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Callahan #19: Das Teufelsrennen

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Das Teufelsrennen

Klappentext:

Roman:

Callahan

 

Band 19

 

Das Teufelsrennen

 

Ein Western von John F. Beck

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2019: W.H.D. Koerner

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

Klappentext:

„Lass alles liegen und stehen, Callahan!“, hatte mein alter Freund Jeff Scranton mit ungelenker Schrift auf einen Zettel gekritzelt. „Mach Dich gleich auf die Socken, damit Du noch rechtzeitig nach Nuggetfield kommst. Reite, Hombre, reite! Der Teufel verteilt hier goldene Chips, und mit etwas Glück können wir beide für ein Leben lang ausgesorgt haben!“

Das hörte sich verdammt gut an – und ich machte mich sofort auf den Weg. Dass ich allerdings schon wenig später in Teufels Küche geraten und mich in ein riskantes Spiel einkaufen würde, davon hatte Jeff nichts geschrieben. Aber das sollte ich schon bald am eigenen Leib erfahren – denn Jeff, ich und Mitch Whitllow nahmen an einem höllischen Rennen teil, an dessen Ende hundertausend Dollar auf den Sieger warteten. Oder der Tod, wenn man Pech hatte!

 

 

 

Roman:

Der Schuss kam schräg von vorn. Als es knallte, brachte ich gerade noch die Füße aus den Steigbügeln. Mein Brauner wurde wie von einer Riesenaxt getroffen. Ich sauste durch die Luft. Beim Aufprall rutschte mir auch noch der Colt aus der Halfter. Meine instinktiv zuschnappende Rechte bekam nur das leere Leder zu fassen. Einen Moment war ich wie betäubt. Nicht allein von dem Sturz, sondern weil ich auf alles gefasst gewesen war, nur nicht auf diesen heimtückischen Überfall. Dann war ich schon wieder in Bewegung.

Ich musste weg von den zuckenden Hufen meines sterbenden Pferdes. Weg vor allem von dieser brettharten deckungslosen Fläche vor dem Ausgang der Schlucht, aus der ich eben gekommen war. Ich rollte über den von der Sonne erhitzten Boden. Da krachte es schon wieder.

Die Kugel hieb knapp neben mir in die Erde. Die einzige Deckung, die ich fand, waren ein paar Geröllbrocken. Ein Chollakaktus wuchs zwischen ihnen. Ich presste mich flach dahinter. Meine Kehle war trocken, das Hemd klebte mir auf der Haut.

Zwischen den Felsen am Fuß eines schräg gegenüberliegenden Berghangs zerflatterte ein Pulverdampfschleier. Ein Gewehrlauf blinkte. Zuerst hatte ich geglaubt, dass der Kerl absichtlich auf meinen Gaul geschossen hätte. Nun dämmerte mir, dass ich dem Tod nur entgangen war, weil es dem Burschen an genug Geduld zu mangeln schien. Die Sonne, die im Süden hinter mir stand, hatte ihn geblendet. Wenn er nur noch eine halbe Minute gewartet hätte, wäre ich nicht mehr wie ein Schatten mitten aus ihrer Glut auf ihn zugekommen. Sein verfluchtes Blei hätte mich wahrscheinlich dann voll erwischt.

Ich biss die Zähne zusammen. Der Colt! dachte ich. Solange ich nur das Bowiemesser in meinem rechten Stiefelschaft besaß, hatte ich nicht die Spur einer Chance gegen diesen Teufelskerl mit seinem Karabiner.

Ich wartete, atmete gleichmäßig und versuchte, den verflixten Druck in meiner Kehle loszuwerden. Es war jetzt noch stiller als zuvor.

Das Pferd hatte aufgehört, mit den Hufen zu schlegeln. Sein Blut tränkte die knochentrockene Erde. Drüben am Fuß des felsenbedeckten Hanges rührte sich nichts mehr.

Ich riskierte es, den Kopf zu heben und nach meiner Waffe zu spähen. Der Kerl passte auf wie ein Schießhund. Fast gleichzeitig mit dem peitschenden Knall zerbarst der Chollakaktus vor mir in hundert Stücke, die auf und über mich wirbelten.

Ich wollte fluchen, bekam aber nur ein Krächzen über die trockenen Lippen. Ein schwacher Trost, dass ich jetzt wenigstens wusste, wo mein Peacemaker lag. Nur vier oder fünf Schritte trennten mich von ihm. Aber schon ein kurzes Auftauchen aus meiner mehr als dürftigen Deckung konnte meinen Tod bedeuten. Wenn der Heckenschütze erst merkte, dass ich unbewaffnet war, wurde es vollends brenzlig. Dann konnte er mit seinem Teufelsgewehr seelenruhig aus seinem Versteck spazieren und auf mich zukommen.

„Zur Hölle mit dir, du Lump!“, knurrte ich halb wütend, halb verzweifelt. Wer war der Schurke bloß?

Ein Wegelagerer, an den ich auf meinem Trail nach Nuggetfield zufällig geraten war? Das konnte ich mir schlecht vorstellen. Denn ich sah nicht aus wie ein Hombre, der die Taschen voller Moneten hatte. Und wenn der Halunke nur an meinem braven Braunen interessiert gewesen war, dann hätte er sich nach seinem ersten Fehlschuss bestimmt schon aus dem Staub gemacht. Dass es Hundesöhne gab, die einen Mann wegen seines Gauls erschossen, war mir nicht neu.

Doch je mehr ich nachdachte, um so überzeugter war ich, dass der Typ was anderes wollte. Ich dachte an die Nachricht, die mein alter Kumpel Jeff Scranton drüben in Prescott für mich hinterlegt hatte.

„Lass alles liegen und stehen, Callahan!“, hatte er mit ungelenker Schrift auf einen Zettel gekritzelt. „Mach Dich gleich auf die Socken, damit Du noch rechtzeitig nach Nuggetfield kommst. Du findest dieses Goldgräbernest am Nordrand der Harcuvar Mountams. Wenn Du auf der Overland Road bleibst, musst Du hinter Wickenburg und vor Aguila über die Berge. Reite, Hombre, reite! Der Teufel verteilt hier goldene Chips, und mit etwas Glück können wir beide für ein Leben lang ausgesorgt haben!“

Das war alles gewesen. Seit Prescott, wo ich eigentlich mit Jeff Scranton verabredet gewesen war, rätselte ich darüber. Zum „Liegen und Stehenlassen“ hatte ich noch nie viel gehabt. Ich war sofort weitergeritten. Und von hier, wo ich jetzt buchstäblich auf der Nase lag, war es nur mehr ein Katzensprung zu dem Digger-Kaff, das Jeff mir beschrieben hatte.

