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Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 39: Duell der Bogenschützen

2018 120 Seiten

Leseprobe

Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 39: Duell der Bogenschützen

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VON TOMOS FORREST

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ZYKLUS: DIE REBELLEN von Cornwall, Band 26

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Titelbild: nach einem Motiv von N.C. Wyeth mit Steve Mayer, 2019

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

Ceated by Thomas Ostwald, Alfred Bekker und Jörg Martin Munsonius

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Klappentext:

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EIN ÄUßERST BEGABTER, unbekannter Bogenschütze, schwarz gekleidet mit einem seltsamen Helm, treibt sich seit einiger Zeit in der Gegend um Lahnydrock Casle, dem Sitz des Sheriffs Sir Struan of Rosenannon, sein Unwesen und bekämpft wo immer er kann die Schergen des Sheriffs. Auch eine große Anzahl Soldaten in Begleitung des Burgvogtes von Lahnydrock schrecken ihn nicht davon ab, der unterdrückten Bevölkerung zu helfen. Da sieht Rygan der Burgvogt nur eine Möglichkeit, den Unbekannten zu fassen und dem Treiben ein Ende zu setzen: Ein Duell muss her – ein Duell der Bogenschützen, wo man ihm eine Falle stellen wird ...

***

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1.

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ZWISCHEN DEN TIEF HERUNTERHÄNGENDEN Zweigen des Gebüsches konnte sich der Kriegsknecht so weit vorschieben, dass er die Männer am Feuer deutlich unterscheiden konnte. Leider war es jedoch nicht möglich, sie zu belauschen, denn sie unterhielten sich nur mit gedämpften Stimmen. Wer sich so seltsam benahm und zudem dafür sorgte, dass es hier am Hang der beiden Hügel nur ein schwach brennendes und wenig qualmendes Feuer gab, der musste etwas zu verbergen haben. Zusammen mit seinem Kamerad war er nur durch einen Zufall aufmerksam geworden. Eines ihrer Pferde hatte ein Hufeisen verloren und deshalb waren beide abgestiegen, um ihre Pferde am Halfter zu führen. Keiner der beiden Krieger wollte riskieren, dass sie mit einem lahmenden Pferd von ihrer Patrouille zurückkehrten. Ihr Hauptmann würde keine Gnade kennen, wenn ein Pferd auf so leichtsinnige Weise unbrauchbar im Stall stand.

Als sie abgestiegen waren und ein paar Schritte gemacht hatten, blieb einer der beiden plötzlich stehen und sog tief die Luft ein.

„Was ist?“, brummte der andere, ein kräftiger Waliser.

„Da ist ein Feuer in der Nähe, riechst du das nicht?“

Der Waliser schnupperte, zog die Schultern hoch und wollte weitergehen. Er war verärgert, dass ausgerechnet sein Pferd das Eisen verloren hatte und sie deshalb erst spät in der Nacht auf die Burg zurückkehren konnten.

„Na und? Da wird ein Köhler im Wald wohnen und einen neuen Meiler angesteckt haben! Komm jetzt, es ist schon spät genug!“

Aber sein Kamerad war nicht so ohne Weiteres bereit, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Kurzerhand drückte er dem Waliser die Zügel in die Hand und näherte sich behutsam der Stelle, an der er das Feuer vermutete. Als er sich anschlich, wurde ihm schnell klar, dass es hier keine Köhlerhütte gab. Schließlich entdeckte er das kleine Feuer zwischen den Zweigen. Die gerade erst hereinbrechende Dunkelheit war im dichten Wald noch stärker und ließ den Feuerschein wie ein kleines Signal zu ihm schimmern.

Behutsam pirschte sich der Mann näher, bis er schließlich auf dem Boden unter den Sträuchern entlangkroch. Dabei war ihm der Helm hinderlich, er löste den Kinnriemen und legte den Helm an einer Stelle ab, die er auch später in der Dunkelheit sicher wiederfinden konnte. Nun hatte er sich noch etwas weiter vorgeschoben und lauschte angestrengt der Unterhaltung, musste dann aber enttäuscht feststellen, dass die Männer vor ihm die walisische Sprache benutzten.

Innerlich fluchend schob sich der Soldat wieder behutsam zurück, bis er seinen Helm fand, der matt im Dunkeln glänzte. Endlich war er wieder bei seinem Kameraden.

