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Cardia, die Seelenlose Tony Ballard Nr. 147

2018 120 Seiten

Leseprobe

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /COVER MICHAEL SAGENHORN


© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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​Cardia, die Seelenlose Tony Ballard Nr. 147

von A.F.Morland







Das Wesen kam von einer Welt voller Gefahren. Hier auf der Erde glaubte es, besser überleben zu können, doch nun schien es von seinem vorgegebenen Schicksal eingeholt worden zu sein. Schwärze umgab es. Ein ätzender Geruch stieg ihm in die Nase, und dumpfe Geräusche drangen an sein Ohr.

Man sucht mich, ging es ihm durch den Sinn. Aber wird man mich auch finden? Und wenn man mich gefunden hat, werde ich dann noch leben?

Ein schwerer, unglücklicher Seufzer entrang sich seiner Kehle. Das Wesen fühlte sich elend in seinem Gefängnis, aus dem es sich selbst nicht befreien konnte.

Der Jahrmarkt beefand sich in Croydon, einem Londoner Vorort. Mutige Artisten jagten auf brüllenden Motorrädern kreuz und quer durch das Innere einer Gitterkugel - der Schwerkraft trotzend und ohne zusammenzustoßen.

Auch ein hübsches, wildes Mädchen gehörte der vierköpfigen Truppe an, die hier die Sensation war. Außer den »Flying Racers«, wie sie sich nannten, gab es nur noch eine Attraktion, zu der sich die Menschen hingezogen fühlten, und das war das orientalisch drapierte Zelt von Madame Cardia.

Sie war Hellseherin, Wahrsagerin, konnte einem die Zukunft Vorhersagen. Obwohl viele das für Humbug und Scharlatanerie hielten, erfreute sich Madame Cardia doch großen Interesses.

Sie las nicht aus der Hand und auch nicht aus dem Kaffeesatz, sondern besaß eine geheimnisvolle Zauberkugel, deren magische Kräfte sie angeblich zu aktivieren vermochte.

Ob es stimmte oder nicht, war von zweitrangiger Bedeutung. Es stand auf jeden Fall fest, daß sich Madame Cardia hervorragend zu verkaufen wußte. So mancher Zweifler verließ tief beeindruckt ihr Zelt.

Im Moment standen die Leute Schlange.

»Nun sieh dir das an«, sagte Bill Landers grinsend zu seiner Freundin. »Alle wollen wissen, wie es wird.« Er erhob die Stimme. »Warum fragt ihr nicht mich, Leute? Ich kann es euch auch sagen. Wir haben die Talsohle hinter uns, es geht allmählich wieder aufwärts. Das sind genau die Worte, die wir von den Politikern in allen Ländern zu hören kriegen. Alles Hellseher…«

Angie Laszlo legte ihm die Hand auf den Mund. »Wirst du wohl still ein?«

Bill lachte hinter ihrer Hand.

»Du hast kein Recht, dich über diese Leute lustig zu machen«, rügte ihn Angie, deren Eltern nach dem großen Aufstand 1956 von Ungarn nach England gegangen waren.

Sie zog ihn mit sich fort. Die Leute warfen ihm mißbilligende Blicke zu.

Er war ein netter Kerl, Angie liebte ihn, aber wenn er getrunken hatte, stänkerte er gern, und das hatte schon zu so manchem Streit geführt.

»Du bist mal wieder unmöglich, ich muß mich mit dir schämen«, sagte Angie finster.

»Wer für diesen Schwindel gutes Geld ausgibt, muß es sich gefallen lassen, daß er auf die Schippe genommen wird«, gab Bill zurück.

Er trug Jeans und eine schwarze Lederjacke mit vielen Reißverschlüssen. Obwohl Bier sein Lieblingsgetränk war, hatte er keinen Bauch, aber den würde er kriegen, wenn er so weitermachte.

»Diese Menschen haben eine Illusion, die du ihnen nicht rauben darfst«, sagte Angie und strich sich eine brünette Haarsträhne aus dem Gesicht.

Sie war einen Kopf kleiner als Bill, aber es störte sie nicht, zu ihm aufblicken zu müssen.

