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Aufbruch in die Silberwelt Tony Ballard Nr. 150

2018 120 Seiten

Leseprobe

​Aufbruch in die Silberwelt Tony Ballard Nr. 150 Teil 1/3









Es war ein erbitterter Kampf, der nun schon einen ganzen Tag dauerte. Es waren Dämonen, die sich gegenseitig vernichten wollten, und der Vater kämpfte gegen den Sohn. Verbissen kämpften sie um den Sieg, der sich nicht einstellen wollte. Sie trugen ihre erbitterte Auseinandersetzung auf einer Ebene zwischen den Welten aus, hatten von der Erde abgehoben und sich eingeschlossen in ihre magischen Kraftfelder, die miteinander verschmolzen waren.

Der Vater wollte den Sohn töten, weil der es gewagt hatte, sich gegen ihn zu stellen.

Der Sohn strebte nach dem Tod des Vaters, weil dieser die Hexe Riga, seine Mutter, im Stich gelassen hatte. Der Vater war Professor Mortimer Kull. Der Sohn hieß Morron Kull…

Morron Kull hatte sich zum Ziel gesetzt, alle Vorhaben seines Vaters zu durchkreuzen, damit dieser bei Asmodis, dem Höllenfürsten, in Ungnade fiel und von ihm für vogelfrei erklärt wurde.

So hatte er auch verhindert, daß Mortimer Kull den Dämonenjäger Tony Ballard tötete. [1]

Endlich zeigten sie beide Ermüdungserscheinungen. Sie hatten sich nichts geschenkt, hatten sich völlig verausgabt und alles in die Waagschale geworfen, was sie zu bieten hatten.

Nun zeichnete sich ein leichter Vorteil für Mortimer Kull ab. Der dämonische Wissenschaftler zog seinen Nutzen aus einer reicheren Kampferfahrung.

Mit letzter Kraft gelang es ihm, seinen Sohn niederzuringen.

Der Professor war vom schweren, kräfteraubenden Kampf gezeichnet. Er atmete heftig, und auf seiner Stirn glänzten violett schillernde Schweißperlen.

Erst kürzlich war er von Asmodis zum Dämon geweiht worden, nachdem er der Hölle ein ungemein wertvolles Geschenk gemacht hatte: Rufus, den Dämon mit den vielen Gesichtern. Seither gehörte Professor Mortimer Kull dem Höllenadel an. Ein Aufstieg, den vor ihm noch kein Mensch geschafft hatte.

Er hatte keine Beziehung zu seinem Sohn, der ihm zum Verwechseln ähnlich sah. Er brauchte keinen Sohn. Schon gar nicht einen, der gegen ihn war.

»Wenn der Sohn sich gegen den Vater stellt, ist das das schwerste Verbrechen, das er begehen kann!« knurrte Mortimer Kull.

Morron Kull wurde von der magischen Kraft des Professors niedergedrückt. Es war ihm nicht möglich, sich zu erheben und den Kampf fortzusetzen.

»Es ist kein Platz für uns beide!« behauptete der Professor. »Nirgendwo! Deshalb muß der Schwächere sterben! Du hast es gewagt, die Hand gegen mich zu erheben. Dafür werde ich dich grausam bestrafen. Ich habe mir große Ziele gesetzt, die ich schon bald erreichen werde. Dein Vater wird aufsteigen zu höchstem Ruhm. Dämonische Heerscharen werden sich vor ihm verneigen. Er wird die Macht des schwarzen Universums in seinen Händen halten. Du bist ein Narr, daß du dich gegen so einen Mann stellst, anstatt sich mit ihm zu verbünden. Das zeigt mir, daß du meines Namens nicht würdig bist. Du denkst so simpel wie deine Mutter, läßt dich von Gefühlen leiten. Deine Rebellion war von kurzer Dauer, Morron. Nun geht es ans Sterben.«

»Hast du Riga nicht geliebt?« keuchte Morron Kull.

»Ich habe mich am Knochensee mit ihr nicht vereinigt, um einen Bastard zu zeugen. Es geschah zum Vergnügen«, sagte Mortimer Kull hart. »Ich ahnte nicht, daß sie einem erwachsenen Sohn das Leben schenken würde.«

»Hättest du es verhindert, wenn du es gewußt hättest?«

»Wenn ich geahnt hätte, welchen Sohn sie aus ihrem Schoß preßt, ja«, antwortete Professor Kull. »Denn du verdienst das Leben nicht, das wir dir gaben! Deshalb werde ich es nun beenden!«

Als der Professor sich anschickte, seinen Sohn zu töten, attackierte ihn dieser so unerwartet, daß es ihn völlig überraschte.

Mortimer Kull hatte nicht geglaubt, daß Morron noch so viel Kraft in sich hatte. Er hatte seinen Sohn unterschätzt. Magische Blitze rasten auf den Professor zu und bohrten sich in seinen ungeschützten Leib.

Er brüllte auf. Seine Augen weiteten sich in namenlosem Entsetzen. Morron Kull stemmte sich gegen die unsichtbare Kraft, die ihn niederpreßte. Er wollte seinem Vater den Rest geben, aber sein magisches Potential war erschöpft. Diese Attacke war ein letztes Aufflackern gewesen. Nun hatte er nichts mehr zu bieten, doch das wußte der gefährlich verletzte Professor nicht.

