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Die verbotene Liebe des Caspar Patscheider

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die verbotene Liebe des Caspar Patscheider

Klappentext:

Roman:

Die verbotene Liebe des Caspar Patscheider

 

 

Heimatroman von G.S. Friebel

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: unsplash und Kathrin Peschel, 2019

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

Früherer Titel: Die Töchter des Caspar Patscheider

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

 

Caspar Patscheider ist ein Weiberheld erster Klasse. Bis die feurige Marianne daherkommt und ihm den Kopf verdreht. Glückselig in ihrer leidenschaftlichen Affäre, planen sie für ihre gemeinsame Zukunft. Doch Bauer Patscheider hat für seinen Sohn bereits andere Pläne geschmiedet. Caspar muss an das Wohl des Hofes denken und darf deshalb keine Frau wie Marianne heiraten, die arm wie eine Kirchenmaus ist. Für Caspar brechen trostlose Zeiten an. Seine arrangierte Ehe mit Regina, der Tochter eines wohlhabenden Bauern, steht unter keinem guten Stern. Sie gebärt Caspar eine taube Tochter, die er ablehnt.

Als Marianne Jahre später in der Ferne verstirbt, macht sich deren Tochter auf den Weg, um ihren Vater kennenzulernen und verändert dadurch nicht nur ihr eigenes Leben von Grund auf …

 

 

Roman:

 

In den österreichischen Bergen der Nachkriegszeit.

 

Alles, was nicht siech und krank lag, war zum Talfest nach Sillebach geströmt. Das Festzelt platzte bald aus den Nähten. Aber es war sehr lustig. Aus Unterrainer war der Caspar Patscheider gekommen. Ein Bursch, groß und stark und mit Bärenkräften, blauen Augen und einem Gesicht zum Verlieben. Kein Wunder, dass ihm die Mädchen in Scharen nachliefen. Caspar war ein tollkühner Bursch und immer vorn in der Meute von Unterrainer. Mit ihm einen Zank anfangen, das überlegte man sich erst gründlich.

„Eine Maß!“, schrie er in das Getümmel. „Herrje, hab ich einen Durst.“

Lachend kippte er sich das braune Nass in die ausgedörrte Kehle. Dabei klimperte seine schwere silberne Uhrkette über dem Bauch. Vor Caspar hatte man nicht nur Respekt, weil er so stark war, nein, man wusste doch, dass er von einem großen Anwesen kam. Da konnte man schon so auftreten. Er stellte etwas dar, und das wusste er und benahm sich wie ein kleiner Graf.

Die weniger begüterten Bauernburschen in seinem Gefolge profitierten von seiner Freigebigkeit. Caspar merkte noch nicht mal, dass sie es nur auf das Freibier abgesehen hatten, ihn aber sonst mit scheelen Augen betrachteten. Wo er nämlich auftrat, da hatten sie bei den Dirndln keine Chancen mehr. Caspar suchte sich immer das schönste Mädchen aus. Er war ja erst fünfundzwanzig Jahre, und an Heirat dachte er noch nicht. Erst mal das Leben in vollen Zügen genießen und später, ja, wenn so die ersten Zipperlein auftraten, dann würde er sich eine Frau nehmen, schon wegen der Wirtschaft. Aber solange die Mutter noch rüstig war und schaffen konnte, warum sollte er sich da mit einer Frau belasten? Dann konnte man den schönen Mädchen nicht mehr ins Hinterteil kneifen, dann würde es Krach geben und Gezänk. Und wenn er ausging, dann immer mit einem Ehegespenst, nein, das war nicht nach seinem Geschmack.

„Heut machen wir ein Fass auf und feiern die Nacht durch“, grölte er durch das Zelt. „Wer hält mit?“

Und der Chor antwortete ihm: „Wir natürlich.“

Caspar fühlte sich sehr geschmeichelt. Und seine Augen gingen flink in die Runde.

„Eine Feierei ohne Dirndl, das macht mir keinen Spaß“, rief er lachend. „Zuerst muss ein Weibsbild her, aber ich mag nur ein fesches.“

Man lachte.

„Der Caspar sagt immer, wie es ihm passt.“

Sein Blick fiel auf ein Mädchen. So schön und fremd wirkte sie, ganz anders als die Mädchen im Dorf. Die waren in der Mehrzahl blond-zöpfig und sahen eins wie das andere aus. Aber diese hier war so dunkel wie die Nacht und die Haut dazu so weiß wie Schnee, und der Mund war wie zum Küssen geschaffen.

„Wer ist sie?“, wandte er sich an einen Bursch aus dem Dorf. „Die hab ich ja noch nie hier gesehen. Und ich grase doch wirklich alle Dörfer regelmäßig ab.“

„Das ist die Marianne Nöbl“, gab man ihm zur Antwort. „Die ist doch von dem Italiener.“

„Italiener? Das versteh ich nicht, das musst du mir schon näher erklären.“

„Ja mei, das ist eine lange Geschichte. Damals, als sie die Straße durch den Bruch gemacht haben, da gab es hier auch Italiener. Die verstehen sich ja vorzüglich auf Brückenbau im Gebirge.“

„Zum Teufel, was hat das denn alles mit dem Mädchen zu tun?“, brauste Caspar auf, der nicht für lange Geschichten zu haben war. Schon gar nicht, wenn er was getrunken hatte.

