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Jim Lorrands Trail

©2019 120 Seiten

Zusammenfassung

Acht lange Jahre sucht Jim Lorrand schon die Mörder seiner Familie. Er kennt ihre Namen nicht – nur das Gesicht eines der drei Mörder. In all den Jahren hat er trotzdem nicht aufgegeben, und nun hat er endlich eine Spur gefunden. Sie führt in die Stadt Blue Corner. Dort kann er einen der Mörder stellen. Aber wo sind seine beiden Kumpane? Die Hinweise verdichten sich, dass sie sich ebenfalls in dieser Gegend aufhalten. Jim bleibt nichts anderes übrig, als die Unbekannten zu zwingen, einen Fehler zu begehen – und das ist die Chance, die er nutzen wird. Er ahnt jedoch noch nicht, dass einer der Gesuchten sein Freund ist ...

Leseprobe

Table of Contents

Jim Lorrands Trail

Klappentext:

1.Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

Jim Lorrands Trail

 

Ein Western von John F. Beck

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2019: Edward Martin

Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

Acht lange Jahre sucht Jim Lorrand schon die Mörder seiner Familie. Er kennt ihre Namen nicht – nur das Gesicht eines der drei Mörder. In all den Jahren hat er trotzdem nicht aufgegeben, und nun hat er endlich eine Spur gefunden. Sie führt in die Stadt Blue Corner. Dort kann er einen der Mörder stellen. Aber wo sind seine beiden Kumpane? Die Hinweise verdichten sich, dass sie sich ebenfalls in dieser Gegend aufhalten. Jim bleibt nichts anderes übrig, als die Unbekannten zu zwingen, einen Fehler zu begehen – und das ist die Chance, die er nutzen wird. Er ahnt jedoch noch nicht, dass einer der Gesuchten sein Freund ist ...

 

 

 

 

 

 

1.Kapitel

 

 

„Blue Corner“ steht auf dem verwitterten Holzschild am Ortseingang. Gleichmütig streift der Blick des Reiters über die verwaschenen schwarzen Lettern und heftet sich dann auf die Häuser weiter hinten.

„Blue Corner“ - ein weiterer Name zu den vielen anderen, die er bereits auf solchen verwitterten, schiefen Ortsschildern gelesen hat. Eine weitere Stadt inmitten einer wogenden Blaugrasebene.

Die stahlgrauen Augen des großen, breitschultrigen Reiters blicken starr geradeaus. Die schmale, gelbsandige Straße läuft ohne jegliche Windung auf die Häuser zu. Jim Lorrands Mund wird ein schmaler Strich, als er die ersten Gebäude erreicht und dann zwischen den hölzernen Gehsteigen und den hohen Häuserfassaden in die Präriestadt einreitet.

Der Tag ist heiß und trocken. Das Hemd und die ledernen Chaps des Reiters sind mit einer dünnen Staubschicht bedeckt. Er empfindet den Durst quälend in der Kehle und hält nach einem Saloon Ausschau.

Ein müder, beinahe hoffnungsloser Schimmer liegt jetzt in den scharfen, grauen Augen des Satteltramps. Blue Corner wird wohl noch lange nicht die letzte Stadt seiner Fährte sein. In dem Augenblick, da er daran denkt, wie weit wohl das Ziel noch liegen wird, will ihn tiefe Resignation überkommen. Aber dann wird sein Gesicht wieder hart, und die grauen Augen blicken stählern wie zuvor. Eine unnachgiebige, grimmige Entschlossenheit ist in ihnen zu lesen.

Es ist kurz nach Mittag. Die Straße liegt leer und verlassen. Der leise Luftzug, der draußen in der Ebene das Gras bewegte, wird von den Häusern aufgehalten. Über dem gelben Sand der Straße flimmert vor Hitze die Luft.

Jim Lorrand hält auf ein Haus zu, dessen schmales Schild mit der grellen Aufschrift „Bullhorn Saloon“ eine begreifliche Anziehungskraft auf ihn ausübt.

Neben dem Haltegeländer steht eine mächtige Kastanie. In ihrem Schatten befindet sich ein langer, gefüllter Wassertrog. Dort bindet der Reiter seinen Hengst an und geht anschließend auf die Stufen zu, die zur Veranda des Bullhorn Saloons emporführen.

Noch ehe er die Veranda betreten hat, hört er von drinnen eine raue, grölende Stimme.

„Los, Boy! Und jetzt spiel nochmal eins!“

Die Klänge einer Mundharmonika werden laut. Jim Lorrand kennt die Melodie. Es ist der Kentucky Home-Song, eine langsame, traurige Melodie die aus der Sklavenzeit stammt.

Die raue, grölende Stimme unterbricht das Lied.

„Das ist ja zum Heulen! Hör auf damit, Boy. Spiel was Flotteres! Hörst du?“

Die helle Stimme eines Jungen ist jetzt hörbar. Jim Lorrand ist auf der Veranda stehen geblieben. Er hört die Angst aus dieser hellen Jungenstimme.

„Aber Mister Brooks“, sagt der Junge, „ich bin schon ganz müde. Kann ich jetzt nicht nach Hause gehen?“

Ein rohes Lachen scheppert misstönend.

„Nach Hause gehen?“ Die raue Stimme wird drohend. „Dass ich nicht lache! Spielen sollst du, verstanden? Dann darfst du dafür einen Schluck Whisky nehmen!“

„Aber ich will doch gar keinen Whisky!“, wendet der Junge zaghaft ein.

„Mir egal!“, poltert die Stimme des angetrunkenen Mannes. „Und jetzt spiel was Flottes, sonst bekommst du ein paar Saftige hinter die Ohren!“

Mehrere Männer lachen auf. Dann hört Lorrand eine besänftigende Stimme: „Aber Lester! Lass ihn doch jetzt in Frieden. Er hat wahrhaftig schon genug für dich gespielt!“

„Verdammt noch mal, das ist meine Sache! Wenn ich sage, der Kerl soll nochmal einen Song runterhaspeln, dann tut er das. Also, los!“

Die Harmonikatöne setzen wieder ein. Die ersten Takte des Yankee Doodle erklingen.