Mortimer Kull befürchtete eine zweite Attacke, die er dann nicht mehr verkraftet hätte, deshalb ergriff er die Flucht. Er ließ sich aus dem magischen Feld fallen und stürzte in den Steinbruch, in dem Tony Ballard hätte sterben sollen – was Morron Kull verhindert hatte.

Violette Flammen züngelten aus den Brandwunden. Mortimer Kull preßte die Hände darauf und erstickte sie. Wenn sein Sohn jetzt nachgesetzt hätte, wäre er erledigt gewesen, denn er hatte nicht mehr die Kraft, sich zu wehren.

Aber auch Morron Kull hatte nicht mehr die Kraft, ihm den Todesstoß zu versetzen.

Der Kampf war zu Ende. Für diesmal.

Die erste Runde ging an Morron Kull…

***


Cardia war eine Reisende, ein Wesen ohne Heimat, das niemals seßhaft werden konnte. Sie hatte übernatürliche Fähigkeiten, die sie jedoch fast ausschließlich zu ihrem Schutz einsetzte. Reisende waren sehr friedliebend und ungemein anpassungsfähig. Wohin sie ihr Weg auch führte, sie paßten sich an, um nicht aufzufallen.

Die schöne Cardia blickte auf ein Leben zurück, das für eine Reisende nicht alltäglich war. Auf der Affenwelt Protoc begegnete sie dem alten Cnahl – ebenfalls ein Reisender –, der zu ihrem väterlichen Freund wurde und sich nicht mehr von ihr trennte.

Nichts war ihm wichtiger als ihr Wohl. Der dünne, eingetrocknet aussehende Mann mit der großen Hakennase und den ernsten dunklen Augen fühlte sich auch als Cardias Diener und Beschützer.

Er hätte sich für das hübsche schwarzhaarige Mädchen vierteilen lassen.

Cnahl hatte ihr davon abgeraten, sich mit einem Dämon einzulassen, doch sie hatte nicht auf ihn gehört. Der kraftstrotzende Dämon hatte ihr so sehr imponiert, daß sie von ihm ein Kind wollte.

Damit dieses Kind, ein Junge, dem sie den Namen Sammeh gab, nicht der Hölle anheimfallen konnte, griff Cardia zu einem Trick, bei dessen Durchführung ihr Cnahl helfen mußte: Sie überließ Sammeh bei der Geburt ihre Seele, damit diese ihn vor dem Zugriff des Bösen schützte.

Von diesem Tag an lebte Cardia ohne Seele. Das wäre nicht ohne den Zauber möglich gewesen, den Cnahl schuf. Er stellte zwischen Mutter und Sohn eine dauerhafte Verbindung her, die es Cardia erlaubte, ohne Seele zu leben. Aber Sammeh mußte immer bei ihr bleiben, durfte sich niemals von ihr trennen.

Wenn dies geschah, wirkte der Zauber noch eine Zeitlang, aber wenn Sammeh nicht bald zurückkehrte, mußte Cardia, die Seelenlose, sterben.

Dazu wäre es beinahe gekommen, als der Dämon Lenroc ihren kleinwüchsigen Sohn entführt hatte und zum Höllenzwerg machen wollte. [2]

Cardia war alt und schwach geworden. Ich konnte ihren Verfall mit meinem Dämonendiskus stark verlangsamen, und anschließend setzte ich alles daran, um Sammeh zu finden und zu seiner sterbenden Mutter zurückzubringen.

Kaum war der Kleinwüchsige bei ihr, blühte sie auf und kam wieder zu Kräften. Es erfüllte mich mit großer Freude, sie gerettet zu haben – nicht nur deshalb, weil wir sie brauchten.

Denn mein Freund, der Ex-Dämon Mr. Silver, hatte seine magischen Fähigkeiten verloren, als ihm die dämonische Totenpriesterin Yora ihren Seelendolch in den Rücken stieß.

Danach war der Hüne mit den Silberhaaren zum Spielball der Hölle geworden. Man hatte ihm Schlimmes angetan, und niemand von uns wußte, wie man seinen Erholungsprozeß, der sich langsam dahinschleppte, beschleunigen konnte.

Nur einer hätte helfen können, sagte Mr. Silver: Shrogg, der Weise. Doch der lebte nicht mehr. Er war mit der Silberwelt untergegangen, die Asmodis vor langer Zeit vernichtete.

Cardia war zu uns gekommen, um uns um Hilfe zu bitten und uns gleichzeitig ihre Hilfe anzubieten.

Sie wußte von Mr. Silvers Schicksal und sagte, wenn wir sie retten würden, würde sie uns ein Zeittor zeigen, durch das wir auf die noch vorhandene Silberwelt gelangen könnten.

Als ich ihr Sammeh brachte, war sie bereit, ihr Versprechen einzulösen.

Endlich war es soweit. Die Reise in die Vergangenheit stand kurz bevor, und ich war ziemlich nervös, weil ich neugierig war, zu erfahren, wie es auf der Silberwelt, Mr. Silvers Heimat, aussah und was uns dort erwartete.

Als der Ex-Dämon mich anrief, kam ich mit Boram, dem Nessel-Vampir, in sein Haus. Ich merkte die knisternde Spannung gleich beim Eintreten.

Alle waren nervös. Ein großes Abenteuer stand uns bevor.

