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Sheng – der Kung Fu-Kämpfer Band 19 Die Stadt der Mörder

2018 120 Seiten

Leseprobe

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2019: Edward Martin

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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Sheng – der Kung Fu-Kämpfer Band 19 Die Stadt der Mörder

Ein Western von Uwe Erichsen











Als Sam Kirkland in seine alte Heimat zurückkehrt, ist nichts mehr wie es war. Er hat viele Jahre im Gefängnis für eine Tat gebüßt, die er nicht begangen hat. Und nun will er wissen, wer dafür verantwortlich sein könnte, dass er seinerzeit verurteilt wurde. Sheng, der Kung Fu-Kämpfer kreuzt den Weg des ehemaligen Strafgefangenen. Er ahnt, dass die wahren Schuldigen immer noch in der Stadt leben, in die Kirkland zurückgekehrt ist. Und einige der Männer hüten ein dunkles Geheimnis, von dem niemand bisher etwas ahnte. Als es Sheng gelingt, diese Machenschaften aufzudecken, eskaliert die Gewalt in der Stadt der Mörder ...

**







Sam Kirkland nahm das Bild des Tales mit den Augen eines Blinden auf, dem das Augenlicht zurückgegeben wurde.

Seine Nacht hatte drei Jahre gedauert. In dieser Zeit hatte der Mann keine andere Farbe als Grau gesehen. Den grauen Steinbruch unter dem weiß lodernden Himmel von Quanah in Texas. Grau die Kleidung der Häftlinge, grau die Mauern des Zuchthauses.

Der Salt Creek unten im Tal führte kaum noch Wasser nach dem langen heißen Sommer. Sam Kirkland hoffte, dass Jesse inzwischen den Brunnen gegraben hatte, von dem in seinen Briefen die Rede gewesen war. Sam hoffte, dass der Wassermangel der kleinen Farm nicht allzu sehr zugesetzt haben möge.

Erregt folgten seine Augen dem fast ausgetrockneten Flussbett. Plötzlich stutzte der Mann. Sein Herz zog sich zusammen. Das Ranchhaus stand nicht mehr. Oder war er in der falschen Gegend? Nein, dort sah man noch die Grundmauern, den Umriss des länglichen Schuppens daneben.

Ein Zittern lief durch den schweren Körper des Mannes. Eine furchtbare Erkenntnis bohrte sich in sein Hirn. Jesse hat dich betrogen ...

Jesse hat dich betrogen. Dieser Gedanke pochte in seinem Hirn. Immer hatte er von der Farm geschrieben, von Joanna und den Kindern.

Die Trümmer und die Ruine waren jedoch älter als das Datum im letzten Brief. Zwei Jahre mindestens. Seit zwei Jahren gab es die Cullen-Farm nicht mehr.

Das Land verschwamm vor Sam Kirklands Augen. Er wischte sich mit harter Hand über das Gesicht, er blinzelte und wandte es dem Himmel zu.

Jesse, schrie es in ihm. Jesse, du hast mich betrogen! Drei Jahre lang hast du mich belogen und betrogen!

Sam Kirkland war bestürzt über die Gedanken, die urplötzlich sein Fühlen beherrschten. Es war nackter Hass, ein Hass, der sein Inneres zu zerreißen drohte.

Er senkte den Blick und ließ seine Augen wieder zu der Ruine hinüberwandern. Jetzt erst bemerkte er den Rauch, der zwischen den verkohlten Balken aufstieg und als feine, blaue Säule in der klaren Luft stand.

Sam Kirkland starrte auf die Rauchsäule.

Sein Hass bekam ein Ziel. Da schürte jemand ein Feuer innerhalb der Mauern, die er selbst errichtet hatte und die er als sein Heim, als sein Zuhause, betrachtet hatte.

Jesse Cullen?

Sam Kirkland ging weiter. Wie eine Maschine bewegte er sich den sanft abfallenden Weg hinab auf die Ruinen des Hauses zu, das einmal den Mittelpunkt einer kleinen Farm dargestellt hatte. Unkraut hatte die Felder überwuchert, Unkraut wuchs in den Mauerritzen.

In Sam Kirklands Herz brannte der Hass.


*


Der hagere Mann mit dem markanten, dunklen Gesicht und den leicht geschlitzten, schwarzen Augen nahm die Blechdose vom Feuer, die ihm als Kochgefäß diente. Das Wasser kochte sprudelnd.

Er goss das Wasser über die grünlichen Teeblätter in der alten braunen Tontasse. Er schien die Hitze, die von dem Blech der Dose ausging, an seinen ungeschützten Fingern nicht zu spüren. Gebannt beobachtete er die Teeblätter. Wie sie im Wasser herumwirbelten, wie sie aufquollen und ihre Farbe veränderten. Tief atmete er den würzigen Duft ein, der mit dem Dampf aufstieg.

Dieser Tee stellte eine Kostbarkeit dar. Vor einer Woche hatte er in Amarillo einen Chinesen getroffen, der gerade erst in Amerika eingetroffen war. Sheng hatte ihm geholfen, als eine Horde wilder Burschen den Mann und seine Familie drangsalierte. Zum Dank hatte der Einwanderer Sheng eine Büchse mit Tee aus dem Foochow-Distrikt geschenkt, der mit feinen Jasminblüten versetzt war.

Sheng setzte die Tasse an die Lippen. Sein Blick fiel durch die leere Fensterhöhle nach draußen.

Die Farben begannen bereits zu verblassen. In der Ferne konnte Sheng die blaue Linie der Ute Hills erkennen, die jetzt, am späten Nachmittag, scharf gegen den blauen Himmel hervortraten.

