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Jenseits von Raum und Zeit

2019 277 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Jenseits von Raum und Zeit

Impressum

Klappentext

Zugleich eine Einleitung

Es begann mit einem Abschiedsbrief

Ein unerwarteter Besuch

Die Vergangenheit erwacht

Ein Anruf

Frau Gudruns Beobachtungen

Erste Enthüllungen

Dr. Grettir erzählt von der Bezwingung der Materie

Die ersten Versuche

Fortschritte

Die ersten Lebewesen im Y-Apparat

Höheres Leben

Ein Wiedersehen

Erkenntnisse

Sirius

Dr. Grettir verschwindet wieder

Vorbereitungen zum großen Experiment

Ein Mann aus dem Dunkel

Der Doppelgänger

Zwanzig Jahre Gefangener des Speru

Die Geschichte einer verfrühten Erfindung

Im Banne der Siria

Speru in Flammen

Irdische Probleme

Ich gegen Ich

Om mani padme hum

Venus - heißer Boden

I. P. R. Hesperus unterwegs

Die Landung

EINE LÄNGST VERGANGENE ZUKUNFT - ERICH DOLEZAL

Jenseits von Raum und Zeit

 

Erich Dolezal

 

 

 

 

Impressum

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Erich Dolezal

Korrektorat und Lektorat: Christian Dörge.

Cover-Gestaltung: Christian Dörge.

Cover-Illustration: Jakkapan Jabjainai/123rf.

© dieser Ausgabe 2018 by Apex-Verlag (München) / CassiopeiaPress (Lengerich) / Edition Bärenklau (Oberkrämer).

www.apex-verlag.de (Kontakt: webmaster@apex-verlag.de)

www.AlfredBekker.de (Kontakt: postmaster@alfredbekker.de)

www.editionbarenklau.de (Kontakt: edition.baerenklau@gmail.com)

 

 

 

Klappentext

 

»Können solch' rätselhafte Dinge, solch unglaubliche Vorgänge überhaupt Wirklichkeit sein? Ist es möglich, Raum und Zeit so zu überwinden, wie es in den folgenden Kapiteln geschildert wird? Grenzt dies nicht an Zauberei und Schwarze Magie? Wäre es nicht besser gewesen, eine Geschichte im Stil eines Raimund'schen-Zaubermärchens zu schreiben, an Stelle eines schlichten Tatsachenberichtes? Darauf kann ich nur sagen: In der Gegenwart ist die Wirklichkeit wunderbarer als vor zweihundert Jahren die Zauberei...«

Ein Roman aus drei Welten – ein Kleinod der phantastischen Literatur, eine Utopie, von der Zeit überholt – eine vergangene Zukunft, wie sie von Autoren ausgedacht eine mögliche Zukunft beschreibt, noch gänzlich ohne Digitalisierung, in stimmungsvollen und manchmal sehnsuchtsvoll romantisch verklärten Bildern – Bilder, die für uns bereits ein längst überholtes Gestern sein mögen...

 

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg - im Jahre 1946 - schrieb Erich Dolezal unter dem Pseudonym ERIK LINDENAU Jenseits von Raum und Zeit mit dem später weggelassenen Untertitel Roman aus drei Welten; der Nachdruck des TOSA-Verlags (1968) ist die bekanntere Version, um die Entdeckung einer neuen Energiequelle. Ein weiterer Nachdruck erschien im selben Jahr im Eduard-Kaiser-Verlag, Klagenfurt.

 

 

 

 

 

 

 

In der Technik ist fast immer die Utopie von gestern die Möglichkeit von heute und die Alltäglichkeit von morgen, die phantastischen Schriftsteller gehören ebenso zu den Pionieren der Technik wie die genialen Ingenieure.

 

- Theodor Heinrich Mayer

 

 

 

 

 

Zugleich eine Einleitung

 

 

Die Ereignisse, von denen diese Geschichte erzählt, sind so aufwühlend und erregend, dass sich der Leser wundern wird, davon nicht durch die Zeitungen erfahren zu haben. Es handelt sich um durchaus wahre Begebenheiten, die aber so wunderbar und phantastisch anmuten, dass sie dem Gehirn eines besonders begabten utopischen Schriftstellers entsprungen sein könnten. Die Tatsache, dass Presse und Rundfunk von all den merkwürdigen Dingen keine Notiz genommen haben, findet ihre Erklärung in dem völligen Stillschweigen, das jene Personen wahrten, die im Mittelpunkt der Ereignisse standen. Nicht einmal die engeren Mitarbeiter und Freunde dieses Kreises hatten Gelegenheit, Einblick in das Geschehen zu nehmen. Es ist begreiflich, dass Menschen in solchen sozial und bildungsmäßig gehobenen Schichten nicht gerne im Mittelpunkt sensationeller Affären stehen, daher haben die Beteiligten den Mantel des Schweigens über alles gebreitet.

Als naturwissenschaftlicher Schriftsteller und vertrauter Freund des Hauptbeteiligten hatte ich jedoch die Möglichkeit, Einblick zu nehmen, die Zusammenhänge zu erkennen und mir darüber Aufzeichnungen zu machen. Ich fühle die Verpflichtung, den wahren Sachverhalt in seinen Grundzügen der Nachwelt zu überliefern, es wäre sonst ein unwiederbringlicher Verlust.

Dies ist der Grund, warum ich eine geordnete zusammenfassende Darstellung von den Ereignissen geben will. Ich muss nur noch auf eine wesentliche Tatsache hinweisen, was die Personen und die Örtlichkeiten betrifft. Es ist wohl selbstverständlich und braucht nicht besonders betont zu werden, dass ich die Namen der »Hauptdarsteller« in diesem merkwürdigen Drama ebenso wie die Orte, die der Schauplatz der Handlung waren, durch erfundene Namen ersetzt habe. Ich hoffe, dass es mir dabei trotzdem gelungen ist, jene eigenartige Stimmung zu wahren, die über dem Verlauf all dieser Ereignisse lag. Es soll doch kein trockener Bericht, wie er in jedem Kanzleiakt verzeichnet sein kann, aus dieser Geschichte werden, sondern ein Buch, das Leben atmet und den Leser sogleich mit einer angenehmen Atmosphäre umfängt, wie eine neue Landschaft, die voller Überraschungen sein kann. Diese Landschaft mag aber auch unheimliche und schaurige Gegenden bergen, die durch ihre Gewalt den Wanderer erschüttern, ihn aber schließlich doch mit dem Gefühl, etwas Großes erlebt zu haben, entlassen. Nichts ist öder als ein Werk, das sich aus abgebrauchten Elementen zusammensetzt, gleich den Papiermachelandschaften einer Alpenfahrt in einem Vergnügungspark. Nach dieser kleinen Abschweifung in ein Gebiet, das mit unserem Stoff nur lose im Zusammenhang steht, möchte ich ganz kurz eine Frage behandeln.

Können solch rätselhafte Dinge, solch unglaubliche Vorgänge überhaupt Wirklichkeit sein? Ist es möglich, Raum und Zeit so zu überwinden, wie es in den folgenden Kapiteln geschildert wird? Grenzt dies nicht an Zauberei und schwarze Magie? Wäre es nicht besser gewesen, eine Geschichte im Stil eines Raimund'schen-Zaubermärchens zu schreiben, an Stelle eines schlichten Tatsachenberichtes? Darauf kann ich nur sagen: In der Gegenwart ist die Wirklichkeit wunderbarer als vor zweihundert Jahren die Zauberei. Viele Dinge, die uns heute Selbstverständlichkeit sind, erscheinen bei näherer Betrachtung als Ausgeburten einer höllischen Phantasie. Denken wir nur einmal an die Lichtbildnerei; ist das nicht eigentlich eine schwarze Kunst? Nehmen wir an, ein moderner Lichtbildner besäße eine Zeitmaschine und könnte sich in die napoleonische Zeit zurückversetzen. Selbstverständlich nimmt er seine Kamera und alles, was zur Herstellung der Kopien gehört, mit. Er lässt sich bei Napoleon zur Audienz anmelden und wird vorgelassen. Er macht sich dem Kaiser gegenüber erbötig, von ihm ein vollkommen naturgetreues Bild zu machen, ohne ihn zu zeichnen oder zu malen, weder einen Scherenschnitt herzustellen noch sonst ein Verfahren anzuwenden, das mit der künstlerischen Handfertigkeit des Porträtierens zusammenhängt. Napoleon lächelt ungläubig und bittet, seine kostbare Zeit nicht mit solchen lächerlichen Behauptungen zu beanspruchen. Darauf zieht der Lichtbildner seine Kamera, setzt den Entfernungs- und Belichtungsmesser an, blickt durch den Sucher, knipst - und schon ist Napoleon im Bilde festgehalten. Das Ganze hat nur wenige Sekunden gedauert.

»So, danke, Majestät, schon fertig!«

Napoleon lächelt nachsichtig. »Zeigen Sie einmal her.«

Der Lichtbildner reicht ihm den Apparat. »Mit diesem kleinen Kästchen aus Metall...« - Er wiegt es in der Hand - »es ist sehr leicht, wollen Sie ein Bild von mir gemacht haben? Lächerlich!«

»Darf ich mir erlauben, Eurer Majestät heute Abend das fertige Bild zu überreichen?«

Napoleon betrachtet verblüfft und ungläubig die Farbvergrößerung. Weder ein Pinselstrich noch eine Bleistiftlinie ist zu sehen. Farbdruck ist es auch keiner. Er schüttelt den Kopf. »... und wie wollen Sie zu diesem Bild gekommen sein?« Der Lichtbildner versucht, ihm den Vorgang zu erklären. Napoleon hört nachdenklich zu, dann fragt er: »Warum kann man das Ding, das Sie Film nennen, nur bei rotem Licht oder vollständiger Finsternis herausnehmen, warum nicht bei Tageslicht, so wie jedes andere Ding? Da steckt etwas dahinter. Das glaube ich Ihnen alles nicht, das ist ein dunkler Punkt. Entweder Sie können Wunder wirken, oder Sie sind doch ein Schwindler! Da ich aber nicht an Wunder glaube, bleibt nur... adieu! mein Herr, und seien Sie froh, dass Sie mich heute bei guter Laune getroffen haben.«

So ähnlich würde es mit vielen Errungenschaften unseres Zeitalters gehen. Ist das Fernsehen nicht ein Wunder, das zu den unvorstellbaren Fortschritten der Technik gehört? Ein Ereignis, das sich irgendwo abspielt, kann gleichzeitig als lebendes Bild an vielen anderen Orten verfolgt werden. Ist das nicht mehr als Zauberei, ist das nicht beinahe schon Allmacht? Ja, Allmacht über einen gewissen Bereich der Natur mit ihren Kräften, was aber noch lange nicht Macht über die gesamte Natur bedeutet, denn diese ist so groß, dass für den Menschen immer nur ein ganz winziger Teil Tummelplatz seines Fortschrittes bleiben wird.

Damit wollte ich aber nur andeuten, dass die Ereignisse, denen wir begegnen werden, mögen sie auch mehr als wunderbar erscheinen, doch durchaus begründet sind, auch wenn wir sie nach den allgemein verbreiteten Kenntnissen für unmöglich halten. Der alte Spruch Nichts ist unmöglich erfährt damit neuerlich seine Erhärtung. Damit will ich die Einleitung beschließen und zu dem übergehen, was jeder Leser in einem Buche mit Recht verlangt - zur Handlung.

 

 

Es begann mit einem Abschiedsbrief

 

 

Frau Gudrun Feldmann, die Frau des bekannten Physikers Universitätsprofessor Dr. Stefan Feldmann, saß in ihrem Zimmer, die Lade des Schreibtisches war offen, und ein Paket Briefe lag vor ihr. Gudrun Feldmann war eine schöne Frau, groß, hatte eine wohlgebaute Gestalt, braune Haare, die nur an einer Stelle über der Stirn einer grauen Strähne Platz machen mussten, und zeigte ein sicheres, zielbewusstes Wesen. Die Jahre schienen ohne wesentliche Spuren an ihr vorübergegangen zu sein. Doch auch die beste Haltung führt gegen die Zeit einen vergeblichen Kampf. Jenes geheimnisvolle Fluidum, das in dem Begriff Jugend liegt, verflüchtigt sich im Laufe der Jahre und kann nie wieder zurückgeholt werden.

Gudrun Feldmann musste eben daran denken, dass es jetzt zwanzig Jahre waren, seit jenes unerklärliche Geschehen sich ereignete. Sie erinnerte sich so deutlich, als ob es gestern gewesen wäre, wie sie mit dem damals noch ganz jungen Assistenten ihres jetzigen Mannes im physikalischen Laboratorium stand und ihm wie gewöhnlich zum Abschied die Hand reichte, ohne zu wissen, dass es ein Abschied für immer sein würde. Für immer? Seit zwanzig Jahren hatte sie ihn nicht mehr gesehen, kein Wort von ihm gehört. Nach menschlichem Ermessen musste dies wohl einen Abschied auf ewig bedeuten, aber sie konnte es nicht glauben, sie konnte sich mit der Tatsache nicht vertraut machen, dass Olaf nie mehr kommen würde.