„Ich denk, du willst wissen, wie das mit der Marianne war?“

„Ja, aber jetzt etwas schneller.“

„Wenn ich was sag, dann haben meine Geschichten Hand und Fuß! Also, die Dita, was ihre Mutter war, die hat sich in so einen Italiener verliebt. Und dann ist sie später mit ihm rüber nach Italien. Sie ist gestorben, und die Marianne ist jetzt wieder bei uns, lebt bei einer Tante und hilft im Krug. Seit genau zwei Monaten ist sie wieder in Sillebach, Caspar.“

„Mei, da versteht sie mich wohl gar nicht, wenn ich sie jetzt anspreche?“

„Freilich, die redet wie wir. Das hat ihr die Mutter beigebracht. Und vom Vater hat sie die Haare geerbt.“

Caspar hatte sich erhoben, zwängte sich zwischen den Bankreihen durch und war wenig später bei Marianne Nöbl. Der Italiener hatte die Mutter nie geheiratet, und so hatte sie den Namen der Mutter bekommen.

„Grüß dich“, sagte Caspar und lüftete sein Hütchen. „Ich bin der Caspar.“

Sie blickte ihn aus ihren großen dunklen Augen ruhig an. „So“, sagte sie dann.

Noch nie hatte ein Mädchen ihn so hochmütig angesehen. Ihm schoss das Blut in die Wangen. Das wäre ja noch schöner, vor dem ganzen Tal eine Abfuhr zu erhalten. Du meine Güte, totlachen würden sie sich.

„Weißt wohl nicht, wer ich bin“, sagte er. Seine Augen blitzten sie herrisch an.

„Doch, hast es ja laut genug herumposaunt“, gab sie ruhig zurück. „Und jetzt lass mich vorbei, ich muss bedienen. Ich kann es mir nicht leisten, dem lieben Gott den Tag zu stehlen.“

„Satansweib“, murmelte er leise vor sich hin. Möglichst gleichgültig ging er zum Tisch zurück. Aber sie feixten schon verdächtig. Kein Wunder, dass der Caspar wütend war. Wenn er geglaubt hatte, er könne die freche Dirn vergessen, so irrte er sich gründlich. Gar zu sehr fiel sie auf. Und so rank und schlank und so flink auf den Beinen war keine andere im Zelt. Sie schaffte in einem fort, und doch sah man ihr keine Müdigkeit an, sie lachte und machte Spaß mit jedem. Nur wenn sie in die Nähe von Caspars Tisch kam, hatte sie ein verschlossenes Gesicht.

Das ärgerte ihn maßlos. Jetzt wollte er sie beugen, sie sollte ihn anflehen. Ja, das nahm er sich vor. So eine, die nicht mal einen blanken Taler auf der Bank hatte, tat, als wäre sie eine reiche Bauerntochter.

Hin und wieder blinzelte Marianne unter ihren langen Wimpern zu ihm herüber. Aber das tat sie nur dann, wenn er es nicht bemerkte. Dabei klopfte ihr Herz stürmisch gegen die Brust. Natürlich mochte sie den Caspar auf Anhieb. So einen feschen Burschen hatte sie sich schon lange gewünscht. Aber sie spürte sofort, dass er nur mit den Mädchen spielte und es nicht ernst meinte. Aber sie wusste ganz genau, wenn sie sich möglichst hochmütig gab, dann würde er nicht aufhören und sie umgarnen. Nur so konnte sie ihn erobern. Ihr wurde richtig schwindelig, wenn sie nur daran dachte, dass sie ihn würde halten können. Den feschesten und reichsten Bauernsohn aus der Umgebung. Da würde die Tante Augen machen, wo sie doch so arm waren. Aber bestimmt konnte der Caspar sich jede Frau leisten. Schaffen, das konnte sie, und dass sie sehr hübsch war, oh ja, das wusste sie auch.

Leise sprach sie zu sich: „Ich will nicht arm bleiben, nein, ich will mir endlich alles leisten können, wie die andern Mädchen aus dem Dorf. Ich hasse es, von den Almosen der Tante zu leben. Das Geld, was ich vom Krugwirt erhalte, davon kann man kaum existieren.“

Der Tag ging dem Ende zu und brachte endlich die ersehnte Kühle. Längst war die Sonne hinter den spitzen Bergzinken verschwunden, da ging der Spektakel erst richtig los. Die Burschen stampften und keuchten über die Tanzfläche, und die jungen Mädchen kreischten, und ihre Röcke bauschten sich zum Vergnügen der Burschen aus dem Dorf.

Plötzlich stand Caspar vor Marianne und umspannte mit seinen Fäusten ihre schlanke Taille.

„Willst nicht auch tanzen?“

„Aber ich muss doch ausschenken.“

„Komm, ich möcht mit dir tanzen.“ Und schon zog er sie auf die Tanzfläche. Sie war so leicht wie eine Feder und tanzte wie eine Elfe. Die Musik lag ihr im Blut. Sie war ein Mädchen, wie er noch nie eins besessen hatte. Er konnte nicht aufhören, in ihre Augen zu schauen.

„Kleine Hexe“, murmelte er und drückte sie an sich. „Kommst du direkt aus der Höll?“

„Vielleicht“, blitzte sie ihn an.

Immer wieder wurden die Musiker angefeuert und der Saal dröhnte. Caspar konnte es kaum ohne Marianne aushalten. Aber zwischendurch musste sie bedienen. Das erste Frührot stahl sich ganz sacht über die Berge, als man endlich drunten im Tal müde und erschöpft nach Hause schlich. Da hatte so manch einer einen dicken Brummschädel. Und wenn man daran dachte, dass nun der graue Alltag wieder sein Recht forderte, schauderte man zusammen.

Während die Leute eilig den Betten zustrebten, standen Caspar und Marianne unter einer hohen Tanne und küssten sich leidenschaftlich. Der Bursch konnte nicht genug bekommen, aber Marianne schob ihn zur Seite und sagte: „Ich muss jetzt heim, ich bin müde.“

Er starrte sie an. „Aber …“, stammelte er.

