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Du musst kämpfen, Jesse Murdock!

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Du musst kämpfen, Jesse Murdock!

Klappentext:

Roman:

Du musst kämpfen, Jesse Murdock!

 

Ein Western von John F. Beck

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2019: Tony Masero

Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

Als der Saloonbesitzer Jesse Murdock in einer stürmischen Nacht einen Verwundeten namens Jim Barrymore bei sich aufnimmt, ahnt er noch nicht, dass jede Menge Ärger bevorsteht. Denn Barrymore ist ein Mitglied der Lorraine-Bande. Diese Halunken haben eine Bank ausgeraubt. Barrymore hat sich jedoch von seinen Kumpanen getrennt und will die Beute wieder zurückbringen. Zumindest erzählt er das Murdock. Aber in Wirklichkeit hat er ganz andere Pläne.

Kurz darauf erreicht ein Wagenzug mit Goldsuchern den Silverstar Saloon, und Murdock begegnet einem Mann, den er schon lange nicht mehr gesehen hat – und den er einst hasste. Ausgerechnet diese beiden Männer müssen nun Seite an Seite gegen die Lorraine-Bande kämpfen. Wie wird dieser Kampf enden, und kann Murdock seinen Hass von damals vergessen?

 

 

 

 

Roman:

Regen und Schweiß vermischten sich auf Jim Barrymores angespanntem Gesicht. Die Zähne zusammengebissen, trieb er sein Pferd den steilen Hang hinauf. Die Hufe rutschten auf dem nassen Lehm. Das Pferd stolperte, schnaubte dumpf, und im letzten Moment gelang es Jim mit einem harten Zügelruck, das Gleichgewicht wiederherzustellen.

Als er die Hügelkuppe erreichte, schaute er unwillkürlich zurück. Da gab es nichts anderes als pechschwarze Nacht und dichten Regen. Klatschnass klebte seine Kleidung an der Haut. Das Wasser sammelte sich in der Krempe seines breitrandigen Stetsons und floss als dünnes Rinnsal auf seinen Rücken. Er spürte es schon gar nicht mehr. Der braune Hengst war abgehetzt und würde nicht mehr lange durchhalten. Wenn er es nicht schaffte, den Fluss zwischen sich und seine Verfolger zu bekommen, war er verloren.

Er spornte das Pferd an und ritt die andere Hangseite hinab. Zweige streiften gegen seine Stiefelschäfte. Er horchte zurück. Nur das monotone Regenrauschen war zu vernehmen. Es übertönte alle anderen Geräusche. Und Jim Barrymore machte sich keine Illusionen. Er wusste, wie nahe ihm seine Jäger waren. Zu nahe, dass er sie auch bei diesem Wetter nicht abschütteln konnte. Ein dumpfes Brausen kam von vorn auf ihn zu. Das musste der Fluss sein — der Arkansas River.

Hoffnung loderte in ihm hoch. Er preschte geradewegs auf das Flussufer zu. Undeutlich sah er in der Dunkelheit die Fluten vor sich — aufgewühlt, gurgelnd und reißend. Der Hengst prallte erschrocken zurück. Jim dachte an die Verfolger, die hinter ihm her waren und mit jeder Sekunde näher kamen. Seine Entscheidung musste rasch getroffen werden. Er presste hart die Schenkel gegen den schlanken Pferdeleib und trieb das Tier mit leisen Zurufen in den Fluss hinein.

Der Sog der Strömung war sofort zu spüren. Das Pferd wieherte schrill und ängstlich. Der Reiter verlagerte sein Gewicht im Sattel und schrie:

„Vorwärts, mein Guter! Weiter, weiter! Wir müssen es riskieren!“

Das Wasser spülte gegen seine Stiefel. Die Strömung wurde heftiger, das Wasser stieg und schwabbte in seine Stiefel. Der braune Hengst warf den Kopf zurück und kämpfte verzweifelt gegen den durch den Regen angeschwollenen Fluss. Das Tier verlor den Grund unter den Hufen. Sie wurden langsam abgetrieben. Je weiter sie sich vom Ufer entfernten, um so gefährlicher wurde die Strömung. Manchmal schlugen die Fluten über der Hinterhand des Hengstes zusammen. Und noch immer rauschte der Regen, prasselte wie Trommelwirbel auf den Fluss und machte die Nacht kalt und undurchdringlich.

Vom gegenüberliegenden Ufer war nichts zu sehen. Die Schwimmbewegungen des Pferdes wurden langsamer, müder. Brennende Verzweiflung packte plötzlich den jungen Reiter. Er krampfte die Fäuste um die Zügel, als er merkte, dass sie nun unaufhaltsam von der Strömung mitgerissen wurden. Und dabei hatten sie seiner Schätzung nach die Flussmitte noch nicht einmal erreicht. Der Braune schnaubte verzweifelt.

Jim zog die Schultern hoch. Es hatte keinen Sinn mehr. Sie würden unmöglich das jenseitige Ufer erreichen. Er wollte das Pferd herumziehen, es ging nicht mehr. Der Hengst brachte es nicht mehr fertig, dem Fluss standzuhalten. Immer schneller wurden sie davongewirbelt. Der Braune hielt nur mühsam sein Gleichgewicht über Wasser. Der Reiter wankte wie betrunken im Sattel hin und her.

Und dann sah er plötzlich etwas großes Schwarzes auf sich zukommen. Er riss die Augen weit auf. Das Pferd bekam plötzlich Grund unter die Hufe, stemmte sich gegen den Fluss und arbeitete sich prustend auf das Ufer zu. Verschwommene Umrisse von hohen Bäumen schälten sich aus der Nacht. Der Regen prasselte auf dichtes Laubwerk.

Jim Barrymore hatte keine Ahnung, wie weit er den Arkansas hinabgetrieben worden war. Er hoffte inständig, es sei weit genug, um aus dem Bereich der unerbittlichen Verfolger zu entkommen. Das Wasser wurde seichter. Der Hengst kletterte zum bewaldeten Ufer hinauf, ließ den Kopf hängen.

Das Aufblitzen eines Mündungsfeuers kam für den Reiter völlig unerwartet. Der trockene Knall des Schusses erreichte kaum seine Ohren, da machte der Hengst einen wilden Satz nach vorn, glitt aus und knickte in,den Vorderbeinen ein.

Jim wurde aus dem Sattel geworfen, schlug hart auf den abfallenden nassen Boden und kollerte die Böschung zum Fluss hinab. Jetzt krachten mehrere Schüsse. Er stürzte ins Wasser, rappelte sich keuchend hoch, hörte seinen Hengst durchdringend wiehern und sah ihn den Hang hinaufpreschen und zwischen den schwarzen Bäumen verschwinden. Zweige knackten, Blätter raschelten. Weiter flussaufwärts blitzte wieder eine Mündungsflamme. Eine Männerstimme rief etwas in den Nachhall des Schusses hinein.

Jim stolperte den Hang hinauf. Sein Rücken schmerzte von dem harten Sturz. Er taumelte in den Wald hinein. Zweige peitschten sein Gesicht und zerfetzten sein Hemd. An einem Baumstamm blieb er schwer atmend stehen. Das Haar hing ihm wirr und klatschnass in die Stirn. Pferde brachen stampfend durchs Unterholz. Eine ungeduldige Stimme rief: „Hier drüben muss er sein! Vorwärts, Leute!“

Das Zweigebrechen und Hufgestampfe kam näher.

Jims rechte Hand fuhr zur Hüfte. Er zuckte zusammen. Das Holster war leer. Er hatte den Revolver beim Sturz vom Pferd verloren. Nun überfiel ihn wilde Panik. Er hetzte aufs Geratewohl in das Ufergehölz hinein. Gleich darauf merkte er, dass dies ein Fehler war. Die Stimme von vorhin war wieder zu vernehmen:

„Dort vorn ist er! Ich habe ihn deutlich gehört! Los, Männer, beeilt euch!“

Ein Dornendickicht versperrte Jim Barrymore den Weg. Er schlug einen Bogen, stieß schmerzhaft gegen einen tiefen Ast und sah plötzlich die Umrisse eines Reiters vor sich emporwachsen. Erschrocken wollte er ausweichen, da prallte der Gaul bereits gegen ihn. Er wurde zurückgeschleudert. Der Reiter rief etwas, und verschwommen beobachtete Jim, dass der Revolverlauf des Mannes herumschwang. Ohne zu überlegen warf er sich vorwärts, stieß die Fäuste hoch und versuchte den Mann vom Pferd zu reißen.