Gudrun blickte auf und sah durch das Fenster ihres Arbeitszimmers hinaus auf die Stadt, die sich weit unten in der Ebene ausbreitete, hinter den Bäumen des großen Gartens, jenseits der Hügelzüge, die gegen das Häusermeer zu verebbten. Leichter graublauer Dunst lagerte wie eine künstliche Wolke über den Dächern, Schornsteinen und Kirchtürmen. Dort, wo die große, grüne Kuppel, die nur im blassen Schattenriss zu sehen war, sich gegen den Himmel wölbte, war jener wunderschöne Garten, der in seiner Stille wie geschaffen schien, Einsamkeit suchenden Großstädtern Trost zu bieten. Sein verborgener Eingang, seine weitläufigen Anlagen, die in erster Linie Studienzwecken dienten, die nachsichtigen Wächter, all dies hatte bewirkt, dass er bei Liebenden und solchen, die auf dem Wege sind, es zu werden, einen guten Ruf genoss. Dort waren sie an schönen Sommertagen oft gegangen, hatten das Alpinum bewundert, das die ganze Blütenpracht einer Almwiese mitten zwischen die grauen Mauern der Großstadt zauberte, hatten auf einer der Bänke unter den seltenen Nadelbäumen gesessen und sich beim Anblick der Abies numidica in eine nordwestafrikanische Landschaft versetzt gefühlt.

Dann kam plötzlich jener Brief, den sie schon so oft gelesen und den sie nun wieder in den Händen hielt:

 

 

»Meine liebe Gudrun!

 

Seit ich weiß, dass ich Dir nicht gleichgültig bin, gehöre ich zu den glücklichsten Menschen dieser Erde. Die Zeit vom ersten Augenblick an, da wir einander im Hörsaal gesehen, bis zu der heißersehnten Stunde, da wir einander das Du-Wort gegeben, war mir wie ein schöner Traum. Wirklich... ein... Traum. Aus jedem Traum aber gibt es ein Erwachen. Zwei Gefühle haben sich meiner bemächtigt und kämpfen um die Oberhand. Soll ich Dir alles sagen und Dich... nein, ich kann es nicht, es ist besser so, ich muss ohne Abschied von Dir gehen, denn ich glaube nicht, mich von Dir losreißen zu können, wenn ich Dir noch einmal in die Augen sehe. Aber es muss sein. Es gibt etwas, das stärker ist als alle menschliche Liebe, als alle Bequemlichkeit, als die Gewissheit eines ausgeglichenen Lebens, es gibt etwas, das uns zwingt, ungewöhnliche Wege zu gehen. Vielleicht ist es Idealismus, vielleicht dämonische Besessenheit, ich weiß es nicht, ich weiß nur eines, dass ich einem Befehl folgen muss. Manchmal zwar habe ich Ekel vor allem, was ich unternehme, da ich das Gefühl habe, es sei zu gar nichts, es ist gleichgültig und belanglos, dann aber wieder reißen mich die Gefühle mit und ich bin in einer Spannung des Erlebens und des Schöpferischen, die mich bis in die höchsten Regionen zu erheben vermag.

In dieser Stunde kann ich es Dir gestehen, ich habe Dich über alle Maßen liebgehabt, ich habe davon geträumt, an Deiner Seite leben zu können, mit Dir als meiner Frau. Ich habe schon ein ganzes Leben voll Glück und Seligkeit, aber auch voll aller menschlichen Unzulänglichkeit vor uns gesehen, nun muss ich mich aber von diesem verlocken den Bild losreißen, denn eine höhere Pflicht verlangt Opfer von mir. Sei nicht traurig und ängstige Dich nicht, wenn Du lange nichts von mir hören wirst, stelle auch keine Nachforschungen an, denn sie wären zwecklos. Ich gebe Dir jede Freiheit, denn noch hat uns nichts anderes gebunden als eine Zuneigung, die ich von meiner Seite als die tiefste empfunden habe. Ich will die Gewissheit mitnehmen, dass die Stunden mit Dir zu den schönsten meines Lebens zählen. Einmal noch lasse Deine Lippen küssen. Lebe wohl, sei tapfer und meistere das Leben! Ich werde immer an Dich denken.

 

Dein Olaf.«

 

 

Gudrun legte das Blatt beiseite. Versonnen sah sie in die Vergangenheit zurück. Ja, jetzt erinnerte sie sich wieder, die letzten Tage, Wochen und Monate vor seinem Verschwinden war ihr Olaf etwas verändert vorgekommen, er hatte keine Zeit für sie gehabt, war häufig mit den Gedanken abwesend und merkwürdig zerstreut gewesen. Zwanzig Jahre sind seither verstrichen, welch lange Zeit, wieviel hat sich inzwischen ereignet! Sie war nach Jahren eine Ehe mit ihrem ehemaligen Lehrer Professor Feldmann eingegangen, der bedeutend älter war als sie, den sie schätzte und achtete, mit dem sie aber nicht jene Liebe verband, wie sie entsteht, wenn zwischen jungen Menschen eine heimliche Zuneigung zu wachsen beginnt. Es war eine ruhige und überlegte Zustimmung gewesen, als der bedeutende Physiker um ihre Hand angehalten hatte. Nur eines trübte ihre kinderlose Ehe, sein kleinlicher Hass, seine Eifersucht auf die Vergangenheit, die doch nicht auszulöschen war, seine Abneigung gegen einen Unsichtbaren, der - das glaubte er zu fühlen - immer zwischen ihm und seiner Frau stand. Er, jener Unsichtbare, war wohl die Ursache, dass Gudrun ihrem Mann gegenüber nie die letzte Zärtlichkeit aufbrachte, nie aus sich heraus von Liebe gesprochen hatte. Dieser Unsichtbare war aber trotzdem keiner Tat anzuklagen, die vor Menschen zu verantworten gewesen wäre, selbst in seinem Nachwirken war er unfassbar.

In diesem Augenblick ging die Tür zu Gudruns Zimmer auf, und Professor Feldmann trat ein. Gudrun versuchte hastig, die Briefe in eine Lade zu schieben, doch Olafs Abschiedsschreiben blieb auf dem Schreibtisch liegen. Feldmanns Gesicht wurde unwillig, und er sagte schroff: »Was hast du da schon wieder? Musst du denn immer in diesen alten Geschichten kramen? Die Vergangenheit ist tot.«

»Lass das!«, schrie Gudrun, als der Professor den Brief vom Schreibtisch aufhob. Sie wollte ihn seinen Händen entreißen, doch er hielt ihn mit einer Hand hoch und begann, so gut es in diesem Streit ging, zu lesen.

»Ah, sehr interessant! Dies ist es, was dich immer bewegt, dieser Grettir...« - Den Namen Olaf nahm Feldmann verständlicherweise nicht in den Mund - »...beschäftigt noch immer deine Gedanken.«

»Gib den Brief her!« Gudrun machte eine heftige Bewegung, um wieder in den Besitz des Schreibens zu gelangen.

»Hier hast du ihn!«, schrie Feldmann, maßlos erregt, zerriss den Brief blitzschnell und warf die Papierfetzen auf den Schreibtisch.

Als ob er mit dieser Tat den Höhepunkt seiner Erregung überschritten hätte, richtete er die Brille und griff nach der Krawatte, dann sagte er ruhig: »Ich wollte dir nur sagen, dass es Zeit ist. Die ersten Gäste werden bald kommen. Sieh nach, ob alles vorbereitet ist.« Damit schloss er die Tür hinter sich.

Gudrun sah ihm einen Augenblick mit kaltem Blick nach, dann raffte sie die kläglichen Überreste des Briefes zusammen, barg sie sorgsam in einem Umschlag, versperrte diesen in einer Lade und verließ ihr Zimmer.

Die Gäste, die sich zahlreich eingefunden hatten, merkten nicht das Geringste von der Auseinandersetzung, die zwischen Professor Feldmann und der liebenswürdigen Hausfrau stattgefunden hatte. Das Stubenmädchen reichte die Brötchen, die Frau des Hauses goss Tee nach und hatte für jeden Gast ein Wort der freundlichen Aufforderung, zuzugreifen, brachte die Gespräche in Schwung, und die Stimmung wurde von Minute zu Minute angeregter. »Da habe ich einmal eine Geschichte gelesen«, sagte ein bejahrter Apotheker, »an die muss ich mich erinnern, wenn ich Sie jetzt ansehe, Herr Professor...« - Er meinte damit den Gastgeber -, »...eine sonderbare Geschichte von einer Einladung, die ein Physiker zu einem Nachtmahl ergehen ließ. Die Gäste waren für sieben Uhr bestellt, doch der Hausherr war seit vormittag verschwunden, die Haushälterin hatte ihn in sein Laboratorium gehen sehen und hätte Stein und Bein schwören können, er wäre nicht mehr herausgegangen. Es wird acht, der Hausherr kommt nicht, es wird neun, er erscheint nicht, die Gäste werden besorgt und unruhig, da beschließt einer der Gäste, auf tragen zu lassen; Essen und Trinken bringt dann alle auf andere Gedanken, das Fehlen des Hausherrn wird gar nicht mehr empfunden, da geht um zehn plötzlich die Tür auf und hager, gespenstisch, abgerissen, mit flackernden Augen tritt die Gestalt des Gastgebers ein. Der Physiker kann kein Wort sprechen, wirft sich erschöpft in einen Stuhl, greift nach einem Glas Sekt, leert es auf einen Zug, seufzt wie beim Erwachen aus einem Alptraum und sagt dann: Ich war in der Vergangenheit...«

»Großartig!«, sagte ein Universitätsprofessor, »aber das Fahrzeug, mit dem man Raum und Zeit beherrschen könnte, ist noch nicht erfunden. So etwas wird es überhaupt nicht geben.« Dies war das Stichwort zu einer allgemeinen Debatte über das Problem von Raum und Zeit.

»Gnädige Frau, die Geschichte, die der gute Apotheker zum Besten gegeben hat, übrigens eine typische Gelehrtengeschichte, erinnert mich an den Fall des Doktor Grettir.«

Gudrun erblasste. »Wie kommen Sie darauf?«

»Wollen wir nicht ein wenig in den Garten gehen, Sie sehen, die Gesellschaft ist ohnehin gerade in einer lebhaften Unterhaltung begriffen, sie wird uns nicht vermissen.« Ullmann, der Chefredakteur des Tagblattes, schob seinen Arm unter den Frau Gudruns, als alter Freund des Hauses konnte er sich diese Freiheit erlauben, und lotste sie in den Garten. Dort nahmen sie auf einer Bank Platz.

»Wissen Sie, als ich da die Geschichte von dem alten Apotheker hörte, musste ich unwillkürlich an den früheren Assistenten Ihres Mannes, den Doktor Grettir, denken. Das ist doch jetzt zwanzig Jahre her, dass er spurlos verschwand. Ich erinnere mich deshalb noch so genau, weil ich mir bei seinen Vorträgen die ersten journalistischen Sporen als Berichterstatter verdiente. Seine Art, vorzutragen, war auch die Ursache, dass ich mich als Liebhaber der einen und anderen Naturwissenschaft zuwandte. Sie kennen meine Schwäche für die Physik und Astronomie. Wenn ich auch in den gelehrten Kreisen nicht mitreden kann, habe ich doch in meinem Blatt für die Förderung der Wissenschaft manche Lanze gebrochen.

