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Ich habe mein Kind verlassen und andere Geschichten

2019 108 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Ich habe mein Kind verlassen und andere Geschichten

Copyright

Mein Ex ist jetzt ein fürsorglicher Familienvater

Der Schönheitswettbewerb

Schicksalsschläge

Ein Umweg

Was ist bloß aus meinem Sohn geworden?

Sorgenkind Jannis

Unsere Boutique zerstörte die Freundschaft

Ich konnte nicht mithalten, wollte ich das überhaupt?

Ich habe mein Kind verlassen

Das Leben mit meiner Schwiegermutter

Was haben wir bloß falsch gemacht?

Verhasstes Jurastudium

Mein größter Feind

Einer muss sich ja kümmern

Ich habe mein Kind verlassen und andere Geschichten

von Eva Joachimsen

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 108 Taschenbuchseiten.

 

Diese Buch enthält folgende Geschichten:

Mein Ex ist jetzt ein fürsorglicher Familienvater

Der Schönheitswettbewerb

Schicksalsschläge

Ein Umweg

Was ist bloß aus meinem Sohn geworden?

Sorgenkind Jannis

Unsere Boutique zerstörte die Freundschaft

Ich konnte nicht mithalten, wollte ich das überhaupt?

Ich habe mein Kind verlassen

Das Leben mit meiner Schwiegermutter

Was haben wir bloß falsch gemacht?

Verhasstes Jurastudium

Mein größter Feind

Einer muss sich ja kümmern

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Mein Ex ist jetzt ein fürsorglicher Familienvater

„Laura geht es nach der Entbindung immer noch nicht so gut, aber Tobi hilft ihr, so gut er kann. Sonst hätten sie die Kleine gegenwärtig gar nicht taufen lassen können.“

Fassungslos starrte ich Viviane, meine ehemals beste Freundin an. Ausgerechnet Tobi hilft seiner Frau?

„Ja, er hat den Kuchen und das Büfett besorgt und alle Einladungen geschrieben. Und als wir am Kaffeetisch saßen, hat er Kaffee gekocht und eifrig nachgeschenkt. Laura war voll des Lobes. Er hat extra unbezahlten Urlaub genommen, damit er sie vorher unterstützen konnte.“

Ich ärgerte mich. Es war ein Fehler, einem Treffen mit Viviane zuzustimmen. Sie wusste ganz genau, warum ich mich von Tobi getrennt hatte. Mit mir konnte er es ja machen. Ich musste gleich nach der Entbindung seinen Geburtstag feiern, obwohl es mir mit einer Entzündung der Dammnaht überhaupt nicht gut ging. Ich konnte mich vor Schmerzen kaum bewegen. Das hat ihn weder veranlasst, seine Verwandtschaft auszuladen, noch mir in der Küche zu helfen. Natürlich war ich blöd, warum hatte ich mich gequält, um alles bestens hinzukriegen, statt mich einfach krank ins Bett zu legen. Aber hinterher ist man ja immer schlauer.

Ich versuchte, das Thema zu wechseln und fragte Viviane nach ihren Kindern. Früher spielte unser Nachwuchs häufig zusammen. Doch seit ich nicht länger mit Tobi im Einfamilienhaus bei ihr um die Ecke wohne, sondern nur eine kleine Drei-Zimmer-Wohnung in der Stadt habe, besucht Viviane uns nicht mehr. Immerhin ist ihr Mann Tobis Tennispartner, das verbindet wohl stärker als sechs gemeinsame Schuljahre.

„Nico kommt im Sommer auf das Gymnasium. Und Rhena möchte gern Spanisch als dritte Fremdsprache dazunehmen.“

„Treiben sie nach wie vor so viel Sport?“

Ich war froh, dass die Finanzen mich dazu zwangen, die Kinder nicht jeden Tag zu irgendwelchen Trainingsstunden zu fahren. Jetzt spielte Lars nur Fußball und Sina ging zum Tanzen, das reichte mir und den beiden völlig. Und Tobi interessierte sich sowieso kaum noch für die Erstgeborenen, seitdem das Baby da war. Sina meinte neulich, sie möchte ihren Vater nicht mehr besuchen, sie müsste das gesamte Wochenende den Säugling bestaunen, dabei fand sie die Kleine ziemlich nervig.

„Sie ist ja niedlich, aber doch nicht den ganzen Tag lang. Wir sollen ständig mit ihr spielen, damit Papa Zeit für Laura hat“, schimpfte sie.

