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Gesetz ohne Gnade

2019 175 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Gesetz ohne Gnade

Copyright

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

Gesetz ohne Gnade

Western von Larry Lash

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 175 Taschenbuchseiten.

 

Das wilde Schießen und Schreien kommt näher. Plötzlich taucht in der Dunkelheit ein Mann auf und feuert. Zum zweiten Mal hebt der Fremde den rauchenden Colt.

Da zischt etwas durch die Luft. Der Schütze fährt jäh zusammen. Lautlos fällt er vornüber in den Staub der Fahrbahn. Seine Hände zucken — dann liegt er still.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

(Originaltitel: Ohne Gnade)

© Cover: Nach einem Motiv von Meinard Dixon, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1.

Als das Wolfsgeheul abbrach, erwachte Jim Sutherland aus seinem totenähnlichen Schlaf. Noch benommen schlug er die Augen auf und richtete den Blick gegen die rauchschwarze Decke.

„Muss eine turbulente Nacht gewesen sein“, murmelte er. „Dieser verdammte Whisky! Ich glaube, ich werde alt und kann nicht mehr viel vertragen. Was waren das doch für Zeiten, als Brod noch lebte, als die alten Freunde zusammenkamen. Das waren noch herrliche Nächte! Wo sind diese Zeiten geblieben?“ Jim Sutherland fuhr sich mit der Rechten über das Gesicht. Die Hand war feucht.

Jim richtete sich auf, erhob sich und trat vor den Spiegel. Spärlich drang das Mondlicht ins Zimmer. Er sah sich selbst, hager, mit tiefliegenden Augen und vorspringenden Wangenknochen. Das Gesicht war faltig, das Haar an den Schläfen ergraut.

Jims Kopf schmerzte, die Beine zitterten. Vergeblich mühte er sich, das Gelage dieser Nacht in sein Gedächtnis zurückzurufen. Ihm wurde schwindlig; er schwankte zum Fenster und riss es weit auf. Kalte Nachtluft schlug ihm entgegen. Schwer atmend blickte er in die Dunkelheit, in die Stadt, die ihn zum Sheriff gemacht hatte.

Es war nur eine kleine Rinderstadt. Schwarz und drohend wirkten jetzt die kleinen Holzhäuser von Danstone, die sich dicht zusammendrängten, so dass enge Straßen und Gassen entstanden waren. Noch vor einem Jahr hatte Jim Sutherland diese Stadt nicht gekannt. Es wäre ihm nicht im Traum eingefallen, dass er hier einmal den Sheriffstern tragen würde.

Danstone lag im Puma Valley, mitten in Arizona, in dem „Land der kleinen Flüsse“, wie die Indianer es genannt hatten. Das einzig Schöne an Danstone war die herrliche Umgebung. Die Stadt selbst war düster, grau und trostlos, und zwar so sehr, dass keiner von Jims Vorgängern es lange ausgehalten hatte. Entweder waren sie schnell davongeritten, oder man hatte sie zur letzten Ruhe auf den Stiefelhügel gebettet. Wer lebensmüde war, brauchte sich nur um den Sheriffstern dieser kleinen Town zu bemühen. Er konnte mit Sicherheit damit rechnen, dass ihn bald eine Kugel aus der Welt und aus einem verpfuschten Leben brachte.

„Mein Leben ist auch verpfuscht“, knurrte Jim und legte sich wieder auf sein hartes Lager, das in meinem Büro aufgeschlagen war.

Jim Sutherland wohnte in einem ärmlich eingerichteten Büro. Es war gleichzeitig Wohnraum, Küche und Schlafraum. Nicht einmal eine Zelle gab es im Sheriff-Office. Wahrscheinlich brauchte man keine, denn hier ließ sich niemand gefangen nehmen. Die Menschen in Danstone waren besonders hitzköpfig, der Colt saß locker, und niemand hatte den Sheriff bisher ernst genommen. Hier galt noch das Gesetz der brutalen Gewalt. Wer es ändern wollte, musste sterben oder fliehen. Trotzdem bemühten sich die Bürger immer wieder um einen neuen Mann, der ihnen durch das Tragen des Sternes das Gefühl der Ordnung und des Rechtes vermitteln sollte.

Worüber gewisse Kerle in helles Gelächter ausbrechen, dachte Jim. Er wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn. Wieder dachte er an das Saufgelage, in das man ihn hineingezogen hatte und in dem er untergegangen war.

„Ich tauge nicht viel“, sagte Jim leise, tief beschämt über seine Niederlage. „Gestern erklärte mir jemand, dass ich schon viel zu lange im Amt sei. Er sagte es mir voller Hohn. Ich sei der erste Sheriff, der es fast ein Jahr durchgehalten habe, und das sei eine Sensation. Ich sollte ihm verraten, wie ich das mache und wer mir Informationen zukommen ließe, um mich rechtzeitig aus dem Staub zu machen, wenn man mich brauche. — By gosh, ich glaube, ich habe ihm die Faust mitten ins Gesicht geschlagen.“

Jim Sutherland glaubte es, aber er war sich seiner Sache nicht sicher. Er versuchte sich zu erinnern und strengte sein Hirn an, aber nur verschwommene Bilder tauchten vor seinem geistigen Auge auf. Er fragte sich, wie er aus dem Saloon heraus und in das Sheriff-Büro gekommen war. Hatte er noch aufrecht gehen können, oder war er auf allen Vieren hierhergekrochen?

Die Unruhe trieb Jim abermals vom Lager hoch. Mit unsicherer Hand machte er Licht. Er drehte den Docht der Petroleumlampe höher und schaute zur Tür. Sie war von innen verschlossen, also hatte ihn keiner in das Büro gebracht.

In einem Schrank stand eine Kanne mit kaltem Tee. Jims Durst war so groß, dass er sich nicht erst die Zeit nahm, den Tee in eine Tasse zu gießen. Er trank aus der Kanne und fühlte sich dann ein wenig frischer. Das ernüchterte ihn sogar so sehr, dass er sich daran erinnerte, warum das Saufgelage stattgefunden hatte. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken.

„Hölle!“, kam es über seine Lippen. „Sie haben meine Beerdigung gefeiert!“

Das war es! Es klang wie ein makabrer Witz. Er hatte es nicht ernst genommen und sich an dieser eigenartigen Feier beteiligt, in der er selbst der Mittelpunkt war.

„Wenn das so ist, dann bin ich neu geboren“, grinste Jim Sutherland verkniffen und stellte die Teekanne ab.

Ihm war so elend, dass er sein Herz klopfen hörte. Er setzte sich und dachte nach. Dabei kam ihm die Erkenntnis, dass man ihn verhöhnt hatte, dass man ihm aber auch ein Zeichen gegeben hatte, den Stern abzulegen und davonzureiten. Man hatte die Feier nicht ohne Grund inszeniert. Irgendjemand räumte ihm eine Gnadenfrist ein, die er nutzen sollte. Das alles begriff er jetzt, obwohl der genossene Alkohol ihm schwer zu schaffen machte.

Die ganze Stadt wusste Bescheid. Sie hielt jetzt den Atem an und schaute auf ihn, auf Jim Sutherland, den Mann ohne Freunde, auf den ehemaligen Cowboy, der ziellos durch die Welt geritten war. Er hatte nach dem Tod seines Bruders Brod keine Ruhe gefunden. Er war auf der Jagd nach den Männern gewesen, die Brod umgebracht hatten. Es hatte Jahre gedauert, und die letzte Spur war im Sand verlaufen. Er spürte die Enttäuschung des Jägers, der seinem Wild vergeblich nachgestellt hatte. Danach waren schwere Jahre für ihn gekommen, in denen er sich durchschlagen musste. Er fand keine Arbeit. Viehseuchen hatten die Rancher zu Entlassungen von Cowboys gezwungen. Ein bitterkalter Winter hatte die Treibherdenmannschaft aufgelöst, in der er geritten war. Er allein war davongekommen und hatte sein Leben retten können. Jim erinnerte sich nicht gern an diese Zeit, in der die Not sein ständiger Begleiter gewesen war. Er war damals froh gewesen, als er den Sheriffposten in Danstone angeboten bekam. Er hatte den Stern angelegt und die Eidesformel auf das Gesetz gesprochen. Der Sheriffposten war ihm lieb gewesen, das konnte er nicht abstreiten. Hier in dieser dreckigen Stadt war er gelandet, und es war ihm gelungen, sich ein bescheidenes Dasein aufzubauen. Das sollte jetzt alles wieder vorbei sein?

Der Winter stand vor der Tür. Arbeit gab es kaum auf den Ranches. Jeden Tag durchritten stellungslose Cowboys die Stadt auf der Suche nach einem Job. Manch einer von ihnen hatte Pferd, Sattel und Zaumzeug verkaufen müssen und war nach einigen Tagen Aufenthalt zu Fuß weitergezogen. Die Folge war, dass sich diese Leute lichtscheuem Gesindel anschlossen.

Jim Sutherland spürte die unsichtbare Drohung, die über dem Land lag. Die Not trieb viele Männer dazu, mit Banditen zu reiten. Jim war nicht dumm, er hatte die Anzeichen schon seit Wochen bemerkt. Man musste sich auf harte Auseinandersetzungen gefasst machen. Die Rancher waren bereits unruhig geworden und hatten ihre Cowboys enger um sich geschart. Alles deutete darauf hin, dass das Banditenunwesen stärker wurde. Niemand hatte sich aber mit Jim ausgesprochen. Nicht ein Rancher war zu ihm gekommen, um ihm seine Befürchtungen mitzuteilen.