»Ich habe Durst«, sagte er unvermittelt und steuerte einen fahrbaren Kiosk an. »Möchtest du noch ’ne Cola?«

»Nein.«

»Aber ich noch ’n Bier.«

»Hast du nicht schon genug, Bill?«

Er grinste. »Baby, du weißt doch, ich kann nie genug davon kriegen.«

»Du bist schrecklich.«

»Jeder hat eben sein Laster. Der eine rennt hinter jedem Weiberrock her, der andere läßt sich von Madame Cardia etwas vorschwindeln - und bei mir ist es eben das Bier. Weißt du, daß es überaus gesund ist? In dem edlen Gerstensaft ist die gesamte Vitamin-B-Palette enthalten.«

Er kaufte sich eine Dose Bier, riß den Verschluß mit einem Ruck auf, es zischte und spritzte, und er setzte die Dose an, um zu trinken, als wäre er am Verdursten.

»Ah, köstlich«, sagte er, nachdem er die Dose abgesetzt hatte. »Sie ist eine Hexe - sagt man.«

»Wer?« fragte Angie. »Madame Cardia?«

Bill nickte. »Sie soll mal was mit einem Dämon gehabt haben.«

Angie sah ihn mißtrauisch an. Bei Bill konnte sie nie wissen, wie sie dran war. Manchmal redete er den größten Quatsch mit todernster Miene.

»Nimmst du mich auf den Arm?« fragte sie unsicher.

»Das erzählt man sich von Madame.«

»Woher weißt du das denn?«

»Ich war schon mal hier«, antwortete Bill, trank das restliche Bier, wischte sich mit dem Handrücken über den feuchten Mund und warf die leere Dose in eine Abfalltonne. »Das Verhältnis soll nicht ohne Folgen geblieben sein«, fügte er hinzu.

Angies grüne Augen weiteten sich. »Sie hat ein Kind von einem Dämon?«

»So heißt es.«

»Das glaube ich nicht. Du willst mich verkohlen.«

Er rollte die Augen. »Einmal im Leben sage ich die Wahrheit, und ausgerechnet dann glaubt man mir nicht.«

»Ich möchte zu Madame Cardia gehen.«

»Bist du verrückt? Was willst du denn da?«

»Was alle wollen«, sagte Angie.

»Hör mal, ich mache mich doch nicht zuerst über die Leute, die vor ihrem Zelt stehen, lustig, und dann stelle ich mich hinter sie.«

»Deine Schuld«, sagte Angie. »Du hast meine Neugier geweckt.«

»Mit einem Gerücht, das unmöglich wahr sein kann«, sagte Bill kopfschüttelnd. »Ich krieg’ mich nicht ein.« »Bitte, Bill. Mach mir die Freude. Was ist denn schon dabei?« bettelte Angie. »Du brauchst ja nicht zu glauben, was Madame Cardia uns prophezeit.«

»Das sowieso nicht. Aber ich sehe nicht ein, warum ich sie dafür bezahlen soll, daß sie mir die Hucke vollügt.«

»Es ist ein Spaß. Jeder bekommt, was er möchte. Du hattest dein Bier, und ich möchte zu Madame Cardia.«

Bill seufzte. »Na schön, aber nur dann, wenn wir nicht eine halbe Stunde anstehen müssen.«

Sie kehrten um, und Angie stellte erfreut fest, daß die Schlange vor dem Zelt schon kürzer geworden war. Bill war sie jedoch immer noch zu lang.

Er schlug vor, erst einen Rundgang zu machen und später noch einmal vorbeizuschauen. Wenn dann keine Leute mehr vor dem Zelt stünden, würde er mit Angie hineingehen, versprach er.

***


Das Wesen aus der anderen Welt umklammerte verkohltes Holz. Hunger ließ seinen Magen knurren, und sein Gesicht verzerrte sich. Es hörte Stimmen, keuchte und spannte die Muskeln an.

Ich muß mich bemerkbar machen, dachte es. Damit sie mich finden…

***


»Die Gelegenheit ist günstig!« rief Angie Laszlo erfreut aus. »Jetzt steht überhaupt niemand mehr vor Madame Cardias Zelt.«

Bill Landers ächzte. »Mir bleibt doch wirklich nichts erspart.«

»Du hast es mir versprochen.« Widerwillig kaufte Bill zwei Eintrittskarten. Hinter einem kleinen Glasfenster saß ein alter Mann. »Sagen Sie mal, ist Madame noch nicht müde vom vielen Hellsehen?« fragte Bill. »Ich meine, sie hat heute doch schon eine Menge Leute abgefertigt. Kann es durch Übermüdung nicht zu Fehlern kommen? Meine Freundin hier ist an ihrer Zukunft interessiert, nicht an der von Lady Di.«

Der alte Mann hob den Blick, und Bill schauderte. Die Augen des Alten waren zwei dunkle, kalte Schächte. Bill bekam eine Gänsehaut.