Ein schmetternder Hieb traf ihn quer über die Stirn. Er stürzte nach hinten und glaubte das Bewusstsein zu verlieren. Der Wille zum Entkommen blieb größer. Trotz der Schmerzen und Benommenheit gelang es ihm, nochmals hochzukommen. Er konnte den Reiter nicht mehr sehen. Aber er hörte jetzt viele Stimmen. Hufestampfen schien ihn von allen Seiten zu umgeben. Blut sickerte von seiner Stirn, wo ihn der Schlag getroffen hatte. Seine Kniekehlen waren weich. Er hielt sich nur mit äußerster Anstrengung auf den Beinen. In seinen Schläfen hämmerte es. Er dachte wehmütig an seinen braunen Hengst, der irgendwo in die Nacht hineingaloppierte — mit dicken Geldscheinbündeln in den Satteltaschen. Wut vermischte sich mit Jims Verzweiflung. Er torkelte in ein wirres Gesträuch, und dort verließen ihn die Kräfte.

Der Lärm, den die Reiter verursachten, das Prasseln des Regens und sein eigenes Keuchen vermischten sich zu einem dumpfen Tosen. Die Beine gaben unter ihm nach. Er fiel vornüber aufs Gesicht und krallte die Finger in den nassen Lehm. Dann wusste er von nichts mehr …

 

*

 

Regen trommelte gegen dicke Fensterläden. Jesse Murdock erhob sich und löschte die Petroleumlampe an der niedrigen Decke. Jetzt brannte nur noch die Lampe auf der blank polierten Theke. Der Schein malte die Schatten zweier Männer groß und verzerrt an die Balkenwände des Saloons.

„Du kannst absperren, Miguel“, sagte Jesse Murdock. „Ich denke, es ist Zeit zum Schlafen.“

Der Mexikaner nickte und ging zur Tür. Jesse nahm die Lampe von der Theke und wartete. Der große, breitschultrige Mann sah eigentlich gar nicht wie ein Saloonbesitzer aus. Sein linker Arm war steif und hing schlaff herab. Seine grauen Augen hatte er ruhig auf. den schlanken, mittelgroßen Mexikaner gerichtet.

Der stand an der Tür, hatte eine Hand an den schweren Eisenriegel gelegt, schob ihn aber nicht vor. Er hielt den Kopf etwas schief und lauschte in die Regennacht hinaus. Da stellte Jesse Murdock die Lampe auf die Theke zurück und ging mit langen Schritten zu Miguel Vargas hin.

„Was ist los?“, fragte er leise.

„Das waren Hufschläge, Jesse!“, flüsterte der Mexikaner. Seine dunklen Augen funkelten. „Draußen auf dem Hof. Ich habe mich bestimmt nicht getäuscht!“

Sie warteten schweigend. Nur das Klopfen der Tropfen war zu hören. Jesse schaute Miguel fragend an.

„Ein einzelnes Pferd!“, raunte dieser.

Er hatte kaum zu Ende gesprochen, da ertönte dicht vor der Tür ein lautes Schnauben.

Jesse schob mit der gesunden Rechten den Mexikaner zur Seite. Dann öffnete er mit einem Ruck die Balkentür und legte gleichzeitig die Hand auf den glatten Kolben seines Colts. Das Licht der einzigen Petroleumlampe drang matt ins Freie. Unter dem weit vorspringenden Vordach des Saloongebäudes stand ein reiterloses braunes Pferd. Sattel und Fell glänzten vor Nässe. Die Zügel schleppten auf der Erde.

Jesse pfiff leise durch die Zähne. Seine grauen Augen waren ganz eng geworden. Suchend ging sein Blick in die Dunkelheit hinein. Dann sagte er: „Schnell, bring die Lampe, Miguel.“

Der Mexikaner gehorchte wortlos. Jesse nahm ihm die Lampe aus der Hand und trat neben das Pferd. Das Tier rührte sich nicht. Es war völlig abgehetzt.

„Siehst du das?“, murmelte Jesse und zeigte kopfnickend auf die linke Flanke des Hengstes.

Ein Zucken lief über das dunkle Gesicht Miguels.

„Eine Wunde, Jesse!“

„Yea, von einem Streifschuss, Amigo!“, sagte der Saloonbesitzer mit schwerer Bedeutsamkeit und betrachtete nachdenklich das Pferd.

„Bring den Braunen in den Stall, Miguel. Reib ihn trocken und gib ihm Hafer. Aber zuerst sattelst du meinen Grauen. Ich zieh mir bloß schnell eine Jacke an.“

„Jesse, du willst ...“

„Gewiss! Ich will den Mann suchen, der zu diesem Pferd gehört.“

Miguel deutete auf die Streifwunde an der Pferdeflanke.

„Das stammt von einem Revolver oder Gewehr! Du lässt dich da in eine gefährliche Sache ein, Jesse.“

„Hast du einen anderen Vorschlag?“ Der Mexikaner zuckte die Schultern.

„Und das Wetter? Wo willst du bei diesem Wetter den Besitzer dieses Pferdes suchen?“

Jesse Murclock lächelte dünn.

„Du hast doch sonst so scharfe Augen, Amigo. Hast du den Lehm an diesen Hufen übersehen? Solchen rotgelben Lehm gibt es nur am Arkansas-Ufer.“

„Wie du willst, Jesse!“, sagte Miguel Vargas und ging über den pfützenbedeckten Hof zum Stallgebäude.

Jesse verschwand im Haus, nachdem er die Lampe an einen Haken neben der Tür gehängt hatte. Als er wieder ins Freie trat, trug er einen alten Stetson auf dem Kopf und hatte eine dicke Lederjacke angezogen, die bis auf die Oberschenkel reichte.

Jesse tätschelte dem fremden Pferd den Hals. Aus dem Regen tauchte Miguel auf und zog einen gesattelten hochbeinigen Grauen hinter sich unter das Vordach.

Murdock schwang sich in den Sattel.

„Ich hoffe, ich bin bald zurück!“

Er stellte den Jackenkragen hoch, nahm dann die Zügel auf und ritt in die Nacht hinein. Sein linker Arm hing steif und unbeweglich herab.

Miguel Vargas seufzte tief auf, nahm den fremden Hengst an den Zügeln und führte ihn zum Stall hinüber.

 

*

 

Das Licht, das aus der offenen Saloontür fiel, blieb hinter Jesse Murdock zurück. Ein tiefes Gefühl der Einsamkeit überkam ihn jäh. Die Abgelegenheit seines Saloons wurde ihm so eindringlich wie nur selten bewusst. Ein Saloon mit einem dazugehörigen Stall und einem Lagerschuppen - das war etwas, was kaum jemand in dieser Gegend zu finden erwartete, in diesem Land, das zum Großteil noch freie, unbesiedelte Wildnis wrar. Die nächste Siedlung - Thunderville - lag zwei Tagesritte entfernt im Osten. Und manchmal wunderte sich Jesse Murdock selbst darüber, dass er damals vor über einem Jahr einer plötzlichen Idee gefolgt war und hier am einsamen Arkansas-Ufer seinen „SilverstarSaloon“ gegründet hatte.

Er verscheuchte die Nachdenklichkeit. Sein Ritt erforderte Konzentration. Er besaß wenig Hoffnung auf Erfolg. Der Regen und die Finsternis machten es fast unmöglich, einen einzelnen Mann in diesem unübersichtlichen Gelände ausfindig zu machen. Jesse ritt dicht am Flussufer nach Osten. Er wollte tun, was in seiner Macht lag. Er hatte noch nie einen Menschen im Stich gelassen, der seiner Hilfe bedurfte.

Sträucher und Bäume wurden immer dichter und zwangen ihn, den Grauen im Schritt gehen zu lassen. Nasse Blätter streiften die Flanken des Grauen, der manchmal unwillig die Mähne schüttelte. Und. dann hielt Jesse mit einem jähen Zügelruck an. In der Nähe brachen Pferde durch ein Dickicht. Die Hufe platschten im Schlamm. Eine Männerstimme wehte undeutlich heran, wurde leiser, dann wieder lauter. Und schließlich konnte Jesse ein paar Wortfetzen verstehen:

„Muss nicht weit sein. Dürfen nicht aufgeben. Weitersuchen. Denkt an das. Geld. Müssen ihn erwischen.“

Murdocks Haltung spannte sich. Das Hufestampfen kam näher. Mit einem Schenkeldruck lenkte er sein Pferd hinter eine Baumgruppe. Zwei Reiter kamen nur wenige Yards entfernt vorbei. Sie verschwanden hinter einer Strauchreihe.