Ich entsinne mich noch ganz deutlich, wie ich nach einem Vortrag Doktor Grettirs in der Physikalischen Gesellschaft, als er über sein Verfahren zur Darstellung des schweren Wassers sprach, in unserem Blatt einen aufsehenerregenden Artikel darüber schrieb, der dann wieder die Veranlassung war, dass Doktor Grettir mit einem Industriellen in Verbindung kam. der ihm die technische und finanzielle Auswertung seiner Entdeckung ebnete. Sie sehen also, dass ich mit Doktor Grettir - dessen Verschwinden ich sehr bedauere, denn er war eine Leuchte der Wissenschaft und hätte es bestimmt zu großer Berühmtheit gebracht - manche Verbindung hatte. Da sich nun der Zeitpunkt seines rätselhaften Untertauchens zum zwanzigsten Male jährt, möchte ich gern in meinem Blatt einen Gedenkaufsatz veröffentlichen, und da darf ich Sie wohl bitten, mir einige Daten zu geben. Ich weiß, dass Sie, gnädige Frau, Doktor Grettir, der mit Ihnen zusammen arbeitete, gut gekannt haben.«

»Aber gern, Herr Chefredakteur. Ich will Ihnen mit Vergnügen alles sagen, was ich weiß.« Dabei verbarg Gudrun ein Lächeln. »Doktor Grettir verdient es wirklich, dass man aus diesem traurigen Anlass seiner gedenkt.«

»Noch etwas, damit ich nicht vergesse, möchte ich Sie fragen, gnädige Frau. Könnte ich auch ein Bild von Doktor Grettir haben?«

»Ja...« - Gudrun machte eine kleine Pause - »...es dürfte sich wohl eines im Besitze meines Mannes befinden. Soviel ich mich erinnere, wurde er kurz vor seinem Verschwinden von einem Pressefotografen aufgenommen. Mein Mann wird Ihnen das Bild bestimmt für die Reproduktion zur Verfügung stellen.«

»Ausgezeichnet!«, lachte der Zeitungsmann. »Wenn alle Interviews so glatt gingen!« Dann zückte er den Bleistift, öffnete das Notizbuch und begann, nach den Angaben Frau Gudruns, Aufzeichnungen zu machen. Gerade als er fertig war, erschien ein jüngerer Assistent Professor Feldmanns und ging auf die beiden zu.

»Also hier finde ich die Frau des Hauses. Ich komme sozusagen als Abgesandter der jüngeren Hälfte der Gäste.«

»Nur nicht so stürmisch, junger Gelehrter! Beinahe hätten Sie mich in einer wichtigen beruflichen Tätigkeit unterbrochen. Dazu sind Sie aber glücklicherweise schon zu spät gekommen.«

»Der Doktor hat Recht«, fiel Frau Gudrun in das Gespräch ein, »er erinnert mich daran, dass ich Pflichten als Hausfrau habe und mich auch um meine Gäste kümmern muss.«

»So war dies wieder nicht gemeint, Frau Professor. Ich wollte im Namen der jüngeren Gäste nur einen bescheidenen Vorschlag machen, da die alten Rauschebärte hoffnungslos im Gewirr von Raum und Zeit verstrickt sind und das vergessen, was genau in der Mitte zwischen Vergangenheit und Zukunft liegt - die Gegenwart.«

»Prachtvoll physikalisch haben Sie das ausgedrückt«, lachte der Mann der Presse. »Aber jetzt lassen Sie die Formeln beiseite, und drücken Sie sich verständlich aus. Was begehrt die jüngere Hälfte?«

»Die Jugend verlangt ihr Recht, und was recht ist, ist billig, und da ein Tanz billig ist...«

»Au!«, unterbrach der Chefredakteur. »Bei Gelehrtenwitzen muss man abgehärtet sein. Aber wenigstens ist es klar, gnädige Frau. Legen Sie eine Schallplatte auf, und...«

»Darf ich Sie um den ersten Tanz bitten?«, unterbrach jetzt der junge Assistent.

»Gern, gehen wir in den Salon.« Dort wurde von den Tanzlustigen sofort Raum geschaffen, die Möbelstücke an die Wände gerückt, und bald bewegten sich die Paare nach der Musik auf dem vom Stubenmädchen kunstvoll auf Glanz gebrachten Parkettboden. Erst als die ersten Sterne auf blinkten und mit den Lichtern der Stadt in Wettbewerb traten, nahm die Unterhaltung ein fröhliches Ende.

Chefredakteur Ullmann war aus dem Salon geradewegs in die Schriftleitung geeilt und sprach einen schwungvollen Aufsatz ins Diktaphon, der am nächsten Tag unter großen Schlagzeilen im Blatt erschien:

 

»Das Geheimnis des Dr. Grettir.

Spurloses Verschwinden eines Gelehrten vor zwanzig Jahren.

Großer Verlust für die Wissenschaft.«

 

 

 

Ein unerwarteter Besuch

 

 

»Gnädige Frau, ein Mann ist draußen!« Das Stubenmädchen wusste anscheinend nicht, was es in diesem besonderen Fall machen sollte. »Er wollte den Herrn Professor sprechen, ich sagte, er sei nicht zu Hause. Der Mann wollte aber nicht gehen; es sei dringend, hat er gesagt.«

»Ja, was will er denn, ist es ein Student oder ein Vertreter? Fragen Sie ihn, was er von meinem Mann will.« Das Stubenmädchen kam schon nach wenigen Minuten wieder und hielt ein Zeitungsblatt in der Hand.

»Agent ist er bestimmt keiner, er schaut eher wie ein kleiner Gastwirt oder so etwas aus. Er hat aber gesagt, er komme wegen dem da!« Das Stubenmädchen reichte Frau Gudrun ein flüchtig herausgerissenes, schon stark verknülltes Zeitungsblatt, das neben dem von Ullmann verfassten Artikel das Bild Dr. Grettirs zeigte. Dieses Bild war von unbeholfener Hand mit roten Strichen eingerahmt.

Gudrun fühlte eine heiße Welle zu ihrem Herzen strömen. Im ersten Augenblick fand sie keine Worte, sie musste sich setzen und ihre Fassung gewinnen. Mit einer Heftigkeit, die sonst ihrem Wesen vollkommen fremd war, befahl sie: »Führen Sie den Mann sofort herein, rasch, beeilen Sie sich«, als könnte jener Unbekannte sich indessen die Sache anders überlegt haben und wieder fortgegangen sein. Der biedere Mann wartete jedoch draußen geduldig und drehte den Hut in der Hand. Das Stubenmädchen führte ihn herein, er ging unschlüssig hinter ihm her, ließ sich erst lange nötigen, den Hut auf einen Haken zu hängen, und fühlte sich dann noch unbehaglicher, da er nicht recht wusste, was er mit seinen großen, nun leeren Händen anfangen sollte. Seine Verlegenheit wurde noch größer, als er in dem eleganten Empfangszimmer der schönen Frau gegenüberstand. Gudrun konnte nur mühsam ihre Erregung niederkämpfen, sie lud den Besuch mit freundlicher Gebärde ein, näher zu treten, und reichte ihm die Hand.

»Entschuldigen Sie vielmals, Frau Professor, mein Name ist Pöchlinger, Josef Pöchlinger, Transportunternehmer aus dem Rosental, Sie werden es sowieso kennen, nicht, das ist im elften Bezirk, schon ganz draußen, wissen S’, da hab’ ich so einen Gemüsegarten gehabt...«

»Wollen Sie nicht Platz nehmen?«, unterbrach Gudrun den unbeholfenen Redeschwall, mit dem Herr Pöchlinger seine Verlegenheit verbergen wollte. Herr Pöchlinger war eine massige Gestalt, mit riesigen Händen, an die fünfzig Jahre alt, seine kleinen Augen unter der etwas hoch und turmartig gebauten Stirn zeigten eine leichte Asymmetrie, sein glattrasiertes Antlitz verriet einfache und bescheidene Intelligenz, gepaart mit gutmütiger Schlauheit; in seinen Kreisen war er bestimmt ein äußerst tüchtiger Mann.

Mit einem sichtbaren Ruck versank Herr Pöchlinger in der Tiefe eines weichen Ledersessels. Damit hatte er den Faden seiner Rede wieder verloren, doch Gudrun, deren Spannung von Minute zu Minute wuchs, half ihm sofort weiter:

»Also, erzählen Sie, was ist mit diesem Bild, kennen Sie Doktor Grettir, wissen Sie etwas von ihm?«

»Ja... nein...«, stotterte Herr Pöchlinger, »wissen Sie, das war so: Gestern, wie ich im Kaffeehaus war, da hab’ ich das Tagblatt gelesen. Sonst les’ ich es ja nicht, ich les’ sonst die »Kleine Zeitung<, wissen Sie, das genügt für mich vollkommen, aber gestern, am Sonntag, da ist ein Gast, der eigentlich gar nicht in unser Kaffeehaus hineingehört hat, auf meinem Blatt gesessen und hat es stundenlang nicht hergegeben. Es war ein ganz fremder Mann, direkt auswendig hat er die Zeitung gelernt, der Ober, der Franzi, der schon zwanzig Jahr im Geschäft ist, hat so etwas noch nie erlebt, aber Gast ist Gast und Kaffeehaus ist Kaffeehaus, da kann man halt nichts machen, der Mann hat gelesen, und wir haben warten müssen, bei uns liegt eben nur ein Exemplar von jedem Blatt auf, viel ist es nicht, aber für uns Stammgäste, die wir jeden Sonntag kommen, genügt es.«

»Lieber Herr Pöchlinger...« - Gudrun versuchte ihre Ungeduld hinter ausgesuchter Liebenswürdigkeit zu verbergen, sie fürchtete sonst, seine Weitschweifigkeit noch zu fördern -, »...also, was ist Ihnen im Tagblatt aufgefallen, wollen Sie übrigens etwas trinken?«

»Nein, nein«, wehrte Herr Pöchlinger bescheiden ab, »machen Sie sich keine Ungelegenheiten, deswegen bin ich nicht gekommen, ich habe nur gemeint, dass das den Herrn Professor interessieren wird...«

Gudrun, die gerade im Begriff war, den Likörschrank aufzusperren, hielt inne.

»Ja, da muss ich weit zurückdenken, mehr als zwanzig Jahre sind es schon her, damals war ich noch ein fescher Mann, wie man so sagt, in den besten Jahren, und hab’ da draußen im Rosental einen Gartenbaubetrieb gehabt...«

Gudrun öffnete den Likörschrank und entnahm ihm eine Flasche.

»Einen Slibowitz werden Sie wohl nicht verschmähen?«

»Ich sage nicht nein«, meinte Pöchlinger, die Flasche schien zu verlockend. Gudrun goss ihm ein Gläschen ein, Pöchlinger setzte an, sagte etwas verlegen »Gesundheit«, und leerte es auf einen Zug; dann stellte er es mit sichtbarem Behagen und energischer Handbewegung auf den Tisch.

»Also, wo bin ich stehengeblieben? Ja, bei meinem Gartenbaubetrieb im Rosental. Außerdem hab’ ich aber auch noch das Fuhrwerksgeschäft damals schon gehabt. Ich habe am liebsten meinen großen Lastwagen selber gefahren, meine Frau hat - Gott hab’ sie selig - auch im Fuhrwerksgeschäft geholfen, Kinder haben wir damals noch keine gehabt, jetzt sind’s vier, eins ist gestorben, und so war es schwer, den Garten, in dem auch ein kleines Haus steht, zu bewirtschaften. Leute hat man damals keine bekommen, und wenn, dann wären die Löhne zu hoch gewesen, kurz und gut, der Garten hat sich für mich nicht rentiert. Da hab’ ich daran gedacht, ihn samt dem Haus zu vermieten. Ich habe eine Tafel mit der Aufschrift Zu vermieten hinausgehängt und habe gewartet. Lang ist niemand gekommen. Sie müssen nämlich wissen, der Garten liegt sehr abseits, ziemlich versteckt, an einem steilen Abhang, das Haus ist an diesen Abhang angebaut, und da führt direkt ein Kellergang hinein, vielleicht war das einmal ein Weinkeller, denn, so heißt es, wie die Stadt noch nicht soweit war, hat es dort Weingärten gegeben. Weil so lang niemand gekommen ist, war der Garten schon ganz verwildert, ich hab’ mich darum nicht viel kümmern können, und ich hab' schon gedacht, es würde überhaupt niemand mehr kommen. Da - ich kann mich noch genau erinnern, es war ein besonders schöner Tag - ist ein Herr gekommen und hat sich nach dem Haus mit dem Garten erkundigt und hat gesagt, er möchte sich alles gern ansehen, er möchte es vielleicht mieten. Und sehen Sie, Frau Professor...« - Herr Pöchlinger zeigte auf das Zeitungsblatt und das eingerahmte Bild des Dr. Grettir - »...ich täusch’ mich nicht, weil ich ihn noch so vor mir sehe, als wenn es heute wäre, das war der Herr, der damals mein Haus gemietet hat, und eigentlich ist er auch heute immer noch mein Mieter.«

»Was, Doktor Grettir hat das Haus von Ihnen gemietet?« Frau Gudrun sah Herrn Pöchlinger erstaunt an.

»Ja, das ist es eben«, Herr Pöchlinger wurde etwas verlegen, »so heißt er nämlich nicht, er heißt Lehner, als Doktor Lehner hat er das Haus und den Garten gemietet. Wie ich aber das Bild in der Zeitung zufällig gesehen habe, da habe ich gewusst, das kann nur der Doktor Lehner sein, und außerdem, wie ich das von seinem Verschwinden gelesen habe, da ist mir selber manches merkwürdig vorgekommen.«

»Was? So erzählen Sie doch!« Für Frau Gudrun war Herr Pöchlinger plötzlich die interessanteste Persönlichkeit geworden.

