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Mit 70 Meilen in die Hölle: 320 PS-Jim 10

2018 120 Seiten

Leseprobe

Mit 70 Meilen in die Hölle

320 PS – JIM

Band 10

von Wolf G. Rahn


Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.


Die beiden Trucker Jim und Chris warten ungeduldig darauf, dass sie ihre Fracht mit dem RED BARON zum Zielort transportieren können. Aber noch steht der Truck in der Werkstatt. Als sie ihn endlich abholen können, brechen sie sofort auf. Nach wenigen Meilen müssen sie bereits einen Reifen wechseln und stellen mit Unbehagen fest, dass der Auflieger keine Bremsen besitzt. Trotzdem setzen sie ihre Fahrt fort, nicht ahnend, dass für sie beide eine Höllenfahrt beginnt.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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1

Es roch nach Öl und Gummi in der riesigen Halle, und natürlich nach Diesel. Alles Düfte, die Jim Stonewall und Chris Morris, die beiden Trucker, liebten. Nur eines fehlte in dieser Geruchskomposition: Schweiß. Es war schwer zu glauben, dass die zwei handfesten Mechaniker unter der knallroten M.A.N. 32.321Zugmaschine dabei waren, sich ihre Dollars zu verdienen. Jedenfalls waren ihre Bewegungen allenfalls so schnell, als säßen sie daheim vor dem Fernseher und griffen ab und zu nach einer frischen Bierdose.

„Wenn ich den Hunden noch länger zuschaue, werd’ ich ganz träge“, sagte Jim verbiestert. „Die haben ein Arbeitstempo drauf, dagegen ist eine Weinbergschnecke olympiaverdächtig.“

Chris Morris grinste vielsagend. Auch ihn juckte es in den Fäusten. Dazu gehörte bei ihm zwar nicht viel, aber diesmal glaubte er, einen handfesten Grund zu besitzen. Es sah ganz so aus, als sollten sie von den Monteuren provoziert werden.

„Wollen wir uns die beiden Knaben mal zur Brust nehmen?“, schlug er vor. „Vielleicht kapieren sie dann, dass wir eigentlich diese Woche noch nach Oklahoma City wollen und nicht die Absicht haben, hier in Milwaukee unseren Urlaub zu verbringen.“

Angriffslustig schob er sich vor und steuerte auf den RED BARON zu, den sie zur Bremsensonderuntersuchung gebracht hatten und der schon längst hätte fertig sein sollen. Seine Fäuste waren in den Hosentaschen geballt. Er war so richtig in Fahrt.

Jim hielt ihn zurück.

„Mach keinen Stunk!“, mahnte er. „Die Brüder sind eben sorgfältig. Die schauen lieber jedes Teil dreimal an, bevor sie einen Fehler begehen. Schließlich hängt einiges davon ab, dass unsere Bremsen einwandfrei funktionieren.“

Chris’ Gesicht wurde keine Spur verständnisvoller.

„Das weiß ich selbst, Junge“, keuchte er. „Aber das hat mit sorgfältig nichts mehr zu tun. Die rühren sich ja gar nicht. Ich glaube glatt, die pennen.“

Wie, um ihn eines Besseren zu belehren, ertönte jetzt ein feines Klingeln. Einem der Mechaniker musste ein Werkzeug aus der Hand gefallen sein.

„Was ich dir sage!“, regte sich Chris auf. „Die haben sich aufs Ohr gehauen. Die wollen uns verschaukeln. Bilden die sich etwa ein, weil sie ’nen Schraubenschlüssel in der Hand halten, mach’ ich mir vor Angst in die Hosen? Da woll’n wir doch mal sehen, bei wem es zuerst stinkt.“ Er sagte das laut genug, dass die beiden Monteure das unbedingt hören mussten, falls sie nicht tatsächlich eingeschlafen waren.

Aber entweder war den Blaukitteln Öl in die Ohren gelaufen oder sie waren solche Nörgeleien gewöhnt, weil sie noch nie schneller gearbeitet hatten. Jedenfalls reagierten sie weder durch eine schnellere Bewegung noch durch eine wütende Entgegnung. Die beiden Freunde waren Luft für sie.

Nun rülpste einer von ihnen sogar so laut, dass es in der riesigen Werkstatthalle wie bei einer Fehlzündung dröhnte.

„Man sollte es nicht glauben“, meckerte er. „Sie sind wirklich lebendig. Dann woll’n wir sie mal zum Tanzen bringen. Bin gespannt, ob die sogar zu faul zum Jammern sind, wenn ich ihnen auf die Zehen steige.“

Doch wieder war es Jim Stonewall, der den kühleren Kopf behielt.

„Wir erkundigen uns im Büro, wie lange es noch dauern wird“, schlug er vor. „Soll denen doch ihr Meister Dampf in den Hintern blasen. Wir haben, weiß Gott, andere Sorgen.“ Er packte Chris bei der Schulter und zog ihn mit sich aus der Halle heraus.

Chris folgte widerstrebend. Insgeheim wusste er, dass Jim wieder mal recht hatte, aber er war nun mal schnell auf achtzig, und wenn er auf zwei Typen stieß, die sich so hastig bewegten, als hätte sich bereits der Sargdeckel über ihnen geschlossen, dann sah er rot. Draußen zündete er sich erst mal eine West an, und nach den ersten Zügen glätteten sich seine Stirnfalten ein wenig.

Al Burnes, der Werkstattbesitzer, kam ihnen entgegen. Er war das ganze Gegenteil von seinen Langsamläufern. Alles an ihm war in ständiger Bewegung. Sogar sein Doppelkinn wabbelte, als er die Freunde begrüßte.

„Tut mir wirklich leid“, erklärte er, und sein Gesicht zuckte, als wollte er im nächsten Augenblick zu heulen anfangen. „Es hat ein paar Schwierigkeiten gegeben, aber die sind gleich behoben. In einer halben Stunde können Sie Ihr Prachtstück in Empfang nehmen.“

Chris war immer noch in Brass. So leicht ließ er sich nicht besänftigen.

„Schwierigkeiten?“, brauste er auf. „Was für Schwierigkeiten? Unsere Kiste hat uns noch nie Schwierigkeiten gemacht. Ist das hier ’ne Werkstatt oder ’ne Polizeistation? Schwierigkeiten kennen wir nur von den Smokeys.“

„Es war ja auch nur ’ne Kleinigkeit. Wir haben die Auslassventile ausgetauscht und die Bremsbeläge erneuert.“ Damit goss er Öl aufs Feuer.