„Sie nehmen mich nicht für voll und tragen ihre Angelegenheiten selbst aus“, murmelte Jim. „Während meiner Zeit hier habe ich das Vertrauen der Leute nicht erringen können. Für sie bin ich ein ganz gewöhnlicher Satteltramp, mit dem man sich nicht einmal gemeinsam an den Tisch setzt. Für sie bin ich der abgerissene Fremde geblieben, der den Posten als Sheriff nahm, weil es die letzte Rettung für ihn bedeutete. — Nein, sie mögen mich nicht! Für sie bin ich ein Aushängeschild für das Gesetz, das in Wirklichkeit noch nicht bis Danstone gedrungen ist.“

So war es. Jetzt stand Jim Sutherland den Ranchern und dem lichtscheuen Gesindel im Wege. Den Ranchern, weil sie ihn für unfähig hielten, den Banditen, weil sie einen harten Brocken in ihm sahen, der ihnen Schwierigkeiten bereiten konnte.

Jim spürte deutlich, dass er zwischen zwei Feuern stand. Niemand hatte etwas dagegen gehabt, dass er sich sinnlos betrank. Jetzt schämte er sich dessen — der Katzenjammer war da! Er versuchte ihn loszuwerden und holte eine Waschschüssel. Aus dem Wassereimer goss er Wasser hinein, zog das Hemd aus und tauchte Kopf, Hände und Ellbogen in das kalte Wasser.

Ich war ein Narr, dass ich da mitmachte, dachte er voller Abscheu. Ich war wohl der einzige, der es für einen Witz hielt, wenn auch für einen reichlich schlechten. Aber sollte ich mit dem Eisen in der Hand Sturm gegen sie laufen? Sie haben jetzt ihren Spaß gehabt — und wer weiß, wer zuletzt lacht.

Jim wusste, dass er weder davonreiten würde, noch gewillt war, sich einen Platz auf dem Stiefelhügel auszusuchen. Er würde bleiben und damit genau das tun, was man am allerwenigsten von ihm erwartete. Er war wohl nicht so wie seine Vorgänger, die entweder aufrechte Männer gewesen waren und starben oder der Belastung nicht standhielten und davongeritten waren.

Nein, Jim wollte nicht davonreiten, wollte nicht irgendein Reiter ohne Ziel sein, der überall, wohin er auch kam, ungern gesehen wurde und ein ungebetener Gast war. Er kannte das harte Leben, das ein Langreiter zu führen hatte. Mit ein wenig Wehmut im Herzen dachte er an Montana, an seine Heimat, aber es wurde ihm auch gleichzeitig klar, dass für ihn kein Weg dorthin zurückführte. Es gab keine Heimatranch mehr, niemanden, der auf ihn wartete. Auch in der Heimat würde er nur ein Fremder sein.

Das eine Jahr in Danstone hatte ihn sesshaft gemacht. Er liebte sein Amt, und er liebte Hayde Egan. Leider wusste das Mädchen nichts von dieser Liebe, und Jim war viel zu schüchtern, um es ihr deutlich zu machen. Er verehrte und bewunderte Hayde, doch sie nahm es nicht wahr. Zu viele Männer sahen sie an. Das war kein Wunder, denn sie war ein schönes Mädchen mit rotblondem Haar und violetten Augen, die ständig die Farbe wechselten. John Gelong. ihrem Halbbruder, gehörte die Schmiede. John war Schmied, Leichenbestatter und Dienstmann zugleich. Wegen seines guten handwerklichen Könnens stand er überall in hohem Ansehen. Es gab fast nichts, was John nicht konnte. Wenn etwas nicht in Ordnung war und man John Gelong holte, so konnte man sicher sein, dass bald wieder alles im Lot war. Johns Höflichkeit stand im Gegensatz zu seinem bulligen Aussehen. Ob John aber immer höflich war, daran zweifelte Jim Sutherland sehr. Oft genug hatte er Hayde mit rotgeweinten Augen gesehen. Das Mädchen führte John Gelongs Haushalt, und man konnte annehmen, dass John in seinen vier Wänden alle Höflichkeit fahren ließ und Hayde herumkommandierte.

Als Jim mit seinen Gedanken soweit gekommen war — er trocknete sich dabei gerade sein Gesicht mit einem rauen Leinentuch — fielen draußen Schüsse. Ihre Detonationen zerrissen die Stille der Nacht.

Jim ließ das Handtuch fallen, seine Augenlider verengten sich. Er ging zu seinem Lager und nahm den am Bettpfosten hängenden Gurt mit der 45er Waffe auf. Er schnallte den Gurt um und lief auch schon zur Tür, riegelte sie auf und trat mit nacktem Oberkörper hinaus. Der kalte Nachtwind setzte ihm so zu, dass seine Benommenheit endgültig wich. Er packte den Kolben seiner Waffe fester. Von der Schmiede her waren scharfe Befehle zu hören. Jemand schrie: „Tötet ihn!“

Ein bitteres Lächeln fraß sich in Jims Mundwinkel. Sein schmales Gesicht wirkte in diesem Augenblick wie eine Maske. Die Dunkelheit irritierte ihn ein wenig, noch mehr aber die Stimme, die aus dem Hintergrund sagte: „Schaut euch den Sheriff an, er ist total betrunken! Wenn er sich nur nicht erkältet.“

Den Sprecher konnte Jim Sutherland nicht sehen, da er sich im Hintergrund verborgen hielt. Wie er machten das viele andere, die aus der Deckung ihrer Häuser heraus die Vorgänge auf der Straße beobachteten.

Ja, so waren die Bürger der Stadt- neugierig und immer darauf bedacht, alles zu sehen und zu hören, ohne jedoch ihre eigene Haut zu Markte zu tragen. Keiner wollte Verantwortung übernehmen, jeder sah nur auf den anderen und wartete darauf, dass der etwas unternahm. Jim musste über dieses Problem nachdenken, als er auf die Mainstreet blickte, deren Bohlensteige zu beiden Seiten die Narben vieler Sporen trugen. Die Häuser zeigten falsche Fassaden mit imitierten Säulenfronten. Auf das alles achtete Jim jetzt allerdings nicht und auch nicht auf die Leute, die in sicherer Deckung darauf warteten, wie sich die Dinge weiter entwickeln würden.

Das Schießen verlagerte sich. Jim Sutherland bog in eine schmale Gasse ein und stolperte über einen Haufen Unrat. Schmutz gab es reichlich in Danstone. Er war eine Brutstätte für Ungeziefer aller Art. In diesem Gelände, im Gewirr von Hinterhäusern, Schuppen und Stallungen, versuchte der Verfolgte seinen Bedrängern zu entkommen. Vergeblich, denn die, die hinter ihm her waren, kannten alle Winkel ebenso. Sie waren Stammgäste in der Stadt. Sie gehörten zu jener Horde von Männern, die den Vogelkäfig-Saloon als ihre Burg betrachteten. Einen besseren Platz hätten sie sich nicht aussuchen können. Der Saloon war nicht nur Futter- und Tränkplatz für sie, sondern auch eine hervorragende Informationsquelle, da der Saloon auch das Postoffice beherbergte.

Jim bewegte sich zwischen den Schuppen vorwärts. Er fror erbärmlich. Das wilde Schießen und Schreien kam näher. Plötzlich tauchte der Schatten eines Mannes auf. Der Mann bewegte sich geduckt und feuerte dann. Die Kugel war nicht auf Jim gerichtet, der Mann hatte ihn noch nicht ausmachen können.

Ein seltsamer Pfeiflaut war die Antwort. Wieder zielte der Schütze, wobei er ein wenig aus seiner Deckung herauskam. Im gleichen Augenblick fuhr er zusammen. Er fiel vornüber, seine Hände zuckten, dann lag er still.

Jim Sutherland stand starr da. Er begriff die Vorgänge nicht. Er hatte keinen Mündungsblitz gesehen, der die Stellung des anderen Schützen angezeigt hätte, und dennoch war der Mann, den er undeutlich hatte ausmachen können, getroffen worden und vielleicht tot. Es gehörte zu Jims Beruf, sich über diese Frage Gewissheit zu verschaffen.

Jemand schrie: „Leute, der Schuft ist nach Norden durchgebrannt! Folgt mir, er soll uns nicht entkommen!“

Diese Stimme kannte Jim. Sie gehörte dem Besitzer des Vogelkäfig-Saloons, einem gewissen Duff Terrific, einem Mann mit schräg stehenden schwarzen Augen und von untersetzter Gestalt. Terrific trug einen Vollbart, wie man ihn hier selten sah. Er war ein cleverer Geschäftsmann, von dem man sagte, dass er imstande wäre, seine eigenen Angehörigen zu verkaufen.

Duff Terrifics Geschrei lockte den Verfolgerschwarm aus der Straße, in der sich Jim befand. Das erleichterte seine Aufgabe sehr, denn jetzt bestand die Gefahr nicht mehr, dass er in den Kugelhagel hineingeriet. Ungehindert erreichte er den Mann, der reglos am Boden lag. Er bückte sich und konnte nur noch dessen Tod feststellen. Jim Sutherland bekam jetzt die Bestätigung — er hatte das zernarbte Gesicht des Mannes schon gesehen — dass die Jagd nicht von Bürgern der Stadt oder von Cowboys abgehalten wurde, sondern von Duff Terrifics Leibgarde. Das war ein übler Verein, von dem niemand so recht wusste, was er trieb. Es war unbekannt, woher diese Burschen das viele Geld hatten, das sie reichlich ausgaben. Tage und Nächte hindurch hielten sie wilde Zechgelage ab.

Noch im Tode zeigte der Mann, dessen Name Jim unbekannt war, ein widerliches Grinsen. Jim packte den Toten an der Schulter, drehte ihn um und erkannte jetzt die Todesursache. Ein langes Wurfmesser hatte das Herz des Mannes durchbohrt. Als Jim das feststellte, spürte er, dass in seiner Nähe etwas nicht in Ordnung war. Er warf sich keinen Augenblick zu spät herum. Ein Mann sprang ihn an. Jim wich zur Seite und schlug zu. Er traf die Schläfe des Angreifers, der mit einem Stöhnen neben dem Toten zu Boden ging. Jim war sofort bei ihm, packte ihn an der Kehle und zwang ihn liegenzubleiben. Dabei sah er in ein regelmäßig geschnittenes Gesicht. Dunkle Augen starrten ihn an. Es war ein noch junger Mann mit einem geschmeidigen, raubkatzenartigen Körper, der ihm trotz des Würgegriffes zu entweichen drohte. Als der Fremde aufhörte, sich zu wehren, lockerte Jim den Griff.

