Lade Inhalt...

​Der Dämon aus dem Knochensee Tony Ballard Nr. 146

2018 120 Seiten

Leseprobe

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /COVER MICHAEL SAGENHORN


© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

​Der Dämon aus dem Knochensee Tony Ballard Nr. 146 Teil 2/2

von A.F.Morland









Fay Cannon war ein Höllenmädchen - und das im wahrsten Sinne des Wortes. Sie trat allabendlich in einem Nightclub auf, der den bezeichnenden Namen »Creepy« trug, legte einen heißen Strip hin… und verwandelte sich anschließend in ein grauenerregendes Ungeheuer.

Alle fragten sich, wo der Trick dabei war, aber es gab keinen.

Fay Cannon war tatsächlich die Bestie, in die sie sich verwandelte.

Aber das wollte der Reporter Winston Bostwick nicht glauben. Er hatte die Absicht, hinter Fays Geheimnis zu kommen - und bisher war ihm das, was er sich vorgenommen hatte, auch immer gelungen…




Bostwick sah blendend aus - groß, blond, schlank. Seine Züge waren markant und er wirkte ungemein männlich. Ein Typ, auf den die Frauen flogen.

In der Redaktion schmachtete ihn zumeist Martha Layton, seine Sekretärin, an. Da er nichts davon hielt, sich am Arbeitsplatz ein Verhältnis einzubrocken, hatte Martha keine Chance bei ihm.

Das hübsche, pummelige Mädchen tröstete sich mit Pralinen. Sie futterte so viel davon, daß Bostwick lächelnd meinte: »Du solltest mit den Dickmachern etwas vorsichtiger sein, Martha-Schätzchen.«

Sie seufzte und schob sich eine Praline mit Haselnußcremefüllung in den Mund. »Was hat mir das Leben denn sonst zu bieten? Du weißt, ich tu’s aus reiner Verzweiflung.«

»Könntest du aus Verzweiflung nicht Pfeife rauchen?«

»Ja, ja, mach dich nur über mich lustig. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Ich verzehre mich nach dir, und du…«

Er tätschelte ihre Wange. »Baby, ich bin kein Mann für dich.«

»Ich bin anderer Meinung.«

»Ich bin unleidlich, so gut wie nie daheim, trinke zuviel und kann nicht treu sein. Außerdem habe ich am Morgen einen schlechten Atem und auf jeder Zehe einen häßlichen Nagelpilz. Ich bin ein egoistisches Ekel. Jede Frau, der ich nicht nahekomme, sollte sich glücklich preisen…«

»Ich bin aber nicht glücklich«, sagte Martha. »Und ich würde dich mit all deinen Fehlern und Schwächen nehmen.«

Er beugte sich zu ihr hinunter, legte die Hand unter ihr Kinn und hob es hoch. »Mädchen, ich verstehe dich einfach nicht; Was ist denn so Besonderes an mir? Es gibt so viele attraktive Männer auf dieser Welt. Warum muß es ausgerechnet ich sein?«

»Ich hab’ mich eben in dich verliebt«, sagte das Mädchen.

Das Telefon läutete. Winston Bostwick zog seinen gefütterten Trenchcoat an.

»Einen Augenblick, Mr. Frazer«, sagte Martha und schaute Bostwick fragend an.

Tom Frazer war der Chefredakteur. Bostwick wedelte mit der Hand und schüttelte den Kopf.

»Mr. Frazer?« sagte Martha Layton in die Sprechrillen. »Eben ist er raus. Ich dachte, ich würde ihn noch auf dem Flur erwischen, aber leider… Okay, ich sag’s ihm.« Sie legte auf. »Was tue ich nicht alles für dich. Sogar meinen Job setze ich aufs Spiel, und was ist der Dank? Nicht einmal zu einem kleinen Drink lädst du mich ein.«

»Ich möchte nicht, daß du zur Alkoholikerin wirst.«

»Direkt rührend, wie du um mich besorgt bist.«

»Na schön, wir nehmen mal einen Drink zusammen, okay?«

Martha strahlte ihn sofort an. »Wann?«

»Wann hast du Zeit?«

»Sofort. Ich brauche nur meinen Mantel anzuziehen.«

»Tut mir leid, Martha-Schätzchen, aber jetzt habe ich zu arbeiten.«

»Dann wird also wieder nichts draus«, sagte sie enttäuscht.

»Habe ich schon mal ein gegebenes Versprechen nicht gehalten?«

»Laufend«, sagte Martha.

»Diesmal stehe ich zu meinem Wort. Sobald ich meine Story habe, gehen wir beide ganz schick aus. Dy darfst dich bereits darauf freuen.«

»Laß dich von dieser Fay Cannon nicht vernaschen, hörst du?«

»Ich habe mit ihr nichts im Sinn, ich schwör’s«, sagte Winston Bostwick und hob die rechte Hand. Martha bekam von ihm einen Kuß auf die Stirn. »Bleib mir gewogen.«

Als er schon auf dem Flur stand, drehte er sich noch einmal um und fragte, weshalb Tom Frazer angerufen hatte.

»Wegen deines Neelgust-Artikels. Du hast damit in ein Wespennest gestochen. Bei Frazer läuft das Telefon heiß. Eine Menge einflußreicher Leute verlangen ein Dementi.«

»Darauf können sie lange warten. Ich habe gründlich recherchiert. Jedes Wort, das ich geschrieben habe, ist wahr. Ich widerrufe keine Silbe.«

»Du solltest nicht immer so heiße Eisen anfassen, Win.«

»Das ist nun mal mein Job, Süße,«

»Du nimmst ihn vielleicht ein bißchen zu ernst, schaffst dir damit eine Menge Feinde.«

»Ich kann ‘s nicht ändern«, sagte Winston Bostwick und schloß die Tür.

