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​Mädchen, Monster, Sensationen Tony Ballard Nr. 145

2018 120 Seiten

Leseprobe

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /COVER MICHAEL SAGENHORN


© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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​Mädchen, Monster, Sensationen Tony Ballard Nr. 145 Teil 1/2

von A.F.Morland










Der Nachtclub hieß »Creepy«, was soviel wie gruselig bedeutet, und die Sensation, die hier geboten wurde, war sogar mehr als das. Bei schwüler Musik wiegte sich ein bildhübsches Mädchen vor den gespannten Blicken der Gäste. Ihr Name war Fay Cannon, und sie hatte etwas an sich, das Männerherzen höher schlagen ließ.

Doch es war nicht ihr tolles Aussehen allein, das die Männer scharenweise anlockte. Es war vor allem die »Creepy Show«, die sie bot.

Auf offener Bühne, vor aller Augen, konnte sich Fay Cannon in ein grauenerregendes Ungeheuer verwandeln. Dieses einmalige Schauspiel wollte sich niemand entgehen lassen.

In wenigen Augenblicken würde es wieder einmal soweit sein…

Fay zog sich mit der gekonnten, sorgfältig einstudierten Raffinesse aller Stripperinnen aus. Bei ihr stimmte jede Bewegung. Alles, was sie tat, war auf den bestmöglichen Effekt abgestimmt.

Ihre Show sollte im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut gehen, und das tat sie. Niemand blieb davon unberührt. Keiner schaffte es, wegzusehen, wenn Fay Cannon ihre Nummer präsentierte.

Sic war ein Star der Nacht, eine Frau mit dem gewissen Etwas, mit einer Ausstrahlung, die jeden traf. So mancher weibliche Gast beneidete sie darum, denn die Begleiterinnen waren bei den Männern abgemeldet, sobald Fay die Bühne betrat und loslegte.

Es war ein moderner, lasziver Tanz der sieben Schleier, den Fay vorführte. Sie ließ nichts, was Wirkung hatte, aus, schien mit der männlichen Psyche bestens vertraut zu sein. Sie entblätterte sich mit einer aufreizenden, enervierenden Trägheit.

Alles ging so langsam, daß so mancher Gast am liebsten aufgesprungen und zu ihr geeilt wäre, um ihr den restlichen Stoff vom Körper zu reißen.

Immer mehr nackte Haut ließ Fay sehen. Eine Haut, die einen seidigmatten Glanz hatte. Sie tänzelte auf zierlichen, kleinen Füßen an den Tischen vorbei, und wenn ein Mann sich nicht beherrschen konnte und nach ihr griff, zog sie sich rasch zurück.

Niemandem gelang es, diesen sündhaft schönen Körper zu berühren.

Die Männer hatten einen wahr gewordenen Traum vor sich, den sie mit glänzenden Augen anstarrten, während Fay sich der letzten Hülle entledigte.

Nackt, wie ihr Schöpfer sie geschaffen hatte, stand sie da. Bei anderen Striptease-Girls war an diesem Punkt die Show zu Ende, doch bei Fay ging sie weiter. Jetzt kam erst der gruselige Teil ihrer Darbietung.

Die Musik veränderte sich, nahm einen schrillen, dissonanten Klang an, der allein schon geeignet war, eine Gänsehaut hervorzurufen. Fays Bewegungen veränderten sich.

Da war nichts Weiches, Geschmeidiges, Katzenhaftes mehr. Sie lockte, verführte auch nicht mehr. Aggression zeigte sich nun - Bedrohungen, Feindseligkeit.

Dieser nackte, wundervolle Körper schien nicht einmal von bösen Kräften durchpulst zu sein. Was für eine wandlungsfähige Künstlerin! mochten die Gäste denken.

Fay beherrschte die Körpersprache meisterhaft. Sie »redete« mit den Zuschauern jetzt ganz anders als vor wenigen Augenblicken. Sie erweckte den Eindruck einer bösen, grausamen Teufelin, der alles verhaßt war.

Leise, zischende Laute kamen aus ihrem Mund. Ihre Augen begannen auf eine geheimnisvolle Weise zu leuchten. Man hätte meinen können, sie würden auch größer.

Das war der »Creepy-Trick«, den sich niemand erklären konnte. Ein streng gehütetes Geheimnis der Künstlerin. Niemand wußte, wie sie das machte.

Wirklich zaubern kann kein Mensch, das war allen klar. Fay konnte den Gästen lediglich eine verblüffende Illusion bieten, und so mancher hätte ihr liebend gern in die Karten geschaut, um seine Neugier zu befriedigen.

Fay preßte die Arme gegen ihren nackten Leib als hätte sie Schmerzen. Sie krümmte sich, zitterte, und eine unsichtbare Faust schien sie brutal zu Boden zu drücken.

Es hatte den Anschein, als würde sie sich dieser mysteriösen Kraft widersetzen wollen, aber sie war nicht stark genug, um ihr zu trotzen. Ächzend sank sie auf die Knie und stützte sich mit den Händen ab.

Mit den Händen?

Ein Raunen ging durch das Lokal, und jene, die es genau sahen, weil sie weit genug vorne saßen, hielten unwillkürlich den Atem an, denn Fays Hände hatten sich verfärbt.

Trug sie auf einmal Handschuhe? Wann hatte sie die angezogen? Man hatte ihr doch die ganze Zeit mit höchster Aufmerksamkeit zugesehen.

Ein billiger Schwindel war nicht möglich gewesen, und doch hatte Fay plötzlich häßliche erdfarbene Klauen mit erschreckend langen spitzen Krallen, Doch das war erst der Anfang, nichts im Vergleich mit dem, was noch zu erwarten war.