Ich versuchte, sie zu trösten, allerdings klang es selbst in meinen Ohren recht halbherzig. Tobi war ihr Vater und sie sollten den Kontakt zu ihm nicht verlieren. Trotzdem könnte er sich für seine beiden Ältesten etwas stärker anstrengen. Bevor er Laura kennenlernte, verwöhnte er Sina und Nico an den Besuchswochenenden nach Strich und Faden, nachdem Laura aufgetaucht war, ließ es nach. Erst war ich froh darüber, denn mit den tollen Papa-Wochenend-Aktionen, wie Zoo, Zirkus und Freizeitpark konnte ich nicht mithalten. Daheim klagten sie dann immer, dass ich ihnen nichts gönnte und sie zudem so schuften mussten. Klar, einen Drei-Personen-Haushalt neben einem 30-Stunden-Job zu wuppen ist nicht so einfach. Außerdem zahlte Tobi nur für die Kinder Unterhalt. Seitdem Sina acht ist, muss ich selbst für meinen Lebensunterhalt aufkommen.

Dabei reichen seine Zahlungen nicht einmal für Lars und Sina. Alle Extras, wie Klassenreisen oder Urlaubsfahrten sind davon nicht bezahlbar. Als Selbstständiger kann Tobi sich bequem arm rechnen.

Vivianes Prahlerei hörte ich kaum, da ich mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt war.

Endlich kamen unser Kuchen und der Kaffee. Ich wechselte das Thema und fragte Viviane nach gemeinsamen Schulkameraden. Aber selbst das Gespräch gefiel mir nicht. Sie sprach nur von irgendwelchen erfolgreichen Klassenkameraden und nicht von unseren ehemaligen Freunden. Seit wann war Viviane so überheblich? Früher war sie warmherzig und hilfsbereit gewesen.

So war ich froh, als wir aufgegessen hatten und ich bezahlen konnte.

„Wir treffen uns doch wieder?“, sagte Viviane zum Abschied.

„Klar“, log ich und verabschiedete mich herzlicher, als mir zumute war.

Es ist wirklich so, dass man mit einer Scheidung auch die Bekannten verliert. Nur dass ich ausgerechnet meine beste Freundin verloren habe, ärgert mich schon. Viviane war mir jahrelang eine große Stütze. Sie hörte mir zu, wenn ich Eheprobleme hatte, und sie half, wenn bei mir nichts mehr ging. Wie damals, als die Kinder noch ganz klein waren und betreut werden mussten und ich mit einer Nierenbeckenzündung und hohem Fieber stramm im Bett lag. Tobi konnte sich für mich natürlich nicht frei nehmen. Erst schleppte ich mich irgendwie durch den Alltag, kaufte ein und führte den Haushalt mehr schlecht als recht. Doch als es immer schlimmer wurde, lief nichts mehr. Meine Schwiegereltern waren in Spanien und meine Schwägerin war mit ihren Hobbys ausgefüllt. Nur Viviane sprang ein und sorgte dafür, dass die Kinder nicht verhungerten.

Später lag ich mit einer Schilddrüsenoperation im Krankenhaus und sie nahm die Kleinen zu sich, weil Tobi wie üblich keine Zeit für die Kinder hatte.

Als die Ärzte mich anschließend zur Kur schickten, gab es große Probleme, da sie nicht wollten, dass ich eine Mutter-Kind-Kur mache. „Sie sind viel zu erschöpft, um von einer Mutter-Kind-Kur zu profitieren. Sie müssen ganz allein fahren“, schimpfte mein Hausarzt. Allerdings hatte ich keine Betreuungsmöglichkeit und in ein Heim wollte ich die beiden nicht stecken. Viviane hatte schon überlegt, ob sie extra ihren Jahresurlaub für mich opfern sollte, damit ich mich erholen konnte, aber das mochte ich wirklich nicht annehmen. Sie hatte gerade angefangen, wieder in ihrer alten Firma zu arbeiten. Doch sie half mir, eine Einrichtung zu finden, in die wir gemeinsam hinfahren konnten. Natürlich brachte die Kur, wie von meinem erfahrenen Doc prophezeit, nicht den erwünschten Erfolg.

Obwohl sie das alles wusste, fand sie jetzt nichts dabei, dass Tobi nur für eine Taufe Urlaub nahm. Ich verstand die Welt nicht mehr.

Viviane hatte mir zwar immer gesagt, ich sollte mir nicht alles gefallen lassen. Bloß als Tobi sich kaum noch daheim blicken ließ, stattdessen Tennis spielte und in seiner Vorstandsarbeit für den Verein aufging, meinte sie, ich solle mich wegen solcher Kleinigkeiten nicht trennen. So schlecht hätte ich es gar nicht. Damals spielten die beiden Männer seit Kurzem miteinander Tennis.

Materiell gesehen hatte sie tatsächlich recht. Nur mir ging es psychisch stetig elender. Mit Tobi konnte ich mich weder unterhalten und noch unterstützte er mich bei der Erziehung. Damals machte Lars gerade in der Schule Probleme und ich wurde ständig von seiner Klassenlehrerin zu Gesprächen eingeladen. Er sollte sogar die Klasse wechseln, weil seine Lehrerin mit ihm nicht klarkam. Der Direktor sagte, Lars solle weniger in der Freizeit unternehmen, wir würden ihn völlig überfordern. Jedoch wollte Tobi nichts davon hören.

