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Neues Glück nach der Scheidung

2018 120 Seiten

Leseprobe

Neues Glück nach der Scheidung

Roman von G. S. Friebel


Der Umfang dieses Buchs entspricht 129 Taschenbuchseiten.


Es hatte alles schön angefangen: Ihre erste Liebe und Heirat mit Olaf, mit dem sie zwei bezaubernde Kinder hat – und dann nach zwölf Jahren das Ehe-Aus! Jane hatte versprochen, nicht zu klammern, wenn er einmal die Scheidung wollte, und so ließ sie traurig ihren Mann und Kinder zurück. Als Schriftstellerin war sie finanziell unabhängig, doch hatte der Scherbenhaufen ihrer einst so glücklichen Familie und die Aussicht auf eine freudlose Zukunft tiefe Spuren hinterlassen. Deshalb zieht sie sich in ein idyllisches Bergdorf zurück, um zu sich selbst zurückzufinden. Nicht sonderlich erfreut ist sie dann auch, als sie in ihrer Pension ihren Verleger Martin Rosen trifft ...


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Da ist man jung und so verliebt. Die ganze Welt erscheint wie in eine rosarote Wolke gehüllt. Ja, und man glaubt, dieses Glück würde immer bestehen bleiben, und so verspricht man etwas, das man vielleicht später einmal bereuen wird. Aber in diesem Augenblick gibt es eben kein Später.

Ich hatte Olaf kennengelernt, und wir wollten bald heiraten. Wir hatten über alles gesprochen. Eines Tages, ich weiß es noch ganz genau, es war kurz vor unserer Hochzeit, da sagte ich zu ihm: »Hör mir zu, Olaf, solltest du je einmal den Wunsch haben, dich von mir zu lösen, dann sage es mir bitte. Das tut nicht so weh, wie wenn man betrogen wird und es erst viel später erfährt. Ich bin für klare Verhältnisse. Wenn du mich verlassen möchtest, dann werde ich mich nicht an dich klammern.«

Damals hatte er herzlich gelacht, mich in seine Arme genommen und gesagt: »Was du doch für Gedanken hast! Wir sind noch nicht mal verheiratet, Liebes.«

Aber ich war damals hartnäckig, warum, das kann ich auch nicht mehr sagen. »Und wenn Kinder da sind, Olaf, dann dürfen sie entscheiden, bei wem sie bleiben möchten. Und diese Entscheidung respektieren wir, ja?«

»Nun gut, du bist so hartnäckig, also, damit wir endlich heiraten können, bin ich damit einverstanden.«

Und dann haben wir geheiratet. Ich war damals zwanzig, Olaf fünfundzwanzig. Alle sagten sie, das sei das richtige Alter. Zwei Jahre später bekam ich unser erstes Kind, Sybille. Und fünf Jahre danach unser Nesthäkchen Piet. Als Sybille zwei Jahre alt war, spürte ich, dass ich schreiben konnte. Und weil mir sehr viel Zeit zur Verfügung stand, habe ich dann angefangen. Jetzt bin ich eine Schriftstellerin und schreibe Romane aller Art. Aber damals war das alles so unwichtig für uns. Wir waren glücklich, wirklich glücklich. Olaf war der wundervollste Vater, den sich meine Kinder nur wünschen konnten.

Nun, es stimmt, ich musste dann öfter fort, und die Schreiberei nahm immer mehr Zeit in Anspruch. Ich nahm mir eine Hilfe für den Haushalt, aber für die Kinder habe ich immer selbst gesorgt. Ich hatte eine sehr schlechte Jugend hinter mir, und ich konnte meine Gefühle nicht so zeigen, aber ich liebte meine Kinder über alles. Die grüblerische Sibylle und den lustigen frechen Piet, der alle Augenblicke etwas anderes anstellte. Ich liebte sie leidenschaftlich und konnte mir ein Leben ohne diese beiden gar nicht mehr vorstellen.

Alles war so schön, so harmonisch. Ich hatte eine herrliche Familie, einen Beruf, der mich ausfüllte und den ich auch liebte. Wir hatten Geld zur Verfügung und konnten uns so manchen Wunsch erfüllen.

Und dann, nach zwölf Jahren, kam der Schlag. So unerwartet, dass er mich besonders heftig traf. Es war an einem Winterabend, da kam Olaf zu mir und sagte mir, er wolle sich von mir scheiden lassen. Er habe im Büro eine Frau kennengelernt, die er gern heiraten würde. Ich hätte doch meinen Beruf, und wir hätten uns mit der Zeit entfremdet. Und ob ich jetzt bei meinem Wort bliebe, das ich damals vor der Hochzeit gegeben hätte?

Wir hatten uns nicht entfremdet, das war es nicht, o nein. Es war ein jüngeres Mädchen. Sie war zwanzig, hatte superblonde Haare und ein Puppengesicht. Olaf liebte sie. Sollte ich um ihn kämpfen? Ich fand es so demütigend. Und so willigte ich in die Scheidung ein. Ein Vierteljahr später, im Mai, waren wir geschieden. Und nun ging es um die Kinder. Sie waren alt genug, um selbst entscheiden zu können. Wir setzten uns mit ihnen zusammen und erklärten ihnen alles ganz genau. Sibylle und Piet entschieden sich für den Vater.

Damals war mir, als würde man mein Herz entzweireißen. Das war noch viel schlimmer als die Scheidung. Aber niemand sah mir meine wirkliche Verfassung an.

Ich hatte mein Wort gehalten! So sah also nun mein Leben aus. Nach zwölf Jahren Ehe stand ich vor einem Berg Scherben und war genauso allein wie damals, als alles angefangen hatte.

Natürlich war ich tief verletzt und gedemütigt. Ich musste die gemeinsame Wohnung verlassen. Nur meinen Schreibtisch und die Schreibmaschine nahm ich mit. Meinen Lebensunterhalt verdiente ich mir ja durch Schreiben. Geldsorgen brauchte ich nicht zu haben. Aber ... Ach nein, man soll nicht so viel denken.

Ich nahm mir in einer anderen Stadt eine winzige Wohnung. Freunde hatte ich auch nicht mehr. Bei einer Scheidung ist die Frau immer vollkommen isoliert. Man wird nicht mehr eingeladen, weil die Frauen Angst haben, man schnappt ihnen die Männer fort.

Von dieser Gattung Mensch wollte ich jedoch nie mehr etwas wissen. Ich würde in Zukunft einen großen Bogen um sie machen.

Natürlich hätte ich meine Kinder regelmäßig besuchen können, aber für die erste Zeit schlug ich vor, dass ich es nicht tun würde. Sie sollten sich erst an das neue Leben gewöhnen. Denn im Grunde geht es nur um die Kinder. Man will seinen eigenen Gefühlen nachgeben, aber nur selten denken die Eltern an die Kinder. Viele nannten mich eine herzlose und grausame Mutter.

»Das könnte ich nicht, meine Kinder einer Fremden überlassen. Ich würde um sie kämpfen. Gewiss würden sie den Kleinen auf alle Fälle zugesprochen bekommen.«

Ja, mit Ratschlägen sparte man wirklich nicht. Doch ich schwieg. Was ging die andern mein Schicksal an?