Der nächste Schuss des „Unsichtbaren“ unterbrach meine Gedanken. Sand und Steine spritzten vor meinem Gesicht. Verflucht! Der Kerl war höher hinaufgeklettert. Nun schützten mich auch die paar Felsbrocken nicht mehr. Spätestens beim dritten Abdrücken hatte er sich garantiert so eingeschossen, dass er mich erwischte.

Ich spannte alle Muskeln. Vielleicht war es verrückt, wenn ich es riskierte. Aber mir blieb keine Wahl. Ich brauchte nicht nur meinen Peacemaker. Auf die Entfernung half mir nur die Winchester im Scabbard am Sattel meines toten Braunen.

Hufgetrappel schreckte mich auf. Ich hatte ja schon oft in einer verteufelten Klemme gesteckt und lebte immer noch. Aber nun durchfuhr mich eisiges Erschrecken. Der Reiter preschte nur fünfzig Yards hinter mir aus der Schlucht. Und damit hatte ich keine Zeit mehr, eine andere Waffe als mein Bowieknife in die Hand zu bekommen.

Ich sah ihn anfangs nur so, wie der Karabinerschütze mich gesehen haben musste. Der etwas höher liegende Felsenschlund war mit gleißender Helligkeit ausgefüllt, und aus ihr stürmte der Mann wie ein riesiger, von einer flammenden Aureole umstrahlter Schatten hervor. Deutlicher erkennbar war eigentlich nur das von der Sonne vergoldete Gewehr.

Ich packte verzweifelt mein Bowiemesser und sprang auf. Eine wilde Stimme schrie durch das Hämmern der Hufe: „Ich bin hier, Leland! Du hast den falschen Mann erwischt! Nun zeig mal, wie gut du mit der Knarre bist, du Lump!“

Schüsse schmetterten Sie galten nicht mir. Ich begriff vorerst überhaupt nichts, außer, dass der wie ein Tornado Heranbrausende mir die Chance verschaffte, doch noch am Leben zu bleiben. Im Nu holte ich mir meinen Peacemaker, rannte weiter zu meinem Pferd und zog die Winchester aus dem Sattelfutteral. Zum Glück war die Waffe nicht unter dem schweren Körper festgeklemmt.

„Deckung, Mann! Zu den Felsen da drüben!“, gellte dieselbe Stimme wie zuvor. Eine von den Hufen hochgeschleuderte Staubwolke hüllte mich ein. Eine Ansammlung haushoher Klippen befand sich einige Dutzend Yards rechts von mir. Ich hetzte in Zickzack-Linie geduckt darauf zu. Das Trommeln der Hufe kam mir nach. Schüsse knallten dazwischen.

Fast gleichzeitig mit mir erreichte der Reiter den Schatten der Felsen. Das Dröhnen der Waffen verstummte. Mein Atem flog. Schweiß brannte salzig auf meinen Lippen. In meinem Kopf drehte sich alles. Knieweich lehnte ich mich an einen Felsen. Teufel noch mal, in was für ’ne Geschichte war ich da nun wieder hineingeraten!

„Leland, dieser Satansbraten, muss dich mit mir verwechselt haben, Mister“, sagte der Mann auf dem großen braunen Pferd. „Es gibt keine andere Erklärung. Seit Sonnenaufgang schleicht er schon in meiner Nähe herum. Ich hab’ mir nichts anmerken lassen. Er hat wahrscheinlich fest damit gerechnet, dass ich gleich aus der Schlucht kommen würde. Bestimmt war er nicht darauf gefasst, plötzlich ’nen Fremden vor seinem Gewehr zu haben. Nicht in dieser gottverlassenen Gegend! Weiß der Kuckuck, ob es Pech oder Glück für dich war, dass du direkt aus der Sonne auf ihn zugekommen bist.“

Die Stimme klang gepresst. Der Mann saß etwas vorgeneigt im Sattel. Er war groß und breitschultrig. Seine derbe Reitertracht war ebenso staubbedeckt wie meine. Nun ja, er hatte in etwa meine Figur, und auch sein Pferd glich meinem Braunen. Es konnte schon sein, dass der von der Sonne geblendete Heckenschütze mich für ihn gehalten hatte.

Bevor ich mich auf Näheres einließ, spähte ich zum Berghang hinüber. Steine kollerten dort in einer Rinne. Weiter oben verschwand ein huschender Schatten zwischen einigen Sträuchern.

„Er haut ab“, stellte ich fest. „Scheint, dass du ihm den Spaß an seinen Zielübungen gründlich verdorben hast.“

„Typisch Leland!“ Der Breitschultrige spuckte aus. „Verdammt, Mister, wenn du nicht dazwischengekommen wärst, hätt’ ich ihn garantiert erwischt! Der hätte brav gewartet, bis ich plötzlich hinter seinem Rücken gestanden hätte! Genau das hatte ich vor. Und nun ...“

Er saß ab. Jetzt erst merkte ich, wie erledigt er war. Er musste sich am Sattelhorn festhalten. Er fluchte heiser. Es klang mehr verzweifelt und erschöpft als wütend.

„Hölle und Verdammnis, jetzt ist mir nicht nur dieser killeräugige Bastard durch die Lappen gegangen! Womöglich wird es mich auch noch hunderttausend Dollar kosten, dass ich dir den Skalp gerettet habe, Mann!“

Ich glaubte nicht recht zu hören. Ich starrte ihn an. Er hatte die rechte Hand unter die staubgepuderte Lederjacke geschoben. Als er sie hervorzog, war sie blutbesudelt. Er starrte darauf, das Gesicht schmerzverzerrt, und fluchte wieder. Ich lehnte meine Winchester an den Felsen und lief zu ihm.

„Lass sehen, wo’s dich erwischt hat!“

„Schulterschuss!“ Er schaute mich an, als hätte ich ihm das Ding verpasst. „Verflucht und zugenäht, damit hat es Leland nun doch geschafft, dass ich aus dem Rennen bin! Und alles nur ...“ Er seufzte, als er mein Stirnrunzeln sah. „Schon gut, Mann, schon gut, du kannst ja nichts dafür! Ich hätte es auch bleiben lassen können, wie?"

