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​Der Rufus-Kult Tony Ballard Nr. 149

2018 120 Seiten

Leseprobe

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /COVER MICHAEL SAGENHORN


© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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postmaster@alfredbekker.de

​Der Rufus-Kult Tony Ballard Nr. 149

von A.F.Morland



Als Konstabler Keenan Knox die sieben fliegenden Skelette über der Tower Bridge sah, zweifelte er an seinem Verstand, und das mit gutem Recht.

Wer hat schon jemals ein lebendes Skelett gesehen, noch dazu eines, das fliegen konnte? Und Knox sah gleich sieben Gerippe! Er fuhr sich verstört über die Augen, als wolle er die fliegenden Knochenmänner damit wegwischen. Noch nie hatte er unter Halluzinationen gelitten. Aber das hier mußte ein Trugbild sein. Es war gar nicht anders möglich.

Doch das Trugbild blieb! Und es kam direkt auf Konstabler Knox zu!

Eine geheimnisvolle, starke Kraft hatte sie belebt und ihren Gräbern entsteigen lassen. Die Mächte der Finsternis hatten wieder einmal ihre Hand im Spiel - in einem Spiel, das nach grausamen Regeln ablaufen sollte.

Keiner hatte bis zu diesem Augenblick geahnt, was sich über der Stadt zusammenbraute. Keenan Knox war der erste, dem sich das Grauen offenbarte.

Bleich schimmerten die Knochen der Skelette. Sie bewegten sich im Widerschein des Abendrots am Himmel und breiteten hin und wieder die Arme seitlich aus und legten sie dann wieder an.

Ihre grinsenden Fratzen waren nach unten gerichtet. Es schien sie sehr zu interessieren, was auf der Brücke und in deren unmittelbarer Nachbarschaft passierte.

Knox stand der kalte Schweiß auf der Stirn. »Wenn ich das meinen Kollegen erzähle, bin ich augenblicklich vom Dienst suspendiert«, stöhnte er.

Die Skelette sanken tiefer, und Knox’ Herz schlug sofort schneller. Hatte diese Schauererscheinung etwa die Absicht, hier zu landen?

Nicht in meinem Revier! ächzte der Konstabler im Geist. Nicht ausgerechnet dann, wenn ich Dienst habe! Ich flehe euch an, fliegt weiter! Macht einen anderen Konstabler unglücklich! Es muß ja nicht unbedingt ich sein!

Die Unheimlichen kamen so nahe an ihm vorbei, daß er hörte, wie die Luft pfeifend und rauschend durch sie hindurch- und über sie hinwegstrich, und ab und zu vernahm er ein knöchernes Klacken und Klappern.

Liebe Güte, ich habe sie nicht mehr alle! jammerte Knox in sich hinein. Ich sehe Dinge, die es unmöglich geben kann. Das muß ein Alptraum sein. Wieso wache ich denn nicht auf?

Er trat hinter einen Baum. Die Unheimlichen beachteten ihn nicht. Sie setzten in einer Entfernung von knapp hundert Yard auf einem Rasenstreifen auf und blickten sich suchend um.

Knox hatte den Eindruck, sie wären gekommen, um hier jemanden zu treffen. Das ist das Verrückteste, was ich jemals erlebt habe, sagte er sich. Und das Blöde daran ist, daß ich nie darüber sprechen darf, wenn ich nicht riskieren möchte, daß man mir eine Zwangsjacke verpaßt und mich in die Klapsmühle abschiebt.

Die Gerippe wandten sich plötzlich wie auf ein stummes Kommando alle in dieselbe Richtung, und dann kam für Konstabler Knox der nächste Hammer.

Zwischen hohen, dicht beisammenstehenden Büschen trat eine Schreckensgestalt besonderen Formats hervor. Abermals traute Knox seinen Augen nicht, denn was er nun sah, war fast noch unglaublicher - wenn das überhaupt möglich war.

Er sah ein Wesen, das eine pechschwarze Kutte trug, deren Kapuze hochgeschlagen war. Im tiefen Schatten der Kapuzenöffnung schien sich nichts zu befinden.

Das Wesen schien kein Gesicht zu haben. Knox schluckte trocken. In was für einen Horror war er da hineingeraten?

Drohte ihm von diesen Knochenmännern Gefahr? Was würden sie tun, wenn sie auf ihn aufmerksam wurden? Würden sie ihn angreifen? Er rechnete damit und ballte unwillkürlich die Hände.

Er war kein besonders mutiger Mann, aber er war auch kein Feigling. Er schwamm irgendwo dazwischen, wie die meisten Menschen.

Doch in Notsituationen war Keenan Knox schon einige Male über sich selbst hinausgewachsen. Das hatte ihm eine Belobigung und einen angenehmeren Dienst eingebracht, und einmal hatte sogar die Presse über ihn berichtet, damals, als er das Kind eines Abgeordneten vor einem wild gewordenen Kottweiler gerettet hatte.

Er hatte die Artikel ausgeschnitten, eingerahmt und zu Hause an die Wand gehängt. Sie hingen so, daß jeder, der ihn besuchte, sie sehen mußte.

Er sprach nie von sich aus über seine Heldentat, sondern wartete stets darauf, bis der Besucher die Rede darauf brachte. Dann legte er aber mit sichtlichem Eifer los und war nicht mehr zu bremsen.

Mit diesem neuen Erlebnis hier konnte er leider nirgendwo aufwarten.

Das Wesen in der schwarzen Kutte drehte den Kopf ein wenig, und Knox’ Herz übersprang einen Schlag. Er sah das Gesicht des Seltsamen.