Ich war so traurig, so verzweifelt, ach, ich kann meinen Zustand einfach nicht beschreiben. Den ganzen Sommer über lief ich ziellos durch die fremde Stadt, als ob ich irgendetwas suchte. Vier Monate war ich jetzt geschieden! Für mich war das eine Ewigkeit. Wenn ich in meine kleine möblierte Wohnung zurückkam, war mir, als würde mir die Decke auf den Kopf fallen.

Als die Ferien zu Ende waren und die Kinder in die Städte zurückkehrten, da hielt ich es einfach nicht mehr aus. Ich schloss meine kleine Wohnung ab und floh in die Berge nach Österreich. Im Reisebüro habe ich mir ein ganz kleines Nest aussuchen lassen. Und in einer winzigen Pension ließ ich mir ein Zimmer reservieren. Zimmer mit Frühstück und sonst nichts, auf unbestimmte Zeit. Ich wollte nur fort.

Natürlich nahm ich auch meine Schreibmaschine mit. Da ich jeden Monat Romane abliefern musste, hatte ich Termine einzuhalten. Außerdem war es für mich jetzt sehr wichtig, zu schreiben. Ich schuftete wie ein Pferd. Wenn man sich Romane ausdenken muss, kann man nichts anderes mehr denken.

Nach einer langen Bahnfahrt erreichte ich mein Ziel. Die Wirtsleute holten mich ab. Und ich sah an ihren Gesichtern, was sie dachten. Was, so eine junge hübsche Frau und allein? Hässlich bin ich nun wirklich nicht, und mit zweiunddreißig gehört man schließlich noch nicht zum alten Eisen.

Mein Zimmer lag im ersten Stock. Im Ganzen vermieteten die Wirtsleute fünf Fremdenzimmer. Ich hatte eine hübsche Bauernstube mit buntbemalten Bauernmöbeln. Sie waren so reizend und stellten mir einen großen Tisch vor das Fenster. Dort würde ich schreiben.

Wie es hier so üblich ist, lief um jedes Stockwerk ein Laubengang, so nannten sie die schmalen Balkone. Man konnte also rund um das Haus in luftiger Höhe wandeln und, wenn man Lust hatte, in jedes Zimmer schauen.

Ich interessierte mich kein bisschen für die anderen Pensionsgäste. Da war ein älteres Ehepaar, das mir sagte, es würde jedes Jahr im Herbst hier ein paar Wochen verbringen. Ob ich mich ihnen auf ihre Spaziergängen nicht anschließen wolle?

»Vielen Dank, ich werde mal darauf zurückkommen, aber ich muss arbeiten, wissen Sie!«

Ich scheute mich zu sagen, dass ich schreibe, und so ließ ich sie rätseln, was ich denn auf meinem Zimmer für eine Arbeit zu verrichten hätte.

Die Wirtsleute waren wirklich recht nett und kein bisschen aufdringlich. Ich richtete es so ein, dass ich mein Frühstück zu mir nahm, wenn das schwatzhafte Ehepaar schon verschwunden war.

Wider Erwarten kamen dann noch zwei junge Paare, und so war nur noch das Einbettzimmer neben dem meinen leer. Das erfuhr ich alles von dem alten Ehepaar. Ja, und dann war auch dieses Zimmer belegt. Ich glaube, in den ersten beiden Tagen habe ich es gar nicht bemerkt. Ich kann mich auch wirklich nicht erinnern, ob ich ein neues Gesicht unten im Frühstückszimmer gesehen habe. Ich ging allem aus dem Weg.

Es war am dritten Tag, ich erinnere mich genau. Ich hatte eine gute Idee für einen neuen Roman und fing sofort damit an. Meine Maschine schnurrte nur so dahin. Und während ich den Roman schrieb, merkte ich zugleich, dass ich mich gar nicht mehr so elend fühlte. Ich hatte Abstand von all den traurigen Ereignissen gewonnen. Ich war ruhiger geworden, und das machte mich irgendwie froh.

Und dann flog ein kleines Brieflein auf meinen Tisch. Verwundert nahm ich es hoch und las die wenigen Zeilen.

»Müssen Sie unbedingt Ihre Liebesbriefe in der Mittagszeit schreiben? Ich bin hierhergekommen, weil ich Ruhe brauche. Ihr gequälter Zimmernachbar.«

Oh, das war wirklich zu viel. Ein Blick auf meine Uhr zeigte mir, dass es schon weit nach 16 Uhr war. Im ersten Augenblick hatte ich einen Schreck bekommen. Aber dann war mir eingefallen, dass ich nie vor fünfzehn Uhr am Nachmittag anfing zu schreiben.

Ich wurde wütend. Das brauchte ich mir nicht gefallen zu lassen. Die beste Rache schien mir, diesem ungehobelten Kerl gleichfalls ein Brieflein ins Zimmer zu werfen.

Leider hatte ich nur meine Bogen mit Briefköpfe mit. Nun denn, dachte ich wütend, dann sieht er gleich, dass ich nicht schwindele.

Also nahm ich die angefangene Seite aus der Maschine, spannte geschwind einen Briefbogen ein, und dann schrieb ich erbost: »Ich schreibe keine Liebesbriefe, sondern bin eine Schriftstellerin, die damit ihr Brot verdient. Außerdem ist es schon lange nicht mehr Mittagszeit.«

So, dachte ich und kniff den Zettel zusammen. Den kann er sich hinter den Spiegel stecken. Und dann will ich mich doch mal nachher erkundigen, was für ein Tölpel neben mir wohnt. Wenn der mir wirklich jetzt Ärger macht, bleibt mir nichts anderes übrig, als diese Pension zu verlassen, was mir schwerfallen würde, denn ich habe sie richtig liebgewonnen.

Nun stand ich auf, ging in den Laubengang. Verschwommen sah ich nebenan durch das Fenster eine Gestalt auf dem Bett liegen. Sie war angezogen. Hurtig warf ich ihm meinerseits mein Briefchen hinüber. Es landete auf seinem Bauch. Aber da war ich schon wieder in meinem Zimmer.

Und damit er ja nicht denken sollte, ich würde mich etwa über ihn ärgern, tippte ich viel eifriger als vorher los. Ich habe nämlich eine ganz hübsche Anschlagszahl, schließlich war ich früher Sekretärin und hatte es richtig gelernt.

Ich war in das Kapitel, das ich gerade schrieb, richtig vertieft, als mir bewusst wurde, dass sich mein Zimmer verdunkelt hatte. Verdutzt blickte ich hoch und sah vor meinem Fenster eine Gestalt stehen. Und dieses Individuum grinste mich ganz unverschämt an.

Ich konnte nicht mehr weiterschreiben, außerdem hatte ich den Faden der Geschichte verloren.

»Nur weiter, nur weiter. Ihr Tippen ist Musik für meine Ohren«, hörte ich den grässlichen Kerl sagen.