Die Creepy Show war der absolute Hammer, hieß es. Es gab Leute, die ließen sich keinen Auftritt der einmaligen Künstlerin entgehen.

Abend für Abend kamen sie hierher, hoffend, irgendwann von der Show unbeeindruckt zu bleiben, nicht mehr abgelenkt zu werden und hinter die geheimnisvollen Kulissen zu sehen.

Aber Fay Cannon schlug sie immer wieder mühelos in ihren Bann. Sie faszinierte sie so sehr, daß es ihnen so vorkam, als wäre ihr Geist völlig benebelt.

Der Trick war nicht zu durchschauen, weil es kein Trick war, aber das wußten die Zuschauer nicht. Sie hofften weiter, zu erkennen, auf welche raffinierte Weise Fay ihr Publikum täuschte.

Die Verfärbung wuchs an den Händen hoch, ging auf die Arme über, aus denen Sehnen und Adern hart hervortraten.

Phantastisch! Einmalig! dachte Adam Seagrove, der die Darbietung aus nächster Nähe mitbekam. Kalte Schauer liefen über den Rücken des schwarzhaarigen, gutaussehenden Mannes, während auf seiner Stirn ein dünner Schweißfilm glänzte.

Er hätte am liebsten laut applaudiert, konnte sich nur mühsam zurückhalten. Sein Herz hämmerte wie verrückt gegen die Rippen. Obwohl ihn die Show wie alle anderen faszinierte, dachte er bereits an nachher.

Er war mit diesem Traumgirl verabredet!

Deshalb konnte er es kaum erwarten, bis die Creepy Show zu Ende ging. Fay krümmte den Rücken. Mit ihrer Wirbelsäule schien irgend etwas zu passieren.

Die einzelnen Knochen hoben sich. Fay bekam einen Zackenkamm, der sich über ihren Körper hinaus erstreckte, zu einem transparenten Echsenschwanz wurde.

Ein Echsenrücken wölbte sich Sekunden später über dem knienden Mädchen. Zum Kopf hin ragte langes, borstiges Haar auf. Immer mehr von Fay verschwand.

Dafür wurde immer mehr von jenem Ungeheuer sichtbar, in das sie sich verwandelte.

Die Form ihres Kopfes veränderte sich. Ihre Augen waren nur noch große, leuchtende Bälle, und aus ihrem Kopf wurde in diesem Moment ein furchterregender Drachenschädel.

Das große Maul klappte auf. Lange, kräftige Zähne ragten aus einem blutroten Zahnfleisch. Aus dem dunklen Echsenmaul kam ein feindseliges Fauchen.

Angst griff um sich. Auch Adam Seagrove hatte ein lästiges Würgen im Hals. Eine bessere, perfektere Show hatte er noch nicht gesehen.

Als Geschäftsmann kam er viel herum. Nahezu alle Länder dieser Erde hatte er schon bereist, aber so etwas war ihm noch nicht untergekommen, nicht einmal im hintersten Orient.

Zwischen seinen Schulterblättern hatte sich eine Gänsehaut festgesetzt, die er nicht loswurde.

Vorhin war der Echsenkörper transparent gewesen. Nun dominierte er mehr und mehr. Das Mädchen schien sich in ihm aufzulösen. Vor aller Augen verschwand Fay Cannon. Was blieb, war eine aggressiv fauchende Bestie, die die Gäste mordlüstern anstarrte.

In diesem Moment bereute es Seagrove, so nahe am »Geschehen« zu sitzen. Ihm war auf diesem Platz nicht geheuer. Wenn sich dieses Monster auf ihn stürzte…

Er fuhr sich nervös über die Augen. Nur ruhig Blut! Es war noch nie zu einem derartigen Zwischenfall gekommen, also würde auch heute nichts passieren.

Dennoch fühlte sich Seagrove nicht wohl in seiner Haut.

Das Scheusal richtetete sich auf und sah ihm direkt in die Augen. Seagrove merkte, wie sein Herz rumpelte, und er krampfte die Hände furchtsam um die Tischkante.

»Ladies and Gentlemen!« kam es aus den Lautsprechern, »Miß Fay Cannon!«

Grelle Scheinwerfer flammten auf, und vor den verblüfften Gästen stand ein nacktes Mädchen, das sich sanft lächelnd verbeugte.

Der Spuk war vorbei.

Die Zuschauer applaudierten sich ihren Schauer von der Seele. Der Beifall wollte kein Ende finden, und Adam Seagrove klatschte am lautesten.

»Bravo!« rief er immer wieder. »Bravo!«

Fay verbeugte sich in seine Richtung und warf ihm dabei einen Blick zu, der ihm die Knochen im Leib schmelzen ließ. Er freute sich auf das, was noch kommen würde.

Dies würde die unvergeßlichste Nacht seines Lebens werden, davon war er überzeugt.

Wenn er geahnt hätte, daß es die letzte Nacht seines Lebens war…

***


Ein langer schwarzer Wagen fuhr durch die Nacht. Wer sich hinter den dunklen Scheiben verbarg, war nicht zu sehen. Ein Menschenfeind war durch London unterwegs.

Ein Mann, der bis vor kurzem selbst noch Mensch gewesen war, ohne sich als solcher zu fühlen. Er hatte sich immer schon für etwas Besonderes gehalten, und in den vielen Jahren seiner Tätigkeit hatte er das immer wieder zu beweisen versucht.

Er erhob Anspruch auf die Weltherrschaft. Ja, er, Professor Mortimer Kull, wollte den gesamten Erdball beherrschen. Fünf Milliarden Menschen sollten tun, was er befahl.

Ein Ziel, das vor ihm noch keiner erreicht hatte.