„Er muss gefordert werden, sonst macht er nur Blödsinn. Er geht doch gerne zur Leichtathletik und Judo ist gut für sein Selbstbewusstsein. Und wenn er jetzt nicht Klavier lernt, ist es zu spät, es vernünftig zu beherrschen.“

Dabei wollte Lars unbedingt mit seinen Freunden zusammen Fußball spielen. Aber das war Tobi zu proletarisch.

Als es mir ganz schlecht ging, rang ich mich durch und suchte eine Wohnung. Bald darauf fand ich einen Minijob. Seitdem wir allein wohnen und Lars nicht ständig irgendwohin muss, sind seine Noten besser geworden. Auch wenn es fürs Gymnasium nicht gereicht hat. Doch mit einem guten Realschulabschluss kann er viel erreichen und wenn er will, kann er das Abitur später nachholen. Bloß hat es viele Kämpfe gekostet, bis Tobi es einsah und Lars nicht aufs Gymnasium zwang. Selbst Sina hat die Trennung gutgetan. Sie ist mutiger geworden und kaut nicht mehr an ihren Nägeln.

Wie konnte ein Mann sich so ändern? Aber das betraf natürlich nur seine neue Familie, mit uns ging er noch immer so um wie früher. Es tut weh, zu hören, dass er auch ganz anders sein kann. Trotzdem bin ich froh, mich von ihm getrennt zu haben und mit jedem Jahr wird es leichter, weil die Kinder verständiger und selbstständiger werden. Inzwischen bin ich richtig stolz darauf, wie vernünftig die beiden schon sind.

 

Der Schönheitswettbewerb

„Großer Schönheitswettbewerb Models gesucht!“, las Laura mir vor und hielt die Zeitung hoch. Fett prangte die Überschrift auf der ersten Seite des Lokalteils.

„Jule, das wär was für dich. Du bist hübscher als Heidi Klum.“

Ich lachte, klar wusste ich, dass ich schön war, jedenfalls attraktiver als die meisten Mädchen in meiner Umgebung. Aber so ein Schönheitswettbewerb? Sich fotografieren lassen und Interviews geben? Nee, das traute ich mir nicht zu.

Doch Laura ließ nicht locker und auch andere Bekannte drängten mich hinzugehen. Trotzdem schwankte ich. Natürlich wäre es ein tolles Leben, als Fotomodell um die Welt zu reisen, wichtige Leute kennenzulernen und viel Geld zu verdienen. Nur was wird aus meiner Ausbildung zur Friseurin? Und aus meinen Freunden?

Außerdem würden meine Eltern mir Stress bereiten, wenn ich die Lehre abbrach. Dabei war die Friseurlehre nur eine Notlösung. Eigentlich wollte ich ja Außenhandelskaufmann werden, aber dafür war mein Zeugnis zu schlecht gewesen.

„Jule, ich habe dich zu dem Schönheitswettbewerb unserer Zeitung angemeldet“, sagte die Chefin eine Woche später zu mir. Ich war sprachlos. Hatte sie denn keine Angst, dass ich die kündigte? Sie las wohl meine Gedanken.

„Du hast gute Chancen. Und als Model verdienst du mehr, als du jemals als Friseurin verdienen könntest, selbst wenn du wirklich Talent hättest.“

Ich schluckte, so deutlich hatte sie noch nie über meine Schwierigkeiten mit der Schere gesprochen. Immerhin konnte ich einwandfrei föhnen und war bei den Kunden beliebt.

 

*

 

Zur Vorentscheidung holte Laura mich ab. Nach dem dritten Versuch, den Lidstrich zu ziehen, nahm sie mir den Stift aus der Hand und zog ihn mir. Mit ihrem Geplapper lenkte sie mich ab. Dabei war es einfach. Schon als ich meine Mitkonkurrentinnen sah, war mir klar, dass ich weiterkam. Was einige sich einbildeten? Trotz Übergewicht, ungleichmäßigen Gesichtszüge und anderen Problemen hier aufzutauchen. Die vier Siegerinnen des Wettbewerbs wurden mit einem großen Foto in der Zeitung abgelichtet.

Am nächsten Tag sprachen mich die Kundinnen darauf an, selbst im Supermarkt erkannte mich die Kassiererin. Es war toll, auf einmal berühmt zu sein.

Die Entscheidung sollte am ersten Sonntag im Juni in unserem Kaufhaus Hellwig stattfinden.

Mutter und Vater meinten, der Schönheitswettbewerb wäre nicht so wichtig, als dass sie ihren jahrelang geplanten Urlaub in Amerika verschieben würden.

„Das macht gar nichts. Ich ziehe in der Woche zu dir und wir machen es uns gemütlich“, sagte Laura.

Mit einem großen Koffer rückte sie am Abend, nachdem meine Eltern abgereist waren, bei mir an. Kichernd kochten wir gleich Spaghetti und Tomatensoße und bewirteten Nico und Timo. Es klingelte an der Haustür.