Gesicht war eigentlich zuviel gesagt. Der Kuttenträger hatte auch einen Totenschädel unter seiner Kapuze. Jetzt klaffte die Kutte kurz auf, und Knox sah bleiche Knochen.

Noch ein Skelett! schoß es ihm durch den erhitzten Kopf. Die Tatsache, daß dieses eine Gerippe bekleidet war, ließ ihn annehmen, daß es sich um den Anführer dieser schrecklichen Bande handelte.

Er konnte nicht wissen, daß es sich um Rufus, den Dämon mit den vielen Gesichtern, handelte.

***


Blake Olsen seufzte. Janet machte ihm wieder einmal eine Szene. Gott, was sie alles hervorkehrte. Mit den ältesten Hüten kam sie ihm.

Sie hielt ihm Dinge vor, die sie ihm längst verziehen hatte - jedoch nicht vergessen, wie sich bei solchen Gelegenheiten immer wieder zeigte.

Zur Hölle mit ihrem guten Gedächtnis, dachte er. Es ist sagenhaft, was sie sich alles merkt - und wie lange. Oh, Janet de Mol, wenn du wüßtest, wie großartig du aussiehst, wenn du wütend bist. Ich liebe dich. Verdammt noch mal, warum schaffe ich es einfach nicht, dir treu zu sein?

Sie waren beide Schauspieler. Blake Olsen war der Schönling vom Dienst. Immer wenn es galt, eine Rolle mit einem gutaussehenden jungen Mann zu besetzen, dachten die Produzenten zuerst an ihn.

Er war überdurchschnittlich groß, schlank und blauäugig, und sein Lächeln versetzte das weibliche Geschlecht in Verzücken. Man sammelte die Fanpost für ihn in einem Wäschekorb.

Das Angebot der willigen Damen war sehr groß. Es war ihm einfach nicht möglich, an allen mit Scheuklappen vorbeizugehen. Da war hin und wieder eine dabei, der er einfach Beachtung schenken mußte, und wenn Janet davon erfuhr, gab es mal wieder eine von diesen unschönen Szenen.

»Schatz, reg dich doch nicht so auf, das schadet deinem Teint«, sagte er und nahm sich wieder einen Scotch. Er wußte nicht, der wievielte das war. Es war auch nicht so wichtig, es zu wissen. Er konnte eine ganze Menge vertragen.

»Ich rege mich auf, soviel und solange ich will!« schrie Janet de Mol mit voller Lautstärke. »Wenn dir das nicht paßt, kannst du ja gehen!«

»Du verschwendest deine Energie.«

»Du findest also, ich soll mich nicht aufregen, wenn du mit jeder Pute, die dir über den Weg läuft, anbandelst. Was willst du dir damit beweisen? Daß deine Potenz phänomenal ist?«

»Glaub mir, all die Affären bedeuten mir nichts, Janet.«

»Warum hast du sie dann?« fragte die Schauspielerin und fuhr sich mit gespreizten Fingern durch die rote Mähne. Ihre grünen Augen verschossen Blitze. »Warum hast du’s mit Laura Harper getrieben?«

»Naja, sie hatte eine Krise, wir waren in demselben Stück engagiert.«

»Sie machte dir schöne Augen, und da ist es eben passiert, nicht wahr?« Janet de Mol zog nervös an ihrer Zigarette. Ihre Hand zitterte. »Kannst du mir verraten, was dich an Laura Harper so faszinierte, daß du ihr den Gefallen unbedingt tun mußtest? Sie ist fast vierzig. Hast du neuerdings einen Mutterkomplex?«

»Ich sage dir doch, sie hatte ein Problem…«

»Das sich nur im Bett lösen ließ?«

»Sie war ziemlich down und anlehnungsbedürftig. Ich lud sie ohne jeden Hintergedanken zum Abendessen ein, weil sie mir leid tat.«

Blake Olsen leerte sein Glas. »Laura wurde nach einigen Drinks depressiv. Ich bat sie, mir ihre Geschichte zu erzählen. Das tat sie, und sie bestellte ständig weitere Drinks. Wir waren schließlich beide ziemlich blau.«

»Du kannst ein Faß Whisky austrinken und weißt hinterher immer noch, was du tust!« behauptete Janet. »Diese Ausrede lasse ich nicht gelten.«

»Es ist keine Ausrede. In ihrem Zustand konnte ich sie nicht allein nach Hause fahren lassen.«

»Jemand hätte die Pute ja überfahren können, nicht wahr?«

»Sei doch nicht so gehässig, Janet.«

»Warum nicht? Ich hasse Laura Harper! Und ich hasse dich!«

»Das ist nicht wahr«, widersprach Blake. »Man sagt vieles im Zorn, das man nicht so meint.«

»Eines Tage kaufe ich mir einen Revolver und schieße dich über den Haufen!«

»Ich bin sicher, daß du das nie tun wirst.«

»Sei da mal nur nicht zu sicher!« fauchte Janet.

