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Hinter den kosmischen Deichen seid ihr sicher

©2019 139 Seiten

Zusammenfassung

Die ganze Bandbreite der Science Fiction zeigt sich hier in den skurrilen und phantasievollen Kurzgeschichten. Eine Invasion aus dem Weltall, Reisen durch das Universum, vielfältige Arten Kaugummi zu benutzen, wie auch fehlgeleitete Computerprogramme lassen den Leser mit Staunen und Vergnügen zurück – ebenso wie erstaunliche Erfindungen von Dingen, die die Menschheit unbedingt braucht, ohne es bislang zu wissen.

Diese Buch enthält folgende Science Fiction Erzählungen:
Gerd Maximovic: Invasion im Weißen Schwan
Gerd Maximovic: Problemfall Großer Hundeplanet
Gerd Maximovic: Schmidt rettet das Universum
Gerd Maximovic: Autoexec.Bat
Gerd Maximovic: Goldsteins Gewerbe

Leseprobe

Table of Contents

Hinter den kosmischen Deichen seid ihr sicher

Copyright

Invasion im Weißen Schwan

Problemfall Großer Hundeplanet

Schmidt rettet das Universum

Autoexec.Bat

Goldsteins Gewerbe

Hinter den kosmischen Deichen seid ihr sicher

Science Fiction Erzählungen

von Gerd Maximovic

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 139 Taschenbuchseiten.

 

Die ganze Bandbreite der Science Fiction zeigt sich hier in den skurrilen und phantasievollen Kurzgeschichten. Eine Invasion aus dem Weltall, Reisen durch das Universum, vielfältige Arten Kaugummi zu benutzen, wie auch fehlgeleitete Computerprogramme lassen den Leser mit Staunen und Vergnügen zurück – ebenso wie erstaunliche Erfindungen von Dingen, die die Menschheit unbedingt braucht, ohne es bislang zu wissen.

 

 

Diese Buch enthält folgende Science Fiction Erzählungen:

Gerd Maximovic: Invasion im Weißen Schwan

Gerd Maximovic: Problemfall Großer Hundeplanet

Gerd Maximovic: Schmidt rettet das Universum

Gerd Maximovic: Autoexec.Bat

Gerd Maximovic: Goldsteins Gewerbe

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Invasion im Weißen Schwan

Wahrscheinlich sind nicht alle, die diesen Tatsachenbericht lesen, genügend davon unterrichtet, dass unser Universum ziemlich klein und eng ist. Man denkt ja, richtet man den Blick zum Himmel, dass dort nahezu beliebig viele Sterne prangen, zumal man aus Büchern und aus anderen Medien informiert ist, dass sich hinter den sichtbaren Sternen eine Vielzahl von Welten verbergen, von denen wir nicht einmal den Namen kennen.

Was die Größe einer Sache betrifft, so ist dies aber Anschauungssache. Sagt man zum Beispiel, jemand habe große Füße oder einen schlechten Atem, so kommt es ganz darauf an, welchen Maßstab man anlegt. Auch setzt etwa die Behauptung, dass jemand schlechte Manieren habe, voraus, dass andere über bessere Umgangsformen verfügen. Man sieht also, dass alles relativ ist …

Und so kann es nicht wundern, dass die Hauhynois, die zu einer interessanten Rasse aus dem äußeren Gürtel des Andromedanebels gehören, nachhaltig enttäuscht worden waren. Denn sie befanden sich auf der Suche nach einer intelligenten Rasse ihres Kalibers, mit der sie kommunizieren, an der sie partizipieren und mit der sie sich über die Wunder der Schöpfung, insbesondere die der Gastronomie, austauschen wollten.

Nun muss man weiter wissen, dass sich die großen Entfernungen im Universum nur mit Hilfe des Zwischenraumes überwinden lassen, aber auch nur dann, wenn sich bestimmte Fenster in den interstellaren Strömungen öffnen. Und so kann es geschehen, dass der eine oder andere Forscher für lange Zeit auf einer fremden Welt strandet, bis sich ein Rückschusstor für ihn auftut.

Er muss dann warten, bis die Zeit reif ist, um die Rückreise antreten zu können. Und so lange spielt er mit Vertretern der einheimischen Gattung Karten oder geht ins Kino, um Science-Fiction-Filme zu sehen. Oder er überwintert an südlichen Gestaden, isst Kokosnüsse, spielt mit kaffeebraunen Schönen oder versucht – falls ihn all dies langweilen sollte –, die Sandkörner an den Stränden der irdischen Meere zu zählen, und wartet im Übrigen, bis seine Zeit da ist.

Doch wohlgemerkt, dies sind nicht die engeren Probleme der Hauhynois. Denn diese waren zum Zeitpunkt dieses Berichtes einen ganzen Schritt weiter als andere Gattungen im Universum, wenn auch nicht weit genug, um der Menschheit wirklich gefährlich werden zu können, wie wir noch sehen werden. Nun aber zum Helden unserer Erzählung …

 

*

 

Im Nachhinein ist nicht zu klären, ob die Uhrzeit schuld war, sein Kater oder die plötzlich hereinbrechende Kälte, die sich auch über Hamburg-Blankenese legte. Jedenfalls hatte sich Ohm Feldmann (seines Zeichens Hamburger Vertreter für elektrische Massagegeräte sowie für vakuumfedernde Bettmatratzen und Ansaugventile, die den Tiefschlaf fördern sollen) gegen Ende eines Jahres kurz vor der Jahrtausendwende genau um 13 Uhr 13 entschlossen, nach Garmisch-Partenkirchen in den Skiurlaub zu fahren.

Unterwegs schon blieb sein Wagen auf der verschneiten Autobahn bei den Kasseler Bergen stehen und geriet ins Rutschen, so dass er mit ihm fast einen Abhang hinuntergestürzt wäre. Vor dem Frankfurter Kreuz hatte er einen Plattfuß, den er mit dem Sparreifen seines neuen Wagens nur notdürftig beheben konnte. Und in der Nähe des Darmstädter Kreuzes war die Kraftstoffpumpe seines Dieselautos eingefroren, und der Motor flockte, so dass der Wagen zu einer Werkstatt geschleppt werden musste, die ihn mittels einer Heizung erst wieder auf Normaltemperatur brachte.

So war der Vertreter also ganz geschockt und geschlagen, als er in Garmisch-Partenkirchen ankam, um festzustellen, dass man sein Zimmer auf einen falschen Namen gebucht hatte. Und so dauerte es wieder nahezu zwei Stunden, bis er seine müden Glieder erst in die Badewanne, dann in sein Bett gesteckt hatte. Aber er konnte nicht schlafen. Denn vor seinem Fenster, von dem aus man den höchsten Berg Deutschlands zum Greifen nahe sehen konnte, brannte ein blaues Feuer, als ob neuerdings die Zugspitze für den Fremdenverkehr mit Scheinwerfern angestrahlt werde.