„Wer kommt jetzt noch?“, fragte Nico.

Aber vor der Tür stand niemand aus unserer Clique, sondern die alte Schachtel aus der Wohnung schräg über uns.

„Fräulein Malchow, wenn Sie Partys feiern, solange Ihre Eltern im Urlaub sind, werde ich mich bei der Hausverwaltung beschweren.“ Fräulein Weigel bestand tatsächlich darauf, mit Fräulein angesprochen zu werden und sprach auch ihrerseits alle unverheirateten Frauen in der Nachbarschaft mit Fräulein an. Ich verstand nicht, warum ihr das nicht peinlich war.

„Drei Gäste sind für mich keine Party, Frau Weigel“, gab ich pampig zurück.

In der Küche drehten wir das Radio lauter und ignorierten anschließend ihr lang anhaltendes Klopfen und Klingeln.

Vier Tage später ging es Laura in der Nacht so schlecht, dass ich einen Krankenwagen rief.

„Das geht nicht, ich muss doch bei dir bleiben“, protestierte Laura, obwohl sie ganz blass aussah und sich vor Schmerzen krümmte.

„Blinddarm“, vermutete die Sanitäter und nahmen sie mit. Sie wehrte sich auch gar nicht mehr. Im Krankenhaus wurde sie sofort operiert. Im letzten Augenblick vor dem Darmdurchbruch, wie der Arzt erklärte.

„Morgen darf ich noch nicht raus“, sagte sie kleinlaut, als ich sie besuchte.

„Macht nichts, ich komme schon allein klar. Hinterher schaue ich, sobald es geht, bei dir vorbei und erzähle alles“, versprach ich.

In der Nacht schlief ich vor Aufregung kaum, erst am Morgen nickte ich ein. Natürlich überhörte ich den Wecker. Entsetzt sprang ich um zehn Uhr aus dem Bett, jetzt musste ich mich beeilen, damit ich pünktlich zum Wettbewerb kam.

Ich duschte, zwang mich, wenigstens einen Joghurt zu essen, danach schminkte ich mich sorgfältig. Mehrmals musste ich die Wimperntusche und den Lidstrich erneuern, weil die Hände vor Nervosität zitterten. Warum war Laura bloß krank geworden?

Trotzdem schaffte ich es, super pünktlich fertig zu sein. Dreimal kontrollierte ich den Inhalt meiner Handtasche, dann verließ ich die Wohnung und rüttelte nach dem Abschließen sicherheitshalber an dem Türdrücker.

Ein Poltern schreckte mich auf. Es war von oben gekommen. Ich lauschte, hörte aber nichts mehr. Also lief ich die Treppe hinunter. An der Haustür zögerte ich, tatsächlich vernahm ich schwache Rufe. Sollte ich nachschauen? Dabei musste ich doch den Bus haben! Ich schaute auf die Uhr. Ich hatte noch reichlich Zeit. Seufzend drehte ich mich um und sprang die Stufen hoch. „Ruhig, sonst bist du verschwitzt“, ermahnte ich mich.

In der zweiten Etage hörte ich wieder die Schreie.

„Hallo, was ist los?“, brüllte ich.

„Hilfe!“ Die Stimme kam aus Frau Weigels Wohnung. Ich klingelte. „Hilfe!“

Was sollte ich bloß machen? Ich musste eiligst weg. - Frau Müller hatte einen Schlüssel, da sie die Blumen goss, wenn der alte Drachen verreiste! Ich hetzte die Treppe hinauf, trommelte dort gegen die Tür. Keiner öffnete. Ebenfalls in der Nachbarwohnung nicht.

Die Familie neben uns war im Urlaub. Und Herr Meyer, der im gleichen Stockwerk wie Frau Weigel wohnte, war bei einer goldenen Hochzeit eingeladen. Ich probierte es im Erdgeschoss, aber da war gleichfalls niemand daheim.

Schließlich rief ich aus unserer Wohnung die Notrufnummer an.

„Meine Nachbarin ruft um Hilfe, hier im Haus sind alle unterwegs, auch die Leute mit dem Wohnungsschlüssel“, platzte ich heraus.

„Wo wohnen Sie? Geben Sie bitte Ihren Namen und Ihre Adresse an“, sagte eine tiefe Männerstimme am anderen Ende der Leitung.

Schnell teilte ich es ihm mit.

„So, was ist genau passiert?“

„Die alte Dame über uns ist wohl hingefallen, ich habe es poltern gehört und jetzt ruft sie um Hilfe.“

„Ich schicke einen Krankenwagen mit einem Schlosser zu Ihnen. Öffnen Sie die Haustür und sprechen Sie mit der Seniorin und beruhigen Sie sie.“

Ich rannte wieder hoch und rief ganz laut: „Frau Weigel ein Rettungswagen ist unterwegs. Sie bringen einen Schlosser mit. Machen Sie sich keine Sorge, sie sind gleich da.“

Ich schaute auf die Uhr. Meinen Bus hatte ich verpasst, auch den letzten. Ich musste mir eine Taxe nehmen, um pünktlich zu sein.

