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Bolthar, der Wikingerfürst Band 11: Lokis Wolfskind

2018 120 Seiten

Leseprobe

Bolthar, der Wikingerfürst Band 11: Lokis Wolfskind

Tomos Forrest

Published by BEKKERpublishing, 2019.

Bolthar, der Wikingerfürst Band 11: Lokis Wolfskind

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TOMOS FORREST

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: 123 RF mit Steve Mayer, 2019

Created by Thomas Ostwald mit Jörg Martin Munsonius, 2019

Lektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Klappentext:

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BOLTHAR, DER ENDLICH seinen Raubzug in den hohen Norden starten will, ist noch immer auf der Suche nach dem Navigator Efstur, um durch ihn schließlich wieder an den Sonnenstein zu gelangen. Sein Kundschafter, der einer Spur des Gesuchten folgt, wird überfallen, erfährt aber noch kurz vor der rettenden Ohnmacht eine Ungeheuerlichkeit, die ihr Leben und ihre ganze Mission gefährdet.

Auch Loki, das Wolfskind, entdeckt auf seinen nächtlichen Streifzügen, dass der Gruppe um Bolthar Gefahr im höchsten Ausmaße droht, findet jedoch bei dem Wikingerfürsten kein Gehör, und die Nordmänner scheinen geradewegs in die ihnen gestellte tödliche Falle zu laufen ...

***

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1.

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DAS MESSER WAR GUT geworfen und flog so dicht an Efsturs Kopf vorüber, dass es eine seiner grauen Haarsträhnen erwischte und an die Tür nagelte. Mit einem wütenden Laut riss sich der alte Navigator los und wich dem folgenden Angriff geschickt aus. Der Messerwerfer hatte nicht damit gerechnet, dass der Mann noch so schnell reagieren konnte, und als er ihm eben die behaarten Hände um den Hals legen wollte, trat ihm Efstur so kräftig zwischen die Beine, dass der Mann laut aufschrie und sich seine empfindliche Stelle hielt.

Gleich darauf krachten die gefalteten Hände des Alten mit aller Kraft in den Nacken des Mannes, der wie ein voller Sack umfiel und liegen blieb.

Rasch zog Efstur die Messerklinge aus dem Holz und setzte sie dem Angreifer an den Hals, aber das war nicht mehr erforderlich. Der Mann war außer Gefecht und rührte sich nicht mehr. Rasch packte ihn der alte Seemann an den Füßen und zog ihn von der Tür in die schmale Seitengasse, danach trat er in sein Haus, drückte die Tür wieder zu und schob gleich darauf den schweren Holzriegel davor.

Einen Moment noch blieb er lauschend stehen, aber draußen blieb alles still. Mit geübten Händen fand er das Feuerzeug in seinem Versteck, zog Stahl, Stein und Zunder hervor und schlug Feuer. Zwei Versuche genügten, die kleine Flamme auf dem Zunderpilz wurde angeblasen und entzündete nun die Ölleuchte, die ein mattes Licht in dem Raum verbreitete. Mehr brauchte Efstur nicht, seine Hände fuhren über die Steinplatten, mit denen er sein Haus ausgelegt hatte, drückte auf eine und nahm sie dann auf. Tastend fand er in dem Versteck den Beutel mit dem Silber, der einen schwachen Ton von sich gab, als er ihn an sich nahm und gleich darauf unter seiner Tunica verbarg.

Noch einmal lauschte er an der Tür, aber der heimtückische Angreifer schien sich entfernt zu haben oder war noch immer bewusstlos, draußen blieb alles ruhig. Die Dämmerung breitete sich rasch aus und ging in eine sternenklare Nacht über, die zudem durch einen fast vollständigen Mond noch heller wurde. Sein kleines Haus verfügte nur über ein schmales Fenster zur Rückseite, das mit einer dicken Lage milchig verfärbten Pergaments überzogen war. Es genügte, etwas Tageslicht hereinzulassen, jetzt konnte er dadurch nichts erkennen. Aber das war auch nicht erforderlich.

Gern hätte er gewusst, warum jemand einen feigen Mörder beauftragt hatte, ihm aufzulauern. Feinde hatte er sich ja in der letzten Zeit mehrfach geschaffen, aber er zweifelte doch, dass der Messerwerfer von Bolthar beauftragt wurde. Möglicherweise hatte es jemand nur auf sein Silber abgesehen, denn es war allgemein bekannt, dass er mit seinen Fahrten nach Helluland ein Vermögen zusammengetragen hatte. Sonderlich beunruhigt war er deswegen nicht, beschloss aber, künftig nur noch mit einem griffbereiten Sax unterwegs zu sein.