Jesse beugte sich rasch nach vorne und legte seinem Grauen die flache Hand über die Nüstern. Das Pferd stand ganz still. Der Reiter wartete eine Weile und lenkte es dann hinter den Bäumen hervor. Er hatte keine Ahnung, wer diese fremden Reiter waren. Es war ihm allerdings klar, sie suchten einen Mann - und zwar denselben Mann, dessen Pferd zu seinem Saloon gekommen war.

Der Wald wurde dichter. Immer wieder musste sich Jesse bücken, um niedrigen Ästen auszuweichen. Er kam nur langsam voran. Regen drang durchs Blätterdach. Das Brausen des angeschwollenen Flusses war ganz nahe. Dicht neben Jesse fragte plötzlich eine raue Stimme:

„Bist du das, Mike?“

Jesse riss den Kopf herum und entdeckte einen verschwommenen Schatten, der langsam auf ihn zugetrabt kam. Er trieb seinen Grauen zu einer schnelleren Gangart an.

„He!“, rief der andere. „Ich habe gefragt, ob du es bist, Mike?“

Jesse dämpfte seine Stimme. „Natürlich!

Er wollte so rasch wie möglich weg. Der andere ritt näher. „Warte, Mike! Wir sollten zusammen suchen, was meinst du?“

Jesses Antwort war ein undeutliches Brummen. Der andere war dicht neben ihm, und Jesse war jetzt froh über den starken Regen und die Dunkelheit. Er hielt den Kopf gesenkt, zwang eisern die Versuchung nieder, einfach sein Pferd herumzureißen und in den Wald hineinzujagen. Der Reiter neben ihm streckte eine Hand. aus.

„Ich glaube, der Kerl steckt in dem Gebüsch da. Ich habe es Bret bereits gesagt. Er meint, wir sollten es einmal ein bisschen durchkämmen. Was meinst du dazu, Mike?“

Jesse räusperte sich.

„Bei der Dunkelheit?“

„Egal! Wir müssen es jedenfalls versuchen! Denk nur an das ganze Geld, Mike!“

„Nun ja!“, brummte Jesse Murdock undeutlich.

„Also los!“, rief der andere. „Steigen wir ab! Zu Fuß kommen wir da drinnen besser voran!“

Jesse blieb nichts anderes übrig, als dem Beispiel des fremden Reiters zu folgen. Er hielt seinen Grauen zwischen sich und dem anderen. Der Mann sagte: „Du diese Seite, Mike - und ich gehe hier hinein, einverstanden?“

„Meinetwegen!“

Jesse zwängte sich in das dichte Gesträuch und hielt nach wenigen Schritten bereits an. Auf der anderen Seite hörte er den Fremden durch das Zweigwerk brechen. Er wischte sich über die nasse Stirn. Er wollte umkehren, musste so schnell als möglich zu seinem Pferd zurück. Da trieb von der Stelle, wo sie die Gäule gelassen hatten, eine fragende Stimme heran: „Wer ist da drinnen? Bist du es, Jack?“

„Yea!“, antwortete Jesses unbekannter Begleiter. „Mike und ich sind es, Bret.“

Jesse ballte die Hände zu harten Fäusten. Solange sich dieser Bret dort draußen aufhielt, konnte er nicht zu seinem Pferd zurück. Grimmig dachte er daran, dass vielleicht dies alles nicht ohne Kampf enden würde. Er legte die Rechte auf den glatten Coltkolben. Aber er bereute es nicht, losgeritten zu sein. Er wusste jetzt mehr, dass der Mann, der hier gesucht wurde, seine Hilfe brauchte. Irgendwie ahnte Jesse, dass die Reiter, unter die er hier geraten war, Banditen waren. Aus ihren Worten hatte er den Grund erfahren, warum der einzelne gejagt wurde: Geld.

Er bewegte sich etwas tiefer in das Strauchwerk hinein, musste die Hand vom Colt nehmen und den Stetson fest halten. Auf der anderen Seite des Dickichts pochten langsame Hufschläge. Das Klirren einer Gebisskette war zu hören. Alle Geräusche wurden vom Regen seltsam gedämpft. Ein Gefühl der Unwirklichkeit überkam Jesse Murdock. Es verflog sofort, als er wieder die Stimme des Mannes hörte, der vorher „Bret“ genannt worden war. Sie klang jetzt dicht am Rande des Gesträuchs, in das Jesse und der andere Reiter zu Fuß eingedrungen waren.

„Nun, wie sieht die Sache aus? Ich schätze, da drinnen ist keiner so leicht zu finden!“

„Zum Teufel!“, fluchte der Bandit. „Hier sieht man nicht einmal die Hand vor den Augen. He, Mike, ich denke, wir kehren um.“

Jesse wollte gerade antworten, da war eine neue Stimme zu hören. Sie klang ziemlich überrascht.

„Hallo, Jack! Bist du das? Was willst du von mir?“

Draußen vor dem Gebüsch quietschte Sattelleder. Pferdehufe klatschten durch eine Pfütze. Eine Weile war es ganz still. Dann rief der Mann, der mit Jesse im Dickicht steckte: „Höllenfeuer, Mike! Bist du schon draußen?“

„Ich war noch nie drinnen! Was ist hier eigentlich los? Ich bin zusammen mit Virg den Fluss entlangeritten und ...“

Jetzt rief Bret: „Jack, was sagst du dazu? Welcher Kerl ist da mit dir ins Dickicht geschlüpft, he?“

Jesse Murdock fühlte ein eisiges Kribbeln seinen Rücken hinablaufen. Er hielt den Atem an und duckte sich. Nur wenige Schritte von ihm entfernt hörte er Jack keuchen: „Menschenskind! Ich verstehe das nicht mehr! Ich dachte, Mike sei mit mir hier drinnen und jetzt ...“

Murdock presste die Zähne zusammen und zog den Colt. Draußen befahl Bret ungeduldig:

„Mike, verständige sofort die anderen. Sie sollen das Gebüsch umstellen. Da stimmt etwas nicht! Bringt mir den Kerl, der sich für dich ausgegeben hat! Los, los, beeile dich, Mike!“

Jetzt hatte das reglose Warten keinen Sinn mehr. Murdock musste bei seinem Pferd sein, ehe die ganze Bande versammelt war. Es spielte jetzt keine Rolle mehr, dass da draußen dieser Bret, der anscheinend Anführer war, im Sattel saß. Notfalls musste der Weg mit dem Colt erkämpft werden. Jesse zwängte sich zwischen den Sträuchern nach rückwärts.

Er hörte Jack ganz nahe durch die Büsche brechen. Gleich darauf schallte Jacks schriller Ruf: „Himmel! Da liegt einer! Bret, hörst du? Ich habe ihn gefunden! Da liegt Jim, Boys. Wir haben ihn!“

Jesse blieb stehen. Sein Gesicht brannte von den Zweighieben. Seine Gedanken jagten einander.

Draußen schrie Bret heiser: „Jack, mach keine Witze!“

„Es ist die Wahrheit!“, brüllte Jack in wildem Triumph. „Da liegt er und rührt sich nicht mehr!“

„Zur Hölle! Dann schaffe ihn doch heraus! Und vergiss diesen anderen Kerl nicht!“

Die Zeit drängte für Jesse Murdock. Er war nur wenige Schritte vom Rand des Gebüsches entfernt. Und doch änderte er seine Richtung. Er brachte es nicht fertig, den Mann im Stich zu lassen, den die Desperados so fieberhaft gesucht und nun endlich gefunden hatten. Er hastete, so schnell es ihm das dichte Zweigwerk erlaubte, in die Richtung, aus der Jacks Stimme gekommen war und prallte direkt mit dem Banditen zusammen. Jack schleppte einen reglosen Mann hinter sich her.

Er fluchte wild, als er mit Jesse zusammenstieß und ließ den Mann los. Seine Hand sauste zur Hüfte nieder. Da erwischte ihn bereits Jesses hochschwingender Coltlauf. Jack brach zusammen. Der Saloonbesitzer ließ hastig die Waffe ins Holster zurückgleiten und bückte sich nach dem Bewusstlosen. Er konnte den steifen linken Arm nicht benützen, und so kostete es ihm einige Mühe, den anderen auf die Schulter zu bekommen.

Am Rand des Dickichts rief Bret ungeduldig:

„Was ist denn, Jack? Hast du Schwierigkeiten?“

„Komm schon!“, antwortete Jesse keuchend mit verstellter Stimme.

