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Dietwolfs Geburtstagsgeschenk: Redlight Street #73

2018 120 Seiten

Leseprobe

Dietwolfs Geburtstagsgeschenk

REDLIGHT STREET #73

von G. S. Friebel


Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.


Hammerfred ist ein brutaler Lude, der schon so einige Sachen auf dem Kerbholz hat. Er schreckt auch nicht vor Mord zurück. Den anderen Luden ist er bereits ein Dorn im Auge, und sie wollen ihn loswerden. Wieder einmal hat er ein Mädchen zusammengeschlagen, weil sie nicht für ihn als Dirne arbeiten will. Dietwolf und Linda verstecken das siebzehnjährige Mädchen bei sich im Keller, als es entkommen kann. Doch Hammerfred will sie zurückhaben und lässt nach ihr suchen...


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Alles deutete darauf hin, dass Hammerfred ihnen tatsächlich ein Bein gestellt hatte. Die Lage wurde immer schwieriger, und dabei hatte es zu Anfang so einfach ausgesehen. Linda hätte sich die Haare raufen mögen, so wütend war sie wieder einmal. Meistens jedoch war sie gelassen und fröhlich. So schnell brachte sie nichts aus dem Gleichgewicht. Und sie beide als Firma - nun, sie hatten schon ganz andere Dinge gedreht und waren damit fertig geworden. Aber jetzt schien sich alles gegen sie verschworen zu haben.

Dabei durften sie dem Königsluden nicht einmal die ganze Wahrheit anvertrauen, sonst wären sie ja erst recht in Teufels Küche geraten.

Dietwolf, Lindas Mann, hatte eine junge, verzweifelte Dirne - nein, eigentlich ein Mädchen von siebzehn Jahren, die eine Dirne werden sollte, vor Hammerfred gerettet. Sie war dem brutalen Zuhälter entwichen, nachdem dieser sie zusammengeschlagen hatte, weil sie nicht als Dirne arbeiten wollte. Man hatte sie im Keller versteckt, und Jani, eine Tülle, hatte ihr aus Mitleid geholfen. Ihr hatte es Ariane zu verdanken, dass sie flüchten konnte.

Dietwolf hatte das verletzte Mädchen gefunden und mit nach Hause genommen. Damit hatten Linda und er gegen das Ludengesetz verstoßen, das besagte, dass kein anderer sich unaufgefordert in die Angelegenheiten eines Zuhälters einmischen durfte.

Dietwolf und Linda betrieben eine verrückte Firma. Sie arbeiteten in der Regel für die Dirnen und Zuhälter dieses Viertels. Für alles waren sie zu gebrauchen, und für alles brauchte man sie. Eine Nutte hatte Dietwolf sogar für den Gang zum Finanzamt gemietet. Man gewährte ihnen Schutz, und sie waren sehr beliebt im Viertel. Linda hatte einigen Dirnen sogar das Stricken beigebracht. In der kurzen Zeit des Bestehens ihrer Firma hatten sie sich bereits sehr nützlich gemacht.

Und dann war dieser unglückselige Auftrag von Hammerfred gekommen. Zuerst hatte sie es als unter ihrer Würde stehend betrachtet, sich als Hausdame auszugeben, nur weil Freds Mutter bei ihm aufkreuzte. Doch sehr schnell stellte Linda fest, dass ausgerechnet diese Mutter es war, die Fred so gnadenlos und gemein hatte werden lassen. Sein ganzes Leben lang hatte er um die Gunst und Liebe seiner Mutter geworben, aber sie war von Natur aus kalt und konnte gar keine Liebe schenken. Das aber hatte Fred noch nicht begriffen.

Für sein Mamilein tat er alles, vor ihr wollte er als berühmt und sehr reich gelten. Für sie musste eine Hausdame her. Keine seiner Dirnen durfte diesen Dienst übernehmen, also hatte er Linda für einige Stunden gemietet. Fred war der Meinung gewesen, der Aufenthalt seiner Mutter könnte sich über höchstens fünf Stunden hinziehen.

Soweit war alles noch überschaubar, obwohl Dietwolf seine Linda nur ungern zu Fred gehen ließ. Der King, der mit dem Ehepaar Mutig recht gut stand, hatte versprochen, auf Linda aufzupassen, während ihr Mann mit Myriam auf dem Finanzamt war. Dann aber kam Dietwolf auf die Idee, dieses Mädchen zu retten. Und Linda hatte eine vermeintlich ausgezeichnete Idee; Dietwolf sollte sich diese Ariane von den Luden zum Geburtstag schenken lassen. Da er dreiunddreißig Jahre alt wurde, hatte es sich Micky, der Königslude, nicht nehmen lassen, ein Fest für ihn zu veranstalten. Unter den Dirnen hatte schon eine gewaltige Sammlung stattgefunden.

Zuhälter lieben nun einmal ihr Geld. Als Micky, der King, hörte, dass Dietwolf sich aus lauter Mitleid die Kleine wünschte und sie auch noch ein »Pferdchen« des Widersachers Fred war, hatte er leichten Herzens zugesagt. Dietwolf durfte sie vierundzwanzig Stunden lang suchen. Fand er sie in dieser Frist, würde sie davonkommen. Der Zuhälter ahnte nicht, dass die Gesuchte schon lange in Mutigs Keller versteckt wurde.

Der King hatte im Viertel das Sagen, und so war er überzeugt, Fred zu einer Zusage zwingen zu können, indem er ihm mitteilte, dass man nicht mehr nach dem Mädchen suchen würde. Fred selbst konnte ja nicht nach ihr suchen, weil Mamilein, wie die Mutter von Fred liebevoll genannt wurde, bei ihm zu Besuch weilte.

An diesem Morgen nun erfuhren sie, dass Mamilein beschlossen habe, für immer bei ihrem berühmten Sohn zu bleiben und nicht mehr irgendwo ins Gebirge zurückzukehren, wo sie bisher gelebt hatte - einsam und sehr weit vom Hamburger Strichviertel entfernt. Der King selbst war der Anlass zu diesem Entschluss gewesen, obwohl er das nicht einmal ahnte. Am Tag zuvor hatte man ihn der Mutter als einen Bankdirektor vorgestellt, und entsprechend war sein Auftreten dieser Frau gegenüber. Freds Mutter musste also damit rechnen, dass es immer sehr nobel und vornehm bei ihrem Sohn zuging. Hier würde sie jetzt endlich in die vornehme Gesellschaft einsteigen können, wie sie es sich seit ihrer Jugend ersehnte.