„Das sieht euch wieder mal ähnlich“, fauchte Chris Morris. „Wenn euch weiter nichts einfällt, reißt ihr die Beläge runter. So leicht möchte ich meine Bucks auch mal verdienen. Die Beläge hätten noch leicht zehntausend Meilen gehalten. Wir fahren schließlich mit dem Gas und nicht mit der Bremse. Sonst hätten wir ja gleich bei Ihnen als Mechaniker anfangen können.“

Al Burnes grinste. Er kannte solche Sprüche. Die Trucker waren ein Völkchen für sich. Denen durfte man nicht gleich was übelnehmen.

„Wir hielten es für besser, die Beläge gleich mit auszuwechseln“, sagte er. „Sie wollen doch, dass alles in Ordnung ist, oder?“

„Blöde Frage!“, knurrte Chris unfreundlich. „Sonst wären wir ja wohl nicht hergekommen. Wir haben diesmal ’nen verdammt schweren Koffer zu transportieren. Da kommt man ganz schön in Schwung.“

„Das scheinen Sie ja jetzt schon zu sein, Mister Morris“, meinte Al Burnes lächelnd. „Ich garantiere Ihnen, dass Sie mit unserer Arbeit zufrieden sein werden. Sie werden Ihren Truck nur noch zu uns bringen wollen. Sogar dann, wenn Sie sich gerade an der Westküste aufhalten.“

Chris Morris verdrehte die Augen.

„Jetzt weiß ich wenigstens, von wem Ihre Blindschleichen ihr Selbstbewusstsein haben, Mister Burnes“, stellte er fest. „In ’ner halben Stunde sind wir jedenfalls wieder da, und wenn der Eimer dann nicht in tadellosem Zustand fahrbereit dasteht, können Sie schon immer ’ne neue Montagehalle in Auftrag geben.“

„Gehen Sie rüber zum alten George“, riet Burnes mit unverminderter Freundlichkeit, „und lassen sich von ihm einen ordentlichen Kaffee geben. Und ein Sandwich dazu. Auf meine Kosten natürlich. Dann vergeht die Wartezeit ein bisschen schneller.“

„Mir kommen die Tränen“, meinte Chris. „Bin gespannt, unter welcher Bezeichnung wir das Zeug nachher auf unserer Rechnung wiederfinden. Vielleicht als Kleinmaterial. Das macht sich immer gut.“ Er ging an dem kleinen Werkstattbesitzer vorbei, und Jim folgte ihm. Der Ältere war froh, dass Chris keinen Ärger gemacht hatte.

Al Burnes sah ihnen eine Weile nach. Dann wandte er sich ab und stiefelte zur Halle hinüber, aus der wenig später zuerst eine wütende Stimme und gleich darauf lebhafte Arbeitsgeräusche ertönten.



2

Al Burnes hatte mit der halben Stunde tatsächlich Wort gehalten, und ein Posten Kleinmaterial fand sich auch nicht auf der Rechnung. Alles hätte also in bester Ordnung sein können, aber Jim Stonewall sah wieder neue Gewitterwolken nahen.

Er kam mit den Frachtpapieren aus dem Versandbüro des Motorenwerks und wollte zu Chris, der sicher schon auf ihn wartete, als er die fuchsteufelswilde Stimme seines streitbaren Freundes hörte. Was, zum Teufel, war jetzt schon wieder los? Jim konnte sich beim besten Willen nicht erklären, was es zum Schimpfen gab. Sie hatten gemeinsam den Auflieger aufgesattelt, und während er sich um die Papiere kümmerte, wollte Chris die üblichen Routineprüfungen durchchecken. Was gab es dabei zu brüllen?

Jim begann zu laufen. Er ahnte nichts Gutes. Chris befand sich noch immer in einer hochexplosiven Stimmung. Da genügte ein falsches Wort, und er ging senkrecht in die Luft.

Als er um die Ecke des mächtigen Bürohauses bog, sah er die Bescherung. Chris stand mit angewinkelten Armen vor dem fahrbereiten Truck, und seine Augen blitzten wie bei einem schweren Unwetter.

Vor ihm hatte sich eine ganze Horde bulliger Typen aufgebaut, die drauf und dran waren, sich auf ihn zu stürzen. Worum es ging, konnte Jim noch nicht verstehen. Er beeilte sich, dass er seinen Kumpel notfalls unterstützen konnte, aber es würde ihn nicht wundern, wenn sich Chris diese ungemütliche Lage wieder mal selbst eingebrockt hatte. Der Junge ging nur ungern einem Streit aus dem Weg.

„Was ist hier los?“, rief er schon von weitem.

Ein paar der Typen drehten sich um und musterten ihn angriffslustig.

„Gehört ihr etwa zusammen?“, wollte einer wissen. Es war ein Kerl, der fast so breit war wie hoch. Sein Kopf steckte tief zwischen den Schultern, und er sah dadurch ein bisschen beschränkt aus. Dafür besaß er eindrucksvolle Fäuste, und sein Genick sah so aus, als könnte er damit einen Vierzigtonner alleine wegziehen.

„Und wie!“, antwortete Jim selbstbewusst. Von dem ließ er sich noch lange nicht einschüchtern. Fast begriff er schon jetzt, dass Chris auf ihn wie auf ein rotes Tuch reagiert hatte.

„Halt dich da raus!“, schrie ein anderer. Auch er war alles andere als schmächtig, aber gegen den ersten verblasste er doch. „Das hier geht nur uns und deinen Partner an.“

„Seinen ehemaligen Partner“, grölte der Bulle und schwenkte seine Fäuste. „Den räume ich jetzt nämlich ab, dass er hinterher nicht mal mehr als Kühlerfigur zu gebrauchen ist.“

„Lass uns auch noch was übrig, Col“, plärrte ein dritter. Er hatte eine typische Boxernase, und auch sonst war in seinem Gesicht mancher Knochen nicht wieder so zusammengewachsen, wie sich das gehört hätte. Er machte den Eindruck, als könnte er es schon nicht mehr erwarten, sich endlich wieder mal ein Matschauge zu holen.

