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San Angelo Country #64: Stadt der Halunken

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Stadt der Halunken

Klappentext:

Roman:

San Angelo Country

 

Band 64

 

Stadt der Halunken

 

Ein Western von Heinz Squarra

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2019: Edward Martin

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Das Leben der Bewohner von Montrose, einer kleinen Stadt in Texas, ist hart. Der Boden bringt den Farmern karge Ernten. Als Jay Durango und Rio Shayne, die Männer von Rancho Bravo, mit einem Schwerverletzten in die Stadt kommen und um Hilfe bitten, werden sie Opfer eines heimtückischen Plans. Die Bürger von Montrose beschuldigen sie, einen Mann ermordet und beraubt zu haben. Der Galgen wartet schon, und die beiden Männer stecken verdammt tief in der Klemme! Eine wilde Jagd auf die angeblich Schuldigen beginnt – und ihr Leben hängt an einem seidenen Faden ...

 

 

 

 

Roman:

Ein tiefes Brummen schallte durch den dunklen Wald.

»Jeff, zurück, der Bär ist vor dir!«, rief Jay Durango warnend.

Unterholz brach. Schemenhaft tauchte ein großes, dunkelbraunes Tier zwischen den Douglasfichten auf.

Jay Durango feuerte aus der Winchester, konnte aber wegen des Halbdunkels nicht zielen. Die Mündungsflamme zuckte ins Zwielicht. Die Kugel fuhr klatschend in einen Stamm und riss Rinde ab.

Jeff Logan, der junge Cowboy, der seit gut zwei Monaten zur Crew von Rancho Bravo gehörte, dachte gar nicht daran, vor dem gewaltigen Grisly die Flucht zu ergreifen. Aus nächster Nähe feuerte er aus dem Revolver und traf das Tier.

Ein fürchterlicher Laut schallte in das Wummern des Echos. Der Bär versetzte dem Cowboy einen Hieb, dass der förmlich aufgehoben wurde und gegen den nächsten Baum flog. Äste fielen auf den Boden. Jeff Logan stürzte schreiend auf den Moosteppich.

Jeff feuerte wieder.

Der Bär zuckte abermals getroffen zusammen, wankte und tauchte hinter den Büschen unter.

»Hilfe!«, rief der Cowboy gepresst.

Das Knacken entfernte sich.

Jay lief zu dem Cowboy, kniete und legte das Gewehr ab.

»Hier!«, stieß Jeff mit verzerrtem Gesicht hervor. Mit zitternder Hand deutete er links auf das Hemd. Der Stoff war aufgerissen, die Haut darunter ebenfalls. Blut rann auf den Boden.

Vom Grisly konnte Jay nichts mehr hören. Aber von links näherte sich Hufschlag. Ein Pferd schnaubte.

»Jay, wo seid ihr?« rief Rio Shayne, der weißblonde Cowboy.

»Hier, Rio!« Jay richtete sich auf.

Shayne tauchte aus dem Wald, als käme er aus einer finsteren Höhle. Er saß etwas geduckt im Sattel, wodurch seine hünenhafte Gestalt kleiner wirkte, als sie war. Neben sich führte er die beiden anderen Pferde. Er hielt an und sprang ab. »Verdammt, ich habe ihn hier herüber getrieben.«

»Das war ja auch richtig«, erwiderte Jay. »Aber Jeff wagte sich zu weit vor.«

Shayne ging in die Hocke und schaute sich die beträchtliche Verletzung des Kameraden genau an. »Du hast mehrere Rippen gebrochen, Jeff. Und die stehen nach innen.«

Jay wischte sich den Schweiß vom Gesicht. Er bereute es schon, die Jagd, zu der sie vor fünf Tagen von der Ranch aufbrachen, bis hierher in die Nähe des Nueces River ausgedehnt zu haben. Nun lagen rund vierzig bis fünfzig Meilen zwischen ihnen und Rancho Bravo. So weit konnten sie Jeff kaum transportieren. Geld besaß er aber auch nur noch sehr wenig. Rio ging es kaum besser. Und Jeff, das wusste er, trug keinen roten Cent mehr in der Tasche mit sich herum. Trotzdem mussten sie versuchen, einen Arzt aufzutreiben.

Durango ging zu seinem Pferd. Er führte mehrere Binden mit sich. Doch als er sie aus der Satteltasche zog, wandte Rio sich gerade um und schüttelte den Kopf.

»Wenn wir ihm die Brust bandagieren, tut es ihm noch mehr weh. Die gebrochenen Rippen stehen nach innen. Weißt du, was das heißt?«

Jay schob die Binden in die Satteltasche zurück.

Rio trat näher. »Sie können ins Herz stechen«, flüsterte er. »Hast du gesehen, wie sehr er blutet?«

»Ich bin nicht blind«, erwiderte Jay ungehalten über diesen Vortrag und immer noch ärgerlich. »Wir brauchen so schnell wie möglich einen Doc.«

»Dann müssten wir versuchen, Montrose zu erreichen.«

»Wie weit ist das?«

»Ungefähr zwanzig Meilen südlich. Dort gibt es vielleicht einen Doc. Mindestens einen Barbier, der sich an sowas vielleicht heranwagt.«

»Vielleicht«, sagte Rio. »Aber das ist für ihn eine gewaltige Strecke.«

»Weißt du was Besseres?«

»Nein.«

»Also dann.« Jay zog sein Messer. »Bauen wir eine Schleppbahre und verlieren wir keine Zeit mit dem Aufbruch. «

Rio ging bei dem Stöhnenden erneut in die Hocke, während Jay hinter den Pferden verschwand.

»Ich war ... ein ... Dummkopf!«, stieß der junge Cowboy hervor.

Rio grinste unglücklich.

Jay benutzte sein Messer wie eine Hacke, als er möglichst kräftige Äste für eine Schleppbahre von den Bäumen trennte. Rio hörte die Geräusche.

Jeff wollte sich auf die Seite wälzen, weil er meinte, dann weniger Schmerzen aushalten zu müssen. Doch er fiel mit einem Schrei zurück.

»Du musst ganz still liegen, mein Junge, sonst bohren sie sich immer tiefer in den Körper.«

Jay schleifte zwei sechs Yard lange Äste heran und ließ sie bei den Pferden fallen. Rio half ihm, eine Decke dazwischen so zu befestigen, dass die Bahre für den Verletzten breit genug wurde und nicht von den Ästen reißen konnte. Danach gingen sie zu Jeff.

»Jetzt beiß die Zähne zusammen«, sagte Jay.

Sie hoben ihn an den Schultern und Beinen hoch und trugen ihn auf die Bahre, Jeff lief dabei der Schweiß in Strömen über das Gesicht. Wie ein winziger, bleicher Strich standen die Lippen in seinem Gesicht, so sehr presste er sie zusammen, um Schmerzenslaute zu unterdrücken.

