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Die Raumflotte von Axarabor #62: Das Rätsel der verschwundenen Kolonie

2018 78 Seiten

Leseprobe

Das Rätsel der verschwundenen Kolonie

Die Raumflotte von Axarabor - Band 62

von Bernd Teuber


Der Umfang dieses Buchs entspricht 82 Taschenbuchseiten.


Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Ein unbekanntes Signal führt die Besatzung der SALACIA zu einem fremden Planeten. Kurz darauf bricht der Kontakt zu dem Schiff ab. Sämtliche Versuche, ihn wieder herzustellen, scheitern. Ist die SALACIA in eine Falle geraten?



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Die knapp fünfzig Mann Besatzung an Bord des leichten Kreuzers SALACIA befanden sich nicht gerade in fröhlicher Stimmung. Das lag daran, dass die SALACIA Patrouillendienst flog, der ziemlich eintönig verlief. Der Kommandant des einhundert Meter durchmessenden Schiffs, Captain Val Granger, hatte den Auftrag erhalten, jede ungewöhnliche Beobachtung sofort zu melden, selbst wenn sie ihm unwichtig erscheinen sollte. Der Befehl kam direkt vom Hauptquartier auf Axarabor.

Nach Grangers Meinung war der Befehl so abgefasst, dass sie sich praktisch um alles kümmern sollten, selbst um die die geringfügigste Abweichung. Zudem bestand sein Auftrag darin, verdächtige Schiffe am Rand des Quadranten sicherzustellen. Die Regierung des gewählten Hochadmirals von Axarabor wollte sich gegen einen plötzlichen Überfall absichern. Die SALACIA flog ihre einsame Route mit gedrosselter Geschwindigkeit. Als Captain Granger die Kommandozentrale betrat, erhob sich Commander Greg Fesser von seinem Platz und nickte ihm zu.

„Alles klar“, sagte er. „Schiff bereit zur Kommandoübernahme.“

Granger hatte die letzten Stunden in seiner Kabine verbracht und geschlafen.

„In Ordnung, Commander“, sagte Granger zu Fesser. „Sie können sich jetzt zurückziehen.“

„Dieser Sektor des Raums ist vollkommen ruhig“, berichtete Fesser. „Ich schätze, dass wir auf keine Probleme stoßen werden.“

Seinem Gesicht war anzusehen, dass er seine Worte gern widerlegt bekommen hätte. Fesser verließ die Zentrale, während der Captain auf seinem Sitz Platz nahm und zum Panoramabildschirm hinüberblickte. Dort gab es nur die Schwärze des Alls und das Funkeln der Sterne zu sehen. Außer dem Captain hielten sich weitere acht Besatzungsmitglieder in der Zentrale auf. Da die SALACIA am Rand des Reiches von Axarabor Kontrollen flog, waren alle Geschütze einsatzbereit.

Granger lehnte sich weit in den Sitz zurück und holte tief Luft. Die glitzernde Pracht der Sterne kam ihm in diesem Augenblick weit weniger erhellend vor, als es sonst der Fall war.

„Energieortung in Sektor dreiundfünfzig!“, rief Korporal Sabee vom Ortungsbildschirm zu ihm herüber.

Granger sprang auf. Sabee zeigte mit dem Finger auf den Monitor. Sein scharfes Gesicht verlieh ihm ein würdevolles Aussehen. Granger trat hinter Sabee.

„Aber das ist doch ...“

„Was ist los, Korporal?“, erkundigte sich Granger. „Kommen Sie nicht damit zurecht?“

„Captain, diese Energieortung, die wir registriert haben, stammt nicht aus diesem Quadranten, sondern aus Sektor dreiundfünfzig“, stammelte Sabee.

„Wo liegt Sektor dreiundfünfzig?“, fragte Granger, obwohl er die Antwort kannte.

„Außerhalb des uns bekannten Raumes. Es kann sich nur um das Yegbal-System handeln. Die Ortung ist nicht aufschlussreich auf diese Entfernung.“

Granger erinnerte sich an seinen Auftrag, jede Begebenheit, und sei sie noch so unwichtig, an das Hauptquartier zu melden. „Hyperfunkverbindung nach Axarabor“, befahl er dem Kommunikationsoffizier.