Zehn Minuten später war er nach Croydon unterwegs, denn, wie er erfahren hatte, besaß der Besitzer des »Creepy« dort ein Haus, und in diesem wohnte der Star seines Nachtklubs.

***


Sie war eine dunkelhaarige Schönheit, die jeden Mann haben konnte. Aber ihr stand nicht der Sinn nach Sex. Wenn sie sich für einen Mann entschied, geschah das aus einem anderen Grund.

Letzte Nacht war sie mit einem Geschäftsmann namens Adam Seagrove zusammengewesen; das hatte dieser nicht überlebt. Sie hatte ihm in dem Apartment über dem Nachtlokal ihre Creepy Show noch einmal vorgeführt.

Er hatte sich ungemein geschmeichelt gefühlt. Die Erkenntnis, daß sie ihn als Todeskandidaten ausgewählt hatte, hatte ihn mit der Wucht eines Keulenschlages getroffen.

Viel zu spät hatte er begriffen, daß aus der Show tödlicher, blutiger Ernst geworden war. Ais Echsenmonster war Fay über ihn hergefallen, und am nächsten Morgen hatte die Polizei seine Leiche aus der Themse gefischt. [1]

Zu diesem Zeitpunkt hatte niemand geahnt, daß sich Adam Seagrove schon bald als Zombie erheben würde…

Fay spürte, daß der Zombie nicht mehr existierte. Sie wußte nicht, was ihm zugestoßen war, erkannte nur, daß die Verbindung zwischen ihnen abgerissen war.

Irgend jemandem mußte es gelungen sein, den lebenden Leichnam unschädlich zu machen.

Fay saß vor dem Frisiertisch und bürstete ihr seidig glänzendes Haar. Es war Nachmittag - also noch viel Zeit bis zu ihrem nächsten Auftritt in Christopher Gales Nightclub.

Sie hörte einen Wagen Vorfahren und legte die Bürste weg. Niemand außer Gale durfte sie hier besuchen, aber dort draußen war nicht Gales Wagen stehengeblieben.

Fay Cannon erhob sich und begab sich zum Fenster. Vom Obergeschoß blickte sie auf einen roten Sportflitzer mit Stoffdach hinunter, und sie fragte sich, wer der gutaussehende Mann sein mochte, der soeben ausstieg.

***


Winston Bostwick hatte die 100-Watt-Anlage kräftig hämmern lassen. Er liebte die moderne Musik, und er hörte sie gern laut. Vor dem Haus, in dem Fay Cannon seinen Informationen zufolge wohnte, drehte er die HiFi-Anlage ab und faltete sich aus dem roten Zweisitzer.

Der Wagen war Gold wert. Oft wollte ein Mädchen, das er kennengelernt hatte, die Freundin als Anstandsdame mitnehmen, aber wohin sollte man sie setzen?

Bostwick warf die Tür zu und begab sich zur Haustür. Drei Stufen führten hinauf. Bevor der Reporter läutete, richtete er seinen Krawattenknopf und strich sich mit der Hand übers Haar.

Dann begrub er den Klingelknopf unter seinem Daumen und wartete. Er war darauf gefaßt, in wenigen Augenblicken einer bildschönen Frau gegenüberzustehen, doch das würde ihn nicht umhauen.

Er war entschlossen, so zu tun, als wäre dieses erfolgsgewohnte Weibchen lediglich guter Durchschnitt. Als sie nicht gleich öffnete, läutete er noch einmal - länger, fordernder.

Frechheit siegt, dachte er.

Endlich bequemte sich Fay Cannon, zu erscheinen. Ihr Anblick verschlug ihm doch für einen kurzen Moment den Atem und brachte ihn etwas aus dem Konzept.

Dieses Mädchen hatte eine unbeschreibliche Ausstrahlung. Eine solche Präsenz hatte Bostwick noch nie erlebt. Fay Cannon schien zu herrschen gewöhnt zu sein.

Bestimmt tanzt Gale nach ihrer Pfeife, ging es Bostwick durch den Kopf, während er jenes Lächeln aufsetzte, mit dem er allgemein großartig ankam.

Fay Cannon blieb davon jedoch unbeeindruckt. »Was wollen Sie?« fragte sie kühl und abweisend.

»Mein Name ist Winston Bostwick. Ich bin Reporter und schreibe für den ›London Mirror‹.« Er wies sich aus, doch sie beachtete den Journalistenausweis nicht. »Ihre Creepy Show ist in aller Munde«, fuhr er fort. »Ich möchte einen Bericht darüber bringen.«

»Ich habe nichts dagegen, wenn Sie in den Nightclub kommen und sich meine Show ansehen, Mr. Bostwick. Es stört mich auch nicht, wenn Sie darüber schreiben.«

»Was Sie den Gästen bieten, ist mir zu wenig. Ich brauche Hintergrundmaterial, muß alles über Sie wissen. Ich schlage deshalb vor, wir setzen uns auf ein Stündchen zusammen und unterhalten uns ein wenig über Ihren ausgefallenen Trick, mit dem Sie allabendlich dié Zuschauer verblüffen - wie Sie das anstellen, wodurch Sie auf die Idee kamen…, es gibt viele Fragen.«

»Ich habe keine Lust, sie Ihnen zu beantworten«, sagte Fay Cannon und wollte die Tür schließen.