Linda aber gefiel ihr gar nicht. Und Linda ihrerseits mochte die Frau ebensowenig - ja, sie hasste sie dafür, dass sie so kalt und herzlos war. Sie dachte an die vielen unglücklichen Dirnen, die für diese Alte schuften mussten. Und wie viele waren gewaltsam zu diesem Dienst im Dirnenviertel gezwungen worden! Fred war der brutalste unter den hiesigen Zuhältern. Er drohte den Ruf dieses Viertels zu gefährden. Aus diesem Grunde mochte der King ihn nicht, und er hoffte, ihn mit einer List ans Messer liefern zu können. Die Kripo wartete nur darauf, ihn festsetzen zu können. Würde man ihn abliefern, dann könnte endlich wieder Ruhe im Dirnenviertel einkehren. Diese ständigen Razzien schwächten die Nerven, und das Geschäft litt ebenfalls sehr unter ihnen.

Fred hatte unter einer Bedingung zugestimmt, dieses Mädchen zu »opfern«: Der King müsse dafür sorgen, dass er unbehelligt seinen Geschäften nachgehen könne, ohne dass seine Mutter erfuhr, was der Sohn in Wirklichkeit tat.

Sie saßen in der Klemme!

Der King war toll vor Wut, und Linda zitterte ebenfalls in dem Bewusstsein, dieser Forderung gegenüber machtlos zu sein. Noch war sie Hausdame bei Hammerfred.

Der King stand jetzt an der Tür, um zu gehen.

»Nun?«, fragte er. »Wie soll’s weitergehen?«

Linda sagte rasch: »Mir bleibt jetzt nur noch eines: Ich muss möglichst schnell von hier verschwinden. Nur gemeinsam können wir dieses Problem lösen.«

»Aber wo finden wir einen Ersatz für dich?« Micky war ratlos.

»Darüber zerbreche ich mir schon eine ganze Weile den Kopf.«

»Nun«, meinte der King schließlich, »wir sind zu dritt. Und das eine schwöre ich dir: Den Fred legen wir aufs Kreuz, darauf kannst du Gift nehmen. Das dürfte für mich wirklich leicht sein.«

»Bist du da so sicher?«, wagte Linda zu fragen.

Und es war tatsächlich das erste Mal, dass er sich gar nicht so sicher fühlte.

»Es darf kein Verdacht aufkommen«, sagte Linda.

Er lachte kurz auf.

»Das dürfte dir doch nicht schwerfallen!«

»Du meinst, ich soll die Alte so sehr reizen, dass sie mich feuert?«

»Damit wäre dann schon mal ein Problem gelöst. Ich brauche dich nämlich für die Lösung der anderen Probleme.«

»Das sehe ich ein, aber Fred braucht wieder eine Hausdame.«

Der King schaute auf die Uhr. Müdigkeit machte sich bemerkbar, denn er war die ganze Nacht in Bars gewesen.

»Hör zu, ich habe da eine Idee - ich muss sie nur noch weiter durchleuchten. Verbleiben wir so, dass du dich gleich bei mir meldest, wenn du von hier fortgehst, ja?«

»Soll ich nicht zuerst zu Dietwolf gehen?«, fragte sie ein wenig kleinlaut. Sie dachte dabei auch an Ariane.

»Dahin gehen wir dann gemeinsam.«

Für Augenblicke kam der alte Humor wieder.

»Jetzt verstehe ich, du willst nur nicht für mich zahlen«, rief Linda aus.

»Du bist mir einfach zu teuer, und dann für solch einen Job! Kannst du überhaupt kochen?«

Linda war fast beleidigt. Und der Königslude ging endlich.



2

Hammerfred konnte seine Schadenfreude kaum verbergen. Jetzt hatte er es dem King gehörig gegeben. Der würde sich noch wundern! Vielleicht brachte er noch dessen Stuhl zum Wanken. Zwar würde dann ein gewaltiger Krieg um die Vorherrschaft ausbrechen, aber er konnte ja den Zeitpunkt des Wankens bestimmen und seine Garde in Alarmbereitschaft versetzen. Bevor dann die anderen Zuhälter begriffen, was gespielt wurde, war bereits alles gelaufen. Fred fühlte sich ungeheuer stark.

»King, das wird dir den Hals brechen, darauf kannst du Gift nehmen!«, So sprach Fred siegessicher zu sich selbst. Er verließ die Wohnung und bestieg wenig später ein Taxi. Als Lude ließ er sich in der Regel von einem seiner Helfer fahren, aber er hatte gestern seine Garde fortgeschickt, weil seine Mutter gekommen war. In einem hässlichen Viertel der Stadt besaßen sie eine Unterkunft. Dort würde er sie finden. Sie erwarteten ja seine Befehle. Später würde er dann die »Pferdchen« abkassieren.

Er fühlte sich wohl wie schon lange nicht mehr. Seine Mutter hatte er im Augenblick völlig vergessen. Er sah sich bereits am Ziel seiner Wünsche. Wer Königslude war, der sahnte überall ab, auf den wurde gehört, der machte die Gesetze und holte sich stets die dicksten Brocken. Das alles würde ihm zufallen. Ihm, Hammerfred! Und wenn er erst einmal diese Macht in seinen Händen hielt, dann würde ein großes Aufräumen beginnen. An vielen Stellen würde es dann zu schwelen anfangen. Viele mochten ihn nicht; und da sie annahmen, er würde sich bald den Hals brechen, zeigten sie ihm unverhohlen, wie sie über ihn dachten. Sie wagten sogar, über ihn zu lachen. Das alles würde er ihnen zurückzahlen.

Der Wagen stand.

»Was ist los?«, fragte er unwirsch.

»Wir sind da!«

Fred warf einen Blick aus dem Fenster, dann stieg er aus. Obwohl er für die Fahrt nur einen blauen Schein zu bezahlen hatte - es war nicht sehr weit von seiner Wohnung entfernt - warf er dem Fahrer einen Zwanziger zu.

