauernden Ausdruck auf dem spitzen Gesicht.

Der untersetzte Amerikaner fragte schnell und heiser: „Etwas nicht in Ordnung, Virg?“

Eames kam mit lautlosen Schritten von der Tür in die Zimmermitte.

„Einer ist hinter mir her! Ich hab’ ihn nicht abschütteln können!“

Der große hagere Mexikaner schaute seinen Landsmann flüchtig an. „Arbeit für dich, Miguel!“

Miguel glitt vom Stuhl. Er grinste verschlagen, während sich seine Faust um den silberbeschlagenen Dolchgriff krampfte, der aus seinem Gürtel ragte. „Si, Capitan!“

Gleich darauf hatte er den trüb erhellten Raum verlassen.

Eames zog sich einen Stuhl heran, setzte sich und goss aus einem dickbauchigen Tonkrug Tequila in eine flache Schale. Er nahm einen kräftigen Schluck und hob den Blick zu den fragenden Augen des hageren Mexikaners.

„Er sitzt im Gefängnis!“, erklärte er unaufgefordert. „Morgen früh soll er standrechtlich erschossen werden!“

Die dünnen Lippen des Mexikaners verkniffen sich.

„Dieser Narr! Dabei hätte er nur ja zu sagen brauchen!“

Eames lächelte kalt.

„Sie wissen nicht, wie stur ein Texaner sein kann, Capitano! Aber ich denke, es ist noch nicht zu spät!“

„Du willst ihn herausholen. Virg?“ Der Stämmige beugte sich gespannt über die Tischplatte.

Eames nahm einen neuen Schluck Tequila.

„Warum nicht? Er ist ein harter Bursche, das hat er bewiesen!“

Der Mexikaner starrte Eames durchdringend an.

„Sie und Ihre Freunde haben einen Job zu erfüllen! Als Leichen werdet ihr das kaum können!“

„Wem sagen Sie das, Capitano! Bedenken Sie, wie wenig Leute wir sind, auch mit der Mannschaft Ihres Teniente Miguel Seguanto. Vielleicht wird unser Auftrag nie erfüllt, wenn wir nicht die Mithilfe eines weiteren schnellen Revolverschützen erhalten.“

Der Rebellen-Capitano setzte sich. „Für mich hängt alles davon ab, dass der Waffentransport in unsere Hände fällt.“

„Und für uns stehen zehntausend Silberpesos und unser Leben auf dem Spiel! Glauben Sie denn, das wiegt weniger schwer?“

„Ich halte das Risiko für zu groß!“, brummte der Stämmige kopfschüttelnd.

Der Mexikaner lächelte scharf. „Hören Sie Ihren Freund, Eames?“

Eames Miene blieb undurchdringlich. „Überlassen Sie Buck ruhig mir, Capitano. Alles, was ich brauche, ist freie Hand bis zum Morgengrauen! Ihre Leute müssen auf meinen Befehl hören!“

Der Capitano Devara zögerte. Seine Finger trommelten auf der Tischplatte. „Ihr werdet ins Verderben rennen!“, murmelte er.

Vor der Tür war plötzlich ein dumpfes Geräusch, Sand knirschte, dann war es still. Die Männer am Tisch tauschten schnelle Blicke. Die Hände an den Revolvern, warteten sie schweigend. Nach einer Weile wurde die Tür geöffnet, und der zweite Mexikaner kehrte zurück.

Er verstaute seinen Dolch im Gürtel und lächelte kalt.

„Kein Grund mehr zur Aufregung!“ Der kleine Mexikaner ging zum Tisch und trank aus dem Tonkrug.

Eames betrachtete ihn mit einem Ausdruck von Widerwillen.

Einen Moment sah es aus als wollte er zu dem Mann etwas sagen, dann drehte er sich achselzuckend wieder dem Rebellenoffizier zu – diesem hageren, schnurrbärtigen Mann, der wie ein einfacher Vaquero gekleidet war.

„Ich warte noch immer auf Ihre Antwort, Capitano!“

Devara legte die Stirn in Falten.

„Ich hoffe, der Gedanke an die zehntausend Pesos ist eindringlich genug, um Sie keinen Fehler begehen zu lassen! Bueno, Sie haben meine Zustimmung! Aber wenn Sie den Mann herausholen, wie wollen Sie wissen, ob er dann auch tatsächlich auf unserer Seite steht?“

„Das werden wir vorher erfahren!“

„Vorher?“

„Durch Juanita!“, erklärte Eames lächelnd. „Ich werde sofort zu ihr gehen und ihr Bescheid sagen.“

Ohne eine Entgegnung abzuwarten, wandte er sich wieder der Tür zu. Stumm und skeptisch schauten ihm die anderen nach ...

