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​Der Herr der Teufelszwerge Tony Ballard Nr. 148

2018 120 Seiten

Leseprobe

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /COVER MICHAEL SAGENHORN


© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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​Der Herr der Teufelszwerge Tony Ballard Nr. 148

von A.F.Morland




Cruv, der sympathische Gnom von der Prä-Welt Coor, entwickelte sich zu unserem Sorgenkind.

Tucker Peckinpah, dessen Leibwächter Cruv war, rief mich beunruhigt an und teilte mir mit, daß der Kleine verschwunden war.

Ich ahnte die Zusammenhänge, machte den Dämon Lenroc dafür verantwortlich, der es auf kleinwüchsige Wesen abgesehen hatte. Ich verdächtigte Lenroc, obwohl wir ihn erst tags zuvor vernichtet hatten.

Aber war uns das tatsächlich gelungen? Ich denke, ich muß zuerst erzählen, was vor Cruvs Verschwinden geschah…

Lenroc war von dem jungen Silberdämon Metal schwer verletzt worden; er hatte rasende Schmerzen, hinzu kam eine unermeßliche Wut, die in seinen Eingeweiden rumorte.

Ein Zauberwort, von Lenroc mehrmals geschrien, brachte den Tempel der Hölle, den der Dämon in einem vergessenen U-Bahn-Tunnel eingerichtet hatte, zum Einsturz.

Wassermassen stürzten herab und rissen Lenroc und Metal auseinander. Der Tunnel befand sich unter der Themse. Der ganze Fluß schien sich in den Stollen zu ergießen.

Lenroc wurde zum Spielball der Naturgewalten. Er brauchte seine ganze Dämonenkraft, um die Wirkung der Verletzung zu bekämpfen. Er wurde vorwärtsgerissen und durch den unterirdischen Tunnel gespült, drehte sich, überschlug sich, befand sich die meiste Zeit unter Wasser, so daß seine Feinde denken mußten, er wäre entweder an der stark blutenden Verletzung zugrunde gegangen oder ertrunken.

Doch Lenroc bekam unerwartet Hilfe.

Von einem Mitglied des Höllenadels, von einem Dämon der allerersten Garnitur, von einem Mann, der es geschafft hatte, bis zu dieser Elite vorzudringen. Von Professor Mortimer Kull!

Kull hatte in der Hölle die Dämonenweihe empfangen, hatte alles, was bis dahin noch menschlich an ihm gewesen war, abgelegt, und Asmodis hatte ihm die Patronanz über einen rangniedrigen Dämon angeboten.

Kull durfte wählen, und er hatte sich für Lenroc entschieden, weil dieser in London aktiv war und weil London Tony Ballards Heimatstadt war.

Lenroc sollte Ballard das Leben so schwer wie möglich machen, darin wollte Mortimer Kull den Höllenbruder unterstützen.

Beinahe wäre Kull zu spät gekommen. Er hatte nicht verhindern können, daß Lenroc verletzt wurde und daß der Tempel der Hölle einstürzte, aber er konnte verhindern, daß Lenroc sein Leben verlor.

Er entriß ihn den wilden Fluten und teleportierte sich mit ihm in einen Paralleltunnel, der von den Wassermassen verschont blieb. Dort nahm er sich zuerst Lenrocs Verletzung an, die ziemlich böse aussah.

Kull ließ violette magische Ströme aus seinen Fingern knistern. Er schuf ein kleines, hochkonzentriertes Kraftfeld, das die Blutung stoppte, die Silberkraft, die für Lenroc tödliches Gift war, aus der Wunde holte und einen Heilungsprozeß einleitete, der wie im Zeitraffer ablief.

Man konnte zusehen, wie sich die Wunde schloß, wie die Wundränder zusammenwuchsen, wie sich eine Narbe bildete und wie diese Augenblicke später verschwand.

Lenroc kam allmählich wieder zu Kräften. Er war ein häßliches Höllenwesen mit bleicher Haut und schulterlangem schlohweißem Haar seitlich am kahlen Schädel.

Sein Gesicht glich einem Totenschädel. Er hatte wulstige Lippen und lange, kräftige Eckzähne. In seinen Augen glitzerte die Kälte des Todes. Bekleidet war er mit einem graubraunen Kaftan, der jetzt naß an seinem drahtigen Körper klebte.

Kull teilte ihm mit, wer er war und daß er die Schirmherrschaft über ihn übernommen hatte.

Lenroc wollte wissen, warum er ausgerechnet ihm diese Ehre zuteil werden ließ.

»Damit du Tony Ballard und seinen verfluchten Freunden die Hölle heißmachst«, antwortete Mortimer Kull, ein großer, schlanker, gutaussehender Mann, dem man seine Gefährlichkeit nicht ansah.

»Ich habe versagt«, gestand Lenroc zerknirscht.

Er wußte, daß Versager in der Hölle nicht beliebt waren. So mancher Dämon war nach solchem Scheitern vor das Tribunal der Dämonen gezerrt und zum Tode verurteilt worden.

Erfolglosigkeit wurde von der schwarzen Macht manchmal grausam geahndet, jedoch nicht immer. Welche Kriterien dafür maßgebend waren, wußte Lenroc nicht.