„Es dauert nicht mehr lange, bis die Sanitäter da sind“, schrie ich, dann sprang ich die Treppe hinunter. Unten öffnete ich die Haustür und stellte sie fest. Auf dem Weg zur Bushaltestelle zog ich mein Handy heraus.

„Vor allem aber habt untereinander nachhaltige Liebe.“ Das Plakat hing schon wochenlang an dem Wartehäuschen, dabei hatte ich es noch nie richtig wahrgenommen.

Ich zögerte. Ausgerechnet Frau Weigel sollte ich lieben? Seit ich klein war, hatte sie an mir herumgemeckert. Ich durfte nicht laut sein, nicht im Hof spielen, im Treppenhaus nicht sprechen. Und ich sollte sie lieben?

Alle erwarteten doch von mir, dass ich den Schönheitswettbewerb gewann! Wegen dieser alten Schachtel sollte ich meine Freunde, Kolleginnen und Chefin enttäuschen? Vielleicht eine Karriere als Model aufs Spiel setzen? Nein, entschlossen wählte ich die Taxennummer.

„Taxen Karlsen … Taxen Karlsen, hallo, was wünschen Sie?“

Wenn es meine Oma wäre? Oder meine Eltern? Ich schaltete das Handy aus und lief wieder zurück. Diesmal nicht ganz so flink.

„Frau Weigel? Ich habe nur schnell die Haustür geöffnet, damit die Rettungsassistenten hereinkommen.“ Sie stöhnte, antwortete aber nicht. Was sollte ich jetzt noch erzählen? Also berichtete ich von unserem Salon, von den Kunden und Kolleginnen. Endlich hörte ich das Martinshorn.

„Frau Weigel, der Krankenwagen ist da!“

Gleich darauf polterten Schritte die Treppe herauf. Das Treppenhaus wimmelte von Menschen.

„Hier oben!“, rief ich.

Der Schlosser bohrte rasch das Schloss auf, dann schnitt er die Sicherheitskette durch. Die Sanitäter betraten mit einem Polizisten zusammen die Wohnung, während der Schlosser das Türschloss auswechselte.

„Kann ich gehen?“, fragte ich und trat an die Rettungssanitäter heran.

„Warten Sie bitte einen Augenblick, vielleicht brauchen wir noch Angaben von Ihnen.“ Der Polizist drehte sich um. „Ich kenne Sie. Sie sind doch die heiße Kandidatin für den Schönheitswettbewerb!“

„Wohl nicht mehr, der ist inzwischen vorbei!“

Er schaute auf die Uhr. „Das wollen wir mal sehen.“ Er wechselte ein paar Worte mit dem Arzt.

„Fräulein Malchow, vielen Dank, ich hätte nie gedacht, dass Sie irgendjemanden helfen.“ Frau Weigel streckte ihre Hand nach mir aus. Ich kniete mich neben sie und ergriff sie.

„Ich dachte schon, ich muss hier tagelang liegen.“

Ich lachte. „Bei unserem hellhörigen Haus ist das unwahrscheinlich.“

„Kommen Sie!“ Der Polizist tippte an meine Schulter, dann lief er die Treppe hinunter. Unten zog er sein Handy aus der Tasche. „Rufen Sie bitte im Kaufhaus Hellwig an und sagen Sie, Frau Malchow kommt etwas verspätet zu dem Schönheitswettbewerb, weil sie noch beistehen musste.“ Er grinste mich an. „Sie dürfen bei uns mitfahren!“

 

 

Schicksalsschläge

Als Kind spielte ich lieber mit meinem Bruder Fußball und mit Autos als mit Puppen. Später half ich ihm, seine Maschine zu reparieren und machte auch selbst den Motorradführerschein. Daher war es klar, dass ich keinen typischen Frauenberuf ergreifen wollte, sondern etwas Technisches. So wurde ich Metallbauerin und arbeitet in einer großen Firma, in der ich Harald kennenlernte. Harald war Ingenieur und nach fünf Jahren Zusammenleben, heirateten wir und bekamen zwei Kinder. Und ich blieb die erst einmal daheim.

Da wir sparsam gelebt hatten, konnten wir uns bald ein Reihenhaus kaufen. Leider genossen wir unser Leben nicht so, wie es das verdient gehabt hätte. Die Arbeit, das Haus und die Kindererziehung ließen uns wenig Zeit dafür. So meinten wir es damals jedenfalls.

Zehn Jahre später brach unsere heile Welt auseinander. Harald erkrankte an Krebs. Durch die Operation und die darauffolgende Strahlentherapie war er so geschwächt, dass er nicht voll berufstätig sein konnte. Mich nahm niemand, weil mein Wissen veraltet und der Wirtschaftslage schlecht war.