Kurz darauf brach er aus dem Gesträuch. Es hatte aufgehört zu regnen. Doch von den Bäumen tropfte es noch immer. Dicht vor ihm befand sich ein Reiter. Es musste Bret sein. Dessen Pferd tänzelte nervös, und der Bandit hielt die Zügel straff. In der Dunkelheit waren nur seine verschwommenen Konturen zu erkennen.

„Na endlich!“, knurrte er. „Und es ist wirklich Jim?“

„Ich denke schon!“,’ murmelte Jesse heiser. Er ging, den Bewusstlosen über der Schulter, auf seinen Grauen zu. Durch den Uferwald hörte er von allen Seiten Reiter herankommen. Mike rief dauernd etwas, war aber noch zu fern, dass Jesse die Worte verstehen konnte. Bret lenkte seinen Gaul etwas zur Seite und rief den Näherkommenden zu: „Beeilt euch! Da steckt einer im Dickicht, der anscheinend nicht zu uns gehört. Sein Gaul ist noch hier draußen. Los, umstellt das Gebüsch und sorgt dafür, dass er nicht entwischt!“

Plötzlich fuhr er im Sattel herum. Seine Stimme kam schneidend auf Jesse Murdock zu.

„Verdammt, was willst du bei seinem Pferd?“

Jesse lud den Bewusstlosen über den Rücken des Grauen. Mit mühsam erzwungener Ruhe antwortete er undeutlich: „Ich bringe Jim ins Freie, Bret. Komme gleich zurück.“

Ohne eine Erwiderung abzuwarten, packte er die Zügel und zog das Pferd mit dem bewusstlosen Mann darüber in den Wald hinein. Ein paar Reiter trabten an ihm vorbei. Keiner beachtete ihn. Dann hörte er dumpfen Hufschlag hinter sich. Bret rief:

„Einen Moment mal, Jack!“

Jesses Kehle wurde trocken. Anscheinend hatte Bret Verdacht geschöpft. Er drehte sich um, konnte den hinter ihm herkommenden Reiter besser hören als sehen. Die Bäume standen hier so dicht, dass Bret nur langsam vorankam.

„Wo bist du, Jack?“

Jesse hörte eine seltsame Gespanntheit aus dem Tonfall. Er antwortete nicht, sondern schwang sich hinter dem Bewusstlosen auf den Pferderücken. Der Graue schnaubte leise. Die Huftritte, die auf der nassen Erde saugende Geräusche erzeugten, kamen genau in Jesses Richtung. Er wickelte die Zügel um sein rechtes Handgelenk und hielt gleichzeitig mit der Rechten den reglosen Mann vor sich fest. Leider behinderte ihn sein steifer Arm sehr. Er lenkte den Hengst mit den Schenkeln. Der Graue gehorchte willig. Die Hufschläge hinter ihm wurden schneller.

„Jack! Hast du nicht gehört? Du sollst warten! Ich ...“

Die weiteren Worte verstand Jesse nicht mehr. Er ließ seinem Pferd die Zügel frei, duckte sich tief auf den Pferdehals und drückte dem Tier die Stiefelabsätze in die Weichen. Der Graue jagte in die Dunkelheit zwischen den Bäumen hinein.

Hinter sich hörte Jesse die wütende Stimme des Anführers. Andere Männer antworteten. Die Pferde wieherten. Dort hinten entstand ein aufgeregtes Durcheinander. Es würde nicht lange dauern, bis die ganze Bande hinter ihm her war. Jesse begann mit Sorge zu begreifen, dass er sich in eine Angelegenheit auf Leben und Tod eingelassen hatte.

 

*

 

Es war noch keine volle Stunde vergangen, da kam Jesse Murdock langsam die steile Treppe, die vom Saloon ins Obergeschoss führte, herab. Er hatte seine nasse Kleidung abgelegt, und nichts deutete mehr darauf hin, dass er erst vor wenigen Minuten abgehetzt bei seinem Saloon angelangt war. Sein Grauer stand im Stall bei dem Pferd des Fremden, den er gerettet hatte.

Der Fremde lag in einem der Gästezimmer und war noch immer ohne Besinnung. Es war ein junger, blonder Mann in Cowboykleidung. Ein harter Hieb hatte eine blutigen Streifen quer über seine Stirn gezogen.

Miguel Vargas stand neben der Balkentür und sagte zu Jesse:

„Sie sind bereits draußen. Ich habe sie gehört.“

„Gut!“, nickte Jesse grimmig. „Du weißt, was du zu tun hast.“

Ein Pferd wieherte auf dem Hof. Stimmen murmelten. Dann kamen eilige Schritte auf die Tür zu. Jesse lehnte sich mit dem Rücken gegen die Theke und stellte die Petroleumlampe so, dass der Schein voll auf die Tür prallte.

Die Tritte verstummten vor der Tür. Eine Weile war es ganz still. Dann wurde fordernd und ungeduldig geklopft. Miguel Vargas biss sich auf die Unterlippe. Jesse nickte ihm zu, da rief Miguel:

„Hallo! Wer ist draußen?“

„Mach schon auf!“, kam unwillig die Antwort.

„Wer ist da?“, wiederholte der Mexikaner.

„Bret Lorraine mit seiner Mannschaft!

„Nun mach endlich auf!“

„Was wollt ihr?“

„Zum Geier!“, schimpfte der Mann vor der Tür. „Was soll diese Fragerei? Es ist schon Mitternacht vorbei, und wir haben einen verdammt langen Trail hinter uns. Ich glaube, wir haben schon das Recht auf ein wenig Gastfreundlichkeit.“

„Warte nicht mehr. Miguel!“, flüsterte Jesse Murdock.

Der Mexikaner schob den Riegel zurück. Die Tür öffnete sich mit einem leisen Knarren. Mehrere durchnässte Männer kamen herein. Einige blieben bei den Pferden auf dem Hof. Ein Hauch von Kälte und Feuchtigkeit wehte mit den Eintretenden herein. Sie machten alle finstere Gesichter. Der Mann an der Spitze blickte sich überrascht um. Anscheinend hatte in der Finsternis draußen keiner das Schild über dem breiten Vordach gesehen, denn der Anführer sagte erstaunt: „Donnerwetter! Das ist ja ein richtiger Saloon! Ein Saloon mitten in der Wildnis!“

Jesse erkannte die Stimme sofort wieder. Das war Bret, dem er vorhin so knapp entwischt war. Er blieb ruhig an der Theke lehnen. Bret Lorraines Blick richtete sich auf ihn - ein kalter, durchdringender Blick.

„Wer sind Sie?“

Jesse verzog die Mundwinkel.

„Diese Frage wäre wohl zuerst an mir, oder? Well, keine Kleinlichkeiten! Ich bin Jesse Murdock. Der Saloon gehört mir. Das dort ist Miguel Vargas. Er arbeitet für mich.“

„Hm!“, murmelte Lorraine und schaute sich prüfend um. Seine Leute rührten sich nicht. Wasserlachen bildeten sich unter ihren Stiefeln. Die Tür stand noch immer offen. Das gelbe Lampenlicht flutete ins Freie, doch die Männer mit den Pferden hielten sich außerhalb des Scheins.

„Merkwürdig!“, murmelte Bret Lorraine, und sein Blick kehrte zu Jesse zurück. „Alles hätte ich hier zu finden erwartet - nur keinen Saloon.“

„Es gibt merkwürdigere Dinge!“ Jesse zuckte kurz die Schultern. „Sie wissen jetzt über mich Bescheid und sollten nunmehr zu Ihrer Person kommen.“

„Meinen Namen kennen Sie schon“, sagte Lorraine etwas unwillig. „Das sind meine Leute. Wir suchen einen Mann - oder vielmehr sind es jetzt zwei.“

„Darum also die späte Stunde“, meinte Jesse wie begreifend. „Wollt ihr hier übernachten?“

Lorraine starrte ihn stechend an. „Das wird sich zeigen!“, sagte er langsam.

Er und seine Männer bewegten sich nicht. Sie alle sahen so aus, als wollten sie jeden Augenblick zu den Revolvern greifen.

„Denken Sie etwa daran, noch weiterzureiten?“, fragte Jesse scheinbar überrascht. Es war nicht leicht für ihn, unter dem unverwandten scharfen Blick des Bandenführers ruhig zu bleiben.

„Vielleicht!“, erwiderte Lorraine gedehnt. „Wenn wir die beiden Gesuchten hier nicht finden!“ Seine Rechte schwebte plötzlich dicht über dem Coltkolben.