»Ja«, bestätigte Mortimer Kull. »Du hast versagt, aber du bekommst eine Chance, deinen Fehler wiedergutzumachen. Zeig dich meiner Patronanz würdig. Setze fort, was du begonnen hast – und räche dich an Tony Ballard und seinen Freunden!«

Lenroc bleckte die kräftigen Zähne. »Es gibt nichts, was ich lieber täte.«

»Ich werde dich mit meiner Kraft unterstützen«, sagte Kull.

»Du wirst stärker sein als bisher. Der Kampf geht in die zweite Runde, die du für dich entscheiden wirst.«

Lenrocs Augen strahlten begeistert. »Ich werde dich bestimmt nicht enttäuschen.«

»Ich erwarte von dir, daß du zu einem gewaltigen, vernichtenden Schlag ausholst, der all jene treffen soll, die sich dir in den Weg stellen oder deine Pläne durchkreuzen wollen.«

Lenroc nickte eifrig. »Genau das habe ich vor. Kennst du meine Pläne?«

»Du machst Kleinwüchsige zu deinem Werkzeug, stellst zwischen ihnen und dir eine Verbindung her, so daß sie zu deinem verlängerten Arm werden. Was sie tun, tust in Wirklichkeit du. Wenn sie einem Opfer die Seele rauben, geht diese auf dich über. Deine kleine Zwergenarmee soll Angst und Schrecken verbreiten. Unverwundbar werden die Wesen agieren, während du dich im Hintergrund aufhältst und unerkannt die Fäden ziehst.«

Lenroc lachte rauh. »Du hast dich gut informiert.«

»Ich muß schließlich wissen, für wen ich mich verwende. Du bist es wert, von mir in deinen Bestrebungen unterstützt zu werden«, sagte Mortimer Kull.

»Ich werde nie vergessen, was du für mich getan hast«, sagte Lenroc.

Kull wußte, daß er diesen Worten keine Bedeutung beizumessen brauchte. Dankbarkeit gab es unter Dämonen nicht. Das war leeres Gerede. Alle Schwarzblütler hatten stets nur ihren eigenen Nutzen im Auge.

Kull nickte. »Du hast bisher vier Kleinwüchsige entführt und in Höllenzwerge umgewandelt.«

»Ich bin gerade dabei, den fünften Zwerg vorzubereiten. Es ist eine langwierige Prozedur.«

»Dieser fünfte Kleinwüchsige heißt Sammeh«, sagte Mortimer Kull.

»Ja, und er ist etwas ganz Besonderes. Sammeh ist der Sohn der Hellseherin Cardia. Er wurde von einem namenlosen Dämon gezeugt, und damit er nicht der Hölle anheimfallen konnte, gab ihm Cardia bei der Geburt ihre Seele.«

»Das heißt, Cardia hat keine Seele mehr.«

»Deshalb darf sie sich von ihrem Sohn nie trennen«, sagte Lenroc. »Sie braucht Sammeh, um existieren zu können. Solange er sich in ihrer Nähe befindet, besteht zwischen den beiden eine magische Verbindung. Es ist dann so, als würde Cardia ihre Seele in sich tragen. Sollte sie kurze Zeit von Sammeh getrennt werden, so sorgt ein Zauber dafür, daß sie noch eine Weile ohne ihn weiterleben kann, aber dann geht sie zugrunde. Tony Ballard und Metal kamen in den Tempel der Hölle, um Sammeh zurückzuholen, aber er war nicht mehr da. Ich wußte von ihrem Plan und schaffte ihn und die anderen Zwerge rechtzeitig fort.«

»Wohin?« wollte Mortimer Kull wissen.

»In eine alte, verlassene, einsame Villa in Hounslow. Niemand will das Haus kaufen. Es gehörte einst einem Massenmörder, und es hält sich hartnäckig das Gerücht, daß er sich in manchen Nächten immer noch dort blicken läßt, obwohl er seit vielen Jahren tot ist.«

»Spukt es tatsachlich in dieser Villa?«

»Nein, aber das Gerücht ist mir sehr willkommen. Niemand wird es wagen, seinen Fuß in dieses Haus zu setzen.«

»Ein gutes Versteck«, sagte Mortimer Kull.

»Ich denke, ich werde es für eine Weile behalten.«

»Wie lange wird es noch dauern, bis aus Sammeh ein Höllenzwerg wird?«

»Er ist widerstandsfähiger als die anderen Kleinwüchsigen.«

»Weil ihn Cardias Seele zusätzlich schützt.«

»Aber ich werde auch seinen Widerstand brechen«, sagte Lenroc zuversichtlich. »Und ich werde grimmige Rache nehmen an Tony Ballard und Metal – überhaupt an allen, die zu ihnen gehören oder sie unterstützen.«

»Weißt du schon, wie du daß anstellen wirst?«

»Nein.«

»Dann sage ich es dir: Dem Ballard-Team gehört ein Kleinwüchsiger an…«

Lenroc lachte blechern. »Das trifft sich gut.«

»Sie lieben ihn alle sehr, hängen an ihm, haben ihn in ihr Herz geschlossen. Jeder Schlag, der ihn trifft, trifft sie ebenso schmerzhaft. Wenn du aus Cruv, dem Gnom, einen Höllenzwerg machst, ist das für sie ein Tiefschlag, von dem sie sich lange nicht erholen werden. Solcherart aus der Bahn geworfen, sind sie eine leichtere Beute für die schwarze Macht. Wenn sie angeschlagen sind, kann die Hölle sie härter treffen. Du leistest also wichtige Vorarbeit.«

»Ich werde mir Cruv holen!« sagte Lenroc eifrig. »Gleich morgen früh.«

»Steh auf!«

Lenroc gehorchte. Mortimer Kull holte tief Luft. Er blies einen violetten Atem aus, sichtbar gewordene Magie. Sie drang durch Mund und Nase in Lenroc ein, und von diesem Augenblick standen dem Herrn der Teufelszwerge auch Mortimer Kulls Kräfte zur Verfügung.