Von dem Hügel herab lief ein Mann. Sheng sah die große, leicht gebeugte Gestalt. Die Bewegungen des Fremden waren knapp, so als sei er es gewohnt, mit seinen Kräften sparsam umzugehen. Der Mann trug einen breitrandigen speckigen Hut, der ein dunkles lederfarbenes Gesicht beschattete. Die Füße steckten in verschlissenen halbhohen Stiefeln, die Jacke war an mehreren Stellen zerrissen, und das Hemd war vom vielen Waschen ausgebleicht und dünn geworden.

Ruhig trank Sheng seinen Tee. Er genoss jeden Schluck, doch den Mann, der da auf das Haus zulief, ließ er nicht mehr aus den Augen.

Sheng schob die Büchse mit dem kostbaren Tee in seine Deckenrolle und schnallte die Riemen fest. Die verbrannten Reste der Zweige, mit denen er das Wasser zum Kochen gebracht hatte, schob er zusammen. Das Feuer war in sich zusammengesunken.

Sheng leerte die Tasse und stellte sie auf den Sims des gemauerten Kamins. Er sah sich noch einmal um.

Nur die gemauerte Giebelwand mit dem Kamin war noch erhalten. Die niedrigen Grundmauern, auf denen die hölzernen Wände geruht hatten, begannen bereits zu zerbröckeln.

Ein zerfallendes Haus bietet stets einen trostlosen Anblick, dachte Sheng, wie ein großes Tier, das sich zum Sterben niedergelegt hat und nun langsam verendet.

Der fremde Mann kam näher. Er trug ein Bündel auf dem Rücken, das bei jedem Schritt gegen sein Gesäß schlug. Es schien Sheng, als ob der Mann immer schneller ginge. Ja, jetzt rannte er sogar. Wie ein Verdurstender, der die rettende Quelle vor Augen hat.

Das braunlederne Gesicht wirkte wie eine erstarrte Maske, in denen die Augen wie Glaskugeln ruhten. Es war ein ausgemergeltes Gesicht. Ein magerer Mann, der seine Kräfte zu früh verbraucht hatte.

Der Mann schien zu wissen, auf welcher Seite sich einmal der Eingang befunden hatte, denn er lief links herum, dorthin, wo die Treppe mit den drei inzwischen fast verfaulten Stufen gewesen war. Dabei hätte er das Haus durch das Loch vorn am Fenster betreten können. Doch etwas schien den Fremden davon abzuhalten.

Der Fremde schwang sich über einen dicken Balken. Er fluchte einmal unterdrückt, dann stand er vor Sheng.

Sheng blickte ruhig in das starre Gesicht. Der Mann hob seinen Fuß, und ohne Warnung trat er zu.

Der Fuß flog auf Shengs Kopf zu. Sheng wich aus. Kaum jemand hätte die schnelle Bewegung erkennen können, schon gar nicht ein Mann, den der Zorn und der Hass blind machten.

Der eigene Schwung warf den Mann nach vorn. Sheng sprang auf die Füße. Der Fremde verlor das Gleichgewicht, und er musste sich an einem Balken festhalten.

„Du dreckiger Bastard!“, heulte er mit einer Stimme, die kaum der eines Menschen glich. Der Hut war zu Boden gefallen. Sheng sah das gebleichte Haar, das lang und strähnig am Kopf herabfiel. „Raus hier!“, schrie der Mann. „Raus! Das ist mein Haus!“ Er wirbelte herum und ging mit den Fäusten auf Sheng los.

Sheng glaubte nicht, dass der Mann ihm gefährlich werden könnte. Er wich zurück.

„Ich gehe ja schon“, sagte er. „Wenn das Haus Ihnen gehört, gehe ich, falls Sie es wünschen.“

„Es gehört mir! Ich habe es gebaut!“ Der Mann schnaufte. „Ich, Sam Kirkland!“

„Ich denke, das Haus gehört jemandem, der Cullen heißt“, sagte Sheng.

Kirkland ließ die Fäuste sinken. Sein Gesicht zog sich in die Länge. „Woher weißt du das?“, fragte er mit plötzlich rauer und unsicherer Stimme.

Sheng sah dem Mann in die grauen Augen. „Der Name steht auf dem Brett draußen auf dem Grabhügel“, antwortete Sheng ruhig.

„Grabhügel?“, fragte der Mann tonlos.

„Ja. Kommen Sie, ich führe Sie hin.“ Sheng wandte sich um.

Sam Kirkland bückte sich. Es war ein sinnloser Zorn, der ihn die Hand gegen einen fremden Menschen erheben ließ.

Er packte eine kantige Latte. Er wirbelte sie um seinen Kopf. Sheng hörte das Pfeifen der Luft, doch dieses Mal war es für eine abwehrende Bewegung zu spät.

Das Holz krachte in seine Seite, und die Wucht des Schlages riss ihn von den Füßen. Er prallte gegen die stehengebliebene Giebelwand. Sein Kopf schlug gegen den Sims über dem Kamin. Die Tontasse, die er unter dem Schutt gefunden hatte, fiel zu Boden und zerbrach.

Sheng fiel in die Scherben. Reglos blieb er liegen.


*


Ein Mann trat auf den Plankenweg vor der Poststation. Er sah sich rasch um, dann sprang er auf die Straße und rannte mit. kurzen Schritten auf das lehmverputzte und gelb gestrichene Haus zu, über dessen Rundbogentür in frischer schwarzer Schrift die Wörter El Paradiso prangten.

