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Saltillo #15: Todestreck nach Laramie

2019 120 Seiten

Zusammenfassung

Nach den dramatischen Ereignissen in St. Louis wollen Saltillo und Layla eigentlich wieder zurück nach Texas. Aber dazu kommt es nicht. Ein Mann namens Mose Houston überredet Saltillo und Layla, ihn und seine Leute auf einem Treck nach Kalifornien zu begleiten. Saltillo erkennt, dass Houston bisher auf die falschen Leute gehört hat und der Treck in Gefahr ist. Schon auf der ersten Etappe nach Laramie gibt es die ersten Probleme – und zwar mit dem Scout Evan Goodwill, der ganz andere Pläne hat. Ebenso wie der Spieler Sam Branch, der mit Goodwill gemeinsame Sache macht. Aber Saltillo erkennt die finsteren Pläne rechtzeitig, bevor die beiden Halunken zuschlagen können ...

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Todestreck nach Laramie

Klappentext:

Roman:

Saltillo

 

Band 15

 

Todestreck nach Laramie

 

Ein Western von Franc Helgath

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2019: Frank T. Johnson

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Nach den dramatischen Ereignissen in St. Louis wollen Saltillo und Layla eigentlich wieder zurück nach Texas. Aber dazu kommt es nicht. Ein Mann namens Mose Houston überredet Saltillo und Layla, ihn und seine Leute auf einem Treck nach Kalifornien zu begleiten. Saltillo erkennt, dass Houston bisher auf die falschen Leute gehört hat und der Treck in Gefahr ist. Schon auf der ersten Etappe nach Laramie gibt es die ersten Probleme – und zwar mit dem Scout Evan Goodwill, der ganz andere Pläne hat. Ebenso wie der Spieler Sam Branch, der mit Goodwill gemeinsame Sache macht. Aber Saltillo erkennt die finsteren Pläne rechtzeitig, bevor die beiden Halunken zuschlagen können ...

 

 

Roman:

Saltillo spürte die Nähe der Verfolger, hörte die tastenden Schritte, das unterdrückte Keuchen.

»Wo ist dieser Bastard bloß abgeblieben?«, fragte halblaut eine raue Männerstimme. Das war keine fünfzehn Yard entfernt. Saltillo zog unwillkürlich den Kopf ein. Er kannte die Zahl der Verfolger nicht, aber er wusste sehr gut, dass in St. Louis Männer schon für weniger umgebracht worden waren, als er bei sich trug. Er hatte seine Verfolger zuerst bemerkt, als er die verräucherte Hafenkneipe verließ.

Saltillo kannte sich in der rasch wachsenden Stadt nicht aus. Fast jedes Jahr verdoppelte sich die Einwohnerzahl. Es wäre ihm als bodenloser Leichtsinn erschienen, in eine jener verwinkelten Gassen abzubiegen, die scheinbar ohne System die zumeist zweistöckigen Häuser voneinander trennten. So war er zunächst zum Anlegeplatz der großen Raddampfer hinuntergelaufen und dann über das Gelände mit den Lagerhallen gehetzt, bis er freies Gelände gewonnen hatte. Hier fühlte er sich weniger unbehaglich, denn schließlich war er ein Mann der Weite.

Er landete in den Downs, der feuchten Flussniederung am Westufer des sich träge dahinwälzenden Mississippi. Fern brandete der Lärm der großen Stadt. Lichter tanzten wie Glühwürmchen in der Spiegelung des mächtigen Stroms. Knapp über dem Wasser kroch nasskalter Nebel zwischen die Mauer aus Schilf.

Saltillos Rechte tastete nach dem tiefgeschnallten Colt, doch er zog die Waffe nicht aus der Halfter. Es gab kein Ziel. Er atmete so flach wie möglich und wartete.

»Er muss doch irgendwo hier stecken, verdammt noch mal!« Schwere Tritte patschten über Sumpfgraspolster. »Ich hab ihn eben noch gesehen. Gerade hat sich noch das Schilf bewegt.«

»Wo?«

»Dort vorn.«

»Ich kann nichts erkennen.«

»Gleich wissen wir mehr. Jeden Augenblick kommt der Mond wieder heraus.«

Saltillo schielte schräg zum Himmel. Der Bursche hatte recht. Die schwarzen Wolkenbänder, die wie Schlieren über dem Strom hingen, lichteten sich im Wind, der auch die Wasseroberfläche kräuselte. Die Ränder bekamen einen kalkig weißen Saum, wurden durchsichtig. Dann schien der volle Mond groß und hell auf die Downs herab. Saltillo fühlte Schweiß in seinem Nacken. Auch seine Hände schwitzten. Er wischte sie an den Hosen aus weich gegerbtem Antilopenleder ab. Er stand bis zu den Knöcheln im Wasser und sank mit jeder Sekunde tiefer in den morastigen Grund. Wenn er sich zu befreien versuchte, mussten die schmatzenden Laute weit zu hören sein. Auch seine Verfolger verhielten sich jetzt ruhig. Sie wussten, worauf es ankam.

Fast eine Minute verstrich im Schweigen. Saltillo suchte fieberhaft die nähere Umgebung ab. Er spürte, dass sie ganz in der Nähe waren, aber er konnte sie nicht sehen. Seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Er hatte es mit Leuten zu tun, die was von der Menschenjagd verstanden.