***


Es gab vier Höllenzwerge. Zwei stammten von einer anderen Welt, waren harmlose Gnome gewesen, ehe sie Lenroc in die Hände fielen. Er hatte aus ihnen gefährliche Killer gemacht, doch das sah man ihnen nicht an.

Sie sahen immer noch harmlos aus. Ihre Namen waren Broon und Zenn. Die beiden anderen Höllenzwerge waren hier auf die Welt gekommen. Der eine hieß Frank Baer, der andere Dolph Conti. Sie hatten in einem Wanderzirkus als Clowns gearbeitet.

Dort hatte sie Lenroc entdeckt und fortgeholt. Im Tempel der Hölle hatte er sie einer grausamen Prozedur unterzogen, die sie zu tödlichen Killern werden ließ.

Broon war Lenrocs erster Höllenzwerg gewesen, deshalb fühlte er sich als Anführer der Kleinwüchsigen, wenn der Dämon nicht da war. Er durfte erst einmal – versuchsweise – töten. Damals hatte er Blut geleckt, und seither brannte er darauf, sich wieder ein Opfer zu holen, doch Lenroc ließ ihn noch nicht von der Leine.

Broon wußte nicht, worauf Lenroc wartete. Sein erster Mord war perfekt gewesen. Lenroc war mit ihm zufrieden gewesen.

Warum ließ er ihn nicht weitermachen? Warum hielt ihn Lenroc so lange zurück?

Ruhelos ging Broon auf und ab. Die alte Villa war möbliert.

Überall lag fingerdick der Staub, und an den Fenstern zitterten Spinnweben.

An diesem Morgen war Broon besonders aufgedreht.

Warum tat ihm Lenroc das an? Warum ließ der Dämon ihn nicht endlich auf die Menschheit los? Das war doch seine neue Bestimmung.

Langsam erwachte der Tag.

Die vier Höllenzwerge wußten, daß sich im Keller Sammeh befand. Sammeh, der noch nicht fertig war, der noch nicht zu ihnen gehörte.

Keinem von ihnen wäre es in den Sinn gekommen, Sammeh zur Flucht zu verhelfen, schließlich waren sie nicht mehr wie früher. Sie verkörperten jetzt das Böse.

Ein gutes Werk zu tun war für sie ein Ding der Unmöglichkeit. Als die Sonne aufging, sprang Broon auf einen Stuhl und blickte aus dem Fenster.

»Wir sollen vom Fenster wegbleiben«, sagte Zenn.

Broon wandte sich wütend um. »Mach mir keine Vorschriften.«

»Ich wiederhole lediglich, was Lenroc gesagt hat«, erwiderte Zenn. »Niemand soll merken, daß dieses Haus bewohnt wird.«

Broon sprang vom Stuhl. An das Villengrundstück grenzte ein riesiger Park, der vor allem an Wochenenden von vielen Londonern aufgesucht wurde, aber auch wochentags gab es dort genug Menschen – jeder ein geeignetes Opfer.

»Ich verstehe Lenroc nicht«, knirschte Broon. »Warum hält er uns noch zurück?«

»Er wird seine Gründe haben«, sagte Zenn.

»Er muß wissen, wie sehr er uns damit quält.«

»Das ist ihm mit Sicherheit egal«, sagte Zenn. »Nahm Lenroc schon mal Rücksicht auf uns? Wir sind seine Marionetten. Er bedient sich unser, wenn es ihm gefällt. Uns bleibt nichts anderes, als zu gehorchen.«

»Ich muß raus!« knurrte Broon.

»Wir sind alle ungeduldig, aber wir beherrschen uns«, sagte Dolph Conti. Er saß auf der Couch, seine kurzen Beine pendelten hin und her, die Füße berührten den Boden nicht.

»Es interessiert mich nicht, ob und wie ihr damit fertigwerdet. Ich halte es jedenfalls nicht mehr aus«, sagte Broon.

»Du willst es nicht mehr aushalten.«

»Ja, vielleicht will ich es auch nur nicht«, sagte Broon giftig.

»Und ich habe – im Gegensatz zu euch – keine Angst vor Lenroc. Er hat mich zu dem gemacht, was ich nun bin, also darf er sich auch nicht wundern, wenn ich meiner Bestimmung gerecht werde.«

»Lenroc duldet keinen Ungehorsam«, sagte Frank Baer.

»Wenn du ihn erzürnst, riskierst du, daß er dich hart bestraft.«

»Er braucht nicht zu erfahren, daß ich draußen war«, sagte Broon grinsend. »Wenn keiner von euch mich verrät…«

»Wir brauchen ihm kein Wort zu sagen«, entgegnete Zenn.

»Er wird es trotzdem wissen, weil du nicht töten kannst, ohne daß er es erfährt; schließlich bekommt er die Seele deines Opfers.«

»Das kann ihm doch nur recht sein«, sagte Broon.