Jesse tat, als bemerke er es nicht. Aus den Augenwinkeln sah er Miguel an der Seitenwand stehen, eine Hand am Gürtel. Aber das war wenig beruhigend. Zwei gegen ein ganzes raues Rudel - das war ein ungleiches Verhältnis. Jesse meinte trocken: „Sie wollen doch nicht sagen, Lorraine, dass Sie die Männer, die Sie jagen, bei mir vermuten.“

„Ist das so abwegig?“

„Aber ich ...“

„Immerhin ist das hier die einzige menschliche Niederlassung weit und breit.“

„Was sind das eigentlich für Männer, hinter denen sie her sind?“, versuchte Jesse abzulenken.

Es gelang nicht. Lorraine antwortete lauernd:

„Vielleicht wissen Sie das selber schon ganz genau.“

Jesse richtete sich steil auf. Auch wenn er den Ahnungslosen spielen wollte - er durfte sich nicht zu viel gefallen lassen. Deshalb sagte er scharf:

„Sie spielen also darauf an, dass ich diesen zwei Gesuchten Unterschlupf gegeben habe?“

„Vielleicht nur einem! Vielleicht sind Sie selbst der andere - oder der Mexikaner da.“

In diesem Augenblick begriff Jesse, wie gefährlich dieser Bandenführer war, dieser sehnige große Mann mit den kalten, durchdringenden Augen. Dass Lorraine ein gefährlicher Kämpfer war, erkannte ein Mann mit Jesse Murdocks Erfahrung auf den ersten Blick. Aber nun wusste er außerdem, dass Lorraine zu denken verstand - nüchtern und unbestechlich.

Jesse schüttelte den Kopf.

„Ich verstehe nicht, was Sie meinen, Mister.“

„Machen wir es kurz!“, sagte nun Bret Lorraine hart. „Sie und der Mexikaner bleiben hier. Rührt euch nicht von der Stelle. Unterdessen durchsuchen meine Männer das Haus.“

Jesse dachte an den Gesuchten, der ohnmächtig oben in einem der kleinen Zimmer lag. Er sah das erschöpfte, blasse Gesicht vor sich, die dunklen Ringe um die Augen, den blutigen Streifen auf der Stirn, das zerfetzte Hemd, die magere, abgekämpfte Gestalt. Der Blonde war nicht älter als neunzehn oder zwanzig Jahre. Wenn er diesem hartgesottenen Rudel in die Hände fiel, besaß er keine Chance mehr.

Jesse stieß sich von der Theke ab.

„Sie nehmen sich mächtig viel heraus, Mister!“

Lorraine lächelte verkniffen.

„Ich verlange nie mehr, Murdock, als ich mir selbst zu nehmen vermag!“, erklärte er gefährlich leise und winkte mit der linken Hand. „Los, Leute, durchsucht den Bau! Virg, du bleibst bei mir! Wir behalten diese beiden Gents im Auge!“

Ein pockennarbiger, schwarzhaariger Kerl trat neben ihn. Die anderen bewegten sich von der Tür fort. Ein paar steuerten auf die Seitentür zum Küchenanbau zu, die anderen gingen zur steilen Treppe.

„Sucht nur! Ihr findet bestimmt nichts!“, rief Jesse ihnen nach.

Er fühlte Miguels brennenden Blick auf sich gerichtet und wusste, dass der Mexikaner bereit war. Aber da war Bret Lorraine, der ihn unverwandt anstarrte. Und der Pockennarbige schaute grinsend zu Miguel hin. Jesse wusste, dass er selber schnell war. Aber diese beiden Banditen durften keineswegs unterschätzt werden, vor allem nicht Lorraine. Mit angehaltenem Atem wartete Jesse auf eine winzige Chance.

Die Küchentür wurde bereits aufgestoßen. Die andere Banditengruppe hatte die Treppe erreicht. Da drang vom Hof ein aufgeregter Ruf: „Bret! Vorsicht! Jims Pferd steht im Stall!“

Für einen Sekundenbruchteil wurden Lorraine und der Pockennarbige abgelenkt. Das genügte.

„Los, Miguel!“, schrie Jesse und zog.

Gleichzeitig schnellte er zur Seite. Der Colt sprang ihm förmlich in die Faust. Es war lange her, dass er zur Waffe gegriffen hatte. Aber er war nicht weniger schnell als früher. Noch während er zog, sah er, wie Lorraine mit unwahrscheinlicher Geschwindigkeit den Revolver aus dem Holster brachte.

Jesse ließ sich fallen und schoss. Lorraine sprang zur Seite und zog ebenfalls durch. Beide fehlten. Etwas seitwärts krachten Miguels und des Pockennarbigen Schüsse. Pulverdampf stieg auf.

Von der Küchentür kam ein heiserer Schrei. Auf der Treppe polterte es. Jesse rollte über den Boden. Lorraines nächste Kugel knirschte nur einen Zoll neben ihn ins Holz. Nun blitzte es auch von der Küchentür her. Die Banditen auf der Treppe konnten nicht feuern, da sie sonst ihren Boss und den Pockennarbigen gefährdet hätten. Jesse kam neben einen Tisch zu liegen, stieß ihn um, und schon bohrten sich mehrere Geschosse klatschend in die dicke Platte. Im Hintergrund des Saloons raste wildes Trommelfeuer auf. Dort befand sich der Mexikaner, und Jesse empfand sekundenlang tiefe Erleichterung, dass Miguel der Kugel des Banditen entgangen war.

Über den Hof kamen Laufschritte. Lorraine und sein Helfer warfen sich ebenfalls in Deckung. Die Gruppe auf der Treppe zögerte und wusste nicht, ob sie ins Obergeschoss eilen oder in den Saloon zurückkommen sollte. Die Chance einer Überrumpelung war für Jesse Murdock und Miguel Vargas durch die Schnelligkeit der Banditen zerschmolzen.

In einem langwierigen Feuergefecht besaßen sie keine Siegeschancen. Das begriff Jesse, und er handelte danach. Seine nächste Kugel galt keinem der Gegner sondern der blakenden Petroleumlampe an der Decke. Er traf gut. Schlagartig hüllte undurchdringliche Dunkelheit den Saloon ein. Die Schüsse verstummten. Es wurde unheimlich still.

Und in diese Stille hinein brüllte Jesse mit voller Lautstärke:

„John, Tom, Bill - hallo - Jeff - worauf wartet ihr noch? Boys, greift an und zerschlagt sie!“

Es war nichts anderes als ein verzweifelter Bluff.

Vom Treppenabsatz her rief ein Bandit:

„Höllenfeuer! Das ist eine Falle! Diese beiden Kojoten sind nicht allein. Die Burschen haben uns bereits erwartet!“

Eine Serie greller Mündungsfeuer zerschnitt die Dunkelheit. Das Dröhnen der Schüsse schien den Saloon zerbersten zu wollen. Stühle und Tische wurden umgestoßen. Harte Tritte hasteten über die Bretter. Die Luft war voll vom Geruch des Pulverdampfes. Jesse duckte sich ganz tief hinter seine Deckung und regte sich nicht. Die Tür schwang knarrend hin und her. Das Schüssekrachen verebbte. Draußen schnaubten und stampften Pferde. Ein Bandit keuchte:

„Nichts wie fort von hier!“

Hufschläge setzten ein und jagten vom Hof. Auf der Schwelle scharrte etwas, und im nächsten Moment rasten nochmals zwei Stichflammen in den Saloon. Jesse hörte das Pfeifen der Kugeln. Hinter der Theke zersplitterten Flaschen. Und in den beizenden Pulverrauch mischte sich der herbe Duft von Whisky.

„Beeilt euch! Wer weiß, wie viele Kerle hier auf uns gelauert haben!“, rief einer auf dem Hofe.

„Und was wird aus Jim und dem ganzen Geld?“

Die Antwort ging in trommelndem Hufgetrappel unter.

 

*

 

Jesse Murdock richtete sich langsam hinter dem umgekippten Tisch auf. Der Colt lag schwer in seiner nervigen Rechten. Von Miguel war nichts zu hören und zu sehen. Jesse wollte schon nach ihm rufen, da kam wieder Hufschlag direkt auf die offene Saloontür zu. Ein Reiter hielt unter dem Vordach. Und gleich darauf rief eine harte Stimme drohend:

„Freut euch nur nicht zu früh, ihr da drinnen! Für uns ist diese Angelegenheit noch lange nicht erledigt.“

Und dann trommelten wieder die Hufe auf dem regennassen Hof. Die Reiter entfernten sich in wirbelndem Galopp. Das Hufepochen wurde immer leiser. Schließlich war es völlig verstummt. Vom nahen Arkansas River scholl das dumpfe Rauschen des angestiegenen Wassers.