 

 

4

Schwere Stiefeltritte pochten den Korridor entlang und verstummten vor der Zelle, in der Chet Braddock auf einem Haufen halbverfaulten Strohs lag. Der gelbe Schein einer schwankenden Laterne fiel durch die Gitterstäbe.

Eine barsche Männerstimme rief: „He, Gringo, los, hoch mit dir! Steh auf, ehe ich dir Beine mache, caramba!“

Chet erhob sich ohne Eile und kam ans Gitter. Davor stand ein dunkelhäutiger Soldat mit einer Laterne in der linken, einem schussbereiten Armeerevolver in der rechten Faust.

Chets Gesicht wirkte grau und erschöpft. Kurz nach Sonnenuntergang war der bärtige Offizier, der ihn festgenommen hatte, vor der Zelle erschienen und hatte ihm mit lauter triumphierender Stimme das Urteil vorgelesen: Erschießung bei Tagesanbruch. Jetzt krampfte Chet die Hände um die Gitterstäbe und starrte den Wachtposten ausbrennenden Augen ab.

„Besuch für dich, Hombre!“

„Besuch?“ Überrascht runzelte Chet die Stirn.

Der Posten zuckte die Schultern. „Wenn du nicht willst ...“

„Nein, nein!“, winkte Chet hastig ab. „Es ist schon in Ordnung!“ Heiße Erregung war plötzlich in ihm.

Der Soldat wich an die gegenüberliegende Zellenwand zurück.

„Aber keine Dummheiten! Mein Finger liegt am Abzug!“ Er drehte den Kopf und rief: „Du kannst kommen, Muchacha! Er wartet auf dich!“ Er lachte wieder – das Lachen eines Mannes, dem es gleichgültig war, was in dem zum Tode Verurteilten hinter dem Zellengitter vorging.

Eilige Schritte trippelten den Korridor entlang. Dann schob sich eine schlanke, biegsame Mädchengestalt in den Lichtkreis der Laterne. Chet sah das hübsche braune, von schwarzem Haar umrahmte Gesicht und hielt den Atem an, als er das Mädchen aus der Bodega erkannte.

Mit ausgestreckten Händen kam sie auf die Zelle zu.

„Mi querido! Oh, dios mio! Mi querido!“

Ihre Stimme war voller Verzweiflung, schluchzend und schrill.

Chet starrte sie an. Sie hatte ihn Liebster genannt, und jetzt griffen ihre schmalen Hände durchs Gitter und klammerten sich an seinen Schultern fest, als wollte sie ihn für immer festhalten. Dabei rief sie wieder: „Oh, mi querido!“ Sie presste ihr Gesicht gegen die Eisenstäbe.

„Küssen Sie mich, Señor!“, flüsterte sie gleich darauf drängend. „Schnell!“

Das Begreifen war wie eine heiße Woge in Chet Braddock. Durch die Gitterstäbe schlang er seine Arme um den warmen, weichen Mädchenkörper, zog sie zu sich heran und küsste sie. Ihre Lippen waren süß und sanft, und für einen Moment spürte er nur den Schauer der Erregung.

Ihre Hände streichelten seine Wangen, seinen Nacken, seine Schultern. Und während sich ihre Schultern scheinbar vor Verzweiflung schüttelten, flüsterte sie hastig: „Eames schickt mich! Tun Sie so, als sei ich Ihre Geliebte, Señor!“

Er beugte den Kopf und küsste sie auf die Stirn. Ihre Gesichter waren aneinandergeschmiegt, ihr seidiges Haar streichelte seine Wangen.

„Was will er?“, raunte Chet heiser.

Sie hatte die Arme um seinen Nacken geschlungen und bedeckte sein Gesicht mit schnellen leidenschaftlichen Küssen.

„Er lässt Sie an sein Angebot erinnern!“, flüsterte sie dazwischen. „Wenn Sie zustimmen, wird er Sie herausholen.“

Chet biss die Zähne zusammen. Grimm erfüllte ihn, wenn er an Eames dachte.

Über den Kopf des Mädchens hinweg sah er das grinsende, vom Laternenlicht überspülte Gesicht des Wachtpostens.