An der Haltestange vor dem größten Saloon der Stadt waren mehrere Pferde angebunden. Der Mann aus der Poststation hatte die große Buckskinstute erkannt, deren schweißnasses Fell in der schrägstehenden Sonne dampfte.

Die Stute gehörte Harry Powell, der auf der anderen Seite des Big Blue Creek das große Sägewerk betrieb. Jeden Nachmittag kam er in die Stadt, um die mexikanischen Huren im El Paradiso zu besuchen. Niemals rieb er seinem Pferd das Fell ab, er lockerte ihm nicht einmal den Sattelgurt. Harry Powell hatte es stets eilig, wenn er in die Stadt kam.

Der Postmann stieß die Schwingtür auf. Dichte Rauchschwaden wehten ihm entgegen. Er schloss die Augen und hustete. Jemand stieß ihn zur Seite und fluchte dabei. Rasch öffnete er wieder die Lider.

Ein schwarzhaariger Kerl mit breitrandigem Hut, der ihm auf dem Rücken hing, saß am Piano und bearbeitete die Tasten. Zwei Frauen in roten und grünen Kleidern drehten sich zwischen den grob gezimmerten Tischen. Männer johlten und klatschten abwechselnd in die Hände und auf die kräftigen Hinterteile der Frauen.

Der Postmann hieß Alec Napier. Er war Angestellter der Texas Overland, die den gesamten Post-, Passagier- und Telegrafendienst in diesem Teil des Landes in der Hand hielt. Alec Napier lebte erst seit einem Jahr in Sunray. In dieser Zeit hatte er es jedoch geschafft, sich mit den wichtigsten Männern der Stadt auf guten Fuß zu stellen. Alec Napier war ein ehrgeiziger Bursche, der nicht sein Leben lang Tickets für die Postkutsche nach Dalhart oder Coldwater verkaufen oder Telegramme aufsetzen und entgegennehmen wollte.

Er war beinahe überrascht, Harry Powell an der Theke zu entdecken. Er schob sich auf den schwerfällig wirkenden Mann zu und stellte sich neben ihn. Gewöhnlich amüsierte Powell sich in einem der kleinen Zimmer oben unter dem Dach.

„Guten Tag, Mr. Powell“, sagte Napier. Powell wandte den Kopf. Er hielt eine schlanke schwarzhaarige Mexikanerin mit dunklen Glutaugen im Arm. Ein verächtliches Grinsen teilte das grobe Gesicht des Mannes, als er Alec Napier erkannte.

„Haben Sie den Sheriff gesehen?“, fragte Alec.

Powell schüttelte den breiten Kopf, und er wollte sich schon wieder der Frau in seinem Arm zuwenden, als ihn die nächsten Worte des kleinen Posthalters stutzen ließen.

„Ich habe nämlich ein Telegramm für ihn“, sagte Alec Napier. Er bedeutete dem Barkeeper, ihm einen großen Whisky einzuschenken.

Powell schob das Mädchen von sich. Sie wollte sich an dem großen Mann festhalten, doch der versetzte ihr einen heftigen Stoß. Die Schwarzhaarige stieß einen empörten Schrei aus, der jedoch keinerlei Wirkung hervorrief. So zog sie sich schmollend zurück.

Powell stützte seine Ellbogen auf die Hartholzbar. Aus den Augenwinkeln schielte er auf seinen Nebenmann. Alec schnüffelte an dem Whisky.

Powell sagte: „Wir beide wissen, dass Paul um diese Zeit in seinem Office ein Schläfchen hält.“

Alec nickte zustimmend.

„Warum also kommst du hier herein und fragst ausgerechnet mich, wo du den Sheriff finden kannst?“

„Ich dachte, der Inhalt des Telegramms könnte Sie interessieren, Mr. Powell“, gab Napier zu. Er blickte dem Mann an seiner Seite voll in die wässrigen blauen Augen. Die vollen Wangen glänzten feucht, der stämmige Hals war rot angelaufen, und das breite Kinn mahlte.

„Sag schon, was du zu sagen hast.“

Alec nickte. Er konnte zufrieden sein. Er würde jetzt nicht den Fehler begehen, und die Preisgabe eines Dienstgeheimnisses mit Forderungen verknüpfen. Oh nein, so dumm war er nicht. Seine Stunde würde kommen. Er wusste und ahnte mehr, als die satten wohlhabenden Bürger dieser Stadt es sich träumen ließen.

„Sam Kirkland ist entlassen worden“, sagte Alec. Er kippte seinen Whisky hinunter und blickte wieder in die wässrigen Augen, die sich jetzt rasch veränderten. Die Brauen zogen sich zusammen, die Lider fielen halb über die Augen, und die schweißnassen Wangen röteten sich wie der Hals.

„Wie kommst du darauf, dass mich diese Nachricht interessieren könnte?“, fragte Powell.

Alec lächelte harmlos, doch in den flachen Augen stand ein lauernder Ausdruck.

„Man hört so einiges, und das andere kann man sich denken. Aber wenn ich mich irre, vergessen Sie meine Worte. Und wenn Sie auf Gefälligkeiten dieser Art keinen Wert legen, brauchen Sie es mir nur zu sagen.“

Alec legte eine Münze auf die Theke und wollte sich umdrehen. Er spürte jedoch den harten Griff einer kräftigen Hand an seinem Arm.

Der Mann am Piano hörte auf zu spielen. Er knallte den Deckel über die Tasten. Die Frauen begannen zu kreischen, doch der Mann schüttelte den Kopf. Er hatte ein hartes flächiges Gesicht mit dunklen, leblos wirkenden Augen. Er drängte sich durch die Gäste zur Theke und schob sich neben Powell. Mit der flachen Hand hieb er auf die Platte der Bar.