»Nichts für ungut, Mister«, lenkte er ein. »Madame Cardia ist mit Sicherheit unfehlbar.«

Sie begaben sich in das Zelt, an dessen Wänden Teppiche mit orientalischen Motiven hingen.

Es gab keine Sitzgelegenheit. Auf dem Boden lagen dunkelgrüne Kissen. Die Hellseherin war nicht anwesend.

»Madame haben sich aufs Ohr gelegt«, bemerkte Bill feixend. »Madame geruhen zu ruhen. Hauptsache, der alte Aasgeier da draußen hat uns die Moneten abgeknöpft.«

»Bitte, Bill, benimm dich!« sagte Angie ernst. »Madame Cardia wird gleich erscheinen.«

»Ich bin schon still«, sagte Bill und hielt tatsächlich den Mund.

Gedämpft drang der Rummelplatzlärm durch die Stoffwände. Angie fühlte sich unbehaglich. Die Atmosphäre hier drinnen kam ihr unheimlich vor.

Sie glaubte, die übernatürlichen Kräfte zu spüren, derer sich Madame Cardia bediente. Zwei Teppiche wurden jäh auseinandergeschlagen, und eine schöne Frau mit feierlichen Zügen erschien.

Ihr Blick war geheimnisvoll und traurig. Großes Leid schien ihr schon widerfahren zu sein. Sie war spärlich bekleidet, und Bill hätte aus diesem Grund beinahe einen bewundernden Pfiff ausgestoßen.

Madame Cardia trug einen orangefarbenen, hauchzarten Schleier, der einen Teil ihres pechschwarzen Haares bedeckte und vom Kopf über die wohlgerundeten Schultern fiel und bis zu den Hüften reichte.

Ein weiterer Schleier floß von der Taille abwärts. In Cardias Diadem prangte ein blutroter Edelstein, und goldener Schmuck glänzte an ihrem Hals, an Ober- und Unterarmen, vor den Brüsten und um die Fußknöchel.

Bill Landers fragte sich unwillkürlich, ob der schwere Schmuck echt war. Wenn ja, mußte er einen unschätzbaren Wert repräsentieren.

Echt goldener Schmuck paßt nicht auf einen Jahrmarkt, sagte sich Bill. Es muß sich um Talmi handeln.

»Der Schmuck ist echt«, sagte die Hellseherin mit einem sphinxenhaften Lächeln.

Himmel, durchzuckte es Bill, sie kann Gedanken lesen. Junge, du mußt vorsichtig sein.

»Wieso wußten Sie, daß ich mir diese Frage stellte?« erkundigte er sich, nachdem er sich gefangen hatte. Er wollte sich von Madame Cardia nicht in die Defensive drängen lassen. »Sie merkten es an meinem Blick, nicht wahr?«

»Vielleicht«, antwortete die Hellseherin. Sie wies auf die Kissen und forderte Angie und Bill auf, Platz zu nehmen.

Die beiden sanken auf die Knie und setzten sich auf die Fersen. Cardia holte eine Glaskugel, die so groß wie ein Fußball war.

»Werden wir darin unsere Zukunft sehen?« fragte Angie heiser.

»Ja, mein Kind, hier wird sie sich euch offenbaren.«

»Klappt das denn immer?« fragte Bill zweifelnd.

»Fast immer, denn es handelt sich hierbei um keine gewöhnliche Glaskugel«, erklärte die Hellseherin. »Kräfte, die Sie sich nicht vorstellen können und die bisher niemand erforschen konnte, befinden sich darin. Kräfte, die nicht von dieser Welt sind. Es war nicht einfach, sie mir nutzbar zu machen. Nach zähem Ringen ist es mir gelungen. Nun kann ich sie lenken, ich habe Macht über sie. Nur in ganz seltenen Fällen wollen sie sich von mir nicht dirigieren lassen. Zumeist dann, wenn ich mich aus irgendeinem Grund nicht voll konzentrieren kann. Wir werden sehen, was Ihnen die magische Kugel zeigt. Ich habe darauf keinen Einfluß, bin lediglich eine Vermittlerin zwischen Ihnen und dieser mysteriösen Kraft.«

Angie schluckte trocken, sie war mächtig aufgeregt.

Ihr Blick streifte das Gesicht ihres Freundes. Sie sah ihm an, daß er immer noch zweifelte. Angie war bereit, der Hellseherin zu glauben.