»Stimmt so!«

»Danke, Boss, vielen Dank!«

Na, dachte er befriedigt, dem habe ich gezeigt, dass ich ein großer Boss bin. Der hat ganz schön vor mir gedienert. So ein Zwanziger ist doch kleiner Dreck für mich. Damit stecke ich mir eine Zigarette an, und dieser Kerl würde danach im Rinnstein suchen, wenn ich ihn dorthin geworfen hätte.

Der Taxifahrer jedoch blickte ihm nach und lächelte verächtlich. Er wusste, dass der Mann ein Lude war. Wenn man vor diesen Leuten buckelte, waren das die besten, die einträglichsten Fahrten. Doch wenn diese Typen glaubten, man hätte Respekt vor ihnen, dann täuschten sie sich gewaltig. Mit Geld erkauften die sich ein Auftreten, das ihnen sonst niemals entgegengebracht werden würde. Mit Achtung hatte das nicht das Geringste zu tun. Ein wirklich großer Mann war dezent und sehr klug, er lebte nie in so auffälligem Stil wie diese Luden. Nun, sollten sie ihren Glauben behalten; solange sein Stand in der Nähe des Strichviertels war, konnte er damit rechnen, recht gut zu verdienen.

Kunden für die Strichstraße waren auch für ihn gute Kunden. Sie ließen sich auf keinen Zank ein und kamen in der Regel von außerhalb. Er fuhr ein paar Runden, bis sie das Strichviertel erreichten, das verlängerte die Fahrt. Die Männer ahnten nicht, dass man gleich am Bahnhof auf käufliche Ware stoßen konnte - zu Fuß sozusagen. Wenn ein Mann so dumm war, dass er die sich anbietenden Nutten nicht einmal bemerkte, nachdem er aus dem Zug gestiegen war - der musste einfach betrogen werden.

Inzwischen hatte Fred das Haus betreten. Kohlgeruch, der schon seit undenklicher Zeit hier im Gemäuer nistete, schlug ihm entgegen. Am liebsten wäre er sofort wieder umgekehrt. Es war schon recht lange her, dass er selbst hier gewohnt hatte. Hier begann alles. Zuerst fing man ganz klein an und rappelte sich dann allmählich nach oben. Dazu gehörten Brutalität und Gemeinheit und Köpfchen.

Er donnerte an die Tür.

Seine Leute saßen noch beim Frühstück. Als sie das Geräusch hörten, glaubten sie sofort an eine Razzia. Ein hastiges Gerenne und Geschiebe begann, und mit Sicherheit wäre man durch das Fenster geflohen, wenn es nicht vergittert gewesen wäre. Das hatte der Chef angeordnet. Man konnte ja nie im Voraus wissen, ob man nicht einmal ein Mädchen hier verstecken musste. Ein Zuhälter wie Fred brauchte viele solcher Verstecke über die Stadt verteilt.

»Wie lange muss ich denn noch warten?«, schrie er jetzt wütend.

»Mensch, das ist ja der Boss!«

Sofort wurde die Tür aufgerissen, und vier stoppelbärtige Gesichter starrten Fred erleichtert an.

»Wir dachten, die Bullen wären mal wieder im Anmarsch.«

Fred betrat die stinkende und unaufgeräumte Wohnung, die aus fünf Räumen bestand. Sie sah wirklich wie eine Räuberhöhle aus.

»Habt ihr Sachen hier, die man nicht sehen darf?«, fragte Fred.

»Aber nein!«, beeilten sie sich zu sagen, denn der Boss konnte sehr zornig werden, wenn nicht alles so lief, wie er es angeordnet hatte. Fred glaubte tatsächlich, ein Hilfslude würde ausschließlich für den Zuhälter arbeiten. Er kam gar nicht auf die Idee, dass der nicht nur ständig versuchte, ihn zu betrügen, sondern auch kleine Geschäfte nebenher tätigte. Die Bezahlung war längst nicht so üppig, wie man sich das allgemein vorstellte. Man musste schon eine besondere Leistung vollbracht haben und einen Sonderbonus bekommen, dass man davon reden konnte, fürstlich zu leben. Geschäftchen mit Rauschgift waren als Nebenverdienst sehr beliebt, aber auch Hehlerei, kleine Betrügereien und Gaunereien, Sie hatten auf jeden Fall alle ein schlechtes Gewissen.

Wäre Fred nicht so sehr mit seinen eigenen Problemen beschäftigt gewesen, wäre ihm das sicher aufgefallen.

So beeilten sich also die vier, ein harmloses Gesicht zu machen, und sie drückten ihr Erstaunen darüber aus, dass der Boss höchstpersönlich zu ihnen gekommen war.

»Welch eine Ehre! Setz dich doch hierher! Hätten wir das nur geahnt, dann hätten wir sogar eine Putzfee besorgt.«

»Habt ihr die nicht regelmäßig?«

»Boss, die wollen für die Stunde zehn Eier! Und dreckig wird es doch alle Augenblicke. Nein, den Zaster können wir uns doch wirklich sparen.«

Fred zog eine Augenbraue hoch.

»Was war mit der Sucherei?«

»Abgeblasen. Wir hatten noch gar nicht richtig angefangen, als die Order schon kam. Habt ihr sie schon?«

»Nein!«

»Aber, Chef, der King hat gesagt, keiner sollte mehr suchen.«

»Verflucht, sie durfte uns nicht entwischen!«

»Sollen wir uns den Puffwirt vornehmen?«

Fred dachte einen Augenblick nach. Er suchte nach einem Sündenbock, aber im Augenblick wäre das wirklich nicht klug.

»Hört zu, das ist eine dumme Sache. Aber ich bin zum Schein darauf eingegangen, versteht ihr?«

»Der King will die Kleine?«, fragte einer der Hilus.

»Ja. Als Geburtstagsgeschenk für Dietwolf.«

»Boss, das soll doch wohl ein Witz sein! Der hat doch seine Alte! Und wie ich Linda kenne, kratzt sie ihm die Augen aus, wenn er die Kleine auch nur ein paar Minuten länger als nötig ansieht.«

»Er will sie als Geschenk, um sie dann laufen zu lassen. Er will sie retten, hat er gesagt.«

Das verstanden die vier Hilus nicht.