Ich war einfach sprachlos über so fiel Frechheit, zugleich aber hatte ich das Gefühl: Diese Stimme kennst du doch.

Die Sonne schien mir direkt ins Gesicht, und so konnte ich ihn nicht gut erkennen. Aber ich sah, dass er ziemlich groß war, blond und so etwa fünfzig.

Nun hatte er mich richtig wütend gemacht, und ich wollte ihm jetzt gründlich die Meinung sagen. Hastig sprang ich auf und stürzte nach draußen.

»Grüß Gott, gnädige Frau«, sagte der hässliche Mensch und verbeugte sich auch noch galant vor mir.

Am liebsten hätte ich ihm eine Ohrfeige gegeben. Aber als ich sein Gesicht sah, wurde mir richtig unangenehm zumute. Und ich betete die ganze Zeit: Herrje, bin ich froh, dass er nicht erraten kann, was ich die ganze Zeit über ihn gedacht hatte.

Denn vor mir stand leibhaftig mein Hauptverleger!

»Hallo«, sagte ich verlegen und reichte ihm verwirrt die Hand.

Martin Rosen nahm sie und lachte schallend.

»Soll ich Ihnen mal sagen, was Sie eben alles über mich gedacht haben?«, fragte er augenzwinkernd.

Ich schwieg verbissen.

»Grässlicher, tölpelhafter Kerl! Stimmt’s?«

Er amüsierte sich köstlich über mein verblüfftes Gesicht.

»Sie, Sie ...« Ich wollte gerade losgehen, aber da schnappte mein Mund zu.

»Warum reden Sie nicht weiter?«, fragte er fröhlich.

»Ich werde mich hüten«, sagte ich wütend. »Glauben Sie, ich hätte Lust, in Zukunft trockenes Brot zu essen?«

»Oh«, meinte er amüsiert.

Ich lehnte am Holzgeländer und grübelte über den Zufall nach, der ausgerechnet diesen Menschen hier einquartiert hatte.

»Aber ich sagte doch eben, Ihr Tippen ist Musik für meine Ohren, gnädige Frau.«

Ich sah starr hinunter in das kleine Tal und gewann dabei meine Sicherheit wieder. Schnell dachte ich nach: Nun, er weiß, dass ich für seinen Verlag schreibe. In der Hauptsache habe ich aber mit den Lektorinnen zu tun. Ihn habe ich nur immer flüchtig gesehen. Außerdem bin ich ja nur ein kleines Licht. Wenn ich auch sehr viel für ihn schreibe, aber ...

Jetzt wurde er richtig nett.

»Ich entschuldige mich«, sagte er herzlich, und es war keine Spur Spott in seiner Stimme. Und als ich mich umdrehte und ihn wieder ansah, merkte ich, wie müde seine Augen wirkten und wie erschöpft sein Gesicht.

»Ich bin hierhergekommen, um Ruhe zu finden, die brauche ich so dringend. Ich war eingeschlafen und war wirklich in der Annahme, es sei noch sehr früh.«

»Wenn Sie es wünschen, werde ich nicht mehr schreiben, oder zumindest dann nicht, wenn Sie sich im Haus aufhalten«, sagte ich.

Er lächelte.

Wieder sah ich ins Tal. Es war ein schöner Herbsttag, und ich war seit Tagen schon nicht mehr draußen gewesen.

»Ich werde jetzt spazieren gehen, dann können Sie sich weiter ausruhen.«

»Darf ich Sie begleiten?«

Ich sah ihn an.

Schnell setzte er hinzu: »Nur, wenn Sie Lust dazu haben.«

Die ganze Zeit über war ich immer allein gewesen. Jetzt bot sich jemand an.

»Gern«, sagte ich. »Ich möchte dort drüben zu der kleinen Bank. Können Sie sie sehen?«

»Ja, einverstanden.«

Wenig später zogen wir los. Zuerst wusste ich gar nicht, worüber ich mich mit ihm unterhalten sollte. Auf gar keinen Fall wollte ich über irgendetwas, was mit meiner Arbeit zusammenhing, reden. Das gehörte nicht in die Urlaubsstimmung, es war schon schlimm genug, dass ich meinen eigenen geplagten Verleger mit meiner Tipperei aufgeweckt hatte.

Da ich schon eine Weile im Ort war, so fielen mir bald ein paar kuriose Dinge ein, und ich erzählte sie auf meine Art und Weise. Er lachte auch bald herzlich und sah. nicht mehr so müde aus.

Nach gut einer Stunde hatten wir die kleine Bank erreicht. Von hier aus konnte man unsere Pension sehen und auch unsere beiden Zimmer.

»Sind Sie schon lange hier?«

»Drei Wochen«, sagte ich.

Er sah mich ruhig an und meinte dann: »Haben Sie nicht Familie?«

Ich sah geradeaus. Ich wollte jetzt nicht über meinen Scherbenhaufen sprechen. Ich wusste, ich hatte noch nicht genug Abstand gewonnen. Bestimmt würden mir dann wieder die Tränen kommen.

Er fragte nicht weiter. So sprachen wir nur über belanglose Dinge. Martin Rosen, so hieß mein Verleger, konnte angenehm plaudern. Das war mir bis jetzt noch gar nicht aufgefallen. Und bald unterhielten wir uns über alle möglichen Dinge auf dieser Welt. Die Zeit verging sehr rasch, und es dämmerte schon, sodass wir uns wirklich beeilen mussten, um noch vor Einbruch der Dunkelheit den Ort zu erreichen.

Unten im Dorf lud er mich dann zum Abendessen ein. »Damit ich sicher bin, dass Sie mir wirklich meine Grobheit verziehen haben.«

»Hören Sie«, sagte ich, »das brauchen Sie wirklich nicht. Ich möchte nicht, dass Sie sich anstrengen und den Kavalier spielen. Wenn Sie sich lieber ausruhen möchten, also, ich bin Ihnen wirklich nicht böse!«

Wieder lächelte er und meinte: »Ich ziehe die Gesellschaft einer jungen Dame der eines leeren Zimmers vor.«

Die junge Dame ging mir glatt herunter, und ich war glücklich. Olaf hatte eine Jüngere genommen. Nun sagte jemand anders zu mir: junge Dame. Mein Gott, dachte ich, wenn er wüsste, wie lieb er im Augenblick zu mir ist.

Wenn ich ganz ehrlich sein will, so war ich auch froh über diese Einladung. Bis jetzt hatte ich meine Mahlzeiten immer allein eingenommen. Oft musste ich unliebsame Leute abweisen. Wenn eine Frau allein in ein Lokal kommt, wird das immer noch von vielen Männern falsch gedeutet.

In einer gemütlichen Ecke setzten wir dann unser Gespräch bei Kerzenlicht fort. Anschließend tranken wir noch Wein, und es war sehr spät, als wir endlich aufbrachen.



2

Am nächsten Morgen suchte ich ihn vergebens im Frühstückszimmer. Die Wirtin sagte mir, er habe das Haus vor gut einer halben Stunde verlassen. So konnte, ich mich also in Ruhe an meine Maschine setzen, ohne ihn zu stören. Ich hatte an die zehn Seiten geschrieben, mein halbes Tagessoll, als ich ihn wieder auf dem Söller erblickte. Ich schrieb die Seite zu Ende und ging dann nach draußen auf den Balkon.