»Wir dürfen nicht ohne Lenrocs ausdrücklichen Befehl töten«, sagte Dolph Conti.

»Das mag für euch gelten, aber nicht für mich. Ich war Lenrocs erster Höllenzwerg. Er hält mich schon zu lange zurück. Deshalb werde ich diese Villa nun verlassen und mir ein Opfer suchen.«

Zenn trat vor Broon. »Überleg dir das noch einmal.«

»Ich brauche ein Opfer!« fauchte Broon, rammte Zenn zur Seite und verließ die alte, unheimlich aussehende Villa, die auf einem verwilderten Grundstück stand.

Lenroc und die Folgen seiner Tat waren ihm in diesem Augenblick völlig egal. Es stimmte, was er gesagt hatte: Er brauchte ein Opfer. Es war wie eine schrecklich quälende Sucht, deren Entzugserscheinungen er nicht länger ertragen konnte.

Er stapfte durch das hohe Unkraut und überkletterte die Mauer, die das Grundstück einfriedete.

Hier in der Nähe gab es einen Trimm-Pfad. Jogger trabten durch den riesigen Park, um etwas für ihre Gesundheit zu tun, und auf einen gesunden Menschen hatte es Broon abgesehen, auf einen Sportler, jung, kräftig, ausdauernd.

Ihn zu töten war schwieriger, als einem alten, gebrechlichen Menschen das Leben zu nehmen, es war die größere Herausforderung, der sich Broon stellen wollte.

Der Zwerg pirschte zwischen Büschen und Bäumen hindurch. Er hörte Stimmen und näherte sich ihnen vorsichtig.

Vor einer Parkbank waren zwei Morgensportler beim Aufwärmen, der eine schlank, der andere stämmig.

»Du solltest ein paar Kilogramm abnehmen«, sagte der Schlanke.

»Wem sagst du das, Jerry«, seufzte Burt Tolkan und lief auf dem Stand. »Ich schaff’s einfach nicht.«

»Dann mußt du eben noch eine Trainingseinheit drauflegen«, riet Jerry Rush dem Freund. Er trug einen knallroten Jogginganzug, Tolkan einen blütenweißen mit Kapuze.

»Keine Zeit.«

»Die muß man sich einfach nehmen«, sagte Rush.

»Du hast leicht reden, hast eine Arbeitszeit, von der andere nur träumen können. Wenn man selbständig ist…«

»… kann man sich seine Freizeit doch viel besser einteilen.«

»Das glaubst du«, sagte Tolkan. »In Wahrheit aber hängt man 12 bis 14 Stunden am Tag dran und kommt hundemüde nach Hause. Da hat man absolut keine Lust mehr auf eine zusätzliche Trainingseinheit.«

»Dann mußt du deine Kilos eben mit einer vernünftigen Diät reduzieren. Mehr Gewicht geht auf die Gelenke«, sagte Jerry Rush.

»Das weiß ich, und ich hab’ auch schon Probleme mit dem Knie. Aber was soll ich machen? So schlank wie du werde ich nie werden. Ich finde, ich tue trotzdem genug für meine Gesundheit«

Rush machte einige Dehnungs- und Lockerungsübungen.

»Wieviel hast du dir für heute vorgenommen?« fragte Tolkan.

»Fünf Kilometer.«

»So wenig?«

»Ich komme heute nachmittag noch mal hierher, mit Sally Brewster. Ich glaube, du kennst sie.«

Tolkan lachte. »Die Kleine ist ein Konditionswunder. Wenn du dich nicht zusammenreißt, läuft sie dir auf und davon.«

»Was läufst du heute?«

»Ich quäle mir zehn Kilometer ab. Mal sehen, in was für einer Zeit ich sie schaffe«, antwortete Burt Tolkan. »Also dann, mach’s gut. Wir sehen uns am Wochenende beim Tennis.«

»Ich werde dich vom Platz schießen.«

»Großmaul«, lachte Tolkan und startete, während Rush sein Übungsprogramm gewissenhaft absolvierte. Er war anfällig für Zerrungen. So konnte er sie vermeiden.

Broon befand sich ganz in der Nähe. Ein dumpfes Knurren entrang sich seiner Kehle, er konnte es nicht unterdrücken.

Rush hielt inne und blickte sich um.

Hatte da eben ein Hund geknurrt? Er hatte an und für sich nichts gegen Hunde, war tierliebend, aber wenn er joggte, war es ihm lieber, wenn er keinem herrenlosen Hund begegnete, denn diese Tiere hatten die unangenehme Angewohnheit, alles zu verfolgen, was lief.

Broon duckte sich. Er überlegte, von welcher Seite er sich dem Jogger nähern sollte – da wandte sich Jerry Rush um und trabte davon.

Die Wut brachte Broons Augen zum Glühen.

Nun, wenn er den Mann jetzt nicht erwischt hatte, würde er ihn töten, sobald er zurückkam. Bei einer Laufstrecke von nur fünf Kilometern würde der Jogger bald wieder hier sein.

Broon suchte sich die Stelle aus, die sich am besten für den Überfall eignete, und legte sich auf die Lauer.

***


Cruv verließ Tucker Peckinpahs Anwesen, um einen kleinen Morgenspaziergang zu machen. Es grenzte an ein Wunder, daß er dazu noch in der Lage war. Erst kürzlich hatten alle seine Freunde befürchtet, ihn verloren zu haben.

