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Das kleine Biest hat mich völlig in der Hand - Dr. Staffner packt aus

2019 87 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Das kleine Biest hat mich völlig in der Hand

Copyright

Die Kündigung traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel

An der Arbeitslosigkeit zerbrach mein Familienglück

Mein Mann gab mir die Schuld am Tod unseres Kindes

Für Sex schwor ich beinahe einen Meineid

Für ein flüchtiges Abenteuer habe ich alles geopfert

Ich besitze eine schreckliche Gabe

Vergeblich kämpfte ich um die Liebe meiner Eltern

Das kleine Biest hat mich völlig in der Hand

Böse Verleumdungen hätten fast unser Glück zerstört

Durch eine unerwartete Erbschaft geriet meine Ehe an den Abgrund

Heute wünschte ich, mein Mann hätte mich ein bisschen weniger geliebt

Die Männer sind schuld, dass ich sie hasse

Als meine Schwiegermutter bei uns einziehen wollte, sah ich rot

Das kleine Biest hat mich völlig in der Hand

Dr. Staffner packt aus

Der Psychotherapeut und 13 wahre Fallakten

von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 81 Taschenbuchseiten.

 

- Nachdem Beate bei einer Betriebsfeier ihren Chef in die Schranken gewiesen hatte, erhielt sie prompt die Kündigung. Eine Katastrophe, denn sie hatte sich mit ihrem Mann gerade erst ein Haus gekauft. Ihr Gehalt war bei der Finanzierung fest eingeplant …

- Die überraschende Kündigung wirft Gerhard völlig aus der Bahn. In seinem Beruf findet er keinen Job, und andere Arbeit ist ihm zu gering. Von seiner Frau fühlt er sich missverstanden, und seine Kinder sehen schließlich in ihm einen Versager. Als er endlich zur Vernunft kommt, ist es zu spät …

- Als sie einem Geisterfahrer ausweicht, verursacht Brigitte einen Autounfall, bei dem ihr Sohn tödlich verletzt wird. Dafür macht ihr Mann sie verantwortlich. Er glaubt nicht an den angeblichen Geisterfahrer. Von nun an wird für Brigitte das Leben zur Hölle …

Und 10 weitere Schicksalsgeschichten aus dem Leben

 

Während meiner langjährigen Tätigkeit als Psychotherapeut kamen viele Menschen zu mir, die ein Ereignis oder ihr eigenes Verhalten aus dem seelischen Gleichgewicht geworfen hatte. Indem ich versuchte, ihnen zu helfen, erfuhr ich zum Teil erschütternde Lebensbeichten. Die Namen wurden selbstverständlich von mir geändert.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Die Kündigung traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel

Als ich den Empfang des Einschreibbriefes bestätigte, ahnte ich noch nichts Böses. Mein Mann Herbert und ich hatten uns kürzlich zum Kauf eines Reihenhauses entschlossen. Seitdem war Post vom Notar und von Behörden an der Tagesordnung.

Doch dann las ich die wenigen Zeilen und musste mich erst einmal hinsetzen. Meine Firma, bei der ich seit 14 Jahren im Labor tätig war, hatte mir gekündigt. Wegen der anhaltenden Rezession und mit größtem Bedauern, wie sie schrieben.

Größtes Bedauern? Ich lachte bitter, ahnte ich doch den wahren Grund genau. Beim kürzlichen Betriebsausflug hatte ich Herrn Drewling, unseren Chef, ziemlich deutlich in seine Schranken weisen müssen, als er mir in alkoholseliger Stimmung an die Wäsche rücken wollte. Jetzt hielt ich die Quittung dafür in der Hand.

Natürlich wusste die ganze Belegschaft von bevorstehenden Entlassungen, aber nie hätte ich für möglich gehalten, dass es mich treffen würde. Man war doch immer mit meiner Arbeit zufrieden gewesen. Doch ein Irrtum war leider ausgeschlossen. Da stand es schwarz auf weiß.