„Du musst dich anschleichen. Dort ist eine Gruppe Waliser dabei, ihr Abendessen zuzubereiten.“

„Waliser? Na und? Gibt es nicht genug von uns, die der Sheriff von Cornwall angeworben hat? Bin ich nicht auch ein Cymry, und diene meinem Herrn trotzdem treu?“, antwortete der Mann ihm unwirsch.

„Meine Güte, das ist doch der Grund, weshalb du dort nach dem Rechten sehen sollst! Schleich dich durch das Gebüsch dicht genug heran, um zu hören, was die Burschen besprechen!“

Brummend folgte der Waliser der Anweisung seines Kameraden, murmelte dabei aber ständig etwas vor sich hin, von dem der andere nur noch verstand: „... wichtigmachen ... Unsinn ... anschleichen ...“ Dann war der Soldat außer Sichtweite geraten.

Er hatte gerade damit begonnen, sich auf dem Boden unter das Gebüsch zu schieben, als er sich von kräftigen Armen gepackt fühlte und nach vorn gezogen wurde.

Heno ffrindiau  hallo, Freunde!“, beeilte sich der Soldat rasch zu rufen, als er auf unangenehme Weise über das Geröll gezerrt wurde und gleich darauf neben dem Feuer lag. Der Schein der Flammen fiel auf die Gesichter der über ihn gebeugten Männer, die ihn mit grimmiger Miene musterten. Rasch fügte er an: „Sut ydych chi wie geht’s?“

Cau i fyny! Mund halten!“, kam es zurück. „Mit Verrätern sprechen wir nicht!“

Ein kräftiger Schlag in die Seite brachte den Soldaten dazu, wirklich zu schweigen, während die Männer ihn noch immer musterten.

„Der war nicht allein, ist ein Scherge des Sheriffs, sieht man doch!“, brach endlich einer von ihnen das Schweigen. „Als wir aufmerksam wurden, muss sich der andere gerade zurückgezogen haben. He, du, wie viele von euch Stiefelleckern des Sheriffs treiben sich hier herum?“

„Was? Wieso – wir ...“

Diesmal traf den Soldaten ein Tritt in die Rippen, und mit schmerzverzerrtem Gesicht krümmte er sich zusammen.

„Ihr zwei, schaut doch mal nach, wie viele von diesen Burschen hier noch unterwegs sind“, ordnete ein breitschultriger Mann mit langem, schwarzem Bart an. Einer der beiden zog sein Messer aus dem Gürtel und zeigte ein diabolisches Lächeln, der andere griff ebenfalls zu dem langen, scharfen Messer. Gleich darauf verschwanden die zwei lautlos im Wald.

Der wartende Soldat hatte mehrfach angestrengt gelauscht, konnte aber nichts von seinem Kameraden hören und gab es schließlich auf. Als er sich gerade neben die an einen Baum gebundenen Pferde setzen wollte, erhielt er einen heftigen Schlag in den Nacken, der ihn nach vorn taumeln ließ. Als er sich wieder gefangen hatte und zu seinem Schwert greifen wollte, umklammerten ihn zwei kräftige Arme von hinten, rissen seine Hände auf den Rücken und fesselten sie auf ziemlich brutale Weise.

Achschließend stießen ihn zwei Gestalten vor sich her durch den Wald zum Lagerplatz, wo er seinen Kameraden neben dem Feuer liegen sah.

„Hört mal, Männer ...“, begann er gerade, als ihm jemand ins Gesicht schlug. Der Soldat spürte, wie ihm das Blut aus der Nase schoss und ihm der jäh durch den Schädel rasende Schmerz die Tränen in die Augen trieb.

„Du hältst das Maul, bis wir dich etwas fragen!“, knurrte ihn der mit dem schwarzen Bart an. „Wir mögen keine Schergen, auch nicht, wenn sie aus unserer Heimat kommen!“

Der Soldat zog es vor, zu schweigen. Seine blutende Nase schmerzte, und er befürchtete, dass der Schlag sein Nasenbein zertrümmert hatte. Er verfluchte den heutigen Tag, der mit dem verlorenen Hufeisen schon genug Ärger verursacht hatte. Was aber hatte ihn dazu bewegt, sich um diese Kerle im Wald zu kümmern? Gab es nicht in ganz Cornwall genug Banden, die sich gegen König Johann wandten? Aber jetzt war es zu spät, und so wild, wie diese Männer ihn ansahen, musste er das Schlimmste für sich und seinen Kameraden fürchten.