»So, schon passiert.« Rio lächelte zuversichtlich, obwohl er es keineswegs war.

Sie hoben die Enden vorn hoch und befestigten die Bahre mit den Steigbügelriemen am Sattel von Jeff Logans Pferd. Jay ging zurück, schaute sich die Verletzung noch einmal an und überlegte ernsthaft, ob er versuchen sollte, die gebrochenen Rippen mit seinem Messer zu finden und aus den inneren Wunden zu ziehen, in die sie sich gebohrt haben mussten.

Rio schien seine Absicht zu durchschauen und schüttelte den Kopf, als sich ihre Blicke trafen. »Dafür braucht man bessere Kenntnisse, als wir sie haben. Und Instrumente. Mindestens ein sehr schmales Messer.«

»Also, dann reiten wir jetzt.« Jay ging zu seinem Pferd und saß auf.

Rio schaute sich noch um. »Komisch, dass der verletzte Bär abgehauen ist. Meistens sind sie unheimlich aggressiv, wenn ihnen was weh tut.«

Jay ging nicht darauf ein. Er nahm das andere Pferd am Zügel und ritt langsam durch das Halbdunkel.

Rio kam ihm nach.

»Tom Calhoun reißt uns die Köpfe ab, wenn er das zu Ohren kriegt«, sagte Jay brummig.

Der Waldsaum kam in Sicht. Mit jedem Yard, den sie weiter vordrangen, nahm die Helligkeit im Gehölz zu.

»Wir haben nicht mal die Beute der letzten drei Tage aus der Jagdhütte mitgenommen!«, schimpfte Rio.

»Wir können uns keinen Umweg leisten«, sagte Jay und blickte sich um. »He, wir müssen Jeff besser festbinden. «

Jay zügelte die Pferde und saß ab. Shayne löste schon sein Lasso vom Sattel.

Jeff öffnete stöhnend die Augen. »Wo sind wir?«, hauchte er.

»Noch nicht sehr weit. Aber wir schaffen das schon.«

Sie griffen rechts und links zu und schoben ihn auf der Schleppbahre höher. Jeff Logan brüllte.

»Schon vorbei«, murmelte Shayne. Er band dem Verletzten die Beine fest.

Ein paar Minuten später befanden sie sich wieder unterwegs. Jay ritt voran und verließ den Wald.

Die Sonne stand im Westen hinter den Bergen jenseits des Nueces River und vergoldete die Felsgiganten im Osten. Bis nach Rancho Bravo würde es mit dem Verletzten einige Tage dauern.

Shayne ritt an seine Seite.

»Wir haben keine Wahl, Jay. Nur in Montrose können wir schnell sein.«

»Morgen früh, schätze ich.«

Jay nickte, während er auf das von Buschland überwachsene Hügelgelände vor sich schaute. Im späten Sonnenlicht leuchteten die welken Blätter der Scrub- und Sagebüsche wie rote, gelbe und violette Blumen und wetteiferten in ihrer Pracht mit den Prärieanemonen in den Talsenken, wo die Erde fruchtbarer war und das Gras höher sprießen ließ.

Sie ritten weiter. Shayne hielt anfangs ständig Ausschau, weil er immer noch fürchtete, der Bär könnte unvermittelt auftauchen und sie angreifen. Doch im Lauf der Zeit verlor sich seine Sorge.

»Vielleicht liegt er irgendwo und stirbt«, murmelte er. »Komisch ist jedenfalls, dass er einfach abgehauen ist.«

Im Westen versank die Sonne. Der Himmel färbte sich von Süden bis Norden hinter dem Fluss purpurn. Auf dem Boden verwischten die Schatten. Die gnadenlose Tageshitze verlor sich schnell. Als das Abendrot in der Ferne verglühte und die Nachtschwärze von Norden herankroch, fröstelte Jay für einen Moment.

 

*

 

Das Buschwerk raschelte plötzlich vor ihnen. Die Pferde scheuten und wollten rückwärts.

Ein Wolfsrudel, mindestens sechs Tiere, brach aus dem Sagegestrüpp und floh nach Osten.

Jay riss das Gewehr aus dem Scabbard und repetierte es.

Doch die Tiere wollten sie nicht angreifen.

Shayne feuerte dennoch. Seine Kugel warf Erde in die Luft. Der Palomino unter seinem Sattel tänzelte ervös.

Hinter dem Gestrüpp tauchte die Meute unter.

»Nun gib schon Ruhe!«, schimpfte Rio auf sein Pferd. Er musste die Zügel hart anziehen, um den Worten Nachdruck zu verleihen. »Ob er durch die Büsche taumelt?«

»Ziemlich langsam sind wir«, sagte Jay versonnen. »Das Tempo könnte er schon mithalten.«

»Ich sehe nach.« Rio wollte sein Pferd nach Westen lenken.

»Nein, du bleibst hier!«, befahl Jay barsch.

»He, was ist denn los? Das Jagen ist mein Handwerk, Vormann. Und das weißt du genau!«

»In den Büschen siehst du ihn bei Nacht erst, wenn er vor dir steht. Ein Verletzter reicht mir!«

Schimpfend schaute Shayne auf Logan, der das Bewusstsein verloren hatte. Er stieg ab, trat neben die Schleppbahre und sagte: »Er blutet immer noch. Ich glaube, den bringen wir nicht bis in die Stadt.«

Das Rascheln in den Büschen verklang. Von Westen konnten sie nichts hören. Wenn der Bär tatsächlich die Flucht der Wölfe veranlasste, so näherte er sich ihnen jedenfalls nicht.

»Los, wir reiten weiter.«

»Er blutet immer noch. Hast du es nicht gehört?«

»Hier können wir schlecht bleiben.« Jay trieb die Pferde an.

Unwillig schnaubten die Tiere und wollten nicht weiter. Er musste mit den Sporen nachhelfen, um sie in Bewegung zu bringen.

Rio stieg auf seinen Palomino und ritt hinterher.

Sanft fiel das Gelände vor ihnen ab. Das Buschwerk wurde dichter. Im silbernen Mondlicht schien es mitunter, als stünden Mauern in ihrem Weg.

Im Tal lichtete sich das Gestrüpp. Jay erkannte ein paar dürftige Maisreihen und dahinter zwei Hütten und einen Korral.

»Das soll offenbar eine Farm sein.« Shayne ritt wieder an die Seite des Vormanns. »Aber von dem bisschen Mais können die Bewohner sicher gerade selbst ihr Brot backen.«

Sie folgten dem Maisfeld und hielten vor den Hütten an. Die beiden Holzgebäude duckten sich flach an den Boden und maßen mit den Satteldächern eine Höhe von nur knapp drei Yard. Der Korral auf der anderen Hofseite besaß ebenfalls nur geringe Ausmaße. Jay erkannte darin zwei Pferde, zwei Maultiere, eine Ziege, die angebunden stand und ein paar magere Longhorns.