***


Mortimer Kull verlor mehrmals das Bewußtsein. Er lag einsam in diesem aufgelassenen Steinbruch. Niemand wußte davon, daß er dort im Staub lag, mehr tot als lebendig. Wenn er zu sich kam, geisterten wirre Bilder durch seinen Kopf. Er hatte Halluzinationen, vermischte Wirkliches mit Unwirklichem, Erlebtes mit der Gegenwart.

Allmählich erholte er sich, ein Teil seiner Kräfte kehrte in seinen angeschlagenen Körper zurück. Er stand schwerfällig auf und schleppte sich schwankend fort.

Er kletterte an einer Felswand hoch. Bei zwei Versuchen stürzte er ab, erst beim drittenmal schaffte er es, den Steinbruch zu verlassen.

Sein Inneres wurde von Rachegelüsten zerfressen. Der eigene Sohn hatte ihn zur Jammergestalt gemacht! Kull stellte in diesem Moment all seine Pläne zurück und dachte nur daran, mit welch schrecklicher Härte er Morron bestrafen würde. Daran klammerte er sich, daran zog er sich hoch.

Der Steinbruch blieb hinter ihm. Er interessierte sich nicht für die triste, flache Umgebung, war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Wie ein Betrunkener torkelte er einen staubigen Weg entlang, der auf eine wenig befahrene Straße zuführte.

Er wußte nicht, warum er diese Richtung einschlug. Es schien ihm einfach nur wichtig zu sein, zu gehen, sich zu bewegen, um zu sehen, daß er noch lebte. Kein Kampf hatte ihn jemals so viel Kraft gekostet.

Das kam daher, daß Morron dieselben »Waffen« zur Verfügung standen. Er hatte sie von seinem Vater geerbt. Deshalb hatte es Professor Kull so schwer gehabt, sich auf ihn einzustellen.

»Das zahle ich ihm heim!« knurrte der dämonische Wissenschaftler. »Das kriegt er alles zurück – hundertfach!«

***


Mark Cronenberg besaß seinen Führerschein ganze 24 Stunden, und ebenso alt war das Auto, in dem er saß: ein dunkelgrüner Toyota Corolla, die Liftbackversion, sein ganzer Stolz.

Er war verliebt in das neue Fahrzeug, fast mehr noch als in Jennifer Shore, die neben ihm saß.

»Fünf Gänge, Zentralverriegelung, jede Menge Extras. Die Japaner verstehen es, dem Autofahrer etwas zu bieten. Wo gab es frü- her mehr als zwei Ventile pro Zylinder? Nur bei Luxusschlitten. Die Japaner bringen die Mehrventiler unters Volk, verstehst du? Auch der kleine Mann soll etwas davon haben.«

Jennifer räkelte sich auf dem Beifahrersitz. Ihre Brüste bohrten sich durch den eng anliegenden Pullover.

»Ich verstehe nichts von diesen Dingen. Die meisten Mädchen haben keinen blassen Schimmer von Technik.«

»Oh, das würde ich nicht sagen. Von einer bestimmten Technik verstehst du eine ganze Menge.«

Jennifer kicherte und boxte den Freund leicht gegen die Rippen.

»Du schon wieder. Hast du denn nichts anderes im Kopf als das und deinen neuen Wagen?«

»Das genügt doch, um einen Mann glücklich zu machen«, behauptete er. »Dieses Auto hat auch Liegesitze.« Er wippte mit den Augenbrauen. »Wollen wir die mal testen? Die halten bestimmt ‘ne Menge aus und sind fast so bequem wie ein richtiges Bett.«

»Ich dachte, du hättest mich zu einer Probefahrt eingeladen.«

»Auf so ‘ner Probefahrt gehört alles ausprobiert, ist doch klar«, meinte Mark Cronenberg lachend.

»Du hast doch nicht etwa vor, gleich hier am Straßenrand über mich herzufallen?« sagte Jennifer.

»Ich suche ein schönes Plätzchen für uns aus«, versprach Cronenberg und schaltete runter. Vom Schaltknüppel zu Jennifers nackten Knien war es nicht weit. Sie trug einen knappen Minirock, den er jetzt noch ein Stück höherzuschieben versuchte.

»Beide Hände auf das Lenkrad!« sagte Jennifer abweisend. »Man fährt nicht bloß mit einer Hand. Du willst wohl einen Unfall bauen.«

»Die Straße ist völlig leer. Weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen«, sagte Cronenberg.

»Du fährst entweder, wie es sich gehört, oder ich steige nie mehr in deinen Wagen ein.«

»Ach, Baby, das würdest du mir doch niemals antun«, sagte Cronenberg, nahm die Hand aber fort, um Jennifer nicht zu verstimmen.

Sie näherten sich einer Buschgruppe, die am linken Straßenrand aufragte.

»Paß auf!« kreischte Jennifer plötzlich.

»Ja, ist der denn…« Cronenberg bremste blitzschnell und so fest er konnte, doch es nützte nichts. Die Katastrophe ließ sich nicht vermeiden.

Ein Mann war aus den Büschen getaumelt, als hätte er schwere Schlagseite. Der Toyota rutschte auf ihn zu. Jennifer schloß die Augen, ihr Freund preßte die Kiefer fest zusammen und stemmte sich gegen das Lenkrad.