Jim Lorrands Augen funkeln vor Zorn.

Mit einem heftigen Ruck stößt er die Pendeltüre auf und tritt in den Saloon.

Mitten im Saloon steht ein magerer, sommersprossiger Junge von etwa zwölf Jahren und spielt Mundharmonika. Seine großen, blauen Augen sind angstvoll auf einen breiten, schwarzbärtigen Mann gerichtet, der dicht neben ihm allein an einem runden Tisch sitzt und sich eben aus einer bauchigen Flasche sein Glas füllt.

In einer Ecke sitzen mehrere Männer um einen Tisch und spielen Karten.

Überrascht schauen sie zu Lorrand herüber. Es scheint nicht oft vorzukommen, dass ein Fremder in Blue Corner auftaucht.

Der Besitzer des Bullhorn Saloons. der gerade hinter der Theke Eintragungen in ein ledergebundenes Buch macht, schaut ebenfalls auf.

Jim Lorrand tippt grüßend an den Rand seines Stetsons und schlendert lässig auf die Theke zu.

Der Junge hat seine Musik abgebrochen und blickt wie hilfesuchend auf den Fremden.

Der Schwarzbärtige stellt die Flasche auf den Tisch zurück, beugt sich vor und packt den Jungen an den Schultern. „Los, spiel weiter und glotze nicht wie ein dämliches Kalb!“, herrscht er ihn an.

Sein breites Gesicht über dem schwarzen, wirren Bart ist gerötet. Die kleinen Augen funkeln bösartig und brutal.

„Aber, Mister Brooks“, sagt jetzt der Junge abermals, „ich muss doch nach Hause und ...“

Der Betrunkene holt zu einer kräftigen Ohrfeige aus. Doch die Hand landet nicht da, wo sie landen soll. Der Junge hat sich geduckt und ist blitzschnell zur Seite gesprungen. Die sausende flache Hand klatscht mit aller Gewalt gegen die halbvolle Whiskyflasche und schmettert sie zu Boden.

Für einen Augenblick ist nur das Klirren der Scherben zu hören. Dann stößt der Schwarzbärtige ein heiseres Grunzen aus und steht auf.

Mit angstvoll aufgerissenen Augen versucht der Junge zur Tür zu entwischen. Doch der Schwarzbärtige verstellt ihm mit seiner breiten Gestalt den Weg und knirscht:

„Das sollst du mir büßen, du freche Kröte!“

In diesem Augenblick mischt sich Jim Lorrand ein. Er steht mit dem Rücken zur Theke, hat die Ellbogen lässig auf die Kante gestützt und sagt:

„Sie werden den Jungen in Frieden lassen!“

Wütend wirbelt der Schwarzbärtige herum, seine kleinen dunklen Augen glitzern den Fremden böse an.

„Wer sind Sie denn, he?“, faucht er. „Was wollen Sie hier?“

„Das tut nichts, zur Sache“, erklärt Jim ruhig und bestimmt. „Ich will lediglich, dass Sie den Jungen nicht daran hindern, nach Hause zu gehen!“

„So? Das werden wir ja sehen.“

Der Wüterich macht ein paar hastige Schritte auf den Jungen zu, der den Mann, der für ihn Partei ergriff, dankbar anstarrt.

„Halt!“

Jim Lorrands Stimme ist nicht lauter geworden. Aber die Drohung, die in dem kurzen Wort liegt, ist nicht zu überhören.

Der betrunkene Mister Brooks bleibt stehen.

Jim wendet sich an den Jungen.

„Du kannst nach Hause gehen, Kleiner!“

Der Junge zögerte erst noch, starrt den großen, breitschultrigen Fremden dankbar an und dreht sich dann rasch ab. Gleich darauf hetzt er ins Freie.

Brooks kommt jetzt mit schweren, langsamen Schritten auf Jim Lorrand zu. Der lehnt noch immer gleichmütig an der Theke und schaut dem Näherkommenden ruhig entgegen. Es ist nicht das erste mal, dass er einen Faustkampf vor sich hat. Und er denkt nicht daran, dieser Auseinandersetzung auszuweichen.

„Du fühlst dich wohl mächtig groß, Fremder!“, knurrt Brooks giftig. Im Vorwärtsgehen krempelt er sich die Hemdsärmel auf. „Verlass dich darauf, das wird dir bald vergehen!“

Jim Lorrand rührt sich noch immer nicht. Die stahlgrauen Augen mustern den Streitsüchtigen kühl und überlegen.

Und dann zuckt es plötzlich wie ein Blitzstrahl durch Jim Lorrands Gehirn. Die jähe Erschütterung ist so groß, dass für einen kurzen Augenblick sogar der kühle Ausdruck aus seinem sonnengebräunten, beherrschten Gesicht schwindet. Ein heißes Brennen tritt plötzlich in die stahlgrauen Augen, mit denen er Brooks anstarrt.

Der schwarze Bart! Wenn der schwarze Bart nicht wäre, dann würde dieses breite, gerötete Gesicht aussehen wie ... Er denkt den Gedanken nicht zu Ende. Vor seinen Augen scheint es zu kreisen. Er fühlt, wie ein Brennen in seine Kehle steigt, wie es in seinen Adern heiß wird. Wie eine riesige, dunkle Welle brandet die Erinnerung über ihn herein.

Brooks ist jetzt schon ganz nahe. Die Kampflust funkelt brutal in seinen kleinen, dunklen Augen.