Der Mann beeilte sich, dem Befehl nachzukommen. Granger presste seine Hände nervös gegeneinander, das sicherste Zeichen für seine starke Erregung. Mit schnellen Bewegungen ließ der Kommunikationsoffizier seine Finger über die Tastatur der Konsole gleiten. Granger wartete ergeben, bis die Verbindung zustande kam.

„Sie können jetzt sprechen“, sagte Fähnrich Zane Kerik schließlich.

„Hier Leichter Kreuzer SALACIA auf Patrouille“, meldete er sich. Er wiederholte es dreimal, dann kam der Gegenimpuls.

„Hauptquartier Axarabor“, sagte eine nüchterne Stimme.

Granger berichtete in kurzen Worten, was geschehen war.

„Halten Sie es für möglich, dass eine Sonne der Urheber ist?“

„Dafür war der Impuls zu schwach.“

„In Ordnung. Fliegen Sie mit Ihrem Schiff sofort nach Sektor dreiundfünfzig und finden Sie heraus, was dort im Gange ist. Erstatten Sie dann umgehend Bericht.“

„Gut“, erwiderte Granger.

„Aber riskieren Sie nichts, wenn sich herausstellt, dass Sie es mit fremden Schiffen zu tun haben. Sie erfüllen lediglich eine Beobachtungsaufgabe. Wir sind dort unbefugt. Ende.“

„Ende“, wiederholte Granger. Dann wandte er sich an den Navigator. „Setzen Sie Kurs auf Sektor dreiundfünfzig.“

„Sofort, Captain!“

Die Triebwerke der SALACIA begannen zu dröhnen. Das Schiff verschwand in der Zwischenzone, um die wenigen Lichtmonate rasch überwinden zu können. Auf dem Panoramabildschirm wirbelten Schleier. Nach all den Jahren war der Hyperraum immer noch nicht ganz erforscht. Es gab Unmengen hypermathematischer Berechnungen. Man kannte die Reaktion beim Eindringen eines Raumschiffs und man wusste ihn als Transportmedium für überlichtschnelle Reisen zu nutzen. Dennoch waren sämtliche Forschungen nie über die Erscheinungsform zum eigentlichen Wesen vorgedrungen.

Von der Besatzung der SALACIA machte sich im Augenblick niemand Gedanken darüber. Alle Bemühungen waren nur darauf gerichtet, das Schiff möglichst schnell zur Quelle jenes geheimnisvollen Signals zu bringen. Der Übergang kam so abrupt wie immer. Während das laute Dröhnen der Triebwerke leiser wurde, verwandelte sich die Umgebung von einer Sekunde auf die andere. Die Schleier und Wirbel auf dem Bildschirm machten einer atemberaubenden Sternenfülle Platz.

Gleichzeitig verschwand das Signal. Captain Granger stand vor der Drei-Dimensionalen Projektion der Sternenkarte und betrachtete die rote Linie, die in fast regelmäßigen Abständen von blauen Kreisen unterbrochen wurde. Rot zeigte den automatisch markierten Kurs an, während die blauen Kreise die Koordinaten markierten, an denen sich der Navigator orientierte. Captain Granger drückte einige Tasten auf der Konsole unterhalb der Projektion. Eine helle, flimmernde Linie durchzog von schräg oben her die Darstellung und blieb am bisherigen Endpunkt der Kursmarkierung stehen.

Verständnislos schüttelte er den Kopf. Eigentlich mussten sie das Ziel längst erreicht haben. Die Linie wanderte weiter und blieb an einem Punkt stehen, bei dem es sich augenscheinlich um eine kleine, gelbe Sonne handelte. Und dort in der Nähe musste sich die Quelle des Signals befinden. Aber er wusste auch, dass sie immer mehr in ein Gebiet vordrangen, das sich durch eine große Sternendichte auszeichnete. Dadurch wurde die Orientierung erheblich erschwert. Das Signal war nicht an einen bestimmten Empfänger gerichtet. Es konnte auch von unzähligen anderen Schiffen empfangen werden. Unter Umständen würde man am Zielort noch andere Interessenten antreffen, doch daran lag Captain Granger absolut nichts.