Seiner Ansicht nach hatte auch noch niemand sein Format gehabt. Kull war immens reich. Kein Mensch besaß mehr Geld als er, und ihm stand die Organisation des Schreckens, kurz OdS genannt, zur Verfügung.

Seine Agenten waren überall auf der Welt tätig. Er wollte immer noch mehr Geld haben, denn Geld verkörperte Macht, und nach Macht gierte das wahnsinnige Wissenschaftsgenie Mortimer Kull seit eh und je.

Daß ihm kein anderer Wissenschaftler das Wasser reichen konnte, hatte er bewiesen, als er sich selbst zum Dämon machte. So etwas hatte vor ihm auch noch kein Mensch geschafft.

Aber selbst das reichte ihm noch nicht. Er wollte von der schwarzen Macht und ihren Vertretern anerkannt werden, wollte in den Höllenadel aufgenommen werden. Sein größter Wunsch war derzeit, von Asmodis die Dämonenweihe zu empfangen. Er hatte die Weichen in diese Richtung gestellt. Asmodis war ihm verpflichtet.

Atax, Mago, Phorkys, Yora und all die anderen würden die Dämonenweihe nicht begrüßen. In ihren Augen war er immer noch ein karrieresüchtiger Mensch, dem nichts wichtiger war, als ganz nach oben zu kommen.

Um dieses Ziel zu erreichen, war ihm jedes Mittel recht, das wußten sie, und vielleicht befürchteten sie sogar, daß er sie eines Tages überflügeln könnte.

Dann mußten sie von ihm, dem einstigen Menschen, Befehle entgegennehmen! Das wäre wohl die schlimmste Schmach gewesen, die er ihnen hätte antun können.

Professor Mortimer Kull - Herr der Welt und Herrscher über die Dämonen!

Der dämonische Wissenschaftler lehnte sich im Wagen zurück, schloß die Augen und träumte von dieser gigantischen Zukunft.

Der schwarze Wagen fuhr langsamer und hielt schließlich an.

»Wir sind da, Professor«, sagte der Fahrer, ein häßlicher Riese mit Schirmmütze und Chauffeursuniform.

Mortimer Kull öffnete die Augen. Der Fahrer stieg aus und klappte die Fondtür auf. Kull stieg aus und ließ den Blick durch die dunkle Stille schweifen.

Er hatte einen alten, verwahrlosten Friedhof vor sich.

Den Treffpunkt.

Hier würde sich in Kürze Rufus, der Dämon mit den vielen Gesichtern, einfinden.

***


Adam Seagroves Nerven vibrierten. Noch nie war er so aufgeregt gewesen, wenn er ein Mädchen erwartete. Für gewöhnlich war er völlig Herr der Lage.

Er hatte Charme und Esprit und war mit seinen Erfolgen beim weiblichen Geschlecht zufrieden. Er wußte, wie man eine Frau verführte.

Er spürte stets, ob sich etwas machen ließ oder nicht. Wenn er bei einer Frau die gewisse Bereitschaft feststellte, ging er geradewegs auf sein Ziel zu.

Bei Fay Cannon war er zum erstenmal unsicher, und das ärgerte ihn ein bißchen. Sie war eine starke Persönlichkeit. Wahrscheinlich würde sie ihm von Anfang an ihren Willen aufzwingen.

Nun, solange der sich mit seinen Wünschen deckte, war dagegen nichts einzuwenden. Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht. Wenn Fay sich zu ihm an den Tisch setzte, würden alle Männer im Lokal ihn benei, den.

Nie hätte er sich träumen lassen, bei ihr Erfolg zu haben. Er sah zwar gut aus, aber Fay konnte es sich leisten, sich das Beste vom Besten auszusuchen.

Sie hatte vor ihrem faszinierenden Auftritt am Tresen gesessen, und er hatte sie ohne viel Hoffnung angesprochen und zu einem Drink eingeladen.

»Jetzt nicht«, hatte sie erwidert. »Aber nach der Show nehme ich Ihre Einladung gern an.«

Er hatte mit einer solchen Antwort nicht gerechnet, war sprachlos gewesen, und das war er nun wieder, als plötzlich Fay vor seinem Tisch stand und sagte: »Da bin ich.«

Er schnellte hoch, als hätte die Sitzfläche seines Stuhls Feuer gefangen. Rasch trat er hinter den Stuhl, auf den sie sich setzen wollte, und rückte ihn zurecht.

»Sie… Sie machen mich sehr glücklich«, stammelte er.

Fay nahm Platz. Sie trug ihr langes Haar hochgesteckt. Ihr Hals war so lang und so weiß wie der eines Schwans. Seagroves Herz schlug bis zum Hals hinauf.

Triumphierend blickte er sich um, und er begegnete vielen neidischen Blicken. Er genoß sie, badete förmlich in der Mißgunst seiner Rivalen.

»Jeder Mann in diesem Lokal wäre jetzt furchtbar gern an meiner Stelle«, sagte er lachend. »Ich bin ein Glückspilz.«

»Meinen Sie?«

»Aber ja, unbedingt.« Seagrove setzte sich und winkte dem Kellner. »Was möchten Sie trinken? Was darf ich Ihnen bestellen, Fay? Ich darf Sie doch Fay nennen, ja?«

»Selbstverständlich.«

»Wunderbar. Ich bin Adam.«

»Ich nehme einen ›Blut-Shake‹, Adam.«

»Mit echtem Blut?« Er lachte.

»Mit echtem Blut«, sagte Fay.

»Muß ich auch probieren«, sagte Seagrove und orderte die Drinks. Sie wurden in Silberkelchen serviert. »Auf Ihr Wohl«, sagte Adam Seagrove grinsend. »Und auf das, was wir lieben.«

Sie tranken. Verdammt, dachte Seagrove, das Zeug ist warm, süßlich und klebrig.