Ohm Feldmann griff also zum Telefonhörer, um sich beim Nachtportier des Hotels Weißer Schwan zu beschweren. Dieser aber wusste nichts von einem Feuer, das über dem Berggipfel brenne. Und er war auch nicht bereit, bei dieser Kälte aus dem Fenster zu schauen. Und überhaupt, meinte er verdrießlich, wenn der gestrenge Herr mit dem Zimmer unzufrieden wäre – er könne sich ja bei der Konkurrenz bemühen.

Als Ohm Feldmann den Hörer aufgelegt hatte, vernahm er ein Summen, gleich von nebenan, aus dem Wohnzimmer. Und er dachte, dass in dieser Bruchbude nicht einmal die Fernsehgeräte ausgeschaltet waren – denn er wusste ganz sicher, dass er seines jedenfalls nicht hatte laufen lassen …

Er schwang sich also, bei sinkender Laune und sinkenden Temperaturen, aus seiner Koje, die ausgerechnet dem Verhau nachgebildet war, in denen Seeleute zu ruhen pflegten, und tappte verschlafen ins angrenzende Zimmer, aus dem ihm ein Licht, das ebenso blau war wie das vor dem Fenster, entgegenstrahlte.

Nanu, dachte der Vertreter, der sich den Kopf kratzte, das darf doch nicht wahr sein.

Und er ging ein paar Schritte, umrundete misstrauisch den Fernsehempfänger, der aber still und stumm war. Daran konnte es also nicht liegen.

Doch das Brummen, das er gehört hatte, war nicht schwächer, sondern eher stärker geworden. Er überlegte also weiter, ob dies nicht an seinem armen, geplagten Schädel liegen könne, der ja den ganzen Tag über genug hatte mitmachen müssen. Und im Übrigen, wie er sich jetzt klar machte, hatte er den Abend zuvor zwischen zehn und zwanzig Flaschen original obergäriges bayerisches Weizenbier mit der herrlichen Zitronenscheibe (Kraft und Gesundheit verbürgend) getrunken, um sich für die weite Reise in die rechte Stimmung zu bringen (an die genaue Menge konnte er sich beim besten Willen nicht mehr erinnern).

Aha, das also war des Rätsels Lösung! Und mit dieser Erkenntnis schlüpfte er in seine Pantoffeln, zog sich das weiße Nachthemd, das er anzulegen pflegte, stramm über den Körper, befestigte die gelbe Zipfelmütze unter seinen Ohren, um in der Nacht, die kalt und klar zu werden versprach, nicht zu erfrieren. Und da er noch auf war, genehmigte er sich, obwohl hundemüde, ein Schlückchen aus dem Kühlschrank, der – als einziger Lichtblick – mit Flaschen und Fläschchen, alkoholisch und für Abstinenzler, gut gefüllt war.

Da belebten sich seine Geister. Und er tappte, bevor er endgültig ins Bett ging, noch einmal zum Fenster, vor dem aber ein so atemberaubend tiefblaues Licht erglühte, als ob alle Bergfeen, Elfen, Schneejungfrauen und Kobolde jeder Couleur von dort heruntergestiegen wären, entsprechende Laternen in den Händen …

Na, so was, musste der geplagte Tourist denken. Das habe ich zu Hause noch nirgends gesehen, obwohl man dort doch näher am Polarkreis wäre.

Und er beschloss, nochmals beim Portier anzurufen.

Er musste aber ungebührlich lange warten – der Gute war bestimmt betrunken. Er machte schon vorhin einen nicht ganz geheuren Eindruck. Und wahrscheinlich lag er mit dem Stubenmädchen hinten in einer Koje, um sie mit unanständigen Witzen und schmutzigen Zoten zu erheitern … Da erklang endlich dessen Stimme, die sich aber so sehr verändert hatte, dass Feldmann sie kaum wiedererkannte.

„Ja, was ist denn?“, wollte der Portier, der, wie der Vertreter sich jetzt entsann, auf den Namen Wolpertinger lautete, von ihm wissen.

„Das blaue Leuchten …“, sagte er darum und fühlte währenddessen einen Lufthauch wie eine kalte, feuchte Hand auf der Schulter, als ob ein Gespenst ins Zimmer eingedrungen wäre, das sich seiner bemächtigen wollte.

„Ach, geh’n Sie“, sagte der Herr Wolpertinger, „hören Sie auf mit diesem Schmarren. Schlafen Sie in der guten Luft, über die wir hier verfügen. Morgen ist auch noch ein Tag. Wenn das Leuchten morgen nicht weg ist, sehe ich einmal nach dem Rechten.“

Darauf klickte es in der Leitung, aus der es tief atmete, gurgelte und knurrte, etwa so, als ob ein Mannwolf zuletzt am anderen Ende gewesen wäre, der Mühe hatte, sein seelisches Gleichgewicht zu halten, oder ein Mensch jedenfalls, der weit gerannt war. Aber wahrscheinlich hatte Feldmann mit seiner Vermutung über diverse Aktivitäten des Herrn Wolpertinger richtig gelegen. Und da er nun schon wieder fast betrunken war, hatte er den Lufthauch auf seiner Schulter ganz vergessen.

Als er sich aber umdrehte, bewegte sich die Gardine. Und es war, als schlüpfe ein Schatten dort rasch hinaus ins Freie. Aber das war – wenn er bedachte, dass man bei minus fünfzehn Grad alle Fenster und Türen gut verschlossen und selbst den offenen Kamin verrammelt hatte – doch nicht möglich. Er lachte ein wenig irre. Doch musste er zugleich frösteln. Denn vom Fenster her, das zu einem schönen spanischen Balkon führte, wehte ein Luftzug, und dieser war eisig.

Mit einem Satz war der Vertreter bei dem Fenster, dessen Gardinen er aufriss, als ob er jemanden, der dort fensterln hatte wollen, auf frischer Tat und in falschem, anrüchigem Gelände erwischt hätte. Doch da war niemand. Aber die Balkontüre stand offen. Und von draußen herein trieb es jetzt kleine, nadelscharfe Eiskristalle, die hell im Licht der Straßenlampen glänzten.

Ohm Feldmann, der kühn genug war, auf den Balkon hinauszutreten, fröstelte wieder. Er schaute links. Er schaute rechts. Und da der Schnee auf dem Balkon so dicht lag, dass er selbst in seine Pantoffeln eindrang, so waren zu beiden Seiten des Simses Fußspuren wie von Kindern oder von kleinen Männern zu erkennen …

Von den Bergen in der Ferne erscholl ein langgezogenes Heulen. Und als der Vertreter, dessen Lippen eben dabei waren, blau anzulaufen, zum Himmel aufschaute – über den, da er momentan aufriss, zerfetzte Wolken unter einem gigantischen hellen Mond dahinjagten – erblickte er glitzernde Sterne, die zu schwanken schienen und die in der klaren Nacht fast zum Greifen nahe waren, während Sternschnuppen in ungewöhnlicher Pracht hernieder fielen.