»Lady, schlagen Sie mir die Tür nicht auf die Nase, okay? Ich bin nicht Ihr Feind. Ich kann Ihnen zu einer Menge Publicity verhelfen, völlig gratis. Darauf kann ein Vollblutprofi wie Sie doch nicht verzichten. Hören Sie, ich verspreche Ihnen, die Show nicht kaputtzumachen. Wenn Sie nicht wollen, daß ich den Lesern Ihren Trick verrate, geht das in Ordnung. Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Ich schreibe den Artikel, Sie lesen ihn sich durch, und er wird erst veröffentlicht, wenn Sie damit einverstanden sind. Ist das fair?«

Er hatte den Fuß vorgestellt, damit sie die Tür nicht zudrücken konnte. Ärger funkelte in ihren Augen.

»Machen Sie mir meine Arbeit nicht gar so schwer«, sagte Winston Bostwick lächelnd.

»Nehmen Sie den Fuß da weg, Mr. Bostwick.«

»Okay, okay. Ich will mir Ihren Unmut nicht zuziehen.«

»Das haben Sie bereits getan.«

»Was haben Sie denn zu verbergen?«

»Nichts«, antwortete Fay Cannon. »Dann verstehe ich nicht, warum Sie mich nicht reinbitten und ein paar Minuten mit mir plaudern. Wenn Sie die Story, die ich hinterher schreibe, nicht gut finden, schmeiße ich sie weg.«

»Wozu wollen Sie sie dann erst schreiben?«

Er grinste. »Weil ich weiß, daß Sie nichts daran auszusetzen haben werden. Ich bin ein Profi. Ich mach’ das schon ein paar Jährchen. Verstehen Sie? Da lernt man mit der Zeit, worauf es ankommt.« Er nahm den Fuß zurück, dachte, sie würde die Tür freiwillig offenhalten, doch kaum war das Hindernis nicht mehr vorhanden, klappte Fay Cannon die Tür augenblicklich zu. »Sie wollen wohl, daß ich einen Minderwertigkeitskomplex kriege!« rief er gegen die Tür.

»Verschwinden Sie!« bekam er zur Antwort.

»Ich sag’ Ihnen was, Miß Cannon: So leicht wird man mich nicht los. Wenn mich eine Story interessiert, bin ich dahinter her wie ein Jagdhund, der Blut gerochen hat!«

Abwartend stand er vor der Tür, aber er vergeudete nur seine Zeit. Fay Cannon tat so, als wäre er nicht mehr da.

Verärgert kehrte er zu seinem Wagen zurück und stieg ein. Bevor er losfuhr, betrachtete er das Haus grimmig.

»Das kannst du mit jemand anderem spielen, aber nicht mit mir«, brummte er und startete den Motor.

Die Reifen quietschten schrill, als er den Flitzer abzischen ließ, aber dem Kavaliersstart folgte keine Heimfahrt. Bostwick hielt in der nächsten Querstraße und kehrte zu Fuß zu Christopher Gales Haus zurück.

Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht. Fay Cannon kannte ihn nicht. Sie wußte nicht, wie anhänglich er sein konnte. Für eine gute Story tat er alles.

Sogar seine Seele hätte er dem Teufel verkauft, wenn es erforderlich gewesen wäre, und die rätselhafte Creepy Show war eine gute Story.

Der Reporter schlich wie ein Dieb um das Haus. An der Südseite ragte eine Akazie neben dem Gebäude auf. Winston Bostwick hatte keine Schwierigkeiten, daran hochzuklettern.

aber einen waagerechten Ast gelangte er anschließend auf einen kleinen Balkon und in der weiteren Folge in Fay Cannons Schlafzimmer.

Er grinste zufrieden. Ich habe keinen alltäglichen Beruf, sagte er sich, deshalb muß ich manchmal ungewöhnliche Methoden anwenden, um mein Ziel zu erreichen.

Er gestattete sich, ein wenig im Schrank und in den Laden der Kommode herumzuschnüffeln, und hoffte, auf etwas Interessantes zu stoßen.

Als er gerade dabei war, die hauchzarten Dessous des Mädchens zu durchwühlen, hatte er das Gefühl, beobachtet zu werden.

Er wandte den Kopf und blickte über die Schulter. Fay Cannon stand in der Tür, und der Ausdruck ihrer Äugen war nicht zu deuten. War sie wütend, verärgert oder nur überrascht über soviel Frechheit?

Der Reporter richtete sich auf, bleckte die Zähne und sagte: »Ich habe es Ihnen gesagt: Mich wird man nicht so leicht los.«

Er rechnete mit einem Wutausbruch, doch Fay verblüffte ihn mit einer merkwürdigen Sanftheit, als würde sie ihm seinen Einstieg über den Balkon nicht übelnehmen.

Da kenne sich einer aus, ging es ihm durch den Sinn.

»Ach, so einer sind Sie«, sagte sie schmunzelnd.

Er wußte nicht sofort, was sie meinte, aber als er sah, daß ihr Blick auf das schwarze Spitzenhöschen gerichtet war, das er in der Hand hielt, begriff er.

»Ein Unterwäschefetischist«, sagte sie spöttisch.

»Sie sollten sich kein falsches Bild von mir machen«, sagte er und ließ das Höschen in die Lade flattern. »Ich bin nicht an Ihrer Reizwäsche - die sehr hübsch ist - interessiert, sondern an Ihnen. Sie können jetzt natürlich die Polizei anrufen und mir zu einer Menge Arger verhelfen, aber es wäre netter von Ihnen, wenn Sie mit mir die Friedenspfeife rauchen würden.«

Es funkelte geheimnisvoll in ihren Augen, dann seufzte sie: »Na schön, Mr. Bostwick. Sie wollen es nicht anders.«

Er verstand den schicksalhaften Sinn dieses Satzes nicht, lächelte und bat sie, ihn Winston zu nennen.