Jim Lorrand reißt sich zusammen. Wieder wird seine Miene kühl und beherrscht. In seinen stahlgrauen Augen dauert das heiße Brennen jedoch an.

Der Saloonbesitzer hinter der Theke und die Männer in der Ecke starren gebannt auf die Szene. Kein Laut kommt über ihre Lippen.

Ein paar Schritte vor Jim Lorrand bleibt Brooks stehen.

„Na, wie ist es? Hast du plötzlich den Mut verloren, Großmaul?“ Die schwarzbehaarten Fäuste heben sich angrifssbereit in die Höhe.

Jim Lorrands Haltung hat sich gestrafft. Er stößt die Ellenbogen von der Theke ab, beugt sich vor.

„Eine einzige Frage, Brooks!“, stößt er zwischen den Zähnen hervor.

Brooks starrt ihn überrascht an.

„Eine Frage?“, grölt er dann. „Na, dann frage immerhin!“

„Gut!“, nickt Jim. Er beugt sich noch weiter vor. Für die Zuschauer wirkt er, wie ein zum Sprung ansetzender Puma.

„Erinnerst du dich an Tamarooga?“

Der Satz steht klar und scharf umrissen in der tiefen Stille. Brooks Fäuste fallen herab. Das gerötete Gesicht wird fahl. Die Trunkenheit schwindet mit einem Schlag aus den funkelnden Augen. Wie von einem harten Hieb getroffen taumelt Brooks zurück. Seine Augen sind weit aufgerissen, ihr Blick kann sich von der großen, breitschultrigen Gestalt Jim Lorrands nicht lösen. Wie ein heiseres Stöhnen kommt es über die halb offenen Lippen.

„Jim Lorrand!“

Der nickt grimmig. Das heiße Brennen in seinen Augen verstärkt sich.

„Ja, Lester Brooks!“, sagt er leise und tonlos. „Der bin ich!“ Und da saust auch bereits Brooks’ Rechte zur Hüfte nieder, wo der schwere 45er Colt im Halfter steckt.

Jim Lorrand wartet, bis sich die behaarte Faust um den Coltkolben geschlossen hat, dann zuckt auch seine Rechte nieder.

Die Männer in der Ecke springen auf, als der Schuss kracht. Wie aus Stein gemeißelt steht Jim Lorrand unbeweglich vor der Theke.

Ein Colt poltert dumpf auf die Bretter. Es ist Brooks’ Colt. Und neben seiner Waffe bricht der Schwarzbärtige ächzend zusammen.

Hinter der Theke ist der keuchende Atem des Saloonbesitzers zu hören.

Die Männer aus der Ecke kommen eilig näher.

Lester Brooks liegt am Boden und blickt aus weiten Augen zu seinem Bezwinger auf.

Jim Lorrand kniet neben dem Mann nieder. Noch immer ist sein Gesicht kühl und beherrscht. Die dunklen Kerben um seine Mundwinkel haben sich vertieft. Er bringt seinen Mund nahe an das rechte Ohr des Sterbenden.

„Brooks“, sagt er eindringlich und ernst, „wo sind die anderen?“

Die Lippen des Getroffenen bewegen sich. Aber kein Laut ist zu hören.

Auf Jim Lorrands Gesicht erscheint ein Ausdruck, der an wilde Verzweiflung erinnert.

„Brooks“, sagt er nochmals, „du musst mich hören - gib mir Antwort! Wo sind die anderen? Ich muss sie finden, du weißt es ...“

Brooks versucht sich aufzurichten, Lorrand stützt ihn. Die kleinen, dunklen Augen starren den großen Mann unverwandt an. Die Lippen bewegen sich unablässig. „Du musst zu sprechen versuchen, Brooks!“, fordert Jim den Sterbenden mitleidlos auf. „Ich muss es wissen, hörst du, Brooks!“

Noch immer hängt der Blick aus den kleinen, dunklen Augen, die Zeit ihres Lebens so bösartig funkelten, starr an Jim Lorrand.

Jim versucht es noch einmal.

„Wo sind die beiden anderen, Brooks? Sind sie hier?“

„Ja“, kommt es röchelnd über die halboffenen Lippen des Sterbenden. Der schwere Körper hat sich verkrampft. Die Anstrengung wird deutlich in dem verfallenden Gesicht. „Ja - sie sind hier - sind ...“

Die Stimme versagt.

Jim Lorrand hält einen toten Gegner in den Armen.

Langsam steht er auf. Sein Gesicht ist ausdruckslos. Der Blick der stahlgrauen Augen lässt die Männer ringsum zur Seite blicken.

Draußen auf der Veranda tönen eilige Tritte. Zwei Männer tauchen im Eingang des Bullhorn Saloons auf. An der Weste des Kleineren blinkt ein silberner Stern.

Hastig kommt der Sheriff auf Jim Lorrand zu. Helle Augen in einem breitflächigen Gesicht mustern den großen Mann an der Theke voller Misstrauen. „Ich bin der Sheriff Matt Hollister!“

„Jim Lorrand!“, stellt sich der Fremde vor.

Sheriff Matt Hollister blickt düster auf den Toten.

„Sie haben ihn erschossen?“

Jim nickt gleichmütig und schaut an dem Sheriff vorbei auf einen mittelgroßen, schlanken, Mann, der sich durch den Kreis der Umstehenden herandrängt. Das schmale Gesicht dieses Mannes glüht zornig, der dünne Bart über der Oberlippe zuckt nervös.

„Wer ist dieser Kerl, Sheriff?“, fragt er und stellt sich neben den stämmigen Sheriff. „Verflucht! Kommt der Bursche in die Stadt geritten und knallt einfach den besten Vormann, der je auf meiner Ranch arbeitete, über den Haufen!“

Der Rancher starrte Jim aufgebracht an, doch der erwidert kühl seinen Blick.