»Wenn ich Sie nicht zu lange aufhalte, dann sag’ ich es Ihnen gern; deswegen bin ich ja eigentlich gekommen. Also, dieser Doktor Lehner hat Haus und Garten für einundzwanzig Jahre gemietet und auch vorausbezahlt. Mir ist das wohl komisch vorgekommen, aber ich mische mich in Privatangelegenheiten grundsätzlich nicht ein, besonders wenn die Sache in Ordnung geht; und dieser Doktor Lehner hat das Haus zuerst auf ein Jahr gemietet, dann später ist er plötzlich aufgeregt gekommen und hat für weitere zwanzig Jahre bar vorausbezahlt. Ich weiß es noch ganz genau, die Banknoten waren säuberlich gebündelt. Das war für mich natürlich ein vorteilhaftes Geschäft. Doktor Lehner hat aber ausdrücklich verlangt, nicht gestört zu werden. So etwas kann man in dem Fall wohl versprechen. Ich hab’ mich um die Sache also nicht weiter gekümmert und bin nicht einmal in die Nähe von meinem Haus gekommen, nur von weitem hab’ ich mich überzeugt, dass es noch steht. Wie ich das gestern aber in der Zeitung gelesen hab’, da bin ich stutzig geworden. Das hab’ ich mir nicht gedacht, dass dieser Doktor Lehner vollkommen verschwunden ist. Mir tut der Arme leid, er war ein so sympathischer Mensch, wenn ich auch nicht viel mit ihm zu tun gehabt habe.«

»Haben Sie«, unterbrach Gudrun die langatmige Rede des Herrn Pöchlinger, »nichts Schriftliches von ihm in der Hand? Vielleicht könnte man dann feststellen, ob er sich mit einem angenommenen Namen bei Ihnen eingemietet hat.«

»Aber freilich«, sagte Pöchlinger strahlend, »ich habe noch den Mietvertrag; ich muss ihn sogar bei mir haben.« Er zog seine dicke Brieftasche, in der sich verschiedene, sehr abgegriffene Papiere befanden, entfaltete dann sorgfältig ein schon sehr altersschwaches Blatt und reichte es Frau Gudrun.

Diese warf nur einen Blick auf die Unterschrift, dann rief sie erregt: »Ja, das ist seine Schrift! Sie ist trotz der versuchten Verstellung leicht zu erkennen. Ja, das war Doktor Olaf Grettir! Herr Pöchlinger, was wissen Sie weiter? So erzählen Sie doch! Nehmen Sie, bitte, noch ein Gläschen, diesmal vielleicht einen Kümmel!« Frau Gudrun goss ein, und Herr Pöchlinger, der sich sichtlich wohler zu fühlen begann, berichtete weiter:

»Die Sache, wissen Sie, meine Gnädigste, fängt jetzt erst an, interessant zu werden. Ich bin zwar nur ein einfacher Mensch, aber ich weiß, was ich der Wissenschaft schuldig bin; deshalb bin ich auch gekommen. Also, gestern früh, wie ich das in der Zeitung gelesen habe, da bin ich neugierig geworden. Den Doktor Lehner oder, wie er wirklich heißt...«

»Grettir«, ergänzte Frau Gudrun.

»...spaßiger Name, also, von mir aus, den Doktor Grettir habe ich sofort erkannt. Verschwunden ist er auch, das war in der Zeitung zu lesen, da muss was dahinterstecken, das ist doch klar. Ich hab’ mir da den Mietvertrag unter meinen Papieren herausgesucht und einmal nachgeschaut. Da habe ich gesehen, dass er schon abgelaufen ist; die einundzwanzig Jahre sind seit vierzehn Tagen um. Jetzt, hab’ ich mir weiter gedacht, gehört das Haus wieder mir. Es ist zwar keine Kündigung erfolgt, andererseits aber auch keine Verlängerung des Mietvertrages, so dass mir das Recht zusteht, das Mietobjekt, das doch mein Eigentum ist, zu betreten, wenn sich dieser Doktor Grettir auch jede Störung verbeten hat. Wie aber in der Zeitung zu lesen war, ist er doch verschwunden, deshalb hab’ ich nichts Unrechtes daran gefunden, einmal nachzuschauen. Ich wollte wirklich nichts anderes als nachschauen, es hätte doch auch ein Verbrechen geschehen sein können.«

»Um Gottes willen! Ist etwas geschehen?«, unterbrach ihn Frau Gudrun.

»Sie können ganz ruhig sein. Geschehen ist ziemlich viel, aber nicht das, wie Sie vielleicht glauben. Ich selber hab’ es nicht glauben können und kann es jetzt, wo ich da vor Ihnen sitze, auch nicht mehr recht oder noch immer nicht glauben. Ich bin also in das Haus gegangen, der Schlüssel hat kaum mehr gesperrt, die Gartentür war ganz verrostet, der Garten wie ein Urwald, der Zaun stellenweise verfallen, überall Spuren von den Buben, die drinnen gespielt haben, das Haus hat aber ganz unverändert ausgeschaut und war fest verschlossen. Ich habe aufgesperrt. Im Vorraum war nichts Besonderes zu sehen, nur Staub, schrecklich viel Staub überall. Die Tür zum Hauptraum war verschlossen; als ich aufsperrte, bemerkte ich, dass die Tür von innen verriegelt war. Teufel, habe ich mir da gedacht, dann muss der arme Doktor noch drinnen sein; am Ende ist er gar verunglückt. Ich habe die Tür gleich eingedrückt und bin in dem Zimmer gestanden, das bestimmt sein Arbeitszimmer war. Überall sind Bücher herumgelegen mit lauter unverständlichen Zeichen; viele X- und Y und Zahlen waren drinnen, soweit man das unter dem Staub überhaupt lesen konnte. Wissen Sie, einige sind nämlich noch aufgeschlagen dort gelegen, und zuerst habe ich mich gar nicht getraut, etwas anzurühren. Dann waren ein paar so komische Apparate mit Glasröhren drinnen, aber davon verstehe ich schon gar nichts. Von dem Raum, er ist an der Rückseite des Hauses, hat schon zu meiner Zeit eine Tür in den Keller geführt, der in den steilen Hang hinter dem Haus gegraben ist. Der Doktor Grettir hat sich da eine eiserne Tür machen lassen; jetzt war sie voller Spinnweben und versperrt, ein Zeichen, dass sie weiß Gott wie lang nimmer aufgemacht worden ist. Schlüssel für diese Tür habe ich keinen gehabt, so dass ich nicht mehr weitergekommen bin. Ich habe mir aber gleich gedacht, dass da drinnen etwas los sein muss. Wie ich so herumschaute und nicht recht wusste, was ich machen soll, sah ich eine Mappe auf dem Schreibtisch liegen. Ich habe die Mappe, darinnen waren viele Blätter mit Maschinenschrift geschrieben, in die Hand genommen, einen Sessel vom Staub gereinigt und mich niedergesetzt und dann in diesen Aufzeichnungen zu lesen angefangen.«

 

 

 

Die Vergangenheit erwacht

 

 

»Es muss dies so eine Art Tagebuch gewesen sein«, setzte Herr Pöchlinger fort. »Im Anfang war oft der Name Gudrun drinnen, an das erinnere ich mich ganz deutlich. Wissen Sie, das kann man sich auch leichter merken als die komischen Zeichen, von denen ein vernünftiger Mensch nicht weiß, was sie bedeuten sollen.«

»Was?«, unterbrach Frau Feldmann, »der Name Gudrun kam auch vor? Entsinnen Sie sich nicht, in welchem Zusammenhang?«

»Ja. das ist schwer. Wissen Sie, das, was nachher gekommen ist und was ich Ihnen eigentlich zuerst, ich meine, Ihrem Herrn Gemahl, dem Professor, sagen wollte, das hat mich so aufgeregt, dass ich manches wieder vergessen habe. Ich glaube aber, dass der Name sich auf jemanden bezogen hat, der dem Doktor Grettir sehr nahegestanden ist, so viel habe ich schon herausbekommen, richtig - und dass er ihr einen großen Schmerz antun muss, ist auch dort gestanden und dass er, wenn er wiederkommen wird, dann ein berühmter Mann sein wird, ein ganz berühmter... Aber, gnädige Frau, was ist Ihnen denn? Ist Ihnen vielleicht nicht gut?«

Gudrun war bei diesen Worten ganz blass geworden, ihr Blick hatte sich von der Gegenwart losgelöst, und sie konnte nur unter Aufbietung aller Selbstbeherrschung ein schmerzliches Gefühl überwinden.

»Nein, es ist nichts, eine augenblickliche Erinnerung«, sagte Gudrun und versuchte, ihre Verwirrung zu verbergen. Es gelang ihr nicht ganz, denn Herr Pöchlinger, mit dem Instinkt des einfachen Menschen, begann Zusammenhänge zu ahnen, die ihn zu der Frage veranlassten: »Haben Sie den Doktor Grettir vielleicht gekannt?«

»Ja, ich kannte ihn. Aber, sagen Sie mir eines: Warum haben Sie sich denn nicht vergewissert? Warum haben Sie die Tür zu dem letzten Raum nicht geöffnet? Wir müssen sofort hin...«

»Lassen Sie mich ausreden, Frau Professor«, wehrte Pöchlinger ab, denn Gudrun war aufgestanden, als wollte sie schon aufbrechen. »Bleiben Sie da, das hätte jetzt gleich gar keinen Zweck.«

»Wieso, was wissen Sie weiter? Sie machen mich ja ganz ungeduldig.« Frau Gudrun war wieder nahe daran, ihre Fassung zu verlieren, doch sie besann sich und sagte begütigend: »Sind Sie mir nicht bös, meine Heftigkeit war nicht so gemeint. Fahren Sie nur ruhig fort, ich werde nun zuhören, ohne nervös zu werden.«

»Um Ihre letzte Frage zu beantworten, warum ich die eiserne Tür nicht aufgemacht habe: sehr einfach, weil sie zu fest zu war. Ohne Werkzeug wäre diese Tür nicht zu öffnen gewesen. Dann habe ich mir auch gedacht, wie ich das alles so gesehen habe, dass nicht mehr zu helfen sein wird, wenn der Doktor wirklich drinnen ist, denn es wären ja gewiss schon Jahre vergangen gewesen. Also, ich habe dann weitergelesen in dieser Mappe, und wie ich zum Schluss gekommen bin, da ist mir langsam unheimlich geworden. Da ist nämlich etwas drin gestanden von einem Tor in eine andere Welt, von einem Experiment, das ins Jenseits führt oder so ähnlich. Ich kann nicht so schöne Worte finden, wie sie der Doktor niedergeschrieben hat, aber, wissen Sie, Frau Professor, gespürt hab’ ich es, dass etwas Besonderes passiert ist. Ein Mensch, der nur einen gewöhnlichen Versuch macht oder eine gewöhnliche Forschungsreise antritt, der schreibt nicht so. Ich habe beinahe das Gefühl gehabt, dass das die letzten Worte waren von einem, der mit dem Leben ganz abgeschlossen hat. Es war mir so, als wäre der Doktor vor einer Zauberei gestanden, die gelingen, aber auch schiefgehen kann. Wie ich da die merkwürdigen Apparate gesehen habe, die Bücher, die geheimnisvollen Zeichen, wissen S’, Frau Professor, und dann die eiserne Tür, hinter der weiß Gott was geschehen sein kann, da ist mir unheimlich geworden. Ich bin sonst nicht abergläubisch oder furchtsam, ich geh’ oft allein in der Nacht über die Heide, dort, wo der alte, auf gelassene Friedhof ist, das macht mir gar nichts, aber da, wie ich in dem Zimmer gesessen bin, diese Sachen gelesen habe, da war’s mir auf einmal, als könnte im Nebenzimmer jemand sein. Ich bin aufgesprungen und beim Haus hinausgerannt, als ob jemand hinter mir gewesen wäre; direkt aufgeatmet hab’ ich, wie ich bei der Tür draußen war. Da habe ich mich dann aber wieder geschämt; ein erwachsener Mensch fürchtet sich wie ein kleines Kind im Keller! Dann hab’ ich mich draußen vor dem Haus im verwilderten Garten auf die Bank unter dem Birnbaum gesetzt - ein Wunder, dass sie noch nicht vermorscht war - und hab’ über das alles nachgedacht. Die Sonne ist schon untergegangen, und langsam ist es dämmerig geworden. Gerade wollte ich aufstehen und das Haus wieder zusperren, da... da... sehen Sie, da ist etwas geschehen, was ich Ihnen gleich am Anfang hätte berichten können. Aber so ist wenigstens alles schön der Reihe nach erzählt worden, wie es immer im Leben ist, schön der Reihe nach. Wie ich also aufstehen wollte, hörte ich im Haus ein Geräusch, ganz deutlich ein Geräusch, als wäre eine schwere eiserne Tür bewegt worden. Ich sprang auf und schaute zur Haustür, die ich nur angelehnt hatte. Die Tür ging langsam auf, und ein Mann, ein junger Mann in einem etwas altmodischen Anzug, kam heraus - ich sehe es noch genau -, blieb einen Augenblick stehen, machte einen tiefen Atemzug und schaute rundherum, ging dann mit raschen Schritten fort und verschwand hinter der Gartentür. Er hatte mich im Schatten des abseits vom Wege stehenden Birnbaums nicht bemerkt. Aber ich habe ihn genau sehen können. Ich war wie gelähmt und starr vor Schrecken. Denken Sie, es war dieser Mann, der da in der Zeitung abgebildet ist, ganz genau der gleiche, genau so jung, nicht um ein Jahr gealtert, sag’ ich Ihnen, nicht um ein Jahr, ich habe es genau gesehen, und dann hat er noch einen Rock gehabt mit den breiten Schultern, wie sie vor zwanzig Jahren modern waren. Ich täusche mich bestimmt nicht, glauben Sie mir’s, Frau Professor, und getrunken habe ich an dem Tag auch nichts. Mir waren dann der Garten und das Haus mehr als unheimlich, ich hab’ alles liegen und stehengelassen, wie es war. Ich kann mir das Ganze nicht erklären. Entweder der Doktor hat da drinnen zwanzig Jahre geschlafen, oder er ist von den Toten auf erstanden.«