***


Ich hatte Tucker Peckinpah an der Strippe, befand mich mit dem Gnom Cruv im Haus eines Mannes namens Leif Randall, der vor wenigen Minuten ohne fremde Hilfe einen gefährlichen Zombie erledigt hatte.

Mit einem Hammer!

Randall konnte stolz auf sich sein, und ich sah ihm an, daß er das auch ein bißchen war. Jetzt kam die Aufregung erst voll zum Tragen. Randall zitterte wie Espenlaub und nuckelte schon an seinem zweiten Drink.

Ich berichtete Tucker Peckinpah, auf welche Weise es Adam Seagrove, den von Fay Cannon geschaffenen Untoten, erwischt hatte. Dabei blickte ich aus dem Fenster, hinüber zu Seagroves Haus, wo der vernichtete Zombie im Bad unter einem Duschvorhang lag.

»Randall muß ein äußerst mutiger Mann sein«, sagte der Industrielle am anderen Ende.

»Und er wußte zum Glück, wie man eine lebende Leiche unschädlich machen kann«, sagte ich. »Haben Sie inzwischen Reenas, den schwarzen Druiden, abholen lassen, Partner?«

»Schon geschehen«, antwortete Peckinpah.

Endlich konnte uns Reenas keine Knüppel mehr zwischen die Beine werfen. Der schwarze Druide lebte nicht mehr. Cruv hatte ihn erledigt und mir damit das Leben gerettet.

Wir hatten uns in Christopher Gales Nightclub ›Creepy‹ aus mehreren Gründen umsehen wollen: Erstens, weil dort ein Mädchen auftrat, das sich vor den Augen der staunenden Gäste in ein Ungeheuer verwandelte. Zweitens, weil Adam Seagrove da gewesen war, bevor man seine Leiche aus der Themse fischte. Und drittens, weil unser einstiger Freund, der Silberdämon Mr. Silver, meine Freundin Vicky Bonney angerufen und ins ›Creepy‹ bestellt hatte.

Wir wollten uns das Nachtlokal am Tag ansehen, wenn niemand da war.

Aber es war jemand dagewesen: Reenas, und der hatte mich töten wollen, was ihm - dank Cruv - nicht gelungen war.

»Mittlerweile konnte ich einiges über Christopher Gale in Erfahrung bringen«, sagte Tucker Peckinpah.

»Ich höre«, erwiderte ich gespannt.

»Er war schon mal im Gefängnis, wegen verbotener magischer Riten. Es sollen dabei Menschen gequält worden sein.«

»Ein nettes Früchtchen.«

»Gale konspiriert mit dem Bösen. Niemand kann es ihm nachweisen, aber angeblich steht er in ständiger Verbindung mit den Mächten der Finsternis.«

»Und die verhalfen ihm zu einer echten Sensation für seinen Nachtklub«, sagte ich grimmig. »Sie schickten ihm Fay Cannon, die den Leuten jeden Abend als Monster erscheint. Und dabei denken alle, es wäre nur ein ganz raffinierter Trick.«

»Es besteht durchaus die Möglichkeit, daß Seagrove nicht ihr erstes Opfer war«, sagte Tucker Peckinpah.

»Das glaube ich nicht, Partner.«

»Wieso?«

»Er wurde nach seinem Tod zum Wiedergänger. Ihre anderen Opfer wären auch wieder aufgestanden.«

»Sie haben recht, Tony, das habe ich nicht bedacht«, sagte Tucker Peckinpah.

»Ich denke, Sie sollten Gale aus dem Verkehr ziehen lassen.«

»Ich habe der Polizei bereits einen entsprechenden Wink gegeben.«

»Und?« fragte ich neugierig.

»Im Moment ist Christopher Gale unauffindbar.«

»Was ist mit Fay Cannon? Wo wohnt sie, wenn sie nicht die Gäste im ›Creepy‹ mit ihrer Gruselshow verblüfft?«

»Gale besitzt ein Haus in Croydon. Er hat es dem Mädchen zur Verfügung gestellt.«

»Partner, wenn Sie mir jetzt auch noch verraten können, wo wir Mr. Silver finden, schlage ich Sie für den Britischen Hosenbandorden vor.«

»Daran arbeite ich noch«, sagte der Industrielle.

»Wir können uns ohnedies nicht um alles gleichzeitig kümmern«, erwiderte ich und bat Tucker Peckinpah um die genaue Adresse von Gales Haus.

***


Professor Mortimer Kull war mit einer ungewöhnlichen Absicht in die Hölle aufgebrochen: Er wollte Asmodis ein Geschenk machen, ein lebendes Geschenk.

Der dämonische Wissenschaftler hatte die Absicht, der Hölle Rufus, den Dämon mit den vielen Gesichtern, zu schenken!

Als Gegenleistung erhoffte er sich, von Asmodis zum Dämon geweiht zu werden, denn mit dieser Weihe hätte ihn der Höllenfürst in den Adelsstand der schwarzen Macht erhoben.

Kull hatte immer schon große Ziele verfolgt, doch nun strebte das größenwahnsinnige Genie nach noch mehr Macht. Herrscher der Welt zu werden, genügte ihm nicht mehr.

Er wollte auch in der Hölle etwas zu sagen haben, und er hatte bereits sehr konkrete Pläne, die er Schritt für Schritt zu verwirklichen gedachte.