Dann hörte er ein Schmatzen. Und dieses war direkt über seinem Kopfe und schien vom Dache her zu kommen. Und tatsächlich, jetzt stürzte eine ganze Ladung Schnee in den Garten und dort auf einen großen Schneemann herunter, der ganz verschüttet wurde. Und etwas fiel auch auf die Veranda und senkte sich aufstiebend auf Ohm Feldmanns Schultern. Und es war ihm, als ob er ein fernes, hohles Lachen höre. Und er vernahm, während er fast einfror, kichernde Stimmen, wie wenn alberne Gespenster sich einen Silvesterscherz mit ihm erlauben würden …

Als er sich, nachdem er das Fenster dicht hinter sich verschlossen hatte, endlich in die warme Stube zurückzog, musste er einen Moment an den Herrn Wolpertinger denken. Aber dann überlegte er, dass er sich überschätzte – warum nur sollte sich ein geplagter Portier, der nur Frauen und die Titelbilder des STERN in seinem Kopfe hatte, sich solche Mühe mit einem Gast aus dem hohen Norden geben?

Er grummelte dann doch ein wenig, trank zur Entschädigung dieses Schlückchen und jenes. Und so verklärten sich seine Sinne. Und jetzt hatte er auch eine ganz andere Deutung für das blaue Leuchten – da klopfte es an der Tür zu seinem Apartment. Nun wollte er aber nichts mehr hören. Er lachte. Aber es klopfte wieder.

Und dann vernahm er eine feine, ferne Stimme, die ängstlich schien, die aber zweifellos einem weiblichen Wesen angehörte, was den Vertreter unmittelbar elektrisierte: „Hallo, können Sie mir helfen?“

Immer, dachte der Vertreter, auch er kein Kostverächter, der nur noch nicht die Richtige gefunden hatte und der auch immer ein wenig auf seinen Reisen hoffte, dass ihm ein Kurschatten oder dergleichen – hübsch, von der richtigen Größe und ordentlich mit Geld versehen – über den Weg lief …

„Hallo!“ Wieder dieses feine, zerbrechliche Stimmchen.

„Ja!“

Der Reisende in Sachen Luftmatratzen erwachte förmlich. Und das Cognacglas, das er zuletzt benutzt hatte, um daraus einen Pernod zu trinken, fiel fast zu Boden. Mit einem lautlosen Satz (er begann, sich anzupassen) war er bei der Türe, durch dessen Schlüsselloch er mühelos spähte. Dort stand, gehüllt in einen Mantel, der ein feines rosa Nachtgewand nur notdürftig überdeckte, ein weibliches Wesen, das von einem Bein aufs andre hüpfte. Den Kopf konnte er nicht erkennen, wohl aber die feinen, kleinen Hände, die den Mantel um den Körper zusammenrafften.

Da erwachten zahlreiche gute Instinkte, die so lange verschüttet gewesen waren und die nun wie eine Schneelawine von fast bloßen Füßen freigetreten wurden, in dem Vertreter. Und er bedauerte nur, dass er schon so viel getrunken hatte. Denn wenn er nun etwas Wichtiges beginnen sollte, so wäre er lieber nüchtern gewesen.

Aber jeder Zustand, musste er denken, in dem man sich befindet, hat auch sein Gutes. Wenn er nur nicht zu albern werden würde …

Da starrte er plötzlich in ein großes, blaues Auge, und die Besitzerin dieses Auges war nicht weniger als er erschrocken.

„Jessas“, erklang von der anderen Seite die weibliche Stimme.

Ohm Feldmann sprang hoch und riss die Tür auf. Und das blonde Fräulein, das auch ihn durch das Schlüsselloch betrachtet hatte, schnellte im selben Augenblick in die Höhe. Ah, sie war wirklich berückend. Sie war einfach bezaubernd. Man konnte ihre ganze Grazie auch daran erkennen, wie sie aus der ungewohnten Hocklage hochkam. Und trotzdem, obwohl er den Kavalier, vielleicht sogar den Helden, spielen wollte, konnte er nicht verhindern, dass er rot anlief.

Sie fragte, sein Stottern unterbrechend: „Können Sie mir helfen, Herr …? Denn der Portier …“, war sie fortgefahren.

Sie schien den Tränen nahe: „Kommen Sie einmal in mein Zimmer. Ich möchte aber nicht, dass Sie sich etwas Falsches dabei denken.“

„Oh nein!“ Der Vertreter kicherte albern.

„Ich höre nämlich Geräusche in den Wänden. Und es klopft unter dem Boden. Und im Kamin brennt ein Feuer, das ich nicht entzündet habe und das auch nicht brannte, als ich hereinkam.“

Ohm Feldmann hatte sich die Ärmel aufgekrempelt. Und sein Gesicht, das entschlossen wirken sollte, lief rot an. Und die bläulichen Adern auf seiner Nase, die er dem überaus häufigen Zuspruch des Alkohols zu verdanken hatte, leuchteten gerade jetzt auf, als ob sie ihnen den Weg zum Apartment des Fräuleins weisen wollten …

„Puh“, sagte das Fräulein Weber, das sich ihm endlich vorgestellt hatte, als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel – und sie schien sich in Anwesenheit des starken Mannes schon um einiges sicherer zu fühlen.

Der Vertreter kniete nieder und presste das Ohr auf den weichen Teppichboden, ohne aber etwas zu hören. Er war zum Kamin gegangen, in dem die Reste von Holzscheiten schwelten. Er trat ans Fenster, das schief gekippt war. Den Schnee, wie er mit nunmehr schon fachkundigem Blick bemerkte, zierten winzige Fußabdrücke.

Dann war er zusammen mit dem Fräulein herumgefahren, denn das große Bild an der Wand, das eine Gebirgslandschaft mit pflügenden Bergbauern zeigte, fiel herunter. Und die Wände, der Boden, ja, das ganz Zimmer schwankten. Selbst der Kronleuchter an der Decke war in Bewegung, als hätte ein Erdbeben – sehr unwahrscheinlich in diesen Breiten – die Berge erschüttert. Und eine Vase, die auf dem Fernseher stand, zerschellte am Boden. Und im nächsten Moment erwachte der Fernsehapparat zum Leben. Aber die Kanäle in ihm schienen verrutscht zu sein, so dass nur wirbelnde Schlieren über die Mattscheibe huschten.

Das Fräulein Weber flüchtete spontan in die Arme des Vertreters, was diesen vorübergehend mit der Spuk- und Geisterwelt des Weißen Schwans versöhnte. Aber natürlich – während er das warme, zitternde, gut riechende Fräulein, das rasch atmete, in den Armen hielt – war die Sache damit nicht erledigt. Und er streifte, ehe sie sich ihm so rasch, wie sie zu ihm gekommen war, wieder entwunden hatte, ihre Haare. Und obwohl Weihnachten schon vorbei war, hatte er selbst zur Bescherung nichts Besseres gerochen.

Seine Gedanken wollten sich schier überschlagen, als ein helles, singendes Geräusch auftrat, dem zwei, drei dumpfe Schläge folgten. Dann war Stille. Und dann pochte es wieder. Und plötzlich schien aus dem Fußboden ein Licht zu strahlen, das so hell war, als ob dort unten tausend Kerzen brennen würden.