»Boss, ehrlich? Aber das ist doch wirklich blöd. Warum sie erst einfangen und sich die Mühe machen und dann nichts davon haben! Das ist doch nur ’ne miese Tülle, und dazu noch ’ne junge - also, die kann doch wirklich noch an die zehn Jahre auf den Strich geschickt werden, bevor sie zum alten Gemüse gebracht wird. Das verstehen wir nicht. Wo wir so viel Mühe mit ihr hatten!«

»Das ist ja auch meine Meinung. Deshalb bin ich ja hier. Und ich sage euch: Wenn ich mich diesmal nicht auf euch verlassen kann, dann werde ich sehr sauer.«

Judas blickte ihn treuherzig an. Wie er wirklich hieß, wusste niemand im Strichviertel, und ebensowenig, warum man ihm diesen Spitznamen gegeben hatte.

»Was sollen wir tun? Wir sind sofort bei der Arbeit. Also, was liegt an?«

Fred trommelte an die Fensterscheiben.

»Ihr sucht mir das Mädchen. Ich will sie wiederhaben, verstanden! Wie ihr das anstellt, das ist eure Sache. Aber sie wird wieder mein Besitz.«

Erschrocken sahen Elmor und Guy ihren Boss an.

»Das kannst du doch nicht machen, Chef. Der King reißt uns den Kopf ab, wenn er merkt, dass wir wieder nach der Kleinen suchen. Das war doch ein Befehl von oben.«

Langsam drehte Fred sich herum.

»Seit wann gehorcht ihr nicht mehr, wenn ich einen Befehl gebe? Ihr braucht es mir nur zu sagen, dann hole ich mir andere Männer. Verstanden! Männer, keine Memmen, wie ihr sie zu sein scheint!«

Sie fielen in sich zusammen.

»So haben wir es ja nicht gemeint, Boss, ehrlich nicht. Aber wir haben gedacht, es wird mächtig Ärger geben.«

Fred lächelte böse.

»Natürlich wird es Ärger geben, wenn ihr euch dämlich anstellt. Das ist doch klar! Aber ich will sie zurück!«

»Chef, du kannst sie dann doch nicht wieder hier aufbauen. Bedenke, das geht doch nicht!«

»Was ich mit ihr mache, das ist meine Sorge. Dafür brauche ich euch nicht mehr.«

»Aus Rache?«, fragte einer. Sie zuckten zusammen.

»Mord?«, flüsterte Angelo, der aus Italien kam und jetzt ziemlich blass wirkte.

Fred schrie wütend: »Sie gehört mir! Ich kann mit ihr anstellen, was ich will! Ich will meine Rache, sie wird mir nicht entkommen! Und ihr werdet dafür sorgen! Und wenn ihr euch so blöd anstellt, dass es jeder merkt, dann ist das ganz allein eure Sache, wenn die Rache des King euch einholt. Ihr könnt doch auch mal mit Köpfchen arbeiten. Niemand braucht zu erfahren, dass ihr wieder auf der Suche nach ihr seid. Ihr seid vier Mann, dann dürfte es doch eine Kleinigkeit sein. Verstanden!«

Judas nickte langsam.

»Nun gut, in drei Tagen will ich eine Erfolgsmeldung von euch hören, sonst könnt ihr euch den Lohn für die nächsten vier Wochen anderswo holen.«

Die Luft war jetzt zum Schneiden dick. Der Zuhälter hielt sich die Nase zu.

»Wenn ich das nächste Mal komme, will ich hier keinen Saustall mehr vorfinden. Ist das klar?«

Damit schritt er zur Tür und hatte gleich darauf die Unterkunft seiner Hilus verlassen. Fred sann nur nach Rache, so dass ihm nicht einmal auffiel, dass er keinen Schutz durch die Garde hatte, solange sie nach dem Mädchen suchte. Wenn jetzt etwas passierte, dann musste er sehen, wie er allein damit fertig wurde.

Auf der Straße zündete Fred sich eine Zigarette an. Er grinste hämisch. Doch er begriff in diesen Minuten nicht, dass er ein sehr gefährliches Spiel spielte. Er hielt sich schon für den King und sonnte sich in diesem Traum.

An seine Mutter dachte er immer noch nicht.



3

Elmor leckte sich über die aufgeplatzten Lippen. Gestern Nacht hatte er sich wieder einmal in eine kleine Schlägerei eingelassen. Er war der wildeste der Hilus. Blind vor Wut konnte er um sich schlagen. Viele Wochen pro Jahr saß er im Gefängnis. Dann bereute er jedes Mal seine blinde Wut. Doch sobald er wieder draußen war, waren alle guten Vorsätze vergessen.

Jetzt packte ihn abermals die Wut; er rollte wild mit den Augen. Er schrie: »Was bildet sich der Kerl nur ein? He, wir sollen also gegen den Befehl des King handeln? Ich bin doch nicht lebensmüde!«

Seine Kumpane hatten keine Angst vor Elmor, aber im Augenblick gaben sie ihm recht.

»Was sollen wir denn machen?«, sagte Angelo und zündete sich eine Zigarette an. »Befehl ist Befehl! Und ich hab’ verdammt noch mal keine Lust, einen Monat lang zu darben. Außerdem habe ich Schulden. Also, wenn wir die Kleine herbeischaffen, kriegen wir einen Extrabatzen. Da sollte es uns doch egal sein, was danach geschieht, oder? Und wenn es herauskommt, dann wird der King zumindest wissen, dass wir nur getan haben, was Fred uns aufgetragen hat. Dann wird er sich an dem schadlos halten.«

Judas sagte wütend: »Da kennst du Micky aber schlecht. Seine Leute haben uns gedroht. Wenn wir die Kleine jetzt doch aufspüren, sind wir geliefert.«

»Fred ist verrückt, so ein mickriges Huhn!«

»Wir sollten den Puffwirt suchen lassen oder ihn ins Meer werfen.«

»Den ins Meer werfen? Da wird ja den Fischen schlecht!«, rief Guy und lachte über seinen Witz.