Von dieser Sorte gab es noch zwei Burschen, die sich schon immer die Ärmel hochkrempelten und erschreckende Muskelpakete zeigten. Einen Schreck kriegte Jim zwar nicht, aber er dachte vor allem daran, dass sie soeben eine Fuhre übernommen hatten, die sie ordnungsgemäß ans Ziel zu bringen hatten. Die fünf sahen nicht so aus, als wollten sie das zulassen. Wenn sich Chris mit denen anlegte, war er hinterher zweifellos krankenhausreif. Damit war keinem geholfen.

Im Nu stand Jim neben seinem Kumpel und wollte wissen: „Was hat es gegeben?“

Chris ließ die anderen nicht aus den Augen. Er war auf dem Sprung. Wenn er sich auch ausrechnen konnte, dass er den Kürzeren ziehen würde, so brauchte er doch ein Ventil für seine aufgestaute Wut, und da kam ihm dieser Col mit seiner Bande gerade recht.

„Die breitgetretene Asphaltwanze behauptet, ich hätte was mit seiner Freundin gehabt“, sagte er spöttisch.

„Und? Hast du?“ Es war wieder mal das Übliche. Die ewigen Weibergeschichten hatten Chris schon eine Menge Ärger eingebracht.

„Kann ich mir nicht vorstellen, Jim. Der hat doch gar kein Mädchen. Wer würde denn mit dem Fettsack ins Bett gehen?“

Jim geriet ins Schwitzen. Chris war wieder mal nicht geneigt, für Entspannung zu sorgen. Er heizte im Gegenteil noch richtig ein. Der Bulle reagierte auch entsprechend. Er stieß ein uriges Gebrüll aus und setzte sich in Bewegung. Unter jedem seiner Schritte schien der Boden zu beben, und von dieser Art würden wohl auch seine Schläge sein.

„Sei vernünftig, Junge!“, zischte Jim beschwörend. „Das bringt nichts ein. Heb deine Kräfte lieber für seine Braut auf, falls du sie wieder mal triffst.“

Chris zeigte ein tückisches Grinsen. Dieser Gedanke gefiel ihm offensichtlich.

„Hau dich schon immer rein!“, flüsterte er. „Es kann gleich losgehen.“

Jim wollte die Tür auf der Fahrerseite öffnen, aber Chris fauchte: „Ich fahre! Das war so abgemacht, und dabei bleibt’s!“

Das war auch besser. So hatte Chris nur drei Schritte, um sich notfalls in Sicherheit zu bringen, und es sah ganz so aus, als würde das nötig werden. Jim schwang sich auf den Beifahrersitz, während Col nun dicht vor Chris stand und ihn wie ein Kalb anglotzte.

„Du hast es mit Barby getrieben, du Dreckskerl“, heulte er. „Das wirst du mir büßen.“ Er holte zu einem mörderischen Hieb aus, der Chris den Kopf von den Schultern reißen musste, falls er sein Ziel fand. Chris wich nicht zurück. Seine Faust zuckte so unerwartet hoch, dass der andere viel zu spät reagierte. Sie traf die Unterseite der Nase, und Col ließ einen Schrei hören, der markerschütternd war. Blut tropfte, und der Massige hielt sich jaulend sein lädiertes Riechorgan. Er war viel zu sehr mit seinem Schmerz beschäftigt, um vorläufig noch ans Zuschlägen zu denken.

Seine Kumpane feuerten ihn an und, als das nichts half, setzten sie sich selbst in Bewegung, um den Verlauf des Kampfes in ihrem Sinne zu korrigieren.

Doch so lange wartete Chris nicht. Mit einem mächtigen Satz stand er neben dem RED BARON, dessen Motor längst lief. Ein Ruck, ein Schwung, und schon saß er auf dem Bock und feixte hinunter: „Grüß mir Barby schön, du Nilpferd! Du kannst ihr ausrichten, dass ich ihr ’nen besseren Geschmack zugetraut hätte. Vielleicht sehn wir uns mal wieder. Sollte mich freuen. Die Kleine hat ihre Qualitäten.“

Während der Verspottete wütend mit den Fäusten fuchtelte und sich anschickte, gegen den Truck zu rennen, ließ Chris ihn sanft anrollen und hielt genau auf den Choleriker und seine Meute zu. Ein paar Arme rissen Col beiseite, gerade als Chris im letzten Augenblick abbremsen wollte, um den Burschen nicht tatsächlich auf den Kühler zu nehmen. Sie teufelten hinter den Freunden her, die laut lachten und sich köstlich über die Geprellten amüsierten.

„Kennst du diese Barby wirklich?“, forschte Jim, als sie das Werksgelände verlassen hatten und schon längst die Umgehungsstraße von Milwaukee ansteuerten.

„Blödsinn!“, gab der andere zurück. „Der Muskelaffe hat sich bloß über unsere Kiste amüsiert, da musste ich ihm doch ’ne Spritze verpassen. Ich habe ihm weisgemacht, dass sich seine Braut bei mir über seine sexuelle Unfähigkeit beklagt habe, und der Idiot ist gleich drauf angesprungen.“

Jim seufzte.

„Junge du machst vielleicht Sachen. Wenn der dich durch die Mangel gedreht hätte ...“

„Hat er aber nicht. Dafür tropft seine Nase jetzt wie ’n undichter Tank.“

„Bist du jetzt wenigstens zufrieden?“ Chris Morris schüttelte mit betrübter Miene den Kopf. „Ich könnte mich ohrfeigen, dass ich ihn nicht nach Barbys Adresse gefragt habe. Vielleicht habe ich wirklich was versäumt.“



3

Sie hatten Milwaukee hinter sich gelassen, und Chris Morris brummte gemütlich vor sich hin. Sein Gesicht war nun endlich friedlich. Immer wenn er ein bisschen Dampf ablassen konnte, fühlte er sich bedeutend besser. Das war nun mal seine Natur. Sie hatte ihn schon häufig in Unannehmlichkeiten schlittern lassen, aber mindestens genauso oft war es ihm mit ihrer Hilfe gelungen, sich gegen Schwierigkeiten durchzusetzen.

Jim Stonewall beobachtete seinen Partner von der Seite. Einmal mehr freute er sich, dass er gerade mit ihm gemeinsam auf dem Bock saß. Er hätte es erheblich schlechter erwischen können. Er wusste, dass in manchen Truckerkabinen Männer nebeneinander sitzen mussten, sie sich auf den Tod nicht ausstehen konnten. Ihre Verträge mit der Frachtgesellschaft, für die sie fuhren, brachten das mit sich.