Sie spürte, daß Madame Cardia die Wahrheit sagte. Warum war Bill nicht bereit, zu akzeptieren, daß es Dinge zwischen Himmel und Erde gab, von denen sich die Schulweisheit nichts träumen ließ?

Angies Handflächen waren feucht, und sie nagte unentwegt an der Unterlippe. Sie fürchtete sich ein bißchen vor dem, was ihnen die Glaskugel zeigen würde. Madame Cardia hatte sich abgesichert. Was immer die Zauberkugel zeigte, die Hellseherin brauchte dafür nicht geradezustehen.

Will ich wirklich wissen, was mich erwartet, was auf mich zukommt, was das Leben für mich bereithält? fragte sich Angie. Vielleicht werde ich bald sterbenskrank, oder ich komme bei einem Unfall ums Leben - oder Bill verläßt mich… Die Kugel wird es schonungslos zeigen! Vielleicht sollten- wir besser gehen.

Aber Madame Cardia begann schon mit dem Zauber. Sie legte die schlanken Hände um die Glaskugel und flüsterte Sprüche in einer Sprache, die weder Bill noch Angie kannten.

Angie bildete sich ein, daß die Kugel zu fluoreszieren begann. Nur ganz schwach, aber die geheimnisvollen Kräfte schienen geweckt zu sein.

Die Hellseherin bat Angie und Bill, ein paar Angaben zu ihrer Person zu machen. Nachdem die beiden gesagt hatten, wie alt sie waren, wo sie aufwuchsen und wie sie zueinander standen, nahm das Leuchten der Kugel merklich zu.

Ein milchweißer Schein ging davon aus und erhellte das düstere Innere des Zeltes. Angies Herz klopfte laut, so laut, daß sie glaubte, es würde die Hellseherin stören.

Bill war nicht bereit, sich von der fremden Magie faszinieren zu lassen. Er wehrte sich verbissen dagegen. Alles Lug und Trug, redete er sich ein. Die Kugel leuchtet - na und? Es kann sich nur um einen raffinierten Trick handeln, auf den ich nicht hereinfallen werde. Kein Mensch kann die Zukunft eines anderen Menschen Voraussagen, und daß Cardia eine Hexe ist, glaube ich nicht. Sie kann auch nicht Gedanken lesen. Es war reiner Zufall, daß sie erriet, was ich dachte. Vermutlich verblüfft sie damit jeden, der ihren Schmuck anstarrt.

Das immer intensiver werdende Leuchten sickerte zwischen den Fingern der Hellseherin hindurch, wurde zu einem sternenförmigen, kalten Strahlen.

In der Kugel bewegte sich etwas: weiße Nebelschwaden.

Gleich, dachte Angie aufgeregt. Gleich werden wir unsere Zukunft sehen - Gutes oder Schlechtes, was immer im großen Schicksalsbuch für uns niedergeschrieben wurde.

***


Das Wesen stemmte sich ächzend gegen das verkohlte Holz, schlug mit den Fäusten dagegen, tastete nach einem faustgroßen Stein und gab Klopfzeichen…

***


Gespannt sah Angie auf die Kugel. Madame Cardia zog die Hände etwas zurück, damit Angie und Bill besser sehen konnten, was sich im Inneren der Kugel abspielte.

Bill merkte, daß ihn das Geschehen mehr interessierte, als ihm lieb war. Die geheimnisvolle Kraft schlug ihn in ihren Bann, obwohl er sich nach wie vor dagegen wehrte.

Er wollte sich von ihrer Umklammerung befreien, deshalb fragte er rasch: »Ist es wahr, daß Sie ein Kind von einem Dämon haben?«

Die Hellseherin zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen, und Angie warf ihrem Freund einen empörten Blick zu. Die von Madame Cardia geweckte und gelenkte Kraft geriet außer Kontrolle.

Bill hatte die Konzentration der Hellseherin gestört, und nun machte sich die magische Kraft selbständig. Nie hätte Bill Landers gedacht, daß so etwas möglich war.

In der Kugel entstand ein wilder Wirbel. Er drehte sich kreiselnd und drückte etwas nach außen. Noch war nicht zu erkennen, was es war.

Sollte ein Bild entstehen? Tatsächlich. Angie traute ihren Augen nicht. In der magischen Kugel bildete sich etwas. Sekundenlang sah es danach aus, als würde eine zweite Kugel entstehen, aber dann erkannte Angie immer deutlicher, daß es sich um einen Kopf handelte.