»Ich habe mir eine Wanderkarte besorgt.«

»Fein«, sagte ich, »dann werden Sie also jetzt die Berge angehen?«

»Sind Sie denn kletterfest?«, gab er zurück.

»Wieso ich? Ich denke, Sie wollen rauf.«

»Nur wenn Sie mitkommen.«

»Spielen Sie noch immer den Kavalier? Also, Ihnen ist wirklich verziehen, Herr Rosen.«

»Ich bin kein Kavalier, sondern ein schrecklicher Egoist«, gab er lachend zurück.

»Aber haben Sie gestern nicht gesagt, Sie wollten hier ihre Ruhe haben?«

»Das habe ich, und die habe ich dann drei Tage gründlich genossen. Zuerst war es auch gut, ich meine, so richtig ausschlafen und an nichts denken, aber dann fiel mir bald die Zimmerdecke auf den Kopf. Da der Zufall uns zusammengebracht hat, nutze ich das jetzt schamlos aus.«

»Und wenn ich jetzt nicht mitmache?«, sagte ich lachend.

Er kniff ein Auge zu und meinte: »Ich brauche nur ein Wort zu sagen, dann begleiten Sie mich bis ans Ende der Welt.«

»Das Wort möchte ich mal hören!«

»Brötchengeber«, sagte er lachend.

»Hören Sie«, sagte ich wütend, »ich kann auch zu einem anderen Verlag überwechseln, und vielleicht wissen Sie auch, dass man mich dort sehr, sehr gerne nehmen würde.«

Er sah mich eine Weile ruhig an, und dann sagte er: »Soll ich Ihnen mal sagen, was ich denke?«

»Nur zu!«

»Dass Sie es schamlos tun würden, auch wenn Sie wüssten, ich würde über diesen Verlust bankrott gehen.«

Da musste ich wieder auflachen. Aber unwillkürlich hatte ich ihm gesagt, wie ich wirklich denke. Wir sprachen vorläufig nicht mehr über meine Arbeit für ihn.

»Ich habe kein richtiges Schuhwerk«, wandte ich ein.

»Das können wir im nächsten Ort kaufen. Der Bus fährt in zwanzig Minuten. Einen Fahrplan habe ich mir auch besorgt. Ich brauche nämlich auch Wanderschuhe. Also, uns bleibt nicht mehr viel Zeit.

Während ich mich anzog, grübelte ich darüber nach, wie ich ihm begreiflich machen konnte, dass ich allein gelassen werden wollte. Dass mir die gesamte Männerwelt vollkommen gleichgültig war. Und jetzt sollte ich für so ein Individuum sogar den Lückenbüßer spielen. Das war wirklich die Höhe. Zuerst einmal musste ich herausbekommen, wie lange er bleiben wollte. Wenn er bald wieder fahren würde, dann ging es ja noch an.

Im Schuhgeschäft erfuhr ich, dass er fünf Wochen bleiben würde. O je, dachte ich nur.

Als ich mir die richtigen Schuhe ausgesucht und sie bezahlt hatte, da drehte er sich plötzlich zu mir herum und sagte: »Warum haben Sie Angst? Ich fresse Sie nicht.«

»Vor Ihnen hab ich keine Angst«, sagte ich schnell.

»Sondern?«

»Allgemein.«

Er blickte mich wieder so seltsam an, nickte aber nur.

In der ersten Woche, in der wir zusammen waren, hat er mich jeden kleinen Buckel hinaufgescheucht. Ich verlor fünf Kilo bei dieser Schinderei, und er lachte nur und meinte, ich sähe jetzt noch viel jünger aus. Und das Fatale an der ganzen Sache war, ich dachte nur noch an diesen scheußlichen Kerl. Bald war es so weit, dass ich nichts mehr allein unternehmen konnte, immer war er mit von der Partie. Mit viel List und Tücke musste ich mir die Zeit zum Schreiben abzwacken.

Natürlich war er Kavalier, ich brauchte wirklich keine Angst vor ihm zu haben. Aber langsam wurde er mir gefährlich, und da schwebte so etwas zwischen uns. Wir durften es nicht anrühren, ich spürte es ganz genau. Herrje noch mal, ich war doch hierhergeflohen, um zu vergessen und nicht, um wieder etwas Dummes anzustellen. In der zweiten Woche spürte ich ganz deutlich, dass ich an der Angel saß, aber noch wehrte ich mich verzweifelt dagegen.

Am Mittwoch in der zweiten Woche, wir saßen wie üblich in unserem Stammlokal, hatten ein köstliches Mahl hinter uns, zur Rettung meiner Seele ließ ich es absolut nicht zu, dass er je für mich etwas bezahlte, höchstens den Wein, den wir danach tranken. Also, an diesem Mittwoch sagte er plötzlich: »Wissen Sie eigentlich, dass ich Witwer bin?«

Ich blickte ihn groß an.

Er gab diesen Blick zurück und sagte ruhig: »Ich meine, man soll ruhig mal auch über persönliche Dinge reden, finden Sie nicht auch, Frau Wendt?«

Ich hatte nach der Scheidung Olafs Namen behalten und nicht wieder meinen angenommen, aus dem Grunde, weil ich unter diesem Namen als Schriftstellerin bekannt geworden bin. Würde ich jetzt einen neuen Namen führen, würde das sehr kompliziert sein. Ich schrieb nicht nur für Rosen, sondern auch no ch für andere Verlage, aber nicht so viel wie für ihn.

»Ja, ich bin Witwer und habe drei Kinder«, sagte er noch einmal.

Ich spürte ganz genau, warum er das gesagt hatte. O nein, dachte ich. Ich will mein Leben jetzt so einrichten, dass mir niemand mehr weh tun kann. Wenn er nach drei Wochen fortfährt, dann sind wir nur wieder Verleger und Schriftstellerin und sonst nichts.

Martin sprach an diesem Abend noch sehr viel von sich. So erfuhr ich, dass er drei Kinder hatte, Peter war achtzehn und bereitete sich auf das Abitur vor, und Gine war zwanzig, hatte es glänzend bestanden und studierte jetzt Medizin. Dann hatte er auch noch ein kleines Mädchen von zehn Jahren, das Agnes hieß. Als er sie erwähnte, musste ich wieder ganz stark an Sibylle denken.

Ich baute noch einmal eine Mauer zwischen uns auf. Aber schon jetzt wusste ich, ich würde aus diesem Kampf gegen meine Gefühle nicht ohne Wunden hervorgehen. Er war so bezaubernd, so reizend, und auch so rührend. Ich lernte in ihm eine ganz andere Art Mann kennen.

Ich war sehr schweigsam an diesem Abend, und ich blieb auch diesmal nicht so lange und wollte nach Hause. Martin Rosen plauderte weiter, irgendwie wollte er wohl mein Schweigen überbrücken. Als ich dann in meinem Zimmer war, da sah ich ihn noch lange auf dem Söller stehen. Irgendwie kam er mir auf einmal recht traurig vor. Und ich spürte, er hatte erwartet, dass auch ich ein wenig von mir erzählen würde.