Er hatte es da besser. Er war selbständig, und er hatte sich seinen Kumpel selbst aussuchen können. Wenn es auch zwischen ihnen hin und wieder einmal krachte, so hinterließen die seltenen Gewitter regelmäßig eine gereinigte Atmosphäre.

Leise Musik tönte aus dem Lautsprecher des Radios, während der knallrote M.A.N. mit seinem silberglänzenden Auflieger nach Südwesten donnerte. Die Fahrerkabine war gegen die Motorengeräusche ausgezeichnet isoliert, ein Vorzug des deutschen Trucks, um den manche Kollegen sie insgeheim beneideten, wenn sie es auch selten eingestanden.

Ja, Jim und Chris hatten es bis auf den heutigen Tag nicht bereut, zugegriffen zu haben, als sich im Hafen von New York City die Gelegenheit bot, diese Zugmaschine zu ersteigern. Sie hatten sich in kritischen Situationen schon auf sie verlassen können.

Jim machte sich auf eine leidlich geruhsame Fahrt gefasst. Sie hatten Ford-Motoren geladen, die für ein Montagewerk in Oklahoma City bestimmt waren. Keine leicht verderbliche Fracht also, und die Strecke war auch nicht besonders kritisch. Alles gut ausgebaute Straßen. Ein paar Kurven, hier und da ein Gefälle oder auch mal eine Steigung, aber das alles stellte ihren M.A.N. vor keine Probleme. Besonders zu beeilen brauchten sie sich eigentlich auch nicht, obwohl sie schon mehr Zeit verloren hatten, als vorgesehen gewesen war. Wenn sie morgen Abend ihr Ziel erreichten, war das völlig in Ordnung. Aber wenn sie Glück hatten, hatte die Milbert Freight Agency in ihrem Zielort noch eine kleine Fuhre nach Texas hinunter für sie. Dann brauchten sie nicht leer nach Austin zu fahren, wo sie anschließend einen Auflieger mit Rinderhäuten übernehmen wollten.

Es war also doch von Vorteil, wenn sie nicht zu sehr bummelten. Da aber die Aussicht, dass der eventuelle Lückenfüller sie ausgerechnet in die Nähe von Austin bringen würde, recht gering war, ging die Welt nicht unter, wenn es damit nicht klappte.

Jim lehnte sich zurück und verschränkte die Hände hinter seinem Hals. Er fühlte sich prächtig. Die vertrauten Geräusche, die Chris beim Schalten verursachte, waren für ihn fast schöner als die Melodie, die aus dem Radio erklang.

Doch plötzlich war da ein anderes, ungewohntes Geräusch, und das gefiel Jim Stonewall ganz und gar nicht. Wie elektrisiert schoss er von seinem Sitz hoch und starrte Chris an.

„Was ist los?“

Chris warf ihm nur einen flüchtigen Blick zu. Auch sein Gesicht war nicht mehr so friedlich wie noch vor Sekunden. Es wirkte angespannt und konzentriert. Natürlich hatte er die Gefahr ebenfalls erkannt.

„Dürfte ’n Reifen sein“, knurrte er ärgerlich.

Er zog den Truck auf die rechte Seite, doch bevor er ihn noch völlig zum Stehen brachte, wurde seine Befürchtung durch einen Laut bestätigt, der sich wie der Knall einer Büffelpeitsche anhörte.

„So ’n Mist!“, fluchte Chris. „Jetzt können wir Leibesübungen machen.“

Er betätigte die Feststellbremse und stellte den Motor ab. Er schaltete die Warnblinkanlage ein und folgte Jim, der die Fahrerkabine schon verlassen hatte und nach hinten gelaufen war, um sich den Schaden zu besehen.

Es sah übel aus. Vom rechten, hinterer Reifen des Aufliegers war die Lauffläche regelrecht abgesprengt. Der Unterbau war ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen. Es war ein Wunder, dass nicht auch noch der innere Zwilling hatte dran glauben müssen.

Jim ballte die Fäuste.

„An diesen Anblick werde ich mich wohl nie gewöhnen“, knurrte er. „Dabei haben wir noch Glück gehabt. Ein paar Minuten später, und es hätte uns schlimmer erwischen können. Da kommt so eine gemeine Gefällestrecke, auf der ich gerne alle achtzehn Reifen komplett haben möchte.“

Für diese Art von Glück konnte sich Chris nicht begeistern. Er zeigte auf eine Stelle und fauchte. „Damit muss vor uns einer wie ein Idiot gefahren sein. Schau dir das an! Der Reifen hat schon längst einen Hieb weggekriegt. Von außen war ihm das nicht anzusehen. Sollte mich nicht wundern, wenn so ein Kraftprotz wie dieser Col das verzapft hat.“

Er lief nach hinten, um das liegengebliebene Fahrzeug zusätzlich abzusichern. Sie hatten sich zwar für eine Straße mit minimalem Verkehr entschieden, aber gerade deshalb rechneten wohl auch die anderen nicht mit einem Hindernis, und wenn ihnen hinten einer draufknallte, war die Schererei erst komplett.

Jim holte inzwischen den Wagenheber und das übrige Werkzeug. Ein Radwechsel gehörte zu den Routinetätigkeiten eines Truckers. Diesmal aber hätte er böse ausgehen können. Das sah man schon daran, dass der Auflieger gefährlich schräg stand. Nur gut, dass nicht gerade jemand überholt hatte.

Er legte die Unterlegkeile vor die Räder, obwohl an dieser Stelle der Straße ein Wegrollen des Fahrzeugs nicht zu befürchten war. Bis Chris zurückkam, hatte er schon die Befestigungsschrauben für das Reserverad gelöst, das sich in einer Halterung unter dem Auflieger befand. Gemeinsam wuchteten sie es heraus und rollten es nach hinten. Jim löste die Radmuttern und fluchte dabei erbärmlich. Irgendein Kraftprotz hatte sie scheinbar beim letzten Radwechsel festgeschweißt.

Chris kroch unter den Auflieger und brachte den hydraulischen Wagenheber an der Achse in Position. Dabei traf ihn fast der Schlag.

Jim hatte seinen Freund schon oft wütend erlebt, aber was er diesmal zu hören bekam, überstieg das übliche Maß beträchtlich.