Die Minuten vergingen. Saltillo stand bereits bis fast an die Knie im Schlamm. Immer noch gab es kein Zeichen dafür, dass er wieder festen Boden unter die Füße bekam. Er musste etwas unternehmen, damit seine Bewegungsfähigkeit nicht noch weiter eingeschränkt wurde.

Gerade, als er etwas versuchen wollte, erklang ein barscher Fluch: »Verfluchter Hund, wir kriegen dich auch so!«

Ein Schuss krachte. Mündungsfeuer flammte zwischen dem Schilfgras auf. Irgendwo schlug die Kugel ein.

Und dann wurde es lebendig am Ufer. Saltillo sah endlich etwas von seinen Gegnern.

Er zählte fünf Köpfe, die über die Binsen tanzten. Sie kamen auf ihn zu.

Ein zweiter Schuss folgte, ein dritter. Diese Hafenratten hatten keine Ahnung, wo Saltillo stand, und er verriet sich nicht, sondern verharrte reglos. Fast sechs Fuß groß, die Beine mit den stahlharten Muskeln leicht gegräscht, wartete er eiskalt auf seine Chance. Wie immer trug er auch heute keinen Hut. Schwarz, wild und strähnig hing das Haar in die Stirn. Um den Hals hatte er ein rotes Seidentuch geschlungen, das im Mondlicht aufglänzte wie das Amulett mit den in Silber gefassten Türkisen. Es war nicht ausgeschlossen, dass gerade das wertvolle Medaillon die Begehrlichkeit der Hafenratten geweckt hatte.

Der vierte und der fünfte Schuss bellte. Der letzte lag verteufelt nah. Saltillo kroch förmlich in sich zusammen. Er war trotzdem sicher, dass sie ihn noch nicht entdeckt hatten.

Saltillo konzentrierte sich. Sein scharfgeschnittenes, tiefgebräuntes Gesicht wurde maskenhaft starr. Die grauen Augen, ein Erbe seines irischen Vaters, blitzten.

Einer der Männter stapfte nun direkt auf Saltillo zu. Mit beiden Armen teilte er das Schilf. Sie hatten auf das freie Wasser zu eine weit auseinandergezogene Kette gebildet.

Saltillo stand in der Mitte.

Er bückte sich. Der Walker Colt lag plötzlich in seiner Faust. Er ließ die Waffe gedankenschnell um den Finger rotieren und hielt den Lauf in der Hand.

Es war, als würde der Mann in Wildlederkleidung plötzlich explodieren, als der erste Angreifer in seine Reichweite kam. Das schwere Metall beschrieb einen Kreis und krachte trocken auf den Schädel des Mannes. Ohne einen Laut von sich zu geben, sank er in die Knie.

Saltillo wollte ihn auffangen, doch der Mann war weit schwerer als erwartet, so dass der Haziendero das Gleichgewicht verlor. Weil er inzwischen bis weit über die Knie im Schlamm steckte, konnte er sich nicht befreien. Sie stürzten zusammen. Wasser spritzte auf.

»Hey, Jack! Was ist los bei dir drüben?«

Die Stimme kam von links. Undeutlich nahm Saltillo eine breitschultrige Gestalt wahr, die sich ungestüm einen Weg durch das mannshohe Schilf bahnte.

»Verdammt!«, knurrte Saltillo geistesgegenwärtig und mit verstellter Stimme. »Ich bin hingefallen.« Er hoffte inständig, dass der Breitschultrige auf den Bluff hereinfiel, denn sein Colt war beim Sturz unter Wasser geraten und damit vorerst unbrauchbar.

Doch die Rechnung ging nicht auf!

»Jack? Du bist doch gar nicht Jack!«, kam die schrille Antwort. »Ich hab ihn! Hier ist das Aas!«

Saltillo war noch nie besonders geschickt im Messerwerfen gewesen. Was er jetzt probierte, war eine Verzweiflungstat. Im Liegen und ohne etwas zu sehen, schleuderte er auf Verdacht den Colt aus dem Handgelenk.

Der Revolver wirbelte durch die Luft, und zum ersten Mal in dieser Nacht stand das Glück auf Saltillos Seite - er traf!

Der Breitschultrige stieß einen kehligen Laut aus, griff mit beiden Händen an den Kopf und sackte vornüber auf die Knie.

Saltillo wand sich unter dem schweren Körper hervor und zog seine Beine aus dem Sumpf. Er war durchnässt bis auf die Knochen, doch sein Wille zum Überleben ungebrochen.

Von überall her kamen sie jetzt auf ihn zu. Die Männer schienen sich von einer Sekunde auf die andere vermehrt zu haben, soviel Lärm verursachten sie, als sie wie Büffel durch die Flussniederung brachen.

Saltillo sprang das zweite Opfer an. Der Breitschultrige ruderte wild mit den Armen und versuchte, sich zu erheben. Doch er war noch zu benommen. Er konnte seine Bewegungen nicht koordinieren, kam nicht rechtzeitig hoch.

Mit einem Tritt gegen die Schulter zwang ihn Saltillo auf den Rücken. Er erkannte sofort, dass auch der Colt dieses Mannes nicht mehr zum Schießen zu gebrauchen war.

Gehetzt schaute sich Saltillo um. Nur mehr wenige Yard lagen zwischen ihm und den übrigen Verfolgern. Mit jeder Sekunde schoben sie sich näher heran. Er dachte instinktiv an Flucht, doch es gab keinen Ausweg mehr.