Seit zwei Tagen gab es regelmäßige Patrouillen in den Gassen der Stadt. Sollte man den Burschen nicht in der Gasse neben seinem Haus entdecken, so hatte er doch zumindest die Hoffnung, dass es keinen zweiten Überfall vor seinem Haus geben würde. Als er die Schritte der Bewaffneten in der Gasse hörte, war seine Sorge auch schon für ihn erledigt. Es funktionierte, seit dem Brand des Hauses Tafur war man in Aarhus vorsichtig geworden, und das konnte einem Mann wie dem Navigator nur recht sein.

Efstur hatte unterwegs etwas gegessen, jetzt nahm er seine Decke, rollte sich auf seinem Lager zusammen und war trotz des gerade Erlebten rasch eingeschlafen.

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2.

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IN EINIGER ENTFERNUNG zum Haus des alten Navigators, getrennt durch den Fjord, war auch Bolthar nach einem sehr langen Tag erschöpft auf sein Lager gesunken.

Gern mochte er es sich nicht eingestehen, aber es war nicht zu verleugnen: Noch immer litt der hünenhafte Krieger, der Jarle aus Skagen im Norden von Jylland, unter den Folgen seiner schweren Hüftverletzung durch einen Speer. Den Messerstich ins Bein, den ihm seine Tochter Fringa verpasst hatte, ignorierte er geflissentlich. Nur dem umsichtigen Bent, der sich wie ein Heilkundiger mit Verletzungen aller Art auskannte, war es zu verdanken, dass sich keine der Wunden entzündete. Weil ihr Jarle gesundheitlich noch nicht wieder vollständig hergestellt war, wollte man das Risiko einer erneuten Landung in Aarhus vermeiden. Zu viel war dort geschehen, und es war durchaus möglich, dass man einen Zusammenhang zwischen der Anwesenheit des Jarle aus dem Norden und dem Brand des Hauses eines hoch angesehen Kaufmannes sah. Tafur und seine Familie waren bei diesem nächtlichen Brand ums Leben gekommen, sein Lagerhaus mit allen Gütern verbrannt (vgl. Bolthar, der Wikingerfürst Band 9, In Garpurs Gewalt).

So erteilte er den Befehl, dass man die Ansiedlung Sundby anlaufen sollte, die Aarhus gegenüberlag und einem unbequem gewordenen Fürsten wie es Bolthar inzwischen für König Harald war, viele Vorteile bot. Die Siedlung lag auf einem Hügel und bot einen weiten Blick über den Fjord und hinüber zur Stadt Aarhus. Schiffe, die sich hier näherten, wurden schon sehr früh ausgemacht.

Dazu kam die Tatsache, dass man angefangen hatte, die alten Grubenhäuser der Siedler durch größere Häuser zu ersetzen und dabei die ausgehobenen Gruben zum Teil für Keller zu nutzen, um dort Gemüse kühl aufzubewahren. So hatte sich Sundby sehr rasch bei vielen Seefahrern den Ruf erworben, immer ein sehr nahrhaftes Essen auf den Tisch der einzigen Herberge zu bringen, die deshalb gerade in den kalten Monaten gern aufgesucht wurde.

Bolthar verschwieg allerdings selbst seinen engsten Vertrauten Bent, Gulkollur und Bjor, dass er noch einen weiteren Grund für einen Aufenthalt in der kleinen Stadt hatte.

Das halffertugt skip, sein neues Langboot mit jeweils fünfunddreißig Ruderplätzen auf jeder Seite, wurde ein Stück den Strand hinaufgezogen und dort sicher vor Sturm und Flut vertäut. Gulkollur, der sich in dieser Gegend besonders gut auskannte, sorgte dafür, dass die Taue an den mächtigen Felsbrocken befestigt wurden. Hier hatte es früher schon oft böse Überraschungen gegeben, wenn einer der Winterstürme über das Meer fegte und den Sand hoch in den Himmel schleuderte. Kleinere Boote hatten sich losgerissen und die großen mussten hinterher buchstäblich freigegraben werden, weil Unmengen von Sand alles bedeckt hatten. Dagegen wurde nun das Langboot mit den Ersatzsegeln abgedeckt und auch diese am Strand zusätzlich mit dicken Steinen gesichert.