Er wandte sich dem Panoramabildschirm zu. In der Mitte strahlte eine gelbe Sonne vor einem Hintergrund heller Sterne, die wie Perlen auf schwarzem Samt wirkten. Die Sonne war ein glühender Gasball mit einem Durchmesser von 1,2 Millionen Kilometer. Verglichen mit anderen Sonnen war sie nur ein sehr schwaches Licht. Im Inneren herrschten Temperaturen von rund 10 Millionen Grad. Die Oberflächentemperatur lag bei etwa 6000 Grad. Die Zusammensetzung der Materie bestand zu 75 Prozent aus Wasserstoff, dem eigentlichen Brennmaterial der Sonne, und rund 25 Prozent aus Helium. Alle anderen Elemente machten nur den Bruchteil eines Prozents aus.

Der Offizier am Ortungsbildschirm benötigte nur wenige Sekunden, um eine neue Peilung vorzunehmen, dann stand fest, dass das Signal von einem noch unsichtbaren Punkt in unmittelbarer Nähe der Sonne kam. Während die SALACIA beschleunigte, war die Besatzung in der Kommandozentrale von einer unerträglichen Spannung erfüllt. Was würde man vorfinden? Und wen würde man als Urheber des Signals antreffen?

Als das Schiff das Ziel erreichte, wurde ersichtlich, wie präzise der Navigator gearbeitet hatte. In nur anderthalb Millionen Kilometer Entfernung schwebte ein Planet. Soweit Captain Granger das beurteilen konnte, handelte es sich um eine Welt mit Sauerstoffatmosphäre. Unter einem fahlblauen Himmel breitete sich eine von Gras, Busch und Wald bewachsene Hügellandschaft aus. Der Planet hatte einen Durchmesser von 12140 Kilometern. Die Schwerkraft betrug 8,01 Gravos. Die Rotationsdauer lag bei 26,2 Stunden. Die mittlere Temperatur betrug etwa 23 Grad.

Granger starrte ungläubig auf den Panoramabildschirm. „Sind Sie vollkommen sicher, dass das Signal von diesem kleinen Planeten kommt?“

„Vollkommen sicher“, antwortete der Kommunikationsoffizier. „Laut Datenbank handelt es sich den Planeten Aridia. In der Datenbank ist wenig Material von einem Spähflug.“

Granger schüttelte den Kopf. Für ihn war das unbegreiflich. Erschüttert dachte er an die Möglichkeit, dass es sich vielleicht um eine Falle handelte. Er ließ den Planeten nach energetischen Streuimpulsen abtasten, wie sie von bewaffneten Stützpunkten und ähnlichen Installationen erzeugt wurden. Doch das Einzige, was die Sensoren registrierten, war eine Gebäudeansammlung mit hoher Wahrscheinlichkeit axaraborianischer Herkunft.

„Versuchen Sie, eine Verbindung zu bekommen.“

Der Kommunikationsoffizier betätigte einige Tasten auf seiner Konsole. Mehrmals versuchte er, Kontakt mit der Quelle aufzunehmen, von der das Signal stammte, jedoch ohne Erfolg.

„Ich habe es auf sämtlichen Frequenzen probiert“, meldete Kerik. „Aber es meldet sich niemand.“

Granger biss sich auf seine Unterlippe. Was sollte er tun? Das Hauptquartier informieren? Er entschloss sich dagegen. Zuerst wollte er herausfinden, woher die Energieortung stammte.

„Lassen Sie eine Landefähre startklar machen“, sagte er zu dem Kommunikationsoffizier. „Ein Einsatzteam soll sich mal dort unten umsehen.“

„Sofort, Captain!“

Im nächsten Moment lief eine schwere Erschütterung durch das Schiff. Der Panoramabildschirm leuchtete rot auf. Energieentladungen peitschten an der SALACIA entlang, versuchten, den Rumpf zu durchdringen und in einen Glutball zu verwandeln. Woher diese Entladungen kamen, konnte zunächst niemand sagen. In diesen Sekunden gab es Bord aber auch niemanden, der sich darüber Gedanken machte. Jetzt ging es ums Leben. Ungeheure Gravitationskräfte zerrten das Schiff näher an den Planeten heran.