»Wie schmeckt Ihnen der Drink?« fragte Fay. Ein dunkelroter Tropfen glänzte auf ihrer Lippe.

»Er… er schmeckt tatsächlich nach Blut«, sagte Seagrove.

»Es ist Blut.«

»Sie machen sich über mich lustig«, sagte Seagrove und lachte nervös. »Was ist das wirklich?«

Fay zuckte mit den Schultern. »Wenn Sie mir nicht glauben wollen.«

Sie schwiegen eine Weile. Irgendwie bekam Seagrove eine Abneigung. Natürlich glaubte er weiterhin nicht, daß in diesem Lokal tatsächlich Blut serviert wurde, aber der Geschmack war so täuschend ähnlich, daß ihn davor ekelte.

Ich verstehe nicht, wie ihr so etwas schmecken kann, dachte er, während er Fay heimlich beobachtete.

»Ihre Creepy Show ist das Einmaligste, was ich je gesehen habe«, sagte er schließlich. »Ich war schon überall auf der Welt - in den Spelunken von Shanghai genauso wie in den fashionabelsten Nightclubs von Las Vegas, aber so etwas wurde mir noch nirgends geboten. Und nun erweisen Sie mir auch noch die Ehre, mit mir einen Drink zu nehmen. Das ist wie… wie Weihnachten und Ostern an einem Tag.«

Sie wies auf seinen Silberbecher. »Sie lassen mich allein trinken.«

Er grinste verlegen. »Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, aber das Zeug ist nicht ganz mein Geschmack.«

»Doch, das nehme ich Ihnen übel.«

»Nun, dann werde ich selbstverständlich…« Er setzte den Becher an seine Lippen und nahm einen Schluck. »Wird immer dicker und klebriger«, stellte er fest.

»Man muß es rasch trinken - bevor es gerinnt.«

Seagrove lachte gekünstelt. »Sie sind mit Ihrer Creepy Show noch nicht fertig, wie?«

»Sie haben recht. Ich spiele immer.«

Er war froh, als sein Silberkelch leer war. Um den lästigen, intensiven Geschmack loszuwerden, bestellte er sich noch einen doppelten Whisky.

Fay wollte nichts mehr. Nach dem Drink schien sie aufzublühen. Sie bekam rosige Wangen, und in ihre Augen trat ein Glanz, als hätte sie eine Droge genommen.

Er lobte ihre Show und gestand, daß er gern gewußt hätte, wie sie das machte.

»Alle denken, es müsse ein Trick dabei sein«, sagte Fay.

»Klar. Schließlich schafft es kein Mensch wirklich, sich in ein solches Ungeheuer zu verwandeln.«

Fay musterte ihn ernst. »Ist Ihnen noch nie der Gedanke gekommen, ich könnte kein Mensch sein?«

»Na hören Sie mal. So, wie Sie gebaut sind… Sie sind der Prototyp der Traumfrau, Fay. Einen so makellosen Körper wie den Ihren habe ich noch nie gesehen. Und was Sie damit anstellen…« Er verdrehte verzückt die Augen.

Sie blickte ihn wieder sehr ernst an. »Ich mag Sie, Adam. Ja. Warum sehen Sie mich so überrascht an? Darf ich Ihnen nicht sagen, daß Sie mir gefallen?«

»Doch, doch… Es ist nur… Es kommt alles so… Meine Güte, ich rede wie ein Idiot. Keinen vollständigen Satz bringe ich in Ihrer Gegenwart heraus. Was ist bloß los mit mir?«

Fay lächelte mit weißen, regelmäßigen Zähnen. »Vielleicht habe ich Sie verhext.«

»Verzaubert«, sagte er. »Ja, das ist durchaus möglich. Ich war in Gegenwart einer Frau noch nie so unsicher.«

»Ich finde, eine Frau sollte ihre Gefühle und Ansichten nicht verbergen. Ich sage, was ich denke. Wenn mir ein Mann gefällt, erfährt er das von mir. Warum sollte ich es verheimlichen?« Fay senkte die langen, seidigen Wimpern. »Ich würde mit Ihnen gern allein sein, Adam.«

Ihre Offenheit brachte ihn gehörig ins Schleudern. Bisher war die Initiative immer von ihm ausgegangen. Er konnte sich auf diese ungewohnte Situation nicht einstellen.

»Ich… ich wäre auch sehr gern mit Ihnen allein, Fay«, gestand er krächzend.

»Gehen wir?«

»Wohin?«

»Es gibt über dem Lokal ein Apartment.«

»Wie praktisch«, keuchte er.

»Nicht wahr? Wenn ich mit einem Mann allein sein möchte, ziehe ich mich mit ihm dorthin zurück.«

»Und… Christopher Gale, der Besitzer dieses Nachtclubs, hat nichts dagegen?«

»Gale frißt mir aus der Hand.«

»Das wundert mich nicht«, sagte Seagrove und verlangte die Rechnung. Nachdem er bezahlt hatte, wedelte er mit der Brieftasche. »Wieviel wird es mich kosten?«

»Aber Adam«, sagte Fay rügend. »Ich tu’s doch nicht für Geld. Ich sagte Ihnen doch, daß Sie mir gefallen.«

»Ja, aber… Mein Gott, es tut mir leid, Fay. Ich bin ein Hornochse. Ich könnte mich ohrfeigen. Ich wollte Sie nicht beleidigen.«

»Ich bin nicht beleidigt.«

»Wirklich nicht? Aber was ich gesagt habe…«

»Es ist normalerweise üblich, daß man Mädchen wie mich dafür bezahlt.«

»Ich konnte nicht wissen…«

Fay nickte. »Eben.«

Sie verließen den Nachtclub. Christopher Gale, ein Albino - weißes Haar und rote Augen -, sah ihnen nach, sagte aber kein Wort. Er schien alles, was Fay machte, gutzuheißen.