Eine fürchterliche Gasexplosion hatte ein Einfamilienhaus in Croydon zum Einsturz gebracht – und Cruv hatte sich zum Zeitpunkt der Explosion darin befunden.

Das Haus, das dann auch noch in Flammen aufging und vom Feuer restlos zerstört wurde, hatte den Gnom unter sich begraben. Niemand, nicht einmal Tony Ballard, ein Paradeoptimist, hatte es für möglich gehalten, daß Cruv das überlebt hatte.

Vermutlich hatte Cruvs geringe Größe ihn vor Schaden bewahrt. Wie das genau abgegangen war, wußte der Gnom nicht, denn mit dem mörderischen Knall waren bei ihm vorübergehend alle Lichter ausgegangen.

Als er zu sich gekommen war, hatte er unter den Trümmern gelegen und sich selbst nicht befreien können, aber das Aufräumteam hatte ihn gefunden und dem Leben wiedergegeben.

Deshalb genoß er den heutigen Morgenspaziergang ganz besonders. Tucker Peckinpah hatte später einen Termin, zu dem ihn Cruv begleiten würde, doch er brauchte sich deswegen nicht zu beeilen. Es war bis dahin noch reichlich Zeit.

Der Kleine hatte sich gut auf der Erde eingelebt. Er konnte Autofahren, Computer bedienen, Flugzeuge pilotieren. All das ließ ihm Tucker Peckinpah von den besten Lehrern beibringen.

Wenn er an sein Leben auf Coor zurückdachte, kam ihm das alles so schrecklich weit entfernt vor – als wäre es ein anderes Leben gewesen.

Er war damals Freiwild für jedermann gewesen. Kaum ein Gnom starb auf Coor, dieser gefahrenvollen Welt, eines natürlichen Todes. Sie wurden von Sümpfen verschlungen, von Riesenspinnen aufgefressen, von Kriegern erschlagen, von Säbelzahntigern zerrissen…

All diese Gefahren gab es hier auf der Erde nicht, deshalb lebte Cruv gern hier, und er hatte im Tony-Ballard-Team viele gute Freunde gefunden.

Er war so etwas wie ein Maskottchen, doch er ließ sich von ihnen nicht hegen und pflegen. Er scheute niemals den Kampf, und wenn es darum ging, einem Freund beizustehen, war er der erste, der sich dafür meldete.

Sein Morgenspaziergang führte ihn stets an einem Kiosk vorbei, dessen Besitzer er inzwischen gut kannte.

»Na, Cruv, wieder mal unterwegs?« sagte James Foster freundlich. Er war so dick, daß sich jeder fragte, wie er in den Zeitungskiosk hineingekommen war. Spaßvögel behaupteten, Foster wäre in jungen Jahren hineingegangen, hätte dann zugenommen und sei nie mehr herausgekommen.

Böse Zungen vermerkten sogar, daß Foster nicht rund wie andere Dicke war, sondern eckig, weil sich seine Form dem Kiosk angepaßt hatte. Ob das stimmte, konnte Cruv nicht nachprüfen, denn er hatte James Foster noch nie außerhalb dieses kleinen Häuschens gesehen.

»Schöner Tag heute, was?« sagte Foster.

»Ja, herrlich«, antwortete Cruv. »Geht es Ihnen gut, Mr. Foster?«

»Klar. Ein bißchen Wasser in den Beinen, aber wer kann von sich schon behaupten, er wäre kerngesund? Irgendein Leiden hat jeder. Was fehlt eigentlich Ihnen?«

»Ich weiß nicht. Vielleicht die Krankheit«

»Dann sind Sie zu beneiden. Was darf’s denn sein?«

Cruv wandte sich den ausgehängten Illustrierten zu. Nackte Titelblattmädchen lächelten ihn vielversprechend an.

»Zu meiner Zeit hätte es so etwas nicht gegeben«, sagte Foster. »Ich bin bei Gott nicht prüde, mir gefallen nackte Mädchen, und ich lebe davon, diese Illustrierten zu verkaufen, aber manchmal frage ich mich, ob das nicht zum Verfall von Sitte und Moral beiträgt. Wir werden immer freizügiger. Wie lange wird das noch so weitergehen?«

Cruv entschied sich für eine Illustrierte.

»Ach, was soll’s«, sagte Foster. »Wir beide können die Dinge ja doch nicht ändern. Wir müssen alles so laufen lassen, wie es läuft, aber ganz in Ordnung finde ich diese Entwicklung nicht. Schließlich sind nicht alle Menschen so charakterfest wie wir beide, nicht wahr?«

Cruv bezahlte die Illustrierte, gab Foster recht und wünschte ihm einen schönen Tag, dann ging er weiter.

Irgendwann beschlich ihn ein eigenartiges Gefühl. Folgte ihm jemand?

***


Es war erstaunlich, wie gut Estelle Albernathy ihr Schicksal meisterte. Sie war 12 Jahre alt und an den Rollstuhl gefesselt, ein hübsches Mädchen mit langen blonden Haaren, das ihr ein engelhaftes Aussehen verlieh.

Seit zwei Jahren saß sie im Rollstuhl, und sie hatte gelernt, sehr gut damit umzugehen. Sogar tanzen konnte sie mit dem Stuhl, der von einem batteriegespeisten Elektromotor angetrieben wurde.