»Also, um es kurz zu machen: Ich enterte mit Laura ein Taxi und brachte sie nach Hause. Na schön, und dann ist es passiert. Wir waren betrunken und haben etwas getan, das wir nicht hätten tun sollen, aber deswegen stürzt doch die Welt nicht ein.«

»Du Idiot dachtest, ich würde es nicht erfahren, aber Laura Harper hatte am nächsten Morgen nichts Eiligeres zu tun, als es in alle Welt hinauszuposaunen: ›Ich habe den Hengst der Nation herumgekriegt!‹«

Blake Olsen grinste. »Du kannst ganz schön giftig sein.«

»Ich habe Haare auf den Zähnen.«

»Ich weiß, aber ich liebe dich trotzdem - oder gerade deswegen.«

Janet de Mol nahm noch einen tiefen Zug von der Zigarette und stieß sie dann in den Ascher. »Du solltest nicht von Liebe sprechen, Blake. Du weißt nicht, was das ist.«

»Das stimmt nicht«, bestritt er. »Ich liebe dich wirklich. Wir gehören zusammen.«

»Es ist die Hölle, mit dir zu leben.«

»Und doch können wir ohne einander nicht sein.« Er kam näher.

Sie schien sich beruhigt zu haben. Der Dampf war wieder einmal abgelassen.

»Laß uns das Thema wechseln, ja?« sagte er leise und nahm ihr schönes Gesicht zwischen seine großen, kräftigen Hände. »Du bist für mich die aufregendste Frau von der Welt, Janet. Ich möchte dich nie verlieren.« Er küßte sie auf den Mund, und der letzte Rest ihres Zorns verrauchte.

Es war immer dasselbe.

***


Konstabler Knox pirschte sich an die Bande des Schreckens heran. Inzwischen war es dunkel geworden, und seine Chancen, nicht entdeckt zu werden, waren gestiegen. Als er hörte, daß das Wesen in der Kutte zu den sieben Knochenmännern sprach, traute er auch seinen Ohren nicht mehr.

Was Rufus sagte, konnte Keenan Knox nicht verstehen, deshalb wagte er sich im Schutz der Büsche noch weiter vor. Der Dämon hob die Knochenhand und wies auf ein sechsstöckiges Gebäude.

Die Skelette schienen von ihm einen Auftrag bekommen zu haben. Sie nickten, und mit einemmal begann die Luft unter ihren Füßen zu flimmern.

Es sah für Knox so aus, als würde sich der Boden aufweichen, doch etwas anderes geschah. Magie schob sich unter die Skelette und hob sie hoch.

Sie flogen wieder, und zwar dorthin, wohin Rufus gezeigt hatte. Auch der Kuttenträger blieb nicht stehen. Er machte kehrt, und Keenan Knox warf sich flach auf den Boden.

Am liebsten hätte er sich eingegraben, um von Rufus nicht bemerkt zu werden. Der Dämon verschwand zwischen den Büschen, während die sieben Skelette durch die Lüfte schwebten.

Knox vernahm neben sich die Schritte des Unheimlichen und drehte den Kopf zur Seite, damit ihn das bleiche Oval seines Gesichts in der Dunkelheit nicht verriet.

Sein Herz schlug wie eine Dampframme gegen die Rippen. Er krallte die Finger ins Erdreich und regte sich nicht, stellte sich tot - so tot, wie er wahrscheinlich gewesen wäre, wenn ihn der Kuttenträger entdeckt hätte.

Der Dämon entfernte sich. Knox blieb noch einige Augenblicke reglos liegen, und als er sich dann endlich zu erheben wagte, war Rufus verschwunden.

Die fliegenden Skelette aber nicht.

Sie waren auf dem Dach des sechsstöckigen Hauses gelandet, und Keenan Knox fragte sich, was sie dort oben wollten. Warum hatte der Kuttenträger sie da hinaufgeschickt?

Wer wohnte dort oben?

Dem Konstabler fiel es fast schlagartig ein: Janet de Mol!

***


Janet war eine gute Schauspielerin. Sie hatte das Talent, die verschiedensten Charaktere auszudrücken und darzustellen. Ihr Temperament - Blake hatte es soeben mal wieder zu spüren bekommen - riß das Publikum mit, und sie vereinte Schönheit und Sex-Appeal in einem traumhaft gebauten Körper.

Anfangs war der Job hart gewesen. Sie war von Besetzungsbüro zu Besetzungsbüro gelaufen, hatte sich die Hacken schiefgetreten, doch man hatte sie mit schönen Worten abgespeist.

Doch Janet hatte den Glauben an sich nicht aufgegeben. Sie war felsenfest davon überzeugt gewesen, daß ihre Zeit kommen würde, und sie war tatsächlich gekommen.

Als Tochter eines irischen Schnapsbrenners war ihr der Durchbruch gelungen. Die Rolle war klein gewesen, aber Janet hatte es verstanden, etwas daraus zu machen.

Damals war man auf sie aufmerksam geworden, und seither rissen die interessanten Angebote nicht mehr ab. Den bisher größten Erfolg hatte sie mit einer Fernsehserie errungen, die wöchentlich ausgestrahlt wurde und unter dem Titel »Mein Mann, der Außerirdische« lief.

Köstliche Gags und turbulente Szenen garantierten höchste Einschaltquoten. Die besten Autoren Englands schrieben für die Serie. Man hatte auch die erfolgreiche Schriftstellerin Vicky Bonney zur Mitarbeit eingeladen, doch diese hatte sich noch nicht entschieden.

Seit die Fernsehserie lief, kannte jedes Kind Janet de Mol. Die Schauspielerin genoß ihre Popularität, obwohl diese manchmal auch sehr lästig sein konnte.

Nach so einem wilden Streit war die Versöhnung immer das Schönste. Man hätte fast meinen können, Janet ließ sich nur deshalb zu diesen leidenschaftlichen Gefühlsausbrüchen hinreißen, weil Blake hinterher immer besonders nett und zärtlich war.