„Du denkst also, der Rock des Sheriffs schützt dich davor, hier im Wald einfach abgestochen zu werden, was?“, schrie ihn unvermittelt der Bärtige wieder an. „Aber das tut er nicht, verstanden? Am besten, du erzählst uns ganz schnell, was ihr hier gemacht habt und warum ihr friedliche Arbeiter heimlich beschleicht!“

„Ich habe das Feuer gerochen!“, sagte der Gefesselte mit undeutlicher Stimme. Er spürte den metallischen Geschmack von Blut im Mund und bemühte sich um eine schnelle Antwort, denn der Bärtige hatte jetzt ebenfalls ein langes Messer in der Hand.

„Und da schleichst du dich an uns heran wie ein Verbrecher? Warum kommt ihr Kerle nicht einfach durch den Wald an unser Feuer, macht euch vorher bemerkbar und erkundigt euch, ob ihr hier willkommen seid?“

„Wir ... wir dachten ...“

„Ja, was dachtet ihr? Dass wir einfache Landleute wären, die man nach Belieben schikanieren kann, wie man das gerade will? Falsch, und ich verrate dir noch etwas, Soldat!“

Der Bärtige richtete sich drohend vor dem Soldaten auf und hielt ihm die Spitze seines Messers an die Kehle.

„Männer wie du sind uns zuwider. Ihr verkauft euch an den Sheriff von Cornwall und führt Krieg gegen die Menschen, die sich nicht diesem schurkischen Sir Struan unterwerfen. Oder diesem lächerlichen John, der sich König nennen lässt! Ha, König! John ohne Land ist ein lächerlicher Wicht, hast du mich verstanden?“, schrie der Waliser laut heraus.

„Das ist ... Majestätsbeleidigung ...!“, stammelte der Kriegsknecht und versuchte, vor der Messerklinge zurückzuweichen. Doch mit einer Handbewegung machte der Bärtige nur eine verächtliche Geste, steckte sein Messer zurück in den Gürtel und drehte sich zu den beiden Gefährten um, die diesen Soldaten überwältigt hatten.

„Bindet die beiden an ihre Pferde und schafft sie von hier fort.“

„Zu dem anderen, Nye, in die Grube?“

„Natürlich, was sonst? Und beeilt euch, damit wir nicht noch die ganze Bande auf uns ziehen. Ihr wisst, was zu tun ist!“, antwortete der Bärtige.

Die beiden Soldaten wurden herumgerissen, nun auch der andere gefesselt und beide bekamen ein Strick um den Hals gelegt, an dem sie von den Walisern hinter sich hergezogen wurden.

„Was ... was wollt ihr mit uns machen?“, erkundigte sich der aus Wales stammende Soldat.

„Warte es ab, nghalon fach  Herzchen!“, lautete die Antwort. Dann marschierte die Gruppe schweigend durch den Wald, die beiden Gefangenen brutal hinter sich am Strick nachziehend. Bei den angebundenen Pferden wurden die Stricke an den Sättel befestigt, anschließend stiegen zwei Waliser auf und lenkten die Tiere hinunter auf die jetzt im Mondlicht liegende Landstraße.

Nach etwas drei Meilen hatten sie den Steinbruch erreicht. Im fahlen Mondlicht konnten die beiden Reiter das gesamte Feld unter sich überschauen. Größere und kleinere Felsen lagen hier verstreut, dazwischen viel Geröll, das sich im Laufe der Jahre immer mehr von der Kante gelöst hatte. Seit dem Bau von Okehampton Castle wurde der Steinbruch nicht mehr genutzt. Zudem lag dieses Gebiet so weit von der Fernstraße entfernt, dass sich hierher niemand verirrte.

„Ich sehe nichts von dem anderen Kerl“, sagte einer der beiden Reiter, nachdem er eine Zeitlang den Untergrund gemustert hatte.