„Das gibt’s doch nicht!“, stöhnte er, nachdem er sich wieder einigermaßen gefangen hatte. „Das darf doch ganz einfach nicht wahr sein.“

„Hast du Probleme mit dem Wagenheber?“, wollte Jim wissen.

„Quatsch nicht dämlich rum!“, erwiderte der Jüngere grob. „Schau dir die Schweinerei lieber selbst mal an!“

Jim Stonewall unterbrach sein Gewürge an den Radmuttern und schob seinen Kopf an dem Reifenpaar vorbei. Auch er prallte zurück. Es war offensichtlich, worauf Chris anspielte. Dort, wo sich üblicherweise die Bremszylinder befanden, war nichts. Der Auflieger hatte keine Bremsen, jedenfalls keine, die man betätigen konnte. Er glaubte zu träumen. Fassungslos sah er Chris an.

„Ich fange wieder an, an Märchen zu glauben“, stieß er hervor. „So was kann doch gar nicht passieren. Das hätten wir doch merken müssen.“

„Du meinst, ich hätte das merken müssen“, giftete der Jüngere. „Ich habe schließlich nach dem Verbinden der Kupplungsköpfe die Funktion überprüfen müssen.“

„Und? Hast du nicht?“

„Natürlich habe ich“, wütete der andere. „Jedenfalls war ich dabei. Aber dann tauchte dieser Col mit seinen Kraftprotzen auf, und ein gewisser Jim Stonewall hatte es mächtig eilig loszufahren.“

„Also bin ich schuld.“ Jim wurde nun ebenfalls aggressiv.

„Ach, verdammt!“ Chris hieb mit der Faust auf den warmen Asphalt. „Sollen wir uns vielleicht noch gegenseitig die Köpfe einrennen? Es ist nun mal passiert, und wer konnte auch ahnen, dass irgendein mieser Halunke uns die Bremsen wegzaubern würde. Wenn ich den Kerl erwische, brech’ ich ihm ein paar klitzekleine Knochen, die er nötig zum Kopfschütteln braucht.“

„Da brauchst du nicht lange zu suchen. Das war vermutlich der stolze Besitzer dieses Hängers. Der hat gedacht, dass er seine Bremsen am besten schonen kann, indem er sie ausbaut. Was nicht vorhanden ist, kann auch nicht heißlaufen, klar?“

„Aber ich bin vorhanden, und ich laufe mächtig heiß. Was sich der Typ geleistet hat, ist ein Verbrechen. Wenn uns nicht zufällig der Reifen geplatzt wäre, hätten wir gar nichts gemerkt und früher oder später wären uns die Haare zu Berge gestanden.“

„Also ist ’ne Reifenpanne doch zu etwas gut“, meinte Jim und lockerte die restlichen Muttern. Es hatte ja keinen Zweck, hier ewig zu lamentieren. Sie mussten den Zug von der Straße bringen.

„Deinen Humor möchte ich haben. Ich bin stocksauer. Hoffentlich weißt du, was das bedeutet.“

„Und ob!“ Jim nickte ergeben. „Das bedeutet, dass du bis Milwaukee deine Klappe mich mehr zubringen wirst.“

„Bis Milwaukee? Ich höre wohl verkantet? Was, zum Teufel, sollen wir in Milwaukee? Da kommen wir doch gerade erst her.“

„Und dahin werden wir auch wieder zurückfahren“, entschied der Ältere. „Oder willst du die Tour ohne Bremsen fortsetzen?“

„Zurückfahren!“ Chris Morris zerdrückte dieses eine Wort auf der Zunge und ließ es nachklingen, als verstünde er dessen Bedeutung nicht. Umkehr war für ihn etwas, was nicht zu seinem Vokabular gehörte. Mit Rückwärtsfahren verdient man keine Dollars, pflegte er manchmal zu sagen. Dieser Begriff kratzte seine Ehre an. Ungefähr so, als hätte man von einem Blitz auf halbem Wege verlangt, in seine Wolke zurückzukriechen.

„Wir lassen im Werk umladen“, spann Jim seinen Gedanken weiter, „und du kannst gehörig auf die Pauke hauen.“

Die Aussicht mit der Pauke konnte Chris nicht umstimmen, so verlockend sie auch war. Schließlich war er Trucker und fuhr keinen Tretroller. Er ließ sich keine Steine in den Weg legen.

„Der Bursche kriegt schon noch seine Abreibung“, versicherte er genüsslich. „Aber erst bringen wir die Motoren nach Oklahoma City und später die Häute nach Montana. Jetzt wissen wir ja, was mit dem Kübel los ist und können uns darauf einstellen. Die Hauptsache ist schließlich, dass sonst alles okay ist. Lieber fahre ich ein bisschen behutsamer, als dass ich einen ganzen Tag verliere.“

Jim hatte seine Bedenken, aber die hatte er manchmal. Er war eben nicht so impulsiv und draufgängerisch wie sein Partner. Dafür besaß er andere Qualitäten, die nicht zu unterschätzen waren.

Chris Morris wusste, dass Jim eine Weile das Für und Wider gegeneinander abwägen und ihm schließlich doch zustimmen würde. Man musste ihn jetzt nur in Ruhe lassen. Wenn er sich gedrängt fühlte, konnte er ebenfalls einen erstaunlichen Dickschädel zeigen.

„Hast du die Muttern los?“, erkundigte er sich beiläufig.

Jim kroch zurück und drehte die blitzenden Metallstücke von den Bolzen. Verchromte Hutmuttern, dachte er grimmig, aber keine Bremsen! So muss es sein. So stimmt der Laden.

Chris lüftete mit Hilfe des hydraulischen Wagenhebers die Achse ein wenig an, und dann wuchteten sie gemeinsam den zerfetzten, stinkenden Reifen vom Flansch herunter. Sie verstauten den Gummikrüppel in der freigewordenen Halterung unter dem Auflieger und befestigten ihn dort.

„In Beloit halten wir und besorgen uns einen neuen“, erklärte Jim düster.

Chris versteckte ein Grinsen. Beloit befand sich kurz vor der Grenze nach Illinois. Das bedeutete, dass Jim seine Bedenken gegen eine Fortsetzung der Fahrt abgeschüttelt hatte. Sie steckten das neue Rad auf, und Jim zog die Muttern von Hand an. Dann senkte Chris den Wagenheber ab und lief nach vorne, um ihn zu verstauen.