Er hatte sich mit Rufus also in die Hölle begeben, um Asmodis aufzusuchen. Kaum waren sie im Reich des Bösen eingetroffen, hatte sich ihnen ein Hindernis in Gestalt eines riesigen roten Teufels in den Weg gestellt, den sie mit vereinten Kräften vernichteten.

Doch sie konnten ihren Weg anschließend nicht fortsetzen, denn sie fielen sieben Reitern - Höllenbanditen, die von einem Mann namens Actro angeführt wurden - in die Hände.

Actro täuschte sie. Er behauptete, sie zu Asmodis zu bringen, aber sie landeten im Kerker seiner Stachelburg. Sobald es dem Anführer der maskierten Höllenbanditen gefiel, sollten Kull und Rufus zur Unterhaltung von Actro einen Kampf auf Leben und Tod austragen, und der Sieger wäre dann von Actro getötet worden.

Doch da spielten Kull und der Knochendämon nicht mit, Rufus trickste die Wachen aus und holte Mortimer Kull aus dem Kerker. Er gab dem dämonischen Wissenschaftler eine Armbrust, etliche Pfeile, die in den Schlaufen eines Ledergürtels steckten, und einen Dolch - erbeutete Waffen.

»Hier entlang«, sagte Rufus und wies mit der Knochenhand in die entsprechende Richtung. »Wir nehmen uns zwei Reittiere und verschwinden.«

Zu seiner Überraschung schüttelte Mortimer Kull den Kopf. »Ich verlasse diese Stachelburg nicht, ohne mich gerächt zu haben.«

»Willst du, daß uns die Höllenbanditen noch einmal überwältigen?«

»Actro hat mich beleidigt. Er hat es gewagt, mir seine Faust ins Gesicht zu schlagen. Dafür muß er sterben!« sagte Kull hart.

»Wir wissen nicht, wie viele Banditen in dieser Burg leben, und wir haben keine Ahnung, wo sich Actro aufhält.«

»Das läßt sich herausfinden.«

»Du willst wirklich so viel riskieren, nur um deinen Rachedurst zu stillen? Wäre es nicht wichtiger, den Weg zu Asmodis fortzusetzen?«

»Das tun wir anschließend. Sobald ich mit Actro abgerechnet habe«, sagte Professor Kull grimmig.

Der Dämon in der schwarzen Kutte nickte langsam. »Wie du meinst.«

»Ich will, daß Actro vor mir auf den Knien liegt und um sein Leben winselt Vergebens, denn ich werde ihn gnadenlos töten!«

Sie ließen den Gang hinter sich, durch den man sie gestoßen hatte, und es gelang ihnen, einen Höllenbanditen in ihre Gewalt zu bekommen.

Rufus stürzte sich auf ihn und setzte ihm den Dolch an die Kehle. Mortimer Kull entwaffnete den Mann, dessen obere Gesichtshälfte von einer schwarzen Maske bedeckt war.

Rufus wußte inzwischen, warum. Die Maske war ein lebensnotwendiger Schutz für diese Höllenwesen, denn der Kopf darunter bestand aus durchsichtigem Glas, das nicht bloßliegen durfte. Wenn man es abdeckte, zerbrach es.

Der gefangene Höllenbandit starrte Kull mit seinen bernsteinfarbenen Augen furchtsam an.

»Ich hoffe, du hängst an deinem Leben«, sagte der dämonische Wissenschaftler. »Du darfst es behalten, wenn du uns gehorchst. Wirst du das tun?« Der Mann nickte hastig.

»Sehr vernünftig«, lobte Mortimer Kull. »Bring uns zu Actro, vorwärts!«

»Das… das kann ich nicht«, stammelte der Maskierte.

»Wieso nicht?« fragte Kull ärgerlich.

»Weil er vor wenigen Minuten die Stachelburg verlassen hat.«

Wut und Enttäuschung prägten sich in Mortimer Kulls Gesicht. »Für wie lange?«

»Das weiß ich nicht.«

»Wohin hat er sich begeben?« wollte der dämonische Wissenschaftler wissen, aber auch diese Frage konnte ihm der Höllenbandit nicht beantworten. »Verließ er die Burg allein?«

»Er nahm zwei Reiter mit.«

Kull überlegte, ob es einen Sinn hatte, auf Actros Rückkehr zu warten. Rufus hatte recht. Es war wichtiger, sich zu Asmodis zu begeben.

Aber der Professor sagte sich, daß die Rache nur aufgeschoben, nicht aufgehoben war. Er würde wiederkommen, nach der Dämonenweihe, und dann würde Actro seiner grausamen Rache zum Opfer fallen.

Als er dem Damon mit den vielen Gesichtern Sagte, wie er sich entschieden hatte, begrüßte dieser den Entschluß. »Gibt es eine Möglichkeit, die Stachelburg unbemerkt zu verlassen?« fragte Rufus den Höllenbanditen.

»Ja«, antwortete der Mann und nickte.

»Zeig uns den Weg!« verlangte Rufus. Der Maskierte führte sie zu einer Geheimtür. Knirschend öffnete sich die Mauer, ein schwarzer Spalt bildete sich, durch den sie nacheinander schlüpften.

Irgendwo tropfte unaufhörlich Wasser in ein Gefäß. Der Höllenbandit stieg vor Rufus und Mortimer Kull eine schmale Treppe hinunter und führte sie durch einen niedrigen Gang.

»Wir brauchen Reittiere«

»Ich bringe sie euch«, sagte der Maskierte.