Herr Pöchlinger machte eine kleine Pause, dann meinte er einfach: »Sehen Sie, das wollte ich dem Herrn Professor sagen, weil sein Name in dem Zeitungsartikel erwähnt war. Ich habe mir gedacht, es wird ihn interessieren.«

»Herr Pöchlinger, wir fahren mit dem Wagen sofort hin!«

 

 

Ein Anruf

 

 

Nach dieser Mission tritt Herr Pöchlinger wieder in den Hintergrund, seine Rolle, die ohne sein Zutun eine ganz bedeutsame war, ist ausgespielt. Wir werden ihm nur noch als unbedeutenden Zuschauer in einer Episode begegnen. Es geht oft so im Leben: Das Schicksal ersieht einen Menschen dazu aus, in den Ablauf wichtiger Ereignisse einzugreifen; es geschieht wie von ungefähr, und dann versinkt dieser Mensch wieder im Meer der Millionen Unbekannten, die nur ihr kleines Leben leben und von denen, wenn Taufregister und Grabinschriften verwischt sind, kein Wort mehr kündet. Wir wollen jedoch dem Namen Pöchlinger im Zusammenhang mit den folgenschweren Entwicklungen eine wenn auch bescheidene Erinnerung bewahren. Damit verabschiedet er sich. Er wird in diesem Bericht, wie schon erwähnt, nur noch gelegentlich Vorkommen.

Wir müssen jetzt in der Zeit um einige Stunden zurückgehen und berichten, dass Professor Feldmann am Sonntagabend in seinem Laboratorium weilte, da er eine abschließende Messung vornehmen musste, die er für eine schon fällig gewordene wissenschaftliche Veröffentlichung brauchte. Er war gerade in einer Zahlenkolonne vertieft, als das Telefon klingelte. Unwillig über die Störung, wollte er zuerst den Hörer überhaupt nicht aufheben, ein Gefühl der Neugierde, wer zu so ungewohnter Stunde das Institut verlangen könnte, ließ ihn dann doch davon abstehen.

»Hier Professor Feldmann...«

»Gott sei Dank! Sie selbst, Herr Professor! Hier Doktor Grettir. Bitte, befreien Sie mich sofort aus meiner peinlichen Lage!«

»Wer spricht dort? Ich habe nicht recht verstanden, oder ist es nur ein Scherz? Doktor Grettir?«

»Ja, hier Doktor Grettir, Ihr ehemaliger Assistent, den Sie zwanzig Jahre nicht gesehen haben. Ich bin soeben zurückgekommen und sitze auf dem Polizeirevier in der Fichtengasse.«

»Donnerwetter, Mensch! Was ist mit Ihnen? Wo kommen Sie her, und was haben Sie ausgefressen?«

»Bitte, kommen Sie gleich, ich halte es hier nicht mehr aus, alles andere will ich Ihnen berichten, bis ich wieder ein Mensch bin. Jetzt bin ich nur ein Falsifikat in den Augen der Behörde...«

»Gleich bin ich bei Ihnen. Bis dahin - auf Wiedersehen!«

Professor Feldmann ließ seine Messungen liegen und stehen, eilte in höchster Erregung zu seinem Wagen und fuhr los. Was sollte er sich denken? Wie war das alles zu erklären? Die Geschichte mit seiner Frau? Sollte sie?... Aber nein, Grettirs Anruf ließ vermuten, dass er noch mit niemand anderem als mit ihm gesprochen hatte. Wo war er jedoch in der Zwischenzeit gewesen? Wieso saß er in Haft? Was meinte er mit dem Falsifikat...? Nun, dies würde sich wohl bald alles aufgeklärt haben.

»Ich möchte Doktor Grettir sprechen, Herr Inspektor!«

»Sie meinen den Mann, der vorgibt, ein gewisser Doktor Grettir zu sein. Stimmt aber nicht, hat falschen Pass, sitzt wegen Zechprellerei, wegen schwerer Zechprellerei, hier und erzählt eine ganz unglaubwürdige Geschichte. Will in einem Flugzeug von Tibet gekommen sein, wo er zwanzig Jahre gefangen gehalten wurde. Er gibt vor, bei einer Notlandung eines schwedischen Flugzeuges, dessen Mannschaft ihn aus Mitleid mitgenommen haben soll, in der Nähe unserer Stadt davongelaufen zu sein. Wenn das nicht nach Sensationsroman schmeckt... aber, überzeugen Sie sich selbst!« Er ließ den Häftling vorführen. Grettir stürzte sogleich auf den Professor zu und streckte ihm beide Hände entgegen: »Endlich kommen Sie, endlich!«

Professor Feldmann sah ihn entgeistert an. Er war unfähig, sich zu rühren oder auch nur ein Wort zu sagen. Der Inspektor lächelte selbstgefällig, denn er glaubte darin die Bestätigung seiner Annahme zu sehen. Endlich überwand Professor Feldmann seine lähmende Überraschung: »Ja, sind Sie es wirklich, Doktor Grettir? Ich erkenne Sie ganz genau, aber ich kann es nicht glauben. Sie sind doch zwanzig Jahre fort gewesen. Sie waren damals... warten Sie...«

»Achtundzwanzig«, sagte Grettir.

»Ja, richtig, achtundzwanzig, und heute sind Sie daher achtundvierzig Jahre alt; die Zeit lässt sich nicht betrügen. Sie sind aber genauso geblieben wie damals, Sie sind ein Zwanziger. Sind Sie vielleicht ein Sohn des Doktor Olaf Grettir? Das wäre dann möglich...!«

»Beenden wir dieses Gespräch hier an diesem unmöglichen Ort, Herr Professor.« Grettir drohte seine Ruhe zu verlieren. »Wenn ich Ihnen sage, Herr Professor, ich bin Olaf Grettir, Ihr ehemaliger Assistent, wenn ich Ihnen sage, dass eine gewisse Gudrun Thorberg sich unserer besonderen Aufmerksamkeit als Schülerin erfreute, wenn...«

»Danke, ich sehe schon, Sie wissen Dinge, die Ihre Identität beweisen!« Feldmann, der gewohnt war, rasch Schlüsse zu ziehen, erkannte, dass Grettir nichts von seiner Verheiratung mit Gudrun wusste. Das stimmte ihn ruhiger, erweckte aber gleichzeitig die Frage, wie sein ehemaliger Assistent sich zu dieser Tatsache verhalten würde.

»Herr Inspektor, ich bürge für diesen Mann! Hier, mein Ausweis! Kann ich ihn gleich mitnehmen?«

»Ja, das können Sie, ich muss jedoch ein Verfahren wegen Übertretung der Einreisevorschriften einleiten, und dann: Wer zahlt die Zechschulden, die der Herr gemacht hat?«

»Wie hoch sind sie?«, fragte der Professor. »Ich übernehme selbstverständlich die Bürgschaft.«

Bei Nennung der Summe machte Professor Feldmann ein überraschtes Gesicht: »Alle Achtung, haben Sie aber fein gespeist!«

»Kein Wunder«, entgegnete Grettir, »wenn man mehr als zwanzig Jahre keine solchen irdischen Genüsse mehr gehabt hat.«

Als der Professor mit seinem ehemaligen Assistenten im Wagen saß, konnte er seine Ungeduld nicht zügeln und fragte ihn nach dessen Erlebnissen. »Das mit Tibet ist wohl ein nettes Märchen. Aber, zum Teufel, wo haben Sie denn wirklich gesteckt?«

Grettir gähnte furchtbar: »Das kann ich Ihnen jetzt nicht sagen. Bitte fahren Sie mich auf schnellstem Wege an jenen Ort, den ich Ihnen gerade angegeben habe, alles andere müssen wir auf morgen verschieben. Ich muss mich erst dieser Zeit wieder anpassen; dazu ist es vor allem nötig, dass ich schlafe. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, was es für mich bedeutet, einmal irdischen Schlaf zu genießen. Zehn Jahre habe ich überhaupt keinen irdischen Schlaf gehabt, und was einige Zeit vorher war, das kann nicht als irdischer Schlaf gewertet werden. Am liebsten möchte ich jetzt gleich einschlummern. Wie ruhig dieser Wagen fährt, und wie bequem er eingerichtet ist; ich sehe doch, zwanzig Jahre spielen auch im Kraftwagenbau eine Rolle, selbst wenn wir bereits den Gipfel der Technik erreicht zu haben glaubten. Bin auch neugierig, wie ich morgen bei Tageslicht die Stadt finden werde, die ich zwanzig Jahre nicht gesehen habe. Ob sie sich viel verändert hat, nicht nur äußerlich, sondern auch gefühlsmäßig? Gott sei Dank, wir sind am Ziel! Eine Bitte hätte ich noch, Herr Professor, aber wundern Sie sich über gar nichts, morgen erfahren Sie alles: Besorgen Sie mir einen neuen Anzug und eine vollständige Damenausstattung, von den Schuhen bis zum Hütchen neuester Mode, Mittelgröße, Schuhe siebenunddreißig. So viel werde ich Ihnen wohl noch gut sein? Ich erwarte Sie also morgen um punkt zehn Uhr hier, dann besprechen wir auch die finanziellen Fragen. Sie holen uns ab, und wir frühstücken gemeinsam. Ich danke Ihnen übrigens, dass Sie mir noch rasch dieses Liebesgabenpäckchen in der Gaststätte Fischer besorgt haben; so sind wir wenigstens für die Nacht gesichert. Sie dürfte übrigens keinen geringen Appetit haben und sich bereits Sorgen um mich machen, da ich so lange nicht gekommen bin. Aber dieser dumme Zwischenfall mit der Polizei, den habe ich nicht vorausgesehen. Vorläufig vielen Dank, Herr Professor, und dann bis morgen! Auf Wiedersehen, gute Nacht!«

Nachdenklich fuhr Professor Feldmann nach Hause und beschloss, vorläufig seiner Frau von der Ankunft Dr. Grettirs nichts zu erzählen.

 

 

 

Frau Gudruns Beobachtungen

 

 

Als Herr Pöchlinger seinen Bericht beendet hatte, läutete Fräulein Gudrun dem Stubenmädchen und befahl ihm, sofort den Wagen Vorfahren zu lassen. Der Fahrer erschien nach wenigen Minuten und erklärte, der Wagen sei nicht hier.

»Wieso?«, fragte Gudrun verwundert. »Um diese Zeit ist doch der Wagen immer für mich verfügbar.«

»Ich bin in der Früh mit dem Herrn Professor wie gewöhnlich fortgefahren, aber nicht ins Institut, sondern zuerst...«

Der Fahrer wollte nicht weitererzählen, doch Frau Gudrun sagte streng: »Ich will genauen Bericht haben!« Der Fahrer warf einen Blick auf den noch immer anwesenden Herrn Pöchlinger. Gudrun verstand, läutete dem Stubenmädchen und ordnete an: »Bestellen Sie sofort ein Taxi! Helfen Sie Herrn Pöchlinger, und führen Sie ihn in die Halle, ich komme gleich nach!« Pöchlinger erhob sich, machte eine linkische Verbeugung und verließ das Zimmer.

