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Plötzlich wurde mir mein Recht auf Liebe bewusst - Dr. Staffner packt aus

2019 72 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Plötzlich wurde mir mein Recht auf Liebe bewusst

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Plötzlich wurde mir mein Recht auf Liebe bewusst

Ich fühlte mich der großen Verantwortung nicht gewachsen

Ich hatte Angst, die Liebe meines Kindes zu verlieren

Warum soll man sich nicht Leidenschaft kaufen?

Wegen eines nichtigen Anlasses machten uns unsere Nachbarn das Leben zur Hölle

Hätte ich meine Familie doch nur nicht im Stich gelassen

Mein Mann fühlte sich als Versager

Meine Eltern begreifen nicht, dass ich mir mein Leben anders vorstelle

Die ärztliche Diagnose war aus zwei Gründen ein Schock für mich

Beim Frauenarzt erfuhr ich, dass mich mein Mann verlassen will

Mein Mann hielt es in der Enge der Familie einfach nicht aus

Mein gewalttätiger Mann verstand es, Schuldgefühle in mir zu wecken

Der schweren Belastungsprobe hat unsere Ehe nicht standgehalten

Plötzlich wurde mir mein Recht auf Liebe bewusst

Dr. Staffner packt aus

Der Psychotherapeut und 13 wahre Fallakten

von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 72 Taschenbuchseiten.

 

- Von ihren puritanischen Eltern lernt Nadine nur Korrektheit, Pflichtbewusstsein und Anstand. Über Liebe oder gar Sex wird nie gesprochen. Daher wird sie auch zwangsläufig die Frau eines Mannes, an dessen Seite sie zufrieden, aber nicht glücklich ist. Bis sie aus diesem Leben ausbricht…

- Als Robert seine Jugendliebe wieder trifft, steht für ihn fest, diesmal sein Glück festzuhalten. Doch dann erfährt er, dass er die Verantwortung für vier Kinder übernehmen müsste. Als er sich nach sehr langen Überlegungen endlich dazu entschließt, ist es zu spät…

- Nach Isoldes gescheiterter Ehe erhält sie das Sorgerecht für ihren Sohn Kai. Doch ihr Ex-Mann versucht, durch teure Geschenke Kai auf seine Seite zu ziehen. Da sie finanziell nicht mithalten kann, sucht sich Isolde zwei zusätzliche Jobs. Mit verheerenden Folgen…

Und 10 weitere Schicksalsgeschichten aus dem Leben.

 

Während meiner langjährigen Tätigkeit als Psychotherapeut kamen viele Menschen zu mir, die ein Ereignis oder ihr eigenes Verhalten aus dem seelischen Gleichgewicht geworfen hatte. Indem ich versuchte, ihnen zu helfen, erfuhr ich zum Teil erschütternde Lebensbeichten. Die Namen wurden selbstverständlich von mir geändert.

 

 

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Plötzlich wurde mir mein Recht auf Liebe bewusst

Es ist schon merkwürdig mit den Suchtgefahren. Solange man Nikotin, Alkohol oder Drogen nicht kennt, vermisst man sie auch nicht und kommt sehr gut ohne sie aus. Selbst die erste Zigarette, das erste Glas Schnaps oder der heimliche Joint verursachen eher Übelkeit als Wohlbefinden. Aber wehe, wenn man auf den Geschmack kommt. Dann braucht man dieses Zeug plötzlich wie die Luft zum Atmen. Man kann sich kaum noch dagegen wehren.

Diese Beweggründe dürften für meine Eltern bei meiner Erziehung allerdings kaum eine Rolle gespielt haben. Eher ließen sie sich durch ihre tief verwurzelte Religiosität leiten oder gaben einfach nur das weiter, was sie in ihrer eigenen Kindheit und Jugend erfuhren oder besser gesagt nicht erfuhren.