Sekunden später kam der Aufprall. Der Mann wurde von den Beinen gerissen und zur Seite geschleudert. Er blieb vor den Büschen liegen, regte sich nicht mehr.

Aus Jennifers Gesicht war die Farbe gewichen. Als sie die Augen öffnete, war der Mann nicht mehr da. »Mark…«, schluchzte sie zitternd, »du hast einen Menschen überfahren!«

»Mein Wagen!« jammerte Cronenberg. »Mein schöner, neuer Wagen!«

»Wie kannst du jetzt an deinen Wagen denken?« schrie ihn das Mädchen entrüstet an.

»Weißt du, wie lange ich gespart habe? Sechs Jahre. Sechs Jahre! Und dann kommt so ein besoffenes Rindvieh…«

»Willst du nicht endlich etwas tun? Willst du nicht aussteigen und nach dem Mann sehen?«

Mark Cronenberg löste den Sicherheitsgurt, aber er wartete nicht, bis das widerstandsfähige Band sich aufgerollt hatte, deshalb blieb er daran hängen, als er aus dem Wagen sprang. Er wäre beinahe auf die Straße gestürzt.

Er hätte es nicht so weit zu dem Mann gehabt, wenn er hinten um das Fahrzeug gelaufen wäre. Er lief vorne herum, um sich den Schaden anzusehen.

Ihn traf beinahe der Schlag. »Großer Gott!« stöhnte er. »Die Stoß- stange, der Kühlergrill, der Scheinwerfer… Alles ist hin. Sogar die Motorhaube hat etwas abbekommen!«

Sein Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen! Ihm war, als hätte auch er bei diesem Unfall körperlich Schaden genommen.

»Da fährt man extra auf einer wenig befahrenen Straße, damit bei der ersten Ausfahrt nicht gleich ein Malheur passiert, und dann kommt es zu einer solchen Katastrophe. Ich… ich bring’ mich um. Oder nein, ich bringe ihn um!«

Er stolperte zu dem auf dem Boden Liegenden.

Jennifer öffnete den Wagenschlag, als Cronenberg sich über den Fremden beugte. »Lebt er noch?« fragte sie krächzend.

»Ich weiß es nicht.«

»Atmet er?«

»Keine Ahnung, er liegt auf dem Bauch, wie du siehst.«

»Fühl seinen Puls.«

»Ich möchte ihn nicht berühren«, gab Mark Cronenberg zurück.

»Du mußt.«

»Du hast leicht reden! Selbst getraust du dich nicht einmal auszusteigen, aber ich soll ihn anfassen.«

»Wer hat ihn angefahren? Du oder ich?«

Zaghaft streckte Cronenberg die Hand aus. Er tastete nach der Halsschlagader des Unbekannten. Panik schimmerte in seinen Augen, als er sich zu seiner Freundin umwandte und hervorpreßte:

»Jennifer, ich glaube, der Mann… der Mann ist tot!«

***


Roxane servierte mir einen Pernod. Ich saß im Kreise meiner Freunde. Metal hatte neben Cardia Platz genommen. In letzter Zeit waren sich die beiden sehr nahe gekommen.

Einst war die Zauberin Arma Metals ständige Begleiterin gewesen. Damals hatte er noch auf der Seite der schwarzen Macht gekämpft. Mittlerweile hatte er die Fronten sehr zu unserer Freude gewechselt, und Arma war in der Hölle verschollen.

Es war fraglich, ob sie noch lebte. Wenn ja, dann hätte sie jetzt nicht mehr zu Metal gepaßt. Cardia hingegen paßte hervorragend zu ihm.

Es störte ihn nicht, daß sie ein Kind von einem Dämon hatte. Zur Zeit sah es so aus, als würden die beiden zusammenbleiben. Mr. Silver begrüßte das, weil er der Ansicht war, daß sein Sohn lange genug allein gelebt hatte.

Aber die Sache hatte auch einen Haken: Cardia war eine Reisende. Wer sie zwang, seßhaft zu werden, machte sie unglücklich. Wenn Metal also mit ihr zusammenbleiben wollte, mußte auch er zum Dimensionen-Vagabunden werden – dann verloren wir ihn.

Trotz dieser Aussichten wollte ihm Mr. Silver nichts in den Weg legen. Wenn Metal mit Cardia leben wollte, würde der Ex-Dämon ihn fortziehen lassen, denn er war der Meinung, daß sein Sohn ein Recht darauf hatte, glücklich zu sein, ob hier oder auf irgendeiner anderen Welt, das war egal.

Ich nippte am Pernod und richtete meinen Blick auf Cardia.

»Wann brechen wir auf?«

»Ich habe versprochen, euch zu zeigen, welcher Weg auf die Silberwelt führt«, sagte Cardia mit ihrer wohlklingenden Stimme, »und ich bin auch gern bereit, es zu versuchen…«

»Es zu versuchen?« fiel ich ihr irritiert ins Wort. »Ich dachte, du kennst so ein Zeittor.«

»Ich kann eines finden, mit Hilfe meiner Zauberkugel.«

»Macht es dir etwas aus, sofort damit anzufangen?« fragte ich.

»Laß ihr Zeit, Tony«, bat Metal. »Dräng sie nicht.«

»Von drängen kann wirklich nicht die Rede sein«, gab ich zurück.