Die Schauspielerin wohnte direkt unter dem Dach. Es war eine Riesenwohnung, die sich mit schrägen Wänden und schrägen Fenstern über die ganze Fläche des Gebäudes erstreckte.

Janet brauchte viel Platz. Sie haßte nichts mehr, als beengt zu sein.

Sie preßte ihren schlanken Körper gegen Blake. Sie spürte, daß er zur Liebe bereit war, und als er sie hochhob, um sie zum großen Bett zu tragen, zeigte sie ihm mit einem kleinen Lächeln, daß sie damit einverstanden war.

Sobald sie auf dem Bett lag, begann er sie mit flinken, kundigen Fingern auszuziehen. Sie schloß die Augen und drückte manchmal ihren Körper, der immer mehr entblättert wurde, hoch, damit er die Kleidungsstücke darunter hervorziehen konnte.

Als sie verzückt die Augen öffnete, blieb ihr Herz fast stehen. Sie blickte direkt in eine grinsende Knochenfratze.

***


Himmelherrgottnochmal, was wollen die denn von Janet de Mol? dachte der Konstabler aufgeregt, und plötzlich war die Angst verflogen. Beinahe hatte es den Anschein, als wäre in seinem Innern ein Hebel auf »Held« umgelegt worden.

Janet de Mol brauchte Hilfe, und er war entschlossen, sich für sie einzusetzen. Den Blick nach oben gerichtet, lief er über den Rasenstreifen.

Die Skelette kletterten auf dem Dach herum. Anscheinend suchten sie nach einer Möglichkeit, in die Wohnung der Schauspielerin zu gelangen.

Knox hatte keine Ahnung, wie er dem knöchernen Wahnsinn gegenübertreten, womit er ihn bekämpfen sollte. Er stürmte einfach los, ohne große Überlegungen anzustellen.

Er überquerte die Straße und rüttelte an der Haustür. Sie war abgeschlossen. Knox suchte in aller Hast den Klingelknopf, mit dem er den Hausmeister herausläuten konnte, begrub ihn unter seinem Daumen und ließ ihn erst los, als der Hauswart öffnete.

Der Mann machte ein unfreundliches Gesicht, seine Kleidung war unordentlich, das Haar zerzaust. Knox schien ihn aus dem Bett geholt zq haben. Er gähnte laut, sein Mundgeruch war unangenehm.

Als er sah, daß er es mit der Polizei zu tun hatte, nahm er sich zusammen. Er richtete sich kerzengerade auf.

»Was passiert?« fragte er.

»Lassen Sie mich rein, Miß de Mol ist in Gefahr!«

»In Gefahr? Wieso? Was ist denn?«

Knox verzichtete darauf, die Skelette zu erwähnen, denn in diesem Fall hätte ihm der Hausbesorger wahrscheinlich die Tür auf die Nase geschlagen -obwohl er in Uniform war.

Da der verschlafene Mann die Tür nicht freigab - er dachte in seinem Dusel einfach nicht daran - drückte ihn der Konstabler wortlos zur Seite und eilte an ihm vorbei.

»Sechster Stock…!« rief ihm der Hauswart nach.

»Ich weiß, danke«, keuchte Keenan Knox und eilte auf den Fahrstuhl zu.

»Aber der Lift ist kaputt.«

Knox sah im gleichen Moment das Schild: AUSSER BETRIEB. »Auch das noch!« stöhnte er.

»Soll ich mitkommen? Brauchen Sie mich?«

Knox winkte ab. Er hoffte, die Skelette mit seinem unverhofften Auftauchen verscheuchen zu können. Sechs Etagen! dachte er verdrossen. Mir bleibt doch nichts erspart. Wenn ich oben ankomme, bin ich völlig außer Puste, und dann krieg’ ich’s auch noch mit diesen Knochenmännern zu tun. Hoffentlich geht das gut.

Er versuchte sich seine Kräfte einzuteilen, um nicht im vierten Stock schlappzumachen. Stufe um Stufe legte er zurück, und bald glänzte der Schweiß auf seinem Gesicht.

***


Blake Olsen spürte, wie Janet versteifte. Er hielt inne und sah sie verblüfft an. »Ich dachte, es wäre wieder alles okay.«

»Blake, ich…« Sie krächzte und mußte sich räuspern. »Ich glaube, ich hatte soeben eine schreckliche Sinnestäuschung…«

»Was hast du denn gesehen?« fragte er irritiert. Da sie fortwährend zum Fenster starrte, drehte er sich um. Nichts war zu sehen - natürlich nicht. »Bitte lache mich nicht aus, Blake.«

»Aber nein. Sag schon.«

»Einen Totenkopf. Es war grauenvoll.«

»Mädchen, du scheinst dir in letzter Zeit zuviel zuzumuten. Vielleicht solltest du etwas kürzer treten. Die Fernsehserie, die Gastauftritte in diversen TV-Shows, die nächtelangen Partys und Galadinners… Ich wollte es dir nicht sagen, aber das alles ist auf die Dauer zuviel für dich.«

»Wie kann es zu einer solchen Vision kommen, Blake?«

Er schürzte die Lippen. »Eine Fehlschaltung im Gehirn. Unser Denkapparat ist ein ziemlich kompliziertes Ding. Daß das nicht ein Leben lang klaglos funktionieren kann, ist eigentlich ganz logisch.«

»Ich habe Angst, Blake.«

»Siehst du den Totenkopf etwa noch immer?«

»Nein, er ist weg.«

»Dann brauchst du doch keine Angst mehr zu haben«, sagte Blake sanft.