»Hallo?«, rief der Vormann.

Im Schatten hinter der ersten Hütte wurde ein Gewehr repetiert.

Jay wurde erst da bewusst, dass er die Winchester noch in der Hand hielt. Er schob sie sofort in den Scabbard.

»Was wollt ihr?«, fragte eine barsche Stimme.

»Wir sind mit einem Verletzten unterwegs. Es geht ihm nicht sehr gut, Mister.« Jay war klar, dass ihre Annäherung bemerkt wurde.

Hinter der zweiten Hütte trat ein Mann aus dem Schatten. Sie mussten demnach mindestens zwei sein. Der Farmer war nur mit Hemd und Hose bekleidet und trug einen alten Zylinder auf dem Kopf. Das Gewehr hielt er an der Hüfte angeschlagen. »Woher kommt ihr denn?«

»Von der Jagd am Nueces River, Mister. Ein Bär griff unseren Partner an.«

Auch der zweite Mann hinter der ersten Hütte trat in den Hof, behielt aber Abstand.

Der andere blieb neben Jays Pferd stehen. Langes Silberhaar hing unter dem speckigen Zylinder hervor. Das Gesicht wurde von einem struppigen Vollbart beinahe völlig verdeckt. Nur die lange Nase ragte wie der Schnabel eines Geiers aus dem Gestrüpp hervor.

Der zweite Mann sah genauso aus. Unverkennbar schien es sich um Brüder zu handeln, von denen der ältere bald sechzig sein musste und der andere nicht viel jünger.

»Sieh ihn dir an, Jewy«, sagte der jüngere neben der Hütte.

Der Mann mit dem Zylinder ging zur Schleppbahre, beugte sich zu Logan hinunter und brummte etwas Unverständliches vor sich hin.

»Wie weit ist es zur nächsten Stadt?«, fragte Jay.

»Vier Meilen.«

»Den hat es ganz schön erwischt. Hat eine mit der Tatze gefangen, was?«

»Ja«, entgegnete Jay. »Gibt es in der Stadt jemanden, der ihm helfen könnte?«

»Sie haben einen Barbier, der sich als Quacksalber versucht, wenn es sein muss. Aber ob der ihm helfen kann ...«

Der zweite Farmer überwand sein Misstrauen, ließ das Gewehr sinken und näherte sich ebenfalls, um den Verletzten in Augenschein zu nehmen. »Den bringt ihr doch nicht lebend bis Montrose. Der stirbt euch unterwegs.«

»Könnten wir ihn vielleicht hier lassen und den Barbier holen?«, fragte Jay.

»Wir haben nicht sehr gern Blut in der Hütte. Das lockt die Wölfe an. Aber eine knappe Meile in Richtung zur Overlandstraße findet ihr ein verlassenes Farmhaus. Boris, gib ihm einen Schluck Whisky, damit er es noch eine Meile durchhält!«

Der jüngere Farmer lief zur Hütte, öffnete die Tür und ging hinein. Eine Petroleumlampe wurde angezündet.

Jay stieg ab und vertrat sich die Beine. Er bemerkte, wie der Farmer ihn und Rio musterte.

Der andere brachte eine grüne, dickbauchige Flasche und gab dem Verletzten daraus zu trinken. Jeff erwachte dabei aus der Bewusstlosigkeit, aber er sah nicht aus, als würde er etwas von dem begreifen, was vorging.

»So, das kostet einen halben Dollar«, erklärte der Mann mit dem Zylinder.

Jay schaute ihn verblüfft an.

»Hier gibt es nichts umsonst, Mister. Wir haben selbst nicht genug.« Der Mann streckte die Hand aus und winkte mit den Fingern. »Lasst es euch von dem anderen zurückgeben, falls er noch mal auf die Füße kommt.«

Jay blieb nichts weiter übrig, als zu bezahlen. Der Farmer nahm den halben Dollar, putzte die Münze am Ärmel, biss darauf und betrachtete sie.

»In Ordnung, scheint echt zu sein. Wollt ihr Proviant?«

»Was wir haben, reicht noch einige Tage«, gab Jay zurück. Er stieg auf.

»Dann bedankt euch wenigstens!«, schimpfte der andere.

»Wieso, wir haben doch bezahlt?« Jay schaute den Mann scharf an. »Und ich denke, viel mehr, als der übliche Preis ist.«

»Was der Preis ist, bestimmt der Verkäufer immer selbst.« Der Farmer grinste, wobei sich die scharf gekrümmte Nase zu röten schien und der struppige Vollbart zuckte.

»Vielleicht hättet ihr uns den Preis erst sagen sollen«, wandte Rio ein.

»Ihr konntet ja danach fragen, wenn es für euch wichtig ist.«

»Gute Nacht«, sagte Jay, weil es sinnlos war, mit diesen beiden alten Teufeln zu streiten. Er trieb die Pferde an und ritt über den Hof. Die Enden der Bahre kratzten laut durch den Sand.

»Halsabschneider«, sagte Rio verdrossen. »Denen sollten wir als Aufpreis noch ein paar Ohrfeigen verpassen.«

 

*

 

Die beiden alten Männer standen auf die Gewehre gestützt am Haus und schauten den Reitern und dem Verletzten auf der Bahre nach.

»Ob sie bei der Hütte bleiben?«, fragte der jüngere.

»Wird ihnen kaum was anderes übrigbleiben.« Der ältere Mann lehnte das Gewehr an die Wand, packte die auf der Bank stehende Flasche, entkorkte sie und trank einen gewaltigen Zug.

Der andere nahm ihm die Flasche ab und trank ebenfalls.

»Sah wie ein Revolvermann aus, was Boris?«

»Genau.« Boris schlug den Korken mit dem Handballen in den Flaschenhals.

»Einem Kerl wie dem traut man jede Schlechtigkeit zu, Boris.« Der ältere Bruder grinste auf einmal teuflisch.

»Was meinst du, Jewy?«

»Ich frage mich schon lange, wem man es in die Schuhe schieben könnte, wenn irgendwas Verrücktes in dieser Gegend passiert.«

Hinter dem Buschwerk im Südosten der kümmerlichen Farm verschwanden die Reiter mit der nachgeschleppten Last am dritten Pferd.