Sexuelle Aufklärung, Intimleben solche Themen waren bei uns daheim tabu. Meine erste Regel war für meine Mutter zweifellos peinlicher als für mich, die ich zum Glück schon ein wenig durch meine Schulfreundin auf dieses Ereignis vorbereitet war. In unserem ganzen Haus fand sich keine einzige Illustrierte, in der ein unbekleideter Frauenbusen abgebildet war. Und das mitten in den 70er und 80er Jahren. Niemals hätte ich es gewagt, mit meinen Eltern Fragen der Empfängnisverhütung oder der Schwangerschaftsunterbrechung zu diskutieren. Auch wäre ich nie auf die Idee gekommen, um die Antibabypille zu bitten. Wozu auch? Ich hätte sie nie gebraucht, denn Geschlechtsverkehr war gleichbedeutend mit Schmutz und Sünde. So etwas tat man nicht. Jedenfalls nicht, bevor man verheiratet war.

Heiraten sollte ich allerdings. Meine Mutter befand sich auf der ständigen Suche nach einem geeigneten Lebensgefährten für mich.

Mich interessierten die Männer eigentlich weniger. Ich wollte einmal wie mein Vater einen Lehrberuf ausüben oder meine ganze Kraft behinderten Kindern widmen.

Es gab auch nicht übermäßig viele Jungen, die sich für mich interessierten. Mich hübsch herzurichten, hatte ich nie gelernt und auch sonst galt ich als eher langweilig und zickig. Mit mir konnte man einfach nichts anfangen.

Als ich 25 war, wurde ich mit einem Studienrat bekannt gemacht. Ignaz war bereits 42, aber das hielt meine Mutter eher für einen Vorteil. Außerdem gefiel ich ihm recht gut und so wurde Monate später unsere Heirat arrangiert.

Zu meinem Bedauern merkte ich schnell, dass Ignaz durch die eigene Unfähigkeit, mit der Jugend in einen freundschaftlichen Kontakt zu treten, von seinen Schülern restlos genervt, nichts strikter ablehnte als eigenen Kindersegen. Er tat auch alles, um eine eventuelle 'Panne' auszuschließen. Das erste Mal berührte er mich zwei Wochen nach der Hochzeitsnacht und dieses Ereignis hinterließ bei mir alles andere als ein Glücksgefühl. Jeder Hydrant wäre zärtlicher oder leidenschaftlicher gewesen als mein Mann.

Das war nun also der Sex, über den auf der Uni so viel getuschelt worden war. Im Grunde war ich richtig froh, dass Ignaz nur so selten das Bedürfnis verspürte, mit mir zu schlafen.

Was Moralanschauungen betraf, so war er das genaue Spiegelbild meines Vaters. Er gestattete sich keinerlei Schwäche und erwartete dies ganz selbstverständlich auch von seinen Schülern und von mir.

Für mich war das nichts weiter als ein gewohnter Normalzustand. Ich litt nicht, ich vermisste nichts. Ich fühlte mich zufrieden, wenn auch kaum übermäßig glücklich.

So gingen vier Jahre dahin. Ich schloss mein Studium ab, wurde Erzieherin in einem Internat und war Ignaz die Ehefrau, derer er sich nicht schämen musste.

Eigentlich hätte ich ihn auf seiner Studienreise durch die maghrebinischen Länder begleiten sollen, doch ich litt seit einiger Zeit an einer lästigen Sonnenallergie, so dass wir übereinkamen, dass eine geschichtsträchtige Fahrt entlang des Rheins für mich sinnvoller und gesünder wäre.

Ich widmete mich auch mit Feuereifer den zahlreichen Burgen und Kirchen, doch bereits am dritten Tag geriet ich in ein Weinfest, dessen Ausgelassenheit mich regelrecht ratlos machte. Diese sprühende Lebensfreude, diese überschäumende Ausgelassenheit, das war etwas völlig Neues für mich.

Nie hätte ich für möglich gehalten, dass Spaß und Vergnügen genauso zum Leben gehören könnten wie Arbeit und Pflichten. All die Menschen hier waren so ansteckend fröhlich und voll guter Laune, dass ich mich nicht lange sträubte, als mich ein paar Hände an ihren Tisch zogen und mir ein Glas an den Mund drückten.

Ich trank und lachte, ich schunkelte und ließ es zu, dass wildfremde Lippen meine Wangen küssten. Ich befand mich wie in einem Rausch, dabei war das erste Glas noch nicht einmal leer.