„Lester hat zuerst gezogen!“, mischt sich einer der Zuschauer ein. „Wir haben es deutlich gesehen!“

„Zuerst gezogen?“, fragt der Rancher zweifelnd. „Und da steht der Kerl noch mit heiler Haut hier?“

„Jawohl!“, antwortet wieder der gleiche Mann. „Es ist wahr, Mister Clayfield. Ich sah noch keinen Mann schneller schießen, als diesen Gent hier!“ Ein scheuer Blick streift Jim Lorrand.

Nun wendet sich der Sheriff achselzuckend an den Rancher. „Schätze, Mister Clayfield, da ist nichts zu machen!“

Clayfield wirft nochmals einen wütenden Blick auf Lorrand, dann dreht er sich abrupt ab und verlässt sporenklirrend den Saloon.

Der Sheriff aber sieht Lorrand von unten her argwöhnisch an. Seine Finger tasten nervös über den silbernen Stern an seiner Jacke.

„Sind Sie auf der Durchreise, oder beabsichtigen Sie, längere Zeit in Blue Corner zu bleiben?“

Jim Lorrand verzieht ein wenig den Mund.

„Warum wollen Sie das wissen, Sheriff?“

Sheriff Hollister, der Jim nicht einmal bis zur Schulter reicht, runzelt missmutig die Stirn.

„Nun, ich habe es nicht gern, wenn sich so verdammt schnelle Revolverschützen in meinem Bezirk aufhalten. Außerdem möchte ich vermeiden, dass Sie mit der Doppel Balken-Mannschaft Schwierigkeiten bekommen.“

Jim Lorrands Gesicht lockert sich zu einem leisen Lächeln. Er fragt: „Wer ist diese Doppel Balken-Mannschaft? “

„Ganz einfach“, erwidert der Sheriff, „es ist Clayfields Cowboy-Crew. Lester Brooks war der Vormann auf Clayfields Doppel Balken-Ranch. Und ich glaube nicht, dass die Boys dieser Ranch so einfach über den Tod ihres Vormannes hinweggehen werden.“

„Soll das eine Warnung sein, Sheriff?“

Hollister sieht Lorrand scharf an. „Sie können es als gut gemeinten Rat auffassen, Lorrand!“

„Danke!“, lächelt jetzt Jim grimmig. „Ich sehe, Sie sind offen zu mir, Sheriff. Deshalb will ich auch offen zu Ihnen sein: Ich werde in Blue Corner bleiben, schätze ich!“

Sheriff Hollister macht eine unbestimmte Geste mit den Händen.

„Das ist Ihre Sache! Hindern kann ich Sie daran nicht!“

In der Tür dreht sich der Sheriff noch einmal um.

„Aber das eine sage ich Ihnen: Wenn Sie in Schwierigkeiten kommen, dann sehen Sie zu, dass Sie alleine wieder herauskommen!“

Auf einen Wink des Sheriffs haben mehrere Männer den toten Lester Brooks aus dem Raum geschafft.

Jim Lorrand schiebt ein Geldstück über die blankgescheuerte Theke und verlässt den Saloon.

Draußen bleibt er einen Augenblick auf der Veranda stehen, ehe er auf seinen Rapphengst zugeht, der müde im Schatten der breitkronigen Kastanie steht.

Während Jim das Pferd losbindet, denkt er an die letzten Worte von Lester Brooks.

Sie sind hier. Brooks war einer von ihnen. Zwei sind noch übrig. Und sie sind hier. So scheint also Blue Corner doch noch das Ziel seines jahrelangen Suchens zu werden.

Wieder drängt sich die Erinnerung an ihn heran. Acht Jahre sind lang. Acht Jahre einer vergeblichen Suche können einen Mann zerbrechen. Aber Jim Lorrand hat diese acht harten, bitteren Jahre überstanden. Jetzt ist er am Ziel - oder wenigstens beinahe schon. Die Stunde der Abrechnung ist gekommen.

Doch er ist Realist genug, um sich zu sagen, dass diese Abrechnung nicht leicht sein wird. Das Ende ihres Kumpans wird die beiden anderen warnen. Und er hat diese beiden nur von weitem gesehen, kennt sie nicht genau. Zudem können acht Jahre das Aussehen eines Mannes ziemlich verändern. Deshalb hat er auch Brooks, dem allein er damals von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, nicht sofort erkannt. Von den beiden anderen kann er nicht einmal genau die Gestalten beschreiben.

Das ändert allerdings nichts an seiner Entschlossenheit.

Acht Jahre hat er gesucht. Und jetzt, da er weiß, wo sich die Verbrecher befinden, wird er nicht aufgeben. Er wird so lange hierbleiben, bis er diese Männer gefunden hat und sie dem Sheriff übergeben kann. Für einen Augenblick denkt er daran, Matt Hollister um Unterstützung zu bitten, aber dann wird ihm bewusst, dass er seine Sache unbedingt geheim halten muss, wenn er Erfolg haben will.

 

*

 

Eine helle Stimme schreckt Jim Lorrand aus seinem Grübeln auf. Der Harmonika spielende Junge aus dem Bullhorn Saloon kommt auf ihn zu. Hinter dem Bürschchen geht ein junges, hübsches, blondhaariges Mädchen. Ihre graugrünen Augen schauen Jim forschend an. Dann tritt sie entschlossen auf ihn zu und streckt ihm die Hand entgegen.

„Ich bin Jane Torvis“, stellt sie sich vor, während Jim überrascht ihre Hand ergreift. „Und das hier ist Sammy, mein kleiner Neffe!“

Jim zieht etwas verlegen den Hut und murmelt seinen Namen. Die graugrünen Augen des Mädchens sind offen und ohne Scheu auf ihn gerichtet. Sie muss etwa zwanzig sein, überlegt Jim insgeheim.