»Könnte das eine Ahnung, eine Warnung, ein Blick in die Zukunft gewesen sein?« fragte das rothaarige Mädchen mit belegter Stimme.

»Unsinn, es hat überhaupt nichts zu bedeuten«, bemühte er sich, ihr die Furcht auszureden. »Vergiß es.«

»Mir droht Gefahr«, flüsterte Janet zitternd.

»Quatsch, Baby. Mach dich nicht verrückt.«

»Ich weiß es. Ich spüre es. Etwas trachtet mir nach dem Leben!« Sie verließ das Bett und zog sich hastig wieder an.

»Jetzt dreh mal nicht durch!« sagte Blake energisch. »Es ist alles bestens. Es gibt überhaupt keinen Grund, daß du so ausflippst. Komm wieder ins Bett. Laß uns weitermachen. Es fing gerade erst an, schön zu werden.«

Panik glitzerte in Janets Blick. »Begreifst du denn nicht? Ich bin in Lebensgefahr!«

Er grinste. »Also ich tu’ dir ganz bestimmt nichts an, was dir nicht gefällt, Kleines. Und sonst ist niemand da.«

Janet hob den Kopf. »Es ist auf dem Dach… Bring mich weg von hier, Blake.«

»Wohin denn?« fragte er unwillig.

»Fahren wir zu dir.«

»Das geht nicht. Ich habe ein paar Freunden mein Haus zur Verfügung gestellt. Außerdem…« Ein Geräusch veranlaßte ihn zu verstummen. »Verdammt«, sagte er dann irritiert. »Da scheint ja wirklich jemand auf dem Dach zu sein. Na warte, Bürschchen! Was fällt dir ein, meine Braut so zu erschrecken? Der Knabe lernt jetzt gleich mal fliegen. Scheint sich um einen deiner überdrehtesten Fans zu handeln. Steigt mit ’ner Totenkopfmaske aufs Dach und will uns beim Schmusen Zusehen. Das geht denn wirklich zu weit. Fans müssen zwar sein, aber nicht diese Sorte. Auf die können wir verzichten.«

»Besser, wir gehen, Blake!« flüsterte die Schauspielerin.

»Kommt nicht in Frage. Wenn hier einer den Abgang macht, dann ist es der Geisteskranke da draußen.« Blake begab sich zum Fenster.

Janet legte die feuchten Hände auf ihre blassen Wangen. Sie spürte instinktiv, daß hinter diesem Horror mehr steckte als ein verrückter Fan.

Blake öffnete das Fenster, das auf einer Mittelachse lag und geschwenkt werden konnte. Er drückte es nach oben, stieg auf einen Stuhl, den er mit dem Fuß herbeizog, und tauchte bis zur Brust durch die Fensteröffnung.

Er hatte die Schräge des Dachs vor sich, die zur Regenrinne abfiel, sah das dunkel glänzende Band der Themse und die weltberühmte Tower Bridge, eines der Wahrzeichen Londons.

Aber einen Mann, der eine Totenkopfmaske trug, sah er nicht.

Er drehte sich um.

Im selben Augenblick fuhr ihm eine harte Knochenhand an die Kehle…

***


Dritter Stock.

Keenan Knox hätte nicht gedacht, daß er so außer Form war. Er schnaufte wie ein alter Kutschgaul und rasselte wie eine Dampflok auf ihrer allerletzten Fahrt.

Noch drei Etagen - und dann die Skelette! dachte er verzweifelt. Wie soll ich das schaffen?

Er stolperte, weil er die Füße nicht mehr hoch genug hob. Beinahe wäre er gestürzt. Es gelang ihm gerade noch, sich am Geländer festzuhalten.

»Diese verfluchten Aufzüge!« keuchte er schwer. »Sie lassen einen immer dann im Stich, wenn man sie am dringendsten braucht!«

Vierter Stock…

Waden und Oberschenkel schmerzten ihn, zogen sich in leichten Krämpfen zusammen. Sein Herz schlug wie verrückt. Er glaubte, es würde ihm entweder zerspringen oder zum Mund heraushüpfen.

Den Skeletten stand bedenklich viel Zeit zur Verfügung. Wie würden sie sie nützen? Was würde Fox vorfinden, wenn er den sechsten Stock erreichte?

Er blieb stehen, mußte kurz verschnaufen, es ging einfach nicht mehr weiter. Mit dem Handrücken wischte er sich den Schweiß von der Stirn, und dann setzte er den beschwerlichen Aufstieg fort.

Eine verrückte Idee kam ihm. Diese Schauspieler hatten doch alle irgendeine Macke. Shirley McLaine behauptete zum Beispiel, schon einmal gelebt zu haben, und schrieb sogar Bücher darüber, die reißenden Absatz fanden.

War es möglich, daß sich Janet de Mol irgendwelchen okkulten Spinnereien zugewandt hatte, die ihr den Besuch der sieben Skelette bescherte?

Trottel! schimpfte sich der Konstabler. So etwas Blödes kann auch nur dir einfallen.

Ärgerlich verwarf er diesen Gedanken.

***


Die Knochenhand drückte so fest zu, daß Blake Olsen keinen Laut herausbrachte. Mit weit aufgerissenen, ungläubigen, fassungslosen, entsetzten Augen starrte er aus nächster Nähe in eine grauenerregende Knochenfratze.

Janet hatte sich also nichts eingebildet. Aber das war kein Fan von ihr, der sich verkleidet und maskiert hatte. Dieser Knochenmann war echt.

Janet stand unten und war unfähig, sich zu bewegen. Sie wußte nicht, was draußen geschah, konnte sich nur nicht erklären, warum Blake nicht wieder vom Stuhl herunterstieg.