Die Meute hatte ihr Wild gestellt. Einer seiner Verfolger versperrte ihm den Weg zum offenen Wasser, die anderen blockierten die Strecke zum festen Ufer. Die Männer waren bewaffnet - ganz im Gegensatz zu Saltillo.

Jetzt mussten sie ihn sehen! Das Schilf war niedergetrampelt. Hier gab es keine Deckung mehr.

Ein belferndes Lachen übertönte die Geräusche.

»Haben wir dich endlich!« Saltillo starrte in eine Revolvermündung. »Ich werd dir höchstpersönlich die Haut in Streifen schneiden, wenn du meine Partner abgemurkst hast.«

Saltillo wich unwillkürlich zurück.

»Hiergeblieben!«, bellte der Mann. »Mit dir Bastard sind wir noch lange nicht fertig.«

Auch die beiden anderen Männer kamen nun heran. Sie kümmerten sich um die Niedergeschlagenen.

»Sie scheinen halbwegs in Ordnung zu sein, Boss.«

»Gut. Dann bringen wir die Geschichte zu einem Ende.« Er spuckte Saltillo vor die Mokassins. »Du hättest es auch billiger haben können. Warum musstest du uns davonlaufen und uns unnötige Schwierigkeiten machen? Ist das die feine Art, frag ich dich?«

Der Lauf des Revolvers hob sich um eine Handbreit. Die Mündung zeigte nun haargenau auf Saltillos Stirn. Der Finger krümmte sich um den Abzug.

 

*

 

Saltillo zögerte nicht länger. Gestreckt wie ein Pfeil flog er los und prallte mit der Wucht einer Dampframme gegen die Knie des überraschten Bedrohers.

Der stieß einen Grunzlaut aus, zog aber noch durch. Das Geschoss zischte knapp über Saltillos Rücken hinweg. Er spürte den Luftzug.

Dann lag der Boss der Bande ebenfalls auf der Nase.

Völlig perplex verharrten die beiden, die noch nichts abbekommen hatten. Soviel Verdruss schienen sie bei ihren Unternehmungen sonst nicht einzufangen.

Saltillo hatte nicht damit gerechnet, dass sie ihn einfach abknallen wollten wie einen Präriehasen. Entsprechend schonend war er bislang auch mit den Burschen verfahren. Jetzt jedoch sah er keinen Grund mehr, sich die Glacé-Handschuhe überzustreifen. Er wütete unter ihnen mit aller Kraft, die in ihm steckte. Wie ein tropischer Taifun fiel er über die Bande her, verlor trotzdem keine Sekunde die Übersicht.

Er war ein in zahllosen Auseinandersetzungen geschulter Kämpfer. Was sich nun abspielte, dauerte keine zehn Sekunden, doch für die fünf Angreifer wurden es die schlimmsten zehn ihres Lebens.

Mit dem Unterarm prellte Saltillo dem Bandenboss die Waffe aus der Hand. Sie flog in hohem Bogen davon. Gleichzeitig schnellte sein ausgestrecktes Bein hoch und traf einen zweiten Banditen unter dem Kinn. Der Kerl ging stehend knockout und fiel wie ein Brett ins Wasser, begrub dabei einen Partner unter sich.

Saltillo hatte Luft genug, sich dem Anführer zu widmen.

Der hatte sich inzwischen soweit erholt, dass es ihm einfiel, nach dem Bowie-Messer zu greifen, das in seinem Gürtel steckte. Als ein Cross Saltillos sein Nasenbein malträtierte, überlegte er sich’s plötzlich anders. Seine Hände deckten zu spät, um noch zu schützen, den Kopf, und Saltillo versetzte ihm einen Schwinger aufs Ohr. Unter dem Schlag gaben die Knorpel nach. Blumenkohlohren würden den Bandenboss für den Rest seiner Tage an diesen Hieb erinnern.

Er mochte danach auch nicht mehr aufstehen. Er war bewusstlos geworden. Saltillo wirbelte um die eigene Achse. Gerade noch früh genug, um dem heranfliegenden Messer auszuweichen. Der Bursche, der sich um den zuerst Niedergeschlagenen kümmerte, hatte es geschleudert.

»Bastard«, knurrte Saltillo und war wie ein Blitz bei ihm. Ein Magenhaken ließ den Burschen nach Luft japsen. Saltillo verbeulte ihm noch die Rippen, ehe er ihm eine genau dosierte Handkante an den Kehlkopf setzte. Der Schlag war nicht tödlich.

Dann sah er auch, warum der Mann nicht geschossen hatte. Er trug noch eine der alten einschüssigen Handwaffen, die vorn durch das Rohr zu laden waren. Vermutlich hatte er die einzige Kugel als eine Art Lebensversicherung aufbewahren wollen.

Der Rest war schnell erledigt. Die beiden Straßenräuber, die er zuerst außer Gefecht gesetzt hatte, waren immer noch nicht wieder auf dem; Posten. Er brauchte ihre Narkose nur zu vertiefen. Zwei Schwinger halfen dabei. Danach richtete sich Saltillo keuchend auf.