„Hättest du! Dann wäre ich jetzt tot!“, brummte ich. „Wer, zur Hölle, ist dieser Leland? Und was soll dieses Gefasel mit den hunderttausend Bucks?“

Er grinste rissig. Es war ein Grinsen, das ihn mir gleich viel sympathischer machte. „Bisschen viel Fragen für ’nen Mann, der sich kaum mehr richtig auf den Beinen halten kann!“ Er löste sich von seinem Pferd, schwankte zu einer Felsplatte und setzte sich ächzend. „Ich werd’s dir erzählen, wenn du mich verarztet hast. Hoffentlich verstehst du was davon. Es gibt nämlich keinen Doc in dem verdammten Goldgräbernest am Catclaw Creek.“

„Keine Angst, ich mach das schon“, beruhigte ich ihn.

Sein Grinsen vertiefte sich.

„So siehst du auch aus! Verbandszeug findest du in meinen Satteltaschen. Nimm auch die Flasche Brandy mit. Ich kann einen Schluck jetzt gut vertragen. Wie heißt du übrigens? Willst du auch zum Rennen nach Nuggetfield?“

„Ich bin Jed Callahan. Ich will einen ehemaligen Partner in Nuggetfield treffen. Von einem Rennen weiß ich nichts.“

„Nein? Dann musst du geradewegs vom Mond kommen, Callahan. Na ja, die Burschen in Nuggetfield haben sicher auch alles getan, damit es nicht an die große Glocke kommt und sich nicht noch mehr Konkurrenz einstellt. Von mir aus. Mein Name ist übrigens Dave Whitlow. Ich bin mit meinem Bruder von Sunny Hill runtergekommen, um Lorrimers Hunderttausend Dollar-Claim zu gewinnen. Nun starr mich nicht so an, Callahan, ich bin nicht verrückt!“

Er hatte die Jacke ausgezogen und tastete nach der blutverschmierten Schulter. „Verdammt, das brennt wie Feuer! Das Blei steckt noch. Du wirst es mit dem Messer rauskitzeln müssen, Hombre. Mach endlich die Flasche auf und gib mir einen Schluck!“

Ich zog den Korken mit den Zähnen heraus. Ich hatte mir in Prescott nicht mal Zeit für einen Drink genommen. Der Duft kitzelte meine Nase. Jetzt grinste auch ich. „Immer mit der Ruhe, Whitlow. Du hast sicher nichts dagegen, wenn auch ich mich bediene.“

 

*

 

Eine Stunde später sah er nicht mehr ganz so blass und eingefallen um die Nase aus. Er hatte die halbe Brandyflasche geleert. Währenddessen hatte ich ihn, so gut ich es konnte, verarztet. Er war ein harter Bursche. Die Kugel war glücklicherweise nicht besonders tief eingedrungen. Trotzdem hatte ich ihm einige Male verdammt weh tun müssen. Er hatte nur mit den Zähnen geknirscht und geflucht. Als ich jetzt mit meinem Sattel und den Ledertaschen von meinem erschossenen Pferd zurückkam, lehnte er noch wie zuvor am Felsen.

Seine Miene war finster. Noch deutlicher verrieten seine Worte, in was für einer miesen Stimmung er war. „Ich muss den Verstand verloren haben, als ich vor Lelands Gewehr gejagt bin, nur weil dir die Kugeln dieses Bastards um die Ohren gepfiffen sind. Mitch wird es vor Wut zerreißen, wenn er erfährt, wie es ausgegangen ist! Pest und Schwefel, dabei hatten wir die besten Trümpfe! Wir haben unsere letzten lumpigen Dollars zusammengekratzt, um die tüchtigsten Pferde, die wir auftreiben konnten, in dieses Teufelscamp am.Catclaw Creek zu bringen. Alles für die Katz! Ich könnt’ mir die Haare ausreißen! Mensch, sei ehrlich, Callahan, was hättest du denn getan?“

Mich nicht von Leland treffen lassen! lag mir auf der Zunge. Aber ich verbiss es. Es hätte ihm jetzt den Rest gegeben. Wenn einem so eisenharten Brocken die Nerven durchgingen, dann musste schon was an der Sache sein.

Ich kauerte bei ihm nieder. Die Sonne stand schon weit im Westen. Wenn wir noch vor Einbruch der Dunkelheit die Goldgräbersiedlung erreichen wollten, wurde es Zeit, dass wir aufbrachen. Aber ich hatte nun lange genug gewartet.

„Wer ist Mitch?“, wollte ich zur Einleitung wissen.

Er sah mich mit trüben, hoffnungslosen Augen an. „Mein junger Bruder. Er ist erst knapp über zwanzig und viel zu hitzköpfig und unerfahren, um in diesem Rennen auch nur unter die ersten zehn zu kommen. Abgesehen davon geht’s dabei um alles oder nichts! Entweder die Hunderttausend oder keinen rostigen Cent! Verstehst du, Callahan?“

„Nein! Aber wenn du mit der Story zur Abwechslung mal von vorn anfängst, Whitlow, werd’ ich es sicher irgendwann kapieren.“

„Mann, o Mann, hast du denn wirklich noch nichts von Ben Lorrimers Testament gehört? Bist du tatsächlich nur so auf dem Trip über die Harcuvar Mountains?“ Ein Forschen und Tasten war in seinen Augen.

Ich nickte nur. Da legte er den Kopf zurück, und ein tiefer Atemzug hob seine Brust. „Na klar, da musst du ja Leland und mich und alles, was du bisher mitbekommen hast, für total übergeschnappt halten!“ Ein krächzendes Lachen entrang sich seiner Kehle. „Genaugenommen ist es das ja auch!“

„Ich werd’s verkraften können“, meinte ich trocken.

Er schloss für ein, zwei Sekunden die Augen. „Nuggetfield war ein Kaff wie hundert andere Goldgräbernester in Arizona auch“, begann er dann. „Bis der alte Ben Lorrimer seinen großen Fund machte. Der Claim liegt eine Meile oberhalb von Nuggetfield in den Bergen. Lorrimer war ein alter Hase. Einer, der schon vor ’ner Ewigkeit beim kalifornischen Goldrausch mit dabei war. Da kannst du dir mal ausrechnen, wieviel graue Haare der schon hatte! Es heißt, er hat später in Nevada nach Silber geschürft. Als dann der alte Schieffelin mit seiner Lucky Cross-Mine dafür sorgte, dass Tombstone aus dem Boden gestampft wurde, war er ebenfalls nicht weit vom Schuss. Kurz gesagt: Sein Leben lang ist Lorrimer dem großen Glück nachgelaufen und hat doch immer nur die Abfälle der anderen eingesammelt.“

„Tausend anderen ging’s ebenso.“

„Der Witz kommt erst, Callahan: Ausgerechnet an dem Tag, als Old Lorrimer unter die Hufe eines durchgehenden, wild gewordenen Wagengespanns geriet, machte er kurz vorher den Fund, auf den er fast dreißig Jahre lang gewartet hatte! Wenn das nicht verrückt ist, was dann?“

„Wahrscheinlich kommt es noch toller“, brummte ich.