Sie lachte leise auf.

„Caspar, das Fest ist vorbei. War recht nett mit dir, wirklich.“

„Soll das heißen, dass du nix von mir wissen willst?“, keuchte er entsetzt.

„Geh“, lachte sie, „so ein Bursch wie du es bist, der hat doch an jedem Finger zehn. Nein, du spielst mit mir, und das hab ich gar nicht gerne.“

Caspar sah nur rot, er hatte Feuer gefangen. Sein Herz brannte lichterloh. Er sehnte sich nach dem weichen, biegsamen Körper des Mädchens. Kaum konnte er mehr klar denken.

„Ich komm wieder“, keuchte er. „Wirklich, alle Tag komm ich wieder zu dir, Marianne.“

Lachend rannte sie den schmalen Weg entlang.

„Du wirst es schon sehen“, schrie er ihr nach.

Als das junge Mädchen die kleine Hüttentür aufstieß, stand schon die Tante in der Küche und kochte Kaffee.

„So spät kommst du heim, eine Sünde ist das“, fauchte sie das junge Mädchen an.

„Wir hatten mächtig viel zu tun, Tante. Vor einer Stunde war das Tanzfest erst vorbei.“

„Ja, das Talfest“, sagte sie und blickte aus dem Fenster. „Als ich noch jung war, da bin ich auch dort gewesen und hab getanzt, aber seit ich das Rheuma hab, bin ich froh, wenn ich nur ein paar Schritte ohne Schmerzen machen kann.“

Marianne deckte den kärglichen Frühstückstisch. „Kennst du den Caspar Patscheider, Tante?“

„Freilich kenn ich den. Wer soll den nicht kennen, Kind. Der wohnt in Unterrainer, das ist über die Berge eine gute Stunde zu gehen. Einen prachtvollen Hof soll er haben, der Patscheider. Aber warum fragst du mich das, Marianne?“

Ihre Augen blitzten auf. „Weil ich ihn im Netz zappeln hab, darum. Er ist ganz närrisch nach mir, Tante.“

Die Tante riss die Augen auf.

„Was sagst du da?“, keuchte sie.

„Er stellt mir nach, er ist ganz narrisch nach mir, Tante. Ist das nicht wundervoll?“

„Du meine Güte, Kind, bist du denn ganz und gar verrückt? Das ist ein furchtbarer Mensch. Der kann keinen Weiberrock in Ruhe lassen. Sieh dich vor, das gibt nur Unglück. Marianne, lass es dir gesagt sein. Wenn er noch einmal kommt, dann verschließ dich vor ihm.“

„Oh“, entgegnete sie ruhig, „da brauchst du keine Angst zu haben, Tante. Ich bin nicht dumm. Ehe du dich versiehst, bin ich die Bäuerin auf dem schönen Hof, und dann hole ich dich zu mir, und du brauchst dich nicht mehr so arg plagen und mühen. Dann hast du es leichter auf deine alten Tage.“

Das graue Haupt der alten Frau wiegte sich hin und her.

„Du bist ein Närrchen, wenn du glaubst, nur ein schönes Gesicht genügt, um so einen Hof zu ergattern. Du kennst den Bauernstolz nicht, mein Kind. Die haben hier Eisenköpfe, und besonders die Großbauern. Lass es dir gesagt sein.“

Aber Marianne dachte nur: Die Tante ist schon alt, und damals mochte man vielleicht noch so denken. Aber jetzt doch nicht mehr. Ich werd es sehr geschickt machen, oh ja, der Caspar wird gar nicht anders können, als mich heiraten.

„Ich leg mich jetzt ein wenig hin und schlaf. Nachher muss ich wieder zum Krug hinunter“, sagte das Mädchen und ging in die ärmliche Kammer.

 

*

 

Caspar brauchte viel länger, um seinen Rausch auszuschlafen. Die Mutter sorgte sich schon und glaubte, er sei tot, weil er gar nicht mehr aus der Kammer wollte. Aber dann war er plötzlich da und verlangte heißes Wasser für die Rasur und frisch geputzte Schuhe und ein sauberes Hemd.

Die Magd musste nur so flitzen, um alles zu tun, was der Jungbauer von ihr verlangte.

„Los, beeil dich, faule Dirn!“

Das Mädchen war nicht sehr hell im Kopf und floh vor ihm davon. Die Mutter mischte sich ein.

„Was ist denn los, Caspar? Willst du so geschniegelt aufs Feld gehen?“

„Nein“, lachte er auf. „Ich hab was vor.“

Sie kannte ihren Buben gut genug, er war ein Querkopf wie der Vater. Die Mutter durfte sich krummschuften, die Mannsbilder spielten die Herren. Jetzt musste sie sich auch schon dem Buben beugen. So schwieg sie denn und ließ ihn gewähren.

Wenig später verließ er das prachtvolle Bauernhaus und strebte dem Gebirge zu. Zwischen den zerklüfteten Bergen schlängelte sich ein Pfad zum nächsten Tal. Das war kürzer, als wenn man die Talstraße entlanglief. Autos kannte man hier noch nicht. Und die Pferde waren nur für die Landwirtschaft da. Weil die Hänge so steil waren, musste man alles mit Menschenkraft machen. Solange sie noch so billig war, konnte man noch wirtschaften und Erspartes auf die Kasse bringen. Aber die Zeit veränderte sich und es war nicht mehr so wie zu Großvaters Zeiten.