„In diesem Kasten bleibe ich nicht länger“, sagte Elvira, deren Vornamen er ihrer ersten Umarmung verdankte.

„Ich brauche auch etwas Ruhe“, murmelte der Vertreter mit gerunzelter Stirne.

Und dann wurde sein Gesicht finster: „Ich möchte aber auch wissen, was hier los ist! Ich glaube, das beste wäre, einmal die Polizei anzurufen.“

Aus Sicherheitsgründen nahm er den Hörer in beide Hände, ließ ihn aber gleich wieder fallen und hüpfte auf einem Bein, als ob er eine glühende Herdplatte angefasst hätte. Schon vorsichtiger, berührte sie ebenfalls den Hörer, und „Autsch!“ schrie sie, denn dieser war heiß. Ja, wirklich, er glühte, als ob man ein geheimnisvolles Feuer in ihm entzündet hätte.

„Haben Sie hier etwas zu trinken?“, fragte darum Ohm Feldmann und erklärte, dass er mit etwas Warmem im Magen gleich viel besser denken könne.

Er brauchte nur dem Blick ihrer Augen zu folgen, um untrüglich eine dicke Flasche Cognac in einem Eckschrank aufzuspüren. Und, die Flüssigkeit in sich, wuchs sein Mut an. Und ihm schien auch, dass er selbst größer würde. Und er lachte schon wieder in seinem Inneren: Dieses Rätsel würden sie schon lösen!

Sie waren die einzigen Gäste an diesem Abend, wie sie feststellten, nachdem sie an alle Apartments, die von einer einzigen Galerie abzweigten, geklopft hatten. Auf dem Korridor war es dunkel. Und ein altmodisches Gaslicht in der Ecke flackerte, während sie den Flur vorsichtig hinuntergingen. Das Hotel zitterte ein wenig. Und unaufhörlich erscholl nun ein Summen ganz von unten.

Behutsam stiegen sie die Treppe hinunter. Und einmal musste Ohm Feldmann seine Hand auf Elviras Mund pressen, als sie dabei war, aufzuschreien – dabei war es nur ein Garderobenständer, an dem mehr als zwei Dutzend Mäntel, Umhänge und ganze Anzuggarnituren hingen sowie rote, gelbe und blaue Kleider, die aber allesamt nicht so recht zur bevorstehenden Silvesterfeier passen wollten … Sie wunderten sich auch, als sie in die Portiersloge traten – denn die Fächer, in denen Post für die Hotelgäste aufbewahrt wurde, quollen förmlich über, als ob in dem menschenleeren Haus ein ungeheurer Trubel und ein ebensolches Wühlen herrsche.

„Psst“, sagte der Vertreter, der Elvira in den Arm gekniffen hatte.

Sie sah ihn groß und erstaunt an, während das Hotel ein wenig wackelte. Und Staub fiel von den Wänden. Und der Kronleuchter in der Eingangshalle schwankte, als ob sich ein Affe über ihn schwingen würde.

Ohm Feldmann hatte ein Bündel Briefe aus einem der Fächer gegriffen und las die Anschriften von Gästen, die in der Tat im Hotel Weißer Schwan absteigen wollten oder abgestiegen waren. Die Absender verrieten, dass die Gäste von weither kamen. Adressen aus ganz Europa, aus Afrika, aus Amerika, ja, selbst aus Burma waren vertreten. Da er allein aus einem einzigen Fach an die zwanzig Briefe gegriffen hatte und es in den anderen Fächern auch nicht anders aussah, schätzte er, dass wohl tausend Schreiben aus aller Herren Länder hier lagern mussten.

Und er musste lächeln, als er in das Fach mit seiner eigenen Zimmernummer und dann in das des Fräuleins gegriffen hatte. Aber dann verging ihm das Lachen, denn er las auf einem Dutzend Briefen seinen Namen und auf ebenso vielen den Elviras. Und so, während sie ihn hastig in eine Ecke in den Schatten gezogen hatte, erbrach er einige der Schreiben, ohne auf die Kellertreppe zu achten, zu der die Türe sich geöffnet hatte.

Man hörte von dort, während Feldmann den ersten Brief ins Zwielicht hochhielt, ein tiefes Atmen, ja, ein Keuchen. Und ein paar Augen, in denen es grün schimmerte, glühten im Dunklen. Und Elviras Herz blieb fast stehen. Und sie klammerte sich an Ohm Feldmann, der sich von diesem ersten Schreiben nicht trennen und der seinen Blick nicht abwenden mochte …

Was stand da: „Absender: Domenico Castrioli, Via Areggio 500, Sistriero, Italia – lieber PPP, diese Adresse ist bestens geeignet, da abgeschieden und hinter einem Wäldchen gelegen. Die Bewohner werden nichts von der Invasion merken. Und es dürfte nicht schwer sein, dort Einfluss zu gewinnen und den einen oder anderen zu übernehmen. Anreise, falls erwünscht, unbedingt abends. Geräte, Mobiliar, Sterneninventar zu einem späteren, geeigneten Zeitpunkt. Dieser Brief ist, sobald Du Dir die Adresse gemerkt hast, unbedingt zu vernichten. PS: Trink nicht mehr, als unbedingt nötig! Du weißt, dass wir die Bräuche der Eingeborenen nicht so gut beherrschen! Es ist also gefährlich! PPS: Der Absender dieses Schreibens wurde, wie Du Dich erinnerst, vorübergehend durch Fernsteuerung übernommen. Beeil Dich, bevor die Wirkung nachlässt! Nun aber endgültig Schluss! Mit allen Wünschen für ein gutes Fenster …“

Elvira zitterte jetzt so heftig, dass sie Ohm Feldmann fast umriss. Aber nun hatte auch er die Briefe sinken lassen. Denn in der Türe war der Herr Wolpertinger erschienen, der aussah, als ob er um seine Form und Fassung kämpfen würde. Seine Augen leuchteten noch ein wenig. Aber das Feuer, das sie gerade eben ausgestrahlt hatten, war jetzt fast erloschen.

Und, während er durch die Diele auf seinen Tresen zutrat, wurde er zunehmend sicherer, so, als ob er vorübergehend in einen tiefen Schlaf verfallen wäre, aus dem er – im Gehen – nach und nach erwachte. Und tatsächlich rieb er sich die Augen, gähnte ein wenig und lümmelte sich dann auf die Holzbarriere, ohne das Fehlen der Briefe aus den beiden Fächern zu bemerken.

„Was machen wir jetzt?“, wollte Elvira ganz leise an Ohm Feldmanns Ohr wissen.

„Wir müssen in den Keller“, hauchte dieser.

„Und wie willst Du das machen?“

„Du musst ihn ablenken“, gab er zur Antwort.

„O Gott“, sagte sie und zitterte wieder.