Er wusste, dass ich verheiratet war und zwei Kinder hatte, das hatte ich einmal im Verlag erzählt. Was er sich jetzt dachte, warum ich so lange hier ohne meine Familie war, weiß ich nicht. Aber so lange er nicht wusste, dass ich geschieden war, war ich irgendwie sicher vor der Zukunft, vor ... Ach, ich wollte nicht mehr grübeln, und so schlief ich dann auch bald ein.



3

»Heute machen wir eine große Wanderung«, sagte Martin. »Fünf Stunden lang. Mit dem Bus fahren wir dann wieder zurück.«

»Wie bitte?«, fragte ich ganz entsetzt.

»Ich habe an alles gedacht«, grinste er. »Sehen Sie mal, ich habe zwei Rucksäcke besorgt. Wollen Sie auch vielleicht die Route sehen, die wir gehen?«

Ich konnte gar nichts anderes als ihn nur anstarren. Schon breitete er den Plan auf dem Tisch aus und zeigte mir in aller Ruhe den Weg zur Holloridalm. Dazu sagte er noch: »Wenn wir Glück haben, ist sie besetzt, und wir können dort oben Käse und Milch bekommen. Dann gehen wir nach einer Rast hier runter und kommen hier ins Tal. Von hier aus nehmen wir dann den Bus nach Hause. Ist das nichts?«

Ich hatte die Sprache verloren, und seinem Blick nach zu urteilen konnte ich mich auch gar nicht wehren. Wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, ging ich hinter ihm her. Er hingegen schien fröhlicher Laune zu sein und pfiff in einem fort, und das so falsch, dass es mir andauernd kalt den Rücken herunterlief.

Nach einer Stunde verfluchte ich ihn, nach zwei Stunden dachte ich nur daran, wie blöde ich doch gewesen war. Gleich nach seiner Ankunft hätte ich meilenweit wegziehen sollen. Jawohl. Nach vier Stunden hatte ich nur noch Mordgelüste im Herzen. Ich hätte sie auch ganz bestimmt in die Tat umgesetzt, wenn dieser Schuft nicht so schnell vorgegangen wäre.

Meine Füße spürte ich gar nicht mehr, und bestimmt sah ich schon ziemlich ramponiert aus. Aber als ich dachte, ich würde an diesem Berg mein Leben lassen, entdeckte ich endlich das Dach der Almhütte.

Martin Rosen drehte sich um und wartete auf mich. Er sah mich so komisch an.

»Wenn Sie jetzt auch noch sagen, ich sei umwerfend schön«, zischte ich ihm zu, »dann ...«

Er lachte schallend. »Nein, das kann man wirklich nicht sagen. Sie sehen wie ein kleiner Dreckspatz aus. Dort hinten ist ein Brunnen. Waschen Sie sich erst, bevor der Almwirt vor Schreck umfällt.«

In mir brodelte und schrie es nach Rache. Und nur dieses Rachegelüst hielt mich noch aufrecht. Als ich wenig später die rauchige Hütte betrat, strafte ich ihn mit Todesverachtung.

Mein Begleiter packte nun seinen umfangreichen Rucksack aus. Da kam Bier und Obst und Tabak zum Vorschein. Aber dieses hatte er nicht für sich mitgenommen, sondern für den Almwirt, der sich kindlich darüber freute. Solche Dinge waren rar auf einer so hochgelegenen Alm. Dafür konnten wir uns dann an Käse und goldgelber Butter satt essen. Und die Milch schmeckte herrlich.

Als wir wenig später auf der Bank vor der Hütte saßen, sagte Martin Rosen: »Na, ist es nicht schön hier?«

Es war schön, wunderschön, berauschend schön. Ich genoss diesen herrlichen Anblick. Das hielt mich aber nicht davon ab, zu sagen: »Und jetzt müsste ein Hubschrauber kommen und mich ins Tal zurückbringen. Dann wäre alles noch viel schöner.«

»Ach was, jetzt geht es nur bergab, und das geht viel schneller. Sie werden schon sehen.«

O ja, ich sollte es sehen. Als ich über den ersten Abhang ging, da passierte es auch schon. Ich kam ins Rutschen und sauste auf meinem Hinterteil hinunter. Martin kam mir nach. Aber er konnte es auch nicht mehr verhindern, dass ich mich überschlug. Mein Rucksack machte sich selbständig und kullerte über einen Stein, wobei sich der Inhalt im Gras verteilte. Ich war dem Heulen nahe.

»Ich hole ihn schon«, sagte Martin und lief ihm nach.

Aber ich wollte keine Schwäche zeigen.

Lippenstift, Geldbörse, Brieftasche, alles hatte sich selbständig gemacht. Als Martin sich danach bückte, sah er meine Scheidungsurkunde. Ich hatte sie in meiner Brieftasche gelassen und einfach vergessen.

Unsere Augen trafen sich für einen kurzen Augenblick, aber dann sammelte ich alles sehr hastig ein. Sehr schweigsam wanderte ich ein ganzes Stück für mich allein weiter. Er hatte recht, der Abstieg war wirklich nicht so schlimm. Aber dann kamen wir an eine Gabelung. Martin holte seine Karte hervor und dachte lange nach, dann sagte er: »Wir müssen uns rechts halten.«

Ich hatte keine Karte, aber mein Gefühl sagte mir, nur links konnte der Ort liegen, zu dem wir wollten. Aber er wusste es ja besser, und so dachte ich: Von mir aus.

Er hatte auch Blasen, ich wusste es ganz genau, aber natürlich zeigte er es nicht. Und als wir dann endlich einen Ort erreicht hatten, war er sehr erleichtert. Es dauerte aber nicht lange, als ihm bewusst wurde, dass er sich tatsächlich verlaufen hatte.

»Das macht doch nichts«, sagte er fröhlich. »Nehmen wir von hier aus den Bus. Es ist siebzehn Uhr, in einer Stunde können wir wieder zu Hause sein.«

Mit letzter Kraft schleppten wir uns zur Bushaltestelle vor der Schule, nur um dort lesen zu müssen, dass der letzte Bus schon längst über alle Berge war.

Nun konnte ich mich wirklich nicht mehr vor Schadenfreude halten. Er macht ein ziemlich grämliches Gesicht.

»Nehmen wir halt ein Taxi«, schlug er vor.

»Waaas!« Ich war entgeistert. »Das lässt mein sprichwörtlicher Geiz nicht zu«, protestierte ich. »Nie und nimmer.«

»Und was schlägt die Dame vor?«

»Auf Schusters Rappen.«

»O nein«, sagte er mit fester Stimme. »Lieber übernachte ich im Heu und warte, bis der erste Bus morgen früh kommt.«

»Werter Herr, wir haben Herbst, und Heu werden Sie schlecht finden.«

»Herrje«, schimpfte er los.

Ich ging die Straße zurück. Er kam mir nach.