Der kann nichts mit unserer Zukunft zu tun haben! schrie es in Angie, denn das, was sich in der Zauberkugel befand, war ein Totenkopf!

***


»Ein scheußliches Gebräu«, sagte Mr. Silver und verzog angewidert das Gesicht. »Bitte verzeih, wenn ich das sage, Roxane.«

Die schwarzhaarige Hexe aus dem Jenseits zuckte mit den Schultern. »Der Trank soll nicht schmecken, sondern dir helfen, wieder zu Kräften zu kommen.«

»Warum kann er nicht obendrein gut schmecken?« fragte der Ex-Dämon, der einen schlimmen Leidensweg hinter sich hatte, seit ihn die Totenpriesterin Yora mit ihrem Seelendolch niedergestochen hatte.

»Die Zusammensetzung muß geheim bleiben«, antwortete die weiße Hexe.

»Warum? Weil sonst die Gefahr besteht, daß ich mich übergebe?«

»Weil sonst die Wirkung ausbleibt«, entgegnete Roxane.

»Die wievielte Mischung ist das schon?« wollte ich wissen.

Mr. Silver winkte ab. »Ich habe aufgehört, die Versuche zu zählen, Tony. Möchtest du mal von dem Gesöff probieren?«

Er schob mir die Tasse über den Tisch zu.

»Willst du Tony umbringen?« fragte Roxane.

Der Hüne blickte sie mit seinen perlmutfarbenen Augen überrascht an. »Heißt das, du flößt mir Gift ein?«

»Der Trank ist zu stark für einen Menschen. Tony brauchte nur einen davon zu nippen, und schon würde er tot Umfallen.«

Ich schüttelte mich. »Und so etwas bietest du mir an. Ein schöner Freund bist du.«

»Ich konnte nicht wissen, daß mich Roxane mit einem Menschenvertilgungsmittel aufzupäppeln versucht.« Während er den stärkenden Trank leerte, schob ich mir ein Lakritzbonbon in den Mund. Es schmeckte besser als Roxanes Gebräu und war obendrein ungefährlich.

Wenn es eine Wirkung gegeben hätte, hätte sie sich sofort einstellen müssen, sagte Roxane, doch nichts geschah. Mr. Silver saß da, horchte in sich hinein, versuchte seine dämonischen Fähigkeiten zu aktivieren, doch er schaffte es trotz intensivster Bemühungen nicht.

Der Hüne mit den Silberhaaren blieb weiterhin so »schwach« wie ein Mensch. Roxane seufzte. »Ich bin mit meinem Wissen am Ende. Ich kann nicht mehr, weiß nicht mehr weiter. Jeden Trank, den ich kenne, habe ich ausprobiert, keiner hat geholfen. Ich hatte so fest damit gerechnet, daß es mir gelingen würde.«

Mr. Silver legte ihr seine große Pranke auf die Schulter. »Mach dir nichts draus. Ich weiß trotzdem zu schätzen, was du für mich getan hast.«

»Aber ich wollte dir doch helfen.«

»Ich komme auch so wieder auf die Beine, nur eben wesentlich langsamer«, sagte der Ex-Dämon.

»Warum begeben wir uns nicht auf die Prä-Welt Coor?« fragte ich. Mr. Silver hatte seine übernatürlichen Kräfte schon einmal eingebüßt. Damals war’s lur ihn zum Glück nicht so knüppeldick gekommen wie diesmal.

Im Tunnel der Kraft war er wiedererstarkt, aber der Weg dorthin war mit Gefahren gespickt gewesen, und Mr. Silver verriet mir heute, daß er diesen Gefahren diesmal nicht gewachsen wäre.

»Ich kann dort nicht hingehen«, sagte der Hüne ernst. »Ich glaube, ja ich bin sogar ziemlich sicher, daß ich auf der Strecke bleiben würde.«

»Du brauchtest nicht allein zu gehen«, sagte ich. »Metal würde uns bestimmt begleiten, Roxane würde mitkommen, Boram, ich… Ich würde eine ganze Armee auf die Beine stellen. Du brauchst nur ein Wort zu sagen.«

Der Ex-Dämon schob die leere Tasse von sich. »Nein, Tony, ich möchte nicht, daß ihr euer Leben für mich aufs Spiel setzt.«

»Hör mal, was soll der Blödsinn? Wir sind deine Freunde.«

»Ich kann trotzdem nicht verlangen…«

»Doch, das kannst du. Verdammt noch mal, du weißt genau, daß wir alle immer für dich da sind. Wir tun nicht mehr und nicht weniger für dich als du für uns.«

Mr. Silver schüttelte entschieden den Kopf. »Der Tunnel der Kraft ist keine Lösung für mich.«

»Hast du eine bessere Idee?« fragte ich. »Dann laß hören.«

Der Ex-Dämon lehnte sich zurück und richtete seinen Blick in eine geistige Ferne. Er sah aus, als würde er mit offenen Augen träumen.