Estelle spielte virtuos mit den Hebeln und Knöpfen. Sie war ein intelligentes, wißbegieriges Kind. Früher war sie fast mehr ein Junge als ein Mädchen gewesen.

Alles, was Jungs wagten, hatte sie sich auch getraut. Kein Baum war ihr zu hoch gewesen. Sie war auf alles hinaufgeklettert. Um einmal zuviel, denn da war ein morscher Ast gewesen, er war abgebrochen, und Estelle war in die Tiefe gestürzt Sie war erst im Krankenhaus zu sich gekommen, und es war mit ihren Beinen »irgendwie komisch« gewesen, wie sie sagte.

Sie hatte dort unten nichts gespürt.

»Das wird schon wieder«, hatten die Ärzte gesagt, und dann hatte man sie insgesamt fünfmal operiert, ehe man zugeben mußte, daß es nicht wieder werden würde.

Ab diesem Tag stand fest, daß Estelle für den Rest ihres Lebens querschittgelähmt bleiben würde. Mutter bekam einen Nervenzusammenbruch und Vater wurde totenblaß.

Estelle hatte sie getröstet. Ihre Eltern nahmen an, daß sie die Tragweite ihres Gebrechens noch nicht richtig erfassen konnte, aber das tat sie, und sie behauptete: »Ich werde damit fertig. Ich komme darüber hinweg, wenn ihr mich weiter liebhabt.«

»Was redest du denn da, Kleines?« sagte Harry Albernathy entrüstet. »Natürlich haben wir dich lieb. Wir werden dich immer liebhaben, solange wir leben. Wir sind eine Familie, und wir halten wie Pech und Schwefel zusammen, egal, wie schmerzhaft das Schicksal uns schlägt.«

Er hatte damals angefangen zu trinken, trank immer noch.

Vielleicht auch deshalb, weil er im letzten Jahr dreimal seinen Job verloren hatte. Die Zeiten waren schlecht für Staubsaugervertreter.

Trotzdem verging kein Monat, in dem Harry Albernathy ohne eine Puppe für seine kleine Tochter nach Hause kam. Das ganze Zimmer war schon voller Puppen. Dennoch freute sich Estella über jede neue, die ihr Daddy ihr schenkte.

Anfangs hatte sich Estelle mit der Umstellung schwergetan.

Sie hatte plötzlich vieles, was ihr früher leichtgefallen war, nicht mehr tun können.

Doch heute, nach zwei Jahren, gab es nur noch wenig, worauf Estelle wegen ihres Gebrechens verzichten mußte.

Harry Albernathy hatte einen Treppenaufzug bauen lassen.

Der bequeme Sitz bewegte sich an der Wand entlang nach oben. Estelle brauchte niemanden, um sich draufzusetzen, und unten stand ein anderer Rollstuhl, in den sie sich ohne Hilfe schwingen konnte.

Sie versuchte, so unabhängig wie möglich zu sein, um den Eltern nicht zur Last zufallen. Manchmal war ihren Eltern ihre Selbständigkeit sogar ein bißchen zuviel.

Es gab kaum etwas, das sie nicht zuerst allein zu tun versuchte. Erst wenn es partout nicht klappen wollte, ließ sie sich – manchmal wütend auf sich selbst – helfen.

Sie hatte einen starken Willen und konnte sich, wie kein zweites Kind in ihrem Alter, in eine Sache verbeißen.

Wenn Estelle Langeweile hatte, holte sie Tante Megs Fernglas aus dem Schrank. Tante Meg war eine unmögliche Person, aber Estelle liebte sie.

Meg Langella war das schwarze Schaf der Familie. Sie war Mutters Schwester, doch das hätte niemand für möglich gehalten. Da war überhaupt keine Ähnlichkeit zwischen den beiden. Als sie Estelle das Fernglas geschenkt hatte, hatte sie gesagt: »Hier, Kleines, das ist das einzige, was von meinem Ex übriggeblieben ist. Der clevere Knabe hat sich nämlich in Luft aufgelöst, damit er keine Unterhaltszahlung zu leisten braucht. Soll er da, wo er jetzt ist, verfaulen, nachdem ihn der Blitz getroffen hat. Sein Fernglas wird dir wertvolle Dienste leisten. Wenn du nicht weißt, was du tun sollst, guckst du einfach in den großen Park hinüber und schaust den Liebespärchen beim Schmusen zu.«

»Meg!« hatte Amy Albernathy entrüstet ausgerufen. »Du bist unmöglich!«

»Sag bloß, ihr redet der Kleinen immer noch ein, die Kinder würde der Storch bringen.«

»Wirst du wohl deinen Mund halten?«

»Ich denke, es wird Zeit, meine kleine Nichte mal ohne Hemmungen über diese Dinge aufzuklären.«

»Wenn du das tust, setzt du deinen Fuß nie wieder in dieses Haus.«

Tante Meg hatte es trotzdem getan. Sie setzte sich prinzipiell über jedes Verbot hinweg. Aber es blieb ihr und Estelles Geheimnis, daß sie sich darüber offen und ohne falsche Scham unterhalten hatten.

»Deine Mutter ist ein lieber Kerl«, hatte Meg Langella abschließend gesagt, »aber leider ein bißchen verzopft.« Sie hatte Estelles blondes Haar gestreichelt.