Hierüber machte sich Caspar aber herzlich wenig Sorgen. Er hatte immer Geld in der Tasche. Der Vater kümmerte sich um alles. Wenn er Lust hatte, half er in der Wirtschaft, aber das auch nur unregelmäßig. Er war ja der Hoferbe. Später einmal wenn der Vater nicht mehr da war, dann musste er sich selbstverständlich um alles kümmern. Aber bis dahin hatte es noch seine Zeit.

Leichtfüßig strebte er dem Gebirge zu: Und nach einer guten Stunde Fußweg war er unten in Sillebach. Die Festwiese war schon wieder abgeräumt. Ach hier, waren die Häuser alle viel kleiner und dürftiger. Der Sillebacher Marktflecken war arm, sie konnten sich nicht mal ein eigenes Gemeindehaus leisten. Und dann die winzige Kirche. Alles roch nach Armut. In Unterrainer wohnten die reichen Bauern. Dort waren auch die saftigsten Wiesen und die schönsten Almen weit und breit.

Caspar öffnete die Tür zum Krugwirt. Marianne stand am Tresen und spülte Biergläser. Als sie den Gast erkannte, neigte sie schnell den Kopf und tat so, als habe sie sehr viel zu schaffen und überhaupt keine Zeit für ein Schwätzchen.

Doch der Jungbauer ließ sich nicht davon beirren. Er stellte sich an den Tresen und blickte sie an.

„Na? Schon ausgeschlafen?“

„Wir haben nicht so viel Zeit, müssen immerzu schaffen“, gab sie schlagfertig zurück.

„Ich glaub, du bist wirklich eine kleine Hexe, so hat noch nie ein Madl mit mir gesprochen.“

„Dann wird es höchste Zeit, sonst schwillt dein Kamm noch gar zu sehr an“, gab sie patzig zurück.

Caspar sah für einen Augenblick rot. Sollte er sich das wirklich bieten lassen? Aber sie war so verteufelt hübsch, und ihre Augen flimmerten so eigenartig. Sein Blut begann wieder zu brodeln.

„Wann hast denn frei?“

„Warum willst du das wissen?“, fragte das Mädchen und spülte dabei weiter die Gläser. Der Caspar konnte ja nicht ahnen, dass ihr dabei das Herz bis zum Hals schlug. Und sie zitterte, aber sie hielt sich tapfer.

„Nun, hier unterhält es sich nicht gut, Marianne. Wann hast frei?“

„In einer halben Stunde“, sagte sie und lachte ihn an. „Wenn du brav bist, dann schenk ich dir ein Stündlein.“

Er bestellte sich eine Maß und ging damit zum Fenster und blickte auf den kleinen Marktflecken hinaus. Caspar fragte sich, was er mit der Dirn vorhatte. Natürlich war sie nicht zum Heiraten, er wollte nur sein kleines Vergnügen mit ihr haben. Ihn kümmerte es wenig, dass die Mädchen, die er nicht mehr wollte, schwer einen anderen Burschen bekamen. Glaubten sie doch, sie wären nicht mehr Jungfrau, kannten sie doch den Caspar. Und die Mädchen weinten sich oft die Augen über seine Untreue aus. Alle warfen sie sich ihm an den Hals, nur in der Hoffnung, eine reiche Bäuerin zu werden. Aber sie machten es ihm ja auch so leicht. Warum sollte er nicht nehmen, was sich so freigebig anbot?

„So, für zwei Stunden kann ich jetzt fort.“

„Na, dann komm“, sagte er und lachte sie an.

Alle im Dorf sahen sie an Caspars Seite. Marianne merkte die Blicke sehr wohl, wenn sie auch verstohlen waren. Sie reckte sich und war sehr stolz darüber.

Caspar lenkte seine Schritte am Dieslishof vorbei, und wenig später befanden sie sich im Vogelloch. Warum dieser kleine Rundweg so genannt wurde, wusste er auch nicht. Aber er lag ziemlich hoch über dem Dorf, und nur ganz selten kam um diese Zeit jemand vorbei.

Kaum waren sie den neugierigen Blicken entschwunden, da packte er Marianne und küsste sie leidenschaftlich. Ihr Blut geriet in Wallung, und ein heißes Ziehen in der Brust machte sich bemerkbar.

„Oh du“, keuchte sie, „lass mich, deswegen bin ich nicht mit dir gekommen.“

„Nein?“, tat er erstaunt. „Aber neulich in der Nacht, da durft ich dich auch busserln, und jetzt hast du es auch gern, ich spür es genau.“

„Ich bin nicht so eine“, rief das Mädchen.

„Wie meinst du das?“, fragte er lachend und wollte sie wieder an sich ziehen.

„Die sich jedem Bursch an den Hals wirft“, sagte wie sehr wütend, denn sie verlor langsam die Kontrolle über sich.

„He“, lachte Caspar, „ich bin ja auch nicht jeder, das musst doch schon gemerkt haben.“

Endlich hatte sie sich von ihm befreit. Sie atmete heftig.

„Komm mir nicht zu nah, Caspar“, rief sie mit heißen Wangen.

„Aber das ist doch so schön, wir sind jung, ich steh auf dich, wenn das noch nicht gemerkt hast, Marianne.“

„So? Und morgen hast wieder eine andere im Kopf. Ich hab viel von dir gehört. Nein, ich bin nicht so dumm, wie du glaubst. Ich lass mich nicht übertölpeln.“

Er starrte sie an. Widerstand, das war wirklich etwas ganz Neues. Der Bursch merkte, er musste eine ganz andere Taktik anwenden, um sie wirklich zu erobern. Wenn er sich vorstellte, mit der schönen Marianne im Heu zu liegen, ihren Körper zu streicheln, du meine Güte, jetzt sah er schon rote Ringe vor seinen Augen. Sie machte ihn einfach toll.