Alec Napier hörte eine heisere Stimme an seinem Ohr, und er spürte den heißen feuchten Atem auf der Haut. „Bring das Telegramm zu Sheriff ...“

„Ja, Mr. Powell...“

„Zum Sheriff, verstehst du? Und zu niemandem ein Wort! Zu niemandem, hast du verstanden?“

„Ja, Mr. Powell.“

Alec hatte die Neuigkeit noch weiter verbreiten wollen, ehe er das Telegramm dem Sheriff brachte, doch die Worte des Sägewerkbesitzers klangen so, dass der Postmann sich vornahm, sie unbedingt zu beherzigen und auf weitere Unterhaltungen wie die, die er eben geführt hatte, zu verzichten.

Er verließ den Saloon und überquerte wieder die Straße. Er wich einem schweren, mit Bahnschwellen beladenen Fuhrwerk aus. Schwellen für die Nebenlinie der Bahn. Alec hatte gehört, dass die Schienen schon drei Meilen vor dem Fluss lagen. Noch in diesem Winter sollte die Brücke über den Big Blue Creek gebaut werden, und dann würde es nicht mehr lange dauern, bis die Bahn die beiden Städte Dalhart und Coldwater verband.

Was wurde dann aus der kleinen Poststation in Sunray? Und was wurde aus ihm, Alec Napier?

Alec lief über den Plankenweg auf das Haus mit dem Office des Sheriffs zu. Der Schaukelstuhl mit der ledernen Bespannung neben der Tür war verwaist, ein Zeichen dafür, dass der Sheriff von Sunray sich noch dem Schlaf hingab.

Um so überraschter war Alec Napier, als die schwere Eichentür zum Office geöffnet wurde, und Paul Hynes, der Sheriff, einen Besucher über die Schwelle schob.

Der Besucher war Don McGinnis, ein Mann, der ebenfalls zu den Mächtigen gehörte, weil er Geld besaß. McGinnis nickte dem Sheriff zu. Für Alec hatte er nicht einmal einen flüchtigen Blick übrig. McGinnis wandte sich nach Norden, dem großen Wagenhof am Ende der Stadt zu.

McGinnis besaß mehr als ein Dutzend Fuhrwerke. Die Wagen transportierten alles, was es in diesem Abschnitt des Big Blue Creeks zu fahren gab - Holz aus den Sägemühlen der Berge im Nordosten, das beim Bahnbau und in den Städten gebraucht wurde, die entlang der Bahn aus dem Boden schossen; ferner beförderte er Felle und Mais und die anderen Erzeugnisse der umliegenden Farmen. Schon jetzt stand fest, dass die Bahn keine Konkurrenz für McGinnis und sein Geschäft darstellte. Die Bahn würde ihm eher noch größere Gewinne ermöglichen. McGinnis’ Fuhrwerke würden weiterhin die Produkte des Sunray Districts zu den Bahnstationen bringen. Und sie würden von jetzt an noch andere Waren mitbringen, die von den Menschen dringend erwartet wurden. Möbel aus dem Osten zum Beispiel, schöne Kleiderstoffe, Bücher, die lang erwartete Druckerpresse für die einzige Zeitung zwischen Coldwater und Dalhart.

„Sheriff!“, rief Alec. Er zog das Telegramm aus der Tasche, das vor einer Viertelstunde über den Ticker gelaufen war.

Paul Hynes, der Sheriff von Sunray, war kaum mittelgroß. Er hatte ein rundliches Gesicht mit hellen glänzenden Augen, dünnes hellblondes Haar und auffallend große Hände. Mit diesen großen Händen ergriff er das Telegramm, das Alec ihm hinhielt. Finger, dick wie mexikanische Zigarren, falteten das Papier auf. Bevor er begann, die wenigen Worte zu lesen, die der County Sheriff des Hardeman Countys, in dessen Bezirk das Quanah Jail lag, ihm sandte, hob er noch einmal den Blick.

„Ja?“, sagte er. „Ist noch was?“

Die Stimme klang nicht sehr freundlich. Überhaupt, der Sheriff war weder ein freundlicher, noch ein sonderlich liebenswürdiger Mann, und doch wurde er von den Bürgern geachtet. Wahrscheinlich deshalb, weil er keinerlei Verstöße gegen das Gesetz duldete. Seit zwei Jahren hatte es keine ernsthafte Schießerei mehr in der Stadt gegeben, und das wollte im nördlichen Texas etwas heißen, nur fünfzehn Meilen vom Cherokee-Streifen entfernt und nahe den Trails, über die das Vieh aus dem Panhandle nach Kansas zu den großen Verladestationen getrieben wurde. Und es wollte etwas heißen in einer Stadt, die an jedem Sonntag von den Fuhrleuten und den Holzfällern aus den Wäldern im Norden heimgesucht wurde.

Alec lächelte. „Vielleicht wollen Sie eine Antwort aufgeben, Sheriff“, meinte er scheinheilig, obwohl er genau wusste, dass dieses Telegramm keine Erwiderung und keine Rückfrage erforderte.

Nicht auf diesen Inhalt!

Sam Kirkland seit Freitag auf freiem Fuß – stopp - entschuldigt Verspätung – stopp - Kirkland mit Bahn unterwegs vermute bis Amarillo – stopp - Entlassungsgeld für Ticket verbraucht – stopp - Gruß Darrell Countysheriff Quanah Texas.