„Ich bin gekommen, um Ihnen zu danken, Mister Lorrand“, sagt jetzt Jane Torvis mit weicher, wohlklingender Stimme, „dass Sie Sammy geholfen haben. Es tut mir schrecklich leid, dass Sie deswegen in solche Gefahr kamen und ...“

Jim unterbricht sie.

„Sie brauchen weder sich noch Sammy deshalb Vorwürfe machen. Ich kannte Brooks und seine Brutalität von früher.“

„Oh!“, sagt Jane überrascht und blickt ihn beinahe erschrocken an. Dann glättet sich ihr Gesicht wieder, ein freundliches Lächeln spielt um ihre roten, feingeschwungenen Lippen.

„Mein Bruder und ich, wir würden uns sehr freuen, Sie heute abend als Gast begrüßen zu dürfen.“

Jim ist etwas verwundert.

„Ihr Bruder?“ fragt er.

„Ja, Jake Torvis. Wir führen gemeinsam einen Haushalt und Sammy lebt bei uns. Momentan ist Jake zwar außerhalb der Stadt, aber bis zum Abend ist er sicherlich zurück.“

„Aber dann weiß er ja gar nichts von der Einladung“, sagt Jim und lächelt. Jane Torvis errötet leicht.

„Es wird ihm bestimmt recht sein!“, erklärt sie entschieden.

„Aber sicher!“, mischt sich nun auch Sammy ein. Seine blauen Augen hängen begeistert an dem großen, breitschultrigen Mann, der ihm im Saloon aus der Klemme geholfen hat. „Bitte kommen Sie doch, Mister Lorrand!“

„Na schön!“, stimmt Jim zu. „Wenn Sie mich unbedingt auf dem Hals haben wollen, Miss Torvis!“

Sie nimmt den Jungen an der Hand und will sich zum Gehen wenden.

„Eine Frage noch, Miss Torvis“, hält Jim sie zurück. „Ich weiß ja gar nicht, wohin ich kommen soll!“

„Ach so!“ Ihr melodisches Lachen perlt silbern über die roten Lippen „Das hätte ich beinahe ganz vergessen. Sehen Sie das Haus zwischen dem Drugstore und dem Eckgebäude dort vorne? Dort wohnen wir!“

„Gut!“, nickt Jim. „Ich werde heute abend dort sein.“ Er legt die Rechte auf den Sattel seines Hengstes. „Übrigens, wo finde ich ein Quartier für mich und meinen Vierbeiner?“

Jane Torvis überlegt kurz.

„Am besten gehen Sie zu Ann Fultons Restaurant. Es liegt auf dem Weg zu unserem Haus. Kommen Sie doch gleich mit.“

Nebeneinander schlendern sie wie zwei gute Bekannte den Bürgersteig entlang. Sammy führt Jims Pferd auf der Straße nebenher.

 

 

2. Kapitel

 

 

Nach einem angenehm verbrachten Abend bei den Geschwistern Torvis weiß Jim Lorrand, dass er in Blue Corner gute Freunde gewonnen hat. Für einen so ruhelosen und verbitterten Mann wie ihn ist das eine tröstliche Gewissheit.

Janes Bruder Jake war ihm auf den ersten Blick sympathisch. Der große, schlanke Mann, dessen pechschwarzes Haar in scharfem Kontrast zu der blonden Haarpracht seiner Schwester steht, hat mit Jim Lorrand die Liebe für die Rinderzucht und Ranchwirtschaft gemeinsam.

Vor wenigen Tagen hat sich Jake Torvis in der Nähe von Blue Corner ein weites Grundstück gekauft und dort begonnen, eine Ranch aufzubauen. Das altgewohnte Rancherleben ist vor Jim Lorrand wieder wachgeworden, als er von Jake Torvis’ Plänen erfuhr. Und über den lebhaften Diskussionen ist der Abend schnell vergangen.

Jim spürt noch Jakes festen Händedruck und sieht noch das freundliche Abschiedslächeln Janes vor sich, als er nun aus der Haustüre auf den Bürgersteig tritt.

Tiefschwarze, sternenlose Nacht hüllt das Städtchen ein. Zwischen den Häusern hocken undurchdringliche Schatten. In den meisten Fenstern brennt noch Licht. Vom Bullhorn Saloon schallt lautes Lärmen herüber.

Außer Jim ist kein Mensch auf der Straße. In dem Augenblick, da er allein auf dem hölzernen Gehsteig steht, ist er wieder hellwach. Sein kräftiger Körper spannt sich. Es sieht aus, als wittere ein Puma in die Nacht hinein. Der scharfe Blick aus den stahlgrauen Augen dringt forschend durch das Laternenlicht, das trübe über die Straße flackert.

Jim Lorrand ist wieder der einsame Mann, der einen gefährlichen Pfad eingeschlagen hat. Und diesmal ist nicht nur er der Jäger.

Jim ahnt, dass die Männer, die er sucht, bereits von Brooks tödlicher Niederlage erfahren haben und wissen, weshalb er hier ist.

Und dass sie nicht warten werden, bis er sie entlarvt hat, steht für ihn fest. Gerade dieses Wissen ist jedoch ein Grund zur Genugtuung für Jim, denn er weiß, dass es ihm sehr schwer werden dürfte, die richtigen Männer zu finden. Nun, sie werden ihm die Suche erleichtern, wenn sie versuchen, ihn auszuschalten.

Mit gleichmäßigen, elastischen Schritten geht er auf dem Bürgersteig dicht an den Häuserwänden entlang. Von weitem wirkt er lässig und sorglos. Doch ein aufmerksamer Beobachter könnte entdecken, wie nahe die rechte Hand neben dem Coltkolben schwebt und wie straff seine Schultern zurückgebogen sind.

Aus den Augenwinkeln belauert Jim Lorrand die Zone, wo sich Laternenlicht und Schatten treffen. Er weiß genau, dass dies sein letzter Gang sein kann, wenn er Pech hat. Aber ein Mann, der viel gewinnen will, muss viel riskieren.