»Naja, glücklicherweise gibt es auch noch mich.«

Mit diesem Fernglas saß Estelle seit einer halben Stunde am Fenster und beobachtete die Menschen, die bereits am Morgen in dem riesigen Park unterwegs waren.

Ab und zu schaute sie auch zu der unheimlichen Villa hinüber, die auf einem kleinen Hügel stand und aus einem Grund, den sie nicht kannte, nicht bewohnt wurde.

Zwischen der Villa und dem Haus der Albernathys erstreckte sich die weite grüne Fläche des Parks, in dem Estelle früher oft gewesen war.

In diesem Park stand immer noch jener Baum, der Estelle zum Verhängnis geworden war. Von ihrem Fenster aus konnte sie ihn nicht sehen, es hätte ihr aber nichts ausgemacht, wenn er sich in ihrem Blickfeld befunden hätte.

Der Baum war schließlich nicht schuld an ihrem Unglück.

Das hatte sie sich schon selbst eingebrockt.

Amy Albernathy hatte ihrer Tochter stets viel Freiheiten gelassen. Dahinter steckte vor allem ihr Mann, der die Ansicht vertrat, daß man ein Kind, das sich richtig entfalten sollte, nicht mit zuvielen Verboten einschränken durfte.

Nun, sie hatte Harrys Wunsch entsprochen, obwohl sie nicht ganz seiner Meinung gewesen war. Nur in einem war Amy Albernathy stets hart geblieben: Estelle durfte niemals das verwilderte Villengrundstück betreten, und das Kind hatte sich auch stets an dieses Verbot gehalten, obwohl es manchmal sehr verlockend gewesen wäre, die Mauer zu überklettern.

Niemand redete gern mit Estelle über das alte Haus dort drüben. Irgendwann einmal hatte das Mädchen aufgeschnappt, daß es in der Villa spuken solle.

Einen Beweis dafür hatte es bis vor kurzem nicht gegeben, doch letzte Nacht hatte sich in der Villa einiges getan. Estelle hatte flackerndes Kerzenlicht gesehen, und an einem der Fenster war ein Mann erschienen.

Estelle hatte den Eindruck gehabt, er würde zu ihr herübersehen, deshalb hatte sie sich hastig zurückgezogen und ins Bett gelegt.

Vorhin hatte sie hinter der schmutzigen Scheibe wieder ein Gesicht gesehen, und kurz darauf hatte ein Zwerg die Villa verlassen.

Er war über die Mauer geklettert und hatte sich an zwei Jogger herangepirscht. Die beiden bemerkten ihn nicht. Was wollte er von ihnen?

Der eine Sportler lief los, und Estelle beobachtete, wie der Zwerg näher an den anderen heranschlich. Sie konnte es sich nicht erklären, aber sie hatte der Gefühl, daß der Kleinwüchsige nichts Gutes im Sinn hatte.

Jetzt trabte auch der andere Läufer los, und der Zwerg hatte das Nachsehen. Estelle atmete erleichtert auf. Ob sie ihren Eltern von dieser Beobachtung erzählen sollte?

Vater und Mutter wollten nichts über die unheimliche Villa hören. Sie hätten Estelle vermutlich entweder nicht angehört oder sie nicht ausreden lassen, deshalb beschloß sie, für sich zu behalten, was sie beobachtet hatte.

Zum Glück war ja nichts passiert. Andererseits… was hätte denn schon geschehen sollen? Der Zwerg wäre dem Jogger mit Sicherheit unterlegen gewesen.

Estelle hatte das Fernglas kurz sinken lassen. Nun hob sie es wieder an die Augen und beobachtete, wie sich Broon auf die Lauer legte.

***


Das Gefühl, verfolgt zu werden, wurde allmählich lästig.

Wenn Cruv sich umblickte, sah er vereinzelt Menschen ihres Weges gehen, doch keiner von denen folgte ihm.

War es nur ein Gefühl?

Der Gnom hatte einiges hinter sich. War es möglich, daß ihn das Erlebte nervlich etwas aus dem Gleichgewicht gebracht hatte? Konnte er sich im Augenblick nicht auf seinen Instinkt, auf seinen sechsten Sinn verlassen?

Er setzte seinen Spaziergang fort, aber er war nicht mehr locker und gelöst, sondern innerlich unerfreulich verkrampft, angespannt, in Alarmbereitschaft.

Er war immerhin Tucker Peckinpahs Leibwächter. Das bedeutete, daß man an den Industriellen nur über seine Leiche herankam. Wenn es also jemand auf Peckinpah abgesehen hatte, war er gut beraten, zuerst dessen Leibwächter zu beseitigen.

Cruv ging durch eine Allee. Er genoß den Spaziergang nicht mehr, brach ihn aber nicht ab. Er verkürzte ihn auch nicht, sondern ging dieselbe Strecke wie immer.

Hinter ihm hupte ein Wagen, anscheinend grundlos. Cruv erschrak und zuckte zusammen. Das Auto fuhr an ihm vorbei und bog kurz darauf um die Ecke.

Als Cruv die Ecke erreichte, wandte er sich nach rechts. Er ging etwas schneller und huschte in eine Hauseinfahrt. Nun würde sich zeigen, ob ihm jemand folgte.

Der Gnom hörte Schritte, die sich näherten. Cruv ballte die Hände und preßte die Kiefer zusammen. Er vermißte seinen Ebenholzstock, mit dem er sich hätte verteidigen können.