Der Herr Wolpertinger war nach einer Weile kurz hinausgegangen, um sich, wie sie dann bemerkten, eine Flasche Bier zu holen, die er misstrauisch und unsicher hochhielt. Dann schüttelte er die geschlossene Flasche, schnüffelte an ihr, leckte mit einer riesigen Zunge das Glas ab, das feucht war, kratzte sich am Schädel, richtete einen entsagungsvollen Blick zur Decke, als ob er durch sie direkt zu den Sternen sehen könne, und öffnete dann die Flasche, die nach der langen Behandlung überschäumte.

Rasch sog er das Bier vom Tresen und setzte endlich, während die beiden noch immer im Halbschatten verharrten, die Flasche an die Kehle, wobei er sich etwas schüttelte, als ob ihm vor dem Getränk – wie einem Kind vielleicht, das noch nie Alkohol zu sich genommen hatte – graute. Dann aber, gleichsam mit dem Mut der Verzweiflung, goss er sich den Inhalt in einem einzigen Zug hinunter, verschluckte sich, spie einen Teil des Bieres wieder aus, und zwar in ihre Richtung, würgte und röchelte mit hervorquellenden Augen, hielt sich den Hals, presste eine Hand auf die Nase, als ob das Bier stinken würde, hatte dann Tränen in den Augen und musste endlich taumelnd und schwindelnd nach hinten, wo die Toiletten waren, verschwinden. Und dort hörten sie ihn husten, würgen, röcheln und in einer ihnen unbekannten Sprache – bajuwarisch? – Beschwörungen oder Schimpfwörter murmeln. Und einige klangen dazwischen tatsächlich bayerisch, wie etwas „Sakra! Malefiz!“ und ähnliche Dinge.

Die Gelegenheit war jedenfalls günstig für die beiden unfreiwilligen Helden, rasch aus ihrer Deckung hervorzuschlüpfen. Ohm Feldmann drückte Elvira warm das Händchen, um ihr nochmals – nach einem ersten Kuss – zu bedeuten, dass sie durchhalten sollte, während sie schon ihr Strumpfband aufgenestelt hatte. Und er selbst glitt gerade rechtzeitig zur Kellertüre, denn da hörte der Herr Wolpertinger auf zu röcheln, zu ächzen und zu schnaufen. Und die Tür hinten wurde heftig ins Schloss geworfen. Und der Portier kam zurück zum Tresen, an dem gerade das Telefon anschlug, während Ohm Feldmann sich an die Wand über dem Treppenabsatz vor der Kellerecke drückte, um noch ein wenig in die Diele hinaus zu lauschen.

„Sapperment“, sagte der überraschte Wolpertinger zu Elvira und schaute auf die weiße Uhr mit den großen schwarzen Ziffern in der Halle, die sich ein wenig verbogen hatten.

„Ach“, sagte Elvira mit schmollendem Mündchen (denn sie hatte unlängst eine ganze Serie Marilyn-Monroe-Filme im Fernsehen gesehen), während das Telefon stürmisch klingelte, „ich konnte nicht einschlafen. Und da mein Fernsprecher kaputt ist, wollte ich Sie fragen, ob Sie mir vielleicht eine Schlaftablette geben könnten.“

„Sapperment“, sagte der Wolpertinger, der den Hörer abgenommen hatte: „Ja, hier Hotel zum Weißen Schwan. Ja?“ Die Adern auf seiner Stirn waren angeschwollen, und er sagte weiter: „Nein, Belästigung? Ach nein!“ Er war jetzt rot angelaufen. Und es schien Elvira, dass er einem Schlaganfall nahe wäre. „Das sind die Kinder“, war er fortgefahren, „die jetzt schon ihre Böller abschießen müssen. Das ganze Haus wackelt? Ach nein, Herr Wachtmeister?“ Und die Adern auf seiner Stirn waren jetzt deutlich hervorgetreten. „Das war eine Schneelawine, die sich vom Dach gelöst hat … Ja, nein, nichts Besonderes … Ja, guten Rutsch auch Ihnen …“

Und währenddessen schielte er auf Elvira, die sich in Positur gestellt hatte, den Mund halb geöffnet, die Beine zeigend, den Busen herausfordernd vorgeschoben, eine Haltung, die anstrengender durchzuhalten war, als sie gedacht hatte, und sie befürchtete schon, gleich in Krämpfe und Zuckungen zu verfallen.

Ohm Feldmann jedenfalls bemerkte durch den Spalt, den die Kellertüre noch immer aufstand, wie dem Herrn Wolpertinger, der vergessen hatte, den Hörer aufzulegen, die Augen übergingen, während er – fast ohne Willen, nur seinen Trieben folgend, ganz außer Kontrolle – um den Tresen herumkam, wieder ein abgründiges gelbes Leuchten in den Augen. Und er hatte Mühe, die Zunge so bei sich zu behalten, dass sie nicht über seine Lippen herauskam.

Und der Vertreter überlegte rasch und rasend, ob er Elvira wirklich mit diesem Mann – wenn es ein Mann war – alleine lassen konnte. Aber da wurde das Pochen und Brummen von unten noch stärker, das die ganze Zeit über zu hören gewesen war. Und so entschloss er sich schweren Herzens, rasch einen Blick in den Keller hinunter zu werfen. Denn was konnte in der kurzen Zeit, die er dafür vorgesehen hatte, schon geschehen.

Also schloss er leise die Kellertüre, damit nicht durch einen Zufall irgendein Verdacht bei dem Portier, der ja vielleicht über ein glänzendes Gehör verfügte, aufkommen konnte. Er hörte noch im letzten Augenblick hinter sich ein sattes Schmatzen, als ob der Portier an Elviras Brüsten sauge.

Dann stieg Ohm Feldmann ein wenig benommen die Treppe hinunter, die, während sie wie unter einem leichten Erdbeben schüttelte, in einem blauen Schimmer erglühte, der immer dichter wurde. Und, als er schon dachte, dass er gleich unten an einer gusseisernen Feuertüre, die man rot angestrichen hatte, anlangen müsse, setzte er, seinen Fuß ins Leere, als ob er von Sinnen wäre.

Und er merkte noch, dass er wie auf Schmierseife ausglitt, dass sich der schüttelnde Boden unter seinen Füßen auflöste, dass die Wände verschwammen. Und er spürte, wie er stürzte, wie er ganz tief hinunter fiel, als ob dort ein gigantisches Loch in die Erde hinunter wäre, ein Loch, das bis zum Mittelpunkt der Erde lief und aus dem niemand, der einmal vom Sog der Schwerkraft erfasst war, sich je wieder befreien würde. Und in diesem Moment, als er dies dachte, wurde ihm übel. Und er bemerkte, als ihm die Augen verschwammen, nur noch ein Schütteln und ein Brummen. Und er gewahrte, als er zuletzt umnebelt seufzte, blaue Flammen, blaue Funken, dann war er vorläufig aus dieser Welt oder dieselbe aus ihm hinweggenommen.