Ehe er sie noch einmal packen konnte, um sie an seine Brust zu ziehen, war sie an ihm vorbei und lief schon ins Dorf zurück.

„So wart doch“, rief er. „Marianne, so wart doch!“

Aber sie war so leichtfüßig wie ein Reh, und ihr Lachen klang perlend und aufpeitschend zugleich. Wie ein tollpatschiger Bär trottete er hinter ihr her.

Kurz vor dem Dieslishof hielt sie an und ließ ihn näherkommen. Jetzt würde er sie nicht mehr überfallen.

„Ich hab der Tante versprochen, für sie die Fenster zu putzen, darum muss ich jetzt heim.“

Caspar konnte nicht mal mehr eine Antwort geben, schon war sie fort. Da stand er mitten in der prallen Sonne, und jetzt spürte er die unbändige Hitze und war schrecklich wütend. Da hatte er sich eigens ein frisches Hemd angezogen, war den langen Weg von Unterrainer gekommen, nur damit er sie einmal busserln durfte.

„Du verdammte Hexe“, fluchte er vor sich hin. „Wenn du meinst, ich komm noch mal wieder, dann hast du dich geirrt.“

Wie ein gereizter bösartiger Stier stapfte er davon. Caspar wollte wirklich nichts mehr von der schwarzen Marianne wissen. Pah, dachte er, ich werde mir ein Mädchen suchen, und dann werd ich vor ihr mit der Kleinen schmusen. Grün vor Wut soll sie werden und toll vor Eifersucht.

Er lag in einer Wiese und blickte in die blauen Blumen, die um ihn herumstanden. Dann aber sagte er sich plötzlich: Woher weiß ich, ob sie wirklich etwas für mich empfindet. Vielleicht macht sie sich nur einen Spaß und will mich narren, und ich fall’ darauf herein. Oh, das zu denken machte ihn noch toller. Er, Caspar Patscheider, ließ sich nicht zum Narren machen.

„Verfluchtes Weib“, keuchte er vor sich hin.

 

*

 

Die Mutter wunderte sich über ihren Buben. Sonst war er immer so stürmisch und ging seine eigenen Wege, kümmerte sich kaum, was auf dem Hof vor sich ging. Und jetzt war er seit ein paar Tagen lammfromm. Seit zwei Tagen stand er von morgens bis zum Dunkelwerden im Schuppen und zerkleinerte Holz für den Winter. Eigentlich war das die Arbeit des Sebastian, und diese wurde immer getan, wenn draußen schlechtes Wetter war und man nicht ins Heu fahren konnte.

Aber Caspar musste sich irgendwie abreagieren, sonst würde er noch toll vor Wut und Zorn. Doch er konnte sich bis zur Erschöpfung verausgaben, vergessen konnte er die Marianne nicht. Mit Macht zog sie ihn an, und nach fünf Tagen hielt er es einfach nicht mehr aus. Wenn er nur daran dachte, dass die anderen Burschen in Sillebach ihn vielleicht ausstachen, just in diesem Augenblick, da fiel die Axt in die nächste Ecke, und er stürmte in seine Kammer und zog sich den Sonntagsjanker an. Die Mutter sah ihn, wie er über die Wiese rannte. Der Vater kam in die Stube und hatte ein sorgenvolles Gesicht.

„Wo geht er denn jetzt schon wieder hin?“

„Wenn ich das wüsst! Mir sagt er ja nix. Ich muss immer warten, bis er von selbst den Mund auftut.“

„Er soll endlich ruhiger werden. Hat sich doch jetzt genug die Hörner abgestoßen, es wird endlich Zeit. Wenn er nicht selbst darauf kommt, dann werd ich dem Treiben einen Riegel vorschieben.“

„Wie willst das schaffen?“, staunte sie. „Der Caspar ist so störrisch wie eine Geiß, der lässt sich doch nix sagen.“

Der Bauer starrte seine Frau wütend an. „Ja, weil du ihn verdorben hast. Verwöhnt hast ihn wie keines, und jeden Willen hat er bekommen, hast ihn angebetet. Jetzt siehst, was daraus geworden ist.“

„Aber Mann, es war doch unser Einziger!“, schrie die Frau auf. „Ich hab es doch nur so gehütet, weil ich so Angst hatte, es könnt was an ihn rankommen.“

„Ach“, sagte er nur verächtlich. „Ihr Weiber habt immer eine Ausrede, aber ich werde mir den Buben schon vorknöpfen, das schwör ich dir. Ich seh mir das nicht länger mehr an. Und außerdem muss er einfach …“. Nach diesen Worten verließ er die Küche.

Derweil war Caspar unten im Dorfkrug eingetroffen. Für Marianne waren diese fünf Tage auch eine schreckliche Zeit gewesen. Ständig hatte sie sich Vorwürfe gemacht und sich gesagt, vielleicht war ich doch zu hart zu ihm. Das konnte er nicht verkraften. Ein wenig muss ich ihm schon zeigen, dass ich ihn mag, sonst geht er mir nicht ins Netz.

Doch als er jetzt so plötzlich vor ihr stand und sie sein Gesicht sah, da hätte sie am liebsten aufgejauchzt. Er war toll vor Liebe und das hatte sie gern. Dann würde sie ihn um den kleinen Finger wickeln können.

Er sah sie an, und sie gab sein Lächeln zurück. Da fühlte er eine Last vom Herzen fallen. Vor lauter Freude trank er eine Maß nach der anderen. Diesmal musste er lange warten, bis sie endlich abgelöst wurde. Die Sterne standen schon am Himmel, als sie sich davonmachten.