»Eine ansprechende Leistung«, sagte eine unangenehm hohe Stimme in seinem Rücken. »In der Tat, das war nicht zu erwarten.«

Saltillo zuckte zusammen wie unter einem Peitschenhieb. Noch ein sechster Gegner? Ein Mann, der sich bisher im Hintergrund gehalten hatte?

Er musste es annehmen.

»Kapiert, ja?«, fragte der Mann höhnisch. »Kannst dich ruhig umdrehen. Ich bin weit genug von dir weg. Mich springst du nicht an. Und wenn du’s trotzdem versuchst, fällst du vor mir einige Unzen schwerer auf den Bauch. Bist schon ein seltsamer Vogel, junger Mann. Besten Dank übrigens, dass du meinen Leuten diese hübsche Abreibung besorgt hast. Die hatten sie längst nötig. Künftig werden sie vorsichtiger sein.«

Saltillo drehte sich langsam um.

Hier war nichts zu machen, erkannte er sogleich. Der Mann stand zwischen dem Schilfrohr. Kurz schimmerte der Lauf eines Gewehres matt im Mondlicht. Saltillo nahm nur die Silhouette eines hageren, knochigen Burschen wahr.

»Schade um dich«, meinte der Mann. »Einen wie dich hätt ich brauchen können. Nur leider tötest du nicht. Du bist zu zimperlich für unser Gewerbe.«

Saltillo sagte nichts. Er hatte sein Bestes gegeben. Vom Tod trennten ihn nur fünf Yard. Er stand mitten auf der niedergetrampelten Lichtung.

Da krachte es.

Saltillo wartete auf den Einschlag auf den stechenden Schmerz, der der Bewusstlosigkeit vorausgeht, wie er es bei Verletzungen schon früher empfunden hatte.

Jetzt stirbst du, Saltillo! Der Gedanke paralysierte ihn. Doch der Einschlag erfolgte nicht.

Es dauerte ziemlich lange, bis sein Verstand verarbeitete, was die Augen registrierten: jäh ließ der Hagere das Gewehr fallen und griff sich ans Herz. Nach einer Drehung schlug er der Länge nach hin.

 

*

 

Links neben dem Toten, kaum zehn Schritte von Saltillo entfernt, flammte ein Streichholz auf. Es wurde an einen Kerzenstumpf in einer Laterne gehalten. Warmes Licht beleuchtete das Kampffeld.

Saltillo stand noch wie erstarrt. Vermutlich zeigte er in diesen Augenblicken nicht das intelligenteste Gesicht.

Dann sah er auch den Mann, der die Laterne hielt. Der Colt in seiner Hand rauchte noch. Der Mann war größer als Saltillo, breit wie ein Schrank und knorrig wie eine Eiche. Der sichtbare Teil seines Gesichts war von einem Netzwerk aus Runzeln und Falten geprägt. Kühn stach eine Geiernase heraus. Darunter begann ein nicht enden wollender schneeweißer, doppelt gezwirbelter Prophetenbart. Darüber blitzten scharfe Augen, die derzeit unverhohlenes Interesse bekundeten.

»Ich kann dir nicht verdenken, dass du reichlich verdatterst aus deinem Halstuch schaust«, sagte er. Die Stimme passte zu ihm. Sie dröhnte wie fernes Donnergrollen und kam tief aus der Brust. »Ich bin Mose Houston«, stellte er sich dann vor und trat in die Lichtung heraus. Er streckte Saltillo die Hand entgegen. Sie war groß wie der Teller für ein T-bone Steak.

Saltillo ergriff sie zögernd. Der Druck ließ ihn in Schweiß ausbrechen.

»Na? Hast du keinen Namen?«

»Saltillo.«

»Das klingt aber noch recht dünn. Na ja, ist ja auch kein Wunder. Doch ist das wirklich dein Name? Saltillo? Die Jugend soll das Alter ehren und es nicht belügen.«

Saltillo hatte sich endlich wieder gefasst. Er verdankte diesem Rauschebart sein Leben. Das verpflichtete.

»Eigentlich heiße ich Sam O‘Hara. Aber niemand nennt mich so.«

Der Alte leuchtete ihn an. »Du hast Indianerblut? «

Saltillo zuckte als Antwort mit den Schultern. Mose Houston lachte trocken.

»Mir macht das nichts aus«, sagte er. »Du bist schließlich kein Wilder. Obwohl du fast wie einer gekämpft hast.«

Allmählich begann Saltillos Denkapparat wieder zu arbeiten.

»Sie haben alles mitgekriegt? Ziemlich belebte Gegend hier, muss ich sagen.«

Mose Houston grinste. Durch seinen Bart wirkte das komisch, aber Saltillo war nicht zum Lachen.

»Natürlich hab ich zugesehen. Ich war sehr beeindruckt. Du gefällst mir, Sam O’Hara. Du bist ein Kämpfer, und Gott schätzt die Streitbaren.«

Davon hatte Saltillo zwar bis dahin noch nichts gehört, aber er unterbrach den Alten nicht, der ihn jetzt abschätzend musterte - wie ein Rinderaufkäufer den Leitbullen.

»Doch der Herr hasst das Geschmeiß«, fuhr Mose Houston pathetisch fort und deutete mit dem Revolver auf den Hageren. Im Schein der Laterne wurde der Blutfleck auf dessen Brust stetig größer. »Er lässt nicht zu, dass dem Gerechten Böses widerfährt. Er war es, der mir die Hand geführt hat. Ich bin sonst nämlich ein miserabler Schütze.« Die Stimme des Alten klang nun wieder völlig normal.