Rings um das Schiff tobten irrlichternde Orkane. Ein gewaltiger Energiestrahl umhüllte die SALACIA, ignorierte die Schubleistung der laufenden Triebwerke und zog das Schiff immer näher an den Planeten heran. Die Beschleunigung war sehr hoch. Trotzdem gelang es der automatischen Andruckneutralisierung, die entstehenden Behaarungskräfte zu absorbieren. Das Schiff wurde immer schneller. Der Fangstrahl ließ sich auch nicht abwehren, als der Navigator den Schutzschirm aufbauen wollte. Die Energiegeneratoren fuhren kurz hoch und schalteten sich dann wieder ab. Hastig betätigte der Navigator mehrere Tasten auf der Steuerkonsole.

Captain Granger achtete nicht mehr auf die eingehenden Computerdaten der Sensoren. Das Aufspüren von fremden Welten und die Auswertung der physikalischen Bedingungen waren eine Routineangelegenheit. Gleichzeitig versuchte er zu analysieren, was hier geschah. Es gab zwei Möglichkeiten. Wenn unbekannte Mächte planten, den Ankömmling auf der Oberfläche des Planeten zerschellen zu lassen, so gab es keine Rettung mehr. Die Triebwerke liefen nach Betätigung der Notschaltung mit voller Gegenschubleistung. Trotzdem wurde der stählerne Körper nicht langsamer. Der energetische Aufwand des Fangstrahls war wesentlich stärker.

Die zweite Möglichkeit, die Captain Granger als wahrscheinlicher einstufte, bestand in dem Versuch, die SALACIA mit hoher Fahrt heranzuholen, sie im letzten Moment zu stoppen und sie zur weichen Ladung zu zwingen. Darin sah er die einzige Chance. Er gab es auf, weitere Überlegungen anzustellen. Wenn die Zugkräfte nicht von selbst nachließen, musste in spätestens fünf Minuten der vernichtende Aufschlag erfolgen. Nur für einen Augenblick spielte er mit dem Gedanken, die Mannschaft mit den Landefähren aus dem Schiff zu schleusen. Er verwarf ihn wieder. Für eine Evakuierung war es mittlerweile zu spät.

Sein ursprünglicher Plan, den Planeten zu beschießen und damit auch die Kraftstation zu zerstören, war nicht mehr durchführbar. Die SALACIA war schon zu nahe an Aridia herangekommen. Da sich der Schutzschirm nicht aufbauen ließ, hätte es die Selbstvernichtung bedeutet. Immer schneller raste die SALACIA auf den Planeten zu. Die zunehmende Geschwindigkeit bewies eindeutig, dass man nicht daran dachte, das Schiff und seine Besatzung zu schonen. Der Rumpf glühte, als die SALACIA in die äußeren Schichten der Atmosphäre eindrang.

Als das Flackern auf dem Panoramabildschirm verlosch, war der Boden greifbar nahe. Das Schiff schlug auf. Eine gigantische Fontäne aus Erde und Steinen schoss vor dem Bug empor. Die Männer und Frauen in der Zentrale wurden durch die Luft geschleudert. Schreie ertönten, vermischten sich mit einem lauten Krachen. Konsolen wurden aus ihren Verankerungen gerissen. An mehreren Stellen brach Feuer aus. Captain Granger wurde zu Boden gewirbelt. Er klammerte sich am Sockel eines Sessels fest. Etwas traf ihn am Kopf. Granger wurde schwarz vor Augen. Gleich darauf verlor er das Bewusstsein. Das Schiff war schwer aufgeschlagen und hatte sich etwas nach links geneigt. Es wurde still. Die Triebwerke verstummten.



2

„SALACIA, bitte melden!“, rief der diensthabende Offizier ins Mikrofon. „SALACIA, bitte melden!“

Als keine Antwort erfolgte, versuchte es der Offizier auf allen anderen Kanälen und rief nach der Besatzung der SALACIA.

Vergeblich!

Einige Minuten lang zögerte er, in der Hoffnung, die Vermissten würden sich doch noch melden. Aber dann, als er einsah, dass alle Hoffnung vergebens war, informierte er seinen Vorgesetzten.



3

Captain Val Granger wusste nicht, wie lange er bewusstlos gewesen war, aber es konnten nur ein paar Minuten gewesen sein. Der penetrante Geruch von verbrannten Isolierungen hing in der Luft. Er lag auf dem Rücken inmitten eines Trümmerfelds. Langsam richtete er sich auf. Vereinzelt hatten sich kleine Brandherde gebildet. Im Licht der zuckenden Flammen registrierte Granger, dass er und die Leute in der Zentrale noch lebten. Nur das war wichtig. Ebenso gefasst stellte er fest, dass es eine Rückkehr nach Axarabor nicht mehr geben konnte.