Das Apartment war behaglich möbliert. Der nächste Whisky, den Seagrove trank, war gratis. Er fragte sich, wie viele Männer dieses seltsame Mädchen schon hierher mitgenommen hatte.

Es wäre zuviel der Ehre für ihn gewesen, wenn er der erste gewesen wäre. Ob sie ihm in dieser intimen Atmosphäre den tollen Creepy-Trick verriet?

»Möchtest du die Nummer noch einmal sehen, Adam?« fragte sie dunkel.

Da sie ihn geduzt hatte, nahm er sich auch die Freiheit. »Du würdest die ganze Show noch einmal zeigen? Nur mir?«

»Sie hat dir doch gefallen.«

»Und wie.« Er lachte aufgeregt. »Aber ich warne dich. Jetzt bin ich noch näher. Ich könnte deinen Trick durchschauen.«

»Das ist jetzt nicht mehr wichtig.«

»Du meinst, du bist bereit, mir dein Geheimnis anzuvertrauen?«

»Möchtest du das nicht?«

Er hob begeistert die Hand zum Schwur. »Ich verspreche, es für mich zu behalten. Kein Sterbenswörtchen wird davon über meine Lippen kommen.«

»Dessen bin ich mir gewiß«, sagte das Mädchen und begann mit der Show - diesmal ohne Musik, aber die vermißte Adam Seagrove überhaupt nicht.

Als Fay anfing, sich auszuziehen, bekam er Zustände. Sein Puls flatterte, und seine Kopfhaut spannte sich von Sekunde zu Sekunde mehr.

Bald hatte Fay Cannon keinen Faden mehr am sündhaft schönen Leib, und Seagrove war versucht, sich auf sie zu stürzen. Krampfhaft hielt er sich zurück.

Dazu war später noch reichlich Zeit. Zuerst wollte er sehen, wie Fay das Geheimnis für ihn, den Auserwählten, lüftete. Sie sank bereits auf die Knie, und ihre Hände wurden zu Klauen.

Es geschah wie beim Überblenden von Filmaufnahmen. Es gab keine Trickspiegel, keine Spezialbeleuchtung. Es passierte einfach, lief ab, ohne daß Seagrove irgendein Schwindel auffiel.

Fay wurde vor seinen fassungslosen Augen zum Tier.

Zum zweitenmal an diesem Abend.

Unbegreiflich.

Seagrove stand auf, als sich das Mädchen komplett verwandelt hatte. Er erwartete, daß der unheimliche Spuk nun gleich wieder zu Ende sein würde, doch Fay verwandelte sich nicht zurück.

Sie blieb, was aus ihr geworden war!

Aggressiv bleckte sie die langen, spitzen Zähne. Sie zog die Krallen über den Parkettboden. Tiefe Furchen entstanden in dem harten, versiegelten Holz.

Ein Geräusch entstand dabei, das dem Mann durch Mark und Bein ging. Seagrove schluckte trocken. »Laß es gut sein, Fay. Ich finde, es reicht. Ich komm’ nicht dahinter, wie du das machst. Entweder verrätst du es mir nun, oder ich werde es nie wissen.«

Das Ungeheuer starrte ihn mit seinen großen, leuchtenden Augen so intensiv an, daß er unwillkürlich zurückwich.

»Fay, verstehst du, was ich sage?« fragte er mit belegter Stimme.

Sie kroch auf ihn zu.

»Fay, es reicht.«

Sie kam noch näher.

»Hör mal, Fay, ich… Was hast du vor? Soll ich Angst vor dir kriegen? Ich muß gestehen, daß ich mich bereits unbehaglich fühle, Fay!«

Sie erreichte ihn, beschnupperte ihn, leckte über seinen Handrücken.

»Meine Güte, so laß das doch!« sagte er aufgewühlt »Es… es interessiert mich nicht mehr, wie du dieses Kunststück fertigbringst, Fay. Du machst es großartig, undurchschaubar. Lassen wir es dabei bewenden, okay?«

Sein Handrücken brannte auf einmal, und als er darauf blickte, sah er, daß die Haut stark gerötet war und Hunderte von Bläschen bildete.

Der Speichel dieses Ungeheuers wirkte wie Nesselgift!

»Fay!« stieß der Mann entsetzt hervor. »Meine Hand… Sie schmerzt… Fay, was hast du getan?«

Sie versuchte ihn zu packen. Er sprang zurück, stieß mit dem Rücken gegen die Wand und hörte das häßliche Ratschen von zerreißendem Stoff.

Gleichzeitig spürte er ihre Krallen. Er brüllte auf, als er begriff, daß sie ihn verletzt hatte, und erst in diesem Augenblick wurde ihm klar, daß Fay Cannon tatsächlich ein Ungeheuer war.

Er stieß sich von der Wand ab und schlug mit den Fäusten auf das Scheusal ein. Er stieß das Tier mit dem Fuß zur Seite und wollte das Apartment fluchtartig verlassen, aber das ließ das Höllenwesen nicht zu. Es wirbelte herum.

Der Echsenschwanz peitschte gegen Seagroves Rücken und brachte den Mann zu Fall. Seagrove schrie um Hilfe. Er kroch auf allen vieren über den Boden, erreichte einen Sessel, stemmte sich daran hoch und stieß ihn dem Ungeheuer entgegen.