Häufig nahm er den Stock mit dem Silberknauf mit. Warum hatte er ihn heute zu Hause gelassen? Er hatte keine Erklärung dafür. Ebensowenig wußte er zu sagen, warum er heute morgen seine Melone nicht aufgesetzt hatte.

Es gibt eben Tage, an denen alles ein bißchen anders ist, sagte sich der Gnom.

Die Schritte erreichten die Einfahrt. Einen Lidschlag später sah Cruv einen jungen Mann mit vielen roten Pickeln im Gesicht und einer großen Zeichenmappe unter dem Arm. Er schenkte dem Kleinen nicht die geringste Beachtung, eilte an ihm vorbei und verschwand.

Cruv atmete aus und entspannte sich. Wenn du so weitermachst, wirst du bald vor deinem eigenen Schatten erschrecken, dachte er und wollte aus der Einfahrt treten.

Da fühlte er, daß sich jemand hinter ihm befand.

Er kreiselte herum und erblickte ein grauenerregendes Wesen: Lenroc!

Der Dämon ließ ihm keine Chance. Grelles, eisiges Licht blitzte auf. Cruv wurde davon getroffen und niedergestreckt.

Als er auf dem Boden landete, war er nicht mehr bei Bewußtsein.

***


Jerry Rush lief so rund und ökonomisch wie möglich. Er warf einen Blick auf seine Stoppuhr, die ihm bestätigte, daß er flott unterwegs war. Er wußte sehr viel über »seinen« Sport, ernährte sich richtig, hatte diverse Zeitschriften abonniert, die sich mit dem Laufen und allem, was damit zusammenhängt, befaßten.

Er verschlang jedes Buch, das über Trainingsprogramme und Wettkampfvorbereitungen geschrieben wurde, ohne sich sklavisch an das geschriebene Wort zu halten, weil er mittlerweile einen Wissensstand erreicht hatte, der es ihm erlaubte, aufgestellte Behauptungen anzuzweifeln beziehungsweise zu korrigieren.

Seit einem Jahr war er Mitglied eines Laufclubs. Er gehörte der ersten Gruppe an und schaffte es mit sehr viel Ehrgeiz und bedingungslosem Einsatz, mit den Assen des Clubs Schritt zu halten.

Im Rennen waren sie ihm dann auf Grund ihrer größeren Routine stets um eine Nasenlänge voraus, doch das entmutigte ihn nicht. Er war felsenfest davon überzeugt, daß es ihm – möglicherweise schon in einem halben Jahr – gelingen würde, das eine oder andere Rennen zu gewinnen.

Er brachte dafür die besten Voraussetzungen mit: die Bereitschaft, sich das Letzte abzuverlangen, und den eisernen Willen, zu siegen. Hinzu kamen Kraft, Leichtfüßigkeit und Sprintstärke. Material, aus dem die Sieger gemacht sind.

Schnell und rhythmisch federnd lief der Mann im roten Jogginganzug zum Ausgangspunkt zurück, dorthin, wo er sich mit Burt Tolkan aufgewärmt hatte, dorthin, wo der Tod in Gestalt eines Zwerges namens Broon auf ihn wartete.

Der Kleinwüchsige preßte sich in seinem Versteck wie eine Sprungfeder zusammen. Er hörte Rushs regelmäßige Atemstöße und konnte den Augenblick der Erfüllung kaum erwarten.

Zenn, Baer und Conti waren verrückt, wenn sie sich das entgehen ließen, wenn sie sich beherrschten, weil Lenroc es von ihnen verlangte.

Broon war der Meinung, daß ihm Lenroc nur bis zu einer gewissen Grenze Befehle erteilen durfte. Solange er nicht gegen die Gesetze der Hölle verstieß, konnte Lenroc doch zufrieden sein. Schließlich verschaffte er ihm eine Seele.

Das Rot des Jogginganzugs leuchtete durch das Dickicht.

Broon schob sich daran vorbei und richtete sich, hinter einem Baum verborgen, langsam auf und begann sich zu verändern.

Broon wurde zum Höllenzwerg!

Sein Haar fing plötzlich an zu brennen, ohne zu verbrennen.

Seine Augen glühten wieder, und seine Zähne verformten sich, wurden größer, wurden zu spitzen Sägezähnen.

Er brauchte nur noch wenige Sekunden zu warten.

Jerry Rush wurde langsamer, war im Begriff, auszulaufen.

Da stieß sich Broon ab. Kraftvoll katapultierte er sich vorwärts. Dämonenenergie füllte ihn aus, Höllenstärke befand sich in seinen Muskeln.

Er fauchte und prallte gegen den erschrockenen Läufer, der zunächst glaubte, von einem Hund angegriffen zu werden. Als er erkannte, womit er es tatsächlich zu tun hatte, riß er ungläubig die Augen auf.

Broon, dieses kleine, brennende Monster, riß den Jogger zu Boden. Jerry Rush wehrte sich verzweifelt. Wie von Sinnen schlug er um sich, er brüllte um Hilfe, doch bereits Broons erster Biß brachte ihn zum Verstummen.

Er wehrte sich immer noch, aber der brennende Teufelszwerg bekam ihn immer besser unter Kontrolle.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738925791
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v456277
Schlagworte
herr teufelszwerge tony ballard

Autor

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Titel: ​Der Herr der Teufelszwerge Tony Ballard Nr. 148