»Ich war geduldig wie ein Esel, aber nun kann ich mich bald nicht mehr beherrschen. Ich habe nun mal keine so starken Nerven wie ein Silberdämon, das mußt du berücksichtigen. Ich bin – leider – nur ein Mensch.«

Cardia bat Cnahl, die Glaskugel zu bringen. Sie war kaum größer als Sammehs Kopf.

Cnahl übergab ihr die Kugel und setzte sich. Die Hellseherin legte ihre schlanken, gespreizten Finger um die Kugel und aktivierte ihre übernatürlichen Fähigkeiten, die sie auf die Kugel konzentrierte.

Es war so still in dem geräumigen Wohnzimmer, daß man eine Stecknadel zu Boden fallen gehört hätte. Ich vibrierte innerlich.

Cardia spannte mich gehörig auf die Folter, aber das durfte ich ihr nicht übelnehmen. Sie gab ihr Bestes.

Ich hatte nach Mr. Silvers Anruf gedacht, es würde gleich nach meinem Eintreffen losgehen, doch weit gefehlt. Cardia mußte mit ihrer Zauberkugel erst das Zeittor ausfindig machen. Wenn sie das heute nicht schaffte, würde sie es morgen wieder versuchen, und sollte es morgen nicht klappen, dann vielleicht übermorgen…

Hoffentlich wächst mir nicht ein Rauschebart, bis sie endlich fündig wird, dachte ich.

Cardias Busen hob und senkte sich jetzt etwas schneller, und die Glaskugel gab einen milchigen Schein ab. Sie beleuchtete unsere Gesichter, wir sahen aus wie Gespenster.

Ich wußte von Cnahl, daß Cardia sehr oft die Kugel befragte, wenn sie von einer Welt auf eine andere gelangen wollte. So fand sie zumeist den kürzesten und oft auch ungefährlichsten Weg, während andere Reisende erst nach langer, mühsamer Suche fündig wurden.

In der Kugel zogen Wolken auf, die sich ständig bewegten und sich schließlich gegen das Glas drückten. Irgend etwas entstand in der Zauberkugel.

Ich nahm hastig einen Schluck vom Pernod und beugte mich vor, um eventuell Einzelheiten erkennen zu können.

»Was ist das?« fragte Sammeh.

»Sieht aus wie ein Baum«, sagte Mr. Silver.

»Pst!« machte Cnahl. »Seid still. Ihr stört Cardias Konzentration.«

Der Ex-Dämon hatte recht. Es befand sich tatsächlich ein Baum in der Glaskugel. Cardias Hände ruhten nicht mehr auf der Kugel, sondern lagen daneben.

Ein Baum, dachte ich grimmig. Sehr schön. Und was weiter? Wo ist das Tor?

Das Bild in der Kugel wurde allmählich deutlicher. Es war so, als würde man an Okularen drehen und die Sehschärfe damit verbessern. Überdeutlich hatten wir jetzt alle den Baum vor uns.

Cardia fixierte das Bild, so daß es auch dann bleiben mußte, als sie damit nicht mehr in Verbindung stand.

»Ein herrlicher Baum, prachtvoll gewachsen«, sagte ich sarkastisch. »Eiche, vermute ich. Jeder Botaniker würde wahrscheinlich vor Freude im Dreieck springen, wenn er ihn sieht, aber meine Freude hält sich in Grenzen. Du wolltest uns ein Zeittor zeigen, Cardia. Und was bekommen wir statt dessen zu sehen? Eine alte, knorrige Eiche.«

»Unter der sich das Zeittor befindet«, behauptete die Wahrsagerin.

Ich riß die Augen auf. »Tatsächlich? Du hast das Tor gefunden?«

»Seht mal!« rief der kleinwüchsige Sammeh aus und wies auf die Kugel. »An dem Baum hängt etwas.«

»Eine alte Frau«, bemerkte Metal. »Sie wurde aufgeknüpft!«

***


»Tot?« kieckste Jennifer Shore. »Um Himmels willen, du hast den Mann totgefahren! 24 Stunden ist dein Führerschein erst alt, und es gibt bereits die erste Leiche!«

»Was soll denn der Blödsinn?« herrschte Mark Cronenberg seine Freundin an. »Was heißt die erste Leiche? Denkst du, jetzt liefere ich alle 24 Stunden einen Toten?«

Cronenberg schlug mit der Faust wütend und verzweifelt auf den Boden. »Verdammt! Verdammt! Verdammt! Warum muß ich soviel Pech haben? Warum konnte der Typ nicht in einen anderen Wagen torkeln? Warum mußte er sich ausgerechnet meinen aussuchen?«

»Wie kannst du nur so gefühlsroh sein, Mark?«

»Ich habe einen Toten am Hals, mein schöner neuer Wagen ist hin, sie werden mir meinen Führerschein wegnehmen… Was erwartest du von mir? Daß ich vor Freude Purzelbäume schlage?«

Cronenberg richtete sich auf. Es zuckte in seinem Gesicht. Er starrte auf den Mann, der sich nicht mehr regte, und sagte heiser: »Ich fahre weiter!«

»Du willst Fahrerflucht begehen? Bist du verrückt?«

»Dann behalte ich wenigstens meinen Führerschein.«

»Da spiele ich nicht mit, Mark!«

»Hör mal, Jennifer, werd jetzt nicht hysterisch!«

»Wenn du weiterfährst, was wird dann aus dem Mann?« fragte das Mädchen schrill.