»Die pfeifen doch auf dem letzten Loch«, erzählte Jewy weiter. »Die haben einen Verletzten, der möglicherweise über den Jordan geht. Aber das kann noch seine Zeit dauern. Die brauchen Geld. Und wenn sie morgen nach Montrose kommen, werden die Narren dort merken, dass die Kerle Geld brauchen. Das lässt sich leicht nachkontrollieren, indem man zufällig auch in dem Nest auftaucht.«

»Ich weiß immer noch nicht, was du meinst.«

»Wirklich nicht? Mach dir nichts daraus, du hattest schon als Kind Schwierigkeiten damit.«

Borris fluchte grimmig.

»Morgen müsste McClure, der fahrende Händler, wieder in dem Nest aufkreuzen. Gestern sah ich ihn im Westen, als ich unsere Fallen am Creek kontrollierte. Er klapperte dort die Farmen ab. Vielleicht kam er schon am Abend in der Stadt an.«

»McClure, der sich gelegentlich damit brüstet, viel Geld zu haben.« Borris begann zu grinsen.

»Na endlich, Boris!« Jewy schlug seinem Bruder auf die Schulter. »Den hab ich im Visier, seit er hier herumgondelt. «

»Immer auf dem gleichen Wege, was?«

»Genau. Aber dafür ist ein Sündenbock nötig.«

Die beiden alten Teufel kicherten. Boris rieb gar die Hände aneinander.

»Bist du ganz sicher, dass man die Kerle wirklich verdächtigt?«

»Da kann man noch ein bisschen nachhelfen, damit es leichter geht. Aber ein paar Fremde sind allemal verdächtig.«

»Ein Revolvermann sowieso!«, setzte Boris hinzu.

»Da geht es bei den Leuten doppelt so fix, einen Strick zu holen.« Jewy nahm sein Gewehr in die Hand und ging in die Hütte.

Boris folgte ihm mit seiner Waffe und der Whiskyflasche. Er schloss die Tür.

Jewy stand unter der Lampe und legte das Gewehr auf den Tisch.

In der ärmlichen Hütte, die sie allein bewohnten, standen aus rohen Brettern gezimmerte Möbel, die leicht verrieten, wie wenig Geschick die beiden alten Kerle besaßen.

»Wann kam dir der Gedanke?«

»Gleich, als ich den Verletzten sah und wusste, dass sie ihn nicht bis in die Stadt bringen würden. Jedenfalls vielleicht nicht. Da greifen solche Burschen zu, wenn es um ihren Partner geht. Das sind die geborenen Sündenböcke, Boris!«

 

*

 

Die Hütte war kleiner als das Wohnhaus der Farm, die hinter ihnen jenseits der Büsche und Hügel lag. Der Anbau war bereits zusammengefallen. Vom Maisfeld standen nur noch ein paar Stauden, die aber mussten im Frühjahr selbst nachgewachsen sein. Jay schätzte, dass das Anwesen schon vor mindestens einem Jahr aufgegeben wurde. Warum, lag auf der Hand. Der Boden war hier nicht besser als bei den Brüdern. Und wie immer ein Farmer sich hier abrackerte, auf einen grünen Zweig konnte ihn die Parzelle nie bringen.

Vom Korral standen auch nur noch ein paar Zaunreste. An einen davon banden sie die Pferde.

Jay ging zur Hütte, während Shayne den Verletzten losband.

Durango öffnete die Tür, neben der sich ein Fenster mit zerschlagener Scheibe befand. Im einfallenden Mondschein erkannte er wüst übereinander liegende Trümmer von Möbeln.

»Kannst du was sehen?«

»Nicht viel.«

Shayne brachte eine Kerze, zwängte sich am Vormann vorbei und brannte das Talglicht drinnen an. »Schönes Durcheinander.«

»Ein Wunder, dass die Bude noch steht.« Jay räumte die Trümmer nach den Seiten und grub so einen noch intakten Tisch und eine Pritsche mit Fellen darauf heraus.

»Und hier wollen wir bleiben, bis Jeff wieder fit ist? Weißt du, wie lange das dauern kann?«

»Wenn er über den Berg ist, reitet einer von uns zur Ranch. Das ist in ein paar Tagen.«

»Oder auch nicht.« Shayne stellte das Talglicht auf den Tisch und ging hinaus.

Jay folgte ihm. Sie trugen den Verletzten auf der Schleppbahre herein und legten ihn damit auf die Pritsche. Dann erst schnitt Jay die langen Stangen ab, brachte sie hinaus und warf sie neben die Hütte. Sie sattelten ihre Pferde ab, brachten die Decken und Sättel hinein und richteten sich auf dem schmutzigen Boden ein.

»Hast du das Gestrüpp gesehen, wie es den Hof auffrisst?«, fragte Shayne. »Hinten ist es schon bis an der Ruine des Anbaus.«

»Und in einem Jahr wächst es überall, auch hier drin. Schlaf jetzt endlich!« Jay wälzte sich auf die Seite und schloss die Augen.

»Ich wollte eigentlich sagen, wenn sich hier einer anschleicht, sehen wir ihn erst, wenn er vor uns steht.«

»Wir haben nichts, weswegen es sich lohnen könnte, uns überfallen zu wollen, Rio.«

»Hoffentlich wissen das die Halunken, die uns hier zufällig in den nächsten Tagen bemerken könnten!«

Jay antwortete nicht mehr, weil der Disput sonst vielleicht bis zum Morgengrauen weitergeführt würde.

Der Verletzte bewegte sich unruhig auf der knarrenden Pritsche.

Jay vermochte nicht einzuschlafen. Mehrmals wollte er aufstehen, sein Pferd satteln und losreiten, um den Barbier zu holen. Aber immer wieder sagte er sich, dass es kaum möglich sein würde, aus der fremden Stadt jemanden in der Nacht hier heraus zu holen. Sie würden ihn für verrückt erklären.

Schließlich erhob er sich doch.

Shayne schlief nicht, setzte sich auf und stülpte den Hut aufs weißblonde Haar.

»Ich reite jetzt los, Rio. Bleib du bei ihm.«

»Soll ich dir sagen, was der Barbier dir erzählt?«

»Nein, ich weiß es doch. Trotzdem muss ich es versuchen.« Jay trug Sattel und Campdecke hinaus und sattelte den braunen Hengst.

Shayne folgte ihm. »Es ist noch finster, wenn du die Stadt erreichst. Und um ganz ehrlich zu sein, ich würde mit einem wildfremden Menschen auch nicht bei Nacht und Nebel in die Wildnis reiten. Du verpasst gar nichts, wenn du erst ein paar Stunden schläfst!«

Jay zog den Sattelgurt fest, band den Zügel los und saß auf. »Dann bis später.«

Shayne zuckte mit den Schultern, kehrte in die Hütte zurück und schloss die Tür.

 

*

 

Montrose bestand aus genau fünfzehn Häusern. Ein paar davon waren Lagerschuppen, eins der Mietstall und eins verfallen. Sie reihten sich rechts und links der Overlandstraße auf, die ohne Bogen durch den Ort führte.