„Vielleicht haben ihn die Wölfe geholt“, antwortete der andere und ließ ein raues Lachen ertönen. „Also nun, runter mit den beiden!“

Die Waliser stiegen ab und näherten sich ihren beiden ohnehin schon halbtoten Gefangenen, die sie unbarmherzig hinter sich hergezogen hatten.

Einer der Soldaten fiel auf die Knie und hob in einer stummen Gebärde die gefesselten Hände hoch. Doch die beiden Waliser hatten kein Mitleid mit ihnen. Ein schneller Schnitt mit den Messern, und gleich darauf wurden die beiden Körper den Abhang hinunter gestoßen, wo sie nach ein paar Umdrehungen still liegen blieben.

Auf dem Rückweg sagte einer der beiden noch einmal halblaut:

„Das sollten wir Nye jedenfalls nicht erzählen.“

„Dass der andere nicht mehr zu sehen war?“

Erneutes Lachen. „Du bist doch ein Angsthase, aber meinetwegen. Er wird uns ohnehin nicht weiter fragen, und wir haben nun zwei weitere Pferde erbeutet, also ist doch alles gut gelaufen!“

Lachend presste der Sprecher seine Beine in die Weichen seines Pferdes und trieb es damit an.

Als sie ihren Lagerplatz wieder erreicht hatten, wachten die Gefährten noch immer, um nicht eine weitere Überraschung zu erleben. Nye, der bärtige Anführer, teilte anschließend Wachen ein, die anderen legten sich seelenruhig hin und schliefen bald darauf tief und fest, wie ihre regelmäßigen Atemzüge verkündeten.

Auch die beiden kaltblütigen Mörder hatten keine Probleme mit dem Einschlafen.

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2.

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ALS DER SOLDAT CLYDE wieder zu sich kam, war es der Schmerz, der ihn von seinem unbequemen Lager hochjagte. Sein Kopf dröhnte, als würde er in tausend Stücke zerspringen, der linke Arm lag unbeweglich halb unter seinem Rücken, und der ganze Körper hatte durch den Sturz den Abhang hinunter Blessuren und Abschürfungen erlitten. Außerdem fror Clyde erbärmlich. Erst beim dritten Versuch konnte er sich aufrichten, stand jedoch nur für einen kurzen Moment auf seinen Beinen, danach knickte er wieder ein und stürzte nach vorn. Dabei war es ihm nicht möglich, sich mit der Rechten abzufangen. Er schlug auf das Gesicht und verlor erneut das Bewusstsein, diesmal aber nur für kurze Zeit. Den nächsten Versuch wagte er erst, nachdem er sich eine Weile aufgesetzt hatte und der starke Schwindel, der ihn ergriffen hatte, etwas nachließ.

Einige Zeit später war er wieder auf den Beinen und tastete sich vorsichtig in der Dunkelheit über das Geröll. Der Blick nach oben zur Kante des Steinbruchs hatte ihm gezeigt, dass er dort niemals nach oben gelangen würde. Mit nur einer funktionsfähigen Hand war das nicht möglich, und der höllische Schmerz, der gerade von der linken Schulter bis in seine Hand schoss, riet ihm, den Arm nicht zu bewegen.

Clyde suchte einen Ausweg aus dieser Steinwüste, sah immer wieder nach den Sternen und bemühte sich, halbwegs die Richtung zu bestimmen. Er hatte sich auf dem Weg von Okehampton nach Lahnydrock Castle befunden, als er den Walisern in die Hände fiel. Wie aus dem Nichts waren sie plötzlich aufgetaucht, hatten ihn umzingelt, und als er sein Schwert zog, vom Pferd gerissen und auf ihn mit Knüppeln eingeschlagen, bis er in eine tiefe Ohnmacht fiel, aus der er erst im Steinbruch wieder erwachte.

Aus dem Steinbruch führte eine kaum mehr erkennbare Straße, die einst als Zufahrt für die Ochsengespanne diente, um die Steine abzutransportieren. Sie war inzwischen stark zugewachsen, die Natur hatte überall ihr Terrain zurückerobert und mit dichten Ginsterbüschen den Rand des alten Steinbruchs überwuchert. Hier musste Clyde das erste Mal eine Pause einlegen, denn der Weg hatte seine Kräfte sehr in Anspruch genommen.