Wenn ich die Augen schloss, sah ich die entgeisterten Gesichter meiner Eltern und meines Mannes und musste noch heftiger lachen und sogar singen.

Du lebst!, hämmerte es in mir. Das hier ist das wirkliche Leben. Sei fröhlich! Sei wie sie! Nur dieses eine Mal.

Ich weiß bis heute nicht, wie der bärtige Mann neben mir hieß. Er sah wie ein Holzfäller aus, aber seine Finger streichelten mich voller Zärtlichkeit. Zuerst nur meinen Arm, dann wurden sie kühner und ein nie gekanntes Gefühl strömte in meine Brüste. Ein herrliches Gefühl.

Eine Stunde später lagen wir in einem Getreidefeld. Er liebte mich wild und leidenschaftlich und stürzte mich von einem Sinnestaumel in den nächsten. Mein Gott, was hatte ich bisher versäumt! Schon beinahe 30, erfuhr ich erst jetzt das Glück, das sich zwei Menschen schenken können.

Das Bewusstsein, dieses Glück nicht festhalten zu können, weil ich in wenigen Wochen wieder Ignaz züchtige Ehefrau zu sein hatte, versetzte mich in Panik. Ich wollte lieben, wollte Versäumtes nachholen, solange es ging.

Am nächsten Tag fuhr ich weiter. Ich brauchte nicht zu suchen. Heitere Menschen, die das Leben zu genießen verstanden, gab es hier am Rhein überall. Diesmal suchte ich mir den Mann, mit dem ich schlafen wollte, selbst aus und mit ihm wurde es noch erregender, denn inzwischen hatte ich schon selbst ein wenig gelernt, das Feuer der Leidenschaft zu schüren.

So eilten die Tage dahin. Jeden einzelnen genoss ich, als wäre es mein letzter. Keine einzige Nacht verging, ohne dass ich in den Armen eines erfahrenen Liebhabers geseufzt und gestöhnt, geschnurrt und erschöpft gekeucht hätte. Ich war eine Frau, endlich eine richtige Frau mit Gefühlen, Wünschen und Sehnsüchten. Und diese Sehnsüchte fanden Erfüllung.

Genau drei Wochen lang. Dann kehrte ich nach Hause zurück und Ignaz traf fast gleichzeitig mit mir ein. Missbilligend stellte er fest, dass ich magerer geworden sei und wohl auch ein wenig Fieber habe. So falsch deutete er den verräterischen Glanz meiner Augen.

Nachdem mein Leben an seiner Seite den gewohnt langweiligen ereignislosen Gang nahm, überlegte ich anfangs ernsthaft, ob ich mich von ihm trennen sollte. Doch mir wurde schnell klar, dass eine Scheidung das starre Lebensgefüge meiner ganzen Familie zum Einsturz gebracht hätte. Meine Mutter ist nicht mehr die Gesündeste und trotz allem habe ich ihr und meinem Vater viel zu verdanken.

Es könnte mir in meiner Ehe auch schlechter gehen. Andere Frauen werden geprügelt oder müssen einen Säufer ertragen. Bei Ignaz bin ich sicher, immer korrekt behandelt zu werden.

Also bleibe ich bei ihm, aber ich weiß schon heute ganz genau, dass ich irgendwann erneut aus diesem Leben ausbrechen werde. Wenn auch nur für kurze Zeit, werde ich wieder leben, werde lieben und geliebt werden. Bis zur Atemlosigkeit. Ich werde mich benehmen wie eine Hure und dabei unbeschreiblich glücklich sein. Vielleicht schon bald.

 

 

Ich fühlte mich der großen Verantwortung nicht gewachsen

Ein ausgesprochen spontaner Mensch war ich nie. Bei mir muss immer alles sorgfältig durchdacht, das Für und Wider gegeneinander abgewogen werden, bevor ich meine Entscheidungen treffe. Kein Wunder, dass mir manchmal der Zug vor der Nase wegfährt oder ich etwas versäume, was ich später bitter bereue.