»Früher wäre Shrogg die Lösung gewesen«, sagte der Hüne gedankenverloren.

»Wer oder was ist Shrogg?« wollte ich wissen.

»Er hätte gewußt, wie ich meine Kräfte zurückbekomme.«

»Shrogg«, sagte ich und schaute Roxane an, doch die weiße Hexe wußte auch nicht, von wem die Hede war. Sie hob ratlos die Schultern.

»Er war sehr weise«, sagte Mr. Silver.

»Wo lebt er?« fragte ich. »Wenn du dir von ihm Hilfe versprichst, warum brechen wir dann nicht auf und suchen ihn?«

»Weil das keinen Sinn hat, Tony«, sagte der Ex-Dämon, und sein Blick kam von weither zurück. Ernüchtert sah mich mein Freund an. »Shrogg, der Weise, lebte auf der Silberwelt, und die wurde, wie du weißt, von Asmodis zerstört.«

***


Die Geräusche kamen näher. Das Wesen vernahm ein permanentes Knirschen und Krachen und hämmerte mit dem Stein kräftiger gegen das schwarze Holz…

***


Bill Landers hatte die magische Kraft, die sich mit ihm und Angie befassen sollte, mit seiner Frage abgelenkt. Die Magie war in eine andere Richtung vorgedrungen, und das, worauf sie gestoßen war, war nun in der leuchtenden Zauberkugel zu sehen.

Cardia schaute den jungen Mann vorwurfsvoll an. »Was haben Sie getan?«

»Ich? Gar nichts«, krächzte Bill, höchst unangenehm berührt. »Ich habe lediglich eine Frage gestellt.«

»Das hätten Sie nicht tun dürfen.«

»Großer Gott, wie hätte ich das denn wissen sollen?« verteidigte sich Bill.

Der Totenschädel bewegte sich in der Kugel. Das Knochengesicht richtete sich nach oben. Angie und Bill fühlten sich aus leeren, schwarzen Augenhöhlen angestarrt.

Das Mädchen griff entsetzt nach Bills Hand. »Bill, wie konntest du das nur tun?« schluchzte Angie, deren überreizte Nerven kurz vor dem Zerreißen standen.

»Verdammt noch mal, was habe ich denn schon getan? Eine simple Frage habe ich gestellt, nichts weiter!« schrie Bill, ebenfalls hypernervös. »Madame Cardia, könen Sie diesen Spuk nicht beenden?«

»Denken Sie, das hätte ich nicht schon längst getan?« erwiderte Cardia schroff.

Der Totenkopf schien aus der Kugel heraus zu wollen. Er drehte sich nach links, nach rechts, stieß mit der Stirn und mit der Schädelplatte gegen das Glas.

Angie zitterte wie Espenlaub. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und hätte das Zelt der Hellseherin fluchtartig verlassen, aber es war ihr nicht möglich, sich zu erheben.

Die Kraft der Zauberkugel - und jetzt auch der unheimliche Anblick des lebenden Totenschädels - bannten sie.

Madame Cardia schien einer entsetzlichen Folter ausgesetzt zu sein. Sie war leichenblaß geworden, preßte ihre Arme gegen den Leib, krümmte sich und stöhnte laut.

»Bill!« preßte Angie verstört hervor. »Bill, was hat sie?«

»Ich weiß es nicht, Angie.«

»Sie scheint furchtbare Schmerzen zu haben. Wir müssen ihr helfen.«

»Gehen Sie!« keuchte Cardia, auf deren wächsernem Gesicht Schweiß glänzte. »Verlassen Sie das Zelt! Schnell! Sie sind in Gefahr!«

Bill quälte sich hoch und zog Angie auf die Beine. »Komm«, sagte er bebend.