Ich wusste gar nicht, wie ich es Herbert beibringen sollte. Die Finanzierung unseres Hauses stand und fiel mit meinem Gehalt, das fest eingeplant war. Was sollte nun werden?

Ich musste schleunigst einen neuen Job finden. Möglicherweise verdiente ich dort schlechter, aber wenn wir uns einschränkten, schafften wir es vielleicht doch noch. Es musste einfach gehen.

Als Herbert wenig später von seiner Baustelle kam, merkte er mir sofort an, dass etwas nicht stimmte. Ich schützte Kopfschmerzen vor und dass ich noch einmal dringend an die frische Luft müsse.

In Wahrheit wollte ich einige Zeitungen kaufen, um heimlich die Stellenangebote zu studieren.

Eine Laborantin wurde zurzeit in unserem Umkreis nicht gesucht. Also würde ich mich für eine Bürostelle entscheiden müssen.

Die ersten Gespräche führte ich von einer Telefonzelle aus. Herbert wollte ich erst einweihen, sobald ich das Problem gemeistert hatte. Irgendwie fühlte ich mich wohl auch schuldig. Wenn ich mich meinem Chef gegenüber ein wenig diplomatischer verhalten hätte, müsste ich mir jetzt nicht kluge Sprüche über die schwierige Wirtschaftslage und meine fehlende Qualifikation für die angestrebten Jobs anhören.

Auf jeden Fall war ich stinksauer auf meinen Arbeitgeber und bat seine Sekretärin am nächsten Morgen um ein Gespräch mit ihm. Unglücklicherweise hatte er tags zuvor eine längere Auslandsreise angetreten. Er wurde erst in einer Woche zurückerwartet.

Damit platzten meine Hoffnungen auf sein Verständnis für meine finanzielle Zwangslage. Solange konnte ich meine Hände nicht in den Schoß legen. Ich musste schnell handeln.

Während der Mittagspause führte ich weitere Bewerbungstelefonate und nahm mir anschließend frei, um mich vorzustellen.

Leider verliefen diese Gespräche deprimierend. Ich begann zu ahnen, dass ich als berufsfremde Fünfunddreißigerin nur geringe Chancen auf einen angemessenen Arbeitsplatz besaß.

Nun gut!, sagte ich mir am Abend trotzig. Zur Not nimmst du eben ein paar Putzstellen an. Irgendwie musst du das Geld ranschaffen. Sonst sind wir gezwungen, den Hauskauf rückgängig zu machen.

Nach drei Tagen voller Frust und Enttäuschungen konnte ich die Wahrheit nicht länger vor meinem Mann verheimlichen. Herbert versuchte zwar, mich zu trösten, aber ich sah ihm an, wie tief der Schock auch bei ihm saß, hatte er sich doch seit Jahren auf das eigene Häuschen gefreut.

Er müsse eben noch mehr Überstunden machen, überlegte er. Ich solle mir um Himmels willen wegen der Kündigung keine grauen Haare wachsen lassen.

Er war ja so lieb, aber seine Worte bewirkten bei mir gar nichts. Ich fühlte mich als Versagerin, weil durch mich unser Traumprojekt gefährdet wurde. Herbert schuftete wirklich schon genug. Wenn er eines Tages auf der Nase lag, war das ein zu hoher Preis.

Das Schlimmste war, dass nach meiner Überzeugung in unserem Betrieb andere Leute die Entlassung viel eher verdient hätten. So mancher drückte sich vor der Arbeit, wo es nur ging. Aber die verstanden es eben mit dem Chef besser.

Inzwischen hatte sich meine Kündigung auch bei uns im Labor herumgesprochen. Hinter allem Bedauern der Kolleginnen hörte ich doch nur die Erleichterung, dass es nicht sie getroffen hatte. Ich fühlte mich kreuzunglücklich.