Während er auf die Füße kam, fiel sein Blick auf den Panoramabildschirm. Er war dunkel und von zahlreichen Sprüngen durchzogen. Die Gestalten, die bisher zwischen den Konsolen oder am Boden gelegen hatten, stemmten sich langsam in die Höhe. Er half einem der Männer auf die Füße und empfand dankbare Erleichterung, als er feststellte, dass keiner von ihnen ernsthaft verletzt war. Sie hatten das Bewusstsein verloren, weil sie mit dem Schädel hart aufgeschlagen waren. Er griff dem noch halb bewusstlosen Fähnrich Zane Kerik unter die Achseln und zerrte ihn aus der Enge wischen zwei umgestützten Konsolen.

Granger legte ihn flach auf den Boden, sodass er sich in bequemer Lage erholen konnte. Mittlerweile waren alle Männer und Frauen in der Zentrale wieder auf den Beinen. Granger ging hinüber zum Kommunikationsgerät und überprüfte die Funktionsfähigkeit. Natürlich war es unmöglich, eine Verbindung mit Axarabor aufzunehmen. Er hatte auch nichts anderes erwartet. Aber die interne Kommunikation funktionierte noch. Er betätigte die Sprechtaste auf der Konsole. Seine Stimme war nun im ganzen Schiff zu hören.

„Hier spricht Captain Granger. Wir sind der Vernichtung durch einen Fangstrahl knapp entkommen. Und wir haben teuer dafür bezahlt. Die SALACIA ist manövrierunfähig. Wir befinden uns auf der Oberfläche von einer Welt namens Aridia. Wer immer uns zu dieser Landung gezwungen hat, wird versuchen, an uns heranzukommen. Ich möchte niemandem falsche Hoffnungen machen. Die Lage ist ernst. Aber solange wir koordiniert handeln können, sind wir nicht verloren. Auf Axarabor weiß man, wo wir uns befinden. Es wird also nicht lange dauern, bis wir gerettet werden. Bis dahin müssen wir das Beste aus unserer Situation machen. Als aller erstes werden wir die SALACIA verlassen. Ich weiß im Augenblick noch nicht, wie groß die Schäden sind, aber unter Umständen besteht die Gefahr, dass das Schiff explodiert. Sämtliche Besatzungsmitglieder begeben sich sofort zum Haupthangar. Nehmen Sie so viel Proviant und Ausrüstung mit, wie Sie tragen können. Wir wissen alle, was auf dem Spiel steht. Es nicht damit abgetan, das wir einen Weg aus dem Schiff finden, sondern wir müssen auch auf dem Planeten überleben. Die Regierung des gewählten Hochadmirals muss von dem Zwischenfall Kenntnis erhalten. Dieses Schiff und seine Besatzung sollten vernichten werden. Warum, weiß ich nicht, aber unter Umständen kann es eine Gefahr für Axarabor bedeuten. Ende.“

Abermals betätigte er die Sprechtaste und schaltete die interne Kommunikation aus. Dann wandte er sich an die Männer und Frauen in der Zentrale.

„Sie haben es gehört“, rief er mit harter Stimme. „Wer sich noch schlapp fühlt, sieht zu, dass er so schnell wie möglich auf die Beine kommt. Wir verschwinden von hier.“

Captain Granger übernahm die Führung. Die Männer und Frauen schlossen sich ihm an. Aufgrund des Stromausfalls musste die Tür der Kommandozentrale manuell geöffnet werden. Der dahinterliegende Gang war mit Trümmern übersät. Während sie über die Hindernisse kletterten, schlossen sich ihnen immer Besatzungsmitglieder an. Einige hatten Handscheinwerfer. Das Schiff erwachte zum Leben. Captain Granger ließ sich immer wieder die Ereignisse durch den Kopf gehen, die sich während der letzten Minuten abgespielt hatten. Er versuchte sich ein Bild von den Kräften zu machen, die mit einem Schiff wie der SALACIA Ball gespielt hatten.