„Du machst mich narrisch, ich bin wild nach dir. Ich bin wie verhext“, keuchte er immer wieder und umschlang sie heftig und wild. So fielen sie ins feuchte Gras und küssten sich leidenschaftlich.

„Du“, sagte Marianne und wollte sich ein wenig von ihm entfernen. Seine Nähe machte sie toll, und sie musste doch einen klaren Kopf behalten, sonst würde sie etwas falsch machen. Aber sie hatte auch Alkohol getrunken, und so verschwammen die Gedanken, und sie fühlte nur die Nähe des Burschen. Seine Liebe und all die Schwüre, die er ihr gab, flossen wie Feuer in ihre Seele, und sie dachte, nun hab ich ihn an der Angel, nun bin ich seiner sicher.

Ja, und weil sie beide toll vor Liebe waren und dem Alkohol zugesprochen hatten, da kam es ebenso, wie es kommen musste, und sie fanden sich in der Liebe. Caspar hatte noch nie eine so tolle Frau besessen und war wie verrückt und entzückt zugleich. Er sagte sich, das ist das fremde Blut in ihr. Sie ist wirklich wie eine kleine verfluchte Hexe. Du meine Güte, sie verbrennt mich, sie macht mich verrückt. Ich bin narrisch nach ihr. Jetzt wo ich sie gekostet habe, ist mir noch viel toller und wilder im Herzen, und ich möcht sie immer halten und lieben. Du meine Güte, dass es so etwas gibt.

Als Marianne zu sich kam und spürte, zu was sie sich hatte hinreißen lassen, da wurde sie ganz starr vor Schreck und bekam es mit der Angst zu tun. Sie wusste von den andern, wenn man das Wertvollste verschenkte, dann wollten nachher die Burschen nix mehr von einem wissen. Aber der Caspar war wie verrückt, und immer wieder sagte er ihr, wie sehr er sie liebe, wie sehr es ihm nach ihr verlange. Sie wäre das beste Mädchen auf der ganzen Welt.

Dann machten sie ein Treffen für den nächsten Abend aus. Als sie sich verabschiedeten, da brannte die Liebe noch immer heiß und wild.

Marianne ging leichtfüßig nach Sillebach zurück. Und die Berge hatten alles gesehen, aber sie sagten kein Wort. Schweigend standen sie in der Nacht, wie Beschützer um das Dorf, obwohl man sich im Winter vor ihnen fürchten musste. Wie oft kam dann eine Lawine herunter und begrub Menschen und Tiere.

Aber jetzt dachte das Mädchen nicht an Unglück und Tod. Sie fühlte in sich heiß die Liebe brennen, und ihr Gesicht war schöner denn je. Als sie wieder in die Gaststube trat, wunderte man sich über den hellen Glanz, und die jungen Burschen versammelten sich um Marianne.

Der Wirt konnte mit seiner Bedienung recht zufrieden sein. Seit sie hier ausschenkte, war abends der Krug immer voll. Besonders von jungen Burschen. Jetzt hoffte er nur, dass Marianne nicht so schnell heiraten würde, denn dann war der Zauber vorbei. Ein Ehemann ließ sich das nicht gefallen. Und überhaupt würde sie dann wohl sofort aufhören müssen.

Caspar kam wie trunken nach Hause. Als er in den Hausflur trat, versperrte ihm der Vater den Weg.

„Ich muss dich sprechen“, sagte er herrisch.

„Geh, hat das nicht Zeit bis morgen? Ich bin müde und will mich schlafen legen.“

„Und morgen bist dann fort. Nein, ich muss dich jetzt sprechen.“

Caspar sah ihn mürrisch an. So hatte der Vater noch nie mit ihm geredet.

„Was willst denn von mir?“, fragte er unwillig.

Da merkte der Vater, dass der Sohn getrunken hatte. Er wusste, jetzt mit ihm zu reden, das war zwecklos. Sollte er ruhig erst mal seinen Rausch ausschlafen. Morgen gleich nach dem Frühstück aber würde er sich den Buben vorknöpfen.

„Geh in deine Kammer und schlaf deinen Rausch aus“, sagte er laut.

Caspar nahm zwei Stufen auf einmal, und polternd fiel wenig später oben die Tür ins Schloss.

Während er oben zu schnarchen anfing, ging unten in der guten Stube der Vater auf und ab. Die Mutter saß auf der Ofenbank und strickte. Verstohlen blickte sie ihn von der Seite her an. Er schien Sorgen zu haben, aber sie wagte nicht, ihn anzusprechen. Der Mann konnte so jähzornig werden. Glücklich war ihre Ehe nicht. Aber im Gebirge, da kannte man nicht viel von der Liebe. Da heiratete man, weil die Eltern es so wollten, weil die Wiesen und Almen aneinanderstießen, weil man Geld hatte und eben zusammenpasste. Und dann musste man an die Fortpflanzung denken. So ein junges Weib, das hatte zu schaffen für zwei und ganz wenig Geld für sich auszugeben.

Ja, so waren die Zeiten gewesen, und auch jetzt dachten die meisten Männer noch immer so. Auch im Rat waren nur Männer, immer nur Männer. Sie kümmerten sich um alles, als wenn wir Frauen zu dumm wären, dachte sie bei sich. Ihre Gedanken wanderten zum Sohn, und unwillkürlich musste sie daran denken, wie es sein würde, wenn nun der Caspar auch eine Frau hätte. Dann wären sie zu zweit. Ob er auch so gleichgültig seiner Frau gegenüber sein würde? Oder war die Jugend schon anders?