Im Saloon war es ganz still. Jesse stand hinter dem Tisch und schob die Waffe ins Holster zurück. Er fühlte sich erschöpft und ausgebrannt. Von der Seitenwand her rief Miguel Vargas gedämpft:

„Jesse, bist du hier? Bist du in Ordnung?“

„Yea, Miguel! Und du?“

„Ich hatte Glück. Dios mios, diese Banditen hätten bald ein Ende mit uns und dem Saloon gemacht!“

„Miguel, hinter der Theke stehen noch zwei Lampen. Sie werden heil geblieben sein.“

„Si, Jesse, ich mache sofort Licht.“ Miguels Schritte schwenkten zur Theke hin ab. Dann kam die zögernde Frage: „Ob sie wohl zurückkommen?“

„Du hast doch gehört, womit Lorraine zum Schluss drohte. Wir werden mit diesen Schuften noch zu rechnen haben, Miguel, darauf kannst du dich verlassen.“

Der Mexikaner schwieg. Gleich darauf flammte hinter der Theke ein Streichholz auf. Miguel zündete den Docht einer Petroleumlampe an, setzte den Zylinder darüber und stellte die Lampe auf die Thekenplatte. Sein dunkles Gesicht war müde und abgespannt. An seiner linken Wange klaffte ein dünner blutiger Riss. Dort hatte eine der Banditenkugeln gestreift.

„Was werden wir unternehmen?“, fragte er unruhig.

„Warten, Amigo - sonst nichts! Oder doch: Ich werde erst einmal die Tür versperren.“

Als er es getan hatte, kam er langsam zur Theke zurück. Auf halbem Weg stockte er jäh. Vom oberen Treppenabsatz her war ein leises Geräusch gekommen. Jesse und Miguel wirbelten herum. Nur undeutlich war die schmale Gestalt eines Mannes zu erkennen, der da oben stand. Jesses und Miguels Fäuste zuckten automatisch zu den Colts nieder. Doch der Mann da oben rief:

„Nicht schießen! Ich bin es - Jim Barrymore.“

Die Haltung der beiden Männer im Saloon entspannte sich. Der Fremde setzte seinen Fuß auf die erste Treppenstufe und rückte damit tiefer in den Lampenschein. Sein Gesicht war noch immer bleich. Das blonde Haar hing ihm bis über die Augenbrauen. Seine blassblauen Augen standen weit offen und musterten Jesse und den Mexikaner neugierig und misstrauisch zugleich.

„Kommen Sie nur herab!“, sagte Jesse ruhig.

„Sind sie - sind sie fort?“

„Yeah, Sie können ganz beruhigt sein.“

Barrymore kam langsam die Treppe herab. Seine Fäuste öffneten und schlossen sich in steter Nervosität.

„Ich bin aufgewacht“, berichtete er stockend, „und hörte die Schüsse. Ich dachte schon ...“ Er brach ab. „Wo befinde ich mich hier eigentlich?“

Er hatte den unteren Treppenabsatz erreicht und blieb dort stehen - als sei er darauf bedacht, einen geräumigen Abstand zwischen sich und den beiden Männern zu halten.

„Vorerst sind Sie hier sicher, Barrymore“, erklärte Jesse eindringlich. „Das hier ist Miguel Vargas. Er arbeitet für mich. Mein Name ist Jesse Murdock. Mir gehört dieses Haus.“

„Ein Saloon!“, sagte Jim verwundert und schaute sich um.

„Es überrascht Sie, nicht wahr?“

„Wir sind doch hier mitten in der Wildnis“, murmelte der junge Mann.

„Yea, die nächste Siedlung Thunderville ist zwei Tagesritte von hier entfernt.“

„Das verstehe ich nicht! Wie können Sie dann hier einen Saloon führen? Hier kommt doch Jahr und Tag kein Mensch vorbei.“

„Da irren Sie sich. Mein Silverstar Saloon liegt direkt am Arkansas. Und in letzter Zeit ziehen viele Menschen den Fluss hinauf oder hinab.“

„Yea, ich verstehe. Die Digger von Colorado!“

„Genau! Seit über einem Jahr wird am Pikes Peak in Colorado Gold gefunden. Zuerst wollte ich selber hinauf ins Gebirge und nach dem gelben Metall schürfen. Aber mein linker Arm ist steif, ich wäre ein schlechter Digger geworden. Da fasste ich den Entschluss, hier einen Saloon aufzumachen. Die meisten Goldgräber, die nach Colorado hinaufwollen oder die wieder zurückkommen, wählen den Trail am Arkansas River entlang. Mein Geschäft geht deshalb nicht schlecht.“

„Außerdem“, fügte Miguel Vargas hinzu, „bekommen Sie bei uns nicht nur Whisky, Rum und Brandy. Der Saloon ist gleichzeitig ein Store. Sie können hier alles kaufen - von Coltpatronen über Biberfallen und Handwerkszeug bis zu seidenen Halstüchern.“

„Wir holen die Waren in regelmäßigen Abständen aus Thunderville herüber“, erklärte Jesse abschließend. „Miguels Bruder Juan ist zur Zeit unterwegs. Wir drei führen hier die ganze Sache.“

Er schwieg und schaute Jim Barrymore ab wartend an. Dieser zögerte etwas. Dann stieß er heiser hervor:

„Wie bin ich hierher gekommen? Ich erinnere mich noch daran, dass ich in einem dichten Buschwerk zusammenbrach. Mein Pferd ist fortgelaufen.“

„Wahrscheinlich verdanken Sie Ihrem Pferd das Leben“, sagte Murdock ernst. „Es kam reiterlos und mit einer Streifwunde an der Flanke hierher. Nur deshalb brach ich auf, um nach Ihnen zu suchen.“

Und er erzählte von den Ereignissen am Fluss.

Barrymore hörte schweigend zu, starrte zu Boden und nagte dauernd an der Unterlippe. Jesse betrachtete ihn forschend von der Seite. Als er endete, breitete sich bleiernes Schweigen aus.

Jesse wunderte sich, warum Barrymore zögerte, über sich zu berichten. Schließlich wagte er einen Vorstoß und fragte gleichmütig: „Es geht um eine Menge Geld, nicht wahr?“

Jim zuckte zusammen, sein Kopf fuhr hoch. Er starrte Jesse mit flackernden Augen an.

„Geld? Was wissen Sie davon?“

„Als ich Sie mitten unter den Banditen herausholte, fing ich ein paar Wortfetzen auf - das ist alles.“

Jim atmete tief ein. Er machte eine verlegene Handbewegung.

„Entschuldigen Sie, Murdock. Sie sollen nicht denken, dass ich Ihnen etwas verheimlichen will. Yeah, es geht um viel Geld. Um genau dreißigtausend Dollar.“ Er starrte den Wirt abwartend an, und wieder glaubte dieser einen Schimmer von Misstrauen in den blassblauen Augen zu entdecken.

„Das ist wirklich eine ganze Menge!“, meinte Jesse und vermied es mit Absicht, weitere Fragen zu stellen. Miguel trat etwas vor. Jesse erkannte, dass der Mexikaner nun weiter fragen wollte. Er winkte unmerklich ab, und Miguel verzichtete auf seine Frage.

„Mein Pferd ist hier?“, fragte Jim mit einem Anflug von Sorge.

„Yeah, und auch die Satteltaschen, wenn Sie das meinen. Miguel hat Sie in Ihr Zimmer gebracht - ungeöffnet. Wenn das Geld da drinnen steckt, dürfte eigentlich kein Schein fehlen.“

Jims Schläfen färbten sich rot.

„Sie - Sie dürfen nicht glauben, dass ich Ihnen nicht traue, Murdock! Es ist nur ...“

„Ich verstehe Sie schon. Sie sind lange gehetzt worden, nicht wahr? Und Sie sind immer versucht, zu glauben, dass jedermann Ihnen das Geld abnehmen will. Doch Sie dürfen wirklich beruhigt sein. Hier sind Sie nicht unter Banditen geraten.“ Er gab Miguel einen Wink. „Bring eine Flasche und ein paar Gläser. Ein Drink wird diesem Gent jetzt sicherlich guttun.“

Jim Barrymore hob abwehrend die Hände.

„Nicht jetzt! Ich muss erst einmal ... ich gehe nur rasch auf mein Zimmer, wenn Sie nichts dagegen haben.“

Er wartete keine Antwort ab, entfernte sich hastig, und eilte die Treppe hinauf.

Miguel schüttelte den Kopf.