Auch Herbert wurde mit jedem Tag einsilbiger. Dabei versuchte er, mir weiszumachen, dass das Ganze nicht so tragisch sei. Wenn alle Stricke rissen, würden wir eben den Hauskauf auf einen günstigeren Zeitpunkt verschieben.

Ach, ich brauchte ihm nicht vorzurechnen, wie viel wir dabei einbüßen würden. Es war doch alles schon perfekt und die Notargebühren bezahlt. Neue Kosten kämen auf uns zu, ohne dass wir davon profitierten.

Trotzdem war Herbert in diesen Tagen für mich ein seelischer Halt. Mir wurde deutlich, wie sehr ich mich auch in Krisenzeiten auf ihn verlassen konnte.

Mit meiner Arbeitssuche wollte es einfach nicht klappen. Dabei schraubte ich meine Ansprüche immer weiter herunter. Wie sollte das nur weitergehen?

Zufällig erfuhr ich, dass mein Chef schon einen Tag früher als ursprünglich geplant zurückgekehrt war. Doch ich erfuhr es leider zu spät. Er war schon wieder fort, als ich bangen Herzens und mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch in seinem Vorzimmer vorsprach. Wieder wurde ich vertröstet. Wieder fragte ich mich verzweifelt, warum das ausgerechnet mir passieren musste.

Während ich mir die Absätze nach einem neuen Arbeitsplatz schieflief, führte Herbert Gespräche mit unserer Bank und dem Notar. Es sah alles ausgesprochen düster aus.

Endlich fand ich einen Job. Ziemlich mies bezahlt, und die Arbeitsbedingungen waren auch nicht die besten. Doch ich durfte nicht mehr wählerisch sein.

Am nächsten Morgen hatte Herr Drewling endlich Zeit für mich. Jovial erkundigte er sich, was ich denn auf dem Herzen habe. Dieser scheinheilige Schuft!

Den Tränen nahe, versuchte ich ihm zu erklären, in welche Klemme Herbert und ich durch die überraschende Kündigung kämen.

Er schaute mich irritiert an und rief über die Sprechanlage seine Sekretärin, von der er sich meine Personalakte bringen ließ. Augenblicke später wäre ich ihm vor Glück am liebsten um den Hals gefallen.

Alles war ein Missverständnis, ein Irrtum der Sekretärin, die mich mit einer Kollegin verwechselt hatte, die zwar auch Schmidt hieß, aber einen anderen Vornamen besaß. Diese hatte ihre Entlassung, von der sie allerdings zu diesem Zeitpunkt noch nichts ahnte, durch fortwährende Unzuverlässigkeit selbst verschuldet.

Und ich? Ich durfte selbstverständlich bleiben. Von einer so fleißigen, vertrauenswürdigen Mitarbeiterin würde er sich doch nicht trennen, betonte Herr Drewling schmunzelnd. Ob er dabei wohl an den Betriebsausflug dachte?

Als Herbert am Abend den festlich gedeckten Tisch und die Champagnerflasche sah, nahm er mich bewegt in den Arm und gab mir einen langen Kuss. Erst jetzt kullerten bei mir die Tränen. Wie hätte ich diese beiden Wochen ohne meinen Herbert überstanden?

 

 

An der Arbeitslosigkeit zerbrach mein Familienglück

An dem Tag, an dem es passierte, steckte ich gerade voll vielversprechender Ideen. Ich arbeitete als Konstrukteur in einer Werkzeugmaschinenfabrik und liebte diesen Job.

Bevor ich ans Reißbrett treten konnte, winkte mich mein Chef in sein Büro. Er wirkte irgendwie verlegen, als er von der anhaltenden Rezession sprach und den Notwendigkeiten, entsprechende Maßnahmen einzuleiten, um Schlimmeres zu verhindern. "Der nächste Aufschwung kann ja auf die Dauer nicht ausbleiben", schloss er seine Ausführungen. "Und dann sind Sie selbstverständlich wieder unser Mann. Im Augenblick, das werden Sie sicher verstehen ..."