Der Schimmer eines harten Lächelns huscht um seine Mundwinkel, als er hinter einer Hausecke eine fast unmerkliche Bewegung wahrnimmt. Er bleibt gleichmütig stehen und tut, als wolle er seine Uhr aus der Tasche ziehen. Er bleibt gerade solange stehen, wie ein einigermaßen guter Schütze Zeit zum genauen Zielen braucht.

Und dann macht er jäh einen Satz vorwärts. Peitschend hallt ein Schuss zwischen den Hauswänden. Die Kugel bohrt sich knirschend in die Bretterwand - dort, wo Jim vor dem Bruchteil einer Sekunde noch stand. Er hat die Waffe in der Faust, doch er drückt nicht mehr ab.

Der Heckenschütze ist klug genug, keinen weiteren Schuss abzufeuern Wahrscheinlich fürchtet er die Reaktion des Überfallenen.

Jim Lorrand presst die Lippen zusammen und stürmt vorwärts. Im Zickzack-Lauf hetzt er über die fahl beleuchtete Straße auf die Hausecke zu, hinter der das Mündungsfeuer aufgeflammt ist. An der Ecke ist kein Mensch mehr zu sehen.

Fenster werden aufgestoßen. Stimmen rufen fragend. Irgendwo knarrt eine Tür. Jim kümmert sich nicht darum. Geduckt und lauernd steht er im Schatten und horcht in die Dunkelheit hinein, die sich zwischen den Hauswänden ausdehnt. Dann schiebt er sich vorsichtig weiter in den Schatten hinein. Ein blechernes Scheppern klirrt in der nächtlichen Stille. Einem unterdrückten Fluch folgen hastige, leise Tritte, die sich irgendwo verlieren.

Vor einem leeren, geräumigen Hof bleibt Jim Lorrand lauschend und abwartend stehen. Von der anderen Seite des Hofes dringt ein verhaltenes Scharren zu ihm. Jim hebt den Colt, lässt ihn aber gleich wieder sinken.

Mit lautlosen, federnden Sprüngen überquert er den Hof. Hier recken sich steile Bretterwände vor ihm empor. Ein schmaler Durchlass verrät den Weg des Fliehenden. Ohne zu zögern läuft Jim weiter. Am anderen Ende des Durchganges sieht er einen matten Lichtschein. Er knirscht mit den Zähnen, denn der Spalt zwischen den Wänden führt dort wieder auf die Straße zurück.

Und dann verdunkelt ein gekrümmter Schatten den Laternenschein am Ende des Durchlasses. Gleich darauf poltern hastige Tritte auf dem hölzernen Gehsteig.

Jetzt schiebt Jim die Waffe ins Halfter zurück und rennt, so schnell er kann, vorwärts. Wenig später steht er ebenfalls auf den Bohlen des Gehsteiges. Die Straße ist hier hell beleuchtet und gerade. Nirgends biegen Gassen ab.

In der kurzen Zeitspanne kann der Flüchtige unmöglich so weit gelaufen sein, dass er aus dem Blickfeld seines Verfolgers hätte verschwinden können Enttäuschung zieht über Jim Lorrands hartes Gesicht.

Da fällt sein Blick auf den Eingang des Bullhorn Saloons. Lautes Lachen und Grölen dringt durch die geschlossenen Fenster ins Freie. An dem Haltegeländer vor der Veranda stehen mehrere Pferde angebunden.

Der Saloon liegt nur zwei Häuser von Jims Standpunkt entfernt, und Jim ist sich sicher, dass der heimtückische Schütze sich jetzt dort befindet. Eine andere Möglichkeit gibt es einfach nicht.

Die Fenster und Türen wurden wieder geschlossen. Wahrscheinlich nehmen die durch den Schuss aufgeschreckten Bürger an, ein betrunkener Cowboy habe aus Übermut auf eine Laterne geschossen.

Jim Lorrand blickt abschätzend auf den Eingang des Lokals. Dann rückt er sich den Waffengürtel zurecht und geht mit entschlossenen Schritten auf den Bullhorn Saloon zu.

 

*

 

Die Pendeltür schlägt hinter Jim zu. Eine Woge von Rauch, Lärm und Schnapsgeruch brandet ihm entgegen. Die beiden Petroleumlampen an der niedrigen Decke tauchen den Raum in ein trübes, flackerndes Licht. Alle Tische sind besetzt. An der Theke lungern ein paar junge Cowboys.

Jim bleibt einen Moment stehen und blickt prüfend umher.

Nichts deutet darauf hin, dass einer der Männer an den Tischen eben den Saloon betreten hat. Und doch muss einer von ihnen vor wenigen Minuten auf Jim Lorrand geschossen haben.

Langsam geht er auf die Theke zu. Die wuchtige Gestalt des Saloonbesitzers beugt sich vor.

Jim legt die Arme auf die blankgescheuerte Platte.

„Einen Whisky!“

Aus den Augenwinkeln mustert er sorgfältig die Männer an den Tischen. Hell hebt sich das Klatschen der Spielkarten von den heiseren Rufen und dem dumpfen Gemurmel ab. Gläser klirren schrill.

Die kräftige Faust des Saloonbesitzers schiebt ihm das gefüllte Glas zu. Ehe sich der Mann abwenden kann, lehnt sich Jim ihm ein wenig entgegen und sagt leise: „Einen Augenblick, Mister ...“

Des Saloonbesitzers fleischiges Gesicht verzieht sich zu einem freundlichen Grinsen.

„Flannagan ist mein Name. Nick Flannagan. Was darf es sonst noch sein?“

„Eine kurze Frage!“

Während Jim spricht, beobachtet er weiterhin die Gäste. Flannagan hebt erwartungsvoll die buschigen Augenbrauen über den blassblauen Augen.