„Por Dios! Ein seltsamer Kerl! Jetzt zählt er sicherlich das Geld!“

„Er ist noch sehr jung, Miguel, das darfst du nicht übersehen. Und er hat allerhand schlimme Dinge erlebt. Er wird schon ruhiger werden.“

 

*

 

Nach einer Weile kam Barrymore wieder herab. Die Nervosität war von ihm gewichen. Er lächelte verlegen, während er an die Theke trat und leise sagte: „Wenn es nicht unhöflich ist - jetzt hätte ich nichts gegen einen guten Drink.“

Miguel füllte drei Gläser. Nachdem sie getrunken hatten, lehnte sich Jim gegen die Theke und schaute Murdock voll an.

„Sie müssen mich für sehr undankbar halten - nach allem was Sie für mich getan haben.“

„Sprechen wir heute nicht mehr darüber“, winkte Jesse ab. „Es ist ohnehin längst Mitternacht vorbei. Ein paar Stunden Schlaf sollten wir uns noch gönnen.“

„Aber zuerst sollen Sie wenigstens mehr über mich wissen“, sagte Jim rasch. „Sie haben ein Recht darauf.“

„Sie sind zu nichts verpflichtet.“

„Ich möchte trotzdem reden.“

„Well, dann schütten Sie mal Ihr Herz aus, Fellow.“

Der junge Mann machte eine ausholende Handbewegung.

„Sie sprachen vorhin von Ihrer Saloongründung, Murdock, und erwähnten die Goldgräber in Colorado, die den Trail entlang das Arkansas River benutzen. Well, ich bin einer davon. Meine beiden Brüder und ich haben reiche Beute gemacht - oben am Pikes Peak. Gold im Werte von dreißigtausend Dollar.“

„Ich dachte, Sie hätten Geld in den Satteltaschen.“

„So ist es auch! Wir hatten Glück und konnten bereits oben in Colorado das Gold in Banknoten umtauschen. Da hat so ein reicher Mann eine Wechselstube in unserem Diggercamp aufgemacht. Wir mussten nun versuchen, das Geld so rasch wie möglich zu einer Bank zu bringen, wo es sicher ist. Die Goldfunde oben in Colorado lassen nach in letzter Zeit, davon haben Sie sicher bereits gehört. Es hielt uns also nichts mehr. Wir verließen die Berge und machten uns auf den Weg nach Osten. Unterwegs hatten meine Brüder Pech. Ihre Pferde hielten nicht mehr durch. Nur mein Brauner war gut, und so ritt ich allein voraus, um vor Einbruch des Winters noch heimzukommen. Wir wohnen unten in Texas. Ein weiter Weg!“

„Und die Männer, die Sie jagten?“ Jim Barrymores Miene verdüsterte sich.

„Die Banditen-Crew traf ich unterwegs. Sie gaben sich als Digger aus. Ich Narr schöpfte keinen Verdacht. Erst als ich zufällig dahinter kam, wer Lorraine ist, entkam ich ihnen nur mit knapper Not. Und seitdem hetzen sie mich. Alles andere wissen Sie ja, Murdock.“

Jesse nickte nachdenklich.

„Ich reite bei Tagesanbruch weiter“, erklärte Jim. „Ich will nicht, dass Sie wegen mir noch weiteren Kummer bekommen.“

„Sie glauben, Lorraine gibt noch immer nicht auf?“

„Der bestimmt nicht! Außerdem habe ich gehört, was er in den Saloon rief, ehe die Bande wegritt. Ein Mann wie Bret Lorraine wird diese Sache wirklich nicht auf sich beruhen lassen - so gut habe ich ihn bereits kennengelernt.“

„Dann sollten Sie gerade deswegen nicht weiterreiten.“

„Wieso? Ich ..."

„Lorraine und seine Bande warten vielleicht nur darauf.“

„Das schon! Aber ich muss versuchen ...“

„Hören Sie zu, Barrymore! Sie können hier so lange bleiben wie Sie wollen - als mein Gast.“

Jim schluckte.

„Ich danke Ihnen, aber ich kann das nicht annehmen. Wenn ich nicht fortreite, kommt die Bande wieder. Und dann ...“

„Dann werden wir bereit sein! Spätestens übermorgen kommt Miguels Bruder aus Thunderville zurück. Wir sind dann zu viert. Lorraine wird es nicht leicht haben. Seien Sie klug, Barrymore, und denken Sie an Ihre Brüder. Sie dürfen die Dreißigtausend nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.“

Der junge Mann senkte den Kopf. Seine Wangenmuskeln arbeiteten. Dann murmelte er tief gerührt:

„Sie haben wohl recht, Murdock. Ich danke Ihnen von Herzen und nehme Ihre Einladung gern an.“

„Sie brauchen nur auf die nächste Goldsuchergruppe zu warten, die von den Rocky Mountains herabkommt, Barrymore. Wenn Sie sich einer solchen Gruppe anschließen, kommen Sie sicherer in eine Siedlung als allein.“

„Ich werde Ihnen das alles nie vergessen!“, sagte Jim Barrymore mit belegter Stimme.

„Genug geredet für diese Nacht!“, schloss Jesse. „Trinken wir noch einen Schluck und legen wir uns dann schlafen. Der Tag ist gar nicht mehr so fern.“

 

*

 

Am Vormittag des übernächsten Tages stand Jim Barrymore am offenen Fenster seines Zimmers und blickte auf den Hof hinab. Der Himmel spannte sich blau über dem einsamen Land. Trotz des Sonnenscheins wehte ein kühler Hauch - ein Hauch, der vom Nahen des Winters kündete.

Auf dem Hof des Saloons brandete dumpfer Lärm. Peitschen knallten, Hufe stampften auf dem harten Lehm, Räder knirschten, und Männerstimmen vermischten sich zu einem unverständlichen Gewirr.

Die Planwagen, die nachts über in einem engen Kreis gestanden hatten, wurden allmählich zu einem langen Zug formiert. Ochsengebrüll vermischte sich mit dem schrillen Wiehern von Pferden. Die vordersten Wagen waren bereits abfahrbereit.

Jim Barrymores Fingerspitzen trommelten nervös auf dem Fensterbrett. Zwischen seine Augenbrauen hatte sich eine steile Falte gekerbt. Er beobachtete unverwandt die Wagen und die Männer, die dazu gehörten.

An der Tür klopfte es. Jim fuhr herum. Seine Miene straffte sich. Dann schwand das Funkeln plötzlich aus seinem Blick, und ganz ruhig sagte er: „Herein!“

Jesse Murdock betrat das Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Er trat neben den jungen Mann ans Fenster.

„Ich dachte schon, Sie hätten gepackt, Barrymore.“

Jim schaute wieder auf die Wagen hinab. Er schüttelte den Kopf. „Ich habe es mir anders überlegt.“

Der Saloonbesitzer blickte ihn erstaunt an.

„Anders? Ich denke, die Gelegenheit ist einmalig. Das ist ein großer Wagenzug. Lauter Goldgräber aus Colorado, die in den besiedelten Osten zurückkehren. Sie wollen nach Thunderville. Ich habe mit dem Wagenboss gesprochen. Er ist einverstanden, wenn Sie sich anschließen.“

„Weiß er - weiß er von dem Geld?“

„No, ich habe es nicht erwähnt. Barrymore, Sie müssen Ihr Misstrauen endlich ablegen. Nicht alle Menschen sind so wie Lorraine und seine Banditen.“

„Dreißigtausend Dollar können schon die Gesinnung eines Menschen ändern. Sie und Miguel natürlich ausgenommen.“

„Sie reiten also nicht mit?“

„Wenn Sie darauf bestehen, dann schon! Ich - ich möchte Ihnen wirklich nicht zur Last fallen.“

„Es ist Ihre Sache!“, sagte Jesse leicht verwundert.