Wieder setzte die Echse den Zackenschwanz ein. Diesmal duckte sich Seagrove, so daß ihn das Biest verfehlte. Er stürmte in die Diele und verwechselte die Türen.

Dadurch gelangte er in die Toilette. Eine Umkehr war nicht möglich. Seagrove warf die Tür zu und schloß ab.

Er hatte Schmerzen, brauchte einen Arzt. An der Wand hing ein Medikamentenschrank. Er riß ihn auf.

Er durchstöberte den Schrank. Pillen, Salben, Tiegel und Tuben fielen auf den Boden. Er hatte gehofft, eine Einwegspritze gegen die Schmerzen zu finden, aber nichts von dem, was sich im Medikamentenschrank befand, hätte ihm geholfen.

Die Bestie kratzte über die Tür. Seagrove wirbelte wie von einer Natter gebissen herum. »Geh weg!« schrie er verstört.

Dumpfe, harte Schläge trafen die Tür. Seagrove blickte sich gehetzt um. Das Fenster war zu schmal, da kam er nicht raus, und eine andere Fluchtmöglichkeit gab es nicht.

Er wankte zurück, fiel auf den Klosettdeckel, während die Schläge immer kräftiger wurden. Die Tür bebte, bekam Risse, und schließlich brachen die Angeln.

Als die Tür auf den Fliesenboden krachte, wußte Adam Seagrove, daß er verloren war…

***


Der Wind, der über den verwilderten Gottesacker strich, war empfindlich kalt. Dennoch trug Mortimer Kull keinen Mantel, sondern einen maßgeschneiderten schwarzen Anzug und einen schwarzen Rollkragenpullover.

»Soll ich warten, Professor?« fragte der Fahrer.

»Du kannst umkehren. Ich brauche dich nicht mehr«, antwortete Kull.

Der Chauffeur setzte sich in den großen schwarzen Wagen, wendete und fuhr in die Richtung zurück, aus der sie soeben gekommen waren.

Nun war Mortimer Kull allein, aber er fürchtete sich nicht. Angst war ein Gefühl, das er nicht kannte. Andere hatten ihn zu fürchten, nicht umgekehrt.

Auch vor Rufus, dem Dämon mit den vielen Gesichtern, hatte der dämonische Wissenschaftler keine Angst. Er wollte Rufus zu seinem persönlichen Trumpf machen und im richtigen Moment ausspielen.

Entschlossen setzte sich Mortimer Kull in Bewegung. Er ging auf das rostzerfressene Friedhofstor zu, das sich schon lange nicht mehr schließen ließ, und betrat den unheimlichen Totenacker.

Zerbrochene Grabsteine mit verwitterten Inschriften lagen auf dem unkrautbewachsenen Boden. Die meisten Gräber waren tief eingesunken. Eine schwere Erdlast lag auf den Toten.

Kull blieb in der Mitte des Friedhofs stehen und ließ den Blick wieder schweifen. Dicke, alte, blattlose Bäume ragten ringsherum auf.

Zu dieser Zeit war die Natur tot. So tot - beinahe - wie jene, die man hier vor langer Zeit beerdigt hatte. Ob Rufus bereits eingetroffen war?

Das Rascheln von welkem Laub veranlaßte Mortimer Kull, den Kopf zu drehen. Zwischen zwei dunklen Baumstämmen stand ein gedrungener, buckliger Mann.

Sein Gesicht war bleich, die wulstigen Lippen glänzten feucht. Er schleppte sich mit schweren Schritten an den Gräbern vorbei und blieb vor Kull stehen.

Breit grinsend blickte er zu Kull hoch.

»Rufus!« sagte der dämonische Wissenschaftler. »Du bist pünktlich.«

»Ich weiß, daß du nicht gern war, test.«

»Hast du Neuigkeiten für mich?« Der Dämon mit den vielen Gesichtern schüttelte den Kopf. Er richtete sich kerzengerade auf. Der Buckel hinderte ihn nicht daran. Gleichzeitig fing er an, sich zu verwandeln.

Aus seiner Kleidung wurde eine bodenlange schwarze Kutte mit hochgeschlagener Kapuze. Der gedrungene Körper löste sich auf. Übrig blieb ein bleiches Skelett, dessen grinsende Knochenfratze dem dämonischen Wissenschaftler erwartungsvoll zugewandt war.

»Du weiß, welchen Weg wir einschlagen«, sagte Mortimer Kull.

»Es geht geradewegs in die Hölle.«

»Bist du bereit?«

Rufus nickte.

***


Man fischte Adam Seagroves Leiche anderntags aus der Themse.

»Sieht entsetzlich aus«, sagte Inspektor John March zu seinem Sergeant.

Der junge Mann konnte solche Anblicke noch nicht vertragen. Sein Magen drohte zu revoltieren, und er war unnatürlich grün im Gesicht. Er hätte schon längst veranlaßt, daß man die Leiche zudeckte, wenn sie dem Polizeiarzt nicht noch zur Verfügung hätte stehen müssen.

March musterte den Sergeant besorgt. »Stehen Sie’s durch?«

»Es… es geht schon, Sir.«

»Sie sehen nicht sehr beruhigend aus, mein Lieber.«

»Ich bin erst seit einem Jahr bei der Mordkommssion, Sir.«

»Ich mach' das schon seit 25 Jahren«, sagte der Inspektor, »aber es geht mir immer noch an die Nieren. Glauben Sie mir, daran gewöhnt man sich nie.«

»Ihnen sieht man es wenigstens nicht an.«

»Ja, das habe ich im Laufe der Zeit gelernt: Haltung bewahren, egal, wie schlimm es auch kommt«, sagte John March.