Whitlow lächelte fahl. „Und ob! Aber alles der Reihe nach. Lorrimer machte also seinen großen Fund. Während die meisten Digger von Nuggetfield schon drauf und dran waren, ihren Claim aufzugeben und ihr Glück im Silbergebiet von Tombstone zu versuchen, stieß Ben Lorrimer auf eine Goldader. Und was für eine! Ich hab’ mich selber überzeugt, Callahan. Kein Hirngespinst. Es waren sogar Leute vom Regierungsbüro da, um Erzproben zu machen. Diese Teufelsbonanza, um die sich jetzt alles dreht, ist mindestens hunderttausend Dollar wert! Hunderttausend, das ist amtlich, Mann! Stell dir nur mal so einen Haufen Geld vor!“

Seine Augen funkelten jetzt. Mehr und mehr Farbe kam in sein hartliniges Gesicht. Seine Worte fielen atemlos und wie gehetzt. Wie im Fieber! dachte ich und nahm mir vor, mich nur ja nicht davon anstecken zu lassen.

„Lorrimer muss es gleich erkannt haben. Kein Wunder, dass er außer Rand und Band geriet! Er kam mit Gebrüll und Geschieße in die Stadt herunter. Es wird erzählt, dass er mehr Lärm gemacht hat als ein angreifender Indianerstamm. Well, das Ergebnis war, dass die Pferde vor einem Wagen, der vorm Store stand, durchgingen und ihn über den Haufen rannten. Damit war’s aus mit Lorrimers Traum, es auf seine alten Tage doch noch geschafft zu haben. Er wurde so schlimm zugerichtet, dass er nur mehr fünf Tage lebte. Aber diese fünf Tage genügten ihm, einen Notar aus Phoenix holen zu lassen. Dem diktierte er dann sein Testament. Ich wette, das wird noch ganz Arizona in Aufregung versetzen!“

Whitlow brauchte eine Pause. Und mir dämmerte einiges. Ich konnte mir diesen Lorrimer gut als alten, verwitterten, verschrobenen Prospektor vorstellen. Die sogenannte „Erschließung des Kontinents“ hatte auf dieser Seite des Old Man River genug solche sonderbare und besondere Typen hervorgebracht.

Rastlose, die wie darauf eingeschworen waren, dem Ende des Regenbogens nachzujagen. Männer, die zu jeder Stunde bereit waren, alles hinzuwerfen und dem Ruf des Goldes in die entlegensten Canyons und Wüsten zu folgen. Es brauchte nur irgendwo und irgendwann ein neuer Run das alte Fieber aufflackern lassen. Ein Fieber, das nun auch in Whitlows Augen glitzerte. Es hatte schon verdammt viel Unheil angerichtet. Manchmal brachte es die besten Freunde dazu, mit den Messern oder Schießeisen aufeinander loszugehen.

Lorrimers Schicksal war kein Einzelfall. Das Leben solcher Besessenen bestand zumeist aus knochenbrechender Arbeit, Einsamkeit und einer endlosen Kette von Entbehrungen und Enttäuschungen. Doch in ihren Augen wurde all das aufgewogen von dem Traum, an den jeder von ihnen glaubte. Der Traum aller Spieler, dass eines Tages ausgerechnet ihn das große Los treffen würde.

„Lorrimer besaß keinen Erben“, berichtete der Verwundete weiter. „Damit stand fest, dass nach seinem Tod die Hölle los sein würde, wenn sein Claim herrenlos zurückblieb. McSween, der Town Marshal von Nuggetfield, begann schon Deputies anzuheuern. Denn Lorrimer war immer ein ,einsamer Wolf‘ gewesen. Er hatte auch keinen Freund und Partner, dem er seine Bonanza zusprechen konnte. Dafür hatte er noch auf dem Sterbelager eine Menge Sinn für echten Diggerhumor. Nur so konnte er auf die Idee kommen, den Sieger eines Wagenrennens von Nuggetfield nach Ehrenberg am Colorado als seinen Erben zu bestimmen. Frag mich nicht, wieso ausgerechnet ein Wagenrennen, Callahan! Möglich, dass das seine besondere Abrechnung dafür war, dass ihm ein Wagengespann an seinem Glückstag zum Verhängnis wurde.“

Whitlow schüttelte den Kopf. „Mitch und ich hätten nie unsere Ranch im Stich gelassen, wenn das Testament nicht absolut gültig wäre! Es klingt verrückt, aber es ist Tatsache: Jeder, der sich’s zutraut, ein Gespann quer durch die Wildnis zwischen den Harcuvar Mountains und dem Colorado River zu kutschieren, kann einen Hunderttausend Dollar-Claim gewinnen!“

Das also war’s! schoss es mir durch den Kopf. Das also hatte Jeff Scranton, mein einstiger Sattelpartner, gemeint, als er mir die Nachricht in Baxters Hotel in Prescott hinterlegte! Irgendwie hatte Jeff ebenfalls Wind von Lorrimers Testament gekriegt, und Jeff war genau der Typ, sich Hals über Kopf in so ein haarsträubendes Abenteuer zu stürzen.