„Por Dios!“, lachte der Mann. „Fast fange ich an, dich zu beneiden, Hombre!“

Um die weichgerundeten Mädchenschultern krallte Chet seine Hände. „Und wenn ich es nicht tue?“, zischte er scharf.

Sie bog den Kopf zurück. Zum ersten Mal war der Ausdruck von heißer Sorge in ihren dunklen Augen echt.

„Madre mia, dann werden Sie sterben. Señor! Ich bitte Sie, seien Sie vernünftig!“

Er biss sich auf die Unterlippe. Sie nahm sein Gesicht zärtlich zwischen die Hände. Ihr leidenschaftliches Flüstern musste für den Wächter wie ein verzweifelter letzter Abschied klingen.

„Ich muss gleich gehen, Señor. Ich habe den Offizier der Wache bestochen, aber mehr als fünf Minuten hat er mir nicht zugestanden. Entscheiden Sie sich richtig, Señor – bitte!“

Ihre Wangen glühten.

„Ist Eames Ihr Freund?“, wollte Chet wissen.

Sie schüttelte den Kopf. „Ich arbeite in der Bodega als Kundschafterin für die Rebellen – für die Juaristas. Eames’ Auftraggeber sind auch die meinen. Und jetzt die Antwort, Señor. Sagen Sie ja!“

Chet seufzte.

„Man wird Sie erschießen – bestimmt!“, drängte das Mädchen. „Sie kennen diese Leute nicht!“

Langsam nickte der Gefangene.

„Ich habe wohl keine andere Wahl.“

„Ich kann Eames Ihre Zustimmung bestellen?“

„Ja!“

„Ich danke Ihnen, Señor!“, flüsterte das Mädchen, und dann waren ihre vollen weichen Lippen wieder auf seinem Mund.

„Die Zeit ist um!“, ließ sich der Posten brummig vernehmen.

Das Mädchen machte sich von Chet los, ihre Blicke tauchten ineinander.

Chet lächelte schwach. „Eines möchte ich noch wissen – Ihren Namen.“

„Juanita!“ Sie löste sich aus seinen Armen und lächelte für einen Moment zurück – warm und verlockend.

„Ich werde Sie gewiss nie vergessen!“, murmelte Chet heiser.

Dann huschte sie bereits davon. Der Wachtposten folgte ihr, der Lichtkreis schrumpfte zusammen. Gleich darauf war Chet Braddock allein in der Dunkelheit. Auf seinen Lippen brannten noch Juanitas Küsse ...

 

 

5

Chet erwachte. Ein fahler Sonnenstrahl traf ihn mitten ins Gesicht. Gähnend setzte er sich auf. Das Stroh raschelte dürr. Auf dem Lehmboden tanzte ein Lichtkringel.

Die Erinnerung kam und verscheuchte den letzten Rest von Müdigkeit aus Chet. Die Gewissheit, nicht im Stich gelassen zu werden, hatte ihn tief und ruhig schlafen lassen. Aber jetzt war es Morgen, draußen leuchtete die Sonne – und seit Juanitas Besuch war die Nacht ereignislos verstrichen!

Die alten dunklen Linien der Bitterkeit kerbten sich wieder um Chets Mundwinkel.

Vom Eingang des Gefängnisses kamen dumpfe Stimmen. Ein Schlüssel drehte sich knirschend in einem Schloss, Torangeln knarrten rostig. Mit zwei langen Schritten war Chet bei den Gitterstäben. Er versuchte den Korridor entlangzuspähen, aber sein Blickfeld blieb auf wenige Yards begrenzt.

Schritte kamen den Korridor entlang, Metall klirrte.

Chets Herz pochte in harten Stößen. Schweiß sickerte seine Wangen herab.

Dann tauchten die Männer vor der Zelle auf: der Gefängniswärter, zwei Soldaten und der bärtige Offizier.

Chets Magen krampfte sich zusammen. Sein Blick wurde leer.

„Es ist so weit, Gringo!“, sagte der Offizier höhnisch.

Der Gefängniswärter schloss die Zelle auf. Die beiden Soldaten kamen herein, und für einen Moment war Chet versucht, mit den bloßen Fäusten auf sie loszugehen. Aber ihre grimmigen Gesichter verrieten ihm, dass sie darauf nur warteten. Und draußen stand der Offizier mit schussbereitem Revolver in der Faust.