„Wer bist du?“, fragte Jim Sutherland.

Der junge Bursche war ihm irgendwie sympathisch. Es konnte sich nur um den von Duff Terrific gehetzten Mann handeln.

„Ich bin Slim Bruce“, keuchte der Fremde, dessen glattes schwarzes Haar bis auf die Schultern fiel. Er war ohne Kopfbedeckung. Seine Kleidung war aus Hirschleder — wie Fallensteller und Waldläufer sie trugen — und mit Zierfransen besetzt. Das konnte Jim erkennen, als sich der Mann aufrichtete. Jetzt sah er auch, dass er auf dem Rücken ein Wurfmesserholster trug. Kein Wunder, dass er sich sein kostbares Wurfmesser zurückholen wollte. Das Messer war seine einzige Bewaffnung; er hatte keinen Waffengurt.

„Komm mit!“, befahl Jim Sutherland. Gleichzeitig ließ er den Mann los und hinderte ihn nicht daran, als dieser sich sein Wurfmesser nahm und in das Holster steckte, als sei weiter nichts geschehen. Jim zog nicht einmal sein Eisen, aber er ließ keinen Blick von Slim Bruce, dem man selbst in der Dunkelheit den indianischen Einschlag ansah.

„Es ist besser zu verschwinden. Sie werden zurückkommen, um dich aufzustöbern“, sagte Jim. „Ohne ein Pferd kommst du nicht aus der Stadt heraus. Ich wette, dass alle heute ihre Pferde in die Stallungen brachten und die Türen fest verriegelten.“

„Sheriff, wenn das so ist, warum bringst du mich nicht gleich um?“, fragte Slim Bruce. Der junge Mann schien sich schnell erholt zu haben. Seine Augen blitzten. Vielleicht wunderte er sich, warum Jim Sutherland ihm keine Fragen stellte und auch nicht danach fragte, warum man ihn verfolgte und wie Freiwild hetzte. Erst jetzt schien er den Sheriff genauer in Augenschein zu nehmen. Seine Musterung war kurz, dann nickte er zum Zeichen, dass er bereit war, mitzugehen.

Slim Bruce folgte lautlos dem voranschreitenden Sheriff. Er war wie ein Schatten in der Nacht. Nur so konnte man auch verstehen, dass er seine Verfolger hatte abschütteln und in die Irre leiten können.

„Bei welchem Stamm hast du gelebt?“, fragte ihn Jim über die Schulter gewandt.

„Bei keinem. Was ich von den Indianern und ihrer Art kenne, hat mir meine Mutter beigebracht, und mein Vater hat das gern gesehen. Jetzt sind beide tot, mein weißer Vater und meine indianische Mutter. Beide wurden ermordet, von weißen Schuften, Sheriff, von Leuten, die dem Besitzer des Vogelkäfig-Saloons Duff Terrific unterstehen. Bis in die Stadt hinein habe ich sie verfolgt, aber ich kam nicht dazu, meine Eltern zu rächen. Das ganze Rudel stand gegen mich, und nur einen von ihnen habe ich erwischt, den narbengesichtigen Mann. Er gehörte zu denen, die unsere Hütte überfielen.“

„Warum haben euch Terrifics Leute überfallen?“

„Mein Vater war Digger“, antwortete Slim Bruce, ohne zu zögern. „Er war es aus Leidenschaft. Manchmal war er monatelang fort und ließ meine Mutter und mich allein. Wir bebauten etwas Land und hielten Ziegen und Schafe. Wir hatten genug zu essen, aber es war ein armes Leben. Im Frühjahr ritt meine Mutter ein paarmal mit mir zu ihrem alten Stamm, um unsere Lage ein wenig zu verbessern.“

„Die Indianer haben doch selbst kaum etwas?“

„Stimmt, Sheriff, sie leben von der Hand in den Mund, aber sie teilten immer, was sie besaßen. Wir bekamen Kleidung und Felle und die Dinge, die wir uns nicht kaufen konnten. — Das war so bis zu dem Tag, an dem mein Vater zurückkam und uns sagte, dass jetzt alle Not zu Ende sei, er habe einen großen Fund gemacht. Er sei jetzt in der Lage, immer Gold zu holen, wann es ihm passe. Er wollte mir eine große Zukunft aufbauen. Er wollte den Traum seines Lebens verwirklichen, indem er Land kaufte und Rancher wurde. Er sagte mir, dass man mich dann anerkennen würde. Als ich ihn nach Mutter fragte, hob er die Schultern und ließ sie wieder sinken. O ja, er wusste nur zu gut, was ich mit meiner Frage meinte. Unter Weißen würde man meine indianische Mutter immer für einen Menschen zweiter Klasse, wenn nicht gar für ein Tier halten. Dass das so war, wusste ich von mir selbst. Rothaut und Halbblut nannte man mich, und das voller Verachtung. Meine Mutter und ich hatten deshalb wenig Verlangen danach, in der Gemeinschaft der Weißen zu leben. Ich selbst machte mir immer wieder Gedanken darüber, zu welchem Volk ich nun eigentlich gehörte. Ich konnte mich weder zu den Weißen noch zu den Roten rechnen. Auch die Indianer misstrauten mir, das hatte ich oft genug festgestellt. Die Hunkpapa-Sioux ließen es immer wieder durchblicken, obwohl meine Mutter nicht müde wurde, ihnen zu zeigen, dass ich ein Indianer sei wie sie.“

Jim Sutherland nickte. Was er von Slim Bruce hörte, war die Tragödie aller Menschen, die das Blut von zwei Rassen in sich hatten.

„Vorsicht, es darf uns niemand sehen!“, warnte Jim seinen Begleiter und ließ ihn am offenen hinteren Fenster seines Büros zurück. Er selbst ging weiter durch die Gasse. Als er den Bohlensteig der Mainstreet wieder betrat, hörte er jemanden höhnisch sagen: „Der Sheriff hat sich wieder rechtzeitig absetzen können. Schaut nur, wo er ist! Dabei wird im Norden der Stadt noch geschossen.“

„He, Sheriff!“, dröhnte eine andere Stimme über die Straße, „deine Beerdigung hat bereits stattgefunden. Nimm dein Pferd und reite davon!“

Lachen klang auf, doch Jim Sutherland machte sich nichts aus dem höhnischen Gelächter. Er betrat sein Office, verriegelte die Tür hinter sich und sah nach, ob alle Vorhänge zugezogen waren. Erst dann blickte er aus dem Fenster zum Hinterhof. Im ersten Augenblick glaubte er, dass Slim Bruce sich selbständig gemacht und seine Flucht fortgesetzt habe. Doch dann sah er, wie der junge Mann sich vorsichtig aus dem Halbschatten der Wand löste. Katzengleich kam Bruce in den Raum. Jim Sutherland schloss das Fenster, zog den Vorhang vor und machte Licht. Er achtete darauf, dass die Petroleumlampe nur mit kleiner Flamme brannte. Ohne Aufforderung setzte sich Slim Bruce auf einen der wackligen Stühle und sah sich interessiert im Raum um. Leise fragte er: „Wer wohnt nebenan?“

„Der Doc“, erwiderte Jim. „Er ist schwerhörig. Dieser Raum mit dem Sondereingang gehörte vor Jahren zu seiner Praxis. Seitdem der alte Doc seine Praxis aufgab und sich vor aller Welt verkroch, dient dieser Raum als Sheriff-Office. Den Doc hört und sieht man nicht. Manche Leute haben die Befürchtung ausgesprochen, dass der Alte eines Tages stirbt und dass man ihn erst nach Wochen findet. Der Doc arbeitet nicht mehr in seinem alten Beruf, er lehnt jede ärztliche Hilfe ab. Er ist zum Sonderling geworden, der sich in seinen Büchern vergräbt. Jede Woche bringt die Stagecoach Packen von Büchern mit, die man bei ihm ablädt. Eine alte Frau kommt dann und wann, um ihm den Haushalt in Ordnung zu bringen. Andere Leute lässt er nicht zu sich. Seit Monaten hat ihn niemand mehr zu Gesicht bekommen.“

„Das scheint ein eigenartiger Mensch zu sein, dieser Doc“, meinte Slim Bruce. „Vielleicht hätte er meinem Vater noch helfen können.“ Der junge Mann brach ab, um nach einer Pause fortzufahren: „Die Schufte hätten es aber wohl nicht zugelassen. Sie raubten sein Gold und wollten wissen, wo er sein Claim hatte. Mein Vater ertrug die Folterung, er hat es ihnen nicht gesagt. Die Schufte haben meinem Vater schwer zugesetzt, schlimmer als Indianer es mit ihren Gefangenen machen. Vater starb, ohne die Lage des Claims zu verraten. Danach versuchten sie es bei meiner Mutter. Meine Mutter ist eine Indianerin, eine Hunkpapa. Sie lachte ihre Peiniger aus und spuckte ihnen ins Gesicht, danach sang sie ihr Totenlied. Ich konnte es in meinem Versteck hören. Ich musste hilflos mit ansehen, mit welcher Grausamkeit auch meine Mutter gequält wurde. Ich konnte nichts tun. Ich musste zusehen und zuhören und warten. Was das bedeutet, kann nur der verstehen, der einmal in einer solchen Lage war. Ich weiß nicht, durch welche Höllen ich ging und welche Ewigkeiten ich zu warten hatte. Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe. Ich biss mir die Lippen dabei blutig und grub mir die Fingernägel in die Arme. Ich habe in ein Tuch hineingebissen, um nicht laut aufschreien zu müssen. Schließlich war es vorbei. Die Hütte brannte, und die Kerle zogen ab. Ich verließ mein Versteck und trug meine Eltern aus der brennenden Hütte. Vater lebte noch und war bei klarem Verstand. ,Sie ist tot?‘, fragte er mich. Er blickte mich dabei nicht an. Ich nickte nur, sprechen konnte ich nicht, die Kehle war mir wie zugeschnürt. Mein Vater sagte mir, dass ich ihn neben Ma betten solle. Sie wäre ihm immer eine gute Frau gewesen, eine bessere habe er sich nicht wünschen können. Drüben in der anderen Welt zähle die Hautfarbe nicht. Er sagte mir noch ,so long‘, dann starb auch er. — Ich habe beide in ein gemeinsames Grab gelegt.“

„Und dann bist du aufgebrochen, um deine Eltern zu rächen, Slim?“

„Ja“, bestätigte Slim Bruce. „Ich machte mich zu Fuß an die Verfolgung, mir blieb nichts anderes übrig. Unsere Pferde hatten die Schufte mitgenommen. Die Hütte und das Maisfeld brannten lichterloh. — Ich werde den Mann stellen, der das üble Rudel führte! Es ist der Mann, der den Vogelkäfig-Saloon besitzt.“

Jim Sutherland antwortete nicht. Er sah Slim Bruce aufmerksam an. Danach machte er sich am Schrank zu schaffen und holte etwas zu essen.