Gelegentlich hat ja das Schicksal ein Einsehen und gewährt einem eine zweite Chance. Wenn man auch diese nicht nutzt, ist man wohl ein unverbesserlicher Narr. So wie ich.

Es war vor ungefähr einem Jahr, als ich völlig unerwartet Ingrid wiedertraf. Ingrid war meine große Jugendliebe. Bei unseren Bekannten galten wir als das Traumpaar schlechthin und wir hätten bestimmt geheiratet, wenn ich damals nicht zuerst mein Studium hätte abschließen und mir eine berufliche Existenz aufbauen wollen. Wir sahen uns immer seltener und eines Tages brach der Kontakt völlig ab, als sich Ingrid als Entwicklungshelferin nach Israel schicken ließ. Aus enttäuschter Liebe, wie ich nun erfuhr.

Sie stand mir plötzlich auf einer jener langweiligen Partys gegenüber, die ich abgrundtief hasste und ich traute meinen Augen nicht. Sie war es wirklich. Meine Ingrid. Dabei erschien sie mir noch hübscher als damals vor zehn Jahren.

Auch sie erkannte mich sofort. Ihr Kuss war so selbstverständlich, als hätte es nie eine Trennung gegeben.

Wir zogen uns sofort aus dem Trubel zurück, hatten wir uns doch so viel zu erzählen. Zuerst wollte ich natürlich wissen, ob sie verheiratet sei. Ich atmete auf, als ich vom Tode ihres Mannes erfuhr. Sie war also wieder frei. Frei für mich, denn meine eigene Ehe war schon nach kurzer Zeit gescheitert. Wahrscheinlich lag es an mir. Und ein bisschen auch an Ingrid, die für mich immer ein Maßstab geblieben war. Es gab eben keine Frau wie sie.

Offensichtlich empfand sie ganz ähnlich, denn die folgende Nacht war voller Leidenschaft. Es war, als müssten wir in diesen wenigen Stunden alles Versäumte nachholen. Dabei blieb uns doch noch fast ein ganzes Leben.

Ja, ich war fest entschlossen, diesmal mein Glück festzuhalten. Wir würden heiraten. Schon möglichst bald.

Ingrid war nur zu Besuch in dieser Stadt und konnte nicht lange bleiben, doch diese kurze Zeit nutzten wir. Jeden Tag verbrachten wir gemeinsam. Und vor allem jede Nacht. Es war atemberaubend und ich wusste, dass es nie eine andere Frau geben würde, an die ich mein Herz auch nur annähernd bedingungslos verlieren könnte.

Je näher der Termin des Abschieds rückte, umso bedrückter erschien mir Ingrid. Ich tröstete sie. Es war ja nicht wieder ein Abschied für lange Zeit. Wir wollten beide schnellstens unsere Papiere in Ordnung bringen, damit wir heiraten konnten. Wo wir dann gemeinsam wohnten, würde sich zeigen. Ich arbeitete als Rechtsanwalt und sie übte zur Zeit gar keinen Beruf aus. Da wäre es am sinnvollsten, wenn wir bei mir in Esslingen blieben. Auf jeden Fall wollte ich sie schon in den nächsten Tagen besuchen.

Das tat ich auch. Mit einem riesigen Rosenstrauß und einer Champagnerflasche stand ich vor ihrer Tür. Ein kleines Mädchen öffnete mir und rief nach seiner Mami.

Ingrid erschien. Sie trug einen Jungen auf dem Arm und kurz darauf gestand sie mir, dass ihre anderen beiden gerade bei den Großeltern seien.

Ich schluckte. Vier Kinder! Sie waren zwischen zwei und neun Jahre alt. Ingrid zeigte mir viele Fotos und beteuerte, dass sie es mir gleich am Anfang hatte erzählen wollen, doch sie habe sich vor meiner Reaktion gefürchtet. Aber nun wüsste ich es ja und ich sollte nur nicht glauben, sie suchte lediglich einen Vater für ihre Kinder. Sie liebe mich wirklich und das nicht erst seit jener Party, die uns nach so langer Zeit wieder zusammenführte.