Hatte er doch etwas entdeckt?

»Blake?«

Er reagierte nicht.

»Blake!« sagte sie etwas lauter.

Er bäumte sich auf, hob die Hände, schien einen verzweifelten Kampf auszutragen.

»Blake!« schrie Janet entsetzt.

Der Schauspieler wehrte sich mit ganzer Kraft. Die Todesangst verlieh ihm zusätzliche Kräfte, doch sie reichten nicht, um sich aus dem Griff des Knochenmannes zu befreien.

Blake Olsen hatte keine Chance. Dennoch wehrte er sich mit verzerrtem Gesicht weiter. Bis zum letzten Atemzug wollte er um sein Leben kämpfen. Was war das? Spielten ihm seine Sinne kurz vor der Ohnmacht noch einen Streich?

Das Skelett, das ihn würgte, schien sich mit einemmal vervielfacht zu haben. Blake sah sieben verschwommene Totenschädel, bevor er die Besinnung verlor.

Jetzt öffnete sich die Knochenhand.

Sie schnappte auf und gab den Schauspieler frei, und er sackte lautlos zusammen. Er fiel vom Stuhl rücklings aufs Bett und bewegte sich nicht mehr.

»Blake!« schluchzte Janet.

Sie wollte sich gerade über ihn beugen, da sprang das erste Skelett durch das offene Fenster, und die Schauspielerin prallte mit einem grellen Schrei zurück.

***


Der Schrei hatte auf den Konstabler eine verblüffende Wirkung. Er schien bei ihm zusätzliche Antriebsraketen zu zünden. Knox jagte mit einem Tempo die Stufen hoch, das er sich selbst nicht zugetraut hätte.

Im sechsten Stock gab es nur eine Tür. Auf diese eilte Keenan Knox zu. Er versuchte sie zu öffnen. Als das nicht ging, warf er sich dagegen.

Er nahm nach jedem vergeblichen Versuch einen größeren Anlauf. Beim viertenmal brach die Tür auf, und er sah die knöchernen Sieben wieder.

Der Konstabler erfaßte die Szene, die kein Mensch begreifen konnte, mit einem Blick. Auf dem Bett lag Blake Olsen, wahrscheinlich tot.

Zwei Skelette stürzten sich auf die entsetzte Schauspielerin, packten sie und hielten sie fest. Die restlichen fünf Gerippe wandten sich dem Polizisten zu.

Janet de Mol bäumte sich im harten Griff der Skelette auf. Immer wieder versuchte sie sich loszureißen, doch ohne Erfolg. Sie schrie verzweifelt um Hilfe.

»Laßt sie los, ihr verdammten Ungeheuer!« brüllte Knox zornig. »Fliegt zurück, woher ihr gekommen seid!«

Er dachte nicht an die eigene Sicherheit, hoffte die Knochenmänner mit seinem forschen, unerschrockenen Auftreten einschüchtern zu können.

Doch die Skelette ließen sich davon nicht beeindrucken. Die Knochenmauer blieb stehen und ließ den Uniformierten nicht durch.

»Helfen Sie mir!« schrie die Schauspielerin verzweifelt.

Keenan Knox wollte die Knochenmänner zur Seite stoßen, aber da traf ihn ein schmerzhafter Faustschlag, der ihn aufstöhnen ließ. Er krümmte sich mit verzerrtem Gesicht und japste nach Luft.

»Ihr verfluchten Hunde!« gurgelte er.

Ein zweiter Faustschlag streckte ihn nieder. Benommen kämpfte er sich hoch. Er stand unsicher auf den Beinen, war angeschlagen, aber noch nicht besiegt.

Die verzweifelten Hilferufe der Schauspielerin verhalfen ihm wieder zu einem klaren Kopf. Jetzt war ihm alles egal. Er dachte nur an eines: Janet de Mol zu retten, denn wenn er ihr nicht beistand, war sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verloren.

Mit einem Tritt stieß er einen Gegner nieder. Den zweiten traf er mit der Schulter, über die der Knochenmann klappte.

Knox richtete sich wieder auf, drehte sich mit ihm und schleuderte ihn gegen zwei weitere Skelette. Er schaffte den Durchbruch, das gab ihm Auftrieb.

Er traute sich zu, den beiden Gerippen Janet de Mol zu entreißen. Als er sich auf sie stürzte, verließ ihn sein Glück. Ein gemeiner Schlag warf ihn auf die Knie, und ein nachfolgender Tritt legte ihn nebem dem Bett aufs Kreuz.

Er verlor trotz allem nicht das Bewußtsein. Es legte sich nur ein trüber Schleier auf seine Augen. Er sah, wie die knöchernen Sieben das schreiende und sich verzweifelt wehrende Mädchen aus dem Fenster zogen, doch sie blieben mit Janet nicht auf dem Dach, sondern stiegen hoch.

Die Schauspielerin kreischte ihre panische Angst heraus. Knox erhob sich und wankte zum Fenster, wo er Zeuge eines unbegreiflichen, grauenhaften Mordes wurde.

Die fliegenden Skelette ließen das Mädchen unvermittelt los, und Janet de Mol stürzte aus großer Höhe auf die Straße.

***


Wir hatten verhindert, daß Cardia, die Hellseherin, sterben mußte. [1]

Dafür würde sie uns einen Weg zeigen, der durch das Zeittor auf die Silberwelt führte.