„Ich glaube, du kannst mir noch eine Menge mehr erzählen“, sagte er dann. „Auf deinem Marsch hierher wirst du vieles bemerkt haben.“

„Yeah“, gab Slim Bruce zu. „Duff Terrific ist es, der die Poststraße kontrolliert. Seine Leute rauben nicht nur die Stagecoaches aus, wenn sie Wertvolles geladen haben, sie sind auch an den Rinderdiebstählen beteiligt. Terrific ist allerdings nur einer der Verbindungsmänner.“

Jim Sutherland horchte auf.

„Woher willst du das wissen, Slim?“ fragte er.

„Ich habe ein kleines Reiterrudel verfolgt und konnte es belauschen.“

„Zu Fuß, Slim?“, fragte der Sheriff zweifelnd.

„Ich bin ein guter Läufer“, sagte Slim Bruce. „Die Verwandten der Hunkpapas, die Yaquis, sind so gute Läufer, dass sie ein Pferd zu schlagen vermögen. In den Bergen muss man manchen Umweg machen, wenn man beritten ist. Zu Fuß kann man Wege abschneiden, was zu Pferd unmöglich ist.“

„Ich wollte dich nicht kränken, Slim.“

„Ich sage nur die Wahrheit, Sheriff“, erwiderte Slim Bruce. „Ich rede nicht mit gespaltener Zunge, wie die Weißen es tun.“

„Du kannst nicht alle Menschen über einen Kamm scheren, Slim. Es gibt überall Menschen, die gut oder schlecht, faul oder fleißig sind. Allein wirst du nicht gegen die Bande angehen können, Freund.“

„Von Amts wegen müsstest du mir helfen, Sheriff.“

„Stimmt, das werde ich auch tun, Slim. Wenn du willst, ernenne ich dich zum Hilfssheriff.“

Slim Bruce sprang erstaunt vom Stuhl hoch. Seine Augen weiteten sich. Er schaute auf Jims Sheriffstern und sagte heiser: „Du schaffst dir mit einem Halbblut als Sheriff nur Schwierigkeiten. Die ganze Stadt wird gegen dich stehen.“

„Das tut sie bereits ein Jahr lang, seitdem ich hier bin. Es ist für mich nichts Neues.“

„Du wirst nicht einmal einen Rancher auf deiner Seite haben, Sheriff.“

„Es ist erstaunlich, wie gut du meine Lage einschätzt.“

Slim Bruce ging auf diese Feststellung nicht ein. Die Blicke der beiden Männer kreuzten sich. Es schien, als wollten sie sich auf den Grund der Seele sehen.

„Bist du lebensmüde, Jim Sutherland?“, fragte Slim Bruce dann. Seine Stimme klang heiser vor innerer Erregung.

„Das könnte ich auch dich fragen, Slim“, erwiderte Jim.

„Bei mir ist es etwas anderes. Ich habe einen Schwur getan. Du hast dein Amt und dein Leben zu verlieren. — Willst du tatsächlich gegen die Bande vorgehen?“

„Sie hat mich lange genug genarrt und hat bereits meine Beerdigung gefeiert. Ich bin ihr etwas schuldig — vor allem mir selbst. Ich muss es durchstehen, mir bleibt keine andere Wahl.“

„Wenn die Bande mich hier weiß, wenn Duff Terrific erfährt, dass du mich zum Hilfssheriff gemacht hast, dann ist dein Leben keinen Cent mehr wert, Sheriff! Überleg es dir gründlich!“

„Hast du Angst, Slim?“

„Ich und Angst?“, platzte Slim Bruce heraus. „Da irrst du dich gründlich! Also los, triff deine Vorbereitungen! Du wirst mich vereidigen müssen.“

„Ja.“

„Worauf wartest du dann noch? — Ich bin bereit!“

 

2.

Slim Bruce zuckte mit keiner Muskel, als er die Eidesformel nachsprach, die ihn dem Gesetz verpflichtete.

Jim Sutherland war sich darüber klar, dass die Ernennung von Slim Bruce zum Hilfssheriff wie eine Bombe in Danstone wirken würde. Jetzt würden alle wissen, dass er nicht fortreiten und alles im Stich lassen würde, sondern sich zum Kampf stellte. Der Tanz musste nun beginnen.,

Aus einer Schublade kramte Jim Sutherland einen Gurt und einen Colt. Er war erstaunt, als sein neuer Hilfssheriff die Waffe zurückwies.

„Ich habe mein Wurfmesser“, erklärte Slim Bruce.

„Jeder Revolvermann wird dich mit deinem Wurfmesser schlagen können, Slim.“

„Nur dann, wenn er das Wurfmesser sieht. Ich werde das Holster mit dem Wurfmesser versteckt tragen.“

„Das täuscht einen Waffenlosen vor, Slim. Man könnte uns das übel ankreiden.“

„Macht das noch etwas aus, wo doch alle gegen uns sind, Jim?“, wandte Slim Bruce ein und rieb den Sheriffstern blank, den ihm Jim Sutherland überreicht hatte. „Die Hölle bricht los, sobald unsere Partnerschaft bekannt wird. Man wird gnadenlos Jagd auf uns machen.“

Es schien dem neuen Hilfssheriff wenig auszumachen, dass die Zukunftsaussichten alles andere als rosig waren. Jim Sutherland war betroffen. Er hätte sich gewünscht, dass sein neuer Partner etwas mehr am Leben hing. Nachdenklich legte er den zurückgewiesenen Colt in die Schublade zurück, kramte aber einen Derringer, eine kleinkalibrige Schusswaffe, aus ihr hervor.

„Wenn du schon nicht auf dein Wurfmesser verzichten willst, so nimm wenigstens den Derringer dazu. Kannst du damit umgehen?“

„Mein Vater verließ sich auf diese kleine, nur wenige Meter tragende Waffe“, erwiderte Slim. „Er trug sie auf seine Art im Jagdhemdärmel, wo niemand sie vermutete. Ich habe von meinem Vater gelernt, wie man es am besten anstellt, diese Waffe unsichtbar zu machen. Diese kleine Waffe ist schon mehr nach meinem Geschmack. Die nehme ich, Jim.“

„Und die dazugehörige Munition, Freund“, erwiderte Jim trocken. „Ein Pferd werde ich dir ebenfalls besorgen. Morgen früh kaufe ich dir eins im Mietstall. — Jetzt mach es dir auf dem Sofa bequem. Hier im Office vermutet dich niemand.“

Slim ließ ein leises Lachen hören. In diesem Augenblick erklang draußen der Wutschrei aus vielen Männerkehlen.

„Sie haben die Leiche des Narbigen gefunden“, stellte Jim Sutherland fest. „Nun werden sie die Verfolgung erst recht nicht aufgeben.“

Slim Bruce nahm den Derringer entgegen und prüfte ihn. Er tat das so, als interessiere ihn überhaupt nicht, was draußen vor sich ging. Jim Sutherland war noch nie einem Mann mit stärkeren Nerven begegnet. Er ahnte, dass sein neuer Partner für gewisse Leute ein ziemlich schwerer Brocken werden würde.

Slim Bruce machte es sich auf dem wackligen alten Sofa bequem. Er streckte sich aus und schloss die Augen. Seine Waffen hatte er nicht abgelegt.

Der hat Nerven wie Stahlsaiten, dachte Jim. Jeden Augenblick kann die Meute hier antanzen, und er schließt die Augen, als sei das nichts Besonderes. Er hat mit seinem Wurfmesser einen Mann getötet, doch das scheint ihn nicht im Geringsten zu belasten.

Jim Sutherlands Gedanken brachen ab. Der Lärm auf der Mainstreet schwoll an. Eine Männerhorde kam auf das Office zu. Stiefel scharrten und Sporen rasselten. Jemand hämmerte mit der Faust gegen die Tür und rief:

„Aufgemacht, Sheriff, es gibt eine Menge zu tun! Ein Mann ist umgebracht worden!“

„Nach meiner Wiedergeburt werde ich mein Amt erneut übernehmen“, erwiderte Jim. Er machte bei diesen Worten die erstaunliche Feststellung, dass sein Hilfssheriff schon eingeschlafen war.

„Zum Teufel, Sutherland, komm heraus und schaff den Toten in die Schmiede! Das gehört zu deinen Aufgaben! Ohne deine Zustimmung wird der Schmied nicht damit einverstanden sein, dass man den Toten bei ihm aufbahrt. John Gelong fordert einen amtlichen Beschluss. Er hat sich geweigert, den Toten aufzubahren. Dabei bedrohte er uns mit einer abgesägten Schrotflinte und herrschte uns an zu verschwinden. — Komm heraus und übernimm die Sache, Sutherland!“

„Ich ziehe mich an, dann komme ich“, erwiderte Jim. „Warte einen Moment, Terrific.“

„All right, doch beeil dich! Ich weiß nicht, was in John Gelong fuhr, dass er den toten Mann nicht aufnehmen will. Es muss ihm etwas quer gekommen sein, er ist doch sonst nicht so abweisend.“

Ausgerechnet Terrific musste vor der Tür stehen, der Mann, der die Hölle losließ und so tat, als sei er der bravste Bürger dieser Stadt. Heißer Zorn wallte in Jim auf. Er schnallte den Gurt fester und rückte den 45er Colt weiter nach vorn. Schnell warf er noch einen Blick auf den Schläfer. Anscheinend war Slim Bruce so übermüdet, dass er in einen totenähnlichen Schlaf gesunken war. Seine Brust hob und senkte sich unter tiefen, gleichmäßigen Atemzügen. Ein leises Lächeln machte das Gesicht des jungen Mannes seltsam weich.