Jim zog nun die Muttern über Kreuz mit einem Drehmomentschlüssel an. Er prüfte den Luftdruck und gab Chris das Zeichen, auf das dieser schon wartete. Der Jüngere rollte den Reifenfüllschlauch aus und schraubte die eine Seite an den Druckregler. Mit der anderen Seite kehrte er zu Jim zurück, der die Ventilkappe bereits entfernt hatte.

Viel Luft fehlte nicht, aber beide wussten, dass der exakte Reifendruck nicht nur den Kraftstoffverbrauch niedrig hielt, sondern dass er sich auch auf das optimale Fahrverhalten auswirkte und nicht zuletzt ihrer Sicherheit diente. Deshalb nahmen sie es in dieser Beziehung sehr genau.

Nach zwanzig Minuten war alles vorbei. Die verlorene Zeit war das kleinere Übel. Viel schlimmer hätte es ausgehen können, wenn Chris schneller dran gewesen wäre.



4

Der Trucker, der aussah wie der kleine Bruder von Belmondo, fuhr nun erheblich vorsichtiger als vor der Panne. Er war gewarnt und absolvierte ein paar Bremsmanöver, als hinter ihm die Straße frei war. Sofort merkte er, dass der ungebremste Auflieger versuchte, die Zugmaschine anzuschieben. Das bewirkte, dass der Zug einzuknicken drohte.

Jim beobachtete ihn misstrauisch.

„Probleme?“, fragte er.

„Ich glaube nicht“, antwortete Chris einsilbig. „Es wird schon klappen. Ich habe ein gutes Gefühl.“

„Das hast du doch nur, wenn du eine Puppe siehst“, zog Jim ihn auf. Damit sprach er ein Thema an, das für Chris unerschöpflich war. Er beleuchtete es mit Begeisterung von allen nur denkbaren Seiten, und daher besserte sich auch diesmal seine Laune auf erstaunliche Weise, was Jim schon im voraus gewusst hatte.

Sie plauderten eine Weile miteinander, doch dann brauchte Chris seine ganze Konzentration. Vor ihnen lag eine teuflische Gefällestrecke, die zuerst schnurgerade verlief und anschließend einen Knick nach links beschrieb. Jetzt musste es sich zeigen, ob er sich verkalkuliert hatte.

Er schaltete vorsichtshalber herunter, und dann begann die Talfahrt, an die die beiden noch lange denken sollten. Anfangs ging noch alles gut. Der RED BARON brauste vorwärts, und Chris ärgerte sich höchstens, dass er nicht mehr Tempo machen durfte. Er hielt sich, da die Überholspur hinter ihm frei war, ziemlich weit links, um die Kurve besser angehen zu können.

Das Gefälle war mit gut funktionierender Bremsanlage mit Leichtigkeit zu nehmen, aber Chris wusste, dass er diesmal darauf nicht bauen durfte. Auf den RED BARON konnte er sich verlassen, aber dahinter raste ein wildgewordener Kübel, der sich nicht mehr aufhalten ließ.

Bei der ersten behutsamen Betätigung des Bremspedals zeigte der Auflieger, welche Wucht in ihm steckte. Immerhin hatte er in seinem viereckigen Bauch nicht Popcorn geladen, sondern Motore, die eine Kleinigkeit wogen. Sofort gab Chris wieder etwas Gas und brachte den Auflieger dazu, sich wieder brav einzuordnen.

Er sah stur geradeaus und nur ab und zu aus den Augenwinkeln in den Rückspiegel. Er vermied es tapfer, Jim einen Blick zuzuwerfen. Er konnte sich lebhaft vorstellen, dass dieser neben ihm fieberte und am liebsten seinen Platz eingenommen hätte. Nichts war für einen Trucker entsetzlicher und nervenaufreibender, als in einer brenzligen Situation nur den Shotgun mimen zu dürfen und keine Möglichkeit zu haben, in das Geschehen einzugreifen.

Er beurteilte Jims Verfassung durchaus richtig. Die Hände des Älteren verkrampften sich zu Fäusten. Sie glaubten, das Lenkrad zu halten und vollführten unwillkürlich, und ohne dass ihr Besitzer es merkte, genau die gleichen Bewegungen, die auch Chris dem Lenkrad mitgab. Sein rechter Stiefel stemmte sich mit aller Gewalt gegen den Teppichboden, ohne dadurch allerdings den 40-Tonner abzubremsen.

Nervös fingerte er sich eine Zigarette aus der Packung in der Hemdtasche und steckte sie sich zwischen die Lippen, ohne sie anzuzünden. Er vermied den Griff zu der zigarettenspendenden Pinup-Puppe auf dem Armaturenbrett, um Chris nicht abzulenken. Dieser tupfte in immer wiederkehrenden Intervallen auf die Bremse, was aber lediglich bewirkte, dass der Lastzug in ein abenteuerliches Schlingern geriet. Die Zugmaschine bremste, der Auflieger scherte aus, die Zugmaschine ruckte wieder an, der Auflieger tänzelte zur anderen Seite. Langsamer wurde das Gefährt dadurch nicht. Und die Kurve kam immer näher!

„Zigarette!“, knurrte Chris.

Erst jetzt merkte Jim, dass er auf seinem kalten Stäbchen herumkaute. Er spuckte es aus und zog ein neues aus der Packung. Nachdem er es in Brand gesetzt hatte, schob er es dem Partner zwischen die Lippen, die sich wie bei einem Reflex anspannten und zu saugen begannen.

Chris konnte ohne seine WEST nicht leben. In einer solchen Situation konnte Jim das sogar verstehen.

Zum Glück war vor ihnen die Straße frei. Auch hinter ihnen blieb der Verkehr zurück, denn nur ein Irrer raste mit fünfzig direkt auf die Bäume zu.

Chris war nicht irre, aber er tat es trotzdem. Ihm blieb nichts anderes übrig. Er hatte sich verschätzt. Eine Ladung Rinderhäute hätte ihn wahrscheinlich nicht in Verlegenheit gebracht, aber mit den verdammten Motoren kam er ziemlich dicht an das höchstzulässige Gewicht heran. Da steckte eine enorme Energie dahinter. Einmal in Schwung gebracht, blieb der Sattelzug freiwillig nicht so schnell wieder stehen.