Paul Hynes’ Blick wanderte über die Straße. Die Schatten waren länger geworden. Vom Fluss her kam eine Gruppe Reiter in die Stadt. Der Clerk des Hotels fegte die Planken vor dem Eingang.

Der helle Staub war überall. Die Augen des Sheriffs blieben auf der Fassade eines hohen Schuppens hängen. Das Tor stand offen. Alec, der dem Blick des Sheriffs gefolgt war, konnte zwei Männer erkennen, die in der Werkstatt an einem großen Wagen arbeiteten. Holzstapel lagen vor dem Tor, geschnittene Bretter und lange Vierkanthölzer.

Jesse Cullen, Zimmermann, stand auf dem Holzschild, das an Ketten befestigt, in dem Torbogen hing.

Der Sheriff wandte sich um und verschwand in seinem Office. Er hielt es nicht für nötig, Jesse Cullen die Neuigkeit mitzuteilen.

Alec lief eilig zu seinem Office zurück. Die Worte Harry Powells hatten ihm den Mund verschlossen. Interessiert beobachtete er, wie der Sägewerksbesitzer den Saloon verließ und sich auf den Rücken seiner Stute schwang. Er ritt das kurze Stück über die Mainstreet, bis er McGinnis eingeholt hatte. Die beiden Männer sprachen miteinander, und dann hieb Powell seiner Stute die Sporen in die Flanke.

Alec Napier kannte die Geschichte Sam Kirklands, und er ahnte, dass es Verdruss geben würde …


*


Sheng hatte den Mann falsch eingeschätzt. Der Mann mit der mageren Gestalt war zornig gewesen, aber er, Sheng, hatte ihn nicht für heimtückisch gehalten.

Sheng fühlte einen heftigen Schmerz in seiner Seite, der heiße Strahlen über seinen ganzen Körper sandte. Er konzentrierte sein Bewusstsein auf die Stelle, von der das Schmerzgefühl ausging, und rasch ebbten die Wellen ab. Zurück blieb der Schmerz an seinem Hinterkopf, mit dem Sheng gegen den Kaminsims geprallt war.

Er drehte sich um. Asche und Lehm waren in seinen Mund gedrungen. Sheng wischte mit einer Hand über die Lippen. Er sah den mageren Mann, der sich über die Deckenrolle beugte. Die kräftigen knochigen Finger des Mannes, der sich Sam Kirkland nannte, wühlten in dem Bündel herum. Die Teebüchse flog achtlos zur Seite, ihr folgte die sorgsam eingepackte Schriftrolle mit den Lehren des Tao Chi, für die Sheng verantwortlich war. Der Inhalt dieser Rolle musste bewahrt bleiben, so lautete der Auftrag, den sieben Mönche vom Kloster des Weißen Lotus in einer Nacht voller Flammen und Gewalt bekommen hatten. Niemand darf die Rolle zerstören. Und niemals darf sie in die Hände Unbefugter fallen, in die Hände von Menschen, die das letzte Wissen dieser Welt missbrauchen könnten.

„Bitte“, sagte Sheng.

Wie die Klaue eines Raubvogels zuckte die Hand des Mannes zu der Latte. Die Finger schlossen sich um das Holz. Die grauen Augen zuckten.

„Was suchen Sie?“, fragte Sheng.

„Warum hast du keine Waffe?“ fragte Sam Kirkland. „Und Geld hast du auch nicht ... Was bist du für einer? Ein Landstreicher?“ Wütend schleuderte der Mann die Decke und die wenigen Habseligkeiten des ehemaligen Mönchs aus dem Kloster vom Weißen Lotus in eine der dunklen Ecken der Ruine.

„Wenn Sie Geld brauchen ...“ Sheng nestelte an seinem Hemd und zog den flachen Lederbeutel darunter hervor. „Ich teile mit Ihnen, was ich habe.“ Er schüttelte die wenigen Münzen auf seine Hand. „Es sind zwölf Dollar. Ich kann Ihnen sechs geben ...“

„Pah! Sechs Dollar! Für sechs Dollar bekomme ich weder einen Revolver noch ein Pferd.“

Sheng schob seine Beine unter den Körper und richtete sich auf. Er legte sechs Dollar auf den staubbedeckten Boden zwischen sich und den fremden Mann. Dann begann er, seine Sachen wieder einzusammeln.

„Was ist das für ein Grab, von dem du eben gefaselt hast?“

Sheng blickte in das eingefallene Gesicht des Mannes. In der Dämmerung waren die Züge nur noch schwer zu unterscheiden.

„Draußen hinter dem Schuppen“, antwortete Sheng. Der schmale Mund des Mannes zuckte.

„Und du sagst, der Name Cullen steht auf dem Grab?“

Sheng nickte. „Cullen.“

„Welcher Vorname?“

„Ich habe ihn mir nicht gemerkt. Kommen Sie, ich führe Sie hin.“

Sam Kirkland rührte sich nicht. Sheng schnürte sein Deckenbündel zusammen. Er stand auf und warf den Riemen über seine Schulter.

Sam Kirkland ließ den Kopf hängen. „Soll ich nachsehen, welcher Name auf dem Brett steht?“, fragte Sheng.

Kirkland schüttelte heftig den Kopf. „Nein! Nein!“ Es klang wie ein Schrei.

„Wollen Sie es nicht wissen?“

„Doch ...“

„Dann kommen Sie. Man kann seine Augen nicht vor der Wirklichkeit verschließen.“

Sheng beugte sich herab und legte dem Mann eine Hand unter die Achsel. Mit einer sanften, aber bestimmten Bewegung führte er ihn durch die leere Türhöhle nach draußen.