»Wo wollen Sie hin?«

»Ich hab da unten eine Tankstelle gesehen und ein Schild. Die vermieten Autos.«

»O nein«, sagte er erregt. »Sollen wir nicht lieber fragen, ob sie hier ein Gasthaus haben?«

»Ich frage nach«, sagte ich und ging weiter.

Er folgte mir ein paar Schritte und hielt mich dann fest. »Wollen Sie wirklich einen Mietwagen?«

»Wenn sie einen haben, sofort.«

»Ehm«, sagte er und steckte einen Zeigefinger zwischen Kragen und Hals. »Die Sache ist nur die, ich hab keinen Führerschein. Ich hatte nie Zeit, einen zu machen. Was nützt uns da das schönste Auto, liebe gnädige Frau.«

»Eine ganze Menge, werter Herr. Wir brauchen nicht mehr zu laufen. Falls es Sie interessiert, ich habe einen Führerschein.«

»O nein«, keuchte er. »Niemals steige ich zu Ihnen in den Wagen. Ich lasse mich von keiner Dame kutschieren. Und schon gar nicht in den Bergen. Das kenne ich zur Genüge, Führerschein zum Angeben, aber fahren wie eine ...« Er verstummte abrupt.

Ich ging weiter. Er lief mir nach. »Hören Sie, bestimmt haben Sie ein Gasthaus hier.«

Ich blickte ihn an und sagte: »Rache ist süß. Heute Morgen haben Sie mich überfahren. Jetzt werde ich mich revanchieren.«

Als die Tankstelle in Sicht war, blieb er erst einmal stehen. Ich ging in die kleine Bude und erfuhr sogleich, dass man einen Wagen mieten konnte. Der Besitzer freute sich direkt, so spät noch ein Geschäft zu machen.

Nun kam auch mein Begleiter näher. »Hören Sie, kann man hier kein Taxi mieten?«

»Na«, sagte der Einheimische. »Dös hat es mal gegeben, aber jetzt schon lang nimmer. Dös hat keiner genommen. Wissens, in den Bergen, da ziehen sich die Kilometer, und da kostet das dann furchtbar viel. Da nehmen die Leut lieber einen Mietwagen.«

»Bitte machen Sie den Vertrag fertig«, sagte ich fröhlich. Und nach einem Seitenblick auf meinen Begleiter fragte ich den Tankstellenbesitzer: »Sagen Sie mal, sind Sie nicht auch zufällig Versicherungsvertreter?«

»Nanu, wieso denn?«

»Mein Begleiter möchte liebend gern sein Leben versichern lassen, bevor er mit mir fährt.«

»Aha«, sagte der Mann und grinste mich dann heimlich an.

Ganz leise fragte er mich aber vorsichtshalber, ob ich mir das wirklich zutrauen würde.

»Fünf Jahre tägliche Praxis«, sagte ich nur.

Als der Vertrag fertig war man muss immer eine ziemlich hohe Summe hinterlegen, damit man den Wagen auch wiederbringt wollte unbedingt Rosen bezahlen. Das lehnte ich strikt ab. Er war sehr wütend darüber.

»Freuen Sie sich doch«, sagte ich spitz. »Wenn Sie sterben, haben Sie oben wenigstens genug Geld bei sich.«

Ich glaube, nur weil draußen kein Heu mehr war und die Blasen wirklich weh taten, stieg er dann doch bei mir ein. Ich fuhr an, und der Wagen schnurrte gleich wie eine Nähmaschine. Nun ist das so, wenn ich wirklich nicht schon viel Praxis gehabt hätte, ich wäre nie im Leben auf die Schnapsidee verfallen und hätte angeben wollen. In den Bergen, mit Serpentinen und Haarnadelkurven und Steigungen, da riskiert man wirklich sein Leben. Und es sollte auch eine mörderische Fahrt werden. Wir waren in einem abgelegenen Tal gelandet mit wenig Tourismus, und da hatte man noch nicht viel in die Straßen investiert. Sie waren aus losem Schotter, und es gab keine Seitenplanken. Um seine Angst zu verbergen, sprach Martin Rosen ununterbrochen auf mich ein, obwohl ich gerade jetzt alle meine Sinne beieinanderhalten musste. Wenn aber eine Schlucht kam, schloss er die Augen.

»Ich werde mich bei Petrus beschweren und werde dafür sorgen, dass so etwas wie Sie nicht in den Himmel kommt«, sagte er.

»Da will ich gar nicht hin, da ist es mir zu zugig, und außerdem, wenn Sie da sind, nee, das ziehe ich wirklich die Hölle vor.«

Er redete und redete. Wieder eine scharfe Kurve. Die Steine gaben oft nach, mir war wirklich manchmal ganz heiß ums Herz. Aber ich fuhr so sicher wie möglich. Und da war wieder so eine mörderische Schlucht.

»Halten Sie Ihren Mund und schließen Sie die Augen«, sagte ich plötzlich. Und es kam wohl ziemlich grob heraus.

Martin Rosen warf mir von der Seite einen Blick zu, aber ich konnte und durfte in unserer beider Interesse jetzt nicht auf ihn achten. Ich durfte nur eins, uns heil und sicher durch diese Serpentinen bringen. Und sie nahmen kein Ende.

Merkwürdigerweise war es ganz still im Wagen geworden. Über eine Stunde fuhren wir nun schon bergauf, und dann wieder durch ein Tal, bis wir endlich die Straße zu unserem Tal fanden. Dort die Berge hinauf war es nicht so schlimm, denn die Straßen waren fest und breit angelegt. Ich konnte endlich freier und zügiger fahren und musste nicht mehr wie eine Schnecke kriechen.

Endlich war ich unten in unserem Dorf vor dem Gasthaus, in dem wir gewöhnlich das Abendessen einnahmen. Ich stellte den Wagen ab, stieg aus. Martin tat das Gleiche, dann kam er um den Wagen herum, nahm meine Hand und küsste sie.

Für Sekunden war ich völlig verwirrt.

»Sie sind die wundervollste und beste Fahrerin der Welt, und ich bin ein Idiot.«

Da musste ich wider Willen lachen.

»Wieder gut?«

»War ich denn böse?«

»Kommen Sie, darf ich Sie zum Versöhnungsessen einladen?«

»Natürlich gehe ich mit, denn ich habe Riesenhunger, aber bezahlen werde ich wie immer selbst.«

Wir betraten das Lokal. Unsere Ecke, wie wir sie nun schon nannten, war frei. Zuerst bestellte ich mir einen Tee, um meine Nerven zu beruhigen. Danach suchte ich mir das Essen aus. Bis jetzt war Martin Rosen ziemlich schweigsam gewesen. Ich spürte, dass er über etwas nachdachte. Und nach dem Essen sollte ich auch erfahren, worüber er nachgedacht hatte.