»Also, wie war das mit dem Wagen? Sie müssen mir die Wahrheit sagen!«

»Zuerst fuhren wir zu einem Damenkleidersalon, dort blieb der Herr Professor ziemlich lang drinnen und kam schließlich mit einem Paket heraus, das ich im Kofferraum verstauen musste. Dann fuhren wir zu einem Wäschegeschäft und zu einem Schuhgeschäft. Überall machte der Herr Professor Einkäufe, und schließlich fuhren wir noch zu einem Herrenkleidergeschäft; von dort kam der Herr Professor gleich mit einem großen Koffer heraus. Dann, nachdem ich alles untergebracht hatte, setzte sich der Herr Professor selbst ans Steuer und schickte mich nach Hause. Er sagte, er werde den Wagen den ganzen Vormittag brauchen. Er gab mir noch das Geld für den Autobus, und ich bin gleich nach Hause gefahren.«

»Es ist gut, Sie können gehen!« Gudrun stand einen Augenblick nachdenklich und überlegte rasch. Noch nie hatte ihr Mann solche Besorgungen gemacht. Wenn sie ihn auch nicht mit jener Liebe liebte, die sonst Ehegatten verbindet, so war es ihr doch eine Selbstverständlichkeit geworden, dass er sich außer für die Wissenschaft für nichts anderes interessierte, schon gar nicht für Frauen. Sollte jetzt ihn, den Mann mit sechzig Jahren, ein neues Gefühl überkommen haben? Ihr Stolz wehrte sich dagegen. Der Gedanke, verlacht zu werden, war ihr unerträglich. Sie musste der Sache auf die Spur kommen. Da hatte er doch eine ganze Ausrüstung für zwei Personen gekauft. als ob es auf eine weite Reise ginge... Sollte er am Ende vielleicht... Verschiedene Gedanken stürmten auf sie ein.

Vorerst gab es jedoch eine wichtige Frage zu klären.

Gudrun machte sich fertig und stieg mit Herrn Pöchlinger in das Taxi. »Geben Sie das Ziel an, Herr Pöchlinger!« Er tat es.

Der Fahrer nickte und fuhr los. Gudrun blieb die ganze Zeit über schweigend und sah zum Fenster hinaus. Als sie sich jenem geheimnisvollen Hause näherten, in das Doktor Grettir vor einundzwanzig Jahren eingezogen war und aus dem er nach dieser Zeit unerwartet wieder herausgekommen sein sollte - für Gudrun war dies noch immer nicht Gewissheit -, ließ Frau Feldmann plötzlich halten. Sie hatte etwas bemerkt, das ihre Aufmerksamkeit in höchstem Grade erregte - vor dem Eingang zum Garten stand der Wagen ihres Mannes. Gudrun befahl dem Lenker, langsam bis zur nächsten Ecke zu fahren, die etwa fünfzig Schritte von dem Eingang entfernt war, und ließ ihn dort halten. Sie beschloss, aus dem Innern des Taxis heraus zu beobachten, was hier vor sich gehen würde.

In dieser Zeit des Wartens, die sich ziemlich ausdehnte, überkamen sie die widerstreitendsten Gedanken. Was hatte ihr Mann mit dieser Sache zu tun? In welchem Zusammenhang stand dies mit den Einkäufen? Wieso hatte ihr Mann überhaupt Kenntnis von diesem Ort?... Da ging die Tür des Hauses auf, und Professor Feldmann kam in den Garten, gefolgt von einer weiblichen Gestalt, die sogleich die besondere Neugierde Gudruns erweckte. Sie erschien ihr als eine eigentümliche Schönheit, das musste sie sich selbst trotz des Misstrauens eingestehen, das sie gegen sie hegte. Nur schien sie aus einem ganz fremden Land zu sein, das verrieten ihre Bewegungen, ihre Gesichtszüge und ihre Haltung. Als letzter verließ Grettir das Haus, dessen Tür er sorgfältig absperrte. Alle drei bestiegen den Wagen und fuhren davon. Gudrun befahl dem Taxilenker nachzufahren, doch bei einer der nächsten Kreuzungen war der Wagen ihres Mannes spurlos verschwunden. Gudrun ließ ärgerlich kehrtmachen, zu Pöchlingers Besitz zurückfahren und stieg mit ihm bei dem geheimnisvollen Hause aus. Pöchlinger sperrte auf, und dort ließ sich folgendes einwandfrei feststellen: Die eiserne Tür war nach wie vor versperrt, aber die Spinnweben am oberen Türspalt hingen zerrissen herab, die anderen waren weggewischt. Es bestand daher kein Zweifel, dass Dr. Grettir, als ihn Herr Pöchlinger zum erstenmal sah, aus dem Raum hinter der eisernen Tür gekommen war. In dem Vorraum, dem Büro, war leidlich aufgeräumt worden, der ärgste Staub verschwunden. Auf dem Tisch standen Reste eines Mahles, das sichtlich erst vor kürzester Zeit eingenommen worden war. Allen Anzeichen zufolge war diese Mahlzeit von zwei Personen verzehrt worden. Gudrun durchsuchte eifrig die Schriften und Bücher, konnte aber das Gesuchte nicht finden. Es waren nur Werke der Fachliteratur, Zettel mit Formeln und Protokollen verschiedener Versuche, die auf den ersten Blick nicht zu deuten waren. Aber das Tagebuch, von dem Pöchlinger gesprochen hatte, war und blieb verschwunden. Dr. Grettir, der nun wirklich, und zwar unter geheimnisvollen Umständen, gekommen war, hatte es wohl mitgenommen.

 

 

 

Erste Enthüllungen

 

 

»Es ist doch ganz schön, wieder Mensch zu sein«, sagte Dr. Grettir und streckte sich in dem weichen Lederfauteuil, »besonders, wenn man in so netter Umgebung ist. Es war eine gute Idee, in meiner Abwesenheit dieses Hotel zu bauen. Die Landschaft hier ist ganz wunderbar. Dieser herrliche Nadelwald, diese sanft geschwungenen Berge, diese Wiesen und die weißen Wolken, die über das wundersame Blau unseres Himmels dahinsegeln! Schade nur, dass jeder köstliche Tag so teuer erkauft werden muss. Kellner, noch einen Wermut mit Soda!«

»Wie meinen Sie das, Doktor?«, fragte Professor Feldmann erstaunt.

»Wenn es Ihnen recht ist, will ich Ihnen - wie versprochen - Bericht geben. Ihre letzte Frage würde, nicht im Zusammenhang beantwortet. allzu vieles unklar lassen. Nachdem Sie uns so fürsorglich hier untergebracht haben, bin ich Ihnen endlich die Erklärung schuldig, noch dazu, da Sie Ihre begreifliche Neugierde so meisterhaft bezähmt haben. Zuerst, Herr Professor, will ich Ihnen sagen, wo ich die ganze Zeit über war - auf einem Planeten des Sirius.«

»Was?«, stotterte Professor Feldmann. »Machen Sie keinen Scherz, das ist doch unmöglich! Sirius ist fast zehn Lichtjahre entfernt, da müssten Sie doch über Lichtgeschwindigkeit verfügen, um in zwanzig Jahren wieder zurück zu sein.« Feldmann legte seine Zigarre vor Staunen beiseite.

»Stimmt auch, Herr Professor!«, lachte Dr. Grettir. »Nicht nur das, ich habe noch dazu ein Mädchen von dort oben mitgebracht. Sie kennen sie bereits, zum Mittagessen wird sie wieder erscheinen, dann können Sie Fräulein Siria - so wollen wir sie ihrer Herkunft nach nennen - mit ganz anderen Augen anschauen. Bedenken Sie, ein Lebewesen von einem anderen Planeten, noch dazu von einem außerhalb unseres Sonnensystems! Keine Marsbewohnerin, keine Venusgeborene, nein, vom Planeten Borea, wie ich ihn getauft habe, der den für uns leuchtendsten aller Sterne umkreist, den Sirius.«

»Aber Sie haben doch kein Raumschiff, außerdem steckt die Technik der interstellaren Raumfahrt noch in den Kinderschuhen!«

»Das wäre kein Grund«, lächelte Grettir und machte einen tiefen Zug aus seiner Zigarette. »Ach, das ist ein herrlicher Genuss, das Rauchen, ein lang entbehrter; schnell hat man sich dieses Laster wieder angewöhnt. Ja, um aber zur Sache zurückzukommen, meine Reisetechnik beruht auf ganz anderen Voraussetzungen, Herr Professor. Vorerst möchte ich Ihnen nur einige Schlagworte bekanntgeben. Über meine Erfindung und wie ich dazu gekommen bin, werde ich Ihnen gesondert und ausführlich berichten; vielleicht heute Nachmittag, besser noch heute Abend. Am Nachmittag möchte ich meiner Siria ein wenig die Schönheiten der irdischen Landschaft zeigen. Ich kam also gestern samt Begleitung von einer Reise zum Planeten Borea hier wieder an. Ich ließ meine Begleiterin im Geheimlaboratorium und wollte mich zuerst stärken, denn ich hatte zehn Jahre nichts gegessen und war nicht wenig hungrig.«

»Was - zehn Jahre? Wollen Sie mich wieder zum besten halten?« Professor Feldmann stellte das Glas, das er gerade erhoben hatte, wieder zurück, ohne zu trinken.

»Herr Professor, ein für alle Mal, was ich Ihnen erzähle, ist lautere Wahrheit, es klingt nur unwahrscheinlich. Aber bis Sie alles gehört haben, wird Ihnen auch alles verständlich sein. Sie brauchen sich über das zehnjährige Fasten nicht zu wundern. Sie haben doch selbst ganz richtig bemerkt, dass die Reise vom Sirius bei Lichtgeschwindigkeit etwa zehn Jahre dauert. Meine Reisetechnik bringt es mit sich, dass man die Zeit über nüchtern, vollkommen nüchtern bleibt, man erspart dadurch wesentlich an Gepäck.«

Professor Feldmann hob jetzt wieder sein Glas, machte aber doch einen kräftigen Schluck, als wollte er damit seine Zweifel hinunterspülen.

»Bei unserer Ankunft auf der Erde«, fuhr Dr. Grettir fort, »hatte ich nur meinen alten, mehr als zwanzigjährigen Anzug an, und meine Begleiterin - ja, wie soll ich sagen - war, was die Kleidungsfrage anbelangt, für irdische Verhältnisse ganz unmöglich. Ich hatte bei der Abreise gar nicht daran gedacht, sonst hätte ich ihr von einem geschickten Schneider auf dem Planeten Borea ein den irdischen Modeschöpfungen ähnliches Kleid machen lassen. Ich musste daher Siria allein lassen und machte mich auf die Suche nach einem Restaurant; mein Hunger war furchtbar, und dann wollte ich meiner Siria auch etwas Essbares und Trinkbares mitbringen. Ich suchte einen Betrieb auf, der mir von früher bekannt war. Welche Überraschung, er bestand noch, allerdings hatte er den Besitzer gewechselt. Bei meinem begreiflichen Plunger ließ ich mir verschiedene irdische Genüsse auftischen, beim Trinken habe ich auch nicht gespart, ich sage Ihnen, dieser Fasan mit Rotkraut und Speckscheiben war delikat, und dazu der herbe Burgunder! Herr Professor, bei aller Liebe zur Wissenschaft, gestern hatte mich das Irdische übermannt. Beim Zahlen allerdings auch. Ich ließ mir die Rechnung machen, zog dann meine Brieftasche und überreichte dem Kellner zwei größere Noten. Er sah zuerst das Geld, dann mich entgeistert an und meinte, ob ich nicht andere Noten hätte, das wäre wohl ein Scherz. Ich verwahrte mich dagegen, ein Wort gab das andere, auf die erregte Debatte hin kam der Besitzer, der bald die Tünche seiner Höflichkeit verloren hatte und grob fragte, ob ich ein Schwindler sei oder vom Mond gefallen wäre, da diese Noten doch schon seit fünf Jahren außer Kurs gesetzt sind. Ich konnte ihm natürlich nicht sagen, dass ich von viel weiter her gekommen bin als vom Mond. Er hätte es auch wohl kaum geglaubt. Mein etwas unbescheidenes Essen, meine nicht mehr ganz zeitgemäße Kleidung, mein an Hochstapelei nicht gewöhntes Äußeres wirkten zusammen, und bald nahm das Unheil in Gestalt eines Polizeimannes seinen Lauf. Auf dem Polizeirevier erzählte ich eine etwas abenteuerliche Geschichte, um der dummen Fragerei aus dem Wege zu gehen. Sie kennen sie ohnehin schon aus dem Munde des Inspektors. Alles andere ist Ihnen bekannt, und nun sitze ich dank Ihrer liebenswürdigen Hilfe hier. Aber, im Ernst gesprochen, ich kann Ihre finanzielle Hilfe nicht mehr so lange in Anspruch nehmen. Ich werde von meinem Konto bei der Commerzbank abheben.«

»Wie?«, fragte Professor Feldmann. »Bei der Commerzbank hatten Sie ein Konto? Das wird Ihnen wenig Freude bereiten, die Commerzbank ist nämlich schon längst sanft entschlummert. Sie hat sich - wie der Scherz behauptet - mir nichts, dir nichts aufgelöst. Ja, in Ihrer Abwesenheit gab es einen finanziellen Umschwung, viele Institute gingen zugrunde, auch die Ausgabe neuer Banknoten hängt damit zusammen.«

»Teufel, das ist aber peinlich! Damit werden alle meine Pläne über den Haufen geworfen«, sagte Doktor Grettir erschrocken.