„Helluland?“, knurrte Gulkollur dabei leise vor sich hin, griff einen der schweren Steine mit einer Hand auf und hieb ihn schwungvoll auf den Zipfel des Wollsegels. „Helluland? Das ist wohl nur ein Traum des Jarle und wird es auch nur bleiben. Ich hatte schon geglaubt, wir wären zum Frühjahr zurück und könnten das viele Silber, das wir mit den Zähnen und den Fellen der erbeuteten Tiere erhalten würden, gar nicht mehr zählen. Ha, Helluland! Ohne Navigator mit Sonnenstein bleibt das wohl alles nichts weiter als ein Traum! (vgl. Bolthar, der Wikingerfürst Band 8, Das Geheimnis des Sonnensteins).“

„Halt lieber das Maul, Gelbkopf!“, sagte Bent jetzt, der ein Stück weiter Steine auf das Segel legte. „Wenn dich Bolthar hört, könnte es sein, dass er dich allein nach Helluland rudern lässt!“

Die beiden wechselten einen bezeichnenden Blick, dann lachten sie laut heraus.

Aber Bent wurde schnell wieder ernst und deutete auf zwei seltsame Gestalten, die von der Ansiedlung herunter zum Strand kamen. Es war der hagere, blinde Gode und das Kind, das der Zauberer seltsamerweise als Wolfskind bezeichnete oder es sogar mit dem Namen des Gottes Loki rief (vgl. Bolthar, der Wikingerfürst Band 10, Der Bote Thors).

„Ich hätte nicht übel Lust, beiden in der Nacht die Hälse durchzuschneiden!“, raunte Gulkollur seinem Nachbarn zu. „Wenn er nicht ein Gode wäre und schon ein paar seltsame Weissagungen gemacht hat. Aber dieses Kind – ich würde nicht viel darauf geben, dass er diesen Winter überlebt!“

Bei diesen Worten zog der Unterführer laut den Rotz hoch und spuckte einen dicken Klumpen in die Richtung der beiden Wanderer, die sich jetzt am Wasser entlang entfernten.

Ihre Arbeit war beendet, und die beiden Krieger warteten auf die anderen, die sich ebenfalls aufrichteten und zu ihnen herüberkamen. Einer der Männer deutete mit dem Kopf hinüber zu Afdrif, wie sich der Gode nannte, und verzog sein Gesicht zu einer Grimasse.

„Da geht der Alte wieder und scheint mit den Göttern zu reden. Jedenfalls fuchtelt er so viel mit den Armen in der Luft herum, dass man meinen könnte, er wollte jedem Asen persönlich die Hand schütteln!“

„Schlimm ist eigentlich nur dieses Kind, wobei ich noch Zweifel hege, ob es überhaupt ein menschliches Wesen ist, das da in diesen Lumpen und dem Fell steckt!“, antwortete ein anderer, der Framir hieß.

„Hey, Framir, du kennst dich doch gut mit Wölfen aus, oder?“, erkundigte sich Bent und grinste den Mann auf vielsagende Weise an.

„Das kann man wohl sagen!“, antwortete der Krieger und hob seinen Arm. Deutlich waren die feuerroten, halbkreisförmigen Narben zu erkennen, die von einem Wolfsbiss stammten. „Meine Begegnung mit diesem Burschen war mir jedenfalls eine wichtige Erfahrung. Seitdem achte ich darauf, ob mein Gegner Krallen an den Füßen hat!“

Alle lachten, denn bei diesem Kampf, von dem gern an den abendlichen Feuern erzählt wurde, waren alle Einzelheiten bekannt. Als der Wolf zubiss und der Angegriffene zuvor sein Schwert verloren hatte, musste er den Wolf mit einem einfachen knifr töten, dem Messer, das man eigentlich nur zum Essen verwendete.

Um ihn abzuwehren, hatte er den anderen Arm fest um den Hals des Wolfes gezogen und würgte ihn damit. In der kurzen Zeit, in der er mit der Linken nach dem Messer tastete, zerkratzte ihm die Bestie mit den Hinterläufen zudem die ungeschützten Beine und hätte dabei um ein Haar auch wertvolle Stücke treffen können.

„Dann kannst du mir bestimmt auch verraten, ob Wölfe schwimmen können!“, fuhr Bent fort und sah mit einem Grinsen zu dem Kind am Strand hinüber, das eben dabei war, seinem Herrn und Meister etwas zu erklären.

Framir grinste auf die gleiche Art.