„Kann ich nicht einen Schweißerkurs machen? Oder ...“ Aber die Beraterin beim Arbeitsamt winkte gleich ab. „Wie wollen Sie das mit ihren Kinder vereinbaren? Wie wäre es mit einer Fußpflegerausbildung? Das Arbeitsamt finanziert die Umschulung und Sie können sich anschließend selbständig machen und ihre Arbeitszeit den Bedürfnissen ihrer Familie anpassen.“

Ganz gefiel mir die Vorstellung nicht, alten Leuten die Nägel zu schneiden. Da ich schon seit mehreren Wochen vergeblich versuchte, auf eigene Faust eine Stelle als Metallbauerin zu bekommen, willigte ich ein.

Kurz vor der Abschlussprüfung erkrankte Harald erneut. Und ich war dankbar, die Umschulung gemacht zu haben. Ich bewarb mich bei einigen Pflegeheimen und konnte dort vormittags arbeiten. Es half uns, dass ich Geld verdiente, denn das Krankengeld reichte allein nicht aus, um unsere Unkosten zu decken.

Nach anfänglichen Erfolgen bei der Behandlung gab es wieder Rückschläge. Unsere Gefühle fuhren Achterbahn, von himmelhochjauchzend, wenn seine Werte sich besserten, dann neuerlich zu Tode betrübt und verzweifelt zu sein.

Obwohl Harald kämpfte und bereit war, weitere Chemotherapien zu ertragen, ging es ihm immer schlechter. Mein einst durchtrainierter Mann wurde schmal und hinfällig. Jede Treppe bereitete ihm Probleme. Damit er Ruhe hatte, durften die Kinder keine Kameraden zu uns nach Hause bringen. Harald war ja viel zu jung und die Erwerbsminderungsrente, die er inzwischen erhielt, war recht niedrig. Dementsprechend sparsam mussten wir sein.

Kindergeburtstage feierten wir im Schwimmbad oder im Fast-Food-Restaurant. Zum Glück half mir meine Freundin dabei. Ab und zu machten wir Fahrradtouren und ähnliche Ausflüge, zu denen Jonte und Marike Schulkameraden einluden, um die Freundschaften nicht zu einseitig werden zu lassen.

Haralds Kampf war vergeblich. Nach drei Jahren starb er. Die Kinder waren größer und selbständiger, sodass ich mehr arbeiten konnte. Immerhin verdiente ich so viel, dass wir das Haus halten konnten. Ich hätte ihnen ungern einen Umzug zusätzlich zugemutet.

Trotz der schulischen Probleme nach Harald Tod, schaffte Jonte mit sechzehn Jahren einen guten Realschulabschluss und fand sofort einen Ausbildungsplatz als Mechatroniker.

Marike ging weiter zur Schule und wollte nach dem Abitur ein duales Maschinenbaustudium machen. Um mich zu entlasten, jobbte sie nebenbei als Kassiererin im Supermarkt.

Jonte bestand die Zwischenprüfung mit Einsen, sein Chef war stolz auf ihn und förderte ihn darauf noch mehr als vorher.

Ich war glücklich, dass die beiden sich so gut entwickelten und dass unser Leben endlich in ruhigen Bahnen verlief, auch wenn mir der Partner sehr fehlte.

Aber sobald man einmal vom Pech verfolgt wird, passiert eben die nächste Katastrophe. Der Winter war kalt gewesen. Immer wieder fror es und die wenigsten Hausbesitzer räumten den Gehweg. So stürzte ich auf dem Weg zur Arbeit unglücklich. Im letzten Augenblick versuchte ich mich mit den Händen abzufangen und brach mir dabei das Handgelenk. Ich wurde mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus gebracht und dort operiert. Nach zwei Wochen begann die Krankengymnastik. Leider war der Bruch kompliziert, deshalb konnte ich trotz intensiver Therapie und fleißigem Üben daheim die Hand nicht mehr vollständig bewegen.

Ich probierte zwar weiterzuarbeiten und hatte Glück, dass meine alten Kunden wirklich geduldig waren, doch es ging nicht. Ich war zu langsam. Es war alles so mühselig und ich hatte Sorgen, die Leute durch mein ungeschicktes Hantieren zu verletzten. Also machte ich mich erneut zum Arbeitsamt auf. Diesmal hatten sie nicht so schnell eine Lösung für mich.

Ich war niedergeschlagen. Uns fehlte das Einkommen. Ich wusste nicht, ob ich das Haus weiterhin finanzieren konnte. Immerhin hatte die Bank sich bereit erklärt, zuerst mit Zahlung der Zinsen zufrieden zu sein, bis ich irgendwann Geld verdienen würde.