 

*

 

Er erwachte vom leisen Klopfen, vom leisen Summen einer Maschine. Und auch in seinem Kopfe war ein Brummen, als ob sich dort ein Hornissenschwarm niedergelassen hätte. Und seine Augenlider waren schwer, wie mit Blei ausgegossen. Und seine Zunge war schwer und pelzig. Und überhaupt fühlten sich alle seine Glieder an wie Klumpen. Und ihm schien wieder, während ein helles Licht durch seine geschlossenen Augen hereinfiel, dass seine Knochen länger geworden waren. Ja, er dachte, ich bin jetzt bestimmt zwei Meter zwanzig. Und da – unter einer sanften, seidigen Berührung – hatte er die Augen geöffnet, die er gleich wieder schloss. denn er schaute in das grelle Licht, das ihn geweckt hatte, und die komplementären Farben tanzten vor seinem Gesicht und schienen auch in seinem Gehirn ihren Reigen aufzuführen.

Doch, da er zugleich hoch gespannt war, hatte ihm dieser eine kurze Blick genügt, um zu erkennen, dass er natürlich nicht allein war. Aber was waren das eigentlich für Wesen, die den Tisch, auf dem er lag, umstanden? Grüne Wesen mit Katzenzungen und Katzenaugen, die gelb auf ihn blickten. Wesen mit Glatzen und mit langen Ohren. Wesen, die vor Feuchtigkeit tropften und die – all dieses hatte er mit einem einzigen Blick eingefangen – vor seinen Augen wie in hohem Seegang schwankten. Und da war auch noch das Brummen, das durch Mark und Bein ging.

Und da musste Ohm Feldmann an Elvira denken. Und wäre dieser Gedanke nicht gewesen, vielleicht wäre seine Geschichte und die Geschichte der grünen Wesen hier in einem peinlichen Traum oder in einer peinlichen Erinnerung schon zu Ende gewesen. Aber so sah er den Portier vor seinem inneren Auge, glaubte zu erkennen, wie sich dieser über Elvira beugte, wie jener erst an ihrem Mantel, dann an ihrem Nachtgewand zerrte – aber sich über sie zu beugen, an ihr zu zerren, vielleicht auch ein wenig an ihr zu schlürfen, vielleicht über ihr ein wenig zu sabbeln – das wollte er ja selber, das durfte kein anderer, das war ausschließlich ihm selbst vorbehalten. Ja, und als er sich dies klarmachte, da musste er zurück in dieses Rätsel, da musste er zurück in diese Welt, die seltsam sauer, bitter und schal roch, nach einer Ausdünstung, die ihm erst jetzt auffiel.

Nein, es war kein Traum, was er nun bemerkte. Das waren putzige, kleine grüne Männer, die ihn umstanden. Und ihre Augen, die ihm eben – in halb unbewusstem Zustand – noch tückisch, gemein und gefährlich vorgekommen waren, wirkten jetzt fast fröhlich. Und der gelbe Glanz, den er in ihnen bemerkt hatte, trug eine bläuliche Färbung.

Da hatte das Wesen, das ihm zunächst stand, aufgestoßen. Ja, es rülpste! Und es rülpste wieder!

Dann musste das arme Ding hicksen, und dies war ihm, das aus einer anderen, fernen Welt kam, offenbar so peinlich, dass es verlegen grinste. Und dabei zeigte es seine Zähne, die braun glänzten, als ob jene Welt trotz ihrer fortgeschrittenen Technik nicht einmal über einen brauchbaren Zahnarzt verfügen würde.

Na, so was, musste der Vertreter denken, der ganz perplex war.

Und er zwickte sich selbst in den Ärmel, aber die Wesen blieben. Und, als er sich zur Vorsicht dann noch in die Wange gekniffen hatte und um sich schaute, waren die Wesen keineswegs verschwunden. Und er hörte im nächsten Moment, wie Glas – eine Flasche – über den Boden rollte. Ein weiteres der Wesen stieß auf in einem furchtbaren Rülpsen, das wie Donner grollte.

Und ein drittes Wesen, das Ohm Feldmann – noch immer auf jenem Tische liegend – zwischen seinen Schuhen erkannte, fing an zu singen: „Jo, hommers erst gestern gmocht, moch mars heit ah …“

Da schwang der Vertreter, dem Mut und Besinnung wiederkehrten, sich von dem Tisch herunter, an dem er sich aber, da er noch ein wenig benommen war, festhalten musste. Aber er merkte gleich, er war viel größer als die kleinen grünen Männchen. Und jetzt, während er den Kopf nachdenklich schief hielt, verstand er auch, dass der saure Geruch ganz offensichtlich von abgestandenem Bier herrühren musste. Und nun, als sich sein Blick endgültig schärfte, bedauerte er sofort die Kleinen, die, da sie offensichtlich stark angetrunken waren, sich vor ihm oder vor etwas fürchteten.

Und tatsächlich bemerkte Ohm Feldmann im Hintergrund des Kellers – es handelte sich um einen ganz normalen Wein- und Bierkeller, aus dem das Hotel seine Gäste versorgte – einen grau gestrichenen Generator, der momentan auf ganz niedrigen Touren lief, der aber gleichwohl Blitze versprühte, von denen einer unseren Helden, als dieser in Ohnmacht gefallen war, getroffen haben musste. Es empfahl sich also, vorsichtig und umsichtig zu handeln.

„Ich brauche jetzt erst einmal etwas zu trinken“, sagte darum der Vertreter zu den Kleinen, die ihn sehr gut verstanden.

Und er bemerkte mit Genugtuung, wie ihre blaugelben Augen, die jetzt grün verschwammen, bei dieser Forderung freundlich aufblitzten. Der, den Ohm zuerst bemerkt hatte, zeigte auf die Regale, die gut gefüllt waren mit dicken, schimmernden Weinflaschen, die auf den Bäuchen lagen. In der Ecke waren Bierkisten zu Pyramiden gestapelt. Und auch ein ganzes Fass Branntwein ruhte in der Ecke unter einem hohen Bogen, von dem Spinnweben herunterhingen.

Ohm Feldmann ging mit weichen Knien, die aber bald sicherer wurden, in eine andere Ecke, in der er Cognacflaschen entdeckt hatte. Diese waren wohl – zusammen mit den Sektkühlern, die auf einem hohen Regal ruhten, und den anderen Getränken – für die kommende Silvesterparty vorgesehen. Er hielt eine der Flaschen gegen das Licht, das aus dem Generator sprühte, und das Getränk schimmerte golden hinter seinen fünf Sternen.

Ah!

War das eine Wonne, als es ihn warm und heiter durchströmte, als die strahlende Sonne Frankreichs in seinen Magen einzog.

Und ah!

Da war wieder ein Schluck und ein Tropfen, den er jetzt schon aus einem echten Schwenker nahm, den ihm einer der Zwerge mit verschmitzten, fröhlichen Augen hingereicht hatte.

Und abermals ah!

Ohm Feldmann hatte noch einen gewaltigen Schluck zu sich genommen.

Mein Gott, wie das schmeckte!