Jim bemüht sich um einen gleichgültigen Ton.

„Ist nicht kurz vor mir jemand hereingekommen? Ich hätte den Mann gerne gesprochen, weil ...“

Nick. Flannagan unterbricht ihn. Bedauernd breitet er die Hände aus.

„Tut mir leid, Mister. Ich bin eben aus der Küche gekommen, kann Ihnen beim besten Willen diese Frage nicht beantworten. Aber wenn Sie wollen, dann kann ich ja einen der Boys dort fragen.“

Er zeigt auf die Gruppe junger Cowboys am Ende der Theke.

Jim Lorrand winkt ab.

„Es ist nicht so wichtig!“

Er will hier im Saloon keinen Tumult verursachen.

Jim leert sein Glas. Als er es auf die Thekenplatte zurückstellt, bemerkt er einen dunklen Schatten neben sich. Er dreht sich um. Ein großer, hagerer Mann steht vor ihm. Die dunklen Augen in dem eingefallenen Gesicht funkeln hasserfüllt, während er sagt:

„Ah! Da ist ja der Revolverheld, der meinen Freund Lester auf dem Gewissen hat!“

Jims Augen verengen sich. Ganz offensichtlich sucht der Mann vor ihm Streit.

„Tut mir leid, wenn Brooks Ihr Freund war“, erklärt Jim lakonisch. Gleichzeitig überlegt er, ob der Hagere etwa einer der beiden übrigen Gesuchten sein könnte. Aber dann würde er sich kaum so einfach als Freund von Lester Brooks bezeichnen.

Der Hagere hat die beiden Fäuste in die Seiten gestemmt. Seine dunklen Augen gleichen glühenden Kohlen.

„Schätze, Fremder, Sie haben nicht ganz begriffen, was ich sagte. Lester Brooks war mein Freund!“

Jims Haltung ist äußerlich völlig locker, aber seine Nerven sind in einer blitzartigen Reaktion gespannt.

„Ich würde mir bessere Freunde gesucht haben!“, gibt er kalt zurück.

In dem eingefallenen Gesicht des Mannes, der der Kleidung nach Cowboy ist, zuckt es. Er geht ein paar Schritte zurück und duckt sich dann etwas.

Jim sieht, wie die Rechte seines Widersachers klauenartig über dem Revolvergriff schwebt.

Es ist plötzlich ganz still im Saloon geworden. Nur ein paar Füße scharren nervös auf den rauen Dielen.

„An ihrer Stelle würde ich mir überlegen, ob ich ziehen sollte oder nicht!“, warnt Jim Lorrand grimmig. Der Blick seiner grauen Augen bohrt sich scharf in die Augen seines Gegenübers.

„Zum Teufel!“, flucht der Hagere schrill. „Ich werde dir zeigen ...“

Aus einer rauchverhangenen Ecke kommt eine helle, harte Stimme.

„Lass das bleiben, Dick! Ich will keinen Kampf im Saloon.“

Der schmale, mittelgroße Mann, der sich jetzt durch die Tischreihen an die Theke heranschiebt und vor dem Hageren stehen bleibt, ist der Rancher, der kurz nach Jims Auseinandersetzung mit Lester Brooks in den Bullhorn Saloon kam, Clayfield, der Besitzer der Doppel Balken-Ranch, auf der Brooks bis zu diesem Tag Vormann war.

Die verkrampfte Haltung des Streitsuchers löst sich. Er richtet sich auf.

„Warum soll ich ihn nicht zur Hölle schicken, Boss!“, knurrt er.

„Ich möchte bezweifeln, ob du dazu schnell genug wärest, Dick!“, sagt der Rancher. Seine Stimme wird schärfer. „Außerdem sollst du morgen Brooks’ Stelle antreten. Ich möchte vermeiden, dass ich mir am nächsten Tag schon wieder einen neuen Vormann suchen muss.“

Der Zurechtgewiesene runzelt missmutig die Stirn. „Du weißt genau, Boss, dass ich ziemlich fix und sicher mit dem Eisen bin. Ich werde ...“

„Nichts wirst du! Du arbeitest auf meiner Ranch, du bekommst deine Dollars aus meiner Tasche. Und demgemäß richtest du dich danach, was ich dir sage. Verstanden?“

Der Rancher blickt herausfordernd zu dem Wütenden auf.

„Na ja!“, knurrt der Cowboy. „So war es nicht gemeint.“ Er wirft einen giftigen Blick auf Jim, dreht sich ab und geht wieder an seinen Tisch zurück.

Das Stimmengewirr setzt wieder ein. Die Spannung in dem Saloon löst sich.

Joel Clayfield tritt dicht vor Jim Lorrand. Seine Augen sind genau so grau und stählern wie die von Jim. Doch ihnen fehlt die beherschende Kühle und Überlegenheit. Noch immer sprüht ein zorniges Funkeln in den Pupillen.

„Ich würde Ihnen raten, Fremder, sich nicht zu lange in Blue Corner aufzuhalten. Ich kann nicht dauernd ein Auge auf meine Boys haben.“

Ein leichtes Lächeln verzieht Jim Lorrands Mundwinkel.

„Es wäre nur zum Schaden Ihrer Reiter, wenn sie versuchen sollten, auf mich loszugehen!“

Joel Clayfields Blicke werden feindselig.

„Trotzdem möchte ich Sie warnen, Gent, nochmals mit Dick Sharp zusammenzutreffen. Ich kann Ihnen versichern, dass Dick mit dem Colt bedeutend schneller ist als Brooks.“

Ohne eine Erwiderung abzuwarten, geht der Rancher an seinen Platz zurück.

Jim Lorrand sieht im uneingeschüchtert nach.