Rufus traute ihm nicht, deshalb sagte er: »Ich komme mit dir. Solltest du Alarm schlagen, jage ich dir meinen Dolch zwischen die Rippen.«

»Ich werde nichts tun, was mein Leben gefährdet«, sagte der Maskierte.

Mortimer Kull trat durch eine kleine Tür ins Freie. Er wartete im Schatten von Actros Burg auf Rufus und den Höllenbanditen. Nach allen Seiten standen Türme ab, wie die Stacheln auf dem Rücken eines Igels.

Kull hatte noch nie ein so merkwürdiges Bauwerk gesehen. Es gefiel ihm. Wenn er wieder auf der Erde war, würde er es vielleicht kopieren.

Auf einem der Türme sah der dämonische Wissenschaftler einen Maskierten. Kull zog sich rasch zurück. Hatte der Mann ihn gesehen? Der Professor regte sich nicht, preßte sich an die Mauer und wartete.

Als er nach einer Weile einen Blick nach oben warf, war der Maskierte nicht mehr zu sehen. Rufus und der Höllenbandit brachten zwei sechsbeinige Reittiere.

Sie wirkten plump und faul, aber Kull hatte erlebt, wie schnell sie über sehr weite Strecken waren, diese schwarzen, borstigen Rüsseltiere.

Auf ihrem Rücken konnten sie die gesamte Hölle durchqueren, ohne daß sie müde wurden. Mortimer Kull stieg auf.

»Was machen wir mit ihm?« fragte Rufus und wies auf den Höllenbanditen.

Professor Kull richtete seinen mitleidlosen Blick auf den Mann. »Nimm die Maske ab!«

Der Höllenbandit zuckte zusammen, als hätte ihn ein Peitschenschlag getroffen. »Das darfst du nicht von mir verlangen!« krächzte er.

»Ach, und wieso nicht?«

»Ich muß diese Maske tragen. Ich kann ohne sie nicht leben.«

Mortimer Kull grinste. »Ich weiß.«

»Ich habe euch geholfen. Du hast gesagt, ich darf mein Leben behalten, wenn ich gehorche.«

»Das durftest du auch - bis jetzt!« sagte Professor Kull rauh. »Und nun möchte ich, daß du die Maske abnimmst!«

Der Höllenbandit schüttelte den Kopf.

»Rufus!« sagte Kull ungerührt.

Der Dämon mit den vielen Gesichtern krallte seine Knochenfinger ins Leder.

»Nein!« stöhnte der Höllenbandit verzweifelt.

Mit einem jähen Ruck riß ihm Rufus das Leder vom Kopf. Der Glasschädel wurde sichtbar. Mit beiden Händen griff der Mann danach, als könne er die Katastrophe damit verhindern, doch er war dem Tod geweiht. Das Glas brach, und der Bandit stürzte um wie ein gefällter Baum.

Rufus ließ die Ledermaske achtlos fallen und schwang sich auf den Rücken seines Reittieres. Sie entfernten sich von der Stachelburg.

Nach einer Weile drehte sich Mortimer Kull um. Die Burg war jetzt nicht größer als ein Daumennagel

»Wir sehen uns wieder, Actro!« knurrte der dämonische Wissenschaftler. »Ganz bestimmt!«

***


Fay Cannon war wie ausgewechselt.

Sie gehört anscheinend auch zu den Frauen, die nein sagen und ja meinen, dachte Winston Bostwick erleichtert. Er hatte insgeheim mit einem Hinauswurf gerechnet, aber Fay war auf einmal die Freundlichkeit in Person.

Sie hatte sich mit ihm ins Wohnzimmer begeben und ihm einen Drink angeboten. Er durfte sich setzen, und Fay wirkte ungemein relaxt.

»Sie sind ein sehr beharrlicher Mensch, Winston«, sagte Fay und legte ihre langen, wohlgeformten Beine übereinander.

Er hörte, wie sich ihre Nylons aneinanderrieben, fand dieses Geräusch erotisierend. »Ich habe die Erfahrung gemacht, daß Beharrlichkeit in den meisten Fällen zum Ziel führt«, erwiderte er grinsend. »Der Broterwerb, den ich mir ausgesucht habe, ist nicht immer ganz leicht. Das Schizophrene an der Sache ist, daß die Leute zwar gern Neuigkeiten in der Zeitung lesen, gleichzeitig aber die Haare aufstellen, wenn ihnen ein Reporter in die Nähe kommt. Sie haben vorhin genauso reagiert.«

»Ich war ein bißchen verärgert.«

»Weshalb?«

»Ich war auf Ihren Besuch nicht vorbereitet.«

»Hätte ich vorher anrufen sollen?« fragte Bostwick.

»Ja, ich glaube, das wäre besser gewesen.«

»Ich merke es mir für das nächste Mal«, sagte Bostwick. »Ich hoffe, Sie sind jetzt nicht mehr verärgert.«

»Das ist vorbei«, sagte Fay. »Erzählen Sie mir von sich.«

Er lachte. »He, ich bin hier, um Sie zu interviewen, nicht umgekehrt. Wie kamen Sie auf die Idee mit dieser Creepy Show?«

»Da sich heutzutage ja schon nahezu jedes Mädchen auszieht, dachte ich, den Leuten etwas Besonderes anbieten zu müssen.«

»Das ist Ihnen auch hervorragend gelungen. Ihre Show ist in aller Munde. Seit Sie in Christopher Gales Nightclub auftreten, kriegt man kaum noch einen Platz, Gale verdient sich mit Ihrer Hilfe eine goldene Nase. Ich hoffe, er honoriert Ihre Leistung. Was bezahlt Ihnen Gale pro Auftritt?«

»Ich mache mir nichts aus Geld. Für mich zählen andere Werte.«

»Interessant. Welche?«

Sie wurde unruhig, strich sich eine dunkle Haarsträhne aus dem hübschen Gesicht und befeuchtete die Lippen mit der Zungenspitze.