»Madame Cardia… Wir dürfen sie nicht allein lassen!«

»Machen Sie, daß Sie fortkommen!« gurgelte die Hellseherin. »Kümmern Sie sich nicht um mich!«

»So komm doch!« stieß Bill aufgewühlt hervor. »Beeile dich!«

»Madame Cardia!« rief Angie und streckte der immer noch knienden Hellseherin die Hand entgegen.

Da geschah etwas Grauenvolles: Der Totenkopf fing an zu schreien. Es war entsetzlich. Seine Kiefer klafften auseinander, und er schrie verzweifelt: »Mutter, hilf mir!«

***


Klopfsignale!

Die Männer hörten sie ganz deutlich. Zwei von ihnen stießen sich mit dem Ellenbogen an, stolperten über schwarzen Schutt und räumten hastig verbrannte Trümmer weg…

***


Mit »Mutter« konnte nur Cardia gemeint sein. Angie traute ihren Augen und Ohren nicht. Ein schreiender Totenkopf, eingeschlossen in diese Glaskugel, das war irrsinnig.

Bills Frage hatte eine Kettenreaktion ausgelöst. Er hatte die Hellseherin nach ihrem Kind gefragt. Dadurch schien er die magischen Kräfte zu diesem abgelenkt zu haben, und nun zeigte die Zauberkugel Madame Cardias Kind, Aber nur einen Totenkopf? Lebte das Kind der Hellseherin nicht mehr? Wie konnte es dann um Hilfe rufen? Wie konnte das überhaupt alles passieren?

Es war Angie unbegreiflich.

»Mutter, hilf mir!« flehte der Totenschädel noch einmal.

Das Strahlen der magischen Kugel nahm zu. Es schien etwas an die Zeltwand zu projizieren. Der Schock traf das Pärchen mit großer Wucht.

An der Wand entstand eine riesige grauenerregende Fratze, deren Haut sehr bleich war. Der Schädel war kahl, nur an der Seite hingen lange weiße Haare herab.

Das schreckliche Wesen, das sich zeigte, sah böse und grausam aus. In den Augen glitzerte das kalte Feuer des Todes, und unter der wulstigen Oberlippe ragte ein kräftiges Gebiß mit langen, spitzen Augenzähnen hervor.

Unwillkürlich fragte sich Bill Landers, ob das der Vater von Cardias Kind war, der Dämon, von dem sich die Leute erzählten. Er riß sich von diesem furchterregenden Anblick los.

Der Unheimliche schien ihn nicht fortlassen zu wollen, aber er kämpfte sich zum Ausgang und zerrte Angie mit sich nach draußen. Kaum bestand kein Augenkontakt mehr, fühlten sich das Mädchen und der junge Mann nicht mehr an Leib und Leben bedroht.

»Laß uns verschwinden!« keuchte Bill.

»Und Madame Cardia?«

»Ich glaube nicht, daß wir uns um sie zu kümmern brauchen. Die wird damit schon irgendwie fertig.«

***


Jetzt klopfte das Wesen nicht nur, es schrie auch, so laut es konnte, und die Männer, die sich zu ihm durchwühlten, gaben immer wieder Antwort…

***


Was diesmal passiert war, hatte Cardia schon mehrmals versucht, aber es war ihr nie geglückt. Sie hatte es nicht geschafft, mit ihrem Kind Kontakt aufzunehmen.

Zum erstenmal hatte sie Verbindung. Es entsetzte sie, zu sehen, wie ihr Kind aussah. Unglücklich schaute sie auf den Totenkopf in der Glaskugel.

»Sammeh!« rief sie, und der Knochenschädel reagierte. Er pendelte in der Glaskugel wie verrückt hin und her.

»Cardia!« schrie er.

»Sammeh!« schluchzte die Hellseherin. »Sammeh, wie geht es dir?«

»Ich habe Schmerzen, Cardia. Er quält mich…«

»Halte durch, Sammeh.«

»Ich kann nicht mehr, Mutter.«

»Du mußt, Sammeh. Du darfst nicht aufgeben. Ich brauche dich. Du weißt, daß ich ohne dich nicht leben kann.«

»Die Schmerzen sind kaum noch zu ertragen, Cardia. Er bereitet mich vor…«

»Worauf?«

Sammeh antwortete nicht. Cardia wiederholte ihre Frage, doch Sammeh blieb wieder stumm.

Der Totenschädel wurde allmählich undeutlich. Weiße Schwaden schoben sich immer wieder vor das Knochengesicht. »Warte!« schrie Cardia aufgeregt. »Bleib! Wo hat er dich hingebracht? Wo befindest du dich, Sammeh?«

»Im… Tempel… der… Hölle…« kam es dünn aus der Zauberkugel, dann blieben die Schwaden vor dem Totenschädel.