„Wir haben eine Ranch droben bei Sunny Hill“, unterbrach Whitlow meine Gedanken. „Nicht gerade die beste Weide. Nun, du weißt sicher, wie es manchmal so geht. Wir hatten die beiden letzten Jahre ziemliches Pech mit unseren Rindern. Dazu kam ein Sack Schulden bei der Bank in Prescott. Für Mitch und mich war die Nachricht von Lorrimers Testament sowas wie ein Himmelszeichen. Aber uns war sofort klar, dass nur die besten eine Chance haben werden. Die besten Männer, die besten Pferde, die besten Wagen! Alles zusammen. Deshalb setzten wir alles auf eine Karte.“ Er holte tief Luft, bevor er hervorstieß: „Wir verkauften unsere letzten Rinder, damit wir bekamen, was wir noch brauchten: ein Klasse-Gespann!“

Eine Ranch ohne Rinder ... Das hieß, dass die Whitlow-Brüder vor dem Nichts standen, wenn ihnen Lorrimers Claim durch die Lappen ging. Ich meinte nur: „Du musst als Favorit tatsächlich weit vorn liegen, wenn einer deiner Rivalen dich mit ’nem Stück Blei loswerden wollte.“

„Du sagst es! Es sind neunundvierzig Wagen für das Rennen eingetragen. Aber im ganzen Camp gibt es höchstens noch zwei oder drei solche Gespanne wie unseres. Eins davon gehört Leland.“

„Wer ist der Mann?“

„Ein Spieler. Vor kurzem hat er mit seiner Freundin noch die Saloons in den Goldgräbersiedlungen entlang der Harcuvar Mountains unsicher gemacht.“ Whitlow bemerkte mein Stirnrunzeln. „Denk nur nicht, Callahan: Was will ein Kartenhai bei so einem Rennen, das mehr verlangt als ’ne flinke Hand? So rechnen viele in Nuggetfield. Leland, dieser Fuchs, bestärkt sie auch noch, indem er wie ein Dandy aus New Orleans rumläuft und einen Mexikaner seine Gäule versorgen lässt, damit er sich selber angeblich nicht die Hände dreckig macht. Aber ich bin überzeugt, dass der Kerl genau weiß, was seine Karten wert sind.“

„Hat er es dann überhaupt nötig, dir aufzulauern?“

„Nun ja, es geht eben nicht nur um das bessere Gespann, Callahan“, antwortete Whitlow nach kurzem Zögern. „Gewinnen kann auch ein anderer, wenn er den kürzesten Weg findet. Das ist der Haken an der Sache. Es gibt keine festgelegte Route. Wer als erster im Landbüro in Ehrenberg aufkreuzt und sich als Lorrimers Nachfolger einschreiben lässt, der hat’s geschafft. Bedingung ist nur, dass er auf einem zuvor in Nuggetfield nummerierten Wagen und mit einer vom Nuggetfielder Town Marshal ausgestellten Beglaubigung kommt. Jeder von uns hat schon so einen Wisch. Das Ganze ist schließlich seit Wochen vorbereitet worden. Außerdem dürfen immer nur zwei Männer auf einem Wagen sein. Begleitreiter sind nicht zugelassen.“

„Und wieso nach Ehrenberg?“, erkundigte ich mich.

Whitlow verzog den Mund. „Wieso Lorrimer auf Ehrenberg gekommen ist, weiß niemand. Vielleicht, weil die Strecke dahin alles andere als ein Spazierweg ist.“

„Die Abkürzung“, erinnerte ich ihn. „Hast du sie gefunden?“

Der Verwundete nickte. „Seit Tagen bin ich deshalb in den Bergen unterwegs. Leland muss es gemerkt haben. Es kommt nämlich drauf an, so schnell wie möglich die Postkutschenstraße zwischen Wickenburg und dem Colorado River zu erreichen, die südlich der Harcuvar und Plomosa Mountains verläuft. Für einen Reiter kein Problem. Aber jeder, der es mit ’nem Wagen versucht, würde irgendwann in ’nem Abgrund oder in einer Sackgasse landen. Sieh her, Callahan!“

Er hatte seine Verletzung vergessen. Wahrscheinlich auch die Tatsache, dass das Rennen für ihn bereits „gelaufen“ war. Mit der Spitze. seines Messers zeichnete er eine Skizze in den Sand.

„Hier hast du die Harcuvar Mountains. An ihrem Nordrand liegt Nuggetfield am Catclaw Creek. Nach Norden hinauf bis zu den Buckskin Mountains und westwärts bis über den Papago Wash dehnt sich eine halbwüstenartige Ebene. Im Westen liegt ja auch Ehrenberg. Die Plomosa-Berge schieben sich von Süden herauf wie ein Riegel davor. Der einzige Wagentrail führt dort durch den Mulebone Canyon. Das ist ein Umweg nach Norden von etwa dreißig Meilen. Im Camp am Catclaw Creek haben sich die meisten damit abgefunden. Das heißt, dass sie erst westlich der Plomosas zur Overland Road stoßen und auf ihr die Reststrecke nach Ehrenberg zurücklegen werden. Aber jeder, der früher auf der Postkutschenstraße ist, der hat es so gut wie geschafft!“

Ich betrachtete seine Sandzeichnung und nickte. „Schade, dass Leland dir auf die Schliche gekommen ist, was?“

Whitlow grinste rissig. „Leland hat den Braten zu spät gerochen. Die Stelle liegt zu weit weg von hier. Ihm bleibt keine Zeit mehr, meine Spur zurückzuverfolgen. Denn morgen geht es schon los!“

„Morgen?“ Es gab mir unwillkürlich einen Stich.

Er lachte gepresst. „Ja, zum Teufel! Und ich bin immer noch der einzige, der den kürzesten Weg über die Berge kennt und damit alle Trümpfe in der Hand hält! Ein Hunderttausend Dollar-Geheimnis sozusagen.“

„Schön für dich!“, brummte ich und stand auf. „Aber mich geht es zum Glück ja nichts an.“

Seine Miene verfinsterte sich jäh. „Es geht dich sehr, wohl etwas an, nachdem Jack Leland mich nun doch geschafft hat! Dabei hatte ich alle Chancen, ihn zu erwischen!“

„Schön, du hast mir das Leben gerettet und ein Stück Blei dafür kassiert. Ich kann das genausowenig rückgängig machen wie du. Was willst du eigentlich?“

Er blickte mich durchdringend und abschätzend an. Ich spürte förmlich, wie es in seinem Gehirn tickte. Ich spürte aber auch, wie verzweifelt er war. Aber er war nicht der Mann, der so schnell alle Hoffnungen und Pläne begrub. Ich merkte ihm an, welche Frage ihm auf der Zunge lag. Die Frage nämlich, ob ich schon mal ein Wagengespann gelenkt hatte.

Doch dann hielt er sich doch zurück und knurrte nur: „Bring mich erst mal ins Camp zu meinem Bruder. Dann reden wir weiter. Es sind nur acht Meilen. Mein Brauner ist kräftig genug, uns beide zu tragen.“

 

*

 

Der Himmel im Westen war ein loderndes Flammenmeer, als ich Whitlows Braunen auf einem niedrigen Bergkamm zügelte. Unter uns lag Nuggetfield. Whitlow, der erschöpft zusammengesunken vor mir auf dem Pferd hockte, hatte recht gehabt: Mit dem Nest war wirklich nicht viel los. Zwei Dutzend Bretterhütten beiderseits einer staubigen, mit Abfällen bedeckten Straße, dazu ein Gewirr windschiefer Anbauten, morscher Zäune und Hinterhöfe, auf denen sich Hühner und Schweine tummelten das was alles. Sogar die protzig aufgemachten Tingeltangel-Buden fehlten hier.