»Sagen Sie bloß nicht, Gale bezahlt Sie mit Naturalien«, bemerkte Bostwick lächelnd.

»Ich sagte es schon; Ich bin zufrieden.«

Er nickte. »Es ist Ihr Bier. Aber ich habe den Verdacht, daß der gute Christopher Gale Sie übers Ohr haut. Ich denke, Sie könnten mehr für sich herausholen. Überlegen Sie sich meine Worte gelegentlich. Immerhin sind Sie der absolute Star im ›Creepy‹, und wenn mein Artikel erschienen ist, kennt Sie jedes Kind in dieser Stadt.«

Sie lachte. »Meine Show ist nicht für Jugendliche geeignet.«

»Da haben Sie allerdings recht. Lassen Sie uns nun über den sensationellen Trick sprechen.«

»Ich…«

Bostwick hob die Hände. »Ich werde nicht darüber schreiben. Kein Zauberer läßt sich in die Karten sehen. Was Sie mir jetzt erzählen, ist für mich top secret und kommt mit Sicherheit nicht an die Öffentlichkeit. Ich möchte es bloß für mich selbst wissen, um die eigene Neugier zu befriedigen.«

Er leerte sein Glas, stellte es auf den Beistelltisch und sah das Mädchen erwartungsvoll an.

»Was würden Sie meinen, wenn ich Ihnen sagte, daß es keinen Trick gibt?« fragte Fay.

»Daß Sie mir gegenüber nicht aufrichtig sind.«

»Aber es ist so.«

»Haben Sie kein Vertrauen zu mir, Fay? Ich kann schweigen wie ein Grab. Was ich verspreche, pflege ich zu halten.«

Durch Fays aufregenden Körper ging ein Zucken. »Sie möchten also die Wahrheit hören?«

»Nur sie interessiert mich.«

»Nun gut - die Wahrheit. Fangen wir doch mit meiner Herkunft an. Aufgewachsen bin ich nicht hier auf der Erde, sondern in der Hölle«, sagte Fay offen.

Winston Bostwick grinste. »Das ist wohl als Überleitung zur Creepy Show gedacht, wie?«

»Christopher Gale steht mit den Mächten des Bösen seit langem in Verbindung. Er beschwor den Teufel, und dieser schickte mich zu ihm.«

»Wenn ich das schreibe, lachen sich meine Leser kaputt«, sagte Bostwick. »Bis vor wenigen Augenblicken konnte ich mich noch ganz vernünftig mit Ihnen unterhalten. Wieso drehen Sie auf einmal durch, Fay? Warum tragen Sie so dick auf?«

»Sie wollten die Wahrheit hören. Das ist die Wahrheit!«

»Die Sie sich zusammengekleistert haben, weil es faszinierend ist, wenn Sie so ein gruseliges Mäntelchen tragen. Bela Lugosi schlief privat auch in einem Sarg, damit ihn seine Fans noch mehr mit dem Blutsauger identifizierten, den er in seinen Filmen darstellte.«

Fay musterte den Reporter verächtlich. »Du willst es immer noch nicht wahrhaben. Ich bin kein Mensch. In meinen Adern fließt schwarzes Blut. Möchtest du es sehen?«

Ohne auf Bostwicks Antwort zu warten, zerdrückte Fay Cannon ihr Glas. Der Scotch spritzte hoch, und die Scherben schnitten die Handfläche des Mädchens auf.

Sie ließ das Glas fallen. Ein triumphierender Ausdruck breitete sich über ihr Gesicht, als sie ihm die Hand mit den tiefen Schnittwunden vor die Augen hielt.

Und tatsächlich - es begann schwarzes Blut zu fließen!

***


Riga war eine Hexe, die die Hölle noch nie verlassen hatte. Sie wußte zwar, daß es viele andere Reiche und Dimensionen gab, hatte auch schon von der Erde gehört, war aber noch nie dagewesen.

Die Hölle war ihre Heimat, sollte es immer bleiben. Hier fand sie sich zurecht. Sie kannte alle Gefahren und wußte, wie man ihnen begegnete oder aus dem Weg ging.

Sie kannte Hexen, die immer wieder vom Wandertrieb gepackt wurden und fort mußten, weil sie es an einem Ort nie lange aushielten.

Riga hielt nichts von diesem ewigen Herumstreunen. Sie hörte sich die Geschichten der heimkehrenden Hexen zwar an, aber noch nie hatte sie den Wunsch gehabt, es ihren Schwestern gleichzutun.

Auch kam die eine oder andere Hexe nicht mehr zurück, weil sie irgendeiner Gefahr zum Opfer oder einem Hexenjäger in die Hände gefallen war.

Nein, das war kein Leben für Riga. Sie gehörte hierher, in dieses Gebiet der Hölle, und das verließ sie nicht.

Sie war ein kräftiges Mädchen mit langem roten Haar und trug nur ein winziges Stückchen Stoff um die Lenden.

Wieder war sie unterwegs zum Knochensee. Zum drittenmal schon, und in ihr vibrierte der unbändige Wunsch, sich zu rächen, denn Cebar, der Teufel, mit dem sie lange Zeit zusammengelebt hatte, hatte sie schwer gedemütigt. Er hatte sich eine andere Geliebte genommen und Riga mit Tritten wie eine Hündin fortgejagt.