Heute existierte die Heimat meines Freundes Mr. Silver nicht mehr. Ein Höllensturm, von Asmodis entfesselt, hatte sie vernichtet, aber in der Vergangenheit gab es sie noch, deshalb mußten wir diesen Weg einschlagen. Es galt, Shrogg den Weisen zu finden. Nur er konnte Mr. Silver seine verlorengegangenen Kräfte wiedergeben.

Aber Cardia war erst äußerlich wiederhergestellt. Innerlich war sie noch nicht ganz auf der Höhe. Wer ihren Verfall miterlebt hatte, konnte verstehen, daß sie eine Verschnaufpause dringend nötig hatte.

Cardia würde uns sagen, wann sie soweit war. Unser Trip in die Vergangenheit stand kurz bevor.

Ich war neugierig auf Mr. Silvers Heimat. Wie würde es dort aussehen? Was würde uns auf der Silberwelt erwarten? Würde es einfach sein, Shrogg zu finden?

Seit ich wußte, daß mir diese Reise bevorstand, beschäftigten mich viele Fragen. Ich hatte mir früher nie viel Gedanken über die Silberwelt gemacht. Es gab sie nicht mehr, und damit war sie für mich abgehakt.

Mr. Silver hatte kaum mal über seine Heimat gesprochen. Er schien sie als solche nicht mehr anzusehen. Die Erde war seine Heimat. Hier hatte er Freunde gefunden, wie er sie vorher nie gehabt hatte, und das verband ihn mit uns und mit der Welt, auf der wir lebten.

Es war wieder viel passiert in letzter Zeit. Mortimer Kull, der wahnsinnige Professor, war von Asmodis zum Dämon geweiht worden, und als solcher hatte er sogleich in meinen letzten Fall hineingepfuscht.

Zum Glück nicht mit dem Erfolg, den er sich gewünscht hatte. Es war mir gelungen, ihm einen Strich durch seine hinterhältige Rechnung zu machen, und nun überlegte er garantiert, auf welche Weise er sich revanchieren konnte.

Niederlagen hatte Kull noch nie einfach hinuntergeschluckt. Er hatte stets versucht, so bald wie möglich zurückzuschlagen. Von mir aus brauchte er sich damit nicht zu beeilen. Ich hatte kein Verlangen danach, mich schon wieder mit ihm herumzuschlagen oder etwas zu bekämpfen, dessen Fäden er im Hintergrund in der Hand hielt.

Ich hatte auch so genug zu tun.

Zum Beispiel hatten in der vergangenen Nacht sieben Skelette die bekannte Schauspielerin Janet de Mol umgebracht. Ich hatte Janet erst vor ein paar Wochen kennengelernt.

Meine Freundin Vicky Bonney sollte bei der erfolgreichen TV-Serie »Mein Mann, der Außerirdische« als Drehbuchautorin einsteigen. Man hatte sie eingeladen, sich die Dreharbeiten anzusehen, und ich hatte sie begleitet. Bei dieser Gelegenheit hatte man uns mit Janet de Mol bekanntgemacht.

Wenn man erfährt, daß jemand, den man gekannt hat, nicht mehr lebt, trifft es einen besonders hart, jedenfalls geht es mir so. Und besonders schlimm ist es, wenn die bekannte Person ermordet wurde.

Die Fernsehleute standen natürlich Kopf. Sie hatten seit langem keinen so großen Hit mehr gelandet. Das war vor allem Janets Verdienst.

Ich hatte die meisten Folgen gesehen, und sie war stets hervorragend gewesen. Mit einer anderen Schauspielerin hätte man niemals diesen Erfolg erzielt.

Dennoch würde man versuchen, mit einer Schauspielerin, die Janet wenigstens ähnlich sah, weiterzumachen; das würde dann die Schwester sein. Aber Vicky und ich waren davon überzeugt, daß die Serie ohne die glänzende, alles überragende Janet de Mol sehr schnell den Bach runtergehen würde.

Damit erübrigte sich für meine Freundin die Frage, ob sie mitmachen sollte oder nicht.

Und mir stellte sich die Frage, woher die sieben fliegenden Skelette kamen und warum sie diesen grausamen Mord begangen hatte. Aus diesem Grund befand ich mich auf dem Weg zu Janets Wohnung.

Ich hatte Paddington gleich nach dem Frühstück verlassen. Jetzt war es halb zehn Uhr, und der Verkehr war dementsprechend dicht. Ich schlitterte von einem Stau in den nächsten. Ganz schlimm war es dann in der City, aber das konnte mich nicht aus der Ruhe bringen. Ich staute kräftig mit und ließ mit Hingabe ein Lakritzenbonbon auf meiner Zunge zergehen.

Neben mir stand ein alter Wagen mit einer noch älteren Dame am Steuer. Ihr Hund - ein Straßenpotpourri - kläffte so lange zu mir herüber, bis ich ihm die Zähne zeigte. Dann war’s ganz aus. Er drehte voll auf, bekleckerte mit seinem Geifer die Scheibe und ließ sich nicht mehr beruhigen. Ich fragte mich, was ich an mir hatte, was das Tier dermaßen in Fahrt brachte.

Dann ging es weiter, und ich verlor den Kläffer aus den Augen.

Endlich erreichte ich die Tower Bridge. Ich hatte schon fast befürchtet, es heute nicht mehr zu schaffen. Nachdem ich die Themse überquert hatte, hielt ich Ausschau nach einem Parkplatz.

Auf dem Weg zu dem Haus, in dem Janet de Mol gewohnt hatte, blieb ich kurz stehen und schaute auf die Straße, dorthin, wo die Schauspielerin nach ihrem Sturz gelegen hatte. Die Kreideumrisse ihres Körpers, die die Polizisten auf den Asphalt gemalt hatten, waren noch schemenhaft zu erkennen.