Der Ort verströmte Untergangsstimmung. Nur der Rauch aus den Blechschornsteinen verriet, dass es überhaupt Menschen dort gab. Es war eins von den Kaffs, die über Nacht aus dem Boden wuchsen und ebenso schnell wieder verschwanden, wenn kein Gold mehr in der Umgebung zu finden war. Die Claims am Hang unter uns wirkten genauso trostlos. Ihre Grenzen waren mit Holzpflöcken markiert. Die Zelte und Kistenbretterhütten waren leer. Rüttelsiebe, Spaten und Hacken lagen herum, als hätte jeder mitten in der Arbeit alles im Stich gelassen.

Whitlow hatte beim Aussetzen des Hufschlags den Kopf gehoben. Wahrscheinlich wäre er längst vom Pferd gekippt, hätte ich ihn nicht festgehalten. Mühsam brachte er eine Hand hoch. „Da!“

Ich hatte das Gewimmel am Fuß eines Berghangs weiter rechts von uns schon entdeckt. Der Catclaw Creek schlängelte sich dort zwischen Klippen und Douglastannen hervor. Weit draußen auf der versandeten, von niedrigen Bodenwellen durchzogenen Ebene war er nur mehr ein schmales Rinnsal, das sich noch weiter nördlich im Nichts des sonnenversengten Landes verlor.

Dort, wo der Creek aus den Bergen kam, war die Grasnabe noch dicht und bot den Pferden reichlich Nahrung. Das Camp war weit verstreut. Genau genommen war es aus vielen Einzelcamps zusammengesetzt, die sich wie ein Keil bis ins Trockengebiet hinausschoben. Der Sonnenuntergang überglänzte alles wie mit einer Feuersbrunst. Es war ein Durcheinander von Wagen, Seilkorrals mit Pferden, Zelten, Zweighütten, Sonnenschutzdächern und aus Steinen gebauten Feldschmieden. Das alles wurde von emsig beschäftigten Gestalten belebt. Ich schätzte, dass weit über hundert Menschen dort versammelt waren.

Whitlow drehte mir sein graues Gesicht zu. Es war von dunklen Linien durchzogen. Aber er grinste, als wollte er fragen: „Na, hab’ ich zuviel versprochen?”

Ich hatte jedoch für ein paar Sekunden das Gefühl, dass es besser gewesen wäre, auf der Stelle umzukehren, nach Prescott zurückzureiten und mir dort einige gemütliche Tage zu machen. Aber ohne eigenes Pferd war das leichter gedacht als getan. Außerdem würde es Whitlow auf seinem Gaul ohne mich keine zweihundert Yards weit schaffen, so fertig war er.

Sein flackernder Blick suchte eine bestimmte Stelle an den Bergflanken östlich des Catclaw Creek. „Da drüben, wo die beiden Felsnadeln dicht beisammenstehen, da ist es!“, keuchte er. „Lorrimers Claim! Marshal McSween lässt ihn rund um die Uhr von seinen vier tüchtigsten Deputies bewachen, bis das Rennen entschieden ist. Na los, Callahan! Worauf wartest du? Mitch wird sich schon Sorgen machen, weil ich noch nicht zurück bin!“

Ich reagierte nur mit einem Achselzucken auf diesen Ton. Denn Goldfieber hin, Wettrennen her - als es drauf angekommen war, hatte Dave Whitlow nicht gezögert, seine Haut für mich zu riskieren. Burschen, denen ich mein Leben verdankte, liefen nicht gerade scharenweise im Westen herum. Es war Whitlows gutes Recht, darauf zu zählen, dass er ’nen dicken Stein bei mir im Brett hatte.

Die Nacht brach herein, als wir den Fuß der Berge erreichten. In der Stadt gingen nur da und dort ein paar Lichter an. Drüben am Catclaw Creek flackerten jedoch mindestens vierzig Lagerfeuer. Beim Näherkommen fiel mir auf, dass die einzelnen Gruppen sich so getrennt hielten, als wäre bei ihren Nachbarn die Pest ausgebrochen. Kein Wunder eigentlich. Denn morgen, wenn Marshal McSween den Startschuss gab, würde jede Wagenbesatzung erbitterter Gegner aller anderen sein.

Ich brauchte nur diese verkniffenen, fiebrigen, misstrauischen Gesichter anzusehen, um zu wissen, was es geschlagen hatte. Noch ehe wir an den ersten Wagen und Feuern vorbei waren, spürte ich die Spannung, die das Camp umfing. Es war, als würde ein elektrischer Funke auf mich überspringen. Ein Kribbeln durchlief mich bis in die Fingerspitzen. Nein, zum Teufel, das war kein Platz, an dem ich mich wohlfühlen konnte!

Diese dumpfe Ruhe war nur Oberfläche. Darunter gärte und brodelte es. Viele warteten hier schon Tage darauf, dass es endlich losgehen würde. Nun waren es nur mehr Stunden. Mit jeder, die verstrich, wuchs die Spannung. Plötzlich war ich überzeugt, dass diese Nacht nicht vergehen würde, ohne dass irgendwann Schüsse fielen. Irgendeiner würde die Nerven verlieren. Ein anderer verfiel vielleicht auf die Idee, einen verhassten Rivalen mit ein „bisschen“ Sabotage am morgigen Start zu hindern.

Ich witterte es förmlich. Andere witterten es offenbar auch. Sie hatten Warnschilder um ihre Wagen und Pferdekorrals aufgestellt, auf denen jedem eine schnelle Kugel garantiert wurde, der ohne Erlaubnis die Grenze dazwischen überschritt. An jedem Feuer, an dem wir vorbeiritten, verstummte schlagartig das Gespräch. Misstrauen und Feindseligkeit umgaben mich so deutlich wie Aasgeruch.