„Mama, du musst etwas für dich tun, sonst wirst du krank“, meinte Marike. Die Kinder schleppten mich ins Kino und schickten mich zur Ü-40-Party. Doch erst als Jonte mir einen Zeitungsartikel über Lachyoga auf den Tisch legte, änderte sich mein Leben noch einmal.

Es wurde beschrieben, was Lachyoga ist, wie es wirkt und wie es abläuft. Die Reporterin hatte an einem Lachclubabend teilgenommen und war begeistert davon. Also beschloss ich, es zu versuchen. Vielleicht wurde ich davon fröhlicher und eine bessere Mutter.

Der Abend gefiel mir. Ich war gar nicht in der Verfassung gewesen, um zu lachen. Aber das spielte keine Rolle. Dem Körper ist es egal, ob es echt oder gespielt ist. Nach einer Weile hob sich meine Stimmung und das Lachen kam natürlich. Die Leute waren nett. Eine Frau erzählte, dass sie als Lehrerin vom harten Schulalltag so ausgebrannt war, dass sie trotz einer Kur und Psychotherapie irgendwann nicht mehr arbeiten konnte. Sie war in Frührente gegangen und hatte dann eine Ausbildung zur Yogalehrerin gemacht. Inzwischen arbeitete sie in dem Beruf. Sie wirkte so in sich ruhend, dass ich mir gar nicht vorstellen konnte, dass sie vor Kurzem noch mit ihren Schülern überfordert gewesen war.

Ich erkundigte mich nach einer Yogaausbildung. Das Arbeitsamt war diesmal nicht bereit, mir die Schulungen zu finanzieren.

„Mama, mach es, wir kommen schon irgendwie über die Runden. Notfalls verkaufen wir das Haus“, sagte Jonte. Und auch Marike nickte. „Falls wir es nicht schaffen, gehe ich von der Schule ab und mache eine Ausbildung.“

„Das kommt überhaupt nicht in Frage!“, protestierte ich.

„Warum nicht? Wenn ich Automechatroniker lerne, kann ich hinterher immer noch Maschinenbau studieren. Anschließend fällt mir das Technische viel leichter, weil ich es längst beherrsche.“

„Jonte möchte seine Fachoberschulreife ebenfalls nachholen und die Hochschule besuchen. Eure Ausbildung geht vor“, wehrte ich ab.

„Ja, aber ich kann warten und später weiterarbeiten. Sobald du als Jogalehrerin Geld verdienst, kannst du unsere Studien finanzieren.“ Die beiden Kinder waren sich einig, ich sollte unbedingt die Kurse machen.

Also schaute ich, womit ich schnell erfolgreich sein konnte. Zuerst wurde ich deshalb Lachyoga-Trainer, dann hängte ich den Yogalehrer dran. Es dauerte Jahre, doch es half mir, zufriedener zu werden und mein Schicksal anzunehmen. Schon während der Ausbildung durfte ich unterrichten und verdiente dadurch. Jonte bestand seine Gesellenprüfung als Jahresbester, blieb bei seiner Firma und machte kurz darauf seinen Meister, den er ebenfalls mit Auszeichnung abschloss. Marike ging weiter zur Schule, schaffte ein hervorragendes Abitur und studiert inzwischen im dualen Studium Maschinenbau.

Es hat sich fast alles zum Guten gewendet. Sicher, weil wir immer zusammengehalten haben und jeder von uns zurückgesteckt hat, um den anderen zu helfen.

 

 

Ein Umweg

Als kleines Kind war ich eine gute Schülerin, doch dann zogen wir um und in der neuen Grundschule kam ich nicht mit. Die neue Klasse war viel weiter als meine alte. Leider war es ausgerechnet die vierte Klasse und so kam ich nur auf die Realschule. Meine Eltern waren enttäuscht und überlegten sogar, ob ich nicht lieber zurückgestuft werden sollte.

Zwei Jahre später gehörte ich wieder zu den Klassenbesten, und ich hatte eine Reihe Freundinnen. Das blieb so, bis ich mich mit fünfzehn Jahren verliebte. Dominik war schon zwanzig und super cool. Ich war immer häufiger bei ihm und seinen Freunden. Für meine Freundinnen hatte ich keine Zeit mehr. Die Penne interessierte mich kaum noch.

„Jara, die Schule geht vor. Du kannst dich am Wochenende gern mit Dominik treffen. Aber nicht in der Woche, wenn du Hausaufgaben machen musst“, ermahnte mich Mutter.

„Habe ich längst gemacht“, log ich und verschwand mit lautem Türknallen.

Natürlich gab es dadurch ständig Ärger. Also ließ ich mich so selten wie möglich daheim blicken. Und da die Lehrer auch nur nervten und mit mir oder meinen Eltern Gespräche führen wollten, schwänzte ich immer öfter den Unterricht. Dominik hatte eine Dachdeckerlehre abgebrochen und jobbte jetzt in einer Fabrik. Für meine Verhältnisse hatte er unheimlich viel Geld, so dass wir häufig ins Kino, in die Disko oder shoppen gingen.