Und auch die Zwerge fassten nach und nach Vertrauen und gossen sich einen hinter die Binde, und einige von ihnen fingen wieder an zu singen: „Ich kauf mir eine Braut, ich kauf mir eine Braut, eine Braut aus Samt und Seide …“

Das war ein Lied, das der Vertreter noch nicht kannte.

Und da er, auch um sich noch ein wenig mehr Mut zu machen, wieder einige Schluck genommen hatte, stimmte er, als die Zwerge gerade einmal Atem holen mussten, den Gesang an, mit dem er selbst gewöhnlich in die Schlacht zog: „Hatte ein liebs Mädelein, liebs Mädelein …“

Und die grünen Zwerge, die offensichtlich sehr gelehrig waren, fielen schon in den Refrain ein, um dann das Lied um einige Strophen zu erweitern.

Nun war, wie man leicht einsieht, bei Ohm Feldmann anfänglich der feste und unabänderliche Wille vorhanden gewesen, den Dingen auf den Grund zu gehen. Doch mit fortschreitendem Abend änderte sich seine Perspektive. So gewann er wohl über das Liebesleben der Hauhynois Klarheit. Er informierte sich über das Vertreterwesen auf ihrem Planeten, insbesondere über vakuumgesteuerte Luftmatratzen. Er erfuhr, was sie mit ihren Dieselschlitten im Winter machten. Er hörte, dass sie ihr Silvesterfest in kosmischen Ausmaßen zu feiern pflegten, indem sie Urmaterie aus der Entstehungszeit des Universums in die Atmosphäre ihres Planeten katapultierten. Und er verstand auch allmählich – neben vielen anderen nützlichen Dingen –, wie der Generator in etwa funktionierte.

Man brauchte nämlich nur hier in dieses Tor zu gehen und dort jenen Schalter zu drücken und diesen Lichtstrom rechts zu krümmen und jene Spule links zu wickeln. Und wenn man dann noch an der oben angebrachten Schnur zog und das geeignete Lied sang – keine schmutzigen Zoten, da der Generator sehr feinfühlig war und am besten auf himmlische Harmonien ansprach, woher auch die Sphärenmusik stammen dürfte.

Ja, und Elvira, dachte Ohm Feldmann in einem lichten Winkel seines Bewusstseins, machte doch eigentlich einen recht resoluten Eindruck, so dass es ihr wohl nicht schwer fallen würde, den Herrn Wolpertinger hinhaltend abzuwehren.

Währenddessen musste er abwechselnd lallen und brüllen, um die Zwerge zu übertönen, die ihm inzwischen von dreiäugigen Riesenkühen mit vierfach gefalteten Eutern auf Aldebaran 5 erzählten.

Nun gilt es festzustellen, dass die Kellermauern des Hotels zum Weißen Schwan in Garmisch recht dick sind. Das ist ja auch der Grund, warum man gerade diesen unauffälligen und abgelegenen Vorposten für die Invasion ausgewählt hatte, zumal die Zugspitze recht nah ist, über die man die galaktischen Elmsfeuer ableitet, die während der Invasionssprünge aufzutreten pflegen.

So erklärt sich aber auch, dass Elvira und der Wolpertinger oben von den Vorgängen im Keller nichts merkten. Elvira war darum der Meinung, dass ihr zukünftiger Gatte noch mehr Zeit brauchte, um die Situation zu klären. In gewissem Sinn stimmt das auch, denn bekanntlich liegt im Wein die Wahrheit, und man muss nur tief genug schürfen, um dort Gold zu finden.

Jedenfalls hatte der Herr Wolpertinger – nachdem er das Telefon versehentlich aus der Wand gerissen hatte –, schon ganz irre, tief gerötete Augen, denn Elvira hatte ihn ein ums andre Mal nicht an sich herangelassen. Und seine bemerkenswerte Zunge hing gewaltig heraus zu seinem Halse, während er sabbelte und seimte und vor lauter Verzweiflung über sein Pech und Missgeschick, heut Nacht bei ihr nicht mehr zum Zuge zu kommen, beinahe weinte.

Sie hatte ihn bald so weit, dass er mit ihr auf die kommende Silvesterparty anstieß, und dies nicht nur einmal, während sie die Getränke, die er für sie aus dem Kühlschrank holen musste – wenn er nicht hinsah – in die Geranien kippte, die am nächsten Morgen darum einen ganz schlappen Eindruck machten.

Irgendwann schrak Elvira von einem dumpfen Plumps hoch, und da sah sie den Herrn Wolpertinger auf dem Rücken liegen. Und der arme Mann fing sogleich an, fürchterlich zu schnarchen. Und da er so gestresst war und eine Flasche selig an sich drückte (die ihn nicht hinhielt und die ihn nicht nervte), hatte sie ein Einsehen mit ihm, und so ließ sie ihn schlafen, denn jetzt erwachte in ihr wieder die Unruhe, was denn mit ihrem Kavalier, von dem sie doch noch gar nichts gehabt hatte, wohl geschehen wäre …

Und so schlich sie auf Zehenspitzen zur Kellertüre, die sie weit aufstieß, ohne aber etwas zu hören. Auch der Generator hatte vollständig aufgehört zu brummen. Vorsichtig stieg sie die Stufen hinunter. Aber noch immer drang kein Ton an ihre Ohren, einmal von dem furchtbaren Schnarchen des Herrn Wolpertinger abgesehen, der sich inzwischen über die dicksten Äste im Bayerischen Wald hergemacht hatte.

Aber da, als sie weiter hinabstieg, vernahm sie ganz ähnliche Geräusche, und sie dachte zuerst, dass sie infolge der zurückliegenden Strapazen doch wohl ein wenig überreizt sei. Denn da waren deutlich tiefe, dumpfe, röchelnde Schnarchtöne wie von einem ausgewachsenen Mann zu hören, die mitunter abbrachen, wenn jener zufrieden schmatzend herumrollte, um sich hier und dort zu kratzen. Es erklangen aber auch Laute, die von Kindern, von Katzen oder von ätherischen Wesen stammen mochten, die im Tiefschlaf heulten, pfiffen, wimmerten und sangen.

Das erstaunte die brave, tugendhafte Elvira, die schon gedacht hatte, dass sie vielleicht von der Straße Hilfe hätte holen müssen, um ihre liebe Neuerwerbung zu beschützen. Und so – da sie auch nicht dachte, dass ihr infolge der vertrauten Geräusche irgendeine Gefahr drohen würde – stieg sie mutigen Schritts endgültig hinunter in den Keller, dessen Tür sie weit aufstieß. Und da, kaum dass sie einen Fuß in das dumpfe, von Spinnweben verhängte und nach Moder riechende Gemäuer gesetzt hatte, verschlug ihr der Anblick der ungewohnten Technik, mehr aber noch der der kleinen grünen Männer, vor allem aber der ihres Kavaliers den Atem …

Sie musste sich einen Augenblick an einem Weinregal festhalten, das prompt polternd umfiel. Aber die schnarchende Gruppe, in der einer den anderen umarmte und in der Ohm Feldmann eins der grünen Wesen am Ohr zog, ließ sich nicht stören. Hin und wieder ertönte ein Grunzen. In der Ecke hatte eins der grünen Männchen ein gigantisches Augenlid vor einem großen Auge angehoben, so, als ob dieses Lid an Bindfäden laufen würde, und ließ es dann mit einem Ausdruck tiefster Mattigkeit, ja, vielleicht auch ein wenig der Verachtung wieder fallen – und schnarchte weiter.