Wie erwartet lag noch tiefe Nacht über dem Land, als Jay in den Ort ritt. Der Braune lief langsam und wurde dennoch von verschiedenen Leuten gehört. Türen klappten.

»Wer ist das?«, fragte jemand unter einem weit nach unten gezogenen Vordach.

Jay hielt an und blickte hinüber. Sehen konnte er niemand. »Ich bin Jay Durango und brauche dringend den Barbier für einen verletzten Kameraden!«

Männer mit Gewehren im Anschlag betraten die Fahrbahn. Manche trugen Hemden und Hose wie die beiden Farmer im Buschland, einer hatte einen alten Militärmantel übergezogen, zwei kamen in langen, grauen Nachthemden ins Mondlicht.

Von der anderen Seite näherten sie sich ebenfalls. Und die Straße herunter kam einer, der noch die Hosenträger über die Schultern und die Jacke überzog. Ein Stern steckte an seiner Brust.

Sie kreisten das Pferd ein.

»Ein Freund von mir wurde am Nueces River von einem Bären angegriffen und liegt schwerverletzt in einer Hütte im Norden. Ein Paar Farmer machten uns auf das verlassene Haus aufmerksam.«

»Die Zattigs, was?«, fragte der Marshal.

»Keine Ahnung, wie sie heißen.«

»Was fehlt ihm denn?« Ein kleiner weißhaariger Mann schob sich in den Vordergrund. »Ich bin Keach, der Barbier, der auch Zähne zieht.«

»Seine Zähne sind in Ordnung, Mister Keach. Ein paar Rippen gebrochen, die sich nach innen gestellt haben.«

»Dafür brauchen Sie einen richtigen Arzt. Wo es so was gibt, wissen wir hier aber nicht. Vielleicht in Fort Worth.«

»Es geht ihm sehr schlecht«, sagte Jay.

»Also gut, ich sehe ihn mir an. Lassen Sie fünf Dollar da. Ich komme dann hinaus.«

Jay saß ab und kramte das verlangte Geld zusammen. Er besaß immer noch ein paar Dollar.

Der Barbier nahm die fünf Dollar und steckte sie ein.

»Könnten Sie nicht sofort mitreiten?«

»Ich weiß, wo die Hütte ist, und werde sie finden.«

»Er ist bewusstlos und blutet sehr stark.«

»Wann geschah das Unglück?«

»Am Spätnachmittag.«

»Dann spielen ein paar Stunden keine Rolle mehr. Sie müssen das verstehen. Wenn ich nicht lange genug geschlafen habe, zittern mir die Hände. Das wäre sehr schlecht für Ihren Freund.« Der weißhaarige Mann wandte sich ab.

Jay blickte auf den Stadtmarshal. Er war ein mittelgroßer, bulliger Mann mit einem quadratischen Schädel und angegrauten Borstenhaaren.

»Er kommt bestimmt«, versprach der Mann.

»Können Sie ihn nicht dazu ...«

»Ausgeschlossen«, unterbrach der Marshal den Vorman barsch. »Vor zwei Stunden hat Keach seinen letzten Whisky getrunken. Konnten Sie die Fahne nicht riechen?«

»Nein.«

»Na ja, er stand vielleicht ein bisschen weit weg von Ihnen. Nein, der braucht den Schlaf.«

Jay schaute sich in der Runde um. Ein paar Männer grinsten verstohlen. Es konnte keinen Zweck haben, noch lange Worte zu verlieren.

»Ich werfe Keach aus dem Bett, sobald die Sonne aufgegangen ist«, versprach der Marshal. »Und ich bringe ihn selbst hinaus.«

»Danke, Marshal.« Jay saß auf. Der Kreis lichtete sich. Er lenkte den Braunen nach Norden und ritt langsam durch die Stadt.

»Ein Revolvermann – so einer ist das«, sagte jemand und spuckte in den Sand. »Irgenwelche Satteltramps, die es mal im Wald am Fluss mit der Jagd versuchen wollten.«

»Um ein paar schnelle Dollars zu machen«, stimmte ein anderer Mann zu. »Und deswegen werden ehrbare Leute dann nachts aus den Federn geworfen.«

Der Marshal wandte sich ab und lief die Straße hinauf.

Seine Frau schaute aus einem Fenster der Büchsenmacherei, die James Cobb in seinem Hauptberuf betrieb. »Wer war das?«

»Irgendein Fremder. Hat einen Verletzten auf der aufgegebenen Farm liegen.«

»Diese Sattelstrolche sollten sich schämen, mitten in der Nacht hier aufzutauchen.«

 

*

 

Barbier Keach sah sehr besorgt aus, als er aus der Hütte trat.

Marshal Cobb lehnte bei den Pferden an einem Stück des noch stehenden Korralzauns.

Jay kam hinter dem Barbier her, der seine schwarze Tasche ans Sattelhorn hängte. Shayne blieb in der Hütte und blickte auf das spitz gewordene Gesicht von Jeff Logan. Der Barbier hatte ihn nach der Behandlung verbunden, aber das Blut tränkte den weißen Stoff in der Herzgegend.

»Und?«, fragte der Marshal.

»Ich weiß nicht. Hat verdammt viel Blut verloren. Er müsste vor allem ein schmerzstillendes Mittel kriegen. Sonst dreht er durch, wenn er zu sich kommt. Aber mir ist das Zeug ausgegangen. Sie kriegen es im Store. Savage hat davon noch. Das weiß ich.«

Jay nickte. »Dann reite ich mit Ihnen.«

Barbier Keach blickte an Jay vorbei auf Shayne an der Tür. Der hünenhafte, weißblonde junge Mann hatte etwas Wildes an sich, was Keach gar nicht gefiel.

Jay sattelte seinen braunen Hengst und ritt wenig später mit den beiden Männern auf der Overlandstraße nach Süden. Als sie die Stadt erreichten, stand die Sonne schon fast im Zenit und glühende Hitze lag über dem Hügelland.

Vor dem Store stand ein kurzer Planwagen. Zwei Maultiere waren in die Sielen gespannt. »McClure’s Drugstore« stand auf der grauen Plane.

Der Barbier hielt vor seinem Haus.

Jay zügelte sein Pferd ebenfalls. »Vielen Dank, Mister.«

Keach schüttelte den Kopf. »Warten Sie damit, bis Ihr Freund auf den Füßen steht. Aber sagen Sie nicht, es wäre meine Schuld, wenn das nicht geschieht.«

»Kann man für ihn nichts weiter tun?«

Keach schüttelte den Kopf und schob seine Melone in den Nacken. Das Sonnenlicht fiel auf sein zerfurchtes Gesicht. »Nein. Er braucht Ruhe, damit sich neues Blut bilden kann. Sollte er aber schon zuviel verloren haben, wird er wohl ....« Der Mann brach vieldeutig ab.