Jetzt waren sie bis auf hundert Yards an den leichten Knick heran. Hoffentlich stieg die Straße dahinter wieder an, dass sie endlich verschnaufen konnten. Aber erst mussten sie mal dieses so harmlos aussehende Hindernis nehmen.

Chris prüfte seine Chancen. Auf dem Highway wäre ihnen kaum etwas passiert. Seine mörderische Eintönigkeit wäre diesmal ein Vorteil gewesen. Sie hätte ihm die Kurve erspart. Doch sie hatten sich aus gutem Grund für die wenig befahrene, schmale Straße entschieden. Jetzt hatten sie ihren Dreck.

Rechts sauste der Wald an ihnen vorbei. Die Bäume wuchsen immer näher an sie heran, aber wahrscheinlich schien das nur so. Vorn tauchte ein Bus auf. Eine klapprige Kiste, die wohl für den Werksverkehr eingesetzt wurde. Der Fahrer fuhr wie der Henker und bildete sich ein, dass er die ganze Straße gepachtet hätte.

Chris kam ins Schwitzen und zog den M.A.N. noch knapper nach rechts. Ihm war klar, dass in der Kurve der Auflieger einen kleineren Bogen als die Zugmaschine beschrieb. Wenn der Ochse da vorne nicht aufpasste, riss er ihm den Kühler weg und vielleicht noch ein bisschen mehr. Er ließ die Lichthupe aufflammen, aber der Busfahrer antwortete nur mit einem asthmatischen Hupton. Dann kachelte er vorbei und tippte auch noch zu allem Überfluss gegen die Stirn.

Chris wäre ihm am liebsten ins Gesicht gesprungen, doch momentan hatte er andere Sorgen. Auf der rechten Seite schlugen ein paar Äste gegen das Fahrerhaus und signalisierten, dass sie ein noch weiteres Eindringen in ihren Bereich mit Splittern und Beulen belohnen würden.

Jim zuckte unwillkürlich zusammen. Fast hatte es ausgesehen, als wollten ihn die Äste von seinem Sitz fegen. Kein sehr erbauliches Gefühl. Er bildete sich nicht ein, es besser machen zu können als Chris. Der Kumpel bot alle Geschicklichkeit auf, um den heiß geliebten Truck vor größeren Blessuren zu bewahren.

Genau das hatte Chris vor, aber manchmal reichte Geschicklichkeit eben nicht aus. Es gab Dinge, die stärker waren. Ein Auflieger mit Motoren zum Beispiel.

Er presste die Lippen fest zusammen und die Zigarette glühte wie unter plötzlichen Schmerzen auf. Das Lenkrad vibrierte zwischen seinen Fäusten, als er in die Kurve eintauchte und, allen Instinkten zum Trotz, noch eine Spur mehr Gas gab.

Die Reifen des Lastzugs wimmerten gequält auf. Der Auflieger wollte ausbrechen, doch im letzten Augenblick wurde er weitergerissen. Eine mächtige Staubwolke wirbelte auf. Die äußeren Räder touchierten den Randstreifen, und der ganze Truck wurde wie in einem Sturm gebeutelt.

Die Gesichter der Freunde waren steinerne Grimassen. Für einen Moment war die Sicht gleich Null. Chris orientierte sich an dem Mittelstreifen zu seiner Linken. Unerbittlich zwang er das Lenkrad nach links, und der M.A.N. schoss aus der leichten Kurve heraus. Erst jetzt fassten die Reifen wieder griffigen Asphalt.

Der Knick lag hinter ihnen. Zögernd entfernten sich die Bäume von ihnen, aber die Freunde sahen keinen Grund zum Aufatmen. Chris hatte zwar ein Meisterstück geliefert und auf den Truck so feinfühlig eingewirkt, wie er es normalerweise nur bei einer sensiblen Frau tat. Trotzdem gab es keine Belohnung, denn die Höllenfahrt war noch immer nicht zu Ende.

Das Gefälle setzte sich fort, obwohl zu Beginn etwas von drei Meilen auf dem Verkehrsschild gestanden hatte. Dies waren aber offensichtlich drei außergewöhnlich lange Meilen, jedenfalls kamen sie Chris und Jim so vor.

Der knallrote Truck mit seinem silbern glänzenden Trailer, dem man aus der Entfernung seine Hinterhältigkeit nicht ansah, brauste weiter. Durch die Lenkmanöver und die erzwungene Richtungsänderung war das Tempo zwar geringfügig gemäßigter geworden, doch für das Gefälle war es noch immer bedeutend zu hoch.

So versuchte Chris es weiter mit seiner PedalTippMethode und schaffte es tatsächlich, die Geschwindigkeit um ein paar lumpige Meilen herunterzudrücken. Er nahm dafür in Kauf, dass sich der ungebremste Auflieger wie wild gebärdete. Aber wenigstens war keine weitere Biegung in Sicht. Auch die längsten drei Meilen mussten schließlich mal zu Ende sein, und auf gerader Strecke konnte nicht mehr viel passieren. Es sei denn, es platzte wieder mal ein Reifen. Dann allerdings konnten sie sich gratulieren.

Jim fand es zu früh, sich schon zu entspannen. Er blickte zu Chris hinüber, und dieser grinste zurück. Für den Jüngeren war die Geschichte gelaufen. Da er das Steuer im wahrsten Sinne des Wortes selbst in der Hand gehabt hatte, waren seine Nerven auch längst nicht so stark strapaziert worden wie die seines Freundes.

Als sie unter einem Viadukt hinwegdonnerten, verging allerdings auch ihm das siegessichere Grinsen.

„Hat sich denn heute alles gegen uns verschworen?“, teufelte er, während sein Stiefel auf dem Bremspedal einen eigenartigen Takt schlug.

Das hätte er sich denken können. Hinter dem Pfeiler eines Viadukts, besonders wenn er mitten in einem Gefälle stand, befand sich das ideale Versteck für einen Bullen, der jedes Mal Bauchschmerzen kriegte, wenn jemand schneller fuhr als fünfundfünfzig Meilen in der Stunde.

An dieser Stelle brauchte er bestimmt nicht lange zu lauern. Bis zu dem leichten Linksknick fuhren die meisten vermutlich noch nach Vorschrift, doch danach senkten sich mit Sicherheit die Füße auf die Gaspedale, und der Sheriff brauchte nichts weiter zu tun, als abzukassieren.