Saltillo war schon versucht zu glauben, es mit einem Weltverbesserer zu tun zu haben. Immerhin, vielleicht hatte Mose Houston nur einen Bibeltick; nichts außergewöhnliches in jenen Zeiten. In St. Louis gab es derzeit fast ebenso viele Prediger irgendwelcher obskurer Sekten wie Freudenmädchen.

»Trotzdem vielen Dank«, beschied Saltillo seinem Lebensretter.

Mose Houston richtete den Revolverlauf gegen den Himmel.

»Bedanke dich bei ihm, Sohn«.

»Die anderen schlafen noch?«

»Mindestens ’ne halbe Stunde.«

»Wackere Kraft, die hinter deinen Fäusten steckt. Ich werde dich erst einmal zu den Meinen führen.«

Saltillo dachte an Layla, die bestimmt schon im Hotel auf ihn wartete. Er schüttelte rasch den Kopf.

»Das wird leider nicht möglich sein, Mister Houston. Ihre Freundlichkeit in allen Ehren, aber ich bin nur auf der Durchreise. Wir wollen morgen in aller Frühe aufbrechen.«

»Ja? Wohin?«

»Nach Texas. Ich hab ’ne mittlere Hazienda dort.«

Womit Saltillo ganz schamlos untertrieb.

»Das ist schade, jammerschade.« Der Alte wiegte den Schädel. Er schien sich über irgend etwas noch nicht schlüssig.

Dann grinste er unvermittelt. Nie würde sich Saltillo an dieses entnervende Grinsen gewöhnen. Es gab diesem Prophetengesicht etwas Abgefeimtes.

»Es ist wirklich nicht weit zu den Meinen. Wir lagern weiter oben am Fluss.«

Saltillo erinnerte sich daran, in der Stadt etwas von einer Gruppe Narren gehört zu haben, die trotz des nahenden Winters noch nach Kalifornien aufbrechen wollten. Ein Wahnsinnsuntemehmen, denn wenn die Barriere der Rocky Mountains sie nicht umbrachte, würden das die Shoshonen besorgen, die den Zeitungsberichten zufolge der Armee mächtig zusetzten.

»Sie sind Goldsucher?«, fragte Saltillo ungläubig.

»Der Herr allein leitet die Wege der Seinen«, orakelte Mose Houston. »Ich hatte die Vision: Wir werden Gold finden. Kalifornien ist unser gelobtes Land.« Er sagte das so überzeugt, dass Saltillo keinen Einwand wagte. Irren sollte ein Mann ja auch nicht widersprechen.

Saltillo neigte nun doch dazu, Mose Houston in die Reihe jener einzuordnen, die bei den meisten Indianerstämmen als besonders achtenswert galten - weil sie geistig verwirrt waren.

Andererseits hatte Houston bisher erstaunlich zweckbetont gehandelt für einen Narren zumal.

Saltillo kam mit diesem seltsamen Kauz nicht zurecht. Ein vergleichbarer Mann war ihm bislang nicht begegnet.

»Du kannst meine Bitte nicht abschlagen, Sohn«, hob Mose Houston an und starrte ostentativ auf den Toten.

Saltillo versuchte Zeit zu gewinnen. Er räusperte sich. Irgendeine dunkle Ahnung sagte ihm, dass es besser für ihn war, der Einladung des Alten nicht zu folgen.

»Das kann ich wohl nicht«, antwortete Saltillo nach einer langen Pause des Schweigens. Er versuchte ein Lächeln. Es misslang ihm gründlich. »Ich darf doch annehmen, dass Sie nicht hier auf mich gewartet haben, um mir das Leben zu retten?«

Mose Houston lachte polternd.

»Nein, natürlich nicht, Sohn. Wir wollten nur ein paar Fische fangen. Unser Boot liegt zwischen dem Schilf. Wir haben das Licht ausgemacht, als wir den Lärm hörten. Mister Goodwill, kommen Sie doch heraus. Es ist alles in Ordnung.«

»Noch einer?«, fragte Saltillo.

»Ja. Unser Scout, Mister Evan Goodwill. Er wird mich und die Meinen ins gelobte Land führen. Du kennst den Califomiatrail wohl nicht, eh?«

»Nein«, sagte Saltillo. »Ich will auch nicht nach Kalifornien.«

»Hm, du erwähntest das schon. Hast ’ne kleine Farm in Texas. Pass auf, ich könnte dich wirklich reich machen, Sohn. Du brauchst nur zuzugreifen.«

Saltillo wurde einer Antwort enthoben. Das Schilf teilte sich erneut. Und diesmal trat ein Mann in den Lichtkreis der Laterne, den Saltillo am liebsten sofort zu den anderen ins Reich der Träume geschickt hätte.

Evan Goodwill schleppte drei mindestens zehnpfündige Katzenwelse mit sich herum. Er hatte ihnen einen Draht durch die Mäuler gebohrt und zu einer Schlinge gebogen. Einer der glänzenden Fischleiber zuckte noch.