Durch Deckenluken gelangten sie in die unteren Etagen des Schiffes. Hier waren die Verwüstungen noch weitaus schlimmer als in den oberen Bereichen. In einem Seitengang erfolgte eine Explosion. Rauchschwaden behinderten kurzzeitig die Sicht und erschwerten das Atmen. Einige tote Männer lagen im Weg. Captain Granger wäre beinahe über sie gestolpert. Kurz darauf erfolgte eine weitere Explosion. Der Gang begann zu beben. Der Boden wölbte sich auf. Metallteile fielen von der Decke herab.

„Beeilung!“, rief Granger. „Wir müssen hier raus, bevor uns das Schiff um die Ohren fliegt.“

Der Gang, durch sie rannten, schien endlos zu sein. Immer wieder dröhnten Explosionen. Die SALACIA war dem Untergang geweiht. Und es schien noch nicht einmal sicher, ob sie überhaupt noch lebend hier herauskamen. Trotzdem rannten die Männer und Frauen immer weiter. Schließlich mündete der Gang in einem Raum von etwa zehn Meter Durchmesser. Hier befanden sich noch weitere Besatzungsmitglieder. Einer deutete nach oben und leuchtete die Decke ab. Breite Risse zogen sich durch das Metall. Sie vergrößerten sich immer mehr. Es war nur noch eine Frage von wenigen Minuten, bis die Decke herunterkam.

Die Flüchtenden verließen den Raum durch eine offenstehende Tür in der gegenüberliegenden Wand. Hinter ihnen stürzte die Decke ein. Der Rückweg war abgeschnitten. Aber auch der Gang, durch den sie flohen, wurde nach wenigen Metern von Trümmerstücken versperrt. Mit vereinten Kräften gelang es ihnen, die Hindernisse so weit beiseite zu räumen, dass sie sich durch die entstandene Lücke zwängen konnten. Gleich darauf erfolgten zwei heftige Explosionen hintereinander. Innerhalb von wenigen Sekunden war der Gang von Rauchwolken eingehüllt. Die Temperatur erhöhte sich sprunghaft.

Plötzlich ertönte ein lautes Poltern. Unwillkürlich richteten einige Männer ihre Handscheinwerfer nach oben. In der Decke hatte sich ein breiter Riss gebildet. Staub und Schmutz rieselten herab. Der Riss verbreiterte sich.

„Zurück!“, schrie Granger.

Eine Trümmerlawine stürzte herab. Die Männer und Frauen sprangen zur Seite und pressten sich eng an die Wand. Der Lärm hörte sich an, als sei das gesamte Schiff im Einsturz begriffen, obwohl sich die Katastrophe nur auf ein paar Räume beschränkte. Eine Deckenhälfte schwang wie ein Pendel hin und her. Das Material war so elastisch, dass es der ungeheuren Belastung standhielt. Ungefähr in der Mitte der schwankenden Decke stand eine kleinere Maschine. Jedes Mal, wenn die Decke herunterkam, rutschte das Gerät ein Stück weiter nach unten.

Sofort zog Granger seinen Blaster hervor und feuerte auf die Maschine, bevor sie herabstürzen konnte. Abermals erfolgte eine Explosion. Die Decke hielt der plötzlichen Belastung nicht mehr stand und brach an der schwächsten Stelle ein. Granger presste sich so dicht wie möglich gegen die Wand, um den herabfallenden Trümmern kein Ziel zu bieten. Das Licht der Scheinwerfer war nicht stark genug, um die entstandenen Rauchwolken zu durchdringen.

„Weiter!“, befahl Granger.

Nacheinander kletterten sie über die Trümmerstücke. Das Atmen fiel den Männern und Frauen immer schwerer. Wenn sie nicht bald den Ausgang erreichten, würden sie ersticken. Der Rauch hatte keine Möglichkeit zum Abziehen, weil die Lüftungsanlage ausgefallen war. Zudem erschwerte er die Orientierung. Schließlich gelangten sie zu einem Wartungsschacht, der nach unten führte. Nacheinander kletterten sie die schmalen Metallsprossen hinunter, die in die Wand eingelassen waren.

Nach fünfzig Metern führte der Schacht waagerecht weiter. An seinem Ende gab es eine Tür. Sie ließ sich ohne Schwierigkeiten öffnen. Dahinter lag ein weiterer Gang, der zum Haupthangar führte. Dort wurde der Trupp bereits von den anderen Besatzungsmitgliedern erwartet. Zweiundzwanzig Männer und Frauen hatten den Absturz überlebt. Achtundzwanzig waren tot. Unter ihnen befanden sich auch Commander Greg Fesser und der Bordarzt.