Der Polizeiarzt hatte endlich genug gesehen. Er erhob sich, und der Sergeant nickte sofort einem Uniformierten zu. »Sie können den Toten zudecken«, krächzte er.

Als die Leiche unter einer dicken Kunststoffplane verschwand, fühlte sich der Sergeant gleich um einiges besser. Ein Motorboot fuhr die Themse aufwärts.

Der Sergeant blickte ihm kurz nach. Als der Polizeiarzt zu ihnen trat, konzentrierte sich der Sergeant auf ihn.

»Schiffsschraube, wie?« fragte Inspektor March.

Der Arzt zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch an March vorbei.

»Das dachte ich zunächst auch, aber dann…« Der Polizeiarzt schüttelte langsam den Kopf. »Nein, Inspektor, eine Schiffsschraube war das nicht.« March sah den Doktor überrascht an. »Sondern?«

»Ich bin mir darüber noch nicht im klaren.«

»Ein geisteskranker Killer?« Wieder schüttelte der Doktor den Kopf. »Wie Sie wissen, habe ich eine Zeitlang in Afrika gelebt.«

John March wußte nicht, worauf der Arzt hinauswollte. »Ja. Und?«

»Dort sah ich Menschen, die von Krokodilen und Löwen verletzt worden waren…«

»Glücklicherweise gibt es diese lieben Tierchen hier bei uns nur im Zoo«, sagte der Inspektor.

Der Polizeiarzt sah ihm ernst in die Augen. »Genau solche Verletzungen weist der Tote auf.«

»Doc, Sie wollen doch nicht allen Ernstes behaupten…«

»Die Bisse… Die Krallenwunden… Wenn ich nicht wüßte, daß es unmöglich ist, würde ich sagen, daß dieser Mann einem wilden Tier zum Opfer fiel.«

***


»Cruv«, sagte ich zu dem Gnom von der Prä-Welt Coor, als er die Tür öffnete, und zwang mich zu einem freundlichen Lächeln, nach dem mir nicht war.

Okay, ein Leben ohne Probleme konnte ich mir schon nicht mehr vorstellen, aber was in letzter Zeit auf uns zugekommen war, setzte dem Ganzen die Krone auf.

Neben den vielen anderen Schwierigkeiten, die uns laufend beschäftigten, war Rufus, der Dämon mit den vielen Gesichtern, wieder aufgetaucht, und unser Freund Mr. Silver wurde von einem bösen Geist beherrscht, den Phorkys, der Vater der Ungeheuer, auf Loxagons Wunsch geschaffen hatte. [1]

Plötzlich war Mr. Silver nicht mehr unser Freund, sondern unser gefährlichster Feind. Er hatte sich bei meiner Freundin Vicky Bonney gemeldet, hatte sie angerufen und um ein Treffen gebeten.

Nichtsahnend hatte sie zugesagt, doch ich hatte ihr die Augen über ihn geöffnet und ihr eingeschärft, auf gar keinen Fall hinzugehen.

Mich sollte der Hüne an ihrer Stelle treffen. Aber bis dahin war noch Zeit.

»Hallo, Tony«, sagte der Knirps. »Mr. Peckinpah erwartet dich.«

Ich war hier, weil der Industrielle mich angerufen und zu sich gebeten hatte. Cruv führte mich in Tucker Peckinpahs Arbeitszimmer, das der reiche Mann immer mehr zu einer kleinen Kommandozentrale umbauen ließ.

Hinter der holzgetäfelten Wand befanden sich zahlreiche Bildschirme, die ihm auf Wunsch zeigten, wie es um seine diversen Unternehmen bestellt war.

Über komplizierte Direktleitungen konnte er sich jederzeit mit all diesen »Außenstellen« in Verbindung setzen. Hinzu kamen Computer der neuesten Generation, die nicht nur Zahlen, Fakten und Daten speicherten, die mit Peckinpahs Geschäften zusammenhingen, sondern der Industrielle speicherte in vermehrtem Maße auch alle Ereignisse mit mysteriösem Background, weil dahinter sehr häufig schwarze Kräfte steckten, die zu bekämpfen er sich geschworen hatte.

Er paffte an seiner dicken Zigarre. Die Luft in seinem Arbeitszimmer war zum Schneiden dick. Ich, der Nichtraucher, war gezwungen, hier passiv mitzurauchen.

Ich verzieh es dem Industriellen, denn dieses Laster war der einzige Fehler, den er hatte.

»Tony«, sagte er, stand auf und streckte mir über den großformatigen Schreibtisch hinweg die Hand entgegen.

Ich schlug ein. »Partner.«

»Wie geht es Ihnen?«

»Bescheiden«, gab ich zurück.

»Wegen Mr. Silver«, sagte Tucker Peckinpah. »Ja, das hat uns alle schwer getroffen.«

Wir zerbrachen uns alle den Kopf, wie wir rückgängig machen konnten, was Loxagon so clever eingefädelt hatte, aber würde es uns gelingen, Mr, Silver auf die Seite des Guten zurückzuholen?

Er hatte sich gegen seinen Sohn Metal und gegen seine Freundin Roxane gewandt. Das Böse beherrschte und lenkte ihn. Vielleicht schafften wir es, ihn zu töten - aber ihn umzudrehen…

»Setzen Sie sich, Tony«, sagte der Industrielle und wies auf den Stuhl, der vor seinem Schreibtisch stand.

Cruv verließ den Raum nicht. Er blieb bei uns, dieser kleine Kerl, für den unsere Welt zur neuen Heimat geworden war. Er hatte sich hier gut eingelebt, hatte keine Anpassungsschwierigkeiten gehabt.