Sie hatte nichts dagegen, wenn eine junge Bäuerin auf den Hof kam, dann konnte sie ihr viel Arbeit überlassen und es selbst langsamer gehen lassen. Viele alte Bäuerinnen sträubten sich ja gegen eine Junge. Sie wollten das Zepter nicht aus der Hand legen. Aber sie war schon so lange müde, und ihr Rücken tat weh, und manchmal hatte sie das Gefühl, die Beine würden ihr bald den Dienst verweigern. Vielleicht nahm der Caspar den Rat des Vaters an? Es wurde ja allmählich Zeit, dass er sich eine Frau suchte.

 

*

 

Am nächsten Morgen saßen Vater und Sohn in der Küche in der Frühstücksecke und ließen sich den frischen Speck und die knusprigen Eier schmecken. Der Vater war schon draußen auf den Wiesen gewesen. Dies war sein zweites Frühstück, Caspar hingegen war gerade erst aufgestanden. Während er nun den Speck schnitt, musste er an Marianne denken. Er freute sich schon auf den Abend.

„Hast du überhaupt gehört, was ich gesagt habe?“, fragte der Vater grollend.

Caspar sah verblüfft auf. Er hatte gar nichts gehört.

„Was hast gesagt?“

„Du sollst endlich heiraten! Verstanden?“

„Oh, du meinst also, ich soll mir eine Frau nehmen?“

„Ja, und dann wirst endlich mit dem Streunen aufhören und mir in der Wirtschaft helfen. Damals hab ich noch nicht so lang warten dürfen. Der Vater hätte mich kreuzlahm geschlagen.“

„Damals“, sagte der Sohn verächtlich. „Vater, die Zeit kann man nicht mehr zurückdrehen. Es stürmt vorwärts, immer zu.“

„Das brauchst mir nicht zu sagen. Äußere dich lieber, wie du dazu stehst, Caspar.“

„Oh“, sagte dieser, „das wäre wirklich nicht schlecht.“ Er dachte an Marianne. Der Vater würde zwar staunen, dass er eine Dunkle zur Frau bekam, so dunkel wie eine Ausländerin, aber egal, sie war ein tolles Weib. Aber das konnte er dem Vater wohl nicht erklären. „Ich hätte da schon eine, die ich möchte. Und wenn ich heiraten soll, nun, warum dann die nicht.“

„Ich hab auch eine für dich“, sagte der Vater barsch.

„Wie? Was hast?“

„Eine Frau für dich. Mit dem Vater bin ich schon einig und es wird Zeit, dass du sie nimmst, bevor er etwas merkt.“

Caspar legte Messer und Gabel nieder und starrte seinen Vater an.

„Jetzt wiederhole es noch einmal. Du hast eine Frau für mich ausgesucht?“

Der Vater lachte rau auf. „Wie ich dich kenne, hast du nicht daran gedacht, dir eine Reiche zu suchen. Aber die Regina Haggenmoos bekommt einen schönen Batzen mit. Der Vater hat’s mir gesagt. Und ich will, dass du um sie freist.“

Caspar starrte ihn offenen Mundes an, dann lachte er schallend. „Ja mei, befinden wir uns denn noch im Altertum, ich werd verrückt. Also damit plagst du dich die ganze Zeit herum, Vater. Zum Teufel, glaubst du denn wirklich, ich werd es tun?“

„Schön“, sagte der Vater wütend, „wenn du eine andere mit Mitgift hast, mir soll’s recht sein.“

„Geld“, lachte Caspar lauthals, „an etwas anderes kannst du wohl nicht denken? Geld und nochmals Geld. Haben wir denn nicht genug?“

„Nein“, sagte der Vater ruhig und griff nach seiner Stummelpfeife.

Caspar hörte auf zu essen. Auch die Mutter stand jetzt reglos am Herd.

„Das ist nur äußerer Schein“, erklärte der Bauer. „Wir stecken ziemlich tief in der Tinte. Die letzten beiden Jahre waren sehr schlecht. Du hast dich ja nicht viel um die Wirtschaft gekümmert, sonst hättest du gewusst, dass uns zweimal das meiste Heu verregnet ist, sodass wir im Winter kaufen mussten. Und dann die vier tragenden Kühe, die uns eingegangen sind. Das Dach des Hauses habe ich neu richten lassen müssen. Und heuer sieht es mit der Ernte auch nicht prächtig aus. Es muss etwas geschehen, sonst wissen sie es bald alle.“

„Vater“, keuchte der Sohn. „Warum hast das nicht früher gesagt?“

„Ich hab gedacht, wart diese Ernte ab, dann geht es wieder aufwärts mit uns. Aber ich kann das jetzt schon überblicken, es wird nit reichen.“

Caspars Hände ballten sich, er schloss für Sekunden die Augen. Da war er wie ein Gockel umherspaziert, und jetzt musste er feststellen, dass ihnen das Wasser bis zum Hals stand. Nie und nimmer durften die Dörfler das erfahren.

Er hörte seinen Vater sagen: „Darum hab ich mit dem Haggenmoos gesprochen. Ich hab uns für den Sonntag angemeldet. Du wirst also mitkommen und dich um die Regina bemühen. Es muss sehr schnell über die Bühne gehen. Ich kenne den Alten. Wenn der merkt, dass bei uns was nicht stimmt, dann macht der sein Säckel zu.“

„Vater“, murmelte Caspar, „ich kann doch nit eine Frau nehmen, die ich nit kenn und nicht lieb habe, das kannst doch nicht von mir verlangen. Grad jetzt, wo ich ein Mädchen kennengelernt hab, Vater, ein Dirndl, das so schön ist, dass du es nimmer glauben tust.“

Der Vater antwortete: „Hast Zeit genug von mir bekommen, dir die Hörner abzurennen. Und was mit der Heirat ist, das spielt doch keine Rolle, ob man die Frau liebt. Sie schaffen für einen und alles andere wird sich regeln. Im Dunklen sind doch alle Frauen gleich.“

Die Mutter stand am Herd und wurde blass. Das hätte er in ihrer Gegenwart nicht sagen dürfen. Oh, das tat so weh, so furchtbar weh. Ein Viehstück galt also mehr in seinen Augen als die eigene Frau. Und man hatte alles klaglos hinzunehmen.