„Wir haben ein Problem“, sagte Leutnant Washburn. „Das Schott lässt sich nicht öffnen.“

„Auch nicht manuell?“, fragte Captain Granger.

„Nein, durch den Aufprall hat es sich verklemmt.“

„Dann müssen wir ein Loch hineinschneiden.“ Er wählte drei weitere Männer aus und zog seinen Blaster. „Versuchen wir es.“

Sie stellten sich vor dem Schott in einer Reihe auf und richteten ihre Waffen nach vorne.

„Los!“, rief Granger.

Sie stellten ihre Blaster auf Dauerfeuer und schossen auf das Schott. Nach wenigen Sekunden begann es, rot zu glühen. Funken sprühten. Die Männer kümmerten sich nicht darum, sondern feuerten ununterbrochen weiter. Sie wussten, dass ihr Ende gekommen war, wenn sie jetzt nicht den Durchbruch schafften. Rauchschwaden bildeten sich. Granger glaubte, groteske Gestalten tanzen zu sehen. Der Sauerstoffmangel rief Übelkeit in ihm hervor. Nur mit Mühe unterdrückte er einen Hustenanfall.

Das Schott glühte immer heller, während es von den Blastern beschossen wurde. Doch es gab keine Explosion. Ein großes Rechteck des zentimeterdicken Stahltors wurde dünn und durchsichtig wie Plastikfolie. Der ganze Vorgang dauerte höchstens eine Minute. Dann kippte das herausgetrennte Metallstück nach draußen.

„Vorwärts!“, befahl Captain Granger.

Wortlos folgten ihm die Männer und Frauen. Allein das Bewusstsein, dass sie vorläufig gerettet waren, ließ sie ihre Erschöpfung überwinden. Auf dem Planeten hatten sie eine Chance zum Überleben. Vielleicht fanden sie irgendwo eine Höhle, in der sie sich vorläufig verstecken konnten. Durch ein drei Meter großes Loch gelangten sie ins Freie. Hinter ihnen wirbelten Rauchwolken empor. Aus dem Innern des Schiffes ertönten immer wieder Explosionen.

Die Besatzung entfernte sich von der SALACIA. Sie blieben möglichst nah beisammen, um sich vor möglichen Angreifern zu schützen. Doch diese Vorsichtsmaßnahme erwies sich als unnötig.

Fähnrich Kerik hustete gequält. „Wir sind müde und hungrig“, sagte er leise zu seinem Nebenmann. „Ich würde keine Wette auf unser Überleben abschließen.“

„Willst du mich mit solchen Worten aufheitern?“, erkundigte sich Sabee.

„Wenn es mir gelingt.“

Nach einer Weile begann er zu husten. „Das halte ich nicht länger aus“, sagte er zu Granger. „Jeder Atemzug bereitet mir Schmerzen.“

„Wir werden bald eine Höhle finden“, sagte der Captain geduldig.

„Ich glaube nicht mehr an Ihre verdammte Höhle!“, schrie Kerik. Er warf den Kasten mit der Notfallausrüstung gegen einen Felsen, an dem er zerschellte.

„Das ist Meuterei, Fähnrich Kerik“, sagte Granger ruhig.

„Ich kehre um“, verkündete Kerik. „Ich gehe zum Schiff zurück und bleibe dort, bis uns die Suchmannschaft findet.“

„Das Schiff kann jeden Moment explodieren“, erwiderte Granger. „Außerdem erlaube ich Ihnen nicht, diese Gruppe zu verlassen.“ Er überlegte einen Augenblick, dann fügte er hinzu: „Übergeben Sie Leutnant Washburn Ihre Waffe.“

Die Blicke der anderen Besatzungsmitglieder richteten sich auf Keriks verzerrtes Gesicht. Der junge Mann gehörte erst seit wenigen Wochen zur Besatzung der SALACIA. Er hatte gerade erst seine Ausbildung abgeschlossen. Daher war es nur allzu verständlich, dass er die Nerven verlor. In seinen Augen spiegelte sich Todesangst. Die Finger seiner rechten Hand berührten den Griff des Blasters. Sofort trat Sabee an ihn heran, entriss ihm die Waffe und gab sie Washburn.