Das war der Augenblick, als er sich vor Schreck stocksteif auf den Boden zwischen den Büschen gepresst hatte. Gegenüber am Rand des Steinbruchs waren Stimmen laut geworden, und er hatte gerade noch die Umrisse von Reitern erkannt, als er sich auch schon fallen ließ und nicht wagte, den Kopf noch einmal zu heben. Kurz darauf hörte er, wie Etwas den Hang hinunterrollte und ahnte, dass man dort erneut ein Opfer hinabgestoßen hatte. Wenig später war alles wieder ruhig, und als Clyde ganz langsam und vorsichtig seinen Kopf durch das Gebüsch schob, konnte er auf der Abbruchkante niemanden mehr erkennen.

Aber unten, nicht weit von der Stelle, an der er selbst gerade noch gelegen hatte, lagen zwei dunkle Körper nebeneinander. Waren sie tot?

Clyde traute sich nicht, zu der Stelle zurückzugehen, aber er sammelte ein paar Steinchen auf und warf sie in die Nähe der Körper. Er lauschte auf das Geräusch, wenn die Steine auf andere schlugen, aber von den beiden dort erkennbaren dunklen Körpern kam keine Reaktion.

Noch einmal lauschte der Soldat, schließlich wagte er, sogar leise zu rufen. Erst, als auch der dritte Ruf ohne Reaktion blieb, gab er es auf und bemühte sich, die Straße zu erreichen. An einer kleinen Ansammlung von Bäumen blieb er stehen, um sich in der Nacht zu orientieren. Die Verbindungsstraße war erkennbar, und er wusste jetzt auch, in welcher Richtung Okehampton lag. Also vorwärts, nach Westen! Nach wenigen Schritten stolperte er über einen dicken Knüppel, den er aufnahm, um sich darauf zu stützen.

Wieder schossen Schmerzen durch seinen Arm und den Hinterkopf, ließen bunte Kreisel vor seinen Augen tanzen und ihn noch einmal kurz innehalten. Nach Lahnydrock Castle waren es etwas mehr als vierzig Meilen. Mit dem Pferd würde er sein Ziel bis zum Morgengrauen erreichen. Zu Fuß wohl erst gegen Mittag. Und in seinem Zustand würde er wahrscheinlich vorher tot umfallen und in den Straßengraben rollen.

Clyde trug noch immer einen Gürtel, an dem eigentlich sein Schwertgehänge befestigt wurde, das man ihm natürlich abgenommen hatte. Jetzt löste er mühsam die Schlaufe aus den halbmondförmigen Ringen, hielt den Gürtel mit einer Hand fest und bemühte sich, ihn erneut umzulegen, um damit seinen Arm an den Körper zu pressen. Nach zahlreichen, verzweifelten Versuchen gab er sein Bemühen auf und ließ sich entkräftet ins Gras sinken.

Eine erneute Schmerzwelle stürzte ihn abermals in tiefe Ohnmacht.

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3.

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STIMMEN WIE AUS WEITER Ferne drangen an sein Ohr, aber Clyde wagte es nicht, seine Augen zu öffnen, nachdem er die letzten Sätze verstanden hatte.

„Einer dieser Blutsauger des Sheriffs, die ständig Gelder für ihn eintreiben. Schlag ihn tot, wenn er es noch nicht ganz ist!“

Die Stimme klang tief und voller Bitterkeit, aber eine hellere, jüngere, antwortete:

„Nein, Vater, der Mann ist schwer verletzt und immer noch ein Mensch, der unsere Hilfe benötigt!“

„Hilfe? Für so einen? Und wer hilft unsereinem in seiner Not?“

„Komm, fass mit an den Beinen an, allein bekomme ich den Mann nicht auf den Karren!“

Clyde blieb vollkommen steif, als er an den Schultern und den Füßen aufgenommen wurde. Ziemlich unsanft legte man ihn wenige Augenblicke später auf Stroh ab, und gleich darauf setzte sich das Fuhrwerk mit ihm in Bewegung. Vorsichtig blinzelte er mit halb geöffneten Augen um sich. Es war längst heller Tag geworden, und der Mann, der den schmalen Karren schob, schien unterwegs zu seinem Feld zu sein. Plötzlich rollte eines der Räder unerwartet in ein Schlagloch, der Verletzte wurde herumgeschleudert und kam auf seinem verletzten Arm zum Liegen. Eine erneute Schmerzwelle warf ihn erneut zurück in die Dunkelheit.