„Es ist Whitlow!“, kam dann von irgendwoher ein heiserer Ruf. „He, seht euch das an, den hat’s erwischt!“

Der Mann vor mir auf dem Pferd knirschte mit den Zähnen. „Am liebsten wäre es den Kerlen, wenn du mich als Leiche anschleppen würdest, Callahan! Dann würde sich jeder für die nächsten Tage wieder mehr Chancen ausrechnen. Jeder ist hier der Feind von jedem. Zur Hölle mit dem Pack!“

„Vergiss nicht, dass auch du dazu gehörst“, erwiderte ich. Aber es waren tatsächlich Burschen dabei, denen ich ohne meinen Colt lieber nicht allein droben in den Bergen begegnet wäre. Ansonsten gab’s hier alle möglichen Typen: ehemalige Handwerker, Rinderleute, Holzfäller, Frachtfahrer, Barkeeper. Kurzum, jeder war da, der irgendwie Wagen und Pferde hatte auftreiben können.

Ich hatte mir vorgenommen, mich über nichts mehr zu wundern. Aber was ich da an alten Rumpelkästen und klapprigen Mähren zu sehen bekam, brachte mich doch zum Kopfschütteln. Da standen sogar zwei riesige, klobige Conestoga-Frachtwagen. Drüben bei den Catclaw-Sträuchern, von denen der Creek seinen Namen hatte, entdeckte ich eine alte und ziemlich lädiert aussehende Postkutsche.

Die meisten anderen Fahrzeuge waren Farmwagen jeglicher Größe. Dann gab’s noch einige leichte Studebaker-Planwagen, drei oder vier kutschenähnliche Rockaway-Wagen und ein paar Zweiradkarren. Die Männer passten nicht immer dazu. Ich entdeckte Gestalten, die aussahen, als hätten sie nie im Leben Zügel und Peitsche gehalten. Einigen traute ich es zu, eher mit ihren Schießeisen als Fahrkünsten ihre Rivalen aus dem Feld zu schlagen.

Jedes Fahrzeug war links und rechts und am Heckbrett mit grellroter Farbe nummeriert. Whitlow hatte mir den Weg zu seinem Wagen beschrieben. Wir mussten durch den Creek. Das Wasser reichte nur knapp bis über die Fesseln des Braunen. Als ich zurückschaute, kam uns eine Traube Männer nach, die genau wissen wollten, ob sie morgen noch mit Whitlow zu rechnen hatten.

Whitlows Fuhrwerk war ein robuster Abingdon-Farmwagen mit der Ziffer 41. Diese Modelle waren hier am meisten vertreten. Auf den ersten Blick konnte man denken, dass die leichteren Buggys und Rockaways mehr Chancen hatten. Bei einem Zehn-Meilen-Rennen hätte das vielleicht gestimmt. Nicht bei einer zwei oder drei Tage dauernden Wettfahrt durch wildes Land.

Da galten andere Maßstäbe. Da kam es nicht nur darauf an, dass ein Wagen schnell, sondern auch stabil war. Vor allem aber ging’s um die Pferde und darum, wie gut der Mann auf dem Bock mit ihnen zurechtkam. Whitlow hatte vier Tiere in einem aus Lassos und Pflöcken gebauten Korral. Als ich sie sah, vergaß ich für einen Moment alles andere. Whitlow hatte nicht geprahlt. Pferde waren meine Spezialität. Ich sah sofort, dass die vier vom niedrigen Feuer angestrahlten Prachtstücke zusammen gut und gern dreitausend Dollar wert waren.

Ein stolzer Preis für Gäule, die nicht zum Reiten, sondern zum Wagenziehen abgerichtet waren. Doch die Wells Fargo Company hätte die Whitlow-Brüder um dieses Gespann sicherlich beneidet. Ja, es waren Renner. Aber nicht von der Sorte, die auf fünf Meilen allen davonliefen und denen dann die Puste ausging. Diese Tiere da würden den ganzen Tag lang ein feuriges Tempo halten, wenn sie nur dann und wann mal zwischendurch verschnaufen durften.

Erst das Auftauchen von Whitlows „kleinem“ Bruder lenkte mich von ihnen ab. Mitch war ein junger, drahtiger Bursche, an dem mir sofort das tiefgeschnallte Schießeisen auffiel. So trug kein gewöhnlicher Rindermann seinen Colt. Es war ein 44er mit Elfenbeingriffschalen. Die Halter war mit Lederschnüren am rechten Oberschenkel festgebunden. Natürlich durfte man einen Mann nicht nur nach seiner Waffe einschätzen. Mitch trug einfache Cowboykluft. Sein Gesicht war schmal, kantig, sonnengebräunt. Etwas Unstetes, Wildes war in seinem Blick.

Ein Hitzkopf, hatte Dave angedeutet. Einer, der nicht im Traum dran denkt, sein Leben lang hinter stinkenden Kuhschwänzen herzureiten, fügte ich in Gedanken hinzu. Weiß der Kuckuck, vielleicht war es nicht nur die halb bankrotte Ranch und die Hoffnung auf schnellen Reichtum, die Dave hergetrieben hatte! Vielleicht war die Aussicht auf Lorrimers Claim seine einzige Chance, Mitch dran zu hindern, mit dieser verdammten Kanone sein „Glück“ zu versuchen. Die Friedhöfe zwischen dem Old Man River und Kalifornien waren voll von solchen närrischen jungen Möchtegernschießern.

Mitch kroch gerade unter dem Abingdon-Wagen hervor. Wahrscheinlich hatte er, nur um etwas zu tun, zum x-ten Male die Achsen und Räder inspiziert. „Dave, endlich! Was ...“

Er brach ab, als er merkte, wie es um Dave stand. Sein Blick zuckte sofort zu mir. Im selben Moment hielt er auch schon die Hand am Kolben seines Sechsschüssers. Eine wie eingefleischte Bewegung. Und ein Beweis dafür, dass ich ihm mit meiner ersten Einschätzung nicht allzu unrecht getan haben konnte. Seine schlanke Gestalt war plötzlich wie eine Stahlfeder gespannt.

„Was ist passiert, Dave? Wer ist der Mann?“

„Lass bloß die Kanone stecken, Kleiner!“, schnaufte Whitlow. „Ich hab’ auch so schon genug Ärger am Hals Das ist Jed Callahan. Er kam dazwischen, als ich droben bei der Eagle Gulch mit unserem alten Freund Leland beschäftigt war.“

Ich saß ab und half ihm ebenfalls herab. Die Beine knickten ihm durch. Mitch kam nicht auf die Idee, mir zu helfen, als ich ihn zum Wagen führte.