Jim Sutherland öffnete die Tür, doch nur so weit, dass er hindurchgehen konnte, ohne dass jemand in den Raum hineinsehen konnte.

Duff Terrific trat einen Schritt zurück. Hinter ihm stand eine Gruppe übel aussehender Männer und weiter hinter ihm einige Städter, die neugierig aus ihren Häusern gekommen waren. Nicht ein Rancher, nicht ein Cowboy war anwesend. Das war für Jim Sutherland weniger schön. Wenn sie auch den Sheriff nicht für voll nahmen, so bewies doch ihr Fehlen in der Stadt, dass es auf den Weiden Schwierigkeiten gab. Wie groß diese Schwierigkeiten waren, hätte sicherlich Terrific beantworten können und die Schufte, die mit ihm zusammenarbeiteten.

„Duff Terrific, du jagst in meinem Bezirk“, sagte Jim Sutherland rau. „Niemand ist das gestattet außer dem Sheriff. Du hast dich gegen das Gesetz vergangen, du und deine Leute!“

Duff Terrifics Mund klaffte auf. Seine Augen drohten aus den Höhlen zu fallen. Er staunte, denn bisher hatte er wie alle anderen fest geglaubt, dass der Sheriff nur eine Marionettenfigur war.

„Und?“, schnappte er böse. „Was willst du dagegen tun?“

„Dich und deine Leute verhaften!“, sagte Jim zur Verblüffung Terrifics. „Sollte sich auch nur ein Zeuge dafür finden, dass du im Stadtgebiet eine Menschenjagd veranstaltet hast, werde ich das tun.“

Der Saloonbesitzer schnappte nach Luft. Niemand vermochte zu sagen, ob vor Verblüffung, Ärger, Zorn oder Wut. Er machte sich durch ein böses Lachen Luft, in das seine Meute einstimmte. Dann keuchte er: „Für wie groß hältst du dich eigentlich, Sutherland? Hast du deine Beerdigungsfeier schon vergessen?“

„Nein, aber gerade darum habe ich dir einiges voraus, Terrific. Deine Beerdigung steht noch bevor.“

Jim Sutherland schritt vorwärts. Unwillkürlich machte man ihm Platz. Er ging wie ein Mann, der mit jedem Schritt größer zu werden schien. Dieser Sutherland warf plötzlich einen langen Schatten, und das sehr zum Ärger von Terrific, der seine Leute zurückweichen sah.

Duff Terrific zog den Kopf ein wenig ein und folgte Jim Sutherland. Als Jim die Mainstreet betrat, packte er ihn beim Arm und versuchte, ihn herumzureißen, doch zu seiner Verblüffung schaffte er das nicht. Mit einer raschen Handbewegung schleuderte Jim ihn wie ein lästiges Insekt ab.

By gosh, das war nicht der alte Sheriff! Das war nicht der Mann, der ein wenig linkisch wirkte, der bisher ein unsicheres Auftreten am den Tag gelegt hatte. Das hier war ein Mann, der genau wusste, was er wollte. Mit seiner eigenen Beerdigungsfeier, mit der man ihn lächerlich machen und zum Fortreiten hatte bewegen wollen, schien man das Gegenteil erreicht zu haben.

Duff Terrific blieb nichts weiter übrig, als Jim Sutherland zu folgen, der mit langen Schritten vorwärts ging. Seine Männer kamen langsam hinterher. Auch Städter schlossen sich neugierig an. Jim schritt zur Schmiede, doch noch bevor er sie erreichte, bemerkte er den Toten, der auf einer Tragbahre vor der Einfahrt stand. Jim sah aber auch den Schmied John Gelong und Hayde Egan, jenes Mädchen, das er so sehr verehrte.

John Gelongs bullige Gestalt war nicht zu übersehen. Er stand breitbeinig in der offenen Einfahrt zur Schmiede, die abgesägte, doppelläufige Schrotflinte im Anschlag.

„Gut, dass du dich endlich herbemühst, Sheriff!“, rief er Jim zu. „Ohne deine Genehmigung stelle ich meine Schmiede nicht als Aufbahrungsort für lichtscheues Gesindel zur Verfügung. Ich denke nicht daran, für diesen Toten ein Grab auszuheben. Terrific soll seinen Mann im Vogelkäfig-Saloon aufbahren. Seine Leute können ein Grab schaufeln.“

Das war hart, aber John Gelong schien gewillt zu sein, sich durchzusetzen. Die Feindschaft, die zwischen Gelong und Terrific bestand, war stadtbekannt. Dass Gelong noch lebte, dass man ihn nicht beseitigt hatte, war eigentlich nicht zu begreifen.

„Ich warne dich, John!“, mischte sich Duff Terrific böse ein. „Bisher habe ich dein Kläffen ertragen, ohne mich groß dagegen zu wehren. In meinem Saloon ist kein Platz für einen Toten, das weißt du. Verlang nichts von mir, was ich nicht tun kann.“

„Das ist mir egal, Duff!“, fauchte John Gelong. „Also was ist, Sheriff?“ wandte er sich an Jim Sutherland.

„Bring deine Waffe ins Haus und stell deine Schmiede zur Verfügung, John!“, bestimmte Jim gelassen. „Tote sind alle gleich, und deine Schmiede hat sie bisher alle aufgenommen.“

„Du stellst dich also vor den Schuft, ausgerechnet du? Er hat dich lächerlich gemacht, Jim, indem er eine Beerdigungsfeier für dich arrangierte. Er hat dich aufgezogen, und jetzt lässt du dich von ihm beeinflussen? Geh zum Teufel, Jim, du verdienst es nicht besser!“

John Gelong legte auf Jim an, doch Jim trat näher. Er beachtete die auf ihn gerichtete gefährliche Waffenmündung nicht. Er schob die Waffe zur Seite, griff plötzlich fest zu und nahm dem bulligen Mann die Flinte aus der Hand.

Darauf war John Gelong nicht vorbereitet gewesen. Er hatte nicht geglaubt, dass Jim Sutherland so weit gehen würde.

„Der Weg ist frei. Tragt den Toten in die Schmiede!“, bestimmte Jim.

Deutlich konnte er sehen, wie Duff Terrific und alle anderen ihn erstaunt ansahen. Sie standen da, als begriffen sie diese Wandlung nicht. John Gelong murmelte heiser: „Man hat wirklich nicht umsonst deine Beerdigung gefeiert. Du bist bald am Ende. Nach der Warnung hättest du davonreiten sollen.“

„Dann hättest du das vor mir tun müssen, John. Aber du bist auch noch hier. Duff Terrific ist dir ebenfalls nicht grün.“

„Aber er hat beide Augen auf Hayde geworfen“, erwiderte John Gelong. „Er will sie zu seiner Frau machen, und das gibt mir einige Sicherheit. Er wird es aus diesem Grund nicht wagen, gegen mich Stellung zu nehmen. Sollte mir etwas von seinen Leuten zustoßen, ist es aus,, und Hayde ist für immer für ihn verloren. Ich nutze das aus, Jim, mir wird kein Haar gekrümmt. Du aber hast dich zu weit vorgewagt, du stehst auf verlorenem Posten. Ich möchte nicht in deiner Haut stecken. Allein schaffst du es nie!“

„Ich stehe nicht allein, John“, erwiderte Jim Sutherland so laut, dass auch der Letzte ihn hören konnte. „Wer das denkt, ist ein Narr. Es wird sich herausstellen, dass es anders ist.“

John Gelong gab keine Antwort. Er ließ es zu, dass Duff Terrifics Leute den Toten in die Schmiede trugen, um ihn dort aufzubahren. Er schien es allerdings nicht ertragen zu können, denn er winkte Jim Sutherland zu, ihm in seine Wohnung zu folgen. Jim nickte zustimmend. Er war froh darüber, dass er Hayde sehen würde, die beim Kommen der Männer in die Wohnung zurückgegangen war. Hayde Egan war in der Küche und begrüßte Jim mit einem Lächeln.

„Bringst du uns etwas zu trinken, Hayde?“, fragte John.

„Geht in Ordnung“, antwortete sie und deutete auf eine im Regal stehende Flasche.

„Ja, die ist genau richtig“, stimmte John Gelong zu und ging weiter. Im Wohnzimmer bat er Jim Sutherland Platz zu nehmen. Er selbst setzte sich Jim gegenüber. Er schob die Zigarrenkiste über die Tischplatte, und beide bedienten sich. Eine Weile rauchten sie schweigend.