„Oh ja, das kann ich wirklich bestätigen. Ich habe einmal einen prächtigen Wolf beobachtet, wie er durch eine Bucht geschwommen ist. War sehr praktisch für mich, denn als ich ihn getötet habe, bekam ich dafür ein vollkommen sauberes Fell!“

Alle lachten, und nun deutete Bent auf das Kind bei dem Priester.

„Dann sollte das Wolfskind mal darauf achten, dass die Entfernung zwischen dem Langboot mit ihm an Bord und dem Land nicht allzu groß ist!“

Die Krieger verstanden ihren Unterführer und brachen in ein so lautes Lachen aus, dass sogar der Gode aufmerksam wurde und seine blinden Augen in ihre Richtung drehte. Das Kind sprang um ihn herum und schien ihm unbedingt etwas erklären zu wollen, aber jetzt hatte der Alte ein anderes Ziel und ging mit raschen, weit ausgreifenden Schritten in die Richtung der Männer.

Doch keiner der Männer am Strand hatte Lust, ein Gespräch mit dem Gode zu führen. Wer sich als Bote der Götter bezeichnete, war möglicherweise gefährlich. Viel zu gefährlich für einen kleinen Spaß, den man mit jedem anderen vielleicht getrieben hätte. So entfernten sich die Krieger alle zusammen, während der Blinde sich jedoch an den Geräuschen orientierte, die sie auf dem Sand verursachten, und ihnen weiter folgte.

Als die Männer das Langhaus erreichten, das ihnen der Dorfälteste angeboten hatte, sahen sie sich verwundert nach Bolthar um. Einer der Männer, der gerade dabei war, seinen Sax zu schleifen, teilte ihnen lapidar mit, dass der Jarle aus der Ansiedlung gegangen wäre und allein sein wolle. Niemand sollte ihm folgen, er würde wahrscheinlich erst später zurückkehren.

„Später? Was heißt das denn?“, erkundigte sich Bent etwas aufgebracht. „Nach dem Essen oder bevor wir uns zur Ruhe begeben? Glaubt er denn, dass wir uns hier in völliger Sicherheit befinden? Ich würde eher glauben, dass Harald längst von uns und der aufgestellten Schandstange (vgl. Bolthar, der Wikingerfürst Band 10, Der Bote Thors) Kunde hat und auch seine Späher ausschicken wird, um unser Langboot ausfindig zu machen!“

„Der Jarle ist bewaffnet und hat seine Anweisungen gegeben!“, brummte der Mann und strich weiter mit dem Stein über die Klinge.

Gulkollur war es, der Bent beruhigend die Hand auf den Unterarm legte.

„Ich kenne den Grund für seine Abwesenheit, beruhigt euch alle. Ich weiß auch, wo ich den Jarle finden kann und werde ihm in der Dunkelheit ein Stück entgegengehen. Aber glaubt mir, es ist besser, wenn er jetzt keinen von uns sieht!“

Die anderen sahen Gelbkopf erstaunt an, dann zuckte Bent die Schultern, und die Männer folgten dem Beispiel des Mannes mit dem Schleifstein.

Die Schwerter benötigten die Aufmerksamkeit ihrer Besitzer, mussten bei dem regnerisch-kalten Wetter dieser Tage zudem auch immer wieder einmal gefettet werden, ebenso die Scheiden, die in der Nässe spröde und brüchig wurden.

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3.

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GULKOLLUR WAR SEINEM Jarle tatsächlich nachgeschlichen und fand ihn an der Stelle, an der er ihn auch vermutet hatte. Hier standen zahlreiche Steine, teilweise bis zur Mannsgröße, und erinnerten an die Verstorbenen. Es war üblich, die Toten zu verbrennen. Anschließend wurden die Steine über ihren Gräbern errichtet. Die meisten von ihnen waren unbeschriftet, einige enthielten aber auch Runenzeichen. Doch davon konnte Gulkollur in der Dunkelheit nichts erkennen.

Er fand Jarle Bolthar kniend vor einem schmalen, hohen Stein, den Kopf gesenkt. Diese Haltung musste für den Verwundeten recht unbequem sein, aber er bewegte sich nicht, sondern harrte in dieser Stellung lange aus. Als ein lang gezogenes, hohes Heulen an das Ohr des Jarle drang und natürlich auch seinen Unterführer aufsehen ließ, war der Bann über diesem Begräbnisort gebrochen. Noch einmal ertönte das Heulen, und unwillkürlich hatte Gulkollur an den Griff seines Schwertes gefasst.