»Was weiß ich. Dem kann sowieso keiner mehr helfen. Es wird sich jemand anders um ihn kümmern – oder ich kann die Polizei anonym anrufen…«

»Es ist schon schändlich, daß du dieses Verbrechen überhaupt in Erwägung ziehst!« schrie Jennifer empört. »Aber daß du mich auch noch mit hineinziehen willst, verzeihe ich dir nie!«

Cronenberg zündete sich eine Zigarette an, um sich zu beruhigen. Nach mehreren tiefen Zügen fuhr er sich mit dem Handrücken über die Augen.

»Mein Gott, ich bin völlig durcheinander«, stöhnte er. »Du darfst nicht ernst nehmen, was ich vorhin gesagt habe. Ich hatte nicht wirklich die Absicht, mich vor der Verantwortung zu drücken.«

»Wer ist der Mann?« fragte das Mädchen leise. »Sieh mal nach, ob er Papiere bei sich hat.«

Es kostete Cronenberg einige Überwindung, den Unbekannten auf den Rücken zu drehen und seine Taschen zu durchsuchen.

»Kein Ausweis, keine Brieftasche, keine Kreditkarte – nichts«, stellte Cronenberg fest. »Ich sage dir, das ist ein Selbstmörder. Es ließ seine Papiere zu Hause und stürzte sich vor meinen Wagen. Und ich Idiot tat ihm den Gefallen, ihn zu überfahren. Ich bin ein Pechvogel.«

»Er hatte mehr Pech als du.«

»Wieso denn?«

»Er ist tot«, sagte Jennifer.

»Das bezweckte er ja«, behauptete Cronenberg. Plötzlich ließ er die Zigarette fallen. »Ach, du liebe Güte!«

»Was ist?«

»Der Mann ist nicht tot! Er… er hat sich gerade bewegt. Er lebt, Jennifer! Der Mann lebt

***


Ich sprang auf und beugte mich über Cardias Zauberkugel. Es entsprach der Wahrheit, was Mr. Silver gesagt hatte: An dem Baum hing eine alte Frau, mit einem Strick um den Hals!

»Hast du Töne!« entfuhr es mir.

»Das Zeittor befindet sich also unter diesem Baum«, sagte Mr. Silver.

»Nichts einfacher als das – ihn zu finden«, sagte ich gepreßt. »Wir brauchen lediglich ganz England nach einem Baum abzusuchen, an dem eine alte Frau hängt. Oder müssen wir Schottland, Irland, Frankreich und Spanien in die Suche mit einbeziehen?«

»Wir haben erst mal das Bild des Baums in der Kugel«, sagte Cardia.

»Das ist nicht viel«, sagte ich.

»Das ist sogar sehr viel«, widersprach mir die Hellseherin. »Ich hatte nicht geglaubt, daß ich es auf Anhieb schaffen würde. Nun wird uns die Zauberkugel den Weg weisen.«

»Wie?« wollte ich wissen.

»Solange wir uns auf den Ort zubewegen, an dem der Baum steht, wird das Bild gestochen scharf sein. Wenn wir vom richtigen Kurs abweichen, verliert das Bild an Schärfe. Würden wir in die falsche Richtung gehen, wäre das Bild kaum noch zu erkennen.«

»Du kannst den Baum mit deiner Kugel anpeilen«, sagte ich.

»So ist es«, bestätigte Cardia.

Diese Antwort gab mir Auftrieb, ließ mich wieder hoffen. »Wie gehen wir vor? Hast du einen Vorschlag? Ich bin dafür, daß wir uns gleich auf den Weg machen.« Ich tippte mit dem Zeigefinger an meine Stirn. »He, ich habe eine Idee: Am schnellsten müßte sich dieser Baum finden lassen, wenn wir uns mit der Zauberkugel in einen Hubschrauber setzen. Du sagst dem Piloten, wohin er fliegen soll, und sowie das Bild unscharf wird, korrigierst du den Kurs.«

»Die Idee ist gut«, sagte Mr. Silver.

»Natürlich ist sie das; stammt ja auch von mir«, gab ich übermütig zurück. »Bist du mit meinem Vorschlag einverstanden, Cardia?«

Die Hellseherin nickte.

»Darf ich mal euer Telefon benützen?« fragte ich Mr. Silver.

»Mein Telefon ist dein Telefon«, gab der Ex-Dämon großzügig zurück.

Ich begab mich zum Apparat und rief Tucker Peckinpah an.

»Partner, wir brauchen Ihren Privathubschrauber.«

***


Jetzt öffnete der Fremde auch die Augen. Mark Cronenberg hatte noch nie einen Menschen mit violetten Augen gesehen. Er dachte, sich zu täuschen, und die ungewöhnliche Farbe verflüchtigte sich auch sehr schnell.

»Ich bin… Mein Name ist Mark Cronenberg … Ich habe Sie … Haben Sie Schmerzen?«

Mortimer Kull antwortete nicht.

»Ich kann nichts dafür… Sie waren auf einmal da … Mann, so kann man doch nicht über eine Straße gehen … Sie hätten tot sein können. Wenn ich nur ein bißchen schneller gefahren wäre, wär’s um sie geschehen gewesen. Wie fühlen Sie sich?«

Kull schwieg.