„Dave! Um Himmels willen, nun sag bloß nicht, es hat dich so schlimm erwischt, dass du morgen nicht ...“

„Genau das wollte ich dir eben schonend beibringen!“, ächzte Dave, während er sich ins Gras setzte und gegen das hintere Wagenrad lehnte. Mitch starrte ihn an, als hätte er einen Schlag auf den Kopf bekommen. Sein Gesicht färbte sich grau.

„Sag, dass es nicht wahr ist, Dave!“, keuchte er.

„Frag ihn!“, murmelte Dave mit einer Kopfbewegung zu mir. Ich spürte die Absicht. Er selber wollte es nochmals hören - von mir. Und ich ahnte, warum.

„Ein schießwütiger Typ hat mich mit ihm verwechselt“, berichtete ich knapp, i „Wahrscheinlich hätte der Halunke sich meinen Skalp geholt, wäre dein Bruder nicht dazwischengegangen. Jedenfalls hält es kein Mann mit so einem Loch in der Schulter auf einem Wagen aus.“

Damit beachtete ich Mitch nicht weiter. Denn Daves Wunde war aufgebrochen, der Verband blutgetränkt. Ich beeilte mich, ihm einen neuen anzulegen. Währenddessen versammelten sich immer mehr Männer am Rand des Lichtkreises. Als ich zwischendurch aufblickte, war ich betroffen über den Hass, der mir aus Mitchs Augen entgegenloderte. Er stand da, wieder mit der Hand am Colt, als hätte ich an allem die Schuld. Ohne den glühenden Blick von mir zu wenden, spuckte er ins Feuer, dass es zischte.

Eine Herausforderung. Aber ich hatte keine Lust, mich darauf einzulassen. Es gab schon genug Verrückte hier im Camp. Ich wollte nicht auch noch dazugehören. Als ich den letzten Verbandsknoten festzog, hörte ich Schritte hinter mir. Dann eine mürrische Stimme.

„Geht es also schon los! Der erste Angeschossene, der noch dazu von einem Fremden ins Camp gebracht wird. Wie soll ich mir das zusammenreimen, Whitlow, he?“

Ich stand auf und drehte mich um. Der Mann war einen Kopf kleiner, aber ziemlich massig. Er stand da wie ein Klotz. Die Enden eines buschigen Schnurrbarts hingen über seine Mundwinkel. An seiner ärmellosen Weste funkelte ein Fünfzack aus Büchsenblech. Town Marshal McSween. Die vergangenen Wochen und Tage hatten Spuren auf seinem grimmigen Gesicht hinterlassen. Wahrscheinlich war er der einzige, der Lorrimer samt seinem Testament im nachhinein noch zum Teufel wünschte. Ein schlaksiger Bursche mit einem Deputy-Abzeichen und einem Gewehr stand wachsam schräg hinter ihm.

„Na?“, schnappte der Sternträger und starrte mich dabei an.

Whitlow winkte ab. „Das ist Jed Callahan“, krächzte er. „Ein Freund von mir“, fügte er mit einem Seitenblick auf seinen wildäugigen Bruder hinzu. Mitch kommentierte es mit einem Schnauben.

McSween musterte mich aus kühlen, harten Augen. Seine Frage galt jedoch wiederum Whitlow: „Wie ist es passiert?“

Das Gemurmel und Gescharre ringsum war verstummt. Etwa zwei Dutzend Neugierige waren inzwischen da. Mein alter Sattelkumpan Scranton war nicht dabei. Ich dachte jetzt auch nur flüchtig an ihn. Denn als Whitlows Antwort auf sich warten ließ, spürte ich sofort, dass irgendwas nicht stimmte. Ich wandte mich halb zu ihm um. Whitlows Miene war angespannt, seine Augen glühten. Plötzlich sahen er und Mitch einander sehr ähnlich.

„Da ist der Mann!" Whitlows ausgestreckte Hand bebte leicht. Aber da war keiner, der nicht sofort wusste, wen er meinte. „Wenn Sie Ihren Stern nicht bloß zur Zierde herumschleppen, McSween, dann stecken Sie diesen Bastard hinter Schloss und Riegel! Droben bei der Eagle Gulch hat er versucht, Callahan und mich umzubringen!“

 

*

 

Eine Lücke klaffte plötzlich im Kreis der Zuschauer. In ihr blieb eine dunkel gekleidete, sehnige Gestalt zurück. Das also war Jack Leland. Ein Mann etwa in meinem und Whitlows Alter. Inmitten der rauen, derb gekleideten. Goldsucher wirkte er wie ein Fremdkörper. Er stand lässig da. Eine Zigarette klebte in seinem rechten Mundwinkel. Sein Maßanzug war frischgebügelt, sein Hemd blütenweiß, die Kragenschleife saß makellos. Sein Gesicht war schmal und glatt, die Hände nervig. Ringe funkelten an ihnen.

Ich sah keine Waffe an ihm. Die hätte auch nicht zu der Rolle gepasst, die er spielte. Denn es war nur eine Rolle, erkannte ich, als ich seine Augen sah. Kalte, wissende, durchdringende Augen. In so einer Umgebung wie ein Dandy aus New Orleans herumzulaufen, dazu gehörte entweder eine Portion Dummheit oder Kaltblütigkeit. Und dumm, das verrieten seine Augen, war Leland bestimmt nicht. Er lächelte nur, als alle Blicke sich wie auf Kommando auf ihn richteten. Ein spöttischer Unterton schwang in seiner Stimme.

„Keine Ahnung, von was du redest, Whitlow.“

Zusammenfassung

„Lass alles liegen und stehen, Callahan!“, hatte mein alter Freund Jeff Scranton mit ungelenker Schrift auf einen Zettel gekritzelt. „Mach Dich gleich auf die Socken, damit Du noch rechtzeitig nach Nuggetfield kommst. Reite, Hombre, reite! Der Teufel verteilt hier goldene Chips, und mit etwas Glück können wir beide für ein Leben lang ausgesorgt haben!“
Das hörte sich verdammt gut an – und ich machte mich sofort auf den Weg. Dass ich allerdings schon wenig später in Teufels Küche geraten und mich in ein riskantes Spiel einkaufen würde, davon hatte Jeff nichts geschrieben. Aber das sollte ich schon bald am eigenen Leib erfahren – denn Jeff, ich und Mitch Whitllow nahmen an einem höllischen Rennen teil, an dessen Ende hundertausend Dollar auf den Sieger warteten. Oder der Tod, wenn man Pech hatte!

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738925876
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Januar)
Schlagworte
callahan teufelsrennen

Autor

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Titel: Callahan #19: Das Teufelsrennen