»Trotzdem besten Dank.« Jay ritt mit dem Marshal weiter. Vor dem Saloon sah er die beiden Farmer wieder. Bei Tageslicht sahen sie noch abgerissener aus als während der Nacht.

Jay hielt an.

»Stand die Hütte noch?«, fragte Jewy Zattig.

»Ja. Vielen Dank für den Tipp.«

»Wie geht es Ihrem Freund denn?«

»Den Umständen entsprechend.«

»Er lebt also noch?«, wollte Jewy Zattig wissen, während er an den Fußweg trat.

»Ja, er lebt noch.«

»Na also, dann kommt er irgendwann schon wieder auf die Beine. Nur die Guten sterben jung!«

Boris lachte krächzend. Sein Bruder wandte sich um und schob ihn vor sich in den Saloon.

Der Marshal stieg bereits bei seinem Haus ab und führte das Pferd in den Hof.

Jay ritt zum Store weiter, saß neben dem Planwagen ab, führte den Braunen zur Zügelstange und band ihn daran fest. Als er den Drugstore betrat, sah er zwei Männer hinter den deckenhohen, vollgestapelten Regalen an einem kurzen Tresen. Auch hinter der Tafel erhoben sich noch einmal Regale über die gesamte Breite des Hauses. Nur die Tür war ausgespart. Wie durch einen Tunnel ging es in den Flur dahinter.

Die beiden Männer blickten dem Eintretenden entgegen.

»Guten Tag«, sagte Jay, lief an den Regalen vorbei und blieb an der Ecke des Tresens neben einem aufgebockten Rumfass stehen. Eine kleine Waschschüssel und ein paar Gläser auf einem Lappen verrieten, dass der Krämer auch Gäste bewirtete.

»Und?«, fragte der Mann hinter dem Tresen unwirsch. Er war ein großer Mann wie ein Hüne und hatte Schultern von der Breite eines mittleren Kleiderschrankes. Dazu einen kantigen Schädel auf einem dicken Hals, der in einem Stiernacken auslief, schwarzes Haar, finstere Brauen und bernsteinfarbene Augen. Wie ein Spieler trug er ein weißes Rüschenhemd, gestreifte Röhrenhosen und eine doppelreihige schwarze Jacke. Eigentlich sah er nicht wie ein Händler aus, allerdings verriet Jay bereits vor dem Laden ein Schild, dass er auch Fuhrunternehmer war. Im Hof neben dem Haus standen auch ein paar abgestellte Frachtwagen. Das lange Gebäude dahinter schien der Stall zu sein.

»Der Barbier schickt mich. Sie hätten ein schmerzlinderndes Mittel.«

»Laudanum, Mister. Es senkt das Fieber, ist gut gegen Zahnschmerzen und sonstige Wehwehchen.« Der Mann grinste, sah deswegen aber nicht freundlicher aus.

»Sicher meint er das.«

»Ich hab gar nichts anderes.« Der Mann griff unter den Tresen und legte eine kleine Tüte darauf. »Jedes mal eine Messerspitze, wenn der Patient brüllt. Und vor allem muss man ihn darauf aufmerksam machen, dass er was gegen den Schmerz bekommt. Die moralische Wirkung ist ungeheuerlich. «

Der andere Mann grinste nun ebenfalls von einem Ohr bis zum anderen. Er zählte mindestens fünfundsechzig Jahre, war mittelgroß und gedrungen, grauhaarig und stoppelbärtig. Falten und Runen zeichneten sein Gesicht und ließen ihn älter wirken. Er trug ein graues, derbes Hemd ohne Kragen, ausgebeulte, zerschlissene Hosen, ’ Schaftstiefel, eine fadenscheinige Jacke und einen schweißdurchtränkten Schlapphut.

»McClure, junger Freund.« Der Mann tippte an seinen Hut. »Hab schon gehört, was Ihnen widerfuhr. Werde mal vorbeischauen, ob Sie noch etwas brauchen.«

»Ich glaube nicht, dass wir etwas brauchen.« .Jay blickte den anderen Händler an. »Was kostet es?«

»Vierzig Cent. Kaum der Rede wert.«

Jay atmete auf und bezahlte. Der Händler stellte ihm ein Glas voll Whisky hin und gab dann das restliche Geld heraus.

»Der Whisky ist inbegriffen. Immer, wenn man bei mir was kauft.«

»Danke.« Jay steckte das Kleingeld wieder ein. Er war so ziemlich blank und hoffte, dass das Pulver ausreichte, bis sie daran denken könnten, Jeff weiter zu transportieren. Dabei überlegte er aber schon, ob er nicht Rio bei dem Verletzten allein zurücklassen und zur Ranch reiten sollte, um den Boss zu verständigen und einen Wagen zu holen.

Das war sicher besser. Sie würden dann früher aufbrechen können.

»Also, ich kriege dann zweitausendfünfhundert Bucks«, erinnerte McClure. »Und den obligaten Whisky hab ich auch noch nicht.«

Der Mann hinter dem Tresen schenkte ein zweites Glas voll und stellte es dem fahrenden Händler hin. Dann öffnete er die Kasse und brachte ein Bündel Banknoten zum Vorschein.

McClure hustete scharf und stellte sich gerade. Mit funkelnden Augen starrte er den anderen böse an.

»Ist was, McClure?«

»Steck das Teufelszeug wieder ein, verdammt! Seit fünfzig Jahren nehme ich nur Hartgeld und gebe auch nichts anderes aus. Ich will Silberdollars!«

»Ich würde mich langsam mal umstellen.« Der schrankbreite Stadthändler steckte das Geld wieder weg.

»Denke gar nicht daran. Auf die komischen Zettel kann jeder drauf drucken, was er lustig ist. Und wenn man mal Pech hat, verbrennt der Plunder!«

»Man muss mit der Zeit gehen.«

»Ich nicht!«, schimpfte der fahrende Händler.

Hiram Savage entnahm seiner Kasse Silberdollars und zählte sie in Reihen auf den Tresen.

Jay trank den Whisky und ließ das leere Glas ins Spülwasser fallen. »Herzlichen Dank, Mister.«

»Sonst keine Wünsche?« Savage hielt inne und blickte auf.

»Nein, danke.« Jay wandte sich ab.

»Ich schaue mal bei euch vorbei!«, rief McClure ihm nach.

»Das wird nicht nötig sein.« Durango verließ den Store.

Savage zählte weitere Reihen Silberdollars auf den Tresen. »Den Umweg kannst du dir schenken. Der pfeift auf dem letzten Loch.«

»Kann man nie wissen.«

»Tramps sind das, McClure. Die leben von der Hand in den Mund und sind dabei meistens verdammt hungrig.«

Draußen band Jay sein Pferd los und zog den Sattelgurt nach.