Saltillo schätzte Goodwill auf etwa vierzig Jahre. Er war gedrungen, hatte fast keinen Hals. Der kantige Schädel saß übergangslos auf den nach vom gezogenen Schultern. Schwarzes Bartgestrüpp umwucherte sein Kinn, konnte jedoch nicht die Hasenscharte an der Oberlippe verdecken. Immer bleckten die starken, gelben Schneidezähne und verliehen ihm das Aussehen eines den Fang fletschenden Wolfes. Vom Mundwinkel lief eine breite Narbe bis unter das linke Auge. Die Brauen waren buschig und rollten sich wie Vorhänge über die tiefliegenden Augen.

Die Kiefer des Scouts mahlten. Er machte keinerlei Anstalten, Saltillo die Hand zu reichen. Goodwill betrachtete den Mann aus Texas vielmehr mit der selben Aufmerksamkeit, die man einem Stück verwesten Aas entgegenbringt. Die beiden Männer mochten sich auf Anhieb nicht. Die Antipathie stand wie eine unsichtbare Mauer zwischen ihnen.

»Hello«, brummte der Scout schließlich. »Sie sollten die Einladung vom Boss nicht ausschlagen.«

Saltillo versteifte sich. Er ließ sich nicht gern zu etwas zwingen. Layla wartete auf ihn. Sie machte sich bestimmt schon Sorgen. Inzwischen musste es bald Mitternacht sein. Der Nebel wurde dichter und kälter. Saltillo fröstelte. Er sehnte sich nach einem warmen Bett. Der Kampf war nicht spurlos an ihm vorübergegangen.

»Ich könnte die Abreise ein paar Stunden verschieben«, schlug er vor, »und Sie, Mister Houston, morgen Vormittag aufsuchen. Ja, das werde ich machen. Sie sind doch einverstanden?«

»Tut mir leid, Sohn, dass ich dich nicht überreden konnte«, meinte der Alte darauf. »Reich mir die Hand, Bruder.«

Er streckte seine Pranke aus. Saltillo ergriff sie zögernd. Seine Sinne schrillten Alarm.

Da packte Mose Houston schon zu. Er quetschte Saltillos Hand wie eine Zitrone. Der Schmerz zuckte dem Texaner bis unter die Gehirnrinde. Er war keines klaren Gedankens mehr fähig.

»Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen«, knurrte Mose Houston und klopfte mit dem Revolver gegen Saltillos Stirn.

 

*

 

»Wirklich jammerschade«, sagte Mose Houston kurz danach. »Ich hätte es lieber gesehen, er wäre freiwillig mit uns gekommen.«

»Wozu brauchen wir diesen Bastard, Boss? Das ist ein Halbblut. Haben Sie’s nicht bemerkt?«

»Gewiss«, antwortete Mose Houston salbungsvoll, »aber ein zivilisiertes Halbblut. Vor allem jedoch kann er kämpfen. Und du weißt selbst am besten, Evan, wie es um unsere Schlagkraft bestellt ist. Gläubig sind sie ja, meine Schäfchen. Doch schießen und kämpfen können sie nicht. Und wir werden voraussichtlich auf Indianer stoßen. Dieser Mann hier«, er rollte Saltillo sanft in die Rückenlage, »ist gut für dreißig davon.«

»Sie wollen ihn zwingen, mitzukommen? Das wird ihm überhaupt nicht gefallen, wenn er wieder zu sich kommt.«

»Deshalb wirst du ihn auch fesseln, Evan. Und zwar so, dass er keinen Finger mehr bewegen kann. Du weißt, dass ich in jungen Jahren mal zur See gefahren bin?«

»Es wird erzählt«, erwiderte Goodwill uninteressiert.

»Es gibt da einen alten Brauch«, fuhr der Alte aufgeräumt fort. »Ich kam selbst auf diese Weise zur christlichen Seefahrt. In irgendeiner Kneipe von Bournemouth schlugen sie mich nieder. Ich kam erst wieder zu mir, als das Schiff ausgelaufen war. Ich wurde geshanghait, so nennt man das. Und diesen Mann will ich nun einmal haben. Er wird uns nach Kalifornien begleiten. Wenn wir erst mal auf den Plains sind, gibt’s kein Zurück mehr für ihn. Allein wäre er aufgeschmissen. Er scheint Verstand zu haben. Er wird bald einsehen, dass ich’s nur gut mit ihm meine und sich fügen.«

»Er hat ’ne Hazienda unten in Texas«, gab der Scout zu bedenken.

Mose Houston schniefte geringschätzig.

»Hazienda! Wenn ich das schon höre! Irgendeine Klitsche wird er wohl haben. Nichts dem einer lange nachweint. Du hast ganz richtig bemerkt: er ist ein Halbblut. Und die Texaner sind durch die Bank Rassisten. Er hat bestimmt einen schweren Stand dort unten. Er wird mir noch mal dankbar sein, wenn erst einmal die Nuggets aus Kalifornien durch seine Finger rieseln. Ich will nur sein Glück - und seine Kampfkraft.«

»Er ist nicht allein in Saint Louis«, wandte Evan Goodwill ein. »Haben Sie das nicht mitbekommen?«

Mose Houston strafte seinen Scout mit einem finsteren Blick.

»Selbstverständlich. Deshalb wirst du dich um seinen Partner kümmern. Vielleicht ist er auch zu gebrauchen.«

Die Laterne hatte der Alte inzwischen abgestellt. Jetzt bückte er sich neben Saltillo nieder. Der Texaner lag flach auf dem Rücken.