„Leutnant Washburn, achten Sie darauf, dass Fähnrich Kerik bei uns bleibt“, befahl Granger.

Kerik ergab sich in sein Schicksal. Schweigend setzte der Trupp seinen Marsch fort. Jeder fragte sich, was in Keriks Gedanken vor sich ging. Er hatte sich anscheinend damit abgefunden, dass ihre Situation hoffnungslos war. Die Einstellung musste zwangsläufig zu Streitigkeiten führen. Es war nicht sicher, ob sich eine solche Meuterei auf Kerik beschränken würde. Der junge Fähnrich war nur die Flamme eines dicht unter der Oberfläche schwelenden Brandes, die frühzeitig emporloderte.

Und vermutlich lauschten andere Besatzungsmitglieder in sich hinein, ob sie etwas von dem Feuer der Rebellion in sich spüren konnten, aber bei den meisten waren vermutlich nur Unsicherheit und der feste Wille, die Befehle des Captains zu befolgen. An die Möglichkeit, dass Granger aufgeben würde, glaubte niemand, denn der Mann besaß eine stabile Persönlichkeit. Sein Charakter war in unzähligen Einsätzen geformt worden, wie ein Stein, der ständig einer reißenden Strömung ausgesetzt ist, allmählich eine gewisse Form annimmt und sie nicht mehr verliert.

Nach einer halben Stunde ließ Granger anhalten.

„Das Gelände wird uneben“, stellte er fest. „Wir kommen jetzt in bergiges Land. Unsere Chance, hier eine Höhle zu finden, wird hier größer.“

Und tatsächlich sollte er recht behalten. Nachdem sie eine Viertelstunde marschiert waren, entdeckte er an einem schroffen Felsen einen Spalt. Sie untersuchten ihn. Es war der Eingang einer geräumigen Höhle. Mithilfe ihrer Waffen vergrößerten sie den Zugang.

„Schafft zuerst Fähnrich Kerik hinein!“, ordnete Granger an.

Wenige Minuten später hatten sich die Männer und Frauen in der Höhle versammelt. Jeder suchte sich einen Schlafplatz. Es waren keine idealen Verhältnisse, aber zumindest konnten sie hoffen, hier die nächsten Tage und Wochen zu überleben. Kerik hustete und fluchte leise vor sich hin. Müdigkeit und Erschöpfung hatten ihre Spuren in dem jungenhaften Gesicht hinterlassen.

Captain Granger wandte sich an Leutnant Washburn. „Nun?“, fragte er. Trauen Sie sich eine Prophezeiung zu?“

„Was meinen Sie?“

„Vielleicht“, sagte er überlegend, „etwas über das Wild, das wir morgen erlegen und in dieser Höhle braten werden.“

„Glauben Sie, dass wir dazu Gelegenheit haben? Wer immer uns angegriffen hat, wird nicht so leicht aufgeben.“

„Das glaube ich auch nicht. Aber hier in der Höhle sind wir einigermaßen sicher.“

Er blickte zum Eingang hinüber. Sie hatten gewaltige Entfernungen durch Zeit und Raum überbrückt. Wahrscheinlich waren sie die einsamste Gruppe von Menschen, die jemals um ihr Leben gekämpft hatte, ging es ihm durch den Sinn und verwarf diesen Gedanken als unsinnig. Draußen wurde es allmählich dunkel. Er teilte die Wachen ein und suchte sich einen Schlafplatz abseits von den anderen. Der harte Fels war unbequem, doch in dieser Situation konnte er nicht wählerisch sein. Merkwürdig, dachte er. Bisher hatte er sein weiches Bett immer für etwas Selbstverständliches angesehen, doch in diesem Moment erschien es ihm als reiner Luxus.

Captain Granger schloss die Augen und versuchte, auf dem unbequemen Untergrund eine Stellung zum Schlafen zu finden. Er hörte das Atmen der Männer und Frauen und Keriks Husten. Die Geräusche wurden eins mit dem Wind, der an der Höhle vorbeistrich. Er dachte an Axarabor. Dann schlief er ein.

Details

Seiten
78
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738926170
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v458212
Schlagworte
raumflotte axarabor rätsel kolonie

Autor

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Titel: Die Raumflotte von Axarabor #62: Das Rätsel der verschwundenen Kolonie