Angelo sagte: »Wo sollen wir sie überhaupt suchen? Es ist doch inzwischen viel Zeit vergangen. Letzte Nacht durfte Dietwolf sie suchen. Da waren die Spuren noch frisch. Ich hab’ nirgends gehört, dass man sie auch nur gesehen hätte.«

Elmor nickte: »Nach meiner Erfahrung findet man eine Tülle entweder sofort oder gar nicht.«

»Aber wir müssen sie finden, Jungs, wir müssen!«

Judas’ Augen wurden sehr schmal.

»Ein Dreckleben ist das! Ich überlege mir wirklich, ob ich nicht in der Fischfabrik anfangen soll. Da kriegt man anständigen Lohn und braucht sich nicht in den Hintern treten zu lassen.«

»Auf dich haben sie gerade noch gewartet. Geh doch los! Flenn uns nichts vor! Das können wir wirklich nicht vertragen.«

»Wir stimmen ab.«

Vier bleiche Gesichter saßen um den wurmstichigen Tisch.

»Wir wissen genau, was auf dem Spiel steht.«

»Ja, das wissen wir«, bestätigte Angelo.

»Ich hab’ läuten hören, dass die Bullen scharf auf Fred sind«, berichtete Judas.

Die anderen starrten ihn an.

»Was soll das heißen?«

Er wand sich ein wenig.

»Nun ja, er hat ja ’ne Menge auf dem Gewissen. Ich mein’ doch nur, wenn er die Kleine jetzt noch killt, dann sind wir auch geliefert.«

Guy sagte ruhig: »Es gibt nur eine Möglichkeit: Wenn wir das Mädchen erwischen, dann müssen wir dafür sorgen, dass er sie nicht totschlägt.«

Sie nickten eifrig.

»Ja, das müssen wir tun.«

»Fred ist ja nur im ersten Augenblick so wütend. Wir müssen die Kleine zunächst verstecken.«

»Ja, das wäre eine Lösung.«

Angelo lehnte sich zurück und schloss seine Augen. Er kannte den Boss besser. Die Sache stank zum Himmel. Da war noch etwas, von dem er den anderen nichts gesagt hatte. Verdammt, dachte er wütend, müssen wir uns das wirklich gefallen lassen? Er sitzt im warmen Nest, und wir müssen wieder mal die Kohlen aus dem Feuer holen. Wozu eigentlich? Ich hab’ noch nicht mal Zaster genug für eine müde Maus. Sogar das hat er uns verboten. Wir dürfen nicht mal ohne Geld mit den Tippelschicksen schlafen. Wenn man da nicht wütend werden soll! Alles presst er uns aus den Rippen. Und wenn wir mal Geld haben für ’ne Nutte, dann müssen wir auch noch eine aus seinem Rennstall nehmen.

Angelo war heißblütig und brauchte viele Frauen. Plötzlich ging ein Grinsen über sein Gesicht. Und wenn wir die Kleine finden sollten - und sie erst einmal für uns behalten? Nur ein paar Stunden lang. Die wird denken, das gehörte zur Strafe. Die anderen Jungs werden bestimmt entzückt sein. Ich werde es ihnen aber erst sagen, wenn wir sie haben; die können ja nicht dichthalten.

»Also, machen wir uns auf die Socken!«, rief er.

»Und wie fangen wir es an?«

»Ganz einfach, wir verteilen uns erst einmal im Viertel und fragen nach Dietwolf.«

»Das verstehe ich nicht.«

»So erfahren wir doch spielend, wo er schon gesucht hat. Dort brauchen wir doch nicht mehr zu suchen. So wird der Kreis um sie herum immer enger.«

»Du bist ein cleverer Kerl. Also, dann nichts wie raus.«

»Vielleicht haben wir sie schon in ein paar Stunden. Dann könnten wir heute noch eine gewaltige Sause machen«, sagte Elmor, und seine Augen leuchteten unternehmungslustig auf.

»Schlimm und gefährlich wird es nur, wenn wir sie mitnehmen müssen. Sie zu finden ist einfach. Also, wenn einer sie gesichtet hat, muss er die anderen verständigen, und dann warten wir die Dunkelheit ab.«

»Klar doch! Das kennen wir.«

Wenige Augenblicke später hatten die vier ihre Behausung verlassen.



4

Inzwischen stand Linda in der Küche, bestückte die Spülmaschine und dachte dabei nach. Sie musste jetzt sehr schnell handeln. Dabei stellte sie fest, dass der Lude eine perfekt eingerichtete Küche besaß. Sie fragte sich, ob hier wohl irgendwann einmal gekocht worden war. Nun ja, sie würde es jedenfalls nicht tun. In der Wohnung war es sehr still. Als sie alles abgeräumt hatte, stand sie am Fenster und schaute auf die Dächer um sie herum. Von hier oben hatte man einen sehr schönen Blick bis zum Hafen.

Plötzlich hörte sie ein Geräusch hinter ihrem Rücken, und sie wandte sich rasch um. Hermine, Freds Mutter, stand in der Tür. Der Zuhälter hatte ihr den Namen gesagt, denn es widerstand Linda, die Frau in Gedanken immer noch Mamilein zu nennen. Ausgerechnet dieses widerliche Weib! Als sie nun in die kalten Augen blickte, erkannte sie, dass diese Frau ihr gegenüber ebenfalls Hass empfand. Kalt und von oben herab wurde Linda behandelt.

»Haben Sie keine Arbeit mehr? Soll mein Sohn Sie vielleicht für nichts bezahlen? Das Zimmer muss aufgeräumt werden, und die Bäder müssen gereinigt werden. Ich glaube, es wird wirklich höchste Zeit, dass ich mich um alles kümmere. Ach ja, bevor ich es vergesse: Wenn es künftig läutet, werde ich an die Tür gehen. Personal versteht zu wenig von hochstehenden Persönlichkeiten. Haben wir uns verstanden?«

Linda schluckte. Ihr erster Impuls war, der Frau keine Reibungsfläche zu liefern, doch dann besann sie sich darauf, dass sie ja von hier fort wollte. Sie musste Fred eine Falle stellen.

»Ich bin Hausdame«, erwiderte sie kalt. »Für Putzarbeit bin ich nicht eingestellt worden.«

Hermine wurde rot im Gesicht.