Heute gehörte er zum Team. Er war Tucker Peckinpahs Leibwächter. Wer ihn auf Grund seiner geringen Größe unterschätzte, beging einen schweren Fehler.

Cruv konnte sehr beherzt kämpfen, das hatte er schon mehrfach bewiesen. Er setzte sich ebenfalls, aber ich sah ihm an, daß er nicht die Absicht hatte, sich an der bevorstehenden Unterhaltung zu beteiligen.

Da Tucker Peckinpah keine Geheimnisse vor ihm hatte, durfte er bleiben, und mir war Cruvs Anwesenheit auch nicht unangenehm. Schließlich waren wir gute Freunde.

»Kann ich Ihnen irgend etwas anbieten?« fragte der Industrielle.

Ich schüttelte den Kopf und holte lächelnd meine Lakritzenbonbons aus der Tasche. »Selbstversorger«, sagte ich und bediente mich.

»Daß Sie immerzu dieses Zeug lutschen müssen.«

»Daß Sie immerzu dieses Kraut rauchen müssen«, gab ich zurück.

Tucker Peckinpah warf einen Blick auf seine Zigarre. Sie war gewissermaßen sein Markenzeichen. Er ohne Zigarre war dasselbe wie die Freiheitsstatue ohne Fackel.

Er ging auf meine Erwiderung nicht ein, sondern sagte: »Heute morgen hat man die Leiche eines Geschäftsmannes aus der Themse gefischt. Der Name des Toten ist Adam Seagrove.«

Ich fragte mich schon lange nicht mehr, woher der Industrielle an solche Informationen kam, die keinem anderen zugänglich waren, sofern er nicht bei der Polizei war.

Peckinpah war sogar in der Lage, mir Fotos von dem Toten auf einem der Bildschirme zu zeigen. Mein Magen wurde zu einem Klumpen, als ich die Verletzungen sah. »Der Polizeiarzt sprach von einer Bestie, der Seagrove zum Opfer gefallen sein muß«, sagte der Industrielle.

»Wenn Sie der Meinung sind, ich sollte mich dieses Falles annehmen, gebe ich Ihnen prinzipiell recht, Partner«, sagte ich. »Dennoch muß ich Sie im gleichen Atemzug enttäuschen. Sie wissen, was ich zur Zeit am Hals habe. Ich kann mich nicht auch noch darum kümmern. Mr. Silver ist für uns alle eine große Gefahr, deshalb muß ich dieser Sache größte Priorität einräumen.«

Tucker Peckinpah bat mich, ihn weiter anzuhören, doch ich war fest entschlossen, mich von ihm nicht umstimmen zu lassen. Nichts war mir wichtiger als Mr. Silver.

»Mr. Silver hat Vicky Bonney um ein Treffen gebeten…« sagte der Industrielle.

»Zu dem nicht sie, sondern ich gehen werde«, unterbrach ich ihn. »Und ich gehe bestimmt nicht wehrlos.«

Peckinpah konnte es nicht sehen, aber ich war in Begleitung. Ich trug einen »Freund« auf dem Rücken: Shavenaar, das Höllenschwert, Ich hatte ihm befohlen, sich unsichtbar zu machen, und es hatte mir gehorcht.

Mit Shavenaar, dieser lebenden Waffe, konnte ich mich einigermaßen sicher fühlen, wenn ich Mr. Silver gegenübertrat. Das Höllenschwert würde mich beschützen.

Es war allerdings auch riskant, damit zu Mr. Silver zu gehen, denn er war jetzt ein schwarzer Kämpfer. Das bedeutete, daß ich wahnsinnig aufpassen mußte, denn wenn sich Shavenaar selbständig machte, schlug es den Hünen in Stücke.

Ich mußte das Höllenschwert die ganze Zeit unter Kontrolle halten. Die kleinste Unachtsamkeit genügte, und Shavenaar machte, was es wollte.

Das hätte für Mr. Silver verheerende Folgen gehabt!

Adam Seagrove war möglicherweise von einem Monster umgebracht worden. Tucker Peckinpah versuchte mir nun weiszumachen, das es nicht zwei Fälle gab, sondern nur einen.

Ich sah ihn verwundert an. »Ich fürchte, ich verstehe Sie nicht, Partner. Was hat Mr. Silver mit Adam Seagroves Schicksal zu tun?« Mir war plötzlich, als ginge mir ein Licht auf.

Meine Augen weiteten sich. »Moment mal, Sie glauben doch nicht etwa, daß Mr. Silver diesen Mann… Sie haben von mir erfahren, daß der Hüne lange Teufelskrallen und ein kräftiges Gebiß hat, wenn der Geist, der ihn beherrscht, sichtbar wird, aber das heißt doch noch lange nicht, daß er etwas mit Seagroves Tod zu tun hat.«

»Sie haben recht, Tony«, gab Tucker Peckinpah zu. »Das wäre an den Haaren herbeigezogen, aber Sie wissen noch nicht alles. Es gibt da nämlich einen Nachtclub nahe der Themse, den Adam Seagrove gestern aufgesucht hat. Eine Künstlerin tritt dort auf; ihre Show soll eine wahre Sensation sein: Sie verwandelt sich, nachdem sie sich völlig entkleidet hat, Nacht für Nacht in ein grauenerregendes Ungeheuer.«

»Und dieses hat gestern Adam Seagrove…« Ich nickte. »Das glaube ich schon eher.«

»Ich bin sicher, Sie werden wie eine Rakete hochgehen, wenn ich Ihnen den Namen des Nachtlokals nennen«, sagte Tucker Peckinpah.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738925760
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v456268
Schlagworte
monster sensationen tony ballard

Autor

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Titel: ​Mädchen, Monster, Sensationen Tony Ballard Nr. 145