Die Lippen zusammengepresst, ließ sich Chet die Hände auf den Rücken binden. Dann stießen ihn die Soldaten auf den Korridor. Chet wurde zu einem Seitenausgang geführt, vorbei an anderen Zellen, in denen zerlumpte Gestalten kauerten und ihm mit teilnahmslosen Blicken folgten.

Der Gefängniswärter öffnete ein Tor. Grelles Morgenlicht brandete über die Schwelle, und für eine Sekunde schloss Chet geblendet die Augen.

Der Offizier gab einen knappen Befehl.

Draußen setzte dumpfer Trommelwirbel ein.

Chet sah eine gelbe Sandfläche vor sich, die von einer hohen weißen Adobelehmmauer gesäumt wurde. Links hatte eine Reihe Soldaten Aufstellung genommen, Gewehr bei Fuß, den Blick starr geradeaus gerichtet.

Der Mann am Ende der Reihe ließ mit flinken Fingern die Trommelstöcke wirbeln – stetig und dumpf. Chet konnte nicht verhindern, dass ihm ein Schauer über den Rücken rieselte. Die beiden Soldaten hatten ihn links und rechts an den Armen gepackt und drehten ihn so, dass Chets Blick auf den kahlen mannshohen Pfahl vor der weißen Mauer fiel.

Einen Augenblick glaubte Chet, keine Luft mehr zu bekommen.

Er stemmte sich gegen den Griff seiner Bewacher und drehte das angespannte, schweißnasse Gesicht dem Offizier zu.

„Dazu haben Sie kein Recht!“ Seine Stimme kratzte vor Heiserkeit. „Ich verlange, vor ein ordentliches Gericht gestellt zu werden!“

„Du vergisst, Gringo“, erwiderte der Mexikaner eisig, „dass in diesem Land Krieg herrscht! Wir wissen genau, dass die Sympathien von euch Americanos auf Seiten der Rebellen liegen! Dass du einen Angehörigen der kaiserlichen Armee erschossen hast, sagt genug!“

„Wie oft soll ich noch sagen, dass es Notwehr war! Der Mann hat zuerst ...“

„Schluss damit!“, unterbrach ihn der Offizier barsch.

„Bindet ihn an den Pfahl!“

Die beiden Soldaten schleppten zur Mauer hinüber, drückten ihn gegen das glatte runde Holz und banden ihn mit Hanfstricken daran fest.

Noch immer dröhnte dumpf die Trommel.

Der Offizier stellte sich in rechtem Winkel zu den strammstehenden Soldaten auf. Er zog den Degen und nahm ihn, die Hacken zusammenschlagend, an die Schulter.

Einer der Mexikaner, die Chet an den Pfahl gestellt hatten, wollte ihm die Augen verbinden. Chet schüttelte nur den Kopf. Wortlos wichen die beiden Soldaten an den Rand des Gefängnishofes zurück.

Der Offizier gab einen lauten Befehl.

In die starre Front der Uniformierten kam Bewegung. Mit einem einzigen Ruck flogen die Gewehre hoch. Die Sonne brach sich blinkend an den Karabinerläufen.

Bleierne Benommenheit durchdrang Chets Gehirn. Das alles schien ihm wie ein Alptraum, aus dem er jeden Augenblick schweißgebadet erwachen würde.

Auf das nächste Kommando luden die Soldaten die Gewehre durch. Das scharfe gleichzeitige Knacken der Gewehrschlösser traf den Gefangenen wie ein Stich.

Plötzlich kamen Verzweiflung und Aufbegehren wie eine mörderische Flamme in ihm hoch. Er erinnerte sich an Eames und an Juanita. Verbissen zerrte er an den Fesseln. Sie lockerten sich kein bisschen, sondern scheuerten nur seine Handgelenke wund.

Auf der anderen Hofseite tönte wieder die scharfe Kommandostimme des Offiziers. Wie abgeschnitten verstummte der Trommelwirbel. Die eintretende Stille drückte gegen Chets Schläfen. Das Blut rauschte in seinen Ohren. Er spürte das Hämmern seines Herzens bis in die Kehle.

Sein Blick traf auf die blitzende Degenklinge, die der Offizier hoch in die Luft gereckt hatte. In dem Moment, da sie niedersauste, würde die tödliche Salve krachen!

Das war die Sekunde, in der in Chet Braddock alles zu ersterben schien! Er gab sich verloren!