Na warte!, dachte Elvira, in ihrer Ehre als Frau und künftige Gattin tief und empfindlich getroffen.

Und sie hatte, nachdem sie sich von dem umgefallenen Weinregal, den Flaschen sowie dem Staub befreit hatte, den sie sich aus ihren Kleidern klopfte, schon nach einem Besen in der Ecke gegriffen. Da kamen ihr aber, obwohl Ohm Feldmann augenscheinlich den Eindruck eines normalen, wenngleich betrunkenen Mannes erweckte, doch Bedenken.

Das waren doch keine normalen Wesen! Obwohl sie über keinerlei Fachkenntnisse in Ethnologie verfügte, wusste sie doch, dass die grünen Wichte weder aus dem Herzen Afrikas noch vom Dach der Welt und auch nicht aus der inneren Mongolei stammen konnten. Oder sollte Ohm Feldmann, der Schlingel … Aber nein, sie merkte, dass sie schon ganz perplex war. All die Vorkommnisse, Erscheinungen und Geräusche des gestrigen Abends, die auch Feldmann nicht hatte deuten können … Da musste schon etwas dran sein. Und so beschloss sie, den Vertreter unauffällig, aber wirkungsvoll zu wecken. Doch in genau dem Augenblick, als sie sich über ihn beugen wollte, erscholl von der Kellertreppe her ein tiefes, dröhnendes Lachen.

Und der Portier, der dort oben stand und durch seine Kleider von innen her blau strahlte, sagte, indem er sich den Bauch hielt: „Aber, meine Liebe. Glauben Sie wirklich, dass ich mich so leicht von Ihnen übertölpeln lassen würde?“

Und dabei glühten seine Augen, als wäre sein Kopf ein innen ausgehöhlter Kürbis. Und von seinen Ohren sprühten Blitze. Und seine Haare standen zu Berge, und zwischen ihnen knisterten Entladungen. Und als er seine linke Hand zu Elvira herunter (wie ein Automat, den man, ferngesteuert, im letzten Augenblick zum Leben erweckt hat) ausstreckte, war es einen Moment, als wäre der ganze Keller in einen Strahlensee gebadet. Und die Flaschen klirrten in ihren Regalen, das Bier begann rasch zu gären, und der Wein moussierte so heftig, dass aus einigen Sektflaschen die Korken flogen.

Und, während Elvira ganz erstarrt war und sich beim besten Willen nicht mehr regen konnte, stieg der Herr Wolpertinger mit schweren, stampfenden Schritten die Kellertreppe herunter, ohne seinen wie abwesend wirkenden Blick von der einzig nüchternen Person in dem Keller abzuwenden. Und während er Elvira aus hohlen Augen mit vermehrter hypnotischer Kraft ansah, erwachte die Maschine im Hintergrund zum Leben und klirrte, klapperte und stampfte. Und ein Dynamo, der surrend anlief, verschickte zur Warnung einen ersten intergalaktischen Stromstoß, der Elviras entblößte linke Schulter mit einer zarten Gänsehaut bedeckte.

Darüber war sie so erschrocken, dass sie einen gellenden Schrei ausstieß, der geeignet gewesen wäre, auch Tote wieder zum Leben zu erwecken. Doch die Feier, die hier unten stattgefunden hatte, war wohl so fürchterlich gewesen, dass Ohm Feldmann nur etwas grummelte, das klang, als ob die verfluchten Weiber ihn, den geplagten Vertreter, in Ruhe lassen sollten. Und von den grünen Wesen war nichts weiter als ein blaues Aufleuchten zu erkennen. Dann drehte sich die ganze Gruppe, ohne ihre Umklammerung zu lösen, wie auf Kommando auf die andere Seite. Und man schnarchte, ein wenig schnüffelnd, ein wenig grummelnd, aber auch zornig, weiter – die Lippen zuckten ob dieser gottlosen Störung.

Jetzt war der Portier, während die Maschine unter ihren Spinnweben leuchtend und zischend zum Leben erwachte und mit tiefem Keuchen und Prusten Bereitschaftssignale abgab, ganz in den Keller heruntergekommen. Und wirklich, seine Augen waren erfüllt von einem roten Lichtschein, der im Inneren seines Kopfes entstehen musste. Und auf seinen Zähnen lag ein blaues Leuchten, in dem die Zunge, die langsam herauskam, wie eine lange Rechnung wirkte, die noch zu begleichen wäre.

Er hatte die Hand gehoben, während Elvira vor ihm zurückwich. Sie war jetzt schon in Strahlenschauer gebadet, die elektrisch über sie zischten. Und die Elektronen, die über ihr Gesicht, über ihre Schultern und über ihren Bauch hinunterrollten, wirkten nicht nur wie bei einem Bad erfrischend, sondern sie woben zugleich auch über Elvira eine Glocke, als ob ein Staubsauger sie nach hinten ziehen würde – genau hin zu der großen Maschine, die jetzt wie ein großer, schwarzer Götze wirkte, der in eben diesem Moment sein riesiges Maul auftat.

Der Wolpertinger kam näher. Ja, er kam grinsend und unterwürfig näher. Und Seim und Sabber rollten über sein Kinn, die entblößte Brust hinunter. Und da, während Elvira so weit zurückwich, wie sie überhaupt nur konnte, ohne in den fürchterlichen und unermesslichen Abgrund hinter ihr zu stürzen, langte der Herr Wolpertinger mit beiden Händen in die Höhe – dorthin, wo sich das lokale Spannungsgebirge aufgebaut hatte. Und es war, als ob er direkt in eine Energieentladung greifen würde. Und während er grunzte und stöhnte, flossen gleichsam zur Belohnung Energieschauer auch über seinen schweren Körper.

Nun aber schwankte schon der Keller über seinen festen Fundamenten. Staub rieselte in dichten Wolken von den Wänden, der von dem Energiefeld um Elvira, den Wolpertinger und die Maschine abgewiesen wurde und der sich endlich auf die magnetisch aufgeladenen Haare der Schläfer niedersenkte, die nun wirkten, als ob sie die Bewohner eines verwunschenen Schlosses wären, die den Schlaf der Ewigkeit und des Todes schlafen würden, um darauf zu warten, dass eine mutige Jungfrau käme, die sie mit einem Kuss, mit einem Blick oder einer Geste erlösen würde.

Details

Seiten
139
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738926132
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Februar)
Schlagworte
hinter deichen
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Titel: Hinter den kosmischen Deichen seid ihr sicher