Die Menschen der kleinen Stadt beobachteten ihn. Er spürte es, obwohl er sie nicht alle sehen konnte.

Vor dem Planwagen scharrten die Maultiere im Sand.

Jay stieg auf und ritt die Straße hinunter. Er spürte die Blicke im Nacken noch, als er schon jenseits der Häuser der Straße nach Norden folgte.

»Schneller!«, rief er dem Braunen zu und gab ihm die Sporen.

Das Pferd streckte sich. Rechts und links der ausgefahrenen Straße wurde das vorbeifliegende Buschwerk dichter. Staub wehte hinter den Hufen in die Höhe.

 

*

 

Jay Durango erreichte die halbverfallene Hütte am Nachmittag. Rio Shayne trat ihm entgegen. Jay zügelte den Hengst und sprang ab.

»Wie geht es Jeff?«

»Unverändert, würde ich sagen. Der Verband ist durchblutet. Hast du das Zeug?«

Jay nickte. »Aber wenn ihm das hilft, glaube ich an die Wunder, von denen mir erzähl wurde, als ich noch Kind war.«

Sie betraten die Hütte. Jay blickte auf das spitze Gesicht Logans. Die bleichen Lippen des Partners bewegten sich, seine Augen waren geschlossen. Die schwarzen Ränder darum hatten Jeffs Aussehen stark verändert. Er ähnelte sich kaum noch.

»Ich reite nach Rancho Bravo«, sagte Durango. »Der Boss muss wissen, was passiert ist. Einen Wagen brauchen wir auch. Und mein Geld ist praktisch alle.«

»Hast du ihnen gesagt, dass wir zu dieser Ranch gehören?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

Jay wandte sich um. »Warum sollte ich?« Auf dem Tisch öffnete er die kleine Tüte, zog das Messer, reinigte es an der Hose und nahm die Spitze voll von dem weißen Pulver. »Wasser!«

Sie flößten Jeff das Pulver und Wasser ein. Der Verletzte hustete und spuckte die Hälfte wieder aus.

»Du wirst mindestens vier Tage unterwegs sein«, maulte Rio.

Jay schob das Messer hinter den Gürtel. »Aber dann bin ich zurück und habe einen Wagen und Leute dabei. Ist das nicht besser, als wenn wir in vier Tagen immer noch allein hier herumsitzen?«

Rio fluchte verdrossen, weil es ihm nicht behagte, dass er so lange allein bei dem Verletzten bleiben sollte, dem er überdies nicht zu helfen wusste. »Und wenn er mir unter den Händen stirbt?«

»Dann würde es auch nichts ändern, wenn wir beide hier sitzen.«

»Warte wenigstens bis morgen.«

Jay hob den Kopf. »Warum denn das?«

»Vielleicht ist es gar nicht ....« Rio brach ab und biss sich in die Unterlippe.

»Ach so.« Jay schaute auf das spitze Gesicht Logans. Vielleicht erlebte der Cowboy den nächsten Tag wirklich nicht mehr und der ganze Aufwand erübrigte sich.

»Es wird sowieso bald Nacht«, setzte Rio hinzu. »Es dürfte auf ein paar Stunden auch nicht ankommen. Außerdem wird deinem Gaul die Pause gut tun. Seit wir vom Nueces weg sind, bist du beinahe ununterbrochen geritten.«

»Ich könnte dein Pferd nehmen.« Jay lächelte dünn. »Das ist ausgeruht. «

»Ich glaube nicht, dass er es überlebt. Die innere Blutung ist nicht gestoppt.«

Jay schob Logans Hemd zur Seite und sah den roten Verband. Der Fleck besaß die Größe einer Hand, so dass die linke Brustseite davon völlig bedeckt war.

»Also gut, dann warte ich bis morgen.«

 

*

 

Die beiden Farmer holten ihre Pferde aus dem Mietstall.

Vor dem Saloon stand Fee, ein alt gewordenes Saloonmädchen mit blond gefärbten Haaren. Als sie ins Sonnenlicht trat, offenbarte das Kattunkleid mit den silbernen Pappsternen daran seine ganze Schäbigkeit.

Die beiden Zattigs stiegen auf die Pferde und winkten dem Mädchen mit dem faltigen Gesicht.

»Geht zum Teufel, ihr Geizkragen!«, schimpfte Fee mit rauer Stimme.

Jewy Zattig warf noch einen Blick auf den Planwagen des fahrenden Händlers, der inzwischen an der Ecke des Saloons im Schatten stand. Dann trieb er sein Pferd an.

Boris folgte dem Bruder. Sie ritten aus der Stadt, verließen die Straße und hielten zwischen hohen Sagebüschen an.

»Absteigen, sonst kann man uns vom Karrenweg aus sehen.« Jewy ging sofort mit gutem Beispiel voran.

Auch sein Bruder kletterte aus dem Sattel. Er dachte noch an McClure, den ziehenden Händler, der zuletzt bei ihnen am Tresen des Saloons stand. »Wieviel Geld hat er?«

»Genug.«

»Bist du sicher, dass es glatt geht?«

»Aber klar. Hast du denn nicht gehört, wie verächtlich sie von dem Fremden redeten? Den schickt uns der Himmel.«

»Wenn wir den Zaster eines Tages anfangen auszugeben, riechen sie doch noch Lunte.«

Jewy grinste den Bruder herablassend an. »Wir geben den Zaster nicht aus. Nicht hier. Wir leben bis zum Winter wie die ärmsten Teufel der Welt weiter und werden nie vergessen, entsprechend zu jammern. Und so ganz nebenbei fangen wir an, von der Aufgabe der Farm zu reden. Das fällt überhaupt nicht auf, zumal wir nicht die ersten sind.«

»Ja, das könnten sie schlucken.« Boris grinste.

»Dann gehen wir weit weg. Und dort, wo wir das Geld ausgeben, erzählen wir eine fantastische Geschichte. Von einer Ölquelle, die wir auf unserem miesen Land fanden und verkauften.«

Die beiden Halunken lachten schallend.

Ihre Geduld wurde noch auf eine längere Probe gestellt. Als die Sonne jedoch tief nach Westen gesunken war, hörten sie Peitschenknallen. Die Plane des Wagens ließ sich bald über dem Buschwerk erkennen.

»Na also!«, frohlockte Jewy und rieb die Hände aneinander. »Er nimmt immer den gleichen Weg. Und er fährt auch glatt am Abend los, um die Bucks fürs Übernachten zu sparen.«

»So ein verdammter Geizhals!«

»Das kannst du laut sagen!«

Der Wagen rollte hundert Yard von den lauernden Farmern entfernt vorbei und entfernte sich rasch.