 

*

 

In das kleine, bescheiden eingerichtete Zimmer, das sich Jim Lorrand im ersten Stockwerk von Ann Fultons Restaurant gemietet hat, fällt durch ein schmales Fenster ein schwacher Schein der trüben Straßenbeleuchtung und geistert fahl an der niedrigen Zimmerdecke.

Jim liegt wach auf dem Bett. Er findet keinen Schlaf. Seine Gedanken wandern unstet zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Die Erinnerung lässt den alten Hass neu aufleben. Unruhig wälzt er sich hin und her. Er weiß, dass er nichts überstürzen darf, Geduld haben muss.

Die beiden Banditen, die er noch sucht, werden ihr Desperadoleben aufgegeben haben und nun getarnt als friedliche Bürger hier leben. Brooks, der als Vormann auf der Doppel Balken-Ranch arbeitete, ist dafür ein Beispiel.

Jim macht sich keine Illusionen. Es wird schwer sein, diese Männer zu entlarven. Zum großen Teil besteht seine Chance darin, abzuwarten, bis sich die beiden selbst verraten. Sie wissen ja, dass er gekommen ist, um sie dem Gesetz auszuliefern. Und wie der Mordanschlag vor wenigen Stunden zeigte, werden sie nicht tatenlos darauf warten. Dies ist die Möglichkeit für Jim, die Richtigen zu finden. Eine gefährliche Möglichkeit zwar - aber er will sie nicht ungenutzt lassen.

Während er träumerisch die Augen schließt, sieht er wieder die brennende Ranch, hört die Schüsse und fühlt erneut jenen ohnmächtigen. Hass, als er verwundet vor den brennenden Gebäuden seiner Ranch zusammenbrach. Und das alte Entsetzen, das ihn so oft in den einsamen Nächten überfiel, kriecht in ihm empor, als er das Bild des schlanken, reglosen Frauenkörpers neben sich im Sand sieht. Und abermals packt ihn jene Verzweiflung, die ihn überkam, als er es seiner Wunde wegen nicht fertigbrachte, das Kind - sein einziges Kind - aus dem mörderisch flammenden Feuer zu retten …

 

*

 

Noch zwei Männer finden in dieser finsteren Prärienacht lange keinen Schlaf. Auch in ihren Köpfen spukt die Vergangenheit, auch vor ihnen geistert das grelle Bild einer brennenden Ranch. Und sie müssen die Feststellung machen, dass acht Jahre nicht ausreichen, das Vergangene auszulöschen oder gar ungeschehen zu machen. Die Furcht vor der Abrechnung steigt leise, aber unaufhaltsam, in ihnen auf.

Und sicher ist es diese Furcht, die einen dieser beiden Banditen beschließen lässt, ein Telegramm nach Tonto Falls zu schicken. Vielleicht bietet sich noch eine andere Gelegenheit, diesen Rancher auszuschalten, der nach Blue Corner kam, um die Zerstörer seines Lebensglücks der Gerechtigkeit zu überliefern.

Dieses Telegramm nach Tonto Falls soll absolute Sicherheit bringen. Die Männer, die es erhalten werden, werden für diese Sicherheit sorgen. Jim Lorrand soll sterben; denn nur das gänzliche Auslöschen dieses ehemaligen Ranchers, der noch nach acht Jahren auf einer längst verwischt geglaubten Fährte reitet, kann das Vergangene für die Mörder endgültig begraben.

 

 

3. Kapitel

 

 

Schon der schwül heraufziehende Morgen bringt eine Ahnung von der Hitze des kommenden Tages. In leuchtendem Blau spannt sich der wolkenlose Himmel über den Dächern von Blue Corner. Golden wirft die Sonne ihre Strahlen über die breite, sandige Straße, über den Gehsteig und gegen die Veranden und Häuserfassaden.

Vor dem Haus der Geschwister Torvis hält Jim Lorrand seinen hochbeinigen Rapphengst an.

„Guten Morgen, Sammy!“, begrüßt er den blondschopfigen Jungen, der eben aus der Tür tritt. „Ist Onkel Jake schon fortgeritten?“

Sammy reißt seine blauen Kinderaugen freudig auf.

„Guten Morgen, Mister Lorrand! Ja, Onkel Jake ist schon nach draußen!“, verkündet der Junge mit einer leichten Handbewegung zur offenen Prärie hin.

Sammy kommt rasch näher und bleibt dicht vor Jims Pferd stehen.

„Wollten Sie Onkel Jake sprechen, Mister Lorrand?“

Jim schüttelt den Kopf.

„Nein. Ich wollte nur fragen, ob er vielleicht bei den Arbeiten auf seiner Ranch einen Helfer brauchen könnte.“

Sammys frisches Gesicht überzieht sich mit einem überraschten Ausdruck freudiger Erwartung.

„Sie wollen Onkel Jake wirklich helfen?“ Als er die Zustimmung in Jims Miene erkennt, springt Sammy aufgeregt von einem Bein aufs andere. „Dann werden Sie also öfters mit uns zusammen sein? Oh, Onkel Jake wird sich freuen. Wissen Sie, Mister Lorrand, bisher hat er nämlich alles allein gemacht Tante Jane und ich konnten ihm bei der schweren Arbeit nicht besonders viel helfen.“

Jim Lorrands Lippen lösen sich zu einem leichten Lächeln. Und während er Sammys magere Gestalt mustert, denkt er an seinen eigenen Jungen. Der wäre jetzt ungefähr genauso alt wie Sammy, wenn ...

Er bricht diesen Gedanken ab. Die bitteren Kerben um seine Mundwinkel vertiefen sich.

„Wenn du mir den Weg beschreibst, dann reite ich jetzt sofort los zu Onkel Jakes Ranch“, sagt er dann wieder lächelnd zu dem Jungen.

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738926316
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Februar)
Schlagworte
lorrands trail
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Titel: Jim Lorrands Trail