Das war zweifellos das Heulen eines Wolfes, und die beiden Männer in der Dunkelheit fragten sich wohl, wie sich ein solches Tier ausgerechnet auf die Insel verirrt hatte.

Bolthar erhob sich etwas schwerfällig, drehte sich schließlich um und rief in die Dunkelheit: „Du kannst dich ruhig zeigen, Gelbkopf. Ich habe bemerkt, dass du schon vor einer ganzen Weile gekommen bist und danke dir dafür. Lass uns zurückgehen und gemeinsam einen Becher Bier leeren, damit die Gedanken an die damalige Zeit wieder verschwinden. Die Toten kehren nicht zurück, und ich habe ihnen meine Referenz erwiesen, so, wie ich es einst geschworen habe.“

„Fühlst du dich gut, Jarle?“

Der Hüne straffte seine Gestalt und antwortete mit gepresster Stimme:

„Es ging mir schon erheblich besser, Gelbkopf. Aber das ist gleich wieder vorüber.“

„Du solltest dich schonen, Jarle. Ich kenne den Zustand deiner Wunde, weil ich Bent assistiert hatte, und ich würde mich an deiner Stelle etwas weniger bewegen. Wenn die Nähte nicht halten, kann ich für nichts garantieren.“

„Ihr habt getan, was ihr konntet, du und Bent, und dafür bin ich euch dankbar. Aber behandele mich nicht wie eine alte Frau. Ich kann schon erkennen, was für mich gut ist und was nicht. Ist Digr, der Kundschafter aus Aarhus, schon zurück?“

„Nein, Jarle, wir haben nichts von ihm gehört.“

„Gut, dann weck mich sofort, wenn er eintrifft.“

Damit begab sich der Jarle wieder auf sein Lager, und Gulkollor ging hinüber zu den anderen, um mit leiser Stimme das Geschehen der letzten Tage noch einmal durchzugehen.

Auf der anderen Seite des Fjords machte Digr, einer der Krieger Bolthars, eine seltsame Entdeckung. Er hatte die Absicht, das Haus des Navigators im Auge zu behalten, denn Bolthar wettete darauf, dass Efstur hierher zurückkehren würde. Er musste nur glauben, dass ihm keine Gefahr mehr drohte. Wenn er dann erneut unter Druck gesetzt wurde, machte er vielleicht einen entscheidenden Fehler und lief ihnen in die Hände.

Allerdings musste der Beobachter zwischendurch seinen Posten verlassen, denn aufgrund des letzten Feuers hatte man beschlossen, regelmäßig eine Gruppe mit Stadtsoldaten durch die Straßen laufen zu lassen. Diese Männer waren überwiegend erfahrene Veteranen und verstanden den Umgang mit Speer und Sax. Dazu kam auch ein Rundschild, den jeder von ihnen über der Schulter trug, und die Gruppe von fünf Mann bot für den im Dunkel einer schmalen Gasse lauernden Digr einen beeindruckenden Auftritt. Sie kamen mit lauten Schritten näher, einer von ihnen trug sogar eine Windlaterne und im Schein dieses kleinen Lichtes kontrollierten sie die Hauseingänge.

Digr beobachtete die Patrouille, wie sie sich der Gasse näherte, in der er sich in den Schatten eines Hauses drückte, und schließlich blieb ihm nichts anderes übrig, als sich rasch zurückzuziehen. Die Männer marschierten weiter, unterhielten sich dabei halblaut, und der Beobachter konnte auf seinen Posten zurückkehren.

Allerdings verging weniger Zeit, als ein Mann für das Leeren eines Bierbechers benötigte, und erneut klangen Schritte aus der anderen Richtung durch die Nacht.

Digr stieß eine leise Verwünschung aus und zog sich erneut tiefer in die Gasse zurück.

Schließlich musste er erkennen, dass offenbar zwei solcher Streifen durch die nächtliche Stadt marschierten, und presste sich eng an die Hauswand. Hier gab es keine Steinhäuser, sondern nur aus Holz errichtete und mit Lehm verputzte Häuser. Gerade wollte Digr aufatmen, als einer der Männer einen überraschten Ruf ausstieß.

„Schaut doch mal hier herüber, liegt da nicht einer in der Gasse?“

Das hatte ihm gerade noch gefehlt!

Handelte es sich um einen Betrunkenen, der hier seinen Rausch ausschlief?