Ich verstand nur, dass ich gefeuert war. In allen Ehren, versteht sich, und sogar mit einer kleinen Abfindung. Aber zum ersten Mal seit Beginn meiner Lehrzeit vor 26 Jahren war ich arbeitslos, Opfer einer firmenpolitisch erforderlichen Gesundschrumpfung.

Als sich der erste Schock gelegt hatte, war mir regelrecht übel. Ich wusste gar nicht, wie ich es meiner Frau beibringen sollte. Ich kam mir vor, als hätte ich das Klassenziel nicht erreicht.

Zu meiner Überraschung schien Doris schon seit einiger Zeit damit gerechnet zu haben. "Es wurde doch schon lange über bevorstehende Entlassungen gemunkelt."

"Aber wieso gerade ich?", begehrte ich auf. "Ich habe mir nie etwas zuschulden kommen lassen, war in all den Jahren kaum einmal krank und habe schließlich eine Familie zu ernähren."

"Es ist ja nur vorübergehend", tröstete mich Doris. "Bei deiner Qualifikation findest du bestimmt rasch etwas anderes. Außerdem bin ich ja auch noch da. Uns wächst die Arbeit in der Kanzlei ohnehin über den Kopf. Erst kürzlich fragte mich Dr. Wiesmeier, ob ich nicht auch am Freitag aushelfen könne."

Ich bildete mir nicht ein, zu jenen Männern zu gehören, die ihre Frauen hinter den Kochtopf verbannen wollen. Doch dass Doris für mich in die Bresche springen sollte, sah ich wirklich nicht ein. Schon morgen wollte ich mich um einen neuen Job kümmern.

Der Mann vom Arbeitsamt zeigte eine überlegene Miene. "Sie sind leider schon 42, Herr Klepke", stellte er fest.

"Die über Jahre gesammelten Erfahrungen dürften bei einem Konstrukteur wohl kaum ein Nachteil sein", belehrte ich ihn.

Er winkte nur ab. "Eine Stelle in Ihrem Beruf ist zurzeit sowieso aussichtslos. Es sei denn ..."

Er blickte mich prüfend an, und ich schöpfte Hoffnung. Ich fühlte mich jeder Aufgabe gewachsen. Auch in einer branchenfremden Firma würde ich zeigen, was in mir steckte.

Mein Gegenüber erzählte, dass er mich unter Umständen in einem kleinen Betrieb in Straupitz unterbringen könne.

"Soll ich vielleicht zwischen Passau und dem Spreewald pendeln?", fauchte ich ihn an. "Ich sehe schon, ich werde mir selbst etwas suchen müssen."

Das tat ich. Das heißt, ich versuchte es verbissen. Die Zeitungen waren ja voll von Stellenangeboten. Aber leider wurden fast ausschließlich Fernfahrer, Versicherungsvertreter oder Reinigungskräfte gesucht. Derlei kam für mich selbstverständlich nicht in Betracht.

"Lass dir Zeit", bestärkte mich Doris anfangs. "Ich werde einfach ganztags arbeiten. Die Kinder brauchen mich schließlich nicht mehr rund um die Uhr."

Das sah ich völlig anders. Seit ich zu Hause war, fiel mir erst richtig auf, wie provokant sich Simone mit ihren 15 Jahren manchmal aufführte, und der knapp zwei Jahre jüngere Stefan versuchte, es ihr gleich zu tun, weil er das unheimlich cool fand.

Früher hatte ich davon kaum etwas mitbekommen. Bis zu meinem Feierabend waren die Wogen längst durch Doris geglättet worden. Aber jetzt?

"Ich muss dringend telefonieren", drängte Simone. Ihr Outfit ließ darauf schließen, dass sie schon wieder eine Verabredung hatte. Die Schulfreundin nahm ich ihr nicht ab.