»Ruhig Blut und überlegen! Haben Sie sonst keine Anlagen gehabt, außer in der Commerzbank?«

»Ich hatte einiges Bargeld im Laboratorium, das ist jedoch wertlos. Aber halt! Meine Patente und Lizenzen liefen doch weiter. Sie wissen, die von der Herstellung des schweren Wassers!«

»Sehen Sie«, unterbrach Professor Feldmann, »das ist ein Lichtblick! Die Einkünfte Ihrer Lizenzen und Patente müssten weitergelaufen sein. Ich werde Ihnen an die Hand gehen und sehen, dass wir die Sachen rasch flüssigmachen.«

»Dann müssen Sie mir aber noch helfen, meine Papiere in Ordnung zu bringen. Mein Pass, der längst abgelaufen ist, hat mir Unannehmlichkeiten gebracht; die Polizei hielt ihn für eine Fälschung. Übrigens muss ich auch für Siria Dokumente beschaffen, ohne Papiere existiert niemand; was nicht eingetragen und verbucht ist, hat keinen Daseinsbeweis.«

»Ja, ja, Sie könnten sonst noch wegen Landstreicherei im Weltall verhaftet werden, Sie und Ihre Begleiterin. Darum werden wir trachten, diese Formalitäten sofort in Ordnung zu bringen; für heute ist das nicht so dringend, vorläufig wird hier niemand nachfragen, ob Sie Dokumente haben oder nicht.«

»Sehr gut. Aber jetzt, Herr Professor, muss ich mich ein wenig um Siria kümmern. Den großen Rechenschaftsbericht, der Sie besonders als Physiker interessieren wird, will ich Ihnen heute Abend geben, dann müssen Sie mir aber auch Ihrerseits von Ihrem persönlichen Schicksal erzählen.«

Dr. Grettir erhob sich und reichte dem Professor zum Abschied die Hand.

 

 

 

Dr. Grettir erzählt von der Bezwingung der Materie

 

 

Sie saßen auf der Terrasse des Hotels, die Spätsommernacht war dunkel, und der Sternenhimmel stützte sich auf die noch um eine Tönung dunkleren Umrisse der Berge, denen die Wälder sanfte Konturen gegeben hatten. Die Luft war von der Frische pflanzlicher Düfte erfüllt, hin und wieder brachte ein leiser Windhauch eine Welle von Nadelgeruch heran. Tiefe Stille herrschte, die Nacht war mild und angenehm, nur mehr wenige Gäste unterhielten sich leise an ihren Tischen. Hier waren sie: Dr. Grettir, Professor Feldmann und Siria. Die Frau von der fernen Welt war schweigsam, kein Wort kam über ihre Lippen, sie war ganz in die Betrachtung des irdischen Bildes versunken. Eine eigenartige Schönheit mit unergründlichem Blick, wunderbaren weichen schwarzen Haaren, feinen Gesichtszügen, zierlichem Körper und edlen Bewegungen, zog Siria aller Blicke auf sich.

»Ich möchte im Dunkeln erzählen«, begann Dr. Grettir und löschte die Tischlampe. »So werde ich die Gedanken besser beherrschen können. Es ist das erste Mal, dass ich alle Geschehnisse im Zusammenhang überdenke. Ich muss weit zurückgreifen, bis an einen Winterabend, als ich nach einem anstrengenden Tag im physikalischen Laboratorium, wo ich mit kurzwelligen Lichtquanten experimentiert hatte, einen kleinen Umweg machte, um in der klaren und reinen Luft Entspannung zu suchen. Es war wie heute ein wunderbarer Sternenhimmel, auf den Straßen und Dächern lag Schnee, der Orion mit seinen Gürtelsternen spannte sein großes Trapez auf dem dunklen Grund des Firmaments, und wie ein fernes Leuchtzeichen funkelte das kalte, bläuliche Licht des Sirius in geringer Höhe über dem First eines niedrigen, alten Hauses. Die Nacht war mondlos, und von dunklen Winkeln aus, in denen die Straßenbeleuchtung nicht blendete, konnte ich sogar das matte Geflimmer des Orionnebels im Schwertgehänge, unterhalb der Gürtelsterne, erkennen. Prachtvoll rötlich leuchtete die Beteigeuze, der linke obere Schulterstern des Orion, und das rechte Knie bezeichnete der schöne weiße Stern Rigel. Aber ich will keinen Sternbilderkurs beginnen, ich wollte damit nur sagen, dass es eine jener gesegneten Nächte war, da die Sterne einen tiefen Eindruck in empfänglichen Gemütern hinterlassen. Als ich so den Sirius, den unbestrittenen König der Fixsterne, der erhaben und unnahbar funkelte, betrachtete, da war es mir, als gingen von diesem Stern geheime Einflüsse aus, als würde mein Denken durch eine unbekannte Macht in eine bestimmte Richtung gedrängt. Ich wurde mir bewusst, dass die einzige sichtbare Verbindung, die zwischen uns und den Sternen als Wechselbeziehung besteht, nur durch das Licht gebildet wird. Von den Sternen, den Millionen und Milliarden selbstleuchtenden Sonnen, von denen allerdings dem freien Auge nur wenige Tausend sichtbar sind, gehen Strahlen nach allen Seiten aus und treffen auf unser Auge oder gehen durch unsere Fernrohre, wo sie wie in einem Trichter gesammelt werden. Andererseits gehen von der Sonne und zurückgestrahlt von der Erde Botschaften des Lichtes in das All und werden vielleicht auf anderen Sternen von denkenden Wesen empfangen, die sich ähnlichen Betrachtungen hingeben wie wir.

Dann sah ich wieder den Schnee zu meinen Füßen in unzähligen Kristallen glitzern, gleichsam ein Reflex jenes Leuchtens, das sich auf der Himmelswölbung über mir ausbreitete, und da kam mir der Gedanke, dass nach den Anschauungen der modernen Physik, die im Grunde genauso romantisch ist wie eine Mondnacht, das Licht der Sterne und die Kristalle des Schneestaubes dasselbe sind, da Licht und Stoff nur verschiedene Erscheinungsformen der Energie darstellen. Was als Licht aus den Tiefen des Alls zu uns herniedertropft, sind unzählige Photonen, und mit jedem Photon ist eine bestimmte mathematische Größe einer Länge von der Natur verknüpft, und wenn diese Größe für alle Angehörigen eines Photonenschwarmes denselben Wert hat, zeigte der Schwarm als Ganzes viele Eigenschaften, die einer Welle zukommen, für welche die Entfernung zweier aufeinanderfolgender Wellentäler gleich dieser Größe ist. Ich will aber nicht Eulen nach Athen tragen und einem Professor der Physik Vorlesungen über die Quantentheorie halten. Umgekehrt haben jene Elementarbausteine, die wir als Atomkerne, Protonen, Elektronen, Positronen, Neutronen, Mesonen usw. bezeichnen, ebenfalls in vielen Beziehungen Wellencharakter, so dass von einer grundsätzlichen Verschiedenheit zwischen Licht und Materie nicht gesprochen werden kann.

Der Gedanke, dass der Schnee, der unter meinen Füßen knirscht, und das Licht, das von den Sternen kommt, im Wesen das gleiche sind, nahm in meinem Inneren lebhafte Formen an. Er begann weiterzuarbeiten, und ich wunderte mich plötzlich, dass den Physikern, denen diese Tatsachen seit Jahren geläufig waren, nicht schon längst dieselben Möglichkeiten bewusst wurden, die sich nun vor meinen geistigen Augen entfalteten. Es mag dies vielleicht in dem mathematischen Formalismus begründet sein, der jenen Problemen anhaftet, die nur einer rein mathematischen Behandlung zugänglich sind und die jeder Anschaulichkeit entbehren müssen, weil sie über das Fassungsvermögen der menschlichen Sinne gehen. Dadurch kann leicht eine praktische Möglichkeit übersehen werden. Eine solche Möglichkeit war blitzartig in meinen Gedanken aufgetaucht und hatte mich mit all ihren Folgerungen in ihren Bann gezogen. Wenn Licht und Stoffe ihrem Wesen nach nicht grundsätzlich verschieden sind, dann müsste doch die Möglichkeit bestehen, Materie in Licht zu verwandeln und dann dieses Licht, diese Strahlung, in Materie zurückzuverwandeln. Bei den kleinsten Partikeln wurden derartige Erscheinungen schon nachgewiesen. Es können Positronen und Elektronen bei Zusammenstößen ganz in Lichtquanten aufgehen und dann als Strahlung sich ausbreiten, umgekehrt können energiereiche Lichtquanten, harte Gammastrahlen, also Lichtwellen, unter Umständen zu Elementarpartikeln, Bestandteilen der Materie, des Stoffes, werden. Dies wies schon Anderson nach. Auch konnten im Betatron fast masselose Elektronen durch Beschleunigung auf Lichtgeschwindigkeit die Eigenschaft von Massenteilchen erlangen.

Und nun stand gewaltig und riesengroß die Frage vor mir: Wenn es diese gegenseitigen Umwandlungen in ihren grundsätzlichen Erscheinungen schon gibt, wäre es nicht möglich, ganze Körper in Licht zu verwandeln, ausstrahlen zu lassen und dieses Licht dann wieder in die ursprüngliche körperliche Gestalt zurückzubringen? Ungeheure Perspektiven entstanden vor meinen Blicken. Zuerst überwältigte mich der Gedanke, dass auf diesem Wege das Sternen-All bezwungen werden könnte. Alle bisherigen Versuche der Weltraumfahrt müssen kindlich und unbeholfen gegen die Möglichkeit erscheinen, sich in Licht zu verwandeln und dann als Lichtstrahl mit der größten möglichen Geschwindigkeit durch das All zu eilen, um schließlich auf einem anderen Gestirn wieder in die menschliche Gestalt zurückverwandelt zu werden. Ich weiß, welchen Einwand Sie jetzt aussprechen wollen: Wie bringe ich den ersten Empfangsapparat auf jenes Gestirn? Dieser Schwierigkeit wurde ich mir wohl gleichzeitig mit dem Gedanken bewusst. Ich werde im Laufe meines Berichtes aber noch Gelegenheit haben, auf die seltsame Lösung dieser Schwierigkeit zu sprechen zu kommen. Damit wäre also der Raum überwunden und das Weltall auch für menschliche Wünsche keine absolute Schranke mehr. Jene Zeit würde vorüber sein, da wir nur auf die einseitigen Nachrichten angewiesen waren, die uns der Bote des Lichtes preiszugeben gewillt war.

Noch aber war dieser Gedanke ein bloßer Traum, eine Ahnung kommender Möglichkeiten. Er war die letzte Krönung einer ungemein langen, stufenreichen Entwicklungsreihe, deren Einzelheiten auszudenken mein Gehirn in Verwirrung brachte. Stellen Sie sich nur vor, was es bedeutet, einen Körper in Licht zu verwandeln, ihn >auszustrahlen< und dann in seiner vollen Körperlichkeit wieder einzufangen. Verwendete ich dabei solche Strahlen, die die Materie durchdringen, wie Röntgenstrahlen oder noch besser Strahlen, ähnlich den kurzwelligen kosmischen Ultrastrahlen, dann hätte ich die bisher nur als Wunder betrachtete Möglichkeit der Durchdringung fester Körper gelöst. Ich könnte - sagen wir - einen Diamanten in Strahlen verwandeln, diese durchdringen die Mauern meines Laboratoriums, und ohne die Tür zu öffnen, vermöchte ich ihn dorthin zu zaubern, wo ein geeigneter Umwandlungsapparat steht. Sie können sich leicht die verschiedenen Folgerungen ausmalen, die sich aus diesen weitreichenden Möglichkeiten ergeben.

Das also waren die Gedanken, die mich in jener sternenklaren Winternacht mit Macht ergriffen. Sie waren so urplötzlich wie eine dichterische oder musikalische Eingebung gekommen. Mir scheint es, als hätte ich gar nichts dabei zu tun gehabt, als wäre eine äußere Kraft die treibende gewesen. Wie ein Nachtwandler ging ich nach Hause, und mein Gehirn arbeitete fieberhaft, um von dem Ausgangspunkt der Problemstellung einen Schritt nach dem anderen in logischer, folgerichtiger Entwicklung weiterzudenken. Es war beinahe schmerzhaft, dieses Hineintasten in ein Reich, das noch kein menschlicher Gedanke betreten hatte. In meinem Arbeitszimmer schrieb ich vorerst meine Eingebung nieder, denn zunächst war es nichts anderes als eine blitzartige Eingebung, jener zündende Funke, der - allem Anschein nach aus dem Nichts kommend - so nachhaltige Wirkungen auslösen kann.

Dann bemächtigte sich meiner eine furchtbare Müdigkeit, das Gehirn war erschlafft, und ich hatte das Gefühl einer völligen Vergiftung der Nervenzellen. Ich musste Schlaf finden, und so legte ich mich nieder. Sogleich umfing mich tiefer Schlummer, der aber von aufregenden Träumen erfüllt gewesen sein muss. Als ich erwachte, hatte ich die Erinnerung, im Schlaf plötzlich wach geworden zu sein und noch von einem Traum lebhafte Vorstellungen zu besitzen. Diese Vorstellungen waren durch den folgenden Schlaf aber wieder ausgelöscht worden, so dass ich nur mehr die Erinnerung an einen Traum hatte, aber nicht mehr den Inhalt des Traumes wusste. In der nüchternen Helle des klaren Wintermorgens, der einen grauen Frostschleier über die Stadt breitete, sah ich die Dinge wohl ein wenig anders, aber die Ausblicke waren nicht weniger gewaltig. Der nächtliche Überschwang war einer ruhigen und sicheren Gewissheit gewichen, dass es nach Überwindung großer Anfangsschwierigkeiten vielleicht möglich sein werde, den begonnenen Weg bis zum Ende fortzuschreiten. Mit einem Feuereifer, wie er der großen Planung würdig war, machte ich mich noch am selben Morgen an die Arbeit.«

 

 

Die ersten Versuche

 

 

»Da es sich um die Lösung eines Problems handelte, das weder in der Theorie noch in der Praxis bisher überhaupt aufgeworfen worden war, musste ich grundlegende Überlegungen anstellen. Es war mir klar, dass zuerst die Frage der Ausstrahlung, ich meine die Umwandlung der Materie in Strahlung, in Angriff genommen werden musste. Während dieser Arbeiten musste ich jedoch darangehen, den Rückverwandlungsvorgang zu untersuchen, denn nur bei gleichzeitigem Vorhandensein der beiden Apparate - ich will sie der Einfachheit halber von nun an immer als X-Apparat und Y-Apparat bezeichnen - konnte sich die ganze Größe und Tragweite meiner Gedanken verwirklichen lassen. Es war mir bewusst, dass ich das Wesen der Materialverwandlung in Strahlen in seinem Anfangsstadium nur an den winzig kleinen Elementarteilchen untersuchen konnte. Auf diesem Gebiet lagen zum Glück schon Arbeiten vor. Es ist jedoch nicht das gleiche, ob ich ein Elektron oder ein Positron in Strahlung umsetze oder ein ganzes Atom. Elektronen und Positronen zum Beispiel sind nur Bestandteile der Atome und sind noch nicht mit dem Begriff Materie identisch. Die Umwandlung von solchen Teilchen konnte daher nur eine Vorstufe, aber noch keine Lösung bedeuten. Erst wenn es mir gelang, ein richtiges Atom, sagen wir von Helium, als Ganzes in Strahlung umzuwandeln, dann war der erste Schritt getan, die Trägheit der Materie zu überwinden. In gleicher Weise musste die Rückwandlung gelöst werden, um jene Strahlen, die aus dem einen Heliumatom gewonnen wurden, im Y-Apparat wieder in ein gleiches Heliumatom zurückzuverwandeln. Dann erst konnte ich vielleicht daran denken, einen Schritt weiter zu gehen. Ich überlegte: Zuerst werde ich wohl mit formlosen Gasen beginnen müssen, denn es war am ehesten denkbar, dass ich, von wenigen Atomen zu einem Volumen übergehend, eine bestimmte Menge Gas in Strahlen verwandle, im X-Apparat umsetze und dann im Y~ Apparat wieder in die gleiche Menge Gas zurückbringe. Schwieriger wird das Problem schon werden, wenn ich Flüssigkeiten oder gar feste Körper verwandeln soll, ganz zu schweigen, wenn es Kristalle, hochkompliziert zusammengesetzte Moleküle, wie beispielsweise Eiweiß, und schließlich Pflanzen oder gar Tiere und am Ende gar Menschen sein sollten. So berauschend diese letzte Möglichkeit war, so entmutigend war der Gedanke an die Schwierigkeiten, die sich aufzutürmen schienen. Aber ich war so besessen von diesen Gedanken, dass ich nur den einen Wunsch hatte, so rasch wie möglich mit den praktischen Arbeiten zu beginnen. Vorerst musste jedoch die Fachliteratur sorgfältig durchgesehen, alle einschlägigen Arbeiten, in vielen Zeitschriften verstreut, mussten zu Rate gezogen werden, dann erst konnte ich die ersten Versuche wagen. Eine Frage galt es von allem Anfang an zu entscheiden: Lasse ich die Wellen der im X-Apparat gewonnenen Strahlung gerichtet austreten oder als Kugelwellen, die sich nach allen Seiten ausbreiten? In dem einen Fall bleibt die Energie ziemlich gewahrt, im anderen wird sie nach dem Gesetz vom Quadrat der Entfernung abnehmen. Blitzartig kam mir damals der Einfall, dass der Ausbreitung durch Kugelwellen große Vorteile innewohnen könnten, besonders bei interstellaren Reisen, also von Stern zu Stern.

Sie werden sofort einsehen, welchen Vorteil die Kugelwelle bietet, wenn Sie sich vorstellen, mit welchen Schwierigkeiten es verbunden wäre, einen gerichteten Strahl von der Erde nach einem winzigen Punkt - und ein solcher wäre ein Y-Apparat, sagen wir, auf einem Siriusplaneten - zu zielen. Mit Kugelwellen muss ich diesen Punkt aber erreichen, denn ich erreiche doch jeden Punkt damit. Sofort tauchte aber eine andere Schwierigkeit auf: Die winzige Energie, die in großen Entfernungen ankommt, reicht selbstverständlich nur für eine entsprechend winzige Masse im Y-Apparat aus. Nehmen wir an, ich verstrahle im X-Apparat eine Tonne, dann kommt aus dem Y-Apparat nur ein winziger Bruchteil eines Milligramms heraus, wenn auch die Zusammensetzung des Stoffes die gleiche bleiben dürfte. Um diese Schwierigkeit - Sie sehen, wie bei bloß flüchtiger Behandlung aller Fragen sich die Hindernisse auftürmen - zu überwinden, musste ich zu einer Art Verstärkung im Y-Apparat greifen. Auf Einzelheiten muss ich verzichten. Ich möchte nur eines zum Vergleich heranziehen, und zwar einen Rundfunkempfänger. Überhaupt hat meine ganze Erfindung und Entdeckung viel Ähnlichkeit mit dem Rundfunk und Fernsehen. Beim Rundfunk werden Töne in elektromagnetische Schwingungen umgewandelt, in der Antenne ausgestrahlt, die kleinen im Empfänger an kommenden Energien werden durch Elektronenröhren verstärkt, und aus dem Lautsprecher kommen dann die wieder zurückverwandelten Töne in ursprünglicher Zusammensetzung und lautstark heraus. Bei mir werden nicht Töne, sondern Körper in Strahlung umgesetzt und erst im Empfangs oder Y-Apparat wieder in ihre ursprüngliche Form zurückgebracht. Die Verstärkung oder, besser gesagt, das den Röhren im Rundfunkempfänger Entsprechende, musste erst gefunden werden. Und ich habe es nach langwierigen Versuchen gefunden. Diese Verstärkung arbeitet nach einem ähnlichen Prinzip, denn es ist schließlich gleich, ob ich mit schwachen Strömen einen Elektronenstrom steuere oder durch eine andere Art Relais Elementarteilchen heranhole, die ich in einer Masse bereithalte. So weit war ich mit meinen theoretischen Erwägungen gekommen.

Ich konnte in meiner bescheidenen Mietwohnung jedoch keinesfalls umfangreiche Experimente anstellen, erstens wäre ich sicher mit der Vermieterin in Konflikt geraten, anderseits wäre die Gefahr einer Entdeckung zu groß gewesen. Wenn ich auch keine Befürchtungen bei Laien gehabt hätte, so wäre es vielleicht doch möglich gewesen, dass ein Fachkollege, in meiner Abwesenheit in meine Wohnung geführt, das eine oder andere wahrgenommen hätte. Ich war mir aber bewusst, dass ich sogar neugierigen Fragen ausweichen musste. So ging ich denn auf die Suche nach einem geeigneten Laboratorium. Zufällig fand ich bei einem Spaziergang am Rande der Stadt, dort, wo es schon ganz nach Dorf riecht, zwischen den zusammengezimmerten Bretterhäusern der Handelsgärtner, einen Steinbau, der mit seinem Garten zu vermieten war. Das schien mir für meine Zwecke sehr geeignet; ich besah mir das Objekt. Schön war die Umgebung zwar nicht, Gasbehälter, Schornsteine, die Mauer des nahen Schlachthauses bildeten keine idyllische Umrahmung, aber das Haus hatte dafür einen in einen Abhang hineingebauten Keller, der für die Aufstellung meiner Apparate wie geschaffen war. Dort konnte ich gewiss ungestört arbeiten. Meinem Vermieter bedeutete ich, dass ich Ruhe haben wollte, was dieser auch begriff. Er meinte, ich werde so lange Ruhe haben, solange ich die Miete pünktlich bezahle. Der Vermieter - des Namens kann ich mich heute nicht mehr entsinnen - gab sich mit der Erklärung zufrieden, dass ich ein chemisches Laboratorium einrichte, in dem ich an einem neuen Kunstdüngemittel arbeiten wolle.

Zum Glück litt ich nicht an Geldmangel; ich ließ mir mein neues Laboratorium mit allen notwendigen Behelfen einrichten und nahm mir vor, in den Hochschulferien mit den praktischen Arbeiten zu beginnen.

Endlich war es soweit, dass beide Apparate in ihrer provisorischen Anordnung standen; die Ausstrahlung gasförmiger Stoffe war schon sehr häufig gelungen, im X-Apparat wurde die Gasmasse sichtbar dünner, beim grünen Chlor war dies deutlich zu sehen. Es war ein aufregender Anblick, wie sich das Gas in seinem vollkommen geschlossenen Behälter in nichts auflöste; von den ungemein kurzwelligen Strahlen konnte mit unseren Sinnen direkt natürlich nichts wahrgenommen werden.

An einem warmen Juliabend, gerade zogen sich schwere Wolken im Westen zusammen, wollte ich den entscheidenden Versuch wagen, beide Apparate, den X- und den Y-Apparat, Zusammenwirken zu lassen. Ich hatte durch Elektrolyse Wasserstoff erzeugt und dieses Gas, das im periodischen System der Elemente als einfachstes an erster Stelle steht, sollte von allen Elementen den Vorzug haben, als erstes seine Stofflichkeit in Strahlung und diese wieder in Gasform zu verwandeln. Draußen braute sich das Gewitter immer weiter zusammen; als ich den X-Apparat mit Wasserstoff lud, grollte der erste Donner in der Ferne. Dann richtete ich den Y-Apparat; die Aufnahmezelle, in der das rückverwandelte Element entstehen sollte, wurde vorbereitet und dann, dann schaltete ich mit zitternden Händen die beiden Apparate ein. In geheimnisvollem Licht erstrahlten die Röhren, die Funken knisterten kaum hörbar, vom Verschwinden des Wasserstoffes war wohl nichts sichtbar, da dies Gas vollkommen farblos ist, doch da draußen zuckte gerade ein Blitz nieder, ein Donnerschlag folgte, ein kurzer, peitschender Knall füllte das Laboratorium und - die Aufnahmezelle des Y-Apparates lag in Trümmern. Zuerst dachte ich an den Blitz, doch dieser konnte sich nicht mit so bescheidenen Wirkungen begnügt haben. Ich untersuchte den Y-Apparat und stieß plötzlich einen Schrei grenzenloser Freude aus: Der Versuch ist gelungen, der Wasserstoff, der sich in der Aufnahmezelle rückgebildet hatte, war mit dem vorhandenen Sauerstoff zu Knallgas vermengt worden und in dem Augenblick, da die Mischung durch einen vom Blitz induzierten Funken entzündet wurde, explodiert. Ich stürmte, von einem überwältigenden Gefühl getrieben, hinaus in den Abend und fand draußen im Toben der Elemente Beruhigung meines aufgewühlten Inneren.«

Bei diesen Worten hatte sich Grettir vom Sitz erhoben, als erlebte er jenen Augenblick noch einmal, und blickte hinauf zu den Sternen, die in ungetrübter Pracht ihre Bahn zogen.

 

 

 

Details

Seiten
277
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738925982
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Januar)
Schlagworte
jenseits raum zeit

Autor

Zurück

Titel: Jenseits von Raum und Zeit