Jedenfalls zog einer der Bewaffneten den Mann, dem man in das Gesicht leuchtete, an den Beinen und brachte gleich darauf den Körper aus der Gasse heraus.

„Hey, ist der Mann tot? Wurde er hier neben Efsturs Haus getötet?“

„Den kenne ich doch!“, ergänzte ein anderer. „Das ist einer von den Vikingern, die von König Harald begnadigt wurden und unsere Stadt innerhalb von zwei Tagen verlassen mussten!“

„Bist du sicher? Aussehen tut der Kerl ja wie ein Seemann, stinken tut er auch genauso, aber er hat ja noch nicht mal einen Sax an der Seite, nur eine leere Messerhülle!“

Der erste Krieger schlug dem Ohnmächtigen leicht auf die Wangen, und plötzlich war der wieder hellwach.

„He, was soll das? Was wollt ihr von mir?“

„Steh auf und komm mit, Kerl, du kannst hier nicht in einer Gasse liegen und deinen Rausch ausschlafen!“, kommandierte der zweite Mann.

„Ich bin nicht betrunken!“, rief der Mann beleidigt, aber schon griffen zwei der Bewaffneten unter seine Arme und rissen ihn zu sich hoch.

„Das würde ich jetzt auch behaupten. Aber wir haben strenge Anweisungen erhalten. Du kommst mit uns und wirst die Nacht in einer festen Umgebung verbringen. Kann dir doch nur recht sein, wenn es regnen sollte! Und kalt ist es ohnehin schon! Also los, oder wir helfen nach!“

Damit wurde der Mann von der Patrouille umringt und musste ihnen nun folgen, ob er wollte, oder nicht. Digr zog sich langsam zurück und ließ die Männer dicht an sich passieren. Danach eilte er in die Gasse in der sie eben den Ohnmächtigen gefunden hatten und sah an der Wand von Efsturs Haus nach einer Öffnung. Erst nach dem Passieren der Gasse entdeckte er die Fensteröffnung, huschte dort hin und legte sein Ohr an das dicke Pergament.

Kein Zweifel, der alte Navigator hatte sich zum Schlafen gelegt.

Sein Schnarchen drang deutlich an das Ohr des Kundschafters.

Befriedigt drehte sich Digr um und wollte eben zurück auf seinen Posten, als er unmittelbar vor sich trotz der herrschenden Dunkelheit eine Bewegung ausmachen konnte. Noch bevor er auch nur darauf reagieren und nach dem Sax an seiner Seite greifen konnte, spürte er selbst eine Schwertspitze am Hals.

„Keinen Laut, oder ich steche zu!“, raunte ihm eine Stimme zu, und Digr verfluchte wieder einmal sein Geschick. Plötzlich umringten ihn drei dunkle Gestalten, und keiner von diesen Männern hatte ein in der Dunkelheit erkennbares Gesicht. Aber die harten Griffe, mit denen sie ihn packten und die scharfe Spitze an seinem Hals sagten dem Kundschafter, dass Widerstand in diesem Fall aussichtslos war.

„Was willst du von Efstur?“

„Von wem?“, gab Digr erstaunt zurück und erhielt dafür einen heftigen Schlag in die Magengegend, der ihm mit einem Schmerzenslaut die Luft nahm.

„Noch einmal: Was willst du von Efstur?“

„Ich ... ich kenne niemand mit diesem Namen!“, keuchte Digr und erhielt den nächsten Schlag in den Magen, der ihn jetzt zusammenklappen ließ.

„Weißt du immer noch nicht, von wem wir reden?“

„Nein!“, keuchte der Kundschafter. „Ich bin hier nur auf dem Weg ...“

Ein neuer Schlag traf ihn, diesmal noch härter.

Er kippte nach vorn, verlor aber nicht das Bewusstsein, obwohl sich alles um ihn herum drehte. Die Dunkelheit verhinderte, dass er genau erkennen konnte, was das für Männer waren, die ihn derart misshandelten. Aber die neue Stadtwache war es nicht, die trugen Schilde und Speere. Diese Männer hatten, soweit er das erkennen konnte, noch nicht einmal Helme auf ihren Köpfen. Wohl aber hielten alle, die er in seiner Situation noch ausmachen konnte, Schwerter in den Händen.

Während er noch mit einer Ohnmacht kämpfte, raunte einer der Männer den anderen zu: „Ljótur hatte seine Nachricht genau rechtzeitig geschickt. Wir haben den Mann, und er wird auch noch reden, keine Sorge!“

Wieder traf ihn ein Schlag, diesmal gegen den Kopf.

