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Die Liebe kam später

2019 124 Seiten

Leseprobe

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Die Liebe kam später

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Die Liebe kam später

Heimatroman von G. S. FRIEBEL

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 124 Taschenbuchseiten.

 

Als ihre Mutter stirbt, ist Katja Schachinger allein und völlig mittellos. Zwar gibt es noch den Vater und ihren Bruder Franzi, die nach der Scheidung der Eltern in Österreich auf dem Hof zurückblieben, doch zu ihnen hatte es seit vielen Jahren keinen Kontakt gegeben und sie hatten auch nicht auf Katjas Brief zum Tod der Mutter geantwortet. Kein Wunder, dass sich das einsame Mädchen in Gerhard, den Neffen ihres Chefs, verliebt. Zutiefst verletzt verlässt Katja jedoch Hals über Kopf die Stadt, nachdem sie erfährt, dass Gerhard verlobt sein soll. Da erhält sie endlich eine Nachricht ihres Vaters, dass sie auf dem Schachinger-Hof willkommen ist – doch das Glück ist nicht von Dauer ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Wernerimages/123RF mit Steve Mayer, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

1

Es war ein grauer und trüber Tag.

Katja Schachinger kam vom Friedhof. In Begleitung von ihrer Freundin. Sie hatten gerade Katjas Mutter zu Grabe getragen. Außer ein paar Nachbarn war niemand gekommen. Katja hatte den Vater und den Bruder vom Tode der Mutter unterrichtet. Sie lebten in Österreich, am Fuß des Toten Gebirges, aber gekommen waren sie nicht.

Entweder war die Nachricht nicht rechtzeitig eingetroffen, oder es war ihnen völlig gleichgültig. Ein wenig weh tat es schon, dass nicht mal eine Karte eingetroffen war.

Vor Jahren hatten sich die Eltern scheiden lassen. Franzi, der Bruder, war dem Vater zugesprochen worden. Sie selbst hatte all die Jahre mit der Mutter gelebt. Sie war seinerzeit zu klein gewesen, um richtig zu begreifen, dass es in den Bergen als Ungeheuerlichkeit angesehen wurde, sich scheiden zu lassen.

Die Einwohner von Pauplitz hätten die Mutter für verrückt erklärt, so einem prachtvollen Hof den Rücken zu kehren. In den Bergen dachte man nur an Geld und Höfe. Dass die Liebe eine wichtige Rolle spielen konnte, war den Leuten unverständlich.

Vor einer Woche war ihre Mutter gestorben. Katja wusste noch nicht, was sie nun tun sollte. Kein Wunder, dass sie verzweifelt war. Außerdem musste sie sich auch an das Alleinsein gewöhnen. Das war auch nicht einfach.

Die Freundin riss sie aus ihren quälenden Gedanken heraus und sagte: »Hör mal, Katja, grübele doch nicht so viel. Es wird schon alles gut werden. Außerdem kannst du doch immer mit mir rechnen. Das weißt du doch?«

Katja drehte sich zu ihr herum.

»Ja«, sagte sie mit schwacher Stimme. »Am besten wird es wohl sein, wenn ich morgen zuerst einmal den Rechtsanwalt aufsuche. Schließlich muss ich wissen, woran ich bin.«

Nun waren sie angelangt. Es würde noch eine Zeit dauern, bis auch ihr Herz wusste, die Mutter ist wirklich tot.

Die Freundin spürte, dass Katja jetzt allein sein wollte und verabschiedete sich.

Nach einer schlaflosen Nacht war Katja wie zerschlagen, als sie am nächsten Morgen aufstand. Den Gang zum Anwalt musste sie trotzdem erledigen. Sie verstand nichts von der Sache, denn die Mutter hatte nie mit ihr darüber gesprochen. Mein Gott, dachte sie verzweifelt, hoffentlich kann der Rechtsanwalt mir sagen, wie es weitergehen soll.

Während sie im Wartezimmer saß, musste sie wieder an den fernen Vater denken. Von der Mutter wusste sie, dass er einen großen Hof in Österreich besaß. Sie selbst konnte sich nur noch ganz schwach an ihr Geburtsland erinnern. Der Bruder war damals acht, sie selbst fünf Jahre alt gewesen, als die Mutter sich scheiden ließ.

Was mochte der unbekannte Bruder jetzt wohl tun? Und wie sah er aus? Ob er wohl manchmal noch an die kleine Schwester in Deutschland dachte?

Plötzlich wurde Katja aus ihren Gedanken gerissen. Die Sekretärin meldete ihr, dass der Anwalt jetzt zu sprechen sei. Katja erhob sich hastig und folgte ihr.

»Fräulein Schachinger, ich möchte Ihnen mein aufrichtiges Beileid aussprechen. Jetzt stehen Sie ganz allein auf der Welt. Ich bin froh, dass Ihr erster Weg Sie zu mir geführt hat.« Er deutete auf einen Stuhl. »Bitte, Fräulein Schachinger, nehmen Sie doch Platz.«

Noch immer fühlte sie sich elend und hilflos.

»Bestimmt möchten Sie jetzt Ihre finanzielle Lage kennenlernen. Sehen Sie, Ihre Mutter hat damals von Ihrem Vater eine hohe Abfindung erhalten. Leider muss ich Ihnen sagen, dass Ihre Mutter nicht auf meinen Rat gehört hat. Sie hat sozusagen das Vermögen ausgegeben.«

Katja wurde weiß. Das hatte sie nicht erwartet,

»Mein Gott«, stammelte sie verstört.

Der Notar zündete sich eine Zigarette an. Das Mädchen tat ihm leid. Er glaubte nicht mehr daran, dass sich der Vater melden würde. In all den Jahren hatte er es ja auch nicht getan. Wahrscheinlich hatte er die Scheidung nie überwinden können.

Was beide nicht wissen konnten, war, dass er sich sehr wohl nach der Tochter erkundigt hatte. Aber die Mutter hatte es stets verheimlicht, aus Angst, die Tochter könne vielleicht zurück zum Vater gehen. Das Recht stand ihr ja zu, und sie konnte jederzeit davon Gebrauch machen.

»Ist mir denn nichts geblieben?«, fragte sie mit zitternder Stimme.

»Für ein paar Monate wird es wohl noch reichen«, gab der Anwalt zurück.

»Ich gehe doch noch zur Schule und verdiene nichts«, rief sie verzweifelt.

»Tja, Ihnen bleibt jetzt wohl nichts anderes übrig, als sich eine Stelle zu suchen. Sie gehen doch zur Handelsschule, also können Sie schon ein wenig. Und wie steht es mit anderen Leistungen? Irgendeine Fertigkeit? Irgendeine Begabung?«

»Ich bin sehr gut in Fremdsprachen«, sagte sie leise.

»Na also, das ist doch schon etwas. So was hat Zukunft. Sie brauchen also gar nicht so schwarz zu sehen. Wenn Sie jetzt noch einen Schnellkursus in Schreibmaschine nehmen, dann könnten Sie sich schon bewerben. Ich bin sicher, Sie werden eine Stellung finden.«

Katja sah ihn dankbar an.

»Ich will ja alles tun, was Sie mir sagen. Heute Morgen sah für mich die Welt noch ganz trübe aus. Aber nun haben Sie mir wieder ein wenig Hoffnung gemacht. Ich bin Ihnen sehr dankbar.«

Katja erhob sich. Sie gab ihm die Hand und bedankte sich noch einmal herzlich. Dann wandte sie sich zum Gehen. Auf der Treppe wurde ihr schwindelig. Sie setzte sich auf eine Stufe und lehnte den Kopf an die Wand. Ein paar Minuten später fand der Rechtsanwalt das junge Mädchen.

»Ist Ihnen nicht gut? Soll ich einen Arzt rufen?«, fragte er besorgt.

Katja stand ruckartig auf.

»Nein, danke, es geht schon wieder.«

»Kommen Sie, ich fahre Sie nach Hause. In diesem Zustand kann ich Sie unmöglich allein auf die Straße lassen.« Er nahm ihren Arm und führte sie die Treppe hinunter.

Während der Fahrt sagte der Anwalt: »Wenn Sie mit dem Kursus fertig sind, melden Sie sich bitte bei mir. Ein Freund von mir besitzt eine Möbelfabrik. Ich will mal sehen, ob ich da nicht irgendetwas für Sie erreichen kann.«

»Sie sind so gut zu mir. Kann ich das je wiedergutmachen?«, sagte Katja leise.

»Aber das verlangt ja keiner von Ihnen.«

Sie waren vor ihrer Wohnung angekommen. Nach einem herzlichen Dankeschön stieg Katja aus. Der Anwalt winkte ihr noch einmal freundschaftlich zu, dann war er auch schon um die nächste Ecke verschwunden.

 

 

2

Als Katja die hohe Miete für die Wohnung nicht mehr bezahlen konnte, musste sie sich ein Zimmer suchen. Zufällig traf sie ihre Freundin und sprach mit ihr darüber.

»Meine Tante vermietet Zimmer. Wenn ich mich nicht irre, ist gerade eines frei geworden. Soll ich mal fragen, ob sie es dir gibt?«

»Mit so viel Glück habe ich gar nicht gerechnet. Wenn du das für mich tun würdest, wäre ich dir sehr dankbar.«

»Keine Ursache. Aber sag mal, hast du schon etwas von deinem Vater gehört?«

Katja schüttelte betrübt den Kopf. »Ach, weißt du, nach so langer Zeit empfindet er bestimmt gar nichts mehr für mich. Er kann sich ja kaum noch an mich erinnern.«

Wenig später verabschiedete sie sich. Zu Hause überprüfte Katja gleich, was sie bei ihrem Umzug mitnehmen konnte. Da waren ein paar schöne bemalte Bauernschränke, sie erinnerten sie immer an den fernen Vater. Sie musste sie aber jetzt verkaufen, auch wenn es ihr sehr schwerfiel. Nur die bunten Fleckerlteppiche konnte sie mitnehmen. Sie würden in jedem Zimmer Platz finden.

Es klingelte an der Tür. Ihre Freundin kam und teilte ihr mit, dass sie das Zimmer haben könne.

»Ich habe mit meinem Bruder Peter gesprochen«, fügte sie noch hinzu, »er will dir beim Umzug helfen.«

In den nächsten Tagen hatte Katja alle Hände voll zu tun, aber dann war es so weit. Kaum eine Woche war vergangen, da wohnte sie bei Frau Müller in der Bergstraße 15.

Zwei Tage später erhielt sie vom Anwalt die Nachricht, dass sie sich bei dem Möbelfabrikanten vorstellen könne. Dieses tat sie denn auch.

Herr Seitz, der Besitzer, war sehr freundlich und wollte es mit ihr versuchen. Man vereinbarte eine Probezeit, und Katja sollte in der Auslandsabteilung arbeiten.

Sie arbeitete schon über vierzehn Tage in der Möbelfabrik von Herrn Seitz, als sie eines Morgens von einem jungen Mann aus Versehen angerempelt wurde. Es war der Neffe von Herrn Seitz. Eine Stunde später kam er in die Auslandsabteilung, sah sie und lud sie zu einer Tasse Kaffee in die Kantine ein. Da sie jedoch noch zwei dringende Briefe schreiben musste, lehnte sie ab. Gerhard Lippert entfernte sich lächelnd.

Am Nachmittag nach Dienstschluss, sah er sie an der Bushaltestelle stehen. Er hielt seinen Wagen an und fragte: »Haben Sie jetzt Zeit für eine Tasse Kaffee?«

Katja wollte nicht unhöflich sein und folgte seiner Einladung. Das sollte der Anfang einer großen Liebe sein. Obschon sie sich anfangs heftig dagegen wehrte, spürte sie doch, dass sie sich bis über beide Ohren in den jungen Mann verliebt hatte.

Gerhard war ein Luftikus, der von festen Bindungen nichts hielt. Und anfangs hatte er es als einen amüsanten Zeitvertreib angesehen. Aber dann spürte er den Zauber der Liebe und konnte sich nicht mehr von ihr lösen.

Im Büro ließen sich die beiden nichts anmerken. Aber immer konnten sie ihre Liebe nicht geheim halten. Gerhard wollte Katja heiraten.

Katja war klug genug, um zu begreifen, dass sich mit dieser Liebe Schwierigkeiten verbanden. Schließlich war sie ja ein armes Mädchen, während Gerhard eines Tages das Erbe von seinem Onkel antreten sollte. Wie recht Katja mit ihren bösen Ahnungen haben sollte, das sollte sich schon sehr bald herausstellen.

Zwei Tage später trafen Gerhard und Katja in einem kleinen Café per Zufall die Sekretärin seines Onkels, die sie mit argwöhnischen Blicken musterte.

»Kümmern wir uns nicht um sie«, sagte Gerhard gleichgültig und führte Katja zu einem Tisch in einer kleinen Nische.

Aber er war doch ein wenig beunruhigt. Diese alte Klatschtante, dachte er wütend, morgen wird der Onkel alles wissen. Trotzdem wurde es noch ein schöner Abend. Die Sterne funkelten schon lange am Himmel, als Gerhard Katja nach Hause brachte. Als sie vor der Tür standen, reichte Katja ihm die Hand und sagte: »Gerhard, ich möchte mich für diesen schönen Abend bedanken.«

»War es wirklich schön?«

»O ja, nach langer Zeit war ich wieder einmal so etwas wie glücklich«, sagte sie mit einem zärtlichen Lächeln.

»Katja, ich liebe dich.«

»Aber dein Onkel«, sagte sie leise, »was wird dein Onkel dazu sagen?«

»Sei still, Liebes. Morgen ist morgen. Heute wollen wir nur an unser Glück denken. Sag, liebst du mich denn eigentlich?«

»Weißt du das denn nicht?«

Gerhard zog sie in seine Arme. »Nur das zählt und sonst gar nichts«, sagte er glücklich.

Nach einem langen Kuss trennten sie sich.

 

 

3

Am nächsten Morgen im Büro sagte er Katja, dass er am Abend mit dem Onkel reden würde. »Mach nicht so ein ängstliches Gesicht. Mein Onkel muss doch froh sein, dass ich so eine liebe Frau bekomme«, sagte er lachend.

»Ja, aber ...«

»Abends im Café gebe ich dann Lagebericht.« Damit war das kurze Gespräch beendet.

Wenig später stieß Gerhard schon mit seinem Onkel zusammen. Er packte die Gelegenheit beim Schopfe und erzählte ihm gleich von Katja. Der Onkel lachte einmal kurz auf.

»Jungchen, lauf doch nicht in dein Unglück. Wenn du der Kleinen etwas versprochen hast, so ist das doch nicht weiter tragisch. Wenn du willst, erledige ich das für dich.«

Gerhard wurde weiß.

»Du kannst sagen, was du willst, ich werde Katja heiraten, Onkel. Ich liebe sie.«

»Bekommt sie ein Kind von dir?«

»Nein, was denkst du?«, rief er empört.

Der Onkel wurde böse.

»Das schlage dir nur schleunigst aus dem Kopf. Mit dir habe ich ganz andere Pläne. Umsonst habe ich dich nicht großgezogen und dich zu meinem Erben gemacht.«

»Ja«, rief der junge Mann verbittert. »Bei dir zählt nichts weiter als das Geld. Liebe ist überflüssig. Ich weiß auch, welches Mädchen du mir ausgesucht hast, aber da kannst du lange warten, bis ich sie heirate.«

»Nur zu. Und du glaubst, ich lasse mir das gefallen? Braunhauers und ich sind uns wegen der Heirat längst einig. Und du wirst noch heute zu der Tochter hinfahren und ihr einen Heiratsantrag machen.«

»Lieber verlasse ich deine Fabrik und suche mir irgendwo anders Arbeit.«

»Die Kleine scheint dich ja total verhext zu haben«, sagte der Onkel. »Komm wieder zu dir, mein Junge.«

Gerhard war so zornig, dass er einfach aus dem Zimmer rannte.

Bitternis stieg in ihm hoch. Immer nur Geld, dachte er, und nochmals Geld. Sollte er mich tatsächlich enterben? Ich lasse es darauf ankommen. Katja kann er mir nicht ausreden. Im, Gegenteil, jetzt liebe ich sie nur noch mehr.

Was sollte er bloß Katja sagen?

 

 

4

Der Onkel war ein gründlicher Geschäftsmann und wollte auch jetzt nichts dem Zufall überlassen. Der Junge war im Augenblick nicht ansprechbar, also musste er eine andere Taktik anwenden. Warum nicht mit dem Mädchen ein Abkommen treffen? Kurz entschlossen stand er auf und bat seine Sekretärin, das Fräulein Schachinger zu rufen.

Katja hatte sofort ein ungutes Gefühl und betrat mit heftigem Herzklopfen das Chefzimmer.

»Sie haben mich rufen lassen?«

Herr Seitz nickte und bot ihr einen Platz an.

»Bestimmt können Sie sich auch denken, warum ich Sie habe kommen lassen«, sagte er dann.

»Nein.«

»Fräulein Schachinger, wir wollen nicht um den heißen Brei herumreden. Gerhard war vorhin bei mir und hat mir alles erzählt. Er will leider keine Vernunft annehmen. Aber Sie sollen wissen, dass ich ihn sofort enterben werde, wenn er Sie heiratet. Gerhard wird Ihnen das bestimmt nicht erzählen. Wie ich Sie einschätze, ist ein Gerhard Lippert ohne Vermögen für Sie bestimmt uninteressant. Seit dem Tode seiner Eltern habe ich meinen Neffen großgezogen. Sie können mir also glauben, dass ich ihn durch und durch kenne. Er war schon oft verliebt und ist sozusagen mit der Tochter meines Freundes verlobt. Gerhard ist zu weichherzig veranlagt. Er mag Ihnen einfach nicht die Wahrheit sagen. So also stehen die Dinge. Sicher sind Sie sich für ein kleines Abenteuer zu schade, denn mehr ist es wirklich nicht, Fräulein Schachinger. Auch wenn Sie glauben, dass Gerhard Ihnen im Augenblick hörig ist.«

Katja glaubte, ihren Ohren nicht trauen zu dürfen. Hatte Gerhard sie wirklich so sehr getäuscht? Sie konnte und wollte es nicht glauben. Ihr Herz weinte, und sie fühlte sich plötzlich elend. Er hatte ihre Liebe mit Füßen getreten, hatte sie getäuscht, belogen und betrogen. Sie war so glücklich gewesen. Nein, nein, Gerhard konnte nicht so schlecht sein! Aber dann dachte sie an das Gerede in der Fabrik. Bis jetzt hatte sie immer gelächelt, wenn die Rede auf seine Verlobung mit Christine Braunhauer kam. Doch nun wusste sie, es war die Wahrheit.

Sie brachte keinen Ton über die Lippen. Sie wollte sprechen, aber ein dicker Kloß saß in ihrer Kehle. Katja drehte sich um und verließ fluchtartig das Zimmer. Mit letzter Kraft erreichte sie ihren Arbeitsplatz. Dort brach sie weinend zusammen. Jetzt fühlte sie sich wieder grenzenlos allein und verlassen. Hinzu kam, dass sie einen Mann liebte, von dem sie glauben musste, dass er es nicht wert war.

Sie wollte ihn nie wiedersehen! Sonst würde ihr Herz vollkommen zerbrechen. Schluchzend verbarg sie den Kopf in ihren Armen und weinte bitterlich.

Es war alles so schön gewesen, auch die Arbeit hatte ihr gefallen. Doch nun war für sie hier kein Bleiben mehr. Bestimmt würde der Onkel froh sein, wenn sie die Kündigung einreichte. Unter diesen Umständen brauchte sie wohl auch nicht die Kündigungsfrist einzuhalten.

Tränen liefen ihr noch über das Gesicht, als sie einen Bogen in die Maschine spannte und zu schreiben begann.

Sie räumte ihren Schreibtisch auf und brachte ihren Brief zum Personalbüro. Keiner hielt sie auf, als sie das Gebäude verließ.

Draußen war heller Sonnenschein, doch Katja fror entsetzlich. Die Kälte kam von innen. Während sie sich durch die Straßen schleppte, musste sie daran denken, dass sie sich heute Abend wieder treffen wollten. Da begannen erneut die Tränen zu fließen.

Als sie die Haustür öffnete, kam ihr Frau Müller entgegen.

»Aber Kindchen, was haben Sie denn?«, fragte sie bestürzt.

»Ich kann es nicht sagen.«

»Soll ich Ihnen eine Tasse Kaffee machen? Kommen Sie, Sie sehen ja ganz blass aus. Bestimmt haben Sie heute auch noch nichts gegessen.« Nach diesen Worten lief Frau Müller eilig in die Küche.

Diese Fürsorge tat Katja gut. Sie war doch nicht so allein und verlassen, wie sie gedacht hatte.

»Ja«, lächelte sie weich. »Ach, Frau Müller, wenn ich Sie nicht hätte, wäre ich ganz verlassen.«

 

 

5

Es war Mittag und die Sonne stand hoch am Himmel. Gustl Schachinger und sein Sohn Franzi waren auf dem Wege nach Hause, das hieß: zu ihrem Hof in Tauplitz. Vor zwei Monaten war Tante Veronika gestorben, Gustl Schachingers Schwester. Sie hatte mit ihrem Mann einen kleinen Hof in der Nähe vom Mondsee, einem kleinen Ort, der so hieß wie der See. Nicht weit vom Fuße des Scharfsberges und des Drachensteins.

Der Ehemann von Tante Veronika war vor gut einem Jahr durch einen tragischen Verkehrsunfall, verursacht durch Touristen, ums Leben gekommen. Von diesem Schicksalsschlag hatte sich die Tante wohl nicht mehr so recht erholt. Sie war ganz überraschend an Herzversagen gestorben. Eigene Kinder hatte sie nicht gehabt, und so hatte sie den Bruder als Erben eingesetzt.

Als die Nachricht vom Tode der Tante eintraf, hatten sich Vater und Sohn gleich auf den Weg gemacht. Die erste Woche verging mit den ganzen Vorbereitungen für die Beerdigung. Als die Tante dann auf dem Gottesacker neben ihrem Mann lag, fand Gustl Schachinger endlich Zeit, sich mit dem Anwalt zu unterhalten.

Der kleine Hof war unverschuldet und lag an einem besonders hübschen Sonnenhang. Das gehörte ihm nun alles. Nun kam der Augenblick, da er bedauerte, dass er nur einen Sohn hatte. Franzi war der Hoferbe und hatte auch keine Lust, diesen Hof zu übernehmen. Was sollte also damit geschehen? In Mondsee, mit seinen 2500 Einwohnern, gab es eine ganze Menge Leute, die sich für diesen Hof interessierten. Gustl Schachinger dachte zuerst an Verkauf. Aber dann wiederum musste er sich Sorgen machen, das Geld gewinnbringend anzulegen. Ein Bauer verkauft nun mal ungern Land. Grund und Boden ist noch immer die sicherste Kapitalanlage. Außerdem war in der heutigen Zeit Grundbesitz viel wertvoller als Geld auf der Bank, wovon er sowieso schon genug besaß.

Der alte Schachinger wusste, dass dieses Problem ihn noch eine Weile in Mondsee festhalten würde. Zunächst hatte er daran gedacht, Franzi allein nach Hause zu schicken. Aber dann sagte er sich, er ist mein Erbe und soll eines Tages meinen Hof übernehmen, da ist dies eine gute Schule, wenn er sieht, wie man mit solchen Problemen fertig wird. So vergingen gut zwei Monate, ehe Vater und Sohn wieder nach Hause fahren konnten.

Der gewitzte Schachinger-Bauer hatte Tante Veronikas Hof nicht verkauft. Clever wie er war und wissend, dass der Mondsee ein begehrtes Ziel für Touristen war, hatte er den Hof zu einer kleinen Pension umbauen lassen und ein junges Ehepaar als Pächter eingesetzt.

Die Wiesen an der günstigen Sonnenhanglage hatte er an die Gemeinde verpachtet. Diese wollte dort einen Skilift aufstellen. So würde die Pension also nie über Gästemangel klagen müssen, denn ein Skilift zog allemal Gäste an.

An dies alles musste er noch einmal denken, als sie sich auf dem Heimweg befanden. Sie nahmen den Weg über Badissohl und quälten sich dann über die Serpentinen bis hinunter nach Tauplitz.

Das schaffte der schwere Wagen mühelos. In einer halben Stunde würden sie endlich wieder daheim sein. Er freute sich schon darauf. Die letzten Wochen waren doch ziemlich anstrengend gewesen. Das Tote Gebirge links liegenlassend, sahen sie bald den Großen Grimming mit seinen stolzen 2351 Metern.

»Wir sind da.«

Gustl Schachinger hielt vorm Sägewerk. Er stieg aus und fragte den Holzvorarbeiter nach Erich Janisch. Er hatte ihn als Verwalter in seinem Sägewerk eingesetzt. Schachinger besaß das größte Anwesen in Tauplitz.

»Grüß Gott, Herr Schachinger«, sagte der Arbeiter. »Der Janisch ist vor einer guten Stunde raufgefahren.«

»Na, da werd ich ihn dann oben antreffen. Was macht die Arbeit, Felix?«

»Alles in Ordnung, wie immer. Nun ist also die Veronika tot?«

»Ja«, erwiderte der alte Schachinger.

»Es ist jammerschade, so alt war sie ja noch nicht. Ich habe sie noch gekannt, als sie ein junges Mädchen war.«

Schachinger nickte seinem Angestellten zu und ging zum Wagen zurück.

Franzi fuhr weiter. Nach einer Viertelstunde Bergfahrt kam der Hof in Sicht, ein äußerst gepflegtes Anwesen. Es war das prächtigste und schönste Haus weit und breit. Drei Stockwerke hoch und mit herrlicher Malerei.

»Es ist doch schön, wieder daheim zu sein«, sagte der Vater und spürte ein warmes Gefühl in der Herzgegend.

Als sie das Haus betraten, kam ihnen Xaver entgegen. Er war schon seit ewiger Zeit auf dem Hof. Gustls Vater hatte ihn einst als kleinen Ziehjungen aufgenommen. Damals war das in den Bergen noch so üblich gewesen. Wenn bei einem Hausierkind die Eltern starben, wurden die Kinder auf die reichsten Höfe der Umgebung verteilt, und so fielen sie dann nicht der Gemeindekasse zur Last. Für die Kinder war es in der Regel kein schönes Los, denn in den meisten Fällen mussten sie hart arbeiten, oft sogar ohne Lohn.

Der alte Schachinger hatte den Jungen gut behandelt, und so war Xaver aus Dankbarkeit bei ihm geblieben. Wo hätte er auch hingehen sollen? Er hatte nichts anderes gelernt, er kannte sich nur mit der Landwirtschaft aus. Um einen Hof zu pachten, hatte er nie das Geld gehabt. Als dann der Tourismus die Bergwelt und ihre Einwohner veränderte, war Xaver schon zu alt, um sich eine neue Stelle zu besorgen. Außerdem wollte er das auch gar nicht mehr. Er hatte sein gutes Auskommen, lebte mit Resi, seiner Frau, die den Haushalt führte, in einem kleinen Häuschen direkt neben dem Hof. Sie fühlten sich wohl dort und wurden von den beiden Schachingers geliebt und geehrt.

So war es also auch nicht verwunderlich, dass Gustl Schachinger ihnen nun alles erzählte. Danach wollte er wissen, wo er seinen Verwalter Janisch finden könnte.

Dieser hatte sich während seiner Abwesenheit um den Hof gekümmert. Im Sommer nach der Heuernte gab es ja nicht mehr so viel zu tun. Das Vieh befand sich noch auf der Alm.

»Der Janisch ist im Büro«, sagte der Alte.

Schachinger durchquerte den breiten Flur und betrat das hintere Zimmer des Hauses.

Janisch saß am Schreibtisch. Er stand sofort auf, als der Großbauer eintrat.

»Ich plage mich grad mit den letzten Abrechnungen ab«, sagte Janisch seufzend.

»Ist irgendetwas Besonderes vorgefallen?«, wollte Gustl Schachinger wissen.

»Nein, dann hätte ich sofort angerufen«, antwortete Janisch.

Gustl Schachinger erblickte einen Stoß Briefe. Diese waren während seiner Abwesenheit gekommen und nicht geöffnet worden. Die Briefe des Finanzamtes legte er mit einem Laut des Unmuts zur Seite.

Dann fiel sein Blick auf den Brief von Katja, seiner Tochter. Sie hatte ihm bis zu diesem Tage noch nie geschrieben.

»Was ist denn das?«, rief er verblüfft.

»Der Brief ist ein oder zwei Tage nach Ihrer Abreise hier eingetroffen. Da es kein Geschäftsbrief war, hielt ich ihn nicht für sehr wichtig«, sagte Janisch.

»Das ist ein Brief von meiner Tochter aus Deutschland. Merkwürdig, dass sie mir plötzlich schreibt. All die Jahre hab ich auf ein Lebenszeichen von ihr gewartet. Vergeblich. Was sie wohl will?«

Natürlich wusste Janisch, dass der Bauer geschieden war. Aber das war vor seiner Zeit gewesen. Er kannte weder Frau noch Tochter. Im Dorf erzählten die Lästermäuler noch oft von dieser Heirat und der baldigen Scheidung.

Gustl öffnete den Brief und las erst jetzt vom Tode seiner Frau.

»Aber das ist ...«, rief er erregt und lief mit dem Brief aus dem Büro.

In dem halbdunklen Flur stieß er mit Resi zusammen.

Noch immer ganz erregt, rief er: »Grüß dich, Resi. Wo ist der Franzi?«

»Der hat grad die Koffer raufgetragen. Ich glaub, der ist noch oben.«

Der Vater stieg die geschnitzte Holztreppe hinauf.

Franzi war erstaunt, seinen Vater so aufgeregt zu sehen. Das war er noch nicht mal während der ganzen Zeit mit den vielen Problemen in Mondsee gewesen.

»Um Gottes willen, Vater, was ist denn geschehen?«, fragte Franzi erschrocken.

Gustl stöhnte und wischte sich mit dem Taschentuch über die feuchte Stirn.

»Dass es ausgerechnet jetzt passieren musste«, murmelte er vor sich hin. »Nie bin ich fort. All die Jahre nicht, aber grad jetzt.«

»So sag doch endlich, was ist geschehen, Vater?«, rief Franzi ungeduldig.

Er blickte seinen Sohn an und zögerte einen Augenblick. Was würde Franzi dazu sagen?

»Ich habe gerade erfahren, dass deine Mutter gestorben ist, Franzi«, sagte er mit belegter Stimme.

Franzi war verblüfft. Und deswegen regte sich der Vater so auf? Die Eltern waren seit zehn Jahren geschieden. Seit dieser Zeit hatte der Vater nicht mehr von seiner Mutter gesprochen.

»Vater«, sagte er mit rauer Stimme. »Ich habe gar nicht gewusst, dass du die Mutter noch immer liebgehabt hast.«

Gustl sah starr vor sich hin. Nein, dachte er traurig, niemand hat mich damals verstehen können. Alle im Dorf haben mich seinerzeit für verrückt gehalten. Ja, ich habe sie die ganze Zeit geliebt und oft an sie gedacht.

»Weißt, Bub, die Trennung damals ist mir furchtbar schwergefallen. Aber was sollte ich denn machen? Deine Mutter wäre hier zugrunde gegangen. Sie hat sich so tapfer gehalten, aber das Heimweh war halt stärker. Damals habe ich gedacht, Liebe überdeckt alles. Merk dir das, mein Bub, man darf nie eine heimische Pflanze in einen fremden Boden tun, sie geht unweigerlich ein. Für uns sind die Berge die Heimat, das Schönste, was wir uns nur denken können. Aber deine Mutter haben sie einfach erdrückt. Sie hat nicht atmen können hier. Deswegen haben wir uns trennen müssen. Und dass wir uns all die Jahre nicht wiedergesehen haben, war nicht, weil ich sie gehasst habe, wie die Dörfler das von mir annehmen, sondern weil ich nicht immer wieder die alte Wunde von Neuem aufreißen wollte.« Er schwieg einen Augenblick, dann fuhr er fort:

»Und nun ist sie tot. Ich habe nicht mal zu ihrer Beerdigung fahren können.«

So traurig hatte Franzi seinen Vater noch nie gesehen.

»Von wem hast du die Nachricht, Vater?«

»Von deiner Schwester Katja. Sie hat mir geschrieben.«

Franzi versuchte, sich die kleine Schwester vorzustellen, aber so recht gelang es ihm nicht.

»Was willst jetzt tun, Vater?«

Gustl erhob sich, ging zum Fenster und sah hinunter ins Dorf, das im Glanz der Sonne lag.

»Was ich tun werde? Selbstverständlich werde ich ihr sofort schreiben und ihr meine Hilfe anbieten«, erwiderte er. »Mein Gott, der Brief ist schon zwei Monate alt. Was wird sie von uns denken, dass wir uns nicht sofort gemeldet haben?«

»Du schreibst ihr einfach, wie alles gewesen ist«, sagte Franzi, »dafür wird sie Verständnis haben.« .

»Natürlich werde ich das tun, Franzi. Ich werde Katja schreiben, dass sie zu uns kommen soll. Bist du damit einverstanden, mein Junge?«

»Aber Vater, wie kannst du nur so etwas überhaupt fragen? Katja ist doch meine Schwester. Ich freue mich, wenn wir endlich wieder zusammen leben können.«

»Ich auch«, sagte der Vater mit bewegter Stimme, »wir waren viel zu lange getrennt.«

Nach dem Abendbrot saßen die beiden noch lange auf der Hausbank zusammen und sprachen über Katja.

Würde sie sich hier überhaupt wohlfühlen? Oder würde sie auch vor Heimweh umkommen wie ihre Mutter?

»Wir beide machen Pläne und freuen uns darauf, dass sie zu uns kommt, aber woher wissen wir, dass sie es auch möchte? Vielleicht hat sie in Deutschland Wurzeln geschlagen und will nicht fort?«

»Aber ihr Brief klingt so verzweifelt«, sagte Franzi. »Nun, warten wir es halt ab, Vater. Im Augenblick können wir sowieso nichts anderes tun.«

 

 

6

Schon am frühen Morgen brannte die Sonne heiß und erbarmungslos auf die Erde hernieder. Den Dörflern machte das nichts aus. Aber manch ein Urlauber machte doch schlapp bei diesem Wetter.

Als Gustl Schachinger am Morgen in den Laubengang trat, sah er Franzi, der gerade den Trecker bestieg. Neben ihm stand Erich Janisch und stopfte bedächtig seine Pfeife.

Der Bauer sagte: »Ich werd mit hinauskommen und sehen, wie weit das Gras steht. Bald ist der zweite Schnitt fällig.«

Xaver, der auch mitkommen wollte, wurde wieder zurückgeschickt. Jetzt war das Wetter noch gut, aber es konnte sich schnell genug ändern. Ein paar heiße Sommergewitter und alle Arbeit war umsonst gewesen.

Janisch hätte eigentlich gar nicht mitzukommen brauchen, war er doch in der Hauptsache für das Sägewerk zuständig Aber Schachinger wusste, dass er von Ehrgeiz zerfressen wurde. Er wollte nun dem Bauern beweisen, dass während seiner Abwesenheit alles zu seiner Zufriedenheit ausgeführt worden war. Daheim besaßen die Eltern einen kleinen Hof, aber den würde mal der Bruder bekommen. Janisch hatte es zuerst in der Touristenbranche versucht, hatte dort aber einen Reinfall erlebt. Als Schachinger einen Verwalter für die Sägerei suchte, hatte er sich dafür beworben. Doch Erich Janischs Traum war und blieb, einen eigenen Hof zu besitzen. Aber dazu benötigte man eine Menge Geld.

Janisch sagte sich, wenn ich mich jetzt für den Schachinger unentbehrlich mache, wird er mir vielleicht eines Tages die Sägerei verpachten. Dann verdiene ich viel mehr als nur meinen Lohn. So kann ich mir nach und nach alles zusammensparen. Er dachte sich außerdem, wenn die Dörfler erst einmal sehen, wie fleißig und sparsam ich bin, werde ich bestimmt irgendwo einheiraten können, wo der Hoferbe fehlt.

Natürlich wusste er um sein gutes Aussehen, und auch das sollte ihm beim Fortkommen helfen. Groß gewachsen und von kräftiger Statur mit einem anziehenden Gesicht, o ja, er wusste sehr wohl, dass die Mädchen ihm nachblickten und dass er bei ihnen leichtes Spiel hatte.

Aber in den Bergen hatten noch die Eltern das Sagen, sie entschieden, wer wen zur Frau oder zum Mann nahm.

Franzi fuhr den Trecker so weit hinauf, wie es irgend ging, das letzte Stuck legten sie dann zu Fuß zurück.

Die oberen Wiesen lagen im flimmernden Sonnenlicht. Das Gras war reif für den zweiten Schnitt. Ringsherum waren die anderen Bauern schon fleißig bei der Arbeit.

Janisch versprach zu helfen, da sie sich ein wenig im Rückstand befanden. Natürlich wurde das eine arge Plackerei sein, doch er musste sich ja von seiner besten Seite zeigen. Schachinger sagte: »Lässt sich das denn mit deiner Arbeit in der Sägerei vereinbaren?«

Lächelnd antwortete er: »Ich habe meine Leute dazu angehalten, dass sie auch ohne meine Anwesenheit wissen, was sie tun müssen.«

Franzi dachte, jetzt spricht er schon von »seinen Leuten«. Er sah Erich Janisch von der Seite an. Franzi spürte, wie der Mann sich beim Vater einzuschmeicheln versuchte. Er mochte ihn nicht. Dieses beruhte allerdings auf Gegenseitigkeit.

Wenig später fuhren sie zum Hof zurück.

Am Mittagstisch erzählten sie Xaver und Resi, dass Katja womöglich kommen wurde. Die beiden alten Leute freuten sich von Herzen darüber. Resi kannte Katja schon als Wickelkind, und so manches Mal hatte sie auf Xavers Schultern gesessen und mit ihm herumgetobt.

»Vater, was meinst, wird sie kommen?«, fragte Franzi.

»Ich hab gesagt, wir müssen abwarten«, meinte der Vater mit einem Seufzer.

»Elf Jahre sind eine lange Zeit«, fügte Xaver hinzu, »eine lange Zeit.«

 

 

7

Katja war mit den Nerven völlig am Ende. Wenn sie nicht zugrunde gehen wollte, musste sie versuchen, Gerhard zu vergessen. Katja wusste, für sie war das Leben sinnlos geworden, seit es ihn nicht mehr gab. Sie durfte ihn nicht wiedersehen, denn sonst würde die Wunde immer wieder aufbrechen. Am besten war es, wenn sie diese Stadt verließ. Sie musste sich irgendwo ein neues Leben aufbauen.

Die Freundin ließ Katja nur ungern ziehen, aber sie sah ein, dass dies der einzige Weg für Katja war.

So kam es, dass sie zwei Tage nach ihrer Kündigung nach Köln fuhr. Durch ein Zeitungsinserat hatte sie dort eine neue Stelle gefunden.

Gerhard, der Katja suchte und feststellen musste, dass sie fortgezogen war, konnte sich einfach nicht vorstellen, dass sie dies aus freien Stücken getan hatte.

So stellte er kurzerhand seinen Onkel zur Rede. Dieser gab schließlich zu, dass er mit ihr eine kleine Unterredung gehabt hatte.

»Ich habe ihr gesagt, dass du so gut wie verlobt bist«, sagte er, »und von Enterbung habe ich auch gesprochen.«

Gerhard war schneeweiß geworden.

»Das ist doch gar nicht wahr! Du weißt doch ganz genau, dass ich Fräulein Braunhauer nicht heiraten werde. Mein Gott, jetzt verstehe ich alles. Katja muss mich ja für einen ausgemachten Schuft halten. Ich werde sie finden, das schwöre ich dir und dann werde ich ihr alles erklären.«

Der Onkel maß ihn mit kaltem Blick.

»Wenn du das tust, sind wir geschiedene Leute, darauf kannst du Gift nehmen.«

Gerhard blieb vor seinem Onkel stehen, seine Augen funkelten, und sein Gesicht zeigte Entschlossenheit.

»Ja, du, du denkst nur immer an deine Firma und daran, wie du noch mehr Geld verdienen kannst. Ich mache nicht mehr mit, ich habe endgültig genug davon. Mein Lebensglück ist mir wichtiger. Ich bin fertig mit dir, fix und fertig. Du bist diesmal zu weit gegangen, Onkel.«

»Du willst dich wirklich von mir trennen?«, stieß Herr Seitz entgeistert hervor.

»Ja!«

Gerhard machte auf dem Absatz kehrt und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum.

Am nächsten Tag bewarb sich Gerhard Lippert bei einer Münchener Firma. Als er die Antwort erhielt, stellte er fest, dass es die Fabrik eines früheren Freundes war.

Aber so sehr er sich auch bemühte, Katja zu finden, sie war wie vom Erdboden verschwunden. Seine Seele war so zerrissen, dass er im Augenblick nur den Wunsch verspürte, alles hinter sich zu lassen, was ihn an Katja erinnerte. Aber er wusste, er konnte sie nicht vergessen, er musste sie wiederfinden, denn er liebte sie von ganzem Herzen.

 

 

8

Katja war seit zwei Tagen in Köln, als sie abends nach Dienstschluss einen Brief im Briefkasten vorfand. Endlich hatte sich der Vater gemeldet. Im Brief stand auch, warum er nicht früher hatte schreiben können. Außerdem konnte sie lesen, dass er und ihr Bruder sich herzlich freuen würden, wenn sie zu ihnen zurückkäme. Einen Scheck für das Fahrgeld hatte der Vater gleich beigelegt.

Katja ließ das Blatt sinken und starrte vor sich hin. An diese Möglichkeit hatte sie noch nie gedacht.

Tauplitz!

Endlich wieder ein Zuhause haben! Nicht mehr so einsam und allein leben müssen! Von Menschen umgeben sein, die sie noch liebten. Sollte sie es wirklich tun?

Sie fühlte sich so hilflos und unsicher. Was sollte sie nur machen? Die Freundin musste ihr mal wieder raten. Also rief sie diese sogleich an.

»Und da überlegst du noch lange? Natürlich fährst du sofort zu deinem Vater.«

»Ja«, sagte Katja leise, »Aber es ist doch so lange her, dass ich von dort fortging. Ich habe Angst, mein Vater und mein Bruder sind mir fremd geworden.«

»Aber es sind dein Vater und dein Bruder. Gerhard hat dich im Stich gelassen. Das weißt du doch. Und außerdem kannst du doch jederzeit wieder zurückkommen, wenn es dir dort nicht so gefällt, wie du es dir vorstellst. Tja, und was ich dir noch sagen wollte, Gerhard ist auch aus der Stadt verschwunden. Ich habe es von einer Bekannten gehört.«

»Was sagst du da?«, keuchte Katja.

»Nun sag bloß nicht, dass du ihm immer noch nachtrauerst. Er hat sich doch wirklich schuftig benommen. Du wirst sehen, wenn du erst bei deinem Vater bist, wirst du alles viel schneller vergessen.«

Da Katja nur auf Probe angestellt worden war, konnte sie gleich kündigen. Sie tat es zwar mit gemischten Gefühlen. Aber dann sagte sie sich, vielleicht finde ich dort doch noch mein Glück. Mein Gott, nach all den Jahren meldet sich der Vater und will mich noch immer! Mit Zärtlichkeit im Herzen dachte sie an ihn.

An so vieles konnte sie sich auf einmal wieder zurückerinnern. Ob Resi und Xaver wohl noch beim Vater lebten? Sie stand am Fenster und blickte auf die grauen Dächer der Stadt. Ja, dachte sie und faltete die Hände, ich werde nach Hause gehen. Vielleicht bin ich nur deswegen unglücklich, weil ich ja im Grunde genommen nicht in diese Gegend gehöre. Hatte sie nicht mal irgendwo gelesen, dass man ewig Heimweh nach den Bergen hat, wenn man im Gebirge geboren worden ist?

Für einen Augenblick dachte sie auch an Gerhard. Tränen traten ihr in die Augen. Es war so sinnlos, das Herz an Dinge zu hängen, die es nicht wert waren.

Sie ahnte ja nicht, dass ihre überstürzte Abreise es verhindert hatte, dass sie sich noch einmal trafen, um so eine Aussprache herbeizuführen.

Entschlossen drehte sie sich um und holte ihren Mantel aus dem Schrank. Sie ging zum Bahnhof und kaufte sich eine Fahrkarte nach Hallstatt in Österreich. Jetzt waren die Würfel gefallen. Sie fühlte so etwas wie Freude in sich hochsteigen. Sie telegrafierte dem Vater ihre Ankunft und ging nach Hause und packte ihre Koffer.

Details

Seiten
124
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738925968
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v457529
Schlagworte
liebe

Autor

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Titel: Die Liebe kam später