"Du siehst doch, dass der Apparat besetzt ist", erwiderte ich streng, wollte ich mich doch auf die jüngsten Stellenangebote telefonisch melden, damit mir kein anderer zuvorkam. "Überhaupt solltest du dich lieber um deine Hausaufgaben kümmern. In einer halben Stunde kannst du unmöglich alles erledigt haben. Lass einmal sehen!"

Meine Tochter stampfte trotzig mit dem Fuß auf. "O Mann, du nervst. Mathe und Latein mache ich mit Babsy zusammen."

"Ich gehe zum Training, Papa", rief Stefan vom Flur her.

"Hier geblieben!" Ich schoss hinter ihm her. "Geht hier eigentlich jeder ein und aus, wie er will? Deine Geometriearbeit war ja schlimm. Besitzt du überhaupt kein räumliches Vorstellungsvermögen? Das ist die Grundlage eines guten Konstrukteurs."

"Und warum bist du dann arbeitslos?", stichelte Simone, die sich inzwischen des Telefons bemächtigt hatte.

Wütend riss ich ihr den Hörer aus der Hand. Es hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte ihr eine Ohrfeige gegeben. Musste ich mich etwa rechtfertigen?

Die Kinder zogen sich schmollend zurück. Ich hörte noch einige geflüsterte Wortfetzen. "… der rastet noch völlig aus … den ganzen Tag daheim rumhängen … wie Mutti das bloß aushält?"

Als Doris von der Anwaltskanzlei kam, in der sie stundenweise aushalf, redete ich ihr energisch ihre Absicht aus, den ganzen Tag arbeiten zu gehen. "Du hast die Kinder total verzogen", hielt ich ihr vor.

"Du bist momentan einfach zu empfindlich", warf sie den Ball zurück. "Simone hat in der Schule keinerlei Probleme, und Stefans Vierer war ein Ausrutscher. In seinem Alter besitzt Fußball eben einen höheren Stellenwert als der Pythagoras. Apropos Stelle. In der Brauerei suchen sie einen Lagerverwalter, der auch mit Computern umgehen kann. Das wäre doch was für dich."

Ich starrte sie ungläubig an. "Für mich? Ich habe vollautomatische Montagestraßen entwickelt und soll jetzt Bierkisten stapeln?"

"Sie legen Wert auf einen zuverlässigen Mann", beschwichtigte mich Doris, goss damit aber nur weiteres Öl ins Feuer.

"Unter zuverlässig verstehen die, dass einer nicht schon am Morgen betrunken ist. Ist das alles, was du mir zutraust?"

Wie schon mehrfach in letzter Zeit, brachte Doris es auch diesmal wieder fertig, mich zu besänftigen. Sie war schon eine tolle Frau, die zu mir hielt. Aber das mit ihrem Ganztagsjob kam nicht in Frage. Auf keinen Fall!

"Du Papa, ich brauche dreißig Euro", begrüßte mich Stefan Tage später nach der Schule. "Wir machen einen Ausflug."

"Der kann doch unmöglich so teuer sein", bezweifelte ich.

"Sie gehen anschließend noch gemeinsam zum Hamburger Essen", klärte mich Doris auf.

Entgegen meiner früheren Gewohnheit explodierte ich sofort. "Für dieses Pappzeug soll ich mein Geld zum Fenster hinauswerfen? Wie ist die Telefonnummer von deinem Lehrer?"

Doris nahm mir den Hörer aus der Hand. "Du kannst den Jungen doch nicht blamieren", raunte sie mir zu. "Die Kinder müssen sich erst daran gewöhnen, dass es bei uns momentan ein wenig knapper hergeht. Du solltest ihnen das vernünftig erklären."

"Ach, vielleicht soll ich mich auch noch bei ihnen entschuldigen, weil ich nicht in der Lage bin, ihre exotischen Essgewohnheiten zu finanzieren?", brauste ich erneut auf. "Als ich so alt war ..."