„Mich geht es nichts an, Jim“, begann John Gelong das Gespräch, „aber dieser Duff Terrific geht entschieden zu weit. Ein Teil seiner Mannschaft sucht nach einem Halbblut, nach einem gewissen Slim Bruce. Jeder hier weiß, dass der narbengesichtige Mann von Terrific nur das bekam, was er längst verdient hat. Durch den gekonnten Messerwurf hat dieser Bruce der Menschheit nur einen Dienst erwiesen.“

„Ich kann dir noch mehr über Slim Bruce berichten, John. Der junge Mann ist dabei, seine Eltern zu rächen. Er will das Gold zurückholen, das man seinem Vater raubte. Leider hat er keinen Zeugen, und er würde nur einen Schlag ins Wasser führen, wenn er Anklage erheben würde.“

„Du sprichst so, als hättest du die Bekanntschaft von Bruce gemacht?“

„Habe ich.“

„Wirklich?“, schnappte John Gelong, wobei er den Kopf schief legte und die Augenlider schmal zog. „Vielleicht hat er dir seine Geschichte erzählt.“

„Auch das.“

„Du wirst mit deinem Wissen überhaupt nichts anfangen können. Niemand wird es wagen, sich hinter ein Halbblut zu stellen.“

„Doch, ich werde es!“

„Das ist zu wenig. Du hast nur eine Aussage, und die nimmt man nicht ernst, das weißt du so gut wie ich. — Wen beschuldigt dieser Slim Bruce?“

„Terrific, seine Männer und andere, die hinter Terrific stehen“, sagte Jim offen. „Slim Bruce hat keinen Grund, es zu verheimlichen.“

„Nicht einmal die Rancher könnten aus dieser Geschichte Kapital schlagen“, äußerte John seine Bedenken. „Wenn es sich bei Bruce nicht um ein Halbblut handeln würde, dann hätten die Rancher eine Handhabe gegen Terrific, so aber?“ John zuckte mit den Schultern. „Du hast aber auch wirklich Pech, mein Lieber. Gerade jetzt, wo du Hilfe nötig hättest und du dir die Rancher mit ihren Cowboys zu Freunden machen könntest, muss nur ein Halfcast auftauchen und Beschuldigungen erheben. — Wirklich zu schade, Jim!“

John Gelong stellte deutlich heraus, was die Leute hier von einem Halbblut hielten. Man sah ein Halbblut ebensowenig für einen Menschen an wie einen Indianer. Jim Sutherland wusste das nur zu gut. Eine tiefe Bitterkeit breitete sich in ihm aus. Sie wich erst, als Hayde Egan eintrat. Ihre Erscheinung brachte ihn auf andere Gedanken. By gosh, wer sie sah, musste allen Kummer vergessen. Sie war schlank und hochgewachsen wie eine Tanne. Ihr glänzendes rotes Haar umrahmte in weichen Wellen ihr zartes Gesicht.

Hayde kam an den Tisch heran und stellte Gläser und Flasche zurecht. Schweigend ging sie wieder hinaus. John Gelong schenkte ein, nahm ein Glas in die Hand und forderte Jim auf, es ihm nachzutun.

„Man hat sich einen schlechten Scherz mit dir erlaubt, Jim“, sagte John, nachdem beide getrunken hatten. „Die ganze Stadt hat über dich gelacht. Ein anderer hätte die Konsequenzen gezogen und wäre davongeritten, aber du bist geblieben. Das nötigt mir Achtung ab. Oder bist du lebensmüde?“

„Nicht im Geringsten, John. Ich laufe nur nicht davon. Wer es einmal getan hat, tut es immer wieder. Ich fürchte Duff Terrific nicht.“

„Nun, ich auch nicht, Freund“, grinste John Gelong. „Es gibt Leute, die nur darauf warten, dass sie eine Handhabe gegen ihn bekommen. Die Sache, die Bruce passierte, genügt nicht. Die Rancher werden daraufhin nicht anbeißen.“

„Ich weiß“, sagte Jim. „Sie stecken mit ihren Cowboys bereits in Schwierigkeiten. Die Rinderdiebstähle nehmen zu, seitdem Duff Terrific die Gitter-Ranch kaufte. Man kann ihm jedoch nichts beweisen.“

„Terrific müsste dumm sein, wenn er nicht wüsste, wie sehr man ihm misstraut. Nein, so einfach liegen die Dinge nicht. Ich glaube kaum, dass er umgebrändete Rinder auf seiner Weide grasen lässt. Irgendwo in den Bergen muss es ein Versteck geben, in das man die Rinder schafft. Leider hat man bisher vergeblich nach diesem Versteck gesucht. Nicht einer Cowboymannschaft gelang es, das Versteck ausfindig zu machen.“

„John, steck deine Nase nicht zu tief in diese Angelegenheit!“

„Ein guter Rat, Jim, der aber zu spät kommt. Ich habe keine Angst.“

„Verlass dich nicht zu sehr darauf, dass Terrific dich schont.“

„Zum Teufel mit diesem Saloonbesitzer! Ich kann ihn nicht ausstehen, ebensowenig wie ich die Herumlungerer ausstehen kann, die seinen Vogelkäfig-Saloon zur Burg machen. Wenn es sich herausstellen sollte, dass es von Terrific eine Verbindung zu den Gesetzlosen in den Bergen gibt, ist er geliefert.“

Jim Sutherland horchte auf. Er sah John erstaunt an.

„Von welchen Leuten sprichst du?“, fragte er.

„Das weißt du nicht? Die ganze Stadt spricht davon. Rancher Everett stieß auf ein Dutzend Kerle, als er auf der Jagd war. Er glaubte, es seien seine eigenen Cowboys, die sich am Lagerfeuer befänden. Er erwartete seine Boys zurück, die eine Herde zum Verkauf getrieben hatten. Er sah erst, mit welcher Gesellschaft er es zu tun hatte, als es fast zu spät für ihn war. Sie haben ihn wie einen Hasen gejagt, doch er konnte ihnen entwischen. Als er sich mit seinen Cowboys an die Verfolgung machte, war es zu spät. Die Hartgesottenen waren mit der kleinen Herde, die Everett bei ihnen gesehen hatte, längst auf und davon. Sie hatten die Tiere in ein Gelände hineingetrieben, dessen Boden so hart war, dass keine Trittsiegel zurückblieben.“

„Hat Everett jemanden erkennen können?“

„Ja“, antwortete John, „einen Mann namens Ken Maker. Diesem Mann ist er vor Jahren in Montana begegnet. Er soll ein verteufelt übler Kerl sein.“

„Ken Maker?“, echote Jim.

„Was ist los mit dir, Jim, du bist ganz bleich geworden?“

Das stimmte. Jim legte seine Zigarre in den Aschenbecher zurück. Sie schmeckte ihm nicht mehr. Übelkeit stieg in ihm auf. Kalter Schweiß trat auf seine Stirn, und er musste sich im Sessel zurücklehnen. Er presste die Lippen fest zusammen. Es gab keinen Zweifel, der Name Ken Maker winkte wie ein Keulenschlag auf ihn.

„Ken Maker aus Montana, das könnte sein“, murmelte Jim. Er schien nicht einmal mehr zu wissen, dass John Gelong anwesend war. „Es ist der Mann, der meinen Bruder Brod umbrachte, der Mann, den ich jahrelang vergebens suchte, von dem ich schließlich annahm, dass der Teufel ihn geholt habe. Ich glaubte, dass er ohne meine Hilfe in die Hölle fuhr. Er ist einer der Männer, die auf meiner Abschussliste stehen.“

„Jim, er ist nicht allein, er hat ein Dutzend wilder Burschen bei sich. Nimm dir nicht noch mehr vor, du hast bereits so genug Schwierigkeiten. Wenn du es wünscht, werde ich dir immer zur Verfügung stehen.“

„Mir ist jede Hilfe recht, John, ich nehme dein Angebot an“, erwiderte Jim und erhob sich. Es hielt ihn nicht länger. Er musste an die frische Luft und musste allein sein.

Diesmal war Jim Sutherland froh, dass er Hayde nicht begegnete. Er atmete auf, als er wieder auf der Mainstreet stand. Es war inzwischen hell geworden. Die Sonne ging auf. Vor dem Eingang zur Schmiede standen zwei schwerbewaffnete Männer aus Terrifics Leibgarde. Sie beobachteten Jim scharf, doch der beachtete sie nicht. Er bewegte sich mit der ihm eigenen Lässigkeit und verhielt erst den Schritt, als er vor dem Mietstall ankam. Der Mietstallbesitzer, ein alter grauhaariger Mann, war bereits an der Arbeit.

„Alle Achtung, Sheriff!“, hörte Jim ihn sagen. „Du bist geblieben?“

„Ich habe auch nicht vor, noch zu verschwinden, Oldman“, erwiderte Jim.

Der andere grinste ihn an und zwinkerte ein wenig mit seinen kleinen, ein wenig schräggestellten Augen. Wie beiläufig fragte er: „Wolltest du zu mir, Sheriff?“

„Ja.“

„Dann schieß los! Willst du einen Mann für ein Aufgebot? Wenn du das willst, muss ich dich enttäuschen. Ich bin zu alt geworden, ich kämpfe nicht mehr. Meine Augen sind schlecht, ich sehe nicht mehr gut. Du hast dich an den falschen Mann gewandt. Wenn du das Halbblut Slim Bruce schützen willst, wirst du kaum jemanden finden, der dir hilft.“

„Sind Terrifics Leute immer noch hinter Slim Bruce her?“

„Ja“, antwortete der Mietstallbesitzer. „Eine Abteilung Terrifics kam vor Morgengrauen zurück und eine andere ritt in die Berge hinein. Ich glaube, sie werden Bruce nicht fangen. Er ist ein halber Indianer und kennt Tricks, die es ihm möglich machen, allen Verfolgern zu entkommen. Du verschwendest deine Zeit, wenn du ihm helfen willst, Sheriff.“

„Ihm braucht nicht mehr geholfen zu werden, Oldman, das weiß ich.“

„Wirklich?“

„Ja, denn ich bin hier, um ein Pferd für ihn zu kaufen.“

Der Alte duckte sich. Er starrte Jim entgeistert an, beugte sich vor und hielt eine Hand hinters Ohr, um besser hören zu können.

„Sag das noch einmal, Sheriff, ich habe wohl nicht richtig verstanden.“

„Ich pflege mich nicht zu wiederholen, Freund. Kann ich nun ein Pferd bekommen?“

„Geschäft ist Geschäft“, sagte der Alte. „Ich würde sogar an den Teufel verkaufen, wenn er hier aufkreuzte. Du hast dich sehr gewandelt, Sheriff. Es ist erstaunlich, was eine einzige Nacht aus einem Mann machen kann. Nun gut, kauf dem Halbblut das Pferd und bring es zu seinem Versteck! Ich wünsche ihm Glück. Du hast mehr für diesen Bruce getan, als es deine Pflicht ist. Du hast als Mensch gehandelt, und das muss jeder anerkennen.“

Jim Sutherland antwortete nicht. Er folgte dem Alten in den Mietstall, wo in Sonderboxen die Pferde standen, die verkäuflich waren. Es gab einige prächtige Tiere unter ihnen. Ein Rappe fiel Jim besonders ins Auge. Er betrachtete das Tier genauer.