»Warum antworten Sie denn nicht?« fragte Cronenberg.

»Vielleicht hat er einen Schock«, rief Jennifer Shore aus dem Auto.

»Wie ist Ihr Name?« erkundigte sich Cronenberg. »Sie haben keine Papiere bei sich. Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, daß ich nachgesehen habe, aber man muß schließlich wissen, wen man…«

»Red nicht so lange, Mark!« rief Jennifer. »Es ist doch völlig unwichtig, wie der Mann heißt. Wichtiger ist, daß er schnellstens in ein Krankenhaus kommt. Man muß ihn gründlich untersuchen. Er kann innere Verletzungen haben.«

»Glauben Sie, daß Sie aufstehen können, Sir?« fragte Cronenberg.

»Natürlich nicht allein, ich helfe Ihnen selbstverständlich.«

Kull drehte den Kopf zur Seite.

»Mach die hintere Tür auf, Jennifer!« rief Cronenberg.

Endlich wagte das Mädchen auszusteigen. Cronenberg zerrte Mortimer Kull auf die Beine und schleppte ihn zum Toyota.

»Meine Güte, wenn er wirklich innere Verletzungen hat, sollte ich das nicht tun. Ich könnte damit alles noch viel schlimmer machen.«

»Wir können ihn hier nicht liegen lassen«, sagte Jennifer.

»Er wird mir die Sitze versauen.«

»Ist das deine einzige Sorge? Du solltest froh sein, daß du nicht zum Mörder wurdest.«

»Hilf mir, ihn in den Wagen zu verfrachten!« verlangte Cronenberg. »Aber vorsichtig, damit nicht alles schmutzig wird. Ich möchte wissen, warum er keinen Ton sagt. Vielleicht ist er von Geburt an stumm. Ich verlasse das Krankenhaus erst, wenn er mir seinen Namen und seine Adresse aufgeschrieben hat. Schließlich muß er für den Schaden aufkommen.«

»Du hast ein Gemüt wie ein Fleischerhund.«

»Ich bin nur realistisch«, sagte Cronenberg. »Wenn jemand einen Schaden verursacht, dann ist es seine verdammte Pflicht, ihn wiedergutzumachen. So ist das nun mal. Ich bin kein Wohltäter, das kann ich mir nicht leisten. Hoffentlich fährt der Wagen überhaupt noch. Das wäre eine schöne Bescherung, wenn wir von hier nicht wegkämen.«

Sobald Mortimer Kull im Wagen saß, empfahl ihm Cronenberg, sich zurückzulehnen.

»Sie können sich auch hinlegen, wenn Ihnen das lieber ist«, sagte er. »Es ist Platz genug. Achten Sie nur bitte darauf, daß Sie die Polsterung nicht beschmutzen.«

Jennifer verdrehte die Augen. »Einen Kult treibst du mit deinem Auto.«

»Hast du dir schon mal einen Wagen gekauft? Einen funkelnagelneuen? Nein. Also halte dich da bitte heraus.«

Cronenberg setzte sich in den Toyota und drehte den Zündschlüssel. Der Motor sprang sofort an. »Gutes Auto!« brummte Cronenberg und fuhr los.

***


Wir nahmen noch nicht alle in Tucker Peckinpahs Privathubschrauber Platz, sondern zunächst einmal nur Cardia, Sammeh, Cnahl und ich. Sollten wir den Baum, den uns die Zauberkugel zeigte, tatsächlich finden, war es ein leichtes, die anderen nachkommen zu lassen.

Ach ja, beinahe hätte ich Boram zu erwähnen vergessen. Er befand sich auch im Hubschrauber, verhielt sich so still, daß er kaum auffiel.

Cardia hielt die Glaskugel in ihren Händen. London befand sich unter uns, und die Hellseherin dirigierte den Piloten nach Norden.

Im Moment funktionierte alles problemlos.

Sowie wir vom Direktkurs abkamen, wurde das Bild in der Kugel unscharf. Wenn sich das Flugzeug auf der richtigen Route befand, zeigte sich der Baum mit unübertrefflicher Brillanz.

Was mich daran störte, war die alte Frau. Hing sie auch am Original-Baum? Hatte sie sich selbst das Leben genommen? Wer war sie?

Ich hoffte, wir würden einen Baum ohne diese Tote finden.

Wir ließen die große Stadt hinter uns, flogen über eine hügelige Landschaft. Vor uns tauchte ein kleines Dorf auf. Wenige Häuser drängten sich in einer Falte von Mutter Natur zusammen, als suchten sie Schutz.

Kaum waren wir über das Dorf, dessen Namen ich nicht kannte, hinweggeflogen, wurde der Baum in der Zauberkugel unscharf.

»Wir müssen umkehren!« rief Cardia. »Der Baum befindet sich hinter uns in diesem Dorf.«

Der Pilot flog eine weite Schleife, und sobald wir uns dem kleinen Dorf näherten, war das Bild in der Kugel wieder gestochen scharf. Cardias Kugel war unbezahlbar, aber das brauchte ich ihr nicht zu sagen. Sie wußte es.

Der Pilot ließ die stählerne Libelle langsam sinken. Ich schaute hinunter. Das Dorf war wie ausgestorben. Ein Geisterdorf schien unter uns zu liegen. Ich sah nicht einmal einen herrenlosen Hund.