Auch Jim hatte den Polizisten neben seiner Maschine gesehen, und er wusste im selben Moment, dass sie geblitzt worden waren.

„Wirst du halten können?“, fragte er skeptisch.

Chris nickte wütend.

„Ich kann, aber ich will nicht. Ist es etwa unsere Schuld, dass so ein Idiot die Bremsen seines Aufliegers für Verzierungen gehalten hat, die nur stören?“

„Wir werden dem Sheriff die Sachlage erklären“, meinte Jim zuversichtlich. „Er muss einsehen, dass es nicht an uns lag, dass wir das Limit überschritten haben.“

Chris lachte kurz auf.

„Das glaubst du doch selbst nicht. Der tönt uns höchstens was von unseren Pflichten vor Fahrtantritt, und damit hat sich’s.“

„Warten wir’s ab!“, meinte Jim. Allerdings nahm auch er mit gemischten Gefühlen die Sirene zur Kenntnis, die in diesem Augenblick hinter ihnen aufheulte und sich rasch näherte.

„Da haben wir den Dreck!“, fauchte Chris. Er kämpfte mit dem Truck, und nur weil die Straße inzwischen geringfügig anstieg, gelang es ihm, ihn so weit abzubremsen, dass der Lastzug ab sofort auf jeden Pedaldruck gehorchte, ohne dass der Auflieger wieder seine Mätzchen machte. Er brachte ihn jedoch noch nicht zum Stehen, denn es fiel ihm nicht ein, jeden Sirenenton ausgerechnet auf sich zu beziehen. Da waren bestimmt andere gemeint.

Sehr diplomatisch war das nicht, denn er hätte sich denken können, dass er den Sheriff dadurch nicht gerade auf seine Seite brachte. Doch in ihm steckte solche Wut, dass er es für besser hielt, sich möglichst spät mit dem Smokey streiten zu müssen. Vielleicht gab der auch die Verfolgung auf, wenn er sah, wie brav der Truck jetzt dahin zuckelte.

An diese Möglichkeit glaubte er allerdings nicht im Ernst. Er kannte diese Typen, denen er die Schuld zuschrieb, falls er irgendwann einmal Gallensteine bekam. Die wollten ihr Opfer, und statt zehn Four Wheeler (PKW) zur Ader zu lassen, begnügten sie sich freudig mit einem einzigen Truck, denn die Hassliebe beruhte nun mal auf Gegenseitigkeit. Ein Trucker war für einen richtigen Smokey genauso ein rotes Tuch wie umgekehrt. Man ließ keine Gelegenheit aus, wenn man dem anderen eins auswischen konnte.

„Sei vernünftig und halte an!“, mahnte Jim. Er sah seine schönen Argumente zunichte werden, weil Chris wieder mal in Rage geriet und nicht nachgeben wollte.

„Jetzt fahre ich!“, schimpfte der jüngere Partner. „Wenn du am Steuer sitzt, rede ich dir auch nicht rein.“

„Du hast auch schon bessere Witze gerissen. Ich könnte dir Beispiele aufzählen.“

„Behalt sie für dich oder langweile den Sheriff damit! Vielleicht ist der zum Lachen aufgelegt. Ich glaube es aber nicht.“

Seine Zweifel waren nicht unbegründet, denn gerade tauchte der motorisierte Verfolger im linken Seitenspiegel auf. Mit puterrotem Gesicht hing er auf seinem Motorrad und schwenkte den rechten Arm wie einen Windmühlenflügel. Seine wulstigen Lippen bewegten sich in einer Tour, wenn die Freunde auch nur die Flüche ahnen konnten, die der Gesetzeshüter unentwegt ausstieß.

Nun gab es kein Versteckspielen mehr. Die Gestik war eindeutig. Die Sirene und die Handzeichen galten ihnen und keinem sonst auf der fast menschenleeren Straße. Ein weiteres auf Sturschalten hätte ihre Lage erheblich verschärft und ihnen nur Nachteile eingebracht.

Zähneknirschend trat Chris auf die Bremse. Er tat das inzwischen derart geschickt, dass es kaum noch auffiel, dass lediglich die Zugmaschine über funktionierende Bremsen verfügte. Allerdings kam ihm dabei der Umstand entgegen, dass das Gefälle nun endgültig hinter ihnen lag.

Er lenkte den M.A.N. rechts heran und setzte sein harmlosestes Gesicht auf. Die Grimasse, die der Polizist zog, ließ ihn aber sofort erkennen: Bei dem zieht kein Theater. Dem bist du mit Karacho durch die Erdnussbutter gefahren. Der versteht keinen Spaß!



5

Sheriff Brigger war an diesem Morgen mit dem verkehrten Fuß zuerst aufgestanden. Das hatte bereits seine Frau zu spüren bekommen, die jedoch schon zu lange mit ihm verheiratet war, um sich noch etwas gefallen zu lassen. Es hatte also unter dem häuslichen Dach tüchtig gescheppert, und Brigger war mit einer Stinklaune zum Dienst gefahren. Der Erste, der ihm unterwegs begegnete, war ausgerechnet der schwarze Neufundländer der Palmers gewesen. Die Palmers hatten keine Kinder, dafür aber besagten Hund, den sie mit ihrer ganzen Liebe und Fürsorge bedachten, was Brigger, der Tiere nicht ausstehen konnte, fast zur Weißglut trieb.

Dass ihm an diesem verpatzten Morgen ausgerechnet der vierbeinige Elvis über den Weg lief, passte ihm prima. An dem Tier konnte er sich abreagieren, ohne dass dabei jemand zu Schaden kam. Brigger befand sich in einer Verfassung, in der ihn buchstäblich alles ärgerte und auf die berühmte Palme brachte. Die beiden glänzenden Hundeaugen, die ihn treuherzig anblickten, als er auf seiner Dienstmaschine auf ihn zu brummte, taten ein Übriges. Sie sahen so zufrieden aus, dass das als reine Provokation aufgefasst werden musste.

Der erzürnte Gesetzesmann hielt genau auf den Neufundländer zu, der harmlos vor einem weißgestrichenen Gartenzaun hockte und darauf wartete, dass die Sonne endlich hinter den Linden hervorkam, um sich in seinem Fell zu verkriechen.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738926194
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v458244
Schlagworte
meilen hölle ps-jim

Autor

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Titel: Mit 70 Meilen in die Hölle: 320 PS-Jim 10