»Also, das brauche ich mir wirklich nicht bieten zu lassen! Sie wissen wohl nicht, wie viele Arbeitslose es im Augenblick gibt, wie?«

Linda wurde direkt fröhlich, denn sie spürte, dass sie in einen herrlichen Krach hinein schlidderte. Vor Fred musste es ja so aussehen, als hätte Hermine sie gefeuert, so dass sie einfach nicht mehr bleiben konnte.

»Natürlich weiß ich das«, entgegnete sie deshalb. »Aber ich weiß auch, wie ich behandelt werden muss, um zu bleiben. Hier in Hamburg gibt es große Familien, die schon jahrhundertelang hier leben und ihr Personal anständig behandeln, denn sie wissen sehr wohl, dass man ohne dieses nicht auskommen kann. Und sie wissen, dass wir auch Menschen sind und keine Maschinen.«

Das war natürlich Öl aufs Feuer, und Hermine fiel auch prompt darauf herein.

»Wenn Sie sich einbilden, das ließe ich Ihnen durchgehen, dann irren Sie sich gewaltig. Mein Sohn hat mir heute Morgen noch gesagt, ich könne alles so machen, wie es mir gefällt. Ja, mein Sohn ist ein kluger Mensch. Er hat anständiges Personal verdient. Ich werde mich höchstpersönlich darum kümmern.«

»Ach ja, das hat er Ihnen wirklich gesagt?« Linda sagte das so aufreizend, denn sie beide wussten ja, dass es gelogen war. Jetzt war Hermine tatsächlich ein wenig unsicher geworden. Sie kannte ihren Sohn viel zu wenig, um zu wissen, wie er reagieren würde. Doch dann fiel ihr seine Unterwürfigkeit ihr gegenüber ein, und sie straffte ihre Schultern.

»Wir brauchen anständiges Personal!«, sagte sie mit fester Stimme.

»Ja, da haben Sie vollkommen recht!«

Die Frau wurde dunkelrot.

»Sie sind hiermit entlassen!«, schrie sie.

Linda hätte vor Freude am liebsten eine Luftsprung gemacht, aber das tat sie lieber doch nicht.

»Aber ... Ihr Sohn?«

»Ich brauche nicht die Genehmigung meines Sohnes, haben Sie mich verstanden?«

»Sicher. Aber ich brauche ein Zeugnis.«

Hermine wurde ganz langsam blass, denn mit dem Schreiben stand sie auf dem Kriegsfuß. Das durfte natürlich niemand wissen. Sie war ja jetzt eine große Dame. Aber sie hatte schon ganz andere Leute eingeschüchtert. Dabei vergaß sie aber, dass diese Personen unerfahren gewesen waren und auf dem Lande gelebt hatten. Sich Linda zur Feindin zu machen, das war riskant, denn meistens zog man den Kürzeren. Aber Hermine konnte nun nicht mehr zurück. Linda amüsierte sich köstlich. Sie brauchte ja kein Zeugnis, aber diese Frau wollte sie unbedingt noch ein wenig ärgern.

»Wenn mein Sohn heimkommt, werde ich ihm sagen, dass er Ihnen ein Zeugnis ausstellt. Morgen können Sie vorbeikommen und es abholen.« Wie eine Dame rauschte sie hinaus.

Linda band ihr Schürzchen ab und war sehr mit sich zufrieden. Sie hätte gern später noch hier Mäuschen gespielt, aber leider war das nicht möglich.

»Nun, dann gehe ich jetzt. Sie dürfen das Silber nachzählen, es ist alles vollständig«, sagte Linda, als sie den Mantel anzog und Freds Mutter erschien, um zu warten, bis sie endlich ging. Doch jetzt drehte die Frau sich ohne ein Abschiedswort um und verschwand in ihrem rosa Zimmer.

Linda ging trällernd die Stufen hinunter.

So, das wäre geschafft! Fred kann mir jetzt keinen Vertragsbruch nachweisen. Ich bin ja geblieben - o ja, ich wäre noch sehr lange geblieben, aber leider, leider ...

Sie sah sich nach einem Taxi um, das sie zum Großluden bringen sollte, denn so hatte ja die Order gelautet. Sie konnte also nicht mehr sehen, dass im gleichen Augenblick Hammerfred die Straße von der anderen Seite her überquerte und wenig später in dem eleganten Wohnhaus verschwand.

Freds Grinsen verstärkte sich noch, als ihm einfiel, dass der King jetzt sogar sein Personal bezahlen musste. Das würde er auskosten! So schnell würden die ja keine Lösung finden, um seine Mutter unschädlich zu machen. Vielleicht überhaupt nie. Und solange würde er Linda ärgern können.

Er schloss die Wohnungstür auf.

»Linda?«, rief er.

Stille.

Die Mutter hörte ihn kommen. Sie fühlte sich jetzt gar nicht mehr als große Dame. Wie würde der Sohn reagieren? Hatte sie wirklich richtig gehandelt? Sie kannte sich in der Großstadt ja noch nicht aus, vielleicht hatte diese Person sogar noch Anspruch auf sehr viel Gehalt?

»Ja?« Zögernd trat sie aus ihrem rosa Zimmer.

»Sag Linda, sie soll mir einen Drink mixen! Sie weiß schon, was ich wünsche.«

Die Mutter blieb in der Tür stehen.

»Möchtest du auch einen Drink, Mutter. Hier in der Großstadt trinkt man auch am Tage, da ist nichts dabei. Sie kann dir etwas Leichtes mixen, sie versteht etwas davon.«

»Äh, ja, kann ich das nicht tun?«

Fred lachte erleichtert auf. Seine Mutter war friedlicher geworden. Ja, er hatte fast Tränen in den Augen vor Rührung. Er verstand, dass sie ihm zeigen wollte, wie gern sie ihn hatte. Endlich erhielt er die Anerkennung, auf die er all die Jahre sehnlich gewartet hatte. Das war heute wirklich ein schöner Tag.

»Nein, Mutter«, sagte er mit weicher Stimme, »das kannst du noch nicht. Linda ist bestimmt gern bereit, es dir zu zeigen. Und wenn du dann Lust hast, kannst du es später immer noch versuchen. Aber nun ruf sie bitte.«

Hermine spürte zwar die Zärtlichkeit des Sohnes, aber sie fühlte sich sehr unsicher. Vielleicht hätte sie die Oberhand behalten, wenn sie von Anfang an wieder hart aufgetreten wäre. Leider aber weiß man erst am Schluss, wie man sich nicht hätte verhalten dürfen.