„Von dem lass die Finger“, riet der Stallmann. „Niemand kann den Bocker reiten. Er ist ein Mankiller. Drei Männer hat er bereits getötet. Dass der Rappwallach überhaupt noch lebt, ist nur ein Zufall. Zweimal hat man ihn erschießen wollen, doch ich habe eingegriffen und ihn gekauft. Ich wollte den Rappen bei besonderen Vorstellungen vorführen, doch leider wurde zu schnell bekannt, dass er ein Killer ist. Jetzt ist er nur ein unnützer Fresser, der nichts einbringt. — Geh nicht in die Box, Sheriff!“

Die Warnung kam zu spät. Der Rappe keilte mit den Hinterhufen aus. Nur mit einem schnellen Satz konnte sich Jim in den Stallgang retten.

„Das war haarscharf!“, sagte Jim und betrachtete die Bohle, die in Kopfhöhe von den stahlharten Hufen aufgesplittert worden war. Er glaubte, den scharfen Luftzug der Hufe jetzt noch im Gesicht zu spüren. Der Rappe stand wieder ganz ruhig da. Er äugte nicht einmal zu dem Besucher hin, sondern beschäftigte sich wieder mit seinem Heu.

Der Mietstallbesitzer langte zur Peitsche. Als er sie hob, klang eine Stimme vom Stalleingang her: „Schlag ihn nicht, Oldman!“

Die zum Schlag erhobene Hand des Mietstallbesitzers sank herab. Seine Augen wandten sich zum Stalleingang und erblickten dort einen dunkelhäutigen jungen Mann, der in der Art der Waldläufer und Fallensteller gekleidet war. Ein Sheriffstern blitzte auf seiner Brust.

„Das darf nicht wahr sein!“, murmelte der Alte. „Slim Bruce in der Stadt, mit einem Sheriffstern auf der Brust! By gosh, Jim Sutherland, was hast du dir nur dabei gedacht? Terrific muss ja förmlich explodieren, wenn er den Mann sieht, der eine Lücke in die Reihe seiner Leibwächter riss. Sutherland, ein Mann darf wachsen, aber er sollte nicht in den Himmel hineinwachsen wollen.“

„Mit anderen Worten, du willst mir eine Riesendummheit bescheinigen, Oldman“, erwiderte Jim.

Verwirrt sah ihn der Alte an, schüttelte dann den Kopf und stotterte: „Es ist ja nicht meine Haut, die durchschossen wird.“

„Eben, Freund! — Komm näher, Slim! Dir scheint der Rappe wie mir zu gefallen?“

„So ist es, Jim.“

Slim Bruce machte einen ausgeruhten Eindruck. Er schien gut geschlafen und sich das Frühstück selbst bereitet zu haben. Wie ein Lauffeuer musste sich die Neuigkeit in der Stadt verbreitet haben, dass Slim Bruce zum Mietstall gegangen war und sich öffentlich auf der Mainstreet gezeigt hatte.

„Heilige Mavericks!“, sagte der Stallmann leise. „Ich bin nicht mehr an Geschäften interessiert. Die ganze Terrific-Meute wird gleich hier sein, um euch beide auseinanderzunehmen. Mein guter Stall! Man wird ihn zerschießen und anstecken! Ich bitte euch, Gents, verzichtet auf den Kauf eines Pferdes!“

„Nein“, sagte Jim Sutherland fest. In seiner Stimme war ein metallischer Klang, der nicht zu überhören war. „Wir kaufen!“

„Wir nehmen den Rappen“, sagte Slim Bruce ruhig.

„Ihr wollt also tatsächlich den Rappen haben? Zahlt mir das Futtergeld, zahlt mir genau das, was das Vieh mich kostete, und dann zieht mit ihm ab!“, keuchte der Stallmann erregt. „Zehn Dollar, Gents, mehr ist mir der Killer nicht wert. Holt ihn euch aber selbst aus der Box!“

Der Alte blickte zur Stalltür hin, als erwartete er, dass dort jeden Augenblick Revolvermänner auftauchten. Er betrachtete Bruce und sah, dass er unbewaffnet war. Auch das schien ihm zu missfallen. Am meisten aber erregte er sich darüber, dass die beiden Männer nicht die geringste Eile an den Tag legten.

Die Nerven der beiden möchte ich haben, dachte der Mietstallbesitzer. Man lebt nur einmal, aber die beiden tun, als ob sie hundert Leben zu vergeben hätten. Sie sind eiskalt, doch werden sie es noch sein, wenn die Hölle aufbricht?

Die Knie des Alten zitterten. Nein, er wollte nicht in eine Sache hineingeraten, in der eine verirrte Kugel sein Leben auslöschen konnte.

 

3.

Slim Bruce bewegte sich geschmeidig auf die Box zu, in der der Rappe stand, der als Killer galt. Auf seinem bronzefarbenen Gesicht lag ein unbestimmtes Lächeln. Bruce warf nur einen schnellen Blick auf Sheriff Jim Sutherland, der dem Mietstallbesitzer den Kaufpreis von zehn Dollar für den Rappen überreichte, dann glitt er auch schon in die Box hinein. Slim Bruce duckte unter den auskeilenden Pferdehufen hindurch. Dann war er auch schon am Hals des aufsteilenden Tieres, das böse die Augen rollte und nach Bruce zu beißen versuchte. Was dann geschah, war dem Mietstallbesitzer völlig unverständlich. In seinen Augen war es Zauberei, was jetzt vor sich ging. Er konnte sehen, wie Slim Bruce die Finger seiner rechten Hand in die Nüstern des Rappen grub, wie sich seine Lippen bewegten und wie er in einer fremden Sprache sang. Ja, man konnte es nur als Singen bezeichnen, was über die Lippen des Hilfssheriffs kam. Die Folge war, dass der Rappe augenblicklich ruhig wurde und nicht mehr stieg. Der Rappwallach spitzte die Ohren und lauschte. Mann und Pferd schienen die Umwelt zu vergessen. Jedenfalls gewannen Jim Sutherland und der Mietstallbesitzer diesen Eindruck. Beide hielten den Atem an, denn was sich ihren Augen zeigte, konnten sie kaum fassen. Slim Bruce schien mit geheimnisvollen Kräften vertraut zu sein. Sein dunkler, monotoner Singsang ließ den Rappen erbeben. Nervös schlug das Tier mit dem Schweif, dann wurde es ruhiger. Als der Gesang abbrach, löste Slim Bruce die Finger seiner Rechten aus den Nüstern des Pferdes und trat ein wenig zur Seite, als warte er das Ergebnis ab.

Was würde sich jetzt tun? Würde ein neuer Anfall von Raserei und Wut den Rappen zum Teufel machen? Würde sich Slim Bruce rechtzeitig in Sicherheit bringen können? Diese Fragen stellten sich Jim Sutherland und der Mietstallbesitzer, die gebannt das Geschehen verfolgten.

„Tu es nicht!“, schrie Jim Sutherland, als er sah, wie sein Hilfssheriff den Rappen vom Halteriemen löste. Das Tier bekam damit volle Bewegungsfreiheit.

Die Warnung kam zu spät. Der Rappe war frei, und Slim Bruce stand so, dass er jedem Angriff des Tieres ausgeliefert war. Das Pferd konnte ihn jetzt an die Wand der Box drücken. Was die beiden Zuschauer erwarteten, trat allerdings nicht ein. Der Rappe schnaubte, streckte den Kopf vor und blies Slim Bruce seinen Atem ins Gesicht. Die Zähne schnappten, aber sie berührten Slim nicht. Der stand ganz ruhig da. Der Rappe zog den Kopf zurück und stellte die Ohren hoch.

Jetzt streckte Slim die Hand nach dem Tier aus. Was niemand für möglich gehalten hätte, geschah. Der Rappe wich nicht zurück, stürmte auch nicht gegen den Menschen an. Er ließ sich von Slim anfassen und am Halfter nehmen. Mit einem Schlag war das Tier lammfromm und ließ sich in den Stallgang führen.

„Das kann nicht wahr sein!“, murmelte der Mietstallbesitzer. „Er führt den Killer wie einen Hund davon! Ich sehe es mit meinen eigenen Augen!“

„Es sieht so aus, als hätte er den Rappen behext“, gestand Jim Sutherland. „Die Frage ist nur, ob er den Gaul auch reiten kann.“

„Daran zweifle ich nicht mehr“, erwiderte der Oldtimer. „Dieser Bruce sollte Löwenbändiger werden! Er hat etwas an sich, das Tieren Respekt einflößt.“

Die beiden Männer folgten Slim Bruce, der den Rappen in den Hof hinausführte, hinein in das Sonnenlicht des Tages. Vor ihren Augen saß Slim auf. Er brauchte dazu keinen Sattel oder eine Decke. Er schwang sich auf den blanken Pferderücken, und der Rappe nahm es hin. Reiter und Pferd boten ein prächtiges Bild.

In diesem Augenblick hörte man Duff Terrifics knarrende Stimme: „Sheriff, du wirst mir den Mörder ausliefern!“

Der Mietstallbesitzer zuckte zusammen. Die Angst verzerrte sein Gesicht zur Grimasse. Er war so erregt, dass er nicht einmal bemerkte, wie gelassen Jim und Slim waren. Die beiden Männer schienen nicht im Geringsten beeindruckt zu sein. Sie sahen Terrific an, der grinsend mit zwei Männern näher kam. Alle drei hielten ihre Hände so tief, dass sie über den Coltkolben ihrer Waffen schwebten.

„Das ist ein schlechter Witz! Jim Sutherland hat einen Mörder zu seinem Hilfssheriff gemacht! Damit bist du am Ende deiner Amtszeit angelangt, Sutherland“, sagte Duff Terrific.