Sein nächstes Erwachen war wesentlich angenehmer. Zwar klopfte und pochte es noch immer in seinem Arm, angefangen von der Schulter bis zur Handwurzel. Aber sonst fühlte er sich erheblich besser und ausgeruhter. Vorsichtig hob er den Kopf etwas an, um seine Umgebung besser erkennen zu können. Der erwartete Schmerz im Hinterkopf blieb aus, und erfreut bemerkte Clyde, dass er auf sauberem Stroh in einer Scheune lag. Aus einer durch ungehobelte Bretter abgeteilten Ecke kamen die beruhigenden Kaugeräusche einer dort angebundenen Kuh, die sich immer wieder etwas von dem Heu zupfte, das in einem Korb vor ihr befestigt war.

„Ah, du bist endlich wieder wach!“, vernahm er die freundliche Stimme eines gerade eintretenden jungen Mannes, in dem er meinte, einen seiner Helfer wiederzuerkennen. „Du siehst auch schon wesentlich kräftiger aus. Die stärkende Suppe, die wir dir zweimal mühsam eingeflößt haben, hat dich gekräftigt! Bald wirst du wieder aufstehen können, musst aber deinen Arm noch still halten!“

„Wo bin ich hier?“

Der junge Mann lachte.

„In unserer Scheune. Als wir dich gefunden haben, waren wir gerade dorthin unterwegs, weil unsere Kuh bald kalben wird. Wir haben dich mitgenommen, denn in unserem kleinen Haus wäre kein Platz gewesen. Aber keine Sorge, wir kommen mehrmals am Tag herüber und werden dich hier versorgen können!“

„Das ist ... sehr freundlich von dir, mein Name ist Clyde, ich bin Soldat auf Lahnydrock Castle und muss so schnell wie möglich zu Sir Rygan, um ihm Bericht zu erstatten.“

Die Miene des jungen Bauern verfinsterte sich.

„Vollkommen ausgeschlossen, Clyde. Das sind zwei stramme Tagesmärsche, und die stehst du in deinem Zustand nicht durch. Ruhe dich hier aus, bis du wieder laufen kannst. Hier stört dich niemand!“

„Ja, aber ich muss zu meinem Herrn! Man wollte mich ermorden, und ich befürchte, dass es noch zwei andere Morde gegeben hat. Kannst du mich nicht mit einem Fuhrwerk nach Lahnydrock bringen?“

Der junge Mann lachte verächtlich auf.

„Ein Fuhrwerk? So etwas besitzen wir hier nicht, Clyde! Wir haben kaum genug für unsere Familien, und dein Herr presst noch das letzte Geld aus uns heraus, weil es ihm der Sheriff so befohlen hat. Nein, wenn du gesund werden willst, bist du so lange du willst unser Gast und wir teilen das Wenige mit dir. Aber wenn du auf deine Burg zurückkehren willst, wird dir niemand dabei helfen!“

Clyde ließ sich schweigend in das Stroh zurücksinken, und der Bauer fügte beim Hinausgehen noch dazu: „Du solltest dein Glück nicht herausfordern, Clyde. Die Soldaten des Sheriffs sind hier in unserer Gegend sehr unbeliebt. Zu viele grausame Taten sind in den Dörfern geschehen. Ich fürchte um dein Leben, wenn du allein unterwegs bist. Aber das ist deine Entscheidung, ich werde dich nicht halten.“

Damit war er hinaus, und der Soldat blieb allein auf dem Stroh zurück. Die wildesten Gedanken schossen ihm durch den Kopf, auch der, sich am besten noch in dieser Stunde auf den Weg zu machen. Aber als er sich mühselig an einem Pfosten der Scheune aufgerichtet und ein paar Schritte probiert hatte, erkannte er die Unmöglichkeit dieses Vorhabens.

Mit einem Seufzer sank er wieder auf sein Lager zurück.

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4.

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WO IST ER? GEH AUS dem Weg, sonst schlage ich dich nieder!“, schrie eine wütende Stimme, und Clyde fuhr erschrocken aus dem Stroh auf, was ihm erneut einen stechenden Schmerz im Hinterkopf einbrachte.