Mit seinen Eltern hatte er sich überworfen, deshalb hatte er eine kleine eigene Wohnung. Bald wohnte ich dauerhaft bei ihm, die Schule brach ich ab.

„Jara, du bist intelligent, verderb dir nicht deine Zukunft“, mahnte meine Klassenlehrerin. Sie versuchte, mich zu überreden und zwischen mir und den Fachlehrern zu vermitteln, sogar das Jugendamt wurde tätig. Aber ich lachte nur über diese Bemühungen. Natürlich meldete sich die Schulbehörde und verlangte, dass ich die Berufsschule besuchen solle. Auch da erschien ich nur selten. Dafür musste ich einige Sozialstunden im Kindergarten und Altersheim abarbeiten.

Nachdem ich eine Weile nur rumgehangen hatte, meinte Dominik: „Geh endlich arbeiten und zahl deinen Teil der Miete.“ Er schleppte mich zu seiner Firma. Dort sollte ich putzen. Das machte mir überhaupt keinen Spaß, also suchte ich mir selbst einen Job. Inzwischen war ich siebzehn und half in einem Supermarkt aus. Zuerst durfte ich nur Regale einräumen, später ließen sie mich sogar ab und zu kassieren. Als nebenan ein neuer Laden aufmachte und unser Geschäft nicht mehr so gut lief, entließen sie mich. Es dauerte ein paar Wochen, bis ich in einem Imbiss beschäftigt wurde. Danach kellnerte ich, schließlich arbeitete ich wieder als Kassiererin.

Meine Eltern nervten, dass ich mir einen Ausbildungsplatz besorgen sollte. So einfach, wie sie es meinten, war es nicht. Ich hatte bekanntlich keinen Schulabschluss. Außerdem hatte ich keine Lust, jahrelang in demselben Betrieb zu arbeiten.

Doch dann blieb meine Regel aus. Ich freute mich auf ein Baby und darauf, eine kleine Familie zu haben. Nur Dominik sah es anders.

„Wie kannst du so dumm sein und die Pille absetzen!“ Er brüllte herum und verlangte, dass ich abtrieb. Von Heirat wollte er nichts hören. Tagelang stritten wir uns, bis er mich hinauswarf. Dabei war es sein Kind.

Meine Freundin Svenja, die Einzige, bei der ich mich ab und zu blicken ließ, hörte mir zwar zu, meinte aber entschuldigend: „Ich kann dich nicht aufnehmen, ich wohne noch bei daheim, bei uns ist kein Platz. Frag deine Eltern.“

Zu den übrigen ehemaligen Freunden hatte ich in den letzten Jahren den Kontakt verloren. Notgedrungen rief ich also bei meinen Eltern an. Mutter sagte sofort: „Komm zu uns, dein altes Kinderzimmer steht dir zur Verfügung. Wir können in Ruhe über alles reden.“

Sie machte mir keine Vorwürfe. Ich kam mir richtig mies vor. Gleich am nächsten Tag schleppte sie mich zum Frauenarzt. Der gab Entwarnung. Ich war gar nicht schwanger. Zu Dominik wollte ich allerdings nicht mehr zurück. Der hatte mich wahnsinnig enttäuscht.

Lieber blieb ich eine Weile bei meinen Eltern. Sie waren auch ganz anders als früher, viel verständnisvoller.

Meine Mutter schlug mir vor, zum Arbeitsamt zu gehen und dort nach einem Ausbildungsplatz zu fragen. Lust hatte ich weniger dazu, aber ihr zuliebe machte ich es. Die Beraterin war recht nett, nur etwas älter als ich.

„Ich würde an deiner Stelle den Hauptschulabschluss nachholen. Ohne ist es sehr schwierig und du warst doch eine gute Schülerin.“

Na ja, bis zur achten Klasse, danach dagegen ...

Wir überlegten hin und her. Aber ich wollte meinen Eltern nicht länger zur Last fallen. Schließlich war mein Vater fast sechzig, und er hatte ständig Angst, entlassen zu werden. Davon hatten sie mir früher nie erzählt.

„Bewerb dich bei der Lebenshilfe, die suchen laufend Mitarbeiter“, schlug Svenja vor. Ihr Bruder machte dort gerade seinen Zivildienst und es gefiel ihm. Also bewarb ich mich. Da der Geschäftsführer meine Mutter kannte, hatte ich Glück, und er nahm mich.

Einer von den Zivildienstleistenden war Leonhard. Ein netter und herzlicher Typ. Dunkelhaarig mit Brille und leichtem Übergewicht, aber witzig und ein guter Fußballtorwart. Wir freundeten uns an.

„Warum gehst du nicht wieder zur Schule und holst deinen Abschluss nach?“, fragte er mich eines Tages.

Details

Seiten
108
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738926323
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v458778
Schlagworte
kind geschichten

Autor

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Titel: Ich habe mein Kind verlassen und andere Geschichten