Dafür sollte er büßen. Aber allein konnte sie ihm die Qualen nicht antun, an denen er zugrundegehen sollte. Sie brauchte Hilfe. Ein Dämon, der stärker war als Cebar, sollte ihr helfen.

Luddo hieß das Wesen, mit dem sich Riga verbünden wollte. Der Dämon lebte im Knochensee, und es war nicht ratsam, sich diesem zu nähern.

Auf dem Wasser schwimmende Skelette bewiesen Luddos Gefährlichkeit, aber Riga hatte keine Angst vor ihm. Sie hatte bereits zweimal im Knochensee gebadet und würde es wieder tun, denn sie wollte Luddo verführen.

Wenn es ihr gelang, zu erreichen, daß er sie begehrte, konnte er sie nicht töten. Dafür konnte sie hinterher aber alles von ihm verlangen.

Sie war bereit, sich auf dem Altar der Rache zu opfern. Ihren wunderbaren Körper wollte sie dafür einsetzen, daß Cebar ein grausames Ende fand.

Ein Ende, das dieser überhebliche, rücksichtslose Teufel verdiente!

Mich verstößt man nicht! dachte Riga haßerfüllt. Cebar wird Gelegenheit haben, seinen Fehler tausendmal zu bereuen, während ihn Luddo langsam für mich sterben läßt.

Ein dichter Wald umsäumte den Knochensee, Knorrige Bäume ragten an den Ufern auf, und ihre Kronen fanden sich über dem Wasser, vereinigten sich zu einem immergrünen Dach, Das nackte Mädchen erreichte den See. Eine Stille, wie man sie nur hier fand, umgab die Hexe. Sie warf ihr langes rotes Haar über die Schulter und tauchte ihren schlanken Fuß in das kühle Naß, Würde Luddo heute endlich Notiz von ihr nehmen? Wie sollte sie ihn verführen, wenn er sich nie zeigte? Ihr suchender Blick glitt über die Wasseroberfläche, die im Moment glatt wie ein Spiegel war.

Es war ein besonderes Wasser, in dem Knochen nicht versanken. Sie schwammen überall herum. Anderswo zierten Seerosen diese Gewässer, hier waren es bleiche Totenschädel.

Rigas Fuß tauchte tiefer ein. Um sich bemerkbar zu machen, plätscherte sie damit. Die kleinen Wellen versetzten die Totenköpfe in schaukelnde Bewegungen.

Die rothaarige Hexe wollte nicht glauben, daß Luddo kein Interesse an ihr hatte. Sie war sehr schön. Sie mußte ihm gefallen. Keinen Moment zweifelte sie daran, daß es ihr nicht gelingen könnte, ihn zu verführen.

Er brauchte sie nur einmal anzusehen, und schon würde er sie begehren. Sie stieg in den See, das Wasser reichte ihr bis an die Waden. Sie ging weiter. Weich und schlammig war der Grund. Bei jedem Schritt quoll der Schlamm zwischen Rigas Zehen hoch.

Sie hatte noch nie gehört, daß Luddo den Knochensee für längere Zeit verlassen hatte, deshalb baute sie darauf, ihn heute endlich zu sehen.

Danach waren Cebars Stunden gezählt, und vielleicht würde Riga den Dämon aus dem Knochensee bitten, auch Cebars Geliebter den Hals umzudrehen.

Aber wahrscheinlich würde das Weib rechtzeitig das Weite suchen und sich in dieser Gegend nie mehr blicken lassen. Rigas Haß richtete sich kaum gegen die andere Hexe.

Cebar war es gewesen, der seine Wahl getroffen hatte. Seine neue Geliebte hatte die Entscheidung lediglich akzeptiert. Cebar war schuld an Rigas Unglück.

Die Tritte, die er ihr versetzt hatte, würde er zurückbekommen, und zwar mit tödlicher Härte, Das Wasser reichte ihr jetzt bis an die Knie. Riga ging langsam weiter. Das kühle Naß kroch an ihren langen, makellosen Beinen hoch, über die Schenkel, zu den schwellenden Hüften, den Bauch hinauf. Bald umspielte das Wasser Rigas nackte Brüste.

Sie ließ sich hineingleiten in den See wie in die Arme eines Geliebten, schwamm an Totenschädeln und einem skelettierten Brustkorb vorbei, auf einen knorrigen, morschen Baumstamm zu, der mit bizarr abstehenden Ästen im Wasser schwamm.

Riga schnellte wie ein Fisch aus dem See, spreizte die Beine und setzte sich rittlings auf das nasse Holz, und plötzlich reagierte Luddo auf ihre Nähe.

***


Winston Bostwick schaute überrascht auf die blutende Hand. Noch ein Trick! dachte er. Dieses Mädchen ist überperfekt. Bei ihr ist es mit der Schauer-Show nicht getan, sie sorgt auch noch für ein gruseliges Umfeld.

»Beeindruckend«, sagte der Reporter. »Wirklich ungemein beeindruckend, aber so weit hätten Sie nicht gehen sollen.«

Fay Cannon grinste, »Schwarzes Blut, das Blut der Höllenwesen…«

»Ja, ja, schon gut.«

»Bist du immer noch nicht überzeugt?«

»Ich finde, wir sollten das schnellstens verbinden und anschließend einen Arzt…«

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738925777
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v456270
Schlagworte
dämon knochensee tony ballard

Autor

Zurück

Titel: ​Der Dämon aus dem Knochensee Tony Ballard Nr. 146