Digr fiel nach vorn und damit in eine tiefe Dunkelheit.

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4.

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IN DIESER NACHT ERWACHTE Bolthar aus einem Traum, der ihn in längst vergangene Zeit zurückgeführt hatte. Es brauchte einige Zeit, bis er sich von den letzten Traumbildern befreit hatte und sich nun in dem Raum umsah. Zunächst war geplant, dass er mit den Kriegern zusammen im Langhaus schlief, aber das duldete der Älteste nicht. Er lud Bolthar zu sich ein und sorgte dafür, dass der Jarle ein äußerst bequemes Lager erhielt, direkt an der Wand neben der Tür. Jetzt erhob er sich und spürte sofort, wie seine Wunde zog und stach, weil er sich zu schnell bewegt hatte. Kurz hielt er in seiner Bewegung inne, schließlich erhob er sich von seinem Lager, um sich zu erleichtern. Das Bier, das er gestern noch mit den anderen getrunken hatte, machte sich bemerkbar, und Bolthar trat aus dem Haus, umrundete es und öffnete seine Hose. Noch bevor er fertig war, beschlich ihn das unangenehme Gefühl, dass ihn jemand beobachtete. Ein rascher Blick über die Schulter – niemand war bei den Häusern. Der sternenklare Himmel sorgte für eine gute Sicht, und eben wollte er in das Haus zurückkehren, als er mitten in der Bewegung erstarrte.

Da war das Tier wieder, dessen Heulen er schon auf dem Gräberfeld vernommen hatte. Es musste ein ungewöhnlich großer Wolf sein, dessen Umrisse sich am Ende des Dorfes klar abzeichneten. Er schien ihn gewittert zu haben, denn der Kopf war in seine Richtung gedreht, und Bolthar erkannte die spitzen Ohren. Kein Zweifel, der Wolf hatte ihn bemerkt.

Instinktiv glitt seine Hand zum Schwertgriff, und er musste einen Fluch unterdrücken. Natürlich hatte er den Sax abgelegt, als er schlief. Langsam ging Bolthar auf die Hütte zu, deren Tür sich dunkel vor ihm abzeichnete. Auch der Wolf schien seinen Platz zu verlassen, lief jetzt an einer Hütte vorüber und war gleich darauf etwas weiter entfernt auf einem Hügel sichtbar. Jedenfalls zeichneten sich sein dunkler Körper und der charakteristische Kopf vor dem dunklen Hintergrund ab. Gleich darauf war er so lautlos verschwunden, wie er eben aufgetaucht war. Bolthar verhielt noch kurz, dann trat er in das Haus ein, zog die Türe zu und legte sich wieder hin. Noch lange war er wach und dachte an diese seltsame Begegnung. Aber schließlich übermannte ihn der Schlaf, zumal alles ruhig blieb.

Erneut schreckte Bolthar hoch, diesmal jedoch mit einem ganz anderen Gedanken.

Jemand befand sich in der Hütte, die Tür stand offen. Ein frischer Wind wehte herein.

Als er sich aufrichtete, erkannte er den Grund.

Gelb funkelten ihn dort die Augen der Bestie an, und nun war der Jarle hellwach. Er griff nach dem Sax neben seinem Lager und war mit einer Geschwindigkeit auf den Beinen, die ihn selbst verblüffte. Aber bis er die Tür erreicht hatte, war der Wolf in der Dunkelheit verschwunden. Bolthar erinnerte sich an den Wurfspeer, der neben der Tür an der Wand lehnte, tastete danach und schloss gleich darauf die Finger um den kühlen Holzschaft. Dann trat er erneut in die Nacht hinaus und lauschte.

Ein leises Kratzen, kaum wahrnehmbar, seitlich von ihm.

Augenblicke später huschte etwas zwischen den Häusern entlang, und Bolthar schleuderte den Speer danach. Zischend flog er durch die Dunkelheit, ein seltsamer Laut folgte, und so schnell es ihm möglich war, eilte er zu der Stelle. Sein Speer musste getroffen haben, aber der Wolf war verschwunden. Bolthar nahm die Waffe wieder auf und lief um das nächste Haus.

Vergeblich.

Kein Mensch, kein Tier befand sich in der Nähe.

Gut. Dann hat er also verstanden, dass es hier keine leichte Beute gibt.