Ob wir hier richtig waren? Die Zauberkugel sagte ja – auf ihre Weise.

»Soll ich landen?« fragte der Pilot.

Ich nickte. »Am besten hinter der Scheune dort.«

Kurz darauf setzten wir auf, und in meinem Bauch entstand ein eigenartiges Kribbeln. Irgendwie fürchtete ich mich vor der gehenkten Frau. Die Umstände, die zu ihrem Tod geführt hatten und mir noch nicht bekannt waren, bereiteten mir großes Unbehagen.

Wir lebten im 20. Jahrhundert, aber die Zeit schien an diesem Dorf spurlos vorübergegangen zu sein. Hatten die Dorfbewohner die alte Frau aufgehängt? Wagten sie sich deshalb nicht mehr aus ihren Häusern?

Ich öffnete die Kanzeltür und sprang als erster aus dem Helikopter.

Mir war, als wäre ich der erste Mensch, der seit vielen Jahren hier seinen Fuß auf den Boden setzte.

***


Cronenberg tigerte im Warteraum nervös hin und her. Sie hatten den Unbekannten in der Notaufnahme des Hospitals abgeliefert.

Das Räderwerk einer eingespielten Aufnahme-Prozedur erfaßte Professor Mortimer Kull und transportierte ihn weiter. Mark Cronenberg hatte seine Geschichte erzählt, Jennifer Shore hatte sie bestätigt. Er hatte ausdrücklich betont, so lange in der Klinik zu bleiben, bis er Namen und Anschrift des Mannes wußte. Aufgeregt rauchte er eine Zigarette nach der anderen. Jedesmal, wenn er einen Arzt sah, zuckte er zusammen und hoffte, endlich die gewünschte Information zu bekommen, doch vorläufig ließ man ihn warten.

Jennifer sah ihn zum erstenmal mit anderen Augen. Sie hatte ihn noch nie so erlebt. Es gefiel ihr nicht, wie er sich benahm, wie er dachte und was er sagte.

Obwohl sie ihn seit einem halben Jahr kannte, sah sie ihn heute erst richtig, und sie kam zu der Einsicht, daß er nicht der Mann war, für den sie ihn gehalten hatte.

Sie wollte mit Mark Cronenberg nichts mehr zu tun haben, würde sich in den nächsten Tagen rar machen und die Beziehung schließlich beenden.

Warum sollte sie sich an einen Mann binden, der sie nicht verdiente? Gewiß, sie hatte auch ihre Fehler, aber verglichen mit jenen von Mark waren sie kaum der Rede wert.

»Warum setzt du dich nicht?« fragte sie kühl.

»Ich kann nicht, ich bin zu aufgeregt«, antwortete Cronenberg.

»Das begreifst du nicht, wie? Es ist schließlich nicht dein Wagen, der kaputt ist. Ich wage nicht, daran zu denken, was die Reparatur kostet. Womöglich kann ich sie auch noch selbst bezahlen.«

»Wenn du ständig hin und her läufst, bringt das gar nichts. Warum fahren wir nicht nach Hause?«

Cronenberg sah seine Freundin entgeistert an. »Du bist wohl bescheuert.«

»Man hat sich deine Adresse aufgeschrieben. Sobald der Mann redet, wird man dich verständigen. Es nützt gar nichts, wenn wir hier warten.«

»So hältst du also zu mir!« fauchte Cronenberg. »Nicht einmal das bißchen Geduld bringst du für mich auf. Es ist angenehmer, sich schick ausführen zu lassen, als in so eine Sache hineinzugeraten, nicht wahr? Ein kleiner Ausflug in einem neuen Wagen, Kuchen und Tee in einer noblen Konditorei – das ja. Da kann man das eigene Geld sparen. Hinterher läßt man sich ein bißchen abknutschen, und die Rechnung ist beglichen.«

Jennifer sprang auf. »Du gemeines Aas!«

»Hab ich nicht etwa recht?«

Sie gab ihm eine schallende Ohrfeige, öffnete ihre Handtasche und warf ihm das ganze Geld, das sie bei sich hatte, vor die Füße.

»Da, du Geizkragen! Ersticken sollst du daran!« Mit Tränen in den Augen stürmte sie an ihm vorbei.

»Jennifer!« rief er ihr nach. »Jennifer, wo willst du denn hin?«

»Irgendwohin, nur fort von dir! Mir wird speiübel, wenn ich dich noch länger ansehen muß!«

»Jennifer, warte! So warte doch!« Er lief ihr nach – allerdings nicht, ohne vorher das Geld aufzuheben. Er holte sie vor dem Ausgang ein, griff nach ihrem Arm und riß sie herum. »Entschuldige, Jennifer, ich hab’ das nicht so gemeint. Du mußt das verstehen. All der Streß. Ich bin mit den Nerven ziemlich runter.«

»Ich will überhaupt nichts mehr verstehen!« zischte das Mädchen zornig. »Ich bin mit dir fertig, Mark Cronenberg, möchte dich nie wieder sehen. Ruf mich nicht mehr an. Verschwinde aus meinem Leben.«

»Jennifer…«

»Würdest du mich bitte loslassen?« sagte sie steif.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738925821
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Januar)
Schlagworte
aufbruch silberwelt tony ballard

Autor

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Titel: Aufbruch in die Silberwelt Tony Ballard Nr. 150