Die Hand des Besitzers des Vogelkäfig-Saloons zuckte tiefer, aber er zog die Waffe nicht aus dem Holster. Die Bewegung von Slim Bruce zum Nacken hin war keinem aufgefallen. Sein Wurfmesser zischte durch die Luft, und dann schrie Terrific gellend auf. Das Wurfmesser steckte im Handgelenk der Rechten, die gerade den Colt hatte lüften wollen. In Jim Sutherlands Rechten aber lag sein 45er Colt, der die beiden Begleiter Terrifics daran hinderte, ihre Waffen zu ziehen.

Duff Terrifics Schrei erstarb auf den Lippen. Er starrte auf sein Handgelenk, dann riss er das Messer mit einem wilden Ruck heraus.

„Hilfe, ich brauche Hilfe!“, schrie er. „Diese Runde hast du gewonnen, Sutherland, aber den Mörder ...“

„Sprich dieses Wort nicht noch einmal aus!“, sagte Slim drohend. „Du weißt selbst am besten, warum.“

Terrific gab keine Antwort. Sein Blick irrte zu seinen beiden Begleitern, die betreten dreinschauten.

„Oldman, bring mir mein Messer zurück!“, forderte Slim Bruce den Mietstallbesitzer auf. Das war ein Befehl, dem sich der Alte nicht entziehen konnte. Er nickte und tat, was ihm befohlen worden war. Aus seiner Hand nahm Slim die Waffe wieder in Empfang. Er ließ sie blitzschnell im Rückenholster verschwinden.

Terrifics Begleiter wagten keine Bewegung. Sie hatten nur zu deutlich gesehen, wie schnell Jim Sutherland seinen Colt gezogen hatte. Beide hatten mit einem Blick erkannt, dass sie den Sheriff bisher unterschätzt hatten. Seine Schnelligkeit hatte sie verblüfft.

„Zieht eure Waffen aus den Holstern und lasst sie fallen!“, befahl Jim. „Versucht keinen Trick!“ „Unternehmt nichts!“ Terrific wandte sich an seine Männer. „Diesmal sind wir geschlagen, aber das wird sich bald gründlich ändern. Du bist zu weit gegangen, Sutherland!“

„Nicht weit genug, Terrific! Die Schufte müssen aus der Welt gefegt werden, die Stadt und Land terrorisieren. — Klag diesen Mann an, Slim!“

„Dieser Mann ist der Mörder meiner Eltern!“, sagte Slim Bruce. „Er hat unsere Hütte niedergebrannt, unsere Felder verwüstet und meinem Vater sein Gold gestohlen. Dieser Mann wird sterben müssen!“

Duff Terrific wurde noch bleicher, als er schon war.

„Halte ihn auf, Sutherland!“, kam es fast kreischend über seine Lippen. „Er muss dir gehorchen, er ist dein Hilfssheriff. Du kannst nicht zulassen, dass mich ein Indianer umbringt!“

Es war ekelig anzusehen, wie Terrific jetzt wimmerte, wie er seine wahre Natur zeigte.

„Lass mich verschwinden, Sheriff!“, forderte er mit sich überschlagender Stimme.

„Du kannst gehen, Terrific“, erwiderte Jim kalt. „Ich rate dir aber, die Stadt zu verlassen. Ich werde einen Zeugen für die Anklage meines Hilfssheriffs finden, und dann hole ich dich, Terrific, wo immer du dich auch befinden magst! Du kommst vor ein ordentliches Gericht. Jetzt verschwinde augenblicklich und nimm deine beiden Leibwächter mit!“

Duff Terrific zog es vor, nicht zu antworten. Der Schmerz im rechten Handgelenk, das rinnende Blut und die Tatsache, dass er nicht zum Zuge gekommen war, hatten ihn so entmutigt, dass er nur noch daran dachte zu verschwinden. Niemand hielt ihn auf, als er sich umwandte und mit seinen beiden Begleitern den Hof verließ.

Der Mietstallbesitzer wischte sich den Schweiß von der Stirn. Seine Augen wanderten von einem zum anderen.

„Es war ein gutes Geschäft für uns“, wandte sich Jim an den Alten. „Für zehn Dollar bekommt man nicht alle Tage ein so prächtiges Pferd. Komm, Slim!“

Slim Bruce nickte. Er setzte den Rappen in Bewegung, und Jim Sutherland steckte seinen Colt ins Holster zurück. Als sie die Mainstreet erreichten, konnten sie sehen, wie schnell sich Terrific mit seinen Begleitern entfernte. Es wirkte beinahe lächerlich. Dennoch war keiner der beiden Männer geneigt, darüber zu spotten.

„Er wird deinen Rat nicht befolgen, Jim“, sagte Slim Bruce. „Er hat zu viele Karten in diesem Spiel. Wenn der Trumpf stechen soll, müsste man sofort den Vogelkäfig-Saloon in Augenschein nehmen. Es wäre gut, wenn die Vögel da wären und wenn es uns gelingen würde, sie auffliegen zu lassen.“

„Das würde bedeuten, in die Höhle des Löwen zu gehen, Slim.“

„Wir sind doch bereits mitten in dieser Höhle“, lächelte der Hilfssheriff. „Blicken wir also auch in die Winkel hinein.“

Es war erstaunlich, wie furchtlos Slim Bruce war. Weder Nervosität noch Angst waren an ihm zu entdecken. Mit einer gewissen Genugtuung schaute er zu den Passanten hin, die ihm scheu nachsahen.

Die Bürger von Danstone schienen das Gras wachsen zu hören. Nicht einer fragte rundheraus, was sich abgespielt hatte. Nicht einer war unter ihnen, der dem Sheriff Hilfe angeboten hätte. Niemand fasste sich ein Herz und zeigte Sympathie. Keiner hatte den Mut, sich auf die Seite des Rechts zu stellen. Terrifics Macht war trotz seiner Niederlage ungebrochen. Darüber waren sich auch die beiden Vertreter des Gesetzes klar. Als sie auf den Vogelkäfig-Saloon zusteuerten, verschwanden die Leute eilig in Gassen und Toreinfahrten. Ein Mann stellte seinen Einspänner hastig ab, band das Pferd fest und suchte schnell den Schutz eines Store auf.

„Sie benehmen sich wie Ratten, die fühlen, dass das Schiff zu sinken beginnt. Alle wollen sich rechtzeitig in Sicherheit bringen. Steig ab, Slim, lass den Rappen am Office angebunden zurück!“

Der neue Partner nickte nur. Als die beiden Männer am Office waren, glitt Slim Bruce vom Pferderücken und band den Rappen an einem der Halteringe fest. In diesem Augenblick öffnete der alte Doc Amb Wade die Tür seines Hauses.

Jim Sutherland sah den Mann zum ersten Mal, obwohl er schon fast ein Jahr in Danstone war. Der Doc war klein und bucklig, sein Gesicht war bleich. Eine Nickelbrille saß auf seiner geschwungenen Geiernase. Blassblaue Augen starrten die beiden Männer an. Über die dünnen Lippen des Mannes kam ein blechernes Lachen.

Jim stellte zu seinem Befremden fest, dass der Alte durch ihn hindurchsah, als wäre er aus Glas. Genauso betrachtete er auch seinen Begleiter, den jungen Slim Bruce. Das Lachen des Alten brach ab. Er hüstelte und starrte auf den Rappen, dann sagte er mit kreischender Stimme: „Stranger, womit hast du den Mankiller zahm gemacht?“

„Ich brauche keine Mittel“, erwiderte Slim stolz.

„Das nehme ich dir nicht ab“, erwiderte der Doc. „Ich kenne diesen Rappen. Er schlägt oder beißt jeden tot, der ihm zu nahe kommt. Ich habe das Tier immer mit Interesse beobachtet.“ Der Alte machte eine Pause. Sein Blick wanderte zu dem Stern auf Slims Brust. Dann krächzte er: „Ihr beide probiert wohl, wie stark ihr seid?“

Der bucklige Alte ging auf den Rappen zu. Sofort reagierte das Tier. Es stellte sich so, dass der Alte vor seine Hinterhufe kommen musste. Erschrocken wich der kleine Mann zurück.

„Ich sagte doch schon, Doc, er bekam keine Droge. Er wird niemanden außer mir auf seinen Rücken lassen. Versuch nicht noch einmal, ihm zu nahe zu kommen“, warnte Slim Bruce.

„Das ist mir neu“, murmelte der Doc, nahm die Brille ab und zog ein Tuch aus der Tasche, um sie abzuwischen. „Ich glaube nicht an Zauberei und daran, dass man ein Tier behexen kann. Wie hast du den Killer für dich gewonnen?“

„Ich habe mit dem Rappen gesprochen, Doc. Das allein genügte.“

Wieder kam ein Kichern über die Lippen des Alten. In seine blassblauen Augen trat ein fanatischer Glanz.

„Das gibt es nicht! Lüg mich nicht an, Rothaut!“, platzte er heraus. „Du hast einen Trick, einen kleinen, schäbigen Trick angewandt und versuchst, ihn gut zu verkaufen. Bei mir kommst du damit nicht an, mein Junge. Du hast zu viel von euren Medizinmännern gesehen. Mir können die nicht imponieren. Ich habe sie durchschaut, und ich durchschaue auch dich.“

Es war für Jim Sutherland erstaunlich zu sehen, wie gelassen Slim Bruce die Beleidigungen hinnahm. Das Gift des kleinen Doc schien an ihm abzuprallen.

Zum ersten Mal sah der Doc dem Hilfssheriff jetzt voll in die Augen. Es war ein hypnotischer Blick, den der junge Mann, ohne mit der Wimper zu zucken, ertrug. Slim erkannte, dass in dem kleinen missgestalteten Körper von Doc Amb Wade eine vitale Kraft und Lebenszähigkeit steckte, wie man sie nur selten in einem Menschen fand. Diese innere Kraft schien der Ausgleich für die Missgestalt des Mannes zu sein.

Details

Seiten
175
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738925869
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v456493
Schlagworte
gesetz gnade

Autor

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Titel: Gesetz ohne Gnade