Ein plötzlicher kühler Wind strich durch das Tal und ließ das harte Gras singen. Die Schritte der beiden ungleichen Männer knirschten auf dem festen Boden. Die Luft roch nach den weit geöffneten Blüten des Herbstes.

Dunkel reckten sich die verkohlten Balken des Schuppens in die Luft. Die Reste der Wände waren zusammengestürzt. Unter den Trümmern erkannten die Männer die Bretter und die Räder eines leichten Farmwagens.

Sam Kirkland stöhnte dumpf auf. Sheng führte ihn um den Schuppen herum. Dort hatte er am Nachmittag, als er das Tal erreichte und beschloss, hier die Nacht zu verbringen, das Grab bemerkt.

Ein flacher Hügel unter dem ausladenden Dach einer Lebenseiche. Hartes Gras hatte den Hügel überzogen. Ein Brett, es konnte aus der Seitenwand des Farmwagens stammen, der zertrümmert unter den Balken des Schuppens lag, steckte im Boden. Auf dem Hügel lagen die verwelkten Reste zweier Blumensträuße.

Sheng und Kirkland blieben stehen. Immer noch hielt Sheng den Arm des Mannes fest. Er spürte die steinharten Muskeln unter dem dünnen Stoff des Hemdes, und er ahnte, was dieser Bursche mit der ausgemergelten Gestalt während der letzten Jahre getrieben hatte.

In der Dämmerung verschwammen die Buchstaben auf dem Brett. Die Farbe war ohnehin abgeblättert und verblichen. Nur der Nachname, Cullen, war deutlich zu lesen.

Sheng wartete darauf, dass Sam Kirkland nähertreten würde. Doch wie ein störrischer Maulesel stemmte er die abgetretenen Absätze seiner Stiefel in den harten Boden.

Sheng löste sich von dem Mann. Er schritt auf das Grab zu, er beugte sich hinab und blies den Staub von dem Brett.

„Wollen Sie es wissen?“, fragte Sheng laut.

Der Mann antwortete nicht. Reglos stand er drei Schritte vor dem Grabhügel, eine magere Gestalt gegen den blassen Himmel, reglos, erstarrt.

„Joanna Cullen“, sagte Sheng. Er richtete sich auf.

Sam Kirkland taumelte wie unter schweren Schlägen. Er ließ den Kopf hängen, drehte sich langsam um und ging schwankend an der verkohlten Ruine des Schuppens entlang auf das zerstörte Haus zu.

Sheng ging neben ihm her.

„War sie ... Ihre Frau?“, fragte er leise.

Kirkland schüttelte den Kopf. Vor der bröckelnden halbhohen Seitenwand aus Lehmziegeln, die einmal bis zu den Fenstersimsen gereicht hatte, ließ Kirkland sich ins Gras gleiten. Er stützte den Kopf zwischen den Händen.

Sheng begann Brennholz zu suchen und in einer flachen Mulde aufzuschichten.

„Was machst du da?“, fragte Kirkland dumpf.

„Ich will ein Feuer anzünden. Sie brauchen etwas zu essen. Vielleicht finde ich noch etwas Gemüse. Ich habe ein paar verwilderte Pflanzen gesehen ...“

„Geh. Ich habe es dir schon einmal gesagt.“

„Gut. Wenn Sie es wünschen ... Ich gehe in die Stadt. Ich kann morgen wiederkommen. Soll ich Ihnen etwas mitbringen?“

„Du sollst mich in Ruhe lassen, du verdammter stinkender Gelber!“

Kirkland hatte das Gesicht gehoben. Die ledrige Haut spannte sich über die Knochen, die scharf hervortraten.

Sheng hob die Schultern. Er drehte sich um. Im Weggehen sagte er: „Sie werden Hilfe brauchen, Sam Kirkland. Sehr viel Hilfe. Denn Sie hassen jeden Menschen, der Ihren Weg kreuzt. Hass ist ein schlechter Ratgeber ...“

Sheng schritt davon.


*


Der Weg war breit und ausgefahren, und selbst bei völliger Finsternis würde der einsame Wanderer die tief ausgefahrenen Wagenspuren unter den Fußsohlen spüren.

Sheng hatte die letzte Nacht in der Stadt verbracht. Es war Sonntag gewesen. Ein Chinese, der in einem der großen Saloons als Tellerwäscher und Mädchen für alles arbeitete, hatte ihn in seiner Kammer schlafen lassen.

Am nächsten Morgen war Sheng jedoch sofort weitergezogen. Die Stadt gefiel ihm nicht. Sie strahlte etwas Böses aus. Das Böse kam jedoch nicht von den Holzfällern und den Arbeitern aus der großen Sägemühle jenseits des Flusses, wo man einen reißenden Gebirgsbach aufgestaut hatte und die Kraft seines Wassers dazu benutzte, die Bandsäge anzutreiben. Das Böse ging auch nicht von den Fuhrleuten aus, die mit den Ochsengespannen und den langen, von Maultieren gezogenen plumpen Schlitten umgehen konnten.

Sheng war weitergezogen. Die Stadt gefiel ihm nicht. Dann war er auf die niedergebrannte und verlassene Farm gestoßen. Dort hatte er diese Nacht verbringen wollen. Doch dann war der seltsame fremde Mann gekommen, der behauptete, das Haus gehöre ihm ... Sam Kirkland war ein Mann, der das Unheil anzog. Sheng spürte es tief in seinem Inneren.

Er blieb stehen und neigte lauschend den Kopf. Es war dunkel geworden, die ersten Sterne funkelten am nachtschwarzen Himmel. Das breite Band des fast ausgetrockneten Flusses glänzte tiefschwarz im etwas helleren, staubbedeckten Gras des Tals.