Später lernte ich auch ihre anderen Kinder kennen. Sie waren alle wohlerzogen und reizend anzuschauen. Ich selbst hatte mir auch immer ein Kind gewünscht. Besser noch ein Pärchen. Aber gleich vier und noch dazu die Kinder eines anderen Mannes? Es genügte schließlich nicht, dass ich finanziell für sie sorgte. Ich müsste ihnen ein richtiger Vater sein, müsste sie lieben und Verantwortung für sie übernehmen. Eine große Verantwortung. War ich dazu in der Lage?

Ingrid benahm sich großartig. Sie drängte mich nicht, spürte sie doch genau, welcher Kampf in mir tobte. Das Wochenende bei ihr und den Kindern verlief sehr harmonisch. Danach fuhr ich nach Esslingen zurück und überlegte nächtelang, was ich tun sollte.

Schließlich gelangte ich zu der Überzeugung, dass es schiefgehen musste. Ich war 33 und hatte bisher hauptsächlich für meinen Beruf gelebt. In die Vaterrolle musste man allmählich hineinwachsen. Ich täte auch den Kindern nichts Gutes, wenn ich den Kopf vor den Problemen in den Sand steckte, nur um Ingrid nicht abermals zu verlieren.

Das sagte ich ihr am Telefon und sie sah es ein. Wir wünschten uns gegenseitig alles Gute und als ich den Hörer auflegte, glaubte ich, sie weinen zu hören.

Tagelang wochenlang fühlte ich mich regelrecht elend. Ingrid fehlte mir, aber hätte ich denn anders handeln können? Man übernahm doch nicht vier Kinder wie die Klienten eines erkrankten Kollegen. Sie mussten umsorgt und beschützt werden, wollten in ihrem Vater ein Vorbild sehen. Ich mit all meinen Unzulänglichkeiten war doch niemals ein solches Vorbild. Ingrid ja, aber ich?

Mit Ingrid allein hätte es geklappt, da war ich ganz sicher. Zum Teufel auch! Warum musste im Leben immer alles so kompliziert sein?

Zum Glück hatte ich gerade jetzt in der Kanzlei eine Menge Arbeit. So kam ich wenigstens tagsüber nicht zum Grübeln. Dafür waren die Nächte umso schlimmer. Ich hoffte, dieses Gefühl der Leere würde allmählich nachlassen, aber es wurde eher noch stärker.

Fast trotzig stürzte ich mich in ein neues Liebesabenteuer. Es ging schief. Was hatte ich auch sonst erwartet? Da gab es eine Frau, die meine perfekte Erfüllung gewesen wäre, aber sie blieb unerreichbar für mich. Wegen der Kinder.

Immer wieder schaute ich mir die Fotos an, die ich während meines Wochenendbesuches bei Ingrid aufgenommen hatte. Immer wieder stellte ich mir die eine Frage: Bist du nicht doch stark genug, diese Verantwortung zu übernehmen? Kannst du überhaupt anders noch weiterleben? Ohne sie?

Ein ganzes Jahr quälte ich mich mit diesen Zweifeln. Dann endlich wusste ich es ganz klar. Meine Liebe zu Ingrid war stärker als alles andere. Sie würde auch für ihre Kinder reichen. Ich hatte ja gespürt, dass sie mich auch mochten. Ja, alles würde gut werden. Endlich!

Am Telefon erreichte ich Ingrid nicht, deshalb setzte ich mich kurzerhand ins Auto und fuhr zu ihr.

Ich stutzte. An ihrer Wohnungstür klebte ein fremdes Namensschild. Nein, Frau Paurson wohne nicht mehr hier, erfuhr ich von einer Nachbarin. Sie sei schon vor Wochen mit den Kindern ausgezogen. Zu ihrem Verlobten. Ein netter Mensch. Im Sommer wäre die Hochzeit.

Ein Blitzschlag hätte mich nicht nachhaltiger erschüttern können. Alles war aus. Für immer vorbei. Ich hatte meine Chancen gehabt und sie nicht genutzt. Eine dritte Chance würde ich nicht bekommen. Ingrid gehörte jetzt einem anderen Mann und ich konnte nur hoffen, dass sie an seiner Seite glücklich wurde.

Ich dagegen werde wohl nie mehr das wirkliche Glück erfahren. Zweimal kam es zu mir. Zweimal hätte ich nur zuzugreifen, hätte es nur festzuhalten brauchen. Doch ich habe es leichtfertig verschenkt, weil ich mir meiner nicht sicher genug war.

Im Beruf bin ich erfolgreich, doch privat habe ich alles verloren. Wie ich diesen Schlag verkraften soll, weiß ich nicht.

 

 

Ich hatte Angst, die Liebe meines Kindes zu verlieren

Wie konnte das nur passieren? Stets habe ich nur an mein Kind gedacht. Dass es ihm gut geht. Deshalb habe ich ja auch so lange gezögert, mich scheiden zu lassen. Kai sollte unter der Trennung nicht leiden. Aber dann hielt ich es bei Rudolf nicht mehr aus. Er betrog mich nach Strich und Faden. Da setzte ich ihn schließlich vor die Tür.

Als die Scheidung ausgesprochen wurde, war Kai 14. Er hatte seinen Vater in letzter Zeit ohnehin nicht oft zu sehen bekommen. Deshalb wurde ihm auch anfangs gar nicht so richtig bewusst, was passiert war. Er spielte leidenschaftlich gern Fußball und trieb auch sonst viel Sport. Daheim war er fast nur zum Essen und zum Schlafen.

Mir wurde das Sorgerecht für ihn zugesprochen. Selbstverständlich! Rudolf durfte den Jungen regelmäßig sehen. Dagegen hatte ich nichts einzuwenden. Schließlich war er der Vater. Wie gesagt, ich wollte immer nur das Beste für mein einziges Kind.

Aber irgendwas ist schiefgelaufen. Ich kann einfach nicht begreifen, was geschehen ist. Vor allem quält es mich, dass ich Schuld daran bin.

Es fing damit an, dass Rudolf den Jungen viel zu sehr verwöhnte. Nach jedem Besuch bei seinem Vater brachte Kai irgend welche Geschenke mit. Einen neuen Fußball, ein Skateboard oder auch einige CDs. Kein Wunder, dass das Kind diese Besuchstage herbeizusehnen begann. Es schwärmte richtig von dem Mann, der sich früher kaum um seinen Sohn gekümmert hatte und wollte gern häufiger zu ihm gehen.

Dieser elende Rattenfänger! Natürlich durchschaute ich meinen Geschiedenen. Er wollte mir Kai entfremden, wollte ihn auf seine Seite ziehen. Vielleicht trug er sich sogar mit dem Gedanken, mir eines Tages das Sorgerecht streitig zu machen, um sich an mir zu rächen.

Diese Vorstellung versetzte mich in Panik. Von meinem einstigen Traum vom immerwährenden Glück an der Seite eines liebevollen Mannes war mir nur noch der Junge geblieben. Ihn zu verlieren, wäre entsetzlich.

Aber so weit würde ich es nicht kommen lassen. Niemals! Mein Verdienst als Halbtagskraft in einem Kaufhaus und Rudolfs Unterhaltszahlungen ließen leider keine großen finanziellen Sprünge zu. Aber schließlich vermag eine Mutter ihrem Kind mehr zu geben als Fußbälle oder Comic-Hefte.

Leider vermochte meine Liebe gegen Rudolfs materielles Bombardement nicht viel auszurichten. Ganz schlimm wurde es, als er dem Jungen versprach, ihm zum Geburtstag ein teures Rennrad zu kaufen. Das wünschte sich Kai sehnlichst, hätte aber nie zu träumen gewagt, es in absehbarer Zukunft zu bekommen.

Ganz klar, dass er sich immer stärker zu seinem Vater hingezogen fühlte. Da nützte es auch nichts, wenn ich ihm dessen hinterhältige Absichten zu erklären versuchte. Von mir bekäme er so ein Rad ja nicht, verteidigte er sich. Das sei ja viel zu teuer.

Details

Seiten
72
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738926040
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Januar)
Schlagworte
plötzlich recht liebe staffner

Autor

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Titel: Plötzlich wurde mir mein Recht auf Liebe bewusst - Dr. Staffner packt aus