Mose Houston durchsuchte seine Taschen und stieß einen leisen Pfiff aus, als er die Ledermappe fand. Sie hatte in der Innentasche des Wildleder-Rockes gesteckt.

»Viel Geld hat er nicht«, stellte der Alte zufrieden fest. »Knapp hundertzwanzig Dollar. Das ist kein Weitspringer, unser Saltillo. Genau, wie ich’s mir dachte.«

Mose Houston kramte weiter und wurde erneut fündig. Er hielt einen Zettel gegen das Licht der Laterne.

»Eine Hotelanmeldung. Er ist gestern erst im Great River Palace abgestiegen. Zusammen mit einem ...« Der Alte beugte sich noch tiefer über den Zettel, » ... mit einer gewissen Layla Sheen. Eh! Das ist ja ein Frauenname. Seine Verlobte? Um so besser. Die kassieren wir auch. Um so bereitwilliger wird dieser Saltillo uns helfen.«

»Ich weiß nicht, Boss ...«

»Lass die Unkerei, Evan. Saltillo ist goldrichtig für uns. Ich hab ein gutes Gefühl. Er wird uns noch eine große Hilfe sein. Und jetzt verschnür den Burschen, Evan. Ich nehm ihn im Boot mit. Danach gehst du in den Great River Palace und holst sein Gepäck. Und die Frau.«

 

*

 

Layla wälzte sich unruhig auf dem behaglichen Lager.

Saltillo hatte nur ein wenig Luft schnappen wollen, und jetzt war Mitternacht vorbei. Seit mehr als einer Stunde war er schon überfällig. Das war nicht seine Art. Die junge Frau machte sich Sorgen. St. Louis war ein heißes Pflaster.

Ob er und ein Mädchen...?

Layla schüttelte unwillig den Kopf und richtete sich im Bett auf. Die Flut ihrer blauschwarzen Haare reichte bis hinab zu den üppigen Brüsten. Sie schaute zum wiederholten Mal hinüber zur Standuhr, deren Zeiger unerbittlich vorrückten.

Halb eins.

Sie hielt es nicht länger aus zwischen den duftend weißen Laken. Layla trug kein Nachtgewand. Sie hatte sich einmal mehr auf ihre Art dafür bedanken wollen, dass Saltillo sie aus den Händen der Flusspiraten befreit hatte. Seither war noch keine Woche vergangen.

Layla kippte die aufregend wohlgeformten Beine aus dem Bett und stand auf. Auf der Kommode mit der Waschschüssel lag noch eine Packung Zigarillos. Hastig steckte sie sich einen an, sog den Rauch gierig in die Lungen. Das Nikotin konnte ihr weder die Sorge um Saltillo noch die Zeit vertreiben. Der Minutenzeiger der Uhr kroch unablässig über das Zifferblatt.

Sie ging zum Bett zurück, kreuzte die Beine im Schneidersitz und bot dabei einen beachtenswerten Anblick. Von unten hörte sie dumpf das Hämmern eines Walzenklaviers. Nervös drückte sie den Zigarillo aus. Der Rauch verursachte nur ein Brennen in ihrer Kehle.

Sie war nie zuvor einem zuverlässigeren Mann als Saltillo begegnet. Wahrscheinlich liebte sie ihn, wenngleich ihre Beziehung reichlich unkompliziert war.

Doch gerade heute hatte sie Saltillo deutlich zu verstehen gegeben, wie sehr sie ihn erwartete. Sie sehnte sich nach seinem Körper und seinen Liebkosungen, und Saltillo wusste das.

Layla ahnte Schwierigkeiten. Sie zündete den nächsten Zigarillo an und zerquetschte ihn wenig später zu einem ebenso unansehnlichen Stummel wie seinen Vorgänger.

Danach stand sie endgültig auf und warf sich einen Morgenmantel über. Es war nicht warm im Zimmer. Der Winter nahte mit Riesenschritten.

Fünf Schritte vorwärts. Fünf zurück. Mehr Raum bot dieses Hotelzimmer nicht. Die Ungewissheit diktierte den Takt.

Da klopfte es an der Tür.

»Saltillo?«

»Leider nein, Miss. Sie sind doch Miss Layla Sheen?«

Die junge Kreolin raffte den dünnen Morgenmantel fester um ihren Körper. Sie zitterte, und die Kälte war nicht allein schuld daran.

»Wer sind Sie? Was wollen Sie?«

»Ich muss Sie unbedingt sprechen. Ich habe Nachricht von Saltillo. Es ist sehr dringend. Bitte öffnen Sie!«

Layla überlegte nicht lange. Ihre Angst um Saltillo war stärker als das Misstrauen dem Fremden gegenüber.

Sie drehte den Schlüssel im Schloss und trat einen Schritt zurück.

Ein bärtiger Mann mit einer hässlichen Narbe quer über die linke Wange trat ein. Schon bereute Layla, dass sie so vertrauensselig gewesen war. Sie schielte hinüber zum Bett, unter dessen Kopfkissen der Revolver lag. Doch genauso gut hätte die Waffe auf dem Mond liegen können. Sie blieb unerreichbar, denn der Bärtige hatte seinen Colt schon aus der Halfter gezogen.

Evan Goodwill grinste zynisch.