Jewy führte sein Pferd an den Rand der Straße und beugte sich zur Seite. So sah er den leicht schaukelnden Wagen wieder.

Boris tauchte neben ihm auf. Sie stiegen auf die Pferde und folgten dem Gefährt mit großem Abstand.

Als der Wagen die Straße verließ, pfiff Jewy durch die Zähne. »Merkst du was?«

»Er fährt zu der verlassenen Hütte, die nicht mehr verlassen ist«, erwiderte der jüngere Bruder.

»Genau. Will den Kerlen noch versuchen, was anzudrehen. Der lässt aber auch nichts aus.«

»Schlecht für unseren Plan, was?«

»Aber nein, Boris. Das ist gut. Sehr gut sogar. Die Radrinnen sehen sie morgen noch. Die Cowboys sind danach zehnmal so verdächtig wie vorher. Haben hier bei McClure genau gesehen, was der mit sich herumschleppt!«

 

*

 

Jay trat vor Rio aus der Hütte, als der Wagen im verwahrlosten Hof der aufgegebenen Farm anhielt.

»Hallo, da bin ich!«, rief der Händler. Ein kicherndes Lachen folgte den Worten.

»Ist der verrückt?«, flüsterte Rio hinter Durango.

»Kein bisschen.«

McClure stieg ab, zog den alten Schlapphut vom Kopf und schlug den Staub damit von der Kleidung. »Na, ist euch eingefallen, was ihr noch gebrauchen könntet?«

»Wir haben kein Geld.« Jay lehnte sich neben der Tür an die Hüttenwand.

»Aber, aber, Mister, einen Notdollar hat doch jeder noch!« Der Händler kicherte wieder. »Wie geht es dem Freund?«

»Ziemlich schlecht.«

»Ich hab noch ein anderes Pülverchen, mit dem schon verblüffende Wirkungen erzielt wurden. Aus getrockneten Blättern von den Kiowas gerieben. Konnte bei Savage nur nicht davon erzählen, weil er das übelgenommen hätte. War schließlich sein Laden, in dem wir standen.«

»Ich glaube, dass alle eure Pülverchen nur einem helfen«, murmelte Rio. »Und zwar dem, der sie verkauft!«

»Nana, junger Mann, keine Beleidigungen!«, schimpfte der fahrende Händler grollend. »Ich verkaufe nur echte Sachen! Das Pulver kriegt ihr von mir für einen halben Dollar.«

»Ich glaube, Sie hören nicht zu, wenn andere reden«, erwiderte Jay schleppend. »Wir haben kein Geld.«

McClures stoppelbärtiges Gesicht zog sich in die Länge. »Kann ich den Jungen mal sehen?«

Rio trat zur Seite.

McClure ging hinein. »Teufel, der sieht aber gar nicht gut aus. Dem würde mein Pulver bestimmt helfen, Jungens!«

Jay blickte auf die Büsche, die vom letzten Sonnenlicht wieder in bunten Farben beleuchtet wurden und einen goldenen Schimmer wie einen Heiligenschein bekamen.

»Der gefällt mir wirklich nicht.« McClure trat aus der Hütte. »Dem würde meine Medizin bestimmt helfen.«

»Soll ich ihm auf meine. Art nochmal sagen, dass wir kein Geld haben?«, fragte Rio.

»Verschwinden Sie, Mister«, sagte Jay. »Wir kaufen nichts, weil wir kein Geld mehr haben.«

»Also schenken kann ich euch meine Ware nicht!«, schimpfte McClure. »Ihr denkt wohl, ich will mich aus lauter Menschenfreundlichkeit an den Bettelstab bringen?«

»Er geht mir auf die Nerven, Jay!«

»Mir auch.«

Drohend schob sich Rio an den miesen Händler heran, der partout nicht einsehen mochte, dass kein Geschäft abgewickelt werden könnte.

»Ich bin extra von der Straße abgebogen!«

»Hau ab!« Rio stieß den Mann mit der Schulter an. »Los, zieh Leine, Krämerseele!«

»Und beschimpfen lasse ich mich auch nicht!« McClure stieß Rio den Ellenbogen in den Leib.

Der Cowboy krümmte sich im jähen Schmerz zusammen. In der nächsten Sekunde schmetterte er dem Händler die Faust gegen das Kinn.

McClure brüllte, taumelte zurück und stürzte vor dem Wagen zu Boden. Sein Gesicht sah verschoben aus. Er kniete und spuckte zwei Zähne aus.

Rio schaute maßlos verblüfft auf Jay. »Ich hab doch kaum hingelangt?«

»Seine Zähne sind lang wie bei einem alten Pferd und stecken kaum noch im Kiefer«, erwiderte Jay.

Fluchend erhob sich der Mann. »Das werdet ihr mir büßen, Halunken! Das zahle ich euch heim!«

»Bleib hier!« Jay hielt Rio fest, als der hinter dem schimpfenden Krämer her wollte.

McClure kletterte auf den Bock und nahm die Peitsche. »Spitzbuben! Mördergesindel!«

Die Peitsche knallte. Die Maultiere zogen an.

»Banditengesindel!«, brüllte der Händler mit einem pfeifenden Unterton hinten durch den Wagen. Dann knallte die Peitsche wieder. Der Wagen walzte das Dickicht nieder und verschwand hinter einer Staubwolke. Die Geräusche entfernten sich.

Jay betrat die Hütte.

»Ob sein Kiowapulver doch was genützt hätte?«, fragte Rio, den leise Zweifel zu plagen schienen.

»Blödsinn.«

 

*

 

Die beiden Zattigs hockten noch im Gestrüpp hinter dem verfallenen Korral und schauten in den Staub, der durch die Dämmerung zog und das verfallene Haus zusätzlich verhüllte.

»Hast du das gesehen?«, flüsterte Boris.

»Ich bin nicht blind. Aber wir können damit nichts gegen sie anfangen.«

»Wieso nicht?«

»Weil wir nicht sagen dürfen, dass wir sie beobachtet haben.« Jewy schüttelte den Kopf. »Bei dir schreitet die Verkalkung in jüngster Zeit erschreckend rasch voran, Bruder.« Jewy kehrte um. Zweihundert Yard entfernt standen die Pferde. Er stieg auf und ritt nach Osten, um die Straße zu erreichen.

Den Wagen hörten sie erst wieder vor sich, als die Dunkelheit bereits über das Land sank. Eine Meile mochten sie sich von der verfallenen Farm entfernt haben.

»Jetzt?«, fragte Boris.

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738925890
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v456837
Schlagworte
angelo country stadt halunken

Autor

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Titel: San Angelo Country #64: Stadt der Halunken