Caspar warf unwillkürlich einen Blick nach der Mutter. Sie tat ihm leid. Aber er hatte auch nicht viel Gewissen. Wenn es darum ging, dass man ihn vielleicht einen armen Hanswurst nannte, nein, das konnte nicht angehen. Und wenn man sich wirklich sanieren konnte. Er hatte es ja gewusst, die ganze Zeit, irgendwann musste er sich eine Frau für den Hof suchen.

Bis vor Kurzem hätte ihm das auch noch nichts ausgemacht, und er hätte sofort ja gesagt. Aber inzwischen hatte er Marianne kennengelernt. Sollte er sie jetzt so schnell verlassen? Und die Liebesglut, die sie in ihm entfacht hatte? Konnte er damit zurechtkommen?

„Am Sonntag kommst du mit, und jetzt weißt du Bescheid.“

Caspar hielt es in der Stube nicht mehr aus. Er ging nach draußen in den Laubengang. Da saß er nun und starrte auf die Berge. Was sollte er nur tun? Was denn? Er verzehrte sich nach dem Mädchen, und jetzt sollte er sie jemand anders überlassen?

Doch dann kam ihm in den Sinn, ich werd so lang zu ihr gehen, wie sie nicht weiß, dass ich heiraten werde. Bis jetzt ist immer nach einer gewissen Zeit mein Gefühl für ein Madl erkaltet. So wird es auch bei der Marianne sein, und dann hab ich meine Ruhe. Ja, grad so werde ich es machen.

Marianne war entzückt, wie brav und nett der Caspar zu ihr war. Immer wenn sie sich trafen, lebten sie ganz ihrer Liebe. Sie wurde dadurch immer wilder, heißer, mächtiger. Caspar verlor sich ganz. Es war jetzt auch nicht nur die Lust nach der Frau, sondern er schien sie wirklich zu lieben. Es kam jetzt immer häufiger vor, dass er sich mit ihr unterhielt, sich für sie interessierte, was sie tat und dachte. Er hing an ihr mit Haut und Haar und konnte nicht genug von ihr bekommen.

Die Tage zerrannen wie Wasser. Noch einer, dann war Sonntag, und er musste mit den Eltern nach Reißwinkel, um die Braut anzusehen. Alles zog ihn zu Marianne. Hin und wieder kamen ihm tatsächlich so unsinnige Gedanken, wie, wenn ich jetzt einfach mit ihr durchbrenn, weit fort. Ich bin doch stark und finde überall Arbeit. Aber sofort sagte er sich: Dann wirst immer nur ein Knecht sein, vielleicht Verwalter, hast aber nie das Ansehen wie ein reicher Bauer. Es lag ihm im Blut, das stolze unbändige, und dann die Heimat verlassen?

Manchmal lag er neben ihr im Gras und stöhnte heftig und wild auf.

Dann strich Marianne ihm behutsam über das Haar und fragte mit leiser Stimme: „Was hast denn? Was ist mit dir?“

Er umschlang sie dann nur noch heftiger und legte seinen Kopf an ihre Brust.

„Ich kann es dir nicht sagen.“

„Geh, wir haben uns doch lieb, dann muss man auch Vertrauen haben, Caspar.“

„Du“, sagte er nur und erhob sich. „Ich muss jetzt wieder gehen.“

Mit Stolz und Freude fühlte sie, wie schwer ihm der Abschied jedes Mal fiel. Marianne sagte sich: Noch ein paar Wochen, dann hab ich ihn so fest, dass er alles tut, was ich will. Dann verlang ich, dass er mich zu seinen Eltern mitnimmt. Und wenn er das nicht will, dann entzieh ich mich ihm. Oh, ich kenn mich aus, er wird gar nicht anders können. Und sagt er mir nicht immer: „Ich liebe dich wirklich. Dich liebe ich über alles. Ach, du bist mir alles wert.“

 

*

 

Der Wagen stand angespannt vor dem Haus. Alle trugen sie die besten Sonntagskleider. Die Mutter schloss die Haustür ab und stieg dann auf. Sofort setzten sich die beiden Braunen in Bewegung. Bis nach Reißwinkel waren es an die fünf Kilometer und die zu Fuß zurückzulegen, das war ein schönes Stück Anstrengung. Als sie den Berg hinunter ins Dorf gefahren waren, da wurde die Straße eben und schlängelte sich an den Bergen vorbei. Hier konnte man die Pferde antreiben, und hurtig ging die Fahrt davon.

Marianne stand in ihrem kleinen Dachstübchen und sah den Wagen und erkannte auch den Caspar darauf. Aber sie hatte keine Sorgen, denn er hatte ihr gestern gesagt, sie müssten eine Tante besuchen und die Eltern verlangten, dass er mitfuhr. Wie sollte sie denn auch die Wahrheit ahnen? Niemand wusste etwas in Sillebach, nicht mal in Unterrainer wussten sie etwas, und das sollte doch wirklich was heißen.

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738926125
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Februar)
Schlagworte
liebe caspar patscheider

Autor

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Titel: Die verbotene Liebe des Caspar Patscheider