Ein Wagen rollte über die Stelle, der Fahrer war ahnungslos. Das war wohl damit gemeint, wenn die Hinterbliebenen einander mit den Worten trösteten: »Das Leben geht weiter.«

In mir krampfte sich etwas zusammen. Ich hatte das Gefühl, der Wagen würde Janet de Mol überfahren.

Rasch setzte ich meinen Weg fort.

In Janets großer Wohnung erwarteten mich zwei Männer: Blake Olsen, der Filmschauspieler, und Konstabler Keenan Knox.

***


Professor Mortimer Kull hatte die Niederlage grimmig weggesteckt. Eigentlich war es nicht seine Niederlage, sondern die seines Schützlings Lenroc gewesen.

Diesen hatte Tony Ballard bekämpft und letztlich zur Strecke gebracht. Kull hatte die Patronanz über Lenroc übernommen. Er hatte den Dämon mit zusätzlichen Kräften ausgestattet, damit er sich wirkungsvoller in Szene setzen konnte.

Doch Lenroc hatte keine allzu gute Figur gemacht, als es zur Konfrontation kam. Als Tony Ballard ihn mit dem Höllenschwert vernichten wollte, griff Kull ein, um seinen Schützling in Sicherheit zu bringen, doch das hatte Tony Ballard reaktionsschnell verhindert.

Und Lenroc hatte dennoch sein Leben verloren.

Aber Mortimer Kull hatte inzwischen zum nächsten Schlag ausgeholt. London, Tony Ballards Heimatstadt, sollte nicht zur Ruhe kommen.

Aus diesem Grund hatte sich der dämonische Wissenschaftler mit einem Erzfeind des Dämonenjägers zusammengetan: mit Rufus, dem ehemaligen Cyborg Droosa. Und der Dämon mit den vielen Gesichtern ließ die Bande des Schreckens auferstehen.

Einen aufsehenerregenden Mord hatten die knöchernen Sieben schon verübt. Viele weitere sollten folgen, und damit Tony Ballard nicht querschießen konnte, hatten sich Kull und Rufus einen hinterhältigen Plan ausgedacht…

***


Blake Olson trug einen Rollkragenpulli, damit man die Würgemale an seinem Hals nicht sehen konnte. Mir zeigte er sie.

Die beiden Männer hatten noch nie mit übernatürlichen Kräften zu tun gehabt. Dementsprechend verstört waren sie immer noch. Der Schock des Erlebten saß ihnen noch tief in den Knochen.

Bei Blake Olsen kam noch dazu, daß ihn der Verlust von Janet de Mol tief schmerzte. Mit brüchiger Stimme sagte er: »Ich war ihr gegenüber nicht immer fair. Jetzt, wo sie tot ist, komme ich mir wie ein elender Schuft vor. Wir hatten erst gestern wieder eine Auseinandersetzung. Sie machte mir eine Szene…« Er fuhr sich über die glänzenden Augen und wandte sich ab, damit ich seine Tränen nicht sah. »Entschuldigen Sie.«

Ich ließ ihm Zeit. Längeres Schweigen brach aus. Ich blickte mich in der Wohnung um. Es gab keine Trennwände, die einzelnen Bereiche gingen nahtlos ineinander über - Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer…

Kennan Knox nagte noch an der Tatsache, daß es Männer gab, deren Job es war, Geister und Dämonen zu jagen. Männer wie mich. Das war für ihn absolut neu.

Bis gestern hatte es für ihn im wirklichen Leben keine Geister und Dämonen gegeben, und schon gar keine fliegenden Skelette. Seit gestern mußte er umdenken. Das hatte ihn sichtlich ins Wanken gebracht. Er schien sich die berechtigten Fragen zu stellen, was in seinem festgefügten Leben denn noch alles falsch war.

Als ich sah, daß es dem Schauspieler besser ging, bat ich ihn, zu erzählen, wie er den Vorfall erlebt hatte. Er erwähnte den Streit noch einmal kurz und kam dann auf die Versöhnung zu sprechen, die so abrupt von einem Totenkopf unterbrochen worden war.

»Ich dachte zunächst, Janet würde sich etwas einbilden«, sagte Olsen. »Dann vermutete ich, daß sich einer von Janets Fans maskiert aufs Dach gewagt hatte, um einen Blick auf seinen verehrten Star zu erhaschen - aber schließlich machte ich mit sieben Skeletten Bekanntschaft.«

»Lebende Skelette«, sagte der Konstabler kopfschüttelnd. »Das allein ist schon ein Wahnwitz. Aber wieso können sie auch noch fliegen?«

»Dazu verhilft ihnen eine Kraft, die mit Sicherheit in der Hölle ihren Ursprung hat«, antwortete ich.

»Also ich weiß mir mit all dem nichts anzufangen, Mr. Ballard.«

»Dafür bin ich ja da«, sagte ich. »Halten Sie es denn für möglich, daß Sie diesen ungewöhnlichsten Mord aller Zeiten aufklären können?«

»Ich werde es versuchen, Konstabler. Ob es mir gelingen wird, wird sich wohl bald herausstellen.« Ich bat den Schauspieler, fortzufahren, aber Blake Olsen war nicht mehr besonders ergiebig.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738925807
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v456308
Schlagworte
rufus-kult tony ballard

Autor

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Titel: ​Der Rufus-Kult Tony Ballard Nr. 149