»Sie ist nicht da«, sagte sie schließlich.

Fred sah sie erstaunt an, dann runzelte er die Stirn.

»Was soll das heißen? Hast du sie zum Einkaufen geschickt?«

»Hör mal, mein Junge, ich möchte dir sagen, sie ist wirklich nicht gut und aufsässig obendrein, verstehst du. Es ist keine gute Person für so einen vornehmen Haushalt.«

Fred ahnte Schlimmes.

»Wo ist sie?«, fragte er plötzlich erregt.

»Fort!«

»Sprich endlich! Hat man sie fortgeholt?«

Wie erstaunt war Hermine, als sich ihr Sohn so plötzlich veränderte. Er machte ja sehr viel Aufhebens um diese Person. Und dann dachte sie plötzlich: Du meine Güte, sie wird doch nicht sein Mädchen gewesen sein?

»Ich habe ihr gekündigt«, sagte sie mürrisch. »Ich mochte sie nicht.«

Den Zuhälter traf beinah der Schlag.

»Sag das noch einmal!«

»Ich habe sie fortgeschickt, Fred. Warum regst du dich so darüber auf?«

Fassungslos starrte Fred seine Mutter an. Da hatte er endlich einmal den Königsluden in die Enge getrieben, ja, er hätte sich auch noch an Linda und deren Mann rächen können. O ja, er hatte sich genau ausgedacht, wie er es anstellen konnte, Linda ein wenig von ihrer Hochmütigkeit zu nehmen. Und nun ... nun sagte seine Mutter, dass sie sie hinausgeworfen habe. Der Zuhälter wusste sofort, dass daran jetzt nicht mehr zu rütteln war. Linda würde nicht zurückkommen.

Fred, zuckte sichtbar zusammen, als Hermines harte Stimme wieder erklang.

»Wir werden jetzt eine vernünftige Person einstellen«, sagte sie. »Faul war sie auch, sie wollte noch nicht einmal das Bad putzen.«

Fred holte seinen Drink und knirschte mit den Zähnen. Verdammt, dachte er, wenn ich sie auch nur einen Augenblick allein lasse, dann macht sie schon Unsinn. Und ich kann ihr noch nicht mal sagen, weshalb ich so wütend bin. Denn sie war ja sogar umsonst bei mir.

»Schon gut«, sagte er deshalb nur. Doch seine Stirn lag in tiefen Falten.

Herrnine dagegen fühlte sich erleichtert.

»Sag mal, mein Junge, musst du denn nicht arbeiten?«, fragte sie jetzt.

»Ich habe schon alles erledigt«, gab er dumpf zur Antwort.

»Was? Mehr brauchst du nicht zu arbeiten?«

»Ich habe meine Leute, die das alles für mich erledigen.«

Sie bekam erwartungsvoll glänzende Augen.

»Mein Junge, nicht wahr, die werde ich auch einmal kennenlernen, ja?«, sagte sie und lächelte ihn schmeichelnd an. Er schauderte.

»Hör zu«, sagte er dumpf, »im Augenblick geht es mir wirklich nicht gut.«

Er sah die Mutter an und dachte: Warum gehst du nicht wieder? Ich kann dich hier nicht gebrauchen. Doch gleichzeitig fühlte er, dass er nie den Mut aufbringen würde, ihr die Wahrheit zu sagen. Er war ein Waschlappen. Doch dann raffte er sich auf. Er hatte ja noch ein Eisen im Feuer. Der King musste dafür sorgen, dass er unbesorgt seiner Arbeit nachgehen konnte.

Er stand auf und ging in das kleine Büro. Dabei fiel ihm ein, dass er seine Mädchen immer noch nicht abkassiert hatte. Er fluchte vor sich hin, aber jetzt war es zu spät dafür. Sie wurden ärgerlich, wenn man sie im Schlaf störte. Also musste er dafür sorgen, dass er heute Abend pünktlich das Haus verlassen konnte.



5

Als Linda vor dem Haus aus dem Auto stieg, dachte sie: Ob sich Micky wohl hingelegt hat? So stark kann er ja gar nicht sein, dass er ohne Schlaf auskäme. Sie sah die Telefonzelle am Ende der Straße und wählte die Nummer ihrer Wohnung. Lange Zeit musste sie warten, bis sich Dietwolf endlich meldete - mit völlig verschlafener Stimme.

»Hast du Ariane schon das Frühstück gebracht?«, fragte Linda.

»Du hast mich geweckt, Kleines. Ich denke, das hast du getan?«

»Nein!«

»Wo bist du?«

»Dicke Luft. Ich kann jetzt nicht mehr reden, Dietwolf, aber ich werde in Kürze mit Micky bei dir aufkreuzen.«

»Wieder ein Job?«

»So könnte man es nennen.«

»Was soll das heißen?«

»Nun, wir werden wohl ohne Bezahlung arbeiten müssen.«

»Das kommt nicht in Frage!«, sagte Dietwolf in bestimmtem Ton.

»Denk an Ariane!«, erinnerte sie ihn.

»Wie? Was?«

»Die Bewacher haben mich entdeckt!«

»Linda ...«

Sie hängte ein und trippelte gleich darauf über die Straße.

Mickys Leibwächter stand vor dem Haus und grinste sie an. Sie konnte das Haus betreten, ohne durchsucht zu werden. Andere Besucher mussten zuerst ihre Schießeisen abgeben, auch Totschläger und Messer. Sonst ließ man sie gar nicht vor. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.

Im Vorzimmer lümmelte ein zweiter Gauner. Er grinste sie an und meinte: »Hallo, Puppe! Das ist aber eine Überraschung!«

»Wo ist Micky?«, fragte Linda, ohne den Mann weiter zu beachten.

»Im Bad«, antwortete der und lehnte sich zurück. Doch er ließ Linda nicht aus den Augen.

Da betrat der King das Zimmer. Er zog die Uhr an, lachte und meinte: »Alle Achtung, so schnell habe ich noch nicht mit dir gerechnet. Komm mit mir frühstücken!«

Ein zweites Frühstück war nicht zu verachten, zumal sie gar nicht wusste, ob sie heute überhaupt noch ein Essen bekommen würde.