Bolthar kehrte in das Haus zurück, verschloss sorgfältig die Tür und schob den kleinen Holzriegel über die Halterung. Das bot zwar einem kräftigen Mann kein wirkliches Hindernis, konnte aber verhindern, dass die Tür ungewollt erneut aufsprang.

Die restliche Nacht verlief ruhig und ohne jede Störung.

Als sich Bolthar mit dem ersten, hellen Streifen am Himmel erhob und zu dem Speer sah, erkannte er etwas Blut an der eisernen Spitze.

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5.

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DU HAST ALSO EINEN Schandpfahl für König Harald aufgestellt!“

Das klang weniger nach einer Frage, viel mehr nach einer Feststellung.

Bolthar saß auf dem hohen Stuhl, den sonst der Dorfälteste einzunehmen pflegte.

Ihm gegenüber saß ein Mann von nur schwer bestimmbarem Alter. Sein Gesicht war von zahlreichen Narben entstellt, selbst über das rechte Auge verlief eine dicke, rote Narbe, die zumindest das Auge verletzt haben musste, denn es zeigte einen seltsamen, milchigen Schimmer. Der Mann war von kräftiger Statur, nicht ganz so groß wie Bolthar, aber jede seiner Bewegungen verriet seine Stärke. Er mochte bereits mehr Winter als die meisten anderen Männer in diesem Langhaus erlebt haben, aber er machte nicht den Eindruck, als könne er nicht an vorderster Position mitten im Schlachtgewühl stehen und seine Männer anführen.

Ljótur, der Hässliche, war ein Jarle, wie ihn sich Bolthar nur wünschen konnte. Er kam aus Schweden und gehörte zu den Warägern, sprach aber schon seit langer Zeit nicht mehr über seine Herkunft. Er war kampferprobt, zuverlässig, und vor allem eines: Ein glühender Verehrer des Donnergottes Thor und damit auch ein Mann, der alles, was sich gegen die Asen richtete, mit Stumpf und Stiel ausrotten würde. So jedenfalls schätzte ihn Bolthar ein.

„Wo hast du davon gehört?“, antwortete Bolthar und reichte seinem Gegenüber einen großen Becher, den er selbst aus einer Kanne randvoll mit frischem Bier gegossen hatte. Der Hässliche nahm den Becher auf, kostete und trank ihn gleich darauf in einem Zug aus. Mit einem zufriedenen Seufzer stellte er ihn auf die Erde neben seinen Stuhl. Auch Ljótur saß auf einem Hochstuhl dem Gastgeber gegenüber, wie man es für einen geehrten Gast nicht anders zu tun pflegte. Und Bolthar wusste, was dieser Besuch zu bedeuten hatte.

„Es wäre leichter zu sagen, wo man nicht davon hört, Bolthar!“, kam die trockene Antwort, und die beiden Krieger brachen in ein lautes Gelächter aus. „Ich war erst weiter oben im Norden, ganz in der Nähe deiner Siedlung. Selbst dort erzählte man sich, dass du jetzt einen Gode hast, der einen Fluch auf Harald gelegt hat. Den Schandpfahl schilderte man so genau, dass ich ihn förmlich vor mir sehen konnte. Je öfter ich dann an einem Küstenort anlegte, desto wilder wurden die Gerüchte. Ich glaube fast, Bolthar, dass die Tat selbst in Aarhus rascher bekannt wurde, als du hier in diesem kleinen Nest eintreffen konntest. Übrigens gibt es hier in Sundby den besten Fisch weit und breit!“

Bolthar hatte erneut nach der Kanne gegriffen und schenkte erst seinem Gast, dann sich selbst ein. Die beiden tranken, und nun war es an Bolthar, auf den Kernpunkt ihres Gespräches zu kommen.

„Du hast mir erzählt, dass du ein paar Schiffe hast, Ljótur. Ich brauche sie alle, und ich brauche natürlich dich auf meiner Seite. Das ist alles, was wir jetzt besprechen müssen.“

Der Mann mit dem hässlichen Narbengesicht lehnte sich zurück und musterte Bolthar lauernd. Nach einer kurzen Weile verzog sich sein abstoßendes Gesicht zu einem Lächeln, und langsam nickte er vor sich hin. Endlich bequemte er sich zu einer Antwort.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738926101
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v457916
Schlagworte
bolthar wikingerfürst band lokis wolfskind

Autor

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Titel: Bolthar, der Wikingerfürst Band 11: Lokis Wolfskind