Cardia drehte und schüttelte die magische Kugel. »Sammeh! Sammeh!«

Der Dämon an der Zeltwand lachte höhnisch. »Er ist nicht mehr da.«

Die Hellseherin sprang auf und wandte sich wütend der grauenerregenden Fratze zu. »Gib mir meinen Sohn wieder!«

»Er gehört dir nicht mehr.«

»Ich brauche Sammeh!«

»Ich weiß. Du wolltest die Mächte des Bösen betrügen. Das rächt sich nun. Der Arm der strafenden Gerechtigkeit wird dich niederstrecken. Du wirst Sammeh nicht Wiedersehen. Daran wirst du zugrunde gehen.«

»Ich hole mir Sammeh zurück, und dich, dich werde ich vernichten!« schrie Cardia leidenschaftlich.

Das kalte Feuer des Todes flackerte auf. Blitze, weiß und grell, zuckten auf Cardia zu. Sie stieß einen grellen Schrei aus und brach zusammen.

***


»Wenn ich das geahnt hätte«, ächzte Bill Landers und rammte den Schlüssel ins Zündschloß, »ich hätte diese verhängnisvolle Frage nicht gestellt, das mußt du mir glauben, Angie.«

Der Anlasser mahlte.

»Warum mußt du nur immer so vorlaut sein?« fragte Angie vorwurfsvoll. »Warum mußt du dich über alles lustig machen?«

»Ich tu’s bestimmt nicht wieder, Ehrenwort«, sagte Bill und fuhr los. Sein giftgrüner Ford Escort war schon sehr betagt. Zudem behandelte Bill sein Auto ziemlich schlecht und machte nicht einmal den längst fälligen Ölwechsel. Dementsprechend häufig ließ ihn das Fahrzeug auch im Stich.

Heute hatte er Glück. Der Escort lief so klaglos wie in seinen besten Tagen. Nervös blickte Bill immer wieder in den Spiegel, während sie sich vom Rummelplatz entfernten.

»Wir hätten nicht einfach davonlaufen dürfen«, sagte Angie, von Gewissensbissen gepeinigt.

»Madame Cardia hat das doch selbst von uns verlangt.«

»Wir hätten den alten Mann, der uns die Karten verkaufte, informieren müssen.«

»Der hätte noch weniger für die Hellseherin tun können als wir«, behauptete Bill. »Mach dir um Madame Cardia keine Sorgen. Die hat inzwischen bestimmt schon wieder alles im Griff.«

»Glaubst du nun an Magie und übernatürliche Dinge?«

»Cardia gab mir ein Beispiel, das ich bis ans Ende meiner Tage nicht vergessen werde. Schaurig, wie ihr Kind um Hilfe flehte - mit einem Totenkopf… Und diese furchtbare Fratze an der Zeltwand. Nie werde ich diesen entsetzlichen Blick vergessen.«

»War das ein Vampir?«

»Ich habe keine Ahnung, will es auch nicht wissen«, sagte Bill.

»Ob morgen etwas darüber in der Zeitung steht?«

»Ich habe nicht die Absicht, irgendeinen Reporter darauf anzusetzen.«

»Wenn Madame Cardia morgen nicht mehr lebt, wird es in der Zeitung stehen.«

Bill lachte blechern. »Warum sollte sie denn nicht mehr leben? Sie kann mit diesen unheimlichen Erscheinungen und geheimnisvollen Kräften umgehen. Sie lebt damit, hat täglich damit zu tun. Sie weiß sich bestimmt zu schützen. Deshalb floh sie auch nicht mit uns aus dem Zelt. Es war ihr nur wichtig, daß wir hinauskamen.«

»Ich werde die Zeitung morgen trotzdem genauer lesen als sonst«, sagte Angie gepreßt.

***


Der alte Mann schloß das kleine Glastürchen mit langen, spinnendünnen Fingern und stellte die Tafel mit der Aufschrift GESCHLOSSEN auf.

Dann hatte er es eilig, die Kasse zu verlassen. Er hatte Cardias Schrei vernommen und machte sich Sorgen um das Mädchen. Er war, wie sie, ein Reisender, gehörte nicht auf diese Welt.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738925784
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v456276
Schlagworte
cardia seelenlose tony ballard

Autor

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Titel: Cardia, die Seelenlose Tony Ballard Nr. 147