Sheng trat aus der Wagenspur. Langsam bewegte er sich, von der Straße weg. Es war ein leichtes Dröhnen, das sein Körper empfing. Er konnte es noch nicht hören, nur spüren.

Er legte sich hin und presste sein Ohr auf den Boden.

Hufe stampften den Boden. Sie trommelten in einem harten Rhythmus, in einem Gleichklang der Hufe, der die Erde zum Schwingen brachte.

Ein Stück voraus säumte dichtes Buschwerk das Flussufer.. Dahinter schimmerte der getrocknete Schlamm des Flusses so hell wie Wüstensand.

Sheng sprang leichtfüßig durch das harte Gras, dann wand er sich wie eine Schlange in die dichtstehenden Sträucher hinein, wo er reglos wie eine Statue verharrte. Er hatte gelernt, dass es in diesem Land nicht gut war, Menschen zu begegnen, die bei Nacht ritten.

Das Dröhnen schwoll an. Es füllte die Luft wie das Rauschen des Drachen, der von den Winden begleitet wird. Sheng erkannte die wogende Masse der Pferdeleiber, und er sah die Reiter in den Sätteln. Gestalten, die sich tief auf die Hälse ihrer Pferde duckten. Helle Staubmäntel wehten hinter ihnen her wie Fahnen. Dunkle runde Hüte bedeckten die Köpfe. Die Aufmachung dieser Reiter war seltsam gleichförmig. Sie wirkten maskiert, wie sie da heranstürmten.

Sie donnerten vorbei. Staub schwebte über die Sträucher, unter denen Sheng sich verborgen hielt.

Er trat wieder auf den Weg hinaus und sah der Horde nach, bis sie hinter der nächsten Biegung verschwand. Nur noch dichter, beißender Staub kündete davon, dass sie eben diese Stelle passiert hatte.

Sheng hätte jetzt weitergehen können, doch er blieb stehen und lauschte in die Nacht.

Es überraschte ihn nicht, als er kurz darauf das harte Hämmern von Schüssen hörte.

Er schob seine Deckenrolle unter den Strauch, der ihm eben Schutz vor den Blicken der Reiter gewährt hatte. Dann begann er zu laufen.

Während er lief, spürte er den Staub in seiner Nase und in seinem Mund. Und immerzu hörte er die Schüsse, und während er sich dem Schauplatz der nächtlichen Schießerei näherte, konnte er immer deutlicher die heiseren Schreie und das Johlen der Männer vernehmen, die um die verlassene und niedergebrannte Farm ritten wie Indianer um eine Wagenburg.

Sheng lief so schnell und gleitend wie der Tiger. Niemand wäre in der Lage gewesen, seine Annäherung zu hören. Er hörte das Trommeln der Hufe, die Schüsse, die Schreie der Männer.

„Kirkland!“, drang es laut an Shengs Ohr. „Du hast hier nichts verloren! Du bist ein Bandit, und Banditen wollen wir nicht haben! Komm raus, Kirkland, damit wir dir Beine machen können!“

Johlend fielen die anderen ein. Feuerschein loderte auf. Fackeln wurden entzündet. Ihre Flammen zuckten über vermummte Gesichter, dann flogen sie in einer hellen Flammenbahn, Kometen gleich, in die Ruine des Farmhauses.

„Wir wissen, dass du da bist, Kirkland! Wenn du rauskommst, jagen wir dich nur davon! Wenn nicht, braten wir dich wie ein Kaninchen!“

Die Beiter bildeten jetzt eine lange Reihe an der Südseite der Ruine. Das pulververtrocknete Holz, das beim ersten Feuer nicht verbrannt war, nahm die Flammen der pechgetränkten Fackeln auf. Flammen züngelten über die Balken, begannen zu knistern. Die Männer hielten ihre Gewehre über den Sätteln schussbereit.

Wie ein Schatten glitt Sheng von der Seite her auf sie zu. Das Pferd, das am Ende der Reihe stand, bemerkte die Annäherung des fremden Mannes als erstes. Es warf den Kopf in die Höhe und begann zu stampfen.

Sheng sprang mit einem langen gestreckten Satz vor die Reihe der Reiter. Die Fäuste mit den Gewehren zuckten. Funkelnde Augen über den Gesichtstüchtern trafen die drahtige Gestalt.

Bevor die Männer die Mündungen der Gewehre auf den Mann richten konnten, der wie ein Schemen aus der Nacht gekommen war, stieß Sheng einen gellenden hohen Schrei aus.

Es war ein Schrei, wie ihn noch keiner der Anwesenden je in seinem Leben gehört hatte. Sheng riss die Arme in die Höhe, während der Schrei aus seinem weit geöffneten Mund drang wie das Trompetensignal einer dämonischen Armee.

Die Pferde bäumten sich auf. Hufe schlugen durch die Luft. Entsetzt aufgerissene Augen fingen das Feuer ein.

Die Männer wurden aus den Sätteln geworfen. Sheng bewegte die Arme. Der Schrei war erstorben. Die Pferde warfen sich herum und stoben in wilder Panik davon. Die Männer versuchten, sich aufzurappeln.

Doch da war Sheng zwischen ihnen. Entriss den Überraschten die Gewehre. Acht Reiter waren es, die Sam Kirkland eine Lektion hatten erteilen wollen.

Mit sechs Gewehren verschwand Sheng im Schutz der Nacht.