»Du bist also stellenlos - armes Ding.«

Sie strahlte ihn an.

»Es war eine Kleinigkeit für mich. Schade, dass ich Freds Rückkehr nicht erleben durfte. Hätte mir wirklich großen Spaß gemacht, seine Reaktion zu sehen. Wie sieht es aus?«

»Natürlich müssen wir für Ersatz sorgen«, sagte der King.

»Das weiß ich, aber der wird von Fred bezahlt.«

»Und woher nehmen wir diese Ersatzkraft?«

»Ich dachte an Estelle.«

»Du meinst doch nicht das Fregattenweib?«, fragte Linda überrascht.

»Aber sicher! Sie kann sogar kochen.«

»Aber sie ist doch eine Abgefahrene!«

»Ganz recht. Deswegen würde sie sich auch freuen, wenn sie einen Job bekäme.«

»Fred wird das nicht dulden; du kennst ja Hermine nicht!«

Die Augen des Königsluden wirkten plötzlich eiskalt.

»Er hat uns in die Enge getrieben, meine Liebe. Er glaubt doch tatsächlich, er könnte hier jetzt diktieren. Für den Augenblick haben wir die Sache ja geschluckt, aber das soll noch lange nicht heißen, dass wir es auch weiterhin tun werden. Er wird froh sein, wenn er überhaupt jemanden für seine Alte bekommt. Eine anständige Person geht ja nicht zu ihm.«

Linda lachte vergnügt.

»Und wie willst du das anstellen?«

»Wir werden Estelle einfach vorführen.«

Linda überlegte. Es war schon eine Weile her, dass sie das Mädchen gesehen hatte. Mädchen war eigentlich zu viel gesagt, denn Estelle war schon an die vierzig Jahre alt und, seit sie nicht mehr anschaffen musste, dick wie ein Ackergaul geworden. Sie war eine gemütliche Person, eine Dirne vom alten Schlag. Sie hatte noch Herz. Kein Lude wollte sie mehr unter seine Fittiche nehmen, und so hatte sie das Viertel verlassen müssen.

»Ich frage mich jetzt die ganze Zeit, wovon sie eigentlich lebt. Weißt du das, Micky?«

»Estelle ist eine Lebenskünstlerin. Also, das werden wir jetzt zuerst einmal regeln.«

»Du meine Güte, ich weiß schon gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht, so viel habe ich in letzter Zeit denken müssen.«

»Aber, aber, meine Liebe, sonst bist du doch immer so verrückt darauf, in Aktion zu treten. Jetzt biete ich dir an, direkt an der Front zu arbeiten, und da scheust du zurück«, rügte er vorsichtig.

Linda blickte sich um und dachte: Vor gut einem Jahr wäre ich noch wütend geworden, wenn mir jemand gesagt hätte, ich würde mal ganz gemütlich mit einem Gepäckträger, wie die Luden auch von ihren Mädchen genannt wurden, frühstücken. Noch dazu mit einem so großen! Sein Reich war bald nicht mehr zu überblicken. Sie schaute ihn von der Seite her an und dachte dabei: Eigentlich ist er gar nicht übel. Nun ja, ich kenne ihn ja auch nur von seiner besten Seite. Ich weiß ja im Grunde sehr wenig von ihm. Nun, er soll seine »Pferdchen« einigermaßen friedlich halten, und sie dürfen auch für sich selbst anschaffen. Er setzt ihnen ein bestimmtes Soll, das jede erreichen kann. Alles Darüberliegende kann die Dirne behalten. Aus diesem Grunde bleiben die Mädchen relativ lange bei ihm. So dachte Linda eine Zeitlang vor sich hin. Schließlich dauerte ihre geistige Abwesenheit dem Zuhälter zu lange.

»Was ist?«, fragte er ungeduldig.

»Wie viele Mädchen laufen eigentlich für dich?«

Micky ließ erstaunt das Brötchen fallen.

»Was für eine Frage! Bist du vielleicht vom Finanzamt?«

»Nein, dafür ist Dietwolf zuständig. Ach du liebe Güte, den habe ich ja schon wieder vergessen!«

»Keine Sorge, er pennt doch noch. Ich habe mir sagen lassen, dass er die ganze Nacht geschuftet hat. Würde mich wundern, wenn er nicht jeden Stein im Viertel umgedreht hätte. Nicht mal einen Drink hat er angenommen. Einige Mädchen waren sogar wild darauf, ihm zu helfen, besonders Myriam.«

Linda lachte ihn an.

»Ich tue dir aber nicht den Gefallen, jetzt eifersüchtig zu werden.«

»Sie ist ein gutes Mädchen.«

»Sie schafft sogar im Finanzamt an«, verriet Linda und musste ihm jetzt natürlich die ganze Geschichte erzählen.

»Ein Teufelsmädchen! Ich sollte sie zu einer Handelsklasse A-Tülle erheben. Sie hat wirklich Grips im Kopf.«

»Ja, wenn sie nicht gerade ihren Opa beerdigen muss.«

»Der ist doch nun nicht mehr da. Aber komm, wir wollen zu Estelle gehen.«

»Was?«

Er schmunzelte.

»Ich denke, du bist auch wild darauf, Hammerfred eins auszuwischen. Wir gehen anschließend gemeinsam zu ihm. Du musst ja die >Neue< einweisen. Nicht wahr?«

Sie kicherte vor sich hin.

»Hast du eigentlich nie Angst?«, fragte sie den Königsluden.

»Nein, aber nicht weitersagen. Das sind doch alles Schlappschwänze hier in der Umgebung. Die haben doch keinen Humor. Die sehen die Sache viel zu verbissen.«

Die Bewacher sahen ihren Boss erstaunt an.

»Sollen wir mitkommen?«

»Aber sicher! Linda wird es genießen, mit einer Garde zu reisen, nicht wahr?«

»O Gott, wenn mich Dietwolf jetzt sehen könnte.«

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738926224
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v458247
Schlagworte
dietwolfs geburtstagsgeschenk redlight street

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Titel: Dietwolfs Geburtstagsgeschenk: Redlight Street #73