»Wie immer ein Schlaftrunk?«

»O ja, gern, heute brauch ich ihn besonders.«

Er lächelte, und dieses Lächeln verzauberte mich immer wieder von Neuem. Ich musste an die schreckliche Fahrt zurückdenken. Seltsamerweise hatte ich die ganze Zeit keine Angst gehabt. Ja, auch als ich einmal an die Möglichkeit dachte, dass wir in eine Schlucht stürzen könnten und dort sterben müssten, fühlte ich kein Entsetzen in mir. Martin war an meiner Seite. O du mein Gott, dachte ich und schloss die Augen. Es wäre wohl wirklich besser, wenn ich so schnell wie möglich abreiste.

»Und nun erzähl mir von deinem Scherbenhaufen«, sagte da Martin in mein Schweigen hinein.

Er hatte mich zum ersten Mal geduzt. Martin hatte ja die Scheidungsurkunde gesehen. Und ich hatte jetzt das Bedürfnis, mir einmal alles von der Seele zu reden. Vielleicht würde er mich verstehen, mir sagen, dass ich keine schlechte Mutter sei. Vielleicht würde er begreifen, wie mir zumute war, und warum ich diese Mauer zwischen uns aufgerichtet hatte, warum ich manchmal so seltsam war, warum, warum ...

Ich begann zu reden. Ganz schlicht und einfach, nicht als Schriftstellerin. Dies war keine Geschichte, die ich schreiben wollte, sondern dies war mein Leben. Ich beschönigte nichts, sprach mit knappen Worten, denn es tat noch immer weh, wenn ich davon erzählte.

Es wurde ein langes Gespräch. Und als ich dann geendet hatte, da fühlte ich mich irgendwie leichter. Vorsichtig wagte ich ihm in die Augen zu blicken. Und da fühlte ich, er verstand mich, und er wollte mir ein Freund sein. Zuerst schwieg er sehr lange, aber dann legte er seine Hand auf die meine, und so saßen wir eine ganze Weile stumm beieinander.

»Aber jetzt wollen wir wieder fröhlich sein.« Damit brach ich endlich das Schweigen.

Die Karaffe Wein war leer, und so bestellte Martin eine neue. Wie selbstverständlich nannten wir uns plötzlich bei den Vornamen. Es kam mir ganz leicht von den Lippen.

»Darum hast du also Angst vor den Männern«, sagte er, nachdem er mir neu eingeschenkt hatte.

»Ist das nicht verständlich?«, gab ich zurück.

Er blickte mich lange stumm an, dann aber schob sich ein kleines Lächeln in seine Mundwinkel.

»Vor vielen, vielen Jahren empfand ich genauso«, sagte er leise.

»Wie?«, sagte ich verblüfft, »das verstehe ich nicht. Du hast die Männer gehasst?«

»Nein, die Frauen. Jetzt ist es aber vorbei.« Dabei sah er mich von der Seite an und wiederholte mit fester Stimme: »Ja, jetzt ist es vorbei.«

Ich spielte mit meinem Weinglas.

»Eigentlich ist es töricht«, sagte ich. »Hassen, ich meine, auf einmal etwas hassen. Man kann vor dem Schicksal nicht fliehen, es verfolgt einen.«

Martin sagte: »Wirst du wirklich immer so stark bleiben?«

»Was meinst du damit?«

»Deine Kinder. Du bist die Mutter, und wenn dann doch die Sehnsucht ganz groß wird, was dann?«

Das Kerzenlicht brach sich im Weinglas. »Ich habe darüber nachgedacht, lange, Martin. Und wenn ich mich selbst zerfleischen müsste, ich gehe nur hin, wenn Sibylle und Piet es wollen. Ich wäre sonst doch furchtbar egoistisch, nicht? Nur um meine Sehnsucht zu stillen ...«

Diesmal wurde es wirklich sehr spät, und wir tranken auch viel mehr als an den Abenden zuvor. Es war schon weit nach dreiundzwanzig Uhr, als wir endlich daran dachten, aufzubrechen. Kurz vorher entschuldigte sich Martin einmal. Ich wartete, und als er zurück war, rief ich nach dem Ober und verlangte die Rechnung, wie immer.

»Die ist schon bezahlt«, sagt man mir.

Empört blickte ich Martin an.

»Eins verstehe ich nicht«, sagte er lachend. »Vor ein paar Stunden war es dein sprichwörtlicher Geiz, den du vorbrachtest. Ich musste ja zu dieser List greifen, um mein Fahrgeld an den Mann zu bringen. Ich habe nämlich auch meinen Stolz und lasse mir nichts schenken.«

Ich schüttelte nur den Kopf, schnappte meinen Rucksack und stapfte aus dem Lokal.

Diesen Heimweg unter dem Sternenhimmel werde ich nie vergessen. Wir beide waren, glaube ich, von der Unendlichkeit des Weltraumes erfüllt. Da hatte ich nun über mein Schicksal gesprochen; jetzt kam ich mir so winzig vor. Was bin ich denn schon?, dachte ich bei mir. Ein Nichts, ein Staubkorn, das eines Tages in alle Winde zerstreut wird.

O ja, es gibt Augenblicke, da hat man wirklich erhabene Gedanken, und man sollte sie eigentlich sofort zu Papier bringen. Leider war ich sofort wieder nüchtern, als ich kurze Zeit später feststellte, dass ich keinen Hausschlüssel bei mir hatte und Martin auch nicht. Und die Tür war verschlossen.

Da sahen wir uns erst einmal verblüfft an. Das Schlafzimmer der Wirtsleute lag zum Berg hin, und wir konnten sie nicht erreichen.

»Sollen wir Steinchen werfen?«, schlug Martin vor.

Das hieß, an die Scheibe des älteren Ehepaares.

»O nein, am Morgen sind wir dann der Klatsch des Hauses«, sagte ich mit fester Stimme.

Martin entdeckte ein paar Gartenstühle und erbot sich, auf den Söller zu klettern. Unsere Balkontüren standen ja immer offen. Natürlich mussten wir lachen, aber nur ganz leise in uns hinein. Er kam auch gut oben an, dann reichte ich ihm die beiden Rucksäcke und versuchte nun meinerseits hinaufzukommen. Von oben wurde ich gezogen, aber niemand schob von unten nach. Ich muss wirklich eine komische Strampelfigur abgegeben haben. Martin wollte schier vor verhaltenem Lachen zerplatzen.

Aber schließlich schaffte ich es doch mit einem Ruck und flog direkt in seine Arme. Da ich noch immer um mein Gleichgewicht zu kämpfen hatte, hielt er mich auch weiterhin fest, und ehe ich mich versah, küsste er mich.

»Unverschämtheit, sich an wehrlosen Frauen zu vergreifen«, japste ich, als ich wieder zu Atem gekommen war.

Er lachte leise auf, und sofort ging neben uns im Zimmer die Nachttischlampe an. Uns blieb also nichts anderes übrig, als wie Diebe auf allen vieren unter den Fenstern weiterzukriechen, bis wir die Hausecke erreicht hatten. Hier waren unsere Zimmer.

Ich nahm ihm meinen Rucksack ab und gab ihm die Hand.

»Gute Nacht, Martin.«

Er hielt meine Hand fest und versuchte in meinen Augen zu lesen. Zum Glück war es hier stockdunkel, sodass er nicht sehen konnte, dass ich heulte. Ich konnte die Tränen einfach nicht zurückhalten.