Er sah die Männer gegen den Flammenschein. Sie blickten sich an, ratlos. Sheng warf die Gewehre zu Boden. Stahl klirrte. Ein schweres Spencergewehr hielt er in den Fäusten. Er hebelte eine Patrone in die Kammer. Die Haltung der acht Männer spannte sich.

„Werft eure Revolver weg!“, befahl Sheng.

Die Männer rührten sich nicht.

Shengs Finger berührte den Abzug. Scharf rollte der Knall des Schusses durch das Tal. Die Kugel pfiff dicht über die Köpfe der Männer hinweg.

Sofort lud Sheng noch einmal durch. Die Sprache dieser stählernen feuerspeienden Waffen verstanden die Männer sofort.

Sie ließen ihre Revolver zu Boden fallen. Augen versuchten, die Dunkelheit zu durchdringen. Doch Sheng war eins mit der Finsternis, während die Männer gegen die Flammen ein deutliches Ziel abgaben.

„Geht jetzt!“, rief Sheng schneidend.

Die Männer drehten sich um. Sie setzten sich in Bewegung. Langsam und schwerfällig zuerst, dann immer schneller. Sie waren geschlagen von einem einzigen Gegner! Sheng begann, die Gewehre zu zerschlagen. Für jede dieser todbringenden Waffen genügte ihm ein wuchtig geführter Hieb.

Dann begann er, die Revolver einzusammeln. Er sah Kirklands magere Gestalt. Der Mann rannte auf ihn zu.

„Was machst du da?“, schrie er schon von weitem. Sheng hielt inne. Kirkland sah die Revolver. Einer lag am Boden. Mit einem Schrei warf er sich darauf. „Gib mir auch ein Gewehr! Gib mir eins!“

Sheng schüttelte den Kopf. „Ich habe sie zerstört.“

Kirkland starrte Sheng an. Er hielt einen schweren Revolver in der drahtigen Faust. „Was hast du getan? Bist du wahnsinnig?“, fragte er atemlos. Er hob die Hand mit der Waffe.

Shengs Fuß zuckte vor. Die Schuhspitze knallte unter das rechte Handgelenk. Der Revolver flog durch die Luft und landete irgendwo mit einem dumpfen Laut im Gras. .

Kirkland wollte sich auf Sheng stürzen, doch der große, drahtige Mann mit dem dunklen, markanten Gesicht war wie ein Schatten, der nicht zu packen war. Kirklands Hände griffen ins Leere.

Eine Waffe in der Hand eines unwissenden Kindes bedeutet eine Gefahr für jeden, der dem Kind zu nahe kommt, sogar für die Mutter. Sheng dachte an die Worte seines weisen Lehrers Li Kwan. Das Kind und der Unwissende stellten den Vergleich dar für einen zornigen Mann. Sheng durfte dem Mann die Waffe nicht überlassen.

„Ich gebe Ihnen keinen Revolver“, sagte Sheng ruhig.

Kirkland stand mit hängenden Armen vor dem seltsamen Fremden, den er in der Ruine des Hauses entdeckt hatte, das er für sein Heim gehalten hatte. Er atmete schwer.

„Ich brauche eine Waffe. Sie werden wiederkommen“, sagte er.

„Wenn du eine Waffe hast, wirst du sie benutzen ...“

„Natürlich!“

„Wenn du sie benutzt, wirst du töten.“

„Wenn es sein muss ...“

Das Feuer loderte und leckte an den wenigen verbliebenen Balken entlang.

„Komm“, sagte Sheng. „Ich helfe dir, das Feuer zu löschen.“

Kirkland wirbelte herum. Er stieß einen heiseren Schrei aus. Es war, als ob er das Feuer eben erst entdeckt hätte. Er vergaß die Waffen, und er vergaß seinen Hass. Er rannte mit langen Sätzen auf die Ruine zu, und wie ein Besessener begann er, Sand und Staub auf die züngelnden Flammen zu werfen.

Sheng half ihm dabei.


*


Als die letzten Flammen erstickt waren, versank Sam Kirkland in dumpfes Brüten. Sheng versuchte, ihn anzusprechen, doch der Mann schien sich in einer anderen Welt zu befinden. Mehrmals stöhnte er dumpf auf, und einmal brach ein heiserer Schrei aus dem Mann heraus.

„Ich bringe dich um! Ich bringe dich um ...“

„Gewalt erzeugt immer neue Gewalt“, sagte Sheng leise. „Du hast Gewalt erlebt, du lebst mit ihr. Du musst wissen, dass die Gewalt keine Probleme löst."

„Was weißt du davon? Hau ab! Ich will allein sein!“

Sheng ließ den Mann allein. Ein heller, silberner Mond erhob sich über der Prärie jenseits des Salt Creeks und übergoss das Land mit seinem harten Schein. Sheng nahm die Revolver an sich. Acht Stück. Er blickte zurück zu dem Haus, wo an der verfallenden Wand ein einsamer Mann hockte, allein mit sich und den finsteren Gedanken, die eine Vergangenheit beschworen, die tot war.

Wer mochte die Frau sein? fragte sich Sheng. Sie war nicht seine Frau gewesen. Vielleicht seine Mutter oder seine Tochter. Oder seine Schwester. Stimmte es, dass der Mann Sam Kirkland hieß?

Sheng ging zurück. Der Mann hatte sich nicht bewegt. Sheng blieb vor ihm stehen.

„Sam“, sagte Sheng. Sein Schatten fiel über den Mann, der an der Mauer hockte. Rauch lag in der Luft.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738926248
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Februar)
Schlagworte
sheng kung fu-kämpfer band stadt mörder

Autor

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Titel: Sheng – der Kung Fu-Kämpfer  Band 19  Die Stadt der Mörder