"Blablabla", maulte Stefan und verschwand schleunigst aus dem Zimmer.

"Sie haben überhaupt keinen Respekt mehr", beschwerte ich mich. "Bin ich etwa schuld an der weltweiten Wirtschaftskrise? Ich will ja arbeiten."

Doris sah mich so merkwürdig an, als sei sie davon keineswegs überzeugt. Sie schob mir eine aufgeschlagene Zeitung zu. Darin suchte ein Zweiradhändler einen Verkäufer, der sich auch um anfallende Reparaturen kümmerte. "Du bist doch handwerklich recht geschickt. Ich meine, bis du etwas Besseres findest."

Ich schüttelte unwillig den Kopf. "Welche Firma stellt wohl noch einen Konstrukteur ein, der Fahrradketten geölt hat?"

Aber einen Job, der meiner Qualifikation entsprach, fand ich einfach nicht. Auch nach drei Monaten hatte ich nichts in Aussicht. Mein früherer Chef machte mir auf absehbare Zeit keine Hoffnung.

Kein Wunder, dass ich von Tag zu Tag immer mürrischer wurde. Die vorlauten Bemerkungen meiner Sprösslinge brachten mich vollends auf die Palme. Sie sahen in mir offensichtlich einen Versager.

"Du hast doch früher immer betont, wer wirklich arbeiten will, der findet auch etwas", erinnerte mich Simone, nachdem ich sie wieder einmal wegen einer kleinen Unpünktlichkeit zur Rede gestellt hatte. Oder gilt das nur für arbeitsscheues Gesindel wie Herrn Jäckel aus der Motzstraße?"

Stefan grinste breit, verzog sich aber schleunigst, als ich wütend die Fernbedienung des Fernsehers in die Ecke feuerte und mich aus dem Sessel katapultierte.

So eine Frechheit, mich mit dem Typ zu vergleichen, der schon seit über zwei Jahren in sämtlichen Kneipen der Stadt herumlungerte und von Sozialhilfe lebte.

Doris musste wieder einmal vermittelnd den Hausfrieden herstellen, aber ich war an diesem Tag einfach nicht gut drauf, sah ich doch keinen Hoffnungsschimmer für meine Situation.

"Du bist überhaupt an allem schuld", warf ich ihr vor. "Hättest du dich damals nicht gesträubt, mit mir nach Kanada zu gehen, müsste ich jetzt bestimmt nicht Däumchen drehen."

"Das müsstest du hier auch nicht", zischte Doris, "aber dem Herrn ist ja kein Angebot gut genug. In Kanada hättest du dir vermutlich auch die Hände schmutzig machen müssen."

Ein Wort gab das andere, bis ich den Streit beendete, indem ich in die Kneipe an der Ecke ging und meinen Ärger hinunterspülte.

Eine Woche darauf kam es zum großen Krach. Doris eröffnete mir beim Essen, dass sie ab nächsten Monat bei einem Steuerberater anfangen könne. Ganztags.

"Das lässt du gefälligst bleiben", verlangte ich. "Soll ich etwa den Hausmann spielen?"

"Warum nicht?", entgegnete Doris. "Du betonst doch immer deine moderne Einstellung. Dir wird beim Abspülen kein Zacken aus der Krone fallen. Andere Männer tun das auch."

"Darum geht es gar nicht", brüllte ich los. Die Kinder duckten sich erschrocken und schlichen hinaus. "Du bist mir in den Rücken gefallen. Denkst wohl, dass ich nicht mehr für meine Familie sorgen kann."

"Ich stelle nur fest, dass du eine ganze Anzahl guter Möglichkeiten nicht genutzt hast." Auch Doris wurde jetzt lauter. "Du kapierst einfach nicht, dass man in schlechten Zeiten auch einmal kleine Brötchen backen muss. Konstrukteure werden zurzeit eben nicht gesucht. Daran ändert deine Sturheit auch nichts."