»Gute Nacht, Jane.«

Wie weich seine Stimme klang.

Ich ging in mein Zimmer, warf den Rucksack achtlos in die Ecke und ließ mich dann auf mein Bett sinken. Da saß ich nun und löste mir erst einmal die Bergstiefel von den Füßen. Das war wirklich eine Wohltat. Als ich aufblickte, sah ich, dass Martin draußen auf dem Söller stand und in den Sternenhimmel blickte.

Und da wusste ich, ich liebte ihn, ich liebte ihn, wie ich noch nie geliebt hatte. Nie, auch nicht Olaf. Und mir wurde ganz schwach ums Herz. Er schien zu warten, auf mich, ich spürte es ganz genau. Ich stand da, im dunklen Zimmer, und umklammerte meinen Bettpfosten. Ich wusste ganz genau, wenn ich jetzt hinausging, zu ihm, dann würde ich vielleicht etwas tun, das ich später bitter bereuen würde. Schluchzend kroch ich unter die Bettdecke, ohne mich zu waschen.



4

Die Sonne malte lauter kleine Kringel an meine Zimmerdecke. Mit anderen Worten, ich wusste, dass es ziemlich spät war. Und ein Blick auf meine Uhr sagte mir, es war zehn nach neun. Und trotzdem sprang ich nicht sofort aus dem Bett. Noch einmal zogen die vergangenen Ereignisse an mir vorüber. Und ich kam zu dem Entschluss abzureisen. Jetzt, heute, sofort. Dazu gehörte auch, dass ich möglichst lange im Bett blieb. Dann würden sich alle Gäste irgendwo draußen aufhalten. Ich konnte mit der Wirtin reden und mich unbemerkt aus dem Staub machen. Als ich diesen Entschluss gefasst hatte, lauschte ich nach nebenan. Dort war absolute Stille. Ich wusste mittlerweile, dass Martin ein Frühaufsteher war. Das passte jetzt richtig in meinen Plan.

Aber o weh, der erste Schritt, und ich wäre bald vor Schmerzen umgesunken. Muskelkater plagte mich mörderisch. Wie ich damit wieselflink von hier verschwinden wollte, das wusste der liebe Gott. Aber auch jedes Knöchelchen tat mir weh, und das hatte ich auch dem Schuft zu verdanken.

Mit viel Mühe schaffte ich die Morgenwäsche. Mit dem Ankleiden war es schlimm. Als ich endlich fertig war, zeigte die Uhr bald auf zehn. Ich öffnete meine Tür. Im Haus war es still, bis auf die Geräusche, die aus der Küche kamen. Ich würde mich entschuldigen, da ich zu spät zum Frühstück kam. Für gewöhnlich sollte es bis um halb zehn eingenommen werden.

Hinkend betrat ich das sonnendurchflutete Frühstückszimmer. Für Sekunden schloss ich die Augen wegen der Helligkeit.

»Endlich, ich sterbe schon vor Hunger!«

Ich brauchte gar nicht die Augen zu öffnen, ich wusste auch so, wer mich da begrüßte. Mein schöner Plan fiel also ins Wasser. Kühl blickte ich ihn an, aber als auch er mir entgegengehumpelt kam, musste ich doch lachen.

»Der Superheld ist wohl ein wenig angeschlagen, wie?«

Er war noch nicht einmal beleidigt, er grinste mich nur an.

Dann wurde uns das verspätete Frühstück serviert.

Martin spielte den Kavalier und nahm alle Schuld auf sich. Ich war noch dabei, irgendwie meine vier Buchstaben auf den Stuhl zu platzieren, ohne vor Schmerzen aufzuschreien.

»Warum bist du nicht draußen?«, fragte ich nach der zweiten Tasse Kaffee. Jetzt ging es mir schon wieder viel besser, und ich konnte zum Angriff übergehen.

»Ich bin geblieben, weil ich mir schon dachte, dass ich Krankenpfleger spielen muss.«

»Ich werde dich erwürgen.«

»Bitte«, sagte er fröhlich. »Nimm keine Rücksichten auf mich. Ich stehe dir dafür ganz zur Verfügung.«

O dieser Schlawiner, er war heute nicht kleinzukriegen. Im Gegenteil, er schien sehr fröhlicher Laune zu sein. So hatte ich ihn noch nie gesehen. Natürlich ärgerte mich das ungemein.

»Was hat man denn heute vor, Gnädigste?«

»Also, auf einen Berg, da geh ich nicht mehr, klar? Ich verkrieche mich hinter meiner Schreibmaschine und werde ihr mein Leid vorweinen. Sie hat wenigstens Verständnis für mich.«

»O nein, das wirst du nicht tun.«

»O doch, seit drei Tagen bin ich nämlich nicht mehr zum Schreiben gekommen.«

»Aber das Auto«, warf er ein. »Wir müssen es doch heute wieder zurückbringen, sonst müssen wir noch einen Tag Miete bezahlen.«

»Herrje, die Kiste habe ich ja ganz vergessen. Richtig, das muss ich zuerst erledigen.«

»Wenn du mit dem Frühstück fertig bist, können wir losgehen.«

Die ganze Zeit hatte ich versucht, ihn nicht anzusehen. Mir war doch so seltsam in der Magengegend. Und dieses zärtliche Du! Ich war so schwach, dass ich nicht einmal dagegen protestierte, dass er mitkam. Den Wagen konnte ich schließlich allein wegbringen. Auf die Idee kam ich erst, als wir schon den Berg hinuntersausten.

Der Eigentümer war ein wenig traurig, er hatte gehofft, wir würden den Wagen für den Rest des Urlaubs mieten. Aber das war mir dann doch zu teuer, und außerdem hatte ich ja schon seit drei Tagen nicht mehr geschrieben.

»Und was machen wir jetzt?«, fragte ich Martin.

Er stand da und blätterte in seinem Fahrplan. »In zehn Minuten fährt ein Bus zur nächstgrößeren Stadt. Wir fahren mit.«

Er nahm meinen Arm und zog mich einfach mit. Als wir in der Stadt ankamen, gingen wir bummeln. Und ich muss sagen, ich habe mich richtig gefreut. Ich hätte mir auch gern ein paar Kleinigkeiten gekauft. Aber Martin wich nicht von meiner Seite, und es würde einen Kampf ums Bezahlen geben.

Er schüttelte immer wieder den Kopf und meinte: »Ich verstehe das nicht. Mit dem Honorar, da bist du nicht prüde, da hast du mich all die Jahre wie eine Zitrone ausgequetscht, und jetzt, wo ich dir mal freiwillig was geben will ...«

»Das verstehst du nicht«, sagte ich schnell.

Er blickte mich von der Seite an, grinste ein bisschen in sich hinein, was mich fürchterlich wütend machte, und sagte leichthin:«O doch, ich weiß alles.«

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738926064
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v457708
Schlagworte
neues glück scheidung

Autor

Zurück

Titel: Neues Glück nach der Scheidung