»Evening, Ma’am. Wie ich sehe, warten Sie schon auf den Geliebten. Leider umsonst. Er wird nicht kommen. Er ist verhindert.«

Laylas Atem stockte. Scharf sog sie die Luft ein. Ihre Nasenflügel bebten.

»Was habt ihr mit ihm angestellt? Wo ist er?«

»Nur mit der Ruhe, Ma’am. Ihm ist nichts geschehen. Er ist bei Freunden. Ich werde Sie jetzt zu ihm bringen. Sie werden doch hoffentlich keine Schwierigkeiten machen? Ihr Freund müsste das ausbaden. Also seien Sie vernünftig.«

Goodwill hatte Laylas instinktiven Blick in Richtung Bett bemerkt. Mit zwei langen Schritten war er dort und schlug fachkundig die Kopfkissen um. Ohne das hämische Grinsen zu verlieren, steckte er den Revolver mit dem eher zierlichen 28er Kaliber in den Hosenbund.

»Ich hab schon mal mit dem Packen angefangen«, sagte er. »Jetzt sind Sie an der Reihe. Und wenn Sie nicht wollen, dass ich Ihnen Beine mache, beeilen Sie sich besser. Sie sind hübsch, Ma’am. Ich könnte auf dumme Gedanken kommen.«

Layla errötete. Jetzt erst wurde sie sich ihrer Blöße bewusst. Die wegen der Kühle steifen Brustwarzen zeichneten sich deutlich unter dem dünnen Stoff des Morgenmantels ab. Sie verschränkte die Arme über der Brust. Gleichzeitig wurde ihr klar, dass sie wohl oder übel nachgeben musste. Der Eindringling sah nicht so aus, als würde er spaßen. Sie traute es ihm auch ohne weiteres zu, dass er seine versteckte Drohung wahr machte.

»Drehen Sie sich um«, verlangte sie.

Evan Goodwills Grienen wurde noch eine Spur breiter.

»Ich bin nicht prüde, Ma’am«, meinte er. »Tun Sie sich keinen Zwang an.«

Layla stieß einen wütenden Zischlaut aus. Dann unterdrückte sie ihr Schamgefühl. Unmittelbare Gefahr drohte ihr offensichtlich nicht. Sie stellte auch keine überflüssigen Fragen. Wichtig für sie war nur, dass Saltillo ganz offensichtlich in der Gewalt irgendeiner Gruppe war, der auch dieser Narbige angehörte.

Die rassige Kreolin versuchte die lüsternen Blicke Goodwills zu ignorieren, als sie sich aus dem Morgenmantel schälte und splitternackt im Zimmer stand. Hastig schlüpfte sie in die Unterwäsche, die über einem Stuhl bereit lag und knöpfte das Mieder zu. Sie verzichtete auf Strümpfe und Halter und hatte so im Handumdrehen das senffarbene Baumwoll-Kostüm übergezogen.

Die beiden Reisetaschen waren schon gepackt, da sie und Saltillo sehr früh von St. Louis hatten aufbrechen wollen. Sie brauchte nur noch den Mantel in ihrer Tasche zu verstauen.

»Sie verstehen gewiss, wenn ich die Form missachte. Sie müssen die beiden Taschen schon selbst tragen. Dann sind Sie beschäftigt. Sicher ist sicher.«

»Ich verstehe«, erwiderte Layla frostig. »Wohing geht’s?«

»Nicht allzuweit. Nur eben bis Kalifornien.« Und da lachte Evan Goodwill plötzlich auf. »Vielleicht kommen wir gar nicht so weit.«

 

*

 

Zehn Conestoga-Planwagen waren seit drei Tagen von St. Louis aus in Richtung Kansas City unterwegs. Zum Treck gehörten um die sechzig Menschen sowie eine rund zwanzigköpfige Rinderherde. In zahlreichen Käfigen gackerten Hühner, Schweine grunzten in ihren Verschlägen. Noch lagen vereinzelt Siedlungen und Gehöfte an ihrem Trail. Es gab sogar noch staubige Wagenwege, doch hinter Jefferson City begann dann endgültig die Wildnis.

Ein scharfer Wind pfiff aus Norden. Die blassgelbe Sonne verbarg sich hinter ständig die Gestalt wechselnden Dunstschleiern. Baumlos und ungeschützt lag die endlose Weite der Prärie vor ihnen - ein grünblaues Meer, das es zu durchqueren galt. Mitten auf den Plains gab der nackte Horizont keine Wahrzeichen her. Ein Kompass wies den Weg.

Es war bereits Ende September, und vor ihnen lagen noch zweitausend Meilen bis Kalifornien. Dazwischen erhoben sich die Rocky Mountains. Trotzdem grinste Mose Houston optimistisch in die Zukunft. Er saß auf dem Kutschbock des ersten Wagens und hielt die Zügel locker in den Pranken.

Vor ihm ritt Evan Goodwill auf einem gescheckten, starkknochigen Mustang.

»Scout«, rief Mose Houston. »Komm mal her!«

Goodwill verhielt das Pferd und wartete, bis er eingeholt worden war.

»Was ist, Boss?«

»Treffen wir in den nächsten Tagen noch auf irgendwelche Ansiedlungen?«

»No, Mister Houston. Es ist nichts mehr zwischen uns und Kansas City.

Nur die Prärie.«

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738925845
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Januar)
Schlagworte
saltillo todestreck laramie

Autor

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Titel: Saltillo #15: Todestreck nach Laramie