"Na bravo!", dröhnte ich aufgebracht. "Meine Frau nennt mich stur und wundert sich, wenn die Kinder jeden Respekt vor ihrem Vater verlieren."

"Wundere ich mich denn?", fragte Doris bissig. "Das einzige Kind in unserer Familie bist doch du. Träumst von Kanada und deinen verpassten Möglichkeiten und suchst die Schuld für deine Misere bei anderen. Andere Männer haben auch ihren Job verloren und lassen sich trotzdem nicht gehen."

Die Auseinandersetzung endete erneut in der Kneipe. Immerhin rechnete ich mit Doris' Einlenken, doch sie unterschrieb den Vertrag bei dem Steuerberater.

Mehr noch. Sie besuchte am Abend einen Computerkurs und interessierte sich für einen Lehrgang über Steuerrecht, der im folgenden Quartal beginnen sollte.

Unverzüglich sprach ich bei meiner alten Firma vor. Ich wollte diesem Spuk unbedingt ein Ende bereiten. Als ich erfuhr, dass das Werk bis zum Jahresende aufgelöst werden würde, brach für mich eine Welt zusammen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich an die Hoffnung geklammert, an meinen früheren Arbeitsplatz zurückkehren zu können. Das musste ich mir nun endgültig abschminken.

Die folgenden Tage und Wochen waren furchtbar. Ich trank ziemlich viel, und um die Hausarbeit kümmerte ich mich schon aus Prinzip nicht. Da Doris deshalb einige Tätigkeiten an Simone und Stefan delegieren musste, waren die Kinder erst recht sauer auf mich.

Die meiste Arbeit blieb aber an Doris hängen, und ich fand, dass ihr das ganz recht geschah. Schließlich war ich immer dagegen gewesen, dass sie den ganzen Tag arbeitete. Und dann noch die Kurse. Einfach verrückt!

Wenn sie nach Hause kam, war sie meistens gereizt. Ich brauchte zum Beispiel nur nach meinem weißen Hemd zu fragen, dann giftete sie schon los: "Falls du es gewaschen und gebügelt hast, müsste es im Schrank hängen. Übrigens warst du nicht beim Elternabend in Stefans Schule."

"Dort wird doch nur gequatscht", rechtfertigte ich mich. "Schade um die Zeit."

"Von der hast du ja so wenig", spöttelte Doris, nahm sich ein Joghurt aus dem Kühlschrank und ging schlafen.

Im Bett lief zwischen uns schon eine Weile nichts mehr. Doris war ja immer müde. Dass sie Verständnis für meine Probleme aufbrachte, erwartete ich schon gar nicht mehr.

An diesem Abend fühlte ich mich aber besonders frustriert. Ich wollte reden, vor allem aber wollte ich ein bisschen Zärtlichkeit.

Doris schob meine Hand weg. Ich packte energischer zu. "Hör mal", begann ich ärgerlich, "du kannst mich nicht wie einen lästigen Fremden behandeln. Immerhin sind wir verheiratet."

Sie richtete sich auf und raffte ihr Bettzeug zusammen. "Aber nicht mehr lange, Gerhard", erklärte sie rau. "Ich halte das mit dir einfach nicht mehr aus." In dieser Nacht schlief sie auf der Couch im Wohnzimmer.

Über ihre Drohung machte ich mir wenig Gedanken. Nicht zum ersten Mal hatte sie davon geredet, sich von mir zu trennen.

Diesmal aber tat sie es wirklich. Sie empfahl mir, ihr und den Kindern die Wohnung zu überlassen, weil ich die Miete sowieso nicht bezahlen könne.

Details

Seiten
87
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738925999
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v457532
Schlagworte
biest hand staffner

Autor

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Titel: Das kleine Biest hat mich völlig in der Hand - Dr. Staffner packt aus