Der Mund des Offiziers öffnete sich.

„Feuer!“, peitschte der Befehl über den sonnenhellen Hof.

Die blinkende Degenklinge flirrte abwärts!

Die dröhnende Salve zertrümmerte endgültig den falschen Frieden des sonnenlichtdurchtränkten Schweigens!

Chets Körper war in Erwartung der tödlichen Kugeln verkrampft. Eine seltsame Leere war in seinem Gehirn entstanden. Es dauerte eine Weile, bis er begriff, was auf dem Gefängnishof vorging.

Die starre Front des Hinrichtungskommandos hatte sich in ein Durcheinander zusammenbrechender Gestalten verwandelt. Schreie gellten, Staub wölkte auf, unter verkrümmten reglosen Körpern färbte sich der Sand dunkel von Blut.

Der bärtige Offizier hatte den Degen fortgeworfen und zerrte eine Pistole aus dem Gürtel. Außer ihm waren nur noch die beiden Soldaten auf den Beinen, die Chet an den Pfahl gefesselt hatten. In panischer Angst versuchten sie, den Hofausgang des Gefängnisses zu erreichen.

Oben auf der Mauerkrone waren malerisch verwegene Gestalten mit wagenradgroßen Sombreros und farbigen Ponchos aufgetaucht. Eine Kette von Gewehrläufen blinkte vor dem satten Blau des Morgenhimmels. Jemand schrie etwas. Und noch ehe unten im Hof der Offizier seine Waffe in Anschlag bringen konnte, donnerte die zweite Salve.

Die beiden fliehenden Soldaten wurden in vollem Lauf herumgewirbelt und in den Sand gestreckt. Einer machte noch den Versuch, sich hochzustemmen, kippte jedoch im nächsten Moment kraftlos aufs Gesicht und rührte sich nicht mehr.

Die Faust des Offiziers fiel herab, die Pistole landete klatschend im Sand. Der Offizier machte zwei torkelnde Schritte vorwärts, das Gesicht aschfahl, die Augen vor Überraschung und Entsetzen geweitet, dann brach er erschlaffend zusammen.

Rufe flogen die Mauerkrone entlang. Auf der anderen Seite war das unruhige Stampfen von Pferdehufen zu vernehmen.

Dann wurde ein Lasso auf den Hof herabgelassen. Ein Mann glitt daran herab und kam in langen Sprüngen auf Chet zugerannt.

„Eames!“, brachte Chet krächzend über die ausgetrockneten Lippen.

Sekunden später lagen die Stricke durchtrennt im aufgewühlten Sand. Eames‘ scharfgeformtes Gesicht erschien dicht vor Chet.

„Zufrieden?“ Er lächelte hart.

„Noch stecken wir mitten drin!“, schnaufte Chet. Mit einer Kopfbewegung wies er zum offenen Gefängniseingang hin.

Dort war flüchtig ein huschender Schatten zu erkennen. Dann schrie die sich überschlagende Stimme des Gefängniswärters: „Alarm! Alarm! Die Juaristas sind da!“

„Nur keine Aufregung!“, knurrte Eames. „Kommen Sie!“

Sie rannten zur Mauer, wo das Lasso herabhing. Im großen, massiven Gefängnisbau lärmten aufgeregte Stimmen durcheinander. Stiefelgepolter näherte sich der offenen Tür. Jemand brüllte schnelle Befehle.

„Sie zuerst!“, keuchte Eames, als sie beim Lasso ankamen und deutete nach oben.

Chet zögerte. Eames gab ihm einen Stoß.

„Na, los doch!“

Chet packte das Lasso mit beiden Händen, stemmte die Füße gegen die Adobelehmmauer und begann, Griff über Griff, nach oben zu klettern. Das Gefängnis und das umliegende Stadtviertel schien sich in einen Hexenkessel verwandelt zu haben: Schreie, Türenschlagen, Waffengeklirr und überall Bewegung.

Die Mexikaner mit ihren riesigen Sombreros und farbenprächtigen Ponchos oben auf der Mauerkrone kauerten unbeweglich, die Gewehre im Anschlag, als ginge sie das alles kaum etwas an. Schwitzend und schweratmend erreichte Chet die obere Mauerkante. Kräftige braune Fäuste fassten zu und zogen ihn endgültig herauf.

Details

Seiten
130
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738926330
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Februar)
Schlagworte
vier tiger texas

Autor

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Titel: Vier Tiger aus Texas