„Ich fühle mich einfach unter fremden Leuten mit all dem Geld nicht. mehr sicher, seit mich die Banditen verfolgten. Können Sie das verstehen?“

„Gewiss! Ich dränge Sie ja auch nicht. Aber schließlich können Sie nicht immer hierbleiben, oder?“

„Aber ich kann hier warten, bis meine Brüder meinen Vorsprung aufgeholt haben. Zusammen mit ihnen schaffe ich es bestimmt.“

„Wie Sie wollen, Barrymore!“

„Und Sie haben wirklich nichts dagegen? Ich meine, Bret Lorraine und dessen Crew könnten auch Ihnen ...“

„Machen Sie sich darüber keine Sorgen“, unterbrach Jesse. „Es ist alles okay, Barrymore.“

Er hatte die Hand bereits auf die Türklinke gelegt, da sagte Jim:

„Sie sind der beste Mann, den ich je kennenlernte.“

„Es gibt bessere Männer.“

„Man würde Sie niemals für einen Saloonbesitzer halten.“

„Ein Mann mit nur einem gesunden Arm hat wenig Auswahl in der Art, sein Brot zu verdienen.“

Jim stand jetzt mit dem Rücken zur Fensteröffnung. Das Licht zeichnete scharf die Umrisse seiner schlanken Gestalt nach. „Ich will nicht neugierig sein - aber Sie waren sicher nicht immer Saloonkeeper.“

„Erst seit ich eine Kugel in den linken Arm bekam.“

„Eine Kugel ist also schuld daran, dass ...“

„Jawohl! Eine Kugel aus einem Banditencolt!“ Jesses Stimme war plötzlich von metallener Härte. „Und darum helfe ich auch jedem Mann gern gegen Männer, die außerhalb des Gesetzes reiten!“

„Sie hassen die Desperados?“

„Welcher anständige Mann tut das nicht?“

Jim legte die Stirn in Falten.

„Sie sprechen wie ein Marshal.“

„Ich war einer, Barrymorel“

„Wirklich?“

„Yea! Unten in Texas, in San Antonio. Elf Jahre trug ich den Stern. Eine lange Zeit. Dann kam Brazos Jack und schoss mir eine Kugel in den linken Ellenbogen. Seitdem ist mein Arm steif. Es war das Ende meiner Laufbahn. Well, Barrymore, nun wissen Sie es ganz genau.“

„Ich weiß sogar noch mehr.“

„Ja?“ Jesse zog fragend die Augenbrauen hoch.

„Ich weiß jetzt auch, warum Sie Ihren Saloon ,Silverstar' getauft haben.“

„Sie sind wirklich ein kluger Bursche, Barrymore“, entgegnete Murdock freudlos lächelnd und verließ den Raum.

Jim starrte nachdenklich auf die Tür, die sich hinter dem Saloonbesitzer geschlossen hatte. Dann gab er sich einen Ruck, ging zum Schrank, öffnete ihn und betrachtete lange die braunen, ledernen Satteltaschen. Sie waren prall gerundet. Jim beugte sich nieder und strich mit den Fingern darüber.

„Dreißigtausend!“, murmelte er, lächelte verzerrt, knallte die Schranktür zu und trat wieder ans Fenster.

Unten setzten sich die vordersten Fahrzeuge des Wagenzugs bereits in Bewegung. Das Peitschengeknall klang wie der Lärm eines Feuergefechts. Die Erinnerung an die Regennacht am Arkansas verfinsterte Jims Gesicht. Das merkwürdige Glitzern erschien wieder in seinen blassblauen Augen, als er die Wagen beobachtete, die nun langsam und räderknirschend vom Hof rollten. Einer hinter dem anderen - eine lange Reihe hochgewölbter, leuchtender Planendächer. Die Wagen fuhren ostwärts am Fluss entlang, der kleinen Stadt Thunderville zu. Ein leichter Wind sprang im Nordosten auf, trieb die Wolkenschleier über den Arkansas.

Durch das Räderrollen und Hufgestampfe drang die Stimme Jesse Murdocks zu Jim herauf.

„Wünsche euch eine gute Fahrt, Miller. Bis Winteranfang seid ihr längst drüben in Missouri, wenn alles gut geht.“

Und eine trockene Männerstimme antwortete:

„Hinter uns werden noch mehr Leute den Arkansas-Colorado-Trail herabkommen. Es gibt kaum noch Gold droben am Pikes Peak zu finden. Der Run ist schnell zu Ende gegangen. Die meisten Digger versuchen ihre Ausbeute noch vor dem Winter in Sicherheit zu bringen. Ihr Geschäft wird blühen, Murdock.“

Ein kurzes Lachen folgte, und ein bärtiger, stämmiger Mann trat unter dem Vordach heraus. Er schwang sich auf ein wartendes Pferd, winkte zurück und galoppierte an die Spitze des Wagenzuges.

Der Lärm wurde leiser. Der letzte Planwagen verließ den Hof vor dem Silverstar Saloon. Jim stützte die Unterarme aufs Fensterbrett und schaute unverwandt dem Treck nach. Die Wagen wurden immer kleiner, verwandelten sich zu weißen Flecken in der Eintönigkeit des Graslandes und verschwanden schließlich hinter einem langgestreckten Hügelkamm.

Jim Barrymore richtete sich auf und rieb sich das Kinn. Die Abschiedsworte des Treckführers klangen in seinen Ohren nach. Und er murmelte:

„Ich werde nachdenken müssen ...“

 

*

 

Miguel Vargas ging in den Stall, um die Pferde in den Korral zu bringen. Jim half Jesse Murdock beim Geschirrspülen. Sie arbeiteten schweigend und waren noch nicht ganz fertig, da wurde die Tür zum Küchenanbau aufgerissen. Der Mexikaner lehnte sich keuchend gegen den Türrahmen.

Jesse wischte sich die Hände an der verwaschenen Hose ab.

„Was ist denn los, Miguel?“

Miguel rang nach Luft. Seine Mundwinkel zuckten.

„Ich glaube“, stieß er mühsam hervor, „dieser Lorraine kommt da angeritten.“

„Lorraine?“, keuchte Jim. Ein Teller rutschte aus seinen Händen und zerklirrte am Boden. „Sie haben sich nicht getäuscht?“, fragte er ängstlich.

„Ich denke nicht, Senor Barrymore!“

Entschlossen nahm Jesse den Revolvergurt, den er über eine Stuhllehne gehängt hatte, und schnallte ihn mit seiner einen gesunden Hand geschickt um. Jim und Miguel hasteten hinter ihm her.

Jesse blickte in der Haustür kurz über die Schulter zurück und bestimmte: „Miguel und Barrymore, ihr bleibt drinnen. Verteilt euch an die Fenster neben der Tür und haltet eure Colts bereit. Miguel, ist Lorraine allein?“

„Si. Ich habe keinen anderen Mann gesehen.“

„Well!“, knurrte Jesse und trat auf die Schwelle.

Es dauerte nicht lange, bis Hufschläge zu hören waren. Ein Reiter tauchte hinter einer Buschgruppe in der Nähe des Arkansas-Ufers auf und kam ohne Eile in gerader Linie auf den Silverstar Saloon zu. Sehnig und locker saß er im Sattel, den Hut tief in die Stirn gezogen, beide Hände auf das steile Sattelhorn gelegt..

„Ich habe es gesagt!“, flüsterte Miguel. „Er ist es!“

Der Mexikaner stand neben dem Fenster rechts von der Tür und hatte seinen Revolver gezogen. Jim hatte sich am linken Fenster postiert. In seinem Gesicht zuckte es unablässig. Er hatte die Hand griffbereit auf dem Kolben des Colts liegen.

Bret Lorraine ritt hinter dem niedrigen Lagerschuppen in den Hof. An seiner Haltung hatte sich nichts verändert. Lässig lagen beide Hände auf dem Sattelhorn.

Jesse stand auf der Schwelle und rührte sich nicht. Der Bandenführer ritt direkt auf ihn zu. Ein dünnes Lächeln kräuselte seinen schmalen Mund. Er schien sich sehr sicher zu fühlen. Wenige Schritte vom Vordach entfernt hielt er an.

„Hallo, Murdock!“, sagte er ruhig. „Hier bin ich wieder!“

„Das sehe ich! Und wenn Sie nicht sofort umkehren und innerhalb einer Minute aus meinem Sichtkreis verschwunden sind, sehe ich schwarz für Sie!“

Lorraines hageres Gesicht blieb völlig gleichmütig. Gedehnt erwiderte er: „Sie sind etwas voreilig, Murdock!“

„Meine Sache!“

„Das möchte ich nicht sagen, Mister. Es geht noch um andere Leute als Sie allein.“

„Diese Leute sind bestimmt mit mir einverstanden.“

Bret Lorraine zuckte die Schultern. Ein spöttisches Glimmen erschien in seinen Augen.

„Wenn Sie den Mexikaner und Jim Barrymore meinen, dann stimmt das vielleicht. Es gibt aber noch jemand anderen, der Ihnen in gewisser Beziehung nahesteht.“

Jesse hatte das Gefühl, einen Fausthieb in den Magen erhalten zu haben. Eine schreckliche Ahnung erfüllte ihn jäh. Es kostete ihn Mühe, nicht die Beherrschung zu verlieren.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738926033
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v457667
Schlagworte
jesse murdock

Autor

Zurück

Titel: Du musst kämpfen, Jesse Murdock!