Andere Stimmen wurden laut, Rufe nach dem Soldaten.

„So beruhigt euch doch, der Mann ist schwer verletzt und zudem unbewaffnet!“

„Lass uns sofort durch, oder du wirst genau wie er behandelt!“, antwortete die erste Stimme.

Clyde sah sich verzweifelt nach einer Waffe um, konnte aber nur eine kurze Schaufel an der anderen Wand entdecken, die für ihn unerreichbar war. In diesem Augenblick wurde der junge Bauer, der ihn hierher gebracht hatte, in die Scheune gestoßen und taumelte rückwärts, bis er sich an dem Stützbalken halten konnte.

„Hier ist der Kerl, heraus mit ihm!“, schrie die erste Stimme erneut, und ein dickes, zornrotes Gesicht schob sich über Clyde. Die Augen schienen dem Mann fast aus dem Kopf zu quellen, als er sich über den Verletzten beugte. „Du entkommst uns nicht mehr, du erbärmlicher Frauenschänder!“, schrie ihn der Dicke an. Dann drehte er sich zum Eingang und brüllte: „Hierher, Freunde, hier liegt das Schwein! An den nächsten Baum mit ihm!“

Ehe noch der junge Mann den Dicken beiseitedrängen konnte, stürmten dessen Gefährten herein, alles kräftige Bauern und Feldarbeiter, die teilweise Knüppel in den Händen trugen.

„Du mischt dich am besten nicht mehr ein, Straun!“, schrie der Dicke, als der junge Bauer sich vor die anderen stellte.

„Ruhe hier! Du hast hier überhaupt nichts zu sagen, Rory, das ist meine Scheune und mein Grund und Boden, auf dem ihr alle steht! Jetzt raus hier, oder ihr bereut es!“

Einen Moment herrschte Schweigen in der Scheune, mit einem derartigen Widerstand hatte die Meute wohl nicht gerechnet. Einer sah den anderen scheu an, aber dann schrie der Dicke wieder laut heraus: „Wollt ihr diesen Frauenschänder und Mörder auch noch schützen, was? Nimm das dafür!“

Ehe Straun reagieren konnte, schlug ihm Rory den Knüppel über den Kopf, und der junge Mann stürzte neben dem Soldaten in das Stroh.

„Und jetzt raus mit dem Schwein und an den nächsten Baum!“, schrie der Dicke, und johlend griffen die Männer zu, packten den Kriegsknecht, wo sie ihn zu fassen bekamen, und trugen den sich Wehrenden ins Freie, wo sich weitere Menschen aus der Umgebung versammelt hatten.

„Dort drüben ist ein guter Baum mit einem dicken Ast für ihn!“, schrie einer der Zuschauer und deutete auf eine mächtige Linde.

„Bringt den Karren her und einen Strick!“, befahl der Dicke, und unter lautem Jubel der Masse wurde der Soldat zur Linde getragen, wo bereits zwei andere den Karren herbeigeschoben hatten, auf den man ihn jetzt legte, um den Strick an seinem Hals zu befestigen.

Es handelte sich um das gleiche Fuhrwerk, mit dem Clyde hierher gebracht wurde, und verzweifelt sah sich der Soldat nach Hilfe um, als er den rauen Strick an seinem Hals spürte. Gleich darauf wurde das eine Seilende über den Ast geworfen, das Fuhrwerk direkt darunter geschoben, und unter dem anfeuernden Geschrei der Menge begann man damit, den Soldaten nach oben zu ziehen. Verzweifelt zog Clyde mit der gesunden Hand an dem Strick, um zu verhindern, dass man ihn nach oben zog, spürte jedoch, wie ihm die Luft knapp wurde und das Seil sich enger und enger schnürte. Vor seinen Augen flimmerte es blutigrot, als plötzlich Stille auf dem Platz eintrat.

„Ihr solltet euch schämen, einen einzelnen, unbewaffneten Mann so zu behandeln!“, sagte eine schneidende, kalte Stimme.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738925913
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Januar)
Schlagworte
schwert schild morgan löwenritter band duell bogenschützen